Das Leben des Pythagoras

Autor
Cantor, M.
Erschienen in
Mathematische Beitrage zum Kulturleben der Volker
Jahr
1863
Thema
PYTHAGORAS
Sprache
Deutsch
Kategorie
C3 Mathematik
Archivnummer
3355

PDF öffnen(öffnet in einem neuen Fenster)

Volltext anzeigen14 Seiten

Seite 1

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
CANTOR M. 63% —~ n — engbegreuzten Raumes der Schreibstube überdrüssig die zusammengekauerte Stellung am Studierpulte verliess und den Wanderstab m die Hand nahm, der freilich im Laufe der Zeiten sich in ein Eisenbabu- Def vol | e BEN Maguir hi Das Leben des Pythagoras. den um auswärts neue Nun -wurden solche Reisen altınälig häufiger und häufiger, des zurickzubringenden Neuen wurde weniger und weniger, und so hal im umgekehrteu Verhältnisse wie die Mittel grossartiger wurden die persönliche Wirksamkeit des einzelnen Reisenden abgenommen. V. verwandelte, und Dampfischilfbillet Scenerien, neues Wissen zu suchen. - bisherigen Kapiteln wurde gezeigt, dass bei den Pythagoras von Samos war, wenn auch weht der Erste, der solche Studienreisen unternahm, doch einer der Prühsten, und jedenfalls delinte er sie weiter aus, Vólals irgend cin Anderer vor il. teh will versuchen, ein Lebensdes grauesten Allerthums Spuren von Kunst und Wisbild dieses unerschrockenen durch Wisseusdurst wie durch Aufseuschall sich deutlich zeigen. die man als viel jüngeren Ursprungs vplerungolahigkeil nicht minder “als durch Talente ausgezeichneten anzunelimen kerschalen als durchaus nicht gen, dass andererseits manche Erfindungen Mannes zu geben, indem ich dabei besonders den Untersuchungen so einheitlich und plötzlich entstanden sich ceivon Röth much, ansehliesse, gewohnt wie man noch war, heute glaubt. Namentlich die Mathematik, in ihrer theoretischen Gestalt nicht winder als in ihren Anwendungen, dritt an den verschiedensten Orten aul, so dass die Frage unlösbar erscheint, gen sicherer wird wohl werden können, Der Vater Muesarchos staunnie zwar von dur Insel Lenines, halte aber von deu Samiero, weil er sie in einer Hungersnoth mit Getreie versorgte, dus Hirgerrecht erhalten, und führte bald dort der vielen dieser Stätten ältester Kultur Jahre em der Kunsthetriebpamkeit gewälmeten Leben, bald néthigten ihn win es hier im Ganzen mit von einander unabhängigleichzeitigen Krfindungen haben. dass ob Um so Heimath 12%) des Pythagoras war, wie gesagt, die Insel Samos, wo seine Eltern als angesehene Leute zu der Zeit lebten, da der ältere Polykrates die Herrschaft eben an sich gerissen hatte. ein Maun, an oder mit Vehertragungen dann behauptet zu thin der ausgesprochenen Absicht dort seine kaulinannischen Geschäfte zu Reisen nach allen damals bekannweilte, sich die Kenntnisse dort zu erwerben, die dort erlangt werden konnten, dass ein solcher Maun auch seinen Zweck habe erten Häfen, wober seine Frau Pythais ihm stete Gelährlin war, ganz reichen wissen, mien zu verbreiten im Stande ist, Männer, welche die gelslige Co- Auf einer dieser Reisen im Jahre DO. Gh. Geb: ward Pythagoras in Tyres geboren, und ant anderen Reisen nach den südlichen Italien wird der zarte Rnabe als Begleiter seines Vaters erwähnt. So wurde schon das jugendliche Gemüth int Wanderseenen genährt, ein frühes Vorbild seines ganzen Lebens. Was Wander, dass Pythagoras kann der Kinersehule entwachsen in seinem 13, Jahre den Entsehluns lasste, ich auswärts jene hähere Bildung anzueignen, die ihm vor Allem am Herzen lag. Die Ausführung des Entschlusses war nicht ganz leicht, Gewaltherrseler sind inner misstrauisch. So suchte man auch damals die Kntfernung junger Männer aus bedeutenden Familien zu verhindern, hunter welcher man allerlei Ver-. pula von ganzen Ländern und schwörungsgelüste witterte, und nur in nächtlicher Flucht konnte lang weilte, und zum Theil iit Es ist kein blosser Zufall, wenn in seinen Lehren Spuren dessen vorkommen, was er anderswo sah, es ist viehnehr Absicht, theil, ren, Nothwendigkeit; und unerklärlich sehiene es im Gegenwenn die Erfahrungen nur durch ihn biudurchgegangen wiwei der Strom von neuen Ideen, der die ungewohnte Seele überschwenmmte, sieh entlernt hätte, ohne einen wohlthätigen Niederschlag zurückgelässen zu haben. Solcher Männer aber, tur da und dort Schule bildend verbreiteten, mit umgekehrter en gegeben. Erfolge, | welche die in sich aufgenommene Kulwie ähnlich, wenn auch ein einziger Baumwollbällen LpideVölkern bilden, hat es zu allen Zei- Es kam immer vor, dass Einer oder der Andere des nach der Were aueh der heutigen griechischen Inselbewohner. Pythagoras 554 sich von Samos nach Lesbos begeben, wo bei

Seite 2

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
V. Das Leben des Pythagoras. In den bisherigen Kapiteln wurde gezeigt, dass bei den Völkerschaften des grauesten Alterthums Spuren von Kunst und Wissenschaft sich deutlich zeigen, die man als viel jüngeren Ursprungs anzunehmen gewohnt war, dass andererseits manche Erfindungen als durchaus nicht so einheitlich und plötzlich entstanden sich zeigen, wie man noch heute glaubt. Namentlich die Mathematik, in ihrer theoretischen Gestalt nicht minder als in ihren Anwendungen, tritt an den verschiedensten Orten auf, so dass die Frage unlösbar erscheint, ob wir es hier im Ganzen mit von einander unabhängi- 1 gen gleichzeitigen Erfindungen oder mit Uebertragungen zu thun : haben. Um so sicherer wird wohl dann behauptet werden können, dass ein Mann, der an vielen dieser Stätten ältester Kultur Jahre _ lang weilte, und zum Theil mit der ausgesprochenen : Absicht dort weilte, sich die Kenntnisse dort zu erwerben, die dort erlangt werder konnten, : dass ein solcher Mann auch seinen Zweck habe erreichen müssen. Es ist kein blosser Zufall, wenn in seinen Lehren Spuren dessen vorkommen, was er anderswo sah, es ist vielmehr Absicht, Nothwendigkeit; und unerklärlich schiene es im Gegentheil, wenn die Erfahrungen nur durch ihn hindurchgegangen wären, wenn der Strom von neuen Ideen, der die ungewohnte Seele fiberschwemmte, sich entfernt hätte, ohne einen wohlthätigen Niederschlag zurückgelassen zu haben. Solcher Männer aber, welche die in sich aufgenommene Kultur da und dort Schule bildend verbreiteten, ähnlich, wenn auch mit umgekehrtem Erfolge, wie ein einziger Baumwollballen Epidemien zu verbreiten im Stande ist, Männer, welche die geistige Copula von ganzen Ländern und Völkern bilden, hat es zu allen Zeien gegeben. Es kam immer vor, dass Einer oder der Andere des

Seite 3

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
engbegrenzten Raumes der Schreibstube überdrüssig die zusammengekauerte Stellung am Studierpulte verliess und den Wanderstab in die Hand nahm, der freilich im Laufe der Zeiten sich in ein Eisenbahn- und Dampfschiffbillet verwandelte, um auswärts neue Scenerien, neues Wissen zu suchen. Nun wurden solche Reisen allmälig häufiger und häufiger, des zurückzubringenden Neuen wurde weniger und weniger, und so hat im umgekehrten Verhältnisse wie die Mittel grossartiger wurden die persönliche Wirksamkeit des einzelnen Reisenden abgenommen. Pythagoras von Samos war, wenn auch nicht der Erste, der solche Studienreisen unternahm, doch einer der Frühsten, und jedenfalls dehnte er sie weiter aus, als irgend ein Anderer vor ihm. Ich will versuchen, ein Lebensbild dieses unerschrockenen durch Wissensdurst. wie durch Aufopferungsfähigkeit nicht minder als durch Talente ausgezeichneten Mannes zu geben, indem ich dabei besonders den Untersuchungen von Röth mich anschliesse. Heimath 129) des Pythagoras war, wie gesagt, die Insel Samos, wo seine Eltern als angesehene Leute zu der Zeit lebten, da der ältere Polykrates die Herrschaft eben an sich gerissen hatte. Der Vater Mnesarchos stammte zwar von der Insel Lemnos, hatte aber von den Samiern, weil er sie in einer Hungersnoth mit Getreide versorgte, das Bürgerrecht erhalten, und führte bald dort ein der Kunstbetriebsamkeit gewidmetes Leben, bald nöthigten ihn seine kaufmännischen Geschäfte zu Reisen nach allen damals bekannten Häfen, wobei seine Frau Pythais ihm stete Gefährtin war, ganz nach der Weise auch der heutigen griechischen Inselbewohner. Auf einer dieser Reisen im Jahre 569 v. Ch. Geb. ward Pythagoras m Tyrus geboren, und auf anderen Reisen nach dem südlichen Italien wird der zarte Knabe als Begleiter seines Vaters erwähnt. $o wurde schon das jugendliche Gemüth mit Wanderscenen genährt, ein frühes Vorbild seines ganzen Lebens. Was Wunder, dass Pythagoras kaum der Kinerschule entwachsen in seinem 18. Jahre den Entschluss fasste, sich auswärts jene höhere Bildung anzueignen, die ihm vor Allem am Herzen lag. Die Ausführung des Entschlusses war nicht ganz leicht. Gewaltherrscher sind immer misstrauisch. . So suchte man auch damals die Entfernung junger Manner aus bedeutenden Familien zu verhindern, hinter welcher man allerlei Verschwörungsgelüste witterte, und nur’ in nächtlicher Flucht konnte Pythagoras 551 sich von Samos nach Lesbos begeben, wo bei desk as ont

Seite 4

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
einem Oheime Zoilos ihm gastliche Aufnahme sicher war. Zudem fand er dort Pherekydes, den jüngsten aber nicht wenigst bedeutenden Lehrer der damaligen Zeit, welcher mit den beiden Milesiern Anaximander und Thales sich in den Ruhm der Weltweisheit theilte. Und doch war Pherekydes, so viel aus seinen Schriften der Nachwelt überkommen ist, kein origineller Denker. Er war nur Dolmetscher egyptischer Wissenschaft, welche er an Ort und Stelle aufgenommen hatte, ähnlich wie vor ihm schon der geistig viel höher stehende Thales. Die Frage, wie es kam, dass damals ziemlich plötzlich eine Reihe griechischer Gelehrten wissenschaftliche Reisen nach Egypten machten, beantwortet sich aus den politischen Verhältnissen dieses Landes, Psammetich hatte nämlich nur mit dem Beistande jonischer Hülfsvölker die Dodekarchen besiegt und seine Herrschaft befestigt. Zum Danke dafür gewährte er den friheren Bundesgenossen mannigfache Vortheile, ja er räumte ihnen seit 630 sogar feste Plätze in Egypten ein, wodurch das ehedem dem Fremden „bittere“ Land für den Verkehr aufgeschlossen war, der gar bald ein wissenschaftlicher wurde, sobald nur Einer der des Handels wegen Uebergesiedelten den Drang in sich fühlte, mit der ihm dort begegnenden höheren Kulturstufe näher bekannt zu werden. Den unmittelbaren Unterricht des Pherekydes genoss Pythagoras zwei Jahre, innerhalb welcher er besonders dessen religiösen Ideenkreis in sich aufnahm, und dann wandte er sich 549 weiter nach Milet zu Anaximander und Thales. Schon dass dieser damals bereits 90jährige Greis des Jünglings Annäherung in vertraulicher Weise zuliess, beweist, wie sehr bereits Pythagoras den künftigen grossen Mann verrieth, beweist auf welch günstigen Boden der Same exacter Wissenschaft fiel, so weit ihn Anaximander und selbst Thales ihm anvertrauen konnten. Es waren die Anfangsgründe einer kosmischen Physik, wobei Thales 3°) die Erde als eine Kugel dachte, schwimmend in einer Wassermasse, welche durch den ausgeübten Druck zwischen dem Rande des Erdkreises und dem Himmelsgewölbe als Meer emporgeschwellt wurde, während Anaximander 31) bei Ausbildung dieser Lehre wieder einigermassen zu der altgriechischen Ansicht zurückging, welcher die Erde als Scheibe galt. Bei ihm ist hämlich die Erde wieder eine kurze Walze, deren obere Schnittfliche den bewohnten Theil bildet.

Seite 5

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
Hingegen erhob er sich zu dem Gedanken, die Erde freischwebend in der Mitte der Weltkugel ruhen zu lassen, weil kein Grund vorhanden sei, warum ein Körper, der in der Mitte einer hohlen Kugel sich befinde, nach irgend einer Seite hin vorzugsweise sich bewegen solle. Es waren dann ferner astronomisclre und mathematische Kenntnisse, welche die Geschichte an die Namen der beiden Gelehrten knüpft. Von Thales wissen wir, dass er das Sonnenjahr aus Egypten mitbrachte, dass er Sonnen- und Mondfinsternisse vorausbestimmte, dass er die Höhe einer Pyramide aus der Lange ihres Schattens finden lehrte, endlich dass er geometrische Sätze von theoretisch ungemeiner Tragweite einführte, wie z.B. den vom rechten Winkel im Halbkreise und den von den Winkeln an der Basis des gleichsehenkligen Dreiecks, welcher Röth in seiner sonst so sorgfältigen Aufzählung entgangen zu sein scheint. Von Anaximander wird berichtet, dass er zuerst eine Himmelskugel zusammensetzte und darauf die zur Bestimmung der Himmelserscheinungen ersonnenen Kreislinien verzeichnete, dass er den Gnomon kannte, der freilich wie wir früher sahen 6) nicht egyptischen sondern babylonischen Ursprunges ist, dass er ihn zur Bestimmung der Sonnenhöhe anwandte, ja dass er ihn sogar schon zur Zeiteintheilung als Sonnenuhr benutzte, dass er als neue Wissenschaft merst Geographie lehrte und auf Erz die ersten Landkarten bildete. Sowie von allgemeinem Interesse noch ist, dass Anaximander der erste Prosaiker war, während vor ihm auch bei den Griechen die Gewohnheit herrschte, welche wir bei den Indern als am lingsten andauernd kennen lernten, ihre wissenschaftlichen Werke inmer in Versen zu schreiben. Thales z.B. fügte sich noch diesem lästigen Gebrauche bei der Abfassung seines Lehrgedichtes über die Sonnenwende und die Tag- und Nachtgleiche. Astronomischphysikalischen Inhaltes waren also die neuen Lehrgegenstände, welche Pythagoras in Milet sich aneignen konnte und folglich auch antignete, wozu noch weitere eigentlich philosophische und theologische Spekulationen kamen, zu welchen Pherekydes, wie oben bemerkt wurde, ihn schon hinlänglich vorbereitet hatte. Thales wies nun den strebsamen jungen Geist weiter nach Egypten und sehnsuchtsvoll ward dieser Rath in Ausführung gebracht. Die phönikische Priesterschule zu Sidon sollte als Uebergang dienen 1??) und dorthin wandte sich Pythagoras 548. Ein ganzes Jahr brachte er damit zu, sich die Bekanntschaft mit den dortigen Weihediensten

Seite 6

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
zu erwerben, und dann erst betrat er 547 gehörig vorbereitet vielleicht zu Naukratis den egyptischen Boden. 132) Die politischen Verhältnisse dieses Landes waren den Ausländern gegenüber kaum andere geworden, seit Thales gegen Ende der Regierung des: Psammetich denselben Boden betreten hatte. Auf Psammetich waren Necho, der Umschiffer Africas (616—601), Psammis (600—595), Apries (594—570) gefolgt, und in ihrer Regierungszeit erlebte die egyptische Bildung ihren glanzendsten Aufschwung, während die äussere Macht seit Necho’s Niederlage gegen Nebucadnezar gebrochen sich nicht wieder aufrichtete. Zuletzt veranlasste ein ungliicklicher Krieg des Apries gegen Kyrene eine Empörung, die ihn das Leben kostete und Amasis aus plebeischem Stande entsprossen auf den Thron setzte. Damit war wieder für den Emporkömmling die Nothwendigkeit gegeben, seine unrechtmässige Herrschaft durch fremde Waffen und Bündnisse zu schützen. So zog er jonische Miethstruppen bis in seine Hauptstadt Memphis, so einigte er sich mit Kyrene in einem durch eine Heirath besiegelten Frieden, so schloss er Gastfreundschaft mit Polykrates von Samos. Es kam daher für Pythagoras Alles darauf an, den Regenten seines Heimathlandes zu versöhnen, und es scheint auch, dass der Name des erst 22jährigen Jünglings seit seinem Aufenthalte in Milet und Sidon bereits ein so weithin genannter geworden war, dass die politischen Skrupel wegen seiner früheren Flucht der wissenschaftlichen Berühmtheit weichen mussten. Polykrates empfahl in eigen‚händigem Schreiben den jungen Gelehrten an den König Amasis, aber selbst mit dieser so wirksamen Unterstützung kostete es noch Kämpfe genug bis Pythagoras seinen Zweck erreichte, unter die Schüler der eigentlichen Priesterweisheit aufgenommen zu werden. Denn es war ihm nicht genug, wie seinen Lehrern Pherekydes und Thales, nur das zu erlernen, was ihm Umgang und gelegentliche Mittheilung der Priester von egyptischer Bildung zugängich machen konnte. Das wusste er ja schon zum grossen Theile. Er wollte vielmehr als Ausländer, als Unreiner in die innersten, tiefsten Geheimnisse der Priesterwissenschaft eindringen, also den Widerstand einer Kaste besiegen, welche zu allen Zeiten die hartnäckigste Vertheidigerin ihrer Vorrechte war, welche sogar vor deın geborenen Egypter ihre Heiligthümer verschlossen hielt, wenn er nicht zu ihrem Stamme gehörte. Dazu mussten die mächigsten Hebel in Bewegung gesetzt werden, es musste der König

Seite 7

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
Amasis selbst den Fremdling bei der Priesterschaft einführen. Dieses geschah in dem Tempelcollegium zu Heliopolis. Direct abweisen wollte man den vom Könige Empfohlenen natürlich nicht, man versteckte sich vielmehr hinter dem damals schon bekannten Deckmantel mangelnder Competenz und verwies den Bittenden an das ältere Collegium in Memphis. Dort ward dasselbe Spiel aufgeführt, und Pythagoras musste wieder weiter ziehen nach Theben, wo das älteste Priestercollegium seinen Sitz hatte. Eine weitere Verweisung war jetzt nicht möglich, wenn gleich der Wille dazu nicht gefehlt haben mag, und so liess man sich hier durch die Rücksicht auf den König bestimmen, die bedingungsweise Aufnahme zu gestatten. Aber freilich, welche Bedingungen wurden dem wissbegierigen Jünglinge gestellt! Solche, die jeden Anderen zurückgeschreckt hätten, wie es auch wohl beabsichtigt war. Waschungen, Scheeren des ganzen Körpers, Fasten, vor Allem eine Operation, welche bei fast allen orientalischen Völkern in Gebrauch ebenso schmerzhaft ist, als sie hellenischer Sitte und Denkweise gradezu als unanständig galt. 124) Und trotzdem unterwarf sich Pythagoras allen Bedingungen. Seine muthige Beharrlichkeit trug den Sieg über absperrende Engherzigkeit davon, sein eigentlicher Unterricht begann unter dem Oberpropheten Sonchis. Es scheint, als ob sein kräftiger Geist die Schwierigkeiten bald bewältigte, so dass die Priesterkaste ihn ebenso schätzen lernte, wie sie vorher sich seiner zu erwehren gesucht hatte. Sein Aufenthalt in Egypten verlängerte sich unter diesen Erfolgen von -Jahr zu Jahr, und möglicherweise wäre sein kolossales Wissen für Europa verloren geblieben, wenn nicht politische Erägnisse eingetreten wären, die in jeder Beziehung für ihn von Bedeutung waren. Während der 21 Jahre nämlich, welche des Amatis Regierung nach unseres Weisen Ankunft noch dauerte, nahm Pythagoras, wie bereits angedeutet wurde, nicht bloss die ganze egyptische Wissenschaft in sich auf, er brachte es auch in dem Tempeldienste selbst zu den höchsten Ehren, und wurde den obersten Priestern zugerechnet. Da starb Amasis 527, sein Sohn Psamminit bestieg den Thron fast nur, um ihn alsbald mit seinem Leben wieder zu verlieren. Denn schon im Jahr 526 fiel Cambyses mit einem Eroberungsheere in Egypten ein, unterjochte das Land, und wandte in grausamer Klugheit seine ganze Wuth gegen die Priester, ven deren einflussreicher Kaste er den nachhaltigsten Widerstand ‘ gewartigte. Fast sämmtliche Mitglieder der Priesterschaft wurden

Seite 8

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
in die entfernteren Gegenden Asiens verpflanzt, unter ihnen Pythagoras, der sich somit plötzlich als Gefangener in Babylon sah. 135) So traurig dieser Wechsel für ihn persönlich war, den aus dem ruhigen Frieden eines beschaulichen Priesterlebens unzart Herausgerissenen, von so unberechenbarem Vortheile war es für die Wissenschaft, dass Pythagoras jetzt fast gezwungen wurde, auch die Kenntnisse sich anzueignen, welche im Besitze der Chaldäer waren. Dass dort genügender Stoff sich vorfand, den es reichlich der Mühe werth war, sich anzueignen, braucht wohl nach dem, was in den früheren Kapiteln auseinandergesetzt wurde, nicht besonders hervorgehoben zu werden. Haben wir doch Babylon bereits als Mittelpunkt eines grossartigen Handelsverkehrs kennen gelernt, haben wir doch gesehen wie Baktrer, Inder und Chinesen dort ihren Markt halten. Damit stimmt überein, was speciell über Pythagoras mitgetheilt wird, er sei dort mit Juden, mit Brahmanen und Kalatiern zusammengetroffen, ja er sei mit Zoroaster dort in persönliche Berührung gekommen. Ich weiss wohl, dass dieser letzte Punkt an vielen Orten den meisten Anstoss erregen wird, indem gründliche Kenner der Zendsprache jeden Gedanken als unvernünftig zurückweisen, der das Leben Zoroasters in so späte Zeit versetzt. Seine Schriften seien in so alterthümlicher Sprache verfasst, dass daran ‚nicht zu denken sei. Ohne weiter auf diese Frage eingehen zu können, möchte ich indessen nur daran erinnern, dass der Reformator des Feuerdienstes sehr wohl seine Lehre in alterthümliches Kostüm verhüllen konnte, um sie desto -wirksamer zu machen, dass er diesem Zwecke zu Liebe ein Vorgänger des Pseude-Ossian unseres Jahrhunderts werden konnte, ohne dass man ihn desshalb gradezu einen Fälscher nennen müsste. Im Uebrigen hängt indessen dieser vereinzelte Umstand viel zu wenig mit unserer Aufgabe zusammen, als dass er nicht allenfalls auch preisgegeben werden könnte, und so will ich nur für die Polemik über Zoroasters Lebenszeit auf Röth verweisen, der eine grosse Reihe von Gründen für diese spätere Epoche zusammengestellt hat.1?%) Ein anderer Zweifel, der hier im Voraus vernichtet werden muss, geht dahin, ob Pythagoras in seiner Stellung als Gefangener überhaupt in der Lage gewesen sei, sich wissenschaftlich zu beschäftigen. Dieser Zweifel könnte nämlich auftauchen, wenn man an jene Wandskulpturen und Backsteinmalereien denkt, welche die Schutthügel

Seite 9

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
von Niniveh und Babylon der staunenden Neuzeit wiedergegeben haben. Man sieht dort unglückliche Kriegsgefangene, welche unter der Peitsche eingeborener Aufseher Steine tragen, Statuen ziehen, Baumaterial aller Art beschaffen müssen, lauter Arbeiten’ wenig geistiger Natur. Allein es erscheint mehr als zweifelhaft, ob auch die gefangenen Priester zu so niedrigen Diensten in einem Lande herabgewürdigt wurden, welches selbst einen Mysteriendienst besass. Bei einem solchen wird der Priesterstand stets ein einflussreicher, in hohem Ansehen stehender sein, was alsdann gemeiniglich auf Priester anderer Religionen bis zu einem gewissen Grade sich ausdehnt. Sie sterben als Märtyrer, oder werden "geachtet. Zudem dauerte die Gefangenschaft des Pythagoras zu lange, als dass nicht ein so hervorragender Geist sich aus jeder Stellung zu erheben vermocht hätte. Genaueres wissen wir allerdings nicht aus der Zeit seines 12jährigen gezwungenen Aufenthaltes, und erst die romanhafte Weise, in. welcher er 513 seine Freiheit wieder erhielt, wird uns näher geschildert. 47) Am Hofe des Darius, welcher nach der auf den Tod des Cambyses folgenden kurzen Zwischenherrschaft des falschen Smerdes seit 521 den persischen Königsthron einnahm, lebte Demokedes, ein aus Kroton gebürtiger Arzt, der, ursprünglich gleichfalls ein Gefangener, sich durch seine Kunst nicht bloss zum Posten eines königlichen Leibarztes emporschwang, sondern auch so tief in das Vertrauen des Darius sich einschlich, dass dieser ihn natürlich gegen das Versprechen der Wiederkehr an die Spitze einer Expedition stellte, welche auf Kundschaft nach Griethenland geschickt wurde. Wortbrüchig lenkte Demokedes die Fahrt gegen die Südküste von Italien, wo er in Tarent an’s Land gog und sich unter den Schutz des dortigen Herrschers stellte. Die Perser mussten führerlos wieder absegeln, litten Schiffbruch, kamen so in Gefangenschaft, und wurden das Eigenthum eines gewissen Gillos von Tarent, der sie an Darius gegen verschiedene Beüngungen zurückschickte, unter welchen auch die Befreiung des Pythagoras eine wesentliche war. Und nun erst sehen wir diesen in einem Alter von 56 Jahren nach der Heimath zurückkehren, wo er gerade noch rechtzeitig ankam, um bei kurzem Aufenthalte auf Delos seinem Lehrer Pherekydes die Augen zuzudrücken. Aber noch wollte er sich die wohlverdiente Ruhe nicht gönnen. Er benutzte vielmehr noch ein halbes Jahr zu einer Rundreise durch Griechenland, dessen ihm lang entfremdeten religiösen und auch

Seite 10

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
wohl wissenschaftlichen und staatlichen Zustände er wieder kennen lernen wollte, bevor er selbst lehrend auftreten mochte. Hier ist der grosse Abschnitt in dem Leben des Pythagoras, von welchem an der Held romantischer Abenteuer verschwindet, und der Philosoph, der Freund der Weisheit, wie er, sich selbst zu nennen, bescheiden und stolz genug war, auftritt. Der Anfang dieser zweiten Periode seines Lebens war trübe genug. Auf Samos, wo er die ersten Versuche seiner Lehrthätigkeit anstellte, missglückten dieselben so sehr, dass er den einzigen Schüler, der ihm nach einigen Vorträgen noch blieb, einen Namensvetter, Pythagoras, Sohn des Eratokles, gar bezahlen musste, um nicht ganz einsam dazustehen. 138) Dieses Dasein, gegen welches die Stellung eines beginnenden Lehrers von Nicht-Fach-Gegenständen an deutschen Universitäten eine beneidenswerthe ist, war ihm unerträglich. Kein Wunder also, wenn er die undankbare Vaterstadt 510 verliess, um in den hochgebildeten Städten von Grossgriechenland eine neue Heimath sich zu gründen. Es war ein glücklicher | Zielpunkt, den er wählte, als er nach Kroton überzog. Fand er doch dort einen Staat, welcher den ersten Schritt über die Tyrannis hinaus schon hinter. sich hatte, in welchem ebensowenig die Gewaltherrschaft eines Einzelnen, als einer unbändigen Ochlokratie den geistigen Aufschwung hemmte, in welchem aber auch Reichthum und Ueppigkeit noch nicht so entsittlichend gewirkt hatten, wie etwa in der Nachbarstadt Sybaris. Fanden sich doch in Kroton schon vorher körperlich kräftig ausgebildete Naturen ebenso wie | ein reges wissenschaftliches Leben. Von dem ersten zeugt der häu- | tige Sieg, welchen Krotoniaten bei den olympischen Spielen: sich : errangen, von dem zweiten die weitberühmte Aerzteschule, welche : um denselben Demokedes sich geschaart hatte, mit dem Pythagoras schon in der Gefangenschaft bekannt geworden war, und der. in so eigenthümlicher Weise zu seiner Befreiung mitgewirkt hatte. Was freilich die Zeit betrifft, in welcher die Uebersiedlung stattfand, so war grade das Jahr 510 jenes Revolutionsjahr, in welchem fast am selben Tage die Flucht des Tarquinius aus Rom, des Hippias aus Athen erzwungen wurde, während Aufstandsversuche in Sybaris gegen den nach früher süditalienischer Gewohnheit auf den Plebs sich stützenden Tyrannen Telys missglückten. Synchronistische Geschichtsbetrachtung, die allein die richtigen Gesichtspunkte aufdeokt, weist also hier die Symptome einer und derselben geistigen Be-

Seite 11

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
wegung näch, welche die ganze damalige italienisch-griechische Kulturwelt durchlief. Auch die Orte, deren staatlich befriedigende Zustände keine Störung der äusseren Ordnung zuliessen, wurden in geistige Aufregung versetzt, welche richtig geleitet nach dem Idealen streben musste, vielleicht auch nach dem ihm so nahe liegenden Mystischreligiösen führte. Jedenfalls war damit gegeben, dass rein Wissenschaftliches kaum Interesse einflössen konnte, und dass Pythagoras, wenn er sich Gehör verschaffen wollte, zunächst in einer der beiden angedeuteten Arten vorgehen musste.Von diesem Gesichtspunkte aus wird sein Benehmen in den ersten Wochen nach seiner Ankunft in Kroton erst verständlich. Er entfernt sich scheinbar von seinem eigentlichen Ziele, der Gründung einer streng wissenschaftlichen Schule, um es um so sicherer zu erreichen. Gleich sein erstes Auftreten ist eine öffentliche Rede an die Jünglinge der Stadt, in welcher er die Pflichten der Jugend so ernst und zugleich so anziehend darzulegen wusste, dass die Väter der Stadt ihn aufforderten, auch vor ihnen zu sprechen. Als er aber in dieser zweiten Rede Gesetzlichkeit und Sittenreinheit als die Grundlagen des Staatslebens wie der Familie hervorhob, als in Folge seiner eindringlichen Ermahnungen der Senat den Beschluss fasste, die schon zur Unsitte gewordene Verbindung mit Nebenweibern aufzulösen, da hatte er eigentlich schon gewonnenes Spiel, und die beiden folgenden Reden an die Knaben und zuletzt an die Frauen dienten nur dazu, seinen Triumph zu erhöhen. Die Rede an die Knaben behandelte so ziemlich dasselbe Thema, welches er den Jünglingen ans Herz gelegt hatte, nur in einer dem kindlichen Alter leichter zugänglichen Form. Die Rede an die Frauen ist am wenigsten genau überliefert „wahrscheinlich, wie Röth sagt, aus unmsammenhängenderen Erinnerungen, wie sie von Frauen zu erwarten sind.“ Doch Kennen wir das schliessliche Resultat derselben, welches darin bestand, dass viele tausende kostbarer Gewänder in den Tempel der Here geschenkt wurden, weil keine Frau mehr wagte sich in einem solchen sehen zu lassen. Schon aus der dürren Aufzählung des Ergebnisses seiner Reden, die allein ich hier zu geben im Stande bin, 139%) begreift man die elektrisch zündende Gewalt, mit welcher er eingerostete Vorurtheile zu zermalmen, frivole Unsitte zu vernichten verstehen musste. So grossartig die plötzliche Sittenreform, so allgemein war die Begeisterung. Jetzt brauchte er nicht mehr mühsam nach Schüleru zu suchen, ein Strom der

Seite 12

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
verschiedenartigsten Hörer ergoss sich zu seinen Vorträgen. Ausser den Jünglingen, welche den ganzen Tag hindurch seinen Lehren horchten, waren es nahe an 600 der bedeutendsten Manner der Stadt, waren es noch Frauen und Madchen, welche seine abendlichen Vorträge erfüllten, und unter den letzteren die geistreiche, junge, blühende Theano, welche sich glücklich pries des 60jährigen Lehrers Gattin zu werden. Es ergab sich aus diesem Zudrange von selbst eine bereits angedeutete Theilung der Schüler in die eigentlichen Lehrlinge, die engere Schule, und die blossen Zuhörer, die weitere Schule. Die ersteren, die Mathematiker, wie sie in der wörtlichen Bedeutung dieses Namens hiessen, waren es also, welchen die strenge Lehre des Pythagoras als wissenschaftliches Ganzes in logisch-systematischer Aufeinanderfolge von der elementarsten Mathematik bis zu den subtilsten Speculationen der Philosophie und Theologie mitgetheilt wurde. Sie lernten zugleich, dass nur ein Wissen des Ganzen zuträglich, ein bruchstückweises Wissen wegen entstehender Missverständnisse oft gefäbrlich, ja verderblich sei, und daher die geheimnissvolle Verschlossenheit der Pythagoriker, wie die spätere Zeit sie nannte, gegen Laien, welche so streng gewahrt blieb, dass die Schriften dieser eigentlichen Schüler des Pythagoras dem Alterthume bis zur Zeit der Ptolemäer unbekannt waren. #0) Von den Mathematikern. wohl zu unterscheiden waren die Akusmatiker, aus welchen später die Pythagoräer hervorgingen. Sie folgten nur den abendlichen populären Vorlesungen, in denen nichts exact Wissenschaftliches zur Sprache kam. Sittenlehre, Moral, Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und der Seelenwanderung in vorsichtigster Auswahl, das war der Hauptinhalt dieser Vorträge, aus denen die Zuhörer so viel mit nach Hause nahmen als sie eben, durch anderweitige Vorkenntnisse theilweise gestört, zu begreifen fähig waren. Die Meisten derselben gehörten nämlich der schon erwähnten Aerzteschule an, und so nur löst sich das Räthsel von dem in jeder anderen Weise unerklärlichen Gemenge der verschiedenartigsten Vorstellungen aus einander entgegenstehenden Ideenkreisen, welches in deren Schriften sich vorfindet. Aber die politische Bewegung, von welcher schon gesprochen wurde, war noch nicht verlaufen. Ihre Wellenkreise zogen sich noch immer durch die Kleinstaaten Süditaliens, und sie brachten Pythagoras und seine Schule zum höchsten Gipfel des Glanzes. In

Seite 13

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
Sybaris war, wie gleichfalls schon bemerkt, die Aristokratie gegen Telys und seine Anhänger unterlegen. Verbannte und Flüchtige kamen nach Kroton, wo sie freundliche Aufnahme und Fürsprache fanden, die sich zur förmlichen Partheinahme steigerte, als die krotoniatischen Gesandten schnôde ermordet wurden. Ein Kriegszug gegen' das mächtige Sybaris wurde unternommen und gelang. Die feindliche Stadt ward 509 zerstört, das Land in Besitz genommen, und bei der Gütervertheilung fiel auch dem Pythagoras ein Stück Landes zu, wohin er mit seinen Mathematikern sich zurückzog. * 4!) Von da an erfüllte sich an Pythagoras, dass wer einmal in politischen Wirren eine Rolle gespielt hat, nicht leicht von dem öffentlichen Leben sich ganz absondern kann, ohne dieser oder jener Vermuthung Platz zu machen, die rasch zur Verdächtigung wird. Es lässt sich zudem nicht in Abrede stellen, dass der Schein gegen ihn war. Mag auch Röth!42) Recht darin haben, zu leugnen, T A GEE EN > “2 dass eine wissenschaftliche Staatslehre, welche zu der bestehenden Verfassung im Widerspruche war, als letztes Geheimniss der Schule den Schlussstein bildete; die scharf ausgésprochene aristokratische Spaltung der Schüler, das monarchische Uebergewicht des Lehrers, sowie die stolze Abgeschlossenheit der ganzen Schule jedem Uneingeweihten gegenüber genügten vollkommen, um wenigstens eine derartige Staatsidee auszubilden, und so musste im Laufe der Jahre af Seiten der Schule Verachtung des Bestehenden, auf Seiten der Bürger Misstrauen gegen das zu Erwartende sich regen. Zu besimmt ausgesprochenen Conflicten kam es allerdings noch nicht. Denn wie nach allen Zeiten der Gährung und Revolution war auch damals eine darauf folgende Epoche der Ruhe und des Stillstandes eingetreten, welche erst durch einen neuen Anstoss von Osten her wieder gestört werden sollte. Seit 493 begannen die furchtbaren Angriffe der Perserkönige gegen Athen und das in den Zeiten dieser Gefahr mit ihm sich einigende Festland Griechenlands. Auch dieser Stoss setzte sich | unaufhaltsam fort. Sicilien und Karthago empfanden ihn und wurden in den Kampf verwickelt. Ebenso wenig konnte die Rückwirkung auf die süditalienischen Staaten ausbleiben, und da sie bei dem Weltkriege nicht in unmittelbare Mitleidenschaft gezogen wurden, so zerfleischten sie sich selbst in erbitterten Bürgerfehden. 1 48) So in Kroton, als Hippasos ein aus der Schule als unwürdig Ausgestossener sich 490 an die Spitze der demokratischen Parthei Cantor, math. Beitr.

Seite 14

Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)
stellte und mit einer formlichen Anklage gegen seine früheren Genossen auftrat. Die Schule ward zersprengt, Pythagoras selbst unter Einziehung seiner Güter verbannt, und so musste cr wiederholt zum Wanderstabe greifen. Die nächsten 16 Jahre verlebte er, wenn auch angefeindet, doch verhältnissmässig ruhig in Tarent. Allein auch dort zerbrach 474 das Volk die bisherige Aristokratie, und Metapont nahm als letzten Zufluchtsort den 95jährigen Greis auf, der dort etwa vier Jahre eines kümmerlichen Lebens noch fristete. Als 471 auch in Metapont die Demokratie siegte, da umzingelte man das Haus, in welchem die Schule ihre Versammlungen hielt, warf Feuer hinein und die Meisten verbrannten elendiglich. Pythagoras selbst entkam zwar den Flammen, starb aber kurz darauf in seinem 99sten Lebensjahre. So viel über die Schicksale eines der grössten Männer aller Zeiten, für deren genauere Verfolgung nur wiederholt aut das Röth’sche Werk verwiesen werden muss, an welches die hier gegebene Darstellung sich in den wesentlichen Punkten anlehnt, wenn sie ihm auch nicht sklavisch folgte, es mitunter, wie ich wenigstens beabsichtigte, ergänzte. Es wird leicht sein, jetzt die Aufgabe zu bestimmen, welche die nächsten Kapitel sich zu stellen haben. Erstlich wird gezeigt werden müssen, dass die ganze Lebensbeschreibung des Pythagoras, welche hier vorliegt, kein blosses Fabelmährclren ist, als welches sie mitunter angefeindet wird. Und ich glaube, dass dieser Beweis, so weit er für meine Zwecke nöthig, geliefert ist, sobald ich unter den mathematischen Lehren des Pythagoras und seiner Schule solche auffinde, deren Ursprung nur an den Orten sein konnte, welche Pythagoras vorausgesetztermaassen besucht haben soll: Damit ist zugleich der weitere Beweis geliefert, dass Pythagoras auch Anderes noch von ebendaselbst mitbringen und in Griechenland verbreiten konnte, mochte nun dort schon Verwandtes vorhanden sein oder nicht. Dies wird das Zweite sein, welches näher ausgeführt werden muss, insbesondere in Bezug auf die Zahlzeichen. Die Frage wird also als erste aufgestellt werden müssen, ob die Mathematik des Pythagoras sichere Spuren fremder Länder zeigt, und die zweite Frage wird auf die Numerationssysteme und Rechenmethoden der Griechen gehen.