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Harmonikale Proportionen in der griechischen Architektur
HARMONIKALE PROPORTIONEN IN DER GRIECHISCHEN
Giebel
A
7
h
7=2- 3
5
Gesims
}
7=2:37
ARCHITEKTUR
A
Dieter Kolk
A
Säule | 17,5=5+5
7
ss
D: Wort von der Architektur als »gefrorener Musik« kann man
recht häufig hôren, freilich meist angesichts besonders gelungener
KrepisA
und beschwingter Bauten, aber doch immer im bildlichen Sinn,
\
3,5= 1: 57
als Wiedergabe des Eindrucks, daß die Ruhe und Ausgeglichenheit eines
3-7
vollkommenen Bauwerks an die musikalische Harmonie erinnert. Wir
dadurch gerechtfertigt scheint, daß Größenverhältnisse an Bauten oft auf
einfachen ganzen Zahlen beruhen wie die den musikalischen Intervallen
der Saiten und setzt mit Kayser 3 = } c’, dann ergeben sich folgende Tonzugeordneten Verhältnisse der Schwingungszahlen. Daß es aber nicht
werte:
nur im bildlichen Sinn, sondern im vollen Wortsinn zu Stein gewordene
Musik gibt, hat Kayser in seinem Werk über die Tempel von Paestum
Zahlen verweisen, die an diesen Bauten häufig auftreten; er konnte ferner
lieferung musikalische und mathematische Studien zuschreibt.
Als Beispiel sei die Bearbeitung des Frontaufrisses des Athenatempels, des
früher sogenannten Cerestempels erwähnt, die sich bei Kayser auf Seite 54
seines Paestumbuches findet. Die Höhen der einzelnen Bauglieder lassen
sich in einem Fußmaß zu 0,352 m als ganzzahlige Vielfache der Einheit
3 Fuß ausdrücken. Kayser setzt die Einheit in der Regel mit dem Grund-
3 f,
4 Cn
5 as, "n
transponieren:
Det
sen. Kayser erklärt das damit, daß diese Tempel in der Umgebung des
Pythagoras und seiner Schüler entstanden sind, denen die antike Über-
(3 c)
Sollen diese Werte innerhalb einer Oktav zu liegen kommen, miissen wir
das f,, durch Multiplikation mit dem Faktor 2 eine Oktav nach unten
nachgewiesen!. Er konnte dabei auf die harmonikale Bedeutung einiger
und Quinten, ja als Dreiklänge und andere wichtige Akkorde deuten las-
5-7
Die Höhen von Säulen, Gesims und Giebel verhalten sich also, jeweils
vom Boden aus gemessen, wie 3:4:5 zueinander. Betrachtet man diese
dreigliedrige arithmetische Proportion als Längenverhältnisse schwingennennen auch wohlgefiigte Proportionen eines Bauwerks harmonisch, was
eine ganze Reihe von Zahlenverhältnissen aufdecken, die sich als Terzen
4-7
tAaWhNntrUs
ME
4 C,,
5 AS,
6
In dieser Intervallfolge erkennen wir jetzt die Grundform des Moll-Dreiklangs. Kayser geht aber auf Seite 55 noch weiter. Er stellt fest, daß am
Frontaufriß dieses Tempels in allen Maßen der Faktor 7 enthalten ist.
Diese Zahl ergibt in dem Verhältnis 7
*b die sog. Naturseptime zum
Grundton ıc, den siebten Ton in der Obertonreihe, wie ein ventilloses
Blasinstrument dieses Intervall hervorbringt. Im Dominantseptimenakkord klingt diese Form der kleinen Septime angenehm, etwa in der
Eroica, wo sie ein ventilloses Horn blasen müßte. Aber in andere senaton unseres Musiksystems c gleich, was insofern berechtigt ist, als es auf
rische, d. h. auf den Zahlen ı bis 6 beruhende Akkorde fügt sie sich nur
Verhältnisse, auf Intervalle, nicht auf absolute Tonhöhen ankommt. Die
schwer ein. Für die Musik ist die Zahl 7 eine problematische Zahl, was
Maßverhältnisse versteht er als Verhältnisse von Saitenlängen, weil die
nach Kayser den Pythagoreern bereits aufgefallen sein muß. Das Intervall
Alten vermutlich die Zahlverhältnisse der Intervalle durch Saitenteilung
der Naturseptime c—*b erklinge als eine offene Frage, die eine Antwort
am Monochord ermittelten. Für unseren Aufriß finden sich folgende
erfordere, wozu Kayser auf die Modulationsträchtigkeit des Dominant-
Werte:
SOTENRUSTEHRNDNE.N
septimenakkordes hinweist. Es habe etwas Geheimnisvolles und sei des459
Seite 2
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)wegen geeignet, symbolisch die menschliches Maß übersteigende Größe
3
der Gottheit darzustellen.
»berichtigen«, sondern ich möchte dasselbe Problem aus einer anderen
Perspektive betrachten. Kayser ging von dem überwältigenden Eindruck
dieser Tempel aus und fand als Ursache dafür deren harmonikale Propor-
Man wird gegen das dargestellte Verfahren einwenden, die Proportionen
38
des Aufrisses würden von ihrer Bedeutung im Dreiklang aus erklärt, das
Wesen der Zahl 7 vom Charakter des Dominantseptimenakkordes aus.
Beide Akkorde seien jedoch nur für unser eigenes Musiksystem bedeut-
Y
tionen. Wie man diese notiert, ist bei der starken Ähnlichkeit beider
3 . Musiksysteme von geringer Bedeutung, mögen den musikalischen Zu38 sammenhang die Griechen auch etwas anders verstanden haben als wir.
sam, für die Griechen dagegen hätten sie schon deswegen keine Rolle ge-
Y
spielt, weil ihre Musik in der Hauptsache einstimmig war. Außerdem
dürfe man unser Dur-Moll-System schon deswegen nicht Untersuchun-
3 . gesetzt. Der Ausgangspunkt soll jetzt aber das griechische Tonsystem sein,
gen über altgriechische Bauten zugrunde legen, weil das altgriechis
che
Musiksystem grundsätzlich anders aufgebaut gewesen sei. Um diese
D
Problematik wußte natürlich Kayser und äußerte sich auf Seite 36 seines
Buches dazu: »Der Musikwissenschaftler möge sich nicht daran stoßen,
daß ich bei einer harmonikalen Analyse altgriechischer Bauwerke die heute
übliche musikalische Nomenklatur brauche ... »Dur< und »Moll«
sollen
die Alten in der heutigen Bedeutung nicht gekannt haben. »In der
heutigen Bedeutung: — nur dies ist richtig ... Gehört werden sie
die Griechen
ebenso haben wie wir. Wie sie sie bezeichnet haben, steht hier nicht
zur
Diskussion.« Ferner hat Haase nachgewiesen, daß das Lambdom
a, das
Albert von Thimus und Kayser in seiner Struktur und umfassenden Bedeutung wieder erschlossen haben, ebensogut die Grundlage unseres Dur-
Moll-Systems wie der antiken Transpositionsskalen abgibt *. Die beiden
Tonsysteme schließen sich also keineswegs aus. Zudem wies mich
Herr
Dr. Haase auf folgenden Sachverhalt hin: Unser heutiges Dur ist der
Die Tatsache der harmonikalen Proportionen wird als bewiesen voraus-
#8
insbesondere ein für die Griechen typisches und besonders wichtiges Tongeschlecht. Es soll gezeigt werden, daß den Maßgrund der Tempel von
Paestum das geheimnisvollste und ehrwürdigste Tongeschlecht der Grie3 1 chen bildet. — Dazu müssen wir zunächst in knappen Umrissen das grie- chische Tonsystem beschreiben.
3
Die griechische Musik? kennt wie wir als Rahmenintervall die Oktave.
3
Æ
3
@
Diese wird zunächst wieder gegliedert in zwei Quarten und einen Ganz-
3
ton, der entweder zwischen den Quarten oder über ihnen liegen kann, die
daher »getrennt« oder »verbunden« heißen. Die Quarten werden mit
zwei weiteren Tönen ausgefüllt, so daß die Oktave schließlich aus zwei
Tetrachorden und einem Ganzton besteht. Bezugston ist dabei die Mese,
. der »mittlere Ton« a. Diese Oktave wird durch je ein weiteres Tetrachord
oben und unten und durch einen abschließenden unteren Ganzton er-
È | weitert. Wir erhalten damit das zwei Oktaven umfassende sog. »größte
3. unverinderliche System«, das folgende Form hat:
Intervallfolge nach das Spiegelbild des griechischen Dorisch:
e
f
g
a
LA
hc
LA
de
‘
e fis
,
=
+
gis
o
a
H
all
y
.
22
cis”
.
nn
dis”
e”
PA
A
[4
Dorisch
—e
d
Dar
Die Griechen hérten nämlich ihre Skalen von oben nach unten.
Bei der
und las die Intervalle der dorischen Tonleiter von unten nach oben,
aus sich unser Dur ergab. Wegen dieser Verwandtschaft von Dur
d’
cc
Entstehung unseres heutigen Musiksystems wußte man das nicht mehr
Mese
Lh
b
a
a
A
verbundenes
Tetrachord
wormit der
griechischen Haupttonart Dorisch ist Kaysers Verfahren berechtigt.
Bei den folgenden Untersuchungen geht es also nicht darum, Kayser
460
getrenntes
Tetrachord
Seite 3
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)In dieser Grundform haben wir die dorische Skala A—a’ vor uns, deren
3. Die beiden untersten Intervalle des enharmonischen Geschlechts ermittlere Oktav e—e’ durch Erweiterungen oben und unten auf den Umgeben zusammen erst einen Halbton:
fang von zwei Oktaven gebracht wird. Die Beziehung zu unserem Durbesteht somit aus einer reinen Terz und zwei Vierteltönen. Wir schreiben
Geschlecht wurde bereits erwähnt.
daher die enharmonische Stimmung besser in folgender Form:
$8 . 38 - 18. Dieses Tongeschlecht
Neben dem Verbindenden gibt es aber auch wichtige Unterschiede zwischen unserem und dem griechischen Tonsystem. Während bei uns der
e
Tonraum zwischen e und a in einen Halbton und zwei verschieden große
l
ff
a
h
|
N
ce
|
Ganztöne geteilt ist, finden wir bei den Griechen verschiedene Arten der
Unterteilung. Außerdem verwenden wir heute in den Tonproportionen
nur die Primzahlen bis einschließlich der 5, während bei den Griechen
auch höhere vorkommen. Der Mathematiker und Musiktheoretiker
Die Griechen kannten also die reine Terz, aber in anderer Bedeutung als
Archytas, der zur Zeit Platos lebte und aus Unteritalien stammte, gibt uns
drei verschiedene Teilungen des Tetrachords an, die die Griechen als drei
geschlechts.
wir, nämlich als charakteristisches Intervall des enharmonischen TonEine Musik aus Vierteltônen und kleinen Terzen kônnen wir uns kaum
verschiedene Tongeschlechter verstanden, als das diatonische, chromatische und enharmonische Geschlecht. In der folgenden Tabelle sind die
Verhältniszahlen
dieser
Tetrachordstimmungen
mit
unserer
vorstellen. Gleichwohl war die Enharmonik im klassischen Jahrhundert
der Griechen das ehrwürdigste Tongeschlecht. Die Tragödie wurde mit
heutigen
dieser Musik aufgeführt. Als später Theorie und praktische Beherrschung
Stimmung — soweit sie nicht temperiert ist — verglichen *,
verlorengegangen waren, genoß die enharmonische Musik noch legendädiatonisch
chromatisch
ren Ruhm. Für Vogel ist gerade die Enharmonik der Schlüssel zum Verenharmonisch
modern
stindnis der griechischen Musik und ihrer Entwicklung. Wir wollen sie
a
g
9
32
5
10
als Grundlage des Proportionsschemas der Tempel von Paestum nach-
8
27
4
9
weisen.
87
233
224
35
8
28
28
28
16
27
27
27
15
36
9
f
e
Die Bauausführung des älteren Heratempels, der früher sog. Basilika,
2a7Ri0Ef)N:
ist ziemlich ungenau. Man kann zwar seine harmonikale Grundstruktur
noch erahnen, doch bleibt die Unsicherheit groß®. Auch eine von den
Archäologen erschlossene Planänderung ist vom harmonikalen Standpunkt
aus interessant. Das Verhältnis von 18:9 Säulen wurde dem Tempel
förmlich aufgezwungen, obwohl sich dadurch gegenüber dem ursprüng-
Die Tabelle besagt, daß z. B. im enharmonischen Tetrachord die Schwinlichen Plan von 19 Säulen der Langseite eine Erweiterung der Joche der
gungszahl des obersten Tones zu der des nächst tieferen sich verhält wie
Langseite ergab, die einen zwiespältigen Eindruck hinterläßt?. Offenbar
5:4. An den Tetrachordstimmungen des Archytas fällt uns auf:
kam es dem Architekten auf das Oktavverhältnis 18:9 — 2:1 an. Auch
ı. die durchgehende Verwendung der Primzahl 7%
die übrigen noch erkennbaren Zahlen und Proportionen lassen sich har-
2. das in allen drei Geschlechtern gleichbleibende sehr kleine Intervall
e—f. Charakteristisch für ein Tongeschlecht sind somit die Intervalle fg
monikal interpretieren.
Am nächst jüngeren Tempel, dem Athenatempel, der etwas nordwärts
und g—a.
der beiden Heratempel steht, sind klare Zahlenverhältnisse in erstaun-
Seite 4
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)licher Reinheit verwirklicht; er konnte als ein »gebauter Zahlenkosmos«
bezeichnet werden®. Als Grundrißverhältnis finden wir — gemessen an
den Außenkanten des Stylobats, der Standfläche der Säulen — wie auch
am älteren Heratempel 9:4. Dieses Verhältnis ist an sich schon bedeut-
(1A)
>10 h
î
7 c-"
— €
9
2%
3%
5
8
27
35
4
In die untere Zeile haben wir zwischen die einzelnen Tonwerte gleich die
sam, weil es dem Intervall der None entspricht, die in sich Oktave und
Verhältnisse geschrieben, die sie miteinander bilden. Daran erkennen wir,
Ganzton umfaßt, Rahmen und Baustein des musikalischen Geschehens.
daß die Folge h c— c’ e” ein Tetrachord in enharmonischer Stimmung bil-
Die Säulenzahl von 13:6 enttäuscht zunächst, weil 13 keineswegs mehr
det, durch einen Ganzton von der Mese a getrennt. Die Hauptverhilteine harmonikale Zahl ist. Die Konzeption des Tempels geht jedoch vom
nisse des Athenatempels ergeben somit — auf den Ton A
Joch aus, das auf allen Seiten gleich breit ist, nämlich 2,625 m oder 8 Fuß
zogen — das getrennte Tetrachord des griechischen Musiksystems in enzu 0,3288 m. $o sind wir berechtigt, statt der Säulen die Joche zu zählen,
harmonischer Stimmung.
die an Lang- und Schmalseite im Verhältnis 12:
Eine Zwischenbemerkung zur Chronologie sei erlaubt. Gegen Ende des
5 stehen, Dasselbe Verals Einheit behältnis zeigen die Seiten des Rechtecks, das die Achsen der Ecksäulen bil-
6. Jahrhunderts v. Chr. lebte in Unteritalien Pythagoras mit seiner Schule.
den, da ja die Säulen überall gleich weit voneinander entfernt stehen.
Antike Uberlieferung, freilich teilweise erst die einer späteren Zeit,
Auch die Zella ist auf die Joche bezogen. Ursprünglich sollte sie mit den
schreibt ihm mathematisch-musikalische Forschungen zu; die später so
Außenkanten der Mauern 3.9 Joche umfassen, also das Seitenverhältnis
genannten Pythagoreer nennen ihn als Begriinder ihrer Lehre. Zu diesen
3:1 aufweisen. Später wurden die Mauern leicht eingerückt, so daß nunzählt auch Archytas, dem wir die oben genannten Tetrachordstimmungen
mehr die Breite, in den Mauerachsen gemessen, zo Fuß, also die halbe
verdanken. Zu Lebzeiten des Pythagoras oder unmittelbar danach ent-
Breite des Ecksäulenabstandes beträgt. Man hat damit zwischen zwei bestand der Athenatempel in Paestum, nicht weit von der Wirkungsstätte
deutsamen Werten einen Ausgleich herbeigeführt.
jener religiös-politischen Gemeinschaft in Kroton entfernt. Er weist eine
Wir kennen bisher vier Werte, die den Grundriß bestimmen. Da das Joch
harmonikale Proportionierung auf, und zwar auf der Grundlage derdie Maßeinheit bildet, liegt es nahe, auch das Verhältnis von Höhe und
selben enharmonischen Tetrachordstimmung, wie sie uns über hundert
Breite des Joches zu berücksichtigen, das 7:3 beträgt. — Nun stellen wir
Jahre später Archytas überliefert, Die Art der Proportionstechnik ist dadas gefundene Material zusammen und schreiben Tonwerte dazu, die wir
bei keineswegs mehr tastend oder unsicher, sondern wird bereits völlig
zunächst auf den Grundton ı c beziehen:
beherrscht, wie auch aus dem schon erwähnten Urteil der Archäologen
hervorgeht. Konnte man aber Klangproportionen in architektonische
Länge : Breite (Stylobat)
9:4 d’
Länge : Breite (Ecksäulenrechteck)
12:5 es
Form umsetzen, so ließen sich auch andere sichtbare und meßbare Größen
Zellalänge : Zellabreite
3:18
mit den empfindungsmäßig bestimmbaren Werten musikalischer Inter-
Frontbreite : Zellabreite
2:1C
valle exakt vergleichen. Das ist der Grundgedanke des Pythagoreismus,
Jochhöhe : Jochbreite
7:3 es
wie er offenbar schon für die Zeit des Pythagoras selbst anzunehmen ist.
— Die moderne philologische Forschung tendiert allerdings dazu, Pytha-
Die Folge c' — es’ —g’ ergibt zwar einen Moll-Dreiklang; aber mit dem d'
goras als eine Art urweltlichen Medizinmann aus der Geschichte der
oder gar mit der Verdoppelung des es’, die noch dazu aus der ekmelischen
ernst zu nehmenden Wissenschaft zu streichen. Mir freilich will es para-
Proportion 7 stammt, wissen wir nichts anzufangen. Versuchsweise nehdox erscheinen, einem ungenannten Architekten zuzuschreiben, was bei
men wir einmal den tiefsten Ton des »größten unveränderlichen Systemse
Lebzeiten des Pythagoras entstand, was die Überlieferung ihm zuschreibt
als Einheit an und erhalten:
und was in seiner Schule tradiert wurde.
Seite 5
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Kehren wir nochmals zum Athenatempel zuriick und betrachten seinen
Wir haben eine aus fünf Tönen bestehende Oktavskala erhalten. Sie weist
Aufriß. Die Säulenhöhe beträgt 6,122 m. Zu diesem Maß brauchen wir
die große Terz § auf, muß vom griechischen Standpunkt aus folglich der
nur 4,3 cm zu addieren, um genau 18,75 Fuß zu erhalten: 6,165 : 0,3288 =
Enharmonik zugerechnet werden. Die beiden Vierteltöne sind durch den
18,75. Die Höhe der Krepis, des dreistufigen Unterbaues, beträgt 3,75 Fuß,
Halbton }$ ersetzt. Der phrygische Aulet Olympos verwendete eine penden 5. Teil der Säulenhöhe. Denselben Betrag erhält man auch als Quotatonische Skala aus Halbtönen und Terzen, und zwar gebrauchte er
tient aus der Höhe vom Boden bis zur Unterkante des Gesimses (30 Fuß)
offenbar schon die reine Terz §. Aus dieser Grofiterzpentatonik hat sich
und der Jochweite (8 Fuß): 30:8 = 3,75. Rechnet man alle Maße vom
die Enharmonik entwickelt !!. Diese Pentatonik haben wir hier vor uns,
Boden aus, so lassen sie sich in ganzzahligen Vielfachen davon ausallerdings mit einem trennenden Ganzton, während Olympos die verdrücken 1°:
bundenen Tetrachorde verwendete. Den diazeuktischen Ganzton a—h soll
nämlich erst Pythagoras eingeführt und damit das getrennte Tetrachord
Krepis
I +3,75
Höhe der Säulen
6- 3,75
geschaffen haben *?.
Höhe der Gesimsunterkante
8 - 3,75
Gesamthöhe
Die Terz kann aus der Quint entwickelt werden durch harmonische Tei-
10 + 3,75
lung des Frequenzverhältnisses oder durch arithmetische Teilung des
Längenverhältnisses der schwingenden Saiten oder tönenden Rohre (in
Daraus gewinnen wir folgende Proportionen:
absteigender Tonfolge):
Gesamthöhe : Gesimshöhe
5:4
Gesimshöhe : Säulenhöhe
4:3
Säulenhöhe : Krepis
6:1
Gesimshöhe : Jochweite
15:4
Frequenzen:
5
Längen:
i
6
3
3
5
i
;
4
3
harmonische Proportion
à
R
à
arithmetishe Proportion
Ferner bildet die Gesamthöhe mit der Säulenhöhe, wenn man diese zwischen Stylobat und Architravunterkante mißt, das Verhältnis 2 : ı.
Um zu einem Ergebnis zu kommen, müssen wir diesmal das e des getrennten Tetrachords als Einheit annehmen und von ihm aus abwärts
schreiten, was ja griechischer Gepflogenheit entspricht. Dazu müssen wir
die oben zusammengestellten Proportionen umkehren, da sie in dieser
Form auf einen tiefer gelegenen Grundton bezogen sind. Wir erhalten
folgende Tonreihe:
Die beiden rechten Glieder stehen zueinander im Verhältnis der grofen
Terz§ bzw. $. Diese wird zur Quint ergänzt durch das Intervall zwischen
den beiden linken Gliedern, der kleinen Terz§ bzw. §. Diese finden wir
ebenfalls an unserem Tempel. Die Hôhe der Metopen verhält sich zu
deren Breite wie 6:5, zur Breite der Triglyphen wie 6:3 — 2:1; die
Metopenbreite steht zur Triglyphenbreite im Verhältnis 5 :3. Wenn wir
diese Werte ordnen und auf die Einheit beziehen, erhalten wir innerhalb
1
>
z 4,
4
15
f,
=NI
E]0
o
n
ÀUl j
(le’)
a
eines Oktavrahmens die kleine Terz und ihre Umkehrung:
Diese weit auseinander liegende Tonfolge transponieren wir anschließend
(1 c)
in die Oktav zwischen } e und1e:
mm
|
466
WIN
BIS
s
19
=
wi» j
(ie)
a
UnH|
= es
Colin
»
AS
Der jiingere Heratempel, früher Poseidontempel genannt, wurde erst nach
dem Tempel des Zeus in Olympia erbaut. Sein Baumeister kannte den
Zeustempel recht genau und hatte an ihm gelernt. Da an ihm das einAntaios VIII - 30
Seite 6
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)heimische Prinzip der Proportionierung vom Bauprinzip des Mutterlandes
8
überlagert wird '5, dürfen wir eigentlich kaum harmonikale Maßverhält-
3 1
nisse erwarten. Dennoch sind solche Proportionen recht deutlich zu er-
|
_
12
|
kennen.
Das Grundrißverhältnis ist diesmal in der Tänie festgelegt, dem schmalen,
durch seine Farbigkeit einst allerdings hervorgehobenen Band zwischen
getrenntes
Architrav und Fries. Es beträgt 180 Fuß in der Länge, 72 Fuß in der
Tetrachord
Breite, den Fuß zu 0,329 m gemessen. Die Länge verhält sich also zur
2 e—
157
|I
16 a
ae
12
|
3 hJ
9 |
|
verbundenes
Ì
Tetrachord
2
Breite wie 5 : 2. — Die Höhe der Zella ist noch zu erkennen, obwohl die
gen, über denen jeweils ein Architrav liegt. Vom oberen Architrav leitete
8
5
4
4
Decke fehlt. Diese wurde von zwei doppelstöckigen Säulenreihen getra-
9
|
|
ein Profil zur Decke über. Dieses Profil liegt 11,32 m oder umgerechnet
(le)
4
34,4 Fuß über dem Boden, wir dürfen wohl rund 35 Fuß ansetzen. Die
6
5 : 3. Damit haben wir die Hauptproportion der Innenraumgliederung ge-
Aber nicht nur als Rahmenintervalle sind diese Werte wichtig. Sie ergeben
sich nämlich aus wiederholter Anwendung der arithmetischen und der
harmonischen Teilung auf das Oktavverhältnis. Das arithmetische Mittel
funden. Die Säulen selbst messen unten 18,4 Fuß, oben 10,4 Fuß; sie stehen
zwischen zwei Werten « und « findet man nach der Formel a = 42 ,
Oberkante des unteren Architravs liegt 6,927 m hoch, das sind 21 Fuß.
Die Gesamthöhe verhält sich zur Höhe des unteren Gebälks wie 35 : 21 =
im Verhältnis 16:9 zueinander.
das harmonische Mittel nach h — mn Geht man vom Grundton 1 e aus,
Die Säulen der Ringhalle sind 27 Fuß hoch, das Gebälk darüber 9 Fuß
stellt die Oktave 2e dariiber und schreibt die beiden Mittelwerte dastark. Die Tempelbreite bildet mit der Gesamthöhe das Verhältnis 3 : 2;
zwischen, erhält man:
die Gesamthöhe mißt daher 48 Fuß. Davon gehen 4 Fuß für die Stufen
4
2
"da
1 e
3
Zh
2e
des Unterbaues ab, so daß für den Giebel ız Fuß bleiben. Danach können
Ebenso wird mit der Oktave tiber der Mese verfahren:
4= ü
33
0
Le
2a
wir eine ganze Reihe von Proportionen aufstellen:
3
la
Gesamthöhe : Höhe des Gebälks über dem Stylobat
48:36 =
4:3
Höhe des Gebälks über dem Stylobat : Siulenhóhe
36:27 =
4:3
Giebel : Stärke des Gebälks
12:
9=
4:3
Breite : Siulenhóhe
92:27 =
8:3
Breite : Gebälkhôhe über Stylobat
72:36=
2:1
Breite : Gesamthöhe
72:48=
3:2
Gesamthöhe : Säulenhöhe
48:27 = 16:9
Es ist auffallend, daß die Front des Tempels aus solchen Proportionen
konzipiert ist, die in der griechischen Musik den bei aller Verschiedenheit
der Einstimmung stets gleichbleibenden Rahmen abgeben "4, Beziehen wir
die Werte auf den Grundton 1 e, ergibt sich:
468
Um Bruchzahlen zu vermeiden, braucht man nur als Anfangsglied 6 statt
ı anzunehmen: 6a
8d
ge
124,
Wir erhalten so die viergliedrige Proportion 6: 8:9: 12, die als Tetraktys
bei den Pythagoreern fast religiöse Verchrung genof 5, Wir haben oben
am rechten Rand unserer Übersicht die Tetraktys zweimal eintragen können; die Proportionen der Tempelfront sind also ein Spiel mit der heiligen
Vierheit.
Um vollständige Tetrachorde zu erhalten, fehlen uns noch Werte mit der
Primzahl 7. Wir finden folgende:
Gebälkhöhe über Stylabat : Höhe des unteren Zellaarchitravs
Säulenhöhe ; Höhe des unteren Zellaarchitravs
Seite 7
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Alle gefundenen Werte beziehen wir nun auf den höchsten Ton des
bei den unteren Zellasäulen 20 und bei den oberen Zellasäulen 16. Diese
Zahlen bilden das Verhältnis 4 : 5 : 6, also eine dreigliedrige arithmetische
Proportion. Als Verhältnisse von Schwingungszahlen aufgefaßt, stellen
die äußeren Glieder das Intervall der Quint dar, die beiden linken die
große Terz, die beiden rechten die kleine Terz. Wir würden das als DurDreiklang bezeichnen. Dem Architekten aber lag vermutlich daran, zu zeigen, durch welche arithmetische Beziehung aus der Konsonanz der Quint
Systems, d.h., wir müssen wieder die Kehrwerte verwenden, Im wesentlichen erhalten wir damit die Oktav über der Mese. Aber das Grundrißverhältnis $ kommt als Tonwert f als einziges unterhalb der Mese zu
stehen, während im obersten Tetrachord gerade ein f, nämlich das Verhältnis¢ fehlt. Wir transponieren daher das zu tief geratene f um eine
Oktave nach oben. Vielleicht wird eine solche Veränderung, die wir ja
einige Male vornehmen mußten, als Einwand angesehen. Weil wir aber
immer nur die Oktavlage, nie den Tonwert als solchen veränderten und
weil es sich dabei um eine typische harmonikale Operation handelt, wird
gerade hierdurch die Ansicht bestätigt, daß die Baumeister von Paestum in
musikalischen Proportionen dachten. Und schließlich gibt uns das dabei
erzielte Ergebnis recht:
(la) —
Grundriß
5 f-
Säulen : Zellaarchitrav
3
—
7
Frontaufriß
3 a
3 c
7
Breite : Héhe
Zellahöhe : unterer Architrav
ss
ss
3
Außengebälk : Innengebälk
=—
Gesamthöhe : Säulenhöhe
3 á
Breite : Gebälkhöhe
In den Maßverhältnissen des jüngeren Heratempels erscheint die ganze
obere Oktav des »größten unveränderlichen Systems« in enharmonischer
Stimmung. Ausgefüllt sind dabei die beiden Tetrachorde über dem diazeuktischen Ganzton a—h, angedeutet wird auch das verbundene Tetrachord a—d 18,
Neben der Großterz der Enharmonik findet sich auch hier wieder die
kleine Terz. Die Anzahl der Kanneluren in den Säulen beträgt außen 24,
470
ergänzen konnten. Die Tempel von Paestum sind eine steinerne Verkörperung der enharmonischen Musik der Griechen. Sie sind aber auch
ein monumentales Zeugnis pythagoreischen Geistes.
=
qe
das charakteristische Intervall der Enharmonik hervorgeht.
Wir sind von dem Tongeschlecht ausgegangen, das typisch griechisch und
uns ganz fremd ist. Wir fanden es wieder im Proportionsschema der
Tempel von Paestum, wodurch wir die Ergebnisse Kaysers bestätigen und
1 Hans Kayser, Paestum. Die Nomoi der altgriechischen Tempel von Paestum. Heidelberg
1958. — ? Rudolf Haase, »Das pythagoreische Lambdoma in neuer Sichte, in: Österreichische
Musikzeitschrift, 1962 (Sonderdruck). — 3 In allem, was das griechische Musiksystem
betrifft, richte ich mich nach Martin Vogel, Die Enharmonik der Griechen, 2 Bde., Düsseldorf 1963. — * Vgl. Vogel I S. 33, 47 ff.; Diels, Fragmente der Vorsokratiker, 147 À 16.
- Archytas ist nicht nur der älteste Musiktheoretiker, von dem wir genaue Angaben
über Tetrachordstimmungen haben, sondern auch für die antike Musikgeschichte besonders
f. — ® Vgl. Kayser S. 38 ff. — 7 Berve-Gruben, Griechische
wichtig. — 5 Vogel I S. 114
Tempel und Heiligtiimer, Miinchen 1961, S. 202. — Alle Angaben zu den Tempeln
entstammen außer dem Werk Kaysers diesem Buch. — 8 Berve-Gruben $. 203. —? Kayser
ist in allen seinen Werken bemiiht, die psycho-physische Natur der Harmonik deutlich
zu machen, die er der Einseitigkeit unseres haptischen (auf dem Tastsinn beruhenden)
Weltbildes gegeniiberstellt. Er verficht auch die These, da8 bereits Pythagoras selbst
ein reiches harmonikales Wissen hatte. — 1 Vgl. oben S. 2, dort jedoch in einem größeren
Fußmaß 3,5 Fuß als kleinste Strecke. — !! Vogel II, insbesondere S. 78 ff., 104, 120 f. —
12 Vogel I, S. 26, ILS. 18, mit Quellennachweis. — 1% Berve-Gruben $. 206; Kayser $. 62 ff. —
14 Vgl. Vogel I, S. 37 f. — 15 Kayser, Lehrbuch der Harmonik, S. 104. — 1 Wir mußten
fiir jede Skala einen anderen Grundton annehmen, was vielleicht zu willkiirlich zu sein
scheint. Aber erstens kommt es nur auf die gegenseitigen Verhältnisse an; zweitens liegt
jeder dieser Grundtöne innerhalb des Systems selbst; drittens sind die Bezugstöne nur die
höchsten oder tiefsten Töne des ganzen Systems oder seiner mittleren Oktave. — Die für
ein vollständiges Tetrachord benötigten Proportionen verteilen sich vielfach auf weit auseinanderliegende Bauglieder. Es werden selbst ungleichartige Stücke miteinander ver471
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)glichen, wie Säulenhöhe außen mit Gebälkhöhe innen. Möglicherweise soll durch diese
»Verschränkung« die Geschlossenheit des Eindrucks erreicht werden. Das könnte auch der
Grund dafür sein, daß sich komplizierte Verhältniszahlen wie 3 oder $ nur selten
unmittelbar beim Vergleich zweier Größen finden, sondern erst als Quotienten zwischen
den einfacheren primäreren Verhältnissen auftreten.
KoLk D., Harmonikale Proportionen in der griechischen Architektur : Antaios VIII 1967 458-472. | Les proportions des temples grecs, notamment
ceux de Paestum et leurs rapports avec le pythagorisme.