Sint mihi Pythagorae mensae codrique supellex

Auteur
Fetkenheuer, K.
Publié dans
Philologus
Année
2002
Sujet
TABLES
Langue
Deutsch
Catégorie
B10 Fragments
Numéro d'archive
1352

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Evena Merci, Zu Martial 5, 35, 4 | Philologus | 146 | 2002 I 2 | 383-385 | Reichtum mit dem Bruder teilen und infolgedessen auf die Privilegien des Ritterstandes verzichten. Vv. 5f. lauten: Quid tibi cum fratre? Quid cum Polluce molesto? Non esset Pollux si tibi, Castor eras. KLAUS FETKENHEUER Calliodorus könnte ein Castor, d.h. ein Ritter, sein, wäre er frei von der lästigen Verwandtschaft: Das Epigramm bietet eine witzige Umkehrung des von den Dioskuren verkôrperten Paradigmas brüderlicher Liebe und stellt die paradoxe Situation Castor dar, der als ein solcher nur ohne Pollux leben kann. Das ganze Gedicht SINT MIHI PYTHAGORAE MENSAE CODRIQUE SUPELLEX eines Ein übersehenes Persius-Zitat in Baptista Mantuanus’ Ecloga V 104 beruht auf der Metonymie Castor = Mitglied des Ritterstandes. Dank dieser Aquivalenz gewinnen Euclides’ Worte in V. 4 eine prazise Bedeutung: Von Leda zu stammen, heißt nicht mehr und nicht weniger, als ein Castor, also ein Mitglied des Ritterstandes, zu sein”. Die „heraldische“ Periphrase erinnert an den Brauch des rômischen Hochadels und verspottet die Ambitionen der Hauptgest alt, indem sie den bombastischen Ton ihrer Worte in einer witzigen und übertriebe nen Weise wiedergibt und damit die Absurdität und Lächerlichkeit ihrer Ansprüche zeigt. Essei hinzugefügt, daß dieselbe Metonymie später noch einmal im Epigramm 7, 57 wiederkehrt. Dort enthält der Witz ein obzönes Double-entendres: außerhalb des 5. Buches wird das Spiel variiert und unter einer maliziösen Perspektive wiederauf- Baptista Mantuanus (1448-1516) wurde vor allem durch seine Eklogen bekannt, die im 16. Jhd. zur Schullektüre zählten und von manchen Kritikern sogar über Vergils Bucolica gestellt wurden. Er behandelt darin Themen wie rasende Verliebtheit (Ecloga 2 und 3), weibliche Charakterfehler (Ecloga 4) oder Mißstände in der römischen Kurie (Ecloga 9). In der fünften Ekloge läßt er den reichen Silvanus mit dem armen, redlichen Dichter Candidus (sprechender Name!) über die finanzielle Vernachlässigung der Poesie diskutieren. Dabei changiert das gesamte Gedicht zwischen bukolischer und satirischer Sphäre, wie Mantuanus u.a. seine Gestalt Silvanus in v. 13 anklingen läßt (nonne potes curare greges et dicere versus, /cum vacat, et positis vitam traducere curis); manche Passage, wie gleich die erste Äußerung des Candidus, genommen. Freie Universitat Berlin Seminar fiir Klassische Philologie gliedert sich direkt in Auszüge aus der Hirtenwelt (vv. 6-9a mit zahlreichen Vergilreminiszenzen) sowie poetische Motivik, die bereits mit einem Persius-Anklang beginnt (si quid concinnius exit, v. 9, entspricht dem antiken si forte quid aptius exit aus Sat. I, 45). So ist es nicht verwunderlich, daß neben dem maßgeblichen Vorbild Vergil in dieser Ekloge auch Juvenal und Persius mehrfach als Muster verwendet D - 14195 Berlin werden. Im Kommentar der Ausgabe von W.P. Mustard! sind acht, z.T. rein sprachliche, Anklänge an Juvenals sowie zwei an Persius’ Satiren verzeichnet; die motivischen Vorbilder aus beider Werk ließen sich mühelos noch vermehren. So wird der arme Candidus in vv. 22ff. u.a. deswegen verspottet, weil er ein zerschlissenes Gewand (paenula trita) trägt: irrident alii: ,tibi paenula,‘ dicunt, / ‚candide, trita, genu nudum, 7 Zutreffend em ist, wie ich sehe, nur ms die Anmerkung8 ad ad loc. foc. von P.„Richard, Paris i 1931:: „Il prétendait i descen- PA riget hispida barba. Ähnliches geschieht bei Juvenal dem Typus des Armen, der mit einer foeda et scissa lacerna („schäbiger, zerrissener Überwurf“) und einer toga . Castora de Polluce Gabinia fecit Achillan: / nik iyadós fuerat, nunc erit Iinnöbanog. Der pathicus Achillas, ein armer Boxer, wird zum Liebhaber einer vermôgenden Frau, die ihn durch Geschenke zum eques sordidula („schmutzige Toga“) bekleidet ist (vgl. Sat. III 148f.). Während auch das Motiv „Hunger vertreibt die Musen” in vv. 90f. von Juvenal herrührt (Sat. VII 59ff.), aber es spielt auch auf die erinnern an Persius’ erste, dichtungskritische Satire beispielsweise die Verse: ut cessere iche Bedeutung im Vordergrund, der viri fortes et mascula virtus, dicendum altiloqui nihil invenere poetae (vv. 157f.); auch der neronische Autor hatte das Thema der Verweichlichung der Gesellschaft (und macht. Ein eques zu sein - das bezieht sich auf Achillas’ gesellschaftlichen Aufstieg, neue sexuelle Rolle des einstigen pathicus an. In V. 1 steht die gesellschaftl nächste verdeutlich die erotische Konnotation durch cin malizióses Zitat der homerischen Formel für die Dioskuren, vgl. IL 3, 237 und J.N. Adams, Ausonius Cento Nuptialis 101-131, Studi italiani di filologia classica 53, 1981, 199-215, mit mehreren Beispielen für die Umdeutung epischer Formeln und Verse in obszönem Sinn. Zur erotischen Bedeutung der beiden Ausdrücke in Mart. 7, 57 vgl. V. Buchheit, Studien zum Corpus Priapeorum, Zetemata 28, München 1962, 104, und die Anmerkungen ad loc. von G. Galán Vioque, Martial, Book VII. A Commentary, Leiden u. a. 2002. ! The Eclogues of Baptista Mantuanus. Edited, with Introduction and Notes, by Wilfred P. Mustard, Baltimore 1911.

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KLAUS FETKENHEUER, Sint mihi Pythagorae mensae Codrique supellex Philologus 146 (2002) 2 folglich der Dichtung) z.B. in Sat. I 103f. angesprochen. Als direkte Musterstellen Schlußformel prandia regum („frühe Mahlzeiten der Könige“) in v. 98, die nach Sat. I 67 Persius’ dichterisches Ich in Sat. I, 44 ff. nicht gegen den Applaus, hält aber die BravoRufe (euge / belle, v. 49) nicht für den Beleg literarischer Qualität. Candidus dagegen erhält Beifall für seine Rezitation, muß aber weiter hungern (plauditis ac laeti placidas extenditis auras. / pro numeris vanas laudes et inania verba / redditis; interea pastor gestaltet ist. Ebenfalls am Versende steht die dritte Reminiszenz, die Anspielungen auf sitit, esurit, alget, vv. 10ff.); der Schwerpunkt in der Ekloge verlagert sich also darauf, Juvenal und Persius und damit beide hier wirkenden Vorbilder verbindet. daß der Dichter keinen (Geld-)Gewinn aus seinem Werk ziehen kann. Die „frühen Mahlzeiten der Könige“ (prandia regum) bezeichnen bei Persius den erhabenen Stoff, den die Dichter seiner Zeit wählen; in Mantuanus’ Ekloge sind damit nicht diese res grandes (Sat. I, 67) gemeint, sondern der für den Dichter unerreichbare Luxus (deutlich eine Profanisierung des Originalkontextes). Und auch das hier behandelte Zitat vom „knappen Hausrat“ wird in der Vorlage als generelle Mahnung zur Selbstbescheidung benutzt; die gesamte vierte Satire zieht nämlich über den unerfahrenen und zugleich arroganten Alkibiades her, der abschließend auf sein klägliches Selbst verwiesen wird. Mittels der Bezüge auf die Vorbilder wahrt Mantuanus gegenüber Candidus eine gewisse Distanz. Die Figuren, auf die sich der Originalkontext bezieht, sind nämlich generell Opfer der Satire, und indem der Bukoliker seine Gestalt Candidus aus den ironischen antiken Vorlagen zitieren läßt, weist er ihr durch ihre eigene Rede eine eher zwiespältige Position zu. Also benutzt Mantuanus antiken Wortschatz und antike Motivik, läßt seinen eigenen Dichter, und zugleich die Jetztzeit, damit jedoch als unterlegen dastehen. Dies steht auch im Einklang mit den Versen 86ff. bzw. 120f., wo Augustus und Maecenas als Gönner des Vergil (hier als Tityras bezeichnet) als der Vergangenheit angehörig bezeichnet werden; Silvanus dagegen ist keineswegs bereit, die Dichtung finanziell zu fördern. Schließlich endet die Ekloge auch mit einer Verfluchung des Reichen durch Candidus, der ihm in vv. 188 ff. das Schicksal des nach Gold gierenden Midas wünscht: vade malis avibus numquam rediturus, avare, / et facias subito quidquid tractaveris aurum / more Midae, quando virtus tibi vilior aus Persius nennt Mustard zu Recht das schon erwähnte si forte quid aptins exit für si quid concinnius exit (v.9) - in beiden Fällen tritt der Komparativ auf - sowie die In seiner Rede vv. 94-110 legt Candidus dar, wie er auf allen Luxus verzichten will, und äußert in v. 104, daß ihm „Mahlzeiten des Pythagoras“ und der „Hausrat des Codrus“ genügen würden (sint mihi Pythagorae mensae Codrique supellex). Daß die „pythagoreischen Mahlzeiten“ fleischlos sind und sogar manches Gemüse ausschließen, deutet Juvenal in Sat. XV 173f. am Schluß seiner Ägypten-Satire an; an dieser Stelle dient die Bedürfnislosigkeit der Philosophenanhänger als krasser Gegensatz zur Zügellosigkeit der Gegenwart. Da außerdem in Sat. III 229 die spärlichen Mahlzeiten dieser Sekte erwähnt werden (unde epulum possis centum dare Pythagoreis), dürfte auch in diesem Eklogenvers die Anlehnung an Juvenal erwiesen sein. Noch deutlicher weist darauf die Erwähnung des Codrus hin, der in der dritten Satire den Typus des armen Dichters repräsentiert; dieser besitzt buchstäblich nichts (nil habuit Codrus, quis enim negat, Sat. IIl 208), und in seiner alten Kiste benagen die Mäuse griechische Bücher (Sat. III 207). Damit ist die Codri supellex in Mantuanus’ Gedicht hôchst bescheiden; die Erwahnung des in der Dichtung seltenen Wortes supellex am Hexameterende geht hier mit Sicherheit auf Persius Sat. IV, 52 zurück, wo es heißt: tecum habita, et noris quam sit tibi curta supellex. An beiden Stellen steht eine Form von esse mit Dativobjekt, und der „knappe Hausrat“ bei Persius bezeichnet ebenfalls, wenn auch mehr im übertragenen Sinne, die kläglichen Mittel eines Menschen?. So ergibt sich eine gedrängte Zitatkombination aus den beiden Satirikern, die den kundigen Leser deutlich auf die vorbildhafte Gattung verweist. AbschlieRend soll noch nach der Intention dieser Anspielungen gefragt werden; 385 auro?. dabei finden sich alle Anzeichen einer ironischen Brechung des Originalkontextes bei Mantuanus. Trägt die Selbstbescheidung des Candidus einen aufbegehrenden Unterton, so weisen die Anleihen aus den satirischen Mustern in der Ekloge eine selbstiro- Universitat Gottingen nisch-verkleinernde Tendenz auf. Besonders ist Codrus, mit dem sich der arme Poet Seminar fiir Klassische Philologie gleichsetzt, in Juvenal Sat. I, 2 ein schlechter Dichterling, der den Satiriker zum Verfassen seines kritischen Werkes anregt?. Auch die drei Persius-Zitate wandeln den D - 37073 Gottingen Zusammenhang der Vorlage ab, ja drehen ihn z. T. geradezu um. Zwar wehrt sich ? Zwei weitere mögliche Musterstellen lassen sich durch ihren Kontext ausschließen: In Horaz Epist. 15, 7 ist es ein schön geputzter Hausrat, den der Dichter dem Gast Torquatus anbieten will (amdudum splendet focus et tibi munda supellex), und in Juvenal Sat. 111 14 (Indaeis, quorum cophinus faenumque supellex) handelt es sich um den Inhalt eines Reisekorbes. 3 Inzwischen ist die Schreibweise Cordus (statt Codrus) allgemein akzeptiert; es handelt sich dabei wohl um einen fiktiven Namen (Juvenal. Satires. Book 1. Ed. by Susanna M. Braund, Cambridge 1996, 5. 75). Auch die Ansicht, daß mit Cordus an beiden Stellen dieselbe Person gemeint ist, hat sich durchgesetzt (Braund, a.2.0., 5. 209 adloc.). + Antike Mythologie und der Monotheismus des Christentums verbinden sich in diesem Werk, wie oft in dieser Zeit, ohne weltanschauliche Bedenken; zum christlichen Aspekt der Eklogen vgl. bes. Gwenda Echard, The Eclogues of Baptista Mantuanus: A Medieval and Humanist Synthesis, in: Latomus 45, 1986, 5. 837-847.