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Peripatos und Orient
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INSTA
(q 38 iv
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an die letzten Wurzeln überkommener Geltungen gegriffen. Am Anfang des
vierten Jahrhunderts stehen Sterben und junges Leben von gleicher welthistorischer Bedeutung, Sokrates und Platon. In der zweiten Hälfte des
Jahrhunderts hat Aristoteles seine Schule, den Peripatos, an der Jahrhundertwende Epikur die ‘Gartengemcinde’ und Zenon der Phöniker rätselvoll, aber
zukunftbestimmend die Stoa gegründet,
PERIPATOS UND ORIENT
EIN VORTRAG
VON
FRANZ DIRLMEIER
Zum ersten Male in der Geschichte des Abendlandes haben die Hellenen
den Weg der geistigen Tat, der selbstverantwortlichen Stellungnahme zur
Wirklichkeit beschritten. Als Philosophia ist das vielleicht schon von den
Diese Erhebung des Verstandes zum Geiste der Wissenschaft wird nun
aber begleitet von einer mächtigen und viel älteren Unterströmung, in der
jene zweite Grundkraft sich offenbart. Die Ekstasis des phrygisch-thrakischen
Dionysos, von Nietzsche als die Grundtatsache des hellenischen Instinkts
bezeichnet, entspringt ganz anderen Quellen und macht die Kräfte der Tiefe
frei. In den Kreisen der Orphiker entstehen die Mythen, die alle sich auf die
haben deutlich erkennbar zwei drängende Grundkräfte die Bewegung des
cine Frage beziehen: auf die Schicksale der Secle vor und nach dem irdischen Leben. Pythagoras erhebt das zur Philosophie, das Prooimion des Parmenides ruht auf alten ekstatischen Gesängen, und bei Empedokles ist der
Denker und der Erlösungsmystiker in einer für die oberflachliche Betrachtung unbegreiflichen Schroffheit nebeneinander. Der Gott von Delphi, nicht
so sehr dorischer Apellon, sondern Kleinasiate, Lykogenes, ist mit Dionysos
im selben Heiligtum vercint, fördert in fremdartiger, mantischer Ekstase die
mystischen Strömungen und tritt ein für Toten- und Heroenkult. Die Heilsgewißheit der eleusinischen Mysterien zieht die Größten des Volkes an. Die
neuen Ausgrabungen haben gelehrt, daß der Boden des Telesterions von
Eleusis schon in mittelhelladischer Zeit (Anfang des zweiten Jahrtausends)
Kultboden war, und diesen heiligen Boden haben die wohl nicht allzu zahlreichen Eroberer nicht zerstört, sie haben sich im Gegenteil umfangen lassen
von den magischen Kräften, die da aus der Tiefe stiegen, und eine Tradition
Philosophierens zu immer neuen Ansätzen getrieben: ein klarer, die Wirkdarauf gebaut, die über zweitausend Jahre gedauert hat.
Ioniern, sicher aber von Platon bezeichnet worden, der der Gottheit allein den
Vollbesitz der Weisheit (seit) zuteilte, dem Hellenen aber, der nicht ‘Bastard’,
sondern ‘echtbürtig’ war, die Liebe, den Willen zur Weisheit, das heißt das
Weise-Werden als Aufgabe. Der Drang zum Wissen hat, wie Aristoteles
sagt, als Gegenstand das Außerordentliche, Übergroße, Dinge, die zum
fragenden Staunen zwingen, deren Erkenntnis mühevoll ist,
(‘Daimonia’) -
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was man zu übersetzen nicht versuchen soll. Die schöpferische Epoche der spannungsreichen Entfaltung reicht — wenn das Leben
des Geistes sich durch solche Daten bezeichnen läßt — von der Sonnenfinsternis des Jahres 585, die Thales vorhergesagt hatte, bis zum Jahre 323,
in dem Alexander der Große stirbt. Es ist eine eigentümliche Nähe großer
Ereignisse, daß im Jahre 322 Aristoteles dem Schüler folgt. In dieser Epoche
lichkeit herrisch und mit unerhörter Energie angreifender und bewältigen-
Man hat die eben bezeichnete Zweiheit griechischer Wesensentfaltung
der Verstand und ein aus der Erde sich erhebender, immer wieder zur Erde
natürlich immer schon bemerkt und sie zu enträtseln versucht. Apollon und
Dionysos, Musen und Mänaden wurden zu Symbolen, die wesentliche
Grundhaltungen der hellenischen Ganzheit bezeichnen sollten. Man hat
beide Symbole auch bewertet: Nietzsche sprach Goethe das Verständnis der
Griechen ab, weil er die dionysische Ekstase aus den Möglichkeiten der
griechischen Sccle ausschlicße. Man hat aber auch gegen Nietzsche behauptet, der dionysische Orgiasmus sei nicht hellenisch, sondern Grundtatsache
eines unhellenischen, barbarischen Instinks. Das Primitive solcher Bewertungen liegt klar zutage, und Phantasien, die nur das eine oder das andere
zurückkehrender, ja tief in das chthonische Dunkel hinabsteigender Trieb,
der den Willen zur Erkenntnis jener ‘Daimonia’ immer auch hinlenkt zu
den ‘Daimones’ und ihm dadurch ganz andere Erkenntniszicle setzt. Wenn
diese beiden Grundkräfte in Andeutungen umrissen werden sollen, so wäre
zu beginnen mit der Schwelle des sechsten Jahrhunderts, wo an der Küste
von Milet für Europa das Frühlicht des wissenschaftlichen Denkens aufstrahlt. Im fünften Jahrhundert wird der modernste Gedanke des alten Hellas
gedacht, die Atomtheorie Demokrits, zugleich wird von manchen ‘Sophisten’
Die Antike XIV
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gelten lassen wollen, scheitern alle an der Tragódie, an jener vollendeten
Kunst, die aus Taumelelement und klarster Wirklichkeitserfassung entsprungen ist.
Man wird aber doch wohl, bei aller Vorsicht im einzelnen, sagen dürfen,
daß die Kräfte und Triebe, denen wir hier begegnen, zurückreichen in die
vorgriechische Zeit; wir dürfen sie jener im einzelnen schwer faßbaren Bevölkerung zurechnen, die in Hellas schon war, bevor die Stämme des Nordens kamen. Vielleicht ist der Ausdruck ‘ägäische Unterschicht’ nicht ganz
ungeeignet, dic Summe des Vorgegebenen zu bezeichnen, auf das die Indogermanen stießen. Wenn dies nun soeben zusammengeschen ist mit der
Helligkeit nordischen Wissenschaftsdenkens, so geschieht damit keine gefährliche Annäherung von religiösen und philosophischen Phänomenen.
Empedokles und Pythagoras vereinen beides, Platon nicht minder, freilich
in klassischer Reife, und die Erscheinungen des Hellenismus und der Jahrhunderte nach der Zeitenwende stellen jeden vor die Entscheidung, ob er
von Philosophie oder von Religion reden will. Griechisch jedenfalls ist das
alles; denn man hat kein Recht, nachträglich all das, was die nordischen
Menschen der Frühzeit in ihre Welt aufnahmen, als Verirrung abzulehnen.
Je nachdem man zum Beispiel das sechste Jahrhundert betrachtet, ist es die
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Im vollen Lichte der Geschichte, das dann ja wieder die Méglichkeit
gibt, zurückzuleuchten in die unzugänglicheren Zeiten der Vorgeschichte,
vollzieht sich die Annäherung der beiden Welten im vierten Jahrhundert
bei Platon. Seine Stellung zum Orient ist nun allerdings in kurzem Umriß
schwer zu bestimmen. Im Staat schreibt er den Hellenen den Trieb zur
Erkenntnis zu, den Ägyptern und Phönikern den Trieb nach dem Gelde.
Aber den Jenseitsmythos des 10, Buches erzählt Er, der Sohn des Armenios,
also der Trager eines hebräischen Namens, der auch unter den Ahnherren
Josefs von Nazareth erscheint. Sicher ist, daß Platon als Mensch des vierten
Jahrhunderts in seiner späteren Zeit, als er nicht mehr daran denken durfte,
seine
- allerdings ganz aus attischen Voraussetzungen geborenen und für
Athen bestimmten — Staatsgedanken in diesem Athen auch zu verwirklichen,
den Blick bewußt über die attische Polis hinaushob. Man muß beobachten,
wie er an wichtigen Wendepunkten seines nach gültigen Gesetzen ringenden
Denkens den Ton hebt und das Wort ‘Hellenen’ durch cin verstärkendes
‘und alle Menschen’ zur Allgemeingültigkeit steigert. Im Phaidon (78 A)
fragt Kebes den Sokrates: ‘Wer wird uns in Zukunft die Angst vor dem
Tode beschwören, wenn du von uns gehst?’ Darauf Sokrates: ‘Groß ist
Geburtsstunde der abendländischen Wissenschaft und sacculum mysticum
Hellas, da gibt es viele solcher Männer; zahlreich sind aber auch die Stämme
zugleich. Freilich wird Rohdes Wort vom fremden Tropfen im griechischen
Blut oft zitiert, aber es ist nicht richtig. Durch die homerische Herrenreligion, die Demeter und den Dionysos ausgeschlossen hat, rauscht in der
untersten Tiefe derselbe dunkle Strom, der in vorhomerischer Zeit entder Barbaren, wo ihr solche finden könnt.’ Man spürt es an dieser Gleichspringt.
Das eine allerdings ist sicher: was der ägäischen Unterschicht entsetzung, wie schon ein Menschenalter vor Alexander der hellenische Geist
bereit war, den Schicksalsweg in die Welt anzutreten. Wenn Platon von der
Welt (der Oikumenc, der bewohnten Welt) spricht, so kann er natürlich nicht
an den fernen Westen noch an den Norden jenseits von Thrakien denken,
sondern nur an die alte Welt, an den Osten und Süden. Das Verzeichnis
der Akademiker lehrt, daß Platon im Alter einen Chaldäer als ordentliches
stammt, gehört im weiteren Ablauf der Entwicklung nicht im selben ausschließlichen Sinn als Eigentum, als erstmalige, einmalige und unnachahmbare Schöpfung den Hellenen wie all das, was wir als leistung der nordischen Komponente bezeichnen dürfen. Der vorgriechische Mensch, mag
man ihn nun als vorderasiatisch, mittelländisch oder als karisch-pelasgisch
bezeichnen, ist sicher nicht semitisch. Aber was wir von ihm zu erkennen
vermögen, weist doch in cinem deutlichen Richtungssinn nach Osten, vielleicht auch nach Westen, aber nicht nach Norden. Das ist die letzte Erklärung
schen klassischer Bau zerstört werden sollte. Es ist kein Zweifel darüber
für die immer vorhandene breite Aufgeschlossenheit zum Orient, der in
möglich, daß das letzte seiner Philosophie, das nie geschrieben wurde, in
vielem und vor allem in seinen religiösen Kräften auf Hellas anziehend des-
Mystik gipfelte. Die Theologie der Nomoi fordert im Gegensatz zur Politeia
Anerkennung aller göttlichen Wesen, auch der Dämonen und Heroen. Darhalb wirkte, weil er dem Ägüischen urverwandt war.
Mitglied aufgenommen hat,
Aber wichtiger als Einzelheiten ist ja der Gesamtzug der platonischen
Philosophie. Neben höchstgespannter Dialektik stehen die orphisch-pythagoreischen Elemente. Hier hat Platon selbst für die Zukunft die Ansatzstellen geschaffen, von denen aus sein einzigartiger, in der Verschmelzung
des religiösen und philosophischen Motivs, des Ägäischen und des Nordi-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)aus folgt, daß die alte Akademie, die Stoa und der Neuplatonismus bei ihren
Konstruktionen sich auf ihn berufen und den Mythos der Diotima zur Offenbarung erheben dürfen. Der Satz des Protagoras: ‘Aller Dinge Maß ist der
göttlichen ‘Urgrunds’, das heißt jenes ‘Gottes’, der in der Nachfolge des pla-
Mensch’ lautet nun: ‘Aller Dinge Maß ist Gott’ (716 C). ‘Die menschlichen
Dinge verdienen es gar nicht, daß man sich ernsthaft mit ihnen abgibt. Gott
éntrazrizor, ein Fordern, ist in ihr zur Einheit gebunden. Sittlichkeit ist
verdient alle ernsthafte Hingabe; der Mensch ist zu einem Spielzeug Gottes
geschaffen, das ist das Beste an ihm’ (803 C).
schau, und es ergibt sich auf dieser Stufe der aristotelischen Entwicklung
Dies wirkt nun in der alten Akademie. Überraschend klingt der Anfang
die am meisten die Gottesschau möglich macht, ist die beste. Das ist die
der Epinomis des Philippos von Opus. Spätplatonischer Pessimismus bricht
durch: ‘In diesem Leben werden nur wenige glücklich. Aber nach dem
Tode. Ich sage damit nichts Unerhörtes, sondern nur das, was wir alle,
Hellenen und Barbaren, in gewisser Weise erkennen’. Von hier aus ent-
Bestimmung (¢ges) der Sittlichkeit. Eine Wahl aber, die daran hindert,
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tonischen “Ersten Lieben’ steht. Sie setzt aber zugleich diese metaphysische
Schau um in sittliches Wollen: ein Vewgyrizör, ein Betrachten und ein
Streben zu Gott. Der Schlußteil der Eudemischen Ethik gipfelt in der Gottesfolgendes einfaches Grundgesetz: ‘Die Wahl der natürlichen Lebensgiiter,
Gott zu dienen und ihn zu erkennen, ist schlecht’, Werner Jaeger erkennt
in dem Schlußteil der Eudemischen Ethik die klassische Urkunde der
theonomen Sittlichkeit im Sinne des späteren Platon.
wickelt sich die Tendenz der Schrift, den Apollon-Kult mit dem der Ge-
In der Tat war mit der Urethik die Möglichkeit gegeben, die platostirngötter, die Syrien und Ägypten die Griechen gelehrt hatte, zu vernische Einheit von Philosophie und Religion zu wahren. Das hätte in der
schmelzen. Die Hellenen sollen den Sterndienst zur Vollendung bringen.
Aristoxenos erzählt eine Anekdote, die auf Sokrates geht, in Wirklichkeit
aber Platons späte Theologie trifft, die alle ethischen Fragen der Eudaimonia und der Arete auf die Gotteserkenntnis zurückführt. Ein Inder kommt
zu Sokrates und fragt ihn nach seiner Philosophie. Sokrates antwortet: ‘Ich
suche das menschliche Leben zu begreifen’. Darauf der Inder: ‘Das ist doch
unmöglich: der Mensch kann sich selbst nicht begreifen, solange er nicht
Gott erkannt hat.’ Dies ist auch die Lehre des ‘Großen Alkibiades’, das sind
die Ansatzpunkte für den Neuplatonismus. Gerade an der Stelle des ‘Großen
Alkibiades’, wo dies entwickelt ist, lesen wir in unseren Texten eine neu-
Zeit nach dem Alexanderzug für den Peripatos unabsehbare Folgen haben
müssen. Aber Aristoteles entwickelt sich weg von Platon zu cigencr Form
und in diese Form wurde — so sehr wir das Platonische bei ihm sehen gelernt haben — in gewaltiger Wesensentscheidung von den beiden Grundkräften des hellenischen Wesens die cine bestimmend aufgenommen, dic
den Verzicht auf das dunkel Sehnende und inbrünstig Ahnende in sich
schloß. Die Idee des höchsten Gutes, des absolut Lieben und Schönen
wird preisgegeben. Die Metaphysik des Aristoteles ist Leistung eines autonomen Forschers. Sie stößt vor an die Grenze, die von nun an Grenze
geblieben ist: das Wagnis des Mythos, des Schreitens in das Dämmerlicht
des Irrationalen hat er sich nicht mehr gestattet. Wohl hat zum Beispiel
platonische Interpolation.
der Nachfolger des Aristoteles, Theophrast, in sein Buch über dic Eusebeia,
den Götterkult, Mythen eingestreut, aber das ist farbiger Schmuck, das
Der Schritt zurück in die hellenische Urzeit und in die unmittelbare
Vorgeschichte des Peripatos, die Herausarbeitung der doppelten Grundra
kann man herausschneiden ohne den Zusammenhang zu stören. Wir treten
in eine neue Welt ein. In den Schriften des Aristoteles liest man ein paar
struktur des hellenischen Geistes, des Mystisch-Irrationalen und der Tageskurze Bemerkungen über die Magier. Das ist noch Erbe der Akademie, in
helle des Rationalen war notwendig, damit nun die Stellung des Peripatos
der auch die Weisheit des Iran eine Heimstätte gefunden hatte, aber sonst
sich klar in dem Gefüge des griechischen Geistes-Kosmos abzeichne. Der
ist der Blick des Stagiriten nicht nach dem Osten gerichtet.
junge Aristoteles ist Platoniker, er steht auf dem Boden der spätplatonischen
Das wird anders bei den Schülern. Eudemos hat in seiner Geschichte
Akademie. Es ist eine der am besten begründeten Erkenntnisse der neuen
der Mathematik festgestellt, daß? die Arithmetik bei den Phönikern ent-
Aristoteles-Forschung, daß die ‘Vernunft’, Phronesis der aristotelischen
stand und die Geometrie bei den Ägyptern, daß sie aber praktischen Be-
Frühzeit noch ganz jene Vereinigung des philosophischen und religiösen
dürfnissen entsprangen und praktischen Zwecken dienten. Erst die Griechen,
Motivs zeigt, die für Platon charakteristisch gewesen war. Sic ist Schau des
vor allem Thales und Pythagoras, haben nach ihm die Mathematik logisch-
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theoretisch betrieben, nachdem Thales die ersten Ansätze aus Agypten geneuen organischen Einheiten zu verbinden, ermißt man, wie weit an der
bracht hatte. Es soll gleich festgestellt werden, was für cin Forschungsziel
denn diesem Tatsachenbericht zugrunde liegt: es ist ein peripatetisches, dic
Frage nach dem ‘ersten Erfinder’, nach dem Anfang (der «pz»). Die wenigen
Bruchstücke der eudemischen Geschichte der Astrologie zeigen gleichfalls
die Gesinnung reiner Wissenschaftlichkeit. Das Gebiet, das an der flimmernden Grenze des Exakten und des Wahnes lag, wird dem Peripatetiker ein
Gegenstand der Forschung wie Botanik und Zoologie auch. Es wird eingegliedert in die wissenschaftliche Organisation der Schule, es ist Thema, das
zur Bearbeitung zugeteilt wird, und die Richtung des Erkenntnisstrebens ist
festgelegt durch den Satz aus dem Schlußteil der Topik: ‘Das Größte an
jedem Ding ist der Anfang’. Die Frage zig vi ei.ger “Wer hat was gefunden?’ ist das vorwärtstreibende Motiv, mit dem auch die Religionsgeschichte
von Eudemos bearbeitet wird. Die Frage lautet: Welche Anfänge Ichren die
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Peripherie jene Notiz des Magikos liegt. Hier kommt die noch ganz ungebrochene Kraft des hellenischen Geistes zum Ausdruck, der den Anspruch
die älteste Philosophie zu haben, gerne den Barbaren überläßt, eben deswegen, weil er noch selbstgewiß und überlegen in sich ruht. Hält man die
soeben besprochenen ‘Orientalismen’ etwa gegen die altakademische Epinomis, so wird mit einem Schlag die Kluft erkennbar, die zwischen Peripatos und alter Akademie geöffnet war. Hier ist das Eindringen in den
Orient, um eine an der Grenzscheide von Philosophie und Religion liegende
Lehre zu schaffen, dort Statistik, rein verstandesmäßige Erforschung dessen,
was jeweils am Anfang war. Die Haltung des Peripatos läßt sozusagen den
Orient und seine den Menschen gewaltig ergreifende Macht nicht an die
Mitte herankommen, ihn nicht in dem umzirkten Bereich hellenischer
Denk- und Wertsetzungen wirksam werden.
einzelnen Religionen, zunächst die griechische, dann die babylonische, ari-
Neben der, wenn ich so sagen darf, exakteren Methode des Suchens
sche, phönikische und ägyptische?
Wie Mathematik- und Religionsgeschichte, so entstcht in dieser Organisation der Forschung auch die Philosophiegeschichte, deren Aufrifi Theophrast in einem monumentalen Werke niedergelegt hat. Das berühmte
Prooimion des Diogenes Laertios, das ganz auf peripatetischer Arbeit beruht, wagt sich weit hincin in den Orient, indem es lehrt, daß die ‘Erfindung’ der Philosophie bei den Barbaren geschehen sci. Es beginnt mit
einem Zitat aus dem Magikos, einem Dialog, der wohl nicht von Aristoteles selbst stammt. Hier werden die ‘Erfinder’ der Philosophie bei den
Barbaren aufgezählt: bei den Persern waren es die Magier, bei den Babyloniern und Assyrern die Chaldäer, bei den Juden die Gymnosophisten, bei
den Kelten die Druiden. Hier ist also nicht etwa die griechische Philosophie
nach dem Anfänglichen hat die Schule auch noch eine leichtere, dehnbarcre
Form geschaffen, in die das gesammelte Material gebracht wurde: es ist die
vielgeschmähte, aber in ihrem Wesen noch nicht ganz begriffene Sammlung
der atta, Mirabilia, der Wunderdinge, wo reiche Nachrichten ausgebreitet waren über iranische Magie, phönikisch-jüdische Glaubensvorstellungen, ägyptische Zauberei und chaldäische Astrologie. Man spricht
hier von peripatetischem Hang zum Klatsch, zur Unkritik. Aber man wird
damit nicht der Tatsache gerecht, daß es gerade diese und keine andere
Form war, in der griechische Philosophen das seit dem Alexanderzug von
überallher eindringende Exotisch-Ferne begriffen. Man erfaßt die distanzierende Kraft dieser Form, der noch immer etwas Naives anhaftet, erst
dann in ihrer Bedeutsamkeit, wenn man den gesamten Ablauf der Ausin ein Abhängigkeitsverhältnis von der orientalischen gebracht, sondern wie
einandersetzung zwischen den alten hellenischen Positionen und der weit
das Prooimion weiterhin zeigt, hat die Vorstellung von dem ungehcuren
gewordenen Welt überschaut.
Alter der orientalischen Kultur zu der Folgerung geführt, daß in ihrem
Bereich eben auch der Anfang der Philosophie zu suchen sei. So wird von
Hephaistos, dem Begründer der ägyptischen Philosophie bis zu Alexander
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Wie der Peripatos sich grundsätzlich zum näheren und ferneren Osten,
dem Großen ein Zeitraum von 48863 Jahren angesetzt. Aristoteles ist in
Südosten und Süden stellt, das ist die Weise der Ionier, die in jungem
seinen philosophischen und fachwissenschaftlichen Schriften Hellene, da
Wissensdrang auszogen nach ivrogi, deren Geist die Worte des alten
weiß er vom Orient nichts und nur, wenn man sich die Tatsache vergegenägyptischen Priesters an Solon galten, die Hölderlin immer wieder bewärtigt, daß in dem gewaltigen Corpus Aristotelicum schlechthin nirgends
geisterten: „Kinder seid ihr, Hellenen, und bleibt es. Keiner wird zum
der Versuch gemacht wird, hellenische und orientalische Lehrgchalte zu
Greis, denn eure Seele ist jung. In ihr ist nicht aus alten Zeiten überlieferter
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Wahn und nichts von altersgrauer Lehre!“ Seit der ersten Kolonisation
hatten die Griechen ja nie aufgehört, die Ägäis zu durchmessen und weit
von der Küste weg vorzudringen. Seit dem siebenten Jahrhundert lernten
sie dic geheimnisvolle ägyptische Kultur kennen. Schon das Danaiden-Epos
erzählt vom ägyptischen Apis und macht in kühner genealogischer Konstruktion Agypter und Danaer zu Söhnen des semitischen Belos. Alkaios
war in Ägypten, sein Bruder bei Nebukadnezar. Dem ersten Psammetich
helfen griechische Söldner den Staat aufbauen, unter dem zweiten ziehen
sie nach Äthiopien und graben - - also im frühen sechsten Jahrhundert —
zusammen mit ihren phönikischen Kameraden ihre Namen ein auf den
Kolossen des Tempels von Abu Simbel nahe am zweiten Katarakt. Wenig
später hören wir von einer Söldnerempörung in Elephantine. In der AshörInschrift sind sie genau bezeichnet als Palästiner, Griechen, Syrer und
Karer. Diese Söldner, die in der Abu Simbel-Inschrift aus ihrer Namenlosigkeir herausgetreten sind, haben natürlich keine wissenschaftlichen Interessen, aber Verbindungsglieder zum Süden sind sie; Herodot (II 154)
weiß das und spricht cs auch aus, daß wir von der Ansiedlung der griechischen Söldner in Ägypten an gerechnet genaue und sichere Kunde von
dem Lande haben. Derselbe Drang in die Ferne treibt ja dann die Männer
der ionischen ‘Historie’ in die Welt. Hekataios bereist Ägypten, Skylax
von Karyanda ist der erste Indienfahrer am Ende des sechsten Jahrhunderts. Für Herodot ist die Ableitung der griechischen Kultur und der
Götter aus dem Orient, aus Ägypten und Phönikien schon ganz geläufig.
Für ihn ist der Ahnherr der griechischen Philosophie, Thales, ein Phöniker,
und es hat der siegreichen Beweisführung von Diels bedurft, bis die These
aus der wissenschaftlichen Diskussion verschwand, der Vater des Thales
habe Hexamyul geheißen, sei also ein phönikischer Namensvetter des Samuel gewesen.
Der Geist der ionischen ‘Historie’ ist es, der im Peripatos wirkt. Hier
ist der ionische Welthorizont, die völlige Hingabe an das denkende Durchdringen der Oikumene. Theophrast und Eudemos gestalten die größte Anregung, die der Orient zu geben hatte, die religiöse, um zur Religionsgeschichte. Es ist dies die innere Form des Peripatos, die hinführt zu Straton:
die Metaphysikferne, die Theophrast nur noch Aporien zur Metaphysik
schreiben und Straton zugunsten der Physik ganz auf sie verzichten läßt,
Der fromme Eudemos ist Fabel, und die Frömmigkeit der Eudemischen
Ethik isı platonisch.
Priipates und Orient
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In seinem Werk über die Euscbeia geht Theophrast bei der Schilderung
der Urzustände sofort auf ägyptischen Boden; er hat Nachrichten über die
Menschenopfer in dem semitischen Karthago, und bei ihm finden wir auch
zum ersten Mal ausführlich in der griechischen Literatur die Juden erwähnt.
Sie sind ihm ein philosophischer Stamm, ähnlich wie für Klearch, den
Schüler des Aristoteles, der in seinem Dialog über den Schlaf Aristoteles in
Kleinasien mit einem Juden zusammentreffen läßt. Sie sind eine gelchrte
Kaste der Syrer wie die Brahmanen es bei den Indern sind. Nach Theophrast fasten die Juden, wenn sie opfern, genießen nichts vom Opferfleisch
und führen philosophische Gespräche. Natürlich war es J. Bernays, dem
Kenner des Alten Testaments und des Talmud leicht, nachzuweisen, daß
in den Nachrichten des Theophrast nicht alles seine sachliche Richtigkeit
habe. Aber wichtiger doch als diese Feststellung ist es, zu verstehen, in
welcher Haltung der Peripatos dem Fremden, in diesem Falle dem Semitischen, gegenübertritt, Es ist doch die Zeit, die schon lange innerlich bereit
war, sich tief von dem fremden religiösen Gut durchdringen zu lassen. In
den Horen hatte schon Aristophanes gegen die fremden Götter sich gewendet, denn schon in das Hellas seiner Zeit war die kleinasiatische Góttermutter mit ihrem orgiastischen Lármen cingezogen,war Sabazios Mode und
die thrakische Bendis, der phónikische Adonis und der libysche Ammon.
Als Aristoteles die Schule noch führte, zeichnete Demosthenes mit charakteristischen Strichen in der Kranzrede die phrygischen Mysterien, und als
Theophrast die Schule übernahm, trat bald schon Sarapis, vom ersten
Ptolemäer propagiert, an die Stelle hellenischer Götter.
In dieser Zeit des beginnenden Synkretismus, der bald nicht mehr auf
das Volk beschränkt bleiben sollte, sondern auch die Philosophenschulen
eroberte, verschließt sich der Peripatos durchaus nicht dem Neuen. Begierig wird jede Nachricht, die Teilnehmer am Alexanderzug nach Hause
bringen, aufgenommen, aber sie wird nicht hereingenommen in den festgefügten Bau des Systems, sie erhält keine Möglichkeit, sich etwa festzusetzen und fremdbedingte Entwicklungen auszulösen. Die ionische Historie
war schon früher am Werk gewesen, gerade auch die Muvndara des semitischen Kulturkreises zu erfassen: Herodot berichtet, daß die Phöniker und
palästinensischen Syrer die Beschneidung von den Ägyptern übernommen
hätten, und etwa zur gleichen Zeit schildert das Epos des Choirilos von
Samos, daß unter den Teilnehmern am Xerxes-Zug ein scltsamer Stamm zu
schen gewesen sei, der phönikische Laute gesprochen und am Ufer des
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Toten Meeres gewohnt habe.
nicht die überragende religiöse Literatur des Orients, etwa das Alte Testament, das doch schon im dritten Jahrhundert vor Christus in griechischer
Sprache zugänglich war, das Interesse des Peripatos erweckt, sondern gerade
der Achigar-Roman, in dem weder Götternamen noch sonst religiöse Motive
vorkommen. Nur Menschenweisheit wird da verkündet, in hebräischer
Sprache, aber ohne nationale Färbung. Die folgenreiche Synthese zwischen
hellenischer Philosophie und dem israelitischen Schrifttum ist also vom
Peripatos nicht einmal angebahnt. Dreihundert Jahre später, nachdem schon
— Wic Theophrast sich zum semitischen
Orient stellt, das ist nichts anderes als die geradlinige Fortsetzung der altionischen Historie, ja auch die Lust zu fabulieren ist noch am Werk und ruft
den ‘l’adel des modernen Kritikers hervor. Die semitische Frömmigkeit lockt
aber den Peripatetiker nicht zu assimilierendem Experiment. Er erforscht
auch die Flora Palästinas, er bringt in Erfahrung, wie groß die Balsamgärten
um Jericho seien: Judäa, die Heimat eigenartiger religiöser Bräuche beansprucht dasselbe erkennend-fragende Interesse wie Judäa, die Heimat der
viele Zwischenstufen durchlaufen waren, konstruiert sie Philon von Alexandrien mit seinen Thora-Kommentaren. Was daran griechisch ist, stammt
aber nicht aus dem Peripatos, sondern aus Platon — so wie er und seine
seltsamen Balsamstaude. Das ist peripatetische Nüchternheit, sagt man, aber
derselbe Geist ist noch schöpferisch genug, in Alexandrien jenen Typ des
Gelehrten zu formen, der zugleich vornehme Werke der Dichtkunst schafft,
die man in gewissem Sinne als peripatetisch zu bezeichnen berechtigt ist.
Zeit ihn verstand — und aus der Stoa.
In dem Schriftenverzeichnis des Theophrast stößt man auf einen
5
Diese wenigen Beispiele aus der, wenn man so sagen darf, peripatetischen Orientalistik, mögen genügen zu dem Schlusse, daf eine Schule,
für die der Orient ausschließlicher Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis
und Bewältigung war, den Orient in ihre Bezirke aufnehmen konnte, ohne
hellenisches Wesensgefüge daran zu geben. Es ist daher eine naturgemäße
höchst bemerkenswerten Titel, der in den Handschriften Akicharos lautet,
ein Name übrigens, der durch cine eigentümliche Laune der Kulturverbreitung nach Deutschland, und zwar in buchstäblichem Sinne auf deutschen Boden gekommen ist. In Trier ist in einem reichen Haus des dritten
Jahrhunderts nach Christus ein Mosaikfußboden gefunden worden, in dem
Folge, daß der Peripatos in dem immer weitere Kreise ziehenden Synkredie einzelnen Musen dargestellt sind zusammen je mit dem ältesten Vertismus keine Rolle spielt. Mit einer Ausnahme: die logische Grundlage hat
er für alle späteren Systeme geliefert, ja auch der Islam hat sein Denken
treter ihrer Kunst. So steht neben Kalliope Homer und neben Polyhymnia
Acicarus. — Von diesem Buch zu sprechen ist nicht ganz leicht, denn es
ist bis jetzt noch kein einziges Fragment nachzuweisen gewesen. Und doch
an den Kategorien des Aristoteles geschult.
Cicero hat in seinem Werk über die Lebenszicle den nachtheophrastischen Peripatos zwar für besser als die anderen Philosophenschulen erklärt,
ihn aber immerhin als degencratio charakterisiert. Er meint aber damit nicht
ein Herabsinken im Sinne der Entartung schlechthin, sondern nur eine weniger strenge Auffassung vom Lebensziel, eine zu starke Rücksichtnahme
auf die äußeren Dinge des menschlichen Lebens, wo doch die Arete allein
zum Glückszustand schon ausreiche. Daß die Nachfolger des Aristoteles, an
der überragenden Bedeutung des Schulgründers gemessen, Epigonen sind,
genau so wie die Akademiker, ist richtig. Aber daß die Schule bis zur Zeit
gestattet der bloße Titel eine wichtige Feststellung: es hat im Orient, vielleicht schon im sechsten Jahrhundert cin weitverbreitetes Buch gegeben, in
dessen Mittelpunkt der Minister des Assyrerkönigs Sanherib, Achigar und
sein Neffe Nadan standen. Seit 25 Jahren kennen wir das Buch durch den
Papyrusfund von Elephantine in der Gestalt, die es im fünften Jahrhundert
im Orient gehabt hatte. Es besteht aus einem erzählenden Teil, der aber nur
den Rahmen liefert zu den Weisheitssprüchen, die Achigar an seinen Neffen
richtet. Die Sprüche nähern sich oft stark der Tierfabel und auch Gleichnisse aus der Pflanzenwelt fehlen nicht. Entscheidend ist nun, daß diese
Ciceros sich in allem wesentlichen getreu bleibt, ist groß. Und dann nimmt
die Geschichte des Peripatos eine Wendung, der sich nichts Vergleichbares
Schrift in dem Buch Tobit des Alten Testamentes als bekaunt vorausgesetzt
ist, daß also das Achigar-Buch in den Kreis der alttestamentlichen Apokryphen gehört. Wenn wir nun unter den Schriften Theophrasts den Titel
Akicharos finden, so ergibt sich, daß ihm das berühmte Volksbuch bekannt
war, und daß die Geschichte von Achigar oder cher wohl seine Weisheitssprüche die Hauptrolle in dem peripatetischen Buch spielten. Es hat also
zur Seite stellen läßt. Wenn wir die geistesgeschichtliche Lage des so komplizierten ersten Jahrhunderts vor Christus erwägen, so kann die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, daß der Peripatos am Ende jener von
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Dirlmeicı
Peripatos und Orient
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Cicero geschilderten degencratio in ein engeres Verhältnis zu dem Pytha-
Speusippos, die unendliche Mannigfaltigkcit der Pflanzen und Tiere durch
goreismus getreten ware, der damals durch einen Vertrauten Ciccros, den
Klassifikationen zu gliedern, ist es ebenfalls geblieben. Entscheidend fiir dic
wunderlichen Praetor Nigidius Figulus, einen bedeutenden Aufschwung erlebte. Denn es gab in der pcripatetischen Schule seit Aristoxcnos, also seit
Aristoteles, cinen nie ganz gelésten Zusammenhang mit den Pythagoreern,
der nur noch nicht geniigend erforscht ist. Aber es kam zu keiner Verbindung, die Richtung des Aristoxenos erfuhr keine Verstärkung: ein echter Hellene, Andronikos von Rhodos, gab in diesem ersten Jahrhundert dem Peripatos jene Richtung, die er bis zum Ausgang der Antike beibehalten hat: er führt
die erste Renaissance des Aristotelismus herauf, indem cr die aristotelischen
Platonwirkung seit der ersten Generation wird Xenokrates und damit ein paar
eade
Sätze aus dem Theactet, wo Platon von der Flucht aus dem Diesseits und dem
Ahnlichwerden mit der Gottheit gesprochen hatte, ein paar Sätze aus dem
Symposion, wo in dem Mythos der Diotima von dem Reich der Damonen die
Rede gewesen war, dem Eros angehöre, also von jenem Mittelreich zwischen
Gottheit und Sterblichen, das den großen Syndesmos im All gewährleistet,
und wirksam wird schließlich die Gestirnbescelung aus dem kosmogonischen Mythos des Timaios, Dic triebhaft irrationalen Sehnsüchte des hel-
Pragmatien sammelt, ordnet und herausgibt. Von nun an kann man mit
lenischen Menschen, das ägäische Erbe, klammern sich an diesen Platon
Seneca sagen: quac philosophia fuit, facta philologia est. Es beginnt das
und suchen von ihm geleitet den Weg der Erlösung zu finden. Hatte Platon
(yeniorekißen,
wie Strabon
sagt,
ein Ausdruck,
keine andere
in der klassischen Maßhaltung seines hellenischen Wissens um Grenzen
Philosophenschule ähnlich gebildet worden ist. Ein 24ewwrizur gibt es im
gesprochen von einem Ähnlichwerden mit der Gottheit ‘nach Möglichkeit’,
hellenischen Wortschatz nicht. Es entstehen die ersten Kategorienkommenza 10 durerér,
tare, und in der Zeit völliger Überflutung durch den Orient bringt die Schule
mehr zu erweitern und die völlige Wiedervereinigung, ja das Aufgehen in
ihren
bedeutendsten
der
für
Kommentator hervor: Alexander von
so arbeitet die Folgezeit daran,
dieses durerdr immer
Aphrodisias.
dem obersten Prinzip als Ziel des Menschen zu proklamieren. Philosophie
Gewiß klingt da manches in scinen Schriften an Platon oder die Stoa an,
will nicht mehr Wissenschaft sein, sondern Religion mit den Mitteln einer
aber an orientalische Geisteswelt nichts. Die verpflichtende Größe des Lehdarauf berechneten Theologie, Kosmologie und Anthropologie. Damit ist
rers bleibt gewahrt: die eine Komponente des hellenischen Geistes, der
die weite Aufgeschlossenheit für das religiöse Gut des Orients gegeben.
unbesiegliche Wille zum Denken, zur göttlichen Nüchternheit des Denkens,
hält mit imponierender Starrheit durch.
An die Seite der Platoniker tritt früh, als der Nachfolger des Xenokrates der Akademie vorstand, ein Orientale, Zenon der Phöniker, der Sohn
des Manasse mit seinen Anhängern und Nachfolgern, die Semiten und
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Halbsemiten sind bis auf den einen Kleanthes. Wohl baut er aus hellenischen
Die Wucht dieses Phänomens ist erst ganz zu ermessen, wenn wir nun
Elementen sein philosophisches Gebäude, aber der Geist, der die einzelnen
noch einen Blick auf die anderen Schulen werfen. Die Verlaufsstruktur der
Teile zusammenbindet, ist fremd und er bindet Unorganisches zusammen.
platonischen Philosophie bietet ein ganz anderes Bild. Man beruhigt sich
Da steht denn neben dem Haften am Dinglichen, das Seele und Gott, ja
meist mit der Feststellung, daß die Einheit des platonischen Philosophiesogar jede seelische Regung, jeden Affekt als körperlich ansieht, höchster
rens
Spiritualismus: die Annäherung des Vernünftigen, des Weisen an Gott.
nach dem Tode des Meisters eben das Schicksal so vieler anderer
Schöpfungen geteilt habe: nicht als Ganzes weitergegeben zu werden, son-
Dem Rationalismus fremd, allerdings aber auch dem echten Hellenen von
dern in Teile sich aufzulösen. Aber wenn schon nach dem Genius in der
den Nachtgründen der Orphik her doch vertraut ist die Lehre von der
Akademie nur noch Epigonen möglich waren, warum lebt dann in ihnen
nicht weiter Platon der Dialektiker, der Logiker, der den Weg des Ver-
Erkrankung der Seele durch das Verkümmern der göttlichen Vernunftkeime, so daß sie sich an etwas außer ihrer Eigengesetzlichkeit Stehendes
standes zu Ende geht und erst dann zum Mythos greift, wenn das ‘Arrheton’,
klammern muß, um wieder zu gesunden: an den Weltlogos, der zugleich
das Nichtaussprechbarc, beginnt ? Warum nicht Platon der Naturwissenschaft-
Nomos und Gott ist: Chrysipp lehrt, daß diese Gottheit Vater und Sohn,
ler, der Empiriker? Die glanzvolle Wiedererweckung platonischer Geistesschaffendes und geschaffenes Prinzip zugleich sci. Das ist Wissen des Orients
klarheit durch Arkesilaos und Karneades bleibt Episode, und der Versuch des
in hellenischer Spekulation. Die allwaltende Gottheit offenbarı sich auch
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in Zeichen, und so hat die Stoa ihr besonderes Verhältnis zu Mantik und
dürfen, Das ist der letzte Sinn der Tatsache, daß der Peripatos von der
chaldäischer Astrologie. Was im Peripatos Gegenstand des wissenschaftreligiösen Durchwärmung durch das östliche Gut nicht erfaßt wird und
lichen Erkenntnistriebes und damit von der Erlebnismitte distanziert ist,
daß das "Thema ‘Peripatos und Orient’ eigentlich zu lauten hätte ‘Die periwird der Stoa tragender Grundpfeiler des Systems.
patetische Orientalistik’,
Es ist ohne weiteres klar, daß stoisches und platonisches Philosophicren
Aber indem wir die Schule des Aristoteles in die Gesamtheit griechischen vorpte-Strebens hineinstellten, hat sich zugleich gezeigt, daß der Perisich nähern mußten, und in der Tat sind alle philosophisch-religiösen Strömungen des Hellenismus und der Spätantike aufgebaut auf stoisch-platonipatos allein nicht das ganze Hellas ist, sowenig wie etwa die mathematische
schen Elementen, denen die Impulse des Orients zu unauflöslicher Einheit
Klarheit des geometrischen Stils allein die Kunst von Hellas bedeutet,
sich beigesellen. So entsteht die Mystik etwa der Neupythagoreer oder
trotzdem wir gewiß in dem Willen, der die Tonwand eines Gefäßes durch
des Hermes Trismegistos oder der sogenannten chaldäischen Orakel, wo
strenge Linien beherrscht, den Willen vorausahnen dürfen, der später das
Orphisches und Pythagoreisches, Stoisches und Platonisches zur Heils-
Chaos der Umwelt durch lineare Grenzsetzungen des Geistes zum Kosmos
lehre sich einen. Im sogenannten mittleren Platonismus bleibt von dem
gebändigt hat. Es ist nicht so, daß die Erscheinungen des ausgehenden
Ganzen der platonischen Philosophie nur noch die Unsterblichkeitsichre
vierten Jahrhunderts vor Christus und der Folgezeit nur ein Einströmen
übrig und die Philosophie wird definiert als Loslösung der Seele vom Körper.
fremden, etwa unwillkommenen Gutes, des Orientalischen, wären; nein,
An diese Lehrform schließt sich unmittelbar an — soweit wir das noch zu
der uralte Mutterboden der Ägäis ist wieder zeugend geworden und hat
erkennen vermögen — Ammonios Sakkas, der Begründer des Neuplatonisdas, was der Osten zu geben hatte, begierig aufgenommen. Und beides geht
mus, der den platonischen Dualismus der sichtbaren und unsichtbaren Welt
am Ausgang der Antike ein in die Unsterblichkeit: lohende Glut, Ekstase
überwindet durch den Demiurgos, den Gott, den König, den Schöpfer sowohl des Sichtbaren als auch des Unsichtbaren, der diese Schöpfung aus
dem Nichts vollbringt, nur durch seinen Willen. und der zugleich, eine
ganz unhellenische Vorstellung, Weltenrichter ist. Aus diesen Elementen
baut sein Schüler Plotin das System, das in der Ekstasis gipfelt, in der schließlich die ganze Fülle des Gedachten, Erschnten und Erlebten in einem umfassenden letzten Ausklang verströmt.
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Was gewöhnlich an der Schule des Aristoteles als Unbeweglichkeit,
Erstarrung gekennzeichnet wird, erscheint jetzt, vom Hintergrund der Gesamtentwicklung des griechischen Geistes abgehoben, als starres T’esthalten
allerdings, aber als lesthalten an der Grund- und Urform der hellenischen
Philosophie, die nichts anderes war als die eigengesetzliche, selbstverantwortliche Frage nach dem Sinn alles Wirklichen, und, soweit sie Ethik war,
nichts anderes als die eigengesetzliche, dabei aber der Polis verantwortliche
Formung des Einzelmenschen nach den ‘Sitten der Väter’, den auge: 99,
eine Philosophie, aus deren Wesen sich die Unmöglichkeit ergab mit dem
Orient organische Neubildungen zu zeugen, in der wir daher die ausschließliche und unnachahmbare Leistung der nordischen Einwanderer erblicken
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auf der einen
grenzenaufrichtende und -bewahrende Zucht auf der anderen Seite. Beides ewige Zeugen desselben Schöpfungsaktes, der vor
Jahrtausenden im Süden stattgefunden hat: Geist des Mittelmecres
—
nordischer Geist.
Die Größe der Leistung des hellenischen Willens zur Sophia ist Größe
aus zwei tragenden Gliedern: Mystik und Helle, Trieb und Bändigung.
Aus dem Ringen entsteht Vollendung. Vollendung, deren Werdegang nordische Menschen bestimmt haben, und die die Wissenschaft von der Antike
und in besonderem Drängen gerade die deutsche Wissenschaft mit neuem
Eros wieder sucht. Dicse Wissenschaft steht mit cinem solchen Forschungsziel ganz in der Gegenwart und nimmt aus der großen Willensrichtung
der Gegenwart die wahrhaft peripatetische Aufgabe, nach dem ‘Urgrund’,
der «97 der eigenen Art, des Artgemäßen zu suchen. — Es muß hier das
Wort wiederholt werden, das Wilamowitz 1923 in Düsseldorf gesprochen
hat, als die Franzosen die Ruhr besetzt hielten und in der Stadt Belagerungszustand war. Er hat damals romanisches und deutsches Ringen um die
Antike voneinander abgegrenzt und gesagt: „Wir sind imstande gewesen,
den Hellenen in die Seele zu sehen, weil wir Germanen waren.‘‘ Und wir
dürfen weiter sagen: Der germanische Mensch weiß
- scine Kultur ist ja
der lebendige Ausdruck davon —, daß bei den Griechen zum ersten Mal
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dieses Bewußtwerden forschend noch einmal vollzieht, so entspringt daraus
in althellenischer Harmonie von Erkennen und Wollen die bewahrende,
zugleich aber auch die begeisterte Haltung einer Kultur gegenüber, die nach
einem Worte des Führers „Griechen- und Germanentum gemeinsam umschließt‘‘. Nach den tiefen Gesetzen alles Lebendigen sind Selbsterkenntnis
und Selbstbehauptung unlösbar miteinander verbunden: Rückkehr zu den
Ursprüngen schafft jenes letzte Übereinstimmen mit sich selbst, von dem
Platon gelehrt hat, daß es den Einzelnen und die Staaten frei mache zu allem
Großen.