Pythagoras in den carmina cantabrigiensia

Auteur
Kranz, W.
Publié dans
Rheinisches Museum
Année
1959
Sujet
CARMINA CANTABRIEGSIA
Langue
Deutsch
Catégorie
C6 Langue et littérature
Numéro d'archive
207

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Afficher le texte intégral12 pages

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4° e os ‘ sed" È ve. urn, + . N Ps © 0 0 0 0 0 0 0 0 e e © e m RUDOLF JUD Hersusg. d. Zeitschr. »Erssmus« Rheinisches Museum Daslinksrheinische Korps des si k. k, Feldmarschallieutenants Hotze für im Herbst und Winter 1796 PHILOLOGIE Dargestellt an Hand der Original-Akten aus dem Kriegsarchiv Wien È or sed A BD R2 Seiten. inkl. 8 Tabellen und 2 Lageskizzen. a, Kranz "N. . DM 6,40 Herausgegeben von I= i KRANZ W » Puythaguras abriendo Zyinugyuras D Carmina Cantabrigiensia. -- Kraxz W. » Pythagoras in den Carmina Cantabrigiensia : RhM CII 1959 292-302. | Te Xte critique et commentaire de la 21* séquence, A qui porte avec raison de puis qui révèle chez le poëte une véritable culture phllosephtque. ió Strecker o? A. age . den Carmina Cantabrigiensia : ef. Carmina Canle ti el = Ernst Bickel und Hans Herter im| Das hai 3 Neue Folge a Hundertundzweiter Band elle em ‚die ‚der scht 3 un | .—- .. . nsjas gebletes verbreiten — die letztere war im Elsaß eindeutig und geschlossen feindselig gegen die Österreicher (S. 51) —, da außerdem eine Fülle von Ortschaften auf dem linken Rheinufer von der Selz bis zur Queich vorkommen ‘ "und in den beigegebenen Karten wie im Register sorgfältig verzeichnet sind — z.B. die Mirorseseng der Befestigungen von Germersheim —, wird die ichte aus dem Schriftchen Nutzen ziehen und die | kurpfälzische Landesg weitere Auswertung der Wiener Kriegsakten begrüßen, die der Vf. ankündigt.« Prof, Dr. Leo Just im »Mitteilungsblatt zur rheinhessischen Landeskunde« (Mainz) | J. D. Sauerlinder’s Verlag - Frankfurt am Main Frankfurt am Main 3. D. Sauerländers Verlag

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Ernst Bickel: Kant und Seneca wirkung auf Seneca bzw. Kant ausgeübt haben. Wenige Seiten vor dem “Beschluß” der Kritik d. pr. V. schreibt Kant 6 Verse des luvenal, sat. 8, 79—84 lateinisch aus, die in die Forderung ausklingen: summum crede nefas, animam praeferte pudori et propter vitam vivendi perdere causas. Auch dies begünstigt die Auffassung, daß nur mit einer Seneca-Reminiszenz bei Kant zu rechnen ist. Bonn Ernst Bickel PYTHAGORAS IN DEN CARMINA CANTABRIGIENSIA Wenn einmal eine tiefer und weiter dringende Geschichte des Pythagoreismus geschrieben werden sollte — es wäre ein überaus schwieriges Unternehmen —, so müßte dies unter dem Gesichtspunkt der europäischen Geistesgeschichte geschehen und es dürften ebenso wenig Mittelalter und Renaissance übergangen werden wie unser eigenes Zeitalter, in dessen physikalischer und musikalischer Theorie die ursprüngliche Lehre der Pythagoreer von der Bedeutung der Zahl wieder zu Ehren gekommen istt). Wir hier wollen nur an einem sehr kleinen literarischen Umkreis zeigen, wie Pythagoreisches nicht nur in weltlichen, sondern sogar in geistlichen Liedern des Mittelalters fortgewirkt hat. Dafür haben wir die Sammlung der ‘Cambridger Lieder’, wie man sie nennt, gewählt, deren wissenschaftliche Ausgabe ja erst Karl Strecker verdankt wird (erschienen 1926, im Neudruck 1955). Aber schon im ehrwürdigen Rheinischen Museum für Philologie, Geschichte und griechische Philosophie 3 (1829) 429 ff. hat K. Lachmann einiges daraus behandelt. Gerade die Mannigfaltigkeit dieser Gedichte, die von einem Unbekannten wohl mittel- oder niederrheinischer Herkunft in der ersten Hälfte des Elften Jahrhunderts zusammengestellt worden sind, kann ein Bild geben von der Bedeutung des Pythagoras für die Gebildeten jener Zeit. 1) Vgl. W. Heisenberg, Die Antike 13 (1937) 121 ff; Verf., Kosmos. Archiv für Begriffsgeschichte II (1955/57) 238 f.

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Als Meister der Musik rühmt das sehr kurze Lied 45 Pythagoras — dessen Name im Mittelalter ganz verschieden geschrieben wird —, ihn, der „durch die vier (Schmiede)hämmer die consonantiae (harmonische Akkorde) erfaßt“ und die Intervalle der sieben Planeten „geschaffen“ hat, durch deren rhythmisches Gesetz die himmlische Musik entsteht, als Prinzip für alles, nach dem Gesetz der Arithmetik, womit ein Grundgedanke der Pythagoreischen Lehre nicht übel wiedergegeben wird. Die große Sequenz 7 auf den Erzbischof von Köln, der am 16. Marz 1021 gestorben ist, erwähnt in Strophe 3a 23 ff. die dextra via note Pythagore, über welche später mehr zu sagen sein wird. Vom Lehrgedicht De mensa philosophie gibt die Sammlung nur die erste Strophe wörtlich wieder (37), dann vom Ganzen einen kleinen Auszug; die zweite, von Strecker abgedruckt S. 113, feierte Pythagoras als Begründer der Physik, Sokrates und Platon als solche der Ethik, Aristoteles als den der Logik. Ohne Nennung des Namens Pythagoras spricht von seiner Lehre — aber auch zugleich der des Horaz Epist. I 12, 19 vgl. Ars poet. 374 (und Manilius I 142) — die Sequenz 3, gedichtet auf die Kaiserkrönung Konrads II. (am 26. März 1027), wenn sie Strophe 2b 1ff. von der „heiligen Symphonie in Himmelshöhen“ spricht und der mundi discordia, welche doch durch ihre Bewegung eine concors armonia ergibt. Dazu kommt noch das Liedchen 21, das die drei Hauptintervalle der Pythagoreischen Harmonielehre Quarte, Quinte und Oktave nennt. Nun aber trägt ja jene Zwölfte Sequenz, die umgeben ist von dem Modus Ottinc, einer Sequenz auf den Magnus caesar Otto (III.), und einer anderen zur Verherrlichung Christi, seit Streckers Ausgabe mit vollem Recht sogar den Titel De Pythagora. Diesem Gedicht widmen wir hier unsere besondere Aufmerksamkeit. Da seine Bedeutung wenig bekannt zu sein scheint?), ist es notwendig, zunächst den nicht eben gut überlieferten Text mit dem notwendigsten Apparat ganz wiederzugeben, wobei wir uns auf Streckers, von W. Bulst nachkontrollierte Angaben verlassen können); das hat uns eine Prüfung ihrer Kollation aufgrund einer Handschriftenphotographie gezeigt, welche die 2) Weder M. Manitius in der Geschichte d. lat. Literatur des Mittelalters III 971 noch P. J. de Ghellink, Littérature Latine au moyen age II 183 weist besonders auf seinen Wert hin. 3) Die sehr nützliche kleine Neuausgabe der Carmina von W. Bulst (Editiones Heidelbergenses 17, 1950) bringt gerade für unseren Text, abgesehen von 4a 13 (s. u), nichts Neues.

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Walther Kranz Universitätsbibliothek von Cambridge zur Verfügung stellte. Die metrische Form hat Strecker mit Sicherheit als die einer noch altertümlichen, reimlos silbenzählenden, die entsprechenden Verse nach Möglichkeit gleich lang machenden Sequenz erkannt *), doch muß er bei der Strophenzergliederung selbst bekennen, die Komposition sei „nicht leicht zu verstehen“ (S. 39), d.h. sie ist hie und da fraglich. C bezeichnet die einzige Cambridger Handschrift, Str. Strecker. Die Interpunktion haben wir der Deutlichkeit wegen mehrmals geändert; der Schreiber macht ja nur am Strophenschluß einen Punkt. Auch W. v.d. Steinens Übertragung wurde eingesehen. 1a Vite dator, omnifactor Deus, nature formator, mundi globum sub potenti claudens volubilem palmo, 5 in factura sua splendet magnificus per evum. 1b Ipse multos veritatem veteres necdum sequentes vestigando per sophie devia iusserat ire improbabilis, errore [rectam] parare nobis viam. 2a Inter quos subtilis per acumen mentis claruit Pitagoras, metapsicosis quem 5 iuxta famam, Troie peremptum Euforbium, seculo rursus reddit, Ergo vir hic prudens denuo vivum donat intellectus perspicaci 10 perscrutari sensu animi. informem vim latere noscens forma addita obscurosque terum rite 3a Ad hanc simphonias tres subplendam istas fecit: diatesseron, diapente, diapason, 5 infra quaternarium que pleniter armoniam sonant; que sententia die quadam ferri fabricam preteriens pondere non equo sonoque diverso pulsare (ferrarios) malleolos senserat, sicque tonorum quamlibet artem pulchram primus edidit. 3b Y Grecam, I de imis continentem, sed fissam summotenus in ramosas binas partes, vite humane invenit ad similitudinem congruam. est nam sincera 1b,5 errori pararet C; verbesserte Haupt, der auch rectam der Responsion wegen tilgte. Euforbium (d.h. Euphorbum) tilgte 2a,5 pereptam C; verb. Jaffé 2b,3 als Glosse Str., fraglich ob mit Recht; vgl. unsere Erläuterung. 9 additi C; verb. Str. 5 () Kranz pretiens C; verb. Jaffe perartem C; per tilgte Str. 4) Zu ihrer Entwicklung vgl. Strecker, Einführung in das Mittellatein® S. 32 ff.; H. Spanke, Speculum 7 (1932) 367; E. R. Curtius, Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter? S. 160 f.

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senis, ponens solidum, et simplex pueritia, rithmicam in se normulam que non facile noscitur, utrum vitiis an Virtuti animum subicere velit, donec tandem 10 mensurarumque utilem notitiam et siderum motus iussit continere — „ma ten tetraden!“ — iuventutis etas illud offert nobis bivium. et nomine 15 suo vocavit. 4a Hic qui paret vitiis virtuti contrariis, illam latam ille teritipsesemitam, 5 que postremo, plena poenis gravibus, se prosequentibus portas inferi aperit sevissimas, 10 ubi fremitus dentium et perpetui fletus sunt merentium pro criminis facto; cita ubi semper mors 15 optatur frustra — pro dolor! — atque queritur. 4b Sed virtutum gradibus ille nititur, qui providus per angustam vadit illam semitam, que in fine locuples letitie se prosequentibus pandit eterna dulcis vite gaudia, ubi bonorum anime claro iugiter illustrantur lumine perpetui solis, ubi deitatis se conspectum semper cernere gaudent beati. 5 Vite dator, omnifactor Deus, nature formator, illum aufer, istum confer tuis fidelibus callem, 5 ut post obitum talis vite participes fiant. 3a,13 matente traden traden C; vgl. unsere Erläuterung idem omnis (Strich über m) C; verb. Jaffé offeret C; verb. Str. 3b,1 greca 2 fissa C; verb. Jaffé 14 4a,1 viciis hier C 2 hinter virtuti tilgte nobis auferat als Randnotiz aus 5,3 Str. 4 ipseque C; que tilgte Str. 4b,4 ille C; verb. Jaffé 7 suis qq: pcib: (mit Strich iiber dem ersten q und dem p) las in C und setzte dafiir se prosequentibus Str. 16 ein wiederholtes se vor gaudent in C tilgte Str. Das Gedicht scheint uns im einzelnen folgender Erläuterungen zu bediirfen. Wenn in der ersten Strophe Gott nicht nur omnifactor, sondern auch naturae formator heißt, so ist daran zu erinnern, daß die Vorstellung, Gott habe die Einzelformen in der Welt selbst ausgestaltet, im Mittelalter verbreitet war, wie es Curtus a.O. Exkurs 21 (S. 527) ‚Gott als Bildner’ darstellt, unter

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Walther Kranz zutreffender Rückführung des Gedankens auf Platons Timaios. Daß Gott nun die „kreisend rollende Weltkugel unter seiner machtvollen Hand einschließt“ — nicht, wie man es auf alten Darstellungen sehen kann, nur auf ihr hält —, dieses Bild wirkt in seiner kräftigen Gedrungenheit wie ein originaler Gedanke des Dichters, wenn er auch durch Jesaias 40, 12 f. und dessen Nachbildner angeregt worden ist5); globus mundi, dem Mittelalter durch Chalcidius transl. p. 33 C (und ähnlich öfter) be- kannt, für uns vorher nachweisbar bei Manilius Astron. I 139, sagt noch ein Jahrhundert nach dem Sequenzdichter Hildegard von Bingen (Migne P. L. 197 p. 151 D), worauf das Mittellateinische Worterbuch auf Befragen schon jetzt freundlich hingewiesen hat. Nun „leuchtet“ Gott „die Zeit hindurch in seiner Schöpfung“, in der Natur: hier wird also nicht, wie nach anderer mittelalterlicher Vorstellung, z. B. solcher des Zwölften Jahrhunderts (vgl. Curtius a.O. S. 116 ff. 528), die Natur selbst als göttliche Macht gesehen, sondern näher der Lehre der Psalmen und mancher christlicher Väter, als eine strahlende Offenbarung Gottes. Die Gottheit selbst, welche die Welt mit der Hand umfaßt, wird als übergewaltig groß vorgestellt oder gedacht. Die Parallelstrophe bringt jenen lange, immer von neuem nachwirkenden Gedanken des Clemens und Origenes von Alexandreia, die griechische Philosophie habe nach göttlicher Fügung in der Lehre des Christentums erst ihre wahre Gestalt angenommen, jene sei aber geradezu die Vorbereitung auf diese. Das kann weiterklingen selbst noch im päpstlichen Gedanken unserer Zeit, wie die 1958 von Pius XII. beim Siebenten Internationalen Archäologenkongreß in Rom gehaltene Ansprache zeigt; aus ihr seien nach einer offiziösen Inhaltsangabe einige Sätze angeführt: In der hellenisch-römischen Kultur seien Elemente enthalten, die fast als Vorbereitung zum Christentum Beachtung verdienten. Diese Kultur habe viele Werte hervorgebracht, die durch das Eingreifen und die Bemühungen der Kirche.zum Erbgut der Menschen geworden seien. Hier wies der Papst besonders auf die Vervollkommnung der Künste, auf die Ausarbeitung des Römischen Rechts und auf die philosophische Arbeit der Griechen hin, vor allem auf Sokrates, Plato und Aristoteles. Der christliche Glaube habe in mancher Weise an viele ihrer Theorien und philosophischen Begriffe anknüpfen können. — Doch wir 5) Vgl. Winterfelds und Streckers Anmerkungen zu Poetae Latini Aevi Carolini I 127, 26 und IV 706, 11.

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bemerken in der Sequenz auch hier wieder eine gewisse Originalität des Ausdrucks: Gott „selbst“ hat diese Geistesentwicklung so „geheißen“ (wozu vergleiche Sequenz Drei 2a 4); „viele Alte“ sind es, die uns belehren können, aber sie sollten „ohne noch der Wahrheit nachzufolgen, spürend über die ungebahnten Wege nicht zu billigender Sophia gehen“. Mit einem Oxymoron schließt die Strophe: durch ihren „Irrtum“ oder „Irrweg“ sollten sie dennoch uns „den Weg bereiten“. Unter jenen Vielen leuchtete der Geist des Pythagoras hervor. Die uns unverständliche Geschichte von der Wiedergeburt der Seele des vor Troia (hier: Troie) gefallenen Troers Euphorbos in Pythagoras ist im Altertum weit verbreitet gewesen, worüber am besten E. Rohde Psyche 8 II 417 ff. Auskunft gibt, über die Augusteische Poesie hin bis zu den Kirchenvätern; auch das Mittelalter kennt sie®). Aus Gründen der Responsion hat Strecker den hier Euforbius geschriebenen Namen getilgt; aber könnte nicht ebensogut in der Gegenstrophe ein gleichwertiges Wort ausgefallen sein? Wir haben, da man dort ein Subjekt zu pulsare wünscht — worauf E. Kirsten mündlich aufmerksam gemacht hat —, ein passendes Wort eingefügt, das vor malleolos leicht ausfallen konnte. Die Form Euphorbius statt Euphorbus haben übrigens auch z. B. die gleichfalls im Elften Jahrhundert geschriebenen Handschriften Tertullians in De resurrectione carnium 1 p. 25, 19 (nach Kroymanns Angabe). Metapsicosis wird hier mit einer im antiken Sprachgebrauch nicht belegten Wortbildung die Seelenwanderung genannt, während wir in Gunzos von Novara’) Brief an die Mönche von Reichenau, geschrieben nach 965 (cap. 8 S.35, 22 bei K. Manitius), lesen: Si palingenesian vel metempsicosin Pytagore stulte quis accipere vellet... Aber die auch dem Elften Jahrhundert entstammende Vita Servatii (S. 64, 4 bei Wilhelm) sagt gleichfalls metapsicosis, hier mehr in der christlichen Bedeutung von resurrectio. Es waren also im Mittelalter beide Wortformen in Gebrauch. — Daß die Seelenwanderung den von neuem zum Leben Erwachten damit „beschenkt, mit durchschauendem Geistesverständnis der Dinge dunkle Begriffe (intellectus) richtig zu erforschen“, trifft in der Tat etwas von dem eigentlichen Bestreben des Pythagoras. 6) Vgl. z.B. die Anmerkung von H. Magnus in seiner Ausgabe der Metamorphosen Ovids zu XV, 160 f. und M. Manitius, Gesch. d. lat. Literatur d. Mittelalters II 725. 7) Die folgenden sprachlichen Angaben wiederum aufgrund der freundlichen Auskunft der Redaktion des Mittellateinischen Wörterbuches.

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Walther Kranz Als Quellen — direkte oder indirekte, was nicht mehr festzustellen ist — der mit der folgenden Strophe beginnenden musikalischen Theorie haben schon die Herausgeber vor Strecker erkannt: Boethius Instit. mus. I 10, 197, Macrobius Com. in Somn. Scip. II 1, 8 und Martianus Capella Nupt. Philol. II 107 f.; dieselben hat auch das friiher genannte, sehr verwandte Liedchen 45 benutzt. In der Tat geht die Quellenfortwirkung bis in Einzelziige: officinas praeteriens sagt Boethius, ferri fabricam preteriens die Sequenz; die Deminutivform malleolus haben Macrobius und die Sequenz, wahrend Boethius malleus sagt, übrigens fünf statt vier Hammer annimmt®); die Worte simphonias tres... fecit (nämlich Quarte, Quinte und Oktave), infra quaternarium que pleniter armoniam sonant werden eigentlich nur verständlich durch den Vergleich mit Capellas Worten: quaternarius (sc. numerus) omnes symphonias suis partibus perfectus absolvit omniaque mela harmonica distributione conquirit, wobei wir gegen Strecker infra quaternarium in den Relativsatz hineingezogen haben (vgl. in Str. 2a 4 metapsicosis quem...). Martianus entstammt auch der Ausdruck senex (Pythagoras) und der so lebendig pythagoreisch klingende, schwörende Zwischenruf „ma ten tetraden!“, nur daf Martianus ihn rein griechisch wiedergegeben hat, nach dem pseudopythagoreischen Gedicht Xpvo& ënn v. 47°), wie er selbst zu verstehen gibt (II 107), während der Sequenzdichter das Wort tetras zu einem Zwitter machte, denn nicht einmal die lateinische Form tetradem hat er geschrieben; doch auch die Martianushandschriften haben gleich danach triaden neben triadem, eptaden neben eptadem und ähnliches öfter; das geht im Mittelalter durcheinander, und man muß das hier einzig Überlieferte stehen lassen, wie auch W. Bulst getan hat. Und noch einen anderen „Fehler“ hat der Mittellateiner gemacht: Martianus weiß, daß bloßes & (tiv tetpddo) in älterem Griechisch nur in einem Satz mit negativem Sinn gesagt werden kann, daher lautet das Verbum seines Satzes: non tacuit; der Sequenzdichter weiß dies natürlich nicht, daher sagt er unbedenklich: iussit continere. Aber 8) Zur weiteren Verbreitung der Schmiedegeschichte und zu ihren Varianten im Mittelalter vgl. H. Oppermann, Bonner Jahrb. 130 (1925) 288 ff. 9) Die antike Gesamtüberlieferung des Schwures findet man jetzt in der Anthologia Lyrica’ ed. Diehl-Beutler I 2 p. 87f. — Zu dem Auftauchen griechischer Worte in mittelalterlichen liturgischen Dichtungen s. B. Bischoff, Byzant. Zeitschr. 44 (1951) 50. Aber die Erhaltung jenes griechischen Schwures ist doch wohl etwas Einzigartiges.

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trotz dieser starken Gebundenheit an die Tradition möchten wir sogar auch in seiner Wiedergabe dieser Pythagoreischen Lehre eine deutliche persönliche Note finden, so wenn es heißt, Pythagoras habe erkannt, in den Tönen liege verborgen eine gewisse noch „formlose Kraft“ — in unserer Sprache etwa: das Prinzip der Form — und diese Form habe er entdeckt und „hinzugefügt“, was sehr wohl paßt zu dem in Strophe 2a Vorgetragenen, oder wenn „diese Satzung des Alten“ geradezu „gefordert hat“, sie solle außer der Musik in sich schließen das Gesetz der Rhythmik, also, da diese auf Zahlen beruht, wohl der Arithmetik, die Kenntnis aller Maße, also Geometrie, und die Bewegung der Gestirne — zusammengefaßt das Quadrivium®®). Spüren wir hier schon, daß für die sententia senis unwillkürlich dieser selbst eintritt, so wird dies in den triumphierenden Schlußworten ganz offenbar: et nomine suo vocavit. Also dieser ganzen Lehre gab er den Namen die Pythagoreische, er selbst, nicht etwa seine Schüler oder die Nachwelt, mit naivem Stolz auf ihn gesagt, ähnlich — und doch wieder anders, weil dort auf das Objekt bezogen — wie es von Adam heißt: omne... quod vocavit Adam animae viventis, ipsum est nomen eius (Genesis 2, 19). Die für diesen Dichter wichtigste „Erfindung“ des Pythagoras ist aber doch die littera Graeca Y. Er sagt: invenit, so wie er vorher über die ars pulchra gesagt hatte: primus edidit, und ist damit ein spätes, unbedeutendes Glied in der Kette der Schriftsteller, welche die Frage tig mp@tocg ebpe; zum Leitgedanken einer Entwicklungsgeschichte der menschlichen Kultur gemacht haben. Fiir die Erfindung der griechischen Buchstaben kannte das Mittelalter als maßgebende Darstellung die Lehre Isidors Etymolog. I 3, nach der Kadmos (der Phöniker) 17, Palamedes 3, Simonides „von Melos“ — gemeint ist von Keos — 3 Buchstaben und als Letzter Pythagoras das Ypsilon geschaffen hat, „primus formavit“ — also nicht etwa nur ein schon vorhandenes nach seiner Weise ausgedeutet, wie man auch lesen kann —, so wie derselbe Isidor nach verbreiteter antiker Anschauung auch lehrt: (a Pythagora Samio) philosophiae nomen inventum est (XIV 31, primum exortum VIII 6). Dabei führt Isidor I 3 auch die beiden Persiusverse Sat. III 56 f. an, die er zweifellos zugleich mit einem Scholion, gleich oder ähnlich dem uns selbst zu 10) Nach Gedicht 45 der Sammlung ist die Pythagoreische numerorum normula die Frucht der Arithmetik; hier entspricht dem wohl die rithmica normula. An das Quadrivium hat mich W. Schmidt-Hidding erinnert.

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Walther Kranz diesen Versen überlieferten und von Jahn-Bücheler-Leo zur Stelle abgedruckten, gelesen hat; diese lauten: Et tibi, quae Samios diduxit littera ramos, Surgentem dextro monstravit limite callem. Aus demselben ersten nachchristlichen Jahrhundert besitzen wir ja sogar noch ein bildliches Zeugnis*") für diese geheimnisvolle Bedeutung der littera Pythagorae, nämlich aus Philadelphia in Westphrygien, also zugleich ein Zeugnis für die Verbreitung des damaligen Neupythagoreismus von Kleinasien bis Rom. Ob man mit der Erfindung jener Geschichte zeitlich noch wesentlich höher hinaufgehen darf, bleibt fraglich, wenn ja auch das Alter des Bildes von den zwei Wegen sehr hoch ist und nicht nur in die Zeit des Prodikos und des Platon, sondern sogar in Hesiodische und Orphische zurückreicht. Dazu muß aber auch noch auf Folgendes hingewiesen werden: nur dann hat jener Vergleich der beiden Ypsilonarme mit den Lebenswegen der Menschen vollen Sinn, wenn, wie jener Persiusscholiast — und danach ähnlich Isidor — sagt von dem einen Weg: devexior facilem ad se praestat ascensum, von dem anderen aber: arduum ac difficilem limitem pandit, wenn also die beiden aus dem Stamm sich abspaltenden Zweige nicht gleichmäßig nach oben gehend geschrieben werden. Nun lehrt die heutige Epigraphik 1”), daß gerade in archaischer griechischer Zeit solche Ypsilonbildung mit einem schrägen und einem steilen Arm sehr verbreitet gewesen ist, während sie sich später nur noch ganz vereinzelt findet. Der oder die Erfinder jener Pythagoreischen Weisheit haben also diese ältere Buchstabenform noch sehr wohl gekannt, auf früheren Inschriften waren sie ja oft genug zulesen. Allerdings ist in den uns bekannten Beispielen fast ausnahmslos umgekehrt 11) Entdeckt und kundig erläutert von A. Brinkmann, Rhein. Mus. 66 (1911) 616 ff. Er gibt auch S. 620 ff. einen Überblick über die antike Überlieferung im ganzen; dazu vgl. auch F. Dornseiff, Das Alphabet in Mystik und Magie, Stoicheia 8 (1922) 24, O. Becker, Das Bild des Weges, Hermes Einzelschriften 4, 1937 (nicht ohne Irrtümer) und Br. Snell, Die Entdeckung des Geistes 3 (1955) 320 ff. Die altorphischen Zeugnisse s. Fragm. d. Vorsokr. 1 B 17. 17a. 20 (I 15 ff.); danach Vergil Aen. VI 540 ff. vel. A. Dieterich, Nekyia S. 191 ff. und Norden im Kommentar. Hölle und Himmel traten ganz natürlich an die Stelle von Tartaros und Elysion (oder der Inseln der Seligen); aber auch Platon kennt ja das Kétw der Hölle und das "Avw des Himmels (Polit. X p. 614c) wie auch schon das Alte Testament. 12) Die Kenntnis des Folgenden verdanken wir G. Klaffenbach, nach dessen freundlicher Mitteilung solche Bildungen des Ypsilon in archaischer. Zeit z.B. aus Attika, Böotien, Korinth, Sparta, Elis, Korkyra, Kephallenia, Amorgos, Rhodos, Thera, Naxos bekannt sind.

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der, vom Betrachter aus gesehen, linke Arm der steile, der rechte der bequeme, jedoch, da nach dem Pythagoreischen Kanon (vgl. Fragm. d. Vorsokr. III 118a) das de&tév zur Sphäre des Guten, das dptotepóv zu der des Schlechten gehört, so mußte dies wohl vertauscht werden, wie es auch Platon als selbstverständlich voraussetzt (Polit. X 614 c). Übrigens zeigt jenes Ypsilon auf dem Stein aus Philadelphia nicht zwei verschiedene, sondern ganz gleiche Arme. Von anderer Buchstabenausdeutung der Pythagoreer berichtet schon Aristoteles (Vorsokr. 58 B 27 1458, 1). Aus der späteren heidnischen und christlichen Antike drang die Lehre vom bivium litterae Pythagoricae ins Mittelalter, wo sie recht verbreitet ist, wie C. Pascal in den Miscellanea Ceriani (Milano 1910) S. 59 ff. gezeigt hat. Freilich, die vielleicht wichtigste Stelle, eben die unserer Sequenz, erwähnt er garnicht; so wenig bekannt ist damals das Gedicht gewesen. Auch wenn der Dichter der Sequenz in seinem betont christlichen Schlußteil unter dem Eindruck der Bergpredigt nach Matthaeus 7, 13 f., 8, 12 und deren weiteren Nachwirkungen im Neuen Testament steht, aus der er unter anderem die lata porta et spatiosa via und die angusta porta et arcta via der Vulgata kannte, so ist doch bezeichnend, daß hier dennoch, im Anschluß an den vorigen Gedanken, das antike Bild des Weges das eigentlich Beherrschende bleibt. Das Wort porta erscheint ja nur in der Form portas inferi (aperit); die lata semita sowie die angusta semita haben hier sonst die porta des Evangeliums verdrängt, und auch diese angusta wird überdies als steil emporgehend vorgestellt. ( 4 b 1 f.). — Auch die Schlußstrophe des Gedichts leitet den Blick eben auf jene beiden Wege noch einmal zurück. Umgekehrt pflegt in mittelalterlichen bildlichen Darstellungen wie natürlich der Weg ganz kurz, das Ziel hinter der Pforte aber, Hölle oder Himmel, sehr eingehend dargestellt zu werden. Wir haben hier aber auch den christlichen Gedanken zu bemerken, daß Gott selbst den Menschen den guten Weg auf ihre Bitten hin zu gehen gibt. Betrachten wir zum Abschluß den Aufbau des Ganzen! Der Eingangsstrophe wird man eine ihres Gedankens würdige Erhabenheit nicht absprechen. Ihre sehr allgemein gehaltene Gegenstrophe sucht und findet sinnvoll den Übergang zum Thema Pythagoras, von dem zuerst seine Inkorporation, dann weiter Strophe für Strophe die Entdeckung der Harmonielehre, ihre Ausgestaltung und Allgemeinbedeutung sowie die Erfindung und der Sinn des Ypsilonsymbols dargestellt wird. Diese vier

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Strophen sind Kern und Mitte des Gedichts, während die beiden folgenden strophenweis erst den linken, dann den rechten Weg nach christlicher Auffassung schildern. Die Schlußstrophe entspricht formal wie öfter in diesen Sequenzen dem Eingang; das Gebet dient zur Abrundung des Ganzen und ist durch Schlichtheit des Tones ausgezeichnet. — Ist der strophische Gedankenaufbau sehr klar, so wird aber auch fast stets auf enge sprachliche Verknüpfung der Strophen Wert gelegt!?). Stilistisch fällt noch auf, daß die Schwierigkeit der Aufgabe, einen fernliegenden antiken Stoff zu behandeln, sich entsprechend in einem nicht leicht zu verstehenden Satzbau ausdrückt, während Teile, in denen der Verfasser aus seiner christlichen Gedankenwelt heraus spricht, ganz leicht dahinfließen. Auch hat das letzte Strophenpaar von den immer länger werdenden Strophen die größten; diese sind zudem, in Übereinstimmung mit dem Gedanken, durch einen Parallelismus ausgezeichnet, den wir im Druck hervorgehoben haben. Und so ist im ganzen ein bescheidenes kleines Kunstwerk entstanden. Was den Bildungsgrad des Dichters betrifft, so hat unsere Betrachtung von neuem dargelegt, daß er nicht etwa ein beliebiger fahrender Sänger, sondern ein philosophisch Gebildeter, also ein Mann geistlichen Standes gewesen ist !4). Sein Gedicht ist auch früh berühmt gewesen, sonst hätte nicht schon um die Mitte des Elften Jahrhunderts der Satiriker Sextus Amarcius in seinen lateinischen Versen (Serm. I 438 ff. bei M. Manitius) außer zwei anderen Liedern unserer Gedichtsammlung auch die Pythagoras-Sequenz, deren Inhalt angedeutet wird, einen iocator einem reichen Manne zur Laute vorsingen lassen 15). Daß übrigens alle Stücke des Cambridger Liederbuches, die ernsten wie die heiteren, zum Singen bestimmt waren, wird allgemein angenommen und scheint sicher. Bonn Walther Kranz 13) Auch das Hic zu Beginn des vierten Strophenpaares wird, da nachher noch ille und ipse folgen, am besten als „Hier“, „Da“ gefaßt, also als Verweis auf das vorhergehende Strophenende. 14) Zum Folgenden vgl. H. Spanke, Studi medievali 15 (1942) 114. 139 ff.; auch F. J. E. Raby, A History of secular Latin Poetry in the Middle Ages I 299. 15) Vgl. Streckers Ausgabe S. XIV f., dessen Darlegung überzeugend