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Quellen und Abhandlungen.
Ca
Ein Bruderschaftsbund vor Jahrtausenden.
Das pädagogisch-politische Problem der Pythagoreer.
Von Willy Freytag in Zürich.
4. Zur Uberlieferung.
Die Gestalt des Pythagoras, von seinem Volke als dämonisch, als güttlich empfunden, erscheint auch uns, die wir vom Göttlichen sparsamer
oder in sehr abgeblaßter Bedeutung des Wortes reden, in einem geheimnisvollen Zwielicht, und ist von Rätseln umgeben.
Wir lernen Pythagoras in der Schule kennen als den Entdecker des
nach ihm benannten geometrischen Lehrsatzes. Aber nicht nur dieser
Lehrsatz oder sein Beweis wird ihm heute abgesprochen, sondern Zweifel
sind aufgetaucht, ob die ältere Pythagoreische Schule sich überhaupt
mit geometrischen Problemen beschäftigt habe. Was in der Überlieferung
sich davon findet, soll auf nachträglicher Aneignung und etwaiger
Weiterführung hauptsächlich platonischer Theorien beruhen.
Bedenklicher fast noch scheint es um die Philosophie der Pythagoreer
bestellt zu sein. Was wir von ihr wissen, oder zu wissen glauben, stammt,
wie das Mathematische, fast ausnahmslos aus Schriften der Neupythagoreer, die, je später sie sind, je weiter sie sich von Pythagoras selbst
entfernen, um so mehr und zugleich um so Wunderbareres von ihm zu
Das ist ausgeschmückt in der Art einer allmählich
wachsenden Sage, oder geradezu erfunden zu frommem und unfrommem
erzählen haben.
Betruge der neupythagoreischen Gläubigen. Man hat sich zu fragen, ob es
bei diesem Zustande der Überlieferung überhaupt eine Möglichkeit gibt,
in ihr das Sichere vom Unsicheren zu sondern. Selbst die schönen
erkenntnistheoretischen Gedanken, die dem Philolaos und dem Archytas,
Abkürzungen.
Polybios = Polybii historiae. Rec.
F. Hultsch. Vol.1. Ed.2.
Jamblichos = ‘’Jlaufälyou zegi fiov Iludayopıxoö Adyos.
Pyihagorica liber; graece ei lat.
1815/6:
Textum recogn.
Berlin 1888.
Jamblichi de vita
G. Kießling.
Lipsiae
2 vol.
Stobaios, Anth. = Zroßulov ’Avtoisyıov. Stobaei florilegium rec. A. Meineke.
Lipsiae 1855/6.
Stobaios, Eki. = Zzofafov * Exñoyal. Stobaei Eclogarum libri duo. Rec. A. Meineke. Lipsiae 1860/4. 2 vol.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)den berihmtesten unter den älteren Pythagoreern zugeschrieben werden
und auch von E. Zeller und H. Diels noch als echt anerkannt wurden 1),
führlich von ihren Erziehungsgrundsätzen, die in einer einheitlichen,
ethisch, psychologisch und physiologisch ausgestalteten Weltanschauung
müssen sich nunmehr Zweifel an ihrer Herkunft gefallen lassen.
ihre Begründung fanden.
Das Gefühl der Unsicherheit der Überlieferung der Pythagoreischen
Philosophie gegenüber aber wird nicht zum wenigsten bedingt durch
Diese pädagogischen Theorien nun, und das ist für uns das wesentlichste, sind von rein wissenschaftlicher Art, sehr verschieden nicht nur
von den albernen Wundergeschichten und sonstigen rhetorischen Leidas Unbestimmte und Spielerische, das ihr in stärkerem Maße oder
überhaupt anderer Weise eigen ist als den sonstigen Uberresten des alten
griechischen Denkens. Aus diesem Gefühl heraus kam ich seinerzeit in
der Darstellung der griechischen Erkenntnistheorie dazu, um nicht in
weitausholende und vielleicht unergiebige Untersuchungen verwickelt
zu werden, lieber von der Pythagoreischen Philosophie überhaupt zu
schweigen ©). Der Zugang zu ihr schien mir verbaut. Es war ein Irrtum.
Der Zugang ist lange schon offen von der pädagogischen Seite her.
Jamblichos, ein Neuplatoniker vom Anfang des vierten nachchristlichen Jahrhunderts, hat in seiner Schrift über das Pythagoreische Leben
Stücke von älteren Darstellungen in sehr unselbständiger Weise und
somit von ihm wenig überarbeitet zusammengefügt, deren Ursprung
schon Ch. Meiners, ein Philosoph des 18. Jahrhunderts, im wesentlichen
richtig bestimmt hat 5). Die wichtigsten Stücke sind danach, wahrscheinlich aber nicht unmittelbar, entnommen aus des Aristoxenos, des
bekannten Musiktheoretikers und Aristoteles-Schülers, Aufzeichnungen
der
Pythagoreischen Lehren. Gesichert ist die Zurückführung auf
Aristoxenos, also auf das Ende des vierten vorchristlichen Jahrhunderts
einma} durch die Erwähnung seines Namens und seiner Schrift durch
Jamblichos selbst, dann aber vor allem dadurch, daß die Auszüge, die
Stobaios im 5. oder 6. Jahrhundert aus griechischen Schriftstellern angefertigt hat, viele Stellen in wörtlicher Übereinstimmung, aber unabhängig von Jamblichos, und mit genauer Angabe ihres Urhebers Aristoxenos bringen. Daß Stobaios, der spätere, dabei unabhängig von
Jamblichos ist, geht daraus hervor, daß er von Aristoxenos zwar im
Ganzen weniger, daß er wenigsiens einmal aber ihn genauer wiedergibt. Aristoxenos überschaut die ganze Entwicklung der älteren Pythagoreischen Schule
und schildert sie aus eigner Kenntnis und nach
Erinnerungen seines Vaters Spintharos. Er berichtet von den Gewohnheiten des Tuns und Denkens, wie sie sich in der Lebensgemeinschaft
dieser philosophischen Schule gebildet hatten, und insbesondere aus1) Zeller. E., Die Philosophie der Griechen.
52.
Teil 1 u. 3. 2.
Tübingen 1844.
— Diels, H.. Die Fragmente der Vorsokratiker. Griech. u. deutsch.
Berlin 1903.
# Freytag. W.. Die Entwicklung der griechischen Erkenntnist
heorie bis
Aristoteles.
Halle 1905.
3; M einers.
>
after
oe
Ch. Geschichte des Ursprungs. Fortgangs u. Verfalls der Wis-
Gricchentand
v.
Rem
Bd.1.
Lemgo
1781.
85
stungen der Neupythagoreer, sondern auch nüchterner und klarer als
das meiste von dem, was als pythagoreische Philosophie gilt. Selbst
wenn also die Frage der Echtheit der Überlieferung philologisch nicht
mit Sicherheit entschieden werden könnte, wenn dahingestellt bleiben
müßte, ob die Stücke altpythagoreisch oder neupythagoreisch sind, sie
sind echte Philosophie und einer allgemeineren Beachtung würdig. Sie
zeigen eine Psychologie, die neben der Platonischen und Aristotelischen
eine eigene Art und Ursprünglichkeit besitzt, und von der zugleich auf
manche schwer verständlichen Begriffe der großen griechischen Philosophen ein klareres Licht fällt. Die pythagoreische Psychologie hat aber
auch uns noch etwas zu sagen. Sie überrascht durch ihren Blick für
Zusammenhänge und durch gesundes Denken in Tiefen, aus denen
unsere neueste Psychologie nur Ungesundes hervorholen zu künnen
scheint.
Noch haben wir aber, ehe wir uns der Darstellung dieser Theorien
zuwenden, zwei andere wesentliche Stücke der pythagoreischen Gesamtphilosophie zu bedenken, den religiösen und den politischen Gedanken.
Das Religiöse wirkte stark in das Ethische hinein, und vom Politischen
wurden die äußeren Schicksale des Bundes, an denen wir nicht vorbeigehen können, entscheidend beeinflußt.
Das Sicherste vielleicht, was wir von Pythagoras selbst wissen, ist,
daß er, wie die Orphiker, den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele
und ihre Wiedergeburt in neuen menschlichen und tierischen Leibern
lehrte. Vielleicht war er der erste, der aus diesem Glauben nicht nur
praktisch ethische Folgerungen zog, sondern ihn zum Mittelpunkt eines
theoretischen Weltnachdenkens machte. Wie sein Zeitgenosse Xenophanes stieß er, oder erst seine Nachfolger, dabei auf die Erkenntnis
von der Einheit des Göttlichen, das die Gesamtheit des Wirklichen
durchdringt und alles Geschehen in ihm leitet. Die Pythagoreer nennen
es nicht so sehr Gott als unbestimmter das Göttliche, und unklar bleibt
durchweg, ob es der Welt als etwas für sich Seiendes gegenübersteht,
oder nur eine bestimmte Beschaffenheit, das harmonische Zusammen
aller Einzeldinge, die Harmonie im Gegensatz zum Mißklang, das Gute
im Gegensatz zum Schlechten sein soll. Diese Unklarheit hat jedoch
die Festigkeit des pythagoreischen Glaubens an die göttliche Einheit.
der Welt nicht zu stören vermocht, so wenig wie in andern Fällen
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ähnlichen religiösen Empfindens. Sie erscheint wie eine unabweisbare
Zugabe zu jeder Form des Monotheismus. So dürfen wir zugeben, daß
auch der Pythagoreismus dem schließlichen Siege der monotheistischen
Religion im Denken der Völker den Weg hat bahnen helfen.
tische Entscheidungen aus theoretischen Erkenntnissen abzuleiten.
Können wir überhaupt etwas aus der Geschichte lernen, so muß auch
die Geschichte des Pythagoreischen Bundes uns diese Hilfe gewähren.
Die Pythagoreische Gedankenarbeit aber, die besonnene psychologischpädagogische, wie sie schon kurz gekennzeichnet wurde, müssen wir
nun zuerst kennenlernen. Ist einmal auf diesem sicheren Boden ein
fester Grund der Erkenntnis gelegt, so wird sich von ihm aus auch ein
Der religiös-ethische Bund, der nach der Übersiedlung des Pythagoras
aus seiner Heimat Samos in das griechische Unteritalien, von ihm oder
seinen Nachfolgern in Kroton, Metapont, Tarent und vielen anderen
Orten gegründet wurde, sah sich früh schon in die politischen Parteiungen und Kämpfe hineingezogen, von denen diese rasch aufblühenden
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Weg zur Lösung des heute fast hoffnungslos erscheinenden allgemeinen
Problems der Pythagoreischen Philosophie finden lassen.
Kolonialstädte ebenso wie das griechische Mutterland damals heimgesucht waren. Die ältere aristokratische Gesellschafts-und Staatsordnung
2. Psychologie und Pädagogik der Pythagoreer.
mußte in den meisten griechischen Gemeinwesen unter heftigen Schwankungen einer neuen demokratischen weichen. Demagogen traten auf,
die die Gelegenheit benützten, auf den Trümmern der Aristokratie
Der Pythagoreischen Erziehungsweisheit hat O. Willmann eine besondere Schrift gewidmet 1). Er gibt eine anregende Erzählung vom
Leben und Denken der Pythagoreer, aber ohne Scheidung des wissenstatt
schaftlich Zuverlässigen von den rhetorischen Zutaten in der Überder gepriesenen Volksherrschaft eine mehr oder weniger aus-
Ihre Kunst helieferung. Gerade die auf die Schrift des Aristoxenos zurückgehenden
stand darin, nicht die streitenden Parteien zur Volkseinheit zu verknüpfen, sondern die eine mit Hilfe der anderen gewaltsam zu besei-
Berichte treten so nicht in ihrer eigentlichen Bedeutung hervor, und
werden auch nur kurz berührt. H. Diels hat aus ihnen in seinen Fragmenten der Vorsokratiker eine Zusammenstellung des Wichtigsten gegeprägte Alleinherrschaft, die Tyrannis, aufzurichten.
tigen, und diese dann ebenso gewaltsam niederzuhalten. Die Pythagoreer hatten eine andere Vorstellung von Einheit und Harmonie. Sie
eben. Eine kritische und lesbare Übersetzung des Ganzen sollte mügmußten erkennen, daß auf diesem Wege der ewig wechselnden Gewaltlich sein und würde sich lohnen.
taten und Unterdrückungen die Gesundung des kranken Staats- und
Dem griechischen Geiste stehen die Heutigen, nachdem die Begeisterung der Goethe-Zeit geschwunden ist, bei aller üblichen Hochschätzung, im Innersten doch meist ablehnend gegenüber. Die Abneigung kleidet sich dabei in mancherlei Gewand. Am häufigsten ist der
Vorwurf der allzu einseitig logischen oder intellektualistischen, also verstandesmäßigen Richtung des griechischen Wesens. Ein Vorwurf, mit
Volkswesens nicht zu erreichen war. Sie traten ein für die unwandelbare
Gerechtigkeit, und daher für die zunächst von der Gewalt betroffenen
Aristokraten, und wurden mit diesen gegen Ende des fünften Jahrhunderts in den politischen Untergang hineingerissen.
So stellt die Überlieferung der Pythagoreer den Vorgang dar; und daß
das äußere Geschehen diesen Verlauf genommen hal, wird bestätigt
durch die sonstige Geschichtschreibung, insbesondere durch das aus
Urkunden geschöpfte Zeugnis des Polybios 1). Daß der Zusammenhang des Pythagoreischen Bundes mit der Aristokratie der Städte aber
nicht bloß auf Erwägungen der abstrakten Gerechtigkeit beruhte,
sondern im Leben und in den Lebensanschauungen seiner Anhänger
wurzelte, läßt sich nach der Haltung der Berichte vermuten, und folgt
mit größerer Sicherheit aus der ethisch-pädagogischen Gesamteinst ellung
des Bundes. Die Philosophie der Pythagoreer hat das Schicksal gehabt,
wie keine andere Philosophie, einer unmittelbaren und
schweren Probe
unterworfen zu werden. Die Frage stellt sich, was durch
eine solche
Probe bewiesen wird.
von Wissenschaft
ee
Es ist allvemein die Frage nach der Beziehung
dem man in unserer Zeit überhaupt etwas freigebig ist. Lassen wir die
innere Unklarheit, die meist in ihm liegt, hier bei Seite, die Pythagoreische Psychologie bietet uns grundsätzliche Erklärungen, die das
Vorurteii fast umkehren könnten.
In der Tyche, dem Glück und Unglück des Menschen, sagen die
Pythagoreer ?), liegt etwas Dámonisches. Vom Daimonion kommt den
Menschen ein Anhauch zum Guten oder zum Schlechten, und danach
sind sie glücklich oder unglücklich, so daß die olıne Überlegung und aufs
Geratewohl Handelnden oft es treffen, die Vorbedächtigen aber das Ziel
verfehlen. Und das sei etwas Angeborenes, nicht erworben.
Damit ist eine Grenze bezeichnet, an die alles menschliche Tun gebunden bleibt. Die Grenze aber wird nicht durch ein blindwirkendes
—
und Leben, nach der Möglichkeit, praktische, poliee
') Polybios TI, 39.
—
—
—T
—
1 Willmann, O., Pylhagorcische Erziehungsweisheit. Aus d. lilerar, Nachlaß hrsg. von W. Pohl. Freiburg i. Br. 1922.
2) Stobaios, Ekl. I, 6, 18.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Etwas, den bloßen Zufall, bedingt gedacht, sondern mit dem Begriff
des Dämonischen an das Göttliche, an die Weltordnung geknüpft.
Es gibt kein grundsätzlich Unerkennbares, so weit. und so tief aber der
samkeit daher auch der Auswahl und Bereitung der Nahrungsmittel
selbst zuwandten. Sie behandelten aber, heißt es weiter, manche Krankheiten mit Zusprechen, und erwarteten von den angemessen verwendeten
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menschliche Geist vordringen mag in der Erkenntnis, er muß es sich
eingestehen, daß er nirgends an das Ende kommt. Ein klarer Blick für
das Ganze, Vertrauen in die Untrüglichkeit des Erkennens und zugleich
in jedem einzelnen Falle ein Sichselbstbescheiden, das sind die Bedingungen der wirklichen Wissenschaft, sie liegen auch der Pythagoreischen Wissenschaft zugrunde.
Bei Jamblichos (163) wird angegeben, daß die Pythagoreer von den
Weisen der Musik, unter welchem Begriff zu jener Zeit alles Musische,
also vor allem auch die Dichtung mit gemeint war, einen günstigen
Einfluß auf die Gesundheit. So diente auch der Vortrag ausgewählter
Stücke aus den Homerischen und Hesiodischen Dichtungen, die Seele
zurecht zu bringen. Es ist ein Lieblingsgegenstand der griechischen
Pädagogik, die guten und schlimmen Einwirkungen von Musik und Kunst
auf den Menschen zu untersuchen und die Pythagoreischen Schriften
Wissenschaften vorzüglich die Musik, die Heilkunde und die Mantik
gepflegt haben. Auffallend, daß an dieser Stelle von der Mantik, der
Wahrsagekunst, von der sonst so gern Proben vorgeführt werden, nicht.
sind angefüllt mit wunderbaren Geschichten dieser Art. Die Theorien
sind uns in den musikalischen Werken des Aristoxenos und späterer
erhalten und bilden die Grundlage der Musikwissenschaît bis auf den
weiter die Rede ist. Und auffallend, daß die Mathematik nicht erwähnt
wird. Musik und Heilkunde aber stehen in einemengeren Zusammenhang;
heutigen Tag.
denn auch die Musik wird von den Pythagoreern zu Heilzwecken verwendet. Beide erscheinen dann verbunden durch den Begriff der Katharsis, der Läuterung. Wie es kurz in einem andern Aristoxenos-Bruchstück heißt: die Pythagoreer suchten die Läuterung des Leibes durch
die Heilkunde, die der Seele durch die Musik.
Der Begriff der Katharsis tritt uns als fester und geläufiger wissen-
Wie nun die Wissenschaft in der Pythagoreischen Schule gelehrt und
welcher Art überhaupt die Einwirkung des Lehrers auf ‘seine Schüler
gewesen ist, davon geben uns die Berichte im ganzen ein einheitliches
Bild. Wichtig ist vor allem die Unterscheidung zwischen bloßen Hörern
und eigentlichen Studenten, den Akustikern oder Akusmatikern und
den Mathematikern. Mathematiker heißt Wissenschafter. Denn ähnlich
dem Wort Musik hat auch das Wort Mathematik hier zunächst noch
schaftlicher Begriff in der Poetik des Aristoteles entgegen. Man hat ihn,
heiß umstritten wie er seit Lessings Deutungsversuch ist, zurückverfolgt
seine allgemeinere Bedeutung dem ursprünglichen Wortsinn entsprechend, der auf das Kennenlernen, Erkennen und Verstehen ganz
über die pädagogischen Theorien des Aristoteles zu Platon und schließlich zu den Pythagoreern, und hier scheint er wirklich seine Heimat
allgemein geht. Die Unterscheidung von Exoterikern, äußerer Schule,
und Esoterikern, innerer Schule, Pythagoristen und eigentlichen Pythagoreern, zum Teil etwas wunderlich erklärt, scheint von jener nicht
zu haben. Denn wir man früher schon gesehen hat, er ist auf das Seelische übertragen von dem Leiblichen, auf die Theorie des Künstlerischen
von der Medizin her. Die Auffassung der leiblichen und seelischen Vorgänge als einer Einheit aber ist charakteristisch für die Pythagoreer,
wie die aus Platons Phaidon bekannte pythagoreische Definition der
Seele als Harmonie des Leibes beweist. Die Pythagoreischen Ärzte, berühmt und weit über die griechischen Länder hinaus gesucht schon
im fünften Jahrhundert, waren als Heilkünstler Philosophen, die die
Krankheit nicht als etwas Gesondertes behandeln wollten, sondern auf
das Ganze des Leibes und der Seele bezogen. Sie wagten sich, wie
Alkmaion von Kroton, schon an schwierige Operationen heran. Das
Schneiden und Brennen aber galt ihnen, ebenso wie die Anwendung von besonderen Heilmitteln, nur als ein Nothehelf. Das wichtigste war ihnen
die Diaitetik, die Störungen der Lebensvorgänge durch eine Änderung
der Lebensweise zu beheben.
Und so sollen sie die ersten gewesen sein,
wie vesagt wird. die versuchten. Merkmale der Symmetrie zwischen Arheit Nahranesaufnahme und Erholung aufzufinden.
und ihre Aufmerkwesentlich verschieden gewesen zu sein.
Die Wissenschaft, die Mathemata, sind etwas Reines, für sie ist daher
nur eine reine Seele empfänglich. Denn die Seele des Menschen ist einheitlich. Reines und Unreines in ihr vertrage sich nicht, wie reines
Wasser in einen schlammigen Brunnen geschüttet, selbst schlammig
werde. Die Menschen aber in ihrer natürlichen Beschaffenheit sind sehr
verschieden; eine Auslese also ist nötig. Sie wird bei Jamblichos (94)
auf eine einfache Weise beschrieben.
Zuerst wurde darauf gesehen, ob der Schüler das Wort zurückhalten
kann, und schweigend bewahren, was er gehört. und gelernt hat. Sodann, ob er ehrfürchtig und bescheiden ist, nicht der Leidenschaft und
zügelloser Begierde unterworfen, dem Zorn, der Streit- und Ehrsucht.
Zeigte er sich den guten Sitten zugetan, dann erst wurde seine Lernfähigkeit und Gedächtnis geprüft. Ob er rasch und genau dem Gesagten
folgen kann, ob er sich mit Liebe und Besonnenheit zur Lehre einstellt,
ob seine Natur sich veredeln läßt, oder wild bleibt. Das Wilde aber ist
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Unbescheidenheit, Schamlosigkeit, Ausschweifung, Unschicklichkeit,
Lernfaulheit, Unlenksamkeit, Ehrlosigkeit. Der Prüfung entsprechend
wurden die Lernenden geübt. Die Füglichen wurden zu den Giitern der
Weisheit und Wissenschaft gefiihrt, die Ungefiigen aber als fremd ab-
9
werden. Gegen die Anordnung des Schweigens wird man kaum psycho-
Jüngere. Treue und Glauben darf nicht aufgehoben werden, nicht im
Ernst und nicht im Scherz. Denn die Freundschaft kann nicht gesund
bleiben, wenn einmal die Lüge in sie fällt. Aufgesagt werden darf die
Freundschaft nicht eines Mißgeschicks oder sonst einer Schwierigkeit
wegen, wie sie im Leben sich einstellen, sondern nur wegen großer und
unverbesserlicher Schlechtigkeit. Ist aber die Feindschaft gegen einen
Schlechteneinmal angefangen,so muß sietapferdurchgefocht enwerden, bis
seine Gesinnung sich zum Besseren wendet. Kämpfen soll man nicht. mit
Worten, sondern mit Taten. Der Kampf aber ist nach menschlichem
und göttlichem Gesetz recht, wenn man ihn als Mensch gegen Menlogische oder pädagogische Einwendungen machen dürfen, so nahe sie
schen führt.
zumal vom heutigen pädagogischen Schlagworte der Selbsttätigkeit
aus liegen. Denn das Schweigen soll durchaus nicht die ganze Lernzeit
dauern, und ethisch ist es nicht als dumpfe Untätigkeit, sondern
Ist die Freundschaft nur schwer zu lösen, so darf sie auch nicht leichtsinnig und lässig geschlossen werden, sondern in ehrfürchtiger Scheu,
mit Verstand und Rechtlichkeit. Daher die lange Prüfung vor der Aufals tätige Übung der Selbstbescheidung gedacht. Das geht aus dem
nahme in den Bund der Pythagoreer.
gestoßen.
Ob das Pythagoreische Schweigen die vielberufenen fünf Jahre gedauert habe, davon wird also hier nichts gesagt. Die fünf Jahre werden
eine spätere Zugabe sein, ebenso wie die drei des Übersehens, die anderswo mit weiteren Ausschmückungen und Wiederholungen hinzugefügt
Zusammenhang des angeführten Berichtes hervor. Es ist aber auch zu
verstehen als eine Vorübung für das vorsichtig zurückhaltende reine
Erkennen.
Denn zum Erkennen gehört ein Aufnehmen, von dessen
Reinheit und Ungestórtheit die des Erkennens abhängt.
Mit der Forderung des Schweigens hängt in etwas zusammen auch die
Sitte, von der Jamblichos (198) erzählt, daß die Pythagoreer, was sie
wissenschaftlich fanden, dem Begründer ihrer Schule zuschrieben, und nur
selten den Ruhm des Findens für sich beanspruchten. Als etwas Schönes
wird es bei
Jamblichos bezeichnet, und schöner ist es gewiß als das Gegenteil. Wir dürfen es dann also nicht wörtlich nehmen, wenn in den
pythagoreischen Berichten, aus welcher Zeit sie sein mögen, dem Pythagoras zugeteilt wird, was der Schule überhaupt angehört. Es drückt
sich in dieser Redeweise wieder die Pythagoreische Empfindung der
innigsten Verbundenheit der Schulgenossen aus. Die Schule fühlt sich
wie eine Familie: Wie ein sorgsamer Vater zu seinen Kindern ist, so
sollen die Pythagoreer untereinander sein.
Viel besprochen und besungen ist die Pythagoreische Freundschaft.
Schillers Bürgschaft ist die poetische Gestaltung einer Erzählung, die
Aristoxenos von Dionys selbst nach dessen Vertreibung in Korinth gehört hat. Andere Erzählungen berichten von der gegenseitigen Hilfe, die
dem in wirtschaftliche Not geratenen Pythagoreer von seinen Genossen
opferwillig geleistet wurde.
Jamblichos (237) erwähnt das Wort, daß
ernst gesinnte Männer, so weit sie auseinander leben mögen auf der
Erde, einander Freunde sind, noch ehe sie sich persönlich kennen gelernt
und miteinander gesprochen haben.
Verbannt soll sein aus der Freundschaft Streit und \Vettkampf.
In
Zorn und anderen Leidenschaften soll man nachgeben, am meisten der
Wird von dem Jüngeren Bescheidenheit und Ehrfurcht dem Älteren
gegenüber gefordert, so muß dieser das ihm enigegengebrachte Vertrauen
rechtfertigen durch Selbstbeherrschung und Feinfühligkeit, zumal bei Ermahnungen und Zurechtweisungen des Schülers. Die Pythagoreer drückten das, was sie hier vom Älteren, vom Lehrer verlangten, mit einem
eignen Worte aus, Pedartasis und Pedartän, wie es wohl richtig erklärt
wird, einem dorisch gebildeten Worte, dessen Sinn wäre: In der Schwebe
halten. So nannten sie, heißt es bei Jamblichos (197), das Zurecht weisen;
denn in Schweigen und Ruhe warteten sie ab. Schulstrafen in unserem
Sinne also gab es nicht. In Euphemie, das gute Worte oder Schweigen
bedeutet, und mit vieler Zurückhaltung sollten die Mahnungen geschehen,
und im Mahnenden das Sorgende und Freundschaftliche vor allem
sichtbar werden. Nur so sei die Zucht schön und nützlich. Die richtige
Art des Unterrichts muß auf Freiheit beruben. Beide müssen freiwillig,
der Lehrer lehren, und der Schüler lernen. Lehr- und Lernfreiheit also
galten in der Schule der Pythagoreer; der Begriff und die Sache ist vielleicht von ihnen geschaffen worden: Die Hochschule in unserem Sinn.
Das Problem der Führung hat so in einem kleinen Kreise einen Versuch
der Lösung erfahren aus dem Pythagoreischen Grundbegriff der Harmonie heraus. Die Harmonie besteht nur zwischen Ungleichem. Daß
sie das Verschiedene, sogar das Entgegengeseizte zur Einheit bringt,
das macht ihr Wesen aus. Eine vollkommene Gleichheit gibt es nicht
zwischen den Dingen, und erst recht nicht zwischen den Menschen.
Die menschliche Gesellschaft muß also aus Ungleichen gebildet werden,
eine Spannung muß da sein, sie verlangt aber eine Auflösung in der
Harmonie. Das nun, was die harmonische Einheit des Vielen und Verschiedenen möglich macht, das bezeichnen die Pythayoreer mit dem viel-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)deutigen Grundwort der griechischen Philosophie: Arché, Erstes und
Hôchstes. Wie der Bericht bei Jamblichos (482) lautet: Ein Erstes
und Wichtigstes sei gleicherweise in der Wissenschaft, in der Erfahrung, im Werden, und ebenso in Familie, Staat und Heer vorhanden,
und überall sei seine Natur schwer zu erschauen und schwer zu übersehen. Denn in den Wissenschaften sei es nicht jedem Verstande geund Kinder ist das natürlichste Beispiel menschlicher Verbindung, und
wird überall als das erste und wichtigste erwähnt, wo von Liebe und
Harmonie der Menschen die Rede ist. Dem Gesetz muß jeder gehorsam
93
sein, und nicht unaufrichtig, sondern mit Überzeugung. Denn kein
größeres Übel gibt es als die Anarchie. Darum muß man bei den vatermand in einem Königreiche einem der Unterbeamten den Hof machen
wollte, den König aber bei Seite setzen würde. So aber verfahren die
ländischen Sitten und Gesetzen beharren, auch wenn sie ein wenig
schlechter sein sollten als die anderen. In keinem Gemeinwesen geht es
ohne Vorsteher und Führer. Die Führenden aber müssen nicht nur Wissende sein, sondern auch menschenfreundlich, und die Geleileten nicht
nur gehorsam, sondern von Liebe zum Führer erfüllt.
Die Pythagoreer arbeiten an dem Begriff dessen, was den Menschen
zum Menschen macht. Väterlich soll das Verhältnis der Schulgenossen zu
einander sein; kommt es zu Entzweiung und Kampf, so soll man kämpfen
eingedenk, daß man ein Mensch ist. Hier tritt der Begriff der Menschenliebe, der Philanthropie, hervor, der uns geläufiger ist in der späteren
lateinischen Wiedergabe als Humanität. Der Gedanke, daß die Menschen
Brüder sind, bei allen Trennungen der Einzelnen und der Völker, der
Gedanke, der dann im Christentum sich zu seiner größten Kraft enifaltet,
ist eine Frucht, erwachsen in dem zu immer größerer Freiheit sich durchringenden Denken der griechischen Dichter und Philosophen. Der Weg
ist zu verfolgen von Homer an, der, ein echter Dichter,
dieser Entwicklung
die Schicksale seiner Helden, ob Griechen ob Troer, mit gleicher menschlicher Teilnahme darstellt, und von Homer geht die Entwicklung deutlich
Menschen.
weiter über Platon zur Stoa. In diese Reihe gehören auch die Pythagoreer;
geben, wenn man in die Einzelheiten der Sache sieht, zu verstehen und
zu entscheiden, welches ihr Erstes, ihr Grund sei.
Hat man aber das
Grundlegende nicht richtig erfaßt, so besteht große Gefahr, daß auch
das darauf Gegründete ungesund ausfalle. Und ebenso steht es mit dem
anderen Ersten. Denn nicht einmal ein Haushalt sei richtig zu führen,
wenn nicht ein richtiger Führer da ist.
Einige der Begriffe, die Aristoxenos in dem Bericht hier verwendet, sind gewiß durch die Aristotelische Schulung hindurch gegangen.
Die Überzeugung aber, die sich darin ausspricht, ist echt
pythagoreisch. Die Arché, das Erste, von dem alles abhängt, ist Gott.
Auf das Göttliche, heißt es bei Jamblichos (137), zielt alles, was die
Pythagoreer über Tun und Lassen bestimmen, und das ganze Leben
ist bezogen auf die Gemeinschaft mit Gott. Und so ist es eine Rede
bei ihnen, daß die Menschen lächerlich verfahren, wenn sie das Gute
irgend wo anders her suchen als von den Göttern, gleich als wenn je-
Das letzte Gleichnis mag wieder aus der Denkweise einer spätern Zeit
stammen, ebenso wie die zweifelhaften Ausführungen, Jamblichos (174):
Nützlich sei es, vom Göttlichen zu denken, daß es wirklich da ist und
über das Menschengeschlecht wacht. Denn wir brauchen eine Aufsicht,
gegen die wir uns auf keine Weise auflehnen können. Zur Überhebung
neige alles Lebende, und wankelmütig sei es in seinem Streben und
Begehren, und in allen anderen Leidenschaften. Eine Macht und
Drohung müsse über ihm sein, die es zur Besonnenheit und Ordnung
Das ist eine utilitaristische Begründung des Gottesglaubens
führe.
und scheint sich gegen eine Auffassung wie die Epikureische zu richten,
die vom Atheismus nicht weit entfernt war. Auch der pythagoreische
Gottesbegriff ließ eine Abflachung zu. Die ursprüngliche Kraft des
Gottesgedankens scheint sich immer herabzumindern, sobald Beweise
für ihn gesucht werden.
Aus der göttlichen Weltordnung leitet sich ab die menschliche: Staat,
Gesetz, Gerechtigkeit und alles Rechte. oder wie es etwas anders ausvedriickt wird: Nächst dem Göttlichen und Damonischen gebührt die
vràBle Achtung den Eltern und dem Gesetz. Das Verhältnis der Eltern
und nicht unmöglich ist es, daß sie die Formung für den Begriff des
menschlichen Empfindens, der Philanthropie, gefunden haben.
Für das Verständnis der menschlichen Dinge ist es nicht ohne Bedeutung, zu sehen, daß die Entwicklung des Humanitätsgedankens in
Griechenland wie von dem bunten Wechsel der politischen Systeme, so
auch von dem der wirtschaftlichen Verhältnisse unabhängig verläuft.
Doch hineingewirkt hat sicherlich die Erkenntnis, die sich den Griechen
immer deutlicher aufdrängt, daß der Kampf aller gegen alle, in den sich
das griechische Leben auflöst, die Vernichtung des Volkes bringen mußte,
und auch gebracht hat. So bildet sich in Glück und Unglück das Bewußtsein der Einheit des griechischen Wesens, dem das Barbarische
zuerst unbefangen, dann mit ausgesprochener Ablehnung gegenübergestellt wird. Der pythagoreische Einheitsgedanke geht in späterer Zeit
wie der christliche über die Grenzen des eigenen Volkes hinaus, und gute
wie schlechte Folgen haben sich daraus ergeben. Befähigt aber war er zu
solcher Ausweitung durch seine psychologische Herkunft. Es scheint,
daß die großen Gedanken sich in engem Kreise gestalten müssen. Die
Pythagoreer suchten in ihrem Bruderbunde ein neues Leben nach dem
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Freytag:
doch einem gewaltsamen Eingriff in das Leben selbst gleich. Praktisch
mag es sich in vielen Fällen als richtig erweisen, die Erregung über ein
Unrecht, das man sieht oder selbst erfährt, erst abklingen zu lassen, ehe
man straft. Aber wieviel andere Erregungen treten auf, sollen sie alle
gedämpft werden, was bleibt dann übrig vom seelischen Leben? Liegt
nicht in der strengen Forderung eine Vergewaltigung der menschlichen
Natur, also ein Unrecht
?
Ein
Hruuerscnasiswunu
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was
rm aa a?
Ordnung und Maß, heißt es entsprechend bei Jamblichos (203), erklären die Pythagoreer für schön, das entgegengesetzte, Unordnung und
MaBlosigkeit, für häßlich. Die schlimmste unter den Begierden aber ist
die nach sinnlicher Lust. Daher gebieten sie ihren Schülern, und denen,
die ihren Umgang aufsuchen, allgemein, sich, wenn vor irgend etwas,
so vor der sinnlichen Lust zu hüten; denn nichts bringe uns so leicht
zu Fall und in Sünde (âuagria), wie diese Leidenschaft.
Auf all diese Fragen erhalten wir in der pythagoreischen Theorie der
Der Begriff der Sünde, ausgedrückt mit dem gleichen Wort wie bei
Gemütsbewegungen keine Antwort. Die praktisch ethische Einstellung
hat hier der Unbefangenheit der psychologischen Forschung Eintrag ge-
Paulus, ist ein weiteres nicht zu verkennendes Zeichen für den Zusaınmenhang, der das pythagoreische Denken mit dem christlichen eigentümlich
tan. Wir müssen aber bedenken, eine solche Theorie kann ihren Ursprung kaum anderswo haben als im Praktischen und sie ist vielleicht
eng verbindet.
der erste wissenschaftliche Versuch, Licht und Ordnung zu bringen in
ein so dunkles Gebiet wie das des menschlichen Gefühls- und Willenslebens. Verwandt und möglicherweise gleichzeitig mit ihr sind die Kyethischen Entwicklung des 5. und 4. Jahrhunderts erhalten.
nischen und die ersten Platonischen ethischen Theorien.
lichen Wortsinn entsprechend, der sich sonst mehr bei der
Ihr gegenüber
steht die hedonistische. Beide Richtungen sind praktisch bedingt. Dazwischen sucht sich, schon bei Platon unabhängiger werdend, die Wissenschaft ihren Weg. Die Gedanken und Begriffe aber, die in der strengen
Richtung ausgebildet wurden, bedingen den Inhalt und die Probleme der
ethischen Wissenschaft noch heute. Wir heben das, was in der Pythagoreischen Überlieferung als das Wesentliche erscheint, heraus.
Die Pythagoreische Psychologie achtet, ihrer schon erwähnten Eigenart
entsprechend, bei den seelischen Erregungen auch auf die körperlichen
Seinen Ursprung wird der Begriff in der Orphischen
Religion haben; sein besonderes geistiges Gepräge aber hat er in der
Platon
braucht ihn in seinen ethischen Dialogen. Das bekannte Aristotelische
duaotia der Poetik ist dann wieder eine Abschwächung, dem ursprüngForm dudornua
(Fehler), gehalten hat.
Die ethischen Forderungen der Pythagoreer und ilır Ausdruck zeigen
sich hier noch weiter in naher Übereinstimmung mit Platonischen und
zum Teil auch Aristotelischen Ausführungen. Sie verlangten nachdrücklich, wie Jamblichos sagt (204f.), nie etwas zu tun um der Lust willen,
ungestalt und schadenbringend wie dies Ziel meist ist, sondern erstlich
im Hinblick auf das Gute und Schöne, zum zweiten aber auf das Zuträgliche und
Nützliche. Und
das
brauche eine nicht gewöhnliche
Erscheinungen, die sie begleiten und verstärken: Jammern und Weinen
Urteilskraft.
und alles derartige soll der Mann möglichst unterdrücken.
Unter den leidenschaftlichen Erregungen sind die Begierden beselbst herangezogen.
Die meisten ihrer Begierden hätten die Menschen sich
sonders ausgezeichnet durch ihre Veränderlichkeit und Mannigfaltigkeit.
an Speisen, üppigen
Jamblichos*) und Stobaios?) haben in fast wörtlicher Übereinstimmung
gestatteten Wohnungen sei künstlich erworben, und so bei vielen
Denn natürlich sei es zwar, bei ungesättigtem
Leibe nach Nahrung zu verlangen ;die Begierde aber nach einem Übermaß
Kleidern und Decken, kostbar und bunt.
ausaus Aristoxenos einen Pythagoreischen Versuch erhalten, zu einer all-
Dingen.
gemeinen Theorie der Begierde einige Grundlinien zu ziehen.
Es wird
die Beschaffenheit, nirgends halt zu machen, sondern ins Grenzenlose
da gesagt: Von den Begierden seien die einen erworben, die anderen anzu gehen. Daher müsse für die Heranwachsenden sogleich von Jugend
geboren. Die Begierde selbst sei aber ein Trieb der Seele und ein Drang
und Streben nach Erfüllung und Anwesenheit einer Empfindung oder
auf Sorge getragen werden, daß sie nur verlangen, was sich gebührt, sich
aber von eitler und übertriebener Begehrlichkeit frei halten. Und am
nach Leere und Abwesenheit und Nichtempfinden. Die fehlerhaften und
meisten sei darauf zu achten bei denen, die in Reichtum leben.
schlechten Begierden seien in dreierlei am erkennbarsten: in der Unnichts sei so unsinnig, auf das die Kinder, die Männer und Weiber dann
gestalt, der Maßlosigkeit und der Ungebühr.
nicht ihr Gelüste richteten.
Denn entweder sei die
schlimme Begierde selbst ungestalt, grob und unedel, oder wenn nicht
Von allen menschlichen Leidenschaften habe gerade diese
Denn
Aus solchen Überlegungen haben sich wohlden Pythagoreern die Speisedas, heftiger und dauernder als sich schickt, oder drittens sei sie unvorschriften ergeben, oder sie sind darauf gestützt worden.
gebührlich in Zeit und Gegenstand.
geheure Mannigfaltigkeit dessen, was der Mensch zusich nimmt, fiel ihnen
1 Jamblichos 205/6.
3) Stobaios, Anth. 1,
3. 241.
Die unauf: es sei schwer, ein Lebewesen zu finden, auf der Erde, in der Luft,
oder im Wasser, das der Mensch nicht kosten mag, und allerlei ZuZeitschr. f. Gesch.d. Erzieb. u. d. Unterrichte. XXII. 2. 1933.
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Gesetz der Harmonie, das sie als das Göttliche in der Welt empfanden.
Es blieb der Gegensatz der Wenigen, in denen es sich offenbart, zu der
Menge, die in Dumpfheit und Stumpfheit des Denkens und Strebens dadigen unerwartet treffen; auf alles müsse er gefaßt sein, worüber wir nicht
94
hinlebt. Als Weltgesetz aber konnte es nicht dauernd auf ein Volk beschrankt werden.
Starke Gegensätze treten an diesem Punkte des Denkens in Erscheinung bis auf den heutigen Tag. Wird der Gedanke der Harmonie die
Kraft haben, nicht sie einfach zu unterdriicken, sondern sie zu einer lebendigen Einheit zusammenzufassen? Dem Pythagoreer ist es selbstverstandlich, zur Einheit auch die Verschiedenheit zu denken. Die Ge-
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selbst Herr sind.
Es könnte nun scheinen, als ob die Forderung der Gleichmäßigkeit der
einer gerechten und daher ungleichen Einstellung zu den Verschiedenheiten der Menschen widerspricht. Es ist nicht ausgesprochen, aber die
Fälle sind selbst nicht gleich. Der Widerspruch läßt sich so durch eine
genaue Betrachtung beheben. Doch eine große Schwierigkeit bleibt.
Zu den Verschiedenheiten des menschlichen Lebens gehören für jeden
Menschen natürlich auch die Verschiedenheiten in ihm selber, die leiblichen und geistigen Schwankungen in seinem eigenen Leben. Soll er
rechtigkeit, die richtige Einheit, besteht gerade darin, nicht alles als
nun sich selbst gegenüber nicht gerecht sein ? Doch gewiß. Gerechtigkeit
gleich, sondern das Verschiedene als verschieden zu achten und als
ist aber nicht Nachgiebigkeit gegen alles. Der Mensch ist von sich selbst
verschieden zu behandeln.
nicht verschieden, es sei denn von sich selbst in der Vergangenheit oder
Zukunft. So ist es wohlein Gebot für ihn, seiner eigenen Vergangenheit
und Zukunft ihr Recht zu lassen. In der Gegenwart aber steht er sich
So zeigt sich als Gerechtigkeit gerade die
Tugend, die der Verschiedenheit der menschlichen Verhältnisse gerecht
wird, und die wir so umschreiben miissen, wollen wir ihren griechischen
selbst ethisch nicht anders gegenüber, als etwa einem gleichaltrigen Ge-
Namen, Eukairia, genau übersetzen. Die Vuoge, das Ideal unserer ritterlichen Zeit, dürfte ihr vielleicht am besten entsprechen. Wir werden den
Begriff auf verschiedene Weise wiedergeben müssen.
Bei Jamblichos (180 f.) lesen wir: In den Beziehungen der Menschen
und er kann es, wenn er selbst auf dem rechten Wege und seiner selbst
unter einander trifft der eine das Rechte, der andere nicht. Sie sind versicher ist. Kein Mensch aber, das ist der Sinn der Forderung der Gleichschieden nach Alter und Würde, in den Verhältnissen der Verwandschaft
mäßigkeit, ist seiner selbst so vollkommen sicher, daß er nicht befürchten
müßte, einem anderen Unrecht zu tun, erregt oder niedergedrückt im
und erwiesener Wohltaten. Es gibt eine Art, einen Ton des Verkehrs,
der dem Jüngeren zu einem Jüngeren wohl ansteht, zu einem Älteren
nossen; und darf er da schärfer vorgehen, so gegen sich am schärfsten.
Den anderen, der vom Rechte abwich, soller zurecht zu bringen versuchen;
wegenheit, sondern vor all solchen Unrichtigkeiten gegen einen Älteren
Augenblick durch das, was der andere tut.
So ergibt sich das bekannte pädagogische Gebot für den Pythagoreer:
Gerät er in Zorn oder Kummer oder einen anderen Gemütszustand der
muß sich der Jüngere hüten.
aber nicht.
Nicht nur vor jeglicher Art von Zorn, Drohung und VerEntsprechend in bezug auf die Würde.
Art, dann geht er bei Seite, und versucht für sich erst die Erregung zu
Gegenüber einem Mann, der zu wahrhaftem Ansehen der Rechtschaffenheit gekommen ist, oder den Eltern und Wohltätern gegenüber ist solche
unterdrücken und zu heilen. So wird auch das von den Pythagoreern
erzählt (Jamblichos 197), daß sie selbst einen Sklaven nicht bestraften,
Freiheit der Rede und das übrige nicht angebracht.
Bis zu einer gewenn sie in Zorn gerieten. Beispiele werden gegeben von bekannten
wissen Grenze ist der Kairos, der rechte Augenblick und das rechte
Pythagoreern, wie von Archytos und Kleinias. Archytos sei einmal auf
Maß, lehrbar und nicht unberechenbar, so daß eine Kunstlehre davon
sein Landgut gekommen, und aufgebracht über die Unordnung, die er
möglich wäre; im allgemeinen jedoch und schlechthin gilt das nicht. Zu
vorfand, habe er zu den Knechten gesagt, sie hätien Glück, daß er
ihm aber gehört das, was man Reife nennt, und das Schickliche und
über sie in Zorn geraten sei. Aristoxenos gibt an, daß er die Anekdote
Harmonische.
von Spintharos, seinem Vater, oft gehört habe; sie wird auch bei Diodor
Mit diesen Begriffen steht in enger Verbindung der der Gleichmäßigkeit. Die Pythagoreer, so heißt es (Jamblichos 196), achteten darauf, daß
der Leib immer im selben Zustande sei, nicht das eine Mal dürr, das
andere Mal fleischig; denn dies sei ein Zeichen ungleichmäßigen Lebens.
Aber ebenso soll auch der menschliche Geist nicht das eine Mal heiter,
das andere Mal niedergeschlagen sein, sondern in gleichmäßiger, ruhiger
Freude.
Sie verwarfen leidenschaftliche Erregung, Mutlosigkeit, Verworrenheit.
Nichts von allen menschlichen Dingen dürfe den Verstänerwähnt.
In der Forderung der Gleichmäßigkeit findet sich nun aber eine Unbestimmtheit bedenklicher Art. Man sieht nicht, in welcher Höhe, durch
welchen Punkt der seelischen Erregung soll die Linie der Gleichmäßigkeit
geführt werden. Man denkt sich wohl, durch einen mittleren. Aber dann
tritt die Frage auf, ob es einen solchen mittleren Punkt überhaupt gibt,
und wie die mittlere Höhe zu bestimmen ist, und weiter, was die Abweichungen von ihr zu bedeuten haben. Sie einfach zu beseitigen, käme
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Freytag: Ein Bruderschaftsbund vor Jahrtausenden.
bereitungen seien dazu erfunden worden und Mischungen von allerlei
Tunken. Begreiflich, daß so das Menschengeschlecht wahnwitzig und
vielgestalt auch in seinen seelichen Regungen geworden ist. Denn alles,
was wir zu uns nehmen, wird Ursache fiir eine eigentiimliche Geistesverfassung, wie beim Weintrinken deutlich zu sehen ist, wo man sich
zuerst erheitert, dann toller und unschicklicher benimmt. Wirkungen
der Art werden also auch da vorhanden sein, wo sie uns nicht so auffallen. Daher sei es eine groBe Wissenschaft, was und wieviel der Mensch
zu seiner Nahrung nötig habe. Diese Wissenschaft sei ursprünglich die
des Heilgottes Apollon, später die der Asklepios- Jünger.
geben sich jede Mühe darum; auf ihre eigenen Kinder aber wenden die
Allen sinnlichen Trieben gegenüber lehren die Pythagoreer Zurückhaltung, und mit Zuriickhaltung werden von ihnen auch die geschlechtlichen Dinge behandelt. Wir empfinden heute die Sexualpädagogik der
Philanthropisten als Albernheit, aber sind wir über diese Albernheit
wirklich hinaus? Die Neupsychologie der Gegenwart hat eine phantastisch-erotische Welt aufgebaut, die zur Heimstatte beinah für alles
Ungesunde in unserer Zeit geworden ist. Hier wird die Phantasie des
schwachen Menschen mit einfältigen Künsten in die eine erotische Richtung gedrängt, die Empfindung aufgeregt, und die Seele angefüllt mit Vorstellungen, die auch vor dem Widerlichen nicht Halt machen. Als ob
eine Wunde zur Heilung gebracht werden könnte dadurch, daß man
sie immer wieder durchwühlt und neuen Entzündungsstoff zuführt.
Die Pythagoreer folgen auch hier ihrem Gefühl für den Zusammenhang und die Ähnlichkeit im Ablauf körperlicher und geistiger Vorgänge.
Sie beobachten in der Natur, bei den Pflanzen und Tieren, die richtige
Zeit des Fruchtbringens und die unrichtige, die Vorzeitigkeit oder Frühreife. Wie die vorzeitig tragenden Bäume keine guten Früchte bringen,
so gibt es auch im menschlichen Leben vieles, in dem die Spätreife, das
späte Kennenlernen besser ist als die Verfrühung. Und dazu gehört auch
der Geschlechtstrieb. Man kann ihn hemmen, indem man die Knaben
und Mädchen in angemessenen Anstrengungen, Übungen und Abhär-
99
Menschen keine Überlegung. Da bleibt alles dem Zufall überlassen, und
die Erziehung ist ganz fahrlässig. Das aber ist die stärkste und deutlichste
Ursache der Schlechtigkeit und Schwäche der Vielen.
Uralt ist die Erkenntnis, daß das menschliche Leben sich nicht ganz
gleichmäßig, sondern in Stufen entwickelt. Der Grund der Erscheinung,
die, wenn auch im Anorganischen schon der Rhythmus sich zeigt, doch
den organischen und psychischen Vorgängen ihr besonderes Gepräge
gibt, ist nicht leicht zu finden. Die Pythagoreer haben die Stufen genauer zu bestimmen versucht, und scheinen ihre einzelpädagogischen
Maßnahmen danach eingerichtet zu haben. Kurz heißt es bei Stobaios 3):
Jedem Lebensalter, so war die Meinung der Pythagoreer, gebühre seine
Pflege. Die Knaben sollten in Grammatik und den anderen Wissenschaften unterrichtet werden, die Jünglinge sich üben in Sitten und
Gesetzen ihrer Vaterstadt, die Männer ihrem Volke die öffentlichen
Dienste leisten. Den Alten stand es zu, zu ermahnen, zu richten und zu
raten, damit die Knaben sich nicht kindisch, die Jünglinge sich nicht
knabenhaft, und die Männer sich nicht wie Jünglinge aufführten, die
Greise aber bei Verstande blieben.
Jamblichos berichtet etwas ausführlicher (201): Die Pythagoreer
nähmenanundsagten, daßimganzen Menschenleben gewisse Altersstufen
abgeteilt seien. Diese Stufen miteinander zu verbinden, sei nicht leicht;
denn sie stießen sich aneinander, wenn der Mensch nicht von Geburt an
schön und recht geführt würde. Auf jeder Stufe sollte etwas geleistet
werden, was der nächsten zu gute kommt, während, was in Wirklichkeit
geschieht, unsinnig und lächerlich sei. Die Knaben sollten zu guter Ordnung und Besonnenheit gelangen, sich von allem Plumpen und Ungestalten fern halten. Sind sie Jünglinge geworden, so sollten sie nicht mehr
in der Öffentlichkeit treiben dürfen, was sie wollten. Leicht flössen aber
geradein dieses Alter beide Arten von Fehlern zusammen, die der Knaben
und die der Männer. Denn alles Ernsthafte und jede Art Ordnung zu
tungen aufzieht. Am besten ist es, so heißt es bei Stobaios!), wenn die
Knaben vor dem zwanzigsten Lebensjahre, sofern das möglich ist, von
den geschlechtlichen Dingen überhaupt nichts wissen. Ein Begriff der
Athletik, die leiblich-geistige Wohlbeschaffenheit oder Spannkraft, (ede&ia),
wird hier erwähnt. Sie soll in Ehren stehen als etwas Schönes und Gutes.
Ausschweifung aber und Spannkraft vertragen sich nicht.
scheuen, und nur Spiel und Ungebundenheit und Ubermut zu lieben,
Gedanken der Eugenik, seitdem oft in den alten Pädagogiken wieder-
Die Beobachtung der Pythagoreer, daß im Leben des Menschen
holt, tauchen dann auf. Bittrer und schroffer alsähnliches bei Platon ist
das, was Jamblichos (213) überliefert: Die, welche edle Tiere züchten,
1) Stobaios, Anth. 111, S. 250.
das sei dem Knabenalter eigentümlich, und komme aus ihm in das
folgende. Die starken Begierden aber, die Ehrsucht, und die anderen
schroffen und aufrührerischen Triebe und Gemütszustände reichten aus
dem Mannesalter in das der Jünglinge zurück. So müsse jeder Lebensstufe die größte Sorgfalt gewidmet werden.
das Jünglingsalter die meisten Gefahren birgt, ist gewiß richtig. Viele
Pädagogen haben nach ihnen der gleichen Meinung Ausdruck gegeben.
2} Stobaios, Anth. II, 5.88.
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Erklärungs- und Abhilfeversuche aber, wie sie in der Pythagoreischen
Theorie mehr angedeutet erscheinen, lassen viele Fragen offen.
Es fällt auf, daß ein Unterricht in den Wissenschaften hier nur für die
Knaben erwähnt wird, und wir möchten natürlich gern wissen, welche
Wissenschaften unter den Mathemata, wie sie genannt werden, gemeint
sind. Mit Grammata, was mit Grammatik übersetzt wurde, bezeichnete
man zunächst das Lesen und Schreiben. Tas Lesen der Dichter führte
dann weiter. Im ganzen entspricht die Schilderung kaum dem, was
wir von einem Hochschulunterricht erwarten. Sie scheint stark gekürzt zu sein, und gibt nur die Schlagwörter. Bemerkenswert ist dabei
doch wieder, wie sehr im pythagoreischen Erziehungssystem die Sorge
für die sittliche Bildung, und diese als ein praktisches Üben, überwog.
Die theoretischen Erwägungen, die Jamblichos mitteilt, geben uns einen
Einblick in die geistige Werkstätte der Pythagoreer. Aber auch sie lassen
nicht erkennen, wie das Nachdenken sich praktisch auswirkte, wie wir
überhaupt nur wenig sichere Nachrichten haben über das wirkliche Tun
und Treiben in den griechischen Hochschulen.
So mag zur Aushilfe noch ein Stück aus Jamblichos (96 f.) herbeigezogen werden, das mit guten Gründen ebenfalls dem Aristoxenos zugeschrieben wird, und uns ein anschauliches Bild des Tagesverlaufs im
Leben der Pythagoreer gibt.
Wir lesen:
Jhren morgendlichen Gang machten sie einzeln, und zu
solchen Orten, deren Einsamkeit und Ruhe ihnen zusagte, zu Heiligtümern, Hainen und was sonst das Herz anmutet. Denn sie wollten nicht
eher mit jemand zusammentreffen, ehe sie nicht die eigene Seele ruhig
und harmonisch gestimmt hätten.
Kaum aufgestanden, sogleich sich
in die Menge zu mischen, empfanden sie als verwirrend.
Nach dem
Frühgang pflegten sie sich zu versammeln, am liebsten in einem Tempel,
oder an einem ähnlichen Orte, zum Lehren und Lernen und zu sittlicher
Fortbildung.
Auf die Schule folgte dann die Körperpflege, durch Salben, Laufen
oder Ringen in den Gärten und Hainen, und andere Übungen, die sorgfältig ausgewählt waren. Als Frühstück —also etwa zu Mittag — nahmen
sie Brot und Honig; Wein tranken sie nicht den Tag über. Die Zeit nach
dem Essen war den bürgerlichen Geschäften gewidmet.
Gegen Abend machten sie wieder einen Spaziergang, aber nicht einzeln wie am Morgen, sondern zu zweien oder dreien, und besprachen
sich dabei über die Wissenschaften und übten sich so im Schönen und
Guten. Dann kam das Bad und darauf die gemeinsamen Mahlzeiten,
wobei nicht mehr als zehn Menschen zusammen aßen.
Hatten sich die
Teilnehmer versammelt, so wurden Spenden und Weihrauchopfer darxchracht. Das Mahl selbst mußte vor Sonnenuntergang beendigt sein.
101
Sie nahmen Wein, Gersten- und Weizenbrot, Fleisch und dazu rohes
oder gekochtes Gemüse. Fleisch wurde von solchen Tieren gegessen, die
als Opfer dargebracht werden konnten, nur wenig von Meercstieren.
Auf dasMahl folgten wieder Spenden, und dann wurde vorgelesen. Sitte
war, daß der Jüngste las, der Älteste aber bestimmte, was und wie zu
lesen sei. Vor dem Weggehen wurde noch einmal Wein gespendet und
dann erinnerte der Älteste an gewisse Gebote: Gezogene und früchtetragende Gewächse nicht zu schädigen oder zu vertilgen, ebensowenig
Tiere, die dem Menschen nicht schaden. Auf das Göttliche, das Dämonische und die Heroen nur gute Gedanken zu richten, ebenso auf
die Eltern und Wohltäter. Zum Gesetze zu stehen, die Ungesetzlichkeit
zu bekämpfen. Nachdem das gesagt war, begab sich jeder nach Hause.
Zu diesen einfachen Angaben dürfen wir wohl hinzunehmen, was des
genaueren über eine den Pythagoreern besonders wichtige geistige Übung,
die des Gedächtnisses berichtet wird. Sie waren der Meinung, so heißt es
bei Jamblichos (164), im Gedächtnis müsse alles behalten und bewahrt
werden, was gelehrt und dargelegt wurde. Und soweit sei das Lernen
und Hören auszudehnen, als das Verstehende und Erinnernde in uns
fähig ist, aufzunehmen. Denn mit Hilfe von diesen: erkennen und behalten wir. Sie schätzten eben Gedächtnis und Gedächtnisübung hoch,
und ließen im Lernen nicht eher nach, ehe das jeden Tag Gelehrte
nicht fest erfaßt war.
Im Anschluß daran wird bei Jamblichos (165), ähnlich bei Diodor 1),
von einer eigentiimlichen Gedächtnisübung erzählt: Der Pythagoreer
sei morgens nicht eher aufgestanden, ehe er sich nicht das am Tage
vorher Geschehene ins Gedächtnis gerufen habe. Er versuchte sich an
das zu erinnern, was er zuerst gesagt oder gehört oder im Hause angeordnet hatte, und was danach. Und weiter, wen er beim Ausgehen
zuerst getroffen, und wen zum zweiten, und welche Worte zuerst gesprochen waren und welche danach.
Und so für den ganzen Tag in
derselben Reihenfolge, in der alles vor sich gegangen war. Hatie er
mehr Muße, so versuchte er das gleiche auch für den vorletzten Tag
und weiter zurück. Eine Überlegung dessen, was am kommenden Tage
zu tun sei, sollte auf die gleiche Weise vorgenommen werden. Nach
Jamblichos (256) findet die Gedächtnisübung am Abend statt, die
Überlegung am Morgen.
Zugrunde liegt eine bestimmte Theorie des Gediichtnisses, die durch
den nicht ganz klaren Text hindurch doch noch zu erkennen ist und
nachklingt in dem formelhaften Schlußsatz, nichts sei so wichtig für die
Wissenschaft und Erfahrung und für die Einsicht (yeörmors) wie das
Gedächtnis.
~
Diod.
II, S. 197 (Buch X, 5).
Page 11
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Sätze mit: Nichts sei so wichtig, wie .. . , oder: nichts trage mehr
bei,als..., und ähnliche sind bei Jamblichossehrbeliebt. Man wird darin
nicht wörtlich die Meinung der alten Pythagoreer zu sehen haben.
Denn daB sie das wesentliche an Denken und Erkennen für Gedächtnissache gehalten haben sollten, wird man ihrer Psychologie nicht zutrauen wollen. Das wäre zu sehr im Sinne des späteren Sensualismus.
Nicht eine solche Bausch- und Bogen-Psychologie, sondern zwei bestimmte erkenntnistheoretisch-pädagogische Gedanken liegen hier vor.
Mit einem der heutigen Physiologie geläufigen Ausdruck könnten wir
sagen, die Frage, die hier auftaucht, sei eine solche der Lokalisation der
geistigen Vorgänge: Ist das Erkennen und das Erinnern an das gleiche
Organ gebunden ? Und die Pythagoreer antworten bejahend. Das scheint
der Sinn des verstümmelten Satzes zu sein: 16 zav9dror xal dir uovedor,
Sri Exeivd tor, 6 (0) del yivdoxer xai dv 1 (0) yroôumr qveidoaer.
Die Erfahrung zeigt zunächst eine große Unabhängigkeit zwischen
geistigem Aufnehmen und Behalten.
Jeder Lehrer weiß, daß unter
seinen Schülern die einen leicht aufnehmen, aber schlecht behalten,
andere langsam aufnehmen, dann aber gut behalten, und dazu auch
Fälle vorkommen, wo beides gut oder beides schlecht geht. Das scheint
sehr undurchsichtig.
Hier hilft nun die Annahme, wie sie Platon in
seinem Wachsgleichnis ausgedrückt hat, daß es doch ein und dasselbe
ist im menschlichen Geiste, das aufnimmt und behält, daß es aber verschieden ist bei verschiedenen Menschen.
Pädagogisch
ist es dann
zweckmäßig, die Menge des Aufzunehmenden nach der Fähigkeit des
Behaltens abzumessen.
Mit dieser pädagogischen Überlegung aber verbindet sich eine allgemein erkenntnistheoretische. Der Vorgang des Denkens, so geheimnisvoll er sein mag, ist doch in dem einen Punkte wieder der Erfahrung
zugänglich, daß wir ziemlich leicht unterscheiden können zwischen
Menschen, die scharf denken, und solchen, die dabei ungenau verfahren.
Der Unterschied drückt sich im ganzen Verhalten, besonders aber auch
in der Sprache aus, in den Worten, die der eine mit großer Bestimmheit
braucht, während es dem anderen nichts ausmacht, sie durcheinander
zu werfen.
Den Worten entsprechen irgendwie die Begriffe, und so
unterscheidet man zwischen klaren und unklaren, deutlichen und undeutlichen Begriffen. Was die Pythagoreer nun mit jenen Sätzen über die
Wichtigkeit des Gedächtnisses für das Denken ausdrücken wollten, dürfte
nichts anderes sein als die aufdämmernde Erkenntnis von diesem Unterschied der Begriffe. Den Begriff des Begriffes selbst hatten sie noch nicht
erfaßt, noch nicht abgegrenzt. Das gelang erst Platon, oder vielleicht
schon Sokrates. Die Ursache aber des Unterschiedes der klaren und der
unklaren Begriffe oder Gedanken sahen sie in ihrer pädagogischen Er-
103
fahrung vielleicht täglich vor Augen: das genaue oder ungenaue Erfassen und Festhalten des irgendwie, etwa durch Erklären und Aufzeigen,
an den menschlichen Geist Herangebrachten. Nur das Gedankliche, das
wir ganz sicher haben, ist zum untrüglichen Erkennen tauglich.
Daß diese Theorie etwas Ungelenkes an sich hat, läßt sich nicht leugnen.
Ihr Wert aber ist deshalb nicht geringer. Denken wir uns nur den Begriff
des Begriffes in sie eingeführt, so verstehen wir sie sogleich besser, und
daß es auch nicht so ganz einfach ist, um was essich handelt. Wir haben
diesen Begriff schon zur Verfügung, wenn auch noch viel fehlt, daß er
uns vollkommen deutlich wäre. Die Pythagoreer aber waren erst. auf dem
Wege zu seiner Entdeckung. So dürfen wir auch die angeführten Sätze
der Überlieferung als Zeugnisse werten, wie die Menschen auf diesen
Weg gekommen sind. Daß aber in ihnen der Begriff des Begriffes nicht
vorkommt, also auch nachträglich nicht. in sie hineingebracht wurde,
so nahe das liegen mochte für Kenner der Platonischen und Aristotelischen Begriffstheorie, ist dann zugleich ein Beweis für die Altertümlichkeit und Echtheit der Überlieferung.
Ein werdender Gedanke findet Anknüpfungen, die ihm ein verschiedenes Aussehen geben können. Die Übung des Gedächtnisses und
das Pyihagoreische Schweigen, jedes für sich eine eigenartige Methode, stammen her aus der einen Überzeugung von der Notwendigkeit,
das Geistige rein und sicher zu bewahren. Wie etwas Heiliges wird
diese Reinheit und Festigkeit empfunden. Die tiefste Empfindung, die
in der Seele des Pythagoreers lebt, umfaßt so auch das Logische; und aus
dem gleichen Quell genährt, wird die logische Übung zugleich zu einer
ethischen und die ethische zu einer logischen. Das Schweigen soll den
Charakter bilden. Es wirkt auch auf die logische Besonnenheit. Die Vergegenwärtigung von Wort und Tat des vergangenen Tages ist nicht nur
Gedächtnisübung, sondern ebensosehr Schärfung des Gewissens (Jamblichos 256). Der Begriff, das Logische, geht auf Einheit im Denken, die
prüfende Erinnerung auf Einheit der Persönlichkeit.
Das über sich selbst Nachdenken, das vom Pythagoreer sein ganzes
Leben hindurch geübt wird, mag hie und da zu dem geworden sein, was
man Gewissensforschung nennt, wie sie verlangt zu werden scheint in
den Fragen des von Diogenes überlieferten Verses: 175 nagéBn»; ti
d'Eoeta; ví por dtov obx ¿relgo9n; Worin habe ich gefehlt? Was habe
ich getan? Welche Pflicht versäumt? Das würde zusammengehen mit
anderen Erscheinungen gesteigerter Religiosität der Spätzeit; es könnte
sich auch herschreiben aus dem, was das Pythagoreertum ursprünglich mit der orphischen Bewegung gemeinsam hatte. In der Darstellung
des Aristoxenos aber wird, so weit sich das ausmachen Jäßt, der ethischreligiöse Sinn der Gedächtnisübung kaum berührt. Nur der Ausdruck
Page 12
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)œgoévnox, der insbesondere die ethische Einsicht bezeichnet, scheint
und ist diese: Kylon, ein Krotoniat, der nach Geschlecht, Ansehen und
darauf hinzuweisen. Von Frömmelei aber und Gewissensquälerei steht
bei ihm nichts. Ist das Absicht, vielleicht Ablehnung des von dem
Aristoteliker als ungesund Empfundenen? Mit größerer Wahrscheinlichkeit dürfen wir wohl annehmen, daß Aristoxenos nichts abzulehnen
hatte, daß das Denken und Empfinden der Pythagoreer jener Zeit
so gesund und streng war, wiees in seiner Darstellung erscheint. Ihre
Psychologie ist nicht Selbstversunkenheit, ihre Erziehung ist Erziehung
zur Mannhaftigkeit; die praktische Weisheit, die sie lehrten, liebte
dorische Kürze und spornte zu Taten an, nicht zu Träumereien. Die
Reichtum der erste war unter seinen Mitbürgern, in seinem Wesen aber
hart, gewalttätig, unruhvoll und tyrannisch, hatte sich alle Mühe gegeben, in die Pyihagoreische Lebensgemeinschaft aufgenommen zu
Pythagoreer jener Zeit haben, wie die griechischen Denker alle, eher
eine Scheu, dem Strom des Empfindungslebens zu weit die Pforte zu
öffnen. Größte Feinfühligkeit wird gefordert im Verkehr mit dem Mitmenschen; aber im Schweigen soll sie sich ausdrücken.
Von Gefühlsschwelgerei, sich selbst schmeichelnder oder sich selbst quälender, ist.
in all dem nichts zu finden.
3. Politik und Schicksal.
Die einfachen und strengen Linien, in denen Aristoxenos das Leben
105
werden, war aber, als er sich an den greisen Pythagoras selbst wandte,
abgewiesen worden aus den genannten Gründen. Daraus entstand die
Feindschaft der Kyloneer gegen Pythagoras und seine Anhänger, die
so stark war, daß sie bis zu den letzten Pythagoreern dauerte. Pythagoras nun ging aus diesem Grunde weg nach Metapont, und soll dort
gestorben sein, Die Kyloneer aber blieben bei ihrer Feindseligkeit gegen
die Pythagoreer und stifteten weiter Unruhen an. Gleichwohl, eine
Zeitlang wurde die Rechtschaffenheit der Pythagoreer darüber Herr,
und die Bürgerschaften wollten sich weiter von ihnen politisch leiten
lassen. Schließlich aber kam es mit den Gewalttaten so weit, daß, als
die Pythagoreer im Hause Milons in Kroton zur Beratung versammelt
waren, die Kyloneer das Haus anzündeten. Im Brande kamen die Männer
um bis auf zwei, Archippos und Lysis, die jüngsten und ristigsten, die
sich durchschlugen. Nach diesem furchtbarem Geschehnis, und da die
Menge nichts tat zur Sühne, verzichteten die Pythagoreer auf die
und Denken des Pythagoreers sich bewegen läßt, sind, wie wir glauben,
Führung.
wahr gezeichnet, aber als Linien. Sie sind nicht das Leben selbst, das
voll und körperhaft und von stärkeren Kräften bewegt gewesen sein
Von den beiden beim Brande Geretteten, zwei Tarentinern, kehrte
der eine, Archippos, nach Tarent zurück. Lysis aber ging nach Griechenland, lebte eine Zeitlang in Achaja und siedelte dann nach Theben über,
als man sich dort um ihn bemühte. Epameinondas wurde sein Schüler
und ehrte ihn als seinen Vater. Lysis ist auch dort gestorben.
muß, als es dem erscheinen mag, der die Kunst dieser Zeichnung nicht
versteht. Mit schweren Fragen war das Denken dieser Menschen bescháftigi, und mit schweren Problemen ihr Leben belastet.
Und sie
haben von den Fragen nur wenige beantwortet; an den Problemen
aber, die ihnen das Leben stellte, sind sie zerbrochen.
Wie ging das zu? Das ist die Frage, die sich uns stellt, wenn wir das
Pythagoreische Wesen, die alte Schule und ihre Schicksale als ein Ganzes
Der Schluß des Berichtes ist etwas in Unordnung geraten. Archytas
von Tarent wird erwähnt, die übrigen Pythagoreer sollen Italien verlassen haben. Einige hätten sich noch in Rhegion zusammengefunden,
nehmen und zu deuten versuchen.
Mutterland. Während die politischen Verhältnisse sich zum Schlimmen
Der klarste Bericht, den wir von der Zerstörung der Pythagoreischen
Schule haben, stammt wieder von Aristoxenos, dessen Name hier bei
Jamblichos selbst genannt wird. Am Ende seines Buches, nachdem das
Leben der Pythagoreer dargestellt, die Vortrefflichkeit ihrer Lebensregeln und Unterrichtsweise des langen und breiten und mit vielen
Beispielen erläutert ist, fährt Jamblichos (248) fort: Und doch fanden
sich Gegner, die diese Männer bekämpften und einen Aufstand gegen
sie machten. Daß der Angriff in Abwesenheit des Pythagoras stattfand,
darin stimmen alle Berichte überein. Sie sind aber uneins darüber,
wohin Pythagoras zu der Zeit gegangen sei, ob zu Pherekydos von Syros
oder nach Metapont.
Als Ursachen für den Angriff werden ebenfalls
mehrere angegeben. Die eine geht auf die sogenannten Kyloneer zurück
die letzten, die Aristoxanos mit Namen nennt, sind aus dem griechischen
änderten, hielten sie fest an den alten Sitten und den Wissenschaften.
Dann ist die Schule gänzlich erloschen.
Die Glaubwürdigkeit des Aristoxenischen Berichtes wird im ganzen
bestätigt durch das unanfechtbare Zeugnis des Polybios, der, wie übrigens
auch Jamblichos (263) von einem Eingreifen der Achajischen Städte
zugunsten der Pythagoreer berichtet. Im zweiten Buche seines Geschichtswerkes sagt er 1): Als man in Italien, im damals sogenannten
Großgriechenland, die Versammlungshäuser der Pythagoreer verbrannt
hatte, und darauf in den Gemeinwesen eine tiefgreifende Unruhe entstanden war, wie natürlich, da die ersten Männer in jeder Stadt so uner1) Polybios II, 39,
Page 13
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Freytag: Ein Bruderschaftsbund vor Jahrtausenden.
wartet getötet wurden, so geschah es, daß die Hellenischen Städte in
tische Grundsätze und wurden vernichtet, die Athener versuchten,
jener Gegend sich mit Mord, Aufstand und allerlei Verwirrung erfüllten.
Als dann Gesandtschaften aus fast ganz Griechenland zur Ausöhnung
der Parteien kamen, wurden die Achaier und ihre Bürgschaft in Anspruch
genommen zur Beseitigung der vorliegenden Übel.
Der Pythagoreerbrand ist also leider eine Tatsache, und nach beiden
Berichten waren die Unruhen nicht auf den einen alten Sitz der Pythagoreischen Schule, die Stadt Kroton, beschränkt, sondern hatten die
griechischen Siedlungen Unteritaliens alle ergriffen, und so stark zerwühlt, daß sie sich selbst nicht mehr helfen konnten, die Schlichtung des
Streits von außen her gesucht wurde.
Der Eingang des Aristoxenischen Berichtes scheint zu besagen, wie
auch sonst angegeben wird, daß der Pythagoreerbrand zur Zeit. des Pythagoras selbst stattgefunden habe.
Die weitere Erzählung aber spricht
von der über Pythagoras und Kylon hinaus dauernden Feindschaft der
Kyloneer als der Ursache des Aufruhrs, der also viel später, etwa gegen
Ende des 5. Jahrhunderts, anzusetzen sein wird.
Hundert Jahre also ungefähr haben in den unteritalischen Griechenstädten die Pythagoreer oder eine ihnen nahestehende Partei bei allem
Wechsel die politische Führung in den Händen gehabt.
Dann ist sie
ihnen durch eine furchtbare Gewalttat ihrer Gegner entrissen worden,
der sich die große Menge fügte. Nicht in allen Städten ist die Wendung
zur gleichen Zeit erfolgt.
Die politische Stellung der Pythagoreer in
Tarent ist zur Zeit des Archytas und Platons noch unerschüttert. Aber
die politische Zerrüttung war im Fortschreiten, und wenn auch durch
das Eingreifen der Achaier wieder für einige Zeit die schlimmsten Übel
abgestellt wurden, am Ende der zweiten hundert Jahre, zur Zeit des
Aristoxenos, ist der Einfluß der Pythagoreer auf die Politik dahin und
Was in diesem Sonderschicksal den Pythagoreern, das ist im großen
dem griechischen Volke zuteil geworden und widerfahren:
Tiefe der
Empfindung, ein offener und reiner Sieg der Beobachtung und Forund Kraft,
die in geistigen
und
politischen Schöpfungen überquillt, dann plötzlicher Zusammenbruch
und langes Siechtum.
die Demokratie durchzuführen und scheiterten. Aber die spartanische
Aristokratie, die man sich als etwas ganz Ungeistiges denkt, scheiterte
ebenso, und den demokratischen Städtebünden mit ähnlichem Ruf ging
es auch nicht besser. Der römische Staat dagegen, im Geiste dem spartanischen verwandt, gedieh zur Weltherrschaft.
Der Schluß in politischen Dingen ist bei solcher Sachlage nieht einfach. Aber er muß möglich sein. Wir dürfen schließen auch aus politischem
Erfolg und Miserfolg. Nur gilt es, die wirklichen Zusammenhänge, die
Ursachen, zu finden. Politik ist Menschenwerk, und Menschenwerk muß
vom menschlichen Geiste geleitet werden. Geist und Gedanke als solche
können also unmöglich der Politik und dem praktischen Leben feindlich
sein, sondern nur eine besondere Art Geist und Denken. Und im allgemeinen wird man kaum zweifeln, welcher Art von Denken man die
Schuld an einem Mißerfolg geben muß, gewiß doch eher dem falschen
als dem wahren. Aber das Geistige umfaßt mehr als wahres und falsches
Denken. Die Pythagoreer selbst erkannten dies mehr an in ihrem Begriff des Dämonischen. Alles Tun braucht einen Antrieb, und der Antrieb kann nicht im bloßen Denken liegen, selbst wenn es fähig wäre,
die Geheimnisse der ganzen Welt offenbar zu machen. Die Ziele, die wir
erstreben, das Gute und das Schlechte sind auch Gegenstand des Erkennens, der Wissenschaft; aber sie sind Ziele, sind gut und schlecht nur
dadurch, daß sie unser Fühlen und Wollen ansprechen.
Aus dem Denken und Erkennen allein kann also auch kein politisches
Tun folgen. Der ganze Mensch gehört dazu mit all seinen Fähigkeiten:
seine Einstellung zu den Dingen als denkendes, aber ebenso als fühlendes
und wollendes Wesen. Die politische Gemeinschaft, in die er hineinwächst, ist mehr als eine bloße Summe der Einzelnen. Sie bedingt ihn
selbst, wird aber ebenso von ihm und seiner geistigen Art bedingt. Ihre
Harmonie hängt von vielem Anderen ab; im Grunde ist sie eine Bedie Schule selbst aufgelöst.
schung, jugendfrische Arbeitslust
107
Der Zusammenbruch war politisch, aus dem
politischen Siechtum wurde allmählich ein allgemeines physisches und
geistiges. Die Politik also trug die Schuld in beiden Fällen. Sollen wir
nun schließen, wie es die spate griechische Philosophie zu einem Teile tut,
und man uns Deutsche oft überreden wollte, daß Geistigkeit und Politik
sich nicht vertragen, der geistige Mensch sich am besten von der Politik,
vom praktischen Leben fernhält ? Die Pythagoreer verteidigten aristokraziehung zwischen einzelnen Geistern.
Für die Wissenschaft nun von dem Element der Gemeinschaft, dem
Menschen, haben die Pythagoreer einen gesunden Grund, eine Arché in
ihrem Sinne, gefunden. Eine Gemeinschaft haben sie in ihrem Bunde verwirklicht. Das allgemeine Problem der Gemeinschaft, und das größte,
das der Volksgemeinschaft, zu lösen, ist ihnen nicht gelungen.
Eine von den griechischen Denkern früh erörterte und die heutige
Zeit noch mehr angehende Frage taucht hier auf, die Frage des Kommunismus. Sie kann für die Pythagoreer rasch entschieden werden.
Kommunistische Züge oder kommunistische Deutungen der Überlieferung
treten uns bei Jamblichos an vielen Stellen entgegen. Das Vermögen
der in die Schule Eintretenden soll zusammengelegt, bei der Ausstoßung
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cn
zurückgegeben worden sein. Auch der zur alten pythagoreischen Spruchweisheit gerechnete Satz: xowa ra ram q¿dor —
Freunde haben ihren Besitz gemeinsam —ist später nicht nur in kommunistischem Sinne aufgefaßt, sondern bis zur Karikatur verzerrt worden. In Wirklichkeit
können die Pythagoreer, sicher die der älteren Zeit, keine Kommunisten
gewesen sein. Denn die vielen Geschichten, wie sie auch von Aristoxenos
erzählt werden, die den innigen Zussmmenhang, das selbstlose und opferwillige Eintreten der Freunde für einander dartun sollen, würden ihren
Sinn verlieren, wenn der Pythagoreer die Opfer nicht aus seinem eigenen
Vermögen hätte bringen müssen.
Die Pythagoreische Freundschaft ist zu hoch gedacht, als daß sie
an wirtschaftliche Bedingungen geknüpft sein konnte. Wirtschaftliche
Hilfe der Freunde unter einander ist freiwillige und selbstverständliche
Folge ihrer Verbundenheit, nicht ihre Bedingung. Platons kommunistische Forderungen sind also nicht pythagoreisch, sie sind erwachsen
aus einer viel kritischer gewordenen Einstellung zur Frage des Eigentums. Unser Kommunismus aber beruft sich auch auf Platon ?) nicht
ganz zu Recht. Denn Besitzlosigkeit verlangte Platon nur von den Mitgliedern seiner beiden oberen Stände, von den Philosophen und den
Wehrleuten, eben denen, die fähig sein sollen, ihr eigenes Wohl dem der
Gemeinschaft zu opfern.
Das wirtschaftliche Opfer ist dabei das geringste. Platon behandelt es als fast. selbstverständlich und macht nicht
viel Worte darum, wie überhaupt all die umstürzlerischen Dinge, die
man so gern als charakteristisch für den Platonischen Staat ausgibt, von
ihm selbst nur kurz und nicht ohne einen deutlichen Beisatz von Ironie
vorgeführt werden.
Schließlich hat Platon die Forderung ganz fallen
lassen.
Der Freund tritt bei den Pythagoreern ein für den Freund mit allem,
was ihm gehört, mit all seinen Kräften, schließlich selbst mit seinem
Leben. Beispiele einer rührenden und stolzen Standhaftigkeit, auch der
Frauen, gegen alle Lockungen und Drohungen, gegen Folter und Tod,
werden so viele und mit. so genauen Einzelangaben in den Pythagoreischen Schriften erwähnt, daß man wohl gegen die eine und andere Erzählung, nicht aber gegen die Sache Zweifel hegen kann. Hier ist ein
Ideal, das wirklich gelebt wurde, und das Dauer gehabt hat über die
Zeit der alten Pythagoreischen Schule hinaus.
In das häusliche Leben der Griechen erhalten wir selten einen genaueren Einblick.
Die Liebe zwischen Mann und Frau, die der Eltern
zu den Kindern, gehört nicht vor die Augen der Außenstehenden.
Die
Athenischen Grabdenkmäler fast allein zeigen die Tiefe und Schönheit
dieser Empfindungen.
1) Platon,
Staat.
Lob und Preis der Freundschaft dagegen, DarBücher3—6; —, Gesetze, Buch 5.
stellung von beriihmten Freundespaaren in Geschichte und Kunst, liebevolles Eingehen der Theoretiker auf den Begriff, diese Zige des griechischen Denkens und Empfindens treten dem Betrachter sogleich auffallig und anmutig entgegen.
Das Pythagoreische Ideal der Freundschaft aber hat eine Kehrscite,
die uns in der Praxis der Schule schon sichtbar geworden ist. In diesen
Freundesbund aufgenommen zu werden, mußte zur Zeit seiner Blüte
gerade demjenigen vorteilhaft erscheinen, der selbst nicht Pythagoreisch
dachte. Gegen solche Verderber des Ideals suchte sich der Bund zu
schützen durch die strenge und lange Prüfung und durch die Härte,
mit der er die Unzulänglichen ausstieß. Feindschaften waren die Folge,
Feindschaften statt der gesuchten Harmonie. Eine Prüfung, die nicht
auf irgend welche besondere Fertigkeit, sondern auf das Wesen des
Menschen, seinen Geist und Charakter geht, ist eine bedenkliche Sache;
schwere Irrtümer sind dabei unvermeidlich.
Aber nehmen wir selbsi
an, im allgemeinen habe sich das Verfahren bewährt, und die doch
noch nötigen Ausstoßungen seien ebenfalls zu Recht erfolgt, so kann
doch eine solehe langwierige Prüfung nicht auf alle Volksgenossen, oder
gar auf alle Menschen ausgedehnt werden. Wie soll man sich also zu
denen stellen, die nicht geprüft sind? Ist eine aristokratische Auslese
nicht überhaupt ein Unrecht gegen die Mitmenschen und daher ein
Widerspruch im Pythagoreischen System
?
Die Frage führt auf eine allgemeinere Schwierigkeit.
Die schon berührte Unklarheit im Begriff der Harmonie scheint sich hier fühlbar zu
machen,
Die Harmonie sollte die wirklich in der Welt herrschende
Harmonie, das alles bedingende Erste sein. Wenn es aber Menschen
gibt, die gegen die Harmonie der Genossenschaft verstoßen und deshalb
außerhalb dieser Harmonie gestellt werden, so muß die Harmonie der
Gemeinschaft etwas anderes sein als die Weltharmonie. Oder denken wir
sie als eine noch gar nicht bestehende, sondern erst zu verwirklichende,
so müßte sie, um verwirklicht werden zu können, der Gesamtheit der
Weltgesetze nicht zuwider sein, sondern ihr irgendwie entsprechen,
Je enger wir nun eine Gemeinschaft wählen, je schärfer die Bedingungen
für ihre Auslese gehandhabt werden, um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß ihre Harmonie die der Gesamtheit sein oder werden könnte.
Wollte man dagegen, um dieser Schwierigkeit zu begegnen, auf jede
Auslese verzichten, und die Gesamtheit einfach anerkennen, wie sie ist,
so hätte man das Problem nicht gelöst, sondern fallen lassen. Andere
Möglichkeiten gibt es nicht: also muß die Lösung oder die Lösungen
— denn vielleicht sind mehrere denkbar —in der Mitte liegen. Die Harmonie in einer Gesamtheit kann nicht die eines bloßen Teiles, einer Sondergemeinschaft sein; die Menge darf nicht dem führenden Teil der
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Gesamtheit fremd gegenüberstehen bleiben. Die Menge kann aber auch
nicht selbst die Führung haben. Denn die Führung ist Führung zu
einem Neuen. Also kann sie nur vom Teil der Gesamtheit ausgehen.
Die Pythagoreer waren sich über die letztere Notwendigkeit im klaren.
des Staates aber als eines Gebildes, das künstlich zu schaffen und ein-
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zurichten ist, hat auch bei ihm zunächst noch die Führung; sie scheint
auch die pythagoreische gewesen zu sein. Der Staat aber ist nichts ohne
das Volk, das in ihm lebt, wie eine Eigenschaft nichts ist ohne das Ding,
Nur wenigen ist es gegeben, sagen sie!), gut zu fassen und richtig zu
dessen Eigenschaft sie ist.
schließen. Also nicht auf die Menge, sondern auf die Wenigen muß der
sein, das griechische Volk ist ein Beispiel dafür. Die Volksgemeinschaft
Ein Volk kann auch ohne Staat ein Volk
hören, der lernen will. Aber wie die Menge mit den Wenigen zu einer
also ist das zugrunde liegende. Sie gestaltet sich in wechselnden staat-
Einheit zu verbinden ist, so daß eine Gesamtgemeinschaft entsteht,
die Frage war den Pythagoreern gestellt. Aber sie beantworteten sie
lichen Formen, die für das Schicksal des Volkes bestimmend werden,
zu abstrakt. Das richtige Verhältnis zwischen den Führenden und den
licher als der Staat, aber das ursprünglichere ist für das menschliche
aber doch nie die Volksgemeinschaft selbst sind. Das Volk ist ursprüng-
Geleiteten, sagt ihre Theorie*),ist dann vorhanden,
wenn in Liebe geführt
Erkennen nicht immer das Erste.
und gefolgt wird. Was es aber ist, das die Liebe der Menge zum Führer
Staat verborgen geblieben, und die Verfassung, das, was die Gesetzgebung
und die freiwillige Einordnung in die Gemeinschaft herbeiführen soll,
das bleibt dahingestellt.
machen kann, erschien als das wesentliche an ihm. Eine Gesetzgebung
Hier liegt
die verhängnisvolle Lücke im pädagogisch-politischen
So ist das Volk zunächst hinter dem
und Verfassung aber, die nicht getragen wird durch das Volk, schwebt
in der Luft, und kann nicht Bestand haben, auch wenn sie noch so
System der Pythagoreer. Ihr Bund war gegründet auf Idealen des
Geistes und Gemütes, deren lebendige Erfassung die Zugehörigkeit zu
ihm und damit den Bund selbst fest begrenzte. Aber eben deshalb
ideal ausgedacht ist.
verknüpften diese Ideale den Bund und die Schule nicht mit dem Volk,
Strenge gegen sich selbst um die Bildung einer allgemein menschlichen
dem sie angehörten, zu einer wirklichen Einheit. Eine Volksgemeinschaft
muß bestanden haben; aber sie blieb auf der Stufe des Wirtschaftlichen
Gemeinschaft und verloren darüber ihr eigenes Volk und damit die
Das pädagogisch-politische System der Pythagoreer hat versagt an
diesem Punkte.
Sie mühten sich in wissenschaftlicher Ehrlichkeit und
stehen. Eben das, was die Pythagoreer zu Pythagoreern machte,hob sie
Grundlage ihres Daseins.
Die geschichtliche Betrachtung hat unmerklich zu Kritik und philoaus dieser Gemeinschaft heraus, und die Ausdehnung ihres Bundes über
sophischer Überlegung geführt. Geschichte ist ohne Philosophie nicht
viele und politisch nicht immer gleichartige Gemeinwesen, die ein Grund
möglich. Die Begriffe aber, auf die wir als die entscheidenden gestoßen
zur Bildung einer umfassenden Gemeinschaft hätte sein können, war
sind, von Staat, Volk, Gemeinschaft, Harmonie und Humanität, die
so nur eine Quelle weiterer Feindseligkeiten.
Frage nach den Beziehungen der verschiedenen Gemeinschaften zum
Die Pythagoreische Psychologie lehrte Selbstbescheidung, ernsthafte
und ehrliche Selbstzucht.
Ein sich selbst Geltendmachen, und erst
recht ein sich Überheben war als unkameradschaftlich ausgeschlossen.
Menschen und zu einander, nach der Bedeutung zumal der Volksgemeinschaft, verlangen umfassendere Untersuchungen, die über den Rahmen
dieser Arbeit hinausgehen.
Aber die Kameradschaft reichte nur bis zu den Grenzen des Bundes,
Die Pythagoreer aber wollen wir nicht mit einem Verdammungsurteil
unddieseGrenzen waren streng bewacht. Wie immer in solchem Falle —
verlassen. Was sie in dem engen, zu engen Kreise ihres Bundes anstrebten,
und der Fall wiederholt sich bei allen Bünden dieser Art — wirkte die
war doch für alle Menschen gemeint: Läuterung der menschlichen Natur,
innere Kameradschaft
Bildung zur Harmonie im eignen Innern und in der Gemeinschaft. mit
als Unkameradschaftlichkeit nach außen.
Die Staatstheorie der Griechen ist in den Kämpfen zwischen den alten
anderen. An dem Gedanken der Harmonie hängt ihre Wissenschaft,
Aristokratien und der aufkommenden Demokratie entstanden. Siesuchte
die Besonnenheit ihrer Psychologie. Weder das Schicksal, das sie traf,
eine wissenschaftliche Entscheidung zwischen diesen Gegensätzen, einen
noch die Fehler, durch die sie es mit verschuldeten, beweisen etwas
besten Staat und eine beste Verfassung. Erst allmählich erkannte man,
daß vorher eine Naturgeschichte des Staates zu schreiben sei. Platon ©)
verbindet in seinem großen Staatswerk beide Aufgaben. Die Auffassung
gegen den Gedanken und die Möglichkeit seiner Durchführung, weder
1) Jamblichos 200.
2) Stobaios II, S. 88.
®) Platon, Staat. Bücher 3—6.
gegen eine harmonische Menschengemeinschaft, noch gegen eine Weltharmonie. Nur das sehen wir, die Harmonie ist weniger einfach, die
Vielheit mächtiger und eigenwilliger, als sich selbst dem tiefen
Blick der Pythagoreer zu offenbaren schien. Kampf und Streit, Gegensatz und Wechsel und das Unglück auch gehören mit hinein.
Page 16
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Eine bestimmtere Formel für die Weltharmonie hat die Pythagoreische
Schule nicht aufgestellt, ein Zeichen ihrer wissenschaftlichen Vorsicht.
In der Uberlieferung wird gesagt, Pythagoras allein habe die Sphärenharmonie gehört, seinen Schülern habe er sie bewiesen, der Beweis aber
sei verloren gegangen. Das bedeutet: Nur der göttliche Mensch, das
Göttliche in uns kann unmittelbar die Harmonie erleben. Die Wissenschaft aber ist der für uns Menschen mögliche Weg zu ihr, wenn wir
auch immer wieder in Gefahr sind, ihn zu verlieren. Eine Empfindung,
über die wir lächeln, ein Gedanke, den wir skeptisch bezweifeln mögen!
Es ist aber die Frage, ob es nicht möglich sein wird, dem Begriff der
Harmonie eine Bedeutung zu sichern, die den Gedanken wahr und, wertBegriffe, die dieser Bedingung wenigstens annähernd gevoll macht.
nügen, haben wir in den Begriffen des Gesetzes und der Wahrheit selbst,
nur daß sie zu allgemein sind.
Von ihnen aus wird also der von den
Pythagoreern gesuchte Begriff zu finden und zu bestimmen sein.
Die
Empfindung der Harmonie aber, wem sie gegeben ist, mag Führerin
dazu werden.
Freyla9 Wilhy
14 557
Bruder shalben cl vir Jahrlausancen
cin È ~ pelit. Froblent a. Bhagereer
Lpschrilf £ Geschichte A lraicheg
an di Ay far ©
23,7. 133 83-2.