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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Moralische Landschaften. Die Metapher des Lebenswegs
Annette Kranen
Der Weg als Bild
Das ethische Thema des guten Lebens ist in
den Texten und Bildern der Neuzeit in Europa
eng mit der Metapher des Weges verknüpft. Sie
macht den zeitlichen Ablauf des Lebens durch
Verräumlichung vorstellbar – der Mensch ist
unterwegs, erreicht verschiedene Stationen
und begegnet Herausforderungen. Die antike
Ekphrasis der Kebes-Tafel und ihre verschiedenen bildlichen Umsetzungen sind nur eines
von vielen Beispielen, wie diese Wegmetapher
in der Literatur und den Künsten variiert wurde.1 Bemerkenswert ist, dass der Lebensweg
hier konkret und anschaulich in ein Bild – die
Votivtafel im Chronos-Heiligtum – gefasst ist.
Anhand eines Bildes also soll der Mensch zunächst im Überblick, wie vor einer Landkarte,
erfassen, welchen Verlauf, welche Gefahren
und Möglichkeiten das Leben mit sich bringt.
So soll er, den gesamten Weg antizipierend,
verstehen, was es zum guten Leben braucht.
Ein ähnliches Konzept findet sich in einem
Stich des niederländischen Künstlers Jan Saenredam, eines Schülers von Hendrick Goltzius,
wieder (Abb. 1). Hier ist eine der klassischen
Narrationen zur Wegmetapher, der Mythos
von Herkules am Scheidewege, auf bemerkenswerte Art inszeniert: Der Held trifft auf
zwei Frauenfiguren, Wollust und Tugend bzw.
Voluptas und Virtus, die zwei Alternativen der
Lebensführung verkörpern.2 Doch findet er
sich nicht, der ikonografischen Konvention
entsprechend, an der Gabelung zwischen zwei
Wegen, sondern zwischen zwei Bildern vor
die Wahl gestellt. 3 Voluptas und Virtus haben
Tafeln bei sich, die die zwei Perspektiven noch
einmal bildlich vor Augen führen. Die Darstellungsstrategien dieser beiden Tafeln sind verschieden. Die der Tugend nutzt eine Allegorie:
zu sehen ist ein steiler, felsiger Berggipfel, den
einige Menschen zu erklimmen versuchen
und auf dessen Gipfel die Kardinaltugenden
versammelt sind: Tapferkeit (Fortitudo) mit
der Säule im Arm sticht heraus, um sie herum
ordnen sich Liebe (Caritas), begleitet von Kindern, Klugheit (Prudentia) mit einem Spiegel
und Gerechtigkeit (Justitia) mit Waage.4 Dieser
Weg führt für Herkules durch Verstand und
Ausdauer zum Ruhm – so deuten sich im Hintergrund der Szene bereits die Herkulestaten
an. Er bedeutet zugleich den Verzicht bzw. die
reflektierende, stoische Distanz gegenüber den
Freuden und Geschenken, die die Wollust verheisst. Die Bildtafel der Voluptas zeigt gänzlich
unmittelbar, was bei einer Entscheidung für
ihre Lebensweise zu erwarten ist: auf ihr ist
ein ausgelassenes Bankett zu erkennen. Dies
Kranen, Moralische Landschaften
DOI: https://doi.org/10.36950/kat-wzg-2021-8
CC BY-NC-SA 4.0
Page 3
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Anonymer Stecher nach Jan Saenredam, Herkules am Scheideweg, ca. 1589–1657,
Kupferstich, 21,4 × 21,6 cm, Amsterdam, Rijksprentenkabinet, Inv. Nr. RP-P-1884-A-8276
entspricht auch den verschiedenen Weisen der
beiden Frauenfiguren, den Protagonisten anzusprechen. Die Tugend hält das Bild wie zur
Demonstration und deutet darauf. Sie scheint
es dem Helden zu erläutern und zu erklären,
adressiert ihn also kognitiv. Die Wollust hin-
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Kranen/Krass/Zimmer, Der Weg zum Glück (2021)
Ausstellungskatalog Kunstmuseum Bern
DOI: https://doi.org/10.36950/kat-wzg-2021
gegen hat ihre Tafel lässig auf der Astgabel abgestellt. Sie appelliert, anders als die Tugend,
nicht an den Verstand des Herkules, sondern
agiert körperbezogen, ergreift seinen Arm und
zieht ihn zu sich. Die Bildtafel mit der üppigen
Tischszene bildet eher einen Hintergrund.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das hier Dargestellte will erlebt werden, nicht
verstanden – es ist nicht eine Metapher, sondern das (Er)leben selbst. Saenredam hat der
Voluptas dasselbe ungewöhnliche Attribut
beigegeben, das die Täuschung (Seductio) auf
der Kebes-Tafel von Goltzius bei sich hat: eine
Mausefalle, die impliziert, wie die Genüsse
und Freuden des ausschweifenden Lebens den
Menschen locken, um ihn im nächsten Moment
gefangen zu setzen.5 Die Betrachtenden, die die
Narration kennen, wissen, dass sich Herkules
entscheidet, den Weg der Tugend zu beschreiten. Er tut dies mit Hilfe eines Bildes – so wie es
die Betrachtenden selbst wiederum mit Hilfe
dieses Stiches, der Kebes-Tafel oder anderer
Lebensweg-Darstellungen tun sollten.
Eine Metapher – viele Implikationen
Die Metapher des Weges ist in verschiedensten Traditionen zu finden. Beispielsweise wird
die Grundlehre Buddhas im Buddhismus als
Weg bezeichnet, ebenso kann der zentrale Begriff des «Dao» im chinesischen Daoismus mit
«Weg» übersetzt werden, und meint hier Lehre
oder Methode.6 Auch im Islam ist das Motiv des
Weges bedeutend, nicht nur in der Rede vom
«geraden Weg», der zu Gott führen soll, sondern auch in verschiedenen weiteren Konzepten, nicht zuletzt in der Pilgerfahrt.7 Im Christentum wird die Metapher des Weges ebenfalls
theologisch genutzt, etwa wenn Jesus sich als
Weg zu Gott bezeichnet: «Ich bin der Weg und
die Wahrheit und das Leben; niemand kommt
zum Vater außer durch mich.» 8 Für die Frühe
Neuzeit in Europa waren zudem antike Texte
wie die Tabula Cebetis oder der Mythos des
Herkules am Scheideweg prägend. Hier steht
die Wegmetapher im Rahmen einer Ethik und
versinnbildlicht die richtige Lebensführung.
Eine andere symbolische Ausprägung ist das
Y-Signum, das wie der Herkules-Mythos auf die
ethische Wahl zwischen zwei Wegen hinweist
und als Erfindung des Pythagoras gilt.9 Mit den
zwei Armen des Buchstabens Y, einem breiten
und einem schmalen, wurde hier ein Motiv
etabliert, das ebenfalls im Neuen Testament,
bei Matthäus 7,13–14 aufgegriffen wurde:
Geht durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor
und breit der Weg, der ins Verderben führt,
und es sind viele, die auf ihm gehen. Wie eng ist
das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden. 10
In der Frühen Neuzeit in Europa wurden diese
Traditionen nicht selten zu einem Konglomerat von Referenzen zusammengeschmolzen.
So wurde etwa Herkules am Scheideweg mit
dem Y kombiniert oder christlich-theologisch
ausgedeutet (z. B. Abb. 4 u. 7).11 Durch verschiedene Motive wurde das Bild des Lebensweges
anschaulich entfaltet: In der Literatur und
visuellen Kultur des 16. und 17. Jahrhunderts
finden sich Labyrinthe und Landschaften,
Reisen oder Irrfahrten, Landkarten und Wegweiser.12
Die starke Verbreitung der Metapher kann
im Zusammenhang des Neo-Stoizismus gesehen werden, einer philosophischen Strömung
des Späthumanismus – so wurde der Text der
Tabula Cebetis zwischen 1578 und 1784 mindestens fünfmal in Kombination mit Epiktets
Handbüchlein der Moral abgedruckt.13 Autoren
wie Justus Lipsius entwickelten unter Rückbezug auf die Philosophen der antiken Stoa,
etwa Epiktet und Seneca, eine neue Ethik, die
besonders unter städtischen Eliten weite Verbreitung fand – auch in der Schweiz und im
Bern des 17. Jahrhunderts.14 Der Mensch wurde
dabei selbst in der Verantwortung gesehen,
sich durch den Einsatz seiner Vernunft in ein
sinnvolles Verhältnis zur Welt zu setzen und
zu einer autonomen, tugendhaften Haltung
zu gelangen.15 Die Neu-Stoiker waren zudem
darum bemüht, stoische und christliche Lehre
in Übereinstimmung zu bringen, die Stoa also
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)als System zu verstehen, das auf dem Weg der
Vernunft zum christlichen Glauben führe.
Als neutrale Grundlage einer verinnerlichten Moral bot dies auch die Möglichkeit, sich
jenseits der konfessionellen Divergenzen auf
eine gemeinsame Ethik zu verständigen.16
Auch einige Übertragungen des Kebes-Stoffes
in Bilder verbanden die antike Wegleitung zur
Glückseligkeit mit christlichen Motiven.17 Die
vielen Bilder des Lebensweges, die kursierten,
können also als Medien verstanden werden, in
denen eine Auseinandersetzung mit philosophischen und theologischen Problemen stattfand. Die Visualisierungen trugen zur Ausdeutung dieser Probleme bei und regten dazu an,
über die Möglichkeiten, Schwierigkeiten und
Abwege im Leben zu reflektieren. Sie hatten
eine moralische und regulierende Funktion.18
Hans Blumenberg hat sich eingehend damit
beschäftigt, dass solche beständigen, wirkmächtigen Metaphern vielschichtige, teils unausgesprochene Implikationen mit sich tragen,
die eine eigene Geschichte haben. «Absolute
Metaphern», die sonst nicht in ihrer Gänze begreifbare Abstrakta wie die Welt, das Leben
oder die Wahrheit vorstellbar machen, prägen
das Denken und Handeln von Menschen und
ihre Analyse ist daher ein historischer Gegenstand:
Ihr Gehalt bestimmt als Anhalt von Orientierungen ein Verhalten, sie geben einer Welt
Struktur, repräsentieren das nie erfahrbare,
nie übersehbare Ganze der Realität. Dem historisch verstehenden Blick indizieren sie also
die fundamentalen, tragenden Gewissheiten,
Vermutungen, Wertungen, aus denen sich die
Haltungen, Erwartungen, Tätigkeiten und Untätigkeiten, Sehnsüchte und Enttäuschungen,
Interessen und Gleichgültigkeiten einer Epoche regulierten.19
Diese Überlegung aufgreifend, lohnt es sich,
unterschiedlichen Fassungen der Lebensweg-
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Der Weg zum Glück
Metapher exemplarisch nachzugehen. Gerade
deren Verbildlichungen in den Blick zu rücken,
ist aufschlussreich, denn Bildern des Weges
kam – angefangen mit der Ekphrasis der KebesTafel – offenbar eine zentrale Rolle zu, um die
Lebensweg-Metapher zu durchdenken, in Details zu konkretisieren und sie auch didaktisch
zu vermitteln.
Zweigeteilte Landschaften
Das Motiv des Scheideweges betont besonders
das Moment der Wahl, wobei vorgegeben ist,
dass es nur zwei Alternativen für den Menschen gebe: Gut und schlecht, gelingendes
Leben und Scheitern, Tugend und Laster.
Dies findet sich in zahlreichen Darstellungen
in Landschaften übersetzt. In Johann Amos
Comenius’ Orbis Sensualium Pictus etwa, das
erstmals 1658 erschien und bis ins 19. Jahrhundert hinein in Eu ropa sehr verbreitet und
eines der wichtigsten Schulbücher war, wird
das Stichwort «Ethica – Die Sittenlehre» mit
Hilfe eines Landschaftsbildes erklärt (Abb. 2).
Hier verlaufen Wege über eine Ebene und über
Hügel, einer von ihnen führt steil ansteigend
zu einer Stadt hinauf. Rechts an einer Weggabelung steht ein Jüngling zwischen zwei
Gestalten, die im begleitenden Text als Tugend
und Laster identifiziert werden. «Dieses Leben
ist ein Weg oder ein Scheideweg/gleich dem
Buchstaben des Pythagoras Y, dessen lincker
Fußsteig breit, der rechte eng ist: jener ist des
Lasters/dieser der Tugend Steig.» 20 Während
der schmale Weg zum «Schloss der Ehren»
führt, hat der breite einen «schändliche[n]
und jähe[n] Ausgang».21 Letzterer wird in dem
Holzschnitt durch eine Figur markiert, die in
einen qualmenden Abgrund stürzt, aus dem
ihr bereits ein anderer Gefallener entgegenblickt. In dieser Landschaft führt allerdings
der schmale Weg der Tugend weiter hinten
abermals zu einer Abzweigung, es besteht
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ethica / Die Sittenlehre in Johann Amos Comenius,
Orbis Sensualium Pictus. Hoc est: Omnium fundamentalium in mondo rerum, & in vita actionum, Pictura & Nomenclatura (1658),
Nürnberg 1698, 226, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Sign. N 699 (RES)
also stets die Gefahr, vom «geraden Steig» auf
die schiefe Bahn zu geraten. «Die Abwege und
Scheidewege betriegen und verführen an unwegsame Oerter» 22 heisst es im Orbis Sensualium Pictus auch an anderer Stelle, zum Bild
des Wanderers.
Dass die moralische Landschaft mit der Motivik der Wege so selbstverständlich in den
Orbis Sensualium Pictus aufgenommen wurde,
der Kindern die gesamte Lebenswelt – Tiere,
Pflanzen, menschliche Anatomie, Handwerke,
Handel, Religionen und noch einiges mehr –
mit einer Kombination von Bildern, Vokabeln
und Erläuterungen nahebringen sollte, zeigt,
wie fest sie in der Mitte des 17. Jahrhunderts
in der allgemeinen Vorstellung verankert war.
Comenius Text nimmt die Haupt-Referenzen
auf: das pythagoreische Y, Herkules sowie den
breiten und den schmalen Weg nach Matthäus
7,13–14. Die langfristige Verwendung des Bu-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Fortuna in Theodor de Bry, Emblemata nobilitati
et vulgo scitu digna […], Frankfurt a. M. 1592,
Tafel 1, Radierung, 6,6 × 8,2 cm,
London, Victoria and Albert Museum, Inv. Nr. 13673.24
Abb. 4
Chrispijn van den Broeck, Herkules am Scheideweg, 1576,
Feder in brauner Tinte, braun und grau laviert,
18,4 × 26,7 cm, Paris, Fondation Custodia –
Collection Frits Lugt, Inv. Nr. 8722
ches lässt darauf schliessen, dass deren Kenntnis bis ins 19. Jahrhundert Bestandteil des Allgemeinwissens blieb.23
Die zweigeteilte Landschaft hat aber auch
jenseits der Scheideweg-Metapher Eingang in
die Bilderwelt der Frühen Neuzeit gefunden.
In einer Tafel in Theodor de Bry’s Emblemata
nobilitati (1592) teilt sich die Welt unter dem
Einfluss der Fortuna in eine Seite der Prosperität und eine Seite der Verluste (Abb. 3). Wo
Fortuna ihre Gaben verteilt, rudern die Menschen sicher ans Ufer, Wanderer streben auf
eine schöne Stadt im Sonnenaufgang zu. Wo sie
hingegen nimmt, erleidet ein grosses Handelsschiff Schiffbruch, zu Ballen geschnürte Waren gehen unter, noch der Ertrinkende wendet
sich flehend an die Fortuna. Im Hintergrund
setzen sich die Katastrophen in einem Grossbrand fort. Hier zeigt sich, welche Sicht auf das
Schicksal von Individuen und Gemeinschaften hinter dem stoizistischen Tugend-Ideal
stand, nämlich, dass Reichtum und Prosperität nicht in der Entscheidungsmacht des Menschen stehen, sondern von Glück bzw. Schicksal abhängen. Von diesem gilt es, sich durch
Vernunft, Tugend und den Glauben an Gott
innerlich unabhängig zu machen – und dazu
kann man sich entscheiden. Dies veranschaulicht eine weitere Darstellung des Herkules am
Scheideweg, in einer Zeichnung des niederländischen Künstlers Chrispijn van den Broeck
von 1576 (Abb. 4).24 Hier steht Herkules zwar
unterhalb der Figur der Fortuna, doch diese
befindet sich in inniger Umarmung mit der
Tugend. Begegnet man dem Schicksal sicher,
klug und standfest mit moralischen Werten,
ist man ihm nicht ausgeliefert. Entsprechend
kann der Held – als Rückenfigur auch explizit
eine Identifikationsfigur für die Betrachtenden – frei wählen, in welche der beiden Landschaften er sich hineinbewegen will.
Die allgemeine Geläufigkeit der Metapher des
Lebensweges und die Verbreitung solcher
Landschaftsbilder haben in der kunsthistorischen Forschung zu der Frage geführt, inwiefern auch Landschaftsbilder, die nicht mit
Der Weg zum Glück
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)einschlägigen mythologischen Szenen verbunden sind, die Thematik der moralischen Wahl
konnotieren. Wie Panofsky in seinen Studien
zur Ikonografie des Herkules am Scheideweg
herausgearbeitet hat, wurden hier die Alternativen Tugend und Laster in der Raumdarstellung durch einen Höhenunterschied gekennzeichnet. Der steile Aufstieg steht für
die Anstrengung, die erforderlich ist, um
die Sphäre der Tugend zu erreichen.25 Daran
anschliessend warf Panofsky die Frage auf,
inwiefern Landschaftsdarstellungen in der
frühen Neuzeit insgesamt ethisch-moralisch
verstanden werden konnten. Er argumentierte
für die Möglichkeit einer solchen Lesart der
Hintergründe mythologischer und christlicher Szenen in der italienischen RenaissanceMalerei und prägte dafür den Terminus paysage
moralisé.26 Ein Problem bestand bei diesen
Überlegungen allerdings darin, wie konkret
die Landschaftshintergründe gedeutet werden sollten, ob etwa bestimmte Elemente eine
feststehende Bedeutung hätten. Da sich hierzu
keine Schriftquellen ausmachen liessen, ebbte
die Diskussion relativ schnell ab.27
Produktiver war die Frage nach einer allegorisch-moralischen Aufladung hingegen für die
flämischen Landschaftsansichten des 16. Jahr-
Abb. 5
Johannes van Doetecum I u. Lucas van Doetecum nach Pieter Brueghel d. Ä., Grosse Alpenlandschaft, ca. 1555–1556,
Kupferstich und Radierung, 33,2 × 44,6 cm, New York, Metropolitan Museum
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)hunderts. So wurde vielfach argumentiert,
dass die grossen Alpenlandschaften von Pieter
Brueghel d. Ä., die auf den ersten Blick primär
ein ästhetisches Interesse an Natur, Geografie
und Geologie zu spiegeln scheinen, die Problematik des Lebensweges aufrufen (Abb. 5).
Details wie die Wanderer auf steilen Wegen,
Gämsen, Galgen und Kreuze hat Werner
Busch als System von Zeichen gedeutet, die
das menschliche «Indieweltgestelltsein mit all
seinen Gefährdungen» thematisieren.28 Doch
auch jenseits solcher konkret deutbaren Zeichen können die grossen Landschaften philosophisch oder theologisch gelesen werden. Die
Motivik der Reise und des Weges durchs Leben
war in der neostoischen Philosophie der Zeit
so verbreitet, dass sie für die meisten Visualisierungen von Landschaft, künstlerische wie
geografische, zumindest eine mögliche Deutungsebene darstellte.29 Auch für die Malerei
von Pieter Brueghels Sohn, Jan Brueghel d. Ä.,
wurde dieses Potenzial in Anschlag gebracht:
was auf den ersten Blick wie Schilderungen
von Alltagsszenen wirkt, beispielsweise das
Motiv eines Pferdewagens auf einem schlammigen Weg durch den Wald, könne stets auch
metaphorisch mit dem Lebensweg und mit den
neostoischen Grundsätzen in Verbindung gebracht werden.30 Der philosophische Aspekt
kann bei der Rezeption aufgerufen werden,
muss es jedoch nicht. Sehr viel konkreter und
eindeutiger in ihrem didaktischen Anspruch
wurde die Wegmetapher hingegen im Zusammenhang von Emblemen aufgegriffen und
visualisiert.
Die innere Landkarte
Die Gattung der Emblemliteratur fand insbesondere im niederländischen und deutschen
Raum im 17. Jahrhundert weite Verbreitung
und Motive aus Emblembüchern wurden
auch in der Schweiz gern für die Innenaus-
110
Der Weg zum Glück
stattung bürgerlicher Wohnräume genutzt,
etwa für Wandvertäfelungen und Kachelöfen
(vgl. Kat. 18).31 Embleme vermittelten mit einer
Kombination von Text und symbolisch aufgeladenen Bildern oft moralische Grundsätze. Hier
hatte die Wegmetapher besondere Konjunktur.
Beispiele sind etwa Otto van Veens Le théâtre
moral de la vie humaine (1678) (Kat. Nr. 8),
das auf die Kebes-Tafel Bezug nimmt, und
der Weg-wyser ter salicheyt (Wegweiser zur
Seeligkeit) von Zacharias Heyns (1629). Dessen Einführung liefert eine Übersicht über
die Ausprägungen der Weg-Metapher – vom
Y-Signum über die Tabula Cebetis, Herkules am
Scheideweg und die Tradition des Stoizismus
mit Platon und Seneca bis hin zu den Psalmen
und zum Neuen Testament.32
Am Beginn von Heyns’ Weg-wyser steht eine
bemerkenswerte ausfaltbare Tafel mit einer
Landkarte (Abb. 6). Die Zeichen für Orte und
Gebirge, Flüsse, Küsten und Grenzverläufe
entsprechen den Konventionen der frühneuzeitlichen Kartografie.33 Allerdings mögen
die dargestellten Länder, so der begleitende
Text, den Betrachter:innen auf den ersten
Blick fremd vorkommen – sie stellten keine
reale Geografie dar, sondern seien geistig, als
Gleichnisse, zu verstehen. Zu sehen sind ein
Meer, Festland und Inseln sowie eine überproportional grosse, stark befestigte Stadt. Bei
genauerem Hinsehen und Lesen erschliesst
sich eine moralisch-theologische Landschaft:
In der unteren Hälfte des Blattes grenzen die
Provinzen «Reich der Verzweiflung» und «in
der Armut» an Städte wie «Mangel», «Hunger»,
«Raub» und «Hurerei». Brücken verbinden sie
mit der Insel der «Wollust» und dem «Reich
der Müssiggänger und Schlemmer». Weiter
links, im Meer, zeigt sich das Höllenreich als
Fratze, in deren Pupille die «Düsternis» liegt
und in deren aufgerissenes Maul (nicht ohne
Bildwitz) ein Schiff hineinfährt. In der oberen
Hälfte des Blattes finden sich deutlich friedlichere Landstriche wie das «Reich der Gnade»,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Karte in Zacharias Heyns, Weg-wyser ter salicheyt: onder een sinnebeeld van des werelts beschryvinge
den Christen wandelaer voorgestelt, Zwolle: Fransz Jorrijaensen, 1629,
Emblem Collection of the University of Illinois, Sign. 5674341
«Im Gesetz» und, genau über dem Höllenreich
und als Gegengewicht etwa gleich gross, das
«Gelobte Land». Dort liegen u. a. das «Neue Jerusalem» und das «Ewige Leben». Hölle und
Gelobtes Land sind jeweils nur über das Meer
zu erreichen, wodurch deutlich wird, dass
sie jenseits der Länder liegen, die das diesseitige Leben mit seinen Optionen darstellen
– zugleich bringt man sich jedoch im Diesseits
schon in Position für die jeweilige Überfahrt.
Strassen, die als gestrichelte Doppellinien
eingezeichnet sind, und auch die Brücken
zwischen den Provinzen weisen darauf hin,
dass man sich von einem Ort zum anderen
bewegen kann, beispielsweise von der «Abgötterei» ins «Reich der Gnade», wobei der Weg
entweder durch ein Gebirge mit Orten wie
«Vergebung», «Rechte Erkenntnis» und «Geduld» oder durch verschiedene Stationen der
Leiden Christi führt.
Die Karte in Heyns’ Weg-wyser geht auf einen
bereits neun Jahre früher, 1620, in Frankfurt
erschienenen Einblattdruck zurück: die Newe
vnd kurtze Beschreibung der gantzen Himmelischen vnd Irdischen Welt///des Newen Hierusalems vnd Ewig brennenden Pfuls von Eberhard
Kieser.34 Im Einblattdruck regt die Karte für
sich genommen zur Reflexion an, bei Heyns
ist sie im Zusammenhang des Emblembuches
zu rezipieren. Möglicherweise fügte Heyns
das attraktive Blatt ein, um sein Buch, dessen
Embleme vergleichsweise einfach waren, aufzuwerten. Allerdings ist es für das Konzept seines Buches durchaus konstitutiv. Bereits mit
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)dem Kupfertitel ist dem Werk das Leitbild des
Weges vorangestellt, hier in der biblischen
Fassung des breiten und des schmalen Weges
(Abb. 7). Der Titel Weg-wyser ter salicheyt deklariert das Buch als Orientierungshilfe auf
dem Weg des Lebens, so dass das Medium
einer Landkarte diese Metapher folgerichtig
erweitert. Im Zusammenspiel mit den Emblemen lehnt sich der Aufbau an das gängige
topografische Schema von Karte und Bildfolge
an, bei dem das Überblicksbild eines Raumes
mit einer Serie von darin zu verortenden
Detaildarstellungen kombiniert wird.35 D. h.
die Rezipient:innen können beim Durchblät-
Abb. 7
Kupfertitel in Zacharias Heyns, Weg-wyser ter salicheyt:
onder een sinnebeeld van des werelts beschryvinge den Christen
wandelaer voorgestelt,
Zwolle: Fransz Jorrijaensen, 1629,
Emblem Collection of the University of Illinois,
Sign. 5674341
112
Der Weg zum Glück
tern der Embleme unter Rückgriff auf die
Karte überlegen, wie sich Einzelaspekte der
Lebensführung in einen moralisch-theologischen Gesamtzusammenhang fügen.
Das Medium der Landkarte legt den Betrachtenden dabei eine bestimmte Art der Reflexion
nahe. Einerseits gibt die Karte einen abstrakten Überblick über die Optionen menschlichen
Lebenswandels. Andererseits regt sie dazu
an, sich selbst mit seinem eigenen Verhalten
in dieser moralischen Landschaft zu verorten: Welche Orte habe ich bereits besucht? Wo
habe ich mich länger aufgehalten? Wo befinde
ich mich jetzt und sollte ich mich in Zukunft
an einen besseren Ort bewegen? Wie weit ist
dieser entfernt und welche Abwege könnten
mich hindern, dorthin zu gelangen? Die Übersetzung der Wegmetapher in das Bild einer
Karte impliziert eine gewisse Offenheit gegenüber der Variante des Scheidewegs. Hier geht
es nicht um eine einmalige Entscheidung, nach
der man den breiten oder schmalen Weg nicht
mehr verlassen kann, sondern es erscheint
jederzeit möglich, sich umzuorientieren, sich
von hier nach dort zu bewegen, auch wenn die
Entfernungen mitunter weit sind. Die Landkarte lässt dabei allerdings kaum Spielraum
für eigene Einschätzungen. Vielmehr stellt
sie feste Zusammenhänge von persönlichem
Verhalten und dessen Konsequenzen her, indem sie diese in einer räumlichen Ordnung
fixiert und sie so unverrückbar wie geografische Gegebenheiten erscheinen lässt – vom
Lange-Schlafen ist es nicht weit zum Elend
und zum Stehlen. Das Bild der Karte definiert
und objektiviert die Territorien des Guten und
Schlechten. Gleichzeitig lässt sie sie verfügbar
und beherrschbar erscheinen und hält so dem
je Einzelnen vor Augen, dass er oder sie selbst
die Verantwortung für den eigenen Lebenswandel trage.36
Deutlich ist jedenfalls, dass der dargestellte
Raum als ein innerer Raum, «geistig» – wie
Zacharias Heyns, der Autor des Emblembuchs,
Page 12
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)schreibt, zu verstehen ist. Dem im Lauf eines
Lebens fortdauernden Prozess der ethischen
Selbstbefragung wird die Vorstellung von einer Landkarte unterlegt, die die Möglichkeiten
überblickbar macht und dabei hilft, sich zu
orientieren. In ähnlicher Weise wurde auch in
anderen Bereichen das Bild des Weges genutzt,
um geistige Prozesse, etwa von Entwicklung
und Bildung, anschaulich zu machen.
Der Weg zur Erkenntnis
Bereits im Begriff Methode (μέθοδος), der das
richtige Verfahren bei wissenschaftlichen
Untersuchungen meint, steckt die Metapher
des Weges. Das Wort setzt sich aus dem Präfix μέτα- (durch, über; wird vor Vokal zu μεθ-)
und οδός (Strasse, Weg) zusammen, heisst also
so viel wie Durchweg.37 Es impliziert zugleich
ein Ziel: Wissen, Erkenntnis oder Wahrheit.
Auch dieser Zusammenhang wurde in der Frühen Neuzeit in Bilder übersetzt. Ein Beispiel
findet sich in dem theosophischen und alchemistischen Werk Amphitheatrum sapientiae
aeternae von Heinrich Khunrath aus Leipzig
(Ausgabe von 1609), das mit kaiserlichem Privileg Rudolfs II. gedruckt wurde.38 Eine der
darin enthaltenen Bildtafeln stellt die «Schule
der Natur» in Form einer grossen Landschaftsansicht dar (Abb. 8).39 Sie zeigt, wie der Adept
sich die Natur wandernd erschliessen muss.
Das Ziel, das er anstrebt, ist die auf einem Berg
gelegene Pforte des «Amphitheaters der ewigen Weisheit».40 Eine Rückenfigur im Vordergrund führt die Betrachtenden visuell in die
unübersichtliche Landschaft ein. Sie wendet
sich einem vom Himmel herabgleissenden
Strahl mit Schriftzug entgegen und führt so
vor Augen, welchem Prinzip der Wandernde
auf dem Weg zu Wissen und Weisheit folgen
soll: «Cum Numine Lumen, et in Lumine Numen» («Mit Gott das Licht und im Licht Gott»).
Ein vor der Rückenfigur liegendes Psalterium
und ein Hund kennzeichnen sie als Khunrath
selbst, denn beide Attribute hat der Autor auch
auf dem Titelporträt des Amphitheatrum bei
sich. Khunraths Lehre verband den Glauben
an göttliche Offenbarung und das Studium
von Natur und Materie aufs Engste miteinander, wofür er einerseits enthusiastisch rezipiert, andererseits aber auch als Häretiker
scharf verurteilt wurde.41
Das Bild der Landschaft entfaltet Khunraths
Methode in verschiedenen Motiven: Der Fluss,
der den Bildraum teilt, ist von Szenen der
Arbeit gesäumt. Rechts sind Fischer im Wasser
zu sehen, am Ufer werden Erze aus Minen im
Berg gefördert und in Hochöfen verarbeitet,
weiter hinten die Wasserkraft für eine Mühle
genutzt. Am linken Bildrand führen zwei
Figuren auf einem Schiff mit Kompass und
Quadrant geografische Vermessungen durch,
während am Flussufer Holz zersägt wird, um
einen Ofen anzufeuern. In Höhlen am Fuss des
felsigen Berges verweisen drei Einsiedlerfiguren auf religiöse Einkehr und Kontemplation
in der Natur. Die kleine Kapelle am Aufstieg
zum Berg unterstreicht diese christlich-spirituelle Dimension zusätzlich. Damit sind die
zwei Stränge des Erkenntnisprozesses aufgerufen, den Khunrath mit seinem Buch anzuleiten suchte: Labor, d. h. die Verarbeitung und
(alchemistische) Transformation von Materie
einerseits, und Oratorium, Kontemplation und
Gebet, andererseits.42 Allerdings sind noch
weitere kleine Figuren in die Landschaft eingestreut: Wanderer, Adepten der Lehre, die auf
dem Weg zur Pforte des Amphitheaters sind.
In kleinen Gruppen durchqueren sie den Bildraum, erschliessen sich betrachtend die Natur und diskutieren. Sie streben durch diese
Auseinandersetzung zum Ziel, der Pforte der
Weisheit, und so schliesslich zum Stein der
Weisen. Somit enthält die Landschaft zwei Bedeutungsebenen: Szenisch dargestellte Tätigkeiten exemplifizieren die Prozesse von Labor
und Oratorium, und die Wanderer weisen dar-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Der Weg zur Pforte
des Amphitheaters
ewiger Weisheit,
in Heinrich Khunrath,
Amphitheatrum sapientiae
aeternae, […],
Hanau: Guilielmus
Antonius, 1609,
Zürich, ETH-Bibliothek,
Sign. Rar 9441 q
Der Weg zum Glück
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Aucun texte sur cette page.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)auf hin, dass die Landschaft bzw. Natur selbst
Gegenstand des Studiums ist.
Bei Khunrath mündet das Streben nach mehreren Zielen in eine Bewegung: der Weg zu Gott,
der Weg zu Erkenntnis, der Weg zur richtigen ethischen Haltung sind in seiner Methode
miteinander verbunden. Dass wissenschaftliche und religiöse Erkenntnis nah beieinanderlagen, zeigen auch künstlerische Konzeptionen wie etwa Rudolf und Conrad Meyers
Tugenden-Zyklus von 1676, der, den Kanon
der Kardinaltugenden erweiternd, Scientia
(Wissenschaft) und Sapientia (Weisheit) umfasst (Kat. Nr. 11). Diese treten als Paar auf, sind
in den moralischen Kontext der Tugenden gesetzt und durch Inschriften religiös gerahmt.
Zwar erscheint die Wissenschaft, anders als
die Weisheit, als ambivalente Grösse und nicht
ganz konfliktfrei, heisst es hier doch, «Jesum
Christum Lieb haben ist viel besser dann alles
wüssen».43 Nichtsdestotrotz ist sie durch einen
Palmwedel ausgezeichnet und steht eben in
der Reihe der Tugenden. Wissenschaftliches
Bemühen bildet in dem Tugenden-Zyklus also
zwar dezidiert nicht, wie in dem alchemistischen Entwurf Khunraths, eine Bewegung mit
der christlichen Glaubenspraxis, kann aber
dennoch durchaus als Teil des Strebens nach
guten, richtigen Werten verstanden werden.
Der Weg in den Abgrund
Im 18. Jahrhundert griff William Hogarth die
Lebensweg-Thematik in seinen berühmten
Grafikserien auf. Ganz ohne emblematische
oder allegorische Verbrämung schildern A
Harlot’s Progress (1731, 1732) und A Rake’s
Progress (1733–1735) die unaufhaltsamen
und schmerzlichen Konsequenzen verfehlter Lebensentscheidungen und loser Moral.
So verdingt sich Mary Hackabout, eine junge
Frau vom Lande, nach ihrer Ankunft in London nicht wie geplant als Näherin, sondern
116
Der Weg zum Glück
zunächst als Kurtisane eines reichen Kaufmanns. Es folgt ihr sozialer Abstieg zur gemeinen Prostituierten, sie muss ins Zuchthaus und stirbt schliesslich an der Syphilis.
Tom Rakewell, Protagonist von A Rake’s Progress (Abb. 9), verprasst das Erbe seines Vaters
durch luxuriösen Lebenswandel im Stil der
Aristokratie, in Tavernen und mit Prostituierten, macht Schulden und heiratet aus finanzieller Not eine alte Jungfer. Er verfällt der Spielsucht, landet im Gefängnis und schliesslich im
Irrenhaus.44
Ernst Gombrich fragte in einer Miszelle, ob Hogarth seiner Konzeption dieser Modern Moral
Subjects den Text der Tabula Cebetis zu Grunde
gelegt haben mochte.45 Der Gedanke, Hogarth
könnte seine Stichserien komplementär zu
diesen «ancient moral subjects» 46 konzipiert
haben, erscheint reizvoll, da seine Grafikserien ähnlich wie die Tabula Cebetis nach
dem Muster einer Warnung funktionieren. Im
Unterschied zur Kebes-Tafel und anderen Lebensweg-Motiven wie dem Scheideweg bietet
Hogarth in seinen Bildserien allerdings keine
Alternative an, er legt nicht offen, wie ein guter Weg aussehen könnte. Das abschreckende
Exempel allein soll genügen, die Rezipient:innen zu klügerem Handeln, d. h. einer besseren
Moral, zu animieren. Der spezifische moralistische Anspruch in Hogarths Grafiken ist eng
an die durch die neue Middle-class geprägten
Diskurse im England seiner Zeit geknüpft, die
Literatur, Theater und Kunst ebenso wie Presse und Politik umfassten.47 Nichtsdestotrotz
lässt sich die Art, wie Hogarth den Weg in den
Abgrund erzählt und gestaltet, an die älteren,
langlebigen Bildtraditionen wie die der KebesTafel zurückbinden. Das Schema des Abstieges
entspricht in beiden Serien genau den Motiven
im ersten Kreis der Kebes-Tafel: Ein Neuling
im Leben lässt sich von Luxus, schnellem Erfolg, Müssiggang und anderen Lastern verführen, wird dadurch zu Verbrechen, Raub und
Mord gedrängt und endet in Elend und Reue.
Page 16
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)William Hogarth, A Rake’s Progress, Tafel 3, 1735,
Radierung und Kupferstich, 35,2 × 40,4 cm, New York, Metropolitan Museum
Die Art, wie in A Harlot’s Progress und A Rake’s
Progress satirische Darstellungsweise und
ernste Aussage vorsichtig austariert werden,
mag, so könnte man argumentieren, auf der
Bekanntheit der Lebenswegthematik und der
weiten Verbreitung entsprechender Bilder aufbauen. Hogarth verlagert das Geschehen aus
der Sphäre von Allegorie und Mythos in das
zeitgenössische Leben – selbst die Wegmetaphorik fällt hier weg.48 Durch die herbe Nähe
zum Alltag der Rezipient:innen erzielt er eine
Brechung sowie die Möglichkeit, kritisch auf
konkrete soziale Probleme seiner Zeit hinzuweisen. Zudem führen seine Bilder gerade
nicht positive Werte und Tugenden, sondern
negative Beispiele ostentativ vor Augen. Dass
das Publikum mit den klassischeren künstlerischen Umsetzungen des Lebensweg-Motivs
vertraut war, wird dabei eingerechnet und ist
die Basis für die feine Ironie der Grafiken.49
Page 17
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Johann Baptist Homann, Accurata Utopiæ tabula, nach 1730,
Radierung, koloriert, 47 × 55 cm, Bern, Universitätsbibliothek, Sign. MUE Ryh 8303 : 28
Auch in anderen Fällen lässt sich eine ähnliche
Art satirischen Rückbezuges auf die Wegmetapher und ihre bildlichen Umsetzungen finden.
Ein Beispiel ist die berühmte Landkarte des
Schlaraffenlandes aus der Officin Johann Baptist Homanns (Abb. 10). Die Grafik wurde unter
dem Titel Utopiæ Tabula, Das ist Schalck-Welt,
oder des so offt benannten, und doch nie erkannten Schlaraffenlandes Neu erfundene lächerliche
Landtabelle kurz vor 1700 in Nürnberg veröf-
118
Der Weg zum Glück
fentlicht und erfuhr mehrere Auflagen.50 Noch
vor der Karte war zudem ein zugehöriger Text
im Stil einer Landesbeschreibung erschienen,
die Erklärung der Wunder-seltzamen LandCharten Utupiæ, so da ist/das neu-entdeckte
Schlarraffenland […].51
Die Karte stellt ein Land zwischen drei Meeren
dar, in dem Provinzen wie das «Magni Stomachi Imperium» (Reich des grossen Magens),
«Mammonia» und «Stultorum Regnum» (Kö-
Page 18
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nigtum der Toren) aneinander grenzen. Die
teils lateinischen Namen vermitteln einen
gelehrten Eindruck, die Typografie, Schraffuren der Küstenlinien, Kartenzeichen für Städte und Berge, ebenso wie die eingezeichneten
Längen- und Breitengrade nehmen kartografische Konventionen auf. Die Karte reflektiert
einerseits also den Entdeckungsdiskurs der
Zeit und wendet das wissenschaftliche Repräsentationsregime der Kartografie ins Komische.52 Andererseits ist sie ohne die Referenz
auf die älteren allegorischen Karten wie die
Newe vnd kurtze Beschreibung der gantzen
Himmelischen vnd Irdischen Welt///des Newen
Hierusalems vnd Ewig brennenden Pfuls von
Eberhard Kieser und die im Weg-wyser ter
salicheyt erschienene Replik nicht denkbar.
Auch die moralische Funktion dieser früheren Karten wird in der Schlaraffenland-Karte
von 1700 ironisch kommentiert. Darauf weisen zunächst die Figuren hin, die um die Titelkartusche herum angeordnet sind und die
nicht das tugendhafte, sondern das lasterhafte
Verhalten illustrieren und somit schillern: Sie
können nach dem Prinzip des abschreckenden
Beispiels rezipiert werden, wie es etwa bei Hogarth angelegt ist. Sie können aber ebenso im
Sinne augenzwinkernder Akzeptanz des Lasters verstanden werden – Zechen, Schwelgen
und Zügellosigkeit machen schliesslich einfach Spass. Ein weiteres ironisches Moment
der Utopiæ Tabula besteht darin, dass das
Land von Tugend und Glauben zwar am oberen Rand eingezeichnet ist, jedoch als «Terra
Sancta Incognita» bezeichnet wird – niemand
hat also dieses unbekannte Land bisher betreten. Ansonsten entfaltet die Karte wie ihre
Vorgänger, nur deutlich detaillierter, eine
Landschaft der Laster, die über Schlemmerei,
Gier, sexuelle Ausschweifung und Vergnügungssucht zu schlimmen Folgen, «bös Gewissen» und zum Fluss «Ewiger Trenen Flu
[sic]» führen, der in den «Höllenpfuhl» mündet. Übrigens taucht auch das (sinnlose und
betrügerische) Streben der Alchemisten in der
Landkarte auf: In der Region «Irrlandia Chymica» finden sich Orte wie «Laborieren» und
«Nochkeingold», hinter dem Gebirge «Lapis
Philosoph.[orum]» (Stein der Weisen) liegt das
Land der Bitterkeit und Bestrafung.
Bei aller Ironie stützen sich satirische Karte
und Landesbeschreibung auf die Bildtradition
der Lebensweg-Metapher. Die Laster und Gefahren auf dem Weg, wie sie in der Kebes-Tafel
vorkommen, werden hier aufgegriffen 53 und
selbst die mediale Aufgliederung in eine umfangreiche Beschreibung und ein dieser nachgeliefertes Bild erinnern an die Kebes-Tafel.
Die Wendung ins Komische ist ebenfalls aus
der literarischen Tradition zu verstehen, insofern als die Schlaraffenland-Karte sich im
Fahrwasser des Narrenschiffs von Sebastian
Brant (1494) und der daran anschliessenden
Narrenspiegel-Literatur bewegt.54 Hier ging
es darum, lasterhafte und törichte Verhaltensweisen blosszustellen und mit den Mitteln der
Satire auf unterhaltsame Weise vor ihnen zu
warnen. In der Leseanweisung, die dem umfangreichen Text der Erklärung der Wunderseltzamen Land-Charten Utupiæ vorangestellt
ist, wird entsprechend auch ein durchaus
ernster didaktischer Anspruch verdeutlicht:
Wir deuten an/daß der Uberfluß einen Anlaß
zu allen Lastern gebe/wie man desselbigen
mißbrauchte/und der Reichthum unter denen
Gottlosen so übel angewendet würde. Die läppische Beschreibung der Stadt Schlarraffenburg will dasjenige anzeigen/was der Thoren
und Wollüstigen seltzames Verlangen sey/nach
welchem ihr Mund und Hertz allezeit gerichtet
wäre. Will nun jemand ein Tor seyn/und sich
selbsten so blind in die Laster hinein stürtzen/
der mag auch zusehen wie er denen höllischen
mitternächtigen Ländern/so diesen Lastern
am nächsten verwandt/entgehen möge. Wir
lassen dieses einem jeden selbsten ernsthafft
erwegen […].55
Page 19
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die richtige Wahl
Auf die eingangs besprochene Darstellung des
Herkules am Scheideweg nach Jan Saenredam
(Abb. 1) zurückblickend, lassen sich in den
letztgenannten Beispielen – den Grafikserien
Hogarths und der allegorischen Landkarte –
die beiden verschiedenen Darstellungsweisen
ausmachen, die in den Bildtafeln von Virtus
und Voluptas aufscheinen. Hogarth führt, genau wie die Voluptas, das liederliche Leben
selbst vor Augen, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen – nicht, um zu verführen, sondern um abzuschrecken. Homanns Landkarte,
wie auch die anderen Bilder von Wegen durch
Landschaften einschliesslich der Kebes-Tafel,
erfordern hingegen eine intellektuelle Übertragungsleistung. Die Metapher muss gelesen
werden und in den vielen Visualisierungen
1 Siehe etwa die Beiträge in Paul Michel (Hg.), Symbolik von
Weg und Reise, Bern u. a. 1992.
2 Hollstein’s Dutch and Flemish Etchings Engravings and
Woodcuts, ca. 1450–1700, Bd. 23: Jan Saenredam to Roelant
Savery, zusammengestellt v. George S. Keyes, hg. v. Karel
Gerard Boon, Amsterdam 1980, 106; Reinhart Schleier,
Tabula Cebetis oder «Spiegel des Menschlichen Lebens/darinn
Tugent und untugent abgemalet ist». Studien zur Rezeption
einer antiken Bildbeschreibung im 16. und 17. Jahrhundert,
Berlin 1973, 120–121.
3 Erwin Panofsky, Hercules am Scheidewege und andere
antike Bildstoffe in der neueren Kunst (Leipzig u. a. 1930),
Berlin 1997, behandelte die literarische und bildkünstlerische Überlieferung; zum vorliegenden Stich 119–120.
Zu der Diskussion im Anschluss an Panofsky: Hubert
Locher, «Erbauliche Kunst? Tugend- und Moralvermittlung
als Motivation des frühneuzeitlichen ‹Gemäldes›» in
Tugenden und Affekte in der Philosophie, Literatur und Kunst
der Renaissance, hg. v. Joachim Poeschke, Thomas Weigel
und Britta Kusch, Münster 2002, 221–250, 237–241.
4 Die Attribute sind sehr klein und nicht ganz eindeutig zu
erkennen. Panofsky, Hercules, 120, etwa sah statt einem
Spiegel ein Gefäss und bezeichnete die Figur daher als
120
Der Weg zum Glück
des Grundmotivs manifestieren sich, wie die
Beispiele gezeigt haben, zahlreiche verschiedene Ausdeutungen. Die Bilder können somit
als Erkenntnisinstrumente betrachtet werden,
mit deren Hilfe sich die Metapher des Lebensweges und ihre Potenziale ausloten liessen.
Die didaktische Funktion der Bilder verband
sich mit einem intellektuellen Reiz. Die Rezipient:innen finden sich bei der Betrachtung
in derselben Position wieder wie Herkules bei
Saenredam, dem Virtus das Bild des tugendgeleiteten Aufstieges entschlüsselt. Und vielleicht
spiegelte so allein schon die Tätigkeit der gebildeten Auseinandersetzung mit solchen Lebensweg-Bildern den Betrachtenden, dass das
Verständnis ebendieser – genauso wie für Herkules – eine gute Voraussetzung für die Wahl
des richtigen Weges ist.
Temperantia. Die Figur im Zentrum als Fortitudo zu deuten,
wie es Panofsky tat, erscheint im Zusammenhang der
Kardinaltugenden konsequent. Sähe man die Säule, die sie
im Arm hält, als Obelisk, könnte die Gestalt mit Cesare Ripa
auch als Gloria gedeutet werden, die ruhmvollen Taten des
Herkules, die im Hintergrund der Szene angedeutet sind,
antizipierend. Cesare Ripa, Iconologia (Padua 1618), hg. v.
Piero Buscaroli, mit einem Vorw. von Mario Praz, Mailand
1992, 163–164. Die Gloria de’ Prencipi hält nach Ripa eine
Pyramide im Arm. Dazu ist anzumerken, dass Pyramiden
und Obelisken in der Frühen Neuzeit, sowohl in bildlichen
Darstellungen als auch bei der Bezeichnung, häufig gar
nicht oder nicht präzise unterschieden wurden.
5 Panofsky, Hercules, 119, Anm. 3, bezeichnete die Falle als
«sonderbares […] Attribut».
6 Karl H. Henking, «Zum Motiv des Weges im Buddhismus»
in Symbolik von Weg und Reise, hg. v. Paul Michel, Bern 1992,
29–40; Hans van Ess, Der Daoismus. Von Laozi bis heute,
München 2011.
7 Annemarie Schimmel, Das Thema des Weges und der Reise
im Islam (Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Vorträge, G 329), Opladen 1994.
8 Joh. 14,6, Einheitsübersetzung 2016.
Page 20
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)9 Wolfgang Harms, Homo Viator in Bivio. Studien zur
Bildlichkeit des Weges, München 1970.
10 Zitiert nach Einheitsübersetzung 2016.
11 Vgl. Harms, Homo Viator, 134–139.
12 Bekannte literarische Beispiele für die Motive des Labyrinths und der Reise sind Johann Amos Comenius Labyrint
swěta a lusthauz srdce, o. O. 1631; deutsche Ausg.: Johann
Amos Comenius, Das Labyrinth der Welt und das Paradies
des Herzens, übers. v. Zdenko Baudnik, Jena 1908; John
Bunyan, A Pilgrim’s Progress […], London: Nath. Ponder 1678.
Vgl. etwa Konrad Vanja, «Heilige Berge – Fromme Wege.
Eine motivgeschichtliche Annäherung zur Frage nach dem
‹richtigen› Lebensweg des Menschen» in Heiliges Grab –
Heilige Gräber. Aktualität und Nachleben von Pilgerorten, hg.
v. Ursula Röper und Martin Treml, Berlin 2014, 75–85, 76–79;
Franz Reitinger, «Literary Mapping in German-Speaking
Europe» in The History of Cartography, 6 Bde., Chicago
1987ff., Bd. 3: Cartography in the European Renaissance,
hg. v. David Woodward (2007), Teil 1, 438–449; ders.,
«Discovering the Moral World. Early Stages of Map Allegory»
in Mercator’s World 4 (1999), 106–130.
13 Vgl. Heinz-Günther Nesselrath, «Von Kebes zu Pseudo-Kebes» in Die Bildtafel des Kebes. Allegorie des Lebens eingel.,
übers. u. mit interpretierenden Essays versehen v. Rainer
Hirsch-Luipold, Reinhard Feldmeier, Barbara Hirsch, Lutz
Koch und Heinz-Günther Nesselrath, Darmstadt 2005,
36–66, 50 u. 62–65.
14 Die Schriften von Justus Lipsius gehörten etwa zur Lektüre
des Berner Schultheissen Samuel Frisching (1605–1683).
Barbara Braun-Bucher, «‹Gott gäb mir Gnad//Dass mir diss
buch nüt schad›. Zum Bildungshintergrund des Berner
Patriziats im 17. Jahrhundert» in Im Schatten des goldenen
Zeitalters. Künstler und Auftraggeber im bernischen
17. Jahrhundert (Ausstellungskatalog, Bern), hg. v. Georges
Herzog u. a., Bern 1995, Bd. 2, 1–33, 8. Erasmus, Zwingli und
Calvin hatten sich mit Texten und Kommentaren an der
Rezeption der Stoiker beteiligt. So verfasste Calvin etwa
einen Kommentar zu Senecas De clementia (1532). Vgl.
Günther Abel, Stoizismus und Frühe Neuzeit. Zur Entstehungsgeschichte modernen Denkens im Felde von Ethik und
Politik, Berlin u. a. 1978, 55–59.
15 Ebd., bes. 67, 68.
16 Karl Alfred Blüher, Art. «Neustoizismus» in Historisches
Wörterbuch der Philosophie online, hg. v. Joachim Ritter,
Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel, Basel 2017,
DOI: 10.24894 /HWPh. 2747
17 Vgl. Barbara Hirsch, «Ins Bild gesetzt. Rezeption der Tabula
Cebetis in der Kunst der Renaissance» in Die Bildtafel des
Kebes, 183–193, 191–193.
18 S. z. B. Franz Reitinger, «Toposallegorie und Landkartenfiktion. Eine Einführung» in Weltvermesser. Das Goldene
Zeitalter der Kartographie (Ausstellungskatalog, Lemgo), hg.
v. Michael Bischoff, Vera Lüpkes und Rolf Schönlau, Dresden
2015, 164–177; Michalis Valaouris, «Das Feld hat Augen …»
Bilder des überwachenden Blicks (Ausstellungskatalog,
Berlin), Berlin 2017, bes. Kat. 11, 12 und 13. Dass Werte für
den einzelnen wie für die Gesellschaft zwischen Theologie
und Ethik vermittels öffentlicher Bildprogramme ausgehandelt wurden, zeigt auch Margit Kern, Tugend versus
Gnade. Protestantische Bildprogramme in Nürnberg, Pirna,
Regensburg und Ulm, Berlin 2002.
19 Hans Blumenberg, Paradigmen zu einer Metaphorologie,
Frankfurt a. M. 1998, Zitat 25; Vgl. auch ders., Schiffbruch
mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher,
Frankfurt a. M. 1979.
20 Johann Amos Comenius, Orbis Sensualium Pictus. Hoc est:
Omnium fundamentalium in mondo rerum, & in vita
actionum, Pictura & Nomenclatura, Nürnberg: Endter 1698,
226, Digitalisat unter URL: https: //digi.ub.uni-heidelberg.de /
diglit /comenius1698 /0171 (Zugriff am 14. 04. 2021);
Auf das Stichwort «Ethica – Die Sittenlehre» folgen zudem
Personifikationen der Tugenden mit entsprechenden
Erläuterungen.
21 Ebd., 227.
22 Ebd., 169.
23 S. etwa Joh. Amos Comenius’s Visible World. Or A Nomenclature, and Pictures of All the Chief Things that Are in the
World […], New York: T. & J. Swords 1810, 155, 156.
24 Karel G. Boon, The Netherlandish and German Drawings
of the XVth and XVIth Centuries of the Frits Lugt Collection,
Paris 1992, Bd. 1, 58, 59; s. auch https: //rkd.nl /explore /
images /193325 (Zugriff am 12. 07. 2021).
25 Panofsky, Hercules, 65–68.
26 Erwin Panofsky, Studies in Iconology. Humanistic Themes
in the Art of the Renaissance (New York 1939), New York 1967,
64, 65; Patricia Emison, «The Paysage Moralisé» in
Artibus et Historiae 31 /16 (1995), 125–137.
27 Bisweilen wird aber noch immer, etwa für italienische
Landschafts- und Genregemälde des 17. Jahrhunderts, die
Überlegung ins Spiel gebracht, ob sie nicht Parabelcharakter haben, Wege und Reisende hier also auf das Problem von
Lebensentscheidungen verweisen. S. Golo Maurer, «Salvator
Rosa in bivio. Landschaft als Frage nach dem Lebensweg»
in Vivace con espressione. Gefühl, Charakter, Temperament in
der italienischen Kunst. Kunsthistorische Studien zu Ehren
von Sybille Ebert-Schifferer, hg. v. Marieke von Bernstorff,
Susanne Kubersky und Maurizia Cicconi, München 2018,
163–172.
28 Werner Busch, «Einleitung» in Landschaftsmalerei, hg. v.
dems., Berlin 1997, 13–32, 29.
29 Vgl. etwa Nils Büttner, Die Erfindung der Landschaft.
Kosmographie und Landschaftskunst im Zeitalter Bruegels,
Göttingen 2000, 181–187; zum Zusammenhang der
flämischen Landschaftsdarstellungen im 16. Jahrhundert
mit dem Neostoizismus auch: Justus Müller Hofstede, «Zur
Interpretation von Pieter Bruegels Landschaft. Ästhetischer
Landschaftsbegriff und Stoische Weltbetrachtung» in
Pieter Bruegel und seine Welt, hg. v. Otto von Simson und
Matthias Winner, Berlin 1979, 73–142, bes. 125–142.
30 Für die Generation nach Pieter Brueghel d. Ä. s. Leopoldine
Prosperetti, Landscape and Philosophy in the Art of Jan
Brueghel the Elder (1568–1625), Farnham 2009, 29–63 u.
199–226. Zu den moralischen Implikationen der Bilder im
Antwerpen des 16. Jahrhunderts s. auch Larry Silver,
Peasant Scenes and Landscapes. The Rise of Pictorial Genres
in the Antwerp Art Market, Philadelphia 2006, 228–233.
Page 21
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)31 Peter Wegmann, «The Influence of Seventeenth-Century
Netherlandish Painting on Swiss Art» in Images of Reality,
Images of Arcadia. Seventeenth-Century Netherlandish
Paintings from Swiss Collections (Ausstellungskatalog,
Winterthur u. a.), hg. v. Margarita Russel, Winterthur 1989,
17–24, 17, 18.
32 Otto van Veen, Le théâtre moral de la vie humaine, représentée
en plus de cent tableaux divers tirez du poëte Horace par le
sieur Otho Venius, et expliquez en autant de discours moraux
par le sieur de Gomberville. Avec la table du philosophe Cebes,
Brüssel: Foppens, 1678; Zacharias Heyns, Weg-wyser ter
salicheyt. onder een sinnebeeld van des werelts beschryvinge
den Christen wandelaer voorgestelt, Zwolle: Fransz
Jorrijaensen, 1629, 1r–3v.
33 S. dazu Catherine Delano-Smith «Signs on Printed Topographical Maps, ca. 1470–1640» in The History of Cartography,
Bd. 3, Teil 1, 528–590.
34 Newe vnd kurtze Beschreibung der gantzen Himmelischen
vnd Irdischen Welt // /des Newen Hierusalems vnd Ewig
brennenden Pfuls, Eberhard Kieser, Frankfurt a. M. 1620.
Nachgewiesen in der Universitätsbibliothek ErlangenNürnberg, Signatur: H62/Einblattdruck A I 25, PURL:
https: //nbn-resolving.org /urn:nbn:de:bvb:29-einblatt0025–5 (Zugriff am 12. 04. 2021); Vgl. Reitinger, «Literary
Mapping», 443–446, Abb. 15. 4.
35 Vgl. Ulrike Boskamp u. a., «Karte und Bildfolge. Ein
gekoppeltes Bildmedium zur Konstruktion komplexer
topographischer Räume» in Verkoppelte Räume. Karte
und Bildfolge als mediales Dispositiv, hg. v. dens.,
München 2020, 7–22.
36 Vgl. zur an die Karte geknüpften Vorstellung von
Absolutheit und Unhinterfragbarkeit Donna Haraway,
«Deanimations. Maps and Portraits of Life Itself» in
Picturing Science – Producing Art, hg. v. Caroline A. Jones
und Peter Galison, New York u. a. 1998, 181–207, 184, 185.
37 Vgl. dazu Joachim Ritter u. a., Art. «Methode» in Historisches
Wörterbuch der Philosophie online, hg. v. Joachim Ritter,
Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel, Basel 2017,
DOI: 10.24894 /HWPh. 5272. (Zugriff am 29. 04. 2021)
38 Das Druckprivileg datiert bereits auf 1592. Die Editionsgeschichte des Buches ist nur schwer zu rekonstruieren.
Vgl. Umberto Eco, L’Énigme de la Hanau 1609. Enquête
bio-bibliographique sur ‹l’Amphithéâtre de l’Eternelle
Sapience …› de Heinrich Khunrath, Paris 1990.
39 Heinrich Khunrath, Amphitheatrum sapientiae aeternae,
solius verae, christiano-kabalisticum, divino-magicum, nec
non physico-chymicum, tertriunum, catholicon […], Hanau:
Guilielmus Antonius, 1609. Ich habe das Exemplar der
ETH-Bibliothek Zürich, Signatur Rar 9441 q, konsultiert,
Digitalisat unter der DOI: https: //doi.org /10.3931 /e-rara-4601
(Zugriff am 16. 04. 2020). Die fünf rechteckigen Tafeln
können auch zusammen als räumlich gefasste, sukzessive
Annäherung an die «Porta Amphitheatri» betrachtet
werden. Hier beschränke ich mich jedoch darauf, die grosse
Landschaftsansicht zu besprechen. Vgl. zum Amphitheatrum
auch Peter Forshaw, «Curious Knowledge and WonderWorking Wisdom in the Occult Works of Heinrich Khunrath»
in Curiosity and Wonder from the Renaissance to the
122
Der Weg zum Glück
Enlightenment, hg. v. R. J. W. Evans und Alexander Marr,
Aldershot 2006, 107–129.
40 Vgl. Jörg Völlnagel, Alchemie. Die königliche Kunst,
München 2012, 144–153, 150; Stanislas Klossowski de Rola,
The Golden Game. Alchemical Engravings of the Seventeenth
Century, London 1988, 31–44, 42.
41 Vgl. Forshaw, «Curious knowledge», 108–111.
42 Die Methode Khunraths umfasst zwei Sphären und die
entsprechenden Praktiken: Orando in Oratorio und
Laborando in Laboratorio. So ist es etwa auf der Übersichtstafel, die das Amphitheatrum enthält, formuliert. Khunrath,
Amphitheatrum, n. p. (zwischen 8 und 9). Auch die berühmte
Innenansicht des Laboratoriums nach Hans Vredeman de
Vries stellt die beiden Sphären im Arbeitsraum des
Alchemisten dar. Heiner Borggrefe, Kat. 185
(Hans Vredeman de Vries, Alchemistisches Laboratorium
des Heinrich Khunrath), in Hans Vredeman de Vries und
die Renaissance im Norden (Ausstellungskatalog, Brake und
Antwerpen), hg. v. dems. u. a., München 2002, 345–347.
43 Die Personifikation wird hier also in die Nähe der «eitlen
Wissenschaft» gerückt, vor der auch manche Emblembücher
warnen. S. beispielsweise Hendrik Graauwhart, Leerzame
Zinnebeelden. bestaande in Christelyke Bedenkingen door
Vergelykinge eeniger Schepselen […], Amsterdam: Johannes
Ratelband 1704, 158, 159.
44 Vgl. dazu Christine Riding, «la Prostituée et le Roué»
in William Hogarth (Ausstellungskatalog, Paris),
hg. v. Mark Hallett und ders., Paris 2006, 72–93.
45 Ernst H. Gombrich, «A Classical ‹Rake’s Progress›»
in Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, 15 /3,
4 (1952), 254–256.
46 Ebd., 255.
47 Vgl. Frederik Antal, «The Moral Purpose of Hogarth’s Art»
in Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, 15 /3,
4 (1952), 169–197, bes. 181, 182.
48 Zum vielschichtigen Verhältnis der Bilder Hogarths zu
christlichen und mythologischen Ikonografien: Werner
Busch, Nachahmung als bürgerliches Kunstprinzip.
Ikonographische Zitate bei Hogarth und in seiner Nachfolge,
Hildesheim u. a. 1977, bes. 49–68.
49 Auch die Titel legen einen Bezug auf eine der bekanntesten
literarischen Bearbeitungen des Lebensweg-Motivs im
England der Zeit nahe, John Bunyans A Pilgrim’s Progress.
Vgl. Riding, «la Prostituée», 75.
50 Als Referenz verwende ich das Exemplar aus der Sammlung
Ryhiner der Universitätsbibliothek Bern, einen Druck der
Auflage von nach 1730. Accurata Utopiæ tabula das ist Der
neu entdeckten Schalck-Welt, oder des so offt benan[n]ten,
und doch nie erkan[n]ten Schlarraffenlandes neu erfundene
lächerliche Land-tabelle […], Nürnberg: officina Homanniana, nach 1730, Signatur MUE Ryh 8303: 28. Ich danke den
Studierenden in meinem Proseminar zum Thema Kartografie der Neuzeit an der Universität Bern sowie Michael
Schläfli und Martin Kohler, die uns die Sammlung Ryhiner
bei einem gemeinsamen Besuch in der Universitätsbibliothek nähergebracht haben.
51 Der Text liegt in einer Quellenedition vor: Franz Reitinger
(Hg.), Johann Andreas Schnebelins Erklärung der Wunder-
Page 22
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)seltzamen Land-Charten UTOPIÆ aus dem Jahr 1694,
Bad Langensalza 2004.
52 Vgl. Julia Amslinger, «Orientierungssysteme und Nirgendorte – Zur Metaphorik von Kompass und Karte in der
Frühen Neuzeit» in Lose Leute. Figuren, Schauplätze und
Künste des Vaganten in der Frühen Neuzeit, hg. v. ders. u. a.,
Paderborn 2019, 181–200, 195–200.
53 Zum Beispiel in der folgenden Passage wird deutlich, dass
prominente Figuren der Kebes-Tafel wie Seductio und die
unbeständige Fortuna auch hier zentral sind: «Inconstantia,
(Unbeständigkeit) eine nicht geringe See-Stadt dieses
Seducatus, an einem zimlich grossen Haven des verführerischen voll- und tollen Meers gelegen; von welchem Haven
man gar leicht und ohn alle Mühe auf die Stadt Seductio,
von dannen aber ferner in Schlarraffenland gelangen kann.
Bey dieser Stadt ligt ein sehr liederliches Ort /Wanckelmuth
genannt.» Reitinger, Schnebelins Erklärung, 198.
54 Vgl. Franz Reitinger, «Die wunder-seltzame Land-Charten
Utopiae. Ein Hauptwerk barocker Lachkultur» in ders.,
Schnebelins Erklärung, 275–333, 292, 296–297.
55 Reitinger, Schnebelins Erklärung, 42, 43.