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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)DAS WELTALL
Illustrierte Zeitschrift für Astronomie und verwandte Gebiete.
Herausgegeben von
Dr. F.S. Archenhold, Direktor der Tractow-Sternwarte.
12. Jahrgang, Heft 11.
Verlag der Treptow-Sternwarte,
.
1912 (Erstes Märzheft).
Berlin-Treptow.
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——
Diese Zeitschrift erscheint sweimal im Monat, — Abonnementspreís jährlich 12.— Mark (Ausland 16.— Mark) franko
durch den Verlag der Treptow-Sternwarte, Berlin-Treptow, sowie durch alle Buchhandlungen und Postanstalien (PostZeitungsliste alphabelisch eingeordnet). Einzelne Nummer 60 Pfg. — Anseigen-Gebühren: I Seite 80.— M., Yq Scite 45.—,
1/, Seite 25.—, Yg Seite 15.—, 1/y Seite 8.— Bei Wiederholungen Rabatt.— Beilagen nach Gewicht.
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.
1. Die Astronomie der Pythagorcer.
INHALT
Ein Beitrag sur
4. Kleine Mitteilungen:
Merkwiirdige Erscheinungen
Geschichte der ‚Astronomie. ‚Von Dr. phil. Hans
bei der Marsbedeckung am 4. Desember 1911. —
Keller
Das Porträt von W. T. Lynn.
EEE 149
2. Wolkenform und Gewilterbildung. . . . . . . „156
3. Der gestirnle Himmel im Monat April 1912. Von
Dr. F. S. Archenhold
.
.
.
.
.
2
.
o. 1...
159
—
Das Technikum
Afitiweida, — Ein neues Radium-Perpetuum mobile, 163
Nachdruck vorboton.
Auszüge nur mit genauer Quellenangabe gestaltet.
ne
Die Astronomie der Pythasoreer.
Ein Beitrag zur Geschichte der Astronomie.
Von Dr. phil. Hans Keller.
D: gestirnte Himmel, die großartigste und geheimnisvoliste aller Naturerscheinungen, hat den forschenden Menschengeist von jeher beschäftigt.
Im griechischen Altertum beginnt die astronomische Wissenschaft mit der
Philosophie. Thales von Milet (um 600 vor Chr. Geb.) ist erster Philosoph und
erster Astronom zugleich. Allerdings ,dürfen wir bei ihm noch nicht ein System
des Weltgebäudes erwarten, in welchem alle Erscheinungen berücksichtigt
staer
und erklärt sein sollen“ (Gruppe), vielmehr ist seine Ansicht vom Weltgebäude
noch eine naive.
Die Erde denkt sich der Milesier als Scheibe, die vom Wasser
. getragen und vom Wasser allseitig begrenzt wird.
Daß auch eine andere, uns
unsichtbare Himmelshalbkugel vorhanden sein müsse, daran dachte Thales noch
aELER Lava
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nicht und vermochte so auch keine Erklärung für den Verbleib der Gestirne
am Tage zu finden. Aber in anderer Beziehung, auf die hier nicht weiter eingegangen werden kann, ist Thales der eigentliche Begründer der Astronomie
geworden, hat er bewirkt, daß wir in der Folge die astronomischen Wissenschaften mit der griechischen Philosophie so eng verknüpft sehen.
Alle kosmischen Systeme, wie sie seit Thales von den einzelnen Philo-
‘ sophenschulen aufgestellt wurden, sind für die moderne Astronomie beachtenswert und bedeutungsvoll geworden, und es ist gut, daß von Zeit zu Zeit wieder
Gelegenheit geboten wird, in die Errungenschaften der vorchristlichen Astronomie
einen Einblick zu tun, damit nicht die Ansicht, daß die vierhundertjährige Vor- .
arbeit des begabten Hellenengeistes an den durch Kopernikus in der Astronomie
hervorgerufenen Umwälzungen keinen Anteil habe, zum Dogma erstarrt.
Von ganz besonderer Bedeutung für die astronomische Wissenschaft, teils
wegen der Originalität der Erklärungen und Ansichten vom Weltgebäude, teils
wegen der Tiefe des denkenden und überlegenden Geistes, der sich in der Be-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ng ree
160
—
grúndung dieser Ansichten offenbart, sind dic astronomischen Anschauungen
der pythagoreisctien Schule, deren Grinder und Meister Pythagoras (um 550
v. Chr. Geb.), der Weise von Samos, gewesen ist.
Wohl ist die Geschichte der
| Pythagoreer von Sagen und Dichtungen vielfach umsponnen und in der Überlieferung mit einer Masse späterer Bestandteile versetzt worden; immerhin aber
dürfen wir uns auf Grund glaubwürdiger Quellen für berechtigt halten, in der
pythagoreischen Schule drei verschiedene "kosmische Systeme zu unterscheiden,
die zeitlich aufeinander folgten, von denen sich das eine aus dem andern notgedrungen entwickeln mußte.
Die Astronomie des Pythagoras und der ältesten Pythagoreer.
Das erste Stadium in der pythagoreischen Astronomie ‘ist eingeleitet und
begründet worden von Pythagoras selbst.
Freilich hat er nichts geschrieben;
was wir von seinen astronomischen Kenntnissen wissen, ist uns nur durch
mündliche Überlieferung bekannt. geworden. Mag man ihm darum gar manches
absprechen, was die Überlieferung eine Lehre des Meisters nennt, in Wirklichkeit
aber geistiges
Eigentum. seiner Schüler
Skeptiker nicht aberkennen dürfen:
Erde.
ist;
eins
wird
ihm auch der größte
die Lehre von der Kugelgestalt der
Alle Berichterstatter stimmen einmütig darin überein, daß Pythagoras
diese Lehre gekannt hat; ja mit Berger, dem scharfsinnigen Kenner griechischer
Wissenschaft,
Gruppe
ältesten Vertreter
und
anderen
zu bezeichnen.
können wir nicht
Sicherlich
mußte
umhin,
ihn als ihren
der kühne Gedanke, die
Erdscheibe des Thales zu einer ringsum von lebenden Wesen bewohnten Kugel
zu vervollkommnen, einer neuen Epoche griechischer Geographie und Astronomie
die Wege ebnen, und er zündete allenthalben so sehr, daß seit Pythagoras’
‚Zeiten mit
wagte.
nur
wenigen Ausnahmen keiner mehr an dieser Lehre zu rütteln
Jedenfalls
aber hat
die ganze
pythagoreische Schule — eine für ihre
Astronomie hochwichtige Tatsache — an der (Kugelgestalt der Erde festgehalten.
‘ Bei
dem Versuche,
dieser
seiner
kugelférmigen Erde
einen Platz
im
Weltenraume anzuweisen, bot sich Pythagoras, fußend auf den Lehren seines
Zeitgenossen Anaximander, der die Himmelshalbkugel des Thales zur Kugel
ergänzt
hatte,
der Mittelpunkt
dieser Weltkugel
dar.
So
haben
wir in
der
Astronomie des Pythagoras ein geozentrisches Weltsystem vor uns.
Die Erde ist eine im Mittelpunkte der Welt ruhende Kugel, ohne irgend
eine Bewegung,
vor
allem
aber
_Achsendrehung.
Um
diese
Erde
—
und das ist das wichtigste
beschreiben
die
Himmelskörper ihre Bahnen.
Die
letzteren sind
die
und
die
vollkommenste
langen,
daß
Linie
dieselben
ist
gleichfalls
Kreise, weil eben der Kreis
göttlichen Wesen
auf vollkommenen \Wegen
— ohne eine
kugelförmigen
der Gestirne es verum die Erde wandeln.
Die
Gestirne schweben jedoch nicht frei im Weltenraume, sondern sind an durchsichtigen Hohlkugeln angeheftet und werden durch die Drehung derselben um
die Himmelsachse in 24 Stunden einmal um die Erde herumgeführt.
Die ganze Weltkugel besteht aus acht solcher Sphären.
sphären
sind
Die sieben Planetendurchsichtig; die Fixsternsphäre dagegen, an der alle sichtbaren
Gestirne mit Ausnahme der sieben Planeten angeheftet sind, ist undurchsichtig,
so
daß
Seite
unser Blick
durch die Planetenhohlkugeln hindurch bis an die innere
der Fixsternsphäre
dringen und die Gestirne sehen kann, die hinter ihr
liegende Unendlichkeit aber nicht zu schauen vermag.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)- Durch die Bewegung des Planeten Sonne um die Erde wird der Unterschied von Tag und Nacht hervorgerufen. Ist unsere Erdhalbkugel in nächtliches Dunkel gehúllt, so leuchtet den Gegenfüßlern die Sonne, indem sie an
der uns unsichtbaren Himmelshalbkugel einherwandelt.
Die
scharfsinnige Beobachtung des gestirnten Himmels und der Veränderungen an demselben führte die Pythagorcer zu weiteren sinnreichen Lehren.
Es war ihnen so die Warnehmung nicht entgangen, daß die Sonne und
der Mond auf ihren jährlichen Wegen nicht immer mit der gleichen Geschwindigkeit einherwanderten. — Bekanntlich gebraucht die Sonne für die eine Hälfte
ihrer scheinbaren Bahn etwa sieben Tage mehr als für die andere. Die Folge
ist, daß der Sommer der Nordhalbkugel sieben Tagen länger dauert als der- *
jenige der Südhalbkugel und umgekehrt der Winter der ersteren sieben Tage
kürzer ist als derjenige der letzteren. — Der modernen Astronomie wurden zur
Lösung dieses Rätsels die Keplerschen Gesetze gleich mit in die Wiege gelegt,
das Altertum mußte von der rein sinnlichen Anschauung aus die Lösung versuchen. Schon Pythagoras soll dieselbe mit Hilfe der Annahme der sogenannten
Exzentrizität gelungen sein, indem er annahm, daß die Mittelpunkte derjenigen
Sphären, an denen die bald schneller, bald langsamer sich bewegenden Gestirne angeheftet waren,
nicht im Mittelpunkte der Erde, sondern außerhalb
desselben lägen (vgl. Fig. 1).
M,
sei
der Erdmittelpunkt,
der Inhalt
des
kleineren Kreises die Erde, M, der Mittelpunkt
der Sonnensphäre
und der größere Kreis die
Sonnenbahn.
Es
steht
nun
die Sonne in A der
Erde ferner als in B; hier muß sie sich also für
einen Beobachter auf der Erdoberfläche schneller,
dort langsamer zu bewegen scheinen.
Infolge der ungleichmäßigen Geschwindigkeit
von
Sonne
und
Mond,
deren
Erklärung,
wurden
diese
beiden
Fig. 1.
unter
anderen Bedingungen freilich, auch heute ihre Gültigkeit noch nicht ganz
verloren
hat,
Gestirne
mit
zu den
Planeten,. den
Wandelsternen, gerechnet. Und auch die ersten Versuche, die Unregelmäßigkeiten in den Bahnen der eigentlichen Wandelsterne begreiflich zu machen,
werden nach der Angabe glaubwürdiger Berichterstatter auf Pythagoras zurück-
"geführt.
Er erkannte
nicht nur das Fortrücken der Planeten am Himmels
gewölbe, wobei sich diese beständig im Tierkreise oder in dessen unmittelbarer
Nähe
hielten,
sondern nahm auch wahr, daß sich die fraglichen Gestirne bald”
vorwärts, bald rückwärts bewegten, ja manchmal stille standen.
Zur
Begründung dieser Erscheinung die. wir längst als bloße Täuschung
erkannt haben,
griff
Pythagoras zu einer ganz sinnnreichen Hypothese.
Er
.nahm an, daß die Planeten nicht unmittelbar an den größeren Sphären angeheftet
seien,
ebenfalls
deren Zentrum der Erdmittelpunkt. bildete, sondern an kleineren,
durchsichtigen
Hohlkugeln, die sich auf den größeren bewegten.
So
wurde der Planet gezwungen, zwei Bewegungen auszuführen,
die eine kleinere,
hervorgerufen
größere
durch
um die
die Bewegung seiner besonderen Sphäre, und die andere
Erde.
Fig. 2
mag zur Erläuterung dazu dienen, wie sich bei
Annahme einer solchen sogenannten epizyklischen Bewegung die Unregelmäßigkeiten im Laufe der Planeten zur Not erklären ließen (vgl. Fig. 2).
Page 4
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Angenommen, es habe der Planet nach viclen Drehungen der kleinen
Sphare die Stelle. S erreicht. Hier eilt er dem in A befindlichen Auge gewisser.
maßen
zu;
A kann
aber
diese
Bewegungen nicht wahrnehmen, das Gestirn
scheint
der
ihm darum still zu stehen.
Stern
offenbar
nach
S,
gelangt,
seine Bewegung 1
Ist
so
wird
der
allgemeinen /entgegengesetzt. Die dem Auge
in A wahrnehmbare Bewegung ist also
die
Differenz
1 und 7,
der beiden
demnach
Bewegungen
rückläufig
und
ein
wenig verlangsamt. Ebenso leuchtet ein,
daß in der Lage S, zwei gleichgerichtete
und / sich summieren
Bewegungen 2
müssen. Der Planet wandert also wieder
in der allgemeinen Richtung mit etwas
größerer Geschwindigkeit.
Als auf diese Weise eine Erklärung
für die Unregelmäßigkeiten der Planetenbahnen gelungen war, versuchten die
Pythagoreer, auch über die Entfernungen
Fig. 2.
der Wandelsterne voneinander und von
der Erde Klarheit zu erhalten, und das
führte sie zu der Lehre von der Sphärenharmonie, deren Idee ebenfalls auf den
Gründer und Meister der Schule zurückgeführt werden darf.
Berechnungen über Entfernungen im Weltenraume konnten die Pythagoreer
infolge der Unzulänglichkeit der ihnen zu Gebote stehenden Mittel nicht anstellen.
Da kam ihnen, nachdem sie neben Mond und Sonne noch fünf andere Planeten
erkannt hatten, eine andere ihrer Spezialwissenschaften zu Hilfe: die mathematische Musik.
Hier waren sie ebenfalls auf eine Siebenzahl gestoßen und hatten
die
Intervalle
zwischen den einzelnen Tönen der Tonleiter bestimmen gelernt,
um
durch
sie
Pythagoras
zum
Begriffe
der
Harmonie
zu
gelangen.
Da
konnte es für
kein großer Schritt sein, dieselbe Harmonie, die er zwischen den
sieben Tönen der Tonleiter erkannt hatte, auch auf die Siebenzahl der Planeten
anzuwenden und nach ihr die Entfernungen der Weltkörper zu bemessen.
folgende,
nach
den
Die
Angaben Röths!) zusammengestellte Tabelle gibt darüber
Auskunft und zeigt uns gleichzeitig ein Bild von der räumlichen Anordnung der
Planeten im Weltenraume.
Intervall
Entfernung
Von der Erde zum Monde .
.
eines ganzen Tones
126000 St.
Vom Monde zum Merkur
.
.
eines halben Tones
63000
-
Vom Merkur zur Venus.
.
.
eines halben Tones
63000
-
Von der Venus zur Sonne.
.
von 1}/, Tönen
189000
-
Von der, Sonne zum Mars .
.
eines ganzen Tones
126000
-
Vom Mars zum Jupiter
.
.
eines halben Tones
63000
-
.
.
.
Vom Jupiter zum Saturn
Vom Saturn z. Fixsternhimmel
eines halben Tones
63000
-
von 1!/, Tönen
189 000
-
Demnach Entf. v. d. Erde zum
Fixsternhimmel
.
.
.
1) E. Róth, Geschichte der griechischen Philosophie.
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Fassen wir nunmehr noch cinmal kurz zusammen, wie weit schon auf
Grund der Lehren des Pythagoras allein die Astronomie der pythagoreischen
schule gediehen war!
Wir finden die Lehre von der im Weltmittelpunkte ruhenden, in allen
ihren Punkten zur Himmelskugel konzentrischen Erde, um die sich der gesamte
Sternenhimmel dreht; wir bewundern die sorgfältigen Untersuchungen über die
Bewegungen
der Planeten und die, wenn auch spekulative, so doch sehr sinnreiche Bestimmung der Entfernungen im Weltenraume,-und haben ferner auch
Grund zu der Annahme, daß auch die Erkenntnis der Eigenbewegung von
Sonne und Mond in der der allgemeinen Bewegung entgegengesetzten Richtung
von Westen nach Osten und in dem zum Himmelsäquator schief geneigten
Tierkreise- Pythagoras nicht entgangen war, wodurch man zugleich der Erklirung für die Entstehung des Jahres, der Monate und der einzelnen Jahreszeiten schon wesentlich näher hatte kommen können. Ein geschlossenes Bild
von der Astronomie des Pythagoras und der ältesten Pythagoreer offenbart
sich uns, „es tritt uns in einem wahrhaft großartigen Zusammenhange entgegen,
kühn und einfach, so daß eben datum sein Urheber der Welt den Namen
Kosmos geben konnte“
(Gruppe).
Und doch hat dieses geozentrische Weltsystem nicht einmal in der pythagoréischen Schule seine Bedeutung voll und
ganz bewahrt.
Die astronomischen Anschauungen des Philolaus.
e
Schon etwa 100 Jahre spáter brach sich ein neues kosmisches Weltsystem
Bahn,
das philolaische, so genannt, weil der Pythagorer Philolaus
in
seinen
schriftlichen Aufzeichnungen als erster dieser neuen astronomischen Richtung
huldigt.
Der Hauptunterschied gegen die Lehre des Meisters liegt in dem Verhältnis
der Erde zum ganzen Weltgebáude und zu den úbrigen Gestirnen. Nicht mehr die
Erde ruht im Mittelpunkte des Weltalls.
Maßgebende Gründe geben die Veranlassung, sie aus dieser bevorzugten Stellung zu verbannen und ihr einen bescheideneren Platz im Weltenraume anzuweisen. Jetzt erst wird sie ein Stern
unter Sternen.
Den Mittelpunkt der Welt mußte ein vollkémmenes Ding einnehmen; auf
der Erde
aber war alles in fortwährendem Entstehen und Vergehen begiiffen.
Als’ vollkommenstes
Element galt
den Pythagoreern
das Feuer.
Dem Feuer
also gebührte der hervorragende und geschützte Platz im Weltmittelpunkte.
Um dieses Zentralfeuer bewegen sich zehn Körper, von denen allerdings
nur-neun sichtbar sind: Erde, Mond, Sonne, die fünf eigentlichen Planeten und
der. Fixsternhimmel. Wo aber befand sich der zehnte? Wegen der Vollkommenheit der Zahl Zehn, die ihnen die heilige Zahl war, glaubten die Pythagoreer,
müßten auch zehn Himmelskörper im Weltenraume ihre Bahnen beschreiben.
Und da nur neun für sie sichtbar waren, wurde ein zehnter, die Gegenerde,
hinzugefügt. Die Gegenerde ist also danach ein rein metaphysisches Wesen,
wie auch aus metaphysischen Gründen allein das Feuer in die Mitte der Weltkugel gesetzt wurde.
Die Bahn dieser Gegenerde war, dem Zentralfeuer am nächsten. , Dann
folgten in bestimmten Abständen die Bahnen der Erde, des Mondes, der’ Sonne,
der fünf Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn und endlich die
des Fixsternhimmels. Die Umlaufszeiten der Gestirne standen in einem propor-
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)tionalen Verhältnis. zu der. Entfernung vom Zentralfeuer; je größer die Ent. fernung, desto größer war auch die Umlaufszeit der Gestirne. Erde und Gegen- erde gebrauchten 24 Stunden, der Mond einen Monat, Sonne, Merkur und Venus
ein Jahr,
Mars. zwei, Jupiter zwölf, Saturn 30, der Fixsternhimmel 36 000 Jahre.
‘Der letztere bedurfte einer so unermeßlichen Reihe von Jahren, weil er am
weitesten vom Zentralfeuer entfernt war und die sämtlichen, an ihm angehefteten
Fixsterne mit herumzuführen hatte.
Das Zentralfeuei war der Grund alles Lebens und Seins auf der Erde. Die
von ihm ausgehenden Strahlen trafen die Sonne, die als eine spiegelnde Kugel
gedacht war, um die Zentralfeuerstrahlen auf die Erde reflektieren zu können.
Diese aber brachte jetzt selbst durch ihre Umdrehung um das Zentralfeuer in
einem Zeitraume von 24 Stunden den Unterschied von Tag und Nacht hervor,
wobei sie mit ihrer einen Hälfte stets dem Zentralfeuer abgewandt, mit der
andern ihm stets
zugewandt war.
Auf der Verbindungslinie zwischen Weltmittelpunkt und Erde befand sich in jedem Augenblicke die Gegenerde, die
gleichfalls
als Kugel
gedacht und
nur
durch einen engen Zwischenraum von
der Erde getrennt war.
Die
Bewegungen
von Erde
und
Gegenerde erfolgten in der Ebene des
Himmelsäquators, diejenigen der andern
Gestirne in
kreises;
denn
der Ebene -des Tierden
vollkommeneren
Wesen
der
außerirdischen Sterne
bührte
auch
die vollkommenere Bahn.
ge-
. Die Bewegungen von Erde und Sonne
durften auch schon deswegen nicht
in
einer Ebene erfolgen, weil dann täglich
die
Zentralfeuerstrahlen in
einem bestimmten Augenblicke durch das Dazwischentreten der Erde daran gehindert
Fig. 3.
Sonnenfinsternis
worden wären,
beobachten müssen.
zur Sonne
zu gelangen.
Man hätte dann Tag für Tag eine kurze
In Fig. 3 ist diese schiefe Lage der ©
Erde zur Sonnenbahn nicht angedeutet, um den Überblick nicht zu erschweren.
C sei das Zentralfeuer, der Kreis / die Bahn der Gegenerde, JI der Erde,
ZII der Sonne.
|
Sonne, Erde und Gegenerde mögen auf ihrem Wege in die Lage SEG
gekommen sein. In diesem Falle hat die dem Zentralfeuer bestandig abgewandte Erdhalbkugel Tag.
und
G,;
die
Sonne
Nach 12 Stunden sind Erde und Gegenerde bei E,
aber hat, da sie zur Vollendung ihrer Bahn 365. Tage gebraucht, erst S, erreicht.
Die vorhin beleuchtete Erdhalbkugel, die immer noch
vom Zentalfeuer, jetzt aber auch von der Sonne abgewandt ist, hat Nacht.
So entsteht der Unterschied zwischen Tag und Nacht einzig und allein
durch die Bewegung der Erde um das Zentralfeuer, indem die eine Erdbalbkugel — diejenige, auf der .wir wohnen — abwechselnd der Sonne zu- oder
abgekehrt ist. Die andere Erdhälfte liegt zumeist im Schattenbereiche der
Gegenerde und ist in nächtliches Dunkel gehüllt.
Und doch kann in gewissen
Lagen, wie in 2,G,, das von der Sonne reflektierte Zentralfeuerlicht auch in
Page 7
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)die Spalte zwischen Erde und Gegenerde eindringen, die durch den Schattenkegel der Gegenerde bewirkte Dunkelheit in beträchtlichem Maße lindern und
so unter Umständen lebenden Wesen den Aufenthalt gestatten.
Für sie hat
dann aber die Gegenerde die große Bedeutung, ihnen das Zentralfeuer zu verbergen, und man kann im Zweifel sein, ob Philolaus seine Gegenerde aus
diesem Grunde oder aus rein metaphysischen Rücksichten in die Reihe der
Sterne aufnahm. Bedenken wir ferner, daß die Bahn der Erde in der Ebene
des Himmelsäquators erfolgte, so wurden die in Frage kommenden Erdhemisphären nicht durch den Erdäquator, sondern durch einen Meridian voneinander
sodaß die bekannte Osthälfte der Erde vom Zentralfeuer abgewandt,
getrennt,
die
zu
wandt
Philolaus
war.
Es
Zeiten noch völlig unbekannte Westhälfte demselben zugekonnten
also die Gebiete der östlichen Halbkugel südlich des
Äquators ruhig betreten werden, ohne daß man die Gegenerde oder das Zentralfeuer zu Gesicht
bekam.
Nicht
die
Kenntnis der Südhalbkugel hätte darum,
wie Gruppe!) meint, dieser Lehre den Todesstoß versetzt.
dann
als
Sie mußte sich erst
falsch erweisen, wenn es dem Menschen gelang, über die bekannten
Erdräume nach Westen vorzudringen und dadurch den Traum einer Gegenerde
_
zunichte zu machen; denn damit betraten sie die dem Zentralfeuer zugewandte
Erdhälfte
und
mußten
schen.
Erst der
im
tischen
Geographie
nun
die Gegenerde am Himmel ihre Bahn beschreiben
15. Jahrhundert
hatten
der Erde erschlossen;
in
neuem Glanze erstehenden mathemadie kühnen Fahrten eines Kolumbus die Westfeste
bis dahin hätte sich also die philolaische Lehre zur Not
halten können.
In der wunderbaren
Erklärung .für die
Entstehung von Tag und Nacht
offenbart sich uns die Glanzleistung der philolaischen Astronomie.
unendliche
Ferne
zurücktretenden Fixsternhimmel
Um den in
und die Licht und Wärme
spendende Sonne nicht mehr in der kurzen Zeit von 24 Stunden um die viel
kleinere Erde kreisen lassen zu brauchen, wie es Pythagoras getan, wies
Philolaus der Erde eine eigene Bahn zu, wodurch sie selbst den Unterschied
der Tageszeiten bewirkte. Das ist der gewaltige Fortschritt gegen die Lehre
des Pythagoras, das auch der scharfsinnigste Gedanke im philolaischen Weltsystem.
Es verdienen noch die Folgerungen genannt zu werden, die das pythagoreische
Zeitalter des
Philolaus
aus der höheren Vollkommenheit der außerirdischen Gestirne gezogen hat, und namentlich bemerkenswert sind die Anwendungen auf den Mond.. Der Mond soll es gewesen sein, durch dessen Be-
.
trachtung sie auf den Gedanken kamen, daß die Wandelsterne Welten wie
unsere Erde sein müßten. Offenbar legte das Gesicht im Monde, seine Spalten
* und Gebirge, die man im klaren südlichen Himmel auch ohne Fernrohr gut
-wahrnehmen konnte, diese Vermutung nahe.
Auch der Mond schien ihnen von
einem. Luftkreise umgeben und von lebenden Wesen bewohnt zu sein. Dasselbe galt von den andern Planeten, doch waren ihre Geschöpfe
um so vollkommener und göttlicher, je größer die Umlaufszeit um das Zentralfeuer war.
Der Mond übertraf an Vollkommenheit die Erde um das Fünfzehnfache.
.
Mit dieser Ansicht stand auch wohl die Einteilung des: Weltgebaudes
in
einen Olympos, Kosmos und Uranos, drei in Bedeutung und Erhabenheit
wesentlich verschiedene Regionen, in ursächlichem Zusammenhang.
1) O. F. Gruppe, Die kosmischen Systeme der Griechen,
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)msgs
sine
un
=
— .156
—
Der Olymp ist die Region des Unbegrenzten, die sich jenseits des Fixsternhimmels ausbreitet und alles in seiner vollsten Reinheit enthält.
Im Kosmos
gehen die gleichmäßigen, geordneten und göttlichen Bewegungen der gleichfalls
göttlichen Gestirne vor sich:, sein Bereich umfaßt also die Bahnen der fünf
Planeten, der Sonne und des Mondes. Die Region diesseits des Mondes, der
Uranos, schließt die sich in stetem Wechsel befindliche, unvollkommene Erde
mit ihrer Atmosphäre ein. Das Zentralfeuer ist der Thron des höchsten Gottes
und die Ursache sämtlicher Bewegungserscheinungen und als solches der Region
‚des: Olymp zuzuzählen. So umgibt ein ewiger und heiliger Feuerkreis auch
noch die
Himmelskugel,
Welt. schien
also
den Kosmos von dem Olympos trennend.
Die ganze
gewissermaßen in den Armen des Feuers, dieses alles beseelenden Elementes, zu ruhen, eine Lehre, in der „der einfache Ausdruck für
das
Gefühl der vielen Wohltaten liegt, die wir der Quelle des Lichts und der
Wärme verdanken“ (Ritter).
Die Astronomie der jüngsten Pythagoreer. |
Das
dritte kosmische System in der pythagoreischen Schule, das noch zu
betrachten übrig bleibt, "gehört entschieden den jüngsten Generationen an.
ist
die
Lehre
von
Es
der. Drehung der Erde um ihre eigene Achse. . Wir sehen
also auch das philolaische Weltsystem schon in der Schule selbst seinem Untergange, entgegen gehen.
goreer
entsprungene
scheinen.
Dem mathematischen Verständnisse .späterer Pytha-
Beweggründe
Philolaus
hatte
das
ließen
schöne
es auf die Dauer als unhaltbar erGesetz
der
Umlaufszeiten
verletzt,
indem er der Gegenerde, obwohl sie dem Zentralfeuer näher. war, dieselbe Umlaufszeit anwies wie der weiter entfernten Erde. Seine Nachfolger wollten
‚diese Verletzung des mathematischen Scharfsinns wieder gut machen, gaben
darum
die
Gegenerde
auf und
verlegten das Zentralfeuer in den Mittelpunkt
der Erde.
Wir haben also wieder das alte pythagoreische System vor uns, die
Erdkugel
nimmt wieder
den Mittelpunkt
des Weltalls
ein,
jedoch
mit
dem
wesentlichen Unterschiede, daß die Entstehung von Tag und Nacht nicht hervorgerufen wird durch cine 24 stündige Bewegung der Sonne um die Erde, sondern
durch eine in 24 Stunden erfolgende Drehung der letzteren um ihre Achse.
An
dieser
Lehre
hat
im
ganzen
Altertum
nur
einer wieder gerüttelt,
Aristarch von Samos, um neben der Achsendrehung der Erde auch noch eine
Bewegung der letzteren um die Sonne zu verkünden und so der Kopernikus
des Altertums zu werden.