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PYTHAGORAS WIDER DIE DIKTATUR
‚In neuerer Zeit hat in Deutschland auf dem Gebiet des historischen
Romans Leistungen von hoher dichterischer und künstlerischer Vollendung
Henry Benrath mit den Werken „Die Kaiserin Konstanza” (1935) und „Die
Kaiserin Galla Placidia” (1937) geschaffen. Ihm kam es darauf an, die innere
Wahrheit der von ihm dargestellten heroischen Frauengestalten des 12. und
5. Jahrhunderts, sowie der Menschen um sie herum im Erleben ihres Weltbildes, in ihren Gesprächen und in ihrem Handeln dichterisch nachfühlend
zu erspüren, unter Verzicht auf Sittenschilderung um der Sittenschilderung
willen und bei höchstmöglicher Vereinfachung und Durchgeistigung
des
Stoffes aufzuzeigen. Wahrhaftiges, bisher so nicht erkanntes menschliches
Seelentum und
menschliches
Sichbewähren
in
der Vergangenheit durch
zuchtvoll geprägte Rede zu gestalten, das ist der hohe Ehrgeiz des Erzählers
dieser historischen Romane. Er will dichterische Wahrheit geben, die vielleicht tiefer erschaut ist als im bloßen Aneinanderreihen von Dokumenten
durch emsige Gelehrte, Wahrheit, geformt vom Künstler.
Solcher Art ist nicht der historische Roman, den Gustav Rene Hocke mit
seinem Werk „Der tanzende Gott” (Nymphenburger Verlagshandlung, München 1948, 784 S.) gibt. Hocke will nicht das im Lehm der kalabrischen
Küste begrabene Leben der einstmals mächtigen und blühenden grofigriechischen Weltstadt Sybaris um seiner selbst willen in historischer Treue vor
uns auferstehen lassen. Gewiß will er ergründen und darstellen, wie es zum
furchtbaren Untergang dieser Stadt kommen konnte, die wie ein Symbol von
entarteter, üppiger, träger Wollust verfallener Überkultur in unserer Vorstellung lebt. Sein Roman ist mehr ein eindringlicher Erziehungs- und Bildungsroman, mit dem er uns Heutigen eine Lehre geben will. Soll die Kunst
der Erzählung nicht auch Lehren feinster, tiefster und notwendiger Art geben
dürfen? Lehren, die uns vielleicht vor dem Untergang bewahren können,
wenn sie nachdenklich überdacht und beherzigt werden? Damit es wieder
eine Kunst geben kann und darf, die keine Lehren mehr zu geben braucht?
Auch Benrath, wenn er die seelische Wahrheit seiner Kaiserinnen dichterisch
erspürt, will uns ja sagen, wie man diese Frauen sehen soll, und unser eigenes
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Menschsein soll durch solches tiefere Wissen and Nacherleben von Wahrheit
ergriffen und erhöht werden. Nur daß eben doch für ihn Vergangenheit Vergangenheit bleibt. Aber Hocke will die Vergangenheit an uns heranziehen, wie
er es schon in dem Buche des Kalabrienerlebnisses „Das verschwundene Gesicht“ (Kari Rauch Verlag, 1939) ausdrückt. Er zieht die Vergangenheit in der
Tat so nahe an uns heran, daß sie fast wie ein blutvolles Stück von uns selbst
wird. Was in Sybaris vorging, hat sich erst kürzlich auch bei uns ereignet.
Wenn er so den Untergang von Sybaris erzählt, erzählt er unseren Untergang
und wie es zu ihm kommen konnte. Jeder, der den Roman liest, muß diese
Absicht merken, aber er braucht deswegen nicht verstimmt zu sein. Man könnte
einwenden, wenn einer von dem verrückten Tyrannen spricht, der mit seinem
rasenden Taranteltanz das verseuchte Sybaris heilen will, es in Wirklichkeit
aber noch kranker, verwirrter, toller und sehr bald reif zum völligen Untergang
macht, wenn einer von Telys spricht und eigentlich jemanden ganz anderen
meint, so ist das nicht mehr ganz reine Kunst. Ein so feiner Künstlermensch,
als der sich Hocke bisher immer bewiesen hat, mußte sicher auf einen solchen
Einwand gefaßt sein, als er diesen großen gleichnishaften Roman veröffentlichte. Aber er will eben die Kunst seiner Rede, ebenso wie seine Erkenntnis,
der notwendigen seelischen Erneuerung der armen, gefährdeten Menschen
dienstbar machen, sich in die Reihe derer stellen, die helfen wollen.
Die Dichtung selbst erneuert sich dadurch, daß sie dem Menschen aus
seiner Verstörung helfen will, daß sie ihn aus der Gewalt der alten Betrüger
und Tyrannen lösen, daß sie ihn zu sich selbst gelangen, ihn frei machen will.
Nicht nur im weltanschaulichen Zeitroman, sondern im Drama tut sie das. So
bringt zum Beispiel Julius Maria Becker in dem Renaissancedrama „Das Mahl
des Herrn“ (5333 Jamben) nicht nur den Gewaltherrscher von Mailand,
Ludovico Moro, auf die Bühne, er läßt auch Lionardo da Vinci erscheinen
als den gefährlichen, von dämonischen Kräften besessenen Konstrukteur von
furchtbaren Kriegsmaschinen aller Art, als genialen Vorläufer all der Erfinder
der grausigen Kriegswerkzeuge von heute. Er zeigt die Dämonie des Menschengeistes, der mit Hilfe immer unheimlicherer Entdeckungen und verfeinerter
Technik doch nur das Werk der Zerstörung, bis zur Selbstvernichtung der
den zu ihrer Harmonie tanzenden Gott erlebt haben muß, um sich ganz von
den Irrtümern einer bis heute in Sitten, politischen und moralischen Anschauungen fortdauernden Vergangenheit freizumachen und daß man sich um der
Erneuerung von morgen willen für solche erhabenen, religiös durchfluteten
Stimmungen empfänglich halten muß, wie wir sie in der gleichen Vergangenheit finden können.
Der Roman des durch totale Zerstörung
im Krieg bewirkten Untergangs
von Sybaris ist — trotz mancher schönen und lichtvollen Elemente — die trostlose Erzählung von dem unheilvollen Einfluß unumschränkter, fanatischer
Gewaltmenschen, des verrückten Arztes Telys und seiner Bande, die das von
ihnen betörte Volk moralisch und physisch zugrunde richten. Diese Vernichtung
vollzieht sich unter Formen, die denen nachgebildet sind, wie wir selbst sie
schaudernd erlebt haben. Sybaris wird so erledigt, daß es nicht wieder erstehen
kann. Nur wenige seiner Menschen können sich zu einem neuen Dasein in
Frömmigkeit, und zwar im Geiste pythagoräischer Frömmigkeit retten.
Den Geist des Pythagoras als Mittel der moralischen Erneuerung zu beschwören, scheint der Hauptgedanke und Zweck des Romans zu sein. Erscheint
Telys als die grauenhafte Verkórperung des unerklarlichen Bösen, so Pythagoras als der große, fast priesterhafte heiligmäßige Geistmensch, als Verkündiger einer im Geistigen sich übenden Lebensform, die wie in einer
magischen und stillen Revolution den ganzen Menschen erfassen soll. Schon
in seinem Buche „Das verschwundene Gesicht“ hatte Hocke den vielleicht
erfundenen Grafen C. als Sprachrohr seiner eigenen Studien und Erkenntnisse
sagen lassen, daß wir heute den Geist des Pythagoras neu zu verstehen haben
und auch neu verstehen können, weil unser Zeitalter von der gleichen Sehnsucht bestimmt ist, aus einer ähnlichen Not ein ähnliches Sinnbild geistigmoralischer Menschlichkeit zu finden.
Pythagoras allerdings — und das ist eine bittere Erfahrung —, er, der in
seinem Wahrheitssuchen ewige Frager, erliegt den Gewaltmenschen und der
von ihnen verhetzten Masse in Sybaris und Croton, unterliegt im Praktischen
und Politischen. Er sollte und wollte Sybaris vor Telys retten, aber er erkannte
nicht rechtzeitig das Wahnsinnige und Verbrecherische in ihm. Der Mann und
Menschen bereitet, bringt dann aber Lionardo zum Verzicht auf Weiterarbeit
in diesem Sinne und läßt ihn als Maler des Abendmahlbildes in religiöser
Hingabe enden. So liegt der Sinn dieses Dramas darin, uns in kühner Interpretation von Tatsachen der Vergangenheit zu Besinnung und Umkehr zu
Weisen und aus Bequemlichkeit auch die Pseudoweisen zu allen Zeiten und
mahnen.
Orten getan haben.
Lionardo vernimmt die Harmonie der Sphärenmusik und wird verwandelt.
Auch im Roman vom tanzenden Gott vernimmt jemand diese Harmonie. Vielleicht will der Dichter sagen, daß man so etwas wie Sphärenmusik gehört und
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sein Böses erscheinen ihm allzu lange als psychologisches Rätsel. Er müßte ihn
erst studieren, um durch ihn hindurch zu tieferer Erkenntnis der dunklen
Mächte im Menschen überhaupt zu gelangen. Wie es in ihrer Ehrlichkeit die
Aber sein Versagen bedeutet nicht nur Schwäche, sondern auch Schuld. Im
Bilde des reinen Schuldigen, des Pythagoras, dürfen sich alle die erblicken,
die Besten und Wahrhaftigsten unter uns, die in Abweisung jeglicher Gewalt
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)an ihrer eigenen und der Menschen geistigen und sittlichen Vervollkommnung
arbeiten
Wohl unterliegt Pythagoras und stirbt, fast einsam, als ein Landflüchtiger
ım Tempel der Demeter zu Metapont, aber doch auch wıe ein Heiliger, als
Meister eines Ordens, zu dessen Mitgliedern sich alle die rechnen dürfen, die
m ihrem Leben darauf bedacht sind, die Menschen von den dunklen, zerstörenden Mächten und Leidenschaften zu befreien und die schöpferischen in
ihnen zu entfalten.
Zu solchem Ausblick auf ein heute notwendiges Tun der Besten wollte
uns wohl Hocke mit seinem Roman verhelfen. Darum darf man sein Werk als
einen Akt „geistiger Tapferkeit” bezeichnen, wie ihn der Graf C. verlangt.
Tapfere Tat auch deshalb, weil hier der heute nicht sehr populäre Glaube an
die Notwendigkeit einer Elite verkündet wird, die sich in ihrer lauteren
Geistes- und Herzensbildung, in ihrem wissenschaftlichen und künstlerischen
Schöpferwillen, in der Aufrichtigkeit ihres Verantwortungsbewußtseins eins
weif mit dem letzten Sinn des Daseins und sich so ein inneres Recht auf eine
jeder Gewalt abholde Führung der Menschen erwirbt.
Nach Bildern von seherischer Kraft und Größe, die an Dante erinnern,
schließt der Roman mit der Vision des edien Einzelnen und seiner Jünger,
schließt nicht, wie die „Farce“ (mehr als Farce) des Schweizer Architekten
Max Frisch „Die chinesische Mauer” (aufgeführt 1946 in Zürich, kürzlich in
den Hamburger Kammerspielen) mit der Vorstellung der Diktatur des Ein-
“mer und der Diktatur der Masse, schließt nicht mit der Beschwörung der
Angst, vielleicht nicht gerade der Hoffnung, aber doch in jener gedanklichen,
‘aneren Anspannung, die wir nie verlieren dürfen, wenn wir der Diktatur in
ieder Gestalt, der Menschen. und der Dinge, uns nicht als ohnmächtige Opfer
m Verzweiflung beugen, sondern wenn wir allen Gewalten zum Trotz unsere
mnere Freiheit bewahren wollen.
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Walther Küchler
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