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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Michael Lück
Prothetische Körper
Zur Zeugungslehre des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr.
Einleitung
Dass die griechische Antike das Rätsel der Zeugung im Sinne geschlechtlicher Fortpflanzung nicht zu lösen vermochte, scheint aus historischer Perspektive an allzu
vorschnelles Urteil zu sein. Zwar dauerte es bis ins 17. Jahrhundert, dass mithilfe eines neuen optischen Apparats, des Mikroskops, die Spermatozoen sichtbar wurden,
und erst weitere zweihundert Jahre später konnte mit der Entdeckung des Ovulums
durch Karl Ernst von Baer (1792-1876) eine geschlossene biologische Beschreibung
der Befruchtung geleistet werden.' Doch ändert dies nichts daran, dass es die zeitgenössische Gültigkeit jener Erklärungen emst zu nehmen gilt, die bereits die antiken
Autoren für das Phänomen der Zeugung zu geben wussten. Diese Gültigkeit war freilich gebunden an Voraussetzungen, die sich von denen der Neuzeit unterschieden.
Nicht zuletzt das Mikroskop hat hier buchstäblich die Sichtweise verändert.” Zwar
kann kein Zweifel bestehen, dass insbesondere die griechischen Ärzte geschulte Beobachter waren, doch allein auf diesem Weg ließen sich die Rätsel des Körpers nicht
lösen. Die lagen folglich auch nicht ausschließlich in einer begrenzten Physis verborgen, sondern gingen über das ‚Fleisch’ oder Genital? hinaus. Der Körper wurde als
Teil und Zeichen der ‚Natur imaginiert und aus den Imaginationen prothetisch zuoa
LK MM,
Houo
sammengefügt (Kapitel 1).*
Ein körperliches Substrat bildete dabei allerdings die stoffliche Grundlage: Der
Samen wurde zum Funktionsträger aller Zeugungstheorien. Ich möchte daher im 2.
und 4. Kapitel darzustellen versuchen, welche Samenlehren im einzelnen während
des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. formuliert wurden. Dabei soll zugleich ein Überblick
über das reiche Waterial gegeben werden, das sich vor allem aus den Fragmenten
der Vorsokratiker, Schriften des Corpus Hippocraticum und dem ‚biologischen’ Werk
'
Zur Embryologie in der Zeit der Renaissance vgl. Joseph Needham, A History of Embryology,
Camdridge: Univ. Press 1934, S. 96-157. Karl Ernst von Baer entdeckte das Säugetierei 1827 und
beschrieb seine Beobachtungen in der Schrift De ovimammalium et hominis genesi, Lipsiae: Voss
1827; dazu Frederick B. Churchill, „The Rise of Classical Descriptive Embryology“, in: Scott F. Gilbert
(Ed.), Developmental Biology. A Comprehensive Synthesis, vol. 7: A Conceptual History of Modern
Embryology, New York: Plenum Press, S. 1-30, insb. 5-12.
Vgl. zu dieser Zäsur im kulturgeschichtlichen Zusammenhang pars pro toto Hannah Arendt, Vita
activa oder Vom tätigen Leben, München: Piper 1998, S. 318-415.
John J. Winkler, Physis und natura in der Bedeutung ‚Genitalien', in: ders., Der gefesselte Eros:
Sexualität und Geschlechterverhältnis im antiken Griechenland, Essen: Magnus 2002, S. 317-321 hat
gezeigt, dass physis wie natura im vulgären aber z.T. auch im medizinischen Sprachgebrauch im
Sinne von Genital verwendet wurden.
Strukturell besteht dieser Zusammenhang auch heute. Wie moderne Biologie gerade auch im Bereich
der Embryologie durch geschlechtsspezifische „cultural images" präformiert ist und diese ihrerseits in
Form vermeintlich neutraler wissenschaftlicher Fakten reproduziert, zeigt Emily Martin, „The Egg and
the Sperm: How Science Has Constructed a Romance Based on Stereotypical Male-Female Rotes“,
in: Signs 16 (1990), S. 485-501; vgl. auch die Einleitung zu ihrer eindrucksvollen Studie The Woman
in the Body. A Cultural Analysis of Reproduction, Boston: Bacon Press, 2nd Ed. 1993, S. vil-xx,
außerdem Ruth Hubbard, The Politics of Woman's Biology, New Brunswick, N.J.: Rutgers Univ. Press
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)des Aristoteles zusammensetzt. Einiges muss dabei im Vagen bleiben, wo auch die
Philologie in ihrem Bemühen, Ursprünge und einzelne Positionen der antiken Lehren
zu identifizieren, an ihre Grenzen geraten ist. Diese Vorstöße der Philologie ins Themenfeld der Seminararbeit liegen zum Teil einige Zeit zurück, doch es schien mir unvermeidlich, für die wichtige Diskussion des überlieferten Quellencorpus die mitunter
ältere Forschungsliteratur zu berücksichtigen.
Die angesprochenen Imaginationen verweisen auf die Spiegelökonomie des
antiken Diskurses: Die somatischen ‚Tatsachen’ erschienen immer schon in einem
Bild, das man sich vom Körper gemacht hatte. In diesem Sinne erweisen sich die
Imaginationen als Projektionen. Besonders deutlich wird dies dort, wo die Zeugungstheorien in der Frage der Geschlechtsbildung den weiblichen und männlichen Körper
und das Verhältnis beider zueinander diskutiert haben. Welche Geschlechterbilder
dabei bedient und reproduziert wurden, möchte ich im 3. und 5. Kapitel versuchen
deutlich zu machen.
1. Samen und Geschlecht: Die zeitgenössische Fragestellung und ihre Voraussetzung
In seinem Quintus Caerellius zugedachten De die natali liber aus dem Jahr 238 n.
Chr. nimmt der Doxograph Censorin bei der Darstellung seines Themas „Was unseren aktuellen Tag der Geburt und seine Voraussetzung betrifft" die traditionelle Behandlung des Problems der Zeugung wieder auf. Er referiert in Kapitel V.2-4 seiner
Schrift zunächst die Frage, ‚wo der Samen herkommt“, um im darauf folgenden Kapitel nach der „Ausformung des Kindes“, d.h. vor allem nach der „Ursache für die Entstehung männlicher und weiblicher Kinder‘ zu fragen.’ Die Herkunft des Samens und
die Entstehung der Geschlechter, dies sind also die zentralen Probleme, mit denen
sich nach Censorin die Zeugungslehre bis auf seine Tage beschäftigt hat. Im sechsten Abschnitt des VI. Kapitels von De die natali erwähnt er zudem das Rätsel der
‚Ähnlichkeit bei den Kindern (similitud[o] liberorum)*. Nur in diesem Sinne berührten
die antiken Zeugungslehren überhaupt den der Modeme (seit Mendel) so vertrauten
Problemkreis der Vererbung. Einen Terminus für den Sachverhalt bildete die griechische Sprache nicht aus. Die Umschreibungen durch eine Verknüpfung von Ausdrücken eben der Ähnlichkeit oder Gleichheit (hömoioi, eoikötes) mit dem Verb werden
(gignesthei) ıdeuten darauf hin, dass das Problem nicht als ein eigenständigesin den
Blick geriet.° Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand der Samen. Er allein gab, wenn
man so will, den Stoff, aus dem die Erklärungen waren. Der Samen war das körperliche Substrat, von dem die Zeugungstheorien ausgingen. Es wird deutlich, weiche
Bedeutung ihm zukam, wenn man genauer zu fassen versucht, was hier unter ‚Theorie' überhaupt zu verstehen ist. Das griechische Wort ffheoria) meinte nicht die Abstraktion (von) der Wirklichkeit im Sinne des modernen Gebrauchs des Begriffs Theo-
°
Censorini de die natali liber/Censorinus: Über den Tag der Geburt, lat/dt unter
http://12koerbe.de/hanumans/censorin.htm; der lateinischer Text dort nach Klaus Sallmann (Hg.), De
die natali liber, Leipzig: Teubner 1983. Zitate: Cens. de die na., V.1, Zeile 2.; V.2, 1; VI.3, 1; VI.4, 1.
Antike Autoren bzw. Werke werden nach den üblichen Abbreviaturen angegeben; die benutzten
Textausgaben und Übersetzungen sindin der Literaturliste aufgeführt und werden nur bei wörtl. Zitaten nachgewiesen.
Vgl. Erna Lesky, Die Zeugungs- und Vererbungslehren der Antike und ihr Nachwirken (= Akademie
der Wissenschaften und der Literatur, Abhandlungen der Geistes- und sozialwissenschaftlichen
Klasse, 19), Mainz 1950, S. 24.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)rie.’ Vielmehr bezeichnete es einen eigenen Zugang zur Wirklichkeit: das Erschauen
(th8a — Schau) nichtsinnlicher (göftlicher: theds — Gotf) Vorgänge am Sinnlichen; ein
„plastisches Erfassen des Unsichtbaren, das den Dingen und Vorgängen zugrunde
liegt.“” Das Zugrundeliegende war arche, der Anfang, Urstoff oder auch das Sein.
Dieser Begriff bildete das Gravitationszentrum des vorsokratischen Denkens: ihn zu
bestimmen und - in einem zweiten Schritt — anzugeben, wie aus dem Urstoff oder
dem Sein die einzelnen sinnlichen Erscheinungen bzw. das Seiende/Dasein entstehen kann, war eine Herausforderung, die das Denken bewegte. Mit arche war dabei
kein metaphysischer Begriff geschöpft worden, denn, so Aristoteles:
„[vJon den ersten Philosophen hielten die meisten rur die stoffartigen für die Prinzipien von allem; denn dasjenige, woraus alles Seiende ist und woraus es als
Erstem entsteht und worein es als Letztem untergeht, indem das Wesen bestehen bleibt und nur die Eigenschaften wechseln, dies, sagen sie, ist Element [Urstoff] und Prinzip des Seienden.”
In diesem Sinne ist es auch konsequent, wenn Aristoteles seine Vorgänger als ‚Physiker’ anspricht, denn „[e]igentlich ist es die Philosophie selbst, die als Physik beginnt.“'° Es ging demnach um die Vorstellung stofflicher Zusammenhänge, das Erschauen eines stofflichen Ganzen. Dazu gehörte auch der Körper des einzelnen Lebewesens. So traf sich im Begriff der arche, des Urstoffs, die Frage, woraus die Welt
im Ganzen besteht, wie sie sich verändert und enthält damit auch jene Frage, woraus
der einzelne Menschenkörper „ursprünglich hervorgeht“ und wie er sich fortpflanzt.
Der Zugang war dabei derselbe: theoria. Man wird die Unterscheidung zwischen einem bloß spekulativen Blick der Philosophie und einem intromittierenden Blick der
Biologie und der Medizin aufgeben müssen, um die Eigentümlichkeit des Schauens,
das sich auf das Ganze wie das Einzelne und Kleinste gleichermaßen bezog, berücksichtigen zu können. Es setzte an bei den phainömena -— Phänomenen, bei dem, was
sich von und an den Dingen zeigte, suchte jedoch von vomherein auch nach dem,
was mit dem Auge sich nicht entdecken ließ, gleichwohl aber zur Wirklichkeit, zum
Wesen oder zum Sein der Dinge gehören musste." Diese Eigentümlichkeit des Denkens prägte auch die Auseinandersetzung mit jenem Phänomen, dass — mit einem
Wort Demokrits: —,ein Mensch aus einem Menschen herauslstürzt]*.'? Dieses körperliche Phänomen, die Fortpflanzung, schien freilich auf vieles zu verweisen, was dem
Auge verborgen blieb und auf anderem Wege erschlossen, und d.h. imaginiert wer?
Vgl. u.a. Joseph Schumacher, Die Anfänge der abendländischen Medizin in der griechischen Antike,
Stuttgart: Kohlhammer1965, S. 20-23.
®
Schumacher, Anfänge, S. 22.
Aristoteles, Metaphysik, 983b6ff. Übersetzung nach Aristoteles,
Philosophische Werke, Bd. 5:
Metaphysik, nach der Übersetzung von Hermann Bonitz bearbeitet von Horst Seidl, Hamburg: Meiner
1995.
Pierre Pellegrin, „Physik“, in: Jacques Brunschwig, Geffrey E. R. Lloyd (Hg.), Das Wissen der Griechen, München: Fink 2000, S. 388-403, 389. Die Benennung bei Aristoteles etwa in Physik, 203a20f.
Vgl. hierzu Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen: Niemeyer 1993, S. 28-31, 28: „Als Bedeutung
des Ausdrucks ‚Phänomen’ist daher festzuhalten: das Sich-an-ihm-selbst-zeigende, das Offenbare.
Die [phainömena], ‚Phänomene’, sind dann die Gesamtheit dessen, was am Tage liegt oder ans Licht
gebracht werden kann, was die Griechen zuweilen einfach mit ta önta) (das Seiende) identifizierten.”
Hermann Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker, griech. u. dt., 3 Bde., hg. v. Walther Kranz, Berlin
Weidemann 1954 (zitiert als D/K) 68 B 32. Übersetzung nach Die Vorsokratiker, griech./dt., Auswahl
der Fragmente, Übersetzung und Erläuterungen von Jaap Mansfeld, Stuttgart: Reclam 1987(zitiert als
VS mit Kapitel.Nummer) 9.77.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)den musste. Die Vorstellungen, die sich an der allgemeinen Frage nach dem Urstoff
hatten entwickeln lassen, gewannen so an Bedeutung. Dabei darf der Befund, dass
„philosophical insight guided the physicians in their biological, physiological, and
anthropological studies“, wie ihn etwa Ludwig Edelstein formulierte, nicht im Sinne
eines Einflussverhältnisses zwischen verschiedenen Disziplinen’ gedacht werden”;
das würde eine Ausdifferenzierung voraussetzen, zu der es erst in der Moderne kam.
Vielmehr handelt es sich um verschiedene Aspekte ein und desselben Diskurses, der
den Körper als Teil und Zeichen der ‚Natur befragte und zugleich hervorbrachte.
Wenn es — wie Thomas Laqueur schreibt
— in diesem Diskurs darum ging, eine „höhere Wahrheit‘ aufzuzeichnen” und seine Aussagenin diesem Sinne „highly speculative in character, and their empirical support at best meagre and selectiv''” waren, ist
damit vor allem der Zirkel der Imagination bezeichnet, in dem er sich bewegte: Um die
„höhere Wahrheit“ — und damit war zunächst die ‚Natur gemeint — zu erschauen,
wurde sie dem Körper angelegt. In diesem Sinne möchte ich vom prothetischen Körper sprechen. Er entstand unter einer Spiegelökonomie, bei der die somatischen
phainömena Ausgangspunkt der Beobachtung waren, aber immer schon in einem
Körper(Geschlechter)bild erschienen — ein Bild, das letztlich einem ‚Wunschkörpers’
entsprach.
Neben der vorsokratischen Vorstellungswelt war es die soziale Ordnung innerhalb welcher der Körper sich zeigte, genauer: die ihn sich zeigen ließ, und die sich
an ihm und seinen Rätseln spiegelte und reproduzierte. Die Grenzen einer Unterscheidung zwischen sozialem und biologischem Geschlecht zeichnen sich hier ab.
Die diskursive Substitution des Körpers war gewissermaßen absolut. Es lässt sich
vermuten, dass eine solche Substitution immer bestanden hat und besteht und dass
das Sprechen über den Körper diesem notwendig ‚diskursive Prothesen’ anlegt bzw.
seine Körperlichkeit (möglicherweise irreversibel) zurücksetzt. Daraus ergibt sich auch
die Schwierigkeit zu benennen, was der substituierte Körper überhaupt ist, da jede
Benennung gleichsam schon ein Überschreiben darstellt. Die nach wie vor offene
Frage, ob sich ein biologisches Geschlechtim Sinne von sex demnach überhaupt
analytisch operationalisieren lässt, kann hier freilich nicht behandelt werden. Wie
diese theoretische Problem auch zu lösen sein mag”, zur historischen Eigentümlichkeit des antiken Diskurses gehört es jedenfalls, dass dem Körper eine eigne, biologische Sphäre auch im Sinne einer gender-Figur, also im Sprechen über den Körper,
nicht zuerkannt wurde. Aus diesem Grund — so meine These — prägte dieser Diskurs
zu keinem Zeitpunkt eine biologistische Rhetorik aus. Die Möglichkeit (und sei es
eben auch nur die Möglichkeit einer rhetorischen Strategie), am Körper eine bloß soziale Sphäre von seinem ‚Fleisch' zu unterscheiden, lag gewissermaßen hinter dem
®% Ludwig Edelstein, ‘The Relation of Ancient Philosophy to Medicine”, in: ders., Ancient Medicine, eb.
by Owsen Temkin, Baltimore: John Hopkins Univ. Press 1987, S. 349-366, 350.
14
So Thomas Laqueur, Auf den Leib geschrieben: Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike
bis Freud, München: dtv 1994, S. 40.
15
Geffrey E. R. Lloyd, Science, Folklore and Ideology. Studies in the Life Sciences in Ancient Greece,
Cambridge: Univ. Press 1983, $. 87.
16
Vgl. insb. zum Problem der Bestimmung einer vorprädikativen Körperlichkeit oder einer Irreduzibilität
des Körpers u.a. Judith Butler, Körper von Gewicht: Die diskursiven Grenzen des Geschlechts,
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1997, S. 55f.; kritisch hierzu Barbara Duden, „Die Frau ohne Unterleib. Zu
Judith Butlers Entkörperung”, in: Feministische Studien 11 (1993), S. 24-33; zur Kontroverse insgesamt zuletzt Karin Ludewig, Die Wiederkehr der Lust: Körperpolitik nach Foucault und Butler, Frankfurt a. M.: Campus 2002.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Spiegel. Im Bild, das man von ihm sah, in seiner der Imago, fielen seine sozialen und
die ‚natürlichen' Reflexionen in eins.
Der Körper, der sich entzog, wurde also prothetisch (wieder)erschaffen. Der
Samen bot hierfür — wie gesagt — den ‚Stoff, der folglich nicht nur physiologischen
Charakter hatte. Er wurde zum alleinigen Funktionsträger aller antiken Zeugungstheorien.
2. „..ein Tropfen des Gehirns...“: Die ältere Samenlehre
Censorin berichtet nun, dass unter den „sapientae professores“ gar nicht klar sei, „wo
der Samen herkommt“. Parmenides (um 540 — ca. 480) habe geglaubt, er komme aus
der rechten oder linken Körperhälfte; „Hippon aus Metapont“ (Hippon aus Samos oder
Rhegio, ca. 480 — etwa 420) dagegen habe gelehrt, „daß der Samen aus dem
Rückenmark ausfließe" — „ex medullis profluere‘, wogegen wiederum die Meinung
eines Anaxagoras (um 500 -— etwa 427), Demokrits (um 460 — etwa 370) und Alkmaions aus Kroton (um 510 — ca. 450) stünde, dass der Samen nicht nur im Mark, sondern auch im
Fett und Fleisch —,adipe multaque carne" — gebildet werde." In ihrer instruktiven Untersuchung über die Zeugungs- und Vererbungslehre der Antike und ihr Nachwirken versucht Erna Lesky die im Censorin-Bericht angebotenen Lehrmeinungen zu
prüfen und zu ordnen. Sie unterscheidet zwei verschiedene Samenlehren: Zum einen
die „enkephalo-myelogene" Theorie, wie sie von den Pythagoreern, von Hippon und
Alkmaion vertreten worden sei und die den Ursprung des Samens im Mark und besonders im Him vermutet habe. Zum anderen die „pangenetische Samenlehre“, der
zufolge der Samen überall im Körper entstehe (also etwa auch im Fleisch und Fett).
Diese Lehre sei im fünften Jahrhundert erstmals bei Anaxagoras zu fassen und habe
später mit dem Begriff des Atoms eine neue Grundlage erhalten.’®
Mit ihrer Einteilung nimmt Lesky eine Korrektur für die Position des Alkmaion
vor, der während des ausgehenden 6. Jahrhunderts als Arzt in Kroton arbeitete, „der
medizinischen Metropole Groß-Griechenlands."”” Während er bei Censorin in einer
Reihe mit Demokrit und Anaxagoras zu stehen scheint und somit in die Nähe der
„Pangenesislehre“ gerückt: wird, hält Lesky ihn für einen Vertreter der Hirn/Mark-Theorie. Im Nachvollzug dieser Korrektur lässt sich das vorsokratische Meinungsbild zu17
18
Cens. de die nat., V.2-3. Übers. nach Sallman, De die nat. Vgl. zu Parmenides Rudolf Eisler, Philosophen-Lexikon. Leben, Werke und Lehre der Denker, CD-Rom Ausgabe (nach der 1. Aufl. Berlin
1912), Berlin: Direktmedia 1998, S. 1347 sowie DNP
9 (2000), Sp. 337-341; zu Hippon Eisler, S.
698; DNP 5 (1998), Sp. 605; zu Anaxagoras Eisler, S. 40; DNP1 (1996), Sp. 673; zu Demokrit von
Abdera Eisler, S. 308; DNP 3 (1997), Sp. 455-458; zu Alkmaion Eisler, S. 35; DNP 1 (1996), Sp. 508f.
Die Bestimmung der Lebenszeit des Alkmaion ist nicht ganz unumstritten; sie ergibt sich aus der Annahme, dass er noch zu Lebzeiten des Pythagoras dessen junger Schüler war. Während Aritoteles,
Metaphysik A5. 986229-30 das Verhältnis offen lässt, nennt Diogenes Laertios= D/K 24 A 1 Alkmaion
einen Schüler des Pythagoras; vgl. auch William Keith Chamber Guthrie, A History of Greek Philosophy, vol. 1: The earlier Presocratics and the Pythagorsans, Cambridge: Univ. Press 1962, S. 342.
Lesky, Zeugungslehren, S. 9-13, 52, 70-72. Lesky gibt als erste eine umfassende Darstellung und
Ordnung des Materials, kann sich jedoch auf frühere Arbeiten stützen, darunter die monographischen
Studien: Heinrich Balss, Die Zeugungslehre und Embryologie in der Antike. Eine Übersicht (=Quellen
und Studien zur Geschichte der Naturwissenschaften und der Medizin, Bd. 5, Heft 2/3), Berlin: Julius
Springer 1936, hier $S. 10f.; Konrad Blersch, Wesen und Entstehung des Sexus im antiken Denken
(Univ.-Diss, Tübingen 1937), Stuttgart: Kohlhammer 1937.
Joseph Schumacher, Antike Medizin. Die Naturphilosophischen Grundlagen der Medizin in der
griechischen Antike, 2. verbesserte Auf., Berlin: de Gruyter 1963, S. 69.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)mindest in Ansätzen skizzieren. Lesky verweist auf einen Bericht in Aetios Kompendium der Lehrmeinungen aus dem 1. oder 2. Jahrhundert, demzufolge die Auffassung
des Alkmaions gewesen sei, dass der Samen ein „Teil des Gehirns“ ist, und sie gibt
zu bedenken, dass der wesentlich ältere Alkmaion kaum dazu gekommen sein dürfte,
Hippon zu kritisieren, wie dies der Bericht Censorins nahe legt.”” Überhaupt macht die
Zeit seines Wirkens es für Lesky wahrscheinlich, dass Alkmaion ein Vertreter der
Hirn/Mark-Theorie war, denn in dieser Theorie sieht sie die frühere der beiden Samenlehren. Während die „Pangenesisiehre“ nicht vor dem 5. Jahrhundert belegt sei,
reiche die Idee einer Verknüpfung von Gehim, Mark und Samen möglicherweise sogar zurück bis zum iranischen Schöpfungsepos des Großen Bundahisn.?' Zumindest
aber glaubt Lesky die Him/Mark-Theorie zur Vorstellungswelt der in Kroton beheimateten älteren Pythagoreischen Schule zählen zu können (wobei sie Alkmaion selbst
schlicht als Pythagoreer bezeichnet”). Hierfür spricht die Äußerung eines jüngeren
anonymen Pythagoreers, „Samen sei ein Tropfen des Gehirns", wie sie in der Philosophiegeschichte des Diogenes Laertios überliefert ist und an der sich vermutlich das
Fortwirken einer älteren Lehre ablesen lässt.?” Hippon von Rhegio schließlich wäre in
dieser Reihe ein jüngerer Vertreter der alten Lehre, der freilich gegenüber dem Gehirn
das Mark als Quelle des Samens betonte.”
Gegen ihn richtete sich im Censorin-Bericht die Kritik des Demokrits — des
Vertreters einer neueren Theorie, so Lesky, die von Anaxagoras vorgebildet worden
sei. Ein Fragment überliefert dessen Auffassung, dass der Samen sich aus kleinsten
Teilchen des gesamten Körpers zusammensetzt und ihn somit vollständig in sich enthalte.
„Denn wie’, sagte, er, ‚könnte aus Nicht-Haar Haar entstehen und aus NichtFleisch Fleisch?” So gibt es „Samen aus allen Sachen [...]. Und man muß
zugeben, daß] aus Teilen Menschen fest zusammengesetzt wurden wie auch die
übrigen Tiere, welche ein Seele haben.”®
Mit der Lehre von den unteilbaren Urkörpern, die die verschiedenen Formen und
Gestalten der Erscheinungen bzw. Lebewesen zusammensetzen, lieferte Demokrit
Aetios, V.3,3 (der Aetios-Bericht ist rekonstruiert worden von Hermann Diels in Doxographi Graeci,
Berlin: de Gruyter 1879, ND 1958, S. 273-444)=D/K 24 A 13; vgl. Lesky, Zeugungslehren, S. 12; dagegen die frühere Auffassung von Alkmalon als Begründer der „Pangenesislehre“: Max Wellmann,
„Alkmaion von Kroton“, in: Archeion 11 (1929), S. 156-169, 165f.
21
Leskys Argumentation Zeugungslehren, S. 10f. stützt sich auf indirekte Belege. Die zum Corpus Hippocraticum zählenden Schrift De hebdomadibus (Über die Siebenzahl, um 500 v. Chr.) enthält eine
Parallelisierung von Kosmos und Mensch, die nach Walther Kranz, Kosmos und Mensch in der Vorstellung frühen Griechentums, Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht 1938, S. 156ff. ihren Ursprung in
Persien hatte. In Hebd. VI,1 heißt es, dass dem Rückenmark, Gehirn und Samen des Menschen
(medulla, cerebrum, semen) das „Feuchtwarme in der Erde“ entspricht („quod in terra calidum
humidum“); vgl. Die Siebenzahl, übers. von Franz Lommer, in: Die Werke des Hippokrates. Die hippokratische Schriftensammlung in neuer deutscher Uebersetzung, hg. v. Richard Kapferer, Teil 20,
Stuttgart: Hippokrates-Verlag 1936, S. 87. Lesky bezieht sich nun auf die wahrscheinlichen Verbindungen der knidischen Ärzte (den Autoren von Hebad.) zu den Ärzten von Kroton, um letztere als
Vermittler der kosmologischen Vorstellungen in Betracht zu ziehen.
Lesky, Zeugungslehren, ebd.; dagegen u.a. Schumacher, Antike Medizin, S. 66-69.
® Diogenes Laertios VIII.24ff.=D/K 58 B 1a.
® DIK38 A 12.
® Übersetzung nach VS 8.45 =D/K 59 B 10.
® VS8.24=DIK59 B4.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)die Träger für diese „Panspermie*, wie Aristoteles die Vorstellungen Anaxagoras und
Demokrits in seiner Physik benennt. Zugleich gibt Aristoteles auch den Zusammenhang an, in dem diese Vorstellung steht: die Frage nach dem Urstoff:
„Diejenigen Physiker, die zahllose Elemente annehmen, wie Anaxagoras und
Demokrit, der eine aus den gleichteiligen Substanzen, der andere aus der Allmischung panspermias) der Atome, sagen, daß das Unendliche räumlich zusammenhängt, und der eine von ihnen [Anaxagoras] behauptet, daß jedes beliebige
[StoffjTeilchen eine Mischung sei, ganz derselben Art wie das Ganze, weil er
sieht, daß jedes aus jedem entsteht.
Im Bericht des Aetios beantwortet Demokrit denn auch die Frage nach der „Substanz
des Samens“ damit, dass er „von den ganzen Körpem und von den wichtigsten Körperteilen wie von den Knochen, Fleischarten und Sehnen“ stamme.?®
Lesky folgt der bei Censorin suggerierten kritischen Stellung dieser „atomistischen" Auffassung gegenüber jener Lehre, wie sie in Kroton von den Pythagoreern
und Alkmaion vertreten worden sei. In den hippokratischen Schriften De aere aquis
locis (Über die Umwelt), De genitura (Über den Samen), De natura pueri (Über die
Natur des Kindes) und De morbis IV (Über die Krankheiten, Buch IV) versucht sie
beide Lehren als unterschiedliche historische Schichten zu unterscheiden, und die
vermeintlichen Widersprüche aufzuzeigen, zu denen sie innerhalb der Werke führen.
Im 22. Kapitel der Schrift Über die Umwelt (vermutlich nach 430 v. Chr.?°) wird
das Phänomen der „Eunuchie“ bei skythischen Männern auf ein Heilverfahren zurückgeführt, bei dem — so der Verfasser —,Gelenkschwellungen“ als Folge „ständigen
Reitens“ mit einem Aderlass „hinter den Ohren“ behandelt wurden. „Mir nun scheint
bei diesem Heilwesen der Samen vemichtet zu werden. Es gibt nämlich hinter den
Ohren Adern; wenn man sie anschneidet, werden die so angeschnittenen Männer
zeugungsunfähig."” Hier wird also offenbar das Gehim als Quelle des Samens
vorausgesetzt. Ablesen lässt sich zudem, dass diese Vorstellung mit einem bestimmten Bild des Adernsystems korreliert, wie es ausführlich auch in der Schrift De
natura homines (Über die Natur des Menschen) beschrieben wird. Aristoteles nennt in
seiner Hisloria animalium als Urheber dieser Beschreibung Polybus, den Schüler und
Schwiegersohn des Hippokrates.”' Im Zusammenhang mit der Empfehlung geeigneter Aderlassstellen beschreibt Polybus nun ein Adernpaar, das „vom Kopf an den Oh7 Aristoteles, Physik, 203220f.=VS 8.42=D/K 59 A 45. Übers. nach: Die Vorsokratiker. Die Fragmente
und Quellenberichte, übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Wilhelm Capelle, Berlin: Akademie 1958, S. 264f.
® Aetios V.3,6=VS 9.76=D/K 68 A 141.
Zur Datierung vgl. Wilhelm Capelles Einleitung zu Über die Umwelt, in: Hippokrates. Fünf auserlesene Schriften, eingeleitet u. übertragen v. Wilhelm Capelle, Zürich: Artemis 1955, S. 84-90, 85 sowie
S. 21. Capelle setzt die Wanderjahre des Autors dieser fast schon ethnographischen Schrift kurz vor
dem Peloponnesischen Krieg 431-404 an. Eine umfassende Einleitung zum Corpus Hippocraticum
mit dem Versuch einer Gliederung und Rekonstruktion der Überlieferungsgeschichte: W. H. S. Jones,
„General Introduction“, in: Hippocrates: Selected texts, VIII vols., vol. |, Cambridge, Mass: Univ. Press
1984 (LCL, vol. 147), S. ix-Ix
De ar, XXlI; Übersetzung nach Capelle, Hippokrates, 5. 115f.
3
Aristoteles, Hist. animal. 1.3. Anonymus Londinesis, lafrica, XIX .1f. schreibt weitere Teile der ersten
Kapitel Polybus zu, andere wiederum Hippokrates selbst, ebd. VII.15ff. Die Schrift insgesamt ist jedoch vermutlich „a chance collection of fragments {...] perhaps put togehter bya librarian or bookdealer“, die W. H. S. Jones zwischen 440 und 400 v. Chr. datiert: vgl. W. H. S. Jones, „Introduction“
zu Nature of Man, in: Hippocrates. Selected texts, VI vols., vol. IV, with an english translation by W.
H. S. Jones, Cambridge, Mass: Havard Univ. Press 1992 (LCL, vol. 150), S. xvii.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ren vorbei durch den Hals“ verläuft und „beiderseits der Wirbelsäule an den Lenden
entlang zu den Hoden [...].“ Er führt noch drei weitere Verläufe von Adernpaaren an,
deren Beschreibungen freilich alle beim Kopf einsetzen. Dieses ‚kopflastige’ Adernsystem und die mit ihm verknüpfte „alkmaionische Vorstellung“ vom Gehirn als Quelle
des Samens, wie sie im 22. Kapitel von Über die Umwelt abzulesen sei, stehe nun im
Widerspruch zum 14. Kapitel derselben Schrift, so Lesky. Zur Erklärung der Schädel(ver\form(ung) beim Volk der Makrokephalen, der „Langköpfigen”, verweist dort der
Autor zunächst auf den Brauch, den Schädel Neugeborener hochzubinden. Der so
erzwungene Wuchs sei „im Laufe der Zeit [...] zur Natur geworden.
„Denn“, so heißt es, „der Samen kommt von allen Gegenden des Körpers her;
von den gesunden ein gesunder, von den kranken ein kranker. Wenn nun von
Kahlköpfigen Kahlköpfige abstammen und von Blauäugigen Blauäugige [...], was
hindert dann, daß auch von einem Langköpfigen ein Langköpfiger stammt?"”
Der Autor scheint hier im Sinne der „Pangenesisiehre* zu sprechen. Während er bei
der Betrachtung der Impotenz unter skythischen Männem lediglich auf eine schon
vorhandene Atiologi zurückgegriffen habe, wie sie auch aus der Schrift Über den
Samen bekannt ist”, beziehe er sich bei der Deutung eines ganz anderen, nämlich
des „Vererbungsproblems“ auf die neuere „atomistische“ Vorstellung, so Lesky.” Beides bleibe dabei unverbunden. Anders dagegen in der erwähnten Schrift Über den
Samen, die lain M. Lonie auf etwa 420 v. Chr. datiert und die damit allenfalls ein Jahrzehnt später entstanden sein dürfte als Über die Umwelt® Die Schrift bietet die
ausführlichste Samenlehre innerhalb des hippokratischen Corpus; sie beginnt mit dem
Satz: „Der Samen der Menschen kommt aus der gesamten im Körper befindlichen
Flüssigkeit [...]', und der Autor fährt fort:
„Es verhält sich (mit dem Samen) folgendermaßen. Vom gesamten Körper verlaufen Blutgefäße und Nerven nach dem Geschlechtsteil. Wenn letzterer gerieben, erhitzt und voll wird, befällt ihn eine Art Kitzel und von da aus teilt sich
Lustgefühl und Hitze dem ganzen Körper mit. Während aber der Geschlechtsteil
gerieben wird und der Mensch sich bewegt, wird Flüssigkeit im Körper erhitzt und
zum Zerfließen gebracht. Durch die Bewegung geschüttelt, schäumt sie auf, so
wie auch jede andere Flüssigkeit beim Schütteln aufschäumt. So wird beim Menschen aus der schäumenden Flüssigkeit das Stärkste und Fetteste abgesondert
und gelangt nach dem Rückenmark. Nach diesem verlaufen sie (die Gefäße und
Nerven) nämlich aus dem ganzen Körper. (Die Flüssigkeit) ergießt sich aus dem
Gehirn nach den Lenden, dem ganzen Körper und nach dem Rückenmark; auch
De nat. hom., XI; Übersetzung nach Die Natur (Konstitution) des Menschen, übers. v. Richard Kapferer, in: Kapferer, Werke des Hippokrates, Teil 7, S. 29. Dieses Adernmodell findet sich auch in der
Schrift De ossium natura (Die Natur der Knochen), IX.
De aör, XIV; Übersetzung nach Capelle, Hippokrates, S. 108f.
De gen. Il. Der Zusammenhang von Impotenz und dem Aderlass am Ohr findet sich auch in Delocis
in homine (Die Stellen am Menschen), Ill.
Lesky, Zeugungslehren, S. 15.
lain M. Lonie, The Hippocratic Trealises ‘On Generation‘, ‘On the Nature of Child’, Diseases IV" (Ars
medica, Il. Abt.: Griechisch-lateinische Medizin, Bd. 7), Berlin, New York: de Gruyter 1981, S. 71ff.
Die Datierung von De aßr. durch Capelle ist allerdings sehr vage, so dass das zeitliche Zueinander
der beiden Schriften nicht wirklich bestimmt werden kann.
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)aus ihm heraus verlaufen Gänge, so daß die Flüssigkeit in dasselbe zu- und abfließen kann.
Obwohl auch in Über den Samen die geschilderte Erklärung für die Impotenz bei
skythischen Männern gegeben wird, sei mit der „unbeholfenen Beschreibung“ des
Rückenmarks als einem Depot für den Samen immerhin der Versuch unternommen,
die ältere Vorstellung — das (Kopf-)Ademsystem — mit der Auffassung von der Pangenese des Samens irgendwie zu verknüpfen.” Schuldig bleibt Lesky jedoch eine Erklärung dafür, warum diese „Verknüpfung“, obgleich unausgesprochen, nicht auch in
Über die Umwelt gedanklich vollzogen sein könnte.” Ihre Gegenüberstellung einer
„älteren Ätiologie“ der „Eunuchie“ und einer neueren „atomistischen“ Deutung des
„Vererbungsproblems“, beruht — so lässt sich der Eindruck gewinnen — auf dem Umstand, dass in der ethnographischen Anlage der Schrift Uber die Umwelt die Darstellung einer zusammenhängenden Samen- bzw. Adernlehre überhaupt ausgeblieben
ist.
Die jüngere Forschung und mit ihr die Kritik an Leskys Arbeit hat nun freilich
gezeigt, dass eine Synthese der Samenlehren in der Schrift Über die Umwelt nicht
wegen der Konzeption des Werkes ausgeblieben ist, sondern dass vielmehr die Suche nach einer solchen Verknüpfung von falschen Voraussetzungen ausgeht. Denn
das historische Nacheinander einer „pythagoreisch-krotonianischen“ und einer „atomistischen“ Samenlehre bzw. ihre Unterscheidung als alternative Modelle hat sich als
Irrtum erwiesen. Die Unterstellung einer atomistischen Referenz für die „Pangenesislehre* in den hippokratischen Schriften, und so indirekt der atomistischen Urheberschaft dieser Theorie, beruht letztlich allein auf dem Vergleich der in Aelianus De natura animalium wiedergegebenen Lehrmeinung Demokrits mit dem 20. Kapitel der
Schrift Über das Werden des Kindes, die im Werkzusammenhang steht mit Über den
Samen und dem IV. Buch der Krankheiten, also ebenfalls um 420 v. Chr. entstanden
sein dürften.“ In beiden Textstellen geht es um die Erklärung von Zwillings- bzw.
Mehrfachgeburten. Hermann Diels hatte sie daher miteinander identifiziert und Max
Wellmann“' war ihm darin gefolgt (wobei er allerdings die Ursprünge der „Pangenesislehre“ bei Alkmaion sah). Erna Lesky scheint diese Auffassung stillschweigend übernommen zu haben (sie diskutiert die fraglichen Stellen nicht noch einmal selbst). Diels
hatte jedoch übersehen, dass — wie Jacques Jouanna gezeigt hat — die Erklärungen
im entscheidenden Punkt voneinander abweichen. Während nämlich der referierte
Demokrit Mehrfachgeburten auf mehrere Begattungen zurückführt, spricht der hippoDe gen. I; Übersetzung nach Der Sarnen- Das Werden des Kindes, übers. v. Richard Kapferer, in:
Kapferer, Werke des Hippokrates, Teil 16, S. 20f.
Lesky, Zeugungslehren, S 16.
Vgl. auch Lonie, Hippocratic Trealises, S. 67.
De nat. puer., XX und Aelianus, Nat. animal., XlI=D/K 68 A 151. Die Kapitelzählung für De nat. puer.
weicht hier ab von der Gesamtausgabe der hippokratischen Schriften, die Emile Littr& besorgt hat:
Oeuvres complötes d’Hippocrate, 10 vol., Amsterdam: Hakkert, 1961-1962 (zuerst Paris 1839-1861).
Littr& behandelte die drei Schriften als zusammenhängendes Werk und zählte die Kapitel — beginnend mit De genif. (1-11) über De nat. puer. (12-31) zu De morb. IV (32-57) — durchlaufend. Ich folge
hier der Zählung bei Kapferer, Der Samen - Das Werden des Kindes bzw. Lonie, Hippocratic
Treatises. Zur Einheit der Textgruppe De genit., De nat. puer., De morb. IV zuletzt Lonie, Hippocratic
Treatises, 5. 43-51. Die Samenlehre der Textgruppe findet sich außerdem in De morbo sacro (Über
die heilige Krankheii, Il.
Max Wellmann, „Spuren Demokrits von Abdera im Corpus Hippocraticum*, in: Archeion 11 (1929), S.
297-330, 305.
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)kratische Autor nur von einem Zeugungsakt.”” Zwar sind die strukturellen Ähnlichkeiten dieses und der bereits angeführten Demokrit-Berichte mit den hippokratischen
Lehrmeinungen augenfällig, doch ein „atomistischer Ursprung“ der „Pangenesislehre“
ist damit nicht begründet. So ist es schließlich auch nicht notwendig, den CensorinBericht für Alkmaion gegenüber dem Aetios-Referat zu korrigieren“, denn die Auffassung, die sich aus beiden Überlieferungen ergibt, ist — wie Max Wellmann bereits
festgestellt hatte — durchaus konsistent: Die „Samenflüssigkeit [ist] ein Teil des Gehims, der beim Vollzug des Zeugungsaktes Zufluss von Mark, Fleisch und Fett, d.h.
also vom ganzen Körper erhält.“
Die hippokratischen Autoren waren also in diesem Falle keine Eklektiker verschiedener Lehren, sondem konnten auf eine zusammenhängende Samentheorie
zurückgreifen, — die zudem Plausibilität gewann in Verbindung mit der wichtigsten
Grundlage der hippokratischen Medizin: der Flüssigkeitslehre.”” Ebenso wie die
Verdauungssäfte sich im gesamten Körper verteilen, zum Gehirn aufsteigen und von
dort wieder ablaufen, fließt auch der Samen, als ein Produkt der Säfte, aus dem Körper zusammen und steigt aufgrund der Erwärmung beim Zeugungsakt ins Gehim.
Dort wird er konzentriert (worauf man von seiner Farbe und gallertartigen Konsistenz
schloss) und fließt anschließend wieder über das Rückenmark zu den Hoden. Im
Hintergrund dieser Vorstellung vom Fluss der Körpersäfte stand nicht zuletzt auch die
meteorologische Deutung der Verdunstung: Bei Hitze steigt das Wasser als Dampf
auf, wird in der kühleren Wolkengegend verdichtet und fällt als Regen wieder hinab.
Somit fügt sich zuletzt auch ein Wissensbestand der ionischen Naturphilosophie in
den Zusammenhang der Samenlehre.“®
3. Die Natur des prothetischen Körpers: Zur Geschlechterlehre in den Fragmenten der Vorsokratiker und im Corpus Hippocraticum
Es ist auffällig und zugleich begründet, dass in den dargestellten antiken Äußerungen
die Herkunft des Zeugungsstoffes niemals an ein Geschlechtsorgan gebunden wurde.
Auf diesem Weg wäre entweder der männliche oder der weibliche Körper von der
Samenproduktion ausgeschlossen worden. Unter der Voraussetzung aber, dass der
Samen allein Funktionsträger der Zeugung ist, wäre die Konsequenz dieses Ausschlusses gewesen, dass das betreffende Geschlecht (hier zunächst als Träger eines
der an der Zeugung beteiligten Sexus) schlichtweg nicht zeugen kann. Dann jedoch
hätte man zur Erklärung für die Tatsache, dass dieses Geschlecht sich dennoch fortpflanzt, Faktoren (er)finden müssen, die neben dem Samen auf die Zeugung Einfluss
@ Jacques Jouanna, „La naissance de la science de l'nomme chez les me&decins et les savants de
tl'epoque d’Hippocarte: problames de m&thode*, in: Tratados Hipocräticos. Estudios acerca de su
Contenido, Forma e Influencia. Aclas del VIl. Colloque International Hippocratique, Madrid, 24-29
de
septembre de 1990, S. 91-111, 105; vgl. auch Antoine Thivel, „Die Zeugungslehren bei Hippokrates
und den Vorsokratikern“, in: Hippokraltische Medizin und antike Philosophie. Verhandlungen des VIll.
Internationalen Hippokrates-Kollogquiums in Kloster Banz/Staffelstein, 23.-28. Sept. 1993, hg. v.
Renate Wittern u. Pierre Pellegrin (=Medizin der Antike, Bd. 1), Olms: Weidmann 1996, $. 3-13, 6.
Diese Notwendigkeit betont Erna Lesky, „Alkmaion bei Aetios und Censorin“, in: Hermes 80 (1952),
S. 249-255, 255 noch einmal ausdrücklich.
# Wellman, "Alkmaion”, S. 65.
Ausführlich dargelegt in De nat. hom., IV-VIl; vgl. auch De morb. IV, I.
In De nat. hom., VII wird nicht nur eine meteorologische Analogie gebraucht, sondern ein direkter
Zusammenhang zwischen dem Wechsel der Jahreszeiten und der Zu- bzw. Abnahme der Säfte im
Körper beschrieben.
Page 11
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nehmen. Tatsächlich hat man diese Faktoren ins Spiel gebracht. Jedoch mussten die
Antworten auch auf jene zweite Frage der antiken Zeugungslehre: wie das Geschlecht entsteht, zunächst beim Samen als dem stofflichen Träger der Fortpflanzung
ansetzen. Unter dieser Voraussetzung war die Annahme eines männlichen und weiblichen Samens nahe liegend.” Mit ihr ließ sich erklären, wie beide Geschlechter sich
fortpflanzen. Diese Zweisamentheorie ist für einen Großteil der vorsokratischen Autoren überliefert und gehörte fest zur Lehrmeinung der hippokratischen Ärzte. Thomas
Laqueur knüpfte hieran seine These vom „ein-geschlechtlichen Leib“, wie ihn die medizinischen und philosophischen (d.h. in diesem Falle aristotelischen) Texte vorausgesetzt hätten: Demnach bildeten der männliche und der weibliche Körper nur graduell verschiedene Ausprägungen des „einen Fleisch“ bzw. der einen Physis; es kam in
der Antike noch nicht zur Ontologisierung zweier biologischer Geschlechter bzw. Sexus, die den Leibin zwei Hälften auseinander fallen ließ.” Es wird hier- durchausim
Sinne Laqueurs — zu zeigen sein, wie dennoch auf diesen Leib geschlechtsspezifische Differenzierung eingetragen und damit die männliche wie weibliche Körperlichkeit umgeschrieben wurde. Dabei zeigt sich freilich, dass zwar keine zwei Naturen,
wohl aber eine stark dualistische Natur des Körpers hervortrat. So wurden - wie erwähnt — neben der Zweisamentheorie sekundäre Faktoren“? für die Entstehung des
Geschlechts mitverantwortlich gemacht, und schließlich nahm man auchin der Frage
der Zeugungsleistung eine geschlechtsspezifische und damit gewissermaßen primäre, genauer: ‚natürliche’ Differenz an. Das setzte freilich bereits eine andere Deutung des Zeugungsvorgangs voraus, die nicht mehr ausschließlich an einen Samenmechanismus gebunden war. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn Censorin
berichtet:
„Aber auch folgendes Problem löst bei den Fachschriftstellern widersprüchliche
Theorien aus: ob nämlich das Neugeborene nur aus dem Samen des Vaters gezeugt ist, wie Diogenes, Hippon und die Stoiker schrieben, oder auch aus dem
der Mutter, wie Anaxagoras und Alkmaion, aber auch Parmenides, Empedokles
und Epikur für richtig hielten.”
Dass Parmenides Samen bei beiden Geschlechter annahm, geht aus einem für ihn
bezeugten Lehrgedicht-Fragment hervor, dass der spätantike Arzt Caelius Aurelius in
seiner De morbis chronici aus dem Werk des Gynäkologen Soranus von Ephesos (2.
Jh. v. Chr.) überliefert hat:
„Wenn Frau und Mann zusammen die Keime der Liebe mischen, formt die Kraft,
die diese in den Adern aus verschiedenem Blut bildet, wohlgebaute Körper, wenn
sie nur die Mischung bewahrt. Denn wenn die Kräfte, nach denen der Samen
vermischt worden ist, einander bekämpfen und keine Einheit bilden, werden sie,
7 \gl. Wolfgang Gerlach, „Das Problem des ‚weiblichen Samens’ in der antiken und mittelalterlichen
Medizin, in: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften 30 (1938), S.
177-193; Lesky, Zeugungslehren, S. 24f., 81f., Lloyd, Science, Folklore and Ideology, u.a. S. 107;
Lesiey Dean-Jones, Women's Body in Classical Greek Science, Oxford: Clarendon Press 1994, S.
149f.; Maria Michaele Sassi, The Science of Man in Ancient Greece, Chicago: Univ. Press 2001, S.
85.
Laqueur, Auf den Leib geschrieben, S. 39, 44.
Vgl. zur Bedeutung von “external sexual characteristics” auch Lesiey Dean-Jones, "The Cultural
Construction of the Female Body in Classical Greece Science”, in: Sarah B. Pomeroy (Eds.),
Women's History and Ancient History, Chapel Hill: Univ. of North Carolina Press 1991, S. 111-137,
Censorin, De die nat., V.4; Übersetzung nach Stallmann, De die natali.
Page 12
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)indem der Samen zweifach bleibt, schrecklich das entstehende Geschlecht schädigen.
Hier wird zugleich hingewiesen auf den Erklärungsansatz für das Zustandekommen
des Geschlechts beim Kind: Die Samen treten in einen Wettkampf ein, an dessen
Ende der männliche oder der weibliche Samen unterliegt und ein stabiler Zustand im
‚siegreichen’ Geschlecht erreicht wird. Kommt es dazu nicht, bleibt das Geschlecht
des Kindes „zweifach“ und „schrecklich geschädigt‘. Dieser agonale Mechanismus
findet sich bereits bei Alkmaion von Kroton. „Daß sich das Geschlecht des Eltemteils
durchsetzt, dessen Samenmenge größer was, behauptete Alkmaion“, so Censorin.”?
Allein die Samenmenge bestimmt demnach das Geschlecht der Nachkommen. Dieses Denken in quantitativen Verhältnissen und in Gegensätzen wurde ein Grundzug
auch der medizinischen Schriften des Corpus Hippocraticum. Krankheit deuteten die
Ärzte wesentlich als Dyskrasie: als schlechte Mischung der Körpersäfte und Unausgewogenheit der Temperatur (im Gegensatz zur Eukrasie: dem gesunden Verhältnis).
Vor diesem Hintergrund findet sich die Zweisamentheorie und die Vorstellung von
einem Agon der Samen um das Geschlecht des Kindes in der Schrift Über den Samen zu einem komplexen System ausformuliert, das
- anders als die bislang angeführten Zeugnisse— im Zusammenhang überliefert wurde$° undin Ansätzen sogar die
gekreuztgeschlechtliche Ähnlichkeit zu erklären versucht:
„Es gibt aber auch folgendes. Der von dem Weib entleerte Samen ist bald stärkerer, bald schwächerer Samen), und der von dem Mann ebenso; auch ist sowohl
der weibliche wie der männliche Samen im Mann, und im Weib ebenso. Der
männliche ist aber stärker als der weibliche. (Das Werden) muß danach von dem
stärkeren (Samen) kommen. Es gibt aber auch folgendes: Wenn von beiden der
stärkere Samen kommt, entsteht ein männliches (Wesen), wenn aber der schwächere, dann ein weibliches. Das, was von beiden an Menge überwiegt, das entsteht auch.
Somit hat sowohl der Samen des Mannes als auch derjenige der Frau eine sexuelle
Bipotenz. Der Autor glaubt einen Beweis anführen zu können:
„Viele Frauen haben nämlich schon im Umgang mit ihren eigenen Männern (nur)
Mädchen geboren. Wenn sie aber zu anderen Männern gingen, gebaren sie Knaben. Und jene selben Männer, denen ihre Frauen (nur) Mädchen geboren haben,
zeugten, wenn sie mit anderen Frauen verkehrten, männliche Nachkommenschaft.
Auch dafür, dass dieselben Partner Kinder von verschiedenem Geschlecht zeugen
können, gibt der Autor eine Erklärung: Die Konstitution des Samens sei nicht konstant. Es lässt sich vermuten, dass hier — wie in der Schrift Über die Umwelt”
- die
®' Caelius Aurelianus, Morb. chron. IV 9=D/K 28 B 18; Übersetzung nach VS 5.30;, 134f. vgl. auch die
etwas abweichende Textwiedergabe und Übertragung in Caslius Aurelianus, Akute Krankheiten,
Buch I-Ill. Chronische Krankheiten, Buch I-V, hg. v. Gerhard Bendz, übers. v. Ingeborg Pape, Teil 2:
Chronische Krankheiten Ill-V, Berlin: Akademie-Verl. 1993 (Corpus Medicorum Latinorum, Bd. VI,1),
S. 850, 851.
Censorin, De die nat. VI. 4; Übersetzung nach Stallmann, De die natali.
Vgl. Gerlach, „Problem des ‚weiblichen Samens", S. 180-182; Lesky, Zeugungsiehren, S. 81-92;
Lonie, Hippocratic Trealises, S. 43f.
De genit., VI; Übersetzung nach Kapferer, Über den Samen, S. 24.
De genit., VII, Übersetzung nach ebd., S. 25.
® De aör., XXlN.
Page 13
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Samenbildung von äußeren Faktoren, besonders von der Jahreszeit abhängig gemacht wurde. Die Herkunft des Samens aus dem gesamten Körper, die — wie im vorgegangenen Kapitel dargelegt — gerade in der knidischen Schriftgruppe formuliert
wurde, führte in Über den Samen zur Auffassung, dass der Samen in jene Körperregionen des Kindes hineinwirkt, aus denen er beim Elternteil entstammte. Dadurch
ergibt sich die Möglichkeit einer gewissermaßen anatomisch differenzierten gekreuztund gleichgeschlechtlichen Ähnlichkeit zwischen Kind und Eltern:
„An dem Körperteil, wo vom Mann mehr als von dem entsprechenden Teil der
Frau in den Samen übergeht, ähnelt (das Kind) mehr dem Vater. An jenem Teil
aber, von dem mehr aus dem Körper des Weibes (in den Samen übergeht), ähnelt es mehr der Mutter. Es ist aber nicht möglich, daß (das Kind) in allem der
Mutter ähnlich ist, dagegen dem Vater in nichts, oder das Gegenteil davon, auch
nicht, daß es keinem der beiden (Eltern) in etwas ähnelt, sondern es muß in irgendeiner Beziehung beiden ähneln, weil ja der Samen aus dem Körper von beiden auf das Kind übergeht.“
Im Bericht, den der Aristoteles-Kommentator Simplikios über den bei Censorin erwähnten Anaxagoras gibt, wird die im archaischen Urstoffdenken wurzelnde Grundvorstellung deutlich, die der hippokratische Autor hier mitschreibt. Simplikios berichtet,
dass „Anaxagoras der Meinung ist, aus der einen Mischung würden der Zahl nach
unendlich [viele] aus Gleichteiligem Gebildete ausgesondert — in jedem sei alles enthalten, und der Charakter des Einzelnen werde vom Überwiegenden bestimmt [...]'*
Die Ähnlichkeit dieser Lehre sowie der Auffassung der hippokratischen Ärzte zur
Lehre des Demokrits wurde bereits erwähnt. Sie bestätigt sich erneut, wenn Aristoteles berichtet: „Demokrit aus Abdera sagt, der Unterschied von Weiblich und Männlich
entstehe in der Gebärmutter, aber nicht durch Wärme bzw. Kälte würde dieses weiblich und jenes männlich, sondern [das geschehe] je nachdem der Samenfanteil], der
aus dem Teil kommt, wodurch das Männliche und das Weibliche sich unterscheidet,
sich durchsetzt: entweder des einen [Elternteils] oder des anderen.“
Aristoteles gibt hier zudem den Hinweis auf einen jener Faktoren, die - in seiner Formulierung — von seinen Vorgängern für den Geschlechterentscheid eingesetzt,
aber nicht mehr an den Samen selbst gebunden wurden. Diese Faktoren eröffneten
eine neue Frage, in deren Zusammenhang denn auch der Hinweis bei Aristoteles
steht: Die Frage, ob die Geschlechtsbildung progam, d.h. allein durch den Samen
vorgegeben ist oder ob sie sich metagam, also erst im Uterus vollzieht. Aristoteles
Äußerung bezieht sich hier in erster Linie auf Empedokles (ca. 490 — 430)°', der die
Zweisamentheorie vertrat®”, aber die Geschlechtsdifferenzierung von der Temperatur
des Uterus abhängig gemacht habe: „Die Samen nänmlich, die in einen warmen Uterus
De genit., Vill. Übersetzung nach Kapferer, Über den Samen, 5. 25f.
Simplikios, In Aristotelis Physicorum libros, 155.23f.=D/K 59 B 1; Übersetzung nach VS 8.21.
Aristoteles, Gen. an. 764a7f.=D/K 68 A 143; Übersetzung nach VS 7.118. Für Aristoteles Referat
spricht auch ein Fragment aus dem Lehrgedicht des Empedokles ‚Über die Natur’ in D/K 31 B 65=VS
7.113
® Aristoteles, Gen. an., 763b27f.
Zu Empedokles’' Lebensdaten vgl. Eisler, Philosophen-Lexikon, S. 396-399, DNP
3 (1997), Sp. 1011-
1015.
Aristoteles, Gen. an., 722b12 berichtet von Empedokles: „Jedoch die Glieder sind zweifachen
Ursprungs: Zum einen liegt er in des Mannes, [zum anderen in des Weibes Samen]*. Übersetzung
nach VS. 7.110.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)kommen, werden männlich, die, welche in einen Kalten, weiblich; Ursache von
Wärme und Kälte sei der Fluß des Menstrualblutes, ja nachdem dieser kälter bzw.
wärmer, oder älter bzw. frischer sei.““ Der Zusammenhang dieser Auffassung mit der
übrigen Lehre des Empedokles ist offensichtlich. Der menschliche Körper ist für ihn
eine harmonische Mischung der vier Elemente‘, und das Feuer ist unter ihnen privilegiert als Voraussetzung für Wachstum und Leben überhaupt.°° So erscheint schließlich das männliche Geschlecht, das nach Empedokles aus dem warmen Uterus
kommt und in einer mythischen Zeit vor der geschlechtlichen Fortpflanzung aus den
wärmeren Regionen der Erde gewachsen sei”, als ‚lebendiger‘, als eine höhere Stufe
der Entwicklung. Das weibliche Geschlecht erscheint dementsprechend als weniger
entwickelt, als imperfekt.‘” Die Zweisamentheorie bedeutete demnach nicht
zwangsläufig, dass eine biologische Parität der Geschlechter unterstellt wurde.°® Bei
Empedokles zeigt sich vielmehr, wie die rein mechanistische Auffassung der Geschlechterbildung unterlaufen werden konnte, ndem eine vorausgesetzte sexuelle
Polarität zunächst in eine möglichst allgemeine Differenz (hier der Wärme/Kälte)
überschrieben und dann dieser Eintrag gewissermaßen naturalisiert wurde. Schließlich knüpfte man daran eine Beurteilung, die ihre Geltung als Beschreibung eines
vermeintlich natürlichen Zusammenhangs behauptete. Die Attribute — kalt/iwarm waren dabei auf eine Natur des Körpers gerichtet und insofern bleibt die These
Laqueurs bestehen, doch brachten sie zugleich einen Gegensatz zum Ausdruck, der
in der Natur eines einzelnen Körpers gelöst sein musste und allenfalls zum Preis der
Intersexualität bestehen bleiben konnte.
Die dargelegten Schritte der Überschreibung bzw. prothetischen Neuschöpfung der Sexus lassen sich nur künstlich trennen und hren Anfang wird man kaum
bestimmen können.° Demnach kann man auch kaum von einer ‚biologistischen
Strategie’ reden, mit der die soziale Geschlechterordnung alimentiert worden wäre.
Eher handelt es sich um einen Rahmen oder um das Dispositiv des zeitgenössischen
Diskurses über die Entstehung und das Verhältnis der Geschlechter. Dieses Disposi-
Ba
8 8
tiv wurde zur ‚Natur' selbst und so fallen die Erklärungen für die Entstehung der Geschlechter mit den immer schon wirksamen Geschlechterimaginationen zusammen;
sie erweisen sich als Projektionen oder Spiegelungen. Dennoch wiederholt sich jedes
Mal aufs neue der Akt der Überschreibung und Naturalisierung. In welche Oppositionen dabei die vorausgesetzte Geschlechterdifferenz überführt wurde, variierte durchaus. Die \erknüpfungen konnten sogar vertauscht werden und um andere GegenAristoteles, Gen. an., 764a1f.=D/K 31 A 81; Übersetzung nach VS 7.112.
Vgl. Aetios V 22,1=D/K 1 A 78=VS 7.83,
Vgl. D/K 41 A 77; DIK 31 A 70=VS 7.95; hierzu Schumacher, Antike Medizin, S. 113f.
Überliefert von Aetios V 7, 1=D/K 31 A 81: „Empedokles sagt, daß Männchen und Weibchen
aufgrund von Wärme und Kälte entstehen; deshalb beschreibt er, wie die ersten Männchen eher nach
Osten und Süden zu aus der Erde entstanden sind und die [ersten] Weibchen nach Norden zu.“
Ei
Übersetzung nach VS 7.102.
Hierzu auch Laqueur, Auf den Leib geschrieben, S. 49.
Vgl. Sassi, Science of Man, S. 86f.
Vgl. u.a. Geffrey E. R. Lloyd, „The Hot and the Cold, the Dry and the Wet in Greek Philosophy‘, in:
Journal of Hellenic Studies 84 (1964), S. 92-106; zu einigen mythischen Geschlechterherleitungen,
auf die hier nicht eingegangen werden kann vgl. Fridolf Kudlien, „Zur Erforschung archaischgriechischer ‚Zeugungslehren”, in: Medizinhistorisches Journal 16 (1981), S. 323-339; Burkhard
Gladigow, „Zwei frühe Zeugungsiehren? Zu [g6nu], [g6nus] und [g6nos]", in: Rheinisches Museum für
Philologie, N. F. 111 (1968), S.357-374.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)sätze ergänzt; das Repertoire hierfür war reichhaltig. Die sog. Pythagoreische Gegensatztafel etwa überliefert zehn „Prinzipen“, wie sie nach Aristoteles die ältere Schule
aufgestellt habe: „Grenze-Unbegrenztes; Ungerades-Gerades; Eins-Menge; RechtsLinks; Männliches-Weibliches; Ruhendes-Bewegendes; Gerades-Krummes; Licht-
Finsternis: Gutes-Böses; Quadrat-Ungleichseitiges Viereck“’ Die Auflistung selbst
macht bereits deutlich, in welches weitere Gegensatzpaar der Körper überschrieben
wurde: Die Verknüpfung des männlichen Geschlechts mit der rechten Körperseite und
des weiblichen Geschlechts mit der linken scheint wie die ‚Wärmelehre’ zum Sediment der antiken Vorstellungen zu gehören, und die Gegensatztafel der Pythagoreer
macht es wahrscheinlich, dass beide Oppositionen (sowie weitere Gegensatzpaare)
früh miteinander verknüpft wurden.’
Censorin hatte zur Frage nach der Herkunft des Samens angegeben, dass
Parmenides geglaubt habe, er komme aus der rechten und aus der linken Körperhälfte (Kap. 2). Offensichtlich hat der Doxograph an dieser Stelle die Auffassung des
Eleaten falsch rubriziert.”” Denn wie die ‚Wärmelehre' diente die geschlechtsspezifische Deutung der Körperseiten zur Erklärung der Geschlechtsbildung und der Geschlechterdifferenz. Galen überliefert in seinem Kommentar zu den Epidemien des
Corpus Hippocraticum ein Fragment des Parmenides: „Auf der rechten Seite die Knaben, auf der linken die Mädchen".”® Im Zusammenhang des Kommentars wird deutlich, dass die Seiten des Uterus gemeint sind, die somit — wie im Falle des Empedokles die Temperatur — für die metagame Geschlechtsbildung verantwortlich gemacht
werden. Aetios berichtet zudem, dass Parmenides die Männer „im Norden“ entstehen
lässt, wegen ihres größeren Anteils am „Dichten“; die Frauen dagegen im Süden,
„wegen ihres zarten Gewebes“.’* Aristoteles schließlich verknüpft diese Unterscheidung in De partibus animalium mit einer ‚Wärmelehre’, denn „Parmenides sagt, die
Frauen seien wärmer als die Männer.”’® Demnach hat Parmenides die Geschlechter
anders in die Temperaturopposition eingetragen als es Empedokles tat. Es wurde
jedoch bereits deutlich, dass die einzelne Verknüpfung kaum von Bedeutung war angesichts der Funktion der Überschreibung: nämlich eine Natur der Geschlechterdifferenz zu (erfinden, die die Zweisamentheorie, die Censorin auch für Parmenides belegt (s.o.)”*, unterläuft. Bei Parmenides ergibt sich — wie die Überlieferung zeigte —
® Aristoteles, Metaphysik, 985b23ff.; Übersetzung nach VS 3.31.
rn
Vgi. (auch zur Pythagoreischen Gegensatztafel) Geffrey E. R. Lloyd, „Right and Left in Greek
Philosophy“, in: The Journal of Hellenic Studies 82 (1962), 56-66, 59; Blersch, Sexus im antiken
Denken, S. 42; Dean-Jones, Women's Body, S. 44f., Sassi, Science of Man, S. 9Y1f. Lesky,
Zeugungstheorien, S. 4if. versucht eine historische Trennung der beiden ‚Lehren’ und beruft sich
dabei auf Aristoteles, Gen. an., 765a8f.; dagegen Thivel, „Zeugungslehren“, S. 12f.
Vgl. auch Lesky, Zeugungslehren, S. 44.
” Galen, Epid. Vi 48, XVil A=DIK 28 B 17; Übersetzung nach VS 5.29.
7 Aetios V 7,2=D/K 28 A 53.
5 Aristoteles, Part. an. 648a29f.=D/K 28 A 52; Übersetzung nach VS 5.28.
Vgl. auch Owen Kember, “Right and Left in Sexual Theories of Parmenides”, in: The Journal of
Hellenic Studies 91 (1971), S. 70-79; Geffrey E. R. Lloyd, “*Parmenides' Sexual Theories. A reply to
Mr Kember”, in: The Journal of Hellenic Studies 92 (1972), S. 178-179. Die Berichte zur Zweisamentheorie des Parmenides führen freilich zu Schwierigkeiten. Censorin, de die nat. N.5 legtauch
für Parmenides die Annahme eines Wettstreits der Samen nahe. Aetios V 1, 2=D/K 28 A 54;
Übersetzung nach Lesky, Zeugungslehren, S. 44 gibt einen Anhaltspunkt dafür, dass Parmenides die
beiden Samen mit unterschiedlicher Zeugungsleistung ausstattete: „Parmenides erklärt, wenn von
der rechten Seite des Uterus der Samen abgeschieden würde, entstünden den Vätern (ähnliche
Kinder), wenn er aber von der linken Seite abgeschieden würde), den Müttern ähnliche.‘ Der Samen
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)mithin eine ganze Verkettung gegensätzlicher Charakteristika, die nicht zuletzt im
dualistischen Grundzug seiner Kosmogonie wurzelt. Während er das Sein „als ein
selbes und im selben verharrend“, „ohne Anfang, ohne Aufhören“’” beschrieben hatte,
führte er zur Erklärung der Vielgestaltigkeit der einzelnen Dinge die dynameis (Kräfte)
Licht und Nacht ein”®, aus deren Mischung alles sich bilde. In diese Grundkonstellation wurden schließlich auch die Geschlechter eingetragen.
Auch bei Anaxagoras wird die Erklärung der Geschlechtsbildung durch die
Einführung einer Geschlechtsspezifik der Körperseiten geleistet. „Und Männer entstünden“, so referiert Hippolytos, „wenn der aus den rechtsliegenden Teilen abgesonderte Samen an den rechten Teilen der Gebärmutter haften bleibe, Weibchen, wenn
das Umgekehrte der Fall sei.’® Bei Alkmaion von Kroton ist es der Samen selbst, der
mit einer Qualität belegt wird. Sie entscheidet zwar nicht über die Geschlechtsbildung,
jedoch über die Zeugungsfähigkeit, wenn die Sterilität männlicher Maulesel auf die
„Dünnheit und Kälte ihres Samens“ zurückgeführt wird.° Von da ist es ein kleiner
Schritt zur Behauptung des jüngeren Hippon, „Männliches und Weibliches entstehe je
nachdem der Samen dicht und stark oder dünnflüssig und schwächer sei.“ Mit der
Umlage der Samenqualität auf das Problem der Geschlechtsbildung und die Einführung eines neuen Kriteriums („stark“ / „schwach“) wird abermals ein, wenn man so
will: natürliches Geschlechtergefälle installiert. Und berücksichtigt man den Zusammenhang, in dem Alkmaion die Samenqualität behandelte, ist bei Hippon zugleich ein
Urteil über die generelle Zeugungsfähigkeit des männlichen und weiblichen Körpers
angelegt.
Die Samenqualität des Hippon findet sich nun auch in den Schriften des
Corpus Hippocraticum: „Der männliche [Samen] ist aber stärker als der weibliche“,
hieß es in der bereits angeführten Textpassage aus Über den Samen. Auch hier also
wurde die Vorstellung eines an die Samenquantität gebundenen Mechanismus der
Geschlechtsbildung durch eine geschlechtsspezifische Attribution des Samens gebrochen. Dass Galen in seinem Kommentar zu den hippokratischen Büchern der Epidemien auf Parmenides verweist (s.o.), macht zudem deutlich, dass auch hier die Lehre
von den geschlechtsspezifischen Körperseiten zu finden ist. So wird im Il. Buch der
Epidemien berichtet, dass die rechte Brust und das rechte Auge stärker sei und Männer sich auf ebendieser Seite entwickelten.°? Der Zusammenhang wird deutlicher an
einer Stelle aus den Aphorismen: „When a woman is pregnant with twins, should
des weiblichen Körpers erscheint hier nicht geschlechtsbestimmend, sondern allein verantwortlich für
das Zustandekommen entweder einer gleich- oder einer gekreuztgeschlechtlichen Ähnlichkeit.
Geschlechtsbestimmend ist allein der Samen des Mannes. Diese Auffassung scheint nicht in
Übereinstimmung zu bringen mit der von Galen referierten Auffassung des Parmenides, dass die
Uterusseite das Geschlecht bestimmt. Lesky, Zeugungslehren, S. 45 hält das bei Censorin und
Astios dargestellte System daher für eine spätere Schöpfung, die mit Parmenides Namen verbunden
wurde.
So im großen Lehrgedicht-Fragment bei Simplikios, Phys.=D/K 28 B 10; Übersetzung nach VS 5. 11.
Simplikios, Phys.=D/K 28 8 9. Vgl. auch Enrico Berti, „Parmenides*, in: Lioyd, Wissen der Griechen,
S. 608-617.
Hippolytos, Haer. I 8, 12=D/K 59 A 42; Übersetzung nach VS 8.60; vgl. auh Aristoteles, Gen. an.,
763b30f.
© Aetios V.14=D/K 24 B3,
Aetios V. 7,3=D/K 38 A 14; Übersetzung nach Lesky, Zeugungsiehren, S. 27; vgl auch Censorin, de
die nat. V.4
®@ Epid. I,V,136.
Page 17
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)either breast become thin, she loses one child. If the right breast become thin, she
loses the male; if the left, the female.” Ann Ellis Hanson hat freilich deutlich gemacht, dass diese Äußerungen keine Vorstellung von der Geschlechtsbildung wiedergeben, sondern lediglich Versuche einer Prognostik darstellen, die nicht im Widerspruch stehen müssen zum Modell des Wettstreits der Samen.“ Erst Galen selbst hat
die Rechts-Links-Unterscheidung, wie er sie im hippokratischen Schriftcorpus vorfand,
in ein System geschlechtlicher Determinierung überführt. Allerdings knüpft sich
zwangsläufig an die Prognostik die Möglichkeit medizinischer Intervention, wie sie
denn auch in De superfetatione (Über die Überschwängerung) beschrieben wird: Dort
soll der Mann den linken Hoden abbinden, wenn er einen Jungen zeugen will.°° Es ist
also wiederum nur ein kleiner Schritt zur Einsetzung einer allgemeinen Opposition als
Ursache der Geschlechtsbildung. Darüber hinaus deutet sich an, dass es der Samen
des männlichen Körpers ist, der geschlechtsbestimmend wirkt. Dieses Geschlechtergefälle bei der Zeugungsleistung scheint in der Grundvorstellung selbst jener Ärzte
angelegt gewesen zu sein, die in ihren Schriften nicht die beiden zentralen Fragen der
Zeugungstheorien behandelten, sondern allgemein nosologische Beschreibungen
gaben oder eine praktische Gynäkologie verfolgten. In diesem engeren medizinischen
Zusammenhang erschien das Gefälle als wesentliches Merkmal der natürlichen Konstitution der Körper. Vor diesem Hintergrund wurde etwa die Gesundheit der Frau an
ihre vermeintlich natürliche Anlage zur Reproduktion gebunden (wobei eine medizinische Absicht in dem Versuch lag, den Monatsfluss durch Schwangerschaft zu regulieren).°® Der weibliche Körper erscheint somit erneut als imperfekt: als buchstäblich
‚unerfüll' ohne Schwangerschaft, zu der nur der Mann, der andere Körper, verhelfen
konnte. Selbst im kaum ‚theoretischen’ Schrifttum wurde eine "cultural assumption
that the female body was inherently inferior to that of the male” eingelöst.’” Auch
wenn dem Wettstreit des Samens eine wesentliche Funktion zukam, scheint allein
schon der Sprachgebrauch die Grenzen der Vorstellung einer gleichen Zeugungsleistung beider Geschlechter zu markieren. Die Identifizierung des Zeugenden mit
dem Nann hat einen grammatischen Niederschlag gefunden: Das Verb zu t&knosis
® Aph., V, XXXVill; Übersetzung nach Aphorsims, in: Hippocrates. Selected texts, VIII vols., vol. IV,
with an english translation by W. H. S. Jones, Cambridge, Mass.: Harvard Univ. Press 1992, S. 167.
1:22
Vgl. auch zum weitern Ann Ellis Hanson, *Conception, Gestation, and the Origin of Female Nature in
the Corpus Hippocraticum”, in: Documenting Gender: Woman and Men in Non-Literary Classical
Texts, ed. by David Konstan, Lubbock, Texas: Texas Tech Univ. Press 1993=Helios 19 (1993), S. 31-
71,448.
8
Superf., RAI.
Ann Ellis Hanson, "The Medical Writers Woman”, in: David M. Halperin, John J. Winkler, Froma I.
Zeitlin (Ed.), Before Sexuality: The Construction of Erotic Experience in the Ancient Greek World,
Princeton, NJ: Univ. Press 1990, S. 309-337, 320; zum gynäkologischen Werk im Corpus
Hippocraticum vgl. ausführlich dies., “Continuioty and Change: Three Case Studies in Hippocratic
Gynaecological Therapy and Theory”, in: Pomeroy, Women's History, S. 73-110; vgl. auch Helen
King, “Bound to Bleed': Artemis and Greek Woman”, in: Averil Cameron and Amelia Kurth (Eds.),
Images of Woman in Antiquity, London: Routledge 1983, S. 109-127; dies., "Sacrificial Blood: The
Role of the Amnion in Ancient Gynaecology”, in: Helios 13 (1987), S. 117-126; Dean-Jones,
Women’s Body, S. 131-136, insb. 136 gegen eine zu starke Verallgemeinerung, dass alle Ärzte die
Therapie von Erkrankungen bei Frauen an Schwangerschaft bzw. den Verkehr mit Männern
gebunden hätten: aber auch sie betont die „frequency with wich illness attributed to a variety of
causes in men are traced to a breakdown in the reproductive mechanism in woman.“
Dean-Jones, "The Cultural Construction”, S. 114; vgl. zur latenten ‚Rhetorik’ dieser Konstruktion
Helen King, Hippocrates' Woman: Reading the fomale Body in Ancient Greece, London: Routiedge
Page 18
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)(im Sinne von Kindermachen) ist in seiner grammatisch aktiven Form teknoun (zeugen) dem Mann zugeordnet, während das Medium bzw. die Passivform teknousthai
das Gebären durch die Frau bezeichnet.°®
4. Aphrodite, die Schaumgeborene: Die jüngere Samenlehre
In den im 3. Kapitel dargestellten Samenlehren war das Gehim als kühle Region und
Ort der Veredelung des Samens erschienen, das seinen Platz als „Hegemonikon“ des
Körpers (wie die Stoiker später sagen werden) vom Adernsystem des Polybos zugewiesen bekam und diese privilegierte Stellung schon in der Lehre des Alkmaion eingenommen hatte — ohne dass damit ein Widerspruch hätte entstehen müssen zur
Herkunft des Samens aus dem gesamten Körper. Gegenüber dieser zweifellos alten
Vorstellung setzte sich im 4. Jh. eine nun tatsächlich andere Theorie von der Herkunft
des Samens durch. An deren Anfang stand die Auseinandersetzung mit dem Blut und
dem Herzen als Mittelpunkt der Gefäße. Spätestens Empedokles hatte mit seinem
Versuch, die Bewegung und die Bedeutung des Blutes zu beschreiben, das Interesse
hieran geweckt.®® Auch in den hippokratischen Schriften fand die Beschäftigung mit
dem Herzen statt. Zu einer Beschreibung des Bilutkreisiaufs kam man — anders als
Richard Kapferer meinte - auf diesem Wege ganz sicher nicht”, doch sprach die zeitgenössische Vorstellung das Herz immerhin als „Quelle des Blutes“ an. So heißt es
etwa im IV. Buch Über die Krankheiten: Wie „für den Schleim die Kopfhöhle, für das
Wasser die Milz und für die Galle der Raum an der Leber“, ist „[fjür das Blut [...] nun
das Herz die Quelle.” Charles Harris hält in diesem Zusammenhang an der Unterscheidung der älteren Forschung zwischen einer Koischen und einer Knidischen
Schule hippokratischer Ärzte sowie einer Sizilischen Ärztegemeinschaft fest.” Wäh® \gl. W. Schröder, Art. „Zeugung“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. v. Joachim Ritter,
Bd. 12, Basel: Schwabe 2004, Sp. 1330-1335, 1331.
&
Prominent ist das „Wasserheber“-Modell Empedokles zur Erklärung der Atmung im Zusammenspiel
mit der Bewegung des Blutes; demnach wird durch das Zurückströmen des Blutes aus den Poren ein
Unterdruck erzeugt (wie beim Wasserheber), der Luft ansaugt: VS 7.124=D/K 31 B 100. Vgl. hierzu
besonders Charles Reginald Schiller Harris, The Heart and the Vascular System in Ancient Greek
Medicine. From Alcmeon to Galen, Oxford: Clarendon 1973, S. 15-20.
An der These, dass sich die Kenntnis des Blutkreislaufs in den hippokratischen Schriften ablesen
lasse, die Kapferer im Zusammenhang mit der Übersetzung und Herausgabe der Schriften De
ossium natura und De corde entwickelte, entzündete sich ein Gelehrtendisput; Richard Kapferer, „Der
Blutkreislauf, seine Darstellung in den hippokratischen Schriften”, in: Hippokrates 8 (1937), S. 697717, ders., Vorwort zu Das Herz, übers. von Richard Kapferer, in: Kapferer, Werke des Hippokrates,
Teil 16, S. 59f., ders., Vorwort zu Die Natur der Knochen, übers. von Richard Kapferer, in: Kapferer,
Werke des Hippokrates, Teil 19, S. 117-121; er wurde unterstützt durch Georg Sticker, „Zur
Geschichte des Blutkreislaufs“=Vorwort zu Die Natur der Knochen, übers. von Georg Sticker, in:
Kapferer, Werke des Hippokartes, Teil 15, S. 935; Kritik kam von Paul Diepgen, „Haben die
Hippokratiker den Blutkreislauf gekannt”, in: Klinische Wochenschrift 16 (Dez. 1937), S. 1820-1823;
Hans Diller, „Die Lehre vom Blutkreislauf, eine verschollene Entdeckung der Hippokratiker?" (1938),
in: ders., Kleine Schriften zur antiken Medizin, hg. v. Gerhard Baader, Hermann Grensemann, Berlin:
de Gruyter 1973, S. 31-45; Karlhans Abel, „Die Lehre vom Blutkreislauf im Corpus Hippocraticum (H.
Schumacher zum Gedächtnis)“, in: Hermes 86 (1958), S. 192-219; zuletzt ausführlich Harris, The
Heart, S. 37-96.
9 Demorb. IV, Il; vgl. ebd., Vil.
Die regionale Zuordnung hat sich nach Hermann Grensemann, Knidische Medizin, Teil I, Stuttgart:
Franz Steiner 1987 (=Hermes-Einzelschriften, Heft 51), S. 7 als nicht ergiebig herausgestellt;
dagegen folgte ders., Knidische Medizin, Teil !, Berlin: de Gruyter 1975 (Ars Medica, Il. Abt., Bd. 4.1)
dem Ansatz noch; so auch noch lain M. Lonie, „Cos versus Cnidus and the historians: part 1“, in:
History of Science 16 (1978), S. 42-75; ders., „Cos versus Cnidus and the historians: part 2*, in:
Page 19
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)rend die Koischen Ärzte, wie Polybos und Hippokrates selbst, die dargelegte Vorrangstellung des Gehirns unter den Organen gelehrt hätten, seien die Knidischen
Ärzte, zu denen auch die Autoren von Über die Krankheit IV zählen, von Empedokles
beeinflusst gewesen und hätten das Herz als „the central point of the blood vessels“
beschrieben.” Es besteht kein Zweifel, dass das Herz gerade in der „knidischen“
Schriftgruppe als zentrales Blutgefäß aufgefasst wurde. Es ist allerdings trotz der
räumlichen Nähe fraglich, ob im Hintergrund einer solchen Formulierung unmittelbar
die Lehre des Empedokles vermutet werden darf. Nicht einmal für die Viersäftelehre
der Hippokratiker scheint der junge Naturphilosoph aus Agrigent an der sizilischen
Südküste allein Pate gestanden zu haben. Auch wenn diese Lehre im Zusammenhang steht mit Empedokles vier Elementen als arche als Urgrund der Dinge, lässt sich
eine „direkte[..] Konkordanz dieser vier Elemente mit den vier Säften nicht finden".
Doch selbst wenn ein direkter Einfiuss bestanden hat, wurde in den Schriften des
Corpus Hippocraticum dennoch nicht jene Samenlehre ausformuliert, in der — nach
Friedrich Solmsen — wesentlich eine Fortführung der Empedokleischen Gedankens
bestanden hätte: eine Samenlehre, die den Zeugungsstoff aus dem Blut entstehen,
das Blut also zum Agenten der Fortpflanzung werden ließ. Freilich, eine direkte Äußerung, die diese Auffassung wiedergibt, ist auch für Empedokles selber nicht überliefert. Es scheint jedoch nahe liegend, dass er wie für Tränen, Schweiß und Milch auch
für den Samen das Blut als Ausgangsstoff angenommen hat.°® Lesky vermutet die
Ursprünge dieser „hämatogenen Samenlehre“ allerdings bereits bei Parmenides. In
dessen schon angeführten Lehrgedicht-Fragment war die Rede davon, dass „die Kraft
zur Form eines einzelnen Wesens aus verschiedenem Blut [...] wohlgestaltete Körper“ bildet.’” Deutlicher aber wird die Auffassung vom Blut als Quelle des Samens
dann bei Diogenes von Apollonia (ca. 480-420)°®. Vindician berichtet:
„Der Apolloniate Diogenes aber bezeichnete in seinem Buche ‚Über die Natur’
das Wesen des Samens in ähnlicher Weise als Schaum des Blutes (essentiam
History of Science
16 (1978), 77-92; vgl. auch Hans Diller, „Stand und Aufgabe der
Hippokratesforschung‘, in: ders., Kleine Schriften, S. 89-105; Dean Jones, Women's Body, S. 9.; zur
Sizilischen Ärzteschule zuerst Max Wellmann, Die Fragmente der sikelischen Ärzte Akron aus
Agrigent, Philistion von Lokroi und des Diokles von Karystos, Berlin: Weidemann 1901 (Fragmente
der griechischen Ärzte, Bd. 1); kritisch dazu Pohlenz, Hippokrates, S. 93, Werner Wilhelm Jaeger,
Diokles von Karystos, 2. Aufl., Berlin: de Gruyter 1963.
® Vgl. Harris, The Heart, S. 37, 73-79, Zitat: 73.
Erich Schöner, Das Viererschema in der antiken Humoralpathologie, Wiesbaden: Franz Steiner 1964
(=Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Beiheft 4), S. 20; Thivel,
„Zeugungsiehren“, $. 8 ist hier ungenau, ebenso Schumacher, Antike Medizin, S. 112. Es kann
freilich kein Zweifel bestehen, dass die Säftelehre „arises immediatley out of the Presocratic
philosophical background“, so James Longrigg, „Presocratic Philosophy and Hippocratic Medicine“,
in: History of Science 27 (1989), S. 1-39, 21 (dort, S. 32-39, auch eine ausführliche Bibliographie zum
Titel).
Friedrich Solmsen, "Tissues and the soul. Philosophical contributions to physiology”, in: ders., Kleine
Schriften, Bd. 1, Hildesheim: Olms 1968, S. 502-535, 523.
Empedokles Auffassung ist referiert bei Aristoteles, Gen. an., 777a7ff., vgl. auch James Longrigg, "A
Seminal 'Debate' in the Fifth Century B.C.?”, in: Allan Gotthelf (Ed.), Aristotle on Nature and Living
Things. Philosophical and Historical Studies, Bristol: Classical Press 1985, S. 277-287,278, 282.
Caelius Aurelianus, Morb. chron. IV 9; Übersetzung nach VS. 5.30; vgl. Lesky, Zeugungslehren, S.
Zu den Lebensdaten des Diogenes von Apollonia vgl. Eisler, Philosophen-Lexikon, S. 345; DNP 3
(1997), Sp. 596-598.
Page 20
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)seminis similiter spumam sanguinis): denn die eingeatmete Luft lockert das Blut
auf, dessen einer Teil vom Fleisch eingesogen, dessen anderer Teil, der darüber
hinausgelangt, in die Samenwege sich ergießt und Samen bereitet; der ist
(nichts) anderes als Schaum von Blut (spuma sanguinis), wenn er mit der Luft zusammengestoßen ist.
Die „hämatogene“ Samenlehre kommt hier klar zum Ausdruck: Ein Teil des Blutes
wird nicht im „Fleisch“ gebunden; es verbleibt im Körper und gelangt in die „Samenwege“, wo es durch Hinzutreten von Luft zum Schaum = Samen umgebildet wird.
Deutlich lässt sich hier auch Diogenes Nachfolge des Naturphilosophen Anaximenes
(2. Hälfte des 6. Jh.'°°) ablesen, der den aer (Dunst, Nebel, Luft) als Prinzip der seienden Dinge angesetzt””' und erstmals auch die Wandlungsfähigkeit der Stoffe im Sinne
von Konzentration und Ausdünnung beschrieben hatte.'” Produkt der Wandlung
durch Luft ist in diesem Fall der Samen, der selbst „pneumatodes“ — „luftartig”" —
scheint, wie es im Diogenes-Referat des Simplicios heißt.” Der Samen ist somit
diejenige der körperlichen Substanzen, die der Gestalt des Urstoffs, des aer am ähnlichsten ist; er selbst ist.
Dass Simplicios in seinem Kommentar zu Aristoteles naturkundlichen Büchern
auf Diogenes verweist, macht deutlich, wie sehr in dessen Lehre eine Vorstufe der
spekulativen Physiologie (s.u.) des attischen Philosophen zu sehen ist.’ In seiner
Historia animalium referiert Aristoteles das Adernsystem des Diogenes, in dem nun
nicht mehr so stark wie im System des Polybos das Hirn als Zentralorgan betont
wurde.'® Vor allem aber greift Aristoteles in De generatione animalium die Vorstellung auf, dass „das Sperma wohl ein Überschuß (perittoma) der blutartigen Nahrung
ist, die zuletzt an die einzelnen Körperteile verteilt wird."'°® Diese Auffasssung vom
Samen als perittoma, als das bis zuletzt unverbrauchte Blut, das wegen seines langen Verbleibs im Körper den höchsten Grad der Veredelung erlangt, wurde zentral für
die Lehre des Aristoteles. In ihr liegt die Antwort auf die Frage aus De generatione
animalium: „[...] worin aber besteht nun die ursprüngliche Natur des Samens?“'” Sie
hing zusammen noch mit weiteren Elementen, die bei Diogenes von Apollonia vorgebildet worden waren: Zur Reife oder Fermentierung des Samens im Körper gehört,
dass er ‚wegen der inneren Wärme eine Menge warme Luft enthält", so Arsitoteles.'”®
Daher kommt es, dass der „Samen Schaum ist“. „Auch die Alten scheinen die
schaumartige (aphrödes) Natur des Samens gekannt zu haben. Der Gottheit wenigs® DIK64B6. Übersetzung Lesky, Zeugungslahren, S. 123.
'% \gı. Eisler, Philosophen-Lexikon, S. 43f.; DNP1 (1996), Sp. 673.
191
Vgl. den Bericht bei Olympiodoros von Alexandria, De arte sacra=D/K 13 B 3=VS 3.3.
102
Vgl. den Bericht bei Hippolytos, Refutatio omnium haeresium I, 7, 1-3=D/K 13 A 7=VS. 3.5.
Simplicios, In Aristotelis Physicorum libros, 153.13=D/K 64 B6.
103
104
Vgl. auch Longrigg, „'Seminal’ Debate?*, S. 281.
106
Nur künstlich kann man jedoch beide Adernsysteme als gegensätzliche Modelle isolieren, vielmehr
versucht Harris, The Heart, S. 24f., 59ff. zu zeigen, dass sie gewissermaßen übereinander liegen
konnten.
10 Aristoteles, Gen. an., 726b9f. Übersetzung nach Lesky, Zeugungsiehren, S. 123.
7 Aristoteles, Gen. an., 724a14f.
8 Aristoteles, Gen. an. 736230; 736418. Übersetzung nach Fünf Bücher von der Zeugung und
Entwicklung der Tiere (De generatione animalium), übersetzt und erläutert von Hermann Aubert =
Aristoteles, Werke, griechisch-deutsch mit sacherklärenden Anmerkungen, Bd. 3, ND Leipzig:
Scientia 1978 (zuerst 1860).
Page 21
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ten, welche der Begattung Vorsteherin ist [nämlich Aphrodite], haben sie von dieser
Eigenschaft den Namen gegeben.“'” Den Hinweis auf die Bedeutung der Wärme und
selbst die vermeintliche Etymologie'”” verknüpft Clemens von Alexandria in seinem
Paedagogus bereits mit Diogenes:
„Einige aber nehmen an, daß auch der Samen &s Lebewesens Schaum des
Blutes (aphron einai fou halmatos) sei seiner Beschaffenheit nach; er nun wird
durch die eingeborene Wärme des Mannes bei der Umarmung aufgerüttelt und
ausgeworfen, schäumt auf (exaphroutai) und wird in den Samenadern weitergegeben. Denn daher will der Apollinate Diogenes, daß der Liebesgenuß (ta
aphrodisia) seinen Namen hat.“
Hier wird mit dem Begriff der „eingeborenen Wärme des Mannes“ offensichtlich eine
geschlechtsdifferenzierende Qualität angeführt und es wird nun noch kurz auf Aristoteles Lehre von der Geschlechtsbildung einzugehen sein.
5. Die Metaphysik des prothetischen Körpers: Zur aristotelischen Geschlechterlehre
Aristoteles ‚Biologie' (dargelegt in De generatione animalium, Historia animalium und
De partibus animalium) ist in sein System der Philosophie eingebunden'" und erhält
von diesem einen streng teleologischen Ansatz. Die Entwicklung des Lebewesens ist
für ihn bestimmt durch dessen Wesen (ousla). Das Werden vollzieht sich somit nicht
zufällig als Wirken eines rein stofflichen Mechanismus, sondern folgt einem ‚Plan’: der
Verwirklichung des Wesens als dem Ausgangspunkt und Ziel der Entwicklung.
Aristoteles führt somit eine immateriellen Ursache für die Naturprozesse ein. Dieser
metaphysische Grundzug unterscheidet die aristotelische ‚Biologie’ fundamental von
der Naturschau der Vorsokratiker. Die begriffliche Grundlage seines Zugangs stellt
Aristoteles an den Beginn seiner eigentlichen Zeugungslehre, De generatione
animalium:. „denn es gibt vier zu Grunde liegende Ursachen, den Zweck, insofern er
Endzweck ist (t&los) und die Wesenheit (lögos tes ousias), welche beide man beinahe
1% Aristoteles, Gen. an., 735b33f.; 736432. Übersetzung nach ebd.
0 Die Mythologie dahinter erzählt Hesiod, Theogonie, übersetzt und hg. von Otto Schönberger,
Stuttgart: Reclam 2002, 188; demnach schnitt der „Krummes sinnende“ Kronos das Geschlecht
seines Vaters Uranos ab und warf es ins Meer; das Geschlecht „trieb lange Zeit in den Wogen, und
rings entstand weißer Schaum (leukos aphros) aus dem unsterblichen Fleisch; darin aber wuchs ein
Mädchen“: Aphrodite. Zu den orientalischen Namen, griechischen und lateinischen Beinamen sowie
zur Mythologie der Aphrodite insgesamt vgl. Karl Kerenyi, Die Mythologie der Griechen, Bd. 1: Die
Götter und die Menschengeschichten, München: dtv 22003, S. 56-65.
111
Clemens von Alexandria, Paedag. | 6, 48=D/K 65 A 24. Übersetzung nach Lesky. Zeugungslehren,S.
124. Vgl. auch das Diogenes-Fragment D/K 64 B 6, das im Zusammenhang steht mit der Erläuterung
der Samenadern (spermatitides), die „in den Hoden bei den Männern, bei den Frauen in der
Gebärmutter" enden: „Diese nennt man Samenadern. Was das Blut betrifft, so wird das dickste von
den fleischigen Teilen aufgesogen; gelangt es aber über sie hinaus an diese Stellen [Hoden und
Gebärmutter], so wird es dünn, warm und schaumig (leton kai thermon kai aphrodes)' Übersetzung
nach Hermann Diels.
112
Auf diese philosophischen bzw. metaphysischen Voraussetzungen werde ich nicht im einzelnen
eingehen können; vgl. dazu aber Anthony Preuss, „Science and Philosophy in Aristotle's Generation
of Animals", in: Journal of the History of Biology 3 (1970), S. 1-52; ders., Science and Philosophy in
Aristotle's Biological Works, Hildesheim: Olms 1975; John M. Cooper, „Metaphysics in Aristotle’s
Embryology", in: Proceedings ofthe Cambridge Philological Society 214 (1988), S. 14-41.
Page 22
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)als eins zu betrachten hat, drittens und viertens aber den Stoff (hyle) und den Grund
der Bewegung (arche tes kineseos)".'"”
Auf die Frage rach der Geschlechtsbildung und der Zeugungsleistung angewandt, markieren diese Grundbegriffe deutlich den Schritt von einer gewissermaßen
phänomenalen, d.h. auf Beobachtbares bezogenen Be- bzw. Überschreibung der
Geschlechter, wie sie die älteren Zeugungslehren geprägt hatte, zu einer begrifflichen
Wesensbestimmung. Wo ‚Natur vorausgesetzt und am Körper ‚wieder gefunden’
wurde, wird sie jetzt in ein System überführt, das seine ‚Wahrheit’ nicht allein den
Phänomenen, sondern einem begrifflichen Aufbau verdankt. So wird die ‚Natur des
prothetischen Körpers ergänzt durch eine ‚Metaphysik' des prothetischen Körpers.
Auch in die Ordnung dieser Metaphysik werden die Geschlechter eingetragen, um
entsprechend der systematischen Absicht zunächst eine geschlechtsspezifische Ursache der Zeugung anzugeben.
„Denn vor allem hat man, wie gesagt, das Weibliche und das Männliche als die
Principien der Zeugung zu setzen, das Männliche als dasjenige, in dem der Arfang der Bewegung ‚und der Zeugung, das Weibliche als das, verin der Anfang
des Stofflichen liegt.“''
Das männliche Geschlecht gilt somit als Träger des Bewegungs- und Formprinzips,
das weibliche Geschlecht als Träger des Stoffs. Sie unterscheiden sich
„dem Wesen nach dadurch, daß männlich dasjenige ist, welches n ein anderes
hinein zu zeugen vermag [...], weiblich aber dasjenige, welches in sich selbst
hinein zu zeugen vermag, und aus welchem dasjenige, was geboren wird, hervorgeht, indem es zugleich in dem Erzeugenden vorhanden ist."
Beide Geschlechter — so legte es die Formulierung zunächst nahe -—,zeugen*. Diesem
Umstand war zuvor mit dem Mechanismus der Zweisamentheorie Rechnung getragen
worden. Während man — auf dem Weg zur Erklärung der Geschlechtsbildung — darum
bemüht gewesen war, durch die Imagination ‚natürlicher' Geschlechtsqualitäten eine
ungleiche Zeugungsleistung in diesen quantitativen Mechanismus einzutragen, installiert Aristoteles nun ein solches Gefälle durch die Überschreibung der Geschlechter
auf die Unterscheidung zwischen Materiellem und Immateriellem, zwischen Stoff und
Form. Damit legt er eine neue und ganz andere Distinktion an. Er führt — im Sinne
Luce Irigarays''® — einen Einschnitt in die materielle Kontiguität des Körpers durch
und löst ihn in Prinzipien auf. Eine neue, spekulative Prothese wird angepasst. Die
Geschlechterdifferenz liegt nicht mehr innerhalb einer vermeintlichen ‚Natur‘, in der —
wie auch Aristoteles es anklingen lässt — augenscheinlich Mann und Frau an der
Fortpflanzung beteiligt sind, sondern sie geht der ‚Natur’ im Wortsinne der Meta-physik voraus. In diesem Sinne spricht Aristoteles von ‚dem [einen] Erzeugenden“, in
dem „was geboren wird“ als Form bereits im voraus „vorhanden ist“.
Funktionsträger der Zeugung bleibt jedoch auch hier der Samen. Er trägt das
Formprinzip; in ihm „ist Seele enthalten“. Die Gegenüberstellung des männlichen und
weiblichen Prinzips führt Aristoteles dazu, den alten Samenmechanismus entschieden
9 Aristoteles, Gen. an., 715a1; Übersetzung nach Aubert, Fünf Bücher von der Zeugung und
114
115
Entwicklung der Tiere.
Aristoteles, Gen. an., 716a3-5; Übersetzung nach ebd.; Hervorhebungen M.L.
6 \gl, Luce Irigaray, „Macht des Diskurses/Unterordnung des Weiblichen“, in: dies., Das Geschlecht,
das nicht eins ist, Berlin: Merve1979, S. 70-88, 77.
Page 23
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)abzulehnen. Die Lehre vom hämatogenen Ursprung des Zeugungsstoffs, die er aufnahm (siehe 4.)''”, bot ihm die Möglichkeit hierzu: Durch die „eingeborene Wärme“
des männlichen Körpers gelingt es nur diesem, das Blut zum zeugungsfähigen Samen ‚auszukochen'. Dieser Samen allein ist die erste Ursache der Bewegung, d.h. der
(embryonalen) Entwicklung, die er mit dieser Bewegung zugleich in eine Form bringt.
So vollzieht sich denn auch die Geschlechtsbildung, und es ist bezeichnend, zu welcher Konsequenz die, wenn man so will: ‚Applizierung' des teleologischen Denkens
auf den (oder auch in den) Körper durch Aristoteles spekulative Physiologie führt: Es
entspricht der Vorstellung von der Verwirklichung der Form im Stoff, wenn Aristoteles
schreibt, dass der Samen auch „die im weiblichen Körper vorhandenen Ausscheidungen in dieselbe Bewegung [versetzt], in welcher er sich selbst befindet.“ Kurz: der
normale Gang der Fortpflanzung sieht vor, dass der zeugende Mann einen männlichen Nachkommen formt. Die Frau erscheint demnach als Abweichung — die sich
freilich verlässlich einstellt.
„Denn so wie aus Verstümmelten kald Verstümmelte werden, bald nicht, ebenso
werden aus den Weibchen bald Weibchen, bald nicht. Das Weibchen ist nämlich
gleichsam ein verstümmeltes Männchen, und der Monatsfluss Samen, der aber
acht rein [gekocht, M.L.] ist; denn es fehlt inm nur noch eines, das Prinzip der
eele.“
Es wird deutlich: auch Aristoteles teilt den „ein-geschlechtlichen Leib“ nicht durch eine
ontologische Differenz, aber er stellt dem Leib der beiden Sexus ein anderes, immaterielles oder metaphysisches Geschlecht zur Seite, über das ihm zufolge allein der
Mann verfügt: die Seele. Damit inauguriert er ein Geschlechterbild, das die Kulturgeschichte geprägt hat und bis heute resistent geblieben ist.'”” In ihm hat sich das
männliche Geschlecht letztlich den Diskurs selbst, mithin das Sprechen über den
Körper angeeignet.
Möglicherweise liegt hierin auch ein (historischer) Ansatz zur Lösung des erwähnten theoretischen Problems der diskursiven Substitution von Körperlichkeit
(siehe 1.). Judith Butlers Rede von der „Materialität der Signifikanten" lässt sich als
Hinweis verstehen, ein biologisches Geschlecht im Sinne von sex nicht jenseits oder
unterhalb des Diskurses zu suchen, sondern die dem Sprechen eigene Körperlichkeit
bzw. Geschlechtlichkeit ernst zu nehmen: Dieser ‚Körper des Diskurses’' — bezeichnet
etwa als Seele — wurde, so lassen sich die Äußerungen Aristoteles deuten, als männlicher Körper inszeniert und reproduziert. Auf diese Weise war das weibliche Ge117 Yal, auch Andrew Coles, *Biomedical Models of Reproduction in the Fifth Century BC and Aristotle's
Generation of Animals”, in: Phronesis 49 (1995), S. 48-88, 53f. gegen die These einer
weitestgehenden Unabhängigkeit Arsitoteles von älteren Theorien, wie sie Robert Bolton, "Definition
and scientific method in Aristotie's Posterior Analytics and Generation of Animals”, in: Allan Gottheif
{Ed.), Philosophical Issues in Aristotle's Biology, Cambridge: Univ. Press 1987, S. 120-167, insb.
158f. vertreten hat; zur Rezeptionsgeschichte vgl. auch Miachel Boylan, “The Galenic and Hippocratic
Challenges to Aristotle's Conception Theory”, in: Journal of the History of Biology 17 (1984), S. 83112.
118
Alle Zitate Aristoteles, Gen. an., 737a39f. Übersetzung nach Aubert, Fünf Bücher von der Zeugung
und Entwicklung der Tiere.
119
Zweifelsfrei liegt hierin die Voraussetzung für einen sozialen wie ‚intellektuellen’ Sexismus. Zur Frage,
ob der freilich schon Aristoteles selbst zu unterstellen ist, vg. Maryanne Cline Horowitz, „Aristotle on
Woman“, in: Journal ofthe History of Biology 9 (1976), S. 183-213. Horowitz vertritt die These eines
latenten Sexismus bei Aristoteles; kritisch dazu Johannes Morsink, „Was Aristotie’s Biology Sexist?”,
in: Journal of the History of Biology 12 (1979), S. 83-112, 85f., der argumentiert, dass zumindest
Aristoteles Form-Stoff-Hypothese keine sexistische, „value-ridden" Prämisse vorausgeht.
Page 24
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)schlecht selbst dort ausgeschlossen, wo Frauen innerhalb des Diskurses von sich
selbst sprachen, denn jedes Sprechen gründete von vornherein auf einer phallogozentrischen Logik. Das Weibliche hatte, wie dies die Arbeiten von Luce Irigaray gezeigt haben, vom Augenblick der Inauguration dieser Logik an keine Stimme, weil ihm
der Körper genommen wurde; es trat allenfalls als Sprachlosigkeit, „Verstümmelung"
zutage und als bedrohliches Außen.
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