Pythagoras und die griechische Philosophie

Auteur
Gignon, O.
Publié dans
Universitas
Année
1947
Sujet
PYTHAGORAS
Langue
Deutsch
Catégorie
C7 Philosophie
Numéro d'archive
504

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des Verfassers an die Auswertung der Beobachtungen der ersten Eros-Oppo. ichert, Il. AUSWAHLBERICHT "Das Tend längste Kapitel des Buches führt von unserer engeren kosmischen Heimat fort in das Reich der „Fixsterne“. Zunächst werden die pan: = Sinne der klassischen Astronomie als Richtungsmarken am Himmel zur we iem sierung des über den Himmel erstreckien Koordinatensystems names "folgt eins ausführliche Darlegung der verschiedenen Methoden zur PROF. DR. OLOF GIGON, FRIBO po ernungsbestimmung von Sternen. Weiter werden Veränderliche Sterne, a Sterne und Doppelaterne behandelt anil zum Schluß etwas über die physikaligemeinsam behandelt. Hier erfolgt die Ausdehnung che au den Millionen Lichtjahren: der Spiralnebel. Das 9. Kapitel über „die straBensysteme" bringt die wichtigsten stellarastronomischen Ergebnisse von „Von der äußeren Geschichte des Pythagoras und seines Werkes ist zuerst zu reden. Schon über seine Herkunft existieren verschiedene Traditionen. Die ee dem räumlichen Aufbau und der Rotation unseres eigenen er eine nennt ihn Suhn des Mnesarchos und läßt ihn aus Samos stammen. Dancben wird er merkwürdigerweise als Tyrrhener von der Insel Lemnos bezeichnet. Irgendwann ist Pythagoras nach dem Westen: gekommen. Vermutlich werden bei ihm wie bei Xenophanes von Kolophon politisc he Ereignisse die Auswanderung erzwangen haben. Als Orte seines Wirkens und seines Todes worden in Unteritalien zwei ge- "i Phänomen der allgemeinen Expansion hingewiesen wird. Nach diesem ve bis zu den Grenzen des Erforschten wendet sich das letzte Kapitel wie Fa re discheren Dingen zu, nämlich der Bedeutung der „Astronomie im va “À wohei astronomische Zeithestimmung, Navigation und Erdmessung behandelt werden. : . | | Dés. nanni: äugte Inhaltsübersicht zeigt, daß unter den zahlreichen rag die bb,= e Pangea eine geschickte Auswahl getraffen ist,kommen Ls : i Hinks’ Einführung in dio Astronomie ist kein Lehrbuch, Median > cri worden. È “Das Buch ist eine wertvolle Bereicherung der populären astronomise Prof. Dr. H. Siedentopf, Heidenheim Zeitschrift fur Wissenschaft, Kunst und Literatur Herausgeber: DR. SERGE MAIWALD, TÜBINGEN Verlag Dr. Roland Schmiedel, Stuttgart-S . Tübinger Strafe 53 . Postfach 40 JAHRGANG 2 HEFT 10 OKTOBER 1947 Say AGNow ,S. ie _ 234 hot er in diesen Stidten seine . | und über dus Weltganze vorgetragen, sondern einen Lebensstil geschaffen und Menschen um sich gesammelt hat. Der Bund der Pythagoreer ist ebenso schwieri g zu fassen wie der Gründer selbst. Man kann ihn eine religiöse Gemeinde nennen, sofern es wahrscheinlich ist, daß er im Kulte des Apollon einen religiösen Mittelpunkt besaß, und sofern sein oberstes Ziel die Reinigung des gegenwär tigen Lebens im Hinblick auf die zu erwartenden künftigen Leben war. Man kann ihn auch einen politischen Klub nennen, sofern mit solcher Lebensfü hrung eine bestimmte Anurc i UNIVERSITAS Metapontion. Jedenfalls Entscheidend ist, daß Pythagoras nicht ein Wissen über bestimmte Mirabilia Autoren von populären Darstellungen wissenschaftlicher Ergebnisse sera la in der englischen Literatur, cine besondere Gabe zur aut echarte. mi reps by distasber Each und in Metapont soll er gestorben sein; das Haus seines Todes sollen die Metaponter zum Heiligtum umgewandelt haben, und noch dem Cicero ist es gezeigt derei über die Sterukunde, die dem Leser an Hand vieler Beispiele das vd und die Eigenart astronomischer Forschung zeigt. Der Verfasser hat, wie a Anekdoten, geschichtliche und persônliche Erinnerungen reizvoll sun Kroton ersten Schülergemeinden gehabt. Für Kroton ist die Überlieferung ganz fest, die modernste Astrophysik alle wichtigen Gebiete zu Worte Darstellung, die dem Leser auch bei einem spröden Stoff anregt, ohne i su.groBe Ausführlichkeit oder Lehrhaftigkeit zu ermüden. i ung der griechischen Philosophie” Verlag Benno Schwabe & Co., Basel 1945 Exforechengegese moins ee a ee sind Nebel und Sternhaufen wegen ihrer der Entfernungsskaa la und schildert die Stellung der Spiralnebel im Weltall, wobei auch a Philosophie Auszüge aus: Olof Gigon: „Der Urspr . rößen der Sterne erzählt. Cy URGISCHWEIZ Pythagoras und die griechische schauung vom Staate verbunden war und sofern das alte Pythagoreertum auch | politisch tätig gewesen ist. Die innere Form des Bundes erinnert lebhaft an die aristokrat ischen Hetairien der selben Zeit. Es ist, wie wenn sich in ihm xwei gauz verschiedene Gemeinschafisformen, die Kultgemeinde und der politische Kiub, auf seltsame Weise verbunden hätten.* IL. „Das Zentrum der Lehre dea Pythagoras ist das, was aus Herodot II. 123 und indirekt aus IV. 95 zuverlässig zu entnehmen ist und was die übrigen alten Zeugen bestätigen: Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Daß mit dem leiblichen Tode das Sein des Menschen nicht vollstindig zu Ende ist, haben die Griechen auch vor Pythagoras’ geglaubt. Aber das Jenseits und ‘das, was im Menschen „übrigbleibt“, ist nur ein Rest des Lebens. Das jenseitige Land befinder sich entweder hinter Sonnenun tergang oder unter der Erde. Es hat keine Sonne und liegt in ewigem stummem Halbdunkel. Vom Menschen ble:bt dort nur ein schwaches Abbild ohue wirkliches Lehen, ein gespenstiger Schatten. Darum ist für den archaischen Griechen das eigentliche erhoffie Nachleben nicht diese öde Nachezistenz, die nur eine endlose Fortsetzung des ohnmichtigsten Greisenalters ist, sondern vielmehr das Leben der bewundernden Erinnerung der lebendigen Nachfahren. Und wenn 78° . in nach dem Wesen jenes physisch Überdauernden gefragt wurde, nach der „Seelo”, so war

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auch sie nur ein Uberbleibsel, der dünnste und feinste Stoff in der Zusammensetzung des Leibes, der eben vermöge dieser Beschaffenheit am unzerstörbar- Zuerst sind indessen zu berühren eine Reihe von Vorschriften. Es handelt sich um Speise- und Kleidungsgebote, deren Sino für uns entweder ganz dunsten war. kel bleibt oder nur auf dem umständlichen Wege volkskundlicher Vergleiche einigermaßen, aufgehellt werden kann. Da bringt Pythagoras das unerhôhrt Neue. Ihm ist das, was außer dem Körper bleibt, nicht ein armseliger Rest, sondern das eigentlich Lebendige. Das Leben, das hinter dem Gegenwärtigen kommt, ist nicht ein trüber Abglans, sondern ein erhöhtes, das eigentliche Leben. Das irdische Dasein des Menschen ist nur eines seiner möglichen Leben und eines der geringsten. Die Seele ist das Höhere, das im Leibe gefangen iet. | o Die Seele gerät in einen radikelen Gegensatz zum Leibe. Sie ist das Vollkommene, er das Gemeine. Mit Pythagoras tritt dic Autonomie der Scele, ihr Sein als Negation dea Körpers und der Körperlichkeit in das gr:echische Denken ein. Es war nicht ein spekulatives Forschen, das die Selbständigkeit der Seele entdeckte und überhaupt zu entdecken vermochte, sondern eine religiöse Leidenschaft, die den Menschen zur Entscheidung zwischen seinem höheren und seinem niedrigeren Teile zwingen wollte. Es ist unendlich wichtig zu erkennen, dal in einer religiösen Verkündigung dieser Gegensatz zum ersten Male unter den Griechen auftauchte; nicht als anthropologische Feststellung, daß es auch die Seele gebe, sondern als Aufforderung des Glaubens, den Leib als ein Gefängnis der Seele zu verachten und die Reinheit der Secle zu gewinnen. Allerdings hat dieser Gegensatz in der spekulativen Forschung die ungeheuerate Entwicklung veranlaßt. Er ist der Ausgangspunkt aller antiken Bemühung um den Begriff des Geistes als cines allem materiellen Sein ausdrücklich Entgegengesetzten. Erst als die systematische Negation aller Körperlichkeit wird der Geist überhaupt sichtbar, und erst dadurch, daß der ‚Geist ihr gegenüber tritt, wird dio Materie überhaupt zur „Materie“. Aus relig'ôser Ermahnung erEr wächst der Begriff der Seele als Gegenstand menschlicher Bekümmerung. der mündet in den philosophischen Begriff des körperlosen Geistes überhaupt, sur geistlosen Materie in Gegensatz tritt. . Lou des Es ist woh) so, daB selbst für das Denken des Pythagoras eine gänzlich wie fiir Leihes entbehrende Seele im Grunde nicht weniger unvorstellbar war erklärt gut wie Nichts. Pythagoras geht von der selben Voraussetzung aus, werde. Seine Indaß die Seele in alle Ewigkeit eines Leibes nicht entbehren tention geht auf eine vom Körper befreite Secle; seine Anschauung kann sich 80 Homer. Wenn bei Homer die Seele keine Leibeshülle mehr hatte, war sie aber, zu aber eine Seele ohne Leib nicht vorstellen. — Es ist aber an der Seele, in welchen Leib sie eingehen wird, in den eines Tieres oder eincs entscheiden, | Gottes. AnHöchste und eigentliche Gestalt der Seele scheinen nach pythagoreischer Einfluß schauung die Gestirne gewesen zu sein. Wo immer pythagoreischer der Subvorliegt, tritt auch die Lehre von der Verwandtschaft der Seele mit stanz der Gestirne auf. Die Secle ist ewig, weil sic den Gestirnen ähnlich ist, Sinnvoll aus der Lehre vom Gestaltwandel ergab sich das Verbot, lebende Wesen zu schädigen oder gar zu töten. Denn man kann nie wissen, wessen Seele in einem solchen ist. Es folgt daraus das Verbot blutiger Opfer an die Gottheit. Das Problem des Vegetarismus nimmt io der Antike bei den Pythagoreern seinen Anfang. Der Platoniker Eudoxos hat in seiner Erdbeschreibung sogar berichtet, die Pythagoreer hätten auch jeden Umgang mit Metsgern und Jägern vermieden. Verboten ist ferner der Gebrauch von Lorbeer, wohl als Gewürz. Dies wohl darum, weil der Lorbeer, der Baum Apollons, unter den Pflanzeu bevorzugter Sitz der Seelen auf ihrer Wanderung ist. Unverdichtigo Zeugnisse der Komödie des 4. Jahrhunderts scheinen anzudeuten, daß auch der Weingenuß untersagt war. Berühmt war das Bohnenverbot, für uns rätselbaft, von Empedokles ausdrücklich bezeugt. |. Der selben Wurzel, der Reinigung des Menschen, entspringt auch die Beschäftigung der Pythagoreer mit der Musik. Auch da ist das Erste nicht ein theoretisches Interesse an der Proportion der Töne, sondern die Bedeutung der Mu. sik für die Reinigung und Besiinftigung der Seele. Der Begriff der Katharsis ist eigentümlich pythagoreisch. Er verbindet die Diatetik der Seele mit derjonigen des Leibes. Von den Pythagoreern hat ihn Aristoteles übernommen, als er die Wirkung der Tragödie zu schildern übernahm. Es konnte aber nicht ausbleiben, daß über den ursprünglichen ersicherischen Charakter der Musik hinaus gefragt wurde, auf welche objektiven Eigenschaften dieser Charakter zurückzuführen sei. An diesem Punkte beginnt die wie , senschaftliche Theorie der Musik, die größte Leistung der Pythagoreer moderner Richtung und vor allem ihres Archegeten, Archytas von Tarent. Dem weiten Bereiche der Bildung der menschlichen Seele zu ihrer göttlichen Vollkommenheit steht endlich gegenüber ein Letztes. Wenn der Mensch sich reinigen soll, um in immer höheren Gestalten und schließlich in der Gottheit selber sich einkórpern zu können, so ist dies darin begründen, daß die Gottheit selber rein ist. Wenn der Mensch kein Blut vergießen soll, so darum, weil auch Gott kein Blut vergießt. Wenn dem Menschen sein Leib ein Gefängnis sein soll, so darum, weil dio Gottheit selber auch keinen Leib der Art hat, wie ihn as Mensahen haben. — Pythagoras hat die erste Theologie der Griechen ge schaffen. Der Protest des Pythagoras gegen das Bild, das der Mythos von den Göttern entwarf, bedeutet noch über Hesiod hinaus etwas Neues. Er ist der Beginn eines neuen Zeitalters der griechischen Roligon. Er Ichrt Einen Gott, der in Gerechtigkeit die Welt zusammenhält, Dieser Gott denkt nicht nach menschli- | cher Weise und hat nicht menschliche Gestalt. Er beginnt eine rücksichtslose Kritik an den Göttergeschichten Homers und Hesiods, deren uns faßbare Höhe- Unterscheidung einer reinen supralunaren und einer unre-nen sublunaren punkte Xenophanes und Platon sind. | Mit dieser Polemik drang die Philosophie zum ersten Male ins Zentram der . und auf den Gestirnen hat sie ihren wahren Wohnsitz. Ein zweites sehr charakteristisches Stück pythagoreischer Lehre scheint die Sphäre im Kosmos gewesen zu sein. Aus der reinen Feuerregion der Gestirne fällt die Seele hinunter in die trübe sublunare Welt. ‘In seinem Reinigungsgedicht klagt Empedokles, seine irdische Geburt sei der Sturz aus göttlicher Seele Fülle des Glückes in einen unseligen freudlosen Ort. Das Stürzen der aus der Gestirnwelt auf die Erde kann sich das älteste Pythagoreertum ganz körperlich konkret vorgestellt haben, so wie es dichterisch spielend Platon im Phaidros 248 C wiedererzäblt. o Die Seele ist unsterblich, aber die Dauer der Einkörperungen ist nicht endlos. Empedokles spricht von dem Endzustand, der bei den Göttern ist — doch wohl nur für jene, die ihr letztes ird'sches Leben in Reinheit zugebracht haben, währeud den Unbelehrbaren vermutlich der Tartaros blieb. 1236 griechischen Bildung ein, nicht nur aufbauend, sondern mit Leidenschaft bekämpfend und mit Leidenschaft selber bekämpft. Mit einem Pathos, das bei den Milesiern keinen Sinn gehabt hätte, heben von da an die Philosophen ihre Lehre von der dumpfen Meinung der Menge ab. Der Gegensatz, in den, noch im Vorraume der Philosophie, Hesiod sich zum Mythos Homers gestellt hatte, verschärft sich hier zu einer aristokratischen Selbstbehauptung des einzelnen Wissenden gegenüber der Torheit der Menschen. Pythagoras hat nichts mit Aufklärung zu tun. Er bat die michtigete Gegenbewegung gegen die reine gegenstäudliche Naturbetrachtung in Gang gebraucht. Er hat in die Philosophie ein Element der Religion, ja des Geheimnisses ein geführt, das seither nicht mehr verlorengegangen ist.