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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die "numeri judiciales " des Augustinus
und ihre msiktheoretische Bedeutung
Tn: Archiv fur Musik-Wissenschaft
-: XXXII - 1975 - p. 196 - 207
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Dag Nowak Á
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Nowak A., Dir numeri judiciales des Augustinus (dans la tradition pythagaréo-platoniciemel : cf. Augustinus (Aurelius).
Nowak A., Die numeri judiciales des Augustinus und ihre musiktheorelische
Bedeutung : AMW XXXII 1975 196-207. | Die numeri iudiciales, über die
De musica vi handelt, verbinden die pythagoreisch-platonische Tradition mit
Plotins Wendung nach innen, zur Seele als innerer Form; damit wird die
Zahl nicht mehr als dinghaftes Gefüge, sondern als innere Form des Hörens,
als im flôren zählende Seele aufgefasst. In dem Begriff der iudiciales wird
der im antiken Schrifttum vielfach nachweisbare Gedanke von der natürlichen Veranlagung zur Musik philosophisch entwickelt. Die numeri iudiciales
bezeichnen einen Wendepunkt in der Entwicklung der neuzeitlichen Logik.
Archiv foe Musik ur SS-er def
NXXT 165 Af 227
V 6367
Wiesrad
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Source: Archiv für Musikwissenschaft, 32. Jahrg., H. 3., Johannes Lohmann zum achtzigsten
Geburtstag (1975), pp. 196-207
Published by: Franz Steiner Verlag
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/930060 .
Accessed: 28/03/2012 09:49
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Musikwissenschaft.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die numeri judicialesc;
desAugustinus
undihremusiktheoretische
Bedeutung
*
von
ADOLF NOWAK
Aristoteles unterscheidet ,,die Zahl, mit der wir zahlen" (arithmoshoi
arithmoumen)von der ,,gezahlten"oder,,zahlbarenZahl"(arithmosarithmoumenos oder arithmetos).Die erste Art existiert in der Tatigkeit des Zahlens
und ist insoferndie vom konkretenInhalt absehendeNennung des Gliedes
einer Reihe. Die zweite Art dagegen meint die konkrete Mannigfaltigkeit
selbst, den bestimmtenSachverhaltin seinerZahlhaftigkeit,oder wie in Anlehnungan die EtymologiedesWortes,arithmos'formuliertwurde:,,das zahlenmaBigbestimmteGefuye"
1. Die erstgenannteZahlenartkann als Ausgangspunkt des spezifischneuzeitlichenZahlbegriffsangesehenwerden,dessendeutliche FormulierungDescartesgegebenhat, wenn er die Zahl als ,,moduscogitandi" bezeichnet2.Die zweite Art dagegengilt als der spezifischgriechische
Zahlbegriff:Die Vorstellungvon der Zahl als objektivem Gefuge liegt der
pythagoreischenLehre von der Zahl in den Dingen zugrunde.Sie bildet die
Voraussetzungfur Platos Lehrevon der Zahl als Idee, der das dinghafteGefuge nie ganz adaequatsein konne,und anderseitsfur die aristotelischeLehre
von der Zahl als Trennung,als Abstraktiondes in den Dingen liegendenGefuges von den Dingen3. Dieser griechischeZahlbegriff- also die ,,zahlbare
Zahl" als objektives Gefuge- wurde daher bei Untersuchungenzur Musiktheorie antik-mittelalterlicherTraditionmit um so besseremRecht in den
* Eine Rurzfassung dieses Beitrags hat der Verf. am 24. Sept. 1974 auf dem
Internationalen Musikwissenschaftlichen EongreB Berlin innerhalb der Sektion
,,Altere Musikgeschichte" vorgetragen.
1 ARISTOTELES,Physzk IV, 2, 219b 6. O.BECEER, D?>eAkfualttat dXesPythagoremschenGedankens, in: Gadamer-lPestschrift 1960, sowie in: O.BECEER, Gesammelfe
phtlosopAqzsche
Aufsatze, Pfullingen 1963; daselbst S. 135f.
2 G.MARTINs
Xlasstsche Ontologte der Zahl, Eoln 1956, S. 74.
a MARTIN, S. 1 1-4 1.
Archiv fur Musikwissenschaft, Jahrgang XXXII, Eeft 3 (1975)
t Franz Steiner Verlag GmbH, Wiesbaden, BRD
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Mittelpunktgeruckt,als MusikgemaBdieser Traditionals Teil der Mathesis
galt und als bevorzugtesParadigmafur ,,zahlenmaBigbestimmtesGefuge"
fungierenkonnte. In seinemAufsatz Die griechischeMqbsikals mathematitsche
Form bemerktJohannesLohmann,man habe der pythagoreischenDeutung
der Tonverhaltnisseals Zahlenverhaltnisse,,bisherviel zu viel Aufmerksamkeit zugewendet";Aristoxenos,ein Gegnerder pythagoreischenZahlenspekulation, behandledie Harmoniknach Art der Geometrie,,unddas musikalische
HorenheiBtbei ihm krinein,das ist dasselbeVerbum,das auch das philosophische Urteil bezeichnet"4. Es ist zu fragen,wie weit die pythagoreischeTradition in der mittelalterlichenMusiktheorienoch verbindlichbleibt, ob sie nicht
vielmehreineModifikationerfahrt,in dersichneuzeitlichesDenkenvorbereitet.
Dies scheintzumalbei Augustinusin der Lehrevom musikalischenRhythmus
nachweisbarzu sein, speziellam Begriffder ,,numerijudiciales".
Wirddas Sein als Apeironbestimmt,als das Unbegrenzte- der unendliche,
unerschopflicheVorrat,aus dem sich allesWerdenspeist (Ana2zimander)
-, so
wird eine Erklarungdafur notwendig,daB die Dinge im Unbegrenztennicht
zerflieBen,sondernsich abgrenzenund ihre Gestaltbewahrenkonnen.Wasdie
Gestaltenabgrenztund aneinandermessenlaBt,ist die Zahl,die darumals das
Bestimmende(telos),als Prinzipder ontologischenOrdnungerscheint(Pythagoreer).Ordnung(taxis) ist Zentralbegriffin Platos Theoriedes Schonen.In
den Nomoi definiert er Rhythmus als ,,Ordnungder Bewegung"5,und im
Timaiosfuhrt er aus:so wie derDemiurgdas ChaosdurchkosmischeRhythmisierung gebannt habe (durch die ,,nach ZahlenverhaltnissenKreislaufebeschreibendeZeit"), so hatten uns die MusenHarmonieund Rhythmus verliehen, ,,um den in ZwiespaltgeratenenUmlaufder Seele in uns zur Ordnung
und tYbereinstimmung
mit sich selbst zuruckzufuhren"6.
Dieser in der Zahl
ontologischbegrundeteBegriff der Ordnunghat die bekanntenmoralischen
und politischenKonsequenzen:nur solcheWeisendes Rhythmusund der Harmonia sind zugelassen,die der psychischenund sozialen Ordnungforderlich
sind. Der Gedankeeines ubergreifenden
harmonischenZusammenhanges
aller
Seinsbereicheist im Mittelalterbewahrtund differenziertworden,wenn man
etwa versuchte,harmonischeProportionenim kosmischenund leibseelischen
Bereichund sogarim Bereichder Standeund des Handelsnachzuweisen7.
Die pythagoreisch-platonische
Einheitvon Schonheitund Zahlerscheintbei
Plotin in Frage gestellt. Seine Abhandlunguber das Schonebeginntmit dem
Nachweis,daB das Schonenur ,,in sich einfach"sein konne:Wennes in der
Ordnungals dem Verhaltnisder Teile zueinanderund zum Ganzenbestunde,
4 J.LOrANN,
Die griechische M?ssik als mathematische Form, AfMw XIV, 1957,
S. 153; auch in: Musike und Loyos, Stuttgart 1970, S. 23.
5 Yomoi, II, 665a.
6 Timaios, 38a; 47d-e7 Vgl. z.B. OTLOH
VONST.EMMERAM,
in: H.PFROGNER(Hg), Muszk-Geschichte
ihrer Deutung, Freiburg i. Br. 1954, S. 120f.
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)so konne derWiderspruchzustandekommen,daB ein Ganzesschon sei, seine
Teile als solcheabernicht. Paradigmades Schonenist ihm das in sich einfache
Licht, das Leuchtendes Goldesund der Farben,nicht das Ordnungsverhaltnis
der Planetenund der Tone. Schon ist das, was die Seele, die an der Idee als
gottlicherFormkraftteilhat, als sich verwandterkennt.Die Abkehrvom objektiven MaBverhaltnis,
von der ,tasis' Platos, und der Rekursauf die Seele,
in dem man, mit AlfredBaumler,einen Schritt zur Begrundungdes Asthetischenim Subjektsehenkann8,differenziertdie Lehrevon der GeltungderZahl
in der Musik.Die sinnlichenHarmoniensind zwar dem MaBverhaltnisunterworfen.Aber die sind, nach Platon, bedingtvon unsinnlichenHarmonienals
Ideen, und diese werdendurchjene von der Seele als das ihr gleichewiedererkannt.Die Seinsweiseder Harmonieund der Zahl als Idee steht nicht unter
der Kategorieder Quantitat,sondernunter der der Substanz,d.h. als Idee
bestehenZahl und Harmonienicht in zahlbarenEinheiten.Die Seele erfahrt
also eine Anamnesis,d.h. sie hat in sich die substantielle(nicht quantitative)
Idee von Harmonie,und diese Idee ist das Kriteriumdes Schonen,nicht das
objektiveMaBverhaltnis9.
Die platonischeLehrevon derAnamnesiswirdgegen
die von der Tasis akzentuiert.Die Anamnesislehreaber ist, wie Paul Natorp
ausfuhrte,der Ursprungder Lehr von der Aprioritat:Um im Gegebenenein
Gleichesals Gleicheszu erkennen,muS die Seeledie Idee der Gleichheitschon
in sich habenl°.
II
Die pythagoreisch-platonische
Tradition von der Zahl als ontologtschem
Grunddes Schoneneinerseitsund die PlotinscheWendungnach innen anderseits bezeichnendie problemgeschichtliche
Situation, in der AugustinusDe
muoicaschreibt.Hier tritt der Begriffder ,,numerijudiciales"auf, der eine
Zahlhaftigkeitim urteilendenEoren bezeichnetund somit in der Wendung
zum horendenSubjektdas Kriteriumder Zahlbewahrt.Augustinusgeht nicht
spekulativvor, sondern,,phanomenologisch":
Er wahlt ein Beispiel und befragt es nach seinenallgemeinenKomponenten.Das Beispielist das Erklingen
desVerses,,Deuscreatoromnium".Die Fragerichtetsich erstensauf die Seinsweise dieses Erklingensin ihren KomponentenDarbietung,Klang, Horen,
Gedachtnis,zweitens auf deren Abhangigkeitsverhaltnis
und Rangordnung,
drittensauf derengemeinsamendenknotwendigenGrund- und hier tauchen
die ,,numerijudiciales"in merkwurdigerDoppeldeutigkeitauf. Hier soll aus
8 A.BAI7MLER
isthetzk, Munchen und Berhn 1934; Nachdruck Munchen 1972,
S. 17ff.
9 PLOTIN,Enneaden I, 6, 17; ubersetzt von R. HARDER,Plottns SchrtfZen I,
Hamburg 1956.
lo P.NATORP,
Platos Ideenlehre, 2Leipzig 1921, S3. 143, - nach GI.MAsTINSder
diesen Gedanken ,,das platonische Argument" nennt (MARTIN,t3. 23).
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Augustinus'sorgfaltigabwagendenBetrachtungennurdie Linieherausgearbeiet werden,die zu den ,,numerijudiciales"fuhrtl1.
:13eider Untersuchungder AbhangigkeitzwischenKlang und Eoren stoBt
Augustinusauf den Unterschiedzwischen dem Horen als faktischerWahrnehmung,die ulit dem Klang entsteht und vergeht, und dem Horen-konnen
als Fahigkeitder Unterscheidung,die nicht mit dem Klang entsteht und vergeht. ,,DienaturlicheUrteilsfahigkeitjedoch,die gleichsamunserOhrbewohnt,
endigt nicht im Schweigen,noch tragt der Ton sie in uns hinein, sonderner,
der Ton,wird vielmehrvon ihr, sei es billigend,sei es miBbilligend,aufgenommen.''12Dieses apriorischeMomentwird noch deutlicherbei der Frage nach
der Rangordnungder Komponenten.Legt man das Verhaltnisvon Ursache
undWirkungzugrunde,so ist derKlangeine Ursachedafur,daBgehortwerden
kann. Die Beunruhigungdaruber,daB somit ein Korperliches- der Klang ubereinem Seelischen- dem Horen- stunde,laBt Augustinusdaranzweifeln,
daB das Horennur passiveWirkung,ein Erdulden,ist. Der Zweifelfuhrt ihn
zu einerErkenntnis,die erst in neuzeitlichemKontext moglichzu sein scheint,
zur Erkenntnisder konstitutivenSubjektivitat:Mankonne das Horen ,,kein
Erduldender Seele nennen, sondernvielmehrein Wirken,eine Tatigkeit''l3.
Horen sei immer schon ,,aktive Seelentatigkeit",sei es als unterscheidende
Wahrnehmung,
sei es - deutlichernoch- als ,,inneresHoren",d.h. als stumme,
produktiveTonvorstellungl4.
Die dem GehorbegegnendenRhythmennennt Augustinus,,numerioccursores",die im inneten Horen produzierten,,numeriprogressores".
Worinbesteht nun die Prioritatund Aktivitat des Horensgegenuberden ,,occursores"
und den ,,progressores"
? Offenbardarin,daBim Horeneine Instanz wirksam
ist, durch die begegnendewie vorgestellteKlange aufeinanderbezogen und
11 Eine knappe verstandnisvolle Darstellung der ganzen Schrift bei G.WILLE
Musica Romana, Amsterdam 1967, S. 603-622. Von der Literatur zu De musica se
genannt: H.EDELSTEIN, Dte Muszkanschauung Augusttns, Diss. lfreiburg i. Br.
1929; W.HOFFMANN,Phtlosophtsche Interpretatzon der Augusttnus-Schrtft ,,De arte
musica", Diss. Freiburg i. Br. 1930, gedruckt Marburg 1931. TINA MANFERDINI,
L'estettca reltgtosa tn S. Agosttno, Bologna 1969.
12 AUGUSTINUS,
De mustca, VI, 2; naeh der deutschen tbersetzung von C.J.
PERL, StraBburg, Leipzig, Zurich 1937. Lateinischer Text aus Patrologza lattna
XXTI: ,,Naturalis vero illa vis quasi judiciaria, quae auribus adest, non desinit
esse in silentio, nec nobis eam sonus infert, sed ab ea potius, sive probandus, sive
improbandus excipitur."
13 Ebenda, VI, 5, 11. ,,...nonne
fatendum est facere esse, non pati? D. Ita est."
Mit Bezug auf Wahrnehmung uberhaupt vgl. ebenda VI, 5, 10.
14 Ebenda, VI, 6, 16. ,,... sed quoniam disputatum est, hos etiam qui sunt in
sentiendo numeros operationes esse animae; quomodo eos ab illis diseernis, quos
in aetu esse animadvertimus, etiam cllm in silentio non recordans agit aliquid
anima per temporalia spatia numerosum? an quod illi sunt moventis sese animae
ad corpus suum, hi vero in audiendo moventis sese animae adversus passiones
eorporis sui? D. Aeeipio istam differentiam."
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)beurteiltwerden,die also zu einem ,,iudicium"fahig ist. Wenndiese Urteilsfahigkeit sich auf ,,numeri",auf zahlhaftesKlanggefuge,auf Rhythmen beziehen soll, kann sie nicht andersgedachtwerdendenn als zahlhaftund zeitlich:daherderBegriffder,,numer;judiciales".Die tYbersetzung
diesesBegriffes
ist schwierig:ubersetztman ,,urteilendeRhythmen",so entstehtderEindruck,
es handele sich um ein Urteil der Art, ob ein bestimmterRhythmus z.B.
jambischoder trochaischist; dazu aber genugen die erinnertenRhythmen,
,,recordabiles".
Die ,,numerijudiciales"bezeichnenvielmehrdas, was solchem
Urteil schonvorausgeht:das Vermogender Beziehungvon Zeitwertenaufeinandermittels der Zahl. Sofein die Zahlin dieserSynthesisfunktionschon Relation ist - und nicht nur monadischeZahl,Folge von Punkten- kann sie bereits Rhythmus genannt werden. Sehr deutlich sagt Augustinus, daB die
,,judiciales"von der Zeitlichkeitder klingendenRhythmen, welche sie beurteilen, ,,unabhangigsind''l5.Sie ermoglichenderenWahrnehmung
und das
damit verbundeneGefallenoder MiBfallen.In dieser Ermoglichungsfunktion
*
smcl
1
*
*
*
sle aprlorlsen.
Antike Metrenals Gruppierungvon Langenund Kurzensind zahlenmaBig
bestimmte Gefuge. Sie werden wahrgenommenund beurteilt durch ein im
Horen wirksamesVermogenzahlhafter Relation, durch die Zahl, von der
Aristotelessagt, daBes sie nicht gebe ohne die zahlendeSeelel6.Die ,,progressores"werderl,,durchein verborgexles
GEeheiB
derUrteilergestaltet",sie werden
durchsie ,,zu einer Gleichformigkeit
angehalten''l7.Die ,,occursores"konnen
unterscheidendwahrgenommenwerden,sofern sie ,,im GEedachtnis
bleiben":
Die BereithaltungdesVerklingenden
im Gedachtnis(lIusserls,,Retention")ist
Voraussetzung
der beziehendenWahrnehmung
und der Beurteilung,aberdiese
Bereithaltungsetzt ihrerseitsschon das Urteil als FahigkeitderVerknupfung
voraus,dena ein ,,nicht gegliederterKlang"bleibt richt im Gedachtnisl8.Ist
das durchdie ,,numerijudiciales"ermoglichteUrteil ein Erkenntnisurteiloder
ein asthetischesUrteil?Sofernsein Gegenstanddie ,,zusammengefaBte
Gliederung"des zeitlich Gegebenenist, handelt es sich um ein Urteil im Sinne der
Verknupfungvon Sinnesdatenzu Anschauungen,von Anschauungendurch
Begriffe.Die BegriSe sind hier Relationsschematawie 1:2 oder 2: 1:1. Darin
15 Ebenda, VI, 6, 17. ,,Igitur apparet hos mora temporum, qui judicando praesident, non teneri."
18ARISTOTELES,
Physzk, IV, 14, 223a 16ff, nach MARTIN,S. 40.
17AUGUSTINUS,
De mustca VI, 8, 20, deutsche Ubersetzung von C.J.PERL, lateinischer TestPatr. Iat. XXXTT: ,,Nam et illi progressores cum aliquam in corpore
numerosam operationem appetunte latente istorum judicialium nutu modificantur."
18 Ebenda, VI, 8, 21. ,,Cum autem diutius aures pulsat sonus nullis distinctus
articulis, et ab aliquo tandem fine conjunctus alter duplo, aut etiam tanto editur
spatio; attentione in succedentem perpetuo sonum motus ille animi, qui attentione
ad praeteritum et elapsum sonum cum transibat est factus, reprimitur, id est non
ita remanet in memoria."
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)zeigt sich die Zahlin ihrerFahigkeit,Ungleicheszur Gleichheitzu bringenl9.
Ebensoaberist das Urteil ein asthetisches;denn die Teilhabean der Zahl als
Idee ist Bedingung fur die asthetischeWirksamkeitdes Rhythmus, denn
Schonheitist nach Augustinus,,aequalitasnumerosa".
Die Unabhangigkeitder ,,judiciales"von der realen Zeit der klingenden,
gehortenund erinnertenRhythmen bringt Augustinusauf die Frage, ob die
,,numerijudiciales",,unsterblich"seien, ob ihre Aprioritatabsolut sei. Diese
FragemachteineneueDifferenzierung
erforderlich,die man dialektischnennen
kann:Die regulativeFunktionder ,,judiciales"- sowohlin der stummerlToilvorstel]ungals auch gegenuberden auf das Gehoreinwirkendenund im GedachtnisfestgehaltenenKlangen- wirdanerkanntund doch als letzte Instanz
bezweifelt.Die Geltungder ,,judiciales"erweist sich als eingeschranktdurch
Bedingungenanthropologischer
und geschichtlicherArt: es sei denkbar,daB
ein Mensches erlerne,,,umfangreichere
Zeitintervallezu erfassenund zu beurteilen",wodurchdie Geltungder ,,judiciales"einem LernprozeBunterlage;
und es sei denkbar,daBihr Geltungsanspruch
auf ,,Gewohnheit"beruhe,die
man mit Recht ,,quasisecundaet quasi affabricatanatura"genannthabe20.
Augustinustreibt die Dialektikso weit, daBer diese ,,numerijudiciales"umbenenntin ,,numerisensuales",und den Begriffder ,,judiciales"fiir eine letzte
transzendentaleBezugsmoglichkeitder sensualesvorbehalt2l.
Es gibt also folgende Gattungen:judiciales,judicialesals sensuales,progressores,occursores,recordabiles,sonantes.Diese Gattungenlassen sich auf
die von Plotin unterschiedenenSeinsweisender Zahl beziehenund sind moglicherweiseauch historischauf sie bezogen.Plotin unterscheidetdie Zahl als
Idee, die monadischeZahlder Mathematik,die Zahlin den Sinnendingenund
die Zahl im Akt des Zahlens,welchesseinerseitsschon die Idee der Zahl voraussetzt22.WennAugustinusdie Ideen auch als ,,judices"des menschlichen
Geistesbezeichnet,so stehen die ,,numerijudiciales"auf der Stufe der Idee.
Die ,,sensuales"e2ristieren
im Akt des Horens,ihr ,,judicium"setzt die Kenntnis der ,,judiciales"voraus,welcheals mathematischesVerhaltnisin der monadischenZahl ausgedrucktwerdenkonnen.Im subjektivenAkt existierenauch
die ,,progressores"
(Wille),die ,,recordabiles"
(Gedachtnis)unddie ,,occursores"
19Ebenda, VI, 10, 27. ,... nisi ut in ambitu brevius membrum majori aequalibus
pedibus ad plausum conveniat, et in versu occultiore consideratione numerorum,
ea quae inaequalia membra junguntur, vim aequalitatis habere inveniantur?"
20 Ebenda, VI, 7, 19. ,,M. Quaero igitur utrum possit aliquis aliquando productiora intervalla judicare et approbare, quae alius non possit. D. Credo esse posse.
M. Quid? Ille qui non potest, si se e2rerceat congruenter, nec adeo tardus sit, non
poterit? D. Poterit vero."
2t Ebenda, VI, 11, 24. ,,Jam nunc, si placet, illi qui nobis subrepserant ad principatum obtinendum, sensuales nominentur, et judicialium nomen, quoniam est
honoratius, hi accipiant qui excellentiores comperti sunt."
22MARTIN,S. 5 1 ff
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)(Perzeption).Als sinnlichesGebildeexistierendie ,,sonantes".Der Aufstieg,
um den es Augustinusim sechstenBuch zu tun ist, fuhrt zu den ,,immutabiles
numeros,qui in ipsa sunt immutabiliveritate".DaranschlieBtsich der noetiinteressiertdasVerhaltnis
sche Gottesbeweisan23.In unselemZusammenhang
als ,,sensuales".Ist das
,,judiciales"
den
zu
,,immutabiles"
als
der ,,judiciales"
Sinne der ,,immutaim
Idee
ungeschichtliche
eine
oberstePrinzipvon Musik
von Musik
Beurteilung
und
biles", so muB es KonstantenderWahrnehmung
Gewohnheit.
und
geben. Aber Augustinusverweist deutlich auf LernprozeB
Er begreiftdie ,,immutabiles"als schopferisch:Sie sind Keimkrafte,,,rationes
Bereich zur Entfaltung kommen.
seminales",die im leiblich-geschichtlichen
,,sensuales",aberdie ,,immutaals
nur
,,judiciales"
die
sind
Faktischwirksam
Geradeweil er das betont, entbiles" sind derenletzter Ermoglichungsgrund.
geht AugustinusdemFehlerneuzeitlicherThearienvom musikalischenApriori,
Geltungenzielen.
sofernsie auf schlechthinubergeschichtliche
Situation zuruck,in der AuguBlicken wir auf die problemgeschichtliche
sagen:Die ,,numeri
zusammenfassend
sich
laBt
so
schreibt,
stinus De Mustca
in der
ZahlbegrifEs
des
Wandlung
bedeutsame
judiciales" bezeichneneine
mit
Tradition
Musiktheorie.Sie verbinden die pythagoreisch-platonische
die
wird
damit
PlotillsWendungnach innen, zur Seele als ,,innererForm";
Horens,
Zahlnicht mehrals dinghaftesGefuge,sondernals ,,innereForm"des
als im HorenzahlendeSeeleaufgefaBt.In demBegriSder,,judiciales"als ,,sensuales" wird die apriorischeFunktion als anthropologischund geschichtlich
bedingtdurchschautund somit der im antikenSchrifttumvielfachnachweisbare Gedankevon der ,,naturlichen"Veranlagungzur Musik philosophisch
entwickelt24.
III
WennAugustinusden BegrifEder ,,numerijudiciales"aufspaltetin den der
,,sensuales"und den der ,,judiciales"im engerenSinne, so versucht er, den
Anteildes ,,sensus"von dem der ,,ratio"in der musilialischenApperzeptionzu
trennen. Die Trennungergibt sich erst im Verlaufder Betrachtung,aus der
Frage nach der Geltung der ,,judiciales";was der Introspektionzunachst
beider. Augu,,gegeben"ist, erscheintals ungeschiedenesZusammenwirken
Dauerverhaltnissen,
von
nur
stinus'Ausfuhrungenbetreffendie Apperzeption
Vielleichthatte seingeplantesBuch De melo
nicht von Tonhohenverhaltnissen.
das musikalischeHoren nach dieser Seite hin untersuchtund eine analoge
Spezifizierungder ,,numeri"geboten. Irnmerhinbetont Augustinus - der
und Dionysischer
28 Xhnlich in De vera religtone; dazu J.Eocz, Augustinischer
Seuplatonismus und das Mittelalter, in: W.BEIERwALTEs(Hg), Platonismus in der
Philosophie des Mittelalters, Darmstadt 1969, S. 325ff.
sg Zu dieseIn Gedanken: G.WILLE, S. 459f.
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)antiken musiktheoretischenTraditionfolgend-, daB Musiksowohl als zeitliche wie als tonale Bewegungvon Zahlengestaltet sei25.
BoethitlsbehandeltFragender Harmonik(und Akustik),nicht der Rhythtnik. In diesem Bereichwar die Frage nach der Funktionvon ,,sensus"und
,,ratio" durch die ,,Harmoniker"und die ,,Kanoniker"gegensatzlichbeantwortet worden.Einen vermittelndenStandpunkthatte Ptolemaioseingenommen, auf den Boethius sich beruft. Es geht Boethius jedoch wenigerum ein
Zusammenwirken
von ,,sensus"und ,,ratio"- wie Augustinusim Bereichder
rhythmischenApperzeption-, als vielmehrum ein Neben-oderNacheinander
zweier Urteile: ,,diiudicare"und ,,perpendere".,,Consonantiamvero licet
auriumquoquesensusdiiudicat,tamen ratio perpendit."26 tYberhauptscheint
im Mittelalterdie AugustinscheIdee der ,,numerijudiciales"nicht in ihrer
Zweiseitigkeit,d.h. in ihrerVermittlungsrolle
zwischenSintllichkeitund Verstand, rezipiertwordenzu sein, sondernprimardie von Augustinusim Motto
zum SechstenBuch ausgesprocheneZweiteilungin ,,veranderliche"und ,,unveranderliche"Zahlen.HeinrichlIuschen gibt dafur mehrereBelegstellen27.
Ein zentralesZeugnisfur diese Entgegensetzungder ,,numericorporales"und
,,incorporales"ist neben Boethius die auf ihn wie auf Augustinussich beziehende Musica Enchiriadis:,,...GroBen, welche, um mit Boethius zu reden,
von Natur unkorperlicheund unveranderliche
Wesensind, welche nur in der
Vernunftelristieren(rationevigentia),erleidendurchVerbindungmit Korpern
eineVeranderung
und gehendurchBeruhrungmit einemveranderlichenWesen
in wandelbareUnbestandigkeituber."28
25AUGEUSTINUS,
De ordtne II, 14, 41, Patr. Iat. XXTV; G.WILLE, S. 609. ,,In
hoo igltur quarto gradu sive in rhythmis sive in ipsa modulatione intellegebat
regnare numeros totumque perficere."
26 Boelus,
De musqca, ed. FRIEDLEIN,Leipzig 1867; 1, 28, p. 220, 2.
27 E.EUSCiIEN,
Artikel Aqxgusttnus,MGG I, SP. 855, gibt Zeugnisse von CICERO
bis ATHANASIUS
KIRCHER.
28 Mustca enchtrzadts, ubersetzt von R.SCHLECHT
in: Monatshefte fur Musigeschichte VII, 1875, S. 17f. Vgl. GERBERT,Sertptores ecclestasttoz..., I, S. 193.
Unter Berufung auf AUGUSTINUS:
,,Die Tone gehen schnell voruber, aber die Zahlen, die durch das korperliche Wesen der Stimme und der Bewegung versinnlicht
werden (decolorantur) bleiben. Daher hat die Vernunft, wie der heil. Augustin sagt,
welche erkannt hat, daB in dem Rhythmus, der im Lateinischen numerus heiBt,
oder im Lied (modulatione) die Zahlen herrschen, noch tiefer geschaut und gefunden,
daB sie gottlich und ewig seien." (Ubers. R.SCHLECHT,ebenda, S. 20f.)
Die Idee des Aufstiegs zur letzten Stufe der Augustinschen ,,numeri", die Eonzentration auf das Intelligible als Ziel aller Schonheitswahrnehmung, bildete, wie VON
SIMSONSStudien gezeigt haben, einige Jahrhunderte spater eine theoretische Voraussetzung fur die gotische Architektur. O. v. SIMSON,Wtrkungen des chrtstltchen
Platontsmus auf dte Entstehung der Gotzk,in: Studien und Texte zur Geistesgeschichte
des Mittelalters III: Bumantsmus, Mystzk und i:unst tn der Welt des Mthtelalters,
S. 159-179, hg. v. J.Kocz, Leiden, Eoln, 1953, O. v. SIMSON,The Gothtc Cathedral,
London 1956.
In der Augustinws-Rezeption der Hochscholastik, bei BONAVENTURA,
uberwiegt
Page 11
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)In dem
Rhythmus-Abschnittseines
Capella-Kommentarsunterscheidet
Reniigius von Auserre zwischen
,,numeriintelligibiles&;
nullo sensu corporeo
discernuntur"und ,,sensibiles,cum ad incorporales,cum
& tactum pertinent".
visum &;auditum
Diese
dung bringt er zusararnenmitAugustinsche(und neuplatonische)Unterscheider des Aristoxenos
zwischenRhythmos und
Rhythmizomenon,der die Aristotelische
Unterscheidungvon Form und Materiezugrundeliegt.Da Form,
von allerMaterieunabhangig
begriffist, liegt der Gedankeder
gedacht,ein GrenzVermittlungnahe. Remigiuserwahnt
Akt des lIorens wirksame
eine im
Zahlhaftigkeitund ein ihr
cium":,,Omnisigitur numerus
entsprechendes,,juditripliciratione,id est tribus
modisdiscernitur,
visu, audituque & tactu ...
Auditu, cum ad judicium
dimuS. . .<c29
modulationisintenDie Ausfuhrungen
desJohannesScotus
(Eriugena)zurFrage
vonKlang und Zahl
desVerhaltnisses
bezeichnetJacqueslIandschinals
einen ,,IIohepunktin
derBehandlungdieses
Problems".Fur
Begriff
vom ,,innerenSinn"wichtig. unserenZusammenhangist Eriugenas
Es ist ,,des Geistesinnerer
Sinn",der ,,die
Verhaltnisse
undVerhaltnismaBigkeiten
der Tone. . . in ihrer
ziehungwahrnimmtund
gegenseitigenBeunterscheidet"30.
Der korperlicheSinn, das
alsolches,ist zum
Gehor
,,iudicium"als
esbringt die
unterscheidenderWahrnehmung
nicht
fahig,
Sinneseindruckenur ,,wie ein
Zwischentragervor den prasidierenden
innerenSinn"31. Dieserist
er
bleibt Sinn, dem ohne Einsichtseinerseitsnicht mit dem Intellektidentisch,
in die Zahlenrelationen
,,dasVerhaltnisund
die
passendeVereinigung
derDingenicht entgeht"32.
Der
innere
gena
Sinn,den Eriuvom auBerenSinn und
ebenso von Intellekt und
Vernunft
zeichnet
abhebt, beoffenbarjenes
von sensusund ratio,das
inl
Begriffder ,,numeriZusammenwirken
Augustinus
judiciales"zunachstannirnmtund
dann auseinandersetzt.
Nachder Erkenntnislehredes
NicolausCusanushebt das
Sinnen
Erkennenmit den
an - ohnesie bliebedie Seele
eineunbeschriebene
Tafel,
wieermit Aristoteles
gegenPlato betont-, aberder
Geist
besitzt
ein
Kriterium
fur das,wasdie
Sinne
ihm liefern,,,concreatum
sich
gehen,ist eine Grundfrageiudicium".WieZahlen,MessenundWagenvor
seinerErkenntnislehre,die sich
ihm angesichts
ebenfalls
die Idee des Aufstiegs
durch Reduktion des
AUGUSTINUS
Sinnlichen
freilich auch nur
transitorischen) Vermittlung der gegenuber der (bei
als
,,sensuales".Vom Urteil heiBt
,,numeri judiciales"
es bei BONAVENTURA,
es befreie die im
Wohlgefallen
erfaBten Dinge und fuhre sie
sinnlichen
auf
ihr
numerosa"
geistiges Sein, die ,,aequalitas
zuruck: ,,diiudicatio trahit
res sensibiles in esse
R.ASSUNTO,
Dte Theorzedes Schonen
zm Mtftelalter, Eoln 1963, spirituale" (Nach
29 Remtgzz
S. 106f. und 180ff.)
Alttstdorensts Mustca, GS I, 80.
30 Zitiert
nach J.HANDscHIN, Der
Toncharakter, Zurich 1948, S. 159.
31
J.HANDSCHIN,
DqseMuszkanschauxng
des Johannes Scotus
sche
Vierteljahrsschriftfur Literaturwiss.
(Ertgena), Deutund Geistesgesch. V, 1927,
32
HANDSCHIN,
Toncharakter, S. 159.
Page 12
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Bedeutung 205
des Markttreibensauf dem Forum Romanumstellt33.Die Tiere haben die
Fahigkeitdes Zahlensund Ordnensnicht, obwohlihnen das Sinnesvermogen
mit dem Menschgemeinsamist. ,,UnsereSeele wird daher verdientermaBen
Verstandesseele
genannt,weil sie die Fahigkeitdes BerechnensoderBewertens
hat", ,,vis ratiocinativaseu numerativa"34.Diese ,,vis numerativa"ist es,
durchdie die Seele noch vor allerrationalenBerechnung,,bei sich feststellen"
kann, daB der ihr vom Gehorssinnvermittelte harmonischeKlang zahlenmaBigproportioniertist. Aus dieserdurchdie ,,vis numerativa"ermoglichten
inneren Erfahrungerst wird Wissenschaftals Berechnungvon Intervallen
moglich:,,Wennsie (die Seele)namlichvermogedes Gehorssinnesdurcheinen
lieblichenharmonischenZusammenklang
in Entzuckengeratund bei sich feststellt, daB das Wesendes Zusammenklangs
in der zahlenmaBigenProportion
begrundetist, steht sie im BegriS, dieWissenschaft,musikalischeZusammenklangemit Hilfe der Zahl zu berechnen,zu erfinden."35
IV
Augustinusschriebdas sechste Buch spaterals die wahrscheinlichin einem
Zugeentstandenenerstenfunf BucherDe musica.Er schriebes etwa 389 zwischender Arbeitan den Buchern,,tJberdie Genesisgegendie Manichaer"und
,,Alonder wahrenReligion"36.Augustinusbetont selbst die Eigenstandigkeit
des sechstengegenuberden anderenfunf Buchem:Mancherwerdesich an den
erstenfunf Genugetun, der Glaubigemoge liebergleich mit dem sechstenbeginnen37.Gegenstandder ersten funf Bucher sind objektive metrischeSachverhalte,Gegenstanddes sechstenBuches ist die Introspektiondes musikalischen IIorens.Es ist nicht, wie oft gesagt wird, eine ,,psychologische"Untersuchung,sondemeine erkenntnistheoretische:
es hat seinenOrtin deI Grundfrage Augustins nach der Erkenntnis von Wahrheit. ,,Noli foras ire, in te
ipsum redi": Augustinussucht Wahrheitund ihr Kriteriumim BewuBtsein
selbst;was demBewuBtseinvon auBengegebenist, darubermag manzweifeln,
aber ,,mag einer auch sonst zweifeln,uber was er will, uber dieses Zweifeln
selbst kann er nicht zweifeln."DerWeg der introspektivenBewuBtseinswahrnehmungverbindetAugustinusmit Descartes,wenngleichDescartesauchnoch
das, was Augustinusals Paradigmavon Wahrheitherausarbeitet,die ,,incor33 Vgl. K.H.VOLRMANN-SCHLUCK,
Ntcolaus Cusantus. DmePhtlosophze zm Ubergang vom Mtttelalter zur Neuzett, Frankfurt/M. 1957.
34 De ludo globt, Vom Globussptel,hg. v. G. v. BREDOW,
Phil. Bibliothek CCXXTII,
Hamburg 1952, S. 70f.
35 Ebenda. Vgl. H. HUSCHEN,Ntcolaus von Zues und setn BSIuszkdenken,
in:
Symbolae Historicae Musicae, H. Federhofer zum 60. Geburtstag, hg. von F. W.
RIEDELund H.UNVERRICHT,Mainz 1971.
36 Vgl. das Vorwort z
deutschen Ausgabe von C.J.PeRL.
37 Vgl. das erste Kapitel des sechsten Buches.
Page 13
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)numeriveritas"in den universellenZweifeleinbezieht,um ihn ausruptibilts
weisbaruberwindenzu konnen38.DenWeg der Introspektionhat Augustinus
sichin seiner Mttsicagebahnt wie spater Descartesin seinem Mvsicae Compendi?m39.
Descartessucht im horendenBewuBtseinnach einem Kriteriumfur das,
wasden Gehorsinnangenehmist. Seine Frageist, wie Objektebeschaffenund
angeordnetsein mussen,damit sie die Sinne erfreuen40.Bei der stufenweisen
Einkreisungdessen, was den Sinnen angenehmist, stoBt Descartesauf die
arithmetischeProportionals Bedingung.Das horendeBewuBtseinerfaBtdas
gehorteObjektoffenbarzahlend;als Kriteriumdessen,was dem Gehorangenehm ist, erweist sich die Zahl als ,,modus cogitandi".Dies demonstriert
Descartesin dem Abschtlitt,,de numerovel temporein sonis"daran,wie sich
,,membra"eirles Musikstuckesim BewuBtseindes Horenden sukzessivezu
groBerenEinheiten verbinden. Die Zahl als ,,modus cogitandi"ist in der
,,imaginatio"des IIorenswirksam:nach dem ersten und zweitenGliedfassen
wir beide zusammen,das dritte und vierte verknupfenwir ebenso, zugleich
abermit den beidenersten,,,ut instaruniusilla quatuorconcipiamusimul"41.
von Leibnizist zunachsthervorzuheben:
An der beruhmtenMusikdefinition
sonderndas Zahlen. Das Zahlen als
nicht die Zahl ist Definitionsmerkmal,
arithmeticae";es sind, wie auch Descarteshervorgehobenhat,
,,e2rercitium
arithmetische,nicht geometrischeProportionen,die im Horen wirksamsind.
Gegendie Cartesianerbetont Leibniz,es gebe auch ,,Perzeptionen,derenman
sich nicht bewuBtist". Perzeptionaber besteht in einem ,,vorubergehenden
Zustand,dereine Vielheitin der Einheiteinbegreift"42,d.h. Perzeptionensind
schonunbewuBtesZahlen,wobei das Zahlennicht bloBeReihungist, sondem
ein Synthesieren,ErfasseneinerVielheitals Einheit.Leibnizbetont den Relationscharakterder Zahl43.Relationenbeziehenihre Elemente auf besondere
Weise aufeinander,z.B. als Gleichheit,als Entsprechung(Dual, Trias), als
Verhaltnisvon Detail und Gruppe.Dazu paBt, daB Leibniz den schopferiDe Trinttate X, 10. A.KoYR*, Descartes und dte Scholastik,
88AUGFUSTINUS,
Geschichte der Philosophie, Freiburg,
J.HIRSCHBERGER,
143-154;
S.
Bonn 1923,
Basel, Wien, 41960, Bd. II, S. 86; R. LAUTH, Zur Idee der Trsmszendentalphtlosophie,
Munchen 1965, S. 37; W.WEIER, Die introspektive Bewu,Stseinswahrnehmungbeim
hl. Augusttnus und bei Descartes, in: Franziskanische Studien L, 1968, S. 239ff.
39Vgl. H.BESSELER,Das muszkaltsche Horen der Neuzeit, in: Ber. uber die Verhandl. der Sachs. Akademie derWiss. zu Leipzig, Phil.-hist. Klasse, 104, 6, Berlin
1959, S. 30: ,,Es ist bedeutsam, daB Descartes zum erstenmal in der Geschichte des
Musikschrifttums nicht von der Musik selbst ausgeht, sondern vom Horer."
40Vgl. W. SEIDEL,Descartes' Bemerkunyen zur muszkalsschenZett, Af Mw XXVII,
1970, S. 287ff.
41Oeurres de Descartes, X, hg. von aE.ADAM und P.TANNERY,Paris 1908, S. 94.
42G.W.LEIBNIZ, Vernunftprtnztpen der Satur und der Gnade. Monadologte
Franzostsch-deutsch, Phil. Bibl. CCLIII, 1956, S. 31.
43 MARTIN,
Page 14
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)schen Charakterder Zahl hervorhebt:,,CumDEUS calculatet cogitationem
exercet, fit mundus."44Die ,,vis numerativa"ist schopferischund geschichtlich, obwohldie Zahlenunveranderlich
sind; dies entsprichtder Augustinschen
Konzeptiondes Verhaltnisseszwischen ,,judiciales"und ,,sensuales";wobei
daran zu erinnernist, daB Augustinusmit Bedacht den Vers ,,Deus Creator
omnium"vorangestellthat45.
Der apriorischeRelationscharakterdes musikalischenDenkens, der in
Augustins ,,numeri judiciales"e2rplizitformuliertist, steht der Geschichte
nicht starrgegenuber:er ist als je besondererbewuBtgemachtwordenan antikenMetren(Augustinus),an derHarmonieals Tongefuge(Eriugena,Cusanus),
an der Periodik des Tanzes und Liedes (Descartes)und konnte schlieBlich
Definiensfur das Wesen von Musik uberhauptwerden (Leibniz).Das Wort
,,iudicare"gehortzu jenen ,,verbasentiendiet dicendi",durchdie in der lateinischenSpracheeine Konfrontationdes Aussage-Inhaltsund der auf ihn bezogenen mentalen Fllnktionenmanifest wird46.Die ,,numerijudiciales"bezeichnen einen Wendepunktauf dem Weg vom klassisch-griechischen
logosDenkenzu derauf dem ,,Cogitare"begrundetenneuzeitlichenLogik,auf deren
Grundlagesich im 18.Jahrhundertder Begriffder ,,musikalischenLogik"herausgebildethat.
Ebenda, S. 86.
AUGUSTINUS, De Mustca, VI, 17, 57.
46 J. LOANN,
Phtlosophze und Sprachwwsenschaft, Berlin 1965, S. 275.