Pythagoras und Zoroaster

Auteur
Schneider, W.
Publié dans
Die Christengemeinschaft
Année
1955
Sujet
ZOROASTER
Langue
Deutsch
Catégorie
C12 Religion
Numéro d'archive
578

Ouvrir le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Afficher le texte intégral2 pages

Page 1

Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Pythagoras und Zoroaster Damaskus lag seit Tagen hinter ihnen, und endlos breitete sich wieder die syrische Wiiste nach Osten. Die Sonne brannte hernieder, als wollte sie die Erde zum Glühen bringen. Osiris, der waltende Herrscher des Weltalls, war tot — wohnte in der Sonne ein Geist der Vernichtung, Sie„vs. a ‘AS y € \+ und Erde klangen wider von der Stimme der klagenden Witwe, der trauemden Isis. Niemals war dieser Schatten gewichen, auch nicht als Pythagoras emporgestiegen war zu den höchsten Graden der Einweihung, die seit Jahrtausenden nur den Edelsten der Ägypter zugänglich geder die Mysterien der Ägypter auslöschen wollte, wesen waren. Oft hatte das ernste Auge des so wie man ein Auge blendet mit glühendem Eisen? Die Gefangenen schleppten sich nur noch mühsam hin mit verdorrten Zungen und blutenden Gelenken; wer liegen blieb, erhielt den obersten Opferweisen, des gôtternahen Sonchis, auf ihm geruht, dem einzigen Fremden unter allen Tempelschülern, mit eherner Strenge ihn zu immer höherer Anstrengung aufrufend. Auf seiGnadenstoß durch die Lanzen der Reiter. Die nem Sterbebett hatte Sonchis, während die übPerser auf ihren Pferden lachten und riefen sich rige Priesterschaft sich in Sicherheit wiegte, ihm, Worte in unverständlicher Sprache zu, sie hatten dem Fremdling, den Vorhang der Zukunft geöflWasserschläuhe und waren die Sieger. Die net, hinschauend auf den nahenden Untergang ägyptischen Priester aber wateten verschmach- Ägyptens, und hatte ihm befohlen, dem jungen tend, mit versagenden Kräften durch den knö- Volke der Hellenen das Wissen der Mysterien zu cheltiefen heißen Sand. Die Leopardenfelle wa- bringen. Aber während Pythagoras, kaum daß ren längst von ihren Schultern gerissen, das ein- die drei Monate dauernden Totenfeiern beendet zige Zeichen ihrer Würde waren die nach der waren, zum Aufbruch rüstete, waren schon des Tempelsitte kahl geschorenen Häupter. In ihren Perserkönigs Kambyses wilde Reiter am unteren Mienen lagerte der Emst und das tiefe Schwei- Nil erschienen und auf allen Straßen einhergegen jahrtausendalter Mysterien. Auch im Unter- sprengt. Sais, Memphis, Theben loderten wie gang wollten sie den höhnenden Siegen kein Schauspiel geben. Pythagoras ging mitten unter ihnen, ein Grieche unter den Ägypten, kahlkópfig und gefesselt wie sie, eingeweiht und wissend wie sie. Ungewohnt der Wüste, litt er noch mehr als die anderen, aber wie von Erz war sein Gesicht; so müde auch die Glieder sich bewegten, hinter der hohen Stim gingen die Gedanken unablässig hin und her, zurück Jahr um Jahre in die farbighellen Säulenhöfe, die dunklen Tempelkammern und vorwärts in eine glühende, ungewisse Zukunft. Was wollten die Götter mit diesem, wie schwelende Brandfackeln zum Himmel. Der Pharao ward erschlagen; die Priester, aus allen Tempeln gerissen und zusammengetrieben, wurden nach Babylon geschleppt. Pythagoras war unter den wenigen Überlebenden, die dort ankamen, Sie wurden vor Kambyses geführt, der im Palaste Nebukadnezars wilde Feste feierte, an den Tänzen der Ischtarpriesterinnen und an den Qualen Gefolterter sich ergôtzend, von Finsternisdämonen besessen, ganz unähnlich seinem großen Vater Kyros, der ein Sonnenheld gewesen war. Als er die Elendsgestalten der ägyptischen Priester erblickte, ließ es schien, tödlichen Schicksal? Hatte Sonchis, der Kambyses ihnen die Fesseln abnehmen und rief weiseste aller Tempelpriester, dies nicht vorauslachend, sie sollten an den Straßenecken ihr Brot gesehen? Das Ende Ägyptens hatte er geweis- erbetteln. Gefangene blieben sie auch ohne Fessagt. Aber ihm, dem Griechen, hatte er das Ge- seln; keiner durfte die Stadt verlassen. heimnis der Mysterien anvertraut. Sollte es nun Pythagoras ging zu den babylonischen Priemit seinem Blute unter dem Lanzenstoß der Per- stern, die dem Gotte Marduk opferten, dem Hüter der Sonnengeheimnisse, dem Bezwinger des ser im Wüstensand verrinnen? Als Jüngling war Pythagoras nach Ägypten ge- Nachtdrachens Tiamath. Mit Furdit vor dem Kökommen, ein Schüler des großen Thales von nig nahmen sie ihn auf und ehrten ihn als einen Milet und des schwermütig grübelnden Phere- Sonneneingeweihten. Mit noch größerer Furcht kydes. Denken hatten ihn die griechischen Mei- führten sie ihn heimlich im frühesten Morgengrauen durch verborgene Gänge, an deren Wänden mächtige Löwen auf dunkelblauem kammern des hunderttorigen Theben, in den äl- Grunde in schweigendem Zuge ihnen entgegentesten Tempeln den Stufengang der Einweihung schritten, zu dem Hierophanten des großen Kyin langen dreimal sieben Jahren gehend, war ihm ros. Er galt als der Meister aller Wissenden, und die Summe uralter Weisheit offenbart, war er selbst Kambyses, der ihn haßte, weil er nicht gewürdigt worden, in seiner Seele mitzutragen gern an seinen Vater Kyros erinnert wurde, an der Last, die wie ein düsterer Schatten alle wagte nicht, ihn anzutasten. Eingeweihte aus alWeihestätten des Nillandes überlagerte: Osiris len Mysterienstätten: Babylonier, Chaldäer, Perwar entschwunden, tot und zerstückelt, Himmel ser, Hebräer, Syrer, Ägypter und Thraker samster wohl gelehrt, aber ihre Worte reichten nicht in die Tiefe der Mysterien. Erst in den Weihe- ” In: Die Christengemeinschaft, 27 - 1955

Page 2

Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)
melten sich wie suchende Schüler um den ehrwiirdigen Greis, der im Verborgenen leuchtete. Zaratas nannten ihn die Perser. Vor Jahrzehnten, als Kyros zu seinem Siegesfluge sich erhoben hatte, gleich einem kreisenden Adler, war der Meister der Sonnenmysterien herabgestiegen von den Hochgebirgen Innerasiens in die medische Königsstadt Ekbatana und hatte den Sinn des Helden Kyros gelenkt zu hohen Götterzielen und sonnenheller Menschlichkeit, so daß alle Völker ihn als Befreier grüßten und die Juden aus babylonischer Gefangenschaft von ihm heimgesandt wurden, den Tempel zu Jerusalem wieder aufzubauen. Nun im hüchsten Alter streute Zaratas still die Saat des Geistes aus an alle Völker. Pythagoras war der einzige Hellene unter seinen Schülern. Mit weißen Haaren und leuchtender Stirn saß der Alte im Kreise der Wissenden, der Dreizehnte unter Zwölfen. Sein Auge, das jeden Schüler liebend umfaßte, hatte erkennend aufgeleuchtet, als Pythagoras sich vor ihm neigte. Und des Hellenen Blick, in seliger Befreiung, hatte sich aus den Schatten ägyptischer Schwermut dem Lichte entgegengehoben, das von diesem ehrwürdigen Haupte sonnenhaft ausstrahlte. Agyptens Untergang, Wiistenglut und Todesnot, sie waren das flammenumlohte Tor gewesen, durch das der Gott Apollon ihn zu dieser Begegnung mit dem höchsten aller Eingeweihten geführt hatte. In Scherben zerfielen die Gefäße der einzelnen Völker, denn gewaltig über Länder und Meere, über allen Völkern waltete der Wille des Gottes, damit die Weisheit der Sonne allen zuteil werde und der Menschheit voranleuchte. Zaratas sprach von der großen Sonnenaura, die Licht und’ Leben ist und höchster Gottesgeist; er sprach von den Scharen der hohen Lichtwesen, die, ausgesandt von der Sonne, mit den Geistern der Finstemis kämpfen und mit dem Fürsten der Finsternis Ahriman; er sprach von den Menschen, die als Streiter in dem Heere des Lichtes berufen sind, die Erde zu ergreifen und die Arme dem Lichte entgegenzuheben. „Wer sendet sie alle?“ fragte Pythagoras. „Wir haben in Theben schauend wahrgenommen: Osiris ist tot.” Zaratas ließ den Blick in die Runde gehen und antwortete: „Nicht du allein. Viele sitzen hier, die den Tod des Gottes erlebt haben. Aber du hast auch den jungen Horusfalken geschaut, den Künder der Zukunft.“ „Was ist mit ihm? Dunkel ist die Zukunft...", stammelte Pythagoras. „Dunkel ist das Heute. Ihr meint den Tod des Gottes zu erleben; aber was in Wirklichkeit stirbt, große Sonnengeist hat das Reich der Sonne ver- = lassen und steigt herab zur Erde. Das zu lehren, bin ich zu euch gekommen.“ Alle schwiegen und blickten sinnend vor sich hin. Es war, als ob in diesen Zwölfen alle Völker des Erdkreises sinnend der Botschaft lauschten. Zaratas hob seinen Blick, der lange auf dem Hebräer geruht hatte, und sprach: „Ja, er wird kommen, der sieghafteste Heiland. Er ist nicht mehr in der Sonne, er ist schon nahe der Erde. Preiset den Tag, da er erscheinen wird!“ Ein Erschavern ging durch alle, ‘und sie sammelten tempelgewohnt ihre Seelen in übender Versenkung. So lehrte Zaratas die Zwölf und versiegelte die Worte in ihren Seelen. Sie sollten wissen, während in den Seelen der Vielen nur ein Raunen und Ahnen als Erwartung des kommenden Gottes durch die Völker und die Jahrhunderte zog. Pythagoras nannte den Weisen in seinem Herzen Zoroaster, denn wie der Morgenstern dem Aufgang der Sonne vorangeht, so schien ihm der Geistesstern dieses Menschheitsführers dem neuen Weltentage voranzuleuchten. Nur wenige Jahre noch lehrte Zoroaster zu Babylon. Dann verließ seine weltenweite, reife Seele den hinfälligen Leib, und seine Schüler zerstreuten sich als Träger der Geistessaat in alle Winde. Pythagoras aber, als Grieche gewohnt, wach und planend den Kiel des Schiffes von Insel zu Insel zu lenken, wurde ein Mysterienwanderer. Von der Höhle des unterirdischen Zeus auf Kreta bis zu den orphischen Weihestätten im Waldgebirge Thrakiens ging seine Fahrt, und ihm dämmerte eine Ahnung von der Einheit aller Mysterien. Eines Morgens, leibentrückt, rang er mit dem Gotte Apollon um die Emeuerung und Vereinigung der Mysterienbilder. Aber der Gott schlug ihn mit der Hand auf die Hüfte, daß sie wie von Gold wurde, und er erwachte. Da erkannte er, daß die Tore der Mysterien sich schlossen. Er war als Letzter hindurchgegangen. Die Hand Appollons wies ihn auf den Weg. In dieser Stunde, da die Weihestätten verstummten und die Bilderschau verdämmerte, wurde ihm aufgegeben, in Gedanken zu prägen, was er geschaut. Die erwachende Lichtkraft des Denkens sollte die Früchte der Mysterien weitertragen. In Kroton, an der Küste des hellen Ionischen Meeres, den Blick nach Osten gewendet, nicht weit von der sizilischen Meerenge, gründete er seine berühmte Schule. Die Pythagoräer aber trugen in den folgenden zwei Jahrhunderten das Wissen, das sie von dem großen Mysterienwanderer empfangen hatten, in alle Welt. Einer von ihnen war der Lokrer Timaios, der den weisen ist euer.Schauen. Ihr wendet das Geistesauge zur Platon belehrte, so daß dieser sein großes GeSonne und schaut den Gott nicht mehr. Er ist spräch über die Weltseele nach ihm benannte. euch entschwunden, aber er ist nicht tot. Der Wilhelm Schneider .-