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Aristoxenos und die Auloi
\ as
Dietmar Najock (Berlin)
1. Data et Acustica
In seinem Buch "Ancient Greek Music” gibt M. L. West bei der
Besprechung der Musikinstrumente auch eine Liste erhaltener Auloi und
Aulosfragmente aus der Zeit von ca. 600-300 v. Chr. Etliche dieser Stücke
sind soweit erhalten, daß eine Vermessung der Grifflochabstände die
Intervallfolge auf den Instrumenten näherungsweise zu bestimmen erlaubt.
Dazu muß, was zunächst nur grob möglich ist, der Abstand der Grifflöcher
von der Spitze der verlorenen Rohrblätter geschätzt werden; geht man aber
davon aus, daß nach den Zeugnissen der antiken Musiktheoretiker die
Quart ein Grundelement aller Skalen und Stimmungen war und daß
dementsprechend wenigstens zwei Grifflöcher zur Rohrblattspitze Abstände
haben müssen, die sich wie 3:4 verhalten, so läßt sich die theoretische Lage
der Rohrblattspitze genauer bestimmen - und damit die Intervalle für alle
Grifflöcher. Dieses Verfahren, das schon J. G. Landels’ im Falle der
Brauron- und Reading-Auloi angewandt hatte, hat West nun auf weitere
Instrumente ausgedehnt und bei den Auloi mit 5 Grifflöchern - die die
weitaus größte Gruppe bilden und die für die klassische Zeit als Standard
gelten können - Intervallfolgen gefunden, die unser ganzes Interesse
verdienen. In der folgenden Übersicht sind die Intervalle in Cents
angegeben und die Tonlöcher, wo möglich, nach den Fingern bezeichnet: Zf
= Zeigefinger, D = Daumen, Mf = Mittelfinger, Rf = Ringfinger, kF = kleiner
Finger, Si = Stimmloch.
A.
Zf
Brauron
Lokroi
Korinth
Reading
D
Mf
196
88
2022
236
11
178
164
202
Rf
156
161
175
140
kF
172
159
1659
156
!
zf
Ephesos A
D
162
M£f
Rf
152
193
SV/Ende
(6./5. Jh.)
(5. Jh.)
(6. Jh.)
(4. Jh.)
l
498
B.
194
213
223
498
153
kF
si
149
(6. Jh.)
Ephesos B
149
161
163
174
153
(6. Jh.)
Perachora
Ü
172
168
158
163
(6.5h. 9)
I.
|
498
'
®
_M.L. West, Ancient Greek Music, Oxford 1992, S. 97.
I. G. Landels, The Brauron Aulos, in: BSA 58 (1963), 116-19;, A Newiy Discovered
Aulos, in: BSA 63 (1868), 231-38.
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Elgin B
j
227
271
277
Elgin A
498
310
227
(5.Jh.?)
183
253
(5.Jh.?)
|
498
61
zu unsichere Basis für eine weitere Interpretation erscheinen. Ich muß sie daher im
folgenden ausschließen.
Mein Anliegen wird es sein, nach dieser kritischen Sichtung der Daten vor
193
209
si
kF
Rf
Mf
D
zf
C.
Aristoxenos und die Auloi
|
Es ist zunächst hervorzuheben, daß die gesuchte Quart (498 Cent) - abgesehen von den
Elgin-Auloi - immer zwischen den Grifflöchern für Daumen und kleinen Finger liegt und
daß schon diese Regelmäßigkeit eine gewisse Bestätigung des von Landels und West
angewandten Verfahrens beinhaltet. Vor allem aber ergeben sich bei den Auloi der Gruppe
A auch außerhalb der Ausgangsquart sinnvolle Intervalle, was bei willkürlichem oder
verfehltem Ansatz der Quart kaum zu erwarten wäre: zwischen Zeigefinger und Daumen
ein Ganzton (beim Reading-Aulos etwas zu groß, aber ausgleichbar), zwischen kleinem
Finger und Stimmioch ebenfalls ein Ganzton (beim Aulos von Korinth wiederum etwas zu
groß) und zwischen kleinem Finger und Rohrende - beim Reading-Aulos ohne Stimmloch sehr genau eine zweite Quart. Wir können West also guten Gewissens zustimmen, wenn
er schreibt "we seem to have a fairly consistent pattern here" (a.a.0.S. 98).
Eine ähnliche Bestätigung erhalten wir für den Aulos Ephesos A: Innerhalb der
Ausgangsquart tritt mit 193 Cent ein Ganzton auf, umrahmt von je zwei Dreivierteltönen
zu ca. 150 Cent. West verweist für die Intervallfolge 3/4, 3/4, 1, 3/4, 3/4 auf Aristoxenos,
Harm. 2,37, und dort erfahren wir, daß manche Theoretiker die tonoi Hypophrygisch,
Hypodorisch, Dorisch, Phrygisch, Lydisch und Mixalydisch in diesen Abständen
anordneten, und zwar npdg iv zöv abABv tpbrnoww BAtnovteg; das heißt hier offenbar 'nach
dem Muster der Aulosbohrungen’, denn gerade um die Prinzipien und Leitbilder bei der
Anordnung der Tonoi geht es Aristoxenos in diesem Abschnitt. Die Maße des Aulos
Ephesos A lassen also darauf schließen, daß Aristoxenos tatsächlich die Intervallfolge
zwischen den Grifflöchern ein und desselben Aulosrohres meinte und daß demnach solche
Grifflochabstände noch im 4. Jh. v. Chr. vorkamen; umgekehrt bestätigt die
Aristoxenos-Stelle den Ansatz der Ausgangsquart beim Aulos Ephesos A, denn dieser
Ansatz legt ja die ganze - offenbar sinnvolle - Intervallfolge fest. Erklärungsbedürftig
Skala kommt sie bei den
bleibt die Intervallfolge 3/4, 3/4, 1, 3/4, 3/4 dennoch, denn als
Theoretikern nicht vor.
Wenn nun die beiden anderen Instrumente der Gruppe B im Innern der Quart zwischen
Daumen und kleinem Finger nicht einen Ganzton und zwei Dreivierteltöne aufweisen,
sondern drei Intervalle, die etwas größer sind als ein Dreiviertelton, aber kleiner als ein
Ganzton, so sind das Unterschiede, wie wir sie im Innern der Ausgangsquart auch bei den
Gruppe A finden und die, wie wir sehen werden, nur eine
Instrumenten der
untergeordnete Rolle spielen. Außerhalb der Quart stimmen diese Instrumente, soweit
erhalten, mit Ephesos A im wesentlichen überein.
Was die Gruppe C betrifft, die beiden Elgin-Auloi, so hat man versucht, auch hier die
Ausgangsquart zwischen die Grifflöcher für Daumen und kleinen Finger zu legen, dies
führt aber, wie West berichtet (a.a.O., S.99), auf eine allzu große Entfernung der
Rohrblattspitze von den Aulosrohren. Die beiden oben angeführten Lösungen, von West
als die plausibelsten gewählt, haben die Eigenheit, daß die Ausgangsquart in nur zwei
Intervalle aufgeteilt wird; diese haben nun nur bei Elgin B unmittelbar einleuchtende
Größen, und auch die Intervalle außerhalb der Ausgangsquart liefern keine ausreichende
Bestätigung des Ansatzes; die Lage der Ausgangsquart schließlich ist nicht nur
ungewöhnlich, sondern auch bei den beiden Elgin-Auloi selbst verschieden. All dies läßt
mir die angeführten Intervallfolgen dieser beiden Auloi als eine ungenügende, jedenfalls
allem zwei Fragen zu beantworten: Wie verhalten sich die angeführten
Intervallfolgen aus den Gruppen A und B zu den Tetrachordstimmungen, d.
h. den gene und chroai, die wir von zeitgenössischen Theoretikern kennen’,
und wie verhalten sie sich zu den vollständigen Tonsystemen, den
systemata und harmoniai der Theoretiker?
Zuvor müssen jedoch einige akustische Fragen geklärt werden. Es ist nämlich zu
bedenken, daß die Wirkung der Tonlöcher durch ihre Größe, die Wandstärke und den
inneren Durchmesser des Aulosrohrs beeinflußt wird und daß ähnliche Einflüsse auch am
unteren Ende des Rohres herrschen. Nun hatten die alten Auloi, wie man z.B. der Abb. 26
bei West und besonders der Abb. 9 bei Wegner entnehmen kann’, relativ große, und zwar
im wesentlichen gleich große Tonlöcher‘. Dabei waren die Rohrdurchmesser und - soweit
die Instrumente nicht aus Holz waren - auch die Wandstärken gering, und die Rohre
wichen, wie auch den Vasenbildern zu entnehmen ist, nur selten und geringfügig von der
zylindrischen Form ab’. All dies läuft darauf hinaus, daß die Länge der schwingenden
Luftsäule - ähnlich wie bei der Böhmflöte - tatsächlich in erster Näherung nach den
Proportionen der Saitenteilung bestimmt werden kann. Beim Aulos von Korinth z.B.
kommt man bei Berücksichtigung der Tonlochkorrekturen KT und KO’ auf eine
Verschiebung der Tonlöcher um ca. 5 mm gegenüber ihrer theoretischen Lage, und zwar
zur Rohrblattspitze hin. Außerdem können die Rohrblätter selbst den Ton gegenüber dem,
was der Theorie der Saitenlängen nach zu erwarten wäre, vertiefen, bei großen und
breiten Doppelrohrblättern, wie sie auf einigen Vasenbildern zu finden sind, durchaus um
100 Cent‘. Für den Aulos von Korinth müßte das auf eine weitere Verkürzung des
Bereichs zwischen Rohrblatt und Tonlöchern um ca. 15 mm führen, Beim Aulosbau reichte
es also, von der theoretischen Lage der Rohrblattspitze aus die Tonlöcher nach den
bekannten Proportionen 3:4 (Quart) und 2:3 (Quint) - und damit auch 8:9 (Ganzton) und
Zu den Termini technici vgl. z.B. A. J. Neubecker, Altgriechische Musik, eine
Einführung, (2. Aufl.), Darmstadt 1977, S. 99-102.
Musikgeschichte in Bildern, Band II,4, Griechenland, hrsg. von M. Wegner, Leipzig
1970, 8. 31. M. L. West, a.a.O,, Abb, 26.
Große Grifflöcher haben auch zur Folge, daß Abdeckungen unterhalb des obersten
offenen Grifflochs (Gabelgriffe) nur einen sehr geringen Einfluß haben. Wenn also,
wie es Achilles Tatius 8,6,6 beschreibt, ein Aulet alle Löcher bis auf eines schließt, so
ist der Effekt fast derselbe, wie wenn er die unteren offen läßt. Das Freigeben nur je
eines Tonlochs kann als Analogie zur Spielweise auf den Leierinstrumenten
angesehen werden: Dort wurden - im Normalfall - beim Durchschlagen mit dem
Plektron alle Saiten bis auf eine durch die Finger der linken Hand gedämpft.
Die umfangreichste Übersicht bietet D. Paquette, L' instrument de musique dans la
e&ramique de la Gr&ce antique, Paris 1984, S. 20-61. Konische Instrumente bezeichnet
er als relativ selten (anzuführen sind die Abbildungen Ali, A12, A23, A24, A29, A36,
ABA).
O. Steinkopf, Zur Akustik der Blasinstrumente, ein Wegweiser für den
Instrumentenbauer, Celle 1983, S.27f., gibt empirisch begründete Formeln zur
Korrektur der vertiefenden Wirkung eines Tonlochs (KT) und der erhöhenden
Wirkung offener Grifflöcher unterhalb eines bestimmten Tonlochs (KO).
O. Steinkopf, a.a.O. S. 40. Abbildungen antiker Rohrblätter bei Paquette, a.a.0. S.
20-61: A47, A49, A50 (schmal; vielleicht von der Seite gesehen); A28, A31 (mittel); A13,
&A30, A40, A465, A48 (breit); Adi, A42 (sehr breit).
Page 3
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)1:2 (Oktave) - zu positionieren und zum Ausgleich der geschilderten Einflüsse die
spindelähnlichen Verbindungsstücke zwischen Rohrblatt und eigentlichem Rohr, die
Holmoi, entsprechend abzulängen, beim Aulos von Korinth also um die errechneten
20 mm zu verkürzen. Die Feinstimmung konnte dann durch Ausprobieren nach dem
Gehör erfolgen‘.
Daß man tatsächlich beim Aulosbau von der Theorie der Saitenteilung
ausging, belegt Ps.-Aristoteles, Probl. 19,23. Dort heißt es zunächst, daß das
Längenverhältnis 1:2 nicht nur bei Saiten die Oktave hervorrufe, sondern
ebenso auch bei Rohren, wo ein Loch in der Rohrmitte einen Ton ergebe, der
zum Ton des ganzen Rohres eben in der Oktave konsoniere. Darauf folgt
das Beispiel der Auloi:
Er Ev toig adAoig 1@ dınAooian draarhan Aanßäveron 16 dd nuchv, xol
oi adAorpbnan obta Aqußkvovarv.
Als weiteres Beispiel wird dann die Panflöte mit gleichlangen Rohren
angeführt, die, um die Oktave zu erreichen, zur Hälfte mit Wachs aufgefüllt
werden, und zum Abschluß wird noch bemerkt, daß man bei Quint und
Quart entsprechend verfuhr:
öpoimg dt xol zijv did nevee to ApnoAio Kol rhv did Tertäpwv 1ö Entipiew
Sraorinar Außüavovanv.
Man könnte diese Bemerkung, wie es die Interpunktion bei v. Jan”
nahezulegen scheint, auf die Panflöte beschränkt wissen wollen; ihre
allgemeinere Natur, das Fehlen eines besonderen Subjekts und die ähnliche
Ausdrucksweise im Aulos-Beispiel (18 .. diaothnarı Aouß&vovanv) scheinen
Aristoxenos und die Auloi
63
vorzuliegen, denn sonst hätten sich außerhalb der Ausgangsquart kaum so plausible und
passende Intervallgrößen ergeben.
2. Genera ac differentiae
Aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr, kennen wir durch
Aristoxenos sechs verschiedene Tetrachordstimmungen, zwei diatonische
(syntonon und malakon), drei chromatische (toniaion, hemiolion und
malakon) und eine enharmonische. Die letztgenannte ist im übrigen
diejenige Stimmung, in der Aristeides Quintilianus später die in Platons
Politeia 398/99 besprochenen Tonarten wiedergibt, Skalen, die allen
Anschein der Authentizität haben”. Man wird also die Enharmonik des
Aristoxenos auch für die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts annehmen
dürfen, in der ja die Politeia verfaßt wurde, und wahrscheinlich auch schon
für das 5. Jahrhundert, dem die Rahmenhandlung der Politeia angehört.
Außerdem kennen wir aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts die
Stimmungen nach Archytas, die uns Ptolemaios überliefert hat‘, je eine
diatonische, chromatische und enharmonische. Sie unterscheiden sich von
den entsprechenden Stimmungen des Aristoxenos (diatonon syntonon und
chroma toniaion) vor allem in der Art der Darstellung, doch bleiben
Unterschiede hörbar. Ob diese Unterschiede nur ein Produkt der Theorien
sind, ist eine berechtigte Frage, denn Archytas, Mathematiker und
Pythagoreer, war offensichtlich darım bemüht, die Intervalle seiner
Stimmungen in superpartikulären Proportionen der Form n : n+1)
auszudrücken, während Aristoxenos vom Prinzip der aisthesis ausging und
mir aber dafür zu sprechen, daß hier beide Beispiele, Aulos und Panflöte,
gemeint sind.
Intervalle wie Strecken behandelte, die man einfach addieren und
subtrahieren kann. Aristoxenos konnte daher, anders als die arithmetisch
orientierten Kanoniker, die Quart in 30 akustisch gleiche Teile zerlegen.
Ein weiteres akustisches Problem kann hier nur angedeutet werden. Die Holmoi - meist
sind es zwei - haben auf den Vasenbildern oft so dünne Enden, daß ‚man hier
Innenbohrungen von nur wenigen Millimetern Durchmesser annehmen muß". Manche
Bilder vermitteln auch den Eindruck, als sei das Ende des unteren Holmos in das
Eine weitere diatonische Stimmung der Epoche ist offenbar die sog.
pythagoreische (mit zwei Ganztönen der Proportion 8:9): Sie-liegt Platons
Aulosrohr gesteckt und das Ende des oberen Holmos seinerseits oben in den unteren
Holmos". Das hieße, daß sich die Bohrung in zwei Stufen zum Rohrblatt hin verjüngte, im
oberen Bereich des Instruments also im Groben die Verhältnisse einer konischen Bohrung
vorlägen. Auch konische Bohrungen bewirken eine akustische Verlängerung des
Instruments: Sie erklingen so, als begänne die schwingende Luftsäule an der Konusspitze.
Unter Umständen kann daraus eine beträchtliche Verschiebung zwischen theoretischer
und wirklicher Länge des Instruments erwachsen, doch scheint ein solcher Einfluß bei den
Instrumenten der Gruppen A und B nicht oder nur in verschwindend geringem Umfang
Darstellung von der Erschaffung der Weltseele im Timaios zugrunde".
Sieht man die Szenerie des Timaios, das Treffen von Sokrates, Timaios,
Kritias und Hermokrates in Athen, als realistisch konzipiert an, so kommt
man auf die Zeit von ca. 424/21 v. Chr. Auf dieselbe pythagoreische
Diatonik und ebenfalls in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts führt uns
eine Rekonstruktion der Stimmungen des Philolaos. Nach Boethius, Inst.
Mus. 3,5-8, hat Philolaos den kleinen Halbton der pythagoreischen
Tetrachordstimmung aus den Proportionen 3:4 und 8:9 für Quart und
Ganzton richtig als das Verhältnis 243:256 bestimmt und als 'diesis'
?
%
„2
Vgl. Ptol., Harm. 2,12 (p. 66,31. Düring).
Q,y. Jan, Musici Scriptores Graeci, Leipzig 1895, S. 91.
ygl. die Abbildungen AA, AS, A13, A28, A30, A3l, A32, A33, A43, A48 u.a. bei
”
Paquette, a.a.0. S. 20-61.
Vgl. die Abbildungen Ail, A13, A28, A30, A31, A34, A43, A48 u.a. bei Paquette, a.a.0.
S. 20-61; besonders A30 und A34.
Aristeides Quintilianus, Mus. 1,9. Diese Skalen gehen vielleicht auf Damon, den
Lehrer und Berater des Perikles zurück (vgl. M. L. West, a.a.O. S. 174).
“
Ptal., Harm. 1,13. Vgl. Boeth., Mus. 3,11.
Plat., Tim. 35b-36b.
Page 4
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i
:4
* 9:8 * 9:8 = 243:256); die Differenz von diesis und Ganzton,
nen Halbton, habe er, nun offenbar nicht mehr in Proportionen
rechnend, 'apotome' genannt, die Differenz yon diesis und apotome
'komma', sowie schließlich eine halbe diesis 'diaschisma und ein halbes
komma 'schisma'. Die Halbierung des kleinen Halbtons kann nun kaum
einen anderen Sinn gehabt haben, als die enharmonische ‚Stimmung
abzuleiten; sie hieß offenbar: ditonos / diaschisma / diaschisma‘. Die
apotome dürfte Bestandteil einer chromatischen Stimmung gewesen sein:
mehr im einzelnen fassen; allgemein dürften sie einem Herabstimmen
der phthongoi
kinoumenoi, der beiden inneren Töne eines Tetrachords, entsprungen sein.
Nun eine Übersicht über die besprochenen Stimmungen in Cents?:
Philolaos (2. Hälfte 5. Jh.):
diatonisch
chromatisch
enharmonisch
204
294
408
204
114
45
90
9:8
*
9:8
90 tonos+diesis+ apotome
45
ditonos+diesis/2
*
+
+
2566:243
diesis
diesis/2
Archytas (1. Hälfte 4. Jh.):
diatonisch
204
chromatisch
294
enharmonisch
387
231
141
48
63
63
63
9:8
32:27
5:4
*
8:7
* 243:224
* 36:35
*
*
*
28:27
28:27
28:27
Aristoxenos (2. Hälfte 4, Jh.; vgl. Harm. 1,25):
diat.syntonon
200
200
100
diat.malakon
250
150
100
chrom.toniaion
300
100
100
12
15
18
+
+
+
+
+
+
6
6
6
tonos+diesis / apotome I diesis, die beiden unteren Intervalle bilden so, wie
auch sonst öfter im Chroma”, einen Ganzton 8:9. Hier wie in der Diatonik
des Philolaos sind alle Tonstufen durch einfaches Stimmen in Quinten und
Oktaven zu erreichen”; nur in der Enharmonik mußte der kleine Halbton
durch Schätzung halbiert werden.
Agathon,
Daß es im 5. Jahrhundert ein Chroma gab, belegt schon die Nachricht, dan
halbe jr er
bekannt aus Platons Symposion, diese Tongattung in die Tragödie eingeführt
| h s mm .
Kitharodie soll sie sogar von Anfang an verwendet worden sein, auch wenn
; „e en IE
hätten
gemacht
ihr
von
Gebrauch
keinen
Thrasylios
und
Tyrtaios
wie
Dichter
“
sei sie, und diese Ansicht vertritt immerhin schon Aristoxenos”, älter als jr " Ian
demselbe
und zwar deshalb, weil sie der Natur des Menschen mehr entgegenkomme. Aus
700
ein
Grund hält Aristoxenos im übrigen die Diatonik für älter als das Chroma. der
er e aum 1
Die Enharmonik stammt der Legende nach von Olympos, einem Phryger,
N on
v. Chr. datiert wird”, er habe im diatonischen Tetrachord den aweichee 1s
zen
ausgelassen und zunächst Trichorde der F orm a-fe gespielt, später aber zen une
con
Konstru
gelehrte
eine
auch
vielleicht
dies
Mag
aufgeteilt.
Vierteltöne
zwei
in
Halbton
r en.
sein, ein relativ hohes Alter wird man der Enharmonik zugeste a iR
zu
Zusammengenommen scheinen mir die angeführten Stellen jedenfalls wahrsce einnic
alle drei
machen, daß im ganzen hier behandelten Zeitraum von 600 bis 300 v. Chr.
.
erwendet wurden.
einfache
Die immangen im einzelnen können wir für die Zeit vor 450 aur vermuten. Das
ilo ans
Stimmverfahren in Quinten und Oktaven spricht sehr für die Stimmungen ‚est
doch kann eine so gewonnene Stimmung durchaus auch nachträglich im
inne
les
Mir vn
Aristoxenos ausgeglichen worden sein. Auch müssen wir mit einer Verschieden
Ähnlic ei
Stimmungen in den einzelnen Tongattungen rechnen. Jedenfalls spricht die
em
von Diatonik, Chroma und Enharmonik bei Philolaos mit dem diatonon entonon,
die uch ein
chroma tonieion und der Enharmonik bei Aristoxenas - bei Autoren also,
frü sro
Jahrhundert getrennt sind - für eine Kontinuität, die solche Stimmungen auch in
sel “
Zeit vermuten läßt. Abweichungen davon, wie sie dann ja Archytas und Aristoxenos
aber nic
belegen, dürften durchaus auch vor 450 vorgekommen sein, wir können sie
1
"
”
Aristoxenos, Harm. 1,19.
Ps.-Plut., Mus. c. 11.
350
75
75
21
+
45
366,7
400
+
45
66,7
50
66,7
50
22
24
+
+
4
3
+
+
4
3
folgenden in ihrem Gesamtzusammenhang zu besprechen ist.
können, sondern Ziel sei das Verstehen (xynesis) und die Urteilskraft (to
krinon) in allen harmonischen Zusammenhängen. Konkretes wie Hände,
Stimme, Mund und Atem müßten als etwas Untergeordnetes gelten. So
dürfe man.auch die Natur des Harmonischen - eines harmonisches Gefüges
- nicht auf ein Instrument zurückführen, nichts nämlich an den
Instrumenten gebe dem harmonischen Gefüge seine Ordnung. An dieser
Stelle folgen nun einige für uns wichtige Bemerkungen zu den Auloi:
od yüp, Stı 6 MOAöG Tpunniark te Kol Kortog Exeı Kal ı& Aoınd ı@v
wmobrwv, Öt ÖL xeipovpyiov tiv ev and TOV XEIPBV tiv 5° And ıGv
Aoınav neptdv olg Entteiveiv ze Kal &vıevar nepoxe, Si Todro GUugwvet
dk Teocdpwov A drd nevre Kor dk noch, fi tüv AAAv Staornuatav
Exactov Auufäver 16 Rpoofikov &yeBoc,
und Gaudentios (p. 343,15 v. Jan). Bei Eratosthenes und Didymos (nach Prol, Harm.
1,13) bilden die beiden unteren Intervalle im Chroma den kleineren Ganzton 9:10,
Quint rauf + Oktave runter + Quint rauf = Ganzton rauf.
@
chrom.hemiolion
chrom. malakon
enharmonisch
Die Beschäftigung mit der Harmonik, so Aristoxenos, habe nicht ein
handgreifliches Ziel, wie etwa Intervalle erkennen oder Noten schreiben zu
Srneh Pial. Harm. 1,13), Thrasylios (nach Theon Smyrn., p. 91,19f Hiller)
Piut., Quaest. Conv. 3,1 (645de).
Ps.-Plut., Mus. c. 20/21.
12
9
6
Wie verhalten sich nun die erschlossenen Aulosstimmungen zu den
angeführten Stimmungen der Theoretiker? Ein Vergleich der Cent-Werte
zeigt zunächst kaum eine Übereinstimmung. Ein Schlüssel zum Problem
dürfte bei Aristoxenos, Harm. 2,39-43, zu finden sein, einer Passage, die
schon recht unterschiedlich interpretiert worden ist und die daher im
Mit tonos wird hier der große Ganzton (9:8) bezeichnet, mit ditonos das zwei solche
Intervall (81:64).
-tö
”
®
65
Nicht nämlich, weil der Aulos Löcher und Höhlungen und sonstiges
dieser Art hat, und nicht weil er eine Spieltechnik <hat> - teils durch
Die meisten dieser Stimmungen referiert auch Ptol., Harm. 1,13, er rechnet sie aber in
Saitenlängen um, so daß sie auf einem kanon zu Gehör gebracht werden können.
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)die Hände, teils durch die übrigen Mittel, mit denen man <einen Ton>
höher und tiefer machen kann -, <nicht> deswegen konsoniert er in
Quart oder Quint oder Oktave oder nimmt ein jedes der anderen
Intervalle die gehörige Größe an.
Da
In dieser Übersetzung folge ich der Interpretation von Macran” und
Rios”, nicht der von West”. West versteht örı dE adversativ, nicht
anreihend, in dem Sinne also, daß es nicht die technische Beschaffenheit
sondern die Spieltechnik ist (skilful operation), die den
des Aulos,
Intervallen die richtige Größe gibt. Aristoxenos fährt aber folgendermaßen
fort:
nävrov yap Tobtwv brapxövav obdELv firrov z& nEv nAeiw dranaptävovgıv
ol adAmaol 1fig Tod Apjioonevov täbewc,
Denn obwohl a I le diese Mittel zur Verfügung stehen, verfehlen die
Aulosspieler nichtadestoweniger meist die Ordnung des harmonischen
Gefüges.
'Alle diese Mittel’ muß auch die zuvor genannte Spieltechnik (cheirourgia)
einschließen. Es schließt sich folgender Text an:
8’ korlv & Tuyxävovan moLodvieg navıo TadTa, Kol yap üpoıpodvteg
Akiya
Kol Toig
En apoßaadoviec xl 16 rvebnat Enıteivovieg Kal &vievres
un
u
&AAoıg airiaıg Evepyodvrec.
Wenig aber ist es, das sie treffen, wobei sie all das tun, nämlich sowohl
Aristoxenos und die Auloi
67
Kann man nopoß&Aıw noch gut im Sinne von auvay verstehen, so fällt mir
die Gleichsetzung von d&idyw und &yaıpko schwerer. Vor allem aber ist der
zitierte Plutarch-Text in der Sache völlig ungeklärt. Dagegen gehört die von
mir bevorzugte Deutung - die Teilabdeckung eines Grifflochs - zu den
einfachsten Mitteln, die Tonhöhe zu modifizieren”. Mit &gawpto scheint
Aristoxenos das leichte Wegziehen eines Fingers zu bezeichnen, derart daß
ein abgedecktes Griffloch einen Spalt weit geöffnet wird: dadurch wird der
vorige Ton etwas erhöht. Umgekehrt wird ein Ton etwas erniedrigt, wenn
man einen Finger an das oberste offene Griffloch bringt und den
Luftaustritt ein wenig hemmt”; das scheint mit napoß&%Au gemeint zu sein.
Daß von B&AAw abgeleitete Wörter in ähnlichem Sinn gebraucht werden
konnten, belegt Artemons Bericht über den 'Dreifuß' des Pythagoras von
Zakynthos bei Athenaios 14,637e: Sıeipag dt hy ebovunov xeipa npög tiv
ErıßorNv....; mit EnıßoAn ist hier das dämpfende Auflegen der Finger auf die
Saiten gemeint.
Der Sinn der ganzen Aristoxenos-Passage ist klar: Keinesfalls reicht, wenn
es darum geht, die richtigen Töne zu treffen, die Positionierung der
Grifflöcher, aber auch die Spieltechnik reicht nicht, wenn sie nicht von
Verstehen (xynesis), Urteilskraft (to krinon) und Sinneswahrnehmung
(aisthesis) regiert wird”. Positiv gewendet drückt Aristoxenos sein Anliegen
so aus:
<die Finger> wegziehen und anlegen als auch mit dem Atem den Ton
Hpnocpevov
peradlanßäveı öv öpyäavov Exaotov £g” doov dbvaran, fs aiodtaeag
Die hier angeführten Tätigkeiten halte ich, wie offenbar auch da Rios, für
...denn ein jedes der Instrumente übernimmt, soweit es dazu in der
Lage ist, eine geradezu wunderbare, der Natur des harmonischen
adroig Eriotatobong ...
anheben und senken sowie die anderen Mittel anwenden.
benen
eine konkretere Ausführung der weiter oben allgemeiner beschrie
ich
weiche
ovres
napaß&AA
cheirourgia”. In der Deutung von agaıpodvtes al
eine
an
alle,
die
ab,
West
und
Macran
von
jedoch von da Rios wie
der
Plutarch-Stelle anknüpfend”, ein Auseinander- und Parallelstellen
beiden Aulosrohre annehmen. Plutarch verwendet allerdings andere Worte:
Iı& ti .. svvoxdelg npög ıöv Erepov <Bapbrepov>, draybelg 5b ö&brTepov
inet;
, Notes,
1 S, Macran, The Harmonics of Aristoxenos, edited with. Translation
179.
S.
1974),
Hildesheim
(Nachdr.
1902
Oxford
Words,
of
Index
Introduction and
g S. 62f.
# Rn da Rios, Aristoxeni Elementa Harmonica, Rom 1954, Übersetzun
u
96.
S.
M.L. West, a.a.0.
II, Cambridge
= _nR da Rios, a.a.O. 8. 63, so auch A. Barker, Greek Musical Writings
anderes,
etwas
jedoch
Tätigkeiten
diesen
in
sehen
West
und
Macran
157£.
S.
1989,
Ursache für das
Macran die Mittel, wenigstens einige Töne richtig zu treffen, West die
häufige Verfehlen sauberer Tön:.
2 Plut., Non posse suaviter 1096a.
Gefüges insgesamt eigene Ordnung, wenn die Sinneswahrnehmung sie
regiert ...
Und wenn doch jemand meinte, er müßte umgekehrt verfahren und zur
Bestimmung einer Melodie ein Instrument verwenden, so sollten es, sagt
Aristoxenos, jedenfalls nicht die Auloi sein, denn dieses Instrument
schwanke am meisten, sowohl hinsichtlich der Herstellung als auch
hinsichtlich der Spieltechnik und seiner eigenen Natur nach:
#
a
22
im Extremfall können bei grifflochlosen Flöten - etwa ungarischen Hirtenflöten - nur
mit verschiedenen Teilabdeckungen des Endlochs ganze Tonskalen erzeugt werden.
Das entspricht einer Verkleinerung des Grifflochs, die ja, wenn das Loch einmal
gebohrt ist, anders nicht leicht zu erreichen ist.
Die Seiten dieses 'Dreifußes' bilden 3 verschieden gestimmte Leiern. Er war drehbar
(mit dem Fuß) und ermöglichte so eine Modulation. Der Spieler hielt die linke, meist
dämpfende Hand offenbar von unten in den 'Dreifuß'.
Aristoxenos, Harm. 2,38, sagt, das musikalische Verstehen (xynesis) beruhe auf zwei
Grundlagen, Wahrnehmung {aisthesis) und Erinnerung {mneme).
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Aristoxenos und die Auloi
nürıora nAaväraı Kol Kork nv abAonoriav Kol Karl tiv Xeipoupylav Kal
Kardı mv lötav pbarv.
ie Tonhöhe nicht nur durch Atemdruck, sondern auch durch Lippendruck
Uekinflußte, belegen zwei Stellen bei Aristoteles, De audib. (bei Porph., In Ptol. Harm. per
71 und p. 75 Düring), Im Vordergrund steht dort allerdings die Veränderung
a
Klangfarbe. Aristoxenos scheint, indem er Harm. ‚2,39 stoma neben pneuma. setzt,
möglich, den
Lippen- wie Atemdruck anzuspielen. Die Kombination von beidem macht es
nach oben
‘Normalton' eines Grifflochs auf Doppelrohrblattinstrumenten nach unten und
zu einem
zu 'ziehen', auf Instrumenten des Mittelalters und der Renaissance z.B. bis
- auch nac
Halbton in jede Richtung. Der Ziehbereich antiker ‚Instrumente dürfte
Aulosrekonstruktionen zu urteilen - ähnlich gewesen sein.
erlaubt grundsätzlich, das ganze
Die Teilabdeckung eines Tonlochs
Kontinuum der Tonhöhen bis zum nächst tieferen Griffloch zu erzeugen. Im
folgenden möchte ich zeigen, daß es möglich war, allein mit diesem Mittel
die Tetrachordstimmungen nach Philolaos, Archytas und Aristoxenos auf
allen Instrumenten der Gruppen A und B zu spielen. Dabei gehe ich davon
aus, daß die theoretischen Tetrachordstimmungen auf die Quart zwischen
den Grifflöchern für Daumen und kleinen Finger - also ‚die Ausgangsquart
der Rekonstruktion - gelegt werden sollen. Die Aufteilung dieser Quart
bewegt sich bei den erhaltenen Auloi im wesentlichen zwischen zwei
Grenztypen, erstens der Aufteilung 200/150/150 Cent bzw. 12/9/9
Dreißigstel der Quart (Typ Reading) und zweitens der Aufteilung
150/200/150 Cent bzw. 9/12/9 Dreißigstel der Quart (Typ Ephesos A). Es soll
69
Soweit hat jeder Ton sein eigenens Griffloch. Im chroma hemiolion ist aber
die Teilabdeckung mit dem Mittelfinger schon zu einer Vollabdeckung
geworden, die nicht mehr verstärkt werden kann. In den beiden
verbleibenden Tetrachordstimmungen müssen daher beide Innentöne des
Tertachords durch verschiedene Teilabdeckungen ein und desselben
Fingers, des Ringfingers, erzeugt werden:
Chroma malakon:
(6)
|
22
oO
16)
16)
a
al
Enharmonik:
(6)
6)
|
O:
24
16]
13
13
Analog ist das Verfahren beim Typ Ephesos A, nur muß dort, wie das
Beispiel des Diatonon Syntonon zeigen mag, der Mittelfinger immer etwas
stärker abdecken:
D
0
N
Grifflochstimmung (Typ Ephesos A):
Mf
16)
9
Rf
f
12
|
9
kr
o
Diatonon syntonon:
nun gezeigt werden, wie mit diesen Aulostypen die Tetrachordstimmungen
[8}
Pfeile dargestellt wird:
dem des Reading-Aulos und dem des Aulos Ephesos A. Die Stimmungen
nach Aristoxenos gespielt werden konnten, und zwar in einer
schematischen Übersicht, in der der Effekt einer Teilabdeckung durch
Mf
12
12
oatonon malakon:
|
9
Pr
|
12
a
21
6
N
12
O:
|
6
16)
|
Die übrigen Auloi der Gruppen A und B liegen in ihrem Verhalten zwischen
6
>o
}
16)
0
Für die Musikgeschichte ergibt sich eine interessante Schlußfolgerung: Die
erhaltenen Auloi des 6. bis 4. Jahrhunderts v. Chr. sind offenbar nicht im
6
>
I As
ganz geöffnet sein, beim unteren das Ringfingerloch ganz geschlossen, So schlägt sich die
Unterscheidung von phthongoi kinoumenoi und hestotes auch in der Spieltechnik nieder,
und zwar durchaus im Sinne der Wortbedeutungen. Dasselbe Blt für den
Instrumentenbau: Es erübrigte sich, die Innentöne bei der Herstellung sauber zu
stimmen, wenn man ohnehin die Wahl zwischen verschiedenen Stimmungen haben wollte.
|
16
A_
|
n
o
|
9
n
Oroma hemiolion:
O=
Die Übersicht zeigt, daß die Innentäne des Tetrachords, die phthongoi kinoumenoi, mit
verschiedenen, kaum jemals ganz exakten Teilabdeckungen zu spielen sind, während die
Ecktöne, die phthongoi hestotes, falls nur die Quart bei der Herstellung sauber gestimmt
wurde, ohne Teilabdeckungen auskommen: Beim oberen Grenzton muß das Daumenloch
z
Ossa==
|
18
kr
|
0
15
ma toniaion:!
|
Re
|
on atonon syntonon:
12
nach Philolaos und nach Archytas waren mit denselben Mitteln zu
erreichen.
Grifflochstimmung (Typ Reading):
|
|
|
o
165 |
Hinblick auf die Enharmonik gebaut worden, denn das Griffloch für den
Mittelfinger wäre dort überflüssig; in Diatonik und Chromatik ist es jedoch
nötig, und es ist so plaziert, daß alle Varianten dieser Tongeschlechter,
Page 7
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)insbesondere auch das diatonon syntonon und das chroma toniaion, gespielt
werden konnten.
3. Systemata
Die Rekonstruktion der Grifflocchstimmungen durch Landels und West
stützte sich auf den Ansatz einer (reinen) Quart und damit letztlich auf die
Tetrachordstruktur
antiker
Skalen.
Es
ist
also
sinnvoll,
auf
die
Ausgangsquart einer Rekonstruktion - wie im vorigen Abschnitt geschehen
- ein Tetrachord zu legen. Läßt sich dieses Tetrachord nun innerhalb der
alien Tonsysteme näher bestimmen? Ein deutlicher, ja eindeutiger Hinweis
ist der Ganzton, der sich bei den Auloi der Gruppe A oberhalb der Quart
anschließt: Diese Konstellation gibt es bei den von den Theoretikern
überlieferten Skalen nur einmal, es muß sich - in älterer Terminologie - um
das Tetrachord zwischen Mese und Hypate, also das spätere Tretrachord
Meson handeln, über welchem - zwischen Mese und Paramese - der
diazeuktische Ganzton liegt”. Den Ton unterhalb des Tetrachords wird man
dann mit der alten Hyperhypate identifizieren, nach Boethius Mus. 1,20,
einem Abschnitt,
der weitgehend
auf Nikomachos fußt,
der ersten
Erweiterung des früheren dorischen Oktachords”. Diese Erweiterung
schreiben Boethius und Nikomachos einem Prophrastos aus Pierien zu”.
Mag man die weiteren Stufen des Ausbaus zum vollständigen System, wie
ihn Boethius schildert, auch mit berechtigter Skepsis betrachten”, das
Enneachord mit Hyperhypate ist vermutlich historisch, denn es findet sich als dorische Harmonia - unter den schon erwähnten platonischen Skalen,
die Aristeides Quintilianus, Mus. 1,9, beschreibt, und zwar als eine Skala
folgender Form: a',f,e+',e',d',b,a+t,a,g. Die Tonlöcher decken - bei den Auloi
der Gruppe A - in diesem Modell den Bereich e' bis g ab, wobei natürlich
von der absoluten Tonhöhe abzusehen und primär wohl an eine diatonische
von
Damit wäre das Verhältnis
denken ist,
zu
Stimmung
Tonlochstimmungen und Theoretikerskalen schon zu einem guten Teil
geklärt. Stimmt diese Erklärung, so muß die Hyperhypate - nach dem
Zeugnis der ältesten Aulosfragmente - schon ab ca. 500 v. Chr. in Gebrauch
gewesen sein.
Es stellt sich nun die Frage nach der Spielbarkeit des oberen Tetrachords,
des Tetrachords zwischen Paramese und Nete, das später Diezeugmenon
Aristoxenos und die Auloi
7
Frage unmittelbar mit der nach der Überblasbarkeit der antiken Auloi
zusammenhängt, muß ich mich zunächst diesem Problem zuwenden.
Es gibt eine Aristoxenos-Stelle, Harm. 1,21, die von Macran, dem schon erwähnten
Herausgeber und Kommentator des Aristoxenos, in dem Sinne interpretiert worden ist,
daß die Auloi überblasen werden, konnten, und zwar mit Hilfe einer Vorrichtung namens
syrinx, eigentlich 'Rohr', was auf eine seitliche Bohrung in den Holmoi, ein Überblasloch,
zu beziehen sei. Tatsächlich scheint syrigmos nach Athenaios 14,637f ganz allgemein, also
auch bei Saiteninstrumenten, ein Spiel in der Oberoktave zu bedeuten”, und von einer
syrinx, die am Aulos herauf oder herunter gezogen werden konnte, und zwar mit
erhöhender Wirkung für alle Töne, berichtet auch Plutarch, Non posse suaviter 1096a: Sı&
il fi obpıyyog Avaanmuevng ndcıv dEbvera cois PBöryoıs; Nach Ps.-Plutarch, Mus. c. 21,
soll Telephanes aus Megara - wchl um die Mitte des 4. Jahrhunderts - sich Eeweigert
haben, dieses damals offenbar weit verbreitete Mittel einzusetzen:
Abrixa TnAep&vng 6 Meyapındg obtag EroAfynoe zaig aüpıyEıv, arte tobg abAonorodg obE'
erıdeivan nbnor elacev Erl zodg abAobs, KL xal od MvBırod Kyävos päktore dk zodı'
intorn,
Man könnte bei dieser syrinx an ein Rohrstück denken, das mittels eines Schiebers - solche
Schieber kennen wir von dem Aulosmodell aus Pergamon” - ein Überblasloch verschließen
oder freigeben konnte.
Aristoxenos, Harm. 1,20/21, sagt nun, daß der Ambitus der menschlichen Stimme wie auch
eines jeden Instruments das Intervall von zwei Oktaven und einer Quinte nicht
überschreite; leicht aber könne man drei Oktaven und mehr erreichen, wenn man
verschiedene Auloi, hohe und tiefe, zusammennähme oder wenn man bald avpireeı, bald
adAei:
taxa ap 6 Tüv napevimv abAäv Söbeeros AOsyyos npäg rav av brepreieiov Bapbrorov
heikov Av norfaere <od eipmuevov pl; did naohv Skompa xol Katuonuodelong Ye fs
sbptyyog 5 Tod aupirroviog däbrarog apdg zöv zo abAodvıog Bupbratov neilov Av romgere
tod pnBkvrog Sraotigiaroc.
Es ist in der Tat eine Frage der Interpretation, ob man hier an verschiedene Instrumente
oder an verschiedene Spielarten auf ein und demselben Instrument zu denken hat. Für die
letzte Möglichkeit scheint zu sprechen, daß ein Beispiel für verschiedene Instrumente ja
schon gegeben wurde und daß der absolute Genitiv xatuonaaßelong ye fc sbpıyyos
andernfalls überflüßig wäre.
Heinz Becker, der seine Habilitationsschrift den Rohrblattinstrumenten in Antike und
Mittelalter gewidmet hat”, denkt bei oupirwov und adAdv an verschiedene Instrumente.
Martin L. West“ glaubt nicht an ein Überblasen beim normalen Spiel, u. a. deshalb, weil
der Aulos als zylindrisches gedacktes Instrument in die Duodezime überblasen müßte und
so eine große Lücke zwischen den Registern entstände; andererseits rechnet er doch mit
einer gelegentlichen Ausnutzung des Überblasens für spezielle virtuose Effekte und hält
eine Interpretation unserer Stelle im Sinne von Macran für möglich.
genannt wurde und im obigen Modell den Bereich @' bis e' abdeckt. Da diese
Lu
ze ze
3
Zur Terminologie vgl. z.B. A. J. Neubecker, a.a.0. S. 99-102,
Dieses Oktachord bestand aus zwei disjunkten Tetrachorden.
Boeth., Mus. 1,20 (S. 208 Friedlein); Nikom., Exe. c. 4 (S. 274 v. Jan).
Boeth., Mus. 1,20, deutet das Anwachsen der Saitenzahl in archaischer und
klassischer Zeit als ganz geradlinige Entwicklung auf das 15-tönige System hin,
während viele andere Indizien, etwa das Streben nach Modulationsfähigkeit im 5.
Jahrhundert, eher auf die Einfügung von Zwischentönen deuten.
Athenaios zitiert hier den Historiker Philochoros (um 300 v. Chr.), der die Erfindung
des Oberoktavspiels (auf der Kithara) - auch magadis genannt - dem Lysandros von
Sikyon (wohl um 500) zuschreibt. DaB magadis häufig in diesem Sinne verwendet
wurde, belegt M. L. West, a.a.0. S. 73,
Vgl. M. L. West, a.a.0, S. 88.
H. Becker, Zur Entwicklungsgeschichte der antiken und mittslalterlichen
Rohrblattinstrumente, Hamburg 1966, S. 74-76.
M.L. West, a.a.0. S. 101-103.
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ich habe, um das Problem zu lösen, den Aulos von Korinth
mit
zylindrischem Rohr und stufenweise enger werdenden Innenbohrungen
zweier Holmoi nachgebaut”, und zwar einmal etwa im Maßstab 2:3
verkleinert (eine Art von Quintaulos also) und zweimal in originaler Größe.
Aristoxenos und die Auloi
Die
Trite
es'
neben
73
der
Paramese
e’
führt
zu
einer
gewissen
Modulationsfähigkeit. Nimmt man es‘ und c' aus, so ergibt sich das Gerüst
der phrygischen Harmonia, die Aristeides Quintilianus,Mus. 1,9, unter den
platonischen Skalen anführt; durch Teilabdeckung oder bloßes Ziehen
Ein verkleinertes Modell ist deswegen sinnvoll, weil es auch solche kleinen
erreichbar, sind nur noch e+' und a+ hinzuzunehmen. Tatsächlich schreibt
Anon. Bellermann 11,28 der phrygischen Harmonia eine besondere Rolle bei
den Blasinstrumenten zu: fi pp6yrog Apnovie npwreber Ev tolg Eunvevaroig
Bruch ist. Nimmt man an, daß das Aulosrohr in seiner ursprünglichen
Ton: Sie hatte a’ statt g‘, einen Ton, der auf diesem Aulosmodell auch von
Auloi gab und die Grifflöcher größerer Auloi nur schwer zu erreichen sind.
Der Nachbau in Originalgröße mußte in zwei Versionen durchgeführt
werden, weil das jetzige obere Ende des Aulosrohrs vielleicht nur ein glatter
Länge erhalten ist, so werden die Holmoi ungewöhnlich lang, nämlich - im
Gegensatz zu den Vasenbildern - länger als die Hälfte des Aulogrohrs.
Nimmt man dagegen einen glatten Bruch an und verlängert den erhaltenen
Rohrabschnitt z. B. um 33 mm, so kommt man zu einer guten
Übereinstimmung mit den Vasenbildern und - wie wir sehen werden - zu
etwas besseren akustischen Resultaten. Zunächst das Hauptergebnis: Alle
drei Nachbauten lassen sich überblasen, und zwar auch ohne Überblasloch.
Da im einzelnen aber einige Unterschiede bestehen, seien die drei Modelle
im folgenden gesondert besprochen.
öpyävorg. Die dorische Harmonia unterschied sich von ihr nur im höchsten
geübten Spielern nicht mehr zu erreichen war. Vielleicht erklärt eine
technische Beschränkung dieser Art das Charakteristikum der alten
phrygischen Skala.
Für die Auloi der Gruppe B liefert das verkleinerte Modell folgende
Ergebnisse“:
Griflochstimmung (Gruppe B):
esreord’ioeosocHenecechrseren.. ...gr
gr „fis'vesseg'
(Grundregister)
(überblasen)
Vermutlicher Tonvorrat:
giersencfe« og’osggeed'eonennconoencheregrer.e (g+)
a) Der verkleinerte Aulos”:
Das kleine Modell läßt sich mit Bombardenrohrblättern zunächst in eine
kleine Sexte (1 Ton), dann in eine 'mittlere’ (1 Ton) und schließlich in eine
große Sexte (1 Ton) überblasen. Ein Überblasloch im unteren Holmos hat
diese Intervalle kaum verändert. Bei konischer Aufbohrung der
Holmosstufen
ist
aus
der
Sexte
eine
Septime
geworden,
und
Oboenrohrblätter haben auch zu Überblasintervallen von Septimen,
Oktaven und Nonen geführt. Hält man sich an die Überblasintervalle, die
mit Bombardenrohrblättern - der sicherlich authentischeren Bestückung erzielt wurden, so ergibt sich folgendes Bild (ohne Bezug auf die absolute
Tonhöhe):
Grifflechstimmung (Gruppe A):
e’ssseosd'onsensc'nenchtennenrreenerg
g+* on nefforennneeg'
Hier scheint der tiefste Ton, der sich keiner bekannten Skala anpassen läßt,
vor allem zum Überblasen verwendet worden zu sein, jedenfalls ist er noch
nicht als Hyperhypate ausgelegt. Ansonsten entspricht der verfügbare
Tonvorrat dem der Gruppe A, nur daß hier, bei den älteren Auloi, offenbar
noch mehr Korrekturen durch Teilabdeckung der Grifflöcher oder Ziehen
der Töne erforderlich waren.
b) Der Aulos mit den Holmoi normaler Länge“:
Für dieses Modell haben sich Englischhorn-Rohrblätter als geeignet
erwiesen. Damit lassen sich die drei tiefsten Töne in eine eher große Sexte
(Grundregister)
überblasen, mit einiger Mühe auch der vierte Ton in eine eher kleine,
(überblasen)
darüber hinaus aber alle sechs Töne des Grundregisters in die Oktave;
Vermutlicher Tonvorrat:
gesuunsfenueleagteod'esenencesnnucbenenneeeeneg
4
%
Für Hilfe beim Aulosbau in Rat und Tat danke ich Stephan Herold und Rainer Rücker
von der Werkstatt ‘Die Flöte’ (Berlin), für das Austesten der Spielmöglichkeiten
außerdem Klaus Sonnemann (Berlin). Der Klang der nachgebauten Auloi ist mit
Rohrblättern für Bombarde, Schalmei und Englischhorn ausgesprochen kräftig, mit
Oboenrohrblättern etwas geschmeidiger.
Gesamtlänge ohne Rohrblätter 2365 mm, mit Rohrblättern 270 mm, akustische
Verkürzung 13 mm; Holmoi 75 mm, mit Zapfen 89 mm; Innendurchmesser: oberer
Holmos 4 mm, unterer Holmos 6 mm, Rohr 10 mm.
Auch für die Auloi der Gruppe B können die Überblasintervalle mit Bombardenrohrblättern, die drei Sexten zunehmender Größe, als beste Annäherung an die
historischen Verhältnisse gelten. Allerdings würde die kleine Sexte auf dem tiefsten
Ton (g+) lediglich den höchsten Ton des Grundregisters (es+') verdoppeln. Da nun bei
den Auloi der Gruppe A die 'mittlere' Sexte etwas näher an der großen als an der
kleinen zu liegen scheint, halte ich es für wahrscheinlich, daß bei den Auloi der
Gruppe B das zweite Überblasintervall der großen Sexte noch näher kam und das
4
erste eine in strengerem Sinne 'mittlere' Sexte war.
Gesamtlänge ohne Rohrblätter 384 mm, mit Rohrblättern 419 mm, akustische
Verkürzung 20 mm; Holmoi 115 mm, mit Zapfen 152 mm; Innendurchmesser: oberer
Holmos 5,5 mm, unterer Holmos 9 mm, Rohr 13 mm,
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Aristoxenos und die Auloi
ur
sogar die überblasenen Sexten lassen sich - wenn auch mit Mühe - noch
einmal 'oktavieren', allerdings mit kleiner werdendem Überblasintervall:
Über der Oberoktave des Grundregisters erreicht man zunächst eine große
Sext, dann je eine 'mittlere' und eine kleine sowie schließlich zwei Quinten:
75
und c+', können nicht durch Teilabdeckungen vertieft werden”, der Ton e'
ist aber als Sexte über dem dritten Ton des Grundregisters erreichbar.
Insofern ergibt sich derselbe Tonvorrat, mit der Ausnahme von c+, das wohl
vor allem zum Überblasen verwendet wurde. War vorher - in Gruppe A- a
der höchste Ton des Grundregisters und a- die tiefste überblasene Sext, so
ist das hier umgekehrt“, doch ändert das nichts am Tonvorrat. Wie schon
Grifflochstimmung (Gruppe A):
a0sesensgesnnonefsensegteesedreeseerc
(Grundreg.)
am Beispiel des verkleinerten Modells gezeigt, besteht also der
Hauptunterschied darin, daß bei den Auloi der Gruppe B häufiger
spieltechnische Korrekturen der Tonhöhe nötig waren.
[08 überb.)
(d-')» oc'eeech-seeseeegass eg’eenee sfousggtieeed'oesreene.'
(2. überb.)
(de sesec"-"ch-'ee ea"
(3. überb.)
Geht man bei den Auloi der Gruppe B dem Schema gleichmäßig überblasener Tetrachorde
nach, so fällt zunächst auf, daß die Intervallfolge 3/4, 3/4, 1, 344, 3/4 nicht nur in der Mitte
die Quart 3/4 + 1 + 3/4 enthält, sondern, um je einen Dreiviertelton verschoben, auch die
Vermutlicher Tonvorrat:
Quarten 3/4 + 94 + 1 und 1 + 3/4 + 3/4. Da der Ganzton und die Dreivierteltöne nur beim
Aulos Ephesos A deutlich ausgeprägt sind und sonst, wie auch in der Gruppe A, die Quart
in drei Intervalle ungefähr gleicher Größe zerfällt, kann man davon ausgehen, daß alle
(c"schloch')oa'senneegiosenerfonnurcg'e ed'esseene.
dleessochesegrsnasergesennenfeonnneeegesedesereec
drei Quarten (aufes+, d und c+) im wesentlichen gleich aufgebaut waren. Man hätte also
Kain
Dies ist im wesentlichen - wobei wieder von der absoluten Tonhöhe
abzusehen ist - das für das verkleinerte Modell ermittelte System,
allerdings verdoppelt durch die Oberoktave. Besonders wichtig ist hier die
Sexte (h-) über dem zweiten Ton des Grundregisters, die die Lücke zur
Oberoktave schließt (zwischen a und c'). So hat man insgesamt ein System,
das ohne die anderen Sexten die Duodezime um einen Ganzton
beim Überblasen gedanklich ein verschobenes Tetrachord zugrunde legen können:
Überbläst man ft, es+, d, c+ in die Sexte, so erhält man fast dasselbe wie beim - offenbar
nicht möglichen - Überblasen von g, ft, es+, d in die Quinte (die Unterschiede konnten
durch Atem- und Lippendruck ausgeglichen werden), Das Tetrachord Diezeugmenon wäre
nach dieser Vorstellung aus dem um eine Stufe nach unten verschobenen Tetrachord
Meson hervorgegangen. Am Tonvorrat ändert das natürlich nichts.
überschreitet, mit ihnen aber gut zwei Oktaven erreicht; dabei dürften die
höchsten Töne - 5’, A’ und c" - nur von wirklich virtuosen Spielern
verwendet worden sein. Der gut spielbare Bereich von c bis a' läßt sich auf
verschiedene Weise interpretieren. Außer g kann nämlich auch c' als Mese
aufgefaßt werden; dann wird c zum Proslambanomenos und mit der Wahl
von as statt a unsere Skala bis g’ zu einem Ausschnitt des größeren
vollständigen Systems; @a' paßt nicht mehr in dieses System, weder mit
Mese g, noch mit Mese c'. Jedenfalls liegen in g'-d', d'-a, g-d und c'-g gültige
Tetrachorde vor. Ferner ist damit zu rechnen, daß es+, h- und es+' nicht nur
zu es, b und es' gesenkt, sondern auch zu e, A und e’ hochgedrückt wurden.
Dann sind auch a'e', eh und a-e gültige Tetrachorde, so daß auch a als
Mese gelten kann. Durch alleiniges Hochdrücken von es+ zu e konnte
schließlich mit den Tetrachorden g-d', d'a und a-e das kleinere
vollständige System gespielt werden (wobei dann c unterhalb des
Proslambanomenos liegt). So bietet der Aulos schon in seiner
Grundstimmung und im Hinblick nur auf die Standardsysteme eine ganze
Reihe tonaler Möglichkeiten, und durch weitergehende Verwendung von
Teilabdeckungen und vermehrtes Ziehen der Töne konnten zahllose andere
hinzugewonnen werden. Platon irrte also nicht, wenn er (Rep. 399d3-5) den
Aulos
als
besonders
vieltönig
(noAvxopößtetov)
bezeichnete
und
die
Instrumente, die in allen Tonarten gespielt werden konnten (navapyıövıe),
als Nachahmungen des Aulos.
Für
die
Grifflochstimmung
der
Aulosgruppre
B
sind
nur
c) Der Aulos mit überlangen Holmoi”:
Dieses Modell spielt sich am leichtesten mit Oboen-Rohrblättern. Es verhält
sich ähnlich wie das Modell mit kürzeren Holmoi, weicht aber in einem
wichtigen Punkt ab: Das Grundregister läßt sich nicht in die unteren
Sexten überblasen (c', h-, a-), so daß eine kleine Lücke zur Oberoktave offen
bleibt. Im unteren Bereich ergibt sich damit die Skala eines alten
Heptachords, dessen Erfindung dem Terpander (um 670 v. Chr.)
zugeschrieben wurde und das noch für Philolaos belegt ist”: (...) d', c', a, g,
f es, d, (c), alles ohne Bezug auf die absolute Tonhöhe; charakteristisch ist
hier das Fehlen der späteren Trite Diezeugmenon (5b), doch mit
Hochdrücken des a dürfte man wohl auch diesen Ton erreicht haben“.
Anzumerken ist hier noch, daß einzelne Töne der beiden Nachbauten in
Originalgröße einen extrem weiten Ziehbereich haben und daß die tieferen
Töne mit Schalmeien-Rohrblättern - wenn auch nur äußerst mühsam - in
#
46
47
Holmoi 148 mm, mit Zapfen 170 mm; die übrigen Maße wie beim vorigen Modell.
“
Nikom., Harm. c. 3 u. 9; Ps.-Aristot., Probi. 19,25, 32, 44. Vgl. M. L. West, a.a.O. S.
®
Hierzu paßt, daß nach Proklos, in Alc. 197,10f., jedes Griffloch des Aulos wenigstens
drei brauchbare Töne li&fert (und 'bei Öffnung der Nebenbohrungen’ noch mehr).
wenige
Abweichungen zu verzeichnen. Der tiefste Ton und seine Oberoktave, c+
Zur Teilabdeckung des Stimmlochs wäre ein sechster Finger erforderlich.
Vgl. e' und es’ beim verkleinerten Modell.
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)die Doppeloktave überblasen werden können, dies allerdings mit schon
weitergehender Veränderung des Klangcharakters. Außerdem können auf
dem verkleinerten Modell sehr hohe, leisere, fiepende Töne erzeugt werden,
die zwei Oktaven und eine Quint über dem Grundregister liegen.
Vermutlich sind dies die Töne des syrigmos, auf den Aristoxenos, Harm.
1,21, anspielt; nur mit ihnen läßt sich auf ein und demselben Instrument
das Intervall von drei Oktaven erreichen und überschreiten. Ob Aristoxenos
aber mit xataonaoßeiong ye ıfic obpıyyog tatsächlich das Öffnen eines
Überblaslochs meinte, das konnte durch die drei Nachbauten nicht
nachgewiesen werden - dazu wäre eine größere Versuchsreihe erforderlich
(bei der auch eine größere Vielfalt von Rohrblättern und HolmosKonstruktionen zu testen wäre).
Die hier vorgetragenen Ergebnisse hängen natürlich, soweit sie die Details
der verfügbaren Skalen betreffen, von der Verläßlichkeit der von Landels
und West ermittelten Intervalle ab. Unberührt davon bleibt die
Schlußfolgerung, daß sich die Auloi der klassischen Zeit überblasen ließen,
teils in Sexten, teils in Oktaven und teils in beide dieser Intervalle sowie in
ihre Kombination. Zusammen mit den Möglichkeiten, die Töne eines jeden
Grifflochs durch Teilabdeckungen und Veränderung des Lippen- und
Atemdrucks in beliebige Nähe zu den Nachbartönen zu bringen, werden die
Auloi so tatsächlich zu dem vielseitigen Instrument, als das sie in der
griechischen Literatur erscheinen, aber auch zu dem schwer beherrschbaren und oft unsauber gespielten, das Aristoxenos beschreibt.
INN. WHSRTE ,SFUDILR „onz