Das Gotteserlebnis der Griechen

Auteur
Riehl, H.
Publié dans
Zeitschrift fur Ganzheitsforschung
Année
1961
Sujet
GREECE
Langue
Deutsch
Catégorie
C12 Religion
Numéro d'archive
6467

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Afficher le texte intégral8 pages

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ZEITSCHRIFT FUR GANZHEITSFORSCHUNG \akı NEUE FOLGE - 5. JAHRGANG - WIEN - III/1961 INHALT Tam, Eed Hans Riehl Das Gotteserlebnis der Griechen ,...ssesssnenesnaenssenaeneendenseeese Hans Sedimayr Die Entstehung der Gotik und der Fortschritt der Kunstgeschichte ........... 98 Othmar Spann Echte und phantastische Romantik „.…..sssseseesssesesensaseeenenseree Georg Rabuse Der Ganzheitsaspekt der Philosophie bei Dante ,.,.,,.,.. 115 ss 117 Das Wort im Nacken ..,‚.sssaacsssaenessnesoeevssnensseveesveervere 125 Ulrich Schöndorfer Othmar Spanns philosophisches Lebenswerk ,,.….eevssasceenseneserseere 134 Herbert Fischer Buchbesprechungen Josef Schmitz Disput über das teleologische Denken (U.Schöndorfen)........ co. 141 Die Ideenlehre Platons im Lichte des Sonnengleichnisses des sechsten Buches des Staates {J,Lob) ce cccccccvcccovsers 142 Aus der Tätigkeit der Gesellschaft „,,......sesssassssnscacsveeenesnsensees Karl Schmitz-Moormann

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Hans Riehl, Graz DAS GOTTESERLEBNIS DER GRIECHEN Schon Wilamowitz-Moellendorf versuchte den Gehalt der griechischen Dramen aus den religiösen Voraussetzungen abzuleiten, aber er stieß immer wieder auf die Schwierigkeit, daß uns diese Religion zu äußerlich und abgeleitet erschien, Walter Friedrich Otto war der erste, der den Gedanken aussprach, ein Volk, das eine so hohe Sittlichkeit, Philosophie und Kunst besessen habe, müßte sich auch zu einer besonders tiefen Religion bekannt haben und es müsse an uns legen, wenn wir diese Götterwelt immer wieder als etwas Äußerliches empfinden. Sein Lebenswerk hat den Zugang zu diesen Tiefen tatsächlich erschlossen, Den Ausgangspunkt zu einer Erfassung des griechischen Wesens muß immer wieder die Einsicht bilden, daß die Griechen - als erstes Volk der Welt - das magische Denken überwunden und ein neues Weltbild begründet haben, das sich auf der schöpferischen Kraft des menschlichen Geistes aufbaute, Während alle älteren Kulturen die Natur» mächte als weit überlegene Gewalten hinnahmen, fühlten die Griechen immer klarer , daß der menschliche Geist, der sie zu erfassen vermag, an ihre Wurzeln heranreichen muß, daß er dem Schöpfergeiste, der die Natur hervorbrachte, unmittelbarer verwandt sein müsse als der Schöpfung, Diese Einsicht, welche die griechische Philosophie spä terindie Formel faBte: Mikrokosmos (menschlicher Geist) und Makrokosmos (Weltgeist) sind einander nahe verwandt, - diese Einsicht begründete eine ganz neue Entwicklung des Menschen, Denn alle Inhalte des Lebens wurden nun mehr und mehr auf diese schöpferische Kraft des Geistes gestellt, Längst hat man erkannt, daß diese Haltung entscheidend war für die Entwicklung des griechischen Staates. Das alte Gottkönigtum und seine magische Macht wurde dadurch aufgelöst, daß jeder freie Grieche eine schöpferische Mitwirkung an der Gestaltung der Gemeinschaft forderte und daß die Entfaltung des staatlichen Lebens mehr und mehr auf diese Mitwirkung eingestellt wurde, So entwickelte sich der griechische Staat tiber die Adelsherrschaft immer mehr zur Demokratie hin, wobei aber zunächst die Führung des überragenden genialen Schöpfergeistes noch angenommen, ja erstrebt wurde: die Wahl der Staatslenker, "Archonten", und ihrer Entsprechungen hatte ursprünglich diesen Sinn, Daß bald die Bestrebung dahin ging, jedem Vollbürger - und deren wurden immer mehr - den Anteil an Verwaltung und Gericht zu sichern, ist verständlich, hatte aber den Verfall des Staates zur Folge, Auch der Umschwung der Wissenschaften hängt deutlich mit der neuen geistigen Haltung der Griechen zusammen, Denn nun galt es nicht mehr, sich durch magische Übungen in das Wesen und die Kräfte der Natur zu versenken, der schöpferische Geist mußte imstande sein, in sich ihren Aufbau, ihr Gefüge nachzuschaffen, Als wahr galt das, was jeder in sich nachzuschaffen vermochte - wobei natürlich nicht so sehr von den einzelnen Tatsachen, sondern vom Gesamt-Weltbilde der Ausgang genommen wurde: dem verdankt ja die "Philosophie" ihre Entstehung, Daß hier die Stufung der schöpferischen Kräfte noch weit stärker hervortrat und vom Ehrgeiz der einzelnen weniger verwint wurde als in der Politik, begründete den Siegeslauf der griechi= schen Wissenschaft von den jonischen Naturphilosophen bis zu Plato und Aristoteles. Noch klarer spiegelt sich die neue Haltung in der griechischen Kunst, die das

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Vollkommenheitsbild der Schöpfung, das dem menschlichen Geiste gegeben ist, im Kunstwerke zu verwirklichen sucht, In den bildenden Künsten vollendet der Künstler gleichsam das Weltbild, das sich ihm erschließt, durch seine schöpferisch bildende, gestaltende Kraft - es ist begreiflich,daß auch die religiösen Vorstellungen weitgehend durch ihn geklärt und verfestigt wurden, Denn inder Religion müssen wir den Ursprung und frühesten Ausdruck der neuen Haltung suchen, Es wäre nicht richtig, nur dies zu sagen, daß sie in einem unmittelbaren Gotteserlebnis begründet war: das war den magischen Kulturen auch gegeben ohne Frage weit stärker als wir es heute ahnen. Da aber den Griechen dieses Erlebnis nicht sofort vonder Übermacht der äußeren Natur überwältigt und gedeutet wurde ‚konnte , magischen KulDie es sich in jedem einzelnen zu immer größerer Klarheit entwickeln turen haben das Gotteserlebnis als Wesenserlebnis der Natur gedeutet und in diesem Sinne durch jahrtausendalte Übung gesteigert, Die Griechen haben das Göttliche in sich immer reiner erfaßt, aus ihm immer unmittelbarer Erkenntnisse abgeleitet, es einsichtig ausgegliedert (determiniert), Erst von diesen unmittelbaren Einsichten her wurde die Beziehung zur Natur gesucht, So haben die Griechen der magischen Auslegung eine geistige entgegengestellt, Die Stufen dieser Entwicklung haben sie in ihrer Mythologie selbst schr bewußt festgehalten, Wie alle anderen Urvölker haben sie auf einer frühen Stufe Uranos (Himmel) und Gda (Erde) verehrt, die Urbereiche der Natur, Deren Kinder waren zunächst die Kyklopen, die Urmachte, die in den Tartaros verstoßen wurden, sodann die Titanen, die wilden Naturgewalten. Der jüngste von diesen, Kronos, stürzte Uranos, verstimmelte ihn (aus dem vergossenen Blute entstanden die Giganten, die Erinnyen und die Melischen Nymphen) und trat selbst die Weltherrschaft an: das Aeon der entfalteten Naturverehrung, Ihm folgt dann das Ge= schlecht der olympischen Götter mit dem Welthenscher Zeus,dessen erste Gattin Metis, die Klugheit, ist und dessen erstes Kind Athena jungfräulich gewappnet aus seinem Haupte entsprang, Freilich mußte auch Zeus noch gewaltige Kämpfe mit den Mächten der Natur, den Giganten,dem Riesen Typhon bestehen, ehe er sich der Ordnung der Welt zuwenden konnte. Alles dies zeigt zugleich, wie durch die Wendung der Griechen der Schrecken vor der unbändigen Natur zurücktrat und der Gedanke des sinnvollen Gefüges greifbar wurde, Schon sehr früh erhob er sich über die von den Leidenschaften (Dike) und des Lebens bewegte Welt der Götter,als Vorstellung einer Weltgerechtigkeit eines höheren Schicksals, das die Parzen hegen, So wird in der griechischen Religion auch das reine, unmittelbar persönliche Gotteserlebnis immer bewuBter herausgestellt. Das äußert sich in zwei für uns befremdenden Tatsachen,die aber mit dem Verhalten der Griechen im staatlichen, wissenschaftlichen und künstterischen Leben völlig tibereinstimmen: zunächst müssen wir uns klar machen, daß in der griechischen Religion eine feste Lehre ein Dogma, ja selbst ein Priesterstand in unserem Sinne völlig fehlte, In Griechenland ruht die Vertretung von Haus, Phyle , Stamm oder Staat gegenüber den Göttern bei denselben Vertretern des Volkes wie gegenüber den Menschen. Nattirlich werden Vertreter nötig, welche bestimmte Leistungen vollziehen, aber sie haben weder ein Charisma des Geistes noch äußere Vorrechte, Jeder ist auf sein eigenes Gotteserlebnis gewiesen, Da es freilich undenkbar ist, daß es jeder in sich neu aufbaue und ausgestalte,istdie Darstellungder Sitte und dem Rechte, welche die Gemeinschaft überliefert, anvertraut, ihre geistige Durchdringung und Erneuerung aber den schöpferisch besonders Begnadeten, den Philosophen und vor allem den Künstiern: den Bildnern und Dichtern, Ihnen war es immer freigegeben, das

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Bild der Götter so zu wandeln, wie es dem tiefen Empfinden und dem allgemeinen Weltbilde der Zeit entsprach. Ja man darf geradezu sagen: daß den Künstlern die lebendige Weiterbildung der Religion überlassen war, So denken wir ja auch, wenn uns die griechische Religion vorschwebt, zunächst an Homer, Hesiod, Pindar, Aischylos , Sophoktes, Euripides, an die Göttergestalten der griechischen Plastik von den irtihesten Zeiten bis zu Phidias und Skopas, Natürlich gab es in diesem lebendigen Strömen schöpferischen Gestaltens feste Werte, Sie waren vor allem im Kult gegeben. Die Menschen müssen den Göttern durch regelmäßige Darbringung der Opfer beweisen, daß sie das Ihre beitragen wollen, das "Rad der Welt in Gang zu halten”, Das verlangt der Staat, weil die Überzeugung herrscht, daß sich jede Unterlassung an der Allgemeinheit rächen wiirde, Den Göttern durch bestimmte Handlungen verehrend zur Seite zu treten, ist "Eusebie”, die erste Pflicht, die jedem Kinde eingeschärft wird. Diese Opfer zu unterlassen, den Bestand , "Asebie". Mit Gottesleugnung oder Lästedes Ganzen also vorsätzlich zu gefährdenist die einzige Voraussetzung ist, daß alles Irtun, zu geringste das nicht diese hat rung dische Heil an höhere Mächte gebunden ist, Eine weitere feste Gegebenheit bilden die Göttergestalten, die sich im Mythos verfestigt haben. Sie sind zum Teil aus örtlichen Gottheiten, zum Teil aus Naturgottheiten, zum Teil aus reiner innerer Erfahrung - am häufigsten aber aus einer Verflechtung aller drei Elemente erwachsen, Die Mythen, welche diese einzelnen Gottheiten umspinnen und verbinden, haben immer einen tiefen Sinn: sie wurden im Gotteserlebnis “erschaut", Daß sie aber nicht dogmatische Bedeutung haben konnten, zeigt sich schon darin, daß über dasselbe Geschehen, zum Beispiel den Tod des Herakles, sehr verschiedene Mythen bestanden, Darum konnten diese Mythen auch Gegenstand der Dichtung sein, die sie In immer neuer Weise auslegte, Ihre Fülle und ihre Durchbildung bis ins einzelne entsprach im höchsten Maße der Erzählfreude der Griechen, Aber dies ganze reiche Gewebe, das Natur und Denken durchwob, war seinem tiefsten Sinne nach nur ein Hinweis, ein Fingerzeig,um den Griechen das unmittelbare Erlebnis des Göttlidas ihnen ohne Frage ungleich häufiger gegeben war als wir ahnen. chen zu erleichtern, uns vor allem die griechischen Kultstätten, Immer ist die Stelle belehren Darüber höheren Erlebens an ihr haftet. Sehr bezeichnend ist da eine Hauch ein daß so gewählt, Platos “Phaidros", Sokrates hat den Jüngling getroffen und zu Einleitung der an Stelle sucht mit ihm eine ruhige Stelle zur Rast, "Siehst du dort jene hohe Platane", fragt Phaidros, "dort haben wir Schatten und auch einen leisen Luftzug im Gras, damit wir uns setzen, oder auch, wenn wir wollen, legen können". Sokrates: "Gut also, bringe mich dahin! " Phaidross"Heißt es nicht, Sokrates, Boreas habe hier irgendwo am Ilissos Oreithya geraubt?" Sokrates: "Ja, so wird erzählt." Phaidros: "Ich meine aber, gerade von hier. Denn nirgends fließt der Bach so heiter und ‘rein und durchsichtig ..." Sie lagern sich also und der aufgeklärte Phaidros fragt: "Sokrates, sage beim Zeus: hältst du diese ganze Geschichte auch für wahr?" Sehr bezeichnend aber antwortet Sokrates: "Es würde dich gar nicht wundern, wenn ich, wie die Überklugen, daxan zweifelte. Ich witrde dann gar findig sagen: als Oreithya mit Pharmakeia hier spielte, ethob sich plötzlich der Nordwind und trug Oreithya über die Berge .... Doch rühre ich lieber nicht an diese Dinge und glaube davon ebensoviel wie die anderen und forsche lieber in mir selbst .... ob ich nicht .... irgendwie an einem göttlichen und lichten Leben teilhabe," Es ist heute, nach fast drei Jahrtausenden, freilich nicht mehr leicht, den alten

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Zauber des Ortes zu erfühlen, umso schwerer, als uns fa der Sinn für das "Innre der Natur” weitgehend entschwunden ist. Dennoch wird es wohl kaum einen Menschen geben, der nicht in Delphi ergriffen in die Pythische Schlucht einträte, der den Aufbruch der Kastalischen Quelle an dieser Stelle nicht wie ein Wunder empfände, der von dem heiligen Bezirk vor den Glanzfelsen ohne tiefe Bewegung in die Landschaft gegen den Helikon, oder höher oben, gegen die Bucht von Itea und das schimmernde Meer blicken könnte! - Völlig anders Olympia! Aber wie innig berührt uns auch da das leise Weben der Natur, der heilige Hain, der Kronoshiigel, umgrenzt von den Fluten des Alphaios , des Kladeos, ein stilles, heiteres Tal, das nur alle vier Jahre im Sommer durch einige Tage im höchsten Festesglanz erstrahlte, - Welche weltweite Einsamkeit umgibt, weiter im Stilen, den Tempel von Bassae, der, fast 1000 m hoch gelegen, den wallfahrer nach langer Wanderung twöstlich aufnimmt. Und wenden wir uns den kleineren Heiligtiimern zu: etwa den heiligen Quellen bei Lebadeia (Liwadhia), bei welchen seit dem 7, Jahrhundert vorChristi das Orakel des Trophonios blühte. Wo sich die wilde Schlucht des Herkyna-Baches hinter steil aufragendenFelsen öffnet, bilden reichlich strömendeQuellen ein Becken mit wunderbar klarem Wasser,das uralte Platanen beschatten, ImFels gegenüber sind noch die heiligen Nischen erkennbar, in welchen den Nymphen fromme Gaben dargebracht wurden, ~ Aber hat nicht die Nymphengrotten am Südhang der Akropolis zu Athen gewiß eine ähnliche Stimmung umwittert, oder die Grotten der Erynnien, zu denen der Chor nach Aischylos* gewaltiger Tragödie abzog? Und so ergeht es uns, wohin wir uns wenden. Wie gewaltig muß einst Eleusis, das jetzt von einer häßlichen Industriestadt eingeschlossen ist, am Rande der weiten Meeresbucht gewirkt haben! Welch ein überwältigendes Erlebnis ist der Blick auf den ebenmäßigen, schneebedeckten Olymp von der strahlenden Bucht in Thessaloniki, das Tempeltal, das nun freilich von beiden Seiten durch Bahn und Straße bedrängt wird! So können uns ja alle diese Stätten nur noch ahnen lassen, daß ltier in alten Zeiten Gottesnähe und “frommer Schauder” zu spüren waren, Näher bringtunsdiesen Gefühlen die Kunst, die da und dort, zwar in Trümmern, doch noch vernehmlich zu uns spricht. Weich ein Wagnis war es, in diese ungeheure Landschaft Tempel zu stellen und mit welcher Sicherheit ist bei jedem dieser Tempel das richtige Größenmaß gefunden; so gewaltig, daß er in der übermächtigen Natur noch göttliche Würde repräsentiert, und doch nicht so groß, daß er den Menschen zur Nichtigkeit erniedrigt, Immer ist bei den griechischen Tempeln - besonders im Gegensatz zum kolossalen Ausmaß der römischen Bauten - das wunderbar Menschliche ihrer Proportionen aufgefallen. Wo könnte es aber anders seinen Ursprung haben, als in der klaren Stellung, die der Mensch im Verhältnis zu Gott einerseits und zur Natur andererseits einnahm? Der Mensch fühlte sich dem Göttlichen verwandt,er konnte das Gotteshaus aus seinem eigenen Wohnbau mit der Pfeilervorhalle, dem Megaron, ableiten und er konnte es dann der Natur fromm als Werk des reinen Geistes entgegenstellen. Denn in einem gewissen Sinne stehen die Tempel - wie immer wieder betont wird - als klar faßbare Menschenwerke gegen die Natur, in Wahrheit aber stehen sie über ihr, ordnen und überhöhen, was in ihr chaotisch und maßlos war, Freilich ist diese Wirkung nicht das Ergebnis einer Überlegung, sondern eines Erlebnisses, einer Erleuchtung. So wie es uns in den Tempeln entgegentritt, so empfand eben der Grieche sein Verhältnis zum Göttlichen, wobei ja auch die verschiedenen Zeiten und Stämme noch manchen Unterschied brachten. Das Heraion in Paestum (früher als Poseidontempel bezeichnet, 5.Jh.) kündet uns von einer übermächtigen, ja fast er-

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drückenden Vorstellung des Göttlichen, während die frühen Tempel des Festlandes zu Korinth und Aegina,deren Säulen noch in magischer Art als Monolithe aufgerichtet sind , schon weit freier wirken, Hierditrfre aber auch die VorstellungdesGottes,dem der Tempel geweiht war, mitgewirkt haben, Läßt sich höhere Majestät denken als sie der Zeustempel zu Olympia, selbst in seinen Trümmern, noch ausstrahlt? Spiegelt nicht das Ebenmaé des Aphaiatempels in Aegina, die erhabene Schönheit des Parthenon in Athen etwas von der Würde dieser weiblichen Gottheiten? Weit deutlicher ist noch die Sprache derBildnerei und sie führt uns auch unmittelbar an die tiefe Bedeutung der griechischen Mythenbildung heran, Es sei gestattet, hier ein Beispiel vorzuführen, das von allem, was auf uns kam, das Wesentliche der griechischen Religion am klarsten umschreibt: den Zeustempel zu Olympia, Über die erhabene Größe des Bauwerkes wurde schon gesprochen, Der plastische Schmuck, der verhältnismäßig wohlerhalten auf uns kam, führt uns aber noch weiter, An den beiden Giebelseiten sind auf je sechs Metopen die Taten des Herakies dargestellt. Sie erinnern - wie die meisten Taten der Heroen - an die Überwindung der magischen Welt, Jedes einzelne derHalbwesen, welche Herakles überwindet ‚repräsentiert eine magische Macht , die einst voll Schauder verehrt wurde: der Stier, die Schlange, der Löwe, die Seelenvögel usw ). Uberwinder ist der Mensch,der sich kraft seines Geistes selbst zurGöttlichkeir erhebt, der Heros der Dorer, der den Hain von Olympia als erster umgrenzte, Die großen plastischen Gruppen in den Giebeln stellen das Verhältnis des Menschen zu den Göttern dar: im Westen tritt Apollo im Kampf zwischen den Kentauren und Lapithen auf die Seite der Menschen, welche die Ungeheuer bekämpfen; im Osten (über dem Tempeleingang) ragt Zeus seibst als Schiedsrichter im Wettrennen zwischen Pelops und Oinomaos, Wird im Westen die Gottesnähe des Menschen gezeigt, so wird hier vor deren Gegensatz gewarnt, vor der Überhebung, der "Hybris". Sie ist die einzige, die Urstinde, welche die Griechen kannten, der Anfang allen Unheils: die Überschreitung der Grenzen, der Frevelmut, Trotz der Warnung des Gottes läßt sich Oinomaos, von seiner Gemahlin Sterope aufgestachelt, auf die Wettfahrt ein und wird zu Tode geschleift, Von dem gewaltigsten Bildwerk des Tempels, dem thronenden Zeus des Phidias,ist leider nichts mehr erhalten, Vor dem Eintretenden ragte es überwältigend groB(rd, 12 m hoch), in Gold und Elfenbein erstrahlend im milden Lichte auf, - Doch geben uns schon die kleineren Bildwerke wunderbar Auskunft über die Art des griechischen Gotteserlebens , In den Metopen sehen wir Athena hinter Herakles still und hilfreich erscheinen,Er kann sie nicht erblicken, aber er fühlt ihren Beistand, spürt ihre Nähe, So haben die Griechen ihren Gott gespürt, als innere Geborgenheit, als wirksame Hilfe ‚als innere Stimme, Sie spürten ihn vor allem in der Natur: die Stelle aus dem "Phaidros" ist ein Beweis unter Tausenden, Wie wunderbar schildert Aischylos das Nahen der Okeaniden, wenn der einsame Prometheus aufhorcht: Horch, horch, was erscholl? Welcher Duft weht von dorther unsichtbar mich an? Von Göttern? Von Menschen? Oder beider Art? ... Lind flüstert die Luft Von der Fittiche leicht hinsäuselndem Schwung. Oder erinnern wir uns der Worte Antigones im "Oedipus auf Kolonos” von Sophokles: : Doch dieser Ort ist heilig - das erkenn* ich klar Von Rebe, Lorbeer, Öl umblüht; anmutig tönt Zahlloser Nachtigallen Lied ..,

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Bis zum “panischen Schrecken" kann sich dies Gefühl für die Heiligkeit des Ortes steigern, das die Kunst an den geweihten $tätten herrlich bestätigt. Aber nicht minder wird die Nähe des Gottes gefühlt im Drange des Lebens, im Ansturm des Schicksals, wieder von der leisesten Berührung bis zur höchsten Erschütterung sich steigernd: es ist mehr als ein Bild, wenn Homer seine Helden in jeder Freude, jeder Not mit ihrem Gott ins Zwiegespräch kommen läßt,Gewiß: aus dem dauernden Weiterspinnen dieser Begegnungen spricht die gleiche schlichte Frömmigkeit, die auch manchen Menschen des Mittelalters das halbe Leben zu einem vertrauten Gespräch mit Gott machte, die aber auch heute noch einen tieffrommen Menschen in ein solches Gespräch versenken kann. Wir nehmen alles das viel zu äußerlich, ja mit einem vorgefaßten Unglauben, Aber jene Menschen suchten ihren Gott gewiß mit tiefster Inbrunst , vielleicht mit tieferer als wir. Und daß sie ihn fanden, das beweist uns wieder die Kunst. Denn kaum eine andere Kunst hat den Schauder des Gotteserlebnisses so gewaltig zum Ausdruck gebracht wie die griechische. Allen bedeutenden Götterdarstellungen der Griechen ist dieser Schauder eigen, der sich bildhaft als plötzliches Auftauchen, Emporsteigen, als überwältigend leuchtende Erscheinung kundtut, Sogleich der Apollo auf dem Westgiebel in Olympia ist ein herrliches Beispiel. Ein wilder Kampf ist entbrannt,alle Leidenschaft und Wut ist entfesselt - da taucht mit= ten unter den Ringenden die Lichtgestalt auf, strahlend schießt sie empor - und alles Toben und Tosen verstummt. So muß auf dem Ostgiebel des Parthenons Athena plötzlich vor Zeus und den staunenden Göttern erschienen sein, so leuchtet, wie vom Blitz erhellt, der Blitze schleudernde Poseidon auf (oder ist es Zeus?), der bei dem Artemision aus dem Meer geborgen wurde. So erhebt sich vor den Blicken der Auswanderer , die noch einmal zum heimatlichen Heiligtum zwückblicken, die Athena Lemnia. So muß vor dem, der in den Parthenon, in den Zeustempel zu Olympia eintrat, überwältigend das riesenhafte Bildwerk der Göttin, des thronenden Gottes emporgetaucht sein, ungewiß flimmernd zunächst im milden Glanze des Goldes und langsam erst zur inneren Gewißheit sich verfestigend, Dieses Plötzliche, Erscheinungshafte ist wohl das tiefste Geheimnis der griechischen Plastik, ja der griechischen Kunst - denn auch dem griechischen Tempel ist etwas davon eigen -,die entscheidende Stufe zu ihrem Verständnis, In der frühen Zeit äußert es sich gewaltsam, fast erschreckend, im klassischen Zeitalter mild und still, aber sieghaft leuchtend, in der Spätzeit, etwa bei Praxiteles, in der durchscheinenden Zartheit der gesamten Oberfläche, welche das Götterbild der Wirklichkeit entriickt und in ein höheres Sein erhebt, Zur höchsten Wirkung konnte dies plötzliche Erscheinen und Erleben des Gottes freilich nicht in der bildenden Kunst gebracht werden, die ja doch am Wirklichen haftet, die letzte Erfüllung war der Dichtung vorbehalten, Derletzte Sinn des griechischen Dramas war das, was eine unfromme Zeit für seine innerste Schwäche hielt: der "deus ex machina", Wir müssen begreifen, daß das ganze Drama um dieses Augenblicks willen geschaffen ist, daß alle Verwirrung und heillose Zerklüftung des Daseins nur aufgetürmt wird, um mit der Erscheinung des Gottes endlich der Gnade,dem Heil,dem Lichte zu weichen. Unrettbar verschlingen sich die Pfade des Lebens, in rasender Verblendung stürmen die Gewalten gegeneinander - da öffnet sich der Himmel und klirend , lindernd, ordnend erklingt die Stimme des Gottes. Wer konnte so verstockt sein, daß er da die höhere Macht nicht fühlte, daß ihm nicht ein wahres Gotteserlebnis zuteil ward, Nicht ohne Grund war das Theater eine heilige Stätte, war sein Besuch ein öf-

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fentliches Anliegen, Die Tage, an denen sich seine Pforten öffneten, waren Héhepunk~ te des antiken Lebens, das aber durch seine Feste, seine Kunstwerke, seine Bräuche , ja seine ganze Haltung stets auf das eine gerichtet war: in allem Irdischen das Überirdische sichtbar zu machen, So bleibt uns an diesem Erleben nur eines noch rätselhaft,das istdie Einschränkung auf einen jeweils bestimmten, besonderen Gott, Diese Einschränkung hat ohne Frage zahlreiche Voraussetzungen, die unserem Weltbild fernstehen, ja unzugänglich sind: vor allem die wirklich noch vorhandene Natursichtigkeit der Griechen, sodann ihre mit einer schöpferischen Phantasie verbundene Kraft, geistige Probleme bildhaft "myr thologisch" zu lösen. Es ist mehr als Erzählfreude, es ist zugleich ein tiefes, zusamdas ihnen half, die unendlichen Wirrnisse des magischen Weltmenschauendes Denken, bildes mit all seinen Ungeheuern, Halbwesen, Dämonen zu bezwingen und sinnbildhaft zu verschlingen, Es waren aber auch echte Mächte, Mächte der Natur, der Landschaft , des Lebens, denen sie unendlich aufgeschlossener als wir gegenüberstanden und die sie in ihrer Gotteswelt nicht missen wollten, Schließlich aber- und keineswegs zuletzt - waren es auch die uralten, nur langsam sich wandelnden Vorstellungen vom Weiterleben und Weiterwirken nach dem Tode ‚die auf jene von den Göttern einen Einfluß übten. Wenn auch die griechische Religion die Vergöttlichung der Ahnen ablehnte, so sind doch Elemente des Ahnenkultes in ihr zu . erkennen, vor allem der Heroenkult, der ursprünglich Stammesgottheiten umfaßte Toten, der Welt abgekehrten unseren der von jenseitigen, einer Vorstellung die schon Ja eines Totenreiches,das einem eigenen Gotte untertan war,gab dem Glauben an vielerlei göttliche Wesen Nahrung und einen tiefen erlebnishaften Hintergrund, So waren die Griechen gerne bereit, den einen Gott, an den die Großen unter ihnen fraglos glaubten, in tausend Gestalten wirksam zu sehen, die aber der plastischkünstlerische Sinn, der sie beseelte, sogleich wieder zu einem überblickbaten Kreis von Göttern zusammenfaßte und formte, Alle diese Voraussetzungen fehlen uns, Aber für uns ebenso wahr wie ftir die Griechen ist die Tatsache, daß wir die heilige Macht der Gottheit nicht völlig loszulösen vermögen von ihren Schöpfungen und Erscheinun= gen, ja daß es leichter ist, vermittelnde Mächte zu erfassen, als das Unfaßbare des Göttlichen unvermittelt zu erleben, So erstand aus den altüberlieferten Stammesgottheiten, örtlichen Gottheiten, Naturgottheiten, aus dichterischen Deutungen und ge, dem man - nach des Sokrares Wortdanklichen Spekulationen jener Götterhimmelan man bemüht, ihn im schöpferischen war leugnen, zu ihn Statt rührte", nicht “lieber Zeiten haben Dichter, Denker und Platos zu Bis vertiefen. zu mehr und mehr Wandel Bildner unablässig an diesem Gétterhimmel weitergebaut, haben ihn gewandelt, neue Gestalten ausgeformt, den alten neue Deutungen gegeben, so daß das Gesamtbild immer wieder voll tiefem Sinn, das einzelne lebensnah und faßbar blieb, Man war glücklich, Vermittlungen zu haben, die im Sinnlichen zum Übersinnlichen, im Faßbaren zum Unfaßbaren - Einen hinführten, Erst das Christentum konnte diesen Zustand dadurch überwinden, daß es einen Mittler an die Stelle all der vielen dichterisch gedeuteten Götter setzte: Christus, der, als Mensch völlig schaubar und irdisch vertraut, in seiner Göttlichkeit doch zugleich die Überwelt unmittelbar erschließt,