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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ZEITSCHRIFT FUR GANZHEITSFORSCHUNG
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NEUE FOLGE - 5. JAHRGANG - WIEN - III/1961
INHALT
Tam,
Eed
Hans Riehl
Das Gotteserlebnis
der Griechen ,...ssesssnenesnaenssenaeneendenseeese
Hans Sedimayr
Die Entstehung der Gotik und der Fortschritt der Kunstgeschichte ...........
98
Othmar Spann
Echte und phantastische Romantik „.…..sssseseesssesesensaseeenenseree
Georg Rabuse
Der Ganzheitsaspekt der Philosophie bei Dante ,.,.,,.,..
115
ss
117
Das Wort im Nacken ..,‚.sssaacsssaenessnesoeevssnensseveesveervere
125
Ulrich Schöndorfer
Othmar Spanns philosophisches Lebenswerk ,,.….eevssasceenseneserseere
134
Herbert Fischer
Buchbesprechungen
Josef Schmitz
Disput über das teleologische Denken
(U.Schöndorfen)........ co.
141
Die Ideenlehre Platons im Lichte des Sonnengleichnisses
des sechsten Buches des Staates
{J,Lob) ce cccccccvcccovsers
142
Aus der Tätigkeit der Gesellschaft „,,......sesssassssnscacsveeenesnsensees
Karl Schmitz-Moormann
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hans Riehl, Graz
DAS GOTTESERLEBNIS DER GRIECHEN
Schon Wilamowitz-Moellendorf versuchte den Gehalt der griechischen Dramen
aus den religiösen Voraussetzungen abzuleiten, aber er stieß immer wieder auf die
Schwierigkeit, daß uns diese Religion zu äußerlich und abgeleitet erschien, Walter
Friedrich
Otto war der erste, der den Gedanken aussprach, ein Volk, das eine so hohe
Sittlichkeit, Philosophie und Kunst besessen habe, müßte sich auch zu einer besonders
tiefen Religion bekannt haben und es müsse an uns legen, wenn wir diese Götterwelt
immer wieder als etwas Äußerliches empfinden. Sein Lebenswerk hat den Zugang zu
diesen Tiefen tatsächlich erschlossen,
Den Ausgangspunkt zu einer Erfassung des griechischen Wesens muß immer wieder
die Einsicht bilden, daß die Griechen - als erstes Volk der Welt - das magische Denken
überwunden und ein neues Weltbild begründet haben, das sich auf der schöpferischen
Kraft des menschlichen Geistes aufbaute, Während alle älteren Kulturen die Natur»
mächte als weit überlegene Gewalten hinnahmen, fühlten die Griechen immer klarer ,
daß der menschliche Geist, der sie zu erfassen vermag, an ihre Wurzeln heranreichen
muß, daß er dem Schöpfergeiste, der die Natur hervorbrachte, unmittelbarer verwandt
sein müsse als der Schöpfung, Diese Einsicht, welche die griechische Philosophie spä terindie Formel faBte: Mikrokosmos (menschlicher Geist) und Makrokosmos (Weltgeist)
sind einander nahe verwandt, - diese Einsicht begründete eine ganz neue Entwicklung
des Menschen,
Denn alle Inhalte des Lebens wurden nun mehr und mehr auf diese schöpferische Kraft des Geistes gestellt,
Längst hat man erkannt, daß diese Haltung entscheidend war für die Entwicklung
des griechischen Staates. Das alte Gottkönigtum und seine magische Macht wurde
dadurch aufgelöst, daß jeder freie Grieche eine schöpferische Mitwirkung an der Gestaltung der Gemeinschaft forderte und daß die Entfaltung des staatlichen Lebens mehr
und mehr auf diese Mitwirkung eingestellt wurde, So entwickelte sich der griechische
Staat tiber die Adelsherrschaft immer mehr zur Demokratie hin, wobei aber zunächst
die Führung des überragenden genialen Schöpfergeistes noch angenommen, ja erstrebt
wurde: die Wahl der Staatslenker, "Archonten", und ihrer Entsprechungen hatte ursprünglich diesen Sinn, Daß bald die Bestrebung dahin ging, jedem Vollbürger - und
deren wurden immer mehr - den Anteil an Verwaltung und Gericht zu sichern, ist verständlich, hatte aber den Verfall des Staates zur Folge,
Auch der Umschwung der Wissenschaften hängt deutlich mit der neuen geistigen Haltung der Griechen zusammen, Denn nun galt es nicht mehr, sich durch magische Übungen in das Wesen und die Kräfte der Natur zu versenken, der schöpferische
Geist mußte imstande sein, in sich ihren Aufbau, ihr Gefüge nachzuschaffen, Als
wahr galt das, was jeder in sich nachzuschaffen vermochte - wobei natürlich nicht so
sehr von den einzelnen Tatsachen, sondern vom Gesamt-Weltbilde der Ausgang genommen wurde: dem verdankt ja die "Philosophie" ihre Entstehung, Daß hier die Stufung der schöpferischen Kräfte noch weit stärker hervortrat und vom Ehrgeiz der einzelnen weniger verwint wurde als in der Politik, begründete den Siegeslauf
der griechi=
schen Wissenschaft von den jonischen Naturphilosophen bis zu Plato und Aristoteles.
Noch klarer spiegelt sich die neue Haltung in der griechischen Kunst, die das
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Vollkommenheitsbild der Schöpfung, das dem menschlichen Geiste gegeben ist, im
Kunstwerke zu verwirklichen sucht, In den bildenden Künsten vollendet der Künstler
gleichsam das Weltbild, das sich ihm erschließt, durch seine schöpferisch bildende,
gestaltende Kraft - es ist begreiflich,daß auch die religiösen Vorstellungen weitgehend
durch ihn geklärt und verfestigt wurden,
Denn inder Religion müssen wir den Ursprung und frühesten Ausdruck der neuen
Haltung suchen, Es wäre nicht richtig, nur dies zu sagen, daß sie in einem unmittelbaren Gotteserlebnis begründet war: das war den magischen Kulturen auch gegeben ohne Frage weit stärker als wir es heute ahnen. Da aber den Griechen dieses Erlebnis
nicht sofort vonder Übermacht der äußeren Natur überwältigt und gedeutet wurde ‚konnte
, magischen KulDie
es sich in jedem einzelnen zu immer größerer Klarheit entwickeln
turen haben das Gotteserlebnis als Wesenserlebnis der Natur gedeutet und in diesem
Sinne durch jahrtausendalte Übung gesteigert, Die Griechen haben das Göttliche in
sich immer reiner erfaßt, aus ihm immer unmittelbarer Erkenntnisse abgeleitet, es
einsichtig ausgegliedert (determiniert), Erst von diesen unmittelbaren Einsichten her
wurde die Beziehung zur Natur gesucht, So haben die Griechen der magischen Auslegung eine geistige entgegengestellt, Die Stufen dieser Entwicklung haben sie in
ihrer Mythologie selbst schr bewußt festgehalten, Wie alle anderen Urvölker haben sie
auf einer frühen Stufe Uranos (Himmel) und Gda (Erde) verehrt, die Urbereiche der
Natur, Deren Kinder waren zunächst die Kyklopen, die Urmachte, die in den Tartaros
verstoßen wurden, sodann die Titanen, die wilden Naturgewalten. Der jüngste von
diesen, Kronos, stürzte Uranos, verstimmelte ihn (aus dem vergossenen Blute entstanden die Giganten, die Erinnyen und die Melischen Nymphen) und trat selbst die
Weltherrschaft an: das Aeon der entfalteten Naturverehrung, Ihm folgt dann das Ge=
schlecht der olympischen Götter mit dem Welthenscher Zeus,dessen erste Gattin Metis,
die Klugheit, ist und dessen erstes Kind Athena jungfräulich gewappnet aus seinem
Haupte entsprang, Freilich mußte auch Zeus noch gewaltige Kämpfe mit den Mächten
der Natur, den Giganten,dem Riesen Typhon bestehen, ehe er sich der Ordnung der
Welt zuwenden konnte. Alles dies zeigt zugleich, wie durch die Wendung der Griechen
der Schrecken vor der unbändigen Natur zurücktrat und der Gedanke des sinnvollen
Gefüges greifbar wurde, Schon sehr früh erhob er sich über die von den Leidenschaften
(Dike) und
des Lebens bewegte Welt der Götter,als Vorstellung einer Weltgerechtigkeit
eines höheren Schicksals, das die Parzen hegen,
So wird in der griechischen Religion auch das reine, unmittelbar persönliche Gotteserlebnis immer bewuBter herausgestellt. Das äußert sich in zwei für uns befremdenden
Tatsachen,die aber mit dem Verhalten der Griechen im staatlichen, wissenschaftlichen
und künstterischen Leben völlig tibereinstimmen: zunächst müssen wir uns klar machen,
daß in der griechischen Religion eine feste Lehre ein Dogma, ja selbst ein Priesterstand
in unserem Sinne völlig fehlte, In Griechenland ruht die Vertretung von Haus, Phyle ,
Stamm oder Staat gegenüber den Göttern bei denselben Vertretern des Volkes wie
gegenüber den Menschen. Nattirlich werden Vertreter nötig, welche bestimmte Leistungen vollziehen, aber sie haben weder ein Charisma des Geistes noch äußere Vorrechte,
Jeder ist auf sein eigenes Gotteserlebnis gewiesen, Da es freilich undenkbar ist, daß
es jeder in sich neu aufbaue und ausgestalte,istdie Darstellungder Sitte und dem Rechte, welche die Gemeinschaft überliefert, anvertraut, ihre geistige Durchdringung und
Erneuerung aber den schöpferisch besonders Begnadeten, den Philosophen und vor allem den Künstiern: den Bildnern und Dichtern, Ihnen war es immer freigegeben, das
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Bild der Götter so zu wandeln, wie es dem tiefen Empfinden und dem allgemeinen
Weltbilde der Zeit entsprach. Ja man darf geradezu sagen: daß den Künstlern die lebendige Weiterbildung der Religion überlassen war, So denken wir ja auch, wenn uns
die griechische Religion vorschwebt, zunächst an Homer, Hesiod, Pindar, Aischylos ,
Sophoktes, Euripides, an die Göttergestalten der griechischen Plastik von den irtihesten Zeiten bis zu Phidias und Skopas,
Natürlich gab es in diesem lebendigen Strömen schöpferischen Gestaltens feste
Werte, Sie waren vor allem im Kult gegeben. Die Menschen müssen den Göttern durch
regelmäßige Darbringung der Opfer beweisen, daß sie das Ihre beitragen wollen, das
"Rad der Welt in Gang zu halten”, Das verlangt der Staat, weil die Überzeugung
herrscht, daß sich jede Unterlassung an der Allgemeinheit rächen wiirde, Den Göttern
durch bestimmte Handlungen verehrend zur Seite zu treten, ist "Eusebie”, die erste
Pflicht, die jedem Kinde eingeschärft wird. Diese Opfer zu unterlassen, den Bestand
, "Asebie". Mit Gottesleugnung oder Lästedes Ganzen also vorsätzlich zu gefährdenist
die einzige Voraussetzung ist, daß alles Irtun,
zu
geringste
das
nicht
diese
hat
rung
dische Heil an höhere Mächte gebunden ist,
Eine weitere feste Gegebenheit bilden die Göttergestalten, die sich im Mythos
verfestigt haben. Sie sind zum Teil aus örtlichen Gottheiten, zum Teil aus Naturgottheiten, zum Teil aus reiner innerer Erfahrung - am häufigsten aber aus einer Verflechtung aller drei Elemente erwachsen, Die Mythen, welche diese einzelnen Gottheiten
umspinnen und verbinden, haben immer einen tiefen Sinn: sie wurden im Gotteserlebnis “erschaut", Daß sie aber nicht dogmatische Bedeutung haben konnten, zeigt sich
schon darin, daß über dasselbe Geschehen, zum Beispiel den Tod des Herakles, sehr
verschiedene Mythen bestanden, Darum konnten diese Mythen auch Gegenstand der
Dichtung sein, die sie In immer neuer Weise auslegte, Ihre Fülle und ihre Durchbildung
bis ins einzelne entsprach im höchsten Maße der Erzählfreude der Griechen, Aber dies
ganze reiche Gewebe, das Natur und Denken durchwob, war seinem tiefsten Sinne
nach
nur ein Hinweis, ein Fingerzeig,um den Griechen das unmittelbare Erlebnis des Göttlidas ihnen ohne Frage ungleich häufiger gegeben war als wir ahnen.
chen zu erleichtern,
uns vor allem die griechischen Kultstätten, Immer ist die Stelle
belehren
Darüber
höheren Erlebens an ihr haftet. Sehr bezeichnend ist da eine
Hauch
ein
daß
so gewählt,
Platos “Phaidros", Sokrates hat den Jüngling getroffen und
zu
Einleitung
der
an
Stelle
sucht mit ihm eine ruhige Stelle zur Rast, "Siehst du dort jene hohe Platane", fragt
Phaidros, "dort haben wir Schatten und auch einen leisen Luftzug im Gras, damit wir
uns setzen, oder auch, wenn wir wollen, legen können". Sokrates: "Gut also, bringe
mich dahin! " Phaidross"Heißt es nicht, Sokrates, Boreas habe hier irgendwo am Ilissos
Oreithya geraubt?" Sokrates: "Ja, so wird erzählt." Phaidros: "Ich meine aber, gerade
von hier. Denn nirgends fließt der Bach so heiter und ‘rein und durchsichtig ..." Sie
lagern sich also und der aufgeklärte Phaidros fragt: "Sokrates, sage beim Zeus: hältst
du diese ganze Geschichte auch für wahr?" Sehr bezeichnend aber antwortet Sokrates:
"Es würde dich gar nicht wundern, wenn ich, wie die Überklugen, daxan zweifelte.
Ich witrde dann gar findig sagen: als Oreithya mit Pharmakeia hier spielte, ethob sich
plötzlich der Nordwind und trug Oreithya über die Berge .... Doch rühre ich lieber
nicht an diese Dinge und glaube davon ebensoviel wie die anderen und forsche lieber
in mir selbst .... ob ich nicht .... irgendwie an einem göttlichen und lichten Leben
teilhabe,"
Es ist heute, nach fast drei Jahrtausenden, freilich nicht mehr leicht, den alten
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Zauber des Ortes zu erfühlen, umso schwerer, als uns fa der Sinn für das "Innre der
Natur” weitgehend entschwunden ist. Dennoch wird es wohl kaum einen Menschen geben, der nicht in Delphi ergriffen in die Pythische Schlucht einträte, der den Aufbruch
der Kastalischen Quelle an dieser Stelle nicht wie ein Wunder empfände, der von dem
heiligen Bezirk vor den Glanzfelsen ohne tiefe Bewegung in die Landschaft gegen den
Helikon, oder höher oben, gegen die Bucht von Itea und das schimmernde Meer blicken
könnte! - Völlig anders Olympia! Aber wie innig berührt uns auch da das leise Weben
der Natur, der heilige Hain, der Kronoshiigel, umgrenzt von den Fluten des Alphaios ,
des Kladeos, ein stilles, heiteres Tal, das nur alle vier Jahre im Sommer durch einige
Tage im höchsten Festesglanz erstrahlte, - Welche weltweite Einsamkeit umgibt, weiter im Stilen, den Tempel von Bassae, der, fast 1000 m hoch gelegen, den wallfahrer
nach langer Wanderung twöstlich aufnimmt.
Und wenden wir uns den kleineren Heiligtiimern zu: etwa den heiligen Quellen bei
Lebadeia (Liwadhia), bei welchen seit dem 7, Jahrhundert vorChristi das Orakel des Trophonios blühte. Wo sich die wilde Schlucht des Herkyna-Baches hinter steil aufragendenFelsen öffnet, bilden reichlich strömendeQuellen ein Becken mit wunderbar klarem
Wasser,das uralte Platanen beschatten, ImFels gegenüber sind noch die heiligen Nischen
erkennbar, in welchen den Nymphen fromme Gaben dargebracht wurden, ~ Aber hat
nicht die Nymphengrotten am Südhang der Akropolis zu Athen gewiß eine ähnliche Stimmung umwittert, oder die Grotten der Erynnien, zu denen der Chor nach Aischylos* gewaltiger Tragödie abzog? Und so ergeht es uns, wohin wir uns wenden. Wie gewaltig
muß einst Eleusis, das jetzt von einer häßlichen Industriestadt eingeschlossen ist, am
Rande der weiten Meeresbucht gewirkt haben! Welch ein überwältigendes Erlebnis ist
der Blick auf den ebenmäßigen, schneebedeckten Olymp von der strahlenden Bucht in
Thessaloniki, das Tempeltal, das nun freilich von beiden Seiten durch Bahn und Straße
bedrängt wird!
So können uns ja alle diese Stätten nur noch ahnen lassen, daß ltier in alten Zeiten
Gottesnähe und “frommer Schauder” zu spüren waren, Näher bringtunsdiesen Gefühlen
die Kunst, die da und dort, zwar in Trümmern, doch noch vernehmlich zu uns spricht.
Weich ein Wagnis war es, in diese ungeheure Landschaft Tempel zu stellen und mit
welcher Sicherheit ist bei jedem dieser Tempel das richtige Größenmaß gefunden; so
gewaltig, daß er in der übermächtigen Natur noch göttliche Würde repräsentiert, und
doch nicht so groß, daß er den Menschen zur Nichtigkeit erniedrigt, Immer ist bei den
griechischen Tempeln - besonders im Gegensatz zum kolossalen Ausmaß der römischen
Bauten - das wunderbar Menschliche ihrer Proportionen aufgefallen. Wo könnte es aber
anders seinen Ursprung haben, als in der klaren Stellung, die der Mensch im Verhältnis
zu Gott einerseits und zur Natur andererseits einnahm? Der Mensch fühlte sich dem Göttlichen verwandt,er konnte das Gotteshaus aus seinem eigenen Wohnbau mit der Pfeilervorhalle, dem Megaron, ableiten und er konnte es dann der Natur fromm als Werk des
reinen Geistes entgegenstellen.
Denn in einem gewissen Sinne stehen die Tempel - wie
immer wieder betont wird - als klar faßbare Menschenwerke gegen die Natur, in
Wahrheit aber stehen sie über ihr, ordnen und überhöhen,
was in ihr chaotisch und maßlos war, Freilich ist diese Wirkung nicht das Ergebnis einer Überlegung, sondern eines
Erlebnisses, einer Erleuchtung. So wie es uns in den Tempeln entgegentritt, so empfand
eben der Grieche sein Verhältnis zum Göttlichen, wobei ja auch die verschiedenen
Zeiten und Stämme noch manchen Unterschied brachten. Das Heraion in Paestum (früher
als Poseidontempel bezeichnet, 5.Jh.) kündet uns von einer übermächtigen, ja fast er-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)drückenden Vorstellung des Göttlichen, während die frühen Tempel des Festlandes zu
Korinth und Aegina,deren Säulen noch in magischer
Art als Monolithe aufgerichtet sind ,
schon weit freier wirken, Hierditrfre aber auch die VorstellungdesGottes,dem der Tempel geweiht war, mitgewirkt haben, Läßt sich höhere Majestät denken als sie der Zeustempel zu Olympia, selbst in seinen Trümmern, noch ausstrahlt? Spiegelt nicht das
Ebenmaé des Aphaiatempels in Aegina, die erhabene Schönheit des Parthenon in Athen
etwas von der Würde dieser weiblichen Gottheiten?
Weit deutlicher ist noch die Sprache derBildnerei und sie führt uns auch unmittelbar an die tiefe Bedeutung der griechischen Mythenbildung heran, Es sei gestattet, hier
ein Beispiel vorzuführen, das von allem, was auf uns kam, das Wesentliche der griechischen Religion am klarsten umschreibt: den Zeustempel zu Olympia, Über die erhabene Größe des Bauwerkes wurde schon gesprochen, Der plastische Schmuck, der
verhältnismäßig wohlerhalten auf uns kam, führt uns aber noch weiter, An den beiden
Giebelseiten sind auf je sechs Metopen die Taten des Herakies dargestellt. Sie erinnern
- wie die meisten Taten der Heroen - an die Überwindung der magischen Welt, Jedes
einzelne derHalbwesen, welche Herakles überwindet ‚repräsentiert eine magische Macht ,
die einst voll Schauder verehrt wurde: der Stier, die Schlange, der Löwe, die Seelenvögel usw ). Uberwinder ist der Mensch,der sich kraft seines Geistes selbst zurGöttlichkeir erhebt, der Heros der Dorer, der den Hain von Olympia als erster umgrenzte, Die
großen plastischen Gruppen in den Giebeln stellen das Verhältnis des Menschen zu den
Göttern dar: im Westen tritt Apollo im Kampf zwischen den Kentauren und Lapithen auf
die Seite der Menschen, welche die Ungeheuer bekämpfen; im Osten (über dem Tempeleingang) ragt Zeus seibst als Schiedsrichter im Wettrennen zwischen Pelops und Oinomaos, Wird im Westen die Gottesnähe des Menschen gezeigt, so wird hier vor deren
Gegensatz gewarnt, vor der Überhebung, der "Hybris". Sie ist die einzige, die Urstinde, welche die Griechen kannten, der Anfang allen Unheils: die Überschreitung der
Grenzen, der Frevelmut, Trotz der Warnung des Gottes läßt sich Oinomaos, von seiner
Gemahlin Sterope aufgestachelt,
auf die Wettfahrt ein und wird zu Tode geschleift, Von
dem gewaltigsten Bildwerk des Tempels, dem thronenden Zeus des Phidias,ist leider
nichts mehr erhalten,
Vor dem Eintretenden ragte es überwältigend groB(rd, 12 m hoch),
in Gold und Elfenbein erstrahlend im milden Lichte auf, - Doch geben uns schon die
kleineren Bildwerke wunderbar Auskunft über die Art des griechischen Gotteserlebens ,
In den Metopen sehen wir Athena hinter Herakles still und hilfreich erscheinen,Er kann
sie nicht erblicken, aber er fühlt ihren Beistand, spürt ihre Nähe, So haben die Griechen
ihren Gott gespürt, als innere Geborgenheit, als wirksame Hilfe ‚als innere Stimme,
Sie
spürten ihn vor allem in der Natur: die Stelle aus dem "Phaidros" ist ein Beweis unter
Tausenden, Wie wunderbar schildert Aischylos das Nahen der Okeaniden, wenn der einsame Prometheus aufhorcht:
Horch, horch, was erscholl?
Welcher Duft weht von dorther unsichtbar mich an?
Von Göttern? Von Menschen? Oder beider Art? ...
Lind flüstert die Luft
Von der Fittiche leicht hinsäuselndem Schwung.
Oder erinnern wir uns der Worte Antigones im "Oedipus auf Kolonos” von Sophokles: :
Doch dieser Ort ist heilig - das erkenn* ich klar Von Rebe, Lorbeer, Öl umblüht; anmutig tönt
Zahlloser Nachtigallen Lied ..,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Bis zum “panischen Schrecken" kann sich dies Gefühl für die Heiligkeit des Ortes steigern, das die Kunst an den geweihten $tätten herrlich bestätigt.
Aber nicht minder wird die Nähe des Gottes gefühlt im Drange des Lebens,
im Ansturm des Schicksals, wieder von der leisesten Berührung bis zur höchsten Erschütterung
sich steigernd: es ist mehr als ein Bild, wenn Homer seine Helden in jeder Freude, jeder
Not mit ihrem Gott ins Zwiegespräch kommen läßt,Gewiß: aus dem dauernden Weiterspinnen dieser Begegnungen spricht die gleiche schlichte Frömmigkeit, die auch manchen Menschen des Mittelalters das halbe Leben zu einem vertrauten Gespräch mit
Gott machte, die aber auch heute noch einen tieffrommen Menschen in ein solches
Gespräch versenken kann. Wir nehmen alles das viel zu äußerlich, ja mit einem vorgefaßten Unglauben, Aber jene Menschen suchten ihren Gott gewiß mit tiefster Inbrunst ,
vielleicht mit tieferer als wir. Und daß sie ihn fanden, das beweist uns wieder die Kunst.
Denn kaum eine andere Kunst hat den Schauder des Gotteserlebnisses so gewaltig zum
Ausdruck gebracht wie die griechische. Allen bedeutenden Götterdarstellungen der
Griechen ist dieser Schauder eigen, der sich bildhaft als plötzliches Auftauchen, Emporsteigen, als überwältigend leuchtende Erscheinung kundtut,
Sogleich der Apollo auf dem Westgiebel in Olympia ist ein herrliches Beispiel.
Ein wilder Kampf ist entbrannt,alle Leidenschaft und Wut ist entfesselt - da taucht mit=
ten unter den Ringenden die Lichtgestalt auf, strahlend schießt sie empor - und alles
Toben und Tosen verstummt. So muß auf dem Ostgiebel des Parthenons Athena plötzlich
vor Zeus und den staunenden Göttern erschienen sein, so leuchtet, wie vom Blitz erhellt, der Blitze schleudernde Poseidon auf (oder ist es Zeus?), der bei dem Artemision aus dem Meer geborgen wurde. So erhebt sich vor den Blicken der Auswanderer ,
die noch einmal zum heimatlichen Heiligtum zwückblicken, die Athena Lemnia. So
muß vor dem, der in den Parthenon, in den Zeustempel zu Olympia eintrat, überwältigend das riesenhafte Bildwerk der Göttin, des thronenden Gottes emporgetaucht
sein, ungewiß flimmernd zunächst im milden Glanze des Goldes und langsam erst zur
inneren Gewißheit sich verfestigend,
Dieses Plötzliche, Erscheinungshafte ist wohl das tiefste Geheimnis der griechischen Plastik, ja der griechischen Kunst - denn auch dem griechischen Tempel ist etwas davon eigen -,die entscheidende Stufe zu ihrem Verständnis, In der frühen Zeit
äußert es sich gewaltsam, fast erschreckend, im klassischen Zeitalter mild und still,
aber sieghaft leuchtend, in der Spätzeit, etwa bei Praxiteles, in der durchscheinenden
Zartheit der gesamten Oberfläche, welche das Götterbild der Wirklichkeit entriickt und
in ein höheres Sein erhebt,
Zur höchsten Wirkung konnte dies plötzliche Erscheinen und Erleben des Gottes
freilich nicht in der bildenden Kunst gebracht werden, die ja doch am Wirklichen haftet, die letzte Erfüllung war der Dichtung vorbehalten, Derletzte Sinn des griechischen
Dramas war das, was eine unfromme Zeit für seine innerste Schwäche hielt: der "deus
ex machina", Wir müssen begreifen, daß das ganze Drama um dieses Augenblicks willen geschaffen ist, daß alle Verwirrung und heillose Zerklüftung des Daseins nur aufgetürmt wird, um mit der Erscheinung des Gottes endlich der Gnade,dem Heil,dem Lichte zu weichen. Unrettbar verschlingen sich die Pfade des Lebens, in rasender Verblendung stürmen die Gewalten gegeneinander - da öffnet sich der Himmel und klirend ,
lindernd, ordnend erklingt die Stimme des Gottes. Wer konnte so verstockt sein, daß
er da die höhere Macht nicht fühlte, daß ihm nicht ein wahres Gotteserlebnis zuteil
ward, Nicht ohne Grund war das Theater eine heilige Stätte, war sein Besuch ein öf-
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)fentliches Anliegen, Die Tage, an denen sich seine Pforten öffneten, waren Héhepunk~
te des antiken Lebens, das aber durch seine Feste, seine Kunstwerke, seine Bräuche ,
ja seine ganze Haltung stets auf das eine gerichtet war: in allem Irdischen das Überirdische sichtbar zu machen,
So bleibt uns an diesem Erleben nur eines noch rätselhaft,das istdie Einschränkung
auf einen jeweils bestimmten, besonderen Gott, Diese Einschränkung hat ohne Frage
zahlreiche Voraussetzungen, die unserem Weltbild fernstehen, ja unzugänglich sind:
vor allem die wirklich noch vorhandene Natursichtigkeit der Griechen, sodann ihre
mit einer schöpferischen Phantasie verbundene Kraft, geistige Probleme bildhaft "myr
thologisch" zu lösen. Es ist mehr als Erzählfreude, es ist zugleich ein tiefes, zusamdas ihnen half, die unendlichen Wirrnisse des magischen Weltmenschauendes Denken,
bildes mit all seinen Ungeheuern, Halbwesen, Dämonen zu bezwingen und sinnbildhaft
zu verschlingen, Es waren aber auch echte Mächte, Mächte der Natur, der Landschaft ,
des Lebens, denen sie unendlich aufgeschlossener als wir gegenüberstanden und die sie
in ihrer Gotteswelt nicht missen wollten,
Schließlich aber- und keineswegs zuletzt - waren es auch die uralten, nur langsam
sich wandelnden Vorstellungen vom Weiterleben und Weiterwirken nach dem Tode ‚die
auf jene von den Göttern einen Einfluß übten. Wenn auch die griechische Religion die
Vergöttlichung der Ahnen ablehnte, so sind doch Elemente des Ahnenkultes in ihr zu
.
erkennen, vor allem der Heroenkult, der ursprünglich Stammesgottheiten umfaßte
Toten,
der
Welt
abgekehrten
unseren
der
von
jenseitigen,
einer
Vorstellung
die
schon
Ja
eines Totenreiches,das einem eigenen Gotte untertan war,gab dem Glauben an vielerlei göttliche Wesen Nahrung und einen tiefen erlebnishaften Hintergrund,
So waren die Griechen gerne bereit, den einen Gott, an den die Großen unter
ihnen fraglos glaubten, in tausend Gestalten wirksam zu sehen, die aber der plastischkünstlerische Sinn, der sie beseelte, sogleich wieder zu einem überblickbaten Kreis
von Göttern zusammenfaßte und formte, Alle diese Voraussetzungen fehlen uns, Aber
für uns ebenso wahr wie ftir die Griechen ist die Tatsache, daß wir die heilige Macht
der Gottheit nicht völlig loszulösen vermögen von ihren Schöpfungen und Erscheinun=
gen, ja daß es leichter ist, vermittelnde Mächte zu erfassen, als das Unfaßbare des
Göttlichen unvermittelt zu erleben, So erstand aus den altüberlieferten Stammesgottheiten, örtlichen Gottheiten, Naturgottheiten, aus dichterischen Deutungen und ge, dem man - nach des Sokrares Wortdanklichen Spekulationen jener Götterhimmelan
man bemüht, ihn im schöpferischen
war
leugnen,
zu
ihn
Statt
rührte",
nicht
“lieber
Zeiten haben Dichter, Denker und
Platos
zu
Bis
vertiefen.
zu
mehr
und
mehr
Wandel
Bildner unablässig an diesem Gétterhimmel weitergebaut, haben ihn gewandelt, neue
Gestalten ausgeformt, den alten neue Deutungen gegeben, so daß das Gesamtbild immer wieder voll tiefem Sinn, das einzelne lebensnah und faßbar blieb, Man war glücklich, Vermittlungen zu haben, die im Sinnlichen zum Übersinnlichen, im Faßbaren
zum Unfaßbaren - Einen hinführten, Erst das Christentum konnte diesen Zustand dadurch
überwinden, daß es einen Mittler an die Stelle all der vielen dichterisch gedeuteten
Götter setzte: Christus, der, als Mensch völlig schaubar und irdisch vertraut, in seiner
Göttlichkeit doch zugleich die Überwelt unmittelbar erschließt,