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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Szlezak, Thomas Alexander,
Zeitschrift für philosophische Forschung, 57,2003, 74- 3."
L FAse
sen
-
‘ote
Deo à,
Page 2
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Author(s): Thomas Alexander Szlezák
Source: Zeitschrift für philosophische Forschung, Bd. 57, H. 1 (Jan. - Mar., 2003), pp. 74-93
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Page 3
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ThomasAlexander Szlezdk, Tuibingen
Die vollstandigeMitteilung und schnelleVerbreitung von neu gewonne
nen Erkenntnissen ist eine Forderung aus dem Geist der Aufklhrung:
fundiertesWissen gleich welcher Art ist ein Gut, auf das alleMenschen
Anspruch haben. Das Zuriickhalten vonWissen und Einsichten ware so
betrachtet ein aktivesHandein gegen dasWohl derMenschheit, dem sich
der Philosoph als Philosoph verpflichtet fiihlenmug. Eventuelle Nach
teile und Risiken der Schrift alsKommunikationsmittel konnen demge
geniiber - bei dieserGrundhaltung - kein grog3esGewicht haben.
Die geschilderte Einstellung zur philosophischen Kommunikation ist
uns so selbstverstandlich,dag3sieweiterer Begriindung nicht zu bediirfen
scheint. Im Folgenden sollen einigeTexte besprochenwerden, die zeigen,
dag3auch nach dem Sieg derAufklirung noch iiberdie prinzipielleMbg
lichkeit, die philosophische Kommunikation bewugt zu beschranken, re
flektiertwurde. Dies geschahmeist, abernicht ausschlieg3lich,imZusam
menhang der Beschaftigung mit Platon. Deshalb mug die Haltung des
Stifters des abendlandischen Philosophiebegriffs auch hier mitbedacht
werden. Trotz desAbstands der Zeiten ist seine Stellungnahme auch heu
te noch die wohl wichtigste. Jedenfallsaber ist sie die differenzierteste.
(I)Wittgenstein
Philosophische Schriften sind nicht notwendig unterschiedslos an alle
Menschen gerichtet, nicht einmal an alleGebildeten oder an alle intel
lektuellNeugierigen. LudwigWittgenstein dachte fir seine ,,Philosophi
schen Bemerkungen" (erschienen I964) an eine anders definierte Leser
schaft. In einer friiheren Fassung desVorwortes aus dem Jahr I930 lesen
wir:
T i Dieses Buch ist fir diejenigen geschrieben, die dem Geist, in dem
es geschrieben ist, freundlich gegenuberstehen. Dieser Geist ist,
*
Geringf?gig
der
Tagung
ver?nderter
International
Text
eines Vortrags,
Society
der zuerst
for the Classical
am 27.7.1998
Tradition
ZeitschriftfurphilosophischeForschung,Band 57 (2003), I
(ISCT)
auf der T?binger
gehalten
wurde.
Page 4
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)glaube ich, ein anderer als der des grogen Stromes der europaischen
und amerikanischenZivilisation. [...]
Ich schreibe also eigentlich fur Freunde, welche inWinkeln der
Welt verstreut sind.'
Der Geist der europaisch-amerikanischen
Zivilisation des 20. Jh.warWitt
genstein ,,fremdund unsympathisch".2Die, die gemaig3
diesemGeist leben
und denken,waren und sind nicht dieAdressaten seinesBuches.Wittgen
stein hat eine klareVorstellung von denen, furdie er nicht schreibt:
T 2 Ob ich von dem typischenwestlichen Wissenschaftler verstanden
oder geschatztwerde, istmir gleichguiltig,weil er den Geist, in dem
ich schreibe, doch nicht versteht.3
Der ,,typische westliche Wissenschaftler" war fur den Philosophen
schwerlich ein blol3er Ignorant, auch nicht ein Mensch mit unter
durchschnittlichemIntelligenzquotienten.
Bildung und Intelligenz
sind nicht die Kriterien, nach denen er so scharf trennt zwischen den
(vielen)Gesinnungsfremden, und den (wenigen) ,,Freunden",die er er
reichen
will.
Nun scheintWittgenstein diese ,Freunde'nicht (alle) zu kennen, sind
sie doch ,,inWinkeln derWelt verstreut". So erhebt sich die Frage:wie
erreichtman die unbekannten ,Freunde',wie vermeidet man die unge
liebten Sympathisanten des Geistes der europaisch-amerikanischenZivi
lisation?Auch dazu hatWittgenstein sehr klareVorstellungen:
T 3 [...] ist ein Buch nur furwenige geschrieben, sowird sich das eben
dadurch zeigen, dai3nurwenige es verstehen. Das Buch mug auto
matisch die Scheidung derer bewirken, die es verstehen, und die es
nicht verstehen. [...]
Es hat keinen Sinn jemandem etwas zu sagen,was er nicht versteht,
auchwenn man hinzusetzt, dag3er es nicht verstehen kann. [...]
Willst Du nicht, dag gewisseMenschen in ein Zimmer gehen, so
hange ein Schlog vor,wozu sie keinen Schlussel haben. Aber es ist
sinnlos, daruibermit ihnen zu reden, augerDu willst doch, daf3 sie
das Zimmer von auf3enbewundern!
1
2
3
Eine Auswahl
Vermischte
Wittgenstein,
Bemerkungen.
von Heikki
von
von
unter Mitarbeit
Henrik
Georg
Hrsgg.
Wright
am Main
1977, 20-21.
Ludwig
Wittgenstein,
loc. cit. 20.
Wittgenstein,
loc. cit. 21-22.
aus dem Nachla?.
Nyman,
Frankfurt
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Anstandigerweise, hange ein Schlof3 vor die Tiire, das nur denen
auffallt, die es offnen kbnnen, und den andern nicht.4
Der Wille zumAusschlug bestimmter Leser ist furWittgenstein offenbar
legitim. KeinWort davon, dag3das Fiir-sich-bleiben-Wollen desAutors
und seiner ,Freunde' in irgendeinerWeise unphilosophisch oder gar un
ethisch ware. Es hatte ja ,,keinenSinn", den Verstandnislosen ,,etwaszu
sagen,was (sie) nicht versteh(en)". Statt Skrupel zu nahrenwegen des ge
wollten Ausschlusses, gibtWittgenstein imGegenteil sogar einMittel an,
durch das derAusschlu3 erreichtwerden kann. Er glaubt an dieM6glich
keit einer automatischenScheidung der ,Freunde' und der Gesinnungs
fremden durch das Buch selbst.Von direkter zumetaphorischer Sprache
wechselnd, empfiehltWittgenstein ein ,,Schlog"vorzuhangen, das die ei
nen sehen k6nnen, die anderen aber nicht.
BeiWittgensteins Mittel, den Ausschlug derVerstandnislosen zu errei
chen, kann es sich nicht um das Phanomen des pers6nlichen Stils han
deln, der sich den AufRerungeneinesAutors ohne dessen bewug3tesZutun
aufpragt,weil er zur Form seinesDenkens gehort. Der Imperativ ,,hange
ein Schlog3vor dieTure"weist eher darauf, daBhier etwas bewugt zu voll
bringen ist, zumal an das ,,SchloB"ganz bestimmte Anforderungen ge
stellt sind.Auch sonstwerden jamit dem Imperativnicht Dinge verlangt,
die sich von selbst ergeben, sondern solche, die auch unterbleiben kon
nen. Mit seinerMetapher vom ,,SchloB"an der ,,TUre"des ,,Zimmers"
verlangtWittgenstein vom philosophischen Autor, dag er seinen (berech
tigten)Willen zumAusschluB bestimmter Leser unter bewuBterNutzung
nicht naher genannter darstellerischerMoglichkeiten verwirklicht.
Auch wenn derAusschlug der Gesinnungsfremden furWittgenstein
moralisch offenbar inOrdnung ist, unterliegen die Grunde des Aus
schlusses doch der moralischen Wertung: ,,anstandigerweise" solle der
Autor ein ,,Schlofg"anbringen, das die Ausgeschlossenen gar nicht erst
wahrnehmen. An den ,,Anstand"appelliertWittgenstein, weil er offen
bar derAnsicht ist, der einzige Grund, mit den Ausgeschlossenen uber
das ,,Schlofg"(und dasVerschlossene) zu reden, k6nne nur derWunsch
nach Bewunderung sein.Der Ruf nach ,,anstandigem"Verschweigen der
Tatsache desAusschlusses will also dem moralischen Fehler der Eitelkeit
wehren. Es durfte klar sein:wenn es andere, respektableGrunde fur das
Reden uber das ,,Schlog"geben sollte, dann ware auchWittgensteins Ur
teiluber die vermeintliche ,,Unanstandigkeit"solchen Redens hinfallig.
Wittgenstein,
loe. cit. 23.
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Diese bisher anWittgenstein beschriebeneHaltung, die bestimmt ist
durch
- die Oberzeugung, dag bestimmte Einsichten nur von bestimmten
Menschen erfagt werden konnen, die dem selben Geist verpflichtet
sindwie derAutor und daher als ,,Freunde"eingeschatztwerden, fer
ner durch
- denWillen, andereRezipienten als die ,,Freunde"auszuschlieBen,sowie
- den Glauben, daB derAutor Mittel undWege zurVerfuigunghat, die
senWillen zu verwirklichen, schlieglich auch durch
- das Postulat, daB dieMotive dessen, der bestimmte Rezipienten aus
schlieBgen
will, moralisch ,,anstandig"zu sein haben,
wollen wir im Folgenden als die ,,esoterische"Haltung bezeichnen.
Wollte man die einzelnen Punkte, die diese Haltung ausmachen, in
haltlich anders fassen, so wiirde das auf andere Formen von Esoterik
fuhren.Wurde man sie radikalanders beurteilen alsWittgenstein es tut,
sowiirde das zu einer anderenWertung, unterUmstanden zu einer volli
genAblehnung von Esoterik fuihren.
(2)Kant
Wittgensteins Uberlegungen sind freivon politischen Obertonen5. Das
ist nicht selbstverstandlich: Immanuel Kants spate Schrift ,,Von einem
neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie" zeigt, daf3es
von jehernahe lag,philosophische Esoterik auch im politischen Kontext
zu sehen. Gleich zu Beginn der Schrift erwahnt Kant ,,dieLogen alter
und neuer Zeit" unter den Gruppen, bei denen ,,derNamen der Philoso
phie [...] inNachfrage gekommen" sei;von ihremGeheimnis wollen uns
die Logen ,,mifgunstigerweise nichts aussagen"6. Imweiteren Fortgang
5
von der
Abgesehen
Bemerkung,
und amerikanischen
Zivilisation
Zeit"
6
Doch
haben diese
geh?ren.
Problem
der ?Scheidung"
Namen
der Philosophie
gensteins
T 4: Der
alter und
neuer
Zeiten
nem).
phie,
1796, A
387.
zum
auch
unsympathischen
und
?der Faschismus
Erscheinungen
von Freunden
ist, [...],
sind Adepten
sie uns
mi?g?nstigerweise
I. Kant, Von
einem
chem
da?
nichts
neuerdings
in
Geist der europ?ischen
unserer
der Sozialismus
des 20. Jh.s nicht
und Au?enstehenden
Nachfrage
eines Geheimnisses
direkt mit Witt
zu tun.
[...]. Die Logen
gekommen
von wel
durch Tradition,
aussagen wollen
(philosophus
Ton
erhobenen
vornehmen
per initiatio
in der Philoso
Page 7
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)seinerAbwehr der ,,Schwarmerei"in der Philosophie polemisiert Kant
dann gegen ,,Platoden Briefsteller", den er jedochmit ,,Platodem Aka
demiker" ,,nicht gern vermengen" mochte7 - was doch wohl bedeuten
soil, dag er den 7. Brief nicht fur echt hielt. Kant zitiert eine zeitgenossi
scheAuslegung von Epist. 7, 342 a-e, wo die vier Erkenntnismittel und
OVTWV
?XaGTOV)in eine Reihe
das jeweils zu erkennende ,Seiende' (TI1V
gebracht werden; dann erwahnt er - immer noch zitierend - den An
spruch, ,,denGegenstand selbst und seinwahres Sein" - also das,was der
342 d2, e2) nennt - erkennend zu erfas
Brief ,dasFiinfte' (TonJT'tE5TOV,
sen; der letzteTeil des Zitats und Kants Kommentar dazu lautet:
T T [...]; von welchem man gleichwohl nicht redenkonne, weil man so
fort seiner Unwissenheit uberfuhrt werden wiirde, am wenigsten
zum Volk: weil jederVersuch dieserArt schon gefaihrlichseinwiir
de, teils dadurch, daf diese hohenWahrheiten einer plumpen Ver
achtung ausgesetzt, teils [washier das einzigeVerniinftige ist], dagR
die Seele zu leerenHoffnungen und zum eitelnWahn derKenntnis
grogerGeheimnisse gespanntwerden diirfte.<<
Wer sieht hier nicht den Mystagogen, der nicht blof3 fur sich
schwarmt, sondern zugleich Klubbist ist und, indem er zu seinen
Adepten, imGegensatz von dem Volke (worunter alleUneingewei
hete verstanden werden) spricht,mit seiner vorgeblichen Philoso
phie vornehm tut!8
Die SpracheKants verratdeutlich, was ihm hiermigfallt. ,,Mifgiinstiger
weise" verbergen die ,,Logen"ihr ,,Geheimnis"vor uns, der schwarmeri
sche ,,Mystagoge" ist zugleich ,,Klubbist",hat also politische Absichten
bei verschworerischerGesinnung, die ihn dasVolk insgesamt als ,,unein
weswegen ein Sprechen zum Volk fur ihn
geweiht" geringschatzen lau3t,
nicht in Frage kommt. Statt dessen wendet er sich an seine ,,Adepten",
jedoch nur, um vor ihnen ,,mit seiner vorgeblichen Philosophie vornehm
(zu) tun".
Die Haltung, die Kant dem 7. Brief beilegt, ist also - in heutiger Spra
che - undemokratisch, aufllarungsfeindlich und derArbeit des Begriffs
abhold.
Den Brief selbst analysiertKant nicht. So fragt er z. B. nicht, was die
Wittgensteins entsprechen) nach An
,,Adepten" ( die den ,,Freunden"
7
8
Kant,
loc. cit. A 408.
Kant,
loc. cit. A 408-409.
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)sicht desAutors vom ,,Volk"unterscheidet, ob es nur dieVorbildung und
die Intelligenz ist oder ob noch etwas anderes in Fragekommen kbnnte.
Auch mit denMotiven furphilosophisches Zuriickhalten istKant schnell
fertig:Mit3gunst und Eitelkeit (,,vornehm tun") erklaren alles. Bei solch
knapper Exegese, oder besser:bei solchemMangel an Exegese, ist es nicht
verwunderlich, dag die Haltung des Briefes pauschal verworfen wird.
Und ist die Haltung verworfen, somug3 der Text selbst Platon abgespro
chenwerden, denn dieser ist furKant ,,ohne seine Schuld" zum ,,Vateral
ler Schwarmerei mit der Philosophie" geworden9. Ein grofgerDenker
kann nun einmal nicht ,,Klubbist"sein.
Mit derVerwerfung derHaltung des 7. Briefes, noch bevor siemit der
Haltung der Dialoge verglichen worden ware, und mit der aus diesem
Urteil resultierendenAthetese hat Kant kiinftigen Generationen vorge
griffen.Doch ob ,,Klubbist"wirklich die angemesseneCharakterisierung
des Verfassers des 7. Briefes ist,mug; angesichts der am originalen Text
nichtausgewiesenen
Aburteilung
offenbleiben.
(3)Schleiermacher
Ganzlich unpolitisch wirken wiederum - jedenfalls auf den ersten Blick
- die Gedanken Friedrich Schleiermachers zu platonischer Esoterik.
Doch dieser ersteEindruck konnte tauschen: es ist denkbar, daf Schlei
ermacher seine politische Tendenz dezent verschweigt - oder sollte sie
ihm (quaTendenz) gar nicht bewuft geworden sein?
Auffallig ist jedenfalls,daf Schleiermachers Platonbild durchaus dem
mit Kants Kritik des 7. Briefes implizit gegebenen Programm entspricht:
,,Platoder Briefsteller"hatte Anstog erregt- bei Schleiermacherwird der
7. Brief gar nicht erst erwaihnt;eine radikaledamnatiomemoriae trifftden
vermeintlichen ,,Klubbisten",den Kant nicht mit ,,Platodem Akademi
ker"vermengen wollte. Und dasAnstoBige am ,,Klubbisten"war, dag3er
nicht zum Volk sprechenwollte - Schleiermacher entwirft eine Herme
neutik der Dialoge, derzufolge ,,esdem Platon fastmit Jedem gelingt",
seinZiel zu erreichen (T ii).
Ob es nun Kants Schrift von I796war, die auf Schleiermacher direkt
wirkte, oder allgemein der Geist der europaischen Zivilisation um i8oo
(derSchleiermacher gewifgnicht so ,,fremdund unsympathisch"war wie
Kant,
loc. cit. A 407-408.
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wittgenstein der Geist des 20. Jahrhunderts) sei dahingestellt. Unver
kennbar ist jedoch, daglSchleiermacher einen modernen Platon bietet,
mit dem der von der Franzosischen Revolution gepragte feinsinnige Ro
mantiker sich leicht identifizierenmochte'0.
Gegen Wilhelm Gottlieb Tennemann, der Platons Selbstbeschran
kung in der Schrift und seine Sicht desVerhaltnisses von Schriftlichkeit
undMundlichkeit aus den Texten heraus imwesentlichen korrekt inter
pretiert hattel 1,verspricht Schleiermacher eine ,,kritischeSichtung" der
Begriffe,esoterisch'
und,exoterisch'.
T 6 Denn jeneVorstellungen von einem esoterischen und exoterischen
beduirfen einer kritischen Sichtung, indem sie zu verschiedenen
Zeiten auch in ganz verschiedenen Bedeutungen vorkommen.12
Doch von kritischer Begriffsklarung ist bei dieser ,Sichtung' nichts zu
finden, sie bleibt in oberflachlicher Polemik steckenl3 und bringt es noch
nicht einmal zu einem korrekten Referat der von Tennemann aufgefuihr
tenMotive fur Platons Esoterikl4. Das Seltsamste aber ist, das Schleier
macher ausgerechnetAristoteles zum Zeugen des Fehlens einermiindli
chen Philosophie Platons machen mbchte: wo dieser sich auf andere
Quellen als die Dialoge berufe, da komme nichts Neues zumVorschein.
T 7 Vielmehr beruft er (sc.Aristoteles) sich uberallganz unbefangen und
einfach auf die uns vorliegenden Schriften, und wo auch hie und da
andere verlorene oder vielleicht mundliche Belehrungen angefiihrt
werden, da enthalten dieseAnfuhrungen keineswegs etwas in unse
renSchriften unerhortes oder ganzlich von ihnen abweichendes. 15
InWirklichkeit finden sich inAristoteles'Metaphysik, Physik, De anima
und anweiteren Stellen viele wichtige Angaben, die dem Leser der Dia
10 Da?
Schleiermacher
einen
Piaton
f?r seine Zeit
schuf,
betonte
(unter
anderen
Ge
s.u. T14.
schon Nietzsche,
sichtspunkten)
11
zur
von 1804.
meinen
Beitrag ?Schleiermachers
Vgl.
?Einleitung?
Platon-?bersetzung
Ein
mit Tiedemann
und
Antike
und
Abendland
Tennemann",
43,1997,
46
Vergleich
62.
12 F.
von F. Schleiermacher.
in: Piatons Werke,
Ersten
Schleiermacher,
?Einleitung"
erter Band,
Theiles
13
meine
Vgl.
zu den
den
14
Kritik
fr?hen
und mittleren
zitiert
als PSP.)
AuA
43,1997
Vgl.
15 Schleiermacher,
1804 (18553), 11.
in ?Piaton und die Schriftlichkeit
Dialogen",
(oben Anm.
Einleitung
Berlin-New
11), 58.
(s.o. Anm.
12) 13.
der Philosophie.
Interpretationen
York 1985, 364-370.
(Im Folgen
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)loge ,,unerh6rt"sind, u.a. Platons Bezeichnungen fur seine beiden letz
ten Prinzipien, das Eine und die Unbestimmte Zweiheit, ferner die Art
ihres
desUnbegrenzten)
Zusammenwirkens
Begrenzung
(fortschreitende
und die Beschaffenheit der ersten Produkte der intelligiblen ,Zeugung',
nicht zu vergessen die ontologische Mittelstellung dermathematischen
Gegenstande, und anderesmehr.Wer wie Schleiermacher die erhebliche
Mehrinformation, die wir diesen TestimonienI6 verdanken, nicht aner
kennen will, erregtdenVerdacht, entweder extrem befangen zu sein, oder
aber die fraglichenTexte, dieTennemann zitiert hatte, vielleicht gar nicht
nachgelesen zu haben.
Von unschatzbaremWert isthingegen SchleiermachersEinsicht in die
Einheit von Form und Inhalt bei Platon:
T 8 [...] denn wenn irgendwo, so ist in ihr (sc. der Philosophie des Pla
ton) Form und Inhalt unzertrennlich, und jederSaz nur an seinem
Orte und in den Verbindungen und Begranzungen, wie ihn Platon
aufgestellthat, recht zu verstehen.17
Dieser Satz liege eigentlich vermuten, dag Schleiermacher sich nun
daranmachen wiirde, eineMorphologie des platonischen Dialogs zu
erarbeiten, die die Form inhaltsbezogen erklarenwurde, und dag er die
,,Begranzungen",mit denen Platon manche seiner Satze und Argu
mentationsfolgen versah, vorfiihren und interpretieren wurde. Mit
letzterem hatte Tennemann einen Anfang gemacht, worin ihm Schlei
ermacher indes nur sehr z6gerlich folgtel8. Jedenfalls erkannte er nicht,
da3 die von Platon immer wieder mit Bedacht an entscheidenden
Wendepunkten seinerWerke angebrachten ,,Aussparungsstellen" der
wichtigste Typus einer platonischen ,,Begrenzung" ist, und dag diese
Stellen in ihrerGesamtheit einen uniiberhorbaren Verweis auf Platons
Prinzipienlehre darstellenI9.
Und statt der zu erwartendenMorphologie des Dialogs bringt Schlei
ermacher nur eine Liste von ,,Kiinsten"der indirektenMitteilung, d. h.
von darstellerischenKunstmitteln, mit denen Platon die Absicht verfol
ge, den Leser zu Schlugfolgerungen zu bringen, die er selbstmit Absicht
16
17
Zusammengestellt
chen Lehre Platons"
Schleiermacher,
als ?Testimonia
bei Konrad
Einleitung
Plat?nica.
Gaiser,
(s.o. Anm.
Quellentexte
Platons
ungeschriebene
zur Schule
und m?ndli
Lehre,
19682,441-557.
12) 14.
18
AuA 43,1997
(oben Anm.
11), 58.
Vgl.
19 Zu den
PSP
Aussparungsstellen
vgl.
platonischen
ner: ?Piaton lesen",
92-105.
1993,
Stuttgart
(s.o. Anm.
13), 303-325 u. passim,
Page 11
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nicht direkt ausspreche2O.Dieses Nichtaussprechen der eigentlich falli
gen Folgerungen diene dem Zweck, ,,zureigenen innerenErzeugung des
beabsichtigten Gedankens" anzuregen2l. Diese Zwecksetzung ist nun
freilichkeine andere als die desmiindlichen Philosophierens, und Schlei
ermacher ist sich dessen auch bewugt. Er spricht es aus, dag nach seiner
Uberzeugung Platon mit den Dialogen
T 9 doch auch den noch nicht wissenden Leserwollte zumWissen brin
gen,22
- obschon Platon der Schrift diese Fahigkeit in der ,Schriftkritik' (Phai
dros 275 ab, 276c, 277e-278a) eindeutig abspricht - und daf3Platon den
Willen gehabt habe, die schriftliche dermiindlichen Belehrung anzuglei
chen:
T IODa nun ungeachtet dieserKlagen Platon von der erstenMannlich
keit an bis in das spaitesteAlter so vieles geschrieben hat: so ist of
fenbar, ermuss gesucht haben, auch die schriftliche Belehrung je
ner besseren so ahnlich zumachen alsmoglich, und esmuss ihm
damit auch gelungen sein.23
Die von Schleiermacher angenommene Angleichung des schriftlichen
Dialogs an dasmiindliche Philosophieren erfolgtmittels der erwahnten
,,Kiinste"oderKunstmittel:
T ii Dieses ungefaihrsind die Kiinste, durch welche es dem Platon fast
mit Jedem gelingt, entweder das zu erreichen,was erwiinscht, oder
wenigstens das zu vermeiden, was er ftirchtet.24
Da die ,,Kiinste"aber offenbar nicht bei allen die volle Einsicht auslosen,
bewirken sie eine Scheidung der Leser:
T I2 Und soware dieses die einzige Bedeutung, inwelcher man hier von
einem esoterischen und exoterischen reden konnte, so namlich,
dass dieses nur eine Beschaffenheit des Lesers anzeigte, jenachdem
er sich zu einem wahren Horer des Inneren erhebt oder nicht.25
20 Zweimal
(s.o. Anm.
21
22
23
24
25
z?hlt
Schleiermacher
diese
?K?nste"
12).
Einleitung
(s.o. Anm.
12) 16.
Schleiermacher,
Einleitung
(s.o. Anm.
12) 16.
Schleiermacher,
Einleitung
(s.o. Anm.
12) 15.
Schleiermacher,
Einleitung
(s.o. Anm.
12) 16.
Einleitung
(s.o. Anm.
12) 16-17.
Schleiermacher,
Schleiermacher,
auf: S. 16 und
30 seiner
?Einleitung"
Page 12
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)SechsPhilosophen
uberphilosophische
Man beachte, dagBSchleiermacher damit die ihm unliebsame Esoterik
nicht aus der Beschaftigung mit Platon verbannt hat. Er hat sie lediglich
verinnerlicht, in den Rezeptionsvorgang hineinverlegt und zu einer ,,Be
schaffenheit"des Lesers gemacht.
An die Stelle der platonischen bewugten und personlichenWahl des
v vXIv tQooilxovoav,T 20) - ei
geeigneten Gesprachspartners (Xac3b
nerWahl, die nach Platon das Buch gerade nicht vornehmen kann
(Phdr. 275 e I-3 (T I9), 276 a 6-7) - setzte Schleiermacher aus typisch
neuzeitlichem Geist heraus eben doch dieWittgensteinische automati
scheScheidung der Leser in zweiKlassen durch das Buch selbst.
Seine Position kann daher korrekt nur als ,,textimmanente"oder ,,her
meneutische Esoterik" bezeichnet werden. Die ,,pers6nlicheEsoterik",
d. h. die unverkiirzteMitteilung der philosophischen Einsichten nur im
miindlichen Gesprach, tastetSchleiermacher nicht an:
T I3 [...] oder soll es doch auf den Platon selbst bezogenwerden, so kann
man sagen, das unmittelbare Lehren sei allein sein esoterisches
Handein gewesen, das Schreiben aber nur sein exoterisches.Denn
bei jenem konnte er allerdings,wenn er erst hinlanglich gewisswar,
die H6rer seien ihm nachWunsch gefolgt, auch seine Gedanken
reinund vollstandig aussprechen, [...]26
So bestehen bei Schleiermacher ,hermeneutische'und ,pers6nliche'Eso
teriknoch scheinbar friedlich nebeneinander.Doch insofern die platon
widrige ,,automatische"Wahl des geeigneten Rezipienten durch die
Schrift die Tendenz hat, die ,personliche'Esoterik uberflussig zumachen
- dieAnnahme ist ja, dag sich alles, und gerade dasWichtigste, imMo
dus der indirektenMitteilung zwischen den Zeilen sagen lal3t- hat doch
die typischmoderne Abneigung gegen jedeLimitierung der philosophi
schenWissensvermittlung obsiegt.
(4)Nietzsche
Schleiermachers textimmanente Esoterik wurde zur dominierenden Pla
tonhermeneutikdes I9. und 2o. Jahrhunderts.Sie hat auch den angelsach
sischenBereich erobertund bildet die Grundlage allerdort gepflegtenVari
anten der Platonexegese, auchwenn viele Interpretenvon diesem ihrem
26
Schleiermacher,
Einleitung
(s.o. Anm.
Page 13
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)historischenUrsprung nicht wissen oderwissen wollen27.Die einzigewirk
licheAlternative zu dieser Position bildet bis heute die 1959von Hans Joa
chimKramer in seinemWerk ,,Aretebei Platon undAristoteles" begriinde
te,von Konrad Gaiser I963 in ,,PlatonsungeschriebeneLehre" fortgefiihrte
und von G. Reale seit I984unterstiitzte sog. ,TiibingerSchule' bzw. ,Scuola
di Tubinga-Milano'. Italien ist inzwischenaber lIngst nichtmehr das einzi
ge Land, in dem dieAkzeptanz dieserRichtung rapidezunimmt.
Vor KramersVorstog war die wichtigste Gegenposition gegen den auf
Schleiermacher zuriickgehenden mainstream die positive Einschatzung
der aristotelischenBerichte iuberPlatons ungeschriebene Philosophie bei
Interpretenwie L. Robin, J. Stenzel, H. Gomperz, P.Wilpert, Cornelia
de Vogel und SirDavid Ross28.
Lange vor diesen Gelehrten hatte ein Philosoph und Philologe von
Rang Schleiermachers platonische Hermeneutik einer grundsatzlichen
Kritik unterzogen. Dag Nietzsches Argumente zunachst unbekannt blie
ben, istnicht verwunderlich:was er in Platon-Vorlesungen zwischen I87I
und I876 vortrug,wurde erstmit seinen Philologica I9I3veroffentlicht29.
Dag3 sie auch danach so gut wie unbeachtet blieben, war nicht von Vor
teil fur das Platonverstandnis.
Mit der ihm eigenen Schonungslosigkeit benennt Nietzsche des Kai
sers neue Kleider. Schleiermachers ,moderner' Platon fur das I9. Jh. ist
zeitbedingt, ,,nur in einem litterarischenZeitalter moglich". Doch ist es
eine ,,falsche Interpretation", die zu diesem Ansatz fiihrte. Schleierma
cher verkannte die Rolle, die Platon der Schrift zugedacht hat, weil er die
Existenz derAkademie nicht bedachte.
27 Ein
zum
Hinweise
Einflu?
Schleiermachers
auf die eng
paar vorl?ufige
nachhaltigen
D.
habe
ich
lische und amerikanische
die
diesen Ein
Frede,
Piatonforschung
(gegen
flu? herunterspielen
wollte)
zusammengestellt
in AuA
43,1997
(s. oben Anm.
11), 61
62.
28 L.
Robin,
Stenzel,
des idees et des nombres
1908; J.
platonicienne
d'apr?s Aristote,
und Gestalt
bei Piaton und Aristoteles,
Platons phi
1924; H. Gomperz,
in:
of Philo
of the Seventh
International
System,
Proceedings
Congress
La th?orie
Zahl
losophisches
P.
Zwei aristotelische
Fr?hschriften
?ber
1931, 426-431;
sophy, ed. G. Ryle,
Wilpert,
et
La derni?re phase du Platonisme
die Ideenlehre,
1949; C.J. de Vogel,
l'interpr?tati
on de M. Robin
in: C.J. de
Ross,
243-255; W.D.
1,1970,
(1948),
Vogel,
Philosophia
et la th?orie
of Ideas, 1951; H.D.
Plato's Theory
Saffrey, Le TIeqi (f>i?ooo(j)ia? d'Aristote
platonicienne
29 Fr.
Nietzsche,
des
id?es et des nombres,
Werke,
Einleitung
Bd. XIX,
3. Abt.:
Leipzig
1913, 235-304.
in das Studium
Philologica,
1955,19712.
der platonischen
Bd.
III, hrsgg.
Dialoge,
von O. Crusius
in: Nietzsche's
und W.
Nestle,
Page 14
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)T I4 Die ganzeHypothese (sc.Schleiermachers)steht imWiderspruch zu
der Erklarung im Phadrus und ist durch eine falsche Interpretation
befurwortet. Plato sagt, nur furdenWissenden alsErinnerungsmit
tel habe die Schrift ihreBedeutung. Deshalb solle die volikommen
ste Schrift die miindliche Form der Belehrung nachahmen: um also
zu erinnern, wie derWissende wissend geworden ist. >)EinSchatz
von Erinnerungsmitteln fur sich und seine philosophischen Genos
sen?(soll die Schrift sein.Nach Schleiermacher soll sie das zweitbeste
Mittel, den nichtWissenden zumWissen zu bringen, sein.Die To
talitathabe also einen eigenen gemeinsamen Lehr- und Erziehungs
zweck.Aber nach Plato hat die Schrift iiberhauptnicht einen Lehr
und Erziehungszweck, sondern nur einen Erinnerungszweck furden
bereits Erzogenen und Belehrten. Die Erklarung der Phadrusstelle
setzt die Existenz derAkademie voraus, die Schriften sind Erinne
rungsmittel furdieMitglieder derAkademie. [...]
Die Hypothese Schleiermachers ist nur in einem litterarischenZeit
altermoglich. Wahrend Tennemann in Plato den akademischen
Professormit dem System erkennt, sieht Schleiermacher in ihm den
litterarischen Lehrer, der ein ideales Publikum von Lesenden hat
und diesemethodisch erziehenwill: etwawie er sich in den >>Reden
uber die Religiono an die Gebildeten wendet.30
Dem klarsichtigenKritiker Nietzsche entgeht es nicht, daf3Schleierma
cher Platon zu seinesgleichenmacht, weil er unhistorisch denkt und im
besonderen die ,,ExistenzderAkademie", und das heifgt die historische
Realitat dermundlichen Lehre, nicht angemessen beriicksichtigt. Ganz
Philologe, legt er den Finger auf denwunden Punkt von Schleiermachers
Konzeption: die von diesem angenommene Funktion der Schrift, ,,den
nichtWissenden zumWissen zu bringen", steht ,,imWiderspruch" zum
Text. Ohne dieseAnnahme hatte aber die Hermeneutik der textimma
nenten Esoterik nie die Chance gehabt, im Bewugtsein der Exegeten an
die Stelle der platonischen ,pers6nlichen'Esoterik zu treten.Man darf die
Vermutung wagen: waren Argumente wie die von Nietzsche vorgebrach
ten bald nach Schleiermachers ,,Einleitung"publik geworden, sie hatten
den Siegeslauf seinerPosition wohl verhindert.
30 Nietzsche,
loc. cit. 239-240
Page 15
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)(5)Hegel
Doch zu Lebzeiten erhielt SchleiermacherUnterstutzung von einem der
meistgelesenen Philosophen der Zeit. Hegel schlofBsich seinem Kampf
gegen Tennemann an, erklarte dessenVorstellung von Esoterik fur ,,ein
faltig"
und,,oberflachlich".
T I5 Eine andere Schwierigkeit soll die sein:man unterscheidet exoteri
sche und esoterische Philosophie. Tennemann sagt (Bd. II, S. 220):
)>Platonbediente sich desselben Rechts, welches jedemDenker zu
steht, von seinen Entdeckungen nur so viel, als er fur gut fand, und
nur denen mitzuteilen, welchen erEmpfanglichkeit zutraute.Auch
Aristoteles hatte eine esoterische und exoterische Philosophie, nur
mit dem Unterschiede, daf bei diesem der Unterschied blog3
formal, bei Platon hingegen auch zugleich materialwar.<Wie ein
faltig!Das sieht aus, als sei der Philosoph im Besitz seinerGedan
ken wie der augerlichenDinge. Die Gedanken sind aber ganz etwas
anderes.Die philosophische Idee besitzt umgekehrt denMenschen.
Wenn Philosophen sich uber philosophische Gegenstande explizie
ren, so miissen sie sich nach ihren Ideen richten; sie konnen sie
nicht in der Tasche behalten. Sprichtman auchmit einigen aufRer
lich, so ist die Idee immer darin enthalten, wenn die Sache nur In
halt hat. ZurMitteilung, Ubergabe einer auI3erlichenSache gehbrt
nicht viel, aber zurMitteilung der Idee geh6rt Geschicklichkeit. Sie
bleibt immer etwas Esoterisches;man hat also nicht blog; das Exo
terischeder Philosophen. Das sind oberflachlicheVorstellungen.31
Es ist befremdlich zu sehen, dag einAutor, der in einer Zeit der Zensur
lebte, em ,,In-der-Tasche-Behalten"von Ideen aus prinzipiellenGrunden
ausschliegen mochte. Man gewinnt den Eindruck, dag Hegels eigene
Metapher von der ,Tasche'- eine raumlicheMetapher - seinDenken be
hindert: welchen Sinn soll es haben, die ,,Mitteilung der Idee"mit der
,,Ubergabe einer auierlichen Sache" zu vergleichen, statt etwamit der
Mitteilung religiosenoder politischen (z.B. konspirativen)Wissens? Dag3
es bei solchemMitteilen dieM6glichkeit des Zuruckhaltens gibt und ge
ben mufg,war wohl auch furHegel selbst unstreitig.Wenn aber politisch
31 G.W.F.
Hegel,
ausgabe Bd.
Tennemann,
?ber die Geschichte
II (= Theorie-Werk
der Philosophie
Vorlesungen
am Main
stammt ausWG.
1971, 21-22. Das Zitat bei Hegel
19), Frankfurt
220.
Geschichte
der Philosophie,
Bd. II1799,
Page 16
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)oder religiosVerfolgte bewug3tunvollstandige Darstellungen von ihren
Glaubensuberzeugungen und Zielsetzungen geben konnen, warum dann
nicht auch der Philosoph von seinen Denkwegen? Ist der religiose
Mensch weniger Besitz seiner Ideen als der philosophische? Die Entlar
vung der Tennemannschen Vorstellungen als ,,oberflachlich" scheint
selbst nicht gerade zum Profundesten bei Hegel zu gehoren.
Was bei Schleiermacher die Esoterik als ,,Beschaffenheit des Lesers"
war, formuliertHegel folgendermagen:
T i6 Das Esoterische ist das Spekulative, das geschrieben und gedruckt
ist und doch einVerborgenes bleibt fur die, die nicht das Interesse
haben, sich anzustrengen.32
Der Unterschied zwischen den kompetenten Rezipienten und den ver
standnislosen ist hier geschrumpft auf denWillen bzw.Mangel desWil
lens zurAnstrengung. Vielleicht ist es noch im Sinne Hegels, wenn wir
frei erganzen:Anstrengung und Intelligenz befahigen zum Erfassen des
Wenn abermehr und Besonderes verlangtware fur das
,,Spekulativen".
Verstehen des Spekulativen, somiigte Hegel es hier sagen.Wahrend Pla
ton nach Schleiermacher sein Ziel ,,fastmit Jedem" erreichte (T ii), ge
lingt es nach Hegel mit jedem, der (Intelligenz und) Fleig mitbringt.
Wittgenstein stellt spezifischereAnforderungen an die ,,Freunde":oben
Ti.
ImGegensatz zu Schleiermacher halt Hegel die dialogische Darstel
lungsform nicht fur die ideale33.Seine Versicherung: ,,in seinenmiindli
chen Reden verfuhr er (sc. Platon) auch systematisch"34deckt sichmit
Schleiermachers Uberzeugung, in der miindlichen Lehre habe Platon
,,seineGedanken rein und vollstandig aussprechen"k6nnen (TO3).He
gel geht einen Schritt weiter, indem er die systematische oder ,dogmati
sche' schriftlicheDarstellung Platon selbst zuschreibt:
T I7 Hatten wir noch das rein philosophische (dogmatische)Werk Pla
tons,woruber Brandis geschrieben hat, das unter dem Titel Vonder
PhilosophieoderVonden Ideenvon Aristoteles zitiertwird und ervor
32
33
34
Hegel,
loc. cit. y6-yy.
loc. cit. 20 und
Hegel,
loc. cit. 69.
Hegel,
24. Vgl. hierzu meinen
Beitrag
?Hegel ?ber Piaton. Zum Pla
e Pia
in:
?ber die Geschichte
der Philosophie?",
der ?Vorlesungen
Hegel
ton-Kapitel
a
cura
tone. Atti del
Gi
di
di
internazionale
(20.-23. Aprile
1998)
Convegno
Cagliari
ancarlo Movia,
Cagliari
Page 17
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)sich gehabt zu haben scheint, wenn er die Platonische Philosophie
beschreibt, von ihr spricht, sowurden wir dann seine Philosophie
in einfachererGestalt vor uns haben.35
In seinerPolemik gegenTennemann (T I5)macht Hegel ein uberraschen
des Zugestandnis: ,,Sprichtman auchmit einigen aug3erlich,so istdie Idee
immer darin enthalten,wenn die Sache nur Inhalthat". Es gibt also doch
unterschiedlicheArten des Sprechens, auch fur den Philosophen. Unwill
kiirlich fragtman weiter:wer sind die ,,einigen",zu denen etwaHegel selbst
,,dugerlich"sprechen k6nnte, wie sahe solch ,4iugerlichesSprechen" aus,
und vor allem: inwelcherWeise ware die Ideedennoch darin enthalten?
Hegel unterlieg3nicht nur eigene Erklarungen hierzu, er verzichtete
auch darauf, diese Fragen an Platon, dessen Haltung er doch klaren
mochte, zu stellen.
Letzteres kbnnen wir jedoch versuchen nachzuholen. Und da zeigt
sich in der Tat Erstaunliches. Platon zeigt uns in der dramatischenMi
mesis seinerDialoge den Philosophen immerwieder damit beschaftigt,
,,mit einigen aufgerlichzu sprechen", und das in verschiedenenWeisen.
Hegel behalt dabei insofern recht, als in allen Fallen ,,die Idee darin ent
halten" ist.Aber hierwird die Frage erst interessant:wie und inwelchem
Grad ist sie ,,enthalten"?
Wenn Sokrates den Gesprachspartner imKreis herumfiihrt36,obwohl
ihm die Losung zurVerfiigung steht, so spricht er offenbar ,4iugerlich"
mit ihm, d. h. er verzichtet darauf, ihm den innerenKern der Sache klar
zumachen.Denn daB dieAporien der friihenDialoge fir den Gesprachs
fuhrer gar keine Aporien sind, ist eine gut begrundete und mittlerweile
allgemein akzeptierteAnsicht. Oder wenn Sokrates in der Politeia erklart,
er habe sehrwohl eineAnsicht uber dasWesen (das TL?(OTLV)
des Guten,
doch sei es nicht aussichtsreich, sie hier und jetzt zu erortern,weswegen
er statt dessen nur einGleichnis uber dasGute vortragenwolle (5o6 e f),
wobei notwendig vieleswegbleiben miisse (509 c5-IO), so spricht er auch
hier offenbar nur ,,dugerlich"- nicht ohne klarzumachen, dag3er auch
anders uber dasThema handeln konnte37.Oder wenn derGesprachsfiih
35
loc. cit. 21. Hegel
betrachtet
die beiden
Hegel,
und dieselbe
selbst verfa?t
Schrift, die Piaton
habe. Der Verweis
auf ?Brandis"
Ch.A.
Arisrotelis
libris de
ideis et de bono
in PSP
(s.o. Anm.
Brandis,
philosophia,
36
Euthyphron
186 f.
Diatribe
Bonn
11 bc,
acad?mica
1823.
15 b. Vgl.
37 Zu den
Aussparungsstellen
hierzu
de perditis
meine
der Polireia
vgl.
verlorenen
Interpreration
PSP
aristotelischen
(oben Anm.
13) 303-325.
als ein
Werke
meint
sive
Page 18
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)rerderNomoi, der anonyme ,,Athener",zu seinen philosophisch nicht
geschulten dorischen Freunden in so vagenUmschreibungen von der po
litischenBildung der kunftigen Staatslenker spricht, dag man bezweifeln
konnte, ob Platon hier uberhaupt noch die Ideenlehre ,,vertrete"38,so
liegt das eben daran, dag3auch die letzte platonische Dialektikerfigur
uiberviele Dinge bewuf3t ,,diugerlich"redet.
Singular aufschlugreich ist fernerderDialog Euthydemos, in dem So
krates einzelne Brocken aus derAnamnesis- und Ideenlehre sowie aus der
Theorie der Dialektik einstreut, die aus dem Gang des Gesprachs nicht
zu verstehen sind, gleichzeitig aber die philosophisch harmlosen Ge
sprachspartnerbeschuldigt, sie hatten weiterfiihrende Einsichten bereit,
die sie nur miggiinstigerweise nicht herausriickenwollten - die Ironie
liegt darin, dagRSokrates den Partnern genau das vorwirft, was er selbst
betreibt.39
An all diesen Stellen ist die ,,Idee",d. h. der spezifisch platonische In
halt, in derWeise im aufRerlichenSprechen der jeweiligenDialektikerfi
nur der sie erkennen kann, der sie aus anderen (plato
gur enthalten, dagR
nischen) Quellen kennt. In keinem Fallware esmbglich, dasGemeinte
allein aus demWortlaut des betreffenden Passus zu rekonstruieren.Die
Schleiermachersche textimmanenteEsoterik versagthier, denn diese Stel
lenwollen nur erinnern, nicht den nichtWissenden zumWissen brin
gen.
(6) Platon
Ausgehend von Hegels Bemerkungen fiber das ,,augerliche"Sprechen,
sindwir nun zu einem von Hegel eigentlich nicht zugelassenenErgebnis
gekommen: der platonische Dialektiker kann sehrwohl seine Ideen ,,in
der Tasche behalten", und er tut es oft und macht dazu noch klar, dag er
es tut.Das eben ist der Sinn der von Schleiermacher nur halb verstande
nen, von Hegel nicht beachtetenAussparungsstellen.40
Dies Ergebniswar freilich zu erwarten fur den, der nicht bereit ist, be
stimmte Ziige in Platons Bild von philosophischerKommunikation und
38 Nomoi
Guthrie,
39 Zur
40
965
cd. Zur Diskussion
A History
of Greek
?ber
Ideenlehre
die
in diesem
Dialog
378-381.
Philosophy,
s. PSP (s.o. Anm.
des Euthydemos
13) 49-65.
sowie den
(s.o. Anm.
11), 58 zu Schleiermachers
Interpretation
AuA 43,1997
Vgl.
zu
nannten
Beitrag
Hegels
vgl. W.K.C.
vol. V1978,
(Nicht-)Behandlung
der Aussparungsstellen.
oben Anm.
Page 19
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)vom Philosophen auszublenden, nur weil sie derModerne fremd gewor
den sind und so von derMehrheit der Interpreten ignoriertoder bagatel
lisiertwerden. Relevant fur unserThema sind u.a. folgende Punkte:
i. Zu den Eigenschaften, die Platon vom philosophos verlangt, zahlen
nicht nur intellektuelleVorziige, sondern vor allem auch charakterli
che (Politeia 485 b-487 a). Philosophie ist eine Lebensweise, mithin
nicht ethisch indifferent, wie es intellektuelle Hochstleistungen in
Spezialdisziplinen sind. Philosophie verlangt eine ,,Umwendung" der
ganzen Seele (Politeia 5i8 c d, 52Ic 6).
2. Zur Ideenerkenntnis gelangt nur der innerlich ,,mit der Sache Ver
wandte" (&uyYYEV;g
TOVo
AQ6y7aTog, Epist. 7, 344 a 2-3 (T i84')).Der
Erwerb solcherErkenntnis nimmt viel Zeit inAnspruch ([WT'aXQO'VOI
noXXoiO,344 b 3- vgl. den Zeitplan der philosophischen Studien Poli
teia 537b ff.), dem Aufleuchten der Erkenntnis gehen neidloses Fragen
und wohlwollendes Widerlegen vorauf (Epist. 344 b 5-6):die mensch
licheAtmosphare ist entscheidend fur den Erfolg. Der Partner im phi
losophischen Gesprach mug3Wohlwollen mitbringen und nXkog,
,Freund'sein (Gorgias487 a 3, e S)
3. Dementsprechend gibt esMenschen, die die Sache der Philosophie
,nichts angeht' (oVb?VJQOiX?EL,
Phdr. 275 e 2 (T I942)).Da diese die
41 T
18 Epist. 7, 344 a2-6
nach D. Kurz 1980) Mit
einem Wort: Wer
der Sa
(?bers,
che nicht artverwandt
noch gutes Ged?chtnis
ist, den kann weder
Lernf?higkeit
je
mals dazu machen
sie (sc. die Verwandt
entsteht
(denn bei fremdartigen
Haltungen
schaft
zur Sache<)
k?nnen
und dem,
alle, die dem Gerechten
gar nicht erst). Daher
von Natur
und ihm artverwandt
sind [...]
zuneigen
jtotE oi3xe
xoi3 n??yiiaxo?
?vi ?? X?yco, t?v ut] ovyyevi]
oik5 ?v evu?Geta
jtoir|oei?v
- oooxe
ovx
xoov
?jt?aoi
uvr|ur)
tt]v aQxr|v y?g ?v ?M.oxoiai?
?^eoiv
eyyiYvexai
...
X8 xai x v ?Xkwv 60a xaX? \ir\ jiqoo<j>u??? eioiv xai ovyysve??
?ixaicov
was
42 T
sonst
sch?n
ist, nicht
19 Phaidros 275 d4~e5 (?bers, nach R. Rufener 1991) Denn dieses Mi?liche,
hat eben
Phaidros,
Auch
die Schrift
an sich und
ist darin
inWahrheit
der Malerei
wenn
Wesen;
so die Reden:
?hnlich.
erwas
Erzeugnisse
lebendige
dann schweigen
sie sehr erhaben
still. Genau
mei
du k?nntest
fragst,
etwas von dem, was sie sagen. Willst
nen, sie verst?nden
du aber ?ber das Gesagte
noch etwas erfahren und stellst ihnen eine Frage, so sagen sie immer nur ein und das
so treibt sich eine Rede ?berall umher, bei
selbe aus. Ist sie aber einmal geschrieben,
deren
stehen
denen,
die sie verstehen,
nicht,
zu wem
geschm?ht,
zu wehren
ZQ. Aeivov
xai
sie reden
so bedarf
noch
ja da wie
ganz ebenso wie
soll und zu wem
sie stets der Hilfe
bei denen,
sie aber
die sie nichts
nicht. Wird
ihres Vaters.
du
angeht, und sie wei?
sie aber beleidigt
und ungerecht
Denn
allein vermag
sie sich nicht
sich zu helfen.
xo?x' ?'xsi Y001^
y&Q nov, obOa??oe,
y?Q ta ?xeivn? exYOva ?oxnxe
\iev ob? ? vxa,
xai &? a^n?ooc ?uoiov
??v ?' ?v?on
xi, oeuvco?
?ooYQa^ia.
Jtavu oiy?.
Page 20
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Mehrheit stellen (Politeia494 a 4 u.o., Epist. 7, 343 e 3),mug der Dia
lektikerdie (seltene) ,geeignete Seele' selbst suchen und insGespriich
einbeziehen (Xac4kvVpXu'vnQornjxoUoav, Phdr. 276 e 6 =T 2043).
Wahrheit hinreichend zu lehren" (ixavcb;
4. Die Schrift ist unfahig, ,,die
Phdr. 276 c 9), denn sie kann auf neue Fragen keine
t'kXO &L6a&aL,
neueAntworten geben, kann sich gegenAngriffe nicht verteidigen und
versteht sich nicht darauf, zu reden und zu schweigen, zu denen man
redenoder schweigen soll (Phdr.275 d 4-e S=T i9, vgl. 276 a 6-7).
S. Der Philosoph wird die h6chsten Objekte seiner Erkenntnis, da sie
g6ttlicher Natur sind (Politeia 500 c 9), mit Ehrfurcht behandeln
ware ein schwerer Fehler
(oj 3 oOaL) - Profanierung (?xpaIkk3Lv)
(Epist 7, 344 d 7-8).
6. Die Konsequenz aus all dem ist, daf der Philosoph notigenfalls - d. h.
wenn es den Rezipienten an Eignung fehlt - auch schweigenwird. Er
TE
rai
ist dazu, im Gegensatz zur Schrift, f'ahig(E'totilJTWvE'YELV
nQo0;ovs; 86, Phdr. 276 a 6-7).
OLyatv
7. Doch selbst vor Geeigneten ist die erforderliche langeZeit derVorbe
reitung nicht zu iiberspringen:dies lehrt der Zeitplan fur die Ausbil
dung der Philosophen in der Politeia, der vor dem Aufstieg zum Gip
fel derDialektik eine langeReihe von Phasen derAusbildung und der
Bewaihrungvorsieht. Es gibtDinge, die, vorzeitigmitgeteilt, nichts vom
Gemeinten klarmachenwiirden und deswegen nicht mitgeteilt werden
ist
(T 2144).DiesWort &amQOQQrTa
sollen.Platon nennt sie a&tQoQQrpa
die genuin platonische Bezeichnung fur jenesEsoterische, das der Phi
X?yeiv, ??v ?? xi eqx\
?o^ai?
(a,?v?v a>? tl (J)Qovox3vxa? a?xo??
u?vov xaux?v ?ei. ?xav ?? ajia?
uaGe?v, ?'v xi anumvEi
?oiAou^voc
u?v jtavxaxo?
?
(b? ?' axk
Jt?? ?ioyo? ouoico? Jtao? xo?? ?mouaiv,
Yoa(|)f], xvXiv?E?xai
Jtao' o?? ov??v
jiQoor|XEi, xai ovx ?jtiaxaxai
?iyEiv o?? ?e? ye xai urj. JtXr|u^Etayu|j,?vo?
?? xai o? Xoyor
xavx?v
x?>v tayouiviov
oi)x
?? xai
?uuvaaGai
43 T 20
xo?
JtaxQO? ?ei
ai)x?>.
?v ?txrj tanooonGEic
ovxe
?eixai
avx??
?onGoir
y?o
oik'
?or)Gf)oai ?vvaxo?
sich jemand eine
[...] wenn
(?bers, nach R. Rufener
1991)
276 e5~6
in ihr Reden
der dialektischen
und dann, mit Hilfe
Seele ausw?hlt
Kunst,
Phaidros
geeignete
[...]
pflanzt
?xav xi? xfj oiaXexxixfj
x?xvfl
xQi*)M'8VO??tax?ibv
i^dxtiv
jtooar|xouoav,
cjnjxE?rj
...
X,oyou?...
44 T 21 Nomoi
968 e2-5 (?bers, nach O. Apelt 1916; ND 1988) So istdenn bei richti
ger Darstellung
des Sachverhalts
Unaussprechliches,
wohl
ausgesprochen
te unklar bleibt.
werden
alles hierher
aber als etwas
kann, weil,
wenn
Geh?rige
zu bezeichnen,
es im Voraus
zwar nicht
das nicht
als etwas ?berhaupt
ihm Voraus
schon
ausgesprochen
oi>x ?v
ajt?QQT|xa
ji?v taxG?vxa
o?) Jt?vxa x? jteqL xa?xa
xa>vtayouiveov.
onkr?v
jtoooonGevxa
?i?
x?
??
?jiQOQQnxa
utj??v
oik?)
wird,
das Gesag
X?yoixo,
Page 21
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)losoph nicht in die Schrift bringen wird. Denn die Schrift kann nun
einmal die hierfiir notwendige Vorbereitung nicht leisten: das kann
nur das personliche philosophische Gesprach.
Wir sehen nun die zwei Fehler des modernen Anti-Esoterimus: mit
Schleiermacher (T 9-I2) glaubtman, daB die Schrift die Aufgabe und die
Kraft habe, originare Einsicht zu erzeugen - nach Platon soll sie nur an
schon Gewugtes erinnern.Zudem meint man, dag Eignung zur Philoso
phie allein eine Frage der intellektuellen Leistung ist (vgl.Hegel T i6) Platons Konzeption der Philosophie alsLebensform isthierbei vergessen.
Die beiden Fehler hangen zusammen: setze ich auf eineHermeneutik,
die das Erganzen des direkt nicht Ausgesprochenen durch intelligentes
Lesen fur das Entscheidende erkiart- akzeptiere ich also die Schleierma
chersche textimmanente Esoterik -, so habe ich jeden Intelligenten fur
philosophisch geeignet erklart und so die platonische Esoterik, die auf
pers6nlicherAuswahl (?-xXoyj) der intellektuell undcharakterlichGeeig
neten und auf personlicher Belehrung (tMaxi) beruht, schon abge
schrieben.Ob ich sie dann noch in einem reinenLippenbekenntnis an
erkenne, wie Schleiermacher es inT 13 tut, oder nicht, ist dann schon
gleichgiiltig.Wenn alles in die Schrift gelangt, und sei es nur in der Form
der indirektenMitteilung, so kann eswirkliche a'TQOQQrTa
nicht mehr
geben.
Platon war der Geist des 4. Jahrhunderts v. Chr. ebenso ,,fremdund
unsympathisch"wie Wittgenstein der Geist des 20. Jahrhunderts.Auch
er schrieb fur ,,Freunde",denn auch erwugte, daB die entscheidenden
Einsichten mehr als nur Intelligenz verlangen.Doch anders alsWittgen
stein (und Schleiermacher) glaubte er nicht an die ,,automatische"Schei
dung der Leserschaft durch das Buch selbst (T I9)45.Und anders alsHe
gel (T IS)hielt er das Zuruckhalten von Ideen furmoglich, Schweigen
unter Umstanden fur geboten. Dag er aber an den Aussparungsstellen
klar sagt, dag es noch mehr und Schwierigeres gibt in seiner Philosophie
- dag er also laut verkundet, dag ein ,SchloB' an der ,Tiire' eines ,Zim
mers' hangt, in das die Unvorbereiteten nicht hineingehen sollen -, das
verstoBt keineswegs gegen denWittgensteinschen ,,Anstand"(T 3), denn
Platon redet nicht deshalb so ,,auBerlich"(Hegel,T 15)von seiner Prinzi
pientheorie, weil er bewundert werden mochte, auch nicht, weil er
45 K?nnte
lehren"
die Schrift
(?uvaxT)
die Neuzeit,
nicht
dies
ixav
leisten,
so w?re
? xaXnGf) ?i?a^ai,
Piaton.
zu
hinreichend
?f?hig, die Wahrheit
nur
So
Phdr.
naiv
dachte
indes
sie auch
Page 22
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre),,Klubbist"ware (Kant,T 5), sondern erstens aus Respekt fur die Sache
selbst und zweitensweil es - ganzwie Wittgenstein selbst es formulierte
(T 3) - ,,keinen Sinn (hat) jemandem etwas zu sagen,was er nicht ver
steht".Zugleich setzt er auf einewerbende (,protreptische')
Wirkung sei
nes ,dufgerlichen"Sprechens von den innerstenBereichen seinerPhiloso
phie.
Die Suche nach einer ,geeigneten Seele' wurde ftir ihn so zu einer
Hauptaufgabe - die Dialoge schildern das in immer neuen Variationen.
Die Geeigneten sind in langerpersonlicher ouvomoLa, in langem ouufv,
zum Zielpunkt der Dialektik hinzufiihren. Das Voraussetzungsreichste
allerErkenntnis, die Theorie der Prinzipien46 ,braucht die langsteVor
wirkliches apnQoQQrTov.
bereitung, ist emn
Ob man mit solchem Nicht-vorzeitig-Mitzuteilendem rechnet oder
nicht, macht den Unterschied zwischen platonischer Esoterik und neu
zeitlicherAntiesoterik aus.
46 Der
ist das Vorraussetzungs/?i^
dieser Erkenntnis
511 b6-7
Gegenstand
(vgl. Politeia
?m xtjv xov Jtavxo? ?ex^lv
wird Piaton
ic?v...). Doch
u?xqi xoxj ?vxmoG?xou
zu betonen,
Zahl und Schwierigkeit
nicht m?de,
der Voraussetzungen
die zu erf?llen
man
bevor
dahin
sind,
gelangt.