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Pythagoreïsches Kalkül: Der Bauplan des Mausoleums von Halikarnassos
Hajo Lauenstein, RWTH Aachen University
Vorwort
Als König Mausolos im Jahre 353 vor Christi Geburt in dem für ihn errichteten monumentalen
Grabmal beigesetzt wurde, hatte er das kleinasiatische Karien 24 Jahre unter persischer Oberhoheit regiert und das von ihm als Hauptstadt erkorene Halikarnassos im ionischen Stil prächtig
ausbauen lassen.
Das etwa 45 Meter hohe Bauwerk überstand mehr als 1.600 Jahre, bis Anfang des 14. Jahrhunderts ein Erdbeben dessen von einer Quadriga gekröntes Pyramidendach zum Einsturz brachte.
Seit dem 15. Jahrhundert nutzten dann Kreuzritter des Johanniter-Ordens die Ruine als Steinbruch für die Errichtung des Kastells St. Petri am Hafen der Stadt, welche sie Mesy nannten und
die heute das türkische Bodrum ist. Nachdem Mesy 1523 an das osmanische Reich unter Sultan
Süleyman I. gefallen war, wurde das abgeräumte Mausoleums-Areal mit Wohnhäusern überbaut.
Reste der Gründung samt der innen liegenden geplünderten Grabkammer sind 1846 von Lord
Stratford entdeckt und — nach Abriss eines Teils der Überbauung — ab 1857 unter der Leitung des
britischen Diplomaten Charles T. Newton freigelegt worden. Von den damals gefundenen Überbleibseln des Mausoleums sind die besten Stücke an das Britische Museum in London gegangen.
Erneute Grabungen initiierte mehr als 100 Jahre danach der dänische Archäologe Kristian Jeppesen und veröffentlichte die Ergebnisse der mehrjährigen Kampagne 1981 in 7 Bänden!.
Die in der Antike erlangte Geltung als eines der „Sieben Weltwunder“ verdankte das Mausoleum
einerseits dem opulenten Figuren- und Fries-Schmuck der Bildhauer Skopas, Bryaxis, Timotheos
und Leochares, aber bestimmt auch nicht weniger dem auBergewöhnlichen architektonischen
Konzept. Da ist zum einen die für damalige Zeiten imponierende Höhe und zum anderen galt die
Hochachtung sicherlich gleichermaBen dem Bauplan der Architekten Pytheos und Satyros mit
seinem ausgeklügelten Maß- und Proportionsgefüge, welchem in vorliegender Arbeit erstmals
systematisch auf den Grund gegangen wird.
Die seinerzeit verfasste Baubeschreibung gilt als verschollen
und derzeit ist die einzige noch
verfügbare historische Quelle
eine Beschreibung des römischen Schriftstellers Plinius?.
Versuche, das Bauwerk auf dieser Basis zu rekonstruieren, gibt
es seit 500 Jahren (s. Abb. 2),
jedoch vermochte bislang noch
niemand, die unklaren Maßangaben des Plinius schlüssig auszulegen und in einen überzeugenden
Rekonstruktionsvorschlag umzusetzen.
Abb. 1: Rekonstruktionen 1989° (li.: G. B. Waywell, re.: K. Jeppesen)
' Jeppesen, Kristian (Hg.) : The maussolleion at Halikarnassos : reports of the Danish archaeological expedition
to Bodrum. Copenhagen 1981; Hauptinhalte zum Bauwerk in Band 5
? C. Plinius secundus d. Ä.: Naturalis historiae libri XXX VII (verfasst um 50 n. Chr.); Liber XXXVI, p 30 u. 31
(Dank an meinen Kollegen A. Markschies, Professor für Kunstgeschichte an der RWTH Aachen, der mit seinem
Hinweis auf die „undurchsichtigen“ Maßangaben des Plinius mein Interesse geweckt hatte)
> http:/Avww.cvaonline.org/CGPrograms/Context/Skript/Halikarnassos
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Pythagoreïsches Kalkül: Der Bauplan des Mausoleums von Halikarnassos
Hajo Lauenstein, RWTH Aachen University
Vorwort
Als König Mausolos im Jahre 353 vor Christi Geburt in dem für ihn errichteten monumentalen
Grabmal beigesetzt wurde, hatte er das kleinasiatische Karien 24 Jahre unter persischer Oberhoheit regiert und das von ihm als Hauptstadt erkorene Halikarnassos im ionischen Stil prächtig
ausbauen lassen.
Das etwa 45 Meter hohe Bauwerk überstand mehr als 1.600 Jahre, bis Anfang des 14. Jahrhunderts ein Erdbeben dessen von einer Quadriga gekröntes Pyramidendach zum Einsturz brachte.
Seit dem 15. Jahrhundert nutzten dann Kreuzritter des Johanniter-Ordens die Ruine als Steinbruch für die Errichtung des Kastells St. Petri am Hafen der Stadt, welche sie Mesy nannten und
die heute das türkische Bodrum ist. Nachdem Mesy 1523 an das osmanische Reich unter Sultan
Süleyman I. gefallen war, wurde das abgeräumte Mausoleums-Areal mit Wohnhäusern überbaut.
Reste der Gründung samt der innen liegenden geplünderten Grabkammer sind 1846 von Lord
Stratford entdeckt und – nach Abriss eines Teils der Überbauung – ab 1857 unter der Leitung des
britischen Diplomaten Charles T. Newton freigelegt worden. Von den damals gefundenen Überbleibseln des Mausoleums sind die besten Stücke an das Britische Museum in London gegangen.
Erneute Grabungen initiierte mehr als 100 Jahre danach der dänische Archäologe Kristian Jeppesen und veröffentlichte die Ergebnisse der mehrjährigen Kampagne 1981 in 7 Bänden1.
Die in der Antike erlangte Geltung als eines der „Sieben Weltwunder“ verdankte das Mausoleum
einerseits dem opulenten Figuren- und Fries-Schmuck der Bildhauer Skopas, Bryaxis, Timotheos
und Leochares, aber bestimmt auch nicht weniger dem außergewöhnlichen architektonischen
Konzept. Da ist zum einen die für damalige Zeiten imponierende Höhe und zum anderen galt die
Hochachtung sicherlich gleichermaßen dem Bauplan der Architekten Pytheos und Satyros mit
seinem ausgeklügelten Maß- und Proportionsgefüge, welchem in vorliegender Arbeit erstmals
systematisch auf den Grund gegangen wird.
Die seinerzeit verfasste Baubeschreibung gilt als verschollen
und derzeit ist die einzige noch
verfügbare historische Quelle
eine Beschreibung des römischen Schriftstellers Plinius2.
Versuche, das Bauwerk auf dieser Basis zu rekonstruieren, gibt
es seit 500 Jahren (s. Abb. 2),
jedoch vermochte bislang noch
niemand, die unklaren Maßangaben des Plinius schlüssig auszulegen und in einen überzeugenden
Rekonstruktionsvorschlag umzusetzen.
Abb. 1: Rekonstruktionen 19893 (li.: G. B. Waywell, re.: K. Jeppesen)
1
Jeppesen, Kristian (Hg.) : The maussolleion at Halikarnassos : reports of the Danish archaeological expedition
to Bodrum. Copenhagen 1981; Hauptinhalte zum Bauwerk in Band 5
2
C. Plinius secundus d. Ä.: Naturalis historiae libri XXXVII (verfasst um 50 n. Chr.); Liber XXXVI, p 30 u. 31
(Dank an meinen Kollegen A. Markschies, Professor für Kunstgeschichte an der RWTH Aachen, der mit seinem
Hinweis auf die „undurchsichtigen“ Maßangaben des Plinius mein Interesse geweckt hatte)
http://www.cvaonline.org/CGPrograms/Context/Skript/Halikarnassos
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)1. Ausgangslage
1.1 Zur Geschichte der Rekonstruktionsversuche
Mit dem hier im Folgenden sukzessive hergeleiteten Rekonstruktionsvorschlag sind es mindestens zwei Dutzend Versuche, die bauliche Gestalt des Mausoleums auferstehen zu lassen.
Eine Zusammenschau von 22 Entwürfen findet sich bei Jeppesen (Fußnote 1, Vol. 5, S. 210),
beginnend 1858 mit R. M. Smith, – ein Jahr nach dem Start der britischen Ausgrabungen unter
Newton und endend 1990 bei J. Bury, – ein Jahr nach den beiden konkurrierenden Rekonstruktionsvorschlägen von Waywell und Jeppesen (Abb. 1).
Einschließlich des schon 31 Jahre zuvor unternommenen ersten Versuchs von Jeppesen (1958)
sind 10 der Zeichnungen schon deshalb auszuscheiden, weil sie mit falscher Säulenzahl bzw.
-anordnung operierten, obgleich schon bei Smith 1858 die von Plinius bezifferten 36 Säulen mit
je 9 an den Fronten und je 11 längsseitig richtig verteilt waren.
Plinius hatte über das Mausoleum – vereinfacht und auf das Wesentliche verkürzt – geschrieben:
„Von Süden nach Norden ist es 63 Fuß lang, an den Fronten kürzer (= unklar!), mit einem
Gesamtumfang von 440 Fuß; es (= unklar!) erhebt sich zu einer Höhe von 25 Ellen/ … der
Pteron (πτερόν – griech., Säulenumgang) wird von 36 Säulen umrahmt/ … darüber eine dem
unteren Teile (= unklar!) an Höhe gleichkommende Pyramide, die sich auf 24 Stufen oben
zu einer Spitzsäule verjüngt 4/ … Höhe des gesamten Bauwerks 140 Fuß, einschließlich der
marmornen Quadriga“.
An „63 Fuß lang, an den Fronten kürzer“ sind bisher alle gescheitert, denn das N-S-Frontmaß
des von Jeppesen freigelegten Fundamentes von ca. 32 m käme – geteilt durch das größte der zu
jener Zeit gebräuchlichen Fußmaße (ca. 35 cm pro Fuß) – noch auf über 90 Fuß.
Der wohl erste Rekonstrukteur aber hatte
Plinius wörtlich genommen, – der florentinische Architekt Antonio da Sangallo
d. J. (1483 -1546). Er realisierte die „63
Fuß“ (in Abb. 2 zwischen Grund- und
Aufriss deutlich lesbar), doch kam er mit
4 x 23-63-23 nur auf 436 statt 440 Fuß
Gesamtumfang.
Falsch ist auch, wie wir heute wissen,
der Quadrat-Ansatz und schon gar nicht
kommt seine Pyramide „dem unteren
Teile an Höhe gleich“, doch die Idee
eines kreuzförmigen Grundrisses hätte
eine Lösung sein können. Tragisch ist weniger Sangallos Fehlinterpretation, als der Umstand, dass der
Nachwelt viele Irrungen und Wirrungen
erspart geblieben wären, wenn er sich
auf eine Schiffsreise nach Kleinasien
begeben hätte, denn es war zu seinen
Lebzeiten der Sockelbau des Mausoleums noch nicht gänzlich abgetragen.
Abb. 2: Rekonstruktion A. da Sangallo d. J.
(Florenz, Uffizien; Signatur GDS, UA 1073)
4
Die Übersetzung (R. König, Darmstadt 2007) ist irreführend! Die Plinius-Passage „…, viginti quattuor gradibus in
metae cacumen se contrahens; …“ ist zutreffender zu übersetzen mit „…, die sich in 24 Schritten/ Stufen zur Pyramidenspitze hin verjüngt; …“.
Page 4
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Der langen Ahnenreihe Irrender der Nachwelt
hatte sich anfangs auch der Autor angeschlossen,
denn der Gedanke an „eingezogene“ Ecken des
Sockelbaus war spontan beim ersten Lesen des
Textes von Plinius aufgekeimt (ohne Sangallo zu
kennen) und wurde dann durch Fritz Krischen5
bestärkt, der als Vorbilder für die Baugestalt des
Mausoleums die persischen Königsgräber nennt:
Das Grabmal des Kyros in Pasargadae aus dem
5. Jh. v. Chr. (Abb. 3) sowie die Felsengräber
seiner Nachfolger in Naqsh-e-Rostam (Abb. 4).
Abb. 3: Grabmal des Perserkönigs Kyros II.6
Der auffälligen rechteckigen Kreuzform der Letzteren hat
Krischen keine Beachtung geschenkt, denn er blieb 1956 (zu
Recht, wie sich herausstellen sollte) bei der geschlossenen
Rechteckform seines ersten Rekonstruktionsvorschlages, der
– ähnlich wie bei Jeppesen – gut 30 Jahre vor der unten
(Fußnote 5) benannten Veröffentlichung datiert.
Was Krischen 1956 vielleicht noch nicht wissen konnte, war
das Fußmaß des Kyros-Grabmals, das Rottländer7 zufolge
31,737 cm beträgt. Damit wäre Krischen zumindest nahe am
richtigen Fußmaß des Mausoleums gewesen. Das von ihm
verwendete 35cm-Fußmaß ist jedoch – nach Rottländer – der
samisch-ionische Fuß, welcher 34,732 cm betrug.
Abb. 4: Felsengrab eines Kyros-Nachfolgers8
Der hoffentlich letzte zu Papier gebrachte Fehlversuch war der erste übereilte Anlauf des Autors,
bei dem – besser als bei Sangallo d. J. –
zahlenmäßig alles passte, bis die Berechnung der
Mindestgröße der Pyramidenbasis mit den archäologisch gesicherten Breiten der 24 Stufen …
Abb. oben u. links: Der letzte Fehlversuch? - Autor
… das von oben bis unten konsequent „echt
pythagoreïsch“ proportionierte und ästhetisch
auch durchaus ansprechende Bauwerk wie ein
Kartenhaus einstürzen ließ. – Da blieb nur:
Schwamm drüber und von vorn beginnen.
5
Krischen, Fritz: Weltwunder der Baukunst in Babylonien und Jonien. Tübingen 1956
http://www.heinzfunk.de/iran/pa100174.jpg
7
Rottländer, Rolf C. A.: http://vormetrische-laengeneinheiten.de
8
http://flickr.com/photos/simon_p_white/2183174218/
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)1.2 Zum pythagoreïschen Planungshintergrund
Mit einem „Monochord“, einem länglichen Resonanzkasten mit darüber gespannter Saite, soll
Pythagoras von Samos (570 – 496/ 80? v. Chr.) den Nachweis geführt haben, dass ein harmonischer Zusammenklang beider Teile der Saite rechts und links von einem darunter gestellten Steg
nur dann gegeben ist, wenn beide Teillängen in einem ganzzahligen Verhältnis stehen9. Er und
seine Anhänger schlossen daraus, dass jene ganzzahligen Längenverhältnisse, welche der Klangkonsonanz zugrunde liegen, in sichtbare Seiten- und Längenproportionen umgesetzt auch dem
Auge harmonisch erscheinen müssten. In logischer Konsequenz dieser Auffassung wurden dann
harmonikale Zahlenverhältnisse auf die Abmessungen von Werken der Bau- und Bildhauerkunst
übertragen. Um eine Visualisierung von Klängen oder gar Klangfolgen, wie verschiedentlich
vermutet10, ging es hierbei aber mit Sicherheit nicht.
Das Mausoleum wurde etwa 150 Jahre nach dem Tode des Pythagoras geplant und da war dessen Harmonielehre wohl auch in Kleinasien längst bekannt, denn für einen pythagoreïschen Hintergrund des architektonischen Konzepts fand sich schon bei erster Sondierung verfügbarer
Maßangaben ein augenfälliges Indiz, – der 8:9-Grundriss der Grabkammer!11
Die für das „Allerheiligste“ des Bauwerks eingesetzte 8:9-Proportion spielte dazumal eine bedeutungsvolle Rolle:
In der pythagoreischen Harmonielehre ist 8 : 9 der „Große Ganzton“, für den vermutlich
Pythagoras selbst den Begriff ΕΠΟΓ∆ΟΩΝ (Epogdoon) kreiert hatte (s. 1.3).
Die Zahlen 8 und 9 nehmen aber nicht nur in der Harmonielehre einen zentralen Stellenwert ein,
sondern steckten darüber hinaus – zuvor schon bei den Ägyptern – in (2x8/9)2, dem Näherungsbruch für die irrationale Zahl Pi (π) für die Kreis- und Kugelberechnung.
Leitthese der folgenden Untersuchungen:
Bei der Ermittlung der wahren ursprünglichen Abmessungen
des Mausoleums sind
a) pythagoreïsche Prinzipien des Einsatzes von harmonikalen Proportionen an Bau- und Kunstwerken zu berücksichtigen,
b) ein harmonikales Gesamtkonzept, d.h. eine „durchgängig“ realisierte harmonikale Proportionierung der aufeinander
bezogenen Hauptmaße vorauszusetzen,
c) eine Visualisierung der Irrationalität (Abb. 5 = rot) in
Betracht zu ziehen.
Die pythagoreïschen Bemaßungs- und Proportionierungsprinzipien hat der Autor am Beispiel des Athenatempels zu
Paestum, welcher noch zu Lebzeiten des Pythagoras um 510
v. Chr. errichtet worden war, wie auch an dem ca. 50 Jahre
später geschaffenen „Kanon“ des Bildhauers Polyklet
eingehend studiert12 und die dabei gewonnenen Erkenntnisse
bildeten die Grundlage für die hier dokumentierte Untersuchung zum Bauplan des Mausoleums von Halikarnassos.
Abb. 5: Harmonikale Rechtecke und irrationale Quadrat-Diagonalen
Aus Platzgründen nicht in der Zeichnung: 81:64 (9x9 : 8x8) = Pythagoreische Große Terz/ 32:27 = Pythagoreische
Kleine Terz/ 10:9 = Kleiner Ganzton/ 16:15 Großer Halbton/ 25:24 = Kleiner Halbton
9
Zur pythagoreischen Harmonielehre und „Kanonteilung“ – s. Lauenstein 2009: Ursprünge des architektonischen
Proportionenkanons. http://frp.landeco.rwth-achen.de/downloads/Proportionenkanon.pdf
10
Kayser, Hans: Die Nomoi der drei altgriechischen Tempel zu Paestum. Heidelberg, 1958
11
Wikipedia
Lauenstein, H.: Arithmetik und Geometrie in Raffaels Schule von Athen. Verlag Peter Lang, Frankfurt a. M. 1998
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)1.3 Zu den pythagoreïschen Planungsprinzipien
Die bauliche Umsetzung von harmonikalen Proportionen ist einer sehr komplexen Zahlenphilosophie des Pythagoras geschuldet und der Überzeugung, es seien die Zahlen das Wesen aller
Dinge, – so auch guter und schöner Architektur.
Es wurde die mathematische Irrationalität als göttliches Phänomen mystifiziert und in diesem
Kontext hat man auch einige Zahlen bzw. Zahlenverhältnisse, insbesondere das Verhältnis 7 : 5,
welches als Näherungsbruch für √2 der Quadratdiagonalen stand, als göttlich angesehen.
Der Einsatz der 7:5-Proportion konnte sowohl am Athenatempel
als auch am „Kanon“ des Polyklet (Abb. 11) nachgewiesen werden und ebenfalls der „Große Ganzton“, dessen 8:9 über (2x8/9)2
für π zugleich die Irrationalität symbolisierte.
Bestens bekannt war auch schon der (wegen √5) irrationale
„Goldene Schnitt“ (Abb. 5 – GS), welcher aber erst viel später so genannt wurde; Euklid (um
330 v. Chr.; VI. Buch der „Elemente“) nennt das Phänomen noch „stetige Teilung“.
Der Nachweis des „GS“ ist jedoch weder am Athenatempel noch am „Kanon“ des Polyklet gelungen, und dafür gibt es einen triftigen Grund:
Die Pythagoreer waren eine „religiöse Bruderschaft“13, die ihre bedeutsamsten
wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht an die Allgemeinheit weiter gab.
Der „Goldene Schnitt“ genoss bei ihnen ganz besondere Wertschätzung und wohl
wissend, dass dieser sich x-fach in der geometrischen Figur des Pentagramms
verbirgt, wählten sie das als geheimes Erkennungssymbol ihres elitären Bundes.
Es ist deshalb zu vermuten, dass um 500 v. Chr. der „Goldene Schnitt“ für eine Visualisierung an
Kunst- und Bauwerken noch „tabu“ war, doch Mitte des 4. Jh. v. Chr. konnte er ja durchaus
längst ein „offenes Geheimnis“ gewesen sein. Die Umsetzung des harmonikalen Proportionenkanons am Bauwerk erfolgte sowohl linear
als auch orthogonal, d.h. als proportionale Kettenmaße z.B. in der Höhenstufung oder als
Rechteckproportionen in den Grund- und Aufrissmaßen (8 x 9 m Grabkammer!).
Da die harmonikalen Proportionen ganzzahlig sind, wurden ganze Fußmaße bei den Hauptabmessungen bevorzugt. Für gebrochene Fußmaße bei den nachgeordneten Abmessungen
verwendete man vorzugsweise die einfachen Bruchwerte 1/4, 1/3, 1/2, 2/3, 3/4 (z. B. 231/3 : 182/3 =
5:4-Verhältnis der großen Terz).
Den Abmessungen des Athenatempels zu Paestum liegt
ein arithmetisches Programm zugrunde, das sich aus
dem Wort ΕΠΟΓ∆ΟΩΝ ableitet. Die Buchstaben des
Wortes Epogdoon haben Zahlenbedeutung nach ihrer
Stellung im Alphabet. Das Wort ist ein „Kunstprodukt“,
dessen Buchstaben so sortiert worden sind, dass sich aus
ihnen – über symmetrische Rechenoperationen – 2 Zahlenfelder unterschiedlicher Bedeutung ableiten ließen:
a) Das erste – unter symmetrischer Anwendung der
Grundrechenarten Addition, Subtraktion, Multiplikation
und Division – errechenbare Zahlenfeld ist das komplette
Bemaßungs- und Proportionierungsprogramm des
Athenatempels, an dem genau diese Zahlen – in jeweils
harmonikaler Konstellation zueinander gruppiert – zum
Einsatz kamen.
Abb. 6: Die Maßzahlen des Athenatempels im ΕΠΟΓ∆ΟΩΝ14
13
Van d. Waerden, B. L.: Die Pythagoreer. Religiöse Bruderschaft und Schule der Wissenschaft.
Zürich, München 1979
Lauenstein, 1998 (Fußnote 12, S. 68)
Page 7
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)b) Das zweite ableitbare Zahlenfeld ist die Zahlenreihe des „Goldenen Schnittes“ von 1 bis 34,
welche 1.700 Jahre später von Leonardo da Pisa,
dem Filius des Bonacci, nochmals „erfunden“ und
nach diesem „Fibonacci-Reihe“ genannt wurde.
Sie beginnt – geometrisch – mit dem Quadrat der
Seitenlänge 1 und setzt sich in Rechtecken fort,
deren längere Seite jeweils die Summe der vorigen
Seitenlängen ist: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, …
Je größer die Rechtecke aus benachbarten Zahlen,
desto mehr nähert sich der Quotient lange : kurze
Seite dem „GS“-Wert 1,6180339887… (Abb. 5).
Abb. 7: Die „Fibonacci-Reihe“ im ΕΠΟΓ∆ΟΩΝ15
Ein harmonikales Programm scheint Birnbaum16 zufolge auch der
Planung des Apollontempels von Didyma (etwa 50 km nördlich
von Halikarnassos) zugrunde zu liegen, welcher etwa 50 Jahre
nach dem Mausoleum errichtet worden war.
Platon (427 – 347 v. Chr.) hatte die pythagoreïsche Harmonielehre im „Timaios“ aufgegriffen und in einer „Tonleiter“ Zahlen
gruppiert, deren Kombination harmonikale Proportionen ergeben.
Birnbaum weist nach, dass die Zahlen der erweiterten „TimaiosTonleiter“ (Folgen aus 2n u. 3n) der Planung für den Apollontempel zugrunde liegen und dass die harmonikalen Proportionen
am Bauwerk in systematischer Abfolge von innen nach außen
realisiert worden sind.
Abb. 8: Die erweiterte „Timaios-Tonleiter“ (Birnbaum, 2006; Abb. 5)
Die platonische Timaios-Tonleiter könnte bei der Planung des Mausoleums bereits bekannt gewesen sein, aber diese oder irgendein anderes Programm zu identifizieren, ist allenfalls dann
möglich, wenn man den Bauplan in seinen Hauptabmessungen definitiv kennt.
Die Frage nach einem Programm ist sekundär; es muss zunächst einmal die richtige Baugestalt
gefunden werden, denn bisher ist keiner der Rekonstruktionszeichnungen zu bescheinigen, dass
sie in den Hauptabmessungen des Bauwerks alle Plinius-Angaben überzeugend „unterbringt“.
Entschuldbar ist das damit, dass erstens die Plinius-Angaben dilettantisch (er war kein Architekt)
oder gar falsch (?!) sind und dass es zweitens nur die Grundmauern des Sockelbaus und der inliegenden Grabkammer sowie nur Bruchstücke von Bauteilen und plastischem Schmuck gibt.
Jeppesen setzt sich seitenlang (Vol. 2, S. 52 ff. u. Vol. 5, S. 29 ff.) mit denkbaren Falschangaben,
Übersetzungs- oder Druckfehlern der Plinius-Angaben auseinander, aber er kommt dennoch für
die „particularly puzzling“ (Vol. 2, S. 53) 63 Fuß der N-S-Länge des Plinius zu keiner Lösung.
Besonders bedauerlich ist, dass er – anscheinend als Erster – das richtige Fußmaß (32 cm) bestimmt hat, dann aber dazu leider das falsche Ellenmaß – 1,5 Fuß pro Elle statt 1,75 – verwendet.
Aber das große Verdienst Jeppesens ist die überaus akribische Vermessung, Rekonstruktion und
Dokumentation der Fundstücke, deren sinnfällige Kombination ihm für viele bauliche Details
überzeugend gelingt. Jeppesen hätte die „Nuss knacken“ können, doch sein Problem war, dass er
– abgesehen vom falschen Ellenmaß – die pythagoreïschen „Spielregeln“ nicht gekannt oder
nicht ernst genommen hat.
Das Rätsel um die wahre Baugestalt des Mausoleums von Halikarnassos ist nur lösbar,
wenn man harmonikale Proportionierung als konsequentes Planungsprinzip voraussetzt.
15
16
Lauenstein, 1998 (Fußnote 12, S. 56)
Birnbaum, Jens: Der Apollontempel von Didyma – Analyse einer pythagoreisch-platonischen Entwurfskonzeption. Diss. TU Berlin 2006
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2. Grundrisse
2.1 Sockelfuß und Unterbau
2.1.1 Fuß- und Ellenmaß
Lethaby17 (1908, p 39) veranschlagt – im Ergebnis der Newton-Grabungen – das Rechteckmaß
des Mausoleum-Sockels mit 108 x 127 feet (x 0,30479 m/ f) = 32,92 x 38,71 m.
Jeppesen (Fußnote 2, Vol. 5, S. 63) beziffert sein Vermessungsergebnis auf 32,40 x 38,00 m,
zeigt aber nirgends, wie er sich den Sitz dieses wichtigen Maßes als Rechteck über seiner exakt
dokumentierten „Fundgrube“ vorstellt. Versucht man das, – den Maßstab des Computerprogramms (CAD) am unterliegenden Quadratraster kalibriert, ist festzustellen, dass sich ein
32,4x38,0-Rechteck (Abb. 9, grün) recht gut passend zwischen den als Stützpfeiler interpretierbaren großen Steinquadern (gelb angelegt) der nördlichen und südlichen Längsseiten „einjustieren“ lässt; Jeppesens Angaben erscheinen deshalb prima vista zunächst stimmig.
Abb. 9: „The site of the Monument re-excavated“ (Jeppesen, 1981, Vol. 1, S. 14); farbige Ergänzungen - Autor
Jeppesens 32,4 m sind zwar recht genau die N-S-Distanz der Pfeilerfluchten in Höhe der Fundamentsohle, aber daraus kann man nicht zwingend logisch auf das oberirdische Sockelmaß schließen, weil denkbar ist, dass die Pfeiler aus statischen Gründen eine Innenneigung gehabt haben
könnten.
Und leider bemerkte Jeppesen nicht, dass eine „Umverteilung“ der 0,4 m von der Breite zur 38er
Länge, also ein 32,0x38,4-Rechteck (Abb. 9, innen rot) eine harmonische Proportion darstellt,
denn das sind mit 0,32 m pro Fuß gerechnet 100 : 120 Fuß, – 5 : 6 = Kleine Terz!
Mit seinem Fußmaß aber hat Jeppesen anscheinend erstmals in der Geschichte der Rekonstruktionsversuche zumindest dicht an der Realität gelegen, doch seine Begründung für dieses Maß
fällt lapidar und wenig beweiskräftig aus: „… , the Maussolleion foot measured 140,8 : 440 =
exactly 32 cm, …“ (Vol. 5, S. 32).
Lethaby, W. R.: The Tomb of Mausolus. London, B. T. Batsford, 1908 (http://penelope.unichicago.edu)
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Vermutlich hat Jeppesen den ungefähren Gesamtumfang des Grundrisses innerhalb der Sockel
zunächst einmal durch die 440 Fuß des Plinius geteilt und einen Wert nahe bei 32 cm gefunden.
Mit dem auf „exactly 32 cm“ gerundeten Wert als Fußmaß x 440 ergibt sich ein Umfang von
140,8 m, der dann auf die beiden Seiten mit 2 x 32,4 m und 2 x 38,0 m (falsch) „verteilt“ wurde.
Für ein Fußmaß nahe 32 cm kommen nach Rottländer (Fußnote 7) zwei Varianten in Betracht:
1. Gemeingriechischer Fuß (16 Digiti) = 31,608 cm; zugehörige Elle = 55,314 cm,
2. Byzantinischer Fuß (16 Digiti)
= 32,057 cm; zugehörige Elle = 56,100 cm.
Rottländer weist ausdrücklich darauf hin, dass die Bezeichnung „Byzantinischer Fuß“ irreführend ist, da dieses Fußmaß nämlich schon bei der Phidias-Werkstatt auftritt.
Ergänzend sei hinzugefügt: Phidias (5. Jh. v. Chr.) schuf die Zeusstatue von Olympia, die – wie
das Mausoleum – als eines der 7 Weltwunder der Antike galt, aber ca. 100 Jahre älter ist.
Von den beiden infrage kommenden Fußmaßen weichen die 32 cm Jeppesens um knapp 4 mm
nach oben bzw. 0,6 mm nach unten ab. In der Gesamthöhe von 44,8 m (140 Fuß x 0,32 m/Fuß)
wären das 56 cm (1,25%) zu viel bzw. nur 8 cm (0,18%) zu wenig; das wäre hinnehmbar.
Viel entscheidender an Rottländers Aussage ist, dass für beide Fußmaße gilt:
1 Elle = 1,75 Fuß!
Also ist die bisher von allen Rekonstrukteuren vorausgesetzte 1,5-Fuß-Elle nicht mehr haltbar,
und es wären die 25 Ellen von Plinius, um die „es“ (?) sich erhebt, nicht 371/2, sondern 433/4 Fuß.
Was die bis heute rätselhaft gebliebenen „63 Fuß“ des Plinius betrifft, liegen nach Auffassung
des Autors gleich zwei folgenreiche Irrtümer der Geschichtsschreibung vor:
Der 1. Irrtum: Falsch ist die Maßeinheit; richtig ist „Ellen“ statt „Fuß“.
Es wären 63 Ellen x 1,75 Fuß = 1101/4 Fuß N-S-Maß eines „Rahmens“ und der Nebensatz „an
den Fronten kürzer“ bezieht sich auf die – 100%ig sicher 100 Fuß langen – Sockelfronten.
Je 51/8 Fuß kämen auf die – vermutlich gestufte – Umrandung des Sockels. Würde man diese
„Krepis“ vor den Frontseiten von zusammen 101/4 auf 102/3 (je 51/3) verbreitern, käme die Länge
auf 120 + 102/3 = 1302/3 und das Außenrechteck wäre eine Pythagoreïsche Kleinterz (27 : 32),
denn 1101/4 : 27 = 41/12; 41/12 x 32 = 1302/3. Aber diese Spekulation ist müßig, denn der 2. Irrtum
der Geschichtsschreibung verändert die Berechnungsbasis:
Der 2. Irrtum: Falsch ist die Maßzahl; richtig ist „64“ statt „63“.
Aus pythagoreïscher Sicht spräche die „63“ für eine peinliche Unbedarftheit der Architekten!
Drei Fragen und eine ebenso simple wie einleuchtende Erklärung sollen die Behauptung stützen:
1. Warum 63, wenn eine Elle mehr ein gerades Fußmaß ergibt (64 x 13/4 = 112 Fuß, statt 1101/4)?
2. Warum nicht 8 x 8 Ellen, wo doch die 140 Fuß Gesamthöhe 10 x 8 Ellen (80 x 13/4 = 140 Fuß)
beträgt und damit die Breite von 64 Ellen zur Höhe von 80 Ellen mit 4 : 5 eine Große Terz ist?
3. Last but not least: Eine Elle mehr zur 80er Kopfhöhe des Königspaares auf dem Streitwagen
des Quadriga-Gespanns (z. B. eine Standarte o. dgl.) brächte als Endhöhe 81 Ellen und somit …
8 x 8 Breite : 9 x 9 Höhe, – die Pythagoreische Große Terz; das wäre zugleich eine Anspielung
auf die 8:9-Proportion der Grabkammer.
Die Erklärung: Entweder in der Originalhandschrift des Plinius oder in der Abschrift, welche der
ersten Duckausgabe18 zugrunde lag, war vermutlich die Endziffer V der Zahl LXIV = 64 so
unsauber geschrieben, dass man sie für II hielt, also LXIII = 63 gelesen hat.
Ein späterer Fehler ist auszuschließen, da in allen Druckausgaben die „63“ verbal (septentrione
sexagenos ternos pedes) benannt wird.
„Cubitis“ (Ellen) und „pedes“ (Fuß) hingegen sind beim Abschreiben wohl kaum zu verwechseln und so geht dieser erste Lapsus vermutlich auf Plinius höchstpersönlich zurück.
Erstdruck: „Historiae naturalis libri XXXVII“. Editio princeps Venedig 1469 (14 Jahre vor Sangallos Geburt)
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2.1.2 Sockelbasis
Bei Plinius hätte es also heißen müssen: „Von Süden nach Norden ist es 64 Ellen lang“.
Vor den Sockelfronten wären das 112 Fuß (64 Ellen x 13/4 Fuß/Elle) , – vermutlich eine Stufenanlage, und nimmt man dieselbe Erweiterung um 12 Fuß für die O-W-Länge an, wäre das Maß
für den Außenumriss 112 x 132 Fuß; bei 0,32 m/Fuß = 35,84 x 42,24 m (Abb. 9, außen rot).
Das ist allerdings kein harmonikales Rechteck. Die nächstliegende Harmonie wäre die 27:32Kleinterz, – 112 F : 27 = 4,148148 F; 4,148148 F x 32 = 132,74. Das wären ≈ 3/4 Fuß mehr in
Längsrichtung. Denkbar ist natürlich eine um 3/4 Fuß breitere Stufenanlage vor der westseitigen
Hauptfront des Mausoleums.
Eine Möglichkeit, das Fußmaß eventuell genauer zu bestimmen, bietet noch die GrabkammerZeichnung von Jeppesen.
In diesem Grundriss-Ausschnitt fehlt das wichtige Innenmaß der Grabkammer. Kalibriert an den
mit 680 cm bemaßten Innenkanten des Plattensaumes, ergibt sich für dessen Außenrand ein Maß
von etwas weniger als 9 m O-W-Länge und ziemlich genau 8 m N-S-Breite (Abb. 10, rot).
Abb. 10: Grundriss Grabkammer und Zugangstunnel (Jeppesen, 1981, Vol. 4, S. 90); farbige Ergänzung - Autor
Mit diesen Maßen, die so eindeutig den „Großen
Ganzton“ symbolisieren, bietet sich – auf dem Umweg
über die pythagoreïschen „Spielregeln“ – eventuell die
Möglichkeit, das Fußmaß zu überprüfen.
Annäherung über das 32er Fußmaß:
9 m : 0,32 m/ Fuß → 28,125 Fuß
8 m : 0,32 m/ Fuß → 25,000 Fuß
Auf der Grundlage der Erfahrungen mit dem „Kanon“
des Polyklet19 (Abb. 11) war sofort klar, dass in den
beiden Fußmaßen eine typisch pythagoreïsche Denkund Verfahrensweise steckt, ein Spiel mit dem 9/8Verhältnis (= 11/8) des „Großen Ganztons“:
Polyklets Speerträgerfigur, der gleichfalls ein Fußmaß
von 16 Daktylen (= Digiti, Fingerbreiten) zugrunde
liegt, hat nicht etwa die zu erwartende Gesamthöhe von
ganzzahligen 6 Fuß, also 6 x 16 D = 96 Daktylen, sondern 98 Daktylen, – 1/8 mehr als 6 Fuß.
Abb. 11: Maße und Proportionsraster des „Kanon“
Lauenstein, 1998 (Fußnote 12, S. 48 ff.)
Page 11
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Polyklet hatte bei der Festlegung der Gesamthöhe dem runden Maß von 80/16 D = 5 Fuß den Wert
des „Großen Ganztons“ 18/16 = 9/8 = 11/8 F hinzugerechnet: (5 + 11/8 F) x 16 D/F = 98 Daktylen.
Dasselbe „Spiel“ steckt in der 9m-Länge mit ihren 28,125 Fuß, – nur noch etwas perfekter, denn
das sind
3 x 9 + 9/8 = 279/8 (281/8) Fuß.
Dem ständen gegenüber
3 x 8 + 9/8 = 249/8 (251/8) Fuß,
sofern man das Maß für die kürzere 8m-Seite auf 25,125 Fuß (1/8 Fuß = 4 cm mehr) korrigiert.
Obwohl zu 281/8 Fuß eigentlich 25 Fuß gehören (281/8 : 9 = 31/8; 31/8 x 8 = 25), hat man sich das
reizvolle Zahlenspiel offenbar nicht entgehen lassen, denn dafür spricht die Proportion der
Zeichnung, die zeigt, dass der Breite von 8 m eine Länge von etwas unter 9 m entgegen steht.
Die Rechnung bestätigt, dass der kürzeren Seite tatsächlich die 0,125 = 1/8 Fuß zugeschlagen
worden sind: 8 m : 25,125 F = 0,3184 m/F; 0,3184 m/F x 28,125 F = 8,955 m.
Geht man also von 8 m aus, kommt man – wie in der Zeichnung – auf etwas weniger als 9m für
die längere Seite. Wären die Zeichnungsmaße korrekt, würde das allerdings bedeuten, dass das
Fußmaß mit 32 cm zu hoch angesetzt wäre, denn wie oben zu sehen, ergibt die Berechnung ein
Fußmaß von 0,3184 m.
Differenz zum Gemeingriechischen Fuß - 0,31608 m: + 2,32 mm
Differenz zum Byzantinischen Fuß
- 0,32057 m: – 2,17 mm
Die Abweichung vom größeren Byzantinischen Fuß ist geringer und es sprechen noch einige
Indizien für ein sogar etwas über 32 cm liegendes Fußmaß: Bei den Auftrittsbreiten der Pyramidenstufen z. B. (und noch anderen Details) sind nämlich 32 cm/Fuß als Quotient etwas zu wenig,
um auf die passenden runden Fußmaße zu kommen; das wird im Folgenden noch aufgezeigt.
Ein Rest von Skepsis bleibt schon deshalb, weil alle Fußmaße im zeitlichen und räumlichen Umfeld des Mausoleums, sofern sie richtig bestimmt wurden, andere sind:
Pytheos soll unmittelbar nach seiner Tätigkeit am Halikarnassos-Mausoleum im 70 km nördlich
gelegenen Priëne am Bau des Heiligtums der Athena Polias beteiligt gewesen sein.
Nahe liegend ist die Vermutung, dass er dort dasselbe Fußmaß zur Anwendung gebracht haben
könnte, doch für diesen Tempel geben Wiegend und Schrader20 ein Fußmaß von 29,5 cm an.
Hennemeyer21 ermittelt für die Hallen ebenfalls knapp 29,5 cm (Seite 32) und für den östlich
vorgelagerten Altar des Heiligtums kommt er „rechnerisch“ auf 29,875 cm (Seite 52).
Für den nur rund 50 Jahre nach dem Mausoleum errichteten ca. 50 km entfernten Apollontempel
von Didyma hat Birnbaum22 ein Fußmaß von 29,85 cm bestimmt, das zwischen den beiden vorgenannten Fußmaßen liegt.
Da aber auch die im Weiteren angestellten Vergleiche und Berechnungen (s. unten: Steine der
Löwenkopf-Sima, Abb. 15) das zumindest sehr dicht bei 32 cm/Fuß liegende Maß bestätigen, –
pragmatische Festlegung: Es soll im Rahmen dieser Untersuchung bei 32 cm/ Fuß bleiben!
Die Differenz von 0,057 cm zu den 32,057 cm des Byzantinischen Fußmaßes macht, wie bereits
erwähnt, in der Gesamthöhe des Mausoleums von 140 Fuß ein Minus von knapp 8 cm aus und
der Sockelgrundriss von 100 x 120 Fuß würde nur um 5,7 x 6,5 cm „schlanker“.
Angesichts der bisherigen erheblichen Unsicherheiten erscheint das tolerierbar und es rechnet
sich besser. Hauptsache ist, dass die Proportionen stimmen!
Das Innenmaß der Grabkammer kommt mit 32 cm/Fuß und seiner „echt pythagoreïschen“
Proportion auf exakt 25,125 x 28,125 Fuß = 8,04 x 9,00 m.
Der Umriss des Sockelfußes hat das genannte Maß von 100 x 120 Fuß = 32,40 x 38,00 m.
Der Umriss des Stufenrahmens von 6 Fuß Breite misst 112 x 132 Fuß = 38,84 x 42,24 m.*
* + 3/4 Fuß vor der Westfront, wenn man partout den „pythagoreïsch perfekten“ Grundriss realisiert wissen möchte,
doch es können auch in den oberen Partien des Bauwerks nicht sämtliche Rechtecke harmonikal proportioniert sein.
20
Wiegand, T. u. H. Schrader: Priene. Ergebnisse der Ausgrabungen und Untersuchungen 1895 – 1898. Berlin 1904
Hennemeyer, A.: Athenaheiligtum von Priëne. Diss. TU München, 2006
22
siehe Fußnote 16 (Seite 106)
Page 12
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Über den Stufenrahmen des Sockelfußes kann man beim derzeitigen Stand aus zwei Gründen
noch keine sichere Aussage treffen:
1. Einerseits wäre die rundum gleiche Breite von 6 Fuß zwar mit einer der 4 Stufenvarianten, die
Jeppesen gefunden hat, passend zu realisieren, – 8 Stufen á 3/4 Fuß (24 cm) Auftrittsbreite, aber
ob die damit auf 8 x 15/16 F Stufenhöhe (s. 2.2.2) = 15/2 F x 32 cm/Fuß = 240 cm kommende Höhe
der 8 Stufen in eine wohlproportionierte Höhenabwicklung passen wird, bleibt abzuwarten.
Jeppesen veranschlagt nur drei Stufen und kommt damit auf nur ca. 90 cm Höhe der „Krepis“.
2. Andererseits könnte der Stufenrahmen, etwas westlich versetzt (probehalber in Abb. 12)
- auf der Ostseite an die Außenkante der Stützpfeiler (wie an der N- und S-Seite) und
- auf der Westseite an die Kante des Plattenstreifens vor dem Grabkammer-Eingang passen.
Das wäre im ebenen Gelände bei rundum gleicher Stufenzahl jedoch nur mit unterschiedlicher
Auftrittsbreite möglich. Eine derartige Unregelmäßigkeit ist jedoch eher unwahrscheinlich.
Das Problem muss vorerst zurück gestellt werden und ob es später im Zusammenhang mit der
anstehenden Höhenermittlung zweifelsfrei zu lösen sein wird, ist jetzt noch nicht absehbar. Zunächst aber ist die Diskussion zur freigelegten Gründung noch nicht beendet, denn es steht
eine Frage im Raum, die sich offenbar bisher niemand gestellt hat:
Wie ist die merkwürdige Lage der Grabkammer unter dem Sockelbau zu erklären?
2.1.3 Grabkammer
Klar scheint, dass die außermittige Lage der Grabkammer ein späteres Auffinden durch Grabräuber erschweren sollte und deshalb wurde – vermutlich nachdem auch Mausolos’ Gattin (und
Schwester) Artemisia beigesetzt worden war – der Abgang zur Grabkammer zugeschüttet und
durch eine Terrassenfläche überdeckt.
Offenbar ist die Grabkammerlage ganz bewusst so gewählt, dass sich weder geometrisch noch
rechnerisch ein klarer Zusammenhang zum 100x120-Sockelrechteck herstellen lässt:
- Keine Seite der Grabkammer liegt an einer Halbierenden.
- Keine Ecke der Grabkammer liegt an oder in einer Diagonalen.
- Keine Seitenlänge entspricht deren Abstand zum Sockelrechteck.
- Kein Abstand ist „glatter“ Bruchteil einer Seitenlänge des Sockelrechtecks.
Abb. 12: Untersuchung der Grabkammerlage (Zeichnung Jeppesen, s. Abb. 9; farbige Ergänzungen - Autor)
Page 13
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Andererseits: Völlig undefiniert ist völlig „unpythagoreïsch“ und deshalb ging die Suche nach
einer „Aufhängung“ der Grabkammer weiter, bis sich doch endlich eine Auffälligkeit fand:
Die Mitte hat zu beiden Sockelseiten den gleichen Abstand von knapp 34,3 Fuß (s. Abb. 12).
Der erscheint allerdings auch völlig undefiniert, denn dieser Wert läge (wenn die Zeichnung hinreichend genau ist) zwischen 341/4 und 341/3 Fuß.
Bei dem Versuch, diese knapp 34,3 Fuß mit einem der wichtigen äußeren Hauptmaße in Zusammenhang zu bringen, fand sich, dass die 120er Sockellänge durch 34,3 geteilt knapp 3,5
(3,4985) ergibt. Das legte natürlich die Gegenprobe nahe, 120 durch den aufgerundeten 3,5-Wert
zu teilen und das Ergebnis war überraschend: 240/7 = 34,2857… Fuß; genau dieser Wert ist der
Mittelpunkt-Abstand von der nördlichen und westlichen Außenwand des Sockelbaus!
Überraschend war weniger, dass rechnerisch die Summe beider Längsseiten des Sockels im
Mittelpunktabstand steckt, sondern vielmehr die 7 im Nenner. Da die Pythagoreer 7/5 als Näherungswert für √2 verwendeten, konnte die Länge der Diagonalen im dem Quadrat mit der
merkwürdig ungeraden Seitenlänge nur eine gerade Zahl sein: 240/7 x 7/5 = 48!
Damit war klar, dass die Lage der Grabkammer keine zufällige, sondern ganz im Gegenteil
wohldurchdacht fixiert ist.
Die 48 Fuß Länge der Mittelpunkt-Diagonalen sind das Doppelte der 24 Stufen der Dachpyramide und vielleicht war auch die Summe der Sockellängen von 240 Fuß nicht als passendes
Terzmaß zu den runden 100 Fuß der Fronseiten, sondern als das Zehnfache von 24 maßgebend?
Nun gerät man allerdings mit der Geschichtsschreibung in Konflikt:
Die 24 Stufen der Dachpyramide sollen angeblich die 24 Regierungsjahre des Mausolos symbolisieren, und das könnte durchaus stimmen, denn das Bauwerk soll ja erst nach dessen Tod vollendet worden sein. Aber falls mit dem Bau bereits zu Mausolos’ Lebzeiten begonnen worden ist,
konnte man bei der Verortung der Grabkammer mit dem 48er Diagonalmaß wohl kaum gewusst
haben, dass der Regent sein 24. Regierungsjahr nicht überlebt.
Es ist wohl vielmehr so, dass die 24 Regierungsjahre des Mausolos eine „glückliche Fügung“
sind, denn sie passen mit 2 x 12 gut in die pythagoreïsche Harmonielehre:
6, 8, 9, 12 sind die Zahlen der pythagoreïschen „Großen Tetraktys“, aus der sich die reinsten
musikalischen Grundharmonien ableiten:
6 : 12 = 1 : 2 – Oktave,
6 : 9 u. 8 : 12 = 2 : 3 – Quinte,
6 : 8 u. 9 : 12 = 3 : 4 – Quarte.
Das 8 : 9 ist zwar nicht so „klangrein“, aber wegen seiner Bedeutung für die Mittellehre23 wurde
dem „Großen Ganzton“ von Pythagoras der zentrale Platz in der Tetraktys zugewiesen.
Schon Polyklet hatte auf dieser Grundlage seine Speerträgerfigur mit einem Proportionsraster
von 12 Höheneinheiten unterlegt (s. Abb. 11) und so liegt der Schluss nahe, dass nicht die
24jährige Regierungszeit, sondern eher die Tetraktys-Zahl 12 als wahre Ausgangsgröße anzusehen ist: 2 x 12 Stufen, 3 x 12 Säulen (mit den üblichen 24 Kanneluren) und 4 x 12 Fuß – die 48er
Diagonallage der Grabkammer-Mitte.
Bereits im untersten Grundrissbereich haben die Architekten des Mausoleums mit der
48er Diagonale (= 6 x 8 bzw. 4 x 12) und dem 8:9-Maß die „Große Tetraktys“ komplett
„verarbeitet“ und dabei zugleich durch Anwendung des für √2 stehenden Bruchs 7/5 dem
„göttlichen“ Irrationalitätsphänomen gehuldigt.
Ähnlich rätselhaft wie die Lage der Grabkammer ist der merkwürdige Standort des Bauwerks im
nordöstlichen Eckbereich des ummauerten Gesamtareals, doch es sind die dazu verfügbaren
Maßangaben so dürftig, dass hierüber allenfalls dann Klarheit geschaffen werden kann, wenn die
am Mausoleum bevorzugten Maße und Proportionen hinreichend ergründet sind.
Lauenstein, 1998 (Fußnote 12, S. 43 ff.)
Page 14
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2.2 Dachgeschoss
Das Endresultat der folgenden Darlegungen vorwegnehmend sei voraus geschickt, dass trotz der
zusätzlich gewonnenen genaueren Ergebnisse der dänischen Grabungskampagne weder Jeppesen
noch Waywell zu einer richtigen Abmessung der Dachpyramide gekommen sind und dass damit
auch die weiteren „Abwicklungen“ nach unten, also der Pteron-Grundriss und das SäulenAchsmaß wie auch die Abmessungen der vermuteten 3 Sockelstufen kaum stimmen können.
Die Annäherung an die Grundrissmaße der Dachpyramide ist aber – unter Berücksichtigung der
pythagoreïschen „Spielregeln“ – mit relativ hoher Sicherheit möglich, weil
a) definitiv feststeht, dass die Pyramide 24 Stufen hatte,
b) die in Frage kommenden Auftrittsbreiten bekannt sind und
c) die Abmessung des Quadrigapodestes hinreichend genau bestimmt worden ist.
Über die Abmessung der Pyramidenbasis lässt sich dann auf die Mindestabmessung des Achsenrechtecks der Pteronsäulen schließen, denn es sollte – schon aus statischen Gründen – der Basisrand der Pyramide möglichst über den Säulenachsen liegen.
Pythagoreïsch „logisch“ – und damit zugleich hilfreiches Korrektiv – ist, dass für das Achsenrechteck der Säulen ein ganzzahliges harmonikales Proportionsverhältnis herauskommen muss.
2.2.1 Quadrigapodest
Lethaby (Fußnote 17, p 46) schloss aus der Quadrigagröße auf eine notwendige Abmessung der
Plattform von 20 x 25 feet (1 feet = 30,48 cm) = 6,096 x 7,62 m, doch das ist nur eine Schätzung.
Geteilt durch 0,32 m/ Fuß wären das 19,05 x 23,81 Fuß.
Verlässlicher erscheint Jeppesen (Vol. 5, S. 62), der – ausgehend von der Größe der Pferde und
entsprechend zueinander geordneten Podestbruchstücken mit Resten der Hufe – die Abmessung
mit 538,2 x 627,9 cm veranschlagt (Vol. 5, S. 62, Fig. 8.1). Geteilt durch 32 cm/ Fuß wären das
16,82 x 19,62 Fuß, also ≈ 21/4 x 41/5 Fuß weniger als Lethaby angenommen hatte.
Ganzzahlige Fußmaße oder solche mit gängigen Bruchwerten haben beide Abmessungen nicht,
aber während Lethaby mit „20 x 25 feet“ ein harmonikales Seitenverhältnis (4 : 5 – Große Terz)
in Ansatz bringt, findet dieser Aspekt bei Jeppesen keine Beachtung, denn sein Podest wäre für
eine harmonikale Proportion im Verhältnis zur Länge zu breit bzw. für seine Breite zu kurz.
Bringt man die 16,82 Fuß Breite auf das nächstliegende „runde“ Bruchmaß, wäre das eine Kürzung um 0,15 Fuß auf 162/3 Fuß; dazu könnten folgende Längenmaße gehören:
a) Pythagoreïsche Kleinterz - 27 : 32 (162/3 x 1,185185) → ≈ 192/3
b) Kleine Terz
- 5 : 6 (162/3 x 1,2)
→ 20
→ 20,833
c) Große Terz
- 4 : 5 (162/3 x 1,25)
Von diesen drei Varianten führt die dritte (Lethabys Vorschlag einer 4:5-Proportionierung) zwar
zur größten Abweichung von Jeppesens Maßen (≈ 5 cm schmaler; ≈ 39 cm länger), aber andererseits passt die dritte Variante eindeutig am besten, denn kürzt man die 20,833 Fuß um 0,166 Fuß
(≈ 5,3 cm), wäre die Podestgröße 162/3 x 202/3 Fuß.
Das ist zwar kein harmonikales Maß, aber geht man davon aus, dass das Quadrigapodest ringsum 1/3 Fuß überstand (auch Jeppesen, Vol. 5, S. 74, Fig. 15 nimmt einen Überstand an), ergibt
sich als Grundrissmaß des Quadrigasockels 16 x 20 Fuß = 4 : 5 – Große Terz.
2.2.2 Pyramidengrundriss
Lethaby (Fußnote 17, p 45) hatte im Fundus des British Museum etliche Stufen mit Auftrittsbreiten von 17 und „nearly“ 211/2 inches gefunden sowie zwei Ausnahmefälle mit Auftrittsbreiten
von 9 und 101/2 inches. Das sind (bei 2,54 cm/inch) Auftrittsmaße von 43,18 und 54,61 cm sowie
22,86 und 26,67 cm bei den beiden schmalen Stufenmaßen.24
24
Diese Stufenmaße waren der Grund für den ersten Irrweg des Autors: Sie wurden als Gesamtbreiten der Stufen
begriffen und wegen der zu vermutenden Überschneidung der Stufen kamen schmalere Auftrittsbreiten in Ansatz.
Page 15
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Jeppesen hat bei seiner Grabungskampagne noch wesentlich mehr dieser Stufen sowie zusätzlich
solche einer breiteren 4. Kategorie zutage gefördert und konnte auf dieser Basis die Stufenmaße
genauer eingrenzen: Auftrittsbreiten = 43 cm, 54 cm, 24 cm und 60 cm (Vol. 5, S. 106).
Die weitaus meisten Fundstücke hatten das 43er und 54er Auftrittsmaß, und da etwa doppelt so
viele 43er wie 54er Stufenbruchstücke gefunden wurden, lässt das den Schluss zu, dass die 43er
Stufen an den Längsseiten der Pyramide und die 54er an den Frontseiten verwendet worden sind.
Von dieser Annahme geht auch Jeppesen bei seinem Rekonstruktionsvorschlag aus, doch kann
die „Organisation“ seines Pyramidengrundrisses einer kritischen Betrachtung leider nicht standhalten (Abb. 13).
Durchaus plausibel ist der Ansatz, unten mit einer schmalen 24er Stufe zu beginnen, um dann ein
breites 60er Stufenband mit den Löwenfiguren (für deren Verankerung die entsprechenden Vertiefungen in den 60er Stufenblöcken nachweisbar waren) am Fuß der Pyramide zu positionieren.
Durch die Unterfütterung mit der 24er Stufe wird das 60er Band über den Sima-Rand gehoben,
so dass die Löwen sich – zumindest aus einer Entfernung vom Objekt gleich der Sima-Höhe – in
Gänze präsentierten.
Aber zu den 24 Pyramidenstufen darf man die 60er Lage nicht zählen und erst recht nicht den
darunter liegenden 24er Stufensaum, weil der von unten her überhaupt nicht sichtbar ist.
Ebenfalls nicht hinnehmbar ist es, dem durch die Stufen angeblich symbolisierten Lauf der 24
Herrschaftsjahre des Mausolos durch ein eingeschaltetes zweites 60er „Löwenband“ (und warum
8. Stufe?) einen Knick zu geben und bei der 22. Stufe (die untersten 2 mitgezählt) ein vorzeitiges
Ende zu bereiten. Zwar fügt Jeppesen dem Quadrigapodest noch eine schmale 23. und 24. Stufe
an (an anderen Stellen; z.B. Fig. 8.2., Vol. 5, S. 63 u. Fig. 15, S. 74), stellt sie aber hier in dieser
für alle weiteren Grundrissmaße so wichtigen Zeichnung nicht dar.
Abb. 13: Pyramidengrundriss nach Jeppesen (Vol: 5, S. 106, Fig. 10.10.); Stufenzahlen nachgetragen - Autor
Page 16
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Mit seiner Zeichnung bringt Jeppesen das Basismaß der Dachpyramide auf 30,48 m x 25,68 m.
Das ist (: 0,32 m/ F) ein Rechteck von 951/4 x 801/4 Fuß, welches – sicherlich nicht bewusst „angesteuert“ – ziemlich genau die 32:27-Proportion der Pythagoreïschen Kleinterz hat.
Das Achsenrechteck der Säulen veranschlagt Jeppesen (Vol. 5, S. 51) mit 90 x 75 Fuß (6 : 5 –
Kleine Terz), also jeweils 51/4 Fuß x 32 cm = 168 cm kürzer als sein Pyramidengrundriss.
Pro Seite 84 cm Überstand der unteren zwei Stufenlagen sind von der Statik her durchaus vertretbar, wenn die Stufen so „verzahnt“ waren, wie Jeppesen das dargestellt (s. Abb. 16), doch
fehlt dem Ganzen aus den vorgenannten Gründen die Überzeugungskraft.
Es muss für den Grundriss des Pyramidendaches ein schlüssigerer Ansatz gefunden werden, dessen „Aufhänger“ die Auftrittsbreiten der Stufen sein können, doch nicht in „unrunden“ Zentimetermaßen wie bei Jeppesen (42,77 u. 53,61 cm), sondern in „runden“ Fußmaßen.
Korrektur der Stufenmaße:
Längsstufen
Frontstufen
schmale St.
Löwenband
cm-Maß
gerundet
Fußmaß
(: 32)
Fußmaß
gerundet
cm-Maß
(x 32)
cm-Maß
Abb. 13
43
54
24
60
1,343
1,687
0,750
1,875
1,33.. = 4/3
1,66.. = 5/3
= 3/4
=15/8
42,666
53,333
24,000
60,000
42,77
53,61
24,00
60,00
Zu den gerundeten Fußmaßen sind einige Anmerkungen nötig:
1. Aus dem Verhältnis der Auftrittsbreiten von Längs- und Frontstufen (hier 4/3 : 5/3) hatte bereits Lethaby auf eine 4:5-Proportion des Pyramidengrundrisses geschlossen.
2. Die cm-Maße der 24er Stufen und der 60er Stufen sind – geteilt durch 32 cm – exakte „runde“
Fußmaße, während bei den Front- und Längsstufen der längere Byzantinische Fuß (32,057 cm)
als Divisor zu Ergebnissen führt, die näher an den gerundeten Fußmaßen liegen. Das wurde vorn
bereits angedeutet, soll aber an dem Vorschlag, bei 32 cm pro Fuß zu bleiben nichts ändern.
3. Alle gerundeten Fußmaße (mittl. Spalte) entsprechen harmonikalen Proportionsverhältnissen:
4 : 3 bzw. 3 : 4 – Quarte, 5 : 3 – Große Sexte, 15 : 8 – Große Septime.
Auch das Höhenmaß der Stufen, das Jeppesen für die Hälfte der Fundstücke mit „meist präzise
30 cm“ angibt (Vol. 5, S. 47), ist kein zufälliges:
30 cm : 32 cm/ F = 30/32 Fuß = 15 : 16 – Großer Halbton.
Weiterer Argumente für die vorgeschlagenen Korrekturen der Auftrittsbreiten der Längs- und
Frontstufen der Pyramide bedarf es wohl nicht.
Der Anstieg der Pyramide beträgt längsseitig ≈ 35° (tan-1 = 15/16:4/3 = 35,112°) und ist frontseitig
mit weniger als 30° (tan-1 = 15/16:5/3 = 29,358°) deutlich flacher.
Mit „ägyptischem Vorbild“, wie verschiedentlich gemutmaßt, hat diese Pyramide nichts gemein.
Berechnung Stufenläufe:
In Frontrichtung – 2 Läufe á 24 Stufen:
48 Stufen x 4/3 Fuß = 64 Fuß
In Längsrichtung – 2 Läufe á 24 Stufen:
48 Stufen x 5/3 Fuß = 80 Fuß
Diese beiden Summen treten zwar nicht „augenfällig“ in Erscheinung, aber die zahlengläubigen
Baumeister fanden es sicherlich höchst befriedigend, dass es ihnen gelungen war, die Ellenmaße
der Grundrissbreite und Höhe des Mausoleumsbaus hier in Fuß realisiert zu haben.
Berechnung Pyramidengrundriss:
Unter der Voraussetzung, dass die 24. Stufe am Fuß des Quadrigasockels endet, errechnet sich
für den unteren Stufenrand (Vorderkante 1. Pyramidenstufe)
– an den Frontseiten:
64 F Stufenläufe + 16 F Quadrigasockel = 80 Fuß
– an den Längsseiten:
80 F Stufenläufe + 20 F Quadrigasockel = 100 Fuß
Basismaß der Pyramide 80 x 100 Fuß (25,6 x 32 m) = 4:5 – Große Terz (Abb. 14).
Page 17
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Abb. 14: Rekonstruktionsvorschlag Dachgrundriss (ohne Sima-Rand!); Säulenachsen unter Vorderkante 1. Stufe
Das Ergebnis sprengt die von Jeppesen vermutete 75x90-Dimension des Säulenrechtecks, überzeugt aber aus zwei Gründen:
1. Während sich bei Jeppesen frontseitig für 75 Fuß : 8 Joch (9 Säulen) ein Achsenabstand von
9,375 Fuß und längsseitig für die 90 Fuß : 10 Joch (11 Säulen) ein Achsmaß von 9 Fuß ergibt,
stehen bei der 80x100-Variante die Säulenachsen in einem 10-Fuß-Quadratraster.
2. Bei Lethaby (p 63) wird für die Sima-Steine des Dachrandes, deren Mitte jeweils ein Löwenkopf als Wasserspeier zierte, eine Länge von 42 inches angegeben; das sind 42 x 2,54 cm/ inch =
106,68 cm, also (: 32 cm/ F) exakt 31/3 Fuß! Drei dieser Steinlängen kommen folglich auf das
Jochmaß von 10 Fuß und somit verteilten sich die Löwenköpfe passend zum Säulenraster.
Denkbar sind dafür zwei Varianten: a) Mit einem Kopf jeweils mittig über dem Interkolumnium,
wie bei dem von Pytheos später gebauten Tempel der Athena Polias in Priëne oder b) um die
halbe Länge (12/3 Fuß) versetzt, mit einem Kopf jeweils über den Säulenachsen, wie Krischen
das für die Sima des Mausoleums vorschlägt (Abb. 15).
Letzteres (ohne den Eckkopf!) ist wahrscheinlicher, denn es würde damit zugleich
der Pyramidenfuß (bei Krischen falsch) respektive die Innenkante der 60er Löwenstufe
über den Achsen der Ecksäulen markiert.
Der Grundriss der Dachpyramide dürfte damit geklärt sein. Übernommen wird von
Jeppesen lediglich der Vorschlag für die
Randausbildung mit dem 60er Löwenband
und der darunter liegenden 24er Stufe, die
aber beide nicht als Pyramidenstufen mitgezählt werden dürfen.
Abb. 15: Krischens Gebälksystem (Fußnote 6, S. 84)
Page 18
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2.2.3 Dachrand und Gebälk
Alle Kanten des Dachgrundrisses, welche außerhalb des hier mit 80 x 100 Fuß neu bestimmten
Achsenrechtecks der Säulen liegen, gelten im Folgenden als zum Dachrand gehörend und ihre
Horizontalmaße ab Säulenachse werden als „Achsenüberstände“ bezeichnet.
Das Löwenband und die unterste Stufe – 60 + 24 = 84 cm – gehören zum „Überstand“ und es
fehlt jetzt noch das Maß bis zum Außenrand der Sima (nicht die Nasen der Löwenköpfe!).
Dafür kommt Jeppesen aber zu einem anderen Ergebnis als es aus der bei Lethaby abgebildeten
Pullan-Platte* ablesbar ist, wenn man beide Zeichnungen zur Deckung bringt (Abb. 16 a).
* vom Architekten R. P. Pullan gefertigte Dokumentationszeichnungen der Newton-(Be)Funde im British Museum
Gemeinsamkeiten beider Zeichnungen und eine
auffällige proportionale Übereinstimmung finden
sich sowohl in der Kofferung über dem Pterongang als auch im Gebälkgefüge.
a
b
Abb. 16: Vergleich Gebälkstruktur Jeppesen – Pullan
Jeppesen teilt die Auffassung Krischens, dass der Fries, welchen Pullan in das Gebälk eingefügt
hat (Abb. 16 b, rot), hier nicht hin gehört und kommt zu einer Gebälkstruktur, die weitgehend
deckungsgleich ist mit dem oben (Abb. 15) gezeigten Gebälk von Krischen (Abb. 17).
Den Wagenfries an der Cellawand verorten Jeppesen wie auch Krischen direkt unter dem Architravrand, doch abweichend von Krischen und Pullan nimmt Jeppesen (rot) den Achsenüberstand
der Sima (Abb.17, rechter Bildrand, Mitte) deutlich zurück.
Abb. 17:
Gebälk-Vergleich Krischen – Jeppesen
(Krischen gespiegelt; Jeppesen rot)
Interessant ist nun das Ergebnis eines Vergleiches zwischen dem Gebälk Jeppesens und dem von
Pullan, nachdem dort die Friesplatte (vermutlich der Kentaurenfries) eliminiert wurde.
Zwangsläufig verkürzt sich durch die Entnahme des Frieses der Achsenüberstand der Sima ein
wenig, bleibt aber mit 51/3 Fuß immer noch 5/6 Fuß größer als bei Jeppesen (Abb. 18).
Page 19
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Abb. 18: Vergleich Jeppesen – Pullan nach Entfernung der Friesplatte und Linksverschiebung des Geisons (rot)
Der bei Jeppesen um 5/6 Fuß (26,67 cm) geringere Überstand des Simarandes erscheint annehmbarer, denn er führt mit 41/2 Fuß auf jeder Seite zu einem ganzzahligen Außenrechteck des
Dachgrundrisses: 100 + 2 x 41/2 : 80 + 2 x 41/2 = 109 : 89 Fuß.
Das Pullan-Gebälk hat nach der Entfernung der Friesplatte bis zur Simakante eine Höhe von
exakt 5 Fuß, während Jeppesen auf 51/3 Fuß kommt, weil er zwischen Zahnschnitt und Geison
eine etwas dickere Platte mit eingesetztem Eierstabband vorsieht (links rot). In der Pullanzeichnung sieht es zwar so aus, als wäre diese hier dünnere Steinlage mit dem Geison in einem Stück
gefertigt, doch geht man davon aus, dass dies ebenfalls eine eigenständige Platte sein könnte und
schiebt den Geison um das Maß der Mittellücke zurück (rechts rot), erhält man exakt die 41/2 Fuß
Randüberstand der Simakante wie bei Jeppesen, doch nur 5 Fuß Gebälkhöhe.
1. Variante der Gebälkproportion:
5 Fuß Höhe : 41/2 Fuß Achsenüberstand Sima = 10 : 9 – Kleiner Ganzton.
Die Annahme überzeugt nicht nur der harmonikalen Proportion wegen, sondern die Unterkante
des Geisons läge zudem bündig auf der Trennlinie (rot) zwischen 2. und 3. Kassettenstufe.
Der Einschub von Jeppesen wäre folglich 1/3 Fuß zu hoch. Will man Jeppesen Recht geben mit
der Höhe seines Einschubes und brächte den Geison nach außen in die „Pullan-Lage“, wäre die
2. Variante der Gebälkproportion:
51/3 Fuß Höhe : 51/3 Fuß Achsenüberstand Sima = 1 : 1 – Prime.
Wegen „Verzahnung“ der Simaplatte mit der untersten Stufenlage ist jedoch die 2. Variante wenig wahrscheinlich.
Damit kann als ziemlich gesichert gelten, dass der Simarand 5 Fuß oberhalb der Säulenkapitelle und 41/2 Fuß
(entspricht dem Maß der Plinthen; s. 3.2.1) vor der Säulenachse lag, und es kann der Dachgrundriss um den Randüberstand der Sima ergänzt werden (Abb. 19).
Außenmaß des Dachaufbaus 109 x 89 Fuß.
Dieses Rechteckmaß ist keine harmonikale Proportion,
aber beim Quadrigapodest haben wir den ähnlichen Fall
des aus dem Proportionsgefüge ausbrechenden Randüberstandes und das muss auch hier hingenommen werden.
Abb. 19: Achsenüberstand der Simakante 41/2 Fuß
Page 20
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2.3 Pterongeschoss
2.3.1 Kofferung
Dem Grundriss des Pterons kann man sich auf zwei
Wegen relativ sicher nähern:
1. Da Pytheos nach dem Bau des Mausoleums an
der Errichtung des Tempels der Athena Polias in
Priëne beteiligt war, ist zu vermuten, dass die von
dorther genau bekannte Relation von Jochweite der
Säulen zur Dimension der Kofferung über dem
Pterongang eine ähnliche war wie in Halikarnassos.
Abb. 20: Kassettendecke Priëne (Jeppesen, Vol. 5, S.94)
In Priëne betrug das Maß der Kassettenquadrate 3/5 der Jochweite (oben eingezeichnet), was für
die 10 Fuß Jochweite in Halikarnassos bedeuten würde, dass zwischen dem Rand der Säulenkapitelle und der Zellawand ein Abstand von mindestens 6 Fuß (10 x 3/5) zu veranschlagen wäre.
Beim Mausoleum waren die Kapitelle (in Cellarichtung) 3 Fuß breit und somit kommt das Maß
Säulenachse → Cellawand auf mindestens 71/2 (11/2 + 6) Fuß.
2. Da Jeppesen durch Zusammenfügen gefundener Kassettenrelikte in der Lage war, deren Eckverzahnung und Maße zu rekonstruieren (Abb. 21), hätte sich die erste Annäherung im
Grunde erübrigt, doch sie bestätigt erstens Jeppesens Befund
und das Priëne-Beispiel könnte zweitens die Deckengestaltung im Bereich der Säulenkapitelle erhellen, denn mit der hier
bestimmten Jochweite (10 Fuß) ist eine direkte Verklammerung der benachbarten Kassetten (s. links) nicht möglich.
Abb. 21: Unterste Kassettenlage (Jeppesen, Vol. 5, S. 93)
Jeppesen hatte zwei Dimensionen von Kassettenquadraten ausmachen können, die sich allerdings lediglich um ca. 1/2 Fuß unterscheiden. Die Quadratmaße Jeppesens für die Schichten der
Kassettendecken weichen minimal von „runden“ Fußmaßen ab und sind leicht zu korrigieren.
Für die oberen Schlussplatten der Kassetten zeigt Jeppesen Innenmaße von 64,9 und 49,3 cm an,
die er auf 65 und 50 cm aufgerundet hat (Abb. 22).
Korrektur der Schlussplattenmaße:
65 → 64 cm und 50 → 48 cm = 2 und 11/2 Fuß
Für die Eckbereiche des Pteronganges hat Jeppesen
noch eine Plattengröße von 47 cm ins Spiel gebracht (s. Abb. 23), da aber bei einem 10 Fuß Achsmaß die großen Kassetten in den Pteronecken gut
Platz finden, werden Schlussplatten dieser reduzierten Größe nicht benötigt. Drei eindeutig nachweisbare Größenordnungen von Schlussplatten würden folglich auf eine Kassettendecke in der Cella
Abb. 22: Schlussplatten (Jeppesen, Vol. 5, S.89)
schließen lassen!
Als Innenweiten der unteren Kassettenblöcke setzt Jeppesen für die größeren Kassetten der
Frontseiten 131 cm ein, für die Ecklösung 113 cm (Abb. 23) und für die Längsseiten 116 cm.
Das letztgenannte Maß (Vol 5, S. 83, Fig. 8.9) ist für die Längsseiten zu groß, aber die beiden
anderen Maße passen – nach geringfügiger Korrektur – ins Konzept.
Page 21
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Um auf „glatte“ Fußmaße für die Innenweiten der unteren Kassettenlagen zu kommen, muss von
einer 3 cm bzw. 1 cm geringeren Innenweite der unteren Quadrate ausgegangen werden:
131 → 128 cm und 113 → 112 cm = 4 und 31/2 Fuß (Abb. 24).
Abb. 23: Korrigierte Kassettenstapel über Schnittzeichnung von Jeppesen (Vol. 5, S. 93, Fig 9.18)
Der Vergleich der korrigierten Kassettenstapel (oben blau) mit der Jeppesen-Zeichnung zeigt nur
geringfügige Differenzen; die Abweichungen im rechten Kassettenteil sind Ungenauigkeiten in
der Jeppesen-Zeichnung.
Eindeutig falsch ist bei Jeppesen nur, dass die Außenkanten der Sofitten (Zierkehlungen) an der
Unterseite der unteren Kassettenblöcke (in Abb. 25 = B) nicht bündig an die Eierstabbänder des
Architravbalkens (in Abb. 25 = A) anschließen und die untere Lage dadurch „kopflastig“ ist.
Die Kassettendecks kommen auf die Maße von 61/2 und 6 Fuß (208 und 192 cm) und sitzen
wegen des größeren Achsmaßes von 10 Fuß nicht auf Stoß, sondern – wie in Priëne – auf zwei
Querträgern, die – entsprechend auseinander gerückt – den Pterongang überspannen.
Abb. 24: Korrigierte Kassettenstapel; Größenunterschied Front-/ Längsseite = 1/2 Fuß
2.3.2 Pteronbreiten
Die beiden Dimensionen der Kassettenquadrate verweisen auf zwei verschiedene Breitenmaße
der Pterongänge, doch mit einer Breitendifferenz von nur 1/2 Fuß wäre die Realisierung einer
harmonikalen Proportion des Cellagrundrisses unmöglich. Das kann nur bedeuten, dass die breiteren Kassettenstapel cellaseitig ein Auflager gehabt haben mussten, das vor der Wand stand.
Hier kommt ein Detail aus Lethabys Abhandlung ins Spiel, welches Jeppesen unbeachtet ließ, –
eine als „Pilaster Capital“ betitelte Pullan-Platte, welche „nahtlos“ an Jeppesens inneres Architravgefüge passt (Abb. 25):
Nur durch „Zoomen“ (ohne „Manipulation“ innerer Maßverhältnisse)
kommen Kapitelloberkanten und
Eierstabbänder auf gleiche Höhe
und der graue Querträger (kompakt
= falsch!) ist das genaue Gegenstück zu dem mit A bezeichneten
Architravbalken bei Jeppesen.
Abb. 25: Kapitell der Cellawand
(Lethaby, Fig. 40)
Page 22
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Da es keine Seitenansicht zum „Pilaster Capital“ gibt, ist noch zu bestimmen, wie tief das Auflager dieser Kapitelle gewesen sein könnte.
Das geht nur auf dem Umwege über die Bestimmung des Cellagrundrisses, und erst dann kann
definitiv über die Pteronbreiten (Säulenachse → Cellawand) befunden werden.
Sollte das Pullan-Kapitell nicht flach vor der Wand liegende Pilaster, sondern Anten gekrönt
haben, welche – in der Regel nicht ganz so tief wie breit – einen Wandvorsprung bildeten, könnte es tatsächlich Figuren-Nischen gegeben haben, wie das Jeppesen für denkbar hielt (Abb. 26).
Der Pteron-Schnitt wird zwar deutlich anders aussehen als bei Jeppesen, doch immerhin sind
zwei Anhaltspunkte wertvoll, nämlich
– die hier ablesbare Statuengröße von ca. 9 Fuß (≈ 2,9 m) und
– die wegen der Sichtbarkeit (aber nicht von der Pteronebene aus, sondern von ganz unten her!) empfohlene Verortung der Nischen direkt
unterhalb des Wandarchitravs der Cella.
Das bislang noch fehlende Planmaß der Cella kann jetzt sicher hergeleitet werden, denn
– es ist der Abstand Säulenachse → Cellawand der schmaleren Pterongänge mit mindestens 71/2 Fuß anzusetzen und
– es ist für die Cella – in zwingender „pythagoreïscher Logik“ – ein
ganzzahliges 5:4-Rechteck (wie bei der Dachpyramide) zu vermuten.
Ein 5:4-Rechteck ist nur mit 8 Fuß des schmaleren Ganges und daraus
folgend 10 Fuß für den breiteren Teil realisierbar, und bestätigt wird
damit zugleich, dass der breitere Pteronteil vor den Cellafronten lag:
100 Fuß Säulenachse längs – 2 x10 Fuß = 80 Fuß Cellalänge
80 Fuß Säulenachse quer – 2 x 8 Fuß = 64 Fuß Cellabreite
Abb. 26: Pteron-Schnitt (Jeppesen, Vol. 5, S. 164)
Grundriss der Cella: 80 x 64 Fuß = 5 : 4 – Große Terz
Wie bei den Längen der Treppenläufe des Pyramidendaches (s. 2.2.2) sind auch hier wieder die
Ellenmaße der Grundrissbreite und Höhe des Mausoleumsbaus in Fuß realisiert.
Jetzt können die (oberen) Hauptmaße der Pteronbreiten ab Säulenachse benannt werden
(Abb. 27):
Längsseiten 8 F – 11/2 – bis Kapitellrand
1
/4 – Eierstab
6
– Kassettenquadrat
1
/4 – Eierstab
Frontseiten 10 F – 11/2 – bis Kapitellrand
1
/4 – Eierstab
61/2 – Kassettenquadrat
1
/4 – Eierstab
11/2 – bis Cellawand (Antentiefe)
Schon vorab hingewiesen sei auf die in Abbildung 27 erkennbaren kleinen Unregelmäßigkeiten
im Eckbereich:
Der heute so genannte „Eckkonflikt“ der ionischen Säulenordnung resultiert daraus, dass die
Kapitelle zwei verschiedene Ansichten bieten. Um auch an den Ecken von beiden Seiten her
dieselbe Ansicht zu zeigen, hat man zu der Lösung gefunden, welche das originale Eckkapitell
des Mausoleums (Pullan-Platte; Lethaby, p 60 Fig. 45) in der Zeichnung (Abb. 27) zeigt.
Page 23
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Voluten wurden nach außen gebogen in der Ecke zusammen geführt. Um die dabei unvermeidbar aus der Flucht geratende Spitze nicht zu weit hervortreten zu lassen, wurde die Breite
der Voluten etwas reduziert. Man erkennt das in der Zeichnung schon daran, dass vom Kreis der
Säulenbasis deutlich mehr zu sehen ist als bei den normalen Kapitellen (in Abb. 27 rot).
Abb. 27: Rekonstruktion Pterongrundriss (ergänzte Vergrößerung – s. Tafel IV)
Aber in einen „Eckkonflikt“ geraten war man zwangsläufig auch innen bei der Deckengestaltung, weil hier die zwei unterschiedlichen Kassettengrößen zusammentreffen.
Die Zwischenräume zwischen den Querträgern der Längsseiten mit den kleineren Kassetten sind
– bedingt durch das rundum gleiche 10er Jochmaß – etwas größer als auf den Frontseiten, doch
wo die kleinen auf die großen Kassetten treffen, ergibt sich ein etwas reduziertes Zwischenmaß
und der Zwischenraum der Querträger gerät ein wenig aus der Säulenachse (in Abb. 27 rot).
Die Mittelachse der längsseitigen Pterongänge kann natürlich nicht mittig zwischen den 10er
Rasterlinien der Säulenachsen liegen, doch das ist kein aus dem Eckkonflikt resultierender sichtbarer „Schönheitsfehler“. Auf der Podiumsebene wird die Gangmitte durch einen Fußsockel an
der Cellawand (B: 3/4, H: 3/4 Fuß) als „Gegenlager“ zu den Säulenplinthen „zentriert“.
Page 24
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2.3.3 Cellanischen und Fries
Die Antentiefe von 11/2 Fuß ergibt sich nicht nur rechnerisch als das bis 10 Fuß noch fehlende
Restmaß, sondern passt mit 1 : 2 bestens zur Antenbreite von 3 Fuß, die sich „von selbst“ ergibt,
wenn man Pullans „Pilaster Capital“ in die maßstabgerechten Zeichnungen einzoomt.
Folglich waren die Nischen an den Frontwänden der Cella 7 Fuß breit und 11/2 Fuß tief.
Ebenfalls „von selbst“ stellt sich heraus, dass – entgegen Jeppesen und Krischen (Abb. 17) – sich
am oberen Rand der Cella-Fronten kein Fries befunden haben kann:
Der Fries war an den Frontseiten wegen der 11/2 Fuß vorspringenden Pfeiler mit dem krönenden
Kapitell nicht durchlaufend anzubringen, denn die Kapitelle endeten – wie Abbildung 25 eindrücklich belegt – auf gleicher Höhe mit den Säulenkapitellen. Direkt unterhalb der Architravlagen wäre ein Friesband also nur an den Längsfronten der Cella möglich gewesen.
Die Einschränkung bezieht sich aber zunächst einmal nur auf die bislang vermutete Lage des
Frieses unterhalb der Kassettendecke. Es war darüber nachzudenken, ob der Fries nicht unterhalb
der Nischen gelegen haben könnte, denn immerhin sprechen die Maße der Friesplatten durchaus
für ein umlaufendes Band:
Die Länge der Friesplatten weist Jeppesen mit 173,5 cm aus (Vol. 5, S. 83); das sind
≈ 2,5 cm mehr als das „runde“ Maß von 51/3 Fuß (170,66 cm) und dieses korrigierte Plattenmaß
geht in beiden Wandlängen der Cella auf: 80 : 51/3 = 15 und 64 : 51/3 = 12 (= 54 Friesplatten).
Nun stellt aber Jeppesen fest: „None of the surviving fragments can with certainy be ascribed to
the top course crowning the Cariot frieze, ...” (Vol. 5, S.148).
Wenn also kein oberer Abschluss des Frieses nachzuweisen war, musste es einen überkragenden
oberen Anschluss gegeben haben und deshalb hatte Jeppesen den Fries – eigentlich folgerichtig –
unter die Architravbalkenlage der Cellawand gelegt. Da dies jedoch aus oben genanntem Grund
an den Fronten auszuschließen ist, käme nur in Betracht, den Fries unter die Sohlbänke der Nischen zu legen, deren überkragender Rand dann durchlaufend die gesamte Cella umspannt haben
müsste. Dagegen sprechen allerdings drei Argumente:
1. An den Längswänden der Cella hätte der Fries keine nachvollziehbar definierte An- bzw. Einbindung, was zumindest recht „unkonventionell“ wäre.
2. An den Frontseiten würden Fries und Figurennischen in so direkter Nachbarschaft sich in ihrer
Schmuckwirkung eher gegenseitig beeinträchtigen als steigern.
3. Die Pterongänge waren mit Sicherheit nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, und von unten
her wäre die Sicht auf den Fries zu mehr als 1/3 seiner Länge durch die Säulen verstellt.
Die Frage, „Wo, wenn nicht an der Cella?“ ist allerdings rein rhetorisch, denn die Antwort liegt
auf der Hand: Thematisch gehört der Wagenfries eigentlich an den Quadrigasockel!
Breite des Quadrigasockels: 16 Fuß : 51/3 Fuß = 3 Platten
Länge des Quadrigasockels: 20 Fuß : 51/3 Fuß = 3 Platten (16 F) + 2 Eckplatten á 2 Fuß (4 F)
Benötigt wurden also 12 Platten in voller Länge und 4 Eckstücke, – 72 Fuß (23 laufende Meter).
Sollte nicht mehr als diese Menge bzw. Länge von Friesplatten nachgewiesen sein, hat obige
Behauptung durchaus ihre Berechtigung und den glücklichen Umstand zur Folge, dass voraussichtlich die Höhe des Quadrigasockels sehr genau bestimmt werden kann.
Das aber gehört zur Untersuchung der Aufrissmaße, und es ist vorerst auch jeglicher Versuch
zurück zu stellen, die Nischenhöhe an den Cellafronten benennen zu wollen, denn hier geht es
um ein passendes Verhältnis zur Gesamthöhe der Cella und darum, dass die Nischen aus einem
bestimmten (noch zu definierenden) Blickwinkel von unten her in Gänze sichtbar sind.
Schnittzeichnungen zum Pterongrundriss (Abb. 27) müssen aus demselben Grunde zurück gestellt werden, aber soviel lässt sich doch schon sagen: Mit je einer Statue in den 6 Frontnischen
und je einer zweiten auf dem Podium zwischen den Säulen präsentierten sich dem Betrachter
in 6 von 8 Zwischenräumen der 9 Frontsäulen 12 Statuen, – die „Große Tetraktys“.
Die beiden äußeren Interkolumnien der Frontseiten müssten – wider die Annahme von Waywell
und Jeppesen (Abb. 1) – leer geblieben sein, weil sonst die Gesamtzahl der Frontstatuen die Zahl
24 der Pyramidenstufen überschritten hätte.
Page 25
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Eigentlich stände nun die Behandlung des Sockelgrundrisses an, doch auch das muss zurück
gestellt werden, denn es reicht nicht zu wissen, dass von den Säulenachsen bis zum unteren Rand
des Sockelbaus 10 Fuß Breite zur Disposition stehen. Es muss erst klar sein, welche Breite der
Unterbau des Pterons beansprucht und das hängt von allen Höhen des gesamten Pteronteils ab.
Bisher wissen wir nur, dass es ein Podium (Stylobat) gab, aber gab es darunter auch Stufen?
3. Aufrisse
Die für die Rekonstruktion der Baugestalt des Mausoleums relevanten Plinius-Passagen wurden
zwar schon mehrfach zitiert, sollen hier aber nochmals zusammenhängend voran gestellt und
zielorientierend kommentiert werden:
1. „Opus id ut esset inter septem miracula, … patet ab austro et septentrione sexagenos ternos
pedes, brevius a frontibus, toto circumitu pedes CCCCXXXX, attollitur in altitudinem XXV cubitis, cingitur columnis XXXVI“25.
Das zu den 7 Weltwundern zählende Werk … ist von Süden nach Norden 63 Fuß lang, an den
Stirnseiten kürzer, mit einem Gesamtumfang von 440 Fuß; es erhebt sich zu einer Höhe von 25
Ellen und wird von 36 Säulen umrahmt.
Kommentar:
Schon dieser Textteil ist missverständlich, denn er hebt eingangs auf das (Gesamt-) „Werk“ ab,
nennt dann – auch schon nicht klar (und teils falsch; s. 2.1.1) – zwei Maße für den Sockelfuß und
darauf im gleichen Atemzug nicht etwa wie zu erwarten die Gesamthöhe, sondern nur eine Teilhöhe von 25 Ellen. Dass damit das Pterongeschoss gemeint sein müsste, lässt nur der Zusatz
„und wird von 36 Säulen umrahmt“ erahnen.
Wahrscheinlich also ist mit den 25 Ellen, um die „es sich erhebt“, nicht eine Anhebung des oberen Aufbaus durch einen 25 Ellen hohen Sockelbau gemeint.
2. Erst nach einem Exkurs über die am Mausoleum tätigen Bildhauer folgen weitere Angaben zu
den Höhen: „ … supra pteron pyramis altitudinem inferiorem aequat, viginti quattuor gradibus in
metae cacumen se contrahens; in summo est quadriga marmorea, quam fecit Phytis; haec adiecta
CXXXX pedum altitudine totum opus includit.“26
Die Pyramide über dem Pteron gleicht in der Höhe dem unteren Teil und verjüngt sich zur
Spitze in 24 Stufen; auf dem Gipfel ist eine marmorne Quadriga; diese hinzugefügt beträgt die
Höhe des gesamten Bauwerks 140 Fuß.
Kommentar:
Völlig unklar bleibt hier,
a) ob tatsächlich nur die Pyramidenhöhe (ohne Quadriga und deren Sockel) dem „unteren Teil“,
also dem Pterongeschoss an Höhe gleich kam und
b) welche Horizontalkanten diese Pteronhöhe – nach damaliger Auffassung – markierten.
Die obere Begrenzung des „unteren Teils“ sollte eher die Simakante als die Architravunterkante
sein, denn der „untere Teil“ fängt unterhalb der Pyramide an, aber andererseits ist von „Pteron“
die Rede und das ist der Umgang, zu dem das Gebälk möglicherweise nicht gerechnet wurde.
Die untere Begrenzung des „unteren Teils“ könnte – in derselben unsicheren „Logik“ – entweder
das Pteronpodest oder aber die Unterkante des Frieses sein, welcher unterhalb der Pteronebene
den Sockelbau gesäumt haben soll.
Es stellen sich also zwei absolut nicht ad hoc zu beantwortende Fragen:
1. Welche der denkbaren Höhen des Pterongeschosses hat das Maß von 25 Ellen, um die „es sich
erhebt“?
2. Welcher Teil des Dachaufbaus „gleicht in der Höhe“ welchem „unteren Teile“?
Nur die letzte Plinius-Aussage ist eindeutig, – 140 Fuß inklusive Quadriga. Deshalb ist nicht zu
verstehen, warum Jeppesen – nach so umfänglicher Auseinandersetzung mit dem Plinius-Text –
den Quadrigasockel auf die Höhe von 140 Fuß bringt und darüber die Quadriga stellt.
25
26
„Naturalis historiae“ (Fußnote 2), Liber XXXVI, p 30
ebenda, p 31
Page 26
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)3.1 Dachaufbau
3.1.1 Pyramide
Die Stufenhöhe der Pyramide beträgt 30 cm = 15/16 Fuß.
Mit dem Löwenband und der darunter liegenden Stufe
sind es 26 Stufen á 30 cm = 780 cm bis zum Fuß des
Quadrigasockels. Genau genommen muss man davon
noch die 12 cm (30 – 18; Abb. 28) abziehen, die durch
den Simarand überschnitten werden:
Abb. 28: Überschneidung der letzen Stufe
Pyramidenhöhe ab Sima-Oberkante bis Sockelfuß Quadriga: 780 – 12 = 768 cm = 24 Fuß
Das unerwartet stimmige Ergebnis ist eine schöne Bestätigung der Annahme von Jeppesen, dass
dem Pyramidenfuß noch zwei 30 cm hohe Stufen vorgelagert waren, – das Löwenband und die
unterste Stufe auf dem Simablock. Außerdem wird hier einmal mehr die unglaublich penible
Planung der Mausoleums-Architekten deutlich, denn der Simarand hätte nicht einen Zentimeter
höher oder tiefer liegen dürfen.
3.1.2 Quadrigasockel
Der oben bereits aufgestellten These folgend, dass der Wagenfries thematisch eher an den
Quadrigasockel gehört als an die Cellawände, kann man sich der Sockelhöhe auf der Basis der
Jeppesen-Zeichnung des Friesschnittes (Vol. 5, S. 148, Fig. 15.1) nähern.
In dieser Vorlage ist der obere
Friesabschluss ein Architravbalken der Cella; der war auszutauschen gegen die (nach
Jeppesen) 30 cm hohe Sockeldeckplatte, deren Höhe mithin
dieselbe ist wie die der Pyramidenstufen.
Der um 1/3 Fuß überkragende
Rand des Podestes bestand –
wie Jeppesen (Vol. 5, S. 62)
durch Fundstücke belegen
konnte – aus schmucklosen
orthogonalen Blöcken.
Abb. 29: Frontecke Quadrigasockel (Friesplatte „importiert“ aus Jeppesen, Vol. 5, S. 93)
Die von Jeppesen mit 5 Fuß angesetzte Sockelhöhe würde mit dieser Version um 1/3 Fuß verkürzt, doch wegen zweier „unrunder“ Fußmaße (92 cm = 2,875 F; 27 cm = 0,844 F) und des
„unharmonischen“ Höhenverhältnisses (27:92:30) ist darüber eventuell im Folgenden nochmals
nachzudenken.
Sockelhöhe ab OK 24. Stufe (vorläufig):
Mäander 27 cm + Fries 92 cm + Deckplatte 30 cm = 149 cm = 4,656 Fuß ≈ 42/3 Fuß
Dachaufbau bis OK Quadrigasockel (vorläufig):
Pyramidenhöhe 24 Fuß + Quadrigasockel 42/3 Fuß = 282/3 Fuß
Page 27
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)3.1.3 Gesamthöhe
Die Höhe der Quadriga gibt Jeppesen mit „annähernd“ 4,80 m an (Vol 5, S. 36); das sind 15 Fuß.
Summarisch ergibt sich damit für die Gesamthöhe des Dachaufbaus:
Pyramide 24 Fuß + Quadrigasockel 42/3 Fuß + Quadriga 15 Fuß = 432/3 Fuß
Mit diesem Ergebnis steht man unverhofft vor einem Entscheidungsproblem:
Die 140 Fuß Gesamthöhe des Bauwerks lassen sich mit 432/3 zwar wunderbar aufteilen, …
Dachaufbau 432/3 Fuß + Pterongeschoss 432/3 Fuß + Sockelbau 522/3 Fuß = 140 Fuß
… doch 25 Ellen sind (x 1,75 F/ E) 433/4 Fuß, also ≈ 2,67 cm (1/12 Fuß) mehr und damit sind die
140 Fuß ebenso gut aufteilbar:
Dachaufbau 433/4 Fuß + Pterongeschoss 433/4 Fuß + Sockelbau 521/2 Fuß = 140 Fuß
Wofür man sich zu entscheiden hat, ist allerdings leicht zu beantworten, wenn man die pythagoreïsche Denkweise der Planer des Bauwerks in Rechnung stellt: Natürlich ist die Variante mit
einer harmonikalen Höhenproportion die richtige!
Nur bei der 2. Variante mit je 25 Ellen Höhe von Dachaufbau und Pterongeschoss beträgt das
Verhältnis der Gesamthöhe Oberbau (50 E) : Höhe Sockelbau (30 E) = 5 : 3 – Große Sexte.
Rechnung: 2 x 433/4 F = 871/2 F; 140 F – 871/2 F = 521/2 F; 175/2 : 105/2 (: 35) = 5 : 3.
Die Entscheidung für die 2. Variante zieht aber ein weiteres Entscheidungsproblem nach sich,
denn angesichts der unglaublichen Stimmigkeit des Pyramidenmaßes (ab Simakante) kann man
sich mit den 2,67 cm, die beim Dachaufbau zu 433/4 Fuß noch fehlen, nicht zufrieden geben.
Es wäre allzu bequem, zu sagen, dass die Differenz mit der Quadriga ausgeglichen werden kann,
weil ja deren Maß ohnehin nicht genau nachzuvollziehen ist, und es hätte ja Jeppesen auch nur
von „annähernd“ 15 Fuß Quadrigahöhe gesprochen.
Es wurde aber schon vorausgeschickt, dass beim Quadrigasockel zwei Maße „unrund“ sind, –
die von Fries und Mäanderband.
Hier war anzusetzen, statt der Quadriga die „runden“ 15 Fuß abzusprechen, denn immerhin stehen die zur Pyramidenhöhe von 24 Fuß im harmonikalen 5:8-Verhältnis der Kleinen Sexte.
Abb. 30: Frontecke Quadrigasockel; rechts - korrigierte Fassung
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Gegenüberstellung der nach Jeppesen-Maßen erstellten ersten Arbeitsfassung (links) und der
Endfassung (rechts) zeigt, dass die Aufstockung der Sockelhöhe auf 43/4 Fuß nicht etwa durch
eine willkürliche Änderung, sondern in konsequenter „pythagoreïscher Logik“ zu bewerkstelligen ist: Durch eine Zugabe von 3 cm beim Mäander und Abzug von 2 cm von der Frieshöhe
wird 1 cm Höhe gewonnen und der Quadrigasockel erhält so die Proportion der Duodezime –
1 : 3 : 1 (15/16 : 45/16 : 15/16). Mäander und Deckplatte haben damit beide das Stufenmaß der Pyramide und der Wagenfries hat das Dreifache der Stufenhöhe. Die noch fehlenden 2 cm (1/16 F)
entfallen auf die Nute zwischen Mäander und 24. Stufe.
3.2 Pterongeschoss
3.2.1 Gebälk und Säulen
Die Gebälkhöhe von 5 Fuß hatte sich bereits im Zusammenhang mit der Bestimmung des Dachgrundrisses (s. 2.2.3) ergeben.
In der Regel gab es bei den Tempelbauten ein ganzzahliges Höhenverhältnis zwischen Säulen
und Gebälk; es bleibt abzuwarten, ob sich das auch hier beim Mausoleum bestätigt.
Die Säulenschäfte des Mausoleums waren aus Einzeltrommeln zusammengesetzt, die weder in
der Säule selbst noch in der jeweiligen Höhenlage gleiche Längen hatten. Säulentrommeln z.B.,
die auf Grund ihres Durchmessers eindeutig als oberste, unter dem Kapitell sitzende zu identifizieren waren, unterschieden sich zum Teil um etliche Zentimeter in der Höhe.
Vermutlich hatte man, sobald sich in einem Steinblock bei der Bearbeitung Fehler fanden, diesen
kürzer gefertigt und bessere Stücke entsprechend länger gelassen.
Genügend zusammengehörige Schafttrommeln, um die Säulenlänge einigermaßen genau bestimmen zu können, sind leider nicht gefunden worden und so war man sich bisher auch nicht sicher,
ob die Säulenschäfte sich aus 6 oder 7 Trommeln zusammensetzten.
Während Lethaby (Fußnote 17, p 60) von 8,53 bis 8,69 m Säulenhöhe, also ≈ 27 Fuß ausgeht,
nennt Krischen 30 Fuß, was bei seinem (falschen) Ansatz von 35 cm/ Fuß 10,5 m Säulenhöhe
bedeuten würde, also ≈ 33 Fuß mit dem hier zugrunde liegenden 32er Fußmaß.
Jeppesen liegt mit seiner Annahme zwischen diesen Werten, denn in seiner Zeichnung des Mausoleums (Vol. 5, S. 216) sind auf der Basis des darunter liegenden Maßstabes für die Säulenhöhe
etwa 29 Fuß ablesbar. Gewisse Grenzen waren damit abgesteckt, aber mehr auch nicht.
Sicher sind lediglich die Höhenmaße der Basen
(Jeppesen, Vol. 5, S. 49):
Basis = 63,8 cm (≈ 2 bzw. 8/4 Fuß)
davon Torus - 2/4 Fuß
Disc - 3/4 Fuß
Plinthe - 3/4 Fuß
Nicht sicher hingegen war die Kapitellhöhe:
Jeppesen (Vol. 5, S. 144) gibt 36,2 cm an, doch
das ist ein verdächtig „unrundes“ Maß und es
weicht zudem deutlich ab vom Maß auf einer
Pullan-Platte (Lethaby, p 62, Fig. 50), auf der die
Hälfte eines originalen Mausoleums-Kapitells
dargestellt ist.
Abb. 31: Basis und Kapitell der Mausoleums-Säulen
Da die Voluten der Ionica in aller Regel so breit sind wie die Plinthen, kann deren uns bekanntes
Maß von 144 cm (41/2 Fuß) zur Ableitung der Kapitellhöhe aus der Pullan-Zeichnung dienen (in
Abb. 31 durch Spiegelung gedoppelt).
Die Vermessung ergab hinreichend genau eine Kapitellhöhe von 40 cm (= 11/4 bzw. 5/4 Fuß).
Page 29
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das Maß von 11/4 Fuß soll hier verwendet werden, denn es ist auch deshalb annehmbar, weil die
Untersuchung dutzender Abbildungen ionischer Säulen immer annähernd ein Höhenverhältnis
Basis : Kapitell = 8 : 5 – Kleine Sexte ergab, das sich hier bestätigt: 2 F : 8 = 1/4; 1/4 x 5 = 11/4 F.
Summarisch kommen Basis- + Kapitellhöhe auf ≈ 104 cm = 31/4 Fuß.
Die in Abbildung 31 angetragenen Säulendurchmesser sind aus den Zeichnungen abgeleitet. Der
Basisteil stammt von Jeppesen (s. Abb. 32), doch nennt dieser als maximalen unteren Durchmesser nur 108 cm (Vol. 5, S. 145) und als obere Durchmesser Werte zwischen 80,5 und 93 cm, aber
das ist für diese Untersuchung nicht von entscheidender Bedeutung.
Die einzige Möglichkeit, sich nun an die Säulenhöhe „heranzutasten“, ist die Gegenüberstellung
der Schaftlängen, welche sich aus 6 bzw. 7 der kürzesten und längsten der von Jeppesen vermessenen Säulentrommeln ergeben.
Den jeweils zwei Extremwerten der Schaftlängen sind die 104 cm für Basis + Kapitell zuzurechnen und zwischen den so gewonnenen minimalen und maximalen Höhenvarianten ist dann die zu
den 25 Ellen = 433/4 Fuß des Pterongeschosses passende Säulenlänge zu finden.
Schaftlängen in cm (Jeppesen, Vol. 5, S. 145)
Basis + Kapitell
Fußmaß (: 32 cm)
Minimum
6 Tr.
7 Tr.
753,9
879,6
104,0
104,0
857,9
983,6
26,81
30,74
(≈ 263/4) (≈ 303/4)
Maximum
6 Tr.
7 Tr.
820,3
957,0
104,0
104,0
924,3
1061,0
28,88
33,16
3
(≈ 28 /4)
(≈ 33)
Grenzwerte beider Säulenvarianten:
Säulenhöhe 6 Trommeln: zwischen 263/4 und 283/4 Fuß
Säulenhöhe 7 Trommeln: zwischen 303/4 und 33 Fuß
Damit wäre die von Jeppesen angesetzte Säulenlänge von ca. 29 Fuß passé, doch immerhin ist
noch denkbar, dass es ein „Entweder-6-oder-7“ gar nicht gab, sondern die Säulen teils aus 6, teils
aus 7 Trommeln bestanden.
Dann könnte der Mittelwert der Mittelwerte beider Varianten einen Anhaltspunkt liefern:
6 Trommeln
7 Trommeln
(26,81 + 28,88) : 2
(30,74 + 33,16) : 2
27,845
+
31,950
59,795
59,795 : 2 = 29,8975
Mit diesem errechneten Mittelwert beider Varianten deutet sich eine Säulenlänge von 30 Fuß an
und dieser Wert passt bestens „ins Bild“, weil bei einer Säulenhöhe von 30 Fuß front- wie längsseitig Säulenhöhe : Achsmaß harmonikal proportioniert wären:
Frontseiten 30 F Säulenhöhe : 80 F Achsmaß = 2 Rechtecke 30 : 40 – Quarte
Längsseiten 30 F Säulenhöhe : 100 F Achsmaß = 2 Rechtecke 30 : 50 – Große Sexte
Erfüllt wäre damit zugleich die Forderung Krischens (Fußnote 5, S. 96), dass das Gebälk beim
Mausoleum – wie in Priëne – ein Sechstel der Säulenhöhe haben sollte: Für das Gebälk sind hier
zuvor schon (abweichend von Jeppesen und Krischen) 5 Fuß Höhe ermittelt worden; – noch ein
Grund mehr, die 30 Fuß als das richtige Maß der Säulenhöhe anzusehen.
Vergleich mit den Höhen des Dachaufbaus:
1. Selbst das Minimum der Säulenhöhe mit nur 6 Trommeln von 263/4 Fuß überstiege die 24 Fuß
Höhe der Pyramide noch um 23/4 Fuß (88 cm). Folglich konnte die Pyramide allein nicht in der
Höhe einem „unteren Teile“ gleichkommen.
Page 30
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2. Wenn man der Pyramide (24 F) den Quadrigasockel (43/4 F) zuschlägt, reicht die gemeinsame
Höhe von 283/4 Fuß nicht an die 30 Fuß Säulenhöhe heran, doch inclusive Quadriga wird der
Dachaufbau höher als Säulen + Gebälk. Daraus folgt:
Höhengleich konnten nur der gesamte Dachaufbau und der gesamte „untere Teil“ sein.
Das bedeutet, dass dem Pterongeschoss zum „Richtwert“ von 433/4 Fuß noch 83/4 Fuß fehlen
(433/4 abzüglich 5 F Gebälk + 30 F Säulen).
Auf den ersten Blick erscheinen die 83/4 Fuß Resthöhe im Vergleich zu den runden Maßen von
Säulen- und Gebälkhöhe nicht sonderlich „attraktiv“, doch sie können – ganz im Gegenteil –
beeindruckender nicht sein, denn 83/4 Fuß sind
a) 1/4 der Höhe von Säule + Architrav (35 : 83/4 = 4) und
b) 1/16 der Gesamthöhe des Mausoleums (140 : 83/4 = 16).
Damit stand aber auch das nächste Problem schon fest:
Was bei Jeppesen (Abb. 32) unter der Plinthe folgte, reichte bei weitem nicht für 83/4 Fuß!
3.2.2 Krepis und Friese
In der Zeichnung von Jeppesen haben das Podium
und der Friesteil des Pterons zusammen eine Höhe
von 72 Daktylen (1 D = 2 cm = 1/16 F):
Podium (Stylobat)
15 D
Friesdeckplatte
12 D
Amazonenfries
45 D
72 D
72 D x 2 cm/ D = 144 cm = 41/2 Fuß; zu 83/4 fehlten
also noch 41/4 Fuß und danach war jetzt zu fahnden:
Der von Jeppesen oben am Quadrigasockel verortete
Kentaurenfries ist – unter 3.1.2 – durch den Wagenfries ersetzt worden und stände nun zur Verfügung.
Und dafür gibt es sogar eine sehr überzeugende
Begründung, – die im Folgenden zitierte Argumentation Krischens (Fußnote 5, S. 77):
Abb. 32: Unter der Säulenplinthe: Podium des Pterons und
der Amazonenfries (Jeppesen, Vol. 5, S. 184)
Krischen schreibt: „Daß von den drei Friesen zwei nicht
nur durch das gleiche Material und den gleichen Inhalt der
Darstellungen (Kampfbilder) zusammengehören, sondern
auch durch die Formgrammatik, zeigt folgender Tatbestand:
Der eine von ihnen, der Amazonenfries, hat einen oberen
Abschluss, der für ihn allein zu hoch ist, außerdem aber
am unteren Rande ein kleineres Profil, das seiner Form
nach ebenfalls ein oberer Abschluß sein muß, also einem
darunter gelegenen Streifen zugehört. Als solcher bietet
sich der andere, der Kentaurenfries an, der keinen oberen,
wohl aber einen kräftigen unteren Abschluß besitzt.
Erst die Vereinigung beider übereinander bringt die notwendige formale Ordnung.“
Abb. 33: Unterbau des Pterons und Doppelfries; Rekonstruktionsvorschlag von Fritz Krischen (Fußnote 5, S. 80, Abb. 36)
Page 31
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Höhen beider Friesbänder liefert Krischen mit einer Zeichnung (Abb. 33; 1 F dort = 35 cm!),
– 90 cm der Amazonenfries und 88,5 cm der Kentaurenfries.
Jeppesen nennt für den Amazonenfries gleichfalls 90 cm Höhe. Annehmbar erscheint das schon
deshalb, weil sich auch für den Wagenfries am Quadrigasockel dieses Maß ergeben hatte.
Dort gliederten sich die Höhen in Sechzehntel und will man das auch hier realisieren, muss man
beim Kentaurenfries 5 mm abziehen, um auf ein brauchbares Sechzehntel-Maß zu kommen:
88 cm : 32 cm/ F = 23/4 = 11/4 = 44/16 Fuß.
Über die beiden Friese legt Krischen (wie Jeppesen) eine mit Eierstab und Perlschnur verzierte
Deckplatte und (im Gegensatz zu Jeppesen) eine dreistufige Krepis. Ob man auf eine Krepis zurückkommen muss, wird sich zeigen, wenn die Maße zusammengefasst sind:
von unten nach oben –
Kentaurenfries
88 cm (Krischen: 88,5)
Amazonenfries
90 cm (Jeppesen: 45 D)
Friesdeckplatte
24 cm (Jeppesen: 12 D)
Podium
30 cm (Jeppesen: 15 D)
232 cm
Zu 83/4 F (x 32) = 280 cm bleibt immer noch eine Differenz von 48 cm (: 32) = 11/2 Fuß.
Es ist also nicht nur möglich, sondern unumgänglich, diese Höhendifferenz zwischen Friesdeckplatte und Podium durch das Einschalten von Stufen auszugleichen.
Das wäre mit zwei Stufen derselben Höhe wie die Friesdeckplatte (24 cm) machbar, doch gestalterisch viel besser sind drei Stufen von je 1/2 Fuß (3 x 16 cm = 48 cm) Höhe, die sich formal von
der Friesdeckplatte absetzen, statt diese als dritte – aber anders profilierte – Stufe einzubeziehen.
Damit stände die Lösung allerdings im Gegensatz zu allen bisherigen Vorstellungen, denn Jeppesen hat keine Stufen unter seinem Podium und Krischen hat kein Podium, sondern stellt die
Säulenplinthen auf die Ebene der dritten Stufe.
Auf die Sechzehntel-Teilung ist noch mal zurück zu kommen, denn damit wird der neue Vorschlag erst richtig überzeugend: Kentauren 44/16 F + Amazonen 45/16 F + Deckplatte 12/16 F
+ 3 Stufen (á 8/16) 24/16 F + Podium 15/16 F = 140/16 F = 83/4 Fuß
Die 83/4 Fuß des Pteronunterbaus sind also
sowohl ein Sechzehntel der 140 Fuß Höhe des
Mausoleums als auch selbst 140/16 Fuß, d.h. es
ist hier – wie beim Quadrigasockel – in 1/16Einheiten kalkuliert worden.
Die vertikale Maßkette ist schlüssig und legitimiert die 5mm-Kürzung am Kentaurenfries.
Die Horizontalteilung (Abb. 34) ist ebenfalls
schlüssig, doch musste Jeppesens Friesblock
samt Deckplatte um ca. 1/3 Fuß zurück genommen werden, um die Option einer 3 x 31/3Stufung des Sockelgrundrisses offen zu halten.
Der Überstand des Podiums (842/3 F x 1042/3 F)
gegenüber der Plinthe (hier 1/12 Fuß) und der
Überstand der Friesdeckplatte gegenüber der
Säulenachse waren allerdings bei Jeppesen
ohnehin nicht bemaßt und begründet.
Die Vorderkante der untersten Krepis-Stufe
wurde (wie bei Krischen) über die senkrechte
Kante der Friesdeckplatte gelegt und deren
Karnies (Deckleiste) liegt – ab Säulenachse –
1
/3 Fuß vor dem unteren Friesabschluss.
Abb. 34: Rekonstruktionsvorschlag Pteronunterbau
(Abb. 32; geändert u. ergänzt)
Page 32
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das Stufenmaß – mit 8 cm Breite (1/4 F) und 16 cm Höhe (1/2 F) im Verhältnis 1 : 2 der Oktave
proportioniert – ist sicherlich richtig, jedoch könnte die Krepis durchaus auch 4 cm (1/8 F) nach
innen versetzt werden. Der hier vorgeschlagene Sitz hat aber einen guten Grund: So tritt nämlich
das höhere Podium weniger erdrückend in Erscheinung.
Das wäre – bei besserem Wissen – leicht korrigierbar und hätte auf die im Folgenden (3.3) noch
zu behandelnden Abmessungen des Sockelbaus keinen Einfluss.
Zusammenfassung der Höhenstufung des Pteron-Geschosses:
Gebälk (Sima bis OK Säulen) 160 cm
5 Fuß
Säulen (+ Kapitell + Plinthen) 960 cm
30 Fuß
15
/16 Fuß
Podium (Stylobat)
30 cm
1
24
Krepis (3 Stufen à /2 F)
48 cm
/16 Fuß
12
Friesdeckplatte
24 cm
/16 Fuß
89
/16 Fuß
Friese
178 cm
__________
Planhöhe Pteron-Geschoss:
1400 cm
___________
433/4 Fuß = 25 Ellen
3.2.3 Cellanischen
Die Untersuchung zu den Nischenhöhen der Cellafronten war zurück gestellt worden, weil erst
Klarheit über die Säulenlänge respektive die Höhe der Cellawand geschaffen werden musste.
Die 7 Fuß Nischenbreite (s. 2.3.3) lassen eigentlich nahe liegend erscheinen, 14 Fuß Höhe anzusetzen, um die Nischen 1 : 2 zu proportionieren, doch das wäre zu kurz gedacht, denn
a) eine 14:16-Teilung der 30 Fuß Wandhöhe wäre unharmonisch und
b) für 15 Fuß Nischenhöhe (halbe Wandhöhe) spräche die „innere“ Höhenproportion:
Statuen 9 : Nischen 15 = 3 : 5 – Große Sexte bzw. Statuen 9 : Resthöhe 6 = 3 : 2 – Quinte.
Berechtigter Einwand: Das Verhältnis von 7 Fuß Breite zu 15 Fuß Höhe ist unharmonisch!
Die Entgegnung: Es könnte die perspektivische Verkürzung eine Rolle gespielt haben, durch die
ja die Relationen aufeinander folgender Höhen nur unwesentlich „verzerrt“ werden, wohl aber
das Verhältnis der Höhenmaße zu den Breiten.
Sollte tatsächlich ein harmonikales Verhältnis von Höhe : Breite der Nischen durch perspektivische Verkürzung „einkalkuliert“ worden sein, folgt „auf dem Fuße“ die Frage:
Von welchem Betrachterstandpunkt auf der unteren Ebene bzw. für welchen Sichtwinkel …?
Zunächst wurde berechnet, aus welchem Winkel die Unterkante der Nischen überhaupt noch
sichtbar war:
Höhe UK Nischen
15 F (ab OK Podium)
Breite bis Podiumskante
11 F (1/4 F aufgerundet)
tan-1 (15 : 11) = 53,75°
Aus einem Blickwinkel von knapp 54° waren von unten her die Figurennischen bereits in voller
Höhe sichtbar und man konnte in die Kassetten bis zu deren Schlussplatten einsehen, doch für
eine Kalkulation perspektivischer Verkürzung kam nur ein Betrachterstandpunkt mit klar definiertem Sichtwinkel in Betracht; nahe liegend war daher, auf den 45°-Winkel zu tippen.
Die Berechnung ist hier beim gleichschenkligen 45°-Dreieck denkbar simpel, denn jede Höhe
eines Objektes, die an der 45° nach oben gerichteten Sichtachse liegt, ist gleich dem horizontalen
Abstand von dessen lotrechten Fußpunkt. So trifft also die 45°-Peilung über die Podiumskante,
welche knapp 11 Fuß vor der Wandnische liegt, in 11 Fuß Höhe auf den 15 Fuß hohen Wandteil
unterhalb der Nischen. Sichtbar ist folglich aus diesem Winkel unter den Nischen ein Wandstreifen von 4 Fuß Höhe. Läge der Wagenfries unter der Nischensohle, hätte man den (samt Mäander
= 33/4 F) noch in Gänze sehen können, doch ist das kein Grund, dessen hier vorgeschlagene Anbringung am Quadrigasockel in Zweifel zuziehen.
Nun zur Frage, um welches Maß verkürzt die Nischenhöhe erscheint und welche Relation zur
Breite von 7 Fuß sich (scheinbar) ergibt:
Page 33
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die perspektivische Verkürzung ist das Maß einer auf der Peillinie Auge – Objektkante oder
-spitze errichteten Höhe, welche in die Fußlinie bzw. den Fußpunkt des Objektes trifft oder einfacher, – die Lotrechte aus diesem Objekt-Fußpunkt auf die schräge Peillinie (hier 45°).
Die Berechnung:
Nischenhöhe = 15 Fuß; 2 x 152 = 450; √450 = 21,213; 21,213 : 2 = 10,607 Fuß
Die perspektivisch verkürzte Nischenhöhe erscheint also zur Breite von 7 Fuß in einem Verhältnis von annähernd 3 : 2 (10,607 : 3 = 3,5356; 3,5356 x 2 = 7,07), – dasselbe Verhältnis wie die
Statuenhöhe (9 F) zur Resthöhe der Nische (6 F) über den Köpfen der Figuren.
Der Fußpunkt der 45°-Linie liegt auf
der unteren Ebene – entsprechend der
Höhe Oberkante der Nischen (Sockelbau 521/2 F + Unterbau Pteron 83/4 F +
Säulenhöhe 30 F) – 911/4 Fuß vor der
Lotrechten der Nischen-Vorderkante.
Die Lotrechte liegt gegenüber dem
Fuß des Sockelbaus 181/2 Fuß zurück
und mit einer Augenhöhe von 5 Fuß
muss der Betrachter 5 Fuß (1,60 m)
näher herantreten:
911/4 – 181/2 – 5 = 673/4 F (= 21,68 m) Abb. 35: Standlinie für 45°-Blick (Jeppesen, Vol. 3, S. 86; geändert)
Die Standlinie (Abb. 35, rot), von welcher aus die Nischen proportional gegliedert erscheinen,
läge somit – den 6 Fuß breiten Sockelrahmen nicht eingerechnet – knapp 22 m vom Sockelbau
entfernt und war ca. 6 bis 7 Schritte nach Verlassen des östlichen Eingangsbauwerkes erreicht.
Ob das tatsächlich beabsichtigt bzw. berücksichtigt worden war, ist leider ebenso wenig zu beweisen, wie die Annahme, dass je zwei Statuen in 6 der 8 Säulenzwischenräume der Frontseiten
gestanden haben müssten, damit die „Große Tetraktys“ (s. 2.3.3) visuell realisiert werden konnte,
aber die Existenz und die Abmessung der Nischen sind wohl kaum noch zu bezweifeln (Schnittzeichnung s. Tafel III).
3.3 Sockelbau
3.3.1 Sockelstufung
Die vermutete Dreistufigkeit des Sockelbaus ist durch nichts belegt und bisher auch nicht überzeugend begründet worden und erst recht nicht die von Waywell (?) ins Spiel gebrachte – sehr
attraktive! – Höhenstufung im Verhältnis 3 : 4 : 5.
Die 7 Fuß Breite vom 100x120-Rechteck des Sockelfußes (ohne den 6 Fuß tiefen Rahmen) bis
zur Unterkante des Kentaurenfrieses könnten durchaus ungestuft gewesen sein, doch irgendwo
musste der überaus reichhaltige überlebensgroße Figurenschmuck ja gestanden haben und zudem
sind die beiden oberen Bauteile deutlich horizontal gegliedert.
Vorüberlegungen zum folgenden Untersuchungsteil:
Die erste Frage war, welche Horizontalgliederung im Kontext zum Gesamterscheinungsbild des
Baukörpers überhaupt als sinnvoll angesehen werden kann. Zählt man die krönende Quadriga
nicht als Teil des Baukörpers, hat der Dachaufbau 2 Stufen (Quadrigasockel + Pyramide), der
Pteronteil 3 Stufen (Gebälk + Säulenumgang + Friesteil) und dazu gehört nun eigentlich ein
Sockel mit 4 Stufen. Das würde bedeuten: 4 Sockelstufen + ein flaches Podest (112 x 132 Fuß)
oder 3 Sockelstufen + eine deutlich als unterer Bauteil wahrnehmbare 6 Fuß tiefe „Krepis“ .
Eine 2:3:4-Gliederung hat, wie sich erst später herausstellen sollte, auch die Längenaufteilung
des Mausoleumsareals (s. Abb. 42).
Page 34
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die zweite Frage war, ob für die Stufung des Sockelbaus – vertikal wie horizontal – eine paritätische oder kumulative Teilung in Ansatz zu bringen ist.
Für eine kumulative Höhenteilung wären zwei Bedingungen zu stellen:
a) als Folge untereinander harmonikal kombinierbarer Zahlenwerte und
b) von unten nach oben zunehmend, weil nur so die Höhenwirkung gesteigert wird.
3.3.2 Horizontalgliederung
Die Tiefe des Rahmens um den Fuß des Sockelbaus – Podest oder Stufenkranz – liegt bereits mit
6 Fuß fest (s. 2.1.2), und mit diesem Maß ist eine Vierfachteilung von nur 16 Fuß Distanz ab
Außenkante Rahmen bis zum Achsenrechteck der Säulen nicht möglich. Es bleibt nur die Option, die 10 Fuß zwischen dem 100x120-Sockelfuß und dem 80x100-Achsenrechteck der Säulen
dreifach zu gliedern.
Infolge dessen sollte sich konsequenterweise die Überlegung zur Vertikalteilung auch vorrangig
auf den Sockelteil richten und der Rahmen wäre als „Rest“ anzusehen, dessen Höhe allerdings
zur darüber liegenden der ersten Sockelstufe irgendwie passen muss.
1. Bei paritätischer Horizontalteilung der 10 Fuß sind das 3 x 31/3 Fuß, von denen man je 1/3 Fuß
der Neigung der Sockelwände zusprechen sollte, was wiederum der Höhenwirkung zugute käme.
Um eine derartige Teilung zu ermöglichen, wurde vorausschauend bereits in Abbildung 35 der
Friesblock, welcher bei Jeppesen (Abb. 32) mehr als 32/3 Fuß ab Säulenachse vorsteht, auf das
Maß von 31/3 Fuß zurück genommen.
2. Bei kumulativer Teilung, die nur mit nach oben hin abnehmenden Breiten der Sockelstufen
die Höhenwirkung verstärken kann, käme als einzige Möglichkeit die Zahlenfolge 32/3, 31/3, 3 in
Betracht. Wegen der oberen 3 Fuß müssten die Horizontalmaße des Pteronunterbaus (Abb. 34)
um 1/3 Fuß gekürzt werden und die Sockelwände senkrecht stehen; es sollte deshalb eigentlich
die paritätische Horizontalgliederung die bevorzugte Option gewesen sein.
Paritätische Horizontalgliederung:
Ab 80x100-Säulenrechteck
3 Fuß bis Unterkante Kentaurenfries
1
/3 Fuß Wandneigung bis Innenkante 2. Sockelstufe
3 Fuß bis Außenkante 2. Sockelstufe
1
/3 Fuß Wandneigung bis Innenkante 1. Sockelstufe
3 Fuß bis Außenkante 1. Sockelstufe
1
/3 Fuß Wandneigung bis zum 100x120-Sockelfuß
Sockelköpfe (ohne Überstand der Deckplatten):
3. Sockelstufe (UK Kentaurenfries)
= 86 x 106 Fuß (27,52 x 33,92 m)
2. Sockelstufe
= 922/3 x 1122/3 Fuß (29,65 x 36,05 m)
1. Sockelstufe
= 991/3 x 1191/3 Fuß (31,79 x 38,19 m)
Abb. 36: Eckausschnitt Sockelgrundriss (ohne
den 6-Fuß-Rahmen am Fuß d. 1. Stufe)
Wie aus Abbildung 34 zu ersehen, überragt die Friesdeckplatte den unteren Abschluss des Kentaurenfrieses um 1/3 Fuß und liegt damit zugleich genau über der Innenkante der 2. Sockelstufe.
Die Sima liegt mit ihrem 89x109-Randmaß so weit vor dem Pteronunterbau, dass das Wasser aus
den Löwenmäulern auf das zweite Sockelplateau träufelte, von wo aus es vermutlich über eine
innen liegende Drainage abgeleitet wurde.
Page 35
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das 86x106-Kopfrechteck der obersten Sockelstufe könnte nun zwar „nahtlos“ an die Unterkante
des Kentaurenfrieses anschließen, doch sprechen dagegen zwei Gründe:
Es gäbe erstens keine hinreichend deutliche Trennung zwischen dem Sockelkopf und dem Friesteil (der ja zum Pterongeschoss zählt) und zweitens fehlt – gegenüber der 3/4 Fuß dicken Friesdeckplatte – unten ein mindestens „gleichgewichtiges“ Gegenstück, das die Friese „trägt“ bzw.
einbindet, denn der untere Abschluss des Kentaurenfrieses ist nur 1/2 Fuß hoch.
Der Sockel brauchte eine mindestens 1/3 bis 1/2 Fuß hohe Abdeckung, die – wie die Friesdeckplatte – 1/3 Fuß übersteht. Eine
Deckplatte solcher Art vom Mausoleum fand sich u. a. eingebaut in
einer Festungsmauer von St. Petri
(Jeppesen, Vol. 5, S. 165).
Dieselbe Abdeckung erhalten auch
die beiden unteren Sockelstufen.
Abb. 37: Vorschlag Sockeldeckplatte (Höhe geht in das Maß der Sockelstufen ein)
3.3.3 Vertikalgliederung
1. Paritätische Sockelstufung:
Die Gesamthöhe des Sockelbaus von 521/2 Fuß (30 Ellen) ist das Sechsfache des 83/4 Fuß hohen
Pteronunterbaus und ließe sich in drei gleich hohe Stufen von 171/2 Fuß gliedern.
Die 171/2 Fuß sind die Hälfte der Höhe von Säulen (30 F) + Gebälk (5 F), d.h. die Hälfte des Pteronteils über dem 83/4 Fuß hohen Unterbau mit den beiden Friesen.
So weit – so gut, doch der 6 Fuß breite Rahmen am Fuße des Sockelbaus würde, egal wie hoch,
den untersten Sockel nicht gleich hoch wie beiden oberen Stufen erscheinen lassen, also musste
ein kürzeres Maß für die drei Sockelstufen gefunden werden, das
a) in einem erkennbaren Maßzusammenhang mit dem Pterongeschoss steht und
b) am Sockelfuß auf 6 Fuß Breite eine akzeptable Resthöhe belässt.
Das ist durchaus realisierbar und es gibt dafür auch nur eine einzige annehmbare Möglichkeit:
a) Die drei Stufen des Sockelbaus hätten mit 15 Fuß die halbe Höhe der Säulen und
b) die Resthöhe von 521/2 – 3x15 = 71/2 Fuß hätte dann – sehr passend! – die halbe Höhe der
Sockelstufen und könnte in 6 Stufen á 11/4 Fuß Höhe aufgeteilt werden, deren Steigungsverhältnis von 1 : 11/4 – wiederum sehr passend! – mit 4 : 5 die Große Terz wäre.
Abb. 38: Paritätische Höhenstufung des Sockelbaus
Hier angelangt, war der Gedanke, „Das ist es!“ und mit wenig Hoffnung auf ein besseres Resultat, nur wissenschaftlicher Korrektheit und Vollständigkeit halber, wurde die Gegenprobe mit
kumulativer Teilung der Sockelhöhe noch in Angriff genommen. 34
Page 36
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)2. Kumulative Sockelstufung:
Für eine kumulative Dreiteilung der Sockelhöhen, bei der jede Höhe einer Stufe mit jeder angrenzenden harmonikal kombinierbar ist, kommen nur die Zahlen 1 bis 6 infrage.
Die Sieben haben die Pythagoreer wegen ihrer mystischen Bedeutung nicht ins Tonsystem aufgenommen (obgleich z.B. 7 : 5 konsonant klingt).
Die Zahlen 8 bis 10 sind untereinander auch zu Konsonanzen kombinierbar, doch wären hier die
geringen Höhenunterschiede – schon der perspektivischen Verkürzung wegen – nicht geeignet,
deutlich genug einen aufstrebenden Duktus des Bauwerks zu erzeugen.
Mit den Zahlen 1 bis 6 kämen eigentlich vier 3er-Gruppen für eine kumulative Stufenfolge in
Betracht, doch kann man sich jegliches Experimentieren und argumentative Für und Wider ersparen, denn ein Baumeister der pythagoreïschen Schule hätte auf jeden Fall einer 3:4:5-Stufung
den Vorrang eingeräumt und von daher hätte Waywell natürlich völlig Recht gehabt!
Und das nicht nur, weil 3 : 4 – Quarte, 4 : 5 – Große Terz, 3 : 5 Große Sexte wichtige Harmonien
waren, sondern aus tiefem Respekt vor noch weiteren Besonderheiten dieser drei Zahlen:
a) Die Diagonale im ganzzahligen Quadrat ist irrational und i.d.R. auch die Diagonale im ganzzahligen Rechteck, doch im 3 : 4 proportionierten Rechteck hat die Diagonale den rationalen
Wert 5 (Lehrsatz des Pythagoras: 32 + 42 = 25; √25 = 5).
b) Im 3-4-5-Dreieck verbergen sich zudem auch die Zahlen 6, 8, 9, 12 der Großen Tetraktys,
denn 3 + 5 = 8, 4 + 5 = 9, der Umfang 3+4+5 ist 12 und die Fläche 3 x 4 : 2 ist 6.27
Langer Vorrede kurzer Sinn: Wenn eine „elegante“ 3-4-5-Teilung der Sockelhöhe nicht möglich
ist, – keine kumulative Teilung!
Conditio sine qua non für die „elegante“ Lösung:
a) Es müssen für die 3. Sockelstufe die 171/2 Fuß – als die Hälfte der Höhe von Säulen + Gebälk
und das Doppelte des Pteronunterbaus – erhalten bleiben, weil ein Beginn mit 15 Fuß (wie bei
der paritätischen Teilung) unten eine überdimensionierte Treppenhöhe zur Folge hätte.
b) Es muss die Resthöhe eine akzeptable Stufung auf 6 Fuß Breite am Sockelfuß ermöglichen.
Die Rechnung:
3. Sockelstufe –
171/2 Fuß = 5
2. Sockelstufe – 171/2 : 5 = 31/2; 31/2 x 4 =
14 Fuß = 4
101/2 Fuß = 3
1. Sockelstufe – 31/2 x 3 =
Höhensumme Sockelstufen:
42 Fuß
Resthöhe für Stufenkranz:
521/2 – 42 = 101/2 Fuß
Abb. 39: Kumulative Höhenstufung des Sockelbaus
Hoher Zufriedenheit ob der so unerwartet makellos aufgehenden Rechnung mit einem 1:1Höhenverhältnis der untersten beiden Teile folgten Bedenken wegen der Resthöhe von 101/2 Fuß
für die Stufenanlage (immerhin über 3 Meter). Nur Fritz Krischen hatte eine sogar noch höhere
Stufenanlage für möglich gehalten: 121/2 Fuß á 35 cm (Fußnote 5, S. 97, Abb. 40).
Doch die Berechnung der Stufenhöhe bei 6 Stufen à 1 Fuß Auftrittsbreite beseitigte dann jeglichen Zweifel, denn das sind …
… 6 Stufen mit 1 Fuß Auftrittsbreite und einer Stufenhöhe von (101/2 : 6) 13/4 Fuß = 1 Elle!
Zur pythagoreïschen Zahlenmystik: s. Lauenstein, Fußnote 12, S. 35 ff.
Page 37
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das heißt nichts anderes, als dass mit der Stufenanlage am Fuße des Mausoleums die verwendeten Maßeinheiten präsentiert worden sind.
Und darüber wurde mit der 3-4-5-Höhenstaffelung der 3 Sockelstufen ein weithin sichtbares
Bekenntnis zur pythagoreïschen Harmonik und Arithmetik manifestiert.
Schon die paritätische Höhenstufung hätte man guten Gewissens als denkbare Lösung hinstellen
können, doch dieses Ergebnis übertraf alle Erwartungen und ist schließlich auch die finale Bestätigung für die Richtigkeit sowohl der hergeleiteten Baumaße als auch der Auslegung missverständlicher Aussagen sowie der Korrektur zweier Fehler in den Plinius-Drucken.
4. Proportionsgefüge
4.1 Aufriss
4.1.1 Höhenproportionen
1. Sockelbau: Die Berechnung zur kumulativen
Höhenstufung ergab für
A Stufenkranz : B, 1. Sockelstufe = 1 : 1 – Prime
und es sind die
3 Sockelstufen B : C : D im Verhältnis 3 : 4 : 5
proportioniert.
Die Begründung für die Bevorzugung des 3:4:5Verhältnisses und die daraus ableitbaren Konsonanzen sind im Vorfeld der Berechnung bereits geliefert worden.
Der Sockelbau bis zur Oberkante Stylobat war
höhenmäßig so kalkuliert, dass – egal in welcher
Reihenfolge und Gruppierung man die Höhenabschnitte ins Auge fasste – immer harmonikale
Proportionen sichtbar wurden (Abb. 40):
A
B
C
D
A+B
A+B+C
A+B+C
A
:B
:C
:D
:E
:C
:D
:D+E
:E
=1:1
=3:4
=4:5
=2:1
=3:2
=2:1
=4:3
=6:5
– Prime
– Quarte
– Gr. Terz
– Oktave
– Quinte
– Oktave
– Quarte
– Kl. Terz
Abb. 40: Höhenproportionen des Sockelbaus
2. Pterongeschoss: Das Pterongeschoss weist ebenfalls harmonikale Höhenverhältnisse auf; hier
gehört nur das Verhältnis von Unterbau zum Gebälk mit 83/4 : 5 Fuß (= 7 : 4) nicht zum Kanon
der harmonikalen Proportionen. Harmonikal sind
Säulenhöhe (30 F) : Gebälk (5 F)
= 6 : 1 = 2 x Duodezime und
3
Säulenhöhe + Gebälk (35 F) : Unterbau (8 /4 F) = 4 : 1 = 2 x Oktave.
3. Dachgeschoss: Beim Dachgeschoss haben Quadriga : Pyramide mit 15 : 24 Fuß ein Höhenverhältnis von 5 : 8 – Kleine Sexte.
Vom Dachaufbau sind die 43/4 Fuß der Podesthöhe nicht „kompatibel“, weil die Resthöhe über
der Pyramide von 193/4 Fuß (433/4 – 24) nicht harmonikal aufgeteilt werden kann.
Infolge dessen ist auch die gemeinsame Höhe von Quadriga + Podest zu keinem anderen unteren
Teil in ein harmonikales Verhältnis zu stellen.
Page 38
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die 15 Fuß der Quadriga allein harmonieren jedoch mit drei Höhenmaßen des Pterongeschosses:
a) Quadriga : Gebälk (5 Fuß)
= 3 : 1 – Duodezime,
b) Quadriga : Säulenhöhe (30 Fuß )
= 1 : 2 – Oktave,
c) Quadriga : Nischenhöhe (15 Fuß)
= 1 : 1 – Prime.
Die Frage, ob für die Quadriga samt Podest – ähnlich wie bei den Frontnischen der Cellawand –
der Aspekt der perspektivischen Verkürzung eine Rolle gespielt haben könnte, ist aus folgendem
Grunde mit „nein“ zu beantworten:
Um eine Höhenrelation von Quadriga + Podest zur Dachpyramide in Gänze wahrnehmen zu
können, musste man einen Standpunkt einnehmen, von dem aus der Blickwinkel kleiner war als
der Anstieg der Pyramidenstufen auf den Frontseiten (die Frontseiten präsentierten sich der nördlich vorbeiführenden Ost-West-Straße durch Halikarnassos). Der Frontanstieg der Pyramide betrug nur 29,36° und an einem sogar noch flacher ansteigenden „Sehstrahl“ verschieben sich die
Höhenproportionen so minimal, dass die perspektivische Verkürzung nicht ins Gewicht fällt. –
Die Höhe der Pyramide harmoniert mit der Säulenhöhe:
Pyramidenhöhe (24 Fuß) : Säulenhöhe (30 Fuß) = 4 : 5 – Große Terz
Last but not least: Der gesamte Oberbau über der 3. Sockelstufe (Pteron- + Dachgeschoss) ist,
wie zuvor schon erwähnt, mit 2 x 433/4 = 871/2 Fuß (= 50 Ellen) zur Höhe Sockelbau mit 521/2
Fuß (= 30 Ellen) 5 : 3 – Große Sexte proportioniert.
4.1.2 Flächenproportionen
Die einzigen augenfälligen Flächenproportionen der Bauwerksansichten sind unter 3.2.1 schon
benannt worden; – die Säulenrechtecke des Pterongeschosses:
Frontseiten – 30 F Säulenhöhe : 80 F Achsmaß = 2 Rechtecke 30 : 40 – Quarte
Längsseiten – 30 F Säulenhöhe : 100 F Achsmaß = 2 Rechtecke 30 : 50 – Große Sexte
Die Ansichtsflächen des Sockels sind im Verhältnis zu ihrer Höhe viel zu breit, um als harmonikale Rechtecke wahrgenommen zu werden.
Grundsätzlich gilt, dass eine Rechteckfläche, deren eine Seite mehr als 4 x länger ist als die andere nicht mehr als harmonikal proportioniert „gesehen“ wird.
Eine 2:1-Proportion wird klar erkannt und durchaus noch als eine ganze Fläche aufgefasst, doch
schon die 3:1-Fläche der Duodezime erscheint uns viel zu „gestreckt“ und wird – quasi automatisch – hälftig geteilt in zwei „angenehmer“ proportionierte Rechtecke: In der Duodezime-Fläche
sehen wir eher zwei 11/2 : 1 bzw. 3 : 2 proportionierte Teilflächen, d. h. zwei Quinten.
Die 4:1-Fläche, die Doppeloktave ist der Grenzfall; das Auge teilt sie in zwei 2:1-Oktaven und in
der Oktave-Fläche sehen wir im Übrigen mühelos zwei Quadrate.
4.2. Grundriss
4.2.1 Bauwerksebenen
Die Grundrissproportionen sind ja für den Betrachter des Bauwerks nicht nachvollziehbar und so
mag uns heute die konsequente Realisierung der Terz bei allen wichtigen Grundriss-Rechtecken
des Mausoleumsbaus beinahe zwanghaft erscheinen, doch die Einhaltung der Prinzipien harmonikaler Proportionierung, die Umsetzung bestimmter arithmetischer und geometrischer Besonderheiten in der Bild- und Baukunst war seinerzeit ein Glaubensbekenntnis.
Eine pythagoreïsche Eidesformel lautete: „Ich schwöre bei dem, der unserer Seele die Tetraktys
anvertraut hat, in welcher die Quelle und die Wurzel ewiger Natur liegt.“ Das sagt genug.
Page 39
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Grundrissmaße aller wichtigen Höhenstufen des Mausoleums sind bereits genannt worden,
doch da bei der schrittweisen Herleitung der Baumaße unvermeidbar die Ebenen zum Teil
„sprunghaft“ gewechselt werden mussten, werden hier die Ergebnisse in hierarchischer Abfolge
zusammengefasst:
Fußmaß
Metermaß
Stufenkranz des Sockelbaus 112 x 132
35,84 x 42,24
Fuß 1. Sockelstufe
100 x 120
5 : 6 – Kleine Terz 32,00 x 38,40
Deckplatte 1. Sockelstufe
100 x 120
5 : 6 – Kleine Terz
29,87 x 36,27
Deckplatte 2. Sockelstufe
931/3 x 1131/3
Deckplatte 3. Sockelstufe
862/3 x 1062/3
27,73 x 34,13
2
2
Friesdeckplatte
86 /3 x 106 /3
Podium (Stylobat)
842/3 x 1042/3
Achsmaß Säulen
80 x 100
4 : 5 – Große Terz
25,60 x 32,00
Außenmaß Cella
64 x 80
4 : 5 – Große Terz
20,48 x 25,60
Simakante
89 x 109
28,48 x 34,88
Pyramidenfuß (= Achsmaß) 80 x 100
4 : 5 – Große Terz
25,60 x 32,00
Quadrigasockel (ohne Rand) 16 x 20
4 : 5 – Große Terz
5,12 x 6,40
Quadrigasockel-Deckplatte
162/3 x 202/3
5,33 x 6,61
Der harmonischen Gesamtwirkung des Bauwerks beeindruckend zuträglich ist, dass alle deutlich
vorstehenden Außenkanten (kursiv) an einer dynamischen Kurve liegen (s. Tafel I u. II).
4.2.2 Bauwerksstandort
Die Verortung des Bauwerks hätte eigentlich im Zusammenhang mit den Untersuchungen zum
Sockelgrundriss schon geklärt werden müssen, doch erschien – vor allem in Anbetracht noch
fehlender Kenntnis bevorzugter Maß- und Teilungsverhältnisse – die Datenlage dafür zu dürftig.
Zur Verfügung standen zwei – lediglich mit Maßstab versehene – Zeichnungen von Jeppesen
und eine Angabe zur Abmessung des ummauerten Areals28, – 105 x 242 Meter.
Abb. 41: Lage des Bauwerks im Gesamtareal (Jeppesen; schwarz: Vol. 3, S. 86; rot: Fußnote 28, S. 6)
Nr. 4 (rot): Spätantike Einbauten bestätigen die nördliche Arealgrenze und Lage der Terrasse
Jeppesen, K.: Das Maussolleion in Halikarnassos der Antike. Ankara (Standort: Archäolog. Inst. Univ. Würzburg)
Page 40
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Folgende Beobachtungen waren Ausgangbasis für die Herleitung der Grundrissorganisation:
1. Das Verhältnis Länge : Breite des Gesamtareals deutet auf zwei nebeneinander liegende 9:8Rechtecke hin – Großer Ganzton (Proportion der Grabkammer!).
2. Die Terrasse des Bauwerks scheint in der Länge etwa der Breite des Areals zu entsprechen;
die Breite der Terrasse ist jedoch offensichtlich nicht die halbe Arealbreite.
3. Die westliche Restlänge mit den späteren Einbauten (Nr. 4, rot) dürfte dieselbe sein wie die
Terrassenlänge und bestätigt sowohl die nördliche Arealgrenze als auch die Lage der Terrasse.
Man konnte in der Grundfläche also zwei Quadrate nebeneinander vermuten (+ Reststreifen zwischen Mausoleumsterrasse und östlichem Eingangsbauwerk), doch für Quadrate mit dem Maß
der Terrassenlänge war das Areal in der gezeichneten wie angegebenen Größe etwas zu schmal.
Wegen der stimmig erscheinenden Längen war eher der Breitenangabe (105 m) zu misstrauen
und deshalb wurde die Proberechnung von der Längenangabe (242 m) ausgehend vorgenommen.
Leitende These – zwei nebeneinander liegende 9:8-Rechtecke.
Vorcheck Arealbreite: (242 m : 18) x 8 = 107, 555 m.
Das Areal wäre – von der Längserstreckung ausgehend – folglich ≈ 2,56 m zu schmal, doch eine
Entscheidung darüber, ob zu schmal oder zu lang konnte nur über das Fußmaß gefällt werden:
107,555 m : 0,32 m/Fuß = 336,11 Fuß.
Das Ergebnis kann passender nicht sein, denn eine Arealbreite von 336 Fuß ist das Dreifache
der 112 Fuß (= 64 Ellen) Breite der Stufenanlage vor den Fronten des Mausoleums!
Die Längenangabe für das ummauerte Areal (242 m) erscheint also recht passend und nur die
Breite stimmt offenbar nicht. Entweder liegt hier ein Messfehler vor oder man war bereits während des Baus der Anlage an der südlichen Längsseite vom „Idealplan“ abgewichen.
Das ursprüngliche Planmaß des Mausoleumsareals lässt sich jetzt mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit benennen.
Arealbreite:
336 F x 0,32 m/ F = 107,52 m
Areallänge: (336 F : 8) x (2 x 9) = 756 F x 0,32 m/ F = 241,92 m
Jetzt konnten die zwei Quadrate realisiert werden (s. Abb. 42) und fixiert werden damit zugleich
auch Lage und Länge der Terrasse.
Länge der Terrasse:
= Arealbreite = 336 F = 107,52 m
Zu klären war als nächstes die Terrassenbreite, die – wie bereits festgestellt – nicht bis an die
mittige Längsachse der Gesamtanlage reichte.
Die Vermessung der Zeichnung (Abb. 41) erbrachte eindeutig, dass die Terrassenfläche keine
gedoppelte 9:8-Proportion wie das Gesamtareal gehabt haben konnte, sondern sich offensichtlich
aus zwei nebeneinander gelegten 16:15-Rechtecken – Großer Halbton – zusammengesetzt
hat. Berechenbar wurde damit die
Breite der Terrasse:
336 F : (2 x 16) = 101/2 F (= Höhe Stufenkranz als „Rastermaß“!)
101/2 F x 15 = 1571/2 F x 0,32 m/ F = 50,40 m
Der Umstand, dass die Terrasse nicht die halbe Breite des Areals einnahm, deutet im Übrigen auf
einen daneben liegenden befestigten Weg hin, – vielleicht nur vom östlichen Eingangsbauwerk
bis zum Terrassen-Ende, weil die Mitte des West-Quadrates möglicherweise der Platz für die
Verbrennungszeremonie war.
Breite des Stichweges:
336 – (2 x 1571/2) = 21 F x 0,32 m/ F = 6,72 m
Im letzten Schritt der Herleitung war der planmäßige Sitz des Bauwerks auf der Terrassenfläche
zu ermitteln. Das Problem: Bei Jeppesen ist der Mausoleums-Grundriss zu klein und es war nicht
klar, ob er das Bauwerk über den Abstand des Sockelfußes zur Ost- und Nordgrenze des Areals
eingemessen hatte oder die Mitte des Grundrisses der Fixpunkt seiner Lagebestimmung war.
Page 41
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Der zeichnerische „Vorcheck“ erbrachte, dass Jeppesens Mittelpunktaufhängung in N-S-Richtung durchaus stimmen könnte, denn die O-W-Mittelpunkt-Achse teilt die 1571/2 Fuß Terrassenbreite exakt im Verhältnis 2 : 3 – Quinte.
Zum Nordrand verbleiben – mit dem neu bestimmten Grundriss – 7 Fuß (1/3 der Breite des Mittelweges) und gesetzt den Fall, dass die Arealgrenze nicht die Innenseite der Ummauerung gewesen ist, sondern die Außenkante einer nur 1 Fuß dicken Mauer (keine Schutzfunktion!), war der
begehbare nördliche Terrassenstreifen mit 6 Fuß genau so breit wie der Stufenkranz.
Auf der O-W-Achse läge Jeppesens Baukörper allerdings eindeutig zu weit östlich, denn
- es bliebe bei dieser Mittelpunktlage auf der Ostseite nur ein Terrassenstreifen von 5,4 Fuß, also
weniger als die Tiefe des Stufenkranzes und
- es brächte dieser Mittelpunkt für die 168 Fuß Länge (336 : 2) des unterliegenden 16:15Rechtecks keine harmonikale Teilung.
Eine absolut stimmige Lösung bringt nur eine Verschiebung des Jeppesen-Mittelpunktes um ca.
4 Meter nach Westen. Das ist allerdings eine gravierende Korrektur und es bedürfte die im Folgenden gelieferte theoretische Begründung unbedingt einer Überprüfung vor Ort.29
Mit einer Verschiebung der Bauwerksmitte auf der O-W-Achse um ca. 121/2 Fuß nach Westen
wird folgendes erreicht:
1. Die Bauwerksmitte wäre die Mitte der Längsersteckung ihres 16:15-Terrassenrechtecks.
2. Die östliche Randbreite der Terrasse käme auf 18 Fuß = 3 : 1 (Duodezime) zur Tiefe Stufenkranz, was zugleich zur 6-Fuß-Breite zwischen Stufen und Nordmauer passen würde.
3. Die Gesamtlänge des Areals würde durch die Bauwerksmitte und westliche Terrassenkante im
Verhältnis 2 : 3 : 4 geteilt; das entspricht der Horizontalgliederung der drei Bauwerksteile!
Abb. 42: Grundrissproportionen des Mausoleumsareals (Zeichnung genordet)
In der folgenden Abbildung 43 wurde der in obiger Zeichnung dokumentierte Rekonstruktionsvorschlag über die Isometrie Jeppesens gelegt, um die Abweichungen beim Sockelgrundriss und
an der Südmauer sichtbar zu machen.
29
Vermessung vor Ort war im Rahmen dieses „reinen Freizeitvergnügens“ leider nicht möglich und das GoogleLuftbild ist dafür nicht zu gebrauchen. Als zu Beginn dieser Untersuchung die Lagebestimmung für das Bauwerk
aufgeschoben wurde (s. 2.1.3), war noch nicht absehbar, welche Beweisnot sich am Ende ergeben würde.
Page 42
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die in Abbildung 43 am Ost- und Westrand jeweils links liegende schwarze Linie ist keine Maßabweichung, sondern die isometrisch hochgezogene Mauerkrone.
Ein zusätzliches – allerdings nicht gerade beweiskräftiges – Indiz für die Richtigkeit der Mittelpunktverschiebung ist der Umstand, dass jetzt die N-S-Achse der Bauwerksmitte in die Fundamentreste des gegenüber in der Mitte der Fläche liegenden Bauwerks (unbekannter Bedeutung)
trifft, während dieses von der Jeppesen-Mittelachse nur tangiert wird.
Abb. 43: Vergleich der rekonstruierten Plangeometrie mit der Jeppesen-Isometrie (Vol. 3, S. 86)
5. Schlussanmerkungen
Das jahrhundertealte Rätsel um die wahre Baugestalt des Mausoleums von Halikarnassos sollte
jetzt als gelöst anzusehen sein, aber der „Bauplan“ bleibt dennoch unvollständig, weil das ganze
Innere des Bauwerks ein „Buch mit sieben Siegeln“ ist, das zu öffnen wohl schwerlich gelingen
dürfte. Wo ein Eingang lag, auf welchem Wege man nach oben gelangte, wie das Cellainnere
ausgesehen haben könnte, wird die Nachwelt vermutlich nur erfahren, wenn die verschollene
Handschrift mit der Baubeschreibung sich vielleicht doch noch irgendwo auffinden lässt.
Der pythagoreïsche Planungshintergrund ist evident, doch ein „Programm“ wie das ΕΠΟΓ∆ΟΩΝ
oder die Timaios-Tonleiter (s. 1.3) wurde im Pool der Baumaße leider nicht entdeckt und ebenso
wenig die vermutete Visualisierung des Irrationalitätsphänomens (s. 1.2).
Nahe am „Goldenen Schnitt“ liegen nur die „Fibonacci-Zahlen“ 3 : 5 und 5 : 8 der nachgewiesenen Sexten, und das mehrfach realisierte 9 : 8 ist „codierte“ Irrationalität. Das als Näherungsbruch für √2 stehende 7/5 fand sich lediglich rechnerisch in der Lage der Grabkammermitte.
Anmerkungen zum plastischen Dekor:
Über die Placierung des plastischen Dekors konnte hier nur teilweise befunden werden, denn die
exakten Abmessungen sämtlicher figürlicher Artefakte zu beschaffen und auszuwerten, hätte den
zeitlichen Rahmen dieser Untersuchung gesprengt.
Sicher ist jetzt die Verortung der Friese:
- Kentaurenfries (d’accord mit der Argumentation Krischens) unter dem Amazonenfries über der
3. Sockelstufe und
- Wagenfries (abweichend von allen bisherigen Vorschlägen) am Quadriga-Sockel.
Durchaus wahrscheinlich ist die von Waywell (Abb. 1) vorgeschlagene Aufstellung der Löwen
über den Interkolumnien (36 Stück).
Unlogisch erscheint nur, dass Waywell die Löwen nach innen ausrichtet, statt – der ihnen zugesprochenen Wach- und Schutzfunktion entsprechend – nach außen ins Umfeld.
Page 43
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Möglich wäre es, die richtige Ausrichtung vielleicht doch noch zu bestimmen, wenn es z.B. unter den Löwensockeln Dübellöcher in Längsrichtung des 60er Bandes gäbe, die außermittig versetzt liegen oder eine – über 1500 Jahre – vorherrschende „Wetterseite“ eindeutig benannt und
einseitige Verwitterungsspuren an den Löwen deutlich erkannt werden können.
Über die Verortung des übrigen Figurenschmucks könnte jetzt allerdings viel fundierter als bisher befunden werden, weil die 3 Fuß Tiefe der zur Verfügung stehenden Stellflächen (Abmessungen der Fußsockel?!) wie auch die Höhen der jeweiligen Rückwände bekannt sind und weil
davon auszugehen ist, dass die Statuenhöhen zu diesen Wandhöhen in einem harmonikalen Verhältnis standen. Für eine darauf gerichtete Untersuchung – im Folgenden noch einige Hinweise:
1. Die größten Statuen des äußeren Ausstattungsprogramms sollten auf jeden Fall „respektvoll“
kleiner sein als das Königspaar; eventuell dem Mausoleum zuzuordnende größere Funde könnten
allenfalls in der Cella gestanden haben. Die größten Statuen des Außendekors gehören in den
Pteronteil, weil sie weiter unten größer erscheinen würden als die Wagenlenker der Quadriga.
2. Die (unter 2.3.3) vorgeschlagene Figuren-Anordnung auf den Frontseiten des Pterongeschosses nach dem „Tetraktys-Programm“ (in 6 von 8 Zwischenräumen der 9 Frontsäulen 12 Statuen)
könnte für den Fall, dass mehr als 24 Statuen derselben Größenordnung nachweisbar sind, bedeuten, dass auch die Längsseiten bestückt waren, doch dann – in logischer Konsequenz – nur
die 8 Interkolumnien vor der Cellawand. Längsseitig wären auch kleinere Statuen durchaus
denkbar, nicht jedoch an den Frontseiten, wie das Jeppesen (Abb. 1) vorsieht.
3. Der Figurenschmuck auf den 2 Sockelrändern sollte nach unten hin kleiner werden und unter
der halben Wandhöhe der Sockelstufen bleiben, um die Höhenwirkung nicht zu beeinträchtigen.
Diesen nahe liegenden Aspekt hatte Waywell (Abb. 1) offenbar bedacht.
Gut denkbar wäre – in Umkehrung des Höhenverhältnisses auf dem Pteron – eine Figurenhöhe
von 2/5 der Rückwand, d.h. über der 2. Sockelstufe 2/5 x 171/2 = 7 Fuß (≈ 2,25 m) und auf der
Deckplatte des unteren Sockels 2/5 x 14 = 53/5 Fuß (≈ 1,80 m). In Tafel I ist das beispielhaft angedeutet. Über Kopfhöhe bliebe dann unten ein Streifen von 82/5 Fuß, – beinahe die Höhe des
Pteronunterbaus und auf der darüber liegenden Stufe ein Streifen von 101/2 Fuß, – exakt die Höhe der ersten Sockelstufe und des darunter liegenden Stufenkranzes.
4. Eher unwahrscheinlich ist Figurenschmuck am Fuße
des Sockelbaus (Waywell, Abb. 1); – weniger der Gefahr
mutwilliger Beschädigung wegen (Vandalismus gab es in
allen Epochen der Menschheitsgeschichte, nur den Begriff
gab es dazumal noch nicht), sondern es stehen dem die nur
32 cm (1 Fuß) Tiefe der Stufen entgegen. Die beiden
„nackten“ unteren Sockelteile wären quasi das Pendant
zur annähernd gleich hohen ungeschmückten Stufenpartie
der Pyramide oberhalb der Löwen.
Eine dritte Skulpturenbasis stellt im Übrigen auch
Jeppesen in Abrede: „ ... musst therefore be rejected … the
assumption of a third sculpture base, ..” (Vol 5, S. 17).
5. Mit einiger Sicherheit auszuschließen ist die von
Jeppesen vorgeschlagene Aufstellung von Figurengruppen
auf den Ecken des Daches (Abb. 1), denn gegen Eckakrotere spricht die gestufte Form der von ihm dokumentierten Eckblöcke (Abb. 44).
Abb. 44: Monolithische Eckblöcke der Pyramide
(Jeppesen, Vol. 5, S. 141)
Page 44
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Anmerkung zum Fußmaß:
Für die Festlegung klar definierter Fußmaße war in etlichen Fällen (Pyramidenstufen, Kassetten,
Friesplatten) eine geringfügige Kürzung der von Jeppesen angegebenen Maße nötig, was vermuten lässt, dass das Fußmaß um Millimeterbruchteile größer gewesen sein könnte als 32 cm.
Da aber andererseits nicht sicher war, ob Jeppesens Maße womöglich einen „Zuschlag“ für einen
angenommenen „Erosionsschwund“ enthalten, hätte eine entsprechende Berechnung auf „tönernen Füßen“ gestanden.
Da sich im Laufe der Untersuchung immer deutlicher herausgestellt hat, dass für alle baulichen
Elemente offenbar von klar definierten Fußmaßen auszugehen ist, eröffnet das die Möglichkeit,
das reale Fußmaß anhand der Artefakte eventuell doch noch exakt zu bestimmen.
Dabei sind nicht nur die „üblichen“ 1/4, 1/3, 1/2, 2/3, 3/4 in Betracht zu ziehen, sondern – wie die
Höhenstufung am Pteronunterbau und Quadrigasockel ergab – auch die 1/16-Teilung (Daktylen).
Ein Nachtrag noch zum Thema „Säulenordnung“; dazu nur die – größtenteils schon genannten –
Fakten:
Verhältnis Plinthe (3/4 F) : Basis (5/4 Fuß) : Kapitell (5/4 Fuß)
–3:5:5
Verhältnis Plinthe + Basis + Kapitell (13/4 F) : Schaftlänge 107/4 F)
– 1 : 8,23
Verhältnis unterer Säulendurchmesser (108 cm) : Säulenhöhe (960 cm)
– 1 : 8,88...
Verhältnis unterer Säulendurchmesser (108 cm) : Interkolumnium (176 cm) – ca. 5 : 8
Verhältnis Säulenhöhe (30 Fuß) : Cellabreite (64 Fuß)
– ca. 1 : 2 (3 : 6)
Verhältnis Säulenhöhe (30 Fuß) : Cellalänge (80 Fuß)
– 1 : 22/3 (3 : 8)
Letzte Anmerkung:
Von allen in der Vergangenheit unternommenen Versuchen, das Mausoleum zu rekonstruieren,
kommt die Zeichnung von G. B. Waywell (1978; in: Jeppesen, Vol. 5, S. 14) der hier in einem
„Indizienprozess“ aufgedeckten historischen Konzeption (rot) am nächsten.
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132
336 Terrassenlänge
Tafel Il - Längsansicht Südseite
(MaRangaben in Fuß; 1 F = 32 cm)
Page 47
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)4% F (144 cm)
AF (128cm)
band ”
YZ
IZ
&aF (208cm)
12
ZZ
ng
L =
A
m)
34F (1\12em)
~ band
7
(Ww2091) 45
YZ
TZEX
(W2091) 45
2F
(64cm)
LAST
10F (320cm)
4% F (144 cm)
YA
6F (192cm)
(wozs1) 49
81878
| Cellawand
Längsseite
|
kj Cellawand
Langsseite
q |Ante
(W2081) ast
Frontseite
(wogez) 46
(w2096) 10€
(W2081) ast
ZulAF,
DS
8F (256cm)
10F (320cm)
+
+
+
+
Hh
Eckansicht Frontpteron
mit Kassettenlangsschnitt
o
+
8F (256cm)
Ju
SH
|
|
[oe
|
|
(Yar (2,666cı )
€
10F (320cm)
|
A%F (144cm)
lcoo)l
Podest
3F (96cm)
id
|
VELLAELDE
42F (144cm) _ (Naf (2,666cm)
|
10F
Querschnitt
Längspteron
Tafel III - Schnitte
Page 48
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)|FuB- sockel
|
Cellam,
wand
TA 7
Pteron-
ME
«podium
84% x 104%
we
Ua EIA
Tafel IV - Pterongrundriss
(Maße in Fuß; 1 F = 32 cm)