Afficher le texte intégral83 pages
Page 1
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Von Walter Ruben.
Vorbemerkung,
Diese Arbeit ist als eine vergleichende Untersuchung der
wesentlichen Züge der indischen und griechischen Metaphysiken
gedacht. Mit Metaphysik ist dabei hauptsächlich die Diskussion
des Problems von „Sein“ und „Werden“ gemeint, ungefähr
das, was Aristoteles im Anfang seiner Metaphysik über seine s
Vorgänger berichtet. Wenn er da mit Thales beginnt, so ist
das auch fiir die indische Metaphysik ein brauchbarer Anfang;
wir haben aber, wie es auch in den Darstellungen der griechischen und indischen Philosophiegeschichte üblich ist, einige
Vorbemerkungen über die religiösen Vorstellungen der mythi- to
schen, vorphilosophischen Zeit vorausgeschickt, weil sie als
Grundlage und charakteristischer Ausgangspunkt der beiderseitigen Metaphysiken wichtig sind,
Was nun die Berechtigung der Vergleichung beider Kulturen anbetrifft, so mug die Arbeit selber sie erweisen.
Der is
Vergleich als Methode der Geisteswissenschaft ist von RoruACKER im Handbuch der Philosophie 1926 und einige Literatur
zur Philosophievergleichung ist in der Orientalischen Literaturzeitung 1931, Sp. 96 ff. zusammengestellt.
In der griechischen und indischen Metaphysik liegen wirk- 20
lich vergleichbare Geistesprodukte vor. Anfechtbar aber ist
es schon, ob man Termini unserer philosophischen Sprache
— etwa „Philosophie“, „Metaphysik“ usw. — zur Beschreibung
der Phänomene indischer Philosophie gebrauchen darf. Da in.
dessen eine Übersetzung der indischen Termini unumgänglich 25
ist, und da es möglich erscheint, die besondere Nuance solcher
Zeitschr, fe Ind. n. Iran.
Bd. VIII.
Page 2
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Von Walter Ruben.
Vorbemerkung.
Diese Arbeit ist als eine vergleichende Untersuchung der
wesentlichen Züge der indischen und griechischen Metaphysiken
gedacht. Mit Metaphysik ist dabei hauptsächlich die Diskussion
des Problems von „Sein“ und „Werden“ gemeint, ungefähr
das, was Aristoteles im Anfang seiner Metaphysik über seine s
Vorgänger berichtet. Wenn er da mit Thales beginnt, so ist
das auch für die indische Metaphysik ein brauchbarer Anfang;
wir. haben aber, wie es auch in den Darstellungen der griechischen und indischen Philosophiegeschichte üblich ist, einige
Vorbemerkungen über die religiösen Vorstellungen der mythi- ı0
schen, vorphilosophischen Zeit vorausgeschickt, weil sie als
Grundlage und charakteristischer Ausgangspunkt der beiderseitigen Metaphysiken wichtig sind.
~
Was nun die Berechtigung der Vergleichung beider Kulturen anbetrifft, so muß die Arbeit selber sie erweisen. Der 15
Vergleich als Methode der Geisteswissenschaft ist von RorxAoxe im Handbuch der Philosophie 1926 und einige Literatur
zur Philosophievergleichung ist in der Orientalischen Literaturzeitung 1931, Sp. 96 ff. zusammengestellt.
In der griechischen und indischen Metaphysik liegen wirk- 20
lich vergleichbare Geistesprodukte vor.
Anfechtbar aber ist
es schon, ob man Termini unserer philosophischen Sprache
— etwa „Philosophie“, „Metaphysik“ usw. — zur Beschreibung
der Phänomene indischer Philosophie gebrauchen darf. Da indessen eine Übersetzung der indischen Termini unumgänglich 25
ist, und da es möglich erscheint, die besondere Nuance solcher
Zeitschr. f. Ind, u. Iran. Bd. VIII.
Page 3
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusen.
Termini, die im Indischen gemeint ist, durch eine in der beigegebenen Beschreibung oder
im engeren Zusammenhange
liegende Erklärung deutlich zu machen, haben wir des öfteren
europäische Termini benutzt.
Aber man muß sich natürlich
sdarüber klar sein, daß die europäischen Termini nur innerhalb der europäischen Philosophie berechtigt und nur aus
europäischer Tradition verständlich sind, wie umgekehrt indische nur aus und in indischer Philosophiegeschichte.
Wenn
wir z. B. von „Intuitionismus“ ‘sprechen und damit den er10 kenntnistheoretischen Standpunkt meinen, daß Sätze, wenn sie
nevident“ sind, keines weiteren Beweises bedürfen, so geht
das letztlich auf die Unterscheidung von Denken und Sinnlichkeit bei Parmenides zurück und ist eine Beschreibung eines
Standpunktes mit dem psychologischen Begriff der Intuitio,
15 Wenn aber die indische Mimámsá einen analogen — nicht
denselben! — Standpunkt vertreten will, daß nämlich die
Richtigkeit einer Erkenntnis keines Beweises bedarf (s. u,
8.162, Anm. 1), gebraucht sie den t. t. svatah-prämänya, der
schließlich auf die Mädhyamika’s zurückgeht, die als radikale
20 Skeptiker den Beweis angetreten hatten, daß keine Erkenntnis
möglich sei, weil ihre Richtigkeit erst durch eine andere Erkenntnis erwiesen werden müßte, deren Richtigkeit wiederum
durch eine andere usw. in infinitum?).
1) Vgl. NS, Erläuterung zu Ila 16.
Der Standpunkt der
Tucor (Pre-Diùnaga Buddhist
Texts on Logic from Chinese Sources, Gaekward's Or. Ser. XLIX, 1929,
8. XXVII und Notes zu Vigrahavyävartiol, ib. S. 37) erkennt an, daß die
NS, gegen Nagarjuna gerichtet sind, sucht aber dies noch zu überbieten
und meint, daß Nagarjuna seinerseits in dieser Diskussion die NS. zitiert
und also mit ihnen (oder diesem Teil der NS.) gleichzeitig" ist. Er
stützt sich dabei darauf, daß Vätsyäyana in diesem Zusammenhang
NS. IIa 19 in zwei Weisen interpretiert, von denen nur die zweite einem
Gedanken Nägärjune’s (Vi. vy. 84) entspricht, die erste darüber hinaus
ein „Fortschritt“ ist, um Nägärjuna’s Kritik zu entgehen. Tucor versucht aber gar nicht, meinen Hinweis zu widerlegen, daß gerade die
„fortgeschrittene“ Interpretation in dem NS. selber gemeint ist.
Dies
Kapitel beginnen (Ila 16) und schließen (Ila 19) die NS. mit je einer
Analogie; Tucci tibersieht, daß der Gedanke von NS. ITa 16 bereits in
Vi. vy. 46—52 (wenn ich seine Übersetzung richtig verstehe) angegriffen
ist, und daß — abgesehen von textkritischen Überlegungen — auch gerade
Page 4
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Mimämsä ist aber in naiver (unbewußter) Form schon sehr
viel älter (s. 3. 162, Anm. 1) als die Mädhyamika’s, und bei
der Durchführung dieses Standpunktes bewegt sich die brahmanische Diskussion wesentlich auf dem Problemgebiet, was
der „Irrtum“ und „Zweifel“ sei, weil deren Definitionen und 5
Beschreibungen im Nyäya-Vaisegika ein Hauptthema der indischen Logik waren.
Wenn man dies weiß und anführt, kann
man „svatah prämänya“ mit „Intuitionismus“ übersetzen. Solch
Einsetzen europäischer Termini ist ein Notbehelf und ist gleichzeitig schon ein Vergleichen.
Besser als solches Vergleichen 10
aber scheint es, wenn man etwa „präg-abhäva“ im Vaifesika
mit oréonois bei Aristoteles (s. S. 209) nebeneinander stellt,
wie wir es im Folgenden versuchen, weil man Termini beider
Kulturen auf analoger Stufe der Entwicklung vergleicht. Solcher Vergleich ist sozusagen ein Transponieren eines Themas 15
(resp. Problems) aus einer Tonart (resp. Kultur) in die andere,
und das ist eine Erleichterung zum Verständnis der eigenen
wie der fremden Kultur.
Es erlaubt, die Kulturen zu charakterisieren und dürfte auch für die Theorie der Geschichte von
Bedeutung sein.
20
Wir stellen zunächst die wichtigsten Züge der griechischen
und indischen Systeme nach dem Ablauf der griechischen Philodeshalb die Analogie von NS. Ila 19 nicht im Sinne von Nagarjuna
(Vi. vy. 34), d. h. im Sinue des „Intuitioniemus® der Mimämst, sondern
im Sinne der ,fortgeschrittenen* Interpretation (die übrigens komplizierter ist als Tuccrs Übersetzung des Vatsyiyana; das zeigt die
NVTT.) des Vatsyayana zu verstehen ist.
etwas über Nagarjuna hinausgehen.
Das bedeutet, daß die NS.
Und wenn Nagarjuna diese Diskussion nicht nur mit einem einzigen Gedanken angeregt hat, sondern
sie mit mehreren, auch in den NS. vorkommenden Gedanken ausführt,
so wird man nicht mit Tuccr auf Gleichzeitigkeit dieser beiden Schriften
schließen, sondern darauf, daß dies Problem älter als diese beiden Schriften
ist. Wie denn das Problem der Vi. vy.: „Darf ein absoluter Skeptiker
(positive) Beweise für seine Skepsis gebrauchen?“ anch im Palikanon
keimhaft vorkommt, wenn es heißt (Orpenzere, Buddha’, S. 82), daß der,
der Alles für unwahr hält, doch zumindest diese Ansicht für wahr halten
muß, ein typisch sophistischer Gedanke (vgl. Vikyapadiya III, 8, 25;
NyAyamukha by Tueci, Heidelberg 1980, 8. 7; NS. la 18; vgl. den Satz
des Kreters Epimenides, daß alle Kreter lügen; vgl. O. Scuraner, Uber
den Stand der ind. Phil. z. Zt. Mahävira’s und Buddhas, 1902, S. 50).
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Busen,
sophiegeschichte dar und erürtern dann erst die Fragen der
Chronologie, ohne soziologische Methoden anzuwenden.
Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß eine wirkliche Durchdringung beider Traditionen erst allmählich gesleistet werden kann und daß ein Indologe die griechische
Metaphysik zwangslaufig für den Geschmack eines enropäischen
Philosophiehistorikers zunächst geradezu barbarisch darstellt;
so ist diese Arbeit mehr ein Programm als eine Leistung.
Für die indische Philosophie ist auf Srr(auss), „Indische
10 Philosophie“ (München 1925), für die griechische auf Z(eLLer)
verwiesen (I,
1: 6, Aufl. 1919; I, 2: 6. Aufl. 1920; 11,1: 4. Aufl.
1889; 11,2: 3. Aufl. 1879); für manche Einzelheit sind die
Nyayasitra's (von W. Rusen, Leipzig 1928, abgekürt: NS.)
zitiert.
15
1, Die religlösen Grundlagen,
Einer der großen Momente von historischer Bedeutung ist
es gewesen, daß „Homer“ die Götter der griechischen Hochreligion darstellte,
Eine Besinnung über die Götter liegt auch
in dem anderen ältesten indogermanischen Literaturdenkmal,
20im Rg-Veda, vor.
Dabei entspricht — bei aller Verschiedenheit dieser beiden Werke — der griechischen Tendenz, Zeus
zum Oberhaupt des Götterstaates und zum Vater der Menschen
und Götter zu machen, was früh zu einer Art Monotheismus
führte (Z. I, 1,68), in Indien der Kathenotheismus (Str. 22).
25 Die Einzahl Gottes statt der Vielheit der Götter ist im Rg-
Veda?) sogar bewußt ausgesprochen.
Diese Einheitstendenz
in Griechenland ist der in Indien geschichtlich, sozusagen
„formal“, parallel2), dabei jedoch in einer für beide Kulturen
charakteristischen Weise „inhaltlich“ verschieden.
Die Grie-
30chen nämlich ordneten die Vielheit der Götter als plastisch
bleibende Vielheit einem Einen unter; die Inder übersahen
1) 1, 164, 46; Deussex, AGdPh. I, 1, 118 verweist auf RV. VIII,
58,1—2; Bervarxan-Raxans, The creative period, 8.23 auf III, 54, 8.
2) Die ,Ordnung* der Götter und ihrer bandhu's (BaLvaLtar und
Rawaps, a. a, 0. 61f.) steht dagegen als theologisches System nicht ebenbürtig parallel neben Homer.
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)die Vielheit zugunsten einer unplastisch gesehenen Einheit.
Diese beiden Tendenzen der Einheits- und Vielheits-Schan
werden sehr viel älter sein als Homer und der Rz-Veda; es
ist aber sicher kein Zufall, daß sie in beiden indogermanischen
Kulturen mit diesen ersten Literaturdenkmälern das Alte ab- 5
schließend und damit die weitere Entwicklung der Geistesgeschichte anregend zur Darstellung gelangten.
Während dann der alte Kult der Opfer für die Götter
des Polytheismus in beiden Kulturen noch für Jahrhunderte
(bis zur „Sophistik“, s. S. 195) bestehen bleibt, tritt daneben 10
— und in der geistig höher stehenden Schicht überwiegend —
in der folgenden „Periode“ ein ganz anderes religiöses Erleben
in die Erscheinung (es mag schon länger bestanden haben:
s. 8. 214, Anm. 1): in der dionysischen Ekstatik der Orphik
und der Mysterien in Griechenland und in der magischen 15
Religion der indischen Brähmana- und Upanisad-Kultur.
Man kann sagen: die Brähmana’s stehen zur Rg-Veda-Samhitä
wie der pessimistische Grübler Hesiod zum lebensfreudigen
Kriegersänger Homer.
Aus — oder vielleicht neben (8. S. 214,
Anm. 2) — den Familien der „Sänger“ (kavi oder rsi) ent- 20
wickelt sich jetzt in Indien die Kaste der Brahmanen, die
alleine das überaus komplizierte Opferritual beherrscht und
seine magische Bedeutung kennt; diese Beherrschung und
Kenntnis gilt jetzt als das einzige und zugleich als das unfehlbare Mittel zum Erfolg jeder Art.
Das Opfer ist nicht 2s
mehr Ehrung oder dergl. für einen Gott, sondern das richtig
und mit Wissen vollzogene Opfer, resp. das beim Opfer verwendete Wort (brahman), ist selber die weltlenkende Macht.
Das Ritual steht als mikrokosmischer Vorgang in magischer
Korrespondenz — eine für die Zukunft in Indien sehr wich- so
tige Denkweise — zum makrokosmischen Geschehen (Str. 34)
und zwingt, wenn es richtig vollzogen wird, das Weltgeschehen,
ihm parallel zu folgen. Einerseits wird dabei der für die
spätere indische Philosophie wichtige Begriff der Welt als
Einheit, des All(sarvam) an eine betonte Stelle gerückt (ent- 85
stammen tut er wohl dem kosmogonischen Denken und war
vielleicht sehr viel älter als diese „Periode“); andererseits
Page 7
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rozen.
ist von da an „Wissen“ der Weg zum Erfolg. Das sind dann
zwei charakteristische Grundlagen der indischen Philosophie
geworden.
Gegen diese Brahmanen-kasten-religion sticht das grieöchische Denken dieser „Periode“ inhaltlich wiederum wie in
der homerischen stark ab. Die orphischen und mystischen
Kultverbände stehen im gewissem Gegensatz zu den alten
Familien (Phratrien) und entnelimen ihre wesentlichen Elemente
der Volksreligion: Orpheus als Heiland. Ob in Indien auch
10 derartige Gegensätze zwischen der „Periode“ der Samhita’s
und Brähmana’s bestehen, ob es für die Geschichte fruchtbar
sein wird, das „Neue“ in Indien von Nicht-indogermanen!)
wie in Griechenland von Thrakern herzuleiten, mag dahingestellt bleiben.
15
Gemeinsam ist jedenfalls dieser „Periode“ in beiden Kulturen der stark hervortretende oder zumindest bei Homer
(Z. 1, 1, 151) und im Rg-Veda (Str. 40; 50) nur höchst spärlich
geäußerte Pessimismus gegen das Erdenleben und bleibt von
da an bis heute.
Wenn etwa bei Semonides aus Amorgos (um
20 650, also ungefähr zu Beginn der ,Metaphysik“) unter anderem
Alter, Krankheit und Tod als Leidensquelle zusammengestellt
werden (fr. 1; vgl. Dies, Der antike Pessimismus, 1921), so
geschieht dasselbe schon vor Buddha in den Upanigaden (Chänd,
Up. VII, 1, 5; 4, 1; a. S. 220 über Chand, VIII).
Und wenn
25 bei Semonides (Z. I, 1, 154) und Hesiod das Weib (Pandora)
als Quelle alles Übels auftritt, so ähnelt das den indischen
Asketenlehren sicher schon aus dieser „Periode“.
Gemeinsam
entsteht in beiden Kulturen in Zusammenhang mit dieser Weltanschauung die Lehre der Seelenwanderung, wenigstens scheint
so sie in Indien wirklich allmählich in dieser „Periode“ als etwas
Neues zu entstehen (Str. 89 ff.)?).
Gemeinsam ist schließlich
1) Munda's oder Dravida's, s. 3. 224, Anm. 1; vgl. Summe, Oxford
History of India, 1928, 8.47: Buddha ein Mongole.
2) Z. I, 1, 70: orphisch vor Pythagoras.
Herodots Angabe, daß
Pythagoras die Seelenwanderung aus Ägypten entlehnt habe, wird heute
nicht mehr geglaubt.
Entlehnung aus Indien ist prinzipiell zweifelhaft
(6. u.) und schwer erweisbar. Daß x. B. Pythagoras und die indischen
Yogin's Bohnen zu essen vermeiden, kann wegen der allgemein bekannten,
Page 8
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)beiden Kulturen von dieser „Periode“ an die Vorstellung einer
eindeutig über den entwerteten Göttern oder gar über dem
Gotte stehenden moralischen Macht: in Griechenland die Moira
des Äschylos, das Chreon des Anaximander, die Ananke des
Parmenides, die Dike des Heraklit, in Indien das konsequenter 5
als in Griechenland und in Europa überhaupt aufgefaßte karman
(Str. 53), durch das eine sozusagen mechanische oder automatische, völlig unabwendbare Vergeltung der Taten des Menschen gerade deshalb gewährleistet ist, weil die Handlung
(Karman) des Menschen selber diese Macht des Vergeltens 10
ist), weil ’es außer der Tat selber keiner Macht etwa eines
Gottes bedarf, damit die (ritualistisch oder auch moralisch)
schlechte Tat sich am Täter rächt, die gute sich lohnt durch
die Realisierung des
„Eindrucks“ (samskära), den die Tat
eines Menschen hinterläßt und der reif wird (päka) und Frucht 16
(phals) trägt.
Das ist dann von da her ein Grundfaktum,
mit dem die indische Philosophie rechnet wie mit der Seelenwanderung.
Dagegen war die ältere Vorstellung des ,rta“
im Rg-Veda (Str. 22; 40) und der Moira bei Homer unklar,
nämlich gelegentlich vom Gotte abhängig, also teilweise als
20
geschaffen und sogar abwendbar gedacht (Ornewsere, Religion
des Veda’, 197f)?).
Für die eleusinische Mystik wie für die Brähmanas?) ist
der Himmel das erstrebenswerte Ziel. Die Orphiker (Z. I, 1, 82£)
und die Philosophen der Upanisaden (Str. 46; 60) stellen da- 25
gegen in rigoroser Konsequenz des Pessimismus die Erlösung
von der Seelenwanderung als das eigentliche Ziel alles Strebens
hin. Das ist der Fortschritt der Upanisaden (oder Yajnavalkyas Schule; s. S. 212f.) über die Brähmanas, und damit ist der
blähenden, kontemplatives Leben also ärgerlich störenden Wirkung der
Bohnen in Indien und Griechenland unabhängig entdeckt worden sein,
1) Es ist ,egozentrische* Denkweise (s. 8.169, Anm. 2), daß hier
die mikrokosmische Handlung des Menschen von der makrokosmischen
Macht unbewußt nicht geschieden wird.
2) Und so wird später wieder das karman teilweise abhängig vom
tévara: NS, IVa 19, Erläuterung.
8) Und die epische Kultur der Ksattriya's, abgesehen von den später
(e. 8.195, Anm. 1) eingefügten ,philosophischen* Partien im Mahabharata.
Page 9
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Runen.
indischen , Philosophie“ ihre eigentiimliche Aufgabe gestellt.
Sie will nicht Wissen um seiner selbst willen; sondern durch
die magische Macht!) des Wissens soll sie aus dem Leid des
Erdenlebens und Himmelslebens zur endgültigen Erlösung
5 führen, nicht durch das Wissen vom Opfer, sondern von brahman,
Das brahman (Str. 35) bedeutete für die Brähmana’s die höchste
Macht, die im Opfer und im Weltgeschehen wirkt.
Wissen
um dieses zum Absoluten schlechthin gesteigerte brahman bedeutete den Upanisaden: Realisieren des brahman — denn das
10 Wissen wirkt —, Identifizieren des ätman mit dem brahman
(e. 8. 163f.), Einswerden im Absoluten.
Dies ist dabei bezeichnend für beide Kulturen: während
in Griechenland etwa ein Solon Leid mit Unmäßigkeit in Verbindung bringt, mit dem sittlichen Ideal des Maßhaltens das
15 pessimistische Klagen überwindet und damit der griechischeuropäischen Ethik den Weg weist, möchte der Inder vielmehr aus dem Leid hinaus zur Erlösung gelangen. Wie aber
ein Buddha an den Anfang des zur Erlösung führenden „Pfades“
das „rechte Verhalten“ in Worten, Werken und Gedanken
20 stellt (Str. 98), wie er außer den Mönchen auch Laienanhänger
anerkennt, wie die Brahmanen den Lebenslauf so regeln, daß
erst nach Erfüllung der bürgerlichen Pflichten der Verzicht
auf das weltliche Leben durchgeführt werden darf, und wie
auch der brahmanische Heilsweg des Yoga ein sittlich geregeltes
25 Leben zur Voraussetzung hat (Str. 196), wie also in Indien
neben das Ideal des Welt-entbundenen das des Werktätigen
tritt, nur für den Blick des Europäers nicht als so bezeichnend
für Indien wie das Asketen-ideal hervortritt und auch in
Indien von den Brahmanen usw. nicht so hoch gewertet wurde®),
soso hat es umgekehrt auch in Griechenland etwas gegeben,
was der „Aufgabe“ der indischen Philosophie, nämlich zur
Erlösung zu führen, entspricht.
_
Man hat nämlich bei fast allen griechischen Philosophen
seit Anaximander Zusammenhänge mit den Mysterien oder
1) Ausführlich hervorgehoben von Enexerox, JAOS, 49, $. 97 ff.
2) Aus dem Widerstreit beider Ideale entsprang dann das charakteristische Hauptproblem der indischen „Ethik* (Str. 120).
Page 10
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)orphischen Lehren aufgespürt. Wir wissen nicht, zu welchem
„Zweck“ Tuaues Philosophie getrieben hat; aber z. B. Demokrit
sagt (fr. 31 Dress), daß die Philosophie (copín) die Seele von
den Leiden (xé®») befreit, und Platon (Theätet 176B; Drers,
Pessimismus, S. 24) möchte dem Leiden entfliehen, in (1) dieser 5
Welt gottähnlich?), d. h. gerecht und heilig werden durch Vernunft (podwnois). Schon bei Xenophanes, Parmenides, Platon und
vielleicht sogar Aristoteles kann man im gewissem Sinne sagen,
daß die Philosophie eine ancilla theologiae sei*), nicht bloß um
des Wissens selber willen als „reine“ @ewo/a getrieben worden 10
ist. Und-wenn sich das Wissen als Selbstzweck im bürgerlichen
Europa offiziell durchgesetzt. hat, so kann man auch in Indien
etwa auf die Grammatik verweisen, die für Indien so viel
bedeutet, wie für Europa die Naturwissenschaft (s. S. 196)
und bei Patañjali?) und schon bei Panini offenbar „reine“ 15
Wissenschaft ist, und auf die Philosophie des VaiSesika, das
sich zum Tarkaéästra entwickelt hat, zur überkonfessionellen
(nämlich auch von Buddhisten und Jainas getriebenen), nicht
mehr zur Erlösung leitenden Wissenschaft als Denkschulung
(zum trivium: Logik, Grammatik, Poetik gehörig) oder als 20
Selbstzweck4)
Es ist nicht so, daß „Indien“ nur Erlösung,
„Europa“ nur Wissen will; jede solche Verallgemeinerung ist
eine Übertreibung.
Dies ist die den Charakter wesentlich bestimmende Grundlage der Philosophie: die Opfermagie ist für Indien, was die 25
1) önolaoıg t ded: als griechisches Gegenstück zur brahma-sütmata: Wesenseinheit mit brahman (Sat. Br. XI, 5, 6, 9) unter Vernachlässigung des empirischen Lebens in Indien.
2) Während bei Sankara cher umgekehrt die Lehre vom tévara,
dem ,persónlichen* Gott, als saguna-brahman, eine ancilla philosophiae,
nämlich der Lehre vom nirguna-brahma, geweren sei.
3) Trotz der theologischen „Zwecke*, die er in der Einleitung nach
älteren Quellen und anscheinend in gewisser Abwehr gegen den Vorwurf,
eine zu profane Wissenschaft zu lehren, anführt.
4) Im Tarka-samgraha z. B. ist von Erlösung nicht die Rede; auch
nicht im dazugehörigen Kommentar: Nyäya-bodhint; im anderen Kommentar, Tarka-dipika, wird allerdings ganz zum Schluß Erlösung als
Zweck aller Philosophie genannt.
Page 11
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Busen.
Mysterien für Griechenland sind. Der Antrieb zur ,Metaphysik“ aber kam von anderer Seite.
2. Die metaphysischen Systeme.
Als uralte ,Synthese der beiden Extreme: Polytheismus
sund Henotheismus kann man die Theogonie auffassen, zu der
sehr früh in Griechenland und Indien — und ähnlich in
Ägypten, Babylon und auch sonst wohl schon in „vorhistorischer Zeit* — eine Kosmogonie hinzutrat: ein Eines
wird zum Ursprung des Vielen. Das philosophische Motiv
10 des „Werdens“ der empirischen Vielheit tritt damit in die
Geistesgeschichte ein, und das religiöse Motiv des mystischen
Einen hinter dem Vielen wird vorbereitet.
Der Charakter der uns in Griechenland erhaltenen Kosmogonien ist durch die vorangegangenen epischen (kyklischen)
15 Genealogien von Göttern und Helden, durch die Tendenz einer
anschauungsfreudigen Deutung des Kosmos!) und seines Werdens als Zeugung bestimmt und ist im Ton der Rhapsoden
durchaus anders als die brahmanischen Kosmogonien.
Auch
die indische Kosmogonie hängt noch mit der Theogonie zuzosammen (z. B. Rg-Veda X, 72), aber da die Götter in Indien
in dieser Periode eine noch viel geringere Rolle spielen als
in Griechenland, überwiegt dort das kosmogonische Interesse,
das im Gegensatz zu Griechenland nicht dem Staunen über
die Mannigfaltigkeit der Natur
entspringt*), sondern
dem
25 Wunsch des Opferpriesters, seinen Kult zu motivieren, d. h. in
Beziehung zum All (sarvam) zu deuten.
In den Schöpfungshymnen des Rg-Veda fehlt dieses Interesse, in den Brahmanas
ist es die Hauptsache und sind Kosmogonien nur als Einleitungen zu solchen Deutungen verwendet (s. S. 214, A. 2).
80
Die primitive Kosmogonie mit Brahmanaspati als Schmied
(Str. 25) oder Hiranyagarbha-Prajapati (Str. 27) zeigt mehrere
1) Z. 1, 1, 98: wenn aus Nyx Hemera, aus Nacht Tag entsteht usw.:
Hesiod,
2) Wie Betvarxan-Ranang, a. a, O., 8.330 behaupten; solches liegt
freilich dem Lied an Varuna (V, 85) zugrunde, das aber keine Kosmogonie in unserem Sinne enthält.
Page 12
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Tendenzen zum Übergang ins Philosophische, und nur einige
solche, für die indische spätere Metaphysik wichtigen Vorstellungen seien hier angeführt.
Der Urmensch (puruga: RV. X, 90; Str. 30; vgl. die ähnliche Schilderung von Visvakarman X, 81,3) — eine weit 5
verbreitete Vorstellung —, aus dessen Gliedern durch einen
Opfervorgang(!) die Welt geschaffen wird, ist ein Vorläufer
des ätman (Brh. Up. I, 4, 1; vgl. Sat. Br. VI, 1,1,8; XI, 1, 6, 2;
s. u. 8.187, A. 2).
Wasser als lebendig, ohne Antrieb eines
Gottes schaffend an den Anfang einer Kosmogonie gestellt 10
(Sat. Br. XI, 1, 6,1) ist schon fast eine Denkweise „hylozoistischer Naturphilosophie“.
Wenn nicht mehr ein Gott mit
seiner asketischen Anstrengung (tapas, s. S. 158), sondern diese
Anstrengung ohne Substrat als ein sozusagen „hypostasiertes
Phänomen“ an den Anfang der Kosmogonie gestellt wird 15
(RV. X, 190; Drussen, AGdPh, I, 1, 134), so ist solche Denkweise ein Vorläufer des späteren buddhistischen „Phänomenismus“. Wenn nicht etwa das Seiende, sondern das Nichtseiende (OLDENBERG, Vorwissenschaftliche Wissenschaft, S. 177)
am Anfang der Kosmogonie steht, so ist das ein extrem
20
„begriffsrealistisches“ Denken, das später im Vaisesika zum
System wird (s.8.185 über die dem Sämkhya voraufgegangenen
Kosmogonien: A.2).
Der kühnste Ausdruck dieses kosmogonischen Denkens ist es schließlich, wenn das Eine, vor dem
es weder Seiendes noch Nichtseiendes gab (RV. X, 129; Str. 24), 25
als das Ur-erste auftritt).
Damit ist der früher (RV. X, 72)
einfach behauptete Übergang vom Nicht-seienden zum Seienden
als problematisch erkannt (s. S. 171 Uddälaka Aruni).
Und an Einzelheiten der indischen Kosmogonien, die mit
Griechenland verglichen werden können, seien folgende ge- so
nannt: Zeus wird in der orphischen Theogonie ,pantheistisch*
(Z. I, 1, 66), dem Urmensch (purusa) ähnlich geschildert:
Himmel ist sein Haupt; sein Ohr der Äther (resp. die digas,
die Weltgegenden, s. S. 187, A. 2); Erde sein Leib (resp. Fuß);
1) Otpeysenc, Vorwissenschaftliche Wissenschaft, 8.178 vergleicht
Sat. Br. X, 5,8, 1: im Anfang war dies gleichsam weder seiend noch
nicht-seiend.
Page 13
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen.
seine Augen sind Sonne und Mond (resp. das Auge die Sonne,
das Denkorgan, manas, der Mond) usw.: Luft ist seine Brust
(resp. Wind ist sein Atem). Das Jahr (RV. X, 190, 2; später
die „Zeit“: kala-vada) entspricht Chronos bei Pherekydes und
sin der 3. orphischen Theogonie, das goldene Ei (Sat Br. XI, 1, 6)
dem Ei der 3. orphischen Theogonie!), Epimenides (Z. I, 1, 122),
und dem silbernen El der 4. orphischen Theagonie, aus dem
Phanes analog Hiranyagarbha*) hervorgeht. Die Jungfernzeugung des „Denkens“ (manas: RV. X, 129) erinnert an die
10des Zeus bei Pherekydes (Z. I, 1, 105, A.2).
Aber nicht
Zeugung ist als kosmogonischer Vorgang — wenn sie auch
vorkommt (OLpensere, Vorw. Wiss., 8. 167f., 172f) — in
Indien bezeichnend wie in Griechenland, sondern „tapas“, die
asketische Anstrengung; und die Abfolge der geschaffenen
ıs Faktoren ist in Indien nicht als kosmisch gesteigerte Naturdeutung wie in Griechenland verständlich (s. S. 156, A.1),
sondern priesterlich assoziativ: z. B. drei Welten, drei Götter,
drei Veden werden auseinander abgeleitet (Ait. Br. V, 32,
Drussen, a. a. 0.183; vgl. BeLvaLKAR-RANADE, a. a. 0. 884f.
so über die „Inkonsequenz“ der Anordnung kosmogonischer Faktoren).
Diesen Kosmogonien ähnelt noch der Wasser-hylozoismus
des Thales.
Thales war aber nach Aristoteles bereits „Philosoph“ und seine «oyf also bereits nicht mehr Anfang eines
25 einmaligen kosmogonischen Geschehens, sondern „Prinzip“ des
ewigen Werdens.
Und wenn auch Wasser als kosmogonischer
Anfang in Indien (ÖLDENBERG, a. a. O. 175) häufig ist, ist es
als ein derartiges letztes naturphilosophisches Prinzip dort
noch nicht belegt.
In Chänd. Up. VII, 10 heißt es, daß Erde,
so Luftraum und Himmel (die drei Welten), Götter, Menschen,
1) 2. 1,1,127; Gomeerz, Griechische Denker, I, 428 verweist auf
Inder, Peruaner usw.
Vgl. ERE, a. y. cosmogony.
2) Bei der Unklarheit eines anderen Namens des Phanes: Erikapaios
(Z. 1,1,180, Anm. 2) könnte einer auf den Gedanken kommen, ihn mit
Hiranyagarbhe direkt zusammen zubringen, wie Ranapg, A constructive
survey of Upanishadic Philosophy, S. 84, Adrasteia von adrsta, wi by
bei Platon von maya (S. 104) ableiten will. Aber wir möchten prinzipiell
keine solchen Entlehnungen in Erwägung ziehen.
Page 14
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Tiere und Pflanzen (Wesen) nichts anderes sind als gestaltgewordenes (vgl. S. 185, A. 2) Wasser; dem könnte ein nachkosmogonischer Gedanke zugrunde liegen.
Aber in diesem
relativ späten Text ist Wasser nicht das letzte Frinzip, sondern nur ein Glied mitten in der Kette. immer „größerer“ 5
Ursachen (8. 8.177, A. 2). Aristoteles’ Definition dieses so
verstandenen ororystov (Met. I, 3; 983 B 8) der Naturphilosophen ist ‘aber. fast wie eine wörtliche Übersetzung der
Definition des brahman in Taitt. Up. III, 1 (RanADE, Constructive Survey, 8. 74; vgl. OLZ. 1981, Sp. 58 ff.).
10
Ähnlich wird der Äther oder Raum (äkäsa, s. S. 187, A. 2)
beschrieben, in dem Alles statt hat (Chand. Up. VII, 12, 1),
aus dem Alles hervorgeht und in das es wieder eingeht (ib.
1, 9, 1), und also nicht als leerer Raum oder stoffliches, bestimmtes Element, sondern ununterschieden als beides gemeint; 15
und er wird der Gipfel (paräyana) oder die Grundlage (pratisthä; ib.) genannt: ein Versuch, vom kosmogonischen Denken
fortzukommen.
Und deshalb ist er in mancher Hinsicht Anaximanders äzeıpov (Z. I, 1, 272) vergleichbar, dem räumlich
und zeitlich Unbegrenzten, Undifferenzierten, das Alles um- 20
fängt (wegıeyeı: Z. 1, 1, 292, A. 1).
Eine „physikalische“ Ausmalung des Werdens, wie sie Anaximander unter Verwendung
der charakteristisch griechischen ¿vevrióryres (8. 8.179 usw.)
gibt, fehlt bezeichnenderweise in Indien.
Anaximenes, der dritte ionische Naturphilosoph, hat 25
sein „Prinzip“ durch eine Mikro-Makro-kosmos-Analogie gefunden und bewiesen: wie die Seele (die aus Luft besteht)
uns zusammenhält, so hält ein Hauch (xveuc) und Luft (&fe)
den Kosmos zusammen (Z. I, 1, 319, A. 1). Entsprechend wird
in Indien der Wind (d. h. bewegte Luft; später als Element:
so
8. 8.190, A.4) als „Faden“ (sütra) bezeichnet, der diese und jene
Welt, alle Wesen, die Glieder des Körpers zusammenbindet
(Brh. Up. III, 7, 2). Der Wind als „Zusammenbringer“ (Chand.
Up. IV, 3), ein nicht mehr kosmogonischer sondern theologischer
Begriff, ist in Indien häufig (Deussen, Sechzig Up, ib.; AGdPh. s5
I, 1, 298f.; 2,97#.; Liens, SBAW. 1916, S. 293f) Wind
und Äther (zusammen = avyaktam: Brh. Up. II, 8, 3) über-
Page 15
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusen.
bietet Yäjñavalkya mit dem ,Unvergänglichen“
(aksaram:
Brh. Up. III, 8, 8) und beide werden von der späteren Theologie (in Brahma-Sütra I, 1, 22 ff.) als Bezeichnungen brahmans
interpretiert: es ist also keine willkürliche Auswahl, wenn man
sgerade diese beiden indischen „Prinzipien“ den entsprechenden ionischen gegenüberstellt.
Der Ausgangspunkt der Pythagoräer, Gleichungen
(óuouóuore) von Zahlen und mikro- resp. makro-kosmischen
Faktoren, findet sich auch in Brähmanas und Upanigaden, wie
ı0solche magischen Zahlenassoziationen noch weiter verbreitet
sind (z. B. Chänd. Up. III, 16): die ersten 24 Jahre. des
Menschen sind seine Frühkelterung, denn bei dieser Zeremonie
wird das Metrum Gäyatri verwendet, und das hat 24 Silben;
wenn er in dieser Zeit krank wird, heilt er sich mit einem
15 Spruch, der auf diese Zeremonie Bezug nimmt, usw.
Aber in
Indien ist daraus keine Mathematik, Musiktheorie und Astronomie geworden wie in Griechenland, denn die Inder haben
in den Upanigaden noch nicht auf die Gesetze der Zahlen
geachtet, wie sie auch keine Naturgesetze als solche erkannt
so haben. Man kann daher nicht sagen, daß ein naturphilosophisches System in Indien die Prinzipien der Mathematik für
Prinzipien des Kosmos erklärt habe wie die Pythagoräer
(44 B 3 Dress).
:
Statt dessen besitzen die Inder eine uralte Sprach-
25 theorie, die relativ früh zur Grammatik als charakteristisch
indischer Wissenschaft geführt hat (s. S. 196f.). Ausgehend von
dermagischen Denkweise tiber die Namen (Zauber, Fluch, Geheimnamen) der Dinge sehen sie die Welt als „Name und Gestalt“
(näma-rüpa, Str. 35; 95), d. h.: Jedes Ding hat seinen Namen,
soist ein individuelles Ding erst durch seinen Namen. Der Name
(nicht der empirische Eigennamel) ist auch nach dem Tode
(nicht in der Erlösung, in der die Individualität verschwindet:
Brh. Up. IV, 4) mit dem Menschen (purusa) verbunden, wenn
sein Leib, seine fünf Lebensäußerungen (präna) usw., alles,
85 was seine Gestalt ausmacht, in die betreffenden makrokosmischen
Größen eingegangen ist (ib. III, 2, 12f.), sagt Yajñavalkya.
Diese Vorstellung wird dem Ausdrucksvermögen der alten
Page 16
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Zeit entsprechend kosmogonisch weitergedacht: Die Rede (vac)
als hypostasierte Schôpfermacht oder als personifizierte Gôttin,
wie wir antropomorph Denkenden sagen, gilt (RV. X, 125) als
die Ursache (zwischen causa materialis und efficiens wird hier
nicht geschieden) der Vielheit der Dinge; sie verteilt sich auf 5
. die Wesen und erzeugt sie (ärabhamäns, v. 8; s. S. 168); sie
ist der Grund für die Vielheit und Individualität sogar der
Götter (ein theogonischer Rest); sie entspringt aus den Wassern
und schafft den Himmel!), wie sich in den Kosmogonien
(Oxpenserc, Vorwiss. Wiss., 8.80; Deussew, a. a. O. 206f.) 10
Prajäpati mit der Rede begattet. Sie gilt schließlich als das
Prinzip des Lebens und der Intelligenz des Menschen, durch
sie i8t?) der Mensch, lebt und wird weise*). Neben dieser
auf die Vielheit der empirischen Dinge gerichteten kosmogonischen Sprach-spekulation steht in den Upanigaden die „mo- 15
dernere“, mit metaphysischem Interesse auf die Einheit gerichtete, Yäjñavalkya's Metaphysik entsprechende: wie alle
Dinge (rüpa) im brahman gipfeln, so gipfeln alle Worte
(näman) in der heiligen Silbe OM (Chánd. Up. II, 23, 3), die
diese ganze Welt ist. Sie ist die Quintessenz aller Veden
20
(ib. I, 1, 2), die Grundlage aller Götter (RV. I, 164, 89; so
nach Sáyana's 3. Deutung), Sie ist das Unvergängliche
(akgaram: angespielt wird dabei vielleicht auf die Bedeutung
„Silbe“), Unsterbliche, Furchtlose (Chand. Up. 1, 4,5). Sie ist
das brahman, zu dem man wird, wenn man sie weiß (Taitt. 25
Up. I, 8), oder in die man sich flüchtet, um unsterblich zu
werden (Chand. Up. I, 4, 5).
1) So nach Sayana; Dzussen, AGdPh. I, 1,147£. übersetzt ohne
Rechtfertigung anders.
2) Das ist wörtlich gemeint, wie auch Brh. Up. Il, 2,4 die Rede
ißt, nach Sat. Br. VIII, 5, 4,1; X, 5, 2, 15 schmeckt. Daneben klingt
vielleicht mit, daß in dieser alten Zeit häufig das Verhältnis von Subjekt
und Objekt als das von Esser und Speise gedeutet wird.
8) Wer sieht, atmet, hört, und die Menschen ohne Denken (denn
die Rede macht den Menschen erst wissend: V.5): diese essen durch
die Rede (V. 4). Hier ist die Rede zum wichtigsten unter den fünf Lebensäußerungen (präna) gemacht, wie es sonst im Wettstreit der prana der
Atem ist (s. 8.214, A. 2).
Page 17
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen.
Erkenntnistheoretisch bedeutet diese Spekulation über die
Rede: Jedem Ding gehört sein Name; umgekehrt: jedem Wort
gehört ein Ding zu, und jedem Gedanken (= Begriff), da er
gleich Wort ist, entspricht ein Objekt‘).
Name und Gegen-
1) Brhaddevata I, 81: na näm ásti nirarthakam.
Also ist jeder Gedanke richtig: das ist ein naiver, praktisch geübter, aber noch nicht
recht bewußt gewordener ,Intuitionismus*.
Den erkennt man deutlich
in der Form der Debatten in den Brahmanas und Upanigaden (Vgl. Verfasser in ZDMG. 1929). Er ist der naive Vorläufer des späteren kritisch
fundierten ,Intuitionismus* der Mimämsä (Süryanarayana Sastri: Truth in
the Saiva Siddhanta, Journal of the Madras University, 1929: ähnlich
auch Uttara-mimämsa) der beim Problem des svatah-pramanya (Erkenntnis
ist evident) und bhrama (jede „perception* ist als solche richtig) diskutiert
wird.
Die Theologie der Mimamsä wurde erst zur Philosophie, als sie
(d, h. der Vritikära?) diese uralte erkenntnistheoretische Lehre gegen den
»Skeptizismus* der Madhyamika’s, den ,illusionistischen Idealismus“ der
Yogic:
, den ,Rationalismus* des Säinkhya und den ,sensualistischen
und kritischen Begriffsrealismus* des
Nyäya-Vaisesika stellte und verteidigte. Der Begriffsrealismus des Vaisesika ist der Mimamsä gleich in dem
Glauben an die Realität der Worte und ihrer enteprechenden Gegenstinde
(padartha); diese beiden Systeme unterscheiden sich dadurch vom Samkhya,
das (YS. 1, 9) den Begriff des vikalpa, des bloß Gedachten, dem kein
Objekt entspricht (was die Sautrantikas vijñapti-mätra nennen; vgl. Digh.
N. IX, 58), einführt; Aber die éabdika’s (d. h. die Mimamsaka’s und Grammatiker) nehmen an, daß mit der Wahrnehmung eines Gegenstandes auch
die seines Namens verbunden sei (vgl. Nyáyamañjart, S. 582, wo Väkyapadiys I, 124f, und Slokavarttika, pratyaksa 172 bekämpft werden; ähnlich
Kamalasila zu Tattvasamgraha 128;
vgl. Kerra, Logic and Atomism,
8.72f.), d. h. in späterer Ausdrucksweise, sie leugnen ein nirvikalpakapratyaksa. (Sammatitarkaprakarana, 8.589).
Ähnlich lehrten die Vaibhägika’s, die ebenfalls eine Art Begriffsrealisten waren, denn sie erkennen nirvana als bhava au (Srcuerparsny, The Conception of Buddhist
Nirvana, S. 27€), daß in jedem Moment des Bewußtseins auch begriffliche Unterscheidung (vitarka) vorhanden sei (Sromersarsxy, The Central
Conception, 8.105; Masuda, Asia Maior II, 8. 48 und 60; Kathavatthu
IX, 8; Sromerarsxx, Buddhist Logic II, 259, A. 7).
Der Nyaya dagegen
betonte (als Vorläufer Digniga's), die Unterscheidbarkeit von reiner Sinnlichkeit (pratyakgam = avyapadesyam jiidnam) und begrifflicher Erkenntnis
(säbda, d. h. Erkenntnis, die dem sinnlich erkannten Ding seinen Namen
beilegt, ohne dabei ,mehr* als die sinnliche Erkenntnis zu erkennen;
vgl. NS., Anm. 9). Auch der ,Relativismus der Jainas (syädvada, naya;
s. 8. 194) und der ,Indifferentismus* Buddhas (madhyama-märga) gehört
in diese Richtung typisch indischer „Toleranz“, wie sie auch im ,Intuitionismus* vorliegt.
Page 18
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)stand sind ewig verbunden, eine Lehre, die die Mimämsä (und
der Tantrismus) später ausbaute.
Schließlich ist unter den ,,Naturphilosophen“ dieser Periode
die indische Denkrichtung zu nennen, die den alten Begriff
des brahman, das magisch wirksame Opferwort1), einerseits 5
kosmogonisch
als
Prinzip
hypostasiert
(Devssen,
AGdPh.
1, 1, 258ft), dies sozusagen als Begriff ohne Anschauung überkommene „Höchste“ mit allem Möglichen identifiziert (ib. 249 ff.)
und dadurch zu veranschaulichen sucht, und es schließlich in
nach-kosmogonischer Weise als All (ib. 257),
als Material 10
(vana) oder „Standort“ (adhi-sthä, ib. 262) ausdeutet, wobei
denn das kosmogonische Werden durch das gegenseitige Opfer (!)
des brahman in den Wesen und der Wesen im brahman ersetzt
wurde (ib. 260).
Dieses brahman setzte in letzter Konsequenz der üblichen 15
Mikro-Makro-Kosmos-Analogien
Yajiavalkya*)
mit dem
ätman des Menschen gleich und modifizierte nach Weise der
Mystiker den Begriff des Prinzips zu dem des einzig Wertvollen, Interessanten, durch dessen Erkenntnis Alles erkannt
ist (Brh. Up. IV, 5,6).
ist
ebenfalls
Atman = Selbst, das „Eigentliche“,
20
ein Begriff,
für den man eine Anschauung
(Körper, Lebenshauch, Spiegelbild usw.) erst suchte (Str. 39).
Dies brahman = ätınan = das Absolute versucht Yäjñavalkya*)
1) Brahman enthält also die beiden wichtigen Vorstellungskomplexe
des Opfers und des Wortes.
2) Er wohl als erster (s. 5. 213). Die von Deussex (ib. 178, vgl. 333)
aus Taitt. Br. 111, 10 angeführte Stelle wird wohl jünger sein als Ya
valkya, wie die ib. 263 angeführte Stelle aus Taitt. Br. Ill, 12 Yajnavalkyas Lehre wiederholt, daß das brabman nicht durch Gut und Böse
affizierbar ist. Ebenso dürften die ätman-Kosmogonien Brh. Up. 1,4; Ait.
Up.
1; Taitt. Up. II (nach Kaus, Up. II, 2?) jünger sein. Haven (Der
Vritya, 8. 287f,) ist dagegen der Meinung, daß die Atman-Mystik dem
Kreis der Vrätya’s entstammt. Er beruft sich dabei auf Ait. Ar. 11,8
und III, 2.
Dieser Text, der die Ait. Up. (= Ait, Ar. II, 4—6) umgibt,
dürfte ebenso wie die Ait. Up. jünger sein als Yäjñavalkya; z. B. werden
in IJ, 8, 1 die fünf Elemente (und zwar in der Reihenfolge der Ait, Up.,
s. S. 190, Anm. 4) aufgeführt.
8) Vgl. Raxapz, Constructive Survey, S. 55ff.; er bemüht sich, die
in den Upanisaden auftretenden Lehrer als einzelne Persönlichkeiten zu
beschreiben.
Page 19
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Ross.
— obgleich es jenseits aller unterscheidenden Begriffe ist (Brh.
Up. III, 8, 8; IV, 2, 4)) — als das Unvergängliche zu beschreiben, in das erst Raum (resp. Ather) mit all seinem Inhalt
verwoben ist (ib. III, 8,7; s. 8.159), als unzerstörbar und
5 unaffizierbar (ib. IV, 2, 4) ohne Ende, ohne Ufer (ib. II, 4, 12),
als Eines, unvergänglich und unwandelbar (ib. IV, 4, 20), aus
Allem?) bestehend (IV, 4,5), in Allem seiend wie Salz im
Wasser (ib. II, 4, 12 = Uddälaka), obgleich es eigentlich (s. u.
Parmenides) keine Vielheit gibt (ib. IV, 4, 19), wie im Schlaf
i0 alle Vielheit aufhört (ib. IV, 3, 22).
Yaäjñavalkya ist kein
konsequenter Monist (wie es auch noch keinen Dualisten oder
Pluralisten gab, Str. 47), denn er beschreibt das brahman als
das Körperlose, Leben (ebenso ib. III, 9,9) und Licht im
Gegensatz zum toten Körper (ib. IV, 4, 7) und bezeichnet das
16 Eine als den. Damm, der die Welten und Dinge auseinanderhält, d. h. die Funktion des Weltschöpfers und Welterhalters
übt (ib. IV, 4, 22; III, 8, 9; vgl. Chand. Up. VIII, 4), er nennt
es den inneren Lenker (Brh. Up. III, 7, 3ff.) im Mikro- und
Makro-kosmos?), das innere Licht (ib. IV, 3, 1—6), das (nicht
20 empirische) Subjekt ohne Objekt (ib. IV, 5, 15; 4, 2; 3, 23f.),
d.h. „reinen“ Geist im Gegensatz zum objekthaften Einzelakt
des Erkennens; er nennt es das ewig unermüdliche Subjekt
(ib. IV, 8, 28 ff.), d. h. das reine, nur potentielle Subjekt, das
niemals Objekt werden kann (ib. III, 4, 2; 8, 11; IV, 5, 15),
25 außer dem es kein anderes Subjekt geben kann (ib. III, 7, 28);
er versteht es als (hypostasiertes) Erkennen und Wonne (ib.
III, 9, 28)4), als aus Erkennen bestehend (ib. II, 4, 12; IV, 3, 7;
1) Unter anderem ist es weder grob (sthüla) noch fein (anu): Uddalaka's Seiendes (sat) ist dagegen animan
= Feinheit (s. S. 167, Anm. 1).
2) Nämlich: Erkenntnis (vijäane), vier Lebensäußerungen (praya:
es fehlt Rede), fünf Elementen (s. 8.190, Anm. 4) und den Phänomenen
kama, krodha, dharma und ihren Gegenteilen.
8) Damit ersetzt er die eben vorher vorgetragen, ältere Lebre vom
Wind als Faden, s. S. 159.
4) Darin könnte man seine Definition des brahman sehen (vgl.
Jacozı, Gottesidee, S. 15), aber von einer Definition kann man in dieser
Zeit noch nicht sprechen, vgl. Verf. in ZDMG., 1929, 8. 251, Anm. 1.
Page 20
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)4,5; 22), als einzig Leidloses (ib. III, 7, 23; 4, 2; 5,1) und
Wertvolles (ib. II, 4, 5; Str. 49).
Neben Yäjäavalkya ist Sandilya zu nennen, der in
echter Mystikerweise das brahman durch die coincidentia oppositorum beschreibt (Chand. Up. III, 14; Str. 45); das unter- 5
scheidet ihn von Yäjñavalkya (wenn unsre Überlieferung da
genügt!) und charakterisiert ihn als von ihm unabhängigen
Denker. Wenn er weiter das Denken (manas) als seine Materie,
den Lebenshauch als seinen Leib, Licht als seine Gestalt,
Äther als sein Selbst (ätman) bezeichnet, so ist das ein anderer 10
Versuch, Mystik in Metaphysik einzukleident),
Ausgesprochene „Naturphilosophie“, die aus Yäjñavalkya’s
„Mystik“ hervorgegangen ist, liegt dann bei Ajatasatru,
dem König von Benares, vor (Brh. Up. 11, 1, 16—20).
Er
wiederholt Yäjnavalkya’s Gleichung ätman = Erkenntnis (vi- 15
jana) und seine Lehre vom Schlaf*). Aber er ersetzt Yajñavalkya's Vergleich von brahman und Welt mit Trommel und
Tönen durch den der Spinne und ihres Fadens, d. h. er faßt
brahman als causa materialis der Welt; wenn Yajñavalkya
sagte, daß brahman die Welten, Götter, Wesen, das All sei so
(Brh. Up. II, 4, 6), so läßt Ajátasatro aus dem átman alle
Lebensäußerungen, alle Welten, Götter und Wesen hervorgehen (vyutcar: ib. II, 1, 20). Ajatagatru’s Lehre begegnet
in anderer Darstellung (Kaus. Up. IV, 20) noch weiter von
Yajñavalkya fortentwickelt: hier wird ätman mit prajñä =»
Intelligenz*) und mit präna = Lebenshauch‘) gleichgesetzt, aus
1) Ähnlich ist die Beschreibung des brahman in Taitt. Up. 1, 6, 2:
sein Leib ist der Raum-Ather, sein Selbst ist das Reale, sein Spielplatz
ist der Lebenshauch (oder in ihm freut sich der Lebenshauch), seine
Wonne ist das Denken (d. h. das Denken bereitet ihm Wonne: 20 nach
dem Kommentar des Sañkara).
2) Brh. Up. II, 1, 1 spielt auf IV, 8,14 an,
ZIL., 1926, 94.
Vgl. Frauwarrxer in
8) FRAUWALLNER a. a. O., 5.4: dieser t. t. steht selten bei Yajñavalky#, durchweg bei Pratardana.
4) FrauwALLNER 4. 2. O., S.15 vermutet Einfluß einer samvargnvidya (dazu könnte man an Kaus. Up. If, 8;18 erinnern); aber auch
Yajñavalkya setzt ätman gelegentlich dem prána gleich (Brh. Up. II,
9,9; IV, 4, 2).
Page 21
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rozen.
dem die anderen vier Lebensäußerungen (Rede, Gesicht, Gehör,
Denken) hervorgehen, aus diesen (!) die Götter, aus denen
(!)
die Welten.
Diese Lehre geht in der zweiten Form auch unter dem
5 Namen des Pratardana, ebenfalls eines Königs von Benares
(Kaus. Up. III, 8), wie denn der Terminus prajñá und der
Gedanke, die Lebensäußerungen, Götter und Welten nicht
miteinander, sondern nacheinander entstehen zu lassen, zu
seiner eigentlichen Lehre gehört (Kaus. Up. III, 5—8): ätman
10=prajiä=präna; er ist allgemeine Erlebensfähigkeit, „reiner
Geist“ wie Yäjnavalkya’s vijüäna; aus ihm gehen zunächst
als seine Teile (añga; vgl. Brh. Up. I, 4,7; s. 8. 177, A. 2)
die speziellen Erlebnisse (prajñä-mäträ), und zwar statt der
alten fünf Lebensäußerungen zehn: Rede, Atem, Gesicht, Gehör,
15 Geschmack, Greifen, Leib (als Empfinden), Zeugen, Gehen,
Denken hervor; aus diesen gehen dann die ihnen entsprechenden
Objekt-phänomene (Namen, Farben, Töne: usw.; bhüta-mäträ)
hervor. Diese zehn Paare subjektiver und objektiver Phänomene sind in gegenseitiger Korrelation, sind nicht ohne ihr
20 Gegenstück, denn nicht könnte durch nur die einen oder die
anderen Zehn die Vielheit der Empirie (rüpam) zustande und
zur Erkenntnis kommen („siddhyet“ bedeutet beides!)?). Yajñavalkya führte mit dem ätman-Begriff den des Subjekts in die
indische Philosophie ein; Pratardana denkt das Subjekt-Objekt25 Verhältnis grundlegend zu Ende als eines der Sata
der Upanisad-Spekulation.
Neben Yajúayalkya (ideengeschichtlich und auch wohl
zeitlich) steht Uddalaka Aruni (Str. 47f). Er will ebenso
wie Yäjnavalkya (Brh. Up. IV, 5, 6; 8ff.) das Eine erkennen,
so mit dessen Erkenntnis Alles erkannt ist (Chand. Up. VI, 1, 2)
und erklärt dies makrokosmische Eine für das, was mikrokosmisch der eigentliche Mensch ist (tat tvam asi: ib. VI,
8,7 ‘usw.).
Sein Interesse geht aber außerdem in anderer
1) Bei Pratardana verhalten sich prajña und prajfitmatra wie bei
Yajñavalkya tejas
= ätman (Brh. Up. IV, 4, 7) zu den tejomätra (ib.
1V, 4,1) der prana's und wie bei Ajatasatru das vijñana des atman zu
den vijfiana’s der prana's (ib. 11, 1, 17; vgl. Yajfiavalkya ib. IV, 4, 2).
Page 22
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Richtung, insofern er aus dem Absoluten, dem Seienden (sat)?),
die Welt
der Empirie in altertümlicher Darstellungsweise
kosmogonisch ableitet: von dem Seienden wird die Glut geschaffen (srj, der Terminus der Kosmogonie, vgl. ÙLDENBERG,
Vorwiss. Wiss, S. 168ff, und später des Samkhya), von diesem 5
das Wasser, von ihm das Feste; und das Seiende geht dann
als Gottheit (devata) in diese drei Gottheiten mit seinem
lebenden Selbst?) ein und breitet „Namen und Gestalt“ (s. S. 160)
auseinander. Diese drei Faktoren, die Vorläufer der drei gunas
des Sämkhya (s. S. 185), bilden durch gegenseitige Mischung 10
die Welt; aus ihnen besteht sie — und damit treibt Uddälaka
Aruni nicht mehr Kosmogonie, sondern „Naturphilosophie“,
Er spricht dabei von „Dreifach-machung“.
Einerseits
meint er damit, daß jede empirische makrokosmische Größe
(das einzelne Feuer usw., das von der Gottheit Glut wohl zu 15
unterscheiden ist, wie etwa auch bei Heraklit, s. S. 176) aus
allen drei Faktoren besteht.
Andererseits meint er aber auch
damit (das sah schon Drussen, Sechzig Upanishads, S. 156),
daß jeder der drei Faktoren sich in drei Teile, grobe, mittlere
und feine (vgl. Anaximander usw.), spaltet, und also der
20
Mensch aus neun Teilen besteht: das Feine der Glut wird
zur Rede, des Wassers zum Lebenshauch, des Festen zum
Denken usw.
Dieser Lehre widerspricht wiederum die Erklárung des Phänomens des Todes: da geht nämlich nicht
jeder mikrokosmische Faktor in den betreffenden makrokos- 25
mischen ein (etwa Rede in Glut), sondern die Rede in das
Denken, das Denken in den Lebenshauch, dieser in die Glut
und die Glut in das Seiende. Es war dem „Empiriker“ Uddälaka Aruni offenbar nicht möglich, seine metaphysische Lehre
ungetrübt durchzuführen?).
80
1) Er vermeidet Yäjñavalkyas Terminologie ätman=— brahman (s.
8.164, Anm. 1); sein Seiendes hat ein Leben-Selbst (jtva ätman, ib.
VI, 8, 2). Parmenides vermeidet von ,Gottheit* zu sprechen (Z.
I, 1, 697).
2) Daß trotz dieser Ungereimtheiten an der einheitlichen Verfasserschaft Uddalaka’s festzuhalten ist, kann man damit begründen, daß jeder
neue Gedanke „motiviert“ ist, was sonst kein Verfasser der Upanisaden
derart als feststehende Methode hat (vgl. Verf. in ZDMG. 1929, S. 250),
und was in Chand. Up. VII (s. S. 177, Anm. 2) fortgesetzt wird.
Page 23
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Ruben.
Das Verhältnis des Seienden oder der drei Urfaktoren
(denn auch diese sind satya = metaphysisch real: ib. VI, 4, 1—4)
zur empirischen Welt ist das einer Umwandlung (vikára) wie
spiter im Sámkhya. Und Uddälaka Aruni bestimmt es weiter,
5 indem er an die alte Sprachphilosophie anknüpft. Wenn früher
die Rede gepriesen wurde, weil sie die Vielheit kosmogonisch
schafft, verurteilt sie Uddälaka gerade deswegen analog jener
radikalen mystischen Umwertung Yäjñavalkyas.
Die vielen
Umwandlungen (vikara = Prozeß und Produkt der Umwand10 lung ohne Unterscheidung) sind nur Namen (nämadheya), nur
Produkt?) der Rede (vac ärambhanam: s.S. 161: RV. X, 125, 8).
Aber man darf bei keinem dieser Upanigad-Denker von
»lllusionismus* oder „Idealismus“ (Str. 51) reden. Denn Pratardana vergleicht das Absolute und die damit ganz deutlich
15 als Realitäten anerkannten Phänomene der Empirie (die subjektiven und die objektiven) mit der Nabe, den Speichen und
dem Kranz des Rades (Kaus. Up. III, 8; vgl. Brh. Up. II, 5, 15)
oder mit dem Feuer und seinen Funken (Kaus. Up. III, 8);
Yäjñavalkya mit der Trommel, Muschel, Laute und ihren
20 Tönen (Brh. Up. II, 4, 7f.); Uddalaka mit dem Ton und dem
tönernen Topf (Chand. Up. VI, 1, 31f.); beide mit dem Salz im
Wasser (Brh. Up. II, 4, 12; Chand. Up. VI, 13); Ajätasatru
mit dem Schwert in der Scheide, dem Feuer im Holze (Kaus,
Up. IV, 20). Alle zeigen für indische Verhältnisse relatiy
25 große Kenntnisse und Interesse auf dem Gebiet der Empirie?);
und es ist sicher in ihrem Sinne, wenn ein anonymer Mystiker
(Brh. Up. II, 3,6), nachdem er Yajfiavalkyas berühmte Worte:
„Nein, Nein“ zitiert hat, das Absolute „die Realität der Realität“ nennt, wenn Ajäta$atru (ib. II, 1,20) dieselbe Bezeichnung
so gebraucht, nachdem er das Bild von den Funken um das der
Spinne (s. S. 165) und ihres Fadens vermehrt hat, und wenn
1) Création du language: Sexarz, Chandogya-Upanisad, 1980, 8. 80.
2) Dahin muß man such Yajfiavalkya's Interesse für das Opfer
rechnen.
Vom sozusagen empirischen Standpunkt aus deutet er ferner
das karman moralisch (Brh. Up. IV, 4, 5), während nach seiner Lehre
im Sione der Mystik das brahman jenseits von Gut und Böse ist (ib,
IV, 2, 4; 8,22 usw.).
Page 24
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)schließlich ein Dritter (Brh. Up. I, 6, 8) vom „Unsterblichen“
spricht, „das durch die Realität verhüllt ist“.
Die Rede hat bei Uddalaka die Rolle der „mäyä“ (Zauber)
im späteren Vedanta’); aber sie schafft keinen Trug, sondern
nur „weniger“ reale Erscheinungen?), wie sogar noch bei Sañ- 5
kara (vel. RaApHareısunan, Vedanta, S. 185 ff.) und bei Bhartrhari*) (im Gegensatz zu Gaudapäda) die maya einen Teil
Realität behält.
In diesem Sinne ist Uddalaka Aruni der
Begründer des Vedänta, wie er aber auch vom Sämkhya als
Begründer seines „Rationalismus“ (vgl. Verf. in ZDMG. 1929, 10
8.255, A. 1: Sehlu8 vom Sproß auf seine Wurzel) und seiner
Metaphysik
(drei
gunas,
vikära)
in Anspruch
genommen
werden kann.
Man darf bei diesen Denkern aber auch nicht von „Dua-
Jismus“ oder „Monismus“ (psychischem oder materialistischem) 15
reden, denn Uddälakas Gottheit, sat, ist causa materialis und
1) Vel. nada (Ton) als Siva's weltschaffende Macht im Spandasüstra
(Bhandarkar, Vaisnavism, Saiviem ... 8. 130). Vgl. Surraunzar, WZKM.,
92,142.: Ramanuja!
Kerra, Religion and Philosophy of the Veda,
8.580; Scuarme, Vorarbeiten zur Geschichte der mahayanistischen Erlösungslehre, 1922, 8. 42f.
2) Das Denken war damals noch ein „egosentrisches*, d.h. man
beacbtete nur einen ätman, ein sat, aus dem eine empirische Welt hervorgeht, und man ging darüber hinweg, daß es auch andere Subjekte mit
ihren nur zu ihnen gehörenden Objekt-Welten geben muß (s. 8.177,
Aum. 2; 8.181, Anm. 4; 5.153, Aum. I), Dieser „Egozentrismus® ist
also kein spiritualistischer Singularismus oder dergl. (s. Eısıer unter
Monismus usw.), sondern eine in dieser naiven Form in Europa nicht belegte Weltvorstellung (vgl. die egozentrische Einstellung der indischen
Ethik). „Rede“ ist in den Upp. nicht als mikro- oder makrokosmische
unterschieden. Aber nur eine ausdrücklich mikrokosmische Rede würde
Illusionen, subjektive Trugbilder schaffen (wie die kalpaná Dignaga's
und wie der upacära Vasubandhu's ,subjektivistisch* sind). Daher kämpft
spiter Saıkara als Vertreter eines sozusagen „objektiven Idealismus“ gegen
den ,Illusionismus* des Yogäcära (Radhakrishnan, Vedanta, Kap. XVIII;
XXXII) nachdem erst Dharmaktrti in der Samtänäntara-siddhi den „Egozentrismus* (vgl. YS. IV, 15) bekämpft hatte.
8) Er knüpft mit Vakyapadıya III, 2, 4 (8. u.) sozusagen direkt an
Uddalaka an; vgl. ib. 7: atattva = tattva; ib. 99M gegen kalpanî und
für bahy-ärtha; ib. 8, 29: artha und éabda immer verbunden (Realismus
der Mimämsä).
Page 25
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen,
agens zugleich: er ist also „Hylozoist“. Und Väjñavalkya,
der den „Geist“ als solchen so klar erkennt, läßt ihn einerseits „dualistisch“ „in“ allem sein wie Salz im Wasser (s.
8.168), andererseits eins sein mit der empirischen Vielheit
5(8. S. 164; 165). Yäjñavalkya hat also keinen eindeutigen
Standpunkt,
und
auch
Pratardana nicht, wenn er keine
Schwierigkeit dabei empfindet, Materielles aus Geistigem hervorgehen zu lassen (s. u! Buddhismus, S. 181, A. 1)?).
Es ist deutlich, daß die metaphysische Einheitstendenz
10 dieser Denker der eleatischen verwandt ist. Das „Werden“,
das seit den Kosmogonien im Mittelpunkt des Philosophierens
gestanden hatte, wird als problematisch erkannt und das
Werden, resp. das Gewordene, abgelehnt.
Das „Prinzip“ wird
entschieden höher bewertet als seine Produkte, und wird als
ıs metaphysisch Reales entdeckt.
heitsdenken erfolgt
Der Zugang zu diesem Einin Griechenland von Xenophanes' Bekämpfung des Polytheismus (was freilich Rernmanpr bestreitet);
ein solcher war in Indien nicht nötig.
Die Inder gingen deshalb von ihrem brahman und ihrer Mikro-makro-kosmos-Anazologie aus.
Aber auch insofern sind sich hier beide Kulturen
ähnlich, als das Mystische in diesen ersten literarischen Dokumenten des „Pantheismus“ ganz hinter dem Rationalistischen
zurücktritt: keiner dieser Denker redet „in Zungen“.
Das Seiende des Parmenides, der Gott des Xenophanes
es entspricht in der Grundabsicht dem Seienden des Uddalaka,
dem brahman des Yäjnavalkya.
Auch das Seiende des Parmenides ist das einzige Objekt der Forschung, ist ewig (fr. 8,5
Drets), ohne Anfang und Ende (8, 27), ist Eines, außer dem
es nichts geben kann (8, 37).
Es ist Denken (5; 16,4; vgl.
so Winpetzanp, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie", S. 33);
Denken und Gegenstand des Denkens sind dasselbe (Z. 1, 1, 694).
1) Faauwaiıne a. a. O., 8. 15 deutet Yäjñavalkya als Dualist; aber
gegen seine Stellen sprechen die deutlich monistischen Brh. Up. IV, 4, 5;
TI, 4, 6; IV, 4, 19.
Besser ist es, wenn er WZKM. XXXII, 1925, S. 196
den Dualismus erst im Sämkhya „scharf ausgeprägt“ sein läßt.
Sollte
die Unklarheit dieser Denker mit der , Toleranz* gegeneinander zusammenhängen (s. S. 162, Anm. 1)?
Ist auch Uddalaka's doppelte (8. 167) „Dreifachmachung* heranzuziehen?
Page 26
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Gott bei Xenophanes ist (monistisch) das All (Z. J, 1,653; 656)
und lenkt (dualistisch) das All mit der Kraft seines Geistes
(fr. 25), ist immer gleichmäßig (Z. I, 1, 660), ungeworden und
unverginglich (Z. I, 1, 663).
Gott ist ganz Auge, Geist, Ohr
(Z. I, 1, 646)*), ohne daß man die Eleaten Idealisten nennen 5
dürfte.
Wenn Yäjñavalkya feststellt, daß das Seiende nicht werden
könne (Brh. Up. III, 9, 28; vgl. IV, 4, 20: ajäta), und Uddälaka, daß aus Nichtseiendem kein Seiendes entstehen könne
(Chand. Up. VI, 2,2) so entsprechen diese beiden in dieser ab- 10
strakten Art einzig in den Upanisaden dastehenden Sätze, die
die uralte Diskussion einstweilen abschließen (s. S. 156f.) und
für die Anhinger des Vedanta und Sämkhya bis heute Geltung
haben (satkäryaväda, s. S. 186), den beiden Argumenten, die
Parmenides (8, 6ff.; vgl. 8, 20: sl ydo Epev?, odx Eor(w)) als 15
Kernstück seines Gedichtes anführt?).
Und wenn Xenophanes die Vielheit und Veränderlichkeit
des Empirischen neben dem Seienden bestehen ]&8t?), wenn
Parmenides neben der Lehre der „Wahrheit“, die der „Meinung“ ausführlich behandelt, so gleichen sie auch darin den 20
großen Upanisad-Denkern, die, um Ausdrücke des späteren
Vedanta (Mund. Up. I, 1, 4) zu gebrauchen, die „niedere*
1) Vyl. RV. X,81,8 (zit. Svet. Up. 111, 8): Gott ist allseitig Auge usw.;
Joël, Geschichte der antiken Philosophie I, S. 418 vergleicht den eigentlich nicht passenden Superlativ Xenophanes fr. 28: ele Dede Ev re Drotor
uéyuoros mit RV. X, 121,8: yo devesv adhi deva eka eva fistt; vielleicht:
der der Eine war über (s. PW. s.v.2dß) den Göttern. In Vers 7 heißt
es, daß er (Prajäpati) das Leben der Götter ist, er, der Eine.
2) Daher braucht man bier vielleicht nicht eine Lücke anzunehmen,
wie Dus vermutet, es habe auch gesagt sein müssen, daß auch aus
Seiendem kein Seiendes entstehen könne: dies ist nämlich erst die Lehre
der ,Synthetiker*, ». 8. 184, 187,
8) Zeıren I, 1, 668, A.4f. meint, dag Xenophanes in diesem Nebeneinander kein Problem sah.
Nach Diets’ Anordnung der Fragmente gilt
die Empirie dem Xenophanes als bloße Meinung (d6xog fr. 34) wie
Parmenides. Auch Xenophanes fr. 7 spricht von xéevdos wie Parmenides
fr. 4,4 und läßt die Wahrheit von den Göttern stammen (fr. 18) wie
Parmenides. Woher aber stammt die ddg@ (resp. maya)? Das ist bei
Parmenides (WixpeLsanp, Lehrbuch d. Gesch. d. Phil, S. 49) und den
Indern gleich unklar und wurde wesentlich nach Sankara erst Problem.
Page 27
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Busen,
Wissenschaft ebenso ausführlich behandeln wie die „höhere“,
»Theismus* und „Pantheismus“ (Z. I, 1, 657f, Str. 59) stehen
bei Xenophanes und den Indern unausgeglichen nebeneinander
wie „Monismus“ und ,Dualismus“ (s. S. 169f).
Das Seiende
sist bei Parmenides und Uddälaka deutlich räumlich ausgedehnt,
ist nicht „Sein“ als abstrakter Begriff; es ist Substrat des
All.
Und ebenso ist brahman-ätman-Geist des Yajnavalkya
und Pratardana und Gott des Xenophanes aufzufassen als die
causa materialis (6rovyetov) der empirischen, und damit als
10 solcher weniger realen und weniger wertvollen Welt.
Charakteristisch unterscheidet sich aber das Seiende des
Parmenides vom indischen, wenn es kugelfórmig (Z. 1, 1, 695)1)
und als in sich „dichte“ Einheit (ovveyés: fr. 8, 6) gedacht
wird: das ist griechische Anschauungsfreudigkeit und physi-
15 kalische Intuition.
Parmenides sagt, daß erst die Menschen den Dingen ihre
unterscheidenden Namen
beigelegt haben (xaré@evro),
von
denen sie glauben, sie seien wahr, so daß Werden und Vergehen, Sein und Nichtsein, Veränderung des Ortes und Wechsel
so der Farbe bloße Namen (6vou«) sein werden, bezogen auf das
eine unveränderlich Seiende (19, 3; 8, 38; Z. I, 1,695). Das
ist ähnlich skeptisch gegen die Empirie wie Uddälakas Kampf
gegen die „Rede“, bezieht sich aber auf die griechische Unterscheidung von Thesis (Setzung) und Physis (Natur)?).
25
Die indische Rede-Spekulation ist eine charakteristisch
indische Ausgestaltung der uralten und nicht nur indischen
Vorstellung, daß ein Gott durch sein Wort die Welt schafft®).
Diese Vorstellung lebte — wenn auch so gut wie gar nicht
direkt erhalten — bei den Griechen ebenfalls noch bis in
1) Ebenso bei Pythagoras (Z. I, 1,521), Xenophanes(? Z. I; 1, 661),
Empedokles (Z. I, 2, 978), Platon (Z. IT, 1, 808), Aristoteles (Z. IT, 2, 448);
s. 8.225, A.2: Megasthenes.
Vgl. Z. I, 1, 458: ,begrenzt* ist nach den
Pythagoräern besser als ,unbegrenzt*.
2) Diese Unterscheidung findet in anderem Zusammenhang RernHARDT (Parmenides, S. 82ff.) bei ihm.
3) Z. B. in der memphitischen Theologie: Sern, Dramatische Texte
zu altigyptischen Mysterienspielen, 1928, S. 57.
Garland of Letters, S. 3f.
Vgl. Woopnorre, The
Page 28
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)diese „Periode“, denn obgleich es erst spät bezeugt ist, so ist
es doch wahrscheinlich in der Sache alt (wenn auch nicht im
Ausdruck!), daß die Pythagoräer den Dingen ihre Namen
„von Natur“ (pVosı) zugehören ließen (Z. I, 1,581, A.2). Das
entspricht der später ausgesprochenen Lehre der Mimämsä 5
von der Ewigkeit der Worte und ihrer ewigen Verbindung
mit ihren Gegenständen, gegen die das Vaißesika den Begriff
der bloß „konventionellen“ Verbindung (samketa), Nägärjuna
den der „bloß empirischen“ (vyavahära), Dignäga den der
illusorischen, fiktiven (kalpanä) Verbindung stellte.
10
Es ist denkbar, daß Parmenides mit den oben wiedergegebenen Worten gegen eine solche Lehre polemisierte, ganz
ähnlich wie Uddälaka gegen die Rede, und daß danach erst
das Problem in Indien und Griechenland in der „klassischen“
Form behandelt wurde.
Parmenides lehrt, daß die Menschen 15
irrtümlich benennen, was sie sinnlich-naiv zu erfassen meinen
(fr. 1,35f); das echte (philosophische: ¿rfruuov, fr. 8, 18)
„Reden“ kann sich ebensowenig wie das Denken auf ein Nichtseiendes beziehen (fr. 4; 6,1; 8,17; 8,85).
Er betont damit
auffallend häufig (und daher vermuten wir: polemisch) die so
Zusammengehörigkeit von Sein, Erkennbarkeit und Benennbarkeit (s. u. Gorras, Eythydem und Kratylos, S. 194), zieht
daraus aber nicht die Folgerungen wie später etwa der indische „Begriffsrealismus“ (ausdrücklich bei Pra$astapäda, 8.16
ed. VSS.)1); er unterscheidet vielmehr wertend zwischen laien- 25
haftem und wahrem Reden und gleicht darin Heraklit, während
der Vedänta alle empirischen Worte für ewig, das eigentlich
Reale (brahman) für unsagbar erklärt.
Bei Heraklit lebt wahrscheinlich die uralte Vorstellung
vom Schöpferwort in ganz anderer Form wieder auf?),
Mit so
9) Ähnlich der ‚Ulusionismus* eines Dharmaktrti in dem berühmten Vers: weil blau und die Vorstellung „blau“ nicht ohne einander
nachweisbar sind, sind sie identisch. (Nach ViprasHusana, History of
Indian Logic, 1921, S. 808 aus seinem Pramana-vinigcayas zitiert im Sarv.
Daré. Samgr. 11, 204, ed. Poona 1924, Nyayaratoakara VII, 72, Tattvavaisaradı IV, 14; Nyayavartt. tätp. tika 467, 12 ed. VSS.)
2) Man braucht wohl nicht mit Lassalle (Heraklit I, 363.) an Entlehnung aus Zorosster zu denken. Man kann freilich keine ältern logos-
Page 29
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusex,
dem logos ist bei Heraklit in echt griechischer, physikalischer
Denkweise die Gesetzlichkeit des Kosmos gemeint.
Der logos
ist das gesetzmäßige Werden der Natur, als Prinzip (oro:yetov)
hypostasiert.
Das Reden „nach Maßen“ ist mit diesem Ters minus „logos“ dadurch dem „Feuer“, dem „Gott“ usw. gleichgesetzt; er ist ewig (fr. 1), Allem und Allen gemeinsam (fr. 2);
aus Heraklit spricht der logos; die Menschen „hören“ (éxovGuvreg, fr. 1; 34; 50) ihn, aber verstehen ihn nicht, und doch
ist es möglich „die Wahrheit zu sagen (und zu tun) auf die
10 Natur hinhörend“ (zarà quoi bxatévrag, fr. 112).
Heraklit
würde also wie die Pythagoräer sagen, daß die Namen den
Dingen von Natur zugehören und daß der Weise sie hören
kann; und wenn bei ihm das scheinbar dauernde Feuer (s. u.)
je nach dem eingestreuten Weihrauch verschieden „benannt“
15 wird, so ist es für Heraklit — im Gegensatz zu Parmenides
— mit Recht verschieden benannt, denn das Feuer wird in
der Tat jeweils ein anderes.
Heraklit sagt (fr. 102): dem
Gott sind alle Dinge gut, schön und recht, während nur die
Menschen sie teilweise für schlecht, häßlich und ungerecht
zohalten.
D. h.:
im
„pantheistischen“
logos
gibt
es nichts
Falsches; aber die Menschen, die den logos nicht hören, halten
in ihrem beschränkten Verstand (fr. 2) einiges für schlecht usw.
Insofern
verurteilt
Heraklit
die „Rede“
des
gewöhnlichen
Menschen wie Parmenides, und wie in Indien die Buddhisten
25 (8. S. 193) das Reden der Laien, d. h. die Empirie, verurteilten.
Gegeben hat es ferner auch in Griechenland sicher den
pralogischen, naiven „Intuitionismus“, der mit der (unbewußten)
Grundlage der Rede-Metaphysik zusammengehört,
und den
Übergang zum argumentierenden Denken, der allmählich gesoschah und in Indien in aller Deutlichkeit eben bei Uddälaka
in die Erscheinung tritt (s. S. 167, A.2), und zwar in Griechenland in demselben Abschnitt der Geistesgeschichte. Von Thales
Vorstellungen in Griechenland aufweisen.
Ein versteckter Rest liegt aber
vielleicht vor, wenn Xenophanes sagt, es kann sein, daß einer die Wahrheit redet, wührend sein Denken durch die Meinung getrübt ist (fr. 84).
Ist da eine Spur der in Indien so deutlichen „intuitionistischen“ Rede,
die nicht irren kann, weil jedem Wort etwas Reales entsprechen muß?
Page 30
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)wissen wir von keiner Schrift (aber vgl. A. Baumawx, Formen
der Argumentation beiden vorsokratischen Philosophen. Wirzb.
Diss. 1906, S. 40) und noch von Hesiod vor. keinem Argument.
Aber der alte kosmogonische Denker Pherekydes (Z. I, 1, 116)
hat eine Etymologie verwendet (y%-yégus) als ein Argument
oder eher wie eine Art spielerisches (wenigstens fiir unser
5
Empfinden), assoziatives Beiwerk zu einem Mythos; daneben
eine Atiologie (Hochzeitssitte), beides ganz in der Art wie
haufig in den Brahmanas und Upanisaden.
Dabei beruht die
Beweiskraft der Etymologie doch wohl wie in Indien darauf, 10
daß die Namen den Dingen von Natur zugehören.
Anaximander schließlich (fr. 14; 15; 17) soll sein Prinzip, das Unendliche, damit motiviert haben, daß der Urstoff unendlich
sein müsse, damit das Werden nicht aufhòre!); und dieser
Urstoff darf nicht bestimmter Natur sein,
anderen bestimmten Stoffe
da er sonst die 15
verdrängen würde (fr. 16).
Daß
diese Argumente auf ihn selber zurückgehen, ist bei dem ersten
wahrscheinlich (Z. I, 1, 272, A. 6), bei dem zweiten unwahrscheinlich (ib. 290).
Auf die eleatische Philosophie als die erste „These“ der 20
eigentlichen Metaphysik folgt in Griechenland als „Antithese*
Heraklit; dem analog folgt in Indien auf die Upanisaden,
und zwar auf die Kausitaki-Upanisad (s. S. 215f), Buddha.
Beide, Heraklit und Buddha, betonen in bewußtem Gegensatz
zu ihren Vorgängern die alleinige Realität des Werdens, oder 25
vielmehr eines ewig und unablässig \Verdenden (Str. 90), und
leugnen das unveränderliche Sein eines Absoluten, resp. ein
ewig dauernd Seiendes (ör; ätman).
Wenn Epicharm?) einen
1) Der Urstoff muß räumlich unendlich sein, damit an keiner Stelle
der Welt ein Ende des Werde
.
Würde man dns Argument so
deuten, daß dus Unendliche unausschöpflich seiu miisse, damit das Werden
zeitlich nie zum Ende gelange, so wäre damit vorausgesetzt, daß beim
Werden Stoff verbraucht wird.
Das darf man aber bei Anaximander
nicht annehmen, da nach seiner Lebre die Dinge wieder in den Urstoff
eingehen, also kein Stoff vergeht und das Unendliche immer wieder aufgefüllt wird; wenn es überhaupt erlaubt ist, das Fragment so weitgehend
auszudeuten.
2) Nach Z. I, 1, 609, A.3 gegen Renmanpr.
Page 31
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Runen.
Heraklitäer sagen läßt, daß Du und ich gestern andere waren,
als wir heute sind, und da8 wir so in alle Zukunft wieder
andere sein werden, so sagt Buddha, daß das Kind, der Mann
und der Greis immer andere sind, nur als Kette (samtäna)
sder ständig wechselnden Phänomene (dharma) scheinbar dieselbe Persönlichkeit sind.
Wenn Heraklit sagt, daß das Feuer
je nach dem hineingeworfenen Räucherwerk wechselt!), d. h.
ein anderes und anders benanntes (s. S. 174) wird, so sagt
der Buddhist?), daß sogar der scheinbar dauernde Kristall
10 nicht bestehen bleibt, denn wenn man ihm eine rote, blaue usw.
Folie unterlegt, so wird er dementsprechend jedesmal ein
anderer; der rote Kristall vergeht*), der blaue entsteht und
tritt an seine Stelle so schnell, daß wir meinen, es wäre derselbe Kristall.
Und so wechselt — wenigstens in der später
15 durchgeführten Schulmeinung — auch der Kristall an sich,
d.h. nicht nur, wenn seine Folie geändert wird.
Beide, Heraklit und Buddha, reden oft vom Feuer. Buddha
setzt
in
bildlicher Sprache
dem
,,Feuer‘ des Geschehens
(Str. 93; vgl. OLpensere, Buddha”, S. 298ff, der auf Heraklit
20 hinweist) das Verlóschen des „Nirväna“ entgegen.
Heraklit
ist andererseits noch in Milesischen Spekulationen befangen,
wenn er das Feuer als Prinzip behandelt, dessen „Umwandlungen“ (rçoxa{, Z. 846, A. 2) erst das Wasser, dann die Erde
sind (s. o. Uddalakas drei Faktoren).
Aber er denkt in seiner
25 naturphilosophischen Theorie, die von dieser Kosmogonie zu
unterscheiden ist‘), nicht an empirisches Feuer (Z. I, 2, 810,
A.1) (s. Uddälakas entsprechende Unterscheidung, S. 167) und
1) &lowwöreı: fr. 67; oder: Wein wechselt, je nach Parfüm: Z.1,2,
833, A. 2.
2) NS. IIIb 10; von Buddha nicht belegt, aber gut seine Lehre
von der Vergänglichkeit in der späteren Form der „momentanen* Vergänglichkeit illustrierend.
8) Grob gesagt, denn eigentlich gibt es keinen roten Kristall, soudern nur dus Zusammensein von dem Phänomen rot und den Phänomenen
hart, durchsichtig, schwer usw.
4) So scheint auch bei Anaximenes zwischen einer kosmogonischen
(4.1, 1, 324f.) und naturpbilosophischen (Z. I, 1, 322f) Theorie zu unterscheiden zu sein.
Page 32
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nicht mehr an den einmaligen Vorgang eines kosmogonischen
Werdens, sondern an einen „Austausch“ (Z. I, 2, 819, A. 2:
Guotf).
Feuer „symbolisiert“ — wie wir sagen — ihm
gleichsam die Ewigkeit des Werdens. Alles war, ist und wird
sein „ewig lebendes Feuer“ (Z. I, 2, 811); der Krieg ist es, 5
der Alles erzeugt (Z. I, 2, 823). Feuer „stirbt seinen Tod‘
im Wasser und umgekehrt: mit diesen verschiedenen Beschreibungen sucht Heraklit, der „Dunkle“, einen neuen Ausdruck (Z. I, 2, 822, A. 1) für seine Lehre vom alleinigen
Werden, wie ihn Buddha in seinem originalen Terminus „in 10
Abhängigkeit entstehen‘ (pratitya-samutpada) findet, der das
Nacheinander, das Kausalverhältnis der Phänomene bedeutet.
Buddha ist als Revolutionär gegen die Upanisaden weiter,
er ist — das ist typisch für Indien — metaphysisch konsequenter als Heraklit, wenn er den ätman als das Absolute, 15
Seiende
schlechthin
leugnet
(sabbam
anattä:
OLDENBERG,
Buddha, S.239ff.), während Heraklit im Feuer, dem Einen
und Weisen (Z. I, 2, 889, A.2), dem Gott (ib. A.4), dem
logos (ib. A. 8), der Seele (Z. 1, 2, 815), der Zeit (elów: Z.
I, 2, 843, A. 1) ein ewiges, aber freilich nicht dauerhaftes!)
20
Urelement (ovosystov) beibehält. Buddha lehrt, daß die empirische, scheinbar dauernde Welt nichts ist als ein Nacheinander (und Nebeneinander) von substratlosen Phänomenen;
und er folgt bei der Darstellung dieses Nacheinander in den
»nidanas (St. 94f.) der Methode, Reihen materieller (z. B. 25
sad-äyatana), abstrakter (z. B. bhava) und psychologischer
(z. B. avidya) Begriffe aufzustellen, wie es etwa in Chand.
Up. VII geschehen war?). Heraklit dagegen lehrt ein immer
1) Exst der Nyaya unterscheidet später ewig (nitya) und dauernd
(avasthita) im Kampf gegen das Samkhya mit dessen Begriff nitya-
Parinämi, vgl. Srrauss, Festgabe Jacobi, 8. 865.
2) Seine Reihe erinnert noch im Ausdruck, der traditionsgebunden
ist, an die Kosmogonien (Kern, Manual of Indian Buddhism, 8. 47; vgl.
3. B. Samy. Nik. 11, 73: egozentrische Kosmogonie: loka-samudaya), ist
aber nicht mehr kosmogonisch gemeint, denn die nidanas sind gleichzeitig
immer da (vgl. Srouxrsarsxy, Central-Conception, 8.28, A. 3).
Dabei
ist die Abfolge der nidänas; vijüäna (Bewußtsein), Individualität (namarüpa) und gadayataua, die (sechs) Sinne uud ihre Gegenstände (wörtlich:
Page 33
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen,
wechselndes Gemisch, ein Hin und Her, ein Gegeneinander
der „Gegensätze‘‘ (Evavriórnres), die von Anaximander an die
kosmischen Vorstellungen der Griechen beherrschen. So stehen
beide, Buddha und Heraklit, in der Tradition ihrer Kultur
sund sind beide Revolutionäre in demselben Sinne: das Werden
ließ sich nicht leugnen, wie es die ersten „Metaphysiker‘,
Parmenides und Yäjñavalkya, gewollt hatten.
Aber Heraklit lernt auch von den Eleaten und unterscheidet sich damit von den Ioniern, daß seine Vielheit durch
10 eine Einheit zusammengehalten wird.
So findet er die Einheit
des logos, d. h. Naturgesetzlichkeit (vgl. fr. 30: uéroc). Buddha
andererseits läßt die Phänomene in „bedingter Abhängigkeit“
einander folgen:
die Wirkung folgt notwendig (wir würden
sagen: naturgesetzlich) auf die Ursache, wie Wasser nur zu
15 Tal, nie zu Berge fließt.
Damit stehen beide in engster Beziehung
zur exaktesten
damaligen Naturwissenschaft: der Medizin‘). Der erste wissenschaftliche Arzt in Europa, Alkmaion (vgl. Z. I, 1, 608), und
danach die griechische Medizin überhaupt, läßt Gesundheit in
sechs „Stützpunkte®, denn so kann man äyatana wie bei Yajfiavalkya
übersetzen: die Stellen in Jacom's Concordance dürften alle erst nach
Yajñavalkya sein; ayatana = Zugang ist späte Etymologie: ayam tanoti)
eine Weiterbildung der des Pratardana: prajüiä-prajnämäträ-bbütamäträ.
Vgl. Mund. Up. I, 1,9: brabman-nämarüpa-anna = Geist-IndividualititObjekt(?).
Damit ist Buddhas Weltbild ebenso ,egozentrisch* wie das
der Upanigad-Denker, s. S. 169, A. 2 Aber Buddhas eigentlich gemeinter
Begriff einer sozusagen „zureichenden Bedingung“ (s. 8.179, A. 1) ist
etwas ganz Neues gegen Pratardanss causa materialis, die im Sämkbys
fortlebt, nnd ähnelt eher Chand, Up. VII.
Uddalska Aruni (Chand. Up.
VI, 2) ließ aus Glut (Schmerz, Anstrengung) Wasser (Tränen, Schweiß)
hervorgehen, aus Wasser (Regen) Festes (Korn); in Chand. Up. VII, 11,1
wird sein Gedanke (s. 8. 167, A. 2 und $. 158f.) fortgeführt: aus Wasser
(Regen) entsteht Festes, die Glut erzeugt (erjaté) Wasser (Regen), indem sie
den Luftraum erhitzt.
Hier ist Glut nicht mehr causa materialis, sondern
sbedingt* das Wasser. In Yäjñavalkyns Denkrichtung spielt dies Problem
keine Rolle; Buddha hat ulso zu Yajiiavalkya-Pratardane und zu Chand.
Up. VI—VIII Beziehungen.
1) Zauberhaft-assoziative und bloß empirisch-beobachtende Medizin
hatte es schon längst gegeben.
Philosophie, $. 109.
Vgl. zur Frage: Misc, Der Weg in die
Page 34
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)der Isonomie der Gegensätze bestehen (fr. B 4), heilt Krankheit mit dem einen (z. B. Warmen), nachdem er das andere
(z. B. Kaltes) als Ursache der Krankheit erkannt hat. Heraklit
spricht aber schon von der Harmonie der Gegensätze, von
Hunger und Durst (fr. 111; Z. I, 2, 805, A), Ruhe und Be- 5
wegung (das waren die wesentlichen therapeutischen Mittel
der alten Ärzte), Kalt und Warm, Trocken und Feucht (das
waren die vier hypostasierten Qualitäten, die man als Krankheitserreger ansah) (vgl. Joël, Geschichte der antiken Philosophie, I, S. 307): vielleicht also war Heraklit selber auch 10
Mediziner, wie Alkmaion selber auch Philosoph war.
Buddha andererseits trägt seine Lehre in den vier ,,heiligen Wahrheiten‘ (Str. 89fî) vor: 1. Diagnose: Alles ist Leid
(Satz der pessimistischen Weltanschauung). 2. Ätiologie: Leid
geht auf eine bedingende Ursache, letzten Endes auf Ver- 15
blendung zurück (Buddhas Metaphysik)‘. 3. Prognose: durch
Aufhebung der Verblendung wird schließlich auch das Leiden
behoben werden (Buddhas nidänas in umgekehrter Reihenfolge)*).
4. Therapie: zur Aufhebung der Verblendung usw.
ist der achtfache Pfad zu betreten (Heilsweg der buddhisti- 20
schen Kirche).
Die medizinische Fotm*) dieser-Lehre haben die Buddhisten
1) Hippokrates’ charakteristische Definition der Krankheitsursache:
„Diejenigen Dinge muß man für die Ursache («trlo) einer jeden (Krankheit) halten, durch deren Gegenwart (6» sagedvtmy) sie (die Krankheit)
in dieser Weise werden muß, ...* (x29) dozalne interno, XIX) betont
das naturnotwendige Bedingungsverhältnis ganz ähnlich wie Buddhas
Definition der Ursache: „Wenn dies da ist, muß das sein“ (Majjh. Nik. usw.;
Sronensaraxy, The Conception of Buddhist Nirvana, 8.89, A.2). Alkmaion (Z. I, 1, 601, A. 1) soll #£ ob, dp’ 09 und &v $ unterschieden haben,
aber das sind aristotelische Begriffe.
2) Anders: Srzauss, Journal of the Taisho University, VI— VII, 1980,
8.18. über die Reihenfolge. Vielleicht ist Heraklits 6005 ¿yw und xdro
für Alkmaions Theorie der Gegenmittel wichtig gewesen.
8) Caraka =. B. unterscheidet die Diagnose (roga-vifesa-vijñänam:
4; vgl. Jour, Medizin, $ 20), die Ätiologie (nidänam: II, 1; Jorzr,
II,
$ 38), die Prognose (pürra-rüpam: V; Jour, $ 21) und die Therapie
(kalpana: I, 18—16, oder yojana, 22f.; Jorzr, $ 24#.). Kern, Manual
of Indian Buddhism, 8. 46£; De La Varıta Povssm, IRAS. 1908, 580;
Macpoxerz, Indias Past, 8. 152f. (OLZ., 1980, Sp. 798f.). Bei all dem
Zeitschr. hi Ind. u. Iran. Bd. VIII.
Page 35
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Ruzzx.
selber betont.
Nimmt man hinzu, daß Buddha sich selber
einen Arzt nennt, und die Erlösung der Gesundheit vergleicht
(Majjh. Nik. I, 8. 506), daß Buddha ein Sütra über Medizin
verfaßt haben soll!) und daß die Buddhisten allgemein ein
5 großes Interesse an Medizin hatten (Jonny, a. a. O. 14), so
zeigt sich auch hier Buddha dem Heraklit ähnlich.
Als „Synthesen“ dieser ,,These*
und ,,Antithesett
gelten die griechischen Systeme des Anaxagoras, Empedokles
und Leukipp-Demokrit.
Von diesen entsprichc dem Anaxa-
10goras in mancher Hinsicht das Samkhya des Kapila, dessen
älteste Form (s. S. 218) wir freilich nicht kennen, da alles
brahmanische Philosophieren der ersten Zeit nach den alten
Upanisaden im Gegensatz zum buddhistischen, jainistischen
und „materialistischen‘‘ (Lokayata, s. 8.190 ff.) als „Sämkhya‘*
15 bezeichnet wurde,
So wird das älteste Sämkhya, das ans dem „unbewußten
Hylozoismus des Uddälaka einerseits mit Übernahme der
Vorstellung
Yajiiavalkyas
von
der
‚reinen‘
Intelligenz?)
andererseits hervorgegangen ist, vermutlich nicht ganz klar
läßt sich das Verhältnis Buddhas zur Medizin nicht genau bestimmen.
Wenn es zu seiner Zeit schon Kasten, und auch eine der Ärzte gegeben
hätte (was nach Fick, Die soziale Gliederung im alten Indien, 8.158,
nicht der Fall war), wäre es unwahrscheinlich, daß Buddha deren Praxis
ausgeübt hätte; andererseits wäre es verständlich, wenn er etwa kranken
Anhängern, denen ein brahmanischer Arzt oder Zauberer die Hilfe versagte, selber ärztlich geholfen hätte, zumindest mit der damals (vgl. Kenn,
Buddhismus II, 77£.) wie zu allen Zeiten üblich gewesenen Laienmedizin.
Aber das Suchen nach der „bedingenden Ursache“ dürfte doch in der
Medizin uralt sein, älter als Buddha, wenn auch vielleicht nicht theoretisch erkannt. — Wenn Buddha sich als Seelen,arzt* empfindet, so
stellt er sich damit wiederum in Gegensatz zu den Lehrern der Upp.,
die sich ihr Wissen nur höchst ungern entreißen ließen (vgl. Yajfiavalkya,
Brh, Up. IV, 8, 88; Satyakama, Chand. Up. IV, 10; Raikva, ib. IV, 2, 8;
Prajapati, ib. VIII, 7£; Yama, Kath. Up. 1,211) und in der Legende
wird er su dem Entschluß, zum missionierenden Lebrer werden zu wollen,
weil er so ungewöhnlich war, erst durch Götter bewogen (OLDENBERO,
Buddha, $, 136, 138 £.),
1) Izsmo, S. 8 (in Taraxusu's Übersetzung). Dz La Varuse Poussm,
L'Abhidharmskosa de Vasubandhu, V. et VI. Chapitres, 1925, S. 121,
2) puruga ist im Samkhya citi-éakti.
Page 36
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)monistisch oder dualistisch gewesen sein; aber im Samkhya
lag zweifellos von Anfang an die Tendenz, das Geistige gegen
das Stoffliche
abzusondern, und das wird der historische
Schritt eben des „Kapila“ gewesen sein: dem Geist als Seiendem im Sinne Yäjñavalkyas, d. h. unveränderlich seiendem 5
(kütastha), die Materie als ewig-werdend (nitya-parinämi) gegenüber zu stellen (Str. 179), als Versuch einer Synthese dieser
beiden Gegensätze.
Anaxagoras dagegen kam anscheinend
zu seinem Dualismus, weil er den alten Hylozoismus durch
Trennung von Stoff und Kraft (ein europäisch-physikalischer 10
Begriff) überwinden wollte; oder man kann auch sagen: Anaxagoras kleidete seinen Dualismus in andere, aber ebenfalls
der Tradition entnommene Begriffe.
Solch klare dualistische
Scheidung war weder in den Upanisaden (Jacor, Gottesidee,
S. 11) im allgemeinen, noch
bei Yäjhavalkya
und
seiner ıs
„Schule“ (s. S. 170, A. 1), noch bei Buddha!), ebenso noch
nicht bei den Pythagoräern (Z. I, 1, 474), bei Parmenides
(Sein = Denken) oder Heraklit (Feuer = das Weise) geleistet.
In Anaxagoras’ Dualismus, der nach Aristoteles (Z. I, 1, 474,
A. 2) der erste in Griechenland war, ist der Geist (vods) ganz so
ähnlich dem Sämkhya als Gegensatz zur Materie gedacht und
als Geist gemeint; aber er ist doch noch als eine Art „feinster“
(exréraror) Stoff vorgestellt (Z. I, 2, 1224, A. 5; 1225, A. 1),
an dem alle beseelten Dinge teilhaben®), der überall ist (&rsıo0g?
Z. I, 2, 1222, A.1), wie der Geist (purusa) des Sämkhya ,,fein‘‘*) 25
und überall‘) ist. Aber der vovg des Anaxagoras weiß Alles,
1) In der Reihe seiner nidanas folgen auf stoffliche geistige und
umgekehrt, ohne daß das als Schwierigkeit empfunden würde (s. S. 166;
170: Pratardans).
2) Nicht alle Dinge schlechthin (Z. I, 2, 1226, A. 3; 1216, A.2) und
auch nicht alle beseelten in 'gleichem Maße (Z. I, 2, 1221, A.1; 1226,
A, 4): wie soll man sich aber ein Eines in solcher riiumlichen Verteilung
denken?
Das Samkhya ist klarer, wenn es den Geist der Materie als
schlechthin Anderes gegeniiberstellt, wird aber um so unklarer, wenn es
die vorhandene und auch wieder nicht vorhandene Beziehung von Geist
zu Materie zu beschreiben sucht (Str. 186).
8) stksma: Bhag. Gita XIU, 15; vgl. sauksmyad in Samkhyakarika 8.
4) vibhu: die Inder kennen nur den Begriff ,all-erfullend*, nicht
„unendlichgroß“,
Samkhya und Anaxagoras lehrten nur einen Geist.
Page 37
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Runen.
weil er den ganzen Kosmos harmonisch regiert (Z. I, 2, 1222,
A. 1; 1223), während der purusa des Samkhya im Anschluß
inavalkyas ätman = Geist objektlose, unaffizierbare DenkDie Vielheit der Seelen ist in das seiner ganzen Anlage nach ursprünglich
,egozentrische* (s. 8. 169, A. 2) Samkhya erst sekundär hineingekommen und nie organisch eingefügt worden (Drussex, AGGPh.,
I, 3,496;
Jacosi, SBAW. 1930, 324ff.; vgl. Zetter’s Bedenken über die „Persönlichkeit‘ des voög, 1226). Das Problem wird in folgendem Punkte wichtig:
Wenn Ganar in seiner Darstellung des Sämkhya zwischen der kosmischen
und
psychologischen
Bedeutung
der Evolution unterscheidet (danach
Str. 107, 128, 180; Oxpensenc, Lehre der Upanishaden, S. 232), so kann
er nur nach der ganz späten Samkhya-krama-dipika und nur für das
eine tattva ahamkära eine wirkliche derartige Unterscheidung durchführen (8.236 und 249).
Das eigentliche Samkhya der Samkhyakarika,
Gaudapadas, Matharas und Vacaspatimiéras kennt nur eine Evolution,
d. h. eine prakrti wandelt sich zu einer buddhi (bei der zwischen
mikro- und makro-kosmischer Bedeutung nicht unterschieden wird) usw.,
letztlich zu einer Außenwelt; und es ist eine relativ späte Konstruktion,
daß man zwischen der einen kosmischen buddhi, und vielen einzelnen
buddhis je eines purusa unterscheiden müsse (Ganne, 8. 234.; Dasaupra,
A History of Indian Philosophy, I, 1922, S.248f).
Diese eine Außenwelt genießt ursprünglich nur ein Subjekt (purusa), und das nennen
wir unbewußten ,Egozentrismus* (s. 0.).
Die eine buddhi galt im Samkhya alter Zeit sicher als vibhu, d. b. allerfüllend:
sie war ebenso groß
wie die prakrti, deren restlose Umwandlung sie ist, denn das bezeugt
vom antabkarana noch das Nyayabhasya IIIb 8, das Nyayavarttika und
die Tatparyatika ib. (vgl. NS., Anm. 236: zur Anmerkung ist hinzuzufügen: daß das manas in der Mimamsa schlechthin klein ist, belegt Jha
in The Prabhakara School of Parva Mimamsa, 1911, S. 77; die Diskussion
über die dirgha-dagkult noch in Tattracintämani I, 770; 779. In SK. 80
ist das Problem anders gewendet, wenn es heißt, daß die Funktionen der
Sinne und des dreifachen Innenorgans gleichzeitig und nacheinander sein
können).
In der Tiki S. 866, 12 (VSS.) wird ferner ausdrücklich auf das
Samkhya bezogen, was im Varttika S. 377, 91f. (Bibl. Ind.) zitiert wird,
daß die Siunesorgane — im besonderen ist vom Gesicht die Rede —
vyäpaka seien; hier ist im Värttika auch erörtert, was unter der Fluktion
(vrtti) der Sinne zu verstehen sei, nämlich nicht eine eigentliche Bewegung, denn eine solche kann kein vyipaka-dravya haben, sondern eine
Art innerlicher Wellenbewegung: wie Blasen vom Boden des Teiches
aufsteigen (mabahradad budbuda iva nihsarantyas; vgl. Sañkara zu Brh.
Up. V, 1: Blasen gehören zum atman des samudra, aus dem sie entstehen),
so findet innerhalb des allerfüllenden Gesichtssinnes eine ,Fluktion* vom
Auge zum gesehenen Gegenstand hin statt, Nach diesen Nyäya-Zeugnissen
galt also im Sankhya, was wir nach seiner Weltanschauung dort er-
Page 38
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)fähigkeit ist.
So treibt das Sämkhya — von Anfang an? —
den Dualismus konsequent, wie das die Inder nun einmal sind,
bis zum Absurden: der Dualismus kann seiner Natur nach
das empirische Erkennen durch seinen ,,reinen“, unwandelbaren, unaffizierbaren (dxo0%s) Geist nicht erklären; das wirft 5
schon Aristoteles (De an. 405 A 19; Z. I, 2,1221, A.1) dem
Anaxagoras vor.
Unklar ist weiter bei Anaxagoras die Rolle des Geistes,
der der erste Antreiber der Materie ist — und als solcher
fir Anaxagoras weit wichtiger denn als Subjekt war —,10
während die Materie sich später in physikalischem Prozeß
von selber bewegt (Z. 1230, 1226) wie im Sämkhya in analoger Unklarheit die Materie sich ‚zum Zwecke des purusa'*
(Sämkhyakärikä 31), aber auch ,,von selber‘ (svabhäva: Gaudapäda, SK. 27; Frauwarıner, WZKM. XXXII, 194f) be- 15
wegt, wobei der Prozeß in einer Art „mechanistischer‘‘ Denkwarten müssen, daß die eine Urmaterie sich für einen Menschen zu
einem Innenorgan usw. entwickelt.
Wenn dagegen Gare S. 255, der doch alle Samkhya-schriften susgezogen hat, nur nach Vijñanabhikgu den ahamkära von ,mittlerer*
Größe sein läßt, und das manas (S. 253 nach SS. III, 14 und V, 69—71
mit Aniruddha, der die Argumente des Vaisesika benutzt) als schlechthin
klein (nach Vijfianabhiksu ib. ist es von „mittlerer“ Größe) bezeichnet,
so hat „das“ Samkhya eben später seine eigentliche Position zugunsten
der des Vaidesika aufgegeben, wie es genau so in der Auffassung des
Körpers geschehen ist (NS., Anm. 187). In SK. 10 wird allerdings vom
vyaktam gesagt, daß es im Gegensatz zum avyaktam nicht allerfüllend
(avyapi) sei; aber weder Gaudapada noch Mathara noch Narayanatirtha,
sondern nur Vacaspati fügt als Erläuterung hinzu, daß „buddhi usw."
nicht den Umfang des ganzen pradhana bitten. Vyakta in SK. 10 ist
aber wegen des Nyayabhäsya mit Gaudapada und Mathara nicht speziell
auf das antahkarana zu beziehen, sondern allgemein auf die empirischen
Dinge. Über die Größe des Innenorgans gab es im alten Samkhya anscheinend keine ausdrückliche Lehre; erst im Kampf mit dem Nyaya
wurde dies Problem aktuell; der Nyaya kämpfte noch gegen ein wesentlich unbewußt ,egozentrisches* Samkhya, das erst relativ kürzlich die
Vielheit der Geister übernommen hatte; allmählich drang dann die Vielheit der Geister mit ihrer Konsequenz, der Vielheit und Kleinbeit der
Innenorgane durch. Vacaspati war in der schwierigen Lage, Samkhyaund Nyäya-schriften interpretieren zu müssen und hat den ee
nicht ausgeglichen.
Page 39
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusex.
weise als durch Stérung des Gleichgewichts (vaisamya) der
drei Urqualitäten (s. S.185) veranlaßt (Str. 181) vorgestellt wird.
Sämkhya und Anaxagoras stimmen ferner darin überein,
daß sie im Anfang statt eines Stoffes als Prinzip, wie die
salte Naturphilosophie es getan hatte, ein chaotisches Gemisch
annehmen), in dem schon Alles, was in der empirischen Welt
erscheint, unerkennbar vorhanden ist. Das ist die gemeinsame
Folgerung aus dem Begriff des Seins, den die Eleaten und
Upanisad-Denker aufgestellt hatten: ,, Werden‘ geschieht aus
1oschon
Daseiendem,
Vorhandenem*), sagt Anaxagoras; aus
Seiendem entsteht das Seiende, sagt das Sämkhya (das sagen
— freilich in anderem Sinne — auch die anderen „Synthetiker‘‘).
Und für den Prozeß des Werdens, den sie beide in
Übereinstimmung mit den Antithetikern, Heraklit, resp. Buddha,
15 ausdrücklich lehren, gebrauchen sie beide den alten Ausdruck
„sich wandeln‘®); aber beide meinen damit im einzelnen nicht
dasselbe.
Das, was im Anfang da ist, sind nach Anaxagoras die
„Dinge“ (xoquero) oder „Samen“ (oxéouura), d.h. unendlich
20 Viele (Z. I, 2, 1214, A. 2; 1211, A. 2), qualitativ verschiedene
(Z. I, 2, 1214, A. 3), wegen ihrer unendlichen Kleinheit (opıagdeng, Z. I, 2,1218f.) nicht offenbare (ovdiv ¿vóniov: Z,
1 2, 1216, A.1; vgl. 1217, A. 1; vgl, avyaktam im Sämkhya)
Dinge (wie Fleisch, Knochen, Mark: Alles, was qualitatiy
es unterschieden ist: Z. I, 2, 1210, A. 1). Im Gegensatz zu dieser
Vorstellung kommt bei Anaxagoras (nach einer anderen Uberlieferung wenigstens) wieder die griechische Tradition zur
Geltung: die Samen sind die „Gegensätze“ (Z. I, 2, 1215, A, 2;
1214, A. 2), das Warme usw, d. h. hypostasierte Qualitäten,
so ausgedrückt durch das substantivierte Neutrum eines Adjektivs
(Z. I, 2, 1209, A. 2; 1218, A. 1).
Da er andererseits bei ihnen
yon Kleinheit spricht, kann er sie nicht als reine Qualitäten
1) duos mora: yorucea Jv (Z. 1, 2, 1216, A. 1) = prakrti,
2) #
oro» zul bvoragzórrov: Z. 1,2, 1217, A. 1 (s. u. Aristoteles:
8.210).
8) 42010008.u (Z. I, 2,1209, A. 1; 872 u.; a. o. Heraklit, 8,176, A.1)
= parinam (Str. 179; s. o. Uddalaka: vikara, 8.168; Brhaddevata IT, 121).
Page 40
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)verstanden haben, denn ein Quale hat keine Größe. Bei ihm
liegt also noch wie im Sämkhya (s. u.) eine metaphysische
Unklarheit vor, daß er zwischen Qualität und Substrat der
Qualität nicht unterscheidet; diese Unterscheidung wurde erst
von Aristoteles und dem Vaisesika (s. S. 202ff.) geleistet.
5
„Werden‘‘ der empirischen Dinge (y(yvscdo1) bedeutet
bei ihm dementsprechend, daß sich die ,,Samen‘1), die im
Chaos als Partikeln vorhanden sind, zusammenfinden und als
Gruppe das Ganze, die empirischen Knochen, Blut usw., bilden.
Das nennt er „sich mischen‘ (ovuuloysod«.) oder „sich wan- 10
deln‘, d. h. das Ganze wandelt sich, nicht die Teilchen, so
daß der empirische Knochen usw. vergeht und entsteht.
|
Im Sämkhya ist das Chaos?) identisch?) mit den drei
|
hypostasierten Urqualitäten (guna; Str. 180): das Klare, Be-
|
wegte, Dunkle, die aus Uddälakas drei Gottheiten entwickelt 15
sind.
Dies Chaos wandelt sich zur empirischen Welt in einer
immer noch kosmogonisch anmutenden Begriffsreihe, die aber
auch an Buddhas psychologische Reihe erinnert‘).
Aus dem
|
Chaos geht zunächst das Denken (buddhi), aus diesem der
Ichmacher (?ahamkära) hervor. Buddhi als das empirische
20
|
|
Denken als ,,Produkt‘ der Materie wurde im Dualismus des
|
1) Der Ausdruck des Aristoteles: duotopso#s bedeutet sozusagen das-
|
selbe wie im Samkhya tanmätra; das, was qualitativ durchaus nur Eines ist.
|
2) Das Samkhya knüpft mit diesem Begriff offenbar an die späteren
|
Kosmogonien mit brahman an; da ist brahman zunächst noch nicht zu
Name und Gestalt ,entfaltet* (avyakrtam: Brh. Up. I, 4, 7: hier ist Pra-
|
tardanas Vergleich vom Messer in der Scheide und Feuer im Holz, Kaus.
|
s. 8.168: nach Yajñavalkya) oder „vielfältig geworden" (na vyabhavat:
Brh. Up. I, 4, 11).
|
Samen) (Z. I, 2, 1216, A. 2); im Samkhya ist sarvam sarv-itmakam.
|
Up. IV, 20, verwendet,s. 8.168) oder „gestaltet“ (amürta: Brh. Up. I, 8, 1;
8) Auch Anaxagoras rs alles Empirische besteht aus Allem (allen
4) Frauwaziner, WZKM. XXXII, 1925, besonders S. 200ff., möchte
im alten Saınkbys keine Evolution annehmen. Aber selbst wenn im
Mahabharata Texte ohne Evolution vorkommen, brauchen sie nur einer
Richtung des Samkhya anzugehören.
Da kosmogonische Systeme uralt
sind, da Uddalaka und selbst Buddha noch fast kosmogonische Vorgänge
schildern, dürfte dieser Teil des Simkbya alt sein. Ob freilich mit allen
tattvas des klassischen Samkhys, mag zweifelhaft sein.
Page 41
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusen.
Samkhya eingeführt, weil der reine Geist (purusa) nicht empirisch erlebt; und zwar gilt buddhi als erste Evolution der
Urmaterie, wie auch Intelligenz bei Pratardana und Buddha
(ähnlich Chand. Up. VII, 7) am Anfang solcher Reihen steht.
5 Ahamkärs ist ebenfalls ein typischer Begriff des Dualismus:
die Materie meint irrtümlich (abhimäna), sie wäre Ich, sie
hätte ein Recht zum Genuß der Welt. Aus diesem ahamkära
gehen dann die Sinne einerseits und ihre Objekte, nämlich
die fünf hypostasierten Sinnesqualitäten (tanmätra) anderer-
10 seits hervor, was wieder an Pratardana und Buddba (s. 8. 177,
Anm. 2) erinnert. Aus den sinnlichen Qualitäten, Ton, Farbe usw.
entstehen dann durch Mischung (s. o. Uddälaka) die fünf
Elemente (s. S. 190)1) und aus diesen dann die „Gegenstände“.
15
Dieser Prozeß des Werdens (sarga, s. S. 167) ist ein ,,Sichwandeln‘ der chaotischen Urmaterie in dem Sinne, daß die
letzthin schon in der chaotischen Urmaterie (latent) vorhandenen Dinge (sat-kärya-väda: Str. 180 noch nach Gare)
in die Erscheinung treten“ (abhivyakti), so daß die Urmaterie
20 als Ursache (causa materialis) und die empirischen Dinge als
ihre Produkte identisch und stets vorhanden sind.
Im Sämkhya ist das Chaos eine vielfältige Urmaterie aus der sich
durch qualitativen Wandel — eine typisch unphysikalische
Vorstellung — Alles herauskristallisiert, was latent (avyaktam)
25 oder potentiell — um Aristoteles’ Ausdruck zu gebrauchen —
schon in ihr da ist.
Bei Anaxagoras ist das Chaos ein Gemisch unendlich vieler verschiedener Partikel, aus dem sich
die zusammenpassenden*) zusammenfinden.
Anaxagoras denkt
physikalisch und ist ein Vorläufer des Atomismus.
Zu einem
so Atomismus kam man aber auch in Indien, weil der qualitative
Wechsel im Sämkhya und die unendliche Vielheit verschiedener
Samen bei Anaxagoras gleicherweise unbefriedigend waren.
Sämkhya und Anaxagoras versuchten, das Vieltältige in seiner
1) Auch bei Anaxagoras sind die Elemente sekundär: Z. 1,2,1210, A.1.
2) Da alle yorjpara verschieden sind, können auch nicht zwei Partikel völlig gleich sein (vgl. Zeuuar's Bedenken 1, 2, 1215), gerade diese
Schwierigkeit überwand der Atomismus.
Page 42
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Vielheit „von Anfang an“ bestehen zu lassen‘); das haben
diese beiden Synthetiker vor den anderen Synthetikern voraus
als gemeinsame Besonderheit.
Leukipp-Demokrit und Mahavira sind diejenigen,
die den Atomismus vertreten haben. Bei beiden wird dazu 5
die Lehre yom leeren Raum eingeführt (Str. 113): xavdv =
&xevgov (Z. I, 2, 1069, A. 1) = äkäßa; er?) ist voll von atomischer Materie. Bei beiden sind die Atome nicht in mathematischem Sinne (Z. I, 2, 1065, A. 2) unendlich klein; bei
beiden sind sie stofflich ununterschieden (Z. I, 2, 1061) und 10
doch mannigfaltig.
Die Mannigfaltigkeit ist bei Demokrit
unendlich und beruht wesentlich auf der Gestalt der Atome,
daneben auf ihrer Lage und Anordnung (Z. I, 2, 1063).
Die
Atome der Jainas aber unterscheiden sich durch sinnliche
Qualitäten und ähneln in dieser Hinsicht eher den ,,Samen“ 15
Anaxagoras’; sie sind andererseits gestaltlos, denn alles, was
Gestalt hat, gilt den Jainas als teilbar.
1) zdvra tow &sl (2. 1, 2,1208, À. 2)—sat köryam; die anderen
Synthetiker sagen nur: sat käranam: die causa materialis bleibt bestehen;
Buddha und Heraklit leugneten auch dies.
2) Atome sind bei den Jainas nur im Welt-Raum (lokakasa), der
gelegentlich (Karen, Kosmographie der Inder, S. 210) die Gestalt des
puruga (s. S. 157) hat, nicht im unendlichen Nicht-Welt-Raum. Die Jainas
schließen an den akaéa in Chand. Up. VII, 12 und bei Yajñavalkya an.
Die Vorstellung des Leeren haben sie vielleicht als Erste gemeint, denn
früher war akaéa auch gleich Äther. In der Scholastik des Pali-Buddhismus ist er ¿upada-rúpa* untergeordnet und in altertümlicher Weise zu
definieren versucht: „Was ist das Sinnliche (rüpa), das man Ätherelement
nennt? Das, was der akasa ist, das im akasa seiende Dunkel(? agha),
das im Dunkel seiende Loch (vivara), das im Loch seiende von den vier
Elementen ,Nichtberübrte‘* (Dhammasaigani 688; Str. 106). Und erst
‚später wurde er als ,asamskrtadharma* (Str. 210) vom Materiellen (raps)
deutlich unterschieden; in der Dbammasaúgani 1489 war unter asamkhatadhätu nur nirvana verstauden worden.
Vgl. WassıLızw, Buddhismus,
dtsch, v. Somrerrnen, 1860, 8. 806£.: die Sauträntikas diskutierten den
„Zwischenraum® zwischen den Atomen. Im Nyaya-Vaifegika wird zwischen
Akasa = Äther und dié = Ort (s. 8, 208) unterschieden (vgl. diéas in den
Upanigaden, s. 8.157); wenn in NS. IVb 22 dem akaéa das Attribut des
sNicht-widerstehens* trots seines Uberallseins beigelegt wird, so ist auch
das vielleicht eine relativ späte Vorstellung, denn damit wird akaéa dem
sleeren* Raum nahegebracht (vgl. Vai. Dars. II, 1, 20).
Page 43
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen.
Demokrit dagegen, auf Parmenides Begriff des ,,dichten‘«
Seins fußend, definiert: nur, was am Leeren (Nichtsein) teil
hat, d. h. ein Produkt aus mehreren Atomen mit Zwischenräumen, ist teilbar (Z. I, 2, 1059)*). Gestaltlose Atome, diesen
5 Begriff von typisch indischer Konsequenz, hätte sich wohl
kein Grieche vorstellen mögen.
Bei Demokrit sind vielmehr die sinnlichen Qualitäten
nichts Primäres (nur vduo, nicht ären: Z. 1, 2, 1058, A. 8),
d. h. nicht den Atomen zugehörig, sondern erst an den aus
ıoihnen gebildeten Dingen von den Menschen wahrgenommen.
Jedes Atom (paramänu) der Jainas hat aber je einen der fünf
Geschmäcke, der zwei Gerüche, der fünf Farben und zwei
der acht Tasteigenschaften (aber unter diesen nicht Schwere
und Leichte, und nicht zwei entgegengesetzte wie Kälte und
15 Wärme gleichzeitig); und zwar unterscheiden sich diese Qualitäten noch nach drei Graden.
Die Atome sind ferner (als
Dinge, dravya) unteilbar, unverbrennbar, unfaßbar (als Ausgedehntes, ksetra), ohne Hälfte, ohne Mitte, ohne Raumpunkte,
ohne Teile (Bhagavati).
Diese Atome, und zwar je zwei mit
20 entgegengesetzten Eigenschaften, verbinden sich zu Gruppen
(skandha); die Atome gleichen bei diesem Vorgang ihre Eigenschaften aus, sind also wandelbar?) (s. S. 223, A. 1) im Gegensatz zu denen des Vaisegika und Demokrits (Z. I, 2, 1060;
1070, A. 2)3).
1) Wie Demokrits Atome (Z. I, 2, 1064.) so haben auch die späteren
des Vaisegika „Ausdehnung* (parimána), die aber im Vaisesika von Größe
(mahattvam; vgl. die Erläuterung zu NS. IV b 28) und Gestalt (samsthäna)
unterschieden werden muS.
Rund sind die kleinsten Atome bei Demokrit
(@. 1,2, 1065, A.1; s. o. 8,172, A. 1) und die des Vaisesika (parimandala).
Griechen (Z. I, 2, 1065, A. 8) und Inder (NS. IV
b 17) ziehen die
Sonnenstáubchen zur Illustrierung heran.
2) Soll man sich das auch von Anaxagoras’ Samen vorstellen?,
8. 8.186, A. 2.
8) Die vier Qualitäten der Atome sind bereits im Kanon (Bhagavatı XX,
5; vgl. Scnusrime, Die Jainas, 1927, $. 11) aufgeführt; ausführlicher Umasvati V, 28f.; vgl. dazu Siddhasenaganis Kommentar und
Lokaprakssa XI.
Die Vorstellung der dvyanukas ist erst bei Umasvati
(vgl. NS., A. 288).
Die Atome kommen in zwei Formen vor, als grobe
(badara) bilden sie die Elemente usw., als feine (etksma) bilden sie des
Page 44
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die in die Tausenden gehenden Zahlen der môglichen
Atome und die Gestalten der Atom-gruppen (denn erst diese
haben Gestalt), haben die Jainas systematisch auszurechnen
versucht; aber sie haben bezeichnenderweise nicht versucht,
aus der Gruppierung der Atome eine Erklärung der empi- 5
rischen Dinge zu gewinnen, wie es das Hauptinteresse der
griechischen Atomisten war (Z. I, 2, 1073ft.), die wieder über
die Gruppierung der Atome keine allgemeinen Bestimmungen
nach Art der Jainas gelehrt haben (Z. I, 2, 1068).
Griechen und Inder schreiben den Atomen anfanglose 10
Bewegung zu (Z. I, 2, 1077).
Aber die griechischen Atomistiker sind konsequente Materialisten, die einen Adyog (Naturgesetz) oder eine évéyxn zur Ordnung der physikalischen Welt
(xéouos) heranziehen (Z. I, 2, 1078ff.) und das Fallen der
wegen ihrer Größe schweren Atome (resp. einen Wirbel) als 15
ersten Antrieb (Z. I, 2, 1084; vgl. dagegen 1098f.), und dazu
eine aus runden Atomen bestehende Seele als Beweger des
Körpers (Z. I, 2, 1115) annehmen; Demokrit bleibt sogar noch
karman; unendlich viele (ananta) feine Atome bilden dann eine Gruppe,
die einen Raumpunkt (pradesa) einnimmt (sükgma-parinata-ananta-pradeéika-skandha: Bhagavatt ib.), während ein grobes Atom ebenfalls einen
Raumpnukt einnimmt. Da nach der Bhagavatt eine solche Gruppe feiner
Atome mit ihren Farben usw. sehr bunt variierbar ist, scheint es, als
hätten auch die feinen Atome sinnliche Qualitäten.
Dazu paßt, daß
Siddhasenagani zu V, 28 sagt, die Materie wäre ewig mit Farben usw.
verbunden (nityayoge matup, inbezug auf sparsa... vantah pudgalah).
Nach Umäsvati V,48 (Die Beschaffenheit der Eigenschaften hat einen
Anfang in den körperlichen Substanzen[j in den unkörperlichen ist sie
ewig).) könnte man dagegen meinen, daß es auch Atome ohne sinnliche
Qualitäten gäbe; Siddhasenagani korrigiert hier Umasvatis Worte mit
der These, daß auch in körperlichen Substanzen ewige, und in unkörperlichen anfangende Beschaffenheiten vorkämen, ohne auf unser Problem
näher einzugehen; der genaue Sinn von V, 48 bleibt also unklar (vielleicht: die Atome haben immer Farbe; aber die Beschaffenheit der Farbe,
ob sie nämlich rote, blaue oder andere Farbe ist, ist nicht ewig, sondern
richtet sich danach, mit welchem anderen Atom das Atom zusammen
gruppiert ist).
Die gelehrten Herausgeber des Sammatitarkaprakarana,
Sukhaläla und Vecaradäsa, lehren (brieflich), daß die Qualitäten in den
Atomen als $akti ewig sind, als paryäya vorübergehend in die Erscheinung
treten;
diese Unterscheidung finde ich aber nicht in der genannten
Literatur.
Page 45
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rozen.
Materialist, wenn er den feuerartigen Seelenstoff über die
ganze Welt als Weltvernunft (Z. I, 2, 1121) verbreitet sein
läßt. Im Gegensatz dazu sind die Jainas eine Art Animisten?)
(Str. 118), die selbst den Elementen?) Seelen zuschreiben, d. h.
5 den elementarischen Dingen wie Steinen usw., aber auch
Wind-, Wasser- und Feuer-Gebilde haben wie Pflanzen, Tiere,
Menschen, Teufel und Götter Seelen, die für die Bewegung
der Materie verantwortlich sind, weil sie Kraft (virya)*) haben.
Dem dritten Versuch einer Synthese in Griechenland,
1 Empedokles’ Lehre von den vier Elementen als den unwandelbaren, ewigen Faktoren, aus denen durch mechanischen
Vorgang (Verbindung und Trennung), die Dinge der empirischen Welt gebildet werden, entspricht in etwa dem Lokäyata (Dascurra, a. a. O. 78f.; Danumann, Die Samkhyais Philosophie, 1902, 9. 1881; Somraner, a. a. 0. 52ff).
Die
Inder haben bereits in den alten Upanisaden — und danach
im
Buddhismus,
Sämkhya
und
Jainismus
(FRAUWALLNER,
WZKM., XXXIII, 1926, 61) — fünf Elemente gekannt, aber
dort nicht als letzte, ewig-unwandelbare Weltursachen gemeint;
so das geschah erst im Lokayata*).
1) Sie bringen als heterodoxe Sekte, die nicht auf den Upanisaden
fußt, die uralte Vorstellung der Vielheit der Seelen in der indischen
Philosophie zur Geltung (Sütrakrtanga II, 6, 47f.), ebenso wie die Mımms (Mim. Sutra 111, 7, 18) und der Yoga (Jacost, Über das ursprüngliche Jogasystem, 8.40).
Ihre jivas sind bezeichnenderweise nur von
mittlerer Größe (Umasvati V, 15).
12) Anaxagoras und das Samkhya, Demokrit und die Jainas, sehen
die Elemente, die bei ihnen keine große Rolle spielen, als sekundäre
Produkte der „Samen“ resp. Qualitäten oder Atome, an (Z. I, 2, 1210; 1075).
8) Neben Erkenntnis (jñäns) und Wonne (sukha), die cit und ananda
des Yajfiavalkya entsprechen (Dasaurra, A history of Indian Philosophy,
8.189).
Im Vaisegika ist adrsta als eine Eigenschaft der Seele die antreibende Kraft, d. h. die Seele schafft ihre Objekte, an denen sie im
samsära zu leiden hat (vgl. NS. la 20). Dieser kriya-vada des Vaisesika
ist dem der Jainas ähnlich und doch verschieden.
4) Die Inder systematisieren sie später nach den fünf Sinnen:
1. Äther-Gehör, 2. Wind-Tasten, 3. Feuer-Gesicht, 4. Wasser-Geschmack,
5. Erde-Geruch.
Yajñavalkya zählt (Brb. Up. IV, 4,5) unter anderem
5, 4, 2, 1, 8 auf.
In Chand. Up. VII,7,1=4,2 (hier ist Himmel und
Erde, Wasser und Feuer je ein Paar)
= Ait. Up. III,8 werden sie als
Page 46
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Der Ursprung ihrer Aufstellung ist in Indien so unklar
wie in Griechenland (Z. I, 2, 9501f.).
Wie Empedokles die
„Prinzipien‘‘ des Thales, Anaximenes und Heraklit (dazu Erde
vielleicht aus Heraklits Kosmogonie) ibernommen haben kann,
so kann das Lokäyata an Uddälaka (Glut-Wasser-Festes) 5
anknüpfen. Wenn also das Lokäyata vier Elemente als letzte
Ursache lehrte*), so ist das wohl keine große philosophische
Tat gewesen, sondern nur ein ungläubiges Lengnen eines
brahman oder Absoluten; wenigstens wissen wir von keiner
originalen Lokäyata-Lehre über das Problem des Seins und 10
Werdens, wie auch wohl „Verbindung und Trennung‘ bei
Empedokles neben Anaxagoras und Demokrit nichts Originales ist.
Als nicht-orthodoxes System leugnete das Lokäyata die
Seelen, während Empedokles solche in orphischer Vorstellungs- 15
weise angenommen hat.
Er hat aber „denken“ als physikalischen Vorgang des Denkstoffes gelehrt, wie das Lokayata
„Geist‘‘ nach Art unsrer Materialisten mit dem Alkohol verglich (Sarvadarganasamgraha I, 24); und Empedokles hat
zwischen seiner Orphik und materialistischen Metaphysik keinen 20
Ausgleich geschaffen (s. 0. Jainas gegen Demokrit).
Als nicht-orthodoxes System leugnete das Lokäyata auch
die karman-Lehre und ließ Alles durch uneinsichtigen, gesetzlosen „Zufall“ (yadrechä) gelenkt werden und durch die
» Natur‘, d.h. das „eigene Wesen‘ (svabhäva) der Elemente 25
geschehen (NS. IV
a 22; Sarv. dard. samgr. I, 105), ähnlich wie
5, 2, 1, 4, 3 aufgeführt (s. 8.168, A.2).
Vgl. die Reihe 2, 1, 8, 4 des
Ajatasatru (Kaus, Up. IV, 2). Ajätasatru züblt aber in Brh. Up. II, 1,
5-8 die Reihe 1, 2, 8, 4 auf, was der klassischen Samkhya-Reihe (im
Nyaya-Vaïesika beginnt man mit 5) entspricht, wie sie Taitt. Up. II, 1;
Brh. Up. 11,5; Prasna Up. VI,
8; Mund. Up. 11, 1,8; Svet. Up. II, 12
vorliegt.
Da Yajñavalkya die fünf Sinne in Brh. Up. III, 2 in anderer
Reihenfolge aufzählt als ib. IV,5,12, kann auch die Reihe der fünf
Elemente, wenn auch nicht nach einer festen Reihe der Sinne, so doch
nach der Zahl der fünf Sinne von ihm als erstem aufgestellt worden sein;
Brh, Up. IV,4,5 (s. o.) ist nur deshalb Feuer (tejas) ans Ende der
in
Reihe verstellt, weil atejas folgt.
1) Es leugnete den Äther (NS. Illa 26b), den auch die Buddhisten
von den mahabhütas sonderten (s. 8. 187, A. 2).
Page 47
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen.
Empedokles keinen 16yos, sondern eine 7577 (Z. I, 2, 968, A. 1)
als Lenker annalım, als „Kraft‘‘ aber — in wiederum auffalliger Inkonsequenz gegen seinen Materialismus — die mythischen Begriffe Streit (nach Heraklit) und Liebe.
5
Materialistisch wie das Lokäyata deutet Empedokles
ferner den Vorgang der Sinneswahrnehmung: Gleiches wird
durch Gleiches angezogen und beeinflußt.
Im Lokayata!) wird
jedes Sinnesorgan (z. B. Gehör), weil es aus dem Element
(z. B. Äther) besteht (vgl. NS., A. 188), dessen spezielle Eigen10 schaft (z. B. Ton) sein Objekt ist, von diesem affiziert (NS.
Illa 55).
Eine solche Gegenüberstellung von Sinnen und
Elementen kennt Empedokles nicht, da er den Elementen vielmehr physikalische Eigenschaften zuschreibt (warm, flüssig usw.,
Z. I, 2,954); er lehrt aber, daß wir Licht sehen, weil im
15 Auge außer Wasser wesentlich Feuer enthalten ist, daß also
das Auge einer Lampe gleich Feuer (und Wasser) aussendet,
die sich mit den ihnen entgegenkommenden Teilchen der hellen
(und dunklen) Objekte verbinden (Z. I, 2, 993f.).
Im Lokäyata*) geht das Gesichtsorgan (das vom Auge, seinem körper20 lichen Sitz zu unterscheiden ist) in Form eines Strahles aus
dem Auge zum Objekt hin.
Der Schall entsteht nach Empedokles durch die Luft, die in den Gehörgang eindringt, der
dadurch wie eine Trompete zu tönen beginnt; im Lokäyata
(Vaisesika, NS., A. 189) gelangt der Schall, die Eigenschaft
25 des Athers durch Fortpflanzung in Form von konzentrischen
Kreisen um den tönenden Gegenstand herum bis zum Gehörgang (Str. 151)*).
Wenn man bedenkt, daß wir das Lokäyata
nicht aus Originalschriften kennen, ist diese kleine Zahl von
Gemeinsamkeiten dieser in Indien und Griechenland nicht sehr
so hochstehenden Elementen-Metaphysik immerhin bemerkenswert.
Andere wesentliche Versuche der Synthese als diese drei
sind weder in Griechenland noch in Indien gemacht worden.
Indessen wurden
die beiden extremen Richtungen des
1) Wenigstens im Vaiéesika, das wohl ein Fortsetzer des Lokäyata ist,
2) Oder vielmehr im Vaisegika, freilich erst NS. Ill
a 28. bezeugt.
8) Die Mimamsa lehrt, daß Luft der Träger des Schalles zum Gehörgang ist, NS. A. 191.
Page 48
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Parmenides und Heraklit in dialektischer Richtung — denn
sachlich waren sie „fertig‘‘ (Z. I, 1, 742 über Zenon) — von
Zenon und Kratylos weitergedacht.
Wenn Zenon beweist, daß ein fliegender Pfeil in keinem
Moment der Zeit, in keinem kleinsten Teil des Raumes oder 5
in keinem Bruchstück seiner Bewegung: wirklich bewegt ist,
Bewegung also nur etwas Scheinbares ist (Z. 1,1, 7571.), so
ist im Mahäbhäsya zu Panini III, 2, 123, v.5 das Fragment eines (vedäntischen) Skeptikers erhalten, der Bewegung
für etwas Unmögliches erklärt, weil sie weder in der Ver- 10
gangenheit, noch in der Zukunft, noch im Moment der Gegenwart möglich sei: oder man müßte die ganze seiende (d. h.
dauernd-unbewegte) Welt für bewegt halten (NS., A. 129).
Zenons Beweis führte zum physikalischen Begriff des Stetigen;
der indische Zweifel führte immerhin zur Vaisegika-Lehre, 15
daß die Bewegung in Momente zu teilen sei; daß aber innerhalb eines Momentes von Bewegung nicht gesprochen werden
könnte, hat wohl Aristoteles, nicht Indien verstanden.
Kratylos andererseits verzichtet auf jede Aussage, weil
die Dinge so dauerlos sind, daß nur ein Fingerzeig, nicht eine
20
Aussage sie bedeuten könne (Z. I, 2, 938).
Nägasena als
sein indisches Gegenstück führt Buddhas Begriff der Dauerlosigkeit weiter — um nur eine Persönlichkeit aus den zahllosen anonymen buddhistischen Philosophen der Zeit herauszugreifen — und leugnet geradezu die empirischen Dinge, die 25
nur: scheinbar dauernd und ganze, in Wirklichkeit ein Nachund Neben-einander isolierter Phänomene sind (vgl. OLZ. 1928,
Sp. 509).
Nägasena mutet schon wie ein Sophist an; aber diese
beiden Griechen und ihre indischen Entsprechungen wollen 30
noch etwas Positives lehren (Z. 1, 1, 748 über Zenon), sehen
nicht nur in der Widerlegung ihres Gegners um jeden Preis
das Ziel ihrer Diskussion, wie es bei den griechischen Sophisten (Z. I, 2, 1876) und bei den indischen Querulanten
85
(vaitandika: NS. Ib 3) der Fall ist.
Die beiden klassischen griechischen Sophisten, Gorgias
und Protagoras, setzen wieder die beiden Extreme des Par-
Page 49
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen.
menides und Heraklit fort, wie denn die Unvereinbarkeit der
alten, dogmatisch verkündeten Philosophien eine wesentliche
Quelle der griechischen Sophistik (Z. I, 2, 1290) und wohl
auch der indischen!) gewesen ist. Gorgias, der Sein, Er5 kennbarkeit und Benennbarkeit (s. 8. 173) leugnet (Z. I, 2,1364),
wird zum ,,Nihilisten“, wie man auch die an Yäjñavalkya
anschließenden (durch eine brahman-Religion positiv ergänzten)
jüngeren Upanisaden nennen kann, wenn es z. B. in der
‘1sa-Up. heißt, daß Wissen und Nichtwissen, Werden und Nicht10 werden falsch seien (9 ff.).
Protagoras andererseits endet bei einem radikalen
„Relativismus‘®): seine Erkenntnislehre ist eine ,,sensualistische‘* (ähnlich Demokrits), wie der „Sensualismus‘ als eine
Leugnung der Erkennbarkeit nur erschließbarer Dinge von
ısdem Lokäyata behauptet wurde.
Daneben lehrten die
Jainas einen sprachlichen ,,Realativismus“; er ist sachlich
dem des Protagoras ähnlich, der jedes Gegenteil (évrixelusvoy:
Z. 1, 2, 1371, A. 1) für ebenso wahr hielt wie die Behauptung;
er ist aber im echt indischen Ausgangspunkt verschieden: die
so Jainas erklärten jedes Wort (s. S. 162, A. 1), jede Ausdrucksweise (naya) und jedes Urteil (syäd-väda; Str. 114) für gleich
relativ, gleich wahr oder falsch, eine Denkweise, die so sehr
an Euthydem und Kratylos (Worte können nur Seiendes
aussagen, also nicht falsch sein: Z. I, 2, 1870)®) erinnert, daß
ssman sie als ,,sophistisch‘‘ der hier zu behandelnden Zeit1) Sicher später bei Nagarjuna; vgl. OLnexsere, Buddha 317 #,;
O. Scazanzr, Uber den Stand der indischen Philosophie z. Zt. Mahsviras und Buddhas, 1902, S. 49.
2) Dem sittlichen, kultur-geographischen Relativismus der Griechen
dieser Periode (Z. I, 2, 1293) entspricht in Indien bezeichnenderweise die
Beobachtung fremder Sprachen (NS. Ila 54), wie auch das relativistische
Begriffspaar, vópos-póves, in Indien auf die Sprache angewendet wurde
(s. 8.178); die sophistische Relativierung des Rechts beruht in Indien
auf der Beobachtung verschiedener Zeiten (Dantmann, a. a. O., 8. 185).
8) Es ist bezeichnend, daß diese Lehre der ,Toleranz® in Indien in
allen Zeiten bedeutende Vertreter gefunden hat, in Griechenland nur in
dieser sophistischen Einkleidung gelegentlich auftaucht und nicht ernst
genommen wird, obgleich sie direkt au Parmenides anknüpft und eigentlich noch Aristoteles’ begrifferealistischen Kategorien zugrunde liegt.
Page 50
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)strömung zurechnen kann, besonders, wenn es zutrifft, daß
die Jainas sie von älteren, radikaleren Skeptikern übernommen
haben (ScHRADER, a. a. O., S. 51).
Denn eine Sophistik hat es in Griechenland wie in
Indien in dieser ,,Periode“ gegeben. Auch in Indien ging 5
die alte Religion (der Veden unter dem Einfluß der monotheistischen bhakti) ihrem Ende zu wie in Griechenland. Auch
in Indien rang man gerade jetzt um die Grundlagen der
„Ethik“ (Str. 120f: pravrtti und nivrtti; s 8.154, A. 2)
und wurde dementsprechend die Philosophie zur öffentlichen 10
Angelegenheit*), zur Weltweisheit oder Lehre der Lebenskunst?), die über angenehm, nützlich und gut?) zu entscheiden
hatte und zwar kritisch urteilend (hetubhis), wie das Kritisieren und Debattieren das wesentliche Merkmal dieser Strömung ist.
Wortverdreher und Haarspalter (Majjh. Nik. I, 15
8.176; Danumann, a. a. O., S. 180f.; Oupenzere, Buddha,
S. 80ff.) gab es in beiden Kulturen, und in beiden sammelte
man Trugschlisse*), zunächst als einzelne (Z. I, 2,1877; NS. Va),
um Eristik zu lehren (vgl. Caraka und Einl. zu NS. S. XIV),
was später in Indien und Griechenland znr formalen Logik
20
fübrte.
Die indischen Sophisten sind in der uns einzig erhaltenen orthodoxen (brahmanischen, buddhistischen, jinistischen) Literatur nur als verächtliche Gegner dargestellt, und
sie haben sicher nicht die Rolle spielen kénnen wie im demokratischen Athen, das eine Zeitlang Sophisten als Lehrer der es
Beredsamkeit und implicite alles Wissens gewaltig hoch schätzte.
Es sind nur seltene Spuren der einstigen Bedeutung der
Sophistik in Indien, wenn der größte: indische Staatsmann,
Kautalya, das Lokayata als philosophisches System anführt
(Str. 12£), oder wenn im Ramayana der Minister Jabali (II, 108) so
materialistisch-frivole Lehren ganz nach der Art des Lokayata
ungestraft (sogar vom Brahmanen Vasistha in Schutz genommen)
1) Vgl. WiwozuaxD, a. a. O., 8.54 über Euripides; in Indien das
Mahäbhärata: Str. 140.
2) Z. 1295; über Bhag. Gita und Kautalya, s. S. 219, A. 1.
8) WiwozugaxD, a. a. 0.65; kama-artha-dharma in Indien.
4) Z. I, 2, 1878, A. 2: Meyyos parvópevos = hetv-Abhäsa.
Zeitschr. £ Ind. u. Iran.
Bd, VIII.
Page 51
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusen.
vertreten darf. Auch in Indien trat nach der Zeit der großen
metaphysischen Systeme eine Strömung der „Aufklärung“ deutlich hervor.
Als vielleicht erste positive Spur des Neuen nach der
5 Sophistik kämpft Hippokrates (weol doxatns inrorxijc, XIII ff.)
gegen die theoretisierenden Arzte (oder medizin-traktierenden
Sophisten) und erklärt, daß es die Gegensätze des Warmen,
Kalten usw. (s. S. 179; 184) in Wirklichkeit (in praxi) nicht
gibt; vielmehr „gibt“ es nur Medizinen, d. h. Dinge, die
10 warm usw. sind. Seine mit reinem Empiriker-Interesse gegen
die bisher allgemein geübte Hypostasierung von Begriffen geführte Polemik!) bietet einen Ansatz für die spätere (aristotelische) Unterscheidung von Substrat und Attribut, von Besonderem und Allgemeinem, von Konkretem und Abstraktem,
15 Diese empirische Aufklärung leistet damit auf ihrem Gebiet
dasselbe, was auch die sophistische leistete, wenn sie die
Möglichkeit des „Gerechten‘‘ usw. bestritt und damit Sokrates
Frage: „Was ist das Gerechte‘‘? hervorrief.
Sokrates: sucht
durch Induktion aus all den sich widersprechenden Einzel20 fällen, die die Sophisten gegen die Existenz z. B. der &ıxi«?)
anführten, die Definition zu finden, die weit genug ist, um
als allgemein gültig aufgestellt werden zu können.
Er sucht
und findet das Allgemeine, das dann Platon als die’Id&« hypostasiert, darin das ewige Sein der Eleaten findet und damit
ss das Begriffliche als eigentlichen Gegenstand des Wissens in
die Philosophie einführt.
Die analoge Entwicklung geht in Indien bezeichnenderweise von der indischen ,,aufklarenden“ (s. S. 155, A.3) Wissenschaft, der Grammatik, aus, die die Unterscheidung von
so Nomen, Adjektivum, Verbum, d. h. von Substrat, Eigenschaft
1) Gomrerz, Griechische Denker, I, 8.349 glaubt, eine ähnliche
Unterscheidung zwischen Länge und langem Gegenstand bei dem Sophisten
Antiphon zu finden; der Text ist aber nicht eindeutig genug überliefert.
2) Üsenweo-Hewze, Grundriß d. Gesch. d. Philosophie I, 12. Auff.,
1926, S. 142: 41000) 26701: täuschen ist gegen Feinde keine ddixla usw.
Vgl. Mahabharata VIII, 69: Kausika als Beispiel, daß gelegentlich lügen
besser ist als Wahrheit reden.
Page 52
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)und Bewegung (s. S. 202, A, 4) entdeckt!) und weiter entscheidet, daß mit den Worten der Sprache nicht das Ding in
seiner individuellen Einmaligkeit, sondern seine überindiviäuelle, ewige Form gemeint wird.
Aber zu einem „Idealismus“ in Platons Art sind dies
Inder eigentlich nicht gekommen, weil sie das Allgemeine
oder Begriffliche nicht erkenntnistheoretisch höher, sondern
eher weniger schätzen als das sinnlich wahrgenommene Einzeine. So lehrt Dignäga, der buddhistische ,,Idealist', gerade
im Anschluß an die Grammatik (NS., A. 9), daß nur das
ıo
schlechthin Individuelle real, daß alles Allgemeine wie Name,
Gattung, Eigenschaft usw. nur durch Willkür des Subjekts
(kalpanä) dem begrifflich unfaßbaren Realen beigelegt werde.
Und der brahmanische „Ideslist“ Sañkara erklärt zwar in
gewisser Analogie zu Platon nur das metaphysische Sein, das 15
höchste Allgemeine, brahman für absolut real, macht aber
keine weiteren erkenntnistheoretischen Unterschiede zwischen
dem empirischen Allgemeinen und Besonderen, sondern diese
beiden sind ihm gleicherweise „in geringerem Grade real‘,
Wenn Platon das Begriffliche als Gegenstand des Denkens go
für höher real erklärt als das Konkrete als Gegenstand der
Sinne, so erklärt die Mundaka-Upanisad I, 1, 5 im Sinne des
Vedänta brahman für das höchste Reale als Gegenstand der
„höheren Wissenschaft‘‘ = Metaphysik, alles andere, d. h. die
Gegenstände aller empirischen (theologischen: der sechs Hilfs- 25
wissenschaften: Phonetik, Ritual, Grammatik, Etymologie,
Metrik, Astronomie) Wissenschaften für Gegenstände der
„niederen Wissenschaft‘. So ist im Vedanta das Sein = brahman Gegenstand der reinen Sinnlichkeit (nirvikalpaka-pratyaksa), alles Empirische (alles relativ Allgemeine, resp. Be- so
sondere) bloße Konstruktion (kalpanä) (RapHaxrssHwan, Vedanta, 8. 56).
Nicht so sehr in erkenntnistheoretischer wie in kosmogonischer oder ontologischer Hinsicht — wie ebenfalls bei
Platon und besonders bei Aristoteles — ist das (empirische) ss
1) Viéegana oder guna-vacana, visesya, jäti schon bei Panini II,
Page 53
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rozen.
Allgemeine?) „früher“ (mit Aristoteles gesprochen: zodtegov
1) púosi) als das Einzelne (d. h. die konkreten Individuen)
in Bhartrharis Lehre?).
Bhartrhari schließt an Uddälakas Gedankengänge von
5 der Umwandlung des einen Seienden an, wenn er sagt: Wie
Gold usw.
an sich rein, nur durch seine voriibergehenden
Formen (äkära) verschieden, mit den Worten ,,Armband‘ usw.
benannt wird, so ist das brahman (Väkyapadiya, III, 2,4;
vgl. ib. 15, zitiert in SDS. XIII, 258).
Er nennt aber diese
10 Umwandlung mit dem neuen Terminus ,,vivarta‘ (I, 1; wie
Sankara nach ihm), der bedeutet, daß das Seiende durch diese
seine Umwandlung, die man deshalb auch eine scheinbare
oder weniger reale nennen kann, selber nicht modifiziert wird.
Das einzig Reale ist brahman = ätman = vastu oder dravya®);
ıses enthält in sich die Vermögen ($akti)*), durch die die empirischen vielen Dinge aus ihm werden.
Brahman ist das
Wesen (ätman) dieser Vermögen (III, 1, 22f.); die Vielheit
dieser Vermögen ist nichts anderes als brahman (I, 2) unbeschadet seiner Einheit, die über Sein und Nichtsein erhaben
soist (III, 3, 60f.; 3, 85).
Atman ist Wort und Bedeutung
(Sabda und artha: II, 31), ist Subjekt und Objekt (I, 4), ist
das eine Unteilbare (III, 6, 1), das durch die Vielheit der
1) D. h. die Genera, jati, akrti, die aber nicht „abstrahiert“, sondern
von „Höheren als wir (asmad-vidista: derselbe Terminus wie in Vaié.
Dars. II, 1, 18) „gesehen werden‘ (Vakyapadiya III, 1, 46).
2) Er nennt sich ,trayy-anta-vedin* (III, 3, 70) = Vedantin(?). Madbava nennt sein System: Panini-darsanam.
Vgl. die Behandlungen in
Nyäyamañjart 8. 531f.; Sammatitarkaprakarana 8. 379f.; Tattvasamgrahapanjikä S. 67£; Nyiyakanika S.256f
S. 173 ist mir nicht zugänglich).
(Nägojibhatta Laghumañjuga
Vgl. Ranwarkısunan, Vedanta, S. 81£.;
Suxrmaxxar, WZKM. 22, 137, A.1; Keira, Indian Literature, S. 429.
3) III, 2,1; 1,1: der Beginn des ersten Sloka: anädi-nidhanam (ohne
Anfang und ohne Ende) ist im Mahabharata häufig von Visnu (vgl-
Sorsnsen’s Index); aber auch gerade von vac (im Zitat aus dem Mahabhärata XII, 233, 24 bei Sañkara I, 8, 28) und im Mangala Sridharas von
Siva gebraucht. agantuka bedeutet das vivarta-Verhältnis im sünyaväda
(vgl. Onerwiruer, Acta Orientalia 1931, S. 105, A. 10).
4) Der Kommentator Helaräja identifiziert sie mit Saikaras Begriff
upädhi (zu III, 6, 1 und vor III, 1, 22).
Page 54
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Worte(!) als Vieles erscheint (III, 8, 85) und daher Sabdatattvam (1, 1: Wesen der Worte) oder $abda-brahman (Brahman in Form des Wortes)!) genannt wird. Seine Formen
(&kära, d. h. die empirischen Dinge) sind mit ihren Bezeichnungen ewig verbunden (Mimämsä! s. S. 162; 173), gerade o
weil beide ätman sind (III, 2, 6).
An sich sind die Dinge
ebenso wie ihre Bezeichnungen und Vorstellungen (artha,
£abda, jfiéna) „nicht richtig“ (viparyaya: III, 3, 59), sind nur
fiktiv beigelegt (adhyäropa-kalpanä: III, 1, 6). Worte beziehen
sich nur auf nicht reale Unterscheidungen (III, 3, 71), denn 10
im höchsten Sinne ist die Empirie nicht wirklich®).
Das eine Sein als höchstes Genus (sattä = brahman) erscheint durch seine Vermögen (Sakti: I, 2) als Vielheit der
empirischen Genera (jati)*) in den einzelnen Dingen (III, 1 38),
Das eine Sein ist aber auch der sphota, d. h. das absolute 15
1) Der Terminus éabdabrabman kommt schon Bhag. Gita VI, 44
und Maitry-Upanisad VI, 22£ im Sinne von Veda vor (vgl. Woopxorrz,
The garland of letters, S. 80; 88 usw.) und man hat Bhartrharis Lehre
schon bei Patañjali nachzuweisen gesucht. Bd. I, 8.8, L. 21 soll Patafijali nämlich mit ,maban deva* aus RV, IV, 58,8, den er mit éabda
gleichsetzt (Sayana dentet ihn als Sorya, Yaska im Nirukta 18, 7 als
yajña), das éabdabrahman meinen, mit dem der Mensch „wesenseins“
wird: so deuten Kaiyata, Nagegabhatta (p. 22£. ed. Bibl. Ind.) und SDS.
XIII, 109ff., wobei sich Nagesabhatta auf Väkyapadıya I, 132 beruft und
diesen Vers mit einer kurzen Fassung von Punyaräjas Kommentar zitiert.
Die Berechtigung dieser Interpretation ist schwer. zu widerlegen, da die
Vorstellung des sabdabrahman an uralte vic-Kosmogonien anknüpft und
besonders im Tantrismus entwickelt wurde, dessen Alter wir nicht kennen.
Es ist allerdings zu betonen, daß man anscheinend bei Patsñjali nur
diese eine Stelle als Beleg für diese Lehre hat finden können. Wenn
ferner Patañjali nach SDS. XIII, 140 (vgl. Vakyapadtya II, 829; so noch
Cuaxravarti, Philosophy of Sanskrit Grammar, Cale, 1930, 8. 96#.) den
sphota (s. 8.202, A. 4) lehren soll, ist das nicht der sphota
= Wortbedeutung, sondern = ewiger Laut (NS., A, 167).
2) IH, 8,44; 70; 72. Das erinnert an Nagarjuna.
Aber von Anzeichen, daß Bhartrhari Buddhist gewesen sei, wie RADHArkısunan behauptet, ist mir im Vakyapadiys nichts aufgefallen (vgl. Wintzantrz,
Ind. Lit. III, 140f.).
8) Und zwar sind unter Genera und Individuen sowohl die mit
Nominal- wie mit Verbal-Stämmen bezeichneten Entitäten zu verstehen
(UT, 1, 84). »
Page 55
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusen.
Wort, und dieses ist nichts anderes als die empirischen Worte
(nada
= Sabda: I, 44f.; 49; 55), die als ihre Objekte die
empirischen Genera haben). Die Worte bezeichnen also die
Genera, letzten Endes: Sein—sphota (III, 1,38). Diese Genera
ssind von höherem Sein (satya) als die Individuen (asatya:
III, 1, 32); sie sind ewig und überdauern alle Weltuntergänge
(III, 1, 42f.; WooproFFE, a. a. O., 8.50); die Genera sind
ferner die antreibenden Ursachen der Individuen (prayojaka:
III, 1, 25; sädhaka: 27; 44)*), um selber zur Erscheinung zu
10 gelangen.
Diese vedäntische Sprachmetaphysik erinnert an Platons
Lehre, daß die Einzeldinge Abbilder und Teilhaber (Z. II, 1,7631.)
der ewigen Ideen sind, und daß das Verhältnis von Individuum zur Idee dem von Einzelding zum Begriff (Begriff = Wort
15im Indischen) analog ist; mehr vielleicht noch an Aristoteles
Entelechie.
Daraus ist aber nicht wie in Europa eine biologische Wissenschaft geworden, vielmehr steht diese Lehre,
daß das Genus die Veranlassung, das Prius vor dem Individuum ist, in Indien vereinzelt da.
20
Für die realistische Antithese gegen Platons idealistische
These, für Aristoteles und Kanada, den Begründer des
Vaisesika, ist das Allgemeine nicht wie für Platon das
eigentliche Wesen ,,hinter den Dingen (apa rà xo24d), sondern es ist „nur in“ ihnen (xerd xol1@6v: Z. II, 2, 805).
25
Beide versuchen — das ist ihre erste Gemeinsamkeit —
‘ eine Staffelung des Allgemeinen. Aristoteles unterscheidet die
Gattung (Z. II, 2, 204 ff.), die durch die Unterschiede zu Arten
spezifiziert wird, wie diese weiter zu Unterarten bis zu den
1) Und zwar bedeutet das Wort „Kuh“ das Genus , Wort-Kuh-tum*
(go-éabda-tvam), erst sekundär das „Kuhtum® (artha-jati: ITI, 1,6; 2,18.)
und also würde es erst tertiär sozusagen die einzelne Kuh bedeuten,
2) Ist II, 82 gemeint, daß die Worte (éabda) Ursachen (karana) für
die Dinge (artha) als ihre Produkte (kärya) sind?
In kosmogonischer
Weise heißt es bei Manu (I, 21), daß der Gott (tévara) nach den Worten
(des Veda) die Welt schafft; vgl. Salıkara I, 8, 28; Mbh. XII, 8534. Oder
ist hier karana
= jfinpaka-hetu (NS., A. 296; vgl. Agnipurana 848, 80;
Vidhiviveka S. 5; Mammata 8. 212, 7 (ASS.); Dandin II, 235; Rassrnava
in Indian historical Quarterly 1929, Supplement zu Heft 1,*8, XX)?
Page 56
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)letzten Unterschieden!), den untersten Arten, die aber immer
noch ein Allgemeines sind. Die allerletzten Unterschiede der
Einzelwesen werden durch die Materie bewirkt (Z. II, 2, 340,
A. 5); sie sind nicht mehr artbestimmend. Ferner sind geringe
Unterschiede (id10»: Z. 11, 2,219, A.1) uicht mehr artbe- 5
stimmend (z. B. ,,Schreiblehrer ist keine ,,Art*). Das höchste
Allgemeine ist die allgemeine Form, der Geist.
Auch das Vaisesika staffelt das Allgemeine, aber nicht
mit einer schematisierenden Begrenzung nach Art und Gattung,
sondern es erklärt — was „sachlich“ auf dasselbe hinaus- 10
kommt — daß jedes Allgemeine gleichzeitig von anderer Seite
gesehen*), ein Individuelles ist: Menschtum ist ein Genusmerkmal, das (begriffsrealistisch hypostasiert) dem Menschen
inhäriert und ihn als Menschen erkannt werden läßt; es ist eine
Entität, die allen Menschen innewohnt und dabei ein und die-15
selbe bleibt (Prasastapäda S. 811); „Mensch“ ist, wie wir
sagen, ein allgemeiner Begriff gegen den einzelnen Menschen.
Dies Attribut Menschtum ist aber gleichzeitig von anderem
Gesichtspunkt aus ein Individualitätsmerkmal; „Mensch“ ist,
wie wir sagen, ein individueller Begriff gegen den des Lebe- 20
wesens usw.
Und so ist jedes Genusmerkmal gleichzeitig
1) redevrala dixpood (Z. 11, 2,212, A. 5) und ¿didpoga (ib. 207, A. 1).
2) buddhy-apeksa: Vais. Daré. I, 2,8. Bodas zu Tarkasamgraha VI,
8.90 deutet (in bewuBtem Gegensatz zur späteren Vaisesika-Lehre und
damit zu uns) diesen Terminus im Sütra, als wäre er identisch mit etwa:
apeksi-buddhi-ja, d. h. erzeugt durch vergleichendes Erkennen (danach
Str. 148; Fappraon, The Vaisesika-System, Amsterdam 1918, 8. 115ff.;
146f.; nicht ganz klar ist Kerra, Indian Logic and Atomism, Oxford 1921,
8.192f).
Aber durch dieses wird nach Praéastapäda 8. 111 (ed. VSS.)
die Zahl dvitva (ein guna, kein sämänyal) usw. erzeugt, von dem Bodas
selber S. 89 angibt, daß es im Gegensatz zu sämänya nicht nitya ist.
Wenn Prasastapada 8.99 den Terminus buddbyapeksa auf dvitva (paratva, aparatva, dviprthaktva usw.) anwendet (aber nicht auf sämänyavisega!), so ist das mit der Doppeldeutigkeit dieses Wortes zu erklären.
Sämänya (nicht nur param sämänyam — bhava) ist ewig (ib. 8.314;
Tarkasamgraha 77, NS. ITb 14, Str. 156) und kann nicht erzeugt werden.
VD. 1, 2, 8 ist demnach zu interpretieren: „Ob ich [ein Attribut, das sowohl simanya wie visesa ist (I, 2, 5)] als simanya oder visesa ansehe (itil),
hängt von [meinem] Erkennen ab*.
Page 57
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Runen.
auch ein Individualitätsmerkmal (ca: Vais. Daré. I, 2,5; bhaktya:
Prag. S. 312), abgesehen vom höchsten Genusmerkmal, das
nur (eva) Genusmerkmal ist (Vais. D. I, 2, 4) und den letzten
(antya) Individualitätsmerkmalen. Das höchste Genusmerkmal
sist das eine Sein, an dem Alles teilhat, insofern es ist’). Die
letzten, d. h. nicht mehr mit unseren stets allgemeinen Begriffen
faßbaren Individualitätsmerkmale inhärieren in je einer der
ewigen Substanzen, d. h. den Atomen, dem Raum-Ather, Zeit,
Ort, Seele und Denkorgan; diese sind aber für Menschen in
10 ihrer Individualität nicht erkennbar, übersinnlich, nur in ihrer
allgemeinen Art erschließbar; nur Yogis sehen sie und erkennen
also die letzten Individualitätsmerkmale®).
Nicht jedes Allgemeine ist artbestimmend (wie man freilich erst ca. 1000 Jahre
später hinzufügte): es gibt keine Gattung (jati) echter Art
15 etwa von blinden Menschen (Blindheit ist nur eine upädhi:
Str. 157; Bodas zu Tarkasamgr. VI, 3, 8. 92).
Beide Systeme sind ,,Begriffsrealismen“; beide unternehmen — das ist ihre zweite wichtige Gemeinsamkeit —
zur Systematisierung der Begriffe eine Aufstellung von ,,Kate20 gorien‘' (Str. 148 ff.), d. h. Aussagen?) (padärtha = Wortgegenstand)‘), die sich auch im einzelnen weitgehend entsprechen.
1) Deshalb von Aristoteles nicht als Kategorie gerechnet: Tarx-
DELENBURG, Geschichte der Kategorienlehre, $. 66.
2) Das Vaisegika lehrt nicht, daß das Ganze, z. B. der Topf, dieses
nur uneigentliche dravya (s. 8. 204f.), ein absolutes principium individuationis hat.
Wohl aber hat jede Seele, und damit jeder Mensch ein
solches, und so ist es zu verstehen, daß einige Poetiker solche bei Menschen
anerkennen und von Dichtern „angedeutet“ werden lassen (vgl. OLZ.
1929, Sp. 622; 628). Fannzeon, a. a. O. 118 möchte allerdings auch den
„Produkten im Vaiéegika principia individuationis zuweisen, was im
Gegensatz zur Lehre des Vaisesika aller Zeiten steht. Die Unterscheidbarkeit eines Produktes (etwa Topf) von anderen beruht vielmehr auf
der Unterscheidbarkeit seiner Ursachen (Atome). Man bedenke, daß das
svalaksana, des absolut Individuelle bei den Buddhisten, auch nur die
Phänomene (dharma) sind, nicht ein „Ganzes“ (dharmin),
8) Aristoteles meint ,Aussagen", was allerdings nicht auf die erste
Kategorie paßt; vgl. Bodas” Kritik an Aristoteles: a. a. O,, S.78f.).
4) Denn dem Wort entspricht (s. 8.162) ein objektiver Gegenstand,
den es meint.
So schließt das Vaiéesika im allgemeinen an die uralte
indische Sprachphilosophie an, im besonderen an die Grammatik, die
Page 58
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Beide nennen als erste Kategorie das Substrat (droxeiusvov = äéraya) der restlichen Kategorien, meinen aber im
einzelnen etwas Verschiedenes. Wenn Demokrit die Atome,
d. h. für Aristoteles: den Stoff, Platon dagegen die Ideen,
d. h. für Aristoteles: die Formen, als höchste Realitäten ver- 5
standen, folgt Aristoteles Platon in der Anerkennung, daß nur
das Allgemeine Gegenstand der Erkenntnis sein kann, betont
aber gegen ihn die Realität des Einzelnen und versteht als
echter Empiriker, d. h. Vielheitsschauer, unter Substanz (ooo)
als erster Kategorie das „Einzelwesen“ (Z. II, 2, 845), das 10
etwa (ähnlich TRENDELENBURG, a. a. O., S. 70) als die verstofflichte (dadurch besonderte) Form (die an sich stets etwas
Allgemeines ist), abgesehen von allem Stoff und allen Formsich aus der Sprachphilosopbie entwickelt hatte. Denn schon Patañjali,
Bd. 1, 8. 19, 20 hat eine an das Vaïéesika erinnernde Klassifizierung der
Worte (s, S. 197, A. 1) gegeben: jäti(äkrti)-, guna-, kriya-, yadrechäsabda
= Nomen, Adjektivum, Verbum, Nomen proprium.
(Statt Eigennamen nennen die Poetiker, die diese Liste übernehmen — Dandin II, 13;
97f.; 328f.; Rudrata VII, 1#.; Mammata I, 8ab; X, 110cd f.; Rajnéekhara 8. 21, 16f.; 79,2; Ruyyaka 8, 57, 5; 122, 1; Agnipuräna 343, 26,
— vielleicht unter dem Einfluß des Vaisesika: dravya — Einzelding;
Jagannatha indessen nennt yadrechä statt dravya da, wo er lehrt, daß
nur jäti (also nicht dravya!) Gegenstand des Wortes sein kann (144, 1;
ed. Km. 12, 188); sonst nennt auch er dravya: 287, 2; 427, 11).
Patañjali
diskutiert ferner als Wortbedeutung wie seine Vorgänger (NS., A. 168)
dravya (Einzelding) und äkrti (allgemeine Form), Er unterscheidet aber
schon genauer als Wortbedeutung (padartba: 1, 7, 7): nityam dravyam
(Stoff, der von guna zu trennen ist: vgl. 11, 866, 14f.) von anityam dravyam (das Ding in seiver einmaligen Form; das meint er wohl auch,
wenn er guna-samudaya als padärtha nennt: I, 411, 15; II, 200, 14; 368, 12),
eine nityä äkrti (d.h, jati) und eine anitys akrti (die einmalig verkörperte
Form). Er erlaubt es sich ferner, und das spricht dafür, daß diese
„Kategorien“ noch nicht vom Vaisesika festgelegt waren (s. 8. 228, A. 1),
von Handlungen als ,guna* im Gegensatz su jati (Abstammung) und zu
abhyantara-guna (Eigenschaft) zu sprechen (I, 411, 16 = II, 868, 12.)
und andererseits guna (in der Bedeutung , Vorzug*) ein dravya zu nennen
(I, 867, 8). Im Sinne von „Kategorien des Seienden* spricht or ferner,
ohne dafür einen umfassenden Terminus zu nennen, von dravya-kriya-gunaäkrti-kabda (I, 1, 54) (über éabda s. 8.199, A.1, denn darin meinte man
den sphota zu finden). So hat schon bei ihm seine Tabelle der Wortbedeutungen ontologischen Sinn wie im Vaiéesika und bei Aristoteles.
Page 59
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen.
elementen zu beschreiben ist, weil sowohl die stofflichen wie
die formalen Bestimmungen der ,,Substanz nur ,,Akzidenzen‘
sind, die im Zusammenhang der Kategorientafel von der Substanz als dem schlechthinnigen Substrat (oder Subjekt) fortsgedacht werden müssen.
Empirisch „gibt es natürlich nur
Substrate mit Attributen (ovole ody@srog, Met. 1043 A 30);
und es ist deshalb problematisch, wenn Aristoteles als Beispiel
für odola: ,,5 ris Evdoormos"* usw. angibt;
es kann damit
nicht gemeint sein, daß z. B. Kallias!) mit allen ihn be-
10 stimmenden (d. h. allgemeinen) Akzidenzen die Kategorie Substanz ist; diese als solche ist vielmehr dieser bestimmte Mensch
abgesehen von seinen Bestimmungen.
Das „Wesen“ ist —
möchte man sagen — dasjenige, durch das ,,dieser Mensch‘
mehr ist als die Summe seiner Attribute.
15
Im Vaisesika ist dagegen das Verhältnis von Substanz
und Akzidenz räumlich-konkret als das von Substrat und ihm
inhärierendem Attribut gedacht. Die erste Vaisegika-Kategorie
ist also Substrat, d.h. die neun Substrate: die fünf Elemente
als materielle, Zeit, Ort (s. S. 208), Seele als immaterielle,
sound Denkorgan als in dieser Hinsicht unbestimmtes Substrat
der Eigenschaften Atomkleinheit, Ungeistigkeit usw. (Nyäyavärttika, S. 40, 15 ed. Bibl. Ind.) und einer Bewegung, durch
die die Seele mit den Sinnesorganen in Kontakt kommt.
Ein der odole ähnlich schwieriger indischer Begriff ist
2, nun der des ,,Ganzen“ (avayavin).
Das Ganze gibt es nur in
Korrelation zu seinen Teilen: es ist nur in ihnen (NS. IVb 28).
Das Ganze, rein als Ganzes vorgestellt — was das Vaifesika
nicht tut — ohne seine Teile, wäre etwa die ovole.
Synonym für avayavin ist aber dravya.
Ein
Dieser Ausdruck für
so die erste Kategorie des Vaisegika, dravya, ersetzt das vedische
dravina
(von Wurzel
drulaufen) = bewegliche Habe;
es
bedeutet ,,Einzelding“ (im Sinne des ,,Ganzen*) noch in den
Diskussionen der Grammatiker im Gegensatz zur Form (synonym mit vyakti im Gegensatz zu jäti).
Im Vaisegika wurde
1) Er wäre als aloöreh odole überdies keiner Definition fähig:
TRENDELENBURG, a. a. O., S. 51£; Substanz soll aber eine odole xard roy
Aöyov sein.
Page 60
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)dravya zu Substrat umgedacht, aber die alte Bedeutung blieb
daneben lebendig.
Um
an
einem
bestimmten Fall den Unterschied des
Griechen und Inders zu zeigen: Aristoteles sagt: Sokrates ist
— metaphysisch betrachtet — eine ovole (1. Kategorie); er 5
ist ferner ein Quantum, ein Quale, ein Relativum (2.—4. Kategorie), von ihm kann ein Ort, eine Zeit, eine Lage usw(5.—10. Kategorie) ausgesagt werden.
Er ist — logisch betrachtet — Sokrates, weil er durch das Genus Lebewesen
mit Unterschieden als Mensch, weiter als Athener usw. be- 10
stimmt ist.
Kanada würde sagen: Devadatta ist ein Mensch, d. h. eine
Seele mit einem Körper (dehin) oder ein Körper mit Leben
(pränin).
Der Körper (ein Ganzes) hat das Substrat Erde
(1. Kategorie), hat die Eigenschaften einer bestimmten Größe 15
Farbe usw., hat gewisse Bewegungen, hat das Genusmerkmal
„Körpertum“, das
Individualitätsmerkmal
,,Mensch-Kórpertum‘ (2,—5. Kategorie), das aber auch wieder als Genusmerkmal aufgefaßt werden kann, usw.
Ebenso haben seine
Eigenschaften und Bewegungen Genus- und Individualitäts- 20
merkmale.
Ferner ist seine Seele ein Substrat mit Eigenschaften (Denken, Empfindungen) und Bewegungen (NS, A.82)
und einem „letzten“ Individuumsmerkmal. Devadatta selber ist
aber kategorial eigentlich gar nicht zu fassen; er ist sozusagen Alles zusammen; und es ist umso verwirrender, wenn 25
er als dravya (im Sinne von Einzelding) bezeichnet werden
kann); hier kommt die Doppelbedeutung der ersten Kategorie
heraus. Der Topf z. B. ist dunkel. Dunkel ist eine Eigenschaft, die im Substrat (dem Material Ton, d. h. einer Art
Erde, genauer diesen Erdatomen) inhäriert; sie ist also Eigen- so
schaft der Ursache (karana-guna). Gleichzeitig aber inhäriert
dunkel dem Topf als Eigenschaft des Produktes (kärya-guna),
und man sagt im Vaisesika, daß die Farbe des Tons die Ur1) Vais, Dará. I,1,8: dravyam (ala „Ganzes“) ist dravyavat (inhäriert
einem Substrat), ist also kärana (Ursache) und kärya (Produkt), Es
handelt sich natürlich nur um die vier ersten (atomischen) Substrate,
denn von den anderen gibt es keine Produkte.
Page 61
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Ronen.
sache der Farbe des Topfes und also nicht mit ihr identisch,
sondern ihr „vorausgehend“ ist (Vais. Daré, 11, 1,24; IV, 1, 3).
Ferner: Topftum inhäriert dem Topf; aber Topf ist in diesem
Zusammenhang nur als dravya (Einzelding) zu verstehen, wie
s gleichzeitig Erde als „sein“ dravya (d. h. Substrat) zu verstehen ist. So ist jedes ,,Ganze (oder Produkt) ein dravya,
und mit diesem Wort ist gemeint und gleichzeitig auch nicht
gemeint die eigentliche, in Vais. Daré. I, 1, 15 definierte erste
Kategorie: Substrat. Topf als Produkt?) ist im Vaisesika
10 aber, wie ausdrücklich gelehrt’ wird, nicht metaphysisch identisch mit Ton, seiner Ursache (Str. 159: asatkärya-väda).
Produkt und Ursache gelten trotzdem beide als erste Kategorie, sozusagen als zwei Erscheinungsformen, als die ewigen
(Atome) und vergänglichen (Produkte) Substrate:
15
Mit der zweiten Kategorie „Eigenschaft“ (guna), deren
24 aufgezählt werden (Str. 154f.), faßt das Vaisegika gewissermaßen die 2.6. Kategorie des Aristoteles zusammen. Aber
statt der Eigenschaft „Ausdehnung‘‘ (parimäna), die jedem
Ding (dravya) inhäriert, und zur zweiten Kategorie des Vai2oSesika gehört, spricht Aristoteles als zweite Kategorie von
einem Quantum, das das Ding ist, insofern es aus Bestandteilen besteht. Daher versteht Aristoteles unter Quantum
auch z. B. Zeit, Ort, Zahl, Wort (als Summe von Lauten)
und Bewegung (Z. II, 2, 268; TrENDELENBUEG, S. 80). Im
25 Vaisesika aber hat Bewegung (3. Kategorie), Zahl (als Eigenschaft von Substraten) und Wort (als Eigenschaft des Äthers
wie der Ton) keine Ausdehnung, weil sie als Bewegung und
Eigenschaften keine Eigenschaften in sich inhärieren lassen
können (Vais. Daré. I, 1,16).
80
Über Zeit und Ort s. 8. 208.
Statt die fünf sinnlichen?), drei physikalischen (schwer,
1) Produkt ist dreifach: Körper, Sinnesorgan, Gegenstand (NS., A. 27),
2) In Vais. Daré. I, 1, 6 wird éabda nicht genannt, sondern erst von
Pragastapada hinzugefügt.
Dessen Auslassung im Sutra motiviert erst
Saikaramigra mit der Bemerkung, er wäre als selbstverständlich nicht
mit aufgeführt.
Diese Motivierung ist aber falsch, da es gerade erst eines
Beweises in Vais, Dars. II, 2, 21ff. bedarf, daß Ton eine Eigenschaft des
Athers ist, denn die Mimamsi verstand ihn als dravya (Jha, Prabhakara
Vina
Page 62
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ússig, klebend)!) und sechs psychischen Eigenschaften (Denken,
Lust, Leid, Verlangen, Abneigung, Bemühung) aufzuzählen,
spricht Aristoteles vom Quale (3. Kategorie), vom Charakter
der Substanz, insofern sie durch die dsvvépo odola: und die
auußeßnadre (Z. II, 2, 268, A. 4) oder durch ihre Bewegtheit 5
und die besondere Art ihrer Bewegtheit „bestimmt“ ist (Z.
II, 2, 269, A. 1; TrenpELENBURG, S. 92ff.).
Damit kommt er
der Bedeutung von Eigenschaft (guna) als Charakteristikum
(bhedaka) in der Mimämsä näher, die den Begriff ,,Individualitätsmerkmal“ des Vaisegika nicht anerkannte?).
Aristoteles’ 10
mots meint, wenn man sie mit Vaisesika-Begriffen umschreiben will, mehr als „Eigenschaft‘‘ im Vaisegika, nämlich
etwa: „die Art von Substrat, Eigenschaft und Bewegung“
(dravya-, guna-, karma-viéesa).
Zu dieser Kategorie rechnet
Aristoteles wie das Vaisesika die Zahl (abgesehen davon, daß 15
er sie zur 2. Kategorie rechnet: Z. II, 2, 269, A. 1)®), Wenn
Aristoteles auch Gestalt (u09p%: Z. II, 2, 269, A. 2) unter
Qualitas rechnet, so ist sie im Vaisesika nicht kategorial einzuordnen (NS., A. 171).
Die 4. Kategorie des Aristoteles würde die „Eigenschaften“ 20
des Vaiéesika: Verbindung, Trennung, Ferne, Nähe, aber auch
alle sonstigen ,, Beziehungen‘, die im Vaisesika bekannt sind,
ohne in das Schema der Kategorien ausdrücklich eingeordnet
zu werden, befassen: Ähnlichkeit (sädréya) und Gleichheit
(tadatmya) wären loo», öuoıov, tavrdy; (nimitta und naimittika) 25
Veranlassung und Veranlaßtes wäre etwa Pepuevzixdv und
®eoudv; Objekt und Erkenntnis (visaya-buddhi) wäre das Verhältnis duevorrd» und éxvoryrdy usw. (Z. II, 2, 270, A. 5).
School of Parva Mimámsá, 8.94: Bhatta) und Patañjali hatte ihn als
besondere Kategorie (s. S, 202, A. 4) aufgeführt.
1) Ebenfalls erst von Prasastapida nach Vais. Dará, V,1,7; 11,1, 2
aufgezählt.
2) Der visega, nach dem das Vaisesika benannt ist (Str. 158) ist
seine Neuerung gewesen, die ihm von der Mimämsä (Jha, a, a. O., 8.89;
Str. 178) und von Bhartrhari III, 5, 1 ff. bestritten wurde.
:8) Die Einteilung der Eigenschaften im Vaisesika (Pragastapada,
$. 95ff.) ist als solche, aber nicht in Einzelheiten, mit Aristoteles (TrenDELENBUBO, S. 94ff.) zu vergleichen.
Page 63
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen.
Statt der 5. (Wo) und 6. (Wann) Kategorie des Aristoteles
lehrt das Vaisegika, daß Ort und Zeit Substanzen sind, deren
Eigenschaften wir wahrnehmen und mit den Worten (resp. Begriffen) hier, „dort‘‘, „jetzt‘‘ usw. aussagen (resp. erkennen).
5
Die 7.—10. Kategorie des Aristoteles würde man der
dritten des Vaisesika, Bewegung, unterordnen, denn im Indischen gilt jeder Satz als Handlung (nicht als Aussage, wie
bei uns), die durch das Verbum gemeint ist; jedes Verbum
(also nicht nur Tun und Leiden, sondern auch Liegen und
10 Haben: die vier letzten Kategorien des Aristoteles) bedeutet
letzthin eine Handlung.
Im eigentlichen, ausdriicklich gemeinten Sinne des Vaisesika aber entspricht der 3. Kategorie
des Vaisesika nur ein kleiner Teil der 7.—10. Kategorie des
Aristoteles (Z. II, 2, 389, A. 2).
Er versteht unter der 9. und
1510. (die 7. und 8. sind für ihn unwichtig und meist fortgelassen) das Werden (usr«ßoAj) als physikalischen Begriff
und unterteilt es als Entstehen und Vergehen, Wachsen und
Schwinden, Wechsel und eigentliche Bewegung (pooé); diese
räumliche Bewegung unterteilt er weiter in „eigene“ und
20 „durch anderes veranlaßte‘‘, von denen die vier Arten der
letzten etwa dem Vaisesika entsprechen, denn die vier: Ziehen,
Stoßen, Tragen und strudelfirmiges Bewegen (dadurch wird
z. B. die Erde im Mittelpunkt der Wasser gehalten) entsprechen annähernd den fünf „Bewegungen“ des Vaifesika.
ss nach oben, nach unten werfen, an sich ziehen, fortstoßen und
gehen (unbestimmter Richtung).
Als 4. und 5. Kategorie zählt das Vaisegika das Genusmerkmal und das Individualitätsmerkmal auf.
Nach Aristoteles, der sldos und yévog nicht als metaphysische Kategorien
so nennt, ist z. B. Farbe eine Gattung, die durch Unterschiede
zur Art: weiße Farbe spezifiziert werden kann.
Farbe und
weiße Farbe sind gleichzeitig vom Standpunkt der Kategorientafel Qualitäten (3. Kategorie).
Nach dem Vaisesika aber ist
Farbe und weiße Farbe je eine Eigenschaft (2. Kategorie);
ss die Eigenschaft „weiße Farbe‘ hat das Genusmerkmal (4. Kategorie) „weißes Farbtum“, die „Farbe“ das des „Farbtums“.
Das Genusmerkmal „weißes Farbtum“ ist weiter ein Indivi-
Page 64
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)dualitätsmerkmal (5. Kategorie) relativ zum Genusmerkmal
„Farbtum‘ ist wieder ein Individualitätsmerk-
»Farbtum*,
mal relativ zum Genusmerkmal ,, Eigenschaftstum“, denn Farbe
ist eine der Eigenschaften usw. In dieser Weise staffelt
das Vaisesika seine 4. und 5. Kategorie und läßt sie seiner 5
1.—3. Kategorie inhärieren.
Die Inhärenz der 2.—5. Kategorie in der 1., der 4.5. Kategorie in der 1.—8. zählt das Vaisegika schließlich als 6. Kategorie;
Aristoteles würde sie unter die Kategorie Relation
unterordnen.
10
Und schließlich ein drittes Problem, das eigentliche alte
Problem der Metaphysik: das „Werden‘‘ wird vom Vaifesika
(Str. 159.) wie
von
Aristoteles behandelt.
Im Vaisesika
wird. die materielle Ursache von der immateriellen (solehe sind
die Eigenschaften der Ursache für die Eigenschaften des Pro- 15
duktes, s. 8. 259f.), der wirkenden (Agens), dem Instrument
und der Handlung unterschieden; ähnlich wie bei Aristoteles
(Z. II, 2, 327) von der causa materialis die causa efficiens usw.
„Werden“ bedeutet im Vaisegika, daß die materielle Ursache,
der Stoff (das kommt nur in Frage für die ersten vier Ele- 20
mente in Atomform) bestehen bleibt, während die Attribute
(2.—5. Kategorie) andere werden, d. h. an die Stelle der alten
Attribute, resp. des alten Ganzen oder Produktes und an die
Stelle des ,,Noch-nicht-seins“ (präg-abhäva: Str. 161)1) des
neuen Ganzen tritt das neue Ganze und das ,,Nicht-mehr-sein“ 25
des alten Ganzen.
Dem ist die Lehre des Aristoteles vergleichbar, daß im
bleibenden Stoff (Z. II, 2, 391; devréon 447 als dxoxs(usvov)
an die Stelle des „Mangels“ (oréonoic: Z. 11, 2,315, A.2; resp.
doxnuosóvy, duoggla) oder: des „Gegenteils‘‘*) die neue Form
so
tritt, die an sich ewig ist (Z. II, 2, 314, A. 2), wie im Vaisesika das dem Topf inhärierende Genusmerkmal (etwa ,,Topftum“) ewig ist (s. oben S. 201, A. 2).
1) In Vaió. Daré. IX, 1, 1—10 werden schon die vier Arten des
abhäva behandelt.
2) dvrixsluevor, das dem „pratidvandvi“ in NS. IIIb 48 entspricht:
die dunkle Farbe des Topfes macht der roten Farbe nach dem Brennen Platz.
Page 65
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Ruse.
Wenn aber Aristoteles die (ewige) neue Form als eine
der Ursachen mit aufführt, das s/00ç als „potentiell seiend“
im Stoff „sein“ (Z. II, 2, 315, A. 2: meovadoyov, nicht évvnéoyov: 8. 8.184, A. 2) läßt, der Form eine teleologische
5 Macht gibt und dem Stoff (als dem Möglichen) eine Fähigkeit,
die neue Form anzunehmen (vgl. die Sakti als neue Kategorie
in der Mimämsä: Jha, a. a.0., 8.89), zuerkennt, so lehrt
anstatt dieser ,,Entelechie das Vaisesika nur, daß das Produkt die entsprechenden Eigenschaften hat wie seine Ursache,
100hne aber deshalb auf seine Ursache zu wirken. Und während
das Vaisesika mit der Elementenlehre die Atomlehre aufgegriffen hat, hat Aristoteles die Elementenlehre (TrenDELENsure $. 65; Z. 4391.) mit der der qualitativen Wandelbarkeit
(Z. II, 2, 285; 445.) im Anschluß, ja in noch konsequenterer
15 Weise als Anaxagoras (Z. II, 2, 288 seine Polemik gegen ihn;
I, 2, 1229f.: Teleologische Vorstellung bei Anaxagoras) verbunden.
Den qualitativen Wandel erkennt das Vaifesika
dagegen nicht an.
Das Werden als Verwirklichen des Möglichen ist eine neue Formulierung des anaxagoreischen Werdens,
soist neu durch einen neuen Aspekt, der die Grundlage der
biologischen Wissenschaft in Europa wurde, wie Anaxagoras
und Empedokles für die Chemie, Demokrit für die Physik,
Aristoteles’ Einteilung nach Arten für die Zoologie und Botanik
die grundlegenden Begriffe schufen.
25
So entsprechen sich das System des Kanäda und des
Aristoteles in ihren wesentlichen Zúgen der Metaphysik (von
der Logik sei hier abgesehen), und es ist bezeichnend, daß
Kanäda
der
ungeheuren
Fülle an
naturwissenschaftlichem
Material bei Aristoteles nur wenig gegenüber zu stellen hat1).
so So ist Aristoteles sicher der inhaltreichere, das Vaisegika aber
das metaphysisch klarere, nicht so mit Empirie belastete
System.
Beide Systeme sind der Abschluß der alten Meta-
1) Auffallend in seiner Seltenheit ist die Behandlung des Saftaufsteigens in den Pflanzen (Vaié. Dars. Y, 2,7); das war auch das erste
große Problem, durch dessen Behandlung Jacapis Cuunver Bose (Die
Physiologie des Saftsteigens, deutsch von Prnesmerm, 1925) die moderne
indische Physiologie berühmt gemacht hat.
Page 66
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)physik und gleichzeitig der Anfang der neuen wesentlich
erkenntnistheoretisch interessierten Philosophie.
Um Platon
und Aristoteles geht der Kampf in Europa in den folgenden
Zeiten.
Gegen das Vaifesika tritt in Indien Nagarjuna mit
seiner radikalen Skepsis (vgl. OLZ. 1928, Sp. 621) und im 5
Kampf gegen ihn werden die verschiedenen erkenntnistheoretischen Standpunkte der Inder ausgebaut.
Aber die Parallele
zwischen beiden Kulturen weiter zu führen, sei hier nicht
versucht.
Ob z. B. die Scholastik in Indien und Europa um
1000 n. Chr. nur scheinbar oder mit historischer Berechtigung 10
vergleichbar ist, ist vielmehr bei einer Vergleichung der Logik
herauszustellen.
3. Die Frage der Chronologie.
So wären ohne tendenziöse, d. h. absichtlich beide Kulturen einander angleichende, Auslassungen?) und Umdeutungen 15
die hauptsächlichen Motive
der griechischen und indischen
Metaphysik nebeneinander gestellt, und es ergibt sich eine
weitgehende inhaltliche Parallelität der Philosopheme?).
Kann man diese für eine zunächst relative Chronologie der indischen Philosophie benutzen und es rechtfertigen, 20
wenn wir oben die indischen Systeme sich nach Analogie der
griechischen haben folgen lassen?
Der Blick für das Wachsen
der indischen Philosophie ist uns durch die indische Tradition
verbaut, die die „Gründung“ aller Systeme uralten Sehern
zuschreibt. Jedes System will die ewige Wahrheit enthalten, 25
keines historisch auf anderen aufbauen.
Der Inder fragt nicht
1) Besonders in Indien ist die Zahl der mehr oder weniger originalen
Philosophen sehr viel größer gewesen als die hier behandelten Richtungen;
vgl. etwa Orro SoHRADER, Über. den Stand der indischen Philosophie zur
Zeit Mabäviras und Buddhas (Straßburger Diss. 1902).
2) Vorsichtiger hätte man vielleicht lieber allgemein nicht die ganzen
Systeme (daréana), sondern einzelne Lehren (vada) in Parallele gesetzt,
Aber im Sämkhya ist Daalismus und satkäryaväda dem Anaxagoras
analog, wie im Vaisesika die drei behandelten Problemgebiete dem Aristoteles analog sind. Solches wie überhaupt diese Vergleichung braucht
durchaus nicht mystisch aufgefaßt zu werden; vielmehr bilden geistige
Elemente einen Organismus wahrscheinlich ebenso gut wie chemische
den biologischen Organismus nach (soziologischen) Gesetzen,
Zeitschr. f. Ind. u. Iran.
Bd. VIII.
Page 67
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosey.
nach der ,Erfindung‘ wie wir als Nachfolger der Griechen;
sondern er fragt nach dem Inhalt des Systems als solchem
und hat dementsprechend seine Lehrbücher der Philosophie
so eingerichtet, daß die Systeme polemisch gegeneinander,
s nicht historisch nacheinander dargestellt werden (Str. 13).
Die ältesten, uns überkommenen Darstellungen sind ferner
teilweise sicher relativ jung wie die des klassischen Sämkhya
(Str. 176: Sämkhyakärikä etwas vor 500 n. Chr.), teils nicht
systematisch und gänzlich unbestimmbarer Zeit als Produkte
10 einer jahrhundertelangen Tradition wie die kanonischen Schriften
der Buddhisten?), der Jainas (aufgeschrieben ca. 300 n. Chr.)
und des „epischen“ Samkhya im Mahabharata (aufgeschrieben
vielleicht 400 n. Chr.).
Oder schließlich, wo wir wie beim
Vaisesika-darfana ein relativ altes und einheitliches Werk
15 als älteste autoritative Darstellung eines Systems haben, ist
es zumindest unbestimmt hinsichtlich der Frage, ob es von
dem Begründer des Systems persönlich herrührt, oder ob es
der späte Niederschlag einer vorangegangenen mündlichen,
schulmäßigen Überlieferung ist?). Die philologischen Schwierig20 keiten sind also in Indien der Art wie in Griechenland bei
den Pythagoräern, Hippokratäern, Demokritäern®), aber größer.
Und es kostete den früheren Indologen schon Überwindung,
statt der überlieferten fertig nebeneinander stehenden Systeme
überhaupt an ein Nacheinander einzelner philosophischer ,,Fort-
25 schritte‘ zu denken.
Nägärjuna ferner galt als geistiger Begründer des Mahäyäna und war zweifellos ein großer Geist; aber er hat Vorgänger gehabt, und es wird sich erst allmählich herausstellen,
was Nägärjuna selber Originales geleistet hat.
Ebenso möchte
1) Der Pslikanon, eine Übersetzung aus einem Original in Magadhr,
wenige Jahrsehnte vor Chr. aufgeschrieben (Gxrezr, Pali, 8. 7).
2) Jacosr, SBAW. 1912, 844; ca, 100 vor bis 100 nach Chr. verfaßt: Jacosr, Indian Studies in honor of C. R. Lawman, 1929, S. 164.
Das Vaisesika (als System) scheint jedenfalls jünger als Kaufalya zu sein
(Jacosı, SBA W., 1911, 786) und wohl auch als Patañjali, s. S. 228, A. 1).
8) Aristoteles spricht öfter von „denen um Anaxagoras‘ und „denen
um Empedokles* im Sinne von Schulen (z. B. Z. I, 2, 1210, A. 1). Heraklitäer gab es noch zu Platons Zeit.
Page 68
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)man Yajñavalkya (s. S. 163, A. 2) für einen ganz großen
Neuerer halten, der das mystische Erlebnis, átman = brahman,
ganz allein aus sich heraus erlebt hat; ihm ging magisches
Erleben, Askese (tapas), rta-Lehre, Mikro-Makro-KosmosAnalogie
und
Einheitsschau in
kosmogonisch-naturphiloso- 5
phischer Form voraus; aber atman-Mystik hat er vielleicht als
erster Inder bewußt erlebt. Weil er aber andererseits den ,,reinen
Geist‘ in so erstaunlich klarer Weise begrifflich zu beschreiben
versteht, kann man wiederum an seinem mystischen Charakter
zweifelhaft werden.
Zum Vergleich kann man auf Sañkara, 10
seinen späten Erben, hinweisen, der anscheinend gar nichts
Originales erlebt hat (selbst der Terminus vivarta ist schon
bei Bhartrhari!), sondern nur der meisterhafte Dialektiker
und Scholastiker war. Ähnlich sind die Verhältnisse bei allen
„Gründern“ der indischen Systeme. Und doch können wir bürger- 15
lichen Europäer nicht anders, als die Frage: ,,Wer hat es gefunden?“ stellen.
Wir können es uns nicht denken, daß die
Geistesgeschichte in Indien prinzipiell anders als in Europa gewesen ist, daß es in Indien in alter Zeit nur ganz allmähliche,
anonyme Entwicklung gegeben hat!) Weiter sei hier auf das so
geschichtsphilosophische Problem des Anteils des Individuums
am Fortgang der Geistesgeschichte nicht eingegangen. Individuum und Masse, Genie und Schule, sprungweise und kontinuierliche Entwicklung sind korrelative Begriffe, und beide
haben ihre Funktion in der Geschichte. Indessen zeigt unsere 25
Betrachtung, daß, wenn etwa ein Demokrit gestorben wäre,
ohne die Atomlehre ausgesprochen zu haben, ein anderer
hätte geboren werden müssen, um diese Leistung zu vollbringen, was gerade gegen eine Überschätzung des Individuums
in der Geschichte spricht. ‘
30
Man kann demnach, scheint es, nur fragen, was gegen
1) Vgl. z. B. OLvensERG, Lehre der Upanishaden, S. 207: in Indien
gibt es kein plastisches Sichabheben der Denkergestalten, und dagegen
8. 216: individuelle Konzeption des einzelnen Denkers (beim SamkhyaBegründer). In nachchristlicher Zeit sehen wir denn auch längst ein
Fortschreiten der Geistesgeschichte mit ganz großen Fübrernaturen:
Asañga, Vitsyayana, Vasubandhu, Vrttikara der Mimämsäsütras usw.
Page 69
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusen.
eine solche relative Chronologie spricht, wie wir sie der
griechischen Analogie folgend, angenommen haben. Und es
wäre da zunächst die Feststellung zu machen, daß in Indien
noch mehr wie bei uns (vielleicht allerdings fällt es uns bei
sung gelber nur nicht so auf!) das Alte neben dem Neuen
bestehen bleibt, daß wir in Indien von geographischen Kulturdifferenzen in der alten Zeit, die uns hier angeht, so gut wie
gar nichts wissen, daß zwei ideengeschichtlich oder „logisch“
sich folgende Denkweisen (wir haben oben unbedenklich zu1onächst von „Perioden‘‘ gesprochen) historisch nebeneinander
entwickelt sein können?), und daß wir neben dem ideengeschichtlichen so gut wie gar kein literargeschichtliches*)
1) Der Gegensatz von Poly- und Mono-theismus ist vielleicht „derselbe“
(d. h. nur anderer Ausdruck desselben Erlebens) wie der von
Werden und Sein, von Realismus und Idealismus und also „von Anfang
an* da.
So ist die Streitfrage, ob Heraklit vor, gleichzeitig mit oder
nach Parmenides gelehrt hat für unseren Überblick belanglos. Die Wirklichkeit war komplizierter
als unsere summarische Darstellung.
Der
eleatische Gedanke ist anscheinend primitiv von Xenophanes vor Heraklit,
endgültig von Parmenides nach ihm vertreten worden, wie
Melissos
(@2. 1, 2, 1176£.) und Empedokles (Z. I, 2, 1181) zwischen den beiden Atomikern Leukipp und Demokrit gelehrt zu haben scheinen.
Andererseits
stellt: bereits Anaximander das Unendliche als „unsterblich und nicht
alternd* (Z. I, 1, 292, A. 1), also gewissermaßen eleatisch wertend dar,
und Anaximenes erklärt das Werden schon in einer Art demokritischer
Denkweise, nämlich physikalisch als Verdichtung und Verdünnung, wihrend Anaximander mit dem „Ausscheiden“ der Gegensätze aus dem Unendlichen eher an Anaxagoras (die dem Demokrit vorhergehende Synthese!) erinnert: aber dieser Gegensatz war in dieser Periode noch nicht
klar oder bewußt. Daher die Schwierigkeiten, mit denen Zeuzes
1, 1, 2761,
kämpft.
So vertritt kein lebender Philosoph einen Typ in völliger Reinheit, während es uns hier nur auf die Hauptzichtungen ankommt und
wir in dieser Abhandlung zunächst nur die großen Wellentäler und -berge,
nicht das Zittern der Wasseroberfläche beschreiben.
2) Gegen Owvensere (Buddha, 8.18, A.1) ist es durchaus nicht
sicher, daß Lieder des RV. I und X, die derartig fortgeschrittenen Inhalt
haben wie X, 125 (die fünf pranas, s. 8. 161, A. 8) unbedingt älter sind
als „die“ Brahmanas.
So ist es denn besser, wenn er Vorwissenschaftliche
Wissenschaft, 8.178, A. 1 es für möglich hält, daß der Gedankengang
(er spricht nicht von dem Text!) von Cha. Up. VI, 2 schon den Verfasser von RV. X, 129 beeinflußt habe. Es scheint, als wäre der Gedanke
der Kosmogonien, den es auch in Indien vielleicht in hesiodeisch-epischer
Page 70
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)oder sonstiges sicheres Argument haben außer den wenigen
Spuren indischer Tradition.
Wenn da die Jaina-Tradition behauptet, daß das Vaisesika
von Rohagupta bei dem 6. Schisma der Svetämbaras 17. n. Chr,
(Jacozt, Indische Studien, XVII, S. 121) begründet worden sei, 5
so ist zwar Rohaguptas trai-rásika-mata (es gibt Seiendes,
Nichtseiendes, Seiend-Nichtseiendes) mit der Kategorienlehre
des Vaisesika in keinen einsichtigen Zusammenhang zu bringen,
der Atomismus ist aber doch immerhin bei Jainas und Kanada
relativ ähnlich, während der spätere Atomismus der Buddhisten 10
und bei Gaudapäda ziemlich abweicht (s. 8. 223, A. 1: Jaina
zwischen Sämkhya und Vaisesika!).
Die Tradition sagt ferner, daß Buddha von Sämkhya-
Lehrern gelernt habe, und das finden Manche!) durch die
Lehren beider Systeme bestätigt.
Als Gemeinsamkeiten, die 15
das Sämkhya mit dem Buddhismus im Gegensatz zu den Upanisaden hat, werden angeführt (OLpensere): Lengnung Gottes,
Interesse am empirischen Werden und Ablehnung des ätman
als beteiligten Subjektes.
Dagegen wäre etwa Folgendes zu sagen: Yäjnavalkya eo
hatte die „reine“ Intelligenz entdeckt, und nach ihm hatte
Pratardana sie als die Ursache der empirischen Subjektsphänomene betrachtet.
Buddha reagierte auf diese Lehre so,
Form (Vorläufer der Puränas) gegeben hat, einerseits von den Brahmanen,
andererseits von den vedischen kavis, die in bewußtem Gegensatz su den
Brahmana-Verfassern die alte vedische Form des Hymnus beibehielten,
gleichzeitig benutzt worden.
Vielleicht saßen die kavis im Nordwesten,
die Brahmanen in den neu eroberten östlicheren Gebieten, Gegen die
Theorie eines solchen Gegensatzes von Brabmanen und kavis spricht
nicht, daß die Brahmanen die Hymnen der kavis von ihren eigenen mythischen Vorfahren „geschaut“ sein ließen, denn der historische Wert der
Tradition der Sarvanukramant ist noch nicht ausgemacht, d. h. es ist
noch unsicher, wie dieser Text für uns benutzbar ist.
1) OLpeNsERG, Buddha, S. 64, A.1; Bexa, Buddha, II, 98 ff, ; Srones-
»arseY, Central Conception, 8.47; Jacosr, Licht des Ostens, S. 161;
Kara, Buddhist Philosophy, 8. 138ff.; sehr vorsichtig Strauss, 8. 85f.; 97;
107£; Dasavpra, a. a. O., 8. 78; dagegen Ken, Manual of Indian Buddbism, S. 47; FrauwaLener, WZKM., XXXIII, 1926, 57 ff; RosenBERO,
Die Probleme der buddhistischen Philosophie, S. 286.
Page 71
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen.
daß er die „reine“ Intelligenz (vijnäna) unter die empirischen
Phänomene rechnete, ihr den Charakter des Absoluten, Unwandelbaren nahm und sie sich nach dem jeweiligen aktuellen
Sinneserleben (caksur-vijñäna usw.) richten ließ. Mit Hilfe
5 dieses klar gedachten Verhältnisses des „reinen“ zum aktuellen
Erleben erklärte er die Aufstellung eines dauernden Subjekts
(ätman) neben oder hinter den einzelnen Phänomenen des
Erlebens für unbeweisbar, überflüssig, falsch. Das Sämkhya
dagegen reagierte gegen Yajnavalkyas Lehre so, daß es das
10 Kausalitäts-verhältnis von ,,reiner und empirischer Intelligenz
leugnete; und dazu kam es gerade in konsequenter Durchdenkung der Unwandelbarkeit und Unaffizierbarkeit der „reinen“
Intelligenz, wie sie schon Yajfiavalkya gemeint hatte, wie sie
aber im Vedänta erst sehr spät mit der neuen Kausalitätsıslehre, die im Terminus vivarta (s. o. Bhartrhari) ihren Ausdruck findet, begrifflich geklärt wurde; denn erst damit wird
die reine Intelligenz (ätman) trotz ihres Kausalitätsverhältnisses zur aktuellen Intelligenz (jivan) als ewig unwandelbar
rein gehalten.
Buddha leugnete den ätman, weil er als Meta-
20 physiker wie Heraklit nur Werden, kein Sein sah (von religiösen Motiven sei hier abgesehen); das Sämkhya isolierte
das ‚‚reine‘‘ Subjekt in dualistischem Sinne, weil dies die eine,
die vivarta-Lehre des Vedänta die andere (monistische) Möglichkeit war, Yajnavalkyas Lehre konsequent durchzuführen,
25 Bei diesem Sachverhalt ist es unmöglich, in der „Unbeteiligtheit‘ des Subjekts im Sämkhya und Buddhismus überhaupt
eine, geschweige denn eine derartige Verwandtschaft beider
Systeme zu sehen, daß eines das andere, oder präziser: daß
das Sämkhya den Buddhismus beeinflußte.
Und wenn das
so Sämkhya das empirische Erleben der Materie zuweist, so war
schon Uddälaka Aruni vorangegangen; ebenso hat das Samkhya
sein Interesse am Werden nicht nur mit dem Buddhismus im
Gegensatz zu Yäjñavalkya (aber auch Yájñavalkya und Parmenides lehren eine doxa!) gemeinsam, sondern wieder mit
ss Uddälaka und der älteren Naturphilosphie.
Und was die
Leugnung Gottes angeht, so hat auch Yäjnavalkya in seiner
Mystik keinen Gott.
Page 72
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Solche oder derartige Züge (vgl. Srcuersarsxy, Central
Conception, S. 29, A) kann man im Sämkhya ganz allgemein
als Charakteristikum der ‚Synthese‘ auffassen, weil sie die
„Synthese“ mit der ,,Antithese* (Buddha) gemeinsam hat, wie
die „Synthese“ andere Züge mit der „These“ (Yajnavalkya) 5
gemeinsam hat.
Man könnte sie aber auch an und für sich
ebensogut als Merkmale eines Überganges von dem einen
Extrem (Yäjñavalkya) zum anderen (Buddha) deuten.
Denn
die Reihe: A-AB-B ist historisch a priori nicht besser oder
schlechter als unsere ,,dialektische**: A-B-AB1)?
Da sich aber 10
die Parallele mit Griechenland nicht nur auf diesen einen
Schritt der Philosophiegeschichte beschränkt, darf man die
griechische Analogie als Argument in die Schale werfen, und
sie scheint gewichtig genug, zumindest die indische Tradition
in diesem Falle aufzuwiegen, zumal diese auf recht schwachen 15
Füßen steht, denn in der alten Darstellung der Lebensgeschichte
Buddhas ist nur von Yoga-; nicht von Samkhya-Lehrern die Rede.
Uns Europäern scheint freilich die dialektische Entwicklung der griechischen Metaphysik mehr als zufällige, geradezu
paradigmatische Bedeutung zu haben.
Aber prizipiell muß
so
man auch die Möglichkeit offen lassen, daß sich die analogen
Schritte der Geistesgeschichte in Indien und Griechenland
nicht genau in derselben Abfolge vollzogen haben. Z. B. haben
wir für Platon keine bessere Parallele gefunden als Bhartrhari
aus dem 7. Jahrh. n. Chr. Aber in diesem Falle können wir
25
8.199,
(s.
war
älter
schon
Lehre
seine
nicht beurteilen, wie weit
A.1); und andererseits war etwas dem Idealismus Platons
Entsprechendes zu Platons Zeiten in Indien als Religion der
jüngeren Upanisaden stark, und vielleicht gerade deshalb,
1) Und auch die dritte Möglichkeit ließe sich — wenn auch wohl
kaum in diesem Falle — denken, daß aus AB, einem ungeklärten, die
beiden folgenden Extreme umschließenden Ursprung (Uddalaka?), A
(Yajñavalkya) und B (Buddha) sich besondert hätten. Das Verhältnis
A-AB-B möchten wir für die Jainas und Patañjali in Anspruch nehmen
(s. 8.228, A.1),
Auch im Gebiet der Psychologie stehen Buddhismus
und Sämkhya nebeneinander und nach Yajñavalkya (Rusen: Zur altindischen Psychologie, in Pathak Commemoration Volume, demnächst).
Page 73
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rue.
weil es als Religion verbreitet war, nicht von einem einzelnen
Genie zu einem System zusammengerafit.
Ferner ist in diesem Punkte der Priorität des Sämkhya
vor dem Buddhismus die Frage aufzuwerfen, was ,,Kapila‘
seigentlich gelehrt hat, den wir, weil wir keine andere Persönlichkeit nennen können, als historischen Gründer des Sämkhya behandeln. Er wird ein reiferes Samkhya gelehrt haben
als Uddälaka Äruni, ein reineres als die mittleren Upanigaden
und das Mahabharata, und er wird sich in mancher Einzelheit
10 von der ca. 1000 Jahre jüngeren Sämkhyakärikä und deren
nicht unwesentlich abweichenden Kommentaren unterschieden
haben. „Sämkhya‘“ nannte sich zur Zeit des Mahabharata
(diese Zeitangabe ist sehr unbestimmt, aber wir haben keine
bessere) die verschiedenartigsten Richtungen, und zwar deut1s lich dualistische wie monistische, theistische und atheistische.
Unter all diesen Richtungen siegte — eine Zeitlang, denn
Vijñänabhiksu lenkt wieder zum Theismus — die dualistischatheistische der Sämkhyakärikä.
Diese war also die stärkste,
war die, die wir deshalb als eigentliches Sämkhya bezeichnen
so wollen, wie es also vermutlich — gerade auch wegen der
Analogie des Anaxagoras — von ,,Kapila gemeint war. Wir
können nur nicht angeben, mit welcher Klarheit Kapila sich
bereits ausgedrückt hat; also auch nicht, in welchem Zeitverhältnis er zu Buddha gestanden hat.
25
Schließlich wäre die Zeit der jüngeren Upanigaden (zumindest Käthaka) zu bestimmen, in
spiegelt.
denen sich Sämkhya
Als Beweis dafür, daß sie vorbuddhistisch sind!),
wird angeführt, daß ihr Sämkhya und daß ihr Yoga (Str. 99)
älter als Buddha sein soll.
soab.
Buddha lehnte grausame Askese
Wenn diese ähnlich dem brahmanischen Yoga geschildert
werden, so wird das nicht der historischen Wirklichkeit entsprechen.
Buddhas eigener Yoga war vielmehr dem brahma-
1) Str. 64 mit Vorsicht; Ozpewexne, Lehre der Upanishaden, 3.289:
zumindest Kathaka-Up. erste Hälfte; Kerra, Buddhist. Philosophy, S. 188:
Kath. Up. älter als buddhistische Texte(!); Srcuensarsxy, Central Conception, 8.68: Kath, Up.; Haver, Vortrag a. d. Wiener Orientalistentag
1980: Svet. Up., Haven verspricht eine geschichtliche Darstellung im
2. Bd. des Vratys zu geben.
Page 74
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nischen ähnlich; also wird der von ihm abgelehnte eher das
wilde tapas der vrätyas und anderer Ur-samnyäsins gewesen
sein.
Ob nun Buddhas Yoga älter als der brahmanische —
wie er schon in den jüngeren Upanisaden annähernd erscheint
— gewesen ist, ist nicht zu entscheiden; vermutlich wird Yoga 5
gleichzeitig bei Buddhisten, Jainas und Brahmanen aus dem
alten tapas allmählich entwickelt sein.
Es muß jedenfalls
nicht ein dem klassischen brahmanischen Yoga entsprechender
vor Buddha bestanden zu haben, und es brauchen also auch
nicht die metrischen Upanigaden, weil sie ihn bezeugen, vor- 10
buddhistisch zu sein.
Und es darf auch die Ähnlichkeit der jüngeren Upanisaden
(das gilt auch für die Svetágvatara-Up., die Mundaka-Up. und
vielleicht die 163-Up., die wir oben herangezogen haben, s. 0.
8.194; 197) mit der Bhagavad-Gita nicht übersehen werden, 15
denn die Gita — oder besser: ihr Kern — dürfte der Zeit
des Kautalya:), also der Zeit um 300 y. Chr. angehören: die
Käthaka-Upanigad usw. wären also etwa zwischen 500 und
800 v. Chr. anzusetzen.
Dazu beachte man folgendes: Apastambas Dharmasütra wird von Bonner in das 3.—4. Jahrh.
20
v. Chr. gesetzt; in diesem Sütra (I, 22f.) werden acht Verse
zitiert, die diesen jüngeren Upanigaden sehr ähnlich sind: sie
schildern den Yogin (yukta), der den átman sieht, ein Thema,
das in den alten Upanisaden unbekannt, dagegen gerade in
diesen Upanisaden charakteristisch ist*).
Apastambas Alter
25
ist allerdings nicht sicher, und es kann sein, daß er Verse
einer viel älteren Zeit zitiert: insofern ist diese ,,Upanisad‘
bei ihm nicht beweisend, ist aber doch eine Bekräftigung der
auf Grund des Kautaliya gewonnenen Datierung; es scheint
eben, daß Apastamba annähernd gleichzeitige Verse zitiert, so
1) Vgl. Verf. in Beiträge zur Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte Indiens, 8. 346 .; dies wenigstens — und also das Wesentliche — anerkannt von Wixresxirz, Indologica Pragensia, I, 1929, S. 2f.
2) Vergleiche die Worte visaya, prabhu, guh-äsaya, acala, vipascit,
asabdam asparéam arüpam, durdarsa, yukta, kavi, cint, nikasya pretha,
dors, krodha, die in Apastambas Zitat und nach Jacos’s Concordance
gerade in diesen Upanisaden (dazu der Gita, Mahänäräyans und MaitryUpanigad) vorkommen, nicht in den alten,
Page 75
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Runen,
Nach buddhistischer Tradition ist schließlich Buddha nicht
etwa Nachfolger des Sämkhya, sondern Gegner der Yajñavalkya-Lehre (ätmaväda) und des Materialismus (ucchedaväda:
STCHERRATSKY, Nirvana, S. 50), gegen beide lehrte er seinen
5 „mittleren Weg“ (OrLvenzers, Buddha, 1920, S. 287), müßte
also als „Synthetiker“ aufgefaßt werden, denn diese Tradition
kann glaubwürdig sein, weil materialistische Identifizierung
von átman und éertra schon in Cha. Up. VIII, 7#. belegt
ist. Allerdings klingt dieses Stück (s. S. 152 und 8. 177, A.2)
10an buddhistische Gedankengänge an: der ätman könnte nie
gegen seinen Wunsch etwa krank werden, also kann der
gelegentlich erkrankende Körper nicht der ätman sein (OrpenBERG, ib. 239), aber das ist kein Grund, um es nach-buddhistisch
zu nennen. Ähnlich ist Heraklit nicht nur Gegner der Eleaten,
15 sondern auch der frivolen Laien, der bloßen Sinnenmenschen,
Buddha und Heraklit sind „Demokraten“, wenn Buddha alle
Wesen das Heil lehren will (8. 179, A. 3) und Heraklit den
Logos für „allgemein“ (fr.
2; 8. S. 174) erklärt; beide sind
aber auch „Aristokraten“, denn Heraklit ist ein konservativer
20 Verächter des Pöbels, Buddha bleibt immer der vornehme
Adlige (M. Weser, Ges. Aufs. z. Religionssoziologie II, 1921,
S. 244).
Heraklit und Buddha knüpfen an ältere Lehren des
Werdens an, und es ist eine Gewaltsamkeit, wenn man sie
„Antithetiker“ nennt.
Aber gewaltsam ist jede Einteilung
25 des kontinuierlichen Stroms der Geschichte.
These und Antithese folgen sich nicht in der deutlichen Form, wie wir es
darstellen. Nicht nur ist die Antithese durch die These bedingt, sondern auch das Aufstellen einer These ist nicht ohne
eine mehr oder minder deutlich opponierende Antithese denkbar.
80 Der Streit beider ist ewig; nur die krassen Erscheinungen,
nicht die feinen Schritte des historischen Lebens sind uns
Späteren noch erkennbar (8. 214, A. 1).
Im Übrigen ist wohl bisher keine wesentlich abweichende
Auffassung der relativen Chronologie der indischen Philosophie
ss vertreten worden. Daß Samkhya und Jainismus eng zusammengehören (Jacoı, Gottesidee, S. 21 f.) und andererseits Samkhya
und Buddhismus, ist allgemein anerkannt, und es wird auch
Page 76
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)keiner zweifeln, da8 die Gruppe dieser drei Systeme zwischen
die ,,unsystematische“ Philosophie der alten Upanisaden und
das Vaisegika gehört.
Die
im buddhistischen Kanon auftretenden „Sophisten‘“ brauchen nicht vorbuddhistischer Zeit
anzugehüren, wie OLnenBERG (Buddha, S. 80ff.) es darstellt; 5
es wird immer Spötter gegeben haben; aber die ,,Sophisten“,
wie wir sie meinen, waren sicher erst in der Abfassungszeit des Kanons, d. h. zu Agokas Zeit, wie wir es darstellen,
wichtig.
Noch schwerer entscheidbar aber dürfte es sein, ob man 10
die Parallelität der griechischen und indischen Philosophie im
Sinne der absoluten Chronologie ausnutzen soll.
Es
ist erstaunlich, daß die beiden Lehrer des Werdens, Buddha
(gest. ca. 480) und Heraklit (schrieb um 490), Zeitgenossen
waren.
Wenn aber die These des Seins in Griechenland un- 15
gefähr gleichzeitig mit der Antithese des Werdens aufgestellt
wurde, ist sie in Indien vor Buddha gelehrt worden: zumindest
müssen Ajäta$atru und Pratardana zwischen Yäjñavalkya und
Buddha eingeschoben werden (wenn wir Uddälaka ganz aus der
Reihe herausstellen; aber vgl. die Fünf-Feuer-Lehre in Chä. Up. 20
V, 3 ohne ätman als ‚Vorläufer‘ des Buddhismus). Aber, wenn
Ajäta$atru, der König von Benares, in den alten Upanigaden,
mit dem Ajatasatru, König von Räjagrha, der Zeitgenosse
Buddhas war, identisch ist; wenn Pratardana, wie es im
Mahabharata XII, 3664 erzählt wird, mit Janaka gekämpft 25
hat, der Yajfiavalkyas Patron war, braucht der Zeitabstand
nicht sehr groß, vielleicht nur der Spielraum einer Generation,
gewesen zu sein.
Dann könnten Thales, Anaximander und
Anaximenes und die Kosmogonien des Hesiod und Pherekydes
mit den ihnen analogen Lehren der alten Upanisaden und den so
Kosmogonien der Brähmanas und Rg-Veda X annähernd gleichzeitig gewesen sein (ca. 600 v. Chr.).
Aber die buddhistische Tradition gibt Buddha Vorläufer;
einige 1000 Jahre vor Buddha soll seine Lehre schon von
Kassapa gelehrt worden sein (Kern, Der Buddhismus und as
seine Geschichte in Indien, I, 322, resp. 412 der Übers. v.
JACOBI).
Page 77
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusen.
Problematisch ist ferner das Datum der Atomistik.
In
Griechenland ist Demokrit ca. 100 Jahre jünger als Heraklit;
aber über das Alter Leukipps, des ersten Atomisten, wissen
wir nichts. Nur soviel möchte man vermuten, daß er nicht
5 Heraklits Zeitgenosse war, während in Indien Mahavira Buddhas
an Jahren älterer Zeitgenosse gewesen ist, der allerdings vor
Buddha gestorben ist (Jacosı, SBAW. 1930). Aber auch
Mahavira soll nach der Jainatradition Vorgänger gehabt haben
wie Buddha; und zwar soll Päréva 250 Jahre vor ihm, also
swim 8. Jahrh. gelebt haben.
Derselben Periode möchte man
die andere „Synthese“, das Sämkhya, zuschreiben (Jaconz,
Gottesidee, S. 21 f.), und auch für Kassapa, Buddhas Vorgänger
scheint manchen solche Zeit angemessen. Dann wären auch die
alten Upanisaden wesentlich älter, wären etwa der Zeit 800 bis
15 600 v. Chr. zuzuordnen, wie es nach den bisherigen — freilich
völlig unbewiesenen (Wivrerwrrz, Gesch. d. ind. Litt. I, 246 ff.)
— Schätzungen üblich war, die Brähmanas ca. 800—1000,
der Rg-Veda ca. 1500—1000.
Eine Entscheidung dieses Problems ist einstweilen nicht
so múglich.
Man kann gegen die Tradition der Jainas und Buddhisten skeptisch sein, gerade weil sie so ähnlich ist, denn
Buddha und Mahavira sollen je 24 Vorgänger gehabt haben,
und weil, selbst wenn man die letzten Vorgänger und Pärévas
Zeitansatz für historisch hält, die weitere Reihe von Vores gängern mit ihren phantastisch hohen Zahlen von Jahrtausenden unzweifelhaft nicht historisch ist.
Man wird auch nicht
so leicht nachweisen können, ob diese beiden Vorgänger (es
kann auch sein, daß nur Parsva echt ist) außer den religiösen
auch schon die metaphysischen Lehren Buddhas und Mahäso viras gehabt haben.
Und man wird für die Datierung der
Upanisaden so leicht kein anderes Argument als das Datum
Buddhas gewinnen können.
Ferner ist die Periode Zenon-Gorgias, die dialektische
Auflösung der alten Metaphysiken, ungefähr zwei Generationen
s5 jünger als die These und Antithese, während die „anthropologische“ Periode der Philosophie in Indien als Weltweisheit
nach Kautalyas Zeugnis erst in das 4. Jahrh. fällt.
Page 78
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ebenso ist es, wenn Kanda wohl nicht früher als 100 y. Chr),
also ca. 250 Jahre jünger als Aristoteles anzusetzen ist, es
sei denn, daß der Begründer des Vaisegika wesentlich früher
als das Vaisesika-darSana, wie es uns erhalten ist, anzusetzen ist.
5
Von der Naturphilosophie bis auf Aristoteles hätten wir
von ca. 585 v. Chr. (Thales) bis 350 (Aristoteles) also ca.
250 Jahre. In Indien mit allem Vorbehalt entweder mindestens
ca. 500 Jahre (wenn man Buddha selber als Antithetiker
ansetzt) oder gar 650 Jahre (wenn man der Jainatradition 10
folgt).
Soll man dies als Charakteristikum ausnutzen und
sagen, daß die Inder früher als die Griechen mit der Metaphysik begannen, sich dann aber langsamer entwickelt haben?
Bedenkt man, daß diese Differenz nur klein ist, gemessen an dem Ablauf der gesamten Geschichte, und ferner ı5
daß Inder und Griechen derselben Sprachfamilie zugehören,
also gleichsam Geschwister, Kinder einer Mutter sind, so möchte
man meinen, daß nicht nur die Parallelität der Gedanken,
sondern auch die Gleichzeitigkeit Heraklits mit Buddha als
Zeichen des annähernd parallelen Heranwachsens gleichalter 20
Kulturen zu deuten sind und möchte eine gewisse Gleich1) s. 8.212, A.2.
Patafijali kommt den Kategorien Kanadas nahe
(s. 8.202, A. 4), aber er ist in seiner Metaphysik kein Vaisesika-Anhänger,
sondern eher ein Samkhya. Er vertritt (I, 246, 5ff,) die parinama-nityatà
(vgl. Srrauss, Beiträge zur Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte
Indiens, 8. 858ff.), den typischen Grundsatz des Simkhya, der in NS.
TIT
b 15 und Vais. Daré. 11, 2, 1; IV, 2, 8 unter dem Terminus gunintaraprädurbhäva bekämpft wird. Diesen Terminus (vgl. Sromenvarsxy, Central Conception, S. 69, A. 2: gunántaradhana bei Panini) gebraucht Patañjali II, 866, 28 (vgl. Siddhasenagani zu Umäsyäti V, 41). Die Jainas
erkannten ebenfalls mit der Definition: „guna-paryäys-vad dravyam*
(Umäsväti V, 87) diesen Grundsatz an (s. S. 188: Atome der Jainas
wandelbar! vgl. Umasvati V, 29#), trennten aber metaphysisch guna von
dravya (Umasvati V, 40: dravy-aérays nirguna gunäh) wie das Vaifesika
(1, 1,16: dravy-üérayy-agunavän ...) und Patañjali (II, 366, 14). Patañjali und die Jainas srehen also auf dem Standpunkt einer altertümlicheren, zwischen Samkhya und Vaiéesika noch (s. 8. 217, A. 1) nicht
klar unterscheidenden Zeit. Diese Auffassung scheint der unbestreitbaren
Genialität Patañjalis gerechter zu werden als die, daß er ein charakterloser Eklektiker gewesen sei.
Page 79
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rusex.
zeitigkeit auch im Sinne absoluter Chronologie für möglich
halten.
Auch in geographisch-politischer Hinsicht möchte man in
großen Zügen eine Parallelität finden. Die alten metaphysischen
5 Systeme wurden in Ionien und Unteritalien, d. h. nicht im
griechischen Mutterlande, sondern in den
relativ spät erworbenen Gebieten aufgestellt, wie in Indien nicht im Panjab,
sondern im óstlicheren Gangesland die Upanigaden, Buddhismus, Jainismus (und vielleicht auch Sämkhya) entstanden.
10 Wie die griechische Kultur dann Europa eroberte, eroberte
die brahmanische Indien; und wie der Schwerpunkt der Philosophie von Griechenland nach Italien und im Mittelalter nach
Westeuropa gelangte, so in Indien nach dem Süden (Nägärjuna, Dignäga, Satıkara, Rämänuja) oder Norden (Buddhismus
15 in Kasmir usw.).
Und vielleicht ist die europäische Philosophie
deshalb lebendiger geblieben (wenigstens für unser Empfinden)
als die indische, weil sie bei ihrer Verbreitung über Griechenland hinaus weiter von Indogermanen und Städtern getragen
wurde, während die arisierten Dravidas und indischen Bauern
20 keinen derartigen Nährboden boten?).
Um zunächst in der Metaphysik, diesem kleinen Teilgebiet
der Kultur, von einer indo-europäischen Gemeinsamkeit sprechen
zu können, die wohl gerade auf der Gemeinsamkeit der Sprache
beruht, ist schließlich noch die Voraussetzung zu machen, daß
25 beide Philosophien autochthon sind, daß sie nicht von einer
Kultur auf die andere übertragen worden sind. Daß die Inder
1) Wenn dagegen Korrens (Anthropos, 16/17, 1921/22, 8.442.)
schon im Buddhismus und Samkhya typisch dravidische Denkweise finden
will, so sind seine Argumente nicht überzeugend.
Zwischen dravidischem
Mutterrecht und dem Dualismus des Samkhya kann er keine echte Verbiudung nachweisen.
Wenn im vamsa der Brh. Up. VI, 5 im Gegensatz
zur Sarvänukramant des RY. jeder Denker mit seinem Mutternamen angeführt wird (der Stammbaum geht aber letzten Endes auf den vaterrechtlichen Aditya zurück, und im letzten Drittel des vaméa werden keine
Mutternamen angeführt), so kann das vielleicht bedeuten, daß auch die
arischen Bewohner des Gangeslandes, sogar die Brahmanen, sich der
Lebensweise der mutterrechtlichen Urbevölkerung angepaßt haben. Aber
gerade die Parallelität der griechischen Philosophie zeigt, daß die Form
des Philosophierens, genau wie die Sprache, noch indogermanisch war.
Page 80
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ihre Philosophie von den Griechen oder umgekehrt!) gelernt
hätten, scheint unmöglich. Es hätte ein ungemein enger Kontakt,
ein äußerst: reger Gedankenaustausch zwischen beiden Völkern
bestanden haben müssen, wo doch alle griechischen Metaphysiker ihre Entsprechungen in Indien haben. Aber weder 5
Inder noch Griechen sprechen von diesem Kontakt, während
doch Herodot bei Pythagoras ägyptischen Einfluß lehrt, und
in der späteren Astronomie, wo die Inder von den Griechen
gelernt haben, der Einfluß in der Terminologie der Fremdworte offen zutage liegt.
Gegen solche Beziehungen spricht 10
auch das Dazwischenliegen Persiens.
Mögen Kaufleute seit
alten Zeiten zwischen beiden Kulturen verkehrt haben, griechische Kaufleute haben sicher indische Philosophen nicht verstehen können, und haben, da es allem Anschein nach noch
keine geschriebenen Bücher in Indien gab, sicher keine Ge- 15
legenheit gehabt, sie von einem indischen Lehrer zu lernen.
Aus Megasthenes*) ist sicher nicht zu belegen, daß er die
metaphysischen Lehren der Inder verstanden habe. Vor Alberuni
(oder Bardesanes?) hat. vielleicht niemand im Westen indische
Werke über Metaphysik lesen können.
Und ähnlich wäre es 20
einem Inder im Verkehr mit einem griechischen Philosophen
gegangen: er hätte wohl gar nicht von ihm lernen wollen.
Gegen eine gegenseitige Beeinflussung spricht ferner, daß der
1) Garsz, der (Sämkhya, S. 85) diese Ansicht vertritt, hat keine
Nachfolger gefunden bis auf Weoxssume, Die Tridoga-Lehre in der
indischen Medizin, s. S. 226, A, 1.
2) Fr. XLIf. Scawanssox: über vieles stimmen die Inder mit den
Griechen überein. Sie halten den Kosmos für erzeugt, vergänglich und
kugelfórmig (opexgosıd7js; meint er die Eiform der Welten? s. 8.172, A. 1);
der Schöpfer und Lenker durchdringt (dıewepolrnxe: hat sich hindurch
verbreitet) Alles,
Alle Dinge (ei odyxavea) haben verschiedene Ursachen (érépor doyal: ist das eine Anspielung auf die Vielheit der Manus?,
Manu I, 61); der Kosmos entstand aus dem Wasser (Manu I, 8).
Außer
den vier (griechischen) Elementen haben sie ein fünftes (fünf Elemente:
Manu I, 57ff.), aus dem der Himmel (&käsa?) und die Sterne(?) bestehen,
Die Erde ist in der Mitte des All befestigt. Danach scheint es, als babe
Megasthenes seine metaphysischen Kenntnisse aus einer Schrift, die der
Einleitung unseres Manu ähnlich sah, die Megasthenes sich als Rechtsschrift vielleicht hat übersetzen lassen.
Page 81
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)W. Rosen.
Charakter der ,,Philosophien* beider Kulturen wesentlich verschieden ist.
Die oben dargestellte indische ,Metaphysik*“
ist umbaut von Erlösungslehre, ist fast Nebensache, ist nur
mit Mühe (z. B. bei Buddha) herauszuschälen aus der Erlösungsslehre.
Und das indische und griechische Atom, die beiden
Kategorienlehren und die anderen Analoga sind durchaus nicht
etwa identisch, sehen absolut nicht nach Entlehnung?) aus.
Die analogen metaphysischen Systeme sind in Griechenland
und Indien aus den beiderseitigen Voraussetzungen ableitbar,
10 genau wie die indische Logik der aristotelischen ähnlich, aber
in ihrem Werden durchaus original ist*), soweit man nur eine
1) Man hat die indische Humoralpathologie von der griechischen
abgeleitet.
Aber dabei ist die Schwierigkeit,
gemeinen
vier humores (Blut,
erkennen;
nur
Platon
daß die Griechen im all-
Schleim, schwarze und gelbe Galle) an-
(Timäos 84D;
nach
Frepaicu,
Hippokratische
Untersuchungen, S. 48) nennt drei (veda, pléyua, yo), die den drei
indischen (vata, pitta, slesman) entsprechen, zu denen nur selten Blut
hinzutritt.
Wie die griechische Vierzahl durch eine Angleichung der
ursprünglich bei Alkmäion unbestimmten Zahl von krankheitserregenden
Gegensätzen au Empedokles’ vier Elemente zustande kam (FRepRicH 83ff.),
so könnte man sich
denken, daß ganz unabhängig davon die indische
Dreizahl aus den vier buddhistischen (resp. materialistischen?) mahabhütas (s. S.178f. Buddha und die Medizin), die mit der Dreizahl der
gunas im Samkhya in Verbindung gebracht wurde, entstanden sei.
Denn
die drei humores sind in Indien gelegentlich mit den Elementen und ihren
charakteristischen Eigenschaften vertauscht: warm (Feuer, Galle),
kalt
(Wasser, Schleim) und Wind (als drei gunas in Mbh. XIV, 12, 3: Hopxs, The great epic of India, S.12, A. 1) (ähnlich Majjh. Nik. 82, S. 399;
kalt, warm...).
Der umgekehrte Versuch, die griechische Medizin von
der indischen abzuleiten (WxrcxeRLING, s. 8.225, A. 1), ist verfehlt, denn
er beruht auf einer Verwechslung der heutigen indischen Medizin mit
der alten.
2) Indische und europäische Philosophie steben sich näher als die
chinesische.
Es ist noch nicht ausgemacht, ob China überhaupt eine
Logik und Metaphysik in unserem Sinne gehabt hat, ehe die Buddhisten
nach China kamen, und abgesehen von kosmogonischen Spekulationen
allgemeiner Art (Forxe, The World-Conception of the Chinese, S. 40ff.).
Einstweilen steht die ablehnende These Hacxmann’s (Chinesische Philosophie, 1927, 8. 1f.) gegen das bejahende Urteil Zenxen's (Geschichte der
chinesischen Philosophie, 1926, S. 3).
Und während Coxzapı (ZDMG. LX)
einen Einfluß indischer Spekulation in China vom 4. Jahrh. v. Chr. an zu
konstatieren glaubt (was man freilich bezweifeln kann), glaubt Kıneswırz
Page 82
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)abstrakte Geistesgeschichte treiben will.
Indessen ist diese
Abhandlung nur eine vorläufige Zusammenstellung einigen
Materials, und es bleibt der Zukunft überlassen, ob es gelingt,
die Geschichte der Metaphysik mit der politischen und ökonomischen Geschichte zusammen zu sehen.
(The taoteh king, 1899, S. 1f. nach Hackmann, Note 1), daß schon Laorse
von Indien beeinflußt ist. Was Masson-Ovzszr (La philosophie comparée,
1925, 8. 140Æ) an chinesischer Metaphysik beibringt, ist sehr vage und
der indo-europäischen, wie wir sie darstellen, nur sehr entfernt zu vergleichen. Eher ist mit Misor (Der Weg in die Philosophie) die chinesische
(moralische) der indischen (metaphysischen) und griechischen (physikalischen) als selbständige Denkweise parallel zu stellen. Und es geht nicht
an, mit FreyraG (Vierteljahrsschrift f. wiss. Philosophie und Soziologie,
1905, 181) von „einem inneren Gesetz der menschlichen Natur und des
philosophischen Problems“ zu sprechen (ähnlich Orro, Siddhanta des
Ramanuja, 1917, 7).
Page 83
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)On the Reconstruction of the Paficatantra.
By A. Venkatasubblah.
In ZII. 7, 184 f. Prof. Franzum Epeerton has published
an article entitled “On Methods of Reconstructing the Pañcatantra” in which he finds fault with me for saying, in the
course of my article published earlier on p. 8 if. thereof, that
sthe stories 1. 3,15; 2.2,4; 3.1, 8,6 of his Pañcatantra
Reconstructed (= 1. 8, 15; 2. 2, 4; 8. 1,8, 6 of T)!)
original.
are un
He says that my argumentation is subjective, that
I attach too much significance to omissions of stories in particular Pafica. versions, and that I am following entirely wrong
10 methods in determining which stories formed part of the original
Pañca. He re-iterates that the only proper method to follow
is textual criticism and comparison, and that this method
establishes conclusively (as shown by him in PR) that the
above-mentioned stories are all original.
15
These criticisms are for the most part based on the learned
professor's opinion that T (with Spl and Pn), SP (with the
Nepalese version and Hit), So with Ks, and Pa represent
four independent streams of Pañca. tradition, that is, that
they are descended from the original Pañca. itself and not
20 from any secondary archetype that is later (see Journal of
American Philology, 36, 253 ff, year 1915; PR. 2, 48, 89, year
1924; Genealogical Table opposite to p. 242 in Vol. 5 of
Tawxey-Penzen’s Ocean of Story, published in 1926; and
also p. 188 of above-cited article).
I have however shown?)
1) For explanation of this and other abbreviations used in this paper,
see p. 255 in ZII. 6.
2) I have also shown there that the versions found in KSS and