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COC.
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Mi den Muperungen, welche fih in Shatejpeares Dichtungen über
PHilojophie finden,
Laft jid eine doppelte Richtung wahrnehmen. inige feiner Perfonen, mic Lafeu und Hamlet, jpreden fid
pojitio über die Bedenilidicit und Unzulánglidicit philojophiider
Erfenntnis aus.
Nad) der Anficht Lafeu’s überjhreiten die Philofo —
phen ihre Grenzen in der fritiichen Auffafjung des Aunderbaren:
„man fagt, Wunder gefdehen nidt mehr“, jpridt Yajeu aus (Ende
gut, Alles gut II. 3);
„und es fehle uns nidt an philojophijden
Köpfen,
welde übernatürlihe Dinge als gewöhnlid; und harmlos
barftellen.
Taber kommt ca, dak mir mit Serednijien Spiel treiben und
eingebilderen Mifjen verichenien,
wenn wir
einem unbefannten kurdibaren uns unterwerfen jollten.”!
uns
hinter
Cin geilü
geltes Wort tit geworden, was Hamlet iaate (1. 31: Mehr Dinge
gicbt'e im Himmel und ani Erden, als unfire Pbiloiophie jich triumt,
Horatio.”
Mit
einer
jatiriidjen
äußert (11. 2) deviclbe Gamlet,
Beziehung
auf
Sónig
welder hervorhebt,
Claudius
bak man für
das Miniaturportrat des Königs zwanzig, vierzig, jinizig, ja hun:
dert Dutaten gebe: „ES liegt etwas Übernatürlihes darin, wenn die
Rhilojophic es nur ausfindig maden fünnte.*
Die
leidenidaitlid
bewegten Gemüter in Shaleipcares Dramen find feine Freunde der
PHilojophie.
Yucentio in der Zähmung der Widerjpenjtigen it amar
1) Eme Äbulidie Auferung bei Montaigne: „Wenn id jonf von Gelyen
fico Bérte, bemiticidete ich das arme Soll, bas foldien Thorbeiten Glanven
féente.
Sept finte id, bafi ich bamalé meniaitens céenie benuticitenemert
aber ıdı babe
war: nicht tak ich mene Erfahrungen Darüber gemadt bitte,
eingeichen, tak c$ cine Gerlebrtbeit ift nadı feinem Kopie ter göttlichen Macht
und ber Mutter Natur Schranten fewer zu wollen.
adten, was man midi fegrelit:
dern aud umfer Gewiijen.”
Es if abfure, zu ver:
c& wermeirrt mit nur aumlern Verftant, fon
Julian
Sdunitr,
Gechühre ber Homantit un
Zeitalter ter Reformation unt ber Revolution, Leipzig 1545, 1 y. 341.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Shakefpeare und die Philofophie
(Pythagoras).
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Jr den Äußerungen, welde fid in Shafefpeares Dichtungen über
Philofophie finden, läßt fidh eine doppelte Richtung mwahrnehmen. Einige feiner Perfonen, wie Lafeu und Hamlet, ipreden fid
pofitiv über bie Bebenilidleit und Unzulänglichkeit philofophijder
Erkenntnis aus. Nach ber Anficht Lafeu’s überfchreiten die Philofophen ihre Grenzen in der Fritiihen Auffaflung des Wunderbaren;
„man fagt, Wunder gefdehen nicht mehr“, fpridt Lafeu aus (Ende
gut, Alles gut II, 3); „und es fehlt uns nidt an philofopbijden
Köpfen, welde übernatürlide Dinge als gewöhnlid und harmloë
darftellen. Daher fommt 8, daß wir mit Sdredniffen Spiel treiben und uns hinter eingebilbetem Wiffen verfhanzen, wenn wir
einem unbefannten Furdtbaren uns unterwerfen follten.“1 Ein geflügeltes Wort iff geworden, was Hamlet fagte (I, 5): „Mehr Dinge
giebt’s im Himmel und auf Erben, als unf're Philofopbie fic) träumt,
Horatio.” Mit einer fatirijden Beziehung auf König Claudius
äußert (II, 2) berfelbe Hamlet, welder bervorbebt, daß man für
bas Miniaturporträt des Königs zwanzig, vierzig, fünfzig, ja bunbert Dufaten gebe: „E3 liegt etwas Übernatürlides darin, wenn die
Pbhilofophie e3 nur ausfindig maden fünnte” Die leivenfchaftlich
bewegten Gemüter in Shatefpeare8 Dramen find feine Freunde der
Philofophie. Lucentio in der Zähmung der Widerjpenftigen ift zwar
1) Eine ähnliche Äußerung bei Montaigne: „Wenn id fonft von Gefpenftern hörte, bemitleidete id) bas arme Bolt, bas folden Thorbeiten Glauben
fdentte. Jet finde ih, daß id bamals wenigftens ebenfo bemitleidenswert
war: nicht baf id neue Erfahrungen darüber gemadt hätte, aber id babe
eingefehen, daß e8 eine Verkehrtheit ift nad feinem Kopfe ber göttlichen Macht
und der Mutter Natur Schranten fesen zu wollen. G8 ift abfurb, zu ver:
adten, was man nicht begreift; e8 verwirrt niht nur unfern Berftand, fondern aud unfer Gewiffen.“ Julian Schmidt, Gefdhidte ber Romantit im
Zeitalter ber Reformation und ber Revolution, Leipzig 1848, 1 p. 341.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nad Padua gefommen, „um feine Studienzeit der Tugend und dem
Teile der Philofophie zu weihen, der von dem Glüde handelt, wel:
des man burd Tugendhaftigkeit allein erwirbt“ (I, 1). Allein er
folgt nur zu gern dem Rate feines Dienerd Tranio, welder zu feinem Herrn fagt (I, 1):
IH dent’ in allem völlig wie ihr felbft,
Froh, bak ihr fo bei eurem Borfat bleibt,
Der fühen Weisheit (philosophy) Süfigteit zu faugen.
Nur, lieber Herr, indem wir fo bewundern
Die Tugend und Moralphilofopbie (moral discipline),
Laft uns nit Stoiter nod) Stöde fein,
So fromm vertieft in Ariftoteles,
Daß wir Ovid befdwören al8 verrudt.
Lucentio läßt fid died gejagt fein und benugt die Philofophie, deren
Studium ihn nicht weiter fümmert, um fid bei der geliebten Bianka
alg Bewerber einzuführen (III, 1). Der leibenidaftlide Romeo wil
fogar „bie Philofophie gehängt wijfen (III, 3), wenn fie nidt eine
Julia fdaffen, den Urteilsfprud eines Fürjten aufheben, cine Stadt
verpflanzen fann.“
Einige von tiefem Schmerze Ieidenfhaftlid erregte Perfonen
fennen zwar bie Lehren der Stoa von der Gleidaültigteit gegen ben
Schmerz, aber fie weifen in ihrem Leiden die Mahnungen der ftoifen Philofophie ungeftüm ab. Leonato in „Viel Lärm um Nichts“,
der feinen Schmerz über feine Tochter nicht bemeiftern will, halt den
Mahnmworten feines Bruders die Überzeugung entgegen (V, 1):
Nod keinen Philofophen hat's gegeben,
Der Zabnioeh mit Gebuld ertragen fonnte,
Wie febr fie aud ben Stil von Göttern fdrieben
Und riimpften: Pfui! zu jebem Erdenleid.2
Leonatus ift daher aud) der realen Meinung (V, 1):
1) Zur Erläuterung führt Warburton Stellen aus Seneca an: Sapiens
ille plenus est gaudio, hilaris et placidus, inconcussus, cum dis ex pari
vivit. Epist. 59. Jupiter quo antecedit virum bonum? diutius bonus
est. Sapiens nihilo se minoris aestimat. — Deus non vincit sapientem
felicitate. Epist. 73. —
Der Unfidht bes Leonatus entfpridt eine Gbnlihe
Cicero8 Tuscul. Disp. 2 § 12: Quotusquisque philosophorum invenitar,
qui sit ita moratus, ita animo ac vita constitutus, ut ratio postulat? qui
disciplinam suam non ostentationem scientiac, sed legem vitae putet?
qui obtemperet ipse sibi et decretis suis pareat?
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Menfden
Sie wiffen Rat und Troft für Kummer, ben
Sie felbft nicht fühlen; aber trifft er fie,
Dann wird der Rat zu Thränen, ber zuvor
Dem Gram Arznei verfchreiben, Raferei
Mit einem feibnen Faden feffeln wollte,
Hergweh mit Luft und Dual mit Worten ftillen.
Nein, nein, e8 prebigt jeder gern Geduld,
Wenn andre unter Kummerlaft fih winden;
Dod leines Menden Kraft ift ftark genug
So weife fortzupred'gen (to be so moral), wenn er felbft
Das Gleiche dulden mug.
Eine ähnlihe Anfdauung hatte Brabantio in dem bitterften
Schmerze, als er feine Tochter burd ihre Vermablung mit Othello
für fid verloren gab. Der Herzog Halt ibm Gedanken zum Trofte
vor, die an Die Lehren der ftoifden Philofophen erinnern; nad
ihrer Darftellung, wie wir bei Cicero (Tusc. disput. 2 § 64) lefen,
it die Erhabenheit der Seele, melde vorzüglid in der Verachtung
und Geringfdätung der Schmerzen bervorragt, unter allem bei meitem das Schönfte.
Der ftoifde Philofoph wird nad Cicero (Tusc. 4 837) aud
die Seelenleiden für nichts achten: „wer burd Mäßigung und Beftändigfeit in feinem Innern ruhig und mit fid felbft verföhnt ift,
fo daß er fih weber durch Betrübnis aufzehrt, noch burd Furdt
fid entmutigen läßt, nod ledzend etwas erftrebend vor Verlangen
brennt, nod in nidtiger Fröhlichkeit ausgelaffen dahinfchwindet, der
ift der Weife, der Glüdfelige, bem nichts von den menidliden Dine
gen entweder unerträglich fdeinen fann, um den Mut finfen zu laffen, ober allzuerfreulih, um die Seele übermütig werden zu laffen.”
Einen folden Weifen befreit die Tapferkeit von Kummer nnd Furdt,
entfernt die Befonnenheit von der Leidenschaft (Tusc. 5 § 42). Solche
ftoifche Atararie empfiehlt der Herzog (im Othello) dem Brabantio
für feine tiefen Seelenfchmerzen (I, 3):
Wo nichts mehr hilft, tann aud ber Gram nichts niüten,
Das Schlimmfte bricht ber Hoffnung lebte Stiigen.
Ein Ubel zu betrauern, bas vergangen,
Macht leicht zu neuem Übel uns gelangen.
Verliert man, was man nicht zu halten wußte,
Madht die Geduld ein Nichts aus bem Verlufte.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Beim Raube Ladeln heift bem Diebe nehmen,
Dok felbft beraubt man fih duch nuglos Grämen.
Aber Brabantio in feinem Kummer weiß mit diefer Lehre nichts
anzufangen; ihm bricht vielmehr die Vermählung Desbemonas mit
Othello bas Herz und er ermibert:
So mögt ihr Cypern benn bem Türken gönnen,
’8 ift tein Berluft, fo lang wir lädeln finnen.
Ein weifer Spruch (apt fid gar leicht ertragen,
Bringt er bem Träger Croft nur und Behagen;
Doh wer, um Gram zu zahlen, erft muß borgen
-
Bei ber Gebulb, trägt beides: Sprud und Sorgen.
Gentengen fönnen Troft und Schmerz bereiten,
Sind boppelfinnig, ftark auf beiden Seiten;
Dod Wort bleibt Wort, nod nie hab’ id gefunden,
Dak trante Herzen burd bas Obr gefunden.
(Fe. Bodenftedts Über.)
Aud der König von Frantreid (Ende gut, Alles gut II, 3)
halt bem leidenfdaftliden Bertram Anfidten über Tugend und Be:
fdaffenheit des Standesunterfdieds vor, die an ftoifde Lehren bei
Seneca erinnern, ohne daß wir fagen wollen, fie wären entlehnt.
Diefe Anfichten, welde der Tugend vor bem Stande ben Borzug
geben, gewinnen ihre Bedeutung, daß fie aus bem Munde ded
Königs fommen, der die Helena, des armen Arztes Tochter, mit
dem widerwillig ablehnenden Bertram Grafen von Rouffilon vermäblen will:
Seltfam ift’8, daß unfer Blut, —
Bermifhte man’s, — an Farbe, Wärme, Schwere
Den Unterfhied verneint und bod fo mächtig
Si trennt burd Vorurteil. Mt jene (Helena) wirklid
Bon meiner Tugend und verfhmähft bu nur
Des armen Arztes Kind, — fo [hmähft bu Tugend
Um eines Namens willen.
Das fei fern!
Wo Tugend wohnt und war's am niedern Herb,
Wirb ihre Heimat burd die That verklärt.!
find.
1) Man beachte die weiteren Worte des Königs, die auf p. 423 angeführt
Bgl. Seneca an Lucilius, epist. 44: Si quid est ‘alind in philosophia boni, hoc est, quod stemma non inspieit. — — Bona mens omnibus patet, omnes ad hoc sumus nobiles. — — Quis est generosus? ad
virtutem bene a natura compositus. — — Non facit nobilem atrium
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Aber die ftoifden Lehren des Königs maden auf ben leiden:
fdhaftliden und leidtfinnigen Bertram feinen Eindrud. Die leiden:
fdaftlide und verzweifelnde Konftanze (in König Johann II, 4)
wünfdt fogar von der Bhilofophie gerade das Gegenteil von bem
zu erhalten, mas biefe zu leiften verfpridt; fie wünidt ben Wahnfinn; ,prebige Philofophie”, ruft fie dem Kardinal Bandulpho zu,
„um mid tol zu maden; und bu follft Heiliger werden, Kardinal.“
Eine andere Klafje von Perfonen, welde bei Shatefpeare von
der Pbhilofophie reden, befteht in denjenigen, welde unfreiwillig oder
freiwillig zu ihr ein parodifches Verhältnis haben. In unfreimilliger
Meife parodiert der Schäfer Corinnus in „Wie es euch gefällt“ (II,
2): auf die Frage Probfteins, ob er etwas von Philofophie in
fid habe, antwortet er: „Nicht mehr als daß id weiß, je Fränter
einer ift, befto fdlimmer ift ihm zu Mute; und mem Geld, Kräfte
und Zufriedenheit abgebn, bem fehlen drei gute Freunde; daß 3
die Eigenschaft des Regens ijt nap zu maden, und bed Feuers zu
brennen; daß gute Weide fette Schafe giebt, und daß die Haupturfade
ber Nacht die Abwefenheit der Sonne ift; daß einer, der weder von
Natur nod durd Kunft Verstand befommen, fid über feine Erziehung
befdweren darf oder von fehr dummen Eltern abftanımt.” Unfreiwillig parodiert aud) wohl der Pfarrer Evans (Luftige Weiber von
Windfor I, 1) die „Philofophen, welde dafür Halten und fagen, daß
die Lippen Artikel des Mundes feien.” Aber in bemußter Weife parobiert Probftein felbft: „wenn der Heidnifde Philofoph“, meint der
Nart (V, 1), „Luft hatte eine Traube zu effen, pflegte er feine
Lippen zu öffnen, indem er fie in ben Mund ftedte und deutete
damit an, Trauben feien zum Effen gemadt und Lippen zum Aufthun.” Die Bemweisführung, mit welder Probftein bem Schäfer
Corinnus barlegt, daß derjelbe verdammt fei, weil er nie am Hofe
gewefen fei (III, 2), it als eine „töftlide Verhöhnung der SchulLogit“ bezeichnet morben.1 Die Lehre des Pythagoras von der
plenum fumosis imaginibus. Nemo in nostram gloriam vixit nec quod
ante nos fuit nostrum est. Animus facit nobilem, cui ex quacumque
condicione supra fortunam licet surgere.
1) Bon €. Hebler, Shatefpeare und die Philofophie; Mufjâte über Shatefpeare, Bern 1874, p. 291.
Henfe, Shatefpeare.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Geelenwanderung ift ebenfalls die Bielfdeibe des fpottenden Mikes
für einige humoriftifde Berfünlidieiten Shakefpeared. Dieje Lehre
von der Seelenwanberung ift aud für andere Dichter ein Thema
parobifder Darftellung gemefen.
Schon Horaz hatte offenbar die Seelenwanberung im Ginne,
wenn er fcherzend die Bohne die Verwandte des Pythagoras nannte
(Serm. 2, 6, 59— 64). Jn dem Drama bes Lope de Veja „Der
neue Pythagoras” wird ein Doktor Cornagoras verfpottet. „Sein
Hirn“, jagt Myfon von ibm, „it von dem unfinnigen Glauben der
Seelenwanderung eingenommen. Er behauptet, er fet einft Priamus,
Cäfar, Tamerlan, Wlegander und weif der Himmel was fonft nod
gewefen; mit biefen Sbeeen hat er der Donna Beatrig den Kopf
verdreht; er fagt, in ihrem Körper wohne die Seele der Helena, und
fie glaubt e8, bloß weil er e8 jagt.“ Beatrig behauptet: „Nachdem
id als Helena gelebt hatte, irrte id eine Zeit lang ohne beftimmten
Aufenthalt umber, dann ward id eine Maus und vermählte mid
mit einer Ratte.“ 1 Diefe perfiflierenden BVorftellungen werden meiter
fortgefegt. Die Ratte wird aud von Rofalinde in „Wie e8 euch gefällt”
erwähnt; „id bin nie mehr“, fagt die Humoriftin zu Celia (II, 2),
fo angefungen worden feit Pythagoras Zeiten, ala id eine irlänbijde Ratte war, woran id mid faum nod erinnern fann.” Ausgiebiger hat der Narr in „Was ihr wollt“ die Lehre von der Seer
lenwanderung verfpottet. Er craminiert als Pfarrer verfleidet den
Malvolio (IV, 2). Diefer antwortet richtig auf die Frage des Narven, welded die Anficht des Pythagoras in Betreff wilden Gefliigels
fet, und verwirft, „von der Seele würdig benfend“, die Anfidt des
Philofophen. Aber ber Narr bat ihn zum beften mit der Kuper
rung (IV, 2): „Bleib in der Finfternis; bu follft did zu bes
Pythagoras Anfidt befennen, ehe id bid für gefund erfläre, und
did) fdeuen eine Waldfdnepfe umzubringen, aus Furdt die Seele
deiner Großmutter auszutreiben.”
Aus ben ernften und wigigen Äußerungen, melde über Philofopbie oder Unfidten von Philofophen von den erwähnten Perfo1) Bgl. A. F. von Shad, Gefdidhte ber dramatifden Litteratur und
Sunft in Spanien, 2 p. 342 fg.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nen in Shatefpeare8 Dramen gemacht werben, ift gefdloffen worden,
daß Sbhatefpeare Feine befreundete Stellung zur Philofophie gehabt
babe. Auch ift es richtig, daß die Metaphyfif ibm fern lag und
daß er fein fuftematifcher Philofoph war. Dagegen wurde fein
Denken von der Moralphilofophie tief angezogen; feine Neigung,
bie Gegenftände gedantentief zu erfaflen und biefelben von verfchiedenen Seiten zu betrachten, madte ibn für die philofophijden Nee
flegionen anderer empfänglich und er wich ihnen nicht aus, wo fie
ihm begegneten.
So find denn Äußerungen, wie fie im Hamlet
vorfommen, von B. Tidifdmit auf ben Pbhilofophen Giordano
Bruno surüdgefübrt worden, melder während der Jahre von 1583
bis 1586 in London lebte, wohin Shatefpeare im %. 1583 fam.
Unter den Sägen, melde Hamlet ausfpridt, it auch der berühmte
(II, 2): „An fih it fein Ding weder gut nod fdlimm, bas
Denken madt es erft dazu.” Es ift gut zur Beurteilung biejes
Ausfpruds fic) der Worte zu erinnern, welde Giordano Bruno
brauchte: „Abfolut genommen ift nichts unvollfommen oder ein Übel;
nur in Bezug auf ein anderes erfdeint e3 fo, und was bem einen
ein Übel, das ift dem andern gut.“
Und eine andere Stelle lau
tet: „Kein Ding ift fo fdlimm, daß e8 nicht zum Nuten und Bors
teil bes Guten ausfdliige und fein Ding fo gut und wertvoll, daß
es den Böfen nicht Urfade und Stoff zu Argernis werden tönnte.“*
Diefe Sage erinnern aber aud an die Lehre ber Stoifer, nad welder „als ein Gut nur das abfolut Gute oder die Tugend zu betrachten
it, als ein’ Übel nur das abfolute Tibel, die Shledtigteit; alle
anderen Dinge Dagegen, wie eingreifend ihr Einfluß auf unfern
Zuftand aud fein mag, gehören weber zu ben Gütern nod zu den
Übeln, fondern zu dem Gleidgültigen, ben Adiaphora: weber Gefundbeit, nod Reidtum, nod Ehre, nod bas Leben felbft ift ein
Gut, ebenfowenig find aber aud die entgegengefegten Zuftände,
Armut, Schmerzen, Krankheit, Shmah, Tod ein Übel; fondern
biefe wie jene find an fid gleidgültige Dinge, ein Stoff, der gleich
1) Bgl. hierüber ©. Rümelin, Shatefpeareftudien p. 207.
2) B. Tihifhwig, Shalefpeare- Forfdungen, Halle 1868, 1 p. 65.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)fehr zum Guten, wie zum Sdledten benut werden fann.“1 Aud
in den Gebanfen, welde Bei Shatefpeare über bas Verhältnis des
Guten und Böfen, der Liebe und des Haffes, der Selbftfenntnis
vorfommen, find von W. König Anklange an die Pbhilofophie Bruno8 gefunden worden und in der Neigung des Dichters die Gegen:
ftände und Perfonen von verfdiedenen Seiten zu betradten, findet
W. König? eine Berwandtidaft Shafefpeares mit Bruno.
Das
ntereffe Shatefpeares für moralphilofophifde Betrachtungen führte
ihn aud zu Midael be Montaigne, und Pbhilarethe Chasles* bemerft,
daß burd die Befdäftigung CShakefpeares mit bem franzöfifchen
Effayiften eine neue Gebantenerziehung in ihm feit 1603 eingetreten
fet. Giderer ift, daß Shafefpeare von ben moralphilofophifchen
Lehren der Stoifer angezogen wurde. Wie fehr aud die leidenfchaftlien Perfonen bei Shatefpeare die Tröftungen der Philofophie
abweifen, befonnene huldigen einer Gefinnung, welde mit den
Lehren der ftoifden Philofophie in Einklang “if. So Horatio, wie
ihn fein Freund Hamlet fdilbert. „Er ift arm und bat feine Rente
al feinen muntern Geift, um fid zu nähren und zu fleiben; aber
1) €. Zeller, Die Philofophie der Griechen, Leipzig 1880, III, 1 p. 215.
Hnlide Gedanken finden fi bei Montaigne: „ES wäre ein großer Troft für
die Menfden, wenn man ben Sat der Stoifer, bak die Menfden nur von
ben Einbilbungen über die Dinge, nicht von ben Dingen felbft leiden, zur
Evidenz bringen Lönnte. Wären e8 wirklich die Dinge, welde ben Menfchen
affigieven, fo müßten fie auf alle Menfhen gleihmäßig cinwirten, denn bie
Organe berfelben find qualitativ nicht verfchieden; und bod weiß jeder, wie
unendlich verfdieden bie Meinungen find. Was man wünjdt, was man entbebrt, liegt nur in ber Meinung unb davon hängt Sufriebenbeit und Mißftimmung ab. Nicht ber ift zufrieden, von bem man e8 glaubt, fonbern ber es
von fic glaubt; bier ift bas Glauben Wefen und Wahrheit. Das Gliid thut
ung weder Gutes noch BIfes; es giebt uns ben Stoff; wie wir ben formen,
ift unfere Gade. €8 bängt von uns ab, ob unfere Ginbilbungen ein anmutiges Spielzeug ober eine Dual werben follen.“ I. Schmidt, Gedichte der
Romantif im Zeitalter ber Reformation und Revolution, Leipzig 1848, 1
p. 349 fg.
2) Shakefpeare und Giordano Bruno, Jahrbuch der bentfdhen Shatefpeare=
Gefellidaft, Weimar 1876, 11 p. 115— 116,
3) Études sur W. Shakespeare, Marie Stuart et l’Aretin, Paris 1851,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)er war, als litt er nidts, indem er alles litt; ein Mann, der Stop’
und Gaben vom Gefdid mit gleidem Dank genommen“ (II, 2).
Diefer ftoifche Gleihmut, die Mahnungen, die Leibenfdaft in Liebe
und Haß (vgl. Norfolf in Geinrid VIII. I, 1) zu zügeln bas
Lob der Mäßigung finden fid aud in der pythagoreifden Philofophie. Die Art, wie Gratiano im Kaufmann von Venedig von der
Seelenwanderungalehre des Pythagoras fpridt, ift feine Verfpottung,
vielmehr ein Symbol, burd meldes er die graufame Gefinnung
Shylods Tennzeichnet, den er anrebet (IV, 1):
Du madft mid irre faft in meinem Glauben,
Daß ich e8 halte mit Pythagoras,
Wie Tieresfeelen in bie Leiber fich
Bon Menfden fteden; einen Wolf regierte
Dein bünb'ider Geift, der, aufgehängt für Mord,
Die grimme Seele weg vom Galgen rif,
Und weil du lagft in deiner fdndden Deutter,
In di bineinfubr: benn dein ganz Begehren
Sft wölfifd, blutig, räuberifé und bungrig.
Der Dichter faßt hier die bezeichnete Lehre von ber moralischen
Seite auf; aber aud eine andere Anjdauung des Pythagoras bat
er in bemfelben Drama moralifd verwertet; fie betrifft die Harmonie der Sphären. Den Sag, den Pythagoras ausgefproden
batte: „Alles ift Zahl”, hatte er zu bem Gebanten ermeitert: „Alles
ift Zahl und Harmonie.” Pythagoras oder die Pythagoreer hatten
aud die Meinung, „dap die Weltförper in ihrem Umfdwunge um
das Centralfeuer tönten, daß fie eine Harmonie beroorbrädten.“!
Diefe Lehre des Pythagoras ijt von bem Zeitalter der Renaiffance mit Liebe bargeftellt ober benugt worden. Unter den Fresken,
welde Raphael im Auftrage Papft Julius IL während ber Jahre
1509 bis 1511 malte, befindet fid die „Schule von Athen.“ Im
Borbergrunde biefes Bildes ijt die Geftalt des Pythagoras fichtbar;
„die vor ibm aufgeftellte Tafel ijt die Darftellung der pythagoreihen Zablen- und Harmonielehre, die Darftelung der pythagorei1) Bgl. M. Dunder, Gefdhidte des Altertums, Berlin 1857, 4 p. 563.
€. Zeller, Die Philofophie der Grieden 2c., Leipzig 1876, 1 p. 400.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre){den Grundidee, daß bas AU Zahl und Harmonie ift.“1 Bon der
Spharenmufif hatte Dante bereits im Parabiefe (I, 74 fg.) gefungen.
Die Yoee der Spharenmufif hatte Montaigne (Essays I, 32) zu einem
Vergleiche benugt, um den Sag zu erläutern, baf bie Oemobnbeit
unfere Sinne abftumpfe. Shateipeare bat biefe pythagoreijde Ybee
öfter aud) zum Bilde gebraucht; nad Hortenfio (Zähurung der Widerfpenftigen III, 1) it Bianca ber ,Himmelsharmonie Befdiigerin*
(the patroness of heavenly harmony); „wenn er“, fagt ber Herzog
in „Wie e8 euch gefällt“ II, 7 von Jaques, „ganz Mißlaut, mufifalifd wird, fo giebts bald Diffonangen in ben Sphären.”
In
„Was ihr wollt“ (11,1) wil Olivia ein Gefud von Cäfario (Viola)
lieber hören als die Mufif der Sphären. Als Perikles, Fürft von
Tyrus (V, 1) feine Tochter Marina wiedergefunden bat, glaubt er
entzüdt bie Dtufif ber Sphären zu hören. Für Kleopatra war das
Wort des Antonius (V, 2) Harmonie wie aller Sphären Klang.
Am fchönften hat von ber Sphärenmufit Lorenzo im „Kaufmann
von Venedig“ (V, 1) gefproden:
Sieh, wie die Himmelsflur
Hr eingelegt mit Scheiben lichten Golbes!
And nicht der Meinfte Kreis, ben bu dort fichft,
Der nist im Schwunge wie ein Engel fingt
Zum Chor ber Hellgenugten Cherubim.
Solde Harmonie ift in unfterbliden Seelen
(Such harmony is in immortal souls),
Dod weil dies fémut’ge Erblleid des Berfalls
Sie grob umbilllt, vernehmen wir fie nicht.*
1) Bgl. H. Hettner, Stalienifhe Studien, Braunfdweig 1879, p. 198.
2) Die Schönheit biefer Stelle bat auf andere Dichter tiefen Einbrud
gemadt, 3. B. auf Milton, welder fid) mit ber Ipee ber Sphärenmufil vielfach befchäftigte; „er verbreitet fid ausführlich darüber in bem Gebidte At a
Solemn Music und in ber lateinifden Abhandlung De Sphaerarum Concentu ;*
aus ber Maste Miltons ,, Arcades“ teilt RK. Elze in ber treffliden Abhand=
lung über Milton (Bahrbud ber beutfden Shakefpeare- Gefellfdaft, Weimar
1877, 12 p. 94) eme Stelle mit. Bgl. Goethes „Fauf“, Prolog im Himmel:
Die Sonne tönt in alter Weife
Jn Bruberfphären Wettgefang.
Bgl. aud €. Mörite, Gebidte, Stuttgart und Tübingen 1838, p. 69.
Page 14
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wenn Shatefpeare zur Didtung diefer Worte, wie À. Elze bemertt,!
burd Montaigne (I, 22) angeregt wurde, fo wird burd die Bers
gleidung beider die Tiefe in Shakefpeares Worten recht erfidtlid.
Montaigne fpridt von der Spharenmufif nur mit der Bemerkung,
daß das Gehör der Gefdöpfe bdiefeB Crdbodens durch die ununterbrodjene Dauer jenes Rlanges, fowie die Agypter von den Ratarakten des Nil, betäubt find und ibn nicht vernehmen, wie tart er
aud fei. Für Shatefpeare wird die Harmonie, melde durch die
Bewegung der Himmelsförper erzeugt wird, zum ethifden Bilde der
geiftigen Harmonie, welde in unfterbliden Seelen wohnt. Diefe
Harmonie wird eine fittlide Forderung.
Nad der pythagoreiiden Lehre ift e8 die ethijde Aufgabe bed Menfden „die Gegen:
fage in feinem mern zu überwinden und zur innern Harmonie zu
gelangen.“
Diefe Forderung befriedigt im „Kaufmann von Venedig“ Portia.
hr Wefen ift die Harmonie der Seelenträfte. Sie hat zu derjelben
fih gebildet und ihr Thun im Drama giebt Zeugnis, daß fie bie
Harmonie burd Arbeit an fic) felbft zu erreichen fudt. Sie bat
eine tiefe Neigung fdon bei Lebzeiten ihres Vater zu Baffanio
gefaßt; jedoch it fie burd bas Teftament ihres Waters in der frei
heit ihrer Wahl befdräntt. Aber fie überwindet bie Anwandlungen
des Unmuts, welden fie über diefe Sdranke empfindet, und „follte
fie fo alt werben wie Sibylla, fo will fie dod fo feufd fterben wie
Diana, wenn fie nicht bem lester Willen ihres Vaters gemäß erwors
ben wird“ (I, 2). Ihre Empfindung für Baffanio tritt bei feiner
Anwesenheit in Belmont ftarf hervor; aber fie weiß diefelbe in ben
Schranken der Mäßigung zu erhalten. Als Baffanios Wahl bas
glüdverheißende Käftchen getroffen bat, ift Portias Empfindung bis
zu leidenfdhaftlidem Entzüden gefteigert, aber fie ruft fih felbft zur
Mafigung zurüd (III, 2):
Wie jede Regung fort die Lüfte tragen!
MS irre Zweifel, ungeftiim Berzagen,
Und bange Schau’r und blaffe Shübternbeit.
1) Sabrbud ber beutfden Shalefpeare= Gefellihaft, Weimar 1872, 7
Page 15
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)D Liebe, mäß’ge dich in deiner Seligteit;
Halt ein, laß beine Freuden fanfter regnen;
3u ftart fühl’ id, bu mußt mid minder fegnen,
Damit id nicht vergeb’.
Mit Portias tiefer Empfindung it ein Heller, flarer Berftand
in der innigften Verbindung. Gie ift eine Fritiihe Beobadterin
menfdlider Verhaltniffe und Charaktere und ihre fdarfe Unterfceidungsgabe, verbunden mit ber Freiheit des Gemüts, erhebt fih in
das Gebiet des Wites und Humors.
Sie bemeift diefe Eigenfchaften in der Schilderung eines jungen und eitlen Geden (III, 4) und
in ber Charakteriftif ihrer Freier (I, 2), in melder fie das Übermaß ftirnrungelnden Ernftes ebenfo fehr tabelt als die flache Beweglidfeit und Beränderlidteit der Gefinnung. Ihr Elaver Berftand
verlangt die benfenbe Betradtung fittlider Verhaltniffe. Sie wird
nidt vom Vorurteil beberridt; fie weiß, daß erft „die Beziehung
ben Wert der Dinge madt und vieles erft burd feine Zeit gezeitigt
wird zu redter Schägung und Bollfommenheit“ (V, 1).
Portias mäßige Beurteilung der Berhältnifje ijt fid der Shwadbeit bes menjchlihen Willens und der Stärke der Leidenfdaft bewußt:
„Wäre Thun fo leicht“, jagt fie zu Neriffa, „als Wiffen mas gut
zu thun ijt, fo wären Kapellen Kirchen geworben und armer Leute
Hütten Fürftenpaläfte. Der ift ein guter Prediger, der feine eignen
Ermahnungen befolgt: — id fann leichter zwanzig lehren, wad gut
zu thun ift, als einer von ben zwanzigen fein und meine eignen
Lehren befolgen. Das Gehirn fann Gefege für bas Blut ausfinnen; aber eine higige Natur fpringt über eine falte Boridrift binweg. Gold ein Hafe ift Tollheit, der junge Menfd, daß er binweghüpft über bas Ne des Krüppel3 guter Rat“ (I, 2).
Wir fehen bemnad, daß in Portias Charakter die Tiefe der
Empfindung und die Kraft des refleftierenden Denkens in gleichem
Maße thatig find; in den hödften Momenten des Lebens, in widtigen Entideibungen wirken diefe Kräfte in voller Einheit und Harmonie. Qn ber ridterliden Stellung, welde Portia in dem Bro:
zefle des Kaufmanns und Shylods einnimmt, entfaltet fih ihr
Gemüt und ibe Denken nicht in getrennter, fondern in einbeitvoller
Thätigfeit.
Ein Blid auf die Dame von Belmont, welde in der
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)von Shatefpeare benugten Novelle des Giovanni Fiorentino auftritt,
läßt Portias Seelenharmonie burd bas Gegenteil recht erkennen.
Jene ijt habgierig und in ber Behandlung ihrer Freier argliftig und
trügerijd. Sie fdeint die Rettung Anfaldos, deffen Rolle bei Shafefpeare Antonio fpielt, fait mehr aus Luft an Abenteuern als aus
tieferer Neigung zu betreiben.! Bei der Entideibung, dab Shylod
vom Kaufmann das Pfund Fleifd) nehmen, aber fein Blut vers
gießen dürfe, ijt mehr ihr Scharffinn als der Zug tiefen Mitgefühls
thätig. In Portia dagegen find bei bem BProzefje des Shylod alle
Geelenfräfte in Barmonifdem Gleichgewicht. Die Liebe zu BVaffanio,
das lebbaftefte Gefühl für die Freundfhaft Antonios und Bafjanios
treibt Portia an fid an bem gefahrdrohenden Handel zu beteiligen.
Ihren Empfindungen bat fie Entfagung auferlegt; an ihrem Hodzeitätage beftimmt fie den eben angetrauten Baffanio fofort zur Net»
tung Antonios abzureifen. Sie hat fid zur Freiheit bed Gemüts
erhoben und bieje Freiheit giebt ihr die Befonnenheit und Überlegenheit des Geiftes. Es fann auffallen, daß feiner der Freunde Antos
nios, nidt Baffanio, nicht Gratiano, daß ferner fein Mitglied des
Gerichtshofs, daß nur Portia den Gedanken hat, daß fein Blut
vergofjen werden dürfe; der Grund ift, daß in ben beteiligten Pers
fonen mehr die Lebhaftigfeit des Mitgefühls, als die Freiheit des
Gemüts Herrfht. Jm Befige derfelben ergreift Portias Bejonnenbeit
bie zwedmäpigften Mittel, fudjt die Hilfe des gelehrten Doktor Bellavio, ihres Better, nad und empfängt burd ihn die nötige Bors
bereitung zur Entídeibung des Redtafalls. Sie entfdeidet ibn durch
den Scharffinn, der von den tiefften und reinften Gefühlen getragen
it. Mit der Schönheit ihres Gemüt, mit der Tiefe der driftliden
Gefinnung, in welder fid die Seelenharmonie vollendet, wendet fie
fid an Shylod mit bem Bortrage über die Gnade (IV, 1). Sie
begegnet einem feljenharten Widerfadher; ihr Gemüt befigt aber bie
Freiheit durch weitere Gründe auf Shylod wirken zu wollen. Gie
appelliert an die Empfindungen, die ihn beherrihen, und an bie,
bie ibn beberriden follten: an feine Gelbliebe, Barmberzigteit, Menfdenliebe. Da alle ihre umfidtigen Borftellungen ohne Erfolg blei1) Bgl. Hebler, Der Kaufmann von Benebig, Bern 1854, p. 8.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ben, veranlaßt fie ben Antonio felbft zu fpreden. Crit dann, als
alle Mittel Shylod zur Milde zu bewegen, erihöpft find, fpridt
Portia bie Entideibung aus, daß der Schein bie Bergiefsung des
Blutes ausfchließe. Von diefer umfichtsnollen Behandlung ded Gegenftandes, welde aus Portias Gemütsfreiheit ftammt, it in der Novelle
des Giovanni Fiorentino nichts zu finden.
Dem Gleichgewicht der Geelenfrafte, bas wir in Portias Chaafter lieben und zu pythagoreifden Forderungen in Beziehung
gebradt haben, nähert fic) am meiften Bafjanios Wefen und er
wird dadurch des Glüdes würdig, bas ibm mit Portias Hand zuteil
wird, Bafjanio ift ein werbender Charakter, ber zu Höherer und
veinerer Gefinnung allmählich auffteigt. Er ift ein Stubierter und
ein Soldat. Aber feine Bildung it zunädhit theoretifd. Sie fließt
ben Leidtfinn bes Lebens nidt aus. „Er hat fid glänzender eingerichtet, ald feine fdwaden Mittel tragen fonnten“ (I, 1). &
befennt, daß fein Leben „etwas zu verjchwenderifh“ mar. Er ift
in Schulden geraten. Aber er hat fic) zufammengefaßt und jammert
nit, daß „der große Zufchnitt ihm verkürzt ift“ (I, 1). Ge it
burd Erfahrung und Einfiht in fein Inneres gedrängt worden und
feine Bildung bat ihm den praftijden Erfolg gewonnen, daß er den
Schein ded Lebens von dem wahren Weien und Werte zu unter:
fdeiben verfteht. Seine Liebe zu Portia bewegt feine Seele tief
und erregend; fo lange er nicht gewählt bat, „Iebt er auf ber Golter“, ift er voll von Mißtraun, „das ibn am Glüd ber Liebe zweifeln läßt” (III, 2). Aber die Bewegung und Unruhe feines Hergens überwältigt fein bejormenes Denken nidt.
Cs ift gefraftigt
burd gereifte Anfichten und Grundfage der Sittlichleit. Bor ben
Käftden als Wäblender ftehend wird er nicht durd ben Glanz des
Äußeren beftoden. Er hat e8 an fit felbft und im Leben überhaupt
erfahren, wie viel Schein und Unwabrheit erborgter Cigenfdaften
fid geltend maden, aber nur ben unklaren Bli täufhen. Gn
feinen Betrachtungen vor ben Räftden fteht er auf der Höhe einer
gleidmiitigen und fittliden Weltanfdauung und gewinnt durd das
Gleidgemidt und die Harmonie der Seelenträfte ba’ erwünfchte Los.
Diefes Gleichgewicht fest fih im Glüde fort; im Befige der Gand
Portias it er ein Belenner der Wahrheit und trennt fid) von Portia,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)um bem bedrohten Freunde gu Hilfe zu eilen; die Stärke der Freundhaft ift mit der beglüdten Liebe im Gleidgemidt. Die Einheit
von tiefer Empfindung, befonnenen Denkens, entjchlofjener Thatkraft
ift in ben übrigen Freiern Portias nicht zu finden, welde von dem
Dichter, wovon er nidts in der Novelle des Giovanni Fiorentino
fand, um des Gegenfates willen aufgeftellt find und den Charakter
des Bafjanio in hellered Licht fehen.
Die Freier Marocco und Arragon werden treffend von Portia
felbft charakterifiert (II, 9):
O biefe weifen Narren, wenn fie wählen,
Sind fie fo Mug durdh ihren Wi zu fehlen.
Beide find einfeitige Charaktere; beide haben fid nicht zur Harmonie ber Geelentrafte und zum fittlid richtigen Urteil erhoben. Mar
rocco hebt einfeitig die Nöte feines Blutes hervor, feinen fibnen
Mut (II, 1). Über fein Berbienft ift er nicht im Zweifel; „Ber
forgnië wegen feines Wertes zu hegen“ halt er „für Schändung
feiner felbft“ (II, 7); er wandelt auf der Heerftraße derer, die von
dem Golde angezogen werden; Daf bas Bild der Portia nidt von
Gold umidlofen werde, hält er für einen fiindliden Gedanken.
Einen höheren Standpunkt nimmt Arragon ein; „er will der Thorenmenge nicht angehören, die nad dem Scheine wählt“ (II, 9); er will
nicht bei gemeinen Geiftern haufen, nod fid zum rohen Haufen ftellen.
Er hält e8 mit bern Verbienft und macht über basfelbe richtige Bez
merfungen:
Niemand fémide
Mit unverdienter Würbe ih! O daf
Befigtum, Amt und Rang nie umrechtmäßig
Enworben würden und daf reine Ehre
Erfauft burd bas Verbienft bes Trägers würde!
(Er. Bodenftedts Überf.)
Die Klage über verfanntes oder unbelobntes Berdienft wird
öfter bei Shatefpeare ausgefproden. 1 Aber derfelbe Dichter läft
Hamlet fagen (II, 2): „Behandelt jeden Meniden nad Verdientt,
und wer ift vor Schlägen fider?“ Inbem Arragon die Wahl „aufs
1) Bgl. Sonett 66. Hamlet II, 1; Troilus und Creffiba III, 3; Ende
gut, Alles gut II, 3.
Page 19
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Berdienft wagt“, das er fid felbft gufdreibt, ift er unbelümmert
wie aud) Marocco um die Aufihrift des bleiernen Kaftdhens (II, 7):
„Wer mid ermäblt, muß all fein Gut als Einfag wagen“, unfähig
zur vollen Gingebung, in der Selbftgenügfamteit befangen.
Das Gleichgewicht der Seelenkräfte, welde mir in Portias Charafter wahrgenommen haben, welded Baffanio in feiner Entwidelung
annähernd erreichte, wird durch weitere Gegenfage für die Cinfidt
geboben. Sie find in Gratiano und Antonio aufgeftellt.
Nad den Vorjdriften des Pythagoras ,follte man im Umgange
die Rube und Harmonie der Seele an den Tag legen. Man follte
weber laden und auägelafjen fein, nod finfterem Wefen fid bingeben.“1 Diefe Vorfchriften der Mäßigung in der Heiterkeit und Luft
überjchreitet Gratiano. „Laßt ben Narren mid fpielen“, ijt fein
Belenntnis (I, 1), „mit Luft und Laden lapt die Rungeln Fom:
men und lieber mir vom Wein die Leber glühn als bärmenbes
Geftön das Herz mir fühlen.“ Gr wird von feinem befonnenen
Freunde Bafjanio zurecht gewiefen (IL, 2): „Du bift zu wild, zu
rauh, zu fed im Ton; drum nimm div Mübh und bämpfe mit ein
paar fühlen Tropfen Sittfamteit ben flücht’gen Geift“ Aber die
Verfpredungen, die er giebt (II, 2), enthalten nad Fnhalt und
Form mehr Ironie und Satire als Ernft und guten Willen Dem
Pythagoras wird der alte Sat zugejchrieben, „daß man feine Zunge
beberriden und den Göttern folgen folle;" ? auch legte Pythagoras
feinen Schülern ein mehrjähriges Schweigen auf. Aber eB it, als
ob Gratiano, der ja aud über die pythagoreifde Seelenwanderungslehre fih äußert, bie geforberte Beberridung der Zunge verfpotten
wolle. Gein Grundfag ift: „Schweigen ift nur zu empfehlen an
gerauderten Zungen und jungfräuliden Seelen.“ Zu Lorenzo jagt
er im Sinne biejer Empfehlung: „Leifte mir zwei Jahre nod Gefell:
haft, fo fennft bu deiner Zunge Laut nicht mehr.” Er ift baber
ftarf eingenommen gegen diejenigen, „bie man für Weije hält, weil
fie nidts fagen“ (I, 1), und feiner Natur gemäß richtet er eine
1) M. Dunder, Gefdhidte de Altertums 4, p. 566.
2) Toons med tüv dÀlov xpdrer Jeoïs Exdcuevos. Göttling, Gefammelte Abhandlungen aus bem Haffifhen Altertume 1 p. 296 (32).
Page 20
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Strafrede gegen folde, „bie ein eigenfinnig Sdmeigen halten”, da
er ihnen die Abfidt zufchreibt, „fid in einen Schein zu fleiben von
Meisbeit, Wiirdigkeit und tiefem Sinn.” Das Unmaß der Redfeligfeit Gratianos wird von dem gemäßigten Bafjanio verurteilt, der
fid gegen Antonio äußert (I, 1): „Gratiano fpridt unendlid viel
Nichts, mehr als irgend ein Menfd in ganz Venedig. Seine vernünftigen Gebanten find mie zwei Weizentörner in zwei Scheffeln
Spreu verftedt; ihr fucht den ganzen Tag, bis ihr fie findet, und
wenn ihr fie habt, fo verlohnen fie bas Suden nicht.“
Gratianos Gegenbild ift Antonio.
Hat Gratiano ein Übermaf
der Gemütsfretheit, fo leidet Antonio an einem Mangel berfelben.
Er bezeichnet feinen Zuftand felbft. Gr fiebt in der Welt eine Bühne,
wo jeder eine Rolle fpielt, und Antonio nennt die feine traurig, ohne
zu wiflen warum. Ein Sprud des Pythagoras lautete, man folle
bas Herz nicht effen,! d. i. fid von Kummer und Sorgen nidt übermannen laffen. Aber Antonio läßt fid bem ,weinenden Pbhilofophen” vergleichen, von weldem Portia iderzend fpridt (I, 2). Eein
Mangel an Gemützfreiheit tritt aud in dem Übermape des Haffes
gegen Shylod hervor, ben „er einen Bluthund fémäbt, auf deffen
Gewand und Bart er fpeit (I, 3), den er auf bas äußerfte reizt
und beffen Radfudt er fi bod mit gefabrooller Bebadtlofigteit
ausfegt. Bafjanio wollte nicht, daß Antonio die von Shylod ver:
langte Biirgfdaft leifte und ben bebentliden Schein unterzeidne.
So hatte Pythagoras gemabnt „nicht leibtfinnig die Rechte zu
geben“,? eine Mahnung, die mit dem belpbifhen Sprude: „Ber:
bürge did), aber gleich ift bas Unglüd da”, eine Bermanbtidaft hat.
Wie hod wir aud) der opferfähigen Freundfhaft des Antonio jene
Bürgidaft anvednen, fo fdeint fie bod aud) in der trüben und ein»
feitigen £ebensanjdauung, welde die Hare Überlegung einfdränit,
erklärt werden zu fönnen.
1) Mn ê09terv xapdfay. Plutarch. de educatione 17, Bei Jamblichus:
xagdlay un rodye.
Göttling, Gefammelte Abhandlungen aus dem Maffifden
Witertume 1 p. 305 (18).
2) Mn nav Jetièr dupdddeuv. — 'Eyyia, nage 8 dra. Göttling
a. a. ©. p. 311 (35), p. 243,
Page 21
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Aber den vollfommenften Gegenfak gegen die pythagoreifde
Harmonie der Seele bildet Shylods Charatter. Er ift die Disharmonie. Die Begierde, welde in „Troilus und Creffiba“ (I, 3)
ein allgemeiner Wolf genannt wird, madt Shylods Seele unrein,
disharmonifd, mißgeftaltet; fie gleiht ben Seelen, welde Plato
im Gorgias (p. 524 e) befdreibt, an benen nidts Gefundes
ift, welde vielmehr zerfleijdt und voll von Narben infolge von
Deineib und Ungeredtigleit finb.1 Shylods Leidenihaften find Haß
und Radgier fomie hungrige Gewinnfudt. Er hat tiefe Kränfungen von Antonio erfahren; fein erflirbarer Haß fteigert fich zu
feindfeligem Vernihtungsbrang burd die Gewinnfudt.
Er haft
Antonio, „weil er von ben Chriften ift, dod) mehr nod, weil er
aus gemeiner Ginfalt umfonft Gelb ausleiht und in Venedig ben
Preis der Zinfen herunterbringt” (I, 3). Bortias Seelenharmonie
ijt auferbauend, Rettung gewabrend, Glüd gründend; Shylods Disharmonie ift fdäbigenb, nieberreifend, zerftörend für andere und
für ibn felbft. Portias Seelenharmonie wählt im Glüde anderer
und it Freundfhaft befeftigend; Shylods Disbarmonie nährt fid
vom Schaden anderer und ift Sreunbidafts- und Familienbande
zerftörend. Gein Verhältnis zu Tubal und zu feiner Tochter geben
den Beweis, ohne daß wir Sefficas Handlungsweife verteidigen ober
rechtfertigen wollen. Mortias Seelenharmonie it felbft fdon ein
hohes Gut und Glüd und meiteres Glüd fi erfdaffend; Shylods
Disbarmonie ift an fid fdhon ein Elend und meiteres Elend fid
bewirfend; feine Disharmonie fann in der verwirrten Leidenfdaft,
die Solanio (II, 8) fdilbert, den unfeligen Wunfd ausfprechen
(IH, 2): „Ich wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen
und hätte die Jumelen in den Ohren! Wollte, fie lage eingefargt
zu meinen Füßen und die Dufaten in ihrem Sarge!" Die Seelenharmonie verleiht Portia die Klarheit des Denkens, die unbeirrte
Umfiht in der bebentliden Lage des Prozefles; die „verwirrte Leibenfdaft“ nimmt Shylod bas bebutjame Denfen und verblendet ihn
zu einer verberblichen Sicherheit; er hält den von Antonio ausgeftellten Schein für fo unanfedtbar, ift fic) der Befriedigung feiner
1) Sat. Tacit. annal. 6, 12.
Page 22
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Radfudt fo gewiß, daß er vor dem Geridtahofe den Mahnungen
des Dogen mit Offenheit feine mirderifden Gefinnungen und WAbfidten entgegenjegt (IV, 1). „Aus eingefleiichtem Haß und Wiberwillen gegen Antonio“, wie er fagt, „verfolgt er fein Redt an dem
felben.” Den Schein, der ihm fein Recht verbürgte, hatte er dem
Antonio (I, 3) argliftig als einen bloßen Sderz (a merry bond)
. bargeftellt und bemerkt, daß ein Pfund Menfdenfleifh, von einem
Mann genommen, nicht fo fhigbar und nüflid fei als Fleifh von
Schafen, Ochjen oder Ziegen; er batte nod einmal wiederholt, daß
der Schein einen Scherzvertrag enthalten folle Gr batte alfo felbft
an der Rechtmäßigkeit eines folden Scheines gegweifelt. Bor dem
Geridtshofe verfteht er unter feinem Rechte die Vernichtung Antonios
und fpridt feine Abfidten mit verblendeter Sicherheit aus (IV, 1):
„Wer haft etwas und möcht’ e8 nicht vernidten? Was, fol did
eine Schlange zweimal Steden?“ In feiner Sicherheit und Radbegierde ahnt er nicht, daß ihn feine unverhüllten Bernidtungsabfihten ber Verfolgung vonfeiten des Rechts ausfegen. Diefes muß
Shylod erft burd Portia erfahren (IV, 1):
EG fteht gefdrieben im Gejes Bencbigs:
Wenn man e8 einem Fremden fann beiweifen,
Dak er, auf g'radem ober Erummem Wege,
Dem Leben eines Bürgers nadgeftellt,
Sol die Partei, auf die er’8 abgefebn,
Die Hälfte feiner Güter an fih ziehn;
Die andre Hälfte fällt in ben Gemeinfhaß
Des Staats, und bes Verbrecher Leben hängt
Bloß von ber Gnade unfres Dogen ab,
Mit Ausfhlug aller andren Stimmen. Nun,
Behaupt’ id, bu bift hier in diefem Fall:
Denn es erhellt aus offenbarem Borgang,
Daf bu auf Frummem wie auf g'radem Wege
Dem Leben des Bellagten nadgeftellt
Und alfo jene Schulb auf dich geladen,
Bon der ich eben fprad.
Shylods leidenfdaftlide Rahfucht hat feinen Sinn in fittlider und
intelleftueller Ginfidt verblendet und ibn zu maßlofer Hybris verleitet; zu einer inneren Harmonie zu gelangen hatte er ftet3 vers
féumt.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)In Portias Charakter finden wir eine tiefe Begeifterung für
die Freundfdaft. Lorenzo rühmt fie an ihr und nennt fie eine göttergleide. Die Freundfdaft erfuhr im Zeitalter der Renaiffance einen
bedeutenden Kultus. Schon Petrarfa bat viele Bemerkungen über
die Freundfdaft, die er mit Beifpielen aus dem flaffifden Altertum
erläutert. Jn feiner Dichtung „Afrika“ ift der flaffifde Vertreter
der Freundihaft Lalius; eine Verherrlihung der Freundfdaft ijt in die
„Afrika“ eingelegt worden.’ Aud Lyly hat die Freundidaft (vgl.
p. 101) hod gepriefen. Jm „Kaufmann von Venedig” ftimmt die
Freundichaft Antonios und Baffanios mit ben pythagoreifden For:
derungen überein. Dem Pythagoras wird der Spruch zugefchrieben:
„Das Befigtum unter Freunden ijt gemeinfdaftlid und Freundihaft
befteht in ber Gleichheit.“? Die Freunde Damon und Phintias, in
der Gefdidte des Dionyfius durd ihre Treue berühmt, waren
Pythagoreer.>
Cin foldes Freundespaar it Antonio und Bafjanio.
Antonios Freundfdaft für Baffanio ift aufopferungsfähig bis zum
Tode: „Empfehlt mid eurem edlen Weib“, fagt er zu Baffanio (IV, 1),
„erzählt ihr
Den Hergang von Antonios Ende, fagt,
Wie ich euch liebte, rübmt im Tobe mid;
Und wenn ihr’8 auserzählt, heißt fie entfcheiben,
Ob nit Vaffanio einft geliebt ift worden.
Bereut nicht, daß ihr einen Freund verliert,
Und er bereut nicht, daß er für eud zahlt.“
Daß Baffanio feinerfeits zu allen Opfern der Freundfdaft bereit ift
und ihr wirkliche Opfer bringt, ift aus feinen Handlungen erfidtlid.
Wie die Freundihaft von Pythagoras vom ethifden Gefidtspuntte aus betrachtet wurde, fo war ihm die Mufif ein Mittel zu fittlicher Bildung, zu der Erlangung innerer Harmonie. Des Morgens
wandten die Pythagoreer die Mufit an, um die Energie ded Geiftes zu
1) Bal. ©. Boigt, Die Wiederbelebung des Haffifhen Altertums, Berlin
1880, 1 p. 114.
2) Korvà 1% pliov zaì pidta toórns. Bgl. €. W. Göttling, Gefammelte Abhandlungen aus dem Maffifden Altertume, Halle 1851, 1 p. 293.
3) Bel. Cie. Tuse. disp. 5 § 63.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ftärfen, des Abends, um die Erregung zu befänftigen (Quintil. IX,
.4, 12),* ober wie Cicero fagt (Tuscul. Disp. 4 § 3), fie pflegten
ihren Sinn von der Anftrengung des Denkens burd Gefang und
Saitenfpiel zur Ruhe zu führen. In einem ethifden Sinne fapt
aud) Shafejpeare im „Kaufmann von Venedig” die Mufif auf.
„Der Mann“, fagt Lorenzo (V, 1), „ber nidt Mufif in ihm
felbft, ben micht die Eintracht füßer Töne rührt, taugt zu Verrat,
zu Unbeil und zu Tüden; die Regung feines Sinne ift bumpf wie
Nacht, fein Trachten büfter wie der Erebus.”
Wenn Baflanio vor
den Käfthen um zu wählen ftebt, fol Mufif ertönen (II, 2),
offenbar damit die Rube der Betrachtung burd milde Töne geftärkt
werbe (vgl. p. 465).
1) Val. Th. Berat, Griedhifche Litteraturgefchichte, Berlin 1883, 2 p. 434.