Shakespeare und die Philosophie (Pythagoras)

Auteur
Hense, C.C.
Publié dans
Shakespeare
Année
1884
Sujet
SHAKESPEARE
Langue
Deutsch
Catégorie
C6 Langue et littérature
Numéro d'archive
681

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Afficher le texte intégral24 pages

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WAE NSE COC. ‚84 O SAAKESVERRE DI VA o VARIE UND Su (PY TA AGORAS Ésa - a Mi den Muperungen, welche fih in Shatejpeares Dichtungen über PHilojophie finden, Laft jid eine doppelte Richtung wahrnehmen. inige feiner Perfonen, mic Lafeu und Hamlet, jpreden fid pojitio über die Bedenilidicit und Unzulánglidicit philojophiider Erfenntnis aus. Nad) der Anficht Lafeu’s überjhreiten die Philofo — phen ihre Grenzen in der fritiichen Auffafjung des Aunderbaren: „man fagt, Wunder gefdehen nidt mehr“, jpridt Yajeu aus (Ende gut, Alles gut II. 3); „und es fehle uns nidt an philojophijden Köpfen, welde übernatürlihe Dinge als gewöhnlid; und harmlos barftellen. Taber kommt ca, dak mir mit Serednijien Spiel treiben und eingebilderen Mifjen verichenien, wenn wir einem unbefannten kurdibaren uns unterwerfen jollten.”! uns hinter Cin geilü geltes Wort tit geworden, was Hamlet iaate (1. 31: Mehr Dinge gicbt'e im Himmel und ani Erden, als unfire Pbiloiophie jich triumt, Horatio.” Mit einer jatiriidjen äußert (11. 2) deviclbe Gamlet, Beziehung auf Sónig welder hervorhebt, Claudius bak man für das Miniaturportrat des Königs zwanzig, vierzig, jinizig, ja hun: dert Dutaten gebe: „ES liegt etwas Übernatürlihes darin, wenn die Rhilojophic es nur ausfindig maden fünnte.* Die leidenidaitlid bewegten Gemüter in Shaleipcares Dramen find feine Freunde der PHilojophie. Yucentio in der Zähmung der Widerjpenjtigen it amar 1) Eme Äbulidie Auferung bei Montaigne: „Wenn id jonf von Gelyen fico Bérte, bemiticidete ich das arme Soll, bas foldien Thorbeiten Glanven féente. Sept finte id, bafi ich bamalé meniaitens céenie benuticitenemert aber ıdı babe war: nicht tak ich mene Erfahrungen Darüber gemadt bitte, eingeichen, tak c$ cine Gerlebrtbeit ift nadı feinem Kopie ter göttlichen Macht und ber Mutter Natur Schranten fewer zu wollen. adten, was man midi fegrelit: dern aud umfer Gewiijen.” Es if abfure, zu ver: c& wermeirrt mit nur aumlern Verftant, fon Julian Sdunitr, Gechühre ber Homantit un Zeitalter ter Reformation unt ber Revolution, Leipzig 1545, 1 y. 341.

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Shakefpeare und die Philofophie (Pythagoras).

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Jr den Äußerungen, welde fid in Shafefpeares Dichtungen über Philofophie finden, läßt fidh eine doppelte Richtung mwahrnehmen. Einige feiner Perfonen, wie Lafeu und Hamlet, ipreden fid pofitiv über bie Bebenilidleit und Unzulänglichkeit philofophijder Erkenntnis aus. Nach ber Anficht Lafeu’s überfchreiten die Philofophen ihre Grenzen in der Fritiihen Auffaflung des Wunderbaren; „man fagt, Wunder gefdehen nicht mehr“, fpridt Lafeu aus (Ende gut, Alles gut II, 3); „und es fehlt uns nidt an philofopbijden Köpfen, welde übernatürlide Dinge als gewöhnlid und harmloë darftellen. Daher fommt 8, daß wir mit Sdredniffen Spiel treiben und uns hinter eingebilbetem Wiffen verfhanzen, wenn wir einem unbefannten Furdtbaren uns unterwerfen follten.“1 Ein geflügeltes Wort iff geworden, was Hamlet fagte (I, 5): „Mehr Dinge giebt’s im Himmel und auf Erben, als unf're Philofopbie fic) träumt, Horatio.” Mit einer fatirijden Beziehung auf König Claudius äußert (II, 2) berfelbe Hamlet, welder bervorbebt, daß man für bas Miniaturporträt des Königs zwanzig, vierzig, fünfzig, ja bunbert Dufaten gebe: „E3 liegt etwas Übernatürlides darin, wenn die Pbhilofophie e3 nur ausfindig maden fünnte” Die leivenfchaftlich bewegten Gemüter in Shatefpeare8 Dramen find feine Freunde der Philofophie. Lucentio in der Zähmung der Widerjpenftigen ift zwar 1) Eine ähnliche Äußerung bei Montaigne: „Wenn id fonft von Gefpenftern hörte, bemitleidete id) bas arme Bolt, bas folden Thorbeiten Glauben fdentte. Jet finde ih, daß id bamals wenigftens ebenfo bemitleidenswert war: nicht baf id neue Erfahrungen darüber gemadt hätte, aber id babe eingefehen, daß e8 eine Verkehrtheit ift nad feinem Kopfe ber göttlichen Macht und der Mutter Natur Schranten fesen zu wollen. G8 ift abfurb, zu ver: adten, was man nicht begreift; e8 verwirrt niht nur unfern Berftand, fondern aud unfer Gewiffen.“ Julian Schmidt, Gefdhidte ber Romantit im Zeitalter ber Reformation und ber Revolution, Leipzig 1848, 1 p. 341.

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nad Padua gefommen, „um feine Studienzeit der Tugend und dem Teile der Philofophie zu weihen, der von dem Glüde handelt, wel: des man burd Tugendhaftigkeit allein erwirbt“ (I, 1). Allein er folgt nur zu gern dem Rate feines Dienerd Tranio, welder zu feinem Herrn fagt (I, 1): IH dent’ in allem völlig wie ihr felbft, Froh, bak ihr fo bei eurem Borfat bleibt, Der fühen Weisheit (philosophy) Süfigteit zu faugen. Nur, lieber Herr, indem wir fo bewundern Die Tugend und Moralphilofopbie (moral discipline), Laft uns nit Stoiter nod) Stöde fein, So fromm vertieft in Ariftoteles, Daß wir Ovid befdwören al8 verrudt. Lucentio läßt fid died gejagt fein und benugt die Philofophie, deren Studium ihn nicht weiter fümmert, um fid bei der geliebten Bianka alg Bewerber einzuführen (III, 1). Der leibenidaftlide Romeo wil fogar „bie Philofophie gehängt wijfen (III, 3), wenn fie nidt eine Julia fdaffen, den Urteilsfprud eines Fürjten aufheben, cine Stadt verpflanzen fann.“ Einige von tiefem Schmerze Ieidenfhaftlid erregte Perfonen fennen zwar bie Lehren der Stoa von der Gleidaültigteit gegen ben Schmerz, aber fie weifen in ihrem Leiden die Mahnungen der ftoifen Philofophie ungeftüm ab. Leonato in „Viel Lärm um Nichts“, der feinen Schmerz über feine Tochter nicht bemeiftern will, halt den Mahnmworten feines Bruders die Überzeugung entgegen (V, 1): Nod keinen Philofophen hat's gegeben, Der Zabnioeh mit Gebuld ertragen fonnte, Wie febr fie aud ben Stil von Göttern fdrieben Und riimpften: Pfui! zu jebem Erdenleid.2 Leonatus ift daher aud) der realen Meinung (V, 1): 1) Zur Erläuterung führt Warburton Stellen aus Seneca an: Sapiens ille plenus est gaudio, hilaris et placidus, inconcussus, cum dis ex pari vivit. Epist. 59. Jupiter quo antecedit virum bonum? diutius bonus est. Sapiens nihilo se minoris aestimat. — Deus non vincit sapientem felicitate. Epist. 73. — Der Unfidht bes Leonatus entfpridt eine Gbnlihe Cicero8 Tuscul. Disp. 2 § 12: Quotusquisque philosophorum invenitar, qui sit ita moratus, ita animo ac vita constitutus, ut ratio postulat? qui disciplinam suam non ostentationem scientiac, sed legem vitae putet? qui obtemperet ipse sibi et decretis suis pareat?

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Die Menfden Sie wiffen Rat und Troft für Kummer, ben Sie felbft nicht fühlen; aber trifft er fie, Dann wird der Rat zu Thränen, ber zuvor Dem Gram Arznei verfchreiben, Raferei Mit einem feibnen Faden feffeln wollte, Hergweh mit Luft und Dual mit Worten ftillen. Nein, nein, e8 prebigt jeder gern Geduld, Wenn andre unter Kummerlaft fih winden; Dod leines Menden Kraft ift ftark genug So weife fortzupred'gen (to be so moral), wenn er felbft Das Gleiche dulden mug. Eine ähnlihe Anfdauung hatte Brabantio in dem bitterften Schmerze, als er feine Tochter burd ihre Vermablung mit Othello für fid verloren gab. Der Herzog Halt ibm Gedanken zum Trofte vor, die an Die Lehren der ftoifden Philofophen erinnern; nad ihrer Darftellung, wie wir bei Cicero (Tusc. disput. 2 § 64) lefen, it die Erhabenheit der Seele, melde vorzüglid in der Verachtung und Geringfdätung der Schmerzen bervorragt, unter allem bei meitem das Schönfte. Der ftoifde Philofoph wird nad Cicero (Tusc. 4 837) aud die Seelenleiden für nichts achten: „wer burd Mäßigung und Beftändigfeit in feinem Innern ruhig und mit fid felbft verföhnt ift, fo daß er fih weber durch Betrübnis aufzehrt, noch burd Furdt fid entmutigen läßt, nod ledzend etwas erftrebend vor Verlangen brennt, nod in nidtiger Fröhlichkeit ausgelaffen dahinfchwindet, der ift der Weife, der Glüdfelige, bem nichts von den menidliden Dine gen entweder unerträglich fdeinen fann, um den Mut finfen zu laffen, ober allzuerfreulih, um die Seele übermütig werden zu laffen.” Einen folden Weifen befreit die Tapferkeit von Kummer nnd Furdt, entfernt die Befonnenheit von der Leidenschaft (Tusc. 5 § 42). Solche ftoifche Atararie empfiehlt der Herzog (im Othello) dem Brabantio für feine tiefen Seelenfchmerzen (I, 3): Wo nichts mehr hilft, tann aud ber Gram nichts niüten, Das Schlimmfte bricht ber Hoffnung lebte Stiigen. Ein Ubel zu betrauern, bas vergangen, Macht leicht zu neuem Übel uns gelangen. Verliert man, was man nicht zu halten wußte, Madht die Geduld ein Nichts aus bem Verlufte.

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Beim Raube Ladeln heift bem Diebe nehmen, Dok felbft beraubt man fih duch nuglos Grämen. Aber Brabantio in feinem Kummer weiß mit diefer Lehre nichts anzufangen; ihm bricht vielmehr die Vermählung Desbemonas mit Othello bas Herz und er ermibert: So mögt ihr Cypern benn bem Türken gönnen, ’8 ift tein Berluft, fo lang wir lädeln finnen. Ein weifer Spruch (apt fid gar leicht ertragen, Bringt er bem Träger Croft nur und Behagen; Doh wer, um Gram zu zahlen, erft muß borgen - Bei ber Gebulb, trägt beides: Sprud und Sorgen. Gentengen fönnen Troft und Schmerz bereiten, Sind boppelfinnig, ftark auf beiden Seiten; Dod Wort bleibt Wort, nod nie hab’ id gefunden, Dak trante Herzen burd bas Obr gefunden. (Fe. Bodenftedts Über.) Aud der König von Frantreid (Ende gut, Alles gut II, 3) halt bem leidenfdaftliden Bertram Anfidten über Tugend und Be: fdaffenheit des Standesunterfdieds vor, die an ftoifde Lehren bei Seneca erinnern, ohne daß wir fagen wollen, fie wären entlehnt. Diefe Anfichten, welde der Tugend vor bem Stande ben Borzug geben, gewinnen ihre Bedeutung, daß fie aus bem Munde ded Königs fommen, der die Helena, des armen Arztes Tochter, mit dem widerwillig ablehnenden Bertram Grafen von Rouffilon vermäblen will: Seltfam ift’8, daß unfer Blut, — Bermifhte man’s, — an Farbe, Wärme, Schwere Den Unterfhied verneint und bod fo mächtig Si trennt burd Vorurteil. Mt jene (Helena) wirklid Bon meiner Tugend und verfhmähft bu nur Des armen Arztes Kind, — fo [hmähft bu Tugend Um eines Namens willen. Das fei fern! Wo Tugend wohnt und war's am niedern Herb, Wirb ihre Heimat burd die That verklärt.! find. 1) Man beachte die weiteren Worte des Königs, die auf p. 423 angeführt Bgl. Seneca an Lucilius, epist. 44: Si quid est ‘alind in philosophia boni, hoc est, quod stemma non inspieit. — — Bona mens omnibus patet, omnes ad hoc sumus nobiles. — — Quis est generosus? ad virtutem bene a natura compositus. — — Non facit nobilem atrium

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Aber die ftoifden Lehren des Königs maden auf ben leiden: fdhaftliden und leidtfinnigen Bertram feinen Eindrud. Die leiden: fdaftlide und verzweifelnde Konftanze (in König Johann II, 4) wünfdt fogar von der Bhilofophie gerade das Gegenteil von bem zu erhalten, mas biefe zu leiften verfpridt; fie wünidt ben Wahnfinn; ,prebige Philofophie”, ruft fie dem Kardinal Bandulpho zu, „um mid tol zu maden; und bu follft Heiliger werden, Kardinal.“ Eine andere Klafje von Perfonen, welde bei Shatefpeare von der Pbhilofophie reden, befteht in denjenigen, welde unfreiwillig oder freiwillig zu ihr ein parodifches Verhältnis haben. In unfreimilliger Meife parodiert der Schäfer Corinnus in „Wie es euch gefällt“ (II, 2): auf die Frage Probfteins, ob er etwas von Philofophie in fid habe, antwortet er: „Nicht mehr als daß id weiß, je Fränter einer ift, befto fdlimmer ift ihm zu Mute; und mem Geld, Kräfte und Zufriedenheit abgebn, bem fehlen drei gute Freunde; daß 3 die Eigenschaft des Regens ijt nap zu maden, und bed Feuers zu brennen; daß gute Weide fette Schafe giebt, und daß die Haupturfade ber Nacht die Abwefenheit der Sonne ift; daß einer, der weder von Natur nod durd Kunft Verstand befommen, fid über feine Erziehung befdweren darf oder von fehr dummen Eltern abftanımt.” Unfreiwillig parodiert aud) wohl der Pfarrer Evans (Luftige Weiber von Windfor I, 1) die „Philofophen, welde dafür Halten und fagen, daß die Lippen Artikel des Mundes feien.” Aber in bemußter Weife parobiert Probftein felbft: „wenn der Heidnifde Philofoph“, meint der Nart (V, 1), „Luft hatte eine Traube zu effen, pflegte er feine Lippen zu öffnen, indem er fie in ben Mund ftedte und deutete damit an, Trauben feien zum Effen gemadt und Lippen zum Aufthun.” Die Bemweisführung, mit welder Probftein bem Schäfer Corinnus barlegt, daß derjelbe verdammt fei, weil er nie am Hofe gewefen fei (III, 2), it als eine „töftlide Verhöhnung der SchulLogit“ bezeichnet morben.1 Die Lehre des Pythagoras von der plenum fumosis imaginibus. Nemo in nostram gloriam vixit nec quod ante nos fuit nostrum est. Animus facit nobilem, cui ex quacumque condicione supra fortunam licet surgere. 1) Bon €. Hebler, Shatefpeare und die Philofophie; Mufjâte über Shatefpeare, Bern 1874, p. 291. Henfe, Shatefpeare.

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Geelenwanderung ift ebenfalls die Bielfdeibe des fpottenden Mikes für einige humoriftifde Berfünlidieiten Shakefpeared. Dieje Lehre von der Seelenwanberung ift aud für andere Dichter ein Thema parobifder Darftellung gemefen. Schon Horaz hatte offenbar die Seelenwanberung im Ginne, wenn er fcherzend die Bohne die Verwandte des Pythagoras nannte (Serm. 2, 6, 59— 64). Jn dem Drama bes Lope de Veja „Der neue Pythagoras” wird ein Doktor Cornagoras verfpottet. „Sein Hirn“, jagt Myfon von ibm, „it von dem unfinnigen Glauben der Seelenwanderung eingenommen. Er behauptet, er fet einft Priamus, Cäfar, Tamerlan, Wlegander und weif der Himmel was fonft nod gewefen; mit biefen Sbeeen hat er der Donna Beatrig den Kopf verdreht; er fagt, in ihrem Körper wohne die Seele der Helena, und fie glaubt e8, bloß weil er e8 jagt.“ Beatrig behauptet: „Nachdem id als Helena gelebt hatte, irrte id eine Zeit lang ohne beftimmten Aufenthalt umber, dann ward id eine Maus und vermählte mid mit einer Ratte.“ 1 Diefe perfiflierenden BVorftellungen werden meiter fortgefegt. Die Ratte wird aud von Rofalinde in „Wie e8 euch gefällt” erwähnt; „id bin nie mehr“, fagt die Humoriftin zu Celia (II, 2), fo angefungen worden feit Pythagoras Zeiten, ala id eine irlänbijde Ratte war, woran id mid faum nod erinnern fann.” Ausgiebiger hat der Narr in „Was ihr wollt“ die Lehre von der Seer lenwanderung verfpottet. Er craminiert als Pfarrer verfleidet den Malvolio (IV, 2). Diefer antwortet richtig auf die Frage des Narven, welded die Anficht des Pythagoras in Betreff wilden Gefliigels fet, und verwirft, „von der Seele würdig benfend“, die Anfidt des Philofophen. Aber ber Narr bat ihn zum beften mit der Kuper rung (IV, 2): „Bleib in der Finfternis; bu follft did zu bes Pythagoras Anfidt befennen, ehe id bid für gefund erfläre, und did) fdeuen eine Waldfdnepfe umzubringen, aus Furdt die Seele deiner Großmutter auszutreiben.” Aus ben ernften und wigigen Äußerungen, melde über Philofopbie oder Unfidten von Philofophen von den erwähnten Perfo1) Bgl. A. F. von Shad, Gefdidhte ber dramatifden Litteratur und Sunft in Spanien, 2 p. 342 fg.

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nen in Shatefpeare8 Dramen gemacht werben, ift gefdloffen worden, daß Sbhatefpeare Feine befreundete Stellung zur Philofophie gehabt babe. Auch ift es richtig, daß die Metaphyfif ibm fern lag und daß er fein fuftematifcher Philofoph war. Dagegen wurde fein Denken von der Moralphilofophie tief angezogen; feine Neigung, bie Gegenftände gedantentief zu erfaflen und biefelben von verfchiedenen Seiten zu betrachten, madte ibn für die philofophijden Nee flegionen anderer empfänglich und er wich ihnen nicht aus, wo fie ihm begegneten. So find denn Äußerungen, wie fie im Hamlet vorfommen, von B. Tidifdmit auf ben Pbhilofophen Giordano Bruno surüdgefübrt worden, melder während der Jahre von 1583 bis 1586 in London lebte, wohin Shatefpeare im %. 1583 fam. Unter den Sägen, melde Hamlet ausfpridt, it auch der berühmte (II, 2): „An fih it fein Ding weder gut nod fdlimm, bas Denken madt es erft dazu.” Es ift gut zur Beurteilung biejes Ausfpruds fic) der Worte zu erinnern, welde Giordano Bruno brauchte: „Abfolut genommen ift nichts unvollfommen oder ein Übel; nur in Bezug auf ein anderes erfdeint e3 fo, und was bem einen ein Übel, das ift dem andern gut.“ Und eine andere Stelle lau tet: „Kein Ding ift fo fdlimm, daß e8 nicht zum Nuten und Bors teil bes Guten ausfdliige und fein Ding fo gut und wertvoll, daß es den Böfen nicht Urfade und Stoff zu Argernis werden tönnte.“* Diefe Sage erinnern aber aud an die Lehre ber Stoifer, nad welder „als ein Gut nur das abfolut Gute oder die Tugend zu betrachten it, als ein’ Übel nur das abfolute Tibel, die Shledtigteit; alle anderen Dinge Dagegen, wie eingreifend ihr Einfluß auf unfern Zuftand aud fein mag, gehören weber zu ben Gütern nod zu den Übeln, fondern zu dem Gleidgültigen, ben Adiaphora: weber Gefundbeit, nod Reidtum, nod Ehre, nod bas Leben felbft ift ein Gut, ebenfowenig find aber aud die entgegengefegten Zuftände, Armut, Schmerzen, Krankheit, Shmah, Tod ein Übel; fondern biefe wie jene find an fid gleidgültige Dinge, ein Stoff, der gleich 1) Bgl. hierüber ©. Rümelin, Shatefpeareftudien p. 207. 2) B. Tihifhwig, Shalefpeare- Forfdungen, Halle 1868, 1 p. 65.

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fehr zum Guten, wie zum Sdledten benut werden fann.“1 Aud in den Gebanfen, welde Bei Shatefpeare über bas Verhältnis des Guten und Böfen, der Liebe und des Haffes, der Selbftfenntnis vorfommen, find von W. König Anklange an die Pbhilofophie Bruno8 gefunden worden und in der Neigung des Dichters die Gegen: ftände und Perfonen von verfdiedenen Seiten zu betradten, findet W. König? eine Berwandtidaft Shafefpeares mit Bruno. Das ntereffe Shatefpeares für moralphilofophifde Betrachtungen führte ihn aud zu Midael be Montaigne, und Pbhilarethe Chasles* bemerft, daß burd die Befdäftigung CShakefpeares mit bem franzöfifchen Effayiften eine neue Gebantenerziehung in ihm feit 1603 eingetreten fet. Giderer ift, daß Shafefpeare von ben moralphilofophifchen Lehren der Stoifer angezogen wurde. Wie fehr aud die leidenfchaftlien Perfonen bei Shatefpeare die Tröftungen der Philofophie abweifen, befonnene huldigen einer Gefinnung, welde mit den Lehren der ftoifden Philofophie in Einklang “if. So Horatio, wie ihn fein Freund Hamlet fdilbert. „Er ift arm und bat feine Rente al feinen muntern Geift, um fid zu nähren und zu fleiben; aber 1) €. Zeller, Die Philofophie der Griechen, Leipzig 1880, III, 1 p. 215. Hnlide Gedanken finden fi bei Montaigne: „ES wäre ein großer Troft für die Menfden, wenn man ben Sat der Stoifer, bak die Menfden nur von ben Einbilbungen über die Dinge, nicht von ben Dingen felbft leiden, zur Evidenz bringen Lönnte. Wären e8 wirklich die Dinge, welde ben Menfchen affigieven, fo müßten fie auf alle Menfhen gleihmäßig cinwirten, denn bie Organe berfelben find qualitativ nicht verfchieden; und bod weiß jeder, wie unendlich verfdieden bie Meinungen find. Was man wünjdt, was man entbebrt, liegt nur in ber Meinung unb davon hängt Sufriebenbeit und Mißftimmung ab. Nicht ber ift zufrieden, von bem man e8 glaubt, fonbern ber es von fic glaubt; bier ift bas Glauben Wefen und Wahrheit. Das Gliid thut ung weder Gutes noch BIfes; es giebt uns ben Stoff; wie wir ben formen, ift unfere Gade. €8 bängt von uns ab, ob unfere Ginbilbungen ein anmutiges Spielzeug ober eine Dual werben follen.“ I. Schmidt, Gedichte der Romantif im Zeitalter ber Reformation und Revolution, Leipzig 1848, 1 p. 349 fg. 2) Shakefpeare und Giordano Bruno, Jahrbuch der bentfdhen Shatefpeare= Gefellidaft, Weimar 1876, 11 p. 115— 116, 3) Études sur W. Shakespeare, Marie Stuart et l’Aretin, Paris 1851,

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er war, als litt er nidts, indem er alles litt; ein Mann, der Stop’ und Gaben vom Gefdid mit gleidem Dank genommen“ (II, 2). Diefer ftoifche Gleihmut, die Mahnungen, die Leibenfdaft in Liebe und Haß (vgl. Norfolf in Geinrid VIII. I, 1) zu zügeln bas Lob der Mäßigung finden fid aud in der pythagoreifden Philofophie. Die Art, wie Gratiano im Kaufmann von Venedig von der Seelenwanderungalehre des Pythagoras fpridt, ift feine Verfpottung, vielmehr ein Symbol, burd meldes er die graufame Gefinnung Shylods Tennzeichnet, den er anrebet (IV, 1): Du madft mid irre faft in meinem Glauben, Daß ich e8 halte mit Pythagoras, Wie Tieresfeelen in bie Leiber fich Bon Menfden fteden; einen Wolf regierte Dein bünb'ider Geift, der, aufgehängt für Mord, Die grimme Seele weg vom Galgen rif, Und weil du lagft in deiner fdndden Deutter, In di bineinfubr: benn dein ganz Begehren Sft wölfifd, blutig, räuberifé und bungrig. Der Dichter faßt hier die bezeichnete Lehre von ber moralischen Seite auf; aber aud eine andere Anjdauung des Pythagoras bat er in bemfelben Drama moralifd verwertet; fie betrifft die Harmonie der Sphären. Den Sag, den Pythagoras ausgefproden batte: „Alles ift Zahl”, hatte er zu bem Gebanten ermeitert: „Alles ift Zahl und Harmonie.” Pythagoras oder die Pythagoreer hatten aud die Meinung, „dap die Weltförper in ihrem Umfdwunge um das Centralfeuer tönten, daß fie eine Harmonie beroorbrädten.“! Diefe Lehre des Pythagoras ijt von bem Zeitalter der Renaiffance mit Liebe bargeftellt ober benugt worden. Unter den Fresken, welde Raphael im Auftrage Papft Julius IL während ber Jahre 1509 bis 1511 malte, befindet fid die „Schule von Athen.“ Im Borbergrunde biefes Bildes ijt die Geftalt des Pythagoras fichtbar; „die vor ibm aufgeftellte Tafel ijt die Darftellung der pythagoreihen Zablen- und Harmonielehre, die Darftelung der pythagorei1) Bgl. M. Dunder, Gefdhidte des Altertums, Berlin 1857, 4 p. 563. €. Zeller, Die Philofophie der Grieden 2c., Leipzig 1876, 1 p. 400.

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{den Grundidee, daß bas AU Zahl und Harmonie ift.“1 Bon der Spharenmufif hatte Dante bereits im Parabiefe (I, 74 fg.) gefungen. Die Yoee der Spharenmufif hatte Montaigne (Essays I, 32) zu einem Vergleiche benugt, um den Sag zu erläutern, baf bie Oemobnbeit unfere Sinne abftumpfe. Shateipeare bat biefe pythagoreijde Ybee öfter aud) zum Bilde gebraucht; nad Hortenfio (Zähurung der Widerfpenftigen III, 1) it Bianca ber ,Himmelsharmonie Befdiigerin* (the patroness of heavenly harmony); „wenn er“, fagt ber Herzog in „Wie e8 euch gefällt“ II, 7 von Jaques, „ganz Mißlaut, mufifalifd wird, fo giebts bald Diffonangen in ben Sphären.” In „Was ihr wollt“ (11,1) wil Olivia ein Gefud von Cäfario (Viola) lieber hören als die Mufif der Sphären. Als Perikles, Fürft von Tyrus (V, 1) feine Tochter Marina wiedergefunden bat, glaubt er entzüdt bie Dtufif ber Sphären zu hören. Für Kleopatra war das Wort des Antonius (V, 2) Harmonie wie aller Sphären Klang. Am fchönften hat von ber Sphärenmufit Lorenzo im „Kaufmann von Venedig“ (V, 1) gefproden: Sieh, wie die Himmelsflur Hr eingelegt mit Scheiben lichten Golbes! And nicht der Meinfte Kreis, ben bu dort fichft, Der nist im Schwunge wie ein Engel fingt Zum Chor ber Hellgenugten Cherubim. Solde Harmonie ift in unfterbliden Seelen (Such harmony is in immortal souls), Dod weil dies fémut’ge Erblleid des Berfalls Sie grob umbilllt, vernehmen wir fie nicht.* 1) Bgl. H. Hettner, Stalienifhe Studien, Braunfdweig 1879, p. 198. 2) Die Schönheit biefer Stelle bat auf andere Dichter tiefen Einbrud gemadt, 3. B. auf Milton, welder fid) mit ber Ipee ber Sphärenmufil vielfach befchäftigte; „er verbreitet fid ausführlich darüber in bem Gebidte At a Solemn Music und in ber lateinifden Abhandlung De Sphaerarum Concentu ;* aus ber Maste Miltons ,, Arcades“ teilt RK. Elze in ber treffliden Abhand= lung über Milton (Bahrbud ber beutfden Shakefpeare- Gefellfdaft, Weimar 1877, 12 p. 94) eme Stelle mit. Bgl. Goethes „Fauf“, Prolog im Himmel: Die Sonne tönt in alter Weife Jn Bruberfphären Wettgefang. Bgl. aud €. Mörite, Gebidte, Stuttgart und Tübingen 1838, p. 69.

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Wenn Shatefpeare zur Didtung diefer Worte, wie À. Elze bemertt,! burd Montaigne (I, 22) angeregt wurde, fo wird burd die Bers gleidung beider die Tiefe in Shakefpeares Worten recht erfidtlid. Montaigne fpridt von der Spharenmufif nur mit der Bemerkung, daß das Gehör der Gefdöpfe bdiefeB Crdbodens durch die ununterbrodjene Dauer jenes Rlanges, fowie die Agypter von den Ratarakten des Nil, betäubt find und ibn nicht vernehmen, wie tart er aud fei. Für Shatefpeare wird die Harmonie, melde durch die Bewegung der Himmelsförper erzeugt wird, zum ethifden Bilde der geiftigen Harmonie, welde in unfterbliden Seelen wohnt. Diefe Harmonie wird eine fittlide Forderung. Nad der pythagoreiiden Lehre ift e8 die ethijde Aufgabe bed Menfden „die Gegen: fage in feinem mern zu überwinden und zur innern Harmonie zu gelangen.“ Diefe Forderung befriedigt im „Kaufmann von Venedig“ Portia. hr Wefen ift die Harmonie der Seelenträfte. Sie hat zu derjelben fih gebildet und ihr Thun im Drama giebt Zeugnis, daß fie bie Harmonie burd Arbeit an fic) felbft zu erreichen fudt. Sie bat eine tiefe Neigung fdon bei Lebzeiten ihres Vater zu Baffanio gefaßt; jedoch it fie burd bas Teftament ihres Waters in der frei heit ihrer Wahl befdräntt. Aber fie überwindet bie Anwandlungen des Unmuts, welden fie über diefe Sdranke empfindet, und „follte fie fo alt werben wie Sibylla, fo will fie dod fo feufd fterben wie Diana, wenn fie nicht bem lester Willen ihres Vaters gemäß erwors ben wird“ (I, 2). Ihre Empfindung für Baffanio tritt bei feiner Anwesenheit in Belmont ftarf hervor; aber fie weiß diefelbe in ben Schranken der Mäßigung zu erhalten. Als Baffanios Wahl bas glüdverheißende Käftchen getroffen bat, ift Portias Empfindung bis zu leidenfdhaftlidem Entzüden gefteigert, aber fie ruft fih felbft zur Mafigung zurüd (III, 2): Wie jede Regung fort die Lüfte tragen! MS irre Zweifel, ungeftiim Berzagen, Und bange Schau’r und blaffe Shübternbeit. 1) Sabrbud ber beutfden Shalefpeare= Gefellihaft, Weimar 1872, 7

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D Liebe, mäß’ge dich in deiner Seligteit; Halt ein, laß beine Freuden fanfter regnen; 3u ftart fühl’ id, bu mußt mid minder fegnen, Damit id nicht vergeb’. Mit Portias tiefer Empfindung it ein Heller, flarer Berftand in der innigften Verbindung. Gie ift eine Fritiihe Beobadterin menfdlider Verhaltniffe und Charaktere und ihre fdarfe Unterfceidungsgabe, verbunden mit ber Freiheit des Gemüts, erhebt fih in das Gebiet des Wites und Humors. Sie bemeift diefe Eigenfchaften in der Schilderung eines jungen und eitlen Geden (III, 4) und in ber Charakteriftif ihrer Freier (I, 2), in melder fie das Übermaß ftirnrungelnden Ernftes ebenfo fehr tabelt als die flache Beweglidfeit und Beränderlidteit der Gefinnung. Ihr Elaver Berftand verlangt die benfenbe Betradtung fittlider Verhaltniffe. Sie wird nidt vom Vorurteil beberridt; fie weiß, daß erft „die Beziehung ben Wert der Dinge madt und vieles erft burd feine Zeit gezeitigt wird zu redter Schägung und Bollfommenheit“ (V, 1). Portias mäßige Beurteilung der Berhältnifje ijt fid der Shwadbeit bes menjchlihen Willens und der Stärke der Leidenfdaft bewußt: „Wäre Thun fo leicht“, jagt fie zu Neriffa, „als Wiffen mas gut zu thun ijt, fo wären Kapellen Kirchen geworben und armer Leute Hütten Fürftenpaläfte. Der ift ein guter Prediger, der feine eignen Ermahnungen befolgt: — id fann leichter zwanzig lehren, wad gut zu thun ift, als einer von ben zwanzigen fein und meine eignen Lehren befolgen. Das Gehirn fann Gefege für bas Blut ausfinnen; aber eine higige Natur fpringt über eine falte Boridrift binweg. Gold ein Hafe ift Tollheit, der junge Menfd, daß er binweghüpft über bas Ne des Krüppel3 guter Rat“ (I, 2). Wir fehen bemnad, daß in Portias Charakter die Tiefe der Empfindung und die Kraft des refleftierenden Denkens in gleichem Maße thatig find; in den hödften Momenten des Lebens, in widtigen Entideibungen wirken diefe Kräfte in voller Einheit und Harmonie. Qn ber ridterliden Stellung, welde Portia in dem Bro: zefle des Kaufmanns und Shylods einnimmt, entfaltet fih ihr Gemüt und ibe Denken nicht in getrennter, fondern in einbeitvoller Thätigfeit. Ein Blid auf die Dame von Belmont, welde in der

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von Shatefpeare benugten Novelle des Giovanni Fiorentino auftritt, läßt Portias Seelenharmonie burd bas Gegenteil recht erkennen. Jene ijt habgierig und in ber Behandlung ihrer Freier argliftig und trügerijd. Sie fdeint die Rettung Anfaldos, deffen Rolle bei Shafefpeare Antonio fpielt, fait mehr aus Luft an Abenteuern als aus tieferer Neigung zu betreiben.! Bei der Entideibung, dab Shylod vom Kaufmann das Pfund Fleifd) nehmen, aber fein Blut vers gießen dürfe, ijt mehr ihr Scharffinn als der Zug tiefen Mitgefühls thätig. In Portia dagegen find bei bem BProzefje des Shylod alle Geelenfräfte in Barmonifdem Gleichgewicht. Die Liebe zu BVaffanio, das lebbaftefte Gefühl für die Freundfhaft Antonios und Bafjanios treibt Portia an fid an bem gefahrdrohenden Handel zu beteiligen. Ihren Empfindungen bat fie Entfagung auferlegt; an ihrem Hodzeitätage beftimmt fie den eben angetrauten Baffanio fofort zur Net» tung Antonios abzureifen. Sie hat fid zur Freiheit bed Gemüts erhoben und bieje Freiheit giebt ihr die Befonnenheit und Überlegenheit des Geiftes. Es fann auffallen, daß feiner der Freunde Antos nios, nidt Baffanio, nicht Gratiano, daß ferner fein Mitglied des Gerichtshofs, daß nur Portia den Gedanken hat, daß fein Blut vergofjen werden dürfe; der Grund ift, daß in ben beteiligten Pers fonen mehr die Lebhaftigfeit des Mitgefühls, als die Freiheit des Gemüts Herrfht. Jm Befige derfelben ergreift Portias Bejonnenbeit bie zwedmäpigften Mittel, fudjt die Hilfe des gelehrten Doktor Bellavio, ihres Better, nad und empfängt burd ihn die nötige Bors bereitung zur Entídeibung des Redtafalls. Sie entfdeidet ibn durch den Scharffinn, der von den tiefften und reinften Gefühlen getragen it. Mit der Schönheit ihres Gemüt, mit der Tiefe der driftliden Gefinnung, in welder fid die Seelenharmonie vollendet, wendet fie fid an Shylod mit bem Bortrage über die Gnade (IV, 1). Sie begegnet einem feljenharten Widerfadher; ihr Gemüt befigt aber bie Freiheit durch weitere Gründe auf Shylod wirken zu wollen. Gie appelliert an die Empfindungen, die ihn beherrihen, und an bie, bie ibn beberriden follten: an feine Gelbliebe, Barmberzigteit, Menfdenliebe. Da alle ihre umfidtigen Borftellungen ohne Erfolg blei1) Bgl. Hebler, Der Kaufmann von Benebig, Bern 1854, p. 8.

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ben, veranlaßt fie ben Antonio felbft zu fpreden. Crit dann, als alle Mittel Shylod zur Milde zu bewegen, erihöpft find, fpridt Portia bie Entideibung aus, daß der Schein bie Bergiefsung des Blutes ausfchließe. Von diefer umfichtsnollen Behandlung ded Gegenftandes, welde aus Portias Gemütsfreiheit ftammt, it in der Novelle des Giovanni Fiorentino nichts zu finden. Dem Gleichgewicht der Geelenfrafte, bas wir in Portias Chaafter lieben und zu pythagoreifden Forderungen in Beziehung gebradt haben, nähert fic) am meiften Bafjanios Wefen und er wird dadurch des Glüdes würdig, bas ibm mit Portias Hand zuteil wird, Bafjanio ift ein werbender Charakter, ber zu Höherer und veinerer Gefinnung allmählich auffteigt. Er ift ein Stubierter und ein Soldat. Aber feine Bildung it zunädhit theoretifd. Sie fließt ben Leidtfinn bes Lebens nidt aus. „Er hat fid glänzender eingerichtet, ald feine fdwaden Mittel tragen fonnten“ (I, 1). & befennt, daß fein Leben „etwas zu verjchwenderifh“ mar. Er ift in Schulden geraten. Aber er hat fic) zufammengefaßt und jammert nit, daß „der große Zufchnitt ihm verkürzt ift“ (I, 1). Ge it burd Erfahrung und Einfiht in fein Inneres gedrängt worden und feine Bildung bat ihm den praftijden Erfolg gewonnen, daß er den Schein ded Lebens von dem wahren Weien und Werte zu unter: fdeiben verfteht. Seine Liebe zu Portia bewegt feine Seele tief und erregend; fo lange er nicht gewählt bat, „Iebt er auf ber Golter“, ift er voll von Mißtraun, „das ibn am Glüd ber Liebe zweifeln läßt” (III, 2). Aber die Bewegung und Unruhe feines Hergens überwältigt fein bejormenes Denken nidt. Cs ift gefraftigt burd gereifte Anfichten und Grundfage der Sittlichleit. Bor ben Käftden als Wäblender ftehend wird er nicht durd ben Glanz des Äußeren beftoden. Er hat e8 an fit felbft und im Leben überhaupt erfahren, wie viel Schein und Unwabrheit erborgter Cigenfdaften fid geltend maden, aber nur ben unklaren Bli täufhen. Gn feinen Betrachtungen vor ben Räftden fteht er auf der Höhe einer gleidmiitigen und fittliden Weltanfdauung und gewinnt durd das Gleidgemidt und die Harmonie der Seelenträfte ba’ erwünfchte Los. Diefes Gleichgewicht fest fih im Glüde fort; im Befige der Gand Portias it er ein Belenner der Wahrheit und trennt fid) von Portia,

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um bem bedrohten Freunde gu Hilfe zu eilen; die Stärke der Freundhaft ift mit der beglüdten Liebe im Gleidgemidt. Die Einheit von tiefer Empfindung, befonnenen Denkens, entjchlofjener Thatkraft ift in ben übrigen Freiern Portias nicht zu finden, welde von dem Dichter, wovon er nidts in der Novelle des Giovanni Fiorentino fand, um des Gegenfates willen aufgeftellt find und den Charakter des Bafjanio in hellered Licht fehen. Die Freier Marocco und Arragon werden treffend von Portia felbft charakterifiert (II, 9): O biefe weifen Narren, wenn fie wählen, Sind fie fo Mug durdh ihren Wi zu fehlen. Beide find einfeitige Charaktere; beide haben fid nicht zur Harmonie ber Geelentrafte und zum fittlid richtigen Urteil erhoben. Mar rocco hebt einfeitig die Nöte feines Blutes hervor, feinen fibnen Mut (II, 1). Über fein Berbienft ift er nicht im Zweifel; „Ber forgnië wegen feines Wertes zu hegen“ halt er „für Schändung feiner felbft“ (II, 7); er wandelt auf der Heerftraße derer, die von dem Golde angezogen werden; Daf bas Bild der Portia nidt von Gold umidlofen werde, hält er für einen fiindliden Gedanken. Einen höheren Standpunkt nimmt Arragon ein; „er will der Thorenmenge nicht angehören, die nad dem Scheine wählt“ (II, 9); er will nicht bei gemeinen Geiftern haufen, nod fid zum rohen Haufen ftellen. Er hält e8 mit bern Verbienft und macht über basfelbe richtige Bez merfungen: Niemand fémide Mit unverdienter Würbe ih! O daf Befigtum, Amt und Rang nie umrechtmäßig Enworben würden und daf reine Ehre Erfauft burd bas Verbienft bes Trägers würde! (Er. Bodenftedts Überf.) Die Klage über verfanntes oder unbelobntes Berdienft wird öfter bei Shatefpeare ausgefproden. 1 Aber derfelbe Dichter läft Hamlet fagen (II, 2): „Behandelt jeden Meniden nad Verdientt, und wer ift vor Schlägen fider?“ Inbem Arragon die Wahl „aufs 1) Bgl. Sonett 66. Hamlet II, 1; Troilus und Creffiba III, 3; Ende gut, Alles gut II, 3.

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Berdienft wagt“, das er fid felbft gufdreibt, ift er unbelümmert wie aud) Marocco um die Aufihrift des bleiernen Kaftdhens (II, 7): „Wer mid ermäblt, muß all fein Gut als Einfag wagen“, unfähig zur vollen Gingebung, in der Selbftgenügfamteit befangen. Das Gleichgewicht der Seelenkräfte, welde mir in Portias Charafter wahrgenommen haben, welded Baffanio in feiner Entwidelung annähernd erreichte, wird durch weitere Gegenfage für die Cinfidt geboben. Sie find in Gratiano und Antonio aufgeftellt. Nad den Vorjdriften des Pythagoras ,follte man im Umgange die Rube und Harmonie der Seele an den Tag legen. Man follte weber laden und auägelafjen fein, nod finfterem Wefen fid bingeben.“1 Diefe Vorfchriften der Mäßigung in der Heiterkeit und Luft überjchreitet Gratiano. „Laßt ben Narren mid fpielen“, ijt fein Belenntnis (I, 1), „mit Luft und Laden lapt die Rungeln Fom: men und lieber mir vom Wein die Leber glühn als bärmenbes Geftön das Herz mir fühlen.“ Gr wird von feinem befonnenen Freunde Bafjanio zurecht gewiefen (IL, 2): „Du bift zu wild, zu rauh, zu fed im Ton; drum nimm div Mübh und bämpfe mit ein paar fühlen Tropfen Sittfamteit ben flücht’gen Geift“ Aber die Verfpredungen, die er giebt (II, 2), enthalten nad Fnhalt und Form mehr Ironie und Satire als Ernft und guten Willen Dem Pythagoras wird der alte Sat zugejchrieben, „daß man feine Zunge beberriden und den Göttern folgen folle;" ? auch legte Pythagoras feinen Schülern ein mehrjähriges Schweigen auf. Aber eB it, als ob Gratiano, der ja aud über die pythagoreifde Seelenwanderungslehre fih äußert, bie geforberte Beberridung der Zunge verfpotten wolle. Gein Grundfag ift: „Schweigen ift nur zu empfehlen an gerauderten Zungen und jungfräuliden Seelen.“ Zu Lorenzo jagt er im Sinne biejer Empfehlung: „Leifte mir zwei Jahre nod Gefell: haft, fo fennft bu deiner Zunge Laut nicht mehr.” Er ift baber ftarf eingenommen gegen diejenigen, „bie man für Weije hält, weil fie nidts fagen“ (I, 1), und feiner Natur gemäß richtet er eine 1) M. Dunder, Gefdhidte de Altertums 4, p. 566. 2) Toons med tüv dÀlov xpdrer Jeoïs Exdcuevos. Göttling, Gefammelte Abhandlungen aus bem Haffifhen Altertume 1 p. 296 (32).

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Strafrede gegen folde, „bie ein eigenfinnig Sdmeigen halten”, da er ihnen die Abfidt zufchreibt, „fid in einen Schein zu fleiben von Meisbeit, Wiirdigkeit und tiefem Sinn.” Das Unmaß der Redfeligfeit Gratianos wird von dem gemäßigten Bafjanio verurteilt, der fid gegen Antonio äußert (I, 1): „Gratiano fpridt unendlid viel Nichts, mehr als irgend ein Menfd in ganz Venedig. Seine vernünftigen Gebanten find mie zwei Weizentörner in zwei Scheffeln Spreu verftedt; ihr fucht den ganzen Tag, bis ihr fie findet, und wenn ihr fie habt, fo verlohnen fie bas Suden nicht.“ Gratianos Gegenbild ift Antonio. Hat Gratiano ein Übermaf der Gemütsfretheit, fo leidet Antonio an einem Mangel berfelben. Er bezeichnet feinen Zuftand felbft. Gr fiebt in der Welt eine Bühne, wo jeder eine Rolle fpielt, und Antonio nennt die feine traurig, ohne zu wiflen warum. Ein Sprud des Pythagoras lautete, man folle bas Herz nicht effen,! d. i. fid von Kummer und Sorgen nidt übermannen laffen. Aber Antonio läßt fid bem ,weinenden Pbhilofophen” vergleichen, von weldem Portia iderzend fpridt (I, 2). Eein Mangel an Gemützfreiheit tritt aud in dem Übermape des Haffes gegen Shylod hervor, ben „er einen Bluthund fémäbt, auf deffen Gewand und Bart er fpeit (I, 3), den er auf bas äußerfte reizt und beffen Radfudt er fi bod mit gefabrooller Bebadtlofigteit ausfegt. Bafjanio wollte nicht, daß Antonio die von Shylod ver: langte Biirgfdaft leifte und ben bebentliden Schein unterzeidne. So hatte Pythagoras gemabnt „nicht leibtfinnig die Rechte zu geben“,? eine Mahnung, die mit dem belpbifhen Sprude: „Ber: bürge did), aber gleich ift bas Unglüd da”, eine Bermanbtidaft hat. Wie hod wir aud) der opferfähigen Freundfhaft des Antonio jene Bürgidaft anvednen, fo fdeint fie bod aud) in der trüben und ein» feitigen £ebensanjdauung, welde die Hare Überlegung einfdränit, erklärt werden zu fönnen. 1) Mn ê09terv xapdfay. Plutarch. de educatione 17, Bei Jamblichus: xagdlay un rodye. Göttling, Gefammelte Abhandlungen aus dem Maffifden Witertume 1 p. 305 (18). 2) Mn nav Jetièr dupdddeuv. — 'Eyyia, nage 8 dra. Göttling a. a. ©. p. 311 (35), p. 243,

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Aber den vollfommenften Gegenfak gegen die pythagoreifde Harmonie der Seele bildet Shylods Charatter. Er ift die Disharmonie. Die Begierde, welde in „Troilus und Creffiba“ (I, 3) ein allgemeiner Wolf genannt wird, madt Shylods Seele unrein, disharmonifd, mißgeftaltet; fie gleiht ben Seelen, welde Plato im Gorgias (p. 524 e) befdreibt, an benen nidts Gefundes ift, welde vielmehr zerfleijdt und voll von Narben infolge von Deineib und Ungeredtigleit finb.1 Shylods Leidenihaften find Haß und Radgier fomie hungrige Gewinnfudt. Er hat tiefe Kränfungen von Antonio erfahren; fein erflirbarer Haß fteigert fich zu feindfeligem Vernihtungsbrang burd die Gewinnfudt. Er haft Antonio, „weil er von ben Chriften ift, dod) mehr nod, weil er aus gemeiner Ginfalt umfonft Gelb ausleiht und in Venedig ben Preis der Zinfen herunterbringt” (I, 3). Bortias Seelenharmonie ijt auferbauend, Rettung gewabrend, Glüd gründend; Shylods Disharmonie ift fdäbigenb, nieberreifend, zerftörend für andere und für ibn felbft. Portias Seelenharmonie wählt im Glüde anderer und it Freundfhaft befeftigend; Shylods Disbarmonie nährt fid vom Schaden anderer und ift Sreunbidafts- und Familienbande zerftörend. Gein Verhältnis zu Tubal und zu feiner Tochter geben den Beweis, ohne daß wir Sefficas Handlungsweife verteidigen ober rechtfertigen wollen. Mortias Seelenharmonie it felbft fdon ein hohes Gut und Glüd und meiteres Glüd fi erfdaffend; Shylods Disbarmonie ift an fid fdhon ein Elend und meiteres Elend fid bewirfend; feine Disharmonie fann in der verwirrten Leidenfdaft, die Solanio (II, 8) fdilbert, den unfeligen Wunfd ausfprechen (IH, 2): „Ich wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die Jumelen in den Ohren! Wollte, fie lage eingefargt zu meinen Füßen und die Dufaten in ihrem Sarge!" Die Seelenharmonie verleiht Portia die Klarheit des Denkens, die unbeirrte Umfiht in der bebentliden Lage des Prozefles; die „verwirrte Leibenfdaft“ nimmt Shylod bas bebutjame Denfen und verblendet ihn zu einer verberblichen Sicherheit; er hält den von Antonio ausgeftellten Schein für fo unanfedtbar, ift fic) der Befriedigung feiner 1) Sat. Tacit. annal. 6, 12.

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Radfudt fo gewiß, daß er vor dem Geridtahofe den Mahnungen des Dogen mit Offenheit feine mirderifden Gefinnungen und WAbfidten entgegenjegt (IV, 1). „Aus eingefleiichtem Haß und Wiberwillen gegen Antonio“, wie er fagt, „verfolgt er fein Redt an dem felben.” Den Schein, der ihm fein Recht verbürgte, hatte er dem Antonio (I, 3) argliftig als einen bloßen Sderz (a merry bond) . bargeftellt und bemerkt, daß ein Pfund Menfdenfleifh, von einem Mann genommen, nicht fo fhigbar und nüflid fei als Fleifh von Schafen, Ochjen oder Ziegen; er batte nod einmal wiederholt, daß der Schein einen Scherzvertrag enthalten folle Gr batte alfo felbft an der Rechtmäßigkeit eines folden Scheines gegweifelt. Bor dem Geridtshofe verfteht er unter feinem Rechte die Vernichtung Antonios und fpridt feine Abfidten mit verblendeter Sicherheit aus (IV, 1): „Wer haft etwas und möcht’ e8 nicht vernidten? Was, fol did eine Schlange zweimal Steden?“ In feiner Sicherheit und Radbegierde ahnt er nicht, daß ihn feine unverhüllten Bernidtungsabfihten ber Verfolgung vonfeiten des Rechts ausfegen. Diefes muß Shylod erft burd Portia erfahren (IV, 1): EG fteht gefdrieben im Gejes Bencbigs: Wenn man e8 einem Fremden fann beiweifen, Dak er, auf g'radem ober Erummem Wege, Dem Leben eines Bürgers nadgeftellt, Sol die Partei, auf die er’8 abgefebn, Die Hälfte feiner Güter an fih ziehn; Die andre Hälfte fällt in ben Gemeinfhaß Des Staats, und bes Verbrecher Leben hängt Bloß von ber Gnade unfres Dogen ab, Mit Ausfhlug aller andren Stimmen. Nun, Behaupt’ id, bu bift hier in diefem Fall: Denn es erhellt aus offenbarem Borgang, Daf bu auf Frummem wie auf g'radem Wege Dem Leben des Bellagten nadgeftellt Und alfo jene Schulb auf dich geladen, Bon der ich eben fprad. Shylods leidenfdaftlide Rahfucht hat feinen Sinn in fittlider und intelleftueller Ginfidt verblendet und ibn zu maßlofer Hybris verleitet; zu einer inneren Harmonie zu gelangen hatte er ftet3 vers féumt.

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In Portias Charakter finden wir eine tiefe Begeifterung für die Freundfdaft. Lorenzo rühmt fie an ihr und nennt fie eine göttergleide. Die Freundfdaft erfuhr im Zeitalter der Renaiffance einen bedeutenden Kultus. Schon Petrarfa bat viele Bemerkungen über die Freundfdaft, die er mit Beifpielen aus dem flaffifden Altertum erläutert. Jn feiner Dichtung „Afrika“ ift der flaffifde Vertreter der Freundihaft Lalius; eine Verherrlihung der Freundfdaft ijt in die „Afrika“ eingelegt worden.’ Aud Lyly hat die Freundidaft (vgl. p. 101) hod gepriefen. Jm „Kaufmann von Venedig” ftimmt die Freundichaft Antonios und Baffanios mit ben pythagoreifden For: derungen überein. Dem Pythagoras wird der Spruch zugefchrieben: „Das Befigtum unter Freunden ijt gemeinfdaftlid und Freundihaft befteht in ber Gleichheit.“? Die Freunde Damon und Phintias, in der Gefdidte des Dionyfius durd ihre Treue berühmt, waren Pythagoreer.> Cin foldes Freundespaar it Antonio und Bafjanio. Antonios Freundfdaft für Baffanio ift aufopferungsfähig bis zum Tode: „Empfehlt mid eurem edlen Weib“, fagt er zu Baffanio (IV, 1), „erzählt ihr Den Hergang von Antonios Ende, fagt, Wie ich euch liebte, rübmt im Tobe mid; Und wenn ihr’8 auserzählt, heißt fie entfcheiben, Ob nit Vaffanio einft geliebt ift worden. Bereut nicht, daß ihr einen Freund verliert, Und er bereut nicht, daß er für eud zahlt.“ Daß Baffanio feinerfeits zu allen Opfern der Freundfdaft bereit ift und ihr wirkliche Opfer bringt, ift aus feinen Handlungen erfidtlid. Wie die Freundihaft von Pythagoras vom ethifden Gefidtspuntte aus betrachtet wurde, fo war ihm die Mufif ein Mittel zu fittlicher Bildung, zu der Erlangung innerer Harmonie. Des Morgens wandten die Pythagoreer die Mufit an, um die Energie ded Geiftes zu 1) Bal. ©. Boigt, Die Wiederbelebung des Haffifhen Altertums, Berlin 1880, 1 p. 114. 2) Korvà 1% pliov zaì pidta toórns. Bgl. €. W. Göttling, Gefammelte Abhandlungen aus dem Maffifden Altertume, Halle 1851, 1 p. 293. 3) Bel. Cie. Tuse. disp. 5 § 63.

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ftärfen, des Abends, um die Erregung zu befänftigen (Quintil. IX, .4, 12),* ober wie Cicero fagt (Tuscul. Disp. 4 § 3), fie pflegten ihren Sinn von der Anftrengung des Denkens burd Gefang und Saitenfpiel zur Ruhe zu führen. In einem ethifden Sinne fapt aud) Shafejpeare im „Kaufmann von Venedig” die Mufif auf. „Der Mann“, fagt Lorenzo (V, 1), „ber nidt Mufif in ihm felbft, ben micht die Eintracht füßer Töne rührt, taugt zu Verrat, zu Unbeil und zu Tüden; die Regung feines Sinne ift bumpf wie Nacht, fein Trachten büfter wie der Erebus.” Wenn Baflanio vor den Käfthen um zu wählen ftebt, fol Mufif ertönen (II, 2), offenbar damit die Rube der Betrachtung burd milde Töne geftärkt werbe (vgl. p. 465). 1) Val. Th. Berat, Griedhifche Litteraturgefchichte, Berlin 1883, 2 p. 434.