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neoner 1 STUDIEN ZU DEM ARIMASPENMOTIV
N >5
AUF TARENTINER SARKOPHAGEN
Ein charakteristisches Vermächtnis der Tarentiner Grabkunst des 4. Jahrhunderts
hat in den letzten Jahren mehrfach das erneute Interesse der Forschung gefunden.
Es handelt sich um Relieffiiguren aus einheimischem Ton mit feinem hellen Überzug,
der einer teilweise noch sehr gut erhaltenen Goldauflage diente. Lochbohrungen und
flache Rückseite der Arbeiten weisen auf Verzierung von Holzsarkophagen, wie sie
mit ähnlichen Appliken in griechischen Gräbern des Skythenlandes und in der
Nekropole von Alexandria gefunden worden sind!.
Die Zahl der bisher bekannt gewordenen Appliken, Einzelfiguren und Gruppen
ist im Vergleich zu anderen Fundgattungen aus Tarentiner Gräbern des 4. Jahrhunderts verhältnismäßig gering. Der größte Teil ist, aus dem ursprünglichen Fundzusammenhang gerissen, in Museen und Privatsammlungen gelangt. Gesicherte
Fundbeobachtungen in der Nekropole von Tarent liegen nur für einige Komplexe
vor, die aber recht aufschlußreich sıind?.
Sie geben zunächst ungefähre Auskunft darüber, wieviele Relieffiguren zu einem
Sarkophag gehört haben. Keinesfalls reichen die für eine Grabstätte gesicherten
Appliken aus, etwa ein zusammenhängendes Friesband um den großen Holzsarg
zu rekonstruieren, auch wenn die Länge der Einzelfiguren bis zu 13 cm, die der
Gruppen bis zu 24 cm betragen kann. Der Befund spricht für eine getrennte Anordnung auf den Schmal- und Langseiten. Die verhältnismäßig geringe Höhe der
Relieffiguren, die 8 cm nicht überschreitet, weist auf Befestigung an den niedrigen
Füllungen der Holzkästen. Diese aus dem Befund erschlossene Rekonstruktion
Vorliegende Studie ist das Ergebnis von Untersuchungen zur griechischen Gräberkunde Unteritaliens
und Siziliens, die im Auftrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft durchgeführt wurden. Ihr sei an
dieser Stelle für stete Hilfe ebenso gedankt wie der Wissenschaftlichen Gesellschaft Freiburg, die wiederholte Studienreisen ermöglicht hat. Vgl. Wiesner, Jdl. 74, 1959, 35 f.
I Vgl. zuletzt Lullies, AA. 1958, 143ff.; ders., Vergoldete Terrakotta-Appliken aus Tarent, RM.
Erg. H. VII; J. J. Bachofen, Gesammelte Werke VIl hrsg. von K. Meuli (1958) 304, 1; X. Schefold,
Meisterwerke griechischer Kunst” (1960) g93f. 266f. Nr. 354; L. von Matt—U, Zanotti-Bianco,
Großgriechenland (1961) Abb. 2421.
?2 Via Cesare Battisti 27. 2. und 8. 5. 34. Vgl. Bartoceini, NSc. 1936, 130f. 173f. — Via Nettuno
zwischen Via d’Alo Älfieri und Via Messapia 3. 2. 39. Vgl. Bernabö Brea, NSc. 1940, 453 ff.; Fuhrmann,
AA, 1941, 6781. — Via lcco, Contrada Tesoro, nahe Via Dante. Vgl. Neutsch, AA. 1956, 240#. Die Zugehörigkeit der vergoldeten Appliken zu reichen Gräbern betont Degrassi, AA. 1958, 158.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Abb.r. Arimasp im Kampf mit zweiGreifen. Vergoldetes Tonrelief von einem Tarentincr Folzsarkophag
findet ihre Stütze in ähnlich verzierten Holzsarkophagen aus griechischen Gräbern
des Skythenlandes und der Nekropole von Alexandria?,
Übertragen wir das Ergebnis aus gesicherten Fundbeobachtungen auf die Gesamtzahl der bisher bekannt gewordenen Tarentiner Sargappliken, so kommen wir auf
eine verhältnismäßig kleine Zahl derartiger Beisetzungen innerhalb der vielen gut
beobachteten Grabanlagen des 4. Jahrhunderts. Dazu fügt sich eine weitere Feststellung. Die im ursprünglichen Zusammenhang geborgenen Appliken gehören zu
reicher ausgestatteten Grabstätten. Die Vermutung liegt nahe, daß Holzsarkophage
dieser Art nur von einem kleinen Kreis der wohlhabenden Bürgerschaft von Tarent,
dem eine gewisse Vorrangstellung zukam, in Auftrag gegeben worden sind. Diese
Auffassung würde zu dem prächtigen Äußeren der Sarkophage passen, deren Goldfiguren sich wirkungsvoll vom Farbton der Sargwand abhoben. Sicher können wir
sagen, daß Stil und Ausführung der vergoldeten Appliken für eine Anfertigung in
einer einzigen, nur kurzfristig blühenden Werkstatt der Stadt während des dritten
Jahrhundertviertels sprechen?.
Auch rein topographisch scheint sich ein engerer Zusammenhang zwischen Beisetzungen dieser Art abzuzeichnen. Befinden sich doch die gesicherten Grabstätten
mit Sargappliken in einem recht begrenzten Bereich des ausgedehnten Gräbergebietes im 4. Jahrhundert®.
Unter den bisher bekannt gewordenen Relieffiguren beobachten wir die fast
stereotype Wiederholung eines charakteristischen Themenkreises. In häufigen Tier3 Vgl. C. Watzinger, Griechische Holzsarkophage aus der Zeit Alexanders des Großen (1905) 37f.
Nr. 13 Abb. 65f. Zur Rekonstruktion vgl. Lullies, AA. 1958, 1501.; ders., Terrakotta-Appliken 47ff,;
Schefold a. O. o3f.
1 Die von Lullies, AA. 1958, 149. angegebene Zeitspanne 330/20 erweitert Schefold a. O. 94 auf
350— 235. Hierzu Lullies, Terrakotta-Appliken 58.
® Für die Anm. 2 angegebenen Fundstellen vgl. den Stadtplan von Tarent bei Neutsch a. O. 199f.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)kampfgruppen mit zusammenbrechenden Pferden und Cerviden zeigt sich eine auffallende Vorliebe für Greifen, die wir auch an den Holzsarkophagen Südrußlands
begegnen. Typisch für Tarent sind jedoch die Gruppenkompositionen, die diese
mythischen Raubwesen in heftigem Angriff auf Männer in Abwehrstellung zeigen®.
(Abb. ı)
Die Greifenkämpfer sind in nordiranischer Tracht dargestellt, also im Bereich des
weiten Steppenraumes gedacht, der sich vom nordpontischen Skythenland ostwärts
bis zum Altai hinzieht. Wir pflegen sie als Arimaspen zu bezeichnen, als Vertreter
jenes sagenhaften Volkes, das nach skythischen und griechischen Vorstellungen in
der Nachbarschaft der goldhütenden Greife wohnte, jenseits der als nordöstliches
Grenzvolk überlieferten Issedonen im sibirischen Raum und damit in der Nähe der
mythischen Hyperboreer”.
Das Gebiet, in dem sich nach skythischer Kunde und griechischer Überlieferung
die Kämpfe zwischen Arimaspen und Greifen abspielen, liegt von Tarent denkbar
weit entfernt, an der Nordostgrenze der bekannten Welt. Schon zur Zeit des Hekataios von Milet im späten 6. Jahrhundert unterhielten Skythen und Griechen Verbindungen mit dem nordöstlichen Steppenraum. Wie rege die Beziehungen im 3.
Jahrhundert gewesen sind, lehrt Herodots Bericht über das Skythenland. Von der
wachsenden Bedeutung im 4. Jahrhundert zeugen Überlieferungen und archäologische Beobachtungen®.
So mag das Greifenmotiv auf den Holzsarkophagen des griechisch besiedelten
Skythenlandes durchaus verständlich sein. Auffallend jedoch erscheint die Vorliebe
für jene nordöstlichen Themen in der Grabkunst des vom Steppenraum weit entfernten Tarent, vor allem, wenn wir den konservativen Charakter der Grabausstattungen in der ausgedehnten Nekropole berücksichtigen. Die einheimische Anfertigung der fern nordöstlich orientierten Reliefmotive für die Gräber vornehmer
Tarentiner läßt daher ein besonderes Interesse an dem weit entfernten Themenkreis
innerhalb der höheren Gesellschaft der Stadt vermuten, die diese Motive auf ihren
Sarkophagen wünschte.
Diese Überlegungen lenken zunächst den Blick auf entsprechende Bildmotive auf
unteritalisch-rotfigurigen Gefäßen®, vor allem aber auf den sogenannten Kertscher
Vasen; wir stellen in der attischen Vasenmalerei des 4. Jahrhunderts eine besondere
Vorliebe für das Arimaspen- und Greifenthema fest, das in der älteren Vasenkunst
nicht behandelt ist und somit ebenfalls eine auffallende Neuerung bedeutet!?,
* Vgl. Lullies, AA, 1958, 1488.; ders., Terrakotta-Appliken 78f.; Degrassi a. O. 158 Abb. 1. Zum
Greifenmotiv vgl. J. D. P. Bolton, Aristeas of Proconnesos (1962) 85 ff.; Furtwängler in Roscher, ML. I
1770.
’ Vgl. Bolton a.O, z0ff. 74ff. rogff.,; Meuli, Hermes 70, 1935, 153ff.; J. Junge, Sakastudien {Klio
Beiheft gı N. F. 28, 1939) 14 ff. 35 ff.; RE. TI ı, 826f. s. v. Arimaspoi (Wernicke); ©. Gruppe, Griechische
Mythologie und Religionsgeschichte 1 (r906) 390 ff.
® Vgl. Bolton a. O. 24. 74 ff. 104ff.; Meulia. O. 121 ff.; Schefold, HdArch. 11 424 fl.; Vgl. unten Anm. 45.
® Vgl. Lullies, AA. 1958, 152f.; ders., Terrakotta-Appliken 831.
10 Vgl. Bolton a.0. 36f1.; K. Schefold, Untersuchungen zu den Kertscher Vasen (1934) 147 ff. 1521.;
Wrede, AM. 49, 1924, 212fl.; Stephani, CRATnscer. 1864, 83 fi.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Gefäße mit Darstellungen von Greifenkämpfern gehören nicht nur aus Motivgründen in unseren Zusammenhang, sondern vor allem auch wegen der Fundbeobachtungen, die besonders in den Gräbern des griechisch besiedelten Skythenlandes gemacht worden sind. Sie lassen eine enge Beziehung zwischen Bildthema und
Beisetzung erkennen. Sind doch Gefäße mit Greifenkämpfern vorwiegend im Inventar von Männergräbern nachgewiesen, während Szenen mit Arimaspen und
Frauen auf Vasen für weibliche Bestattungen begegnen. Der Befund entspricht den
Beobachtungen in der Nekropole von Tarent, wo die gesicherten Grabkomplexe mit
Greifenkämpfer-Appliken zu Männerbeisetzungen gehören. Die Auswahl der für die
Gräberwelt bestimmten Gefäße mit Bildszenen aus dem nordöstlichen Fernenland
erfolgte somit nach besonderen Gesichtspunkten und war keinesfalls dem Zufall
überlassen!!.
Die Darstellungen von Greifen und Arimaspen auf den attisch-rotfigurigen Vasen
des 4. Jahrhunderts zeigen im Vergleich zu den Tarentiner Relieffiguren größere Variationen, die auf eine vollere Ausschöpfung der Überlieferung weisen. Die Greifen, oft mit
weißem Leib und tongrundigen Flügeln dargestellt, befinden sich meist in heitigem
Ansprung auf ihre in Steppentracht gekleideten Gegner. Die Männer verteidigen sich
mit den charakteristischen Waffen der Steppenbewohner, mit Lanze und Schwert,
mit Streitaxt und Bogen. Der Abwehr dient wie auf den Tarentiner Appliken ein
kleiner, leichter Schild, die Pelta, die, zuerst bei thrakischen Stämmen bezeugt,
von Iphikrates im 4. Jahrhundert auch für griechische Krieger eingeführt wurde!?.
Die Greifengegner können als Wagenkämpfer mit Zweigespann in goldbesetzter
Schirrung erscheinen, öfters jedoch als Reiterkrieger. Die Bilder fügen sich somit zu
der Kunde, die auch für den Steppenraum den Wagenritter als Vorgänger des
Reiters bezeugt!?. Im Zusammenhang mit diesen Kampfszenen können Pferde
begegnen, die von Greifen geschlagen werden!*. Diese Motivverbindung hat ihre
Entsprechung in den Tierkampfgruppen der Tarentiner Sargreliefs, die zusammenbrechende Pferde unter jenen reißenden Raubwesen zeigen. Ein Gleiches gilt für das
Motiv des Greifenüberfalls auf Cerviden, für das sich besonders häufige Entsprechungen auch in der Bildwelt des nordöstlichen Raumes aufzeigen lassen».
Über die Tarentiner Greifenkampfszenen hinaus führen Darstellungen, auf denen
die Männer in Steppentracht als Greifenreiter erscheinen, sei es im Angriff auf einen
Doppelgreif, sei es beim Verfolgen von Mädchen, wie wir auf einer Reihe von Gefäßen
== 11 Vgl. Schefold a. ©. 150.
22 Vgl. Eur. Alc. 501. Bacch. 782. Rhes, öfters. Xen. Hell. IV 4, 16. 5, ı2. Zum Wirken des Iphikrates
im thrakischen Bereich vgl. Wiesner, Die Thraker (1962) ı311.
'" Vgl. Schefold a. 0. 133 Nr. 28ff. Zum Übergang vom Wagenkämpfer zum Reiterkrieger im eurasischen Raum vgl. Wiesner, Actes du IV® Congres Intern. des sciences anthropologiques et ethnologiques TI (Wien 1955) ggff.; ders., Gnomon 31T, 1959, 28g fl.
4 Vgl. Schefold a. ©. 153 Nr. 34ff.; Wrede a. O. 214.
3 Vgl. Wiesner, Gymnasium 62, 1955, 547 ff.; Bolton a. O. grf. Siehe unten S. 213.
Page 5
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)aus Frauengräbern feststellen können!®. Auch Eroten werden als Greifenreiter hinter
fliehenden Mädchen dargestellt: außerdem begegnen wir Apollon und Dionysos auf
dem Rücken der mythischen Tierwesen!”.
Diese Bildszenen veranschaulichen deutlich die Götternähe der Greifen, die sich
aus den Darstellungen der Greifenkämpfe nicht unmittelbar ablesen läßt. Eine besondere Ehrung der mythischen Raubtiere als höherer Wesen lassen in unserem
Themenkreis auch jene attischen Vasenbilder des 4. Jahrhunderts erkennen, die
Männer in Steppentracht beiderseits eines Greifen tanzend zeigen. Unbewehrt sind
sie in drehender Bewegung dem springenden Fabeltier zugewandt; den dem Greifen
zugekehrten Arm erhoben, schnellen sie mit den Fingern und bestimmen dadurch
einander den Rhythmus des Tanzes!®.
Eine engere Beziehung der Greifen zur Götterwelt lassen schließlich die zahlreichen Gefäße vermuten, die das Tiermotiv mit einem weiblichen Kopf verbinden.
Das Haupt erscheint neben ganzen Greifen und Greifenköpfen, oft zwischen Greifenund Pferdeprotomen. Die Darstellungen erinnern an das Motiv der aufsteigenden
Aphrodite, deren Haupt von Eroten oder Mänaden umtanzt wird?®.
Verglichen mit den Tarentiner Arimaspenmotiven auf Holzsarkophagen zeigen
die attisch-rotfigurigen Vasenbilder mit Greifen und Greifenkämpfern in nordiranischer Tracht sowie anderen zugeordneten Figuren reichere Motive, die auf einen
recht komplexen Charakter der zugrunde liegenden Vorstellungen deuten. Der
Befund deckt sich mit der uns überkommenen Überlieferung von den Arimaspen,
die nicht allein vom Greifenkampfmotiv bestimmt sind.
III
Als wichtigste Quelle für die Kunde von Arimaspen und Greifen galten den Griechen die » ’Apıpdorreia Eırm« des Aristeas von Prokonnesos, ein noch während der
letzten Kimmerierbewegungen des 7. Jahrhunderts verfaßtes episches Werk. Von
Hekataios und Herodot benutzt, blieb das Arimaspenepos des Aristeas bekannt und
berühmt bis in die römische Kaiserzeit, wie die Restzeugnisse der uns verlorenen
Quelle bekunden?®.
Der merkwürdige Mann aus dem griechisch-thrakischen Grenzgebiet war einst im
Hause eines Walkers wie tot zusammengebrochen und spurlos verschwunden.
Sieben Jahre später aber tauchte er wieder auf, nachdem er, von Phoibos erleuchtet,
bis zum Grenzvolk der Issedonen gezogen war und dort von den benachbarten
Arimaspen, den goldhütenden Greifen und den angrenzenden Hyperboreern erfahren
hatte. Nun verfaßte er sein Werk, um danach wieder zu verschwinden.
18 Vgl. Schefold a. O. 57 Nr. 26. 153. Siehe unten S. 207.
1? Vgl, Schefold a. O. ı52f. Siehe unten S. 208.
18 Vgl. Schefold a. O. 39 Nr. 10, 44 Nr. ı1. Vgl. unten S. 20gf.
18 Vgl. Schefold a. O. 132; Wrede a. O, 2ı2f.
20 Vgl. Bolton a.O. ı ff. 4ff. 179. ı99. 207ff., der mit gewichtigen Gründen für eine Entstehung im
späten 7. [h. eintritt. Vgl. Junge a. O. ı4ff.; Meuli a. O. 154; Corssen, RhMus. N. F. 67, 1912, 43 ff.
Page 6
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)In unserem Zusammenhang ist die von Herodot mitgeteilte Überlieferung bedeutsam, daß man auch in der Tarent benachbarten Stadt Metapont vom Auftauchen
und Verschwinden des Aristeas erzählt hat. Zunächst war er als Rabe in Begleitung
des Apollon erschienen, als der Gott zu den Metapontinern allein von allen Italikern
gekommen war. Danach trat er erneut in Metapont auf mit dem Gebot, Apollon
einen Altar zu errichten und daneben ein Standbild des Aristeas von Prokonnesos
aufzustellen. Nach seinem Verschwinden erhielten die Einwohner der Stadt Metapont
auf ihre Anfrage in Delphi hin den Rat, der Erscheinung zu gehorchen?!, So befand
sich zur Zeit des Herodot auf dem Markt von Metapont das Standbild des Aristeas
in unmittelbarer Nähe der heiligen Stätte, umgeben von gemeinsamer Lorbeerumfriedung. Die Gottesnähe des verschwundenen Arimaspendichters war damit
sinnfällig vor Augen geführt.
Die enge Verbindung des Aristeas mit dem Bereich des Apollon wird auch in der
Überlieferung von seiner Reise zum nordöstlichen Grenzvolk der Issedonen deutlich,
wo er von den Arimaspen, den goldhütenden Greifen und den Hyperboreern erfährt.
Von Phoibos erleuchtet, also vom Gott geführt, ist er so weit als möglich in die Nähe
des mythischen Volkes gekommen, das Apollon nach seiner ersten Fahrt auf dem
Schwanenwagen regelmäßig von Jahr zu Jahr aufsucht, um nach Ablauf der Zeit
wieder nach Griechenland zurückzukehren??,
Auch in der uns faßbaren Arimaspenüberlieferung lassen sich enge Beziehungen
zu den Hyperboreern erkennen. Sie werden von den kriegerischen Unternehmungen
der Arimaspen gegen ihre Nachbarn ausdrücklich ausgenommen. Außer der Notiz,
die das Arimaspenepos als »Geschichte der Hyperboreischen Arimaspen« bezeichnet,
kennen wir Zeugnisse, die die Arimaspen mit den Hyperboreern gleichsetzen, ja
sogar dem König Arimaspos die Ansiedlung des Hyperboreervolkes zuschreiben*.
Nach griechischer Auffassung werden also die Arimaspen den Hyperboreern nahestehend gedacht. Damit aber rücken die Arimaspen dem Bereich des Hyperboreischen
Apollon nahe, dem letztlich die wundersame Reise des vom Gott erleuchteten
Aristeas galt.
Es ist seit langem erkannt und erneut bestätigt, daß Aristeas für sein Arimaspenepos skythisch-nordiranische und eurasische Vorstellungen verwendet hat. Darauf
weist außer dem mythischen Bild von den goldhütenden Greifen die von Herodot
ausdrücklich den Skythen zugeschriebene Bedeutung des Arimaspennamens, der
“Einäugige’ bezeichnet?®. Wesentlich für unseren Zusammenhang ist der griechische
Hinweis, daß auch die Skythen den Bereich des hyperboreischen Gottes geehrt haben.
U Vgl. Bolton a. O. 142 ff.; Meuli a. ©. 159; RE. XV 2, 13571{. s. v. Metapontum (M. Mayer).
* Vgl. Preller—Robert 1# 242ff.; M. P. Nilsson, Geschichte der griechischen Religion I? (1955)
548ff.; H. J. Rose, Griechische Mythologie (1955) 130f.; Wiesner, Die Thraker 59ff. 82f. rogf. 113.;
Bolton a. O, S6fl.
>3 Her. IV 13.
2? Vgl. Bolton a. O. 22fl.; Meuli a. O. 134.
”» Her. 1V 33. Vgl. Bolton a. O. 8off.; Meuli a. O. 154; K. Jettmar, Die Religionen Nordeurasiens
und der amerikanischen Arktis (Religionen der Menschheit III 1962) 317.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hyperboreer
Die noch zur Zeit Herodots nach Delos gebrachten Opfergaben der
an getisch-thragelangten, in Weizenhalme gehüllt, zuerst zu den Skythen, die sie
kische Nachbarstämme weiterleiteten. Auf einem alten, noch vor
der griechischen
Kolonisation im Skythenland festgelegten Kultweg erreichten diese Gaben über
den
,
ndisch-balkanischen Raum, das Gebiet thrakischer und päonischer Stämme
donaulä
sie
die Adria und wurden zunächst nach Dodona gebracht. Von dort sandte man
Insel
heilige
die
ich
schließl
sie
ten
erreich
auf dem Landweg nach Euboia weiter. So
cles Gottes, der sich einst auf dem Schwanenwagen von Delos aus zu den Hyperborcern begeben hatte”.
Die Achtung der Skythen vor dem hyperboreischen Kultritual ist gut im Zusammenhang mit der Verehrung des skythischen Apollon, Oitosyros, zu verstehen.
Er folgt zusammen mit Aphrodite-Ouränia-Artimpasa im skythischen Pantheon
auf die erstrangig isolierte Hestia-Tabiti und das Paar Zeus-Papaios/Ge-Api. Dem
skythischen Apollon, der bedeutsam gleich hinter Zeus und seiner göttlichen Partnerin erwähnt wird, ist also eine Göttin Artimpasa zugeordnet. Die Griechen setzten
sie nicht mit Artemis gleich, wie man vielleicht bei der Zuordnung zu Apollon und
schen
einer gewissen Namensähnlichkeit erwarten könnte, sondern mit der Himmli
Aphrodite. Dieser Bezeichnung begegnen wir auch bei der griechischen Benennung
der persischen Göttin Mitra. Der Name beruht auf einer Verwechslung mit dem
Gott Mithra, den man mit Apollon identifizierte. Gemeint war die mit Mithra verbundene Göttin Ardvi Süra Anähitä, »eine Himmlische Aphrodite im vollsten Sinn
des Wortes«27. Sie wurde von den Griechen als »persische Artemis« bezeichnet, weil
in ihrem Wesen Züge enthalten sind, die als charakteristisch für Artemis galten.
Entsprechende Darstellungen im Skythenland beweisen uns die Verbreitung dieses
Kultes und lassen die Zuordnung der Himmlischen Aphrodite-Artimpasa an den
skythischen Apollon verstehen. Es handelt sich um altiranisches Erbe®.
IV
Wie verhalten sich nun die Aussagen der Schriftquellen zu den aufgezeigten
archäologischen Zeugnissen von Greifen und Arimaspen? Zunächst fällt auf, daß
das Motiv erst im 4. Jahrhundert häufiger auftritt, während es in älterer Zeit vereinzelt ist. Wir begegnen ihm auf einem um 575 gearbeiteten Silberspiegel von
Kelermes, der zwei behaarte nackte Männer im Kampf mit einem Greifen zeigt.
Die Darstellung steht im Einklang mit der Überlieferung des Arimaspenepos,
wonach es sich bei den Einäugigen um dichtbehaarte Menschen handelt; dagegen
Die Thraker
% Her. IV 33#f. Vgl. Bolton a. O. ı95f.; Rose a. O. 1301.; Nilsson a. O. 548fl.; Wiesner,
ırf, 60. 113.
Weltbild
2? Vgl. H. S. Nyberg, Die Religionen des Alten Iran (1938) 260#.;0.G. v. Wesendonk, Das
der Iranier (1933) 1951. 253; Meuli a. ©. 1561. 161.
28 \'gl. vw. Wesendonk a. O. 195; Nyberg a. OÖ. 370.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)hat der griechische Künstler darauf verzichtet, das in den Schriftquellen stereotyp
wiederholte Hauptmerkmal der Einäugigkeit auch nur anzudeuten®®.
Die gleiche Feststellung ist für die auf den Tarentinern Reliefs und auf den spätrotfigurigen attischen Vasen dargestellten Greifenkämpfer
in Steppentracht zu treffen.
Es können nur Arimaspen gemeint sein; denn in der mythischen Kunde der Hellenen
kennen wir keine anderen dem Steppenraum angepaßten Gegner von Greifen.
Ihre vollkommen natürliche Bildung wird vor allem bei der Frontalansicht deutlich.
Hier wäre mehr als bei der Profildarstellung Gelegenheit gewesen, die Einäugigkeit
zu veranschaulichen, wenn dies in der Absicht der Künstler gelegen hätte. Die
griechischen Maler und Reliefbildner haben es bewußt vermieden, der skythischen
Auffassung sinnfällig Ausdruck zu leihen.
Einen vergleichbaren Vorgang beobachten wir bei dem Greifenmotiv. Nach unserer
heutigen Kenntnis der skythischen Tierstilentwicklung können wir sagen, daB
das Bild des mythischen Raubvogelkopfes ein in eigenständiger Tradition verwurzeltes Vermächtnis skythischer Frühzeit ist. Es begünstigte die Aufnahme altorientalischer und griechischer Greifenmotive bei der Begegnung der Skythen mit
der Kunst Vorderasiens und Griechenlands. Die aus den Schriftquellen und aus
eurasischen Überlieferungen erschlossene These, daß die Greifen des Arimaspenepos
letztlich auf skythisch-eurasische Vorstellungen zurückgeht, ist damit archäologisch bestätigt?®.
Wie nun die mythischen Raubvögel der skythischen Welt in griechische Greifen
umgeprägt worden sind, so sind es auch die zwischen ihnen und dem nordöstlichen
Grenzvolk der Issedonen gedachten einäugigen Arimaspen. Erscheinen sie auf dem
Kelermes-Spiegel noch als wilde, dichtbehaarte Männer, jedoch mit natürlicher
Augenbildung, so werden sie in der Bildkunst des 4. Jahrhunderts als kriegerische
Vertreter einer Steppenheimat wiedergegeben, in deren charakteristischer Tracht
und Bewaffnung es nicht an griechischen Zügen fehlt.
Befinden wir uns bei dem Motiv der Greifenkämpfer durchaus in Übereinstimmung
mit den erhaltenen Zeugnissen der Arimaspenüberlieferung, so ist die Zuordnung für
andere Greifenszenen schwieriger. Es handelt sich um die Darstellung von Greifenreitern, die wie jene Arimaspen gekleidet sind, um die Bilder mit verfolgten Mädchen
und um die Tanzszenen vor einem Greifen. Wahrscheinlich dürfen wir die Anregungen zu diesem Bildthema in verlorenen Partien des Arimaspenepos suchen. Ließen
doch die Überlieferungen erkennen, daß die Arimaspen nicht nur als Räuber im Land
der goldhütenden Greifen und als angriffslustige Krieger betrachtet wurden. Es
zeichnen sich außerdem recht friedliche Beziehungen zu den Hyperboreern ab, die
ebenfalls in der Nachbarschaft der goldhütenden Greife gedacht wurden. So ergaben
> Zu dem Silberspiegel von Kelermes und der Übereinstimmung mit der Arimaspenüberlieferung
vgl. Bolton a. O. 5f. Soft.
®0 Vgl. Jettmar a. O. 317. 328; Pjotrowskij, Karmir Blur (1950) 96 Abb. 64; A. Godard, T.e Tresor de
Ziwiy& (1950) 43 Abb. 33. 49 Abb. 39. 55 Abb. 46. 56 Abb. 47; Wiesner, Eurasische Kunst im Steppenraum und Waldgebiet (Stauffachers Illustrierte Weltkunstgeschichte I Zürich 1959) ıg9ff.; Schefold,
HdArch. IT 431 ff.; Bolton a. ©. 75ff.. 85 ff.; Meuli a. O. 156.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Abb. 2. Apollon wird bei seiner Ankunft von Artemis begrüßt. Von einer melischen Amphora, Athen,
Nationalmuseum
sich fast dualistisch anmutende Vorstellungen, die auch den griechischen Vasenmalern Anreiz für andere Arimaspenbilder außer dem Greifenkämpfermotiv bieten
konnten#t,
In diesem Sinne könnten wir die Darstellung auf einer attischen Pelike des späteren 4. Jahrhunderts verstehen, die zwei Arimaspen auf Greifen im Angriff auf einen
Doppelgreifen zeigt??. Ähnliches mag er für die Vasenbilder mit Liebesverfolgungen
unbewehrter Arimaspen auf Greifen, zu Roß und zu Fuß gelten. Dabei können die
Verfolger mit götternahen Eroten, ja mit Göttern selbst konkurrieren, die auf dem
Rücken jener mythischen Tierwesen erscheinen®®,
Die Götternähe der Greifenreiter wird vor allem durch Vasenbilder veranschaulicht,
die Apollon, den hyperboreischen Gott, auf Greifen zeigen. Daß ihm das Greifenmotiv in erster Linie zukommt, ergibt sich bereits aus Zeugnissen der archaischen
Kunst. Auf der großen melischen Amphora (Abb. 2), die die Ankunft des hyperboreischen Gottes im Monat Elaphebolion darstellt, ist die Deichsel des von F lügelrossen gezogenen Wagens mit einem Greifenkopf geschmückt’. Die archaischen
®1 Vgl. Meulia. ©. 154.
® Vgl. Schefold, Untersuchungen 57 Nr. 26.
23 Vgl. Schefold a. O. 152f.
% Unsere Abb. 2 nach A. Conze, Melische Tongekiße Taf. 4. Auf den Monat Elaphebolion weist
Cervidenzähmung im Zusammenhang mit der Locktierjagd. Vgl. Wiesner AA. 1942, 425#f.; ders., Die
Thraker 216£.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Abb. 3. Arimaspentanz um einen Greifen.
Spätrotfigurige attische Pelike aus Südrußland, Leningrad
Münzen der Stadt Teos und ihrer Pflanzstadt Abdera an der thrakischen Küste
zeigen das dem Kultbereich des hyperboreischen Apollon entnommene Greifenmotiv?®. Auch auf Münzen von Kyzikos, wo man sich ebenfalls vom Wiedererscheinen des aus Prokonnesos verschwundenen Aristeas erzählt hat, ist der Gott auf dem
Greifen oder auf dem Schwan bezeugt®*.
Die enge Beziehung zum hyperboreischen Apollon läßt die Götternähe der mythischen Tierwesen besonders deutlich werden. So dürfen wir attische Vasenbilder verstehen, die Arimaspen beim Tanz beiderseits eines springenden Greifen zeigen und
die Ehrung des höheren Wesens veranschaulichen. Bemerkenswert ist dabei die
Verwendung von Greifenfiguren, die sich in der Art der Darstellung von den konventionell griechisch geprägten Motiven wesentlich unterscheiden?”.
Beispielhaft ist die Bildszene einer attischen Pelike aus Südrußland (Abb. 3).
Die Mittelfigur des umtanzten Greifen weicht von den üblichen Malereien, die das
5 Vgl. B. V. IIead, Historia Numorum (Oxford 1911) 253 ff.; Wiesner, Die Thraker 82f. Den Zusammenhang mit dem jonischen Apollonkult hat bereits Furtwängler a. O. 1767ff. 1771 ff. betont. Vgl.
Bolton a. O. 62. &g.
®° Vgl. Head a. O. 526. Für die Verbindung des Gottes mit Greif oder Schwan vgl. Preller— Robert
243. 292; Furtwängler a. Oo. 1767
#7” Vgl. Schefold, Untersuchungen 39 Nr. 10. 44 Nr. ı1. Siehe oben S. 203 ff.
Page 11
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Motiv weiß oder tongrundig mit feiner Innenzeichnung wiedergeben, deutlich ab.
Kopf und Mähne, Hals und Leib der tongrundigen Figur sind mit schwarzen breiten
Kurvenlinien bemalt, die den Eindruck eines durchbrochen gearbeiteten Silhouettenbildes erwecken. Entsprechungen dafür bieten sich im charakteristischen Stil der
mythischen Tierfiguren aus den Kurganen von Pazyryk (Ost-Altai) (Abb. 4).
Achämenidische Anregungen und Überlieferungen einheimischer Schnittkunst haben
dabei zusammengewirkt®®.
Es kann dahingestellt bleiben, auf welche Weise der griechische Vasenmaler zur
Kenntnis dieser fremden Motivbehandlung gelangt ist. In erster Linie darf man wohl
an Anregungen durch Importware denken, zumal sich im Grabinventar der PazyrykKurgane Verbindungen mit dem griechisch besiedelten Skythenland ebenso wie mit
dem Achämenidenreich abzeichnen®®. Entscheidend ist in unserem Zusammenhang,
daß der Vasenmaler in eine Tanzszene mit Arimaspen eine Greifenfigur im Stil jenes
nordöstlichen Bereichs eingefügt hat.
Was mag ihn dazu bestimmt haben, ein dem Stil nordöstlicher Steppenkunst
nachempfundenes, im wahrsten Sinn des Wortes weit hergeholtes Greifenmotiv in
die beabsichtigte Bildszene aufzunehmen? Gewiß, es kann ihn lediglich das Interesse
am Fremdartigen veranlaßt haben, das für die Greifenfiguren übliche Schema zu
verlassen; er durfte bei den Griechen des Skythenlandes und den Skythen selbst,
die den Verkehr mit den nordöstlichen Steppenbewohnern pflegten, mit besonderem
Verständnis rechnen. Doch können wir angesichts der herrschenden Aufnahmebereitschaft für den Themenkreis um Greifen und Arimaspen auch annchmen, daß
die Vasenmaler bei der Darstellung fremdartiger Greifenmotive von einer tieferen
künstlerischen Eingebung geleitet waren, der die Bildbetrachter ebenfalls verständnisvoll begegneten. Brachte doch der Maler, indem er in eine Tanzszene mit Arimaspen eine dem östlichen Tierstil angepaßte Greifenfigur einfügte, den fernen
Grenzbereich, in dessen Nachbarschaft man sich die Arimaspen und goldhütenden
Greifen dachte, in seiner ureigenen Formensprache zur Aussage. Er führte den Betrachter gleichsam in die unmittelbare Nähe jener nordöstlichen Grenzen, ähnlich
wie Aristeas im Arimaspenepos mit Namen in fremdartiger Sprache.
In diesem Zusammenhang muß berücksichtigt werden, daß die Grabinventare der
nordiranischen Pazyrykkultur auf Vorstellungen deuten, die den skythischen und
griechischen Überlieferungen vom hyperboreischen Apollon nahekamen. Wir begegnen nicht nur einer besonderen Vorliebe für das Greifenmotiv, sondern finden
auch sehr häufig Hahnfiguren, die mit Greifendarstellungen vereinigt sein können".
38 Vgl. 5.1. Rudenko, Der zweite Kurgan von Pazyryk (1951) 34ff.; ders., Kultura naselenija Gornogo
Altaja (1953) ııff.; T. T. Rice, Die Skythen (1957) ı12ff.; Wiesner, Gymnasium 62, 1955, 5471. —
Unsere Abb. 3 nach Schefold, Untersuchungen Taf. 5; unsere Abb. 4 nach Rice a. OÖ. 184 Abb. 63.
3 Vgl. Rudenko, Kultura 317ff. 326ff. 342 f.,; Schefold, HdArch. II 440f.; Jettmar a. O. 328; Bolton
a.0. 92.
.
40 Greifenmotive: Rudenko, Kultura 102 Abb. 35. 133 Abb. 79, 277 Abb. ı61. 280 Abb. 163. 352
Abb. 193. Taf. 23, 3. 26, 1. 33, 1. 38, 1—4. 39, 3. 78, 71. 83, 1. 3. 109, I. ı1of. 114. Hahnmotive: Rudenko a. O. 45 Abb. 17. 92 Abb. 44. 125 Abb. 71. 296 Abb. 173. Taf. 26, 1. 84, 4. Vgl. Wiesner, Gymnasium 62, 1955, 550
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Der Befund weist auf südiranische EinNüsse aus dem Achämenidenreich, wo
wir den Hahn mit dem Gott Sraosa
verbunden finden, der bedeutungsvollsten Erscheinung in Mithras nächster
Umgebung. Bereits während der späten
Achämenidenzeit
tritt
Mithra,
den
griechische Überlieferung mit Apollon
gleichsetzen konnte, vor Sraosa zurück,
der wesentliche Züge Mithras übernimmt. Da nun das Hahnmotiv, das
in der iranischen Religion seit alters
dem
Gott
Sraosa
zukommt,
in
den
Abb. 4. Löwenmotiv auf einer Filz-Schabracke
konservativ bestimmten Grabausstataus KurganI von Pazyryk
tungen von Pazyryk so auffallend häufig
begegnet, kann an eine einheimisch begründete Aufnahmebereitschaft gedacht
werden. Sie ist wahrscheinlich in der nordiranischen Verchrung eines SraoSa-Mithra
wesensnahen Gottes zu suchen, der dem skythischen Apollon-Oitosyros und damit
dem hyperboreischen Apollon nahestand. Das Einfügen der Hahndarstellungen in
die Bildwelt der Gräber von Pazyryk und ihre Greifenmotive kann dabei durch
lie für Srao$a bezeugten Jenscitsgedanken begünstigt worden sein. Der Jenseitsbezug ist auch in den griechischen Überlieferungen von den Hyperboreern Apollons
deutlich*.
Wie Apollon kann auch die ebenfalls als hyperboreische Gottheit gedachte Artemis
mit dem Greifenmotiv verbunden werden®?, In diesen Zusammenhang dürften sich
die spätrotfigurigen attischen Vasenbilder stellen lassen, die neben einem Frauenkopf
Greifenfiguren zeigen. Wie bereits erwähnt, ist dabei die skythische Verbindung des
Apollon-Oitosyros mit Aphrodite Ouränia-Artimpasa zu berücksichtigen, einer Göttin,
die Wesenszüge und Funktionen der Himmlischen Aphrodite sowie der Artemis
vereinigt. Aus dem Aphroditecharakter der skythischen Gottheit können wir wahrscheinlich die Vasenbilder mit Eroten als Greifenreiter herleiten. Auf diese Weise
kann schließlich auch Dionysos in den durch Greifen gekennzeichneten Bereich
gelangt und zum Reiter auf dem mythischen Wesen geworden sein. Nach griechischer
Auffassung kann Dionysos, der während Apollons Abwesenheit im Hyperboreerland
seine große Zeit hat, Parhedros der Aphrodite sein. Dagegen verhielten sich die
Skythen der Verehrung dieses Gottes gegenüber ablehnend und ließen ihre dem
Dionysosdienst ergebenen Könige mit dem Tode büßen??.
91 Vgl. Wiesner, Actes du IV® Congrös 102f.; Nyberg a. O, 65 ff.
12 Vgl. Preller—Robert a. ©. 243. 298f.; E. Simon, Antike Kunst 3, 1960, 23. Das Greifenkämpfermotiv auf dem Silberspiegel von Kelermes ist gegenüber der geflügelten Artemis angesetzt. Vgl. Bolton
a.0. Soft.
» Vgl. Preller—Robert a. O. 245, 2; Bolton a. O. 89; v. Wesendonk a. O. 194; Wiesner, Die Thraker
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)JOSEPH
WIESNER
Vv
Archäologische Zeugnisse und Schriftquellen lassen deutlich erkennen, daß in der
griechischen Welt des 4. Jahrhunderts gegenüber dem Themenkreis um Arimaspen
und Greifen eine gesteigerte Aufnahmebereitschaft bestanden hat. So findet die im
6. Jahrhundert von Aristeas geschaffene epische Tradition nach anderthalb Jahrhunderten ihren Eingang in den Bereich der bildenden Kunst und erhält hier vor
allem in der Grabausstattung einen bemerkenswerten Platz. Die enge Beziehung zu
den Vorstellungen vom Hyperboreischen Apollon und seinem seligen Volk gibt der
Auswahl der Motive für die Sepulkralkunst einen besonderen Akzent.
Dieser bemerkenswerte Prozeß ist neben Impulsen von außen vor allem durch
bedeutsame Strömungen innerhalb der griechischen Geisteswelt mitbestimmt
worden.
In unserem Zusammenhang ist zunächst das Anwachsen der Verbindungen
zwischen dem griechischen Bereich im Skythenland und dem sibirischen Raum von
Interesse. Schon zur Zeit des Aristeas bestanden solche Beziehungen, die vor- und
frühzeitlichen Bahnen folgten“*. Herodot erfuhr in Olbia von durchaus geläufigen
Reisen mit nordöstlichem Ziel, die Skythen und Griechen mit Hilfe von Dolmetschern
unternahmen. Der Weg führte in mehreren Tagereisen durch das Land verschiedener
Völkerschaften, darunter skythischer Stämme, bis zu den Issedonen, bei denen
schon Aristeas von den Arimaspen, den goldhütenden Greifen und den Hyperboreern erfahren hatte. Bis zu den Issedonen durchzogen die unternehmenden Männer schwieriges, aber, wie ausdrücklich von Herodot betont wird, durchaus bekanntes
Gebiet. Der mythische Bereich beginnt erst jenseits der Issedonen, die somit als
wirkliches Grenzvolk erscheinen®°.
Diese nordöstlichen Verbindungen der nordpontischen Griechenstädte hatten sich
im 4. Jahrhundert beträchtlich verdichtet. Der gesteigerte Wohlstand, der vor allem
dem Getreidehandel mit dem Mutterland verdankt wurde, wirkte sich auch auf die
Beziehungen zu den Skythenstämmen des Steppenraumes aus, die mannigfache
einheimische Erzeugnisse gegen griechische Waren eintauschen konnten. Daß diese
Verbindungen bis in den Raum zwischen dem oberen Flußgebiet des Ob und Jenissei
reichten, wo vorwiegend europid geprägte Stämme regen Austausch mit dem
Achämenidenreich pflegten, haben die archäologischen Forschungen der letzten
fünfzehn Jahre, vor allem im Gebiet der frostkonservierten Pazyryk-Kurgane,
gezeigt*®.
Wir dürfen annehmen, daß die nordpontischen Skythen und Griechen beeindruckt
waren, in einem Gebiet, das nach älterer Erdbildüberlieferung bereits jenseits der
#1 Vgl. Bolton a.O. roqfl.; Schefold, HdArch. 11 424ff.; Wiesner, Gymnasium 62, 1955, 560ft.;
Junge a. O. ı4ff.; Jettmar a. O. 3ı0ff.
35 Her. IV 25. Vgl. Bolton a. O. 104ff.
16 Vgl. Rudenko, Kultura 62 ff. 317
ff. 326 ff. 342 ff.; Schefold a. O. 440f.; Wiesner a. O. 550 fl.; Jettmar
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Issedonen lag und als Bereich der mythischen Arimaspen wie der goldhütenden
Greife gedacht wurde, einer Reitervolkkultur mit ausgesprochener Vorliebe für
Greifen- und Cervidenmotive zu begegnen. Ähnliches mag für Griechen gelten, die
über die achämenidischen Nordostverbindungen Kunde von jenem Kulturbereich
erhielten, in dem das Greifenbild bei der Grabausstattung so auffallend bevorzugt
wurde. Es darf besonders an den Knidier Ktesias gedacht werden, der als Leibarzt
Artaxerxes’ II. (Mnemon, 404/361) mit den Verhältnissen im Achämenidenreich gut
vertraut war und seine Kenntnis der griechischen Welt durch berühmte Erzählungen
vermittelte?”, Gerade zur Zeit Artaxerxes’ II. waren die persischen Beziehungen zum
Bereich der Pazyrykkultur durch Vermittlung skythisch-sakischer Stämme im
Gebiet der XVI. Satrapie zwischen Oxus und Jaxartes besonders lebhaft*®.
Diese Anregungen durch ein erweitertes Weltbild waren wohl geeignet, das Interesse an den alten Arimaspenüberlieferungen erneut so zu wecken, daß sie nunmehr
auch Eingang in die bildende Kunst fanden. Doch reichten diese Impulse keinesfalls
aus, jenem Themenkreis auch zum Eingang in den konservativen und jedem modischen Zufall verschlossenen Bereich der Gräberwelt und ihrer religiösen Tradition
zu verhelfen. Entscheidend für die Aufnahme der Arimaspen- und Greifenmotive
in die Gräberausstattungen des 4. Jahrhunderts war vielmehr die stark religiös bestimmte geistige Bewegung, die durch das Wiederaufleben pythagoreischer Überlieferungen und der damit verbundenen Vorstellungen vom Hyperboreischen
Apollon ausgelöst wurde*®. Sie läßt uns vor allem die Arimaspenbilder auf den
Sarkophagen von Tarent verstehen, dessen Gräberkunst gegenüber dem zufällig
erworbenen Dekorativen eine bemerkenswerte Empfindsamkeit offenbart.
Der Knoten der Überlieferungen schürzt sich zunächst in der westlich von Tarent
gelegenen Nachbarstadt Metapont. Hier war der Arimaspendichter Aristeas als Rabe
im Gefolge des Apollon erschienen, als der Gott zuerst bei den Metapontinern seinen
Einzug nahm. Hier tauchte er wieder mit der Weisung auf, ihm ein Standbild mit
seinem Namen neben dem Altar des Gottes zu errichten. Von der Delphischen
Priesterschaft gebilligt, stand dieses Denkmal zur Zeit Herodots auf dem Markt von
Metapont, nahe dem Bild des Gottes innerhalb einer gemeinsamen Lorbeerumfriedung. Die Götternähe des entschwundenen Arimaspendichters, dem Phoibos einst
jene denkwürdige Fahrt bis zum Grenzvolk der Issedonen, den unmittelbaren Nachbarn der Arimaspen, ermöglicht hatte, war damit sinnfällig in bleibende Erinnerung
gebracht®®,
7 Vgl. Furtwängler a. O. 1769; Wrede a. O. 212ff.
# Zur Steigerung des Mithrakultes, in dessen Bereich Srao$a gehört, unter Artaxerxes II. vgl. Nyberg
a. 0. 368f.
16 Vgl. Überweg—Prächter, Grundriß der Geschichte der Y'hilosophie des Altertums!? (1926) 73ff.;
Zeller—Nestle, Grundriß der Geschichte der griechischen Philosophie (1928) 364. 45ff.; W. Nestle,
Griechische Geistesgeschichte (1944) 78fl,; L. Ferero, Storia del Pitagorismo nel mondo Romano (1955)
36ff.; M. T. Cardini, Pitagorici (1958) 3 ff. 11 ff.
» Vgl. RE. XV 2, 1357£. Ss. v. Metapontum (Mayer); Corssen a. ©. 44; Meuli a. ©. 139; Bolton a. O,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Verehrung des Aristeas in Metapont steht in engem Zusammenhang mit der
Überlieferung von Pythagoras. Er wurde in der Nachbarstadt Tarents, wo sich seine
Lehr- und Grabstätte befand, wie ein Gott verehrt. Mit dem in Unteritalien lange
nachwirkenden Begründer des Pythagoreischen Bundes ist Aristeas durch besondere
Beziehungen zum Hyperboreischen Apollon verbunden. Entsprechungen lassen sich
auch aufzeigen für die um Pythagoras gebildeten Legenden, für die Erzählungen
vom Verschwinden und Wiedererscheinen des Arimaspendichters. So ist kaum zu
bezweifeln, daß »Aristeas erst durch den in Unteritalien mit dem Apollonkultus eng
verbundenen Pythagoreismus nach Metapont gezogen worden ist«®!,
Für die Beziehung des Pythagoras zum Bereich des Hyperboreischen Apollon ist
diein Unteritalien spielende Geschichte von der Begegnung mit dem hyperboreischen
Apollonpriester Abaris ein bedentsames Zeugnis??. Danach kam der Priester aus dem
Hyperboreerland auf einem großen Pfeil, den ihm der Gott gegeben hatte, nach
Griechenland, wo er Wunder wirkend und weissagend von Ort zu Ort zog, um Gold
für den Tempel des Apollon zu sammeln. Sparta, die Mutterstadt von Tarent, hatte
nach der Reinigung durch ihn keine Seuche mehr zu erleiden. Auf der Rückkehr in
das Hyperboreerland gelangte Abaris nach Unteritalien und begegnete dem Pythagoras. Ihn fand er dem Gott ähnlich, dessen Priester er war, und gab ihm den Pfeil.
Pythagoras nahm den Pfeil ohne Befremden an, zog Abaris beiseite und zeigte ihm
als Beweis, daß er sich nicht getäuscht habe, seinen goldenen Schenkel,
Deutlich zeichnen sich in der Erzählung, die im 4. Jahrhundert Herakleides
Pontikos unter Verwendung älterer Nachrichten, in seinem begeistert gelesenen
»Abaris« niedergelegte, Entsprechungen zur Aristeasüberlieferung ab. Abaris wie
Aristeas stehen im Dienst des Hyperboreischen Apollon. Aristeas unternimmt seine
von Phoibos erleuchtete Fahrt in Richtung auf das Hyperboreerland. Abaris fährt
in der Gegenrichtung mit Hilfe des göttlichen Pfeils, der ihm den Weg weist. Beide
gelangen wie der Gott selbst nach Unteritalien, Abaris auf der Heimfahrt nach dem
Hyperboreerbereich. Wahrscheinlich hat dabei die alte Vorstellung vom Kultweg
der hyperboreischen Opfergaben hineingespielt, die vom Skythenland durch thrakisch-päonisches Gebiet zunächst an die Adria gelangt sind®?.
Der zweite Knoten unserer Fragestellung schürzt sich in Tarent selbst, wo zu
Beginn des 4. Jahrhunderts Archytas, der langjährige Regent und mehrfache Feldherr der Stadt, eine Gemeinschaft begründete, die Aristoteles als »die sogenannten
51 Meuli a.O. 159. Vgl. Mayer in RE. a. O. 1341; Bolton a. O. 142 ff.
%2 Vgl. Corssen a.O. 20ff.; Meuli a.O. ısofl.; Wiesner, Die Thraker xı3; Bolton a. O. 124. 142f.
156fl. 164f. 169. 172. zo1 ff. Die der Überlieferung vom Pfeil des Abaris zugrunde liegende Vorstellung
vom Pfeilstern am nördlichen Himmel wird zusammen mit den benachbarten Sternbildern ‘Schwan’ und
‘Leier’, die wie der Bildgedanke des Pfeilsterns bereits der archaischen Zeit angehören und in den Bereich
des hyperboreischen Apollon weisen, in einer anschließenden Untersuchung behandelt. Vgl. Wiesner,
_—- a.0. 218, 64. Die Karawane 4, 1962/63, 23 ff. Fu. 1964.
53 Her. IV 33. Vgl. Rose a. O. 1301.; Wiesner a. O. ı1f. 60. 64. B2f. 109f.; Bolton a. O. ı1951f,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Pythagoreer« bezeichnet®?. Dieser Kreis entfaltete eine rege politische Tätigkeit zum
Wohl der Stadt, die das benachbarte Metapont bei weitem überflügelt hatte, und
ließ in gesteigertem Maße jene geistige Bewegung wieder aufleben, dic einst der auf
Pythagoras zurückgeführte Bund der Pythagoreer verkörperte. Dabei wurde Archytas von dem auch in Metapont wirkenden Philolaos unterstützt, der der grausamen Verfolgung des Pythagoreischen Bundes in Unteritalien entgangen war und
vorübergehend im Mutterland Zuflucht gefunden hatte. Im Kreis des ÄArchytas
wurde nicht nur die Entwicklung des astronomischen Weltbildes gefördert, für dessen
Anfänge man sich auf Pythagoras berief. Auch die Überlieferungen von sciner
Seelenlehre lebten weiter, vor allem aber die Vorstellungen von seiner Jenseitsfahrt
und seiner engen Beziehung zum Hyperboreischen Apollon®.
Im Kreis der Pythagoreer um Archytas von Tarent, die auch Traditionen von
Metapont übernahmen, waren somit wie in keinem anderen geistigen Bereich der
griechischen Welt die besonderen Voraussetzungen gegeben für ein lebhaftes Interesse an dem Arimaspenepos des Aristeas und den Überlieferungen von dem hyperboreischen Apollonpriester Abaris, unter dessen Namen auch ein Gedicht über
»Apollons Ankunft bei den Hyperboreern« bekannt war®®,
Es kann demnach kaum Zufall sein, daß die Arimaspen- und Greifenbilder auf
Tarentiner Sarkophagen in die gleiche Zeit führen, in der der Kreis um Archytas
seine rege geistige Bewegung entfaltet hat. Dazu dürften sich die bereits erwähnten
Beobachtungen in der Nekropole von Tarent fügen. Die Arbeiten sind von einem
kleinen Kreis der wohlhabenden Tarentiner Gesellschaft des 4. Jahrhunderts in einer
einzigen, kurzfristig blühenden Werkstatt der Stadt in Auftrag gegeben worden;
dem prächtigen Äußeren der Sarkophage entspricht die Ausstattung der Gräber,
die eine gewisse Vorrangstellung der Bestatteten wahrscheinlich macht. So mag die
Vermutung erlaubt sein, daß die Auftraggeber in der Führungsschicht der Pythagoreer um Archytas zu suchen sind, die im Sinne des älteren Pythagoreerbundes
und seiner Synhedria wirkten und in mythischen Bildern der Arimaspenüberlieferung
ihrer Jenseitshoffnung Ausdruck liehen. Die Entstehung der Sarkophagappliken
jedenfalls fällt in eine Zeit, in der die Mitbegründer des Kreises um Archytas und der
Regent selbst auf ein erfülltes Leben zurückblicken konnten.
Auch die Arimaspenmotive der attischen Vasenmalerei des 4. Jahrhunderts lassen
sich in den eben aufgezeigten Zusammenhang einordnen. Wirkte doch das Wiederaufleben der Pythagoreischen Bewegung im Kreis um Archytas von Tarent stark
auf das Mutterland zurück, wohin führende Männer nach der Katastrophe des Bundes
in Unteritalien geflohen waren. Zu ihnen gehörte außer Philolaos, dessen Schüler
>! Strab. VI 280. Vgl. Überweg— Prächter a. O. 78. 84; Zeller—Nestle a. ©. 36f. 89#.; Ferero a. O.
öıff. 109 ff. 1ı5Äf.
® Vgl. Nilsson a. O. 6ggff.; Corssen a. O. 22 ff, Wichtig ist in unserem Zusammenhang die Vorstellung
vom Hades als ein Lichtreich im Bezirk der Milchstraße. Vgl. Corssen a. O. 28; F. Boll, Kleine Schriften
zur Sternkunde des Altertums (1950) 20. 66; Bolton a. O. 202, 11.
56 Vgl. Meuli a. O. 163; Wiesner, Die Thraker 113; Bolton a. O. 158. 172.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Simmias und Kebes beim Tode des Sokrates anwesend waren, der Tarentiner Lysis,
der Lehrer des Epameinondas’”. Die Rückwirkung der durch Archytas herbeigeführten geistigen Strömung in Athen zeichnet sich deutlich bei Platon ab, dessen
Anschauungen nachhaltig von der Freundschaft mit Archytas mitbestimmt worden
sind®®. In unserem Zusammenhang ist Platons Interesse an den Überlieferungen vom
Hyperboreer Abaris und dem getisch-thrakischen Zalmoxis bemerkenswert; sind
doch beide Namen eng mit Erzählungen von Pythagoras verbunden?®,
Wie in Tarent können wir auch in Athen die Gleichzeitigkeit des plötzlich einsetzenden lebhaften Interesses an Bildmotiven der Arimaspenüberlieferung mit den
Pythagoreischen Strömungen kaum als zufällig ansehen. Nur in diesem geistigen
Bereich bestand eine ganz besondere innere Beziehung zum Epos des Aristeas und
zu den Erzählungen von dem hyperboreischen Apollonpriester Abaris, dem der
Pythagoreer und persönliche Platonschüler Herakleides Pontikos die vielgelesene
Schrift »Abaris« widmete. Die in den Überlieferungen deutlichen Vorstellungen von
Entrückung und Wiedererscheinen, von Jenseitshoffnung auf Götternähe und
Unsterblichkeit führten zur bevorzugten Verwendung der Bildgedanken für die
Grabausstattung, wie sie vor allem im Befund der griechischen Nekropolen im Skythenland beobachtet werden können. Auch bei den nordpontischen Griechen waren,
abgesehen von den skythischen Verbindungen zum Hyperboreischen Apollon, besondere Voraussetzungen für die Pythagoreische Bewegung des 4. Jahrhunderts
gegeben. Wurde doch bei ihnen bereits zur Zeit Herodots der getisch-thrakische
Zalmoxis als Sklave des Pythagoras aufgefaßt, der nach seiner Freilassung im getischen Nachbarreich der Skythen den Unsterblichkeitsglauben lehrte®®,
So läßt sich in unserem Zusammenhang auch die auffallende Vorliebe der nordpontischen Griechen für Bildthemen aus der Arimaspenüberlieferung einordnen.
Daß sich die Motive mit Darstellungen des Dionysos verbinden, ist angesichts des
intensiven Kultes in den nordpontischen Griechenstädten nicht überraschend.
Dabei mögen die auch bei benachbarten Thrakerstämmen verbreiteten orphischen
Vorstellungen vom Herrn der Seelen mitgewirkt haben. Außerdem sind die Zeugnisse
zu berücksichtigen, die von einem besonderen Verhältnis des Dionysos als Jahreszeitengott zum Hyperboreischen Apollon wissen; der nach Delphi zurückkehrende
Gott wird von Dionysos oder an dessen Stelle von einem Silen begrüßt®t.,
57 Vgl. Überweg—Prächter a. ©. 78; Zeller— Nestle a. O. 45ff.
se Vgl. E. Frank, Plato und die sogenannten Pythagoreer (1923) ıı8ff.; Überweg—Prächter a. O.
198f.; Zeller—Nestle a. O. gıf.; B.L. van der Wacrden, Die Astronomie der Pythagoreer (1951) ı5f.
52 Platon, Charm. 158 B. Vgl. Corssen a. O. 42£.; Wiesner a. O. ıı2f.; Meuli a. O. 163f.; Bolton a. O.
144.
#0 Vgl. Her. IV g4ff.; Corssen a. O. 42ff.; Wiesner a. O. 83f.
#1 Zum Dionysoskult in den nordpontischen Griechenstädten und im Thrakerland vgl. Her. 1V 79. V 7.
Wiesner, Die Thraker 66ff. 102ff. Zur Vorstellung von Dionysos als Herrn der Seelen vgl. Nilsson a. O.
564ff., wo auch die »klare Beziehung auf die Jahreszeiten« erörtert wird. Das Verhältnis zwischen Dionysos als Zeitengott und dem hyperboreischen Apollon ist bereits bei Preller— Robert a. ©. 245 trefiend
gekennzeichnet.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ARIMASPENMOTIV AUF TARENTINER SARKOPHAGEN
VI
Die Untersuchung von Arimaspenmotiven auf Tarentiner Sarkophagen und verwandten Darstellungen in der attischen Vasenmalerei ergibt zusammengefaßt
folgendes:
I. Die im 4. Jahrhundert massiert einsetzende Darstellung von Motiven aus der
Arimaspenüberlieferung und ihre bevorzugte Wahl für die Gräberausstattung stehen
in engem Zusammenhang mit dem starken Wiederaufleben pythagoreischer Strömungen, die durch Archytas von Tarent und seinen Kreis hervorgerufen worden sind.
2. Begünstigt wurde das lebhafte Interesse an diesem Themenkreis durch Wandlungen in der griechischen Einstellung gegenüber der ‘barbarischen’ Welt und durch
wachsende Verbindungen mit dem eurasischen Steppenraum.
3. Die Behandlung der stark von nordöstlichen Vorstellungen mitbestimmten
Motive zeigt ebenso dominierend griechische Prägung wie die literarische Überlieferung.
4. Aus der literarischen Überlieferung, die eine Verflechtung der Erzählungen
von Aristeas, Abaris und Pythagoras erkennen läßt, ergibt sich eine enge Beziehung
des Themenkreises zu den Vorstellungen vom hyperboreischen Apollon, dem göttlichen Jahresordner.
5. Die bevorzugte Wahl der Bildmotive für die Gräberausstattung weist auf
Jenseitshoffnungen im Sinne von Entrückungsvorstellungen.
Weil/Rhein