Vom Lohn der Weisheit

Auteur
Brant, S.
Publié dans
Das Narrenschiff
Année
1877
Sujet
NARRENSCHIFF
Langue
Deutsch
Catégorie
C6 Langue et littérature
Numéro d'archive
7381

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Afficher le texte intégral5 pages

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Brant, Sebastian Satire Das Narrenschiff (Ausgabe 1877) 108. von Versäumniß guter Werke 107. Vom Lohn der Weisheit 108. Das Schlaraffenschiff 20-04-14 15:06 Im Buch blättern Bei Amazon.de ansehen cVil. (209} Zur rechten Hand sieht man die Krone, Zur linken Hand die Kappe stehn; Der letztern Weg die Narren gehn Und kommen so zu bösem Lohne. Im Hintergrunde rechts eine aufrecht stehende Krone, links eine umsinkende Narrenkappe. Dem entsprechend im Vordergrunde ein einfach gekleideter Mann mit einem offenen Buche, welcher zu einem üppig gekleideten jüngeren spricht. Vom Lohn der Weisheit. Nach großer Kunst strebt mancher Thor, Wie er bald Meister werd', Doctor, Und ihn die Welt halt’ für ein Licht, Und kann doch das betrachten nicht, Wie er die rechte Kunsli erfährt, Mit der er hin zum Himmel kehrt, Und daß die Weisheit dieser Welt Wie Thorheit wird vor Gott gezählt. Viel scheinen auf dem rechten Wege Und irren sich doch an dem Stege, Der zu dem wahren Leben fühn. Wohl dem, der auf dem Weg nicht irrt, Wenn er ihn schon gefunden hat, Denn oft geht ab ein Nebenpfad, Daß Einer bald kommt von der Straße, Es sei denn, daß ihn Gott nicht lasse.{209] Der Jüngling Herkules bedachte, Welchen Weg er für den rechten achte, Ob er der Freude nach wollt‘ gehn Oder allein nach Tugend stehn? In soichem Sinnen kamen zu ihm Zwei Frauen, die er ohne Stimm’ Erkannte an ihrem Wesen wohl: Die eine war der Freuden voll Und schän geziert; mit Reden süß Nur Freud' und Lust sie ihm verhieß, Deren End’ jedoch der Tod mit Weh, Damach nicht Lust noch Freude je. Die andre bieich und ernst und strenge War ohne Freude und Gepränge. Sie sprach: »Nicht Wollust ich verheiße, Nicht Ruh’; nur Müh' in deinem Schweiße! Von Tugend schreit’ zur Tugend forl, Dann wird der ewige Lohn dir dort!« Und dieser folgte Herkules froh; Ruh’, Wollust, Freud' er allzeit floh. Wollt" Gott, da wir begehren alle Zu leben, wie es uns gefalle, Daß wir begehren auch zugleich Zu haben ein Leben tugendreich. Wahrlich, wir flöhen manchen Steg, Der uns führt auf den Narrenweg! Dieweil wir aber alle nicht wollen Bedenken, wohin wir wenden uns sollen, Und leben blinzelnd in der Nacht, Haben wir des wahren Weges nicht Acht, Daß wir gar oft selbst wissen nit, Wo uns hinführen unsre Tritt‘. Daraus entspringt dann jeden Tag, Daß unser Plan uns reuen mag. Erreicht man ihn, nicht ohn’ Beschwer,

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20-04-14 15:06 Literatur Brant, Sebastian Satire Das Narrenschiff (Ausgabe 1877) 106. Von Versäumniß guter Werke 107. Vom Lohn der Weisheit 108. Das Schlaraffenschiff Im Buch blättern Bei Amazon.de ansehen CVII. [209] Zur rechten Hand sieht man die Krone, Zur linken Hand die Kappe stehn; Der letztern Weg die Narren gehn Und kommen so zu bösem Lohne. Im Hintergrunde rechts eine aufrecht stehende Krone, links eine umsinkende Narrenkappe. Dem entsprechend im Vordergrunde ein einfach gekleideter Mann mit einem offenen Buche, welcher zu einem üppig gekleideten jüngeren spricht. Vom Lohn der Weisheit. Nach großer Kunst strebt mancher Thor, Wie er bald Meister werd', Doctor, Und ihn die Welt halt' für ein Licht, Und kann doch das betrachten nicht, Wie er die rechte Kunst erfährt, Mit der er hin zum Himmel kehrt, Und daß die Weisheit dieser Welt Wie Thorheit wird vor Gott gezählt. Viel scheinen auf dem rechten Wege Und irren sich doch an dem Stege, Der zu dem wahren Leben führt. Wohl dem, der auf dem Weg nicht irrt, Wenn er ihn schon gefunden hat, Denn oft geht ab ein Nebenpfad, Daß Einer bald kommt von der Straße, Es sei denn, daß ihn Gott nicht lasse.[209] Der Jüngling Herkules bedachte, Welchen Weg er für den rechten achte, Ob er der F r e u d e nach wollt' gehn Oder allein nach T u g e n d stehn? In solchem Sinnen kamen zu ihm Zwei Frauen, die er ohne Stimm' Erkannte an ihrem Wesen wohl: Die eine war der Freuden voll Und schön geziert; mit Reden süß Nur Freud' und Lust sie ihm verhieß, Deren End' jedoch der Tod mit Weh, Darnach nicht Lust noch Freude je. Die andre bleich und ernst und strenge War ohne Freude und Gepränge. Sie sprach: »Nicht Wollust ich verheiße, Nicht Ruh'; nur Müh' in deinem Schweiße! Von Tugend schreit' zur Tugend fort, Dann wird der ewige Lohn dir dort!« Und dieser folgte Herkules froh; Ruh', Wollust, Freud' er allzeit floh. Wollt' Gott, da wir begehren alle Zu leben, wie es uns gefalle, Daß wir begehren auch zugleich Zu haben ein Leben tugendreich. Wahrlich, wir flöhen manchen Steg, Der uns führt auf den Narrenweg! Dieweil wir aber alle nicht wollen Bedenken, wohin wir wenden uns sollen, Und leben blinzelnd in der Nacht, Haben wir des wahren Weges nicht Acht, Daß wir gar oft selbst wissen nit, Wo uns hinführen unsre Tritt'. Daraus entspringt dann jeden Tag, Daß unser Plan uns reuen mag. Erreicht man ihn, nicht ohn' Beschwer,

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20-04-14 15:06 Wünscht andres man nur um so mehr. Das kommt allein daher, daß wir[210] Voll sind der angebornen Gier, Wie uns d a s h ö c h s t e G u t auf Erden Unfehlbar möcht' und endlich werden. Dieweil das aber nicht kann sein, Und wir hier irren im finstern Schein, Hat Gott gegeben uns das Licht Der Weisheit, unserm Angesicht Zu leuchten, Finsterniß zu enden, Wenn wir uns recht zu ihr hinwenden; Sie zeigt uns bald, wie ganz verschieden Von Weisheit Thorenweg hienieden. D e r Weisheit stellte Plato nach, Pythagoras, der Hohes sprach, Und Sokrates, – all die durch Lehre Erworben ewig Ruhm und Ehre, Und konnten sie doch nie ergründen: Sie wollten sie a u f E r d e n finden. Drum spricht von ihnen Gott der Hehre: »Ich will verwerfen Kunst und Lehre Und Weisheit derer, die weis wollen sein, Und lehren sie kleinen Kindelein!« Das sind, denen Weisheit ward bekannt, Die stammt aus dem himmlischen Vaterland; Die solche Weisheit wurden gelehrt, Die sind in Ewigkeit geehrt Und scheinen wie das Firmament; Wer da Gerechtigkeit erkennt Und unterweist darinnen s i c h Und a n d r e m e h r, den gleiche ich Dem Lucifer vom Orient, Dem Hesperus gen Occident. Bion der Meister uns erzählt, Wie zu den M ä g d e n sich gesellt, Die um Penelope langzeit Doch mit vergebner Müh' gefreit, S o thuen, die nicht können ganz[211] Begreifen r e c h t e r Weisheit Glanz, Die kommen durch der T u g e n d Zier, Die jener Magd ist, nah zu ihr. Die Weltlust nimmt ein traurig Ende; Ein jeder schau, wo er anlände. Quelle: Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Leipzig [1877], S. 209-212. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004593553 Lizenz: Gemeinfrei Kategorien: Literatur · Deutsche Literatur

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