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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)MA Lee, R,
INDEX
ANA
Egon Maréti: Zur Problematik des Wertlaufes und der Reihenfolge der
einzelnen Disziplinen beim altgriechischen Pentathlon
.....
Reimar Miller: Philosophie und literarische Kommunikation in Griechenland im 5. Jh. v. Chr.
........,.....,.,.,....:...
Miklós Maréth: Rhetorik und Philosophie
...................
Tibor Szepessy: La collection d'épigrammes de Théocrite
Bela Németh: Ennius chez Catulle
25
61
.........
73
.........................
103
Tamás Adamik: Die Struktur und die Funktion des sechsten Buches der
eeen
107
Istvan Borzsák: Laus Caesaris. Ein Epigrammenzyklus auf Claudius’ britannischen Triumphzug ..........................
117
Aneis
Marta H. Kelemen — Barnabäs Lörincz: Ein ritterlicher Offizier in den
............
133
143
159
Attila Kiss: Stand der Bestimmung archäologischer Denkmäler der »gens
Alanorum« in Pannonien, Gallien, Hispanien und Afrika
167
Donaukriegen Domitians
.........................
Zsigmond Ritoók: Über Claudians De raptu Proserpinae
Istvan Kapitänffy: Chorikios und die Hetäre Phryne
..........
CRITICA
Edward W. Kase-George J. Szemler-Nancy C. Wilkie-Paul W. Wallace (Eds): The Great Isthmus Corridor Route: Explorations of the
Phokis-Doris Expedition. Center for Ancient Studies. University of Minnesota. Publications in Ancient Studies. Number 3.
Kendall/Hunt publishing Company 1991. 202 pages, 49 maps,
199 illustrations. (Dolores Hegyi)
....................
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)IN GRIECHENLAND IM 5. JH. V. CHR.
Als die Polis im 5. Jh. v. Chr. mit der Konstituierung der Demokratie in
Athen und in anderen griechischen Stadtstaaten den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichte, fand die Philosophie eine Stellung in der Offentlichkeit!, die es für
sie zuvor nicht gegeben hatte. Sie wurde zu einem Faktor des öffentlichen Lebens
und beeinflußte den Gang der geistigen Entwicklung nicht nur einer Elite, sondern, in gewissem Umfang und dank mannigfacher Vermittlungen, auch breiterer
Schichten der Bürgerschaft. Da die Herausbildung der Demokratie von einer tiefreichenden Erschütterung aller bis dahin gültigen Normen und Werte begleitet
war, ließ sie einen großen Bedarf an geistiger Neuorientierung entstehen. Da viele
Werte hinfällig geworden waren, wurde die Frage nach der Fundierung aller Normen und Wertvorstellungen akut: in einem göttlichen Recht, in der Setzung durch
die jeweilige Gemeinschaft oder im Rekurs auf die Natur, sei es die des Kosmos
oder die des Menschen.
Die Dynamik der Entwicklung, die Athen in wenigen Jahrzehnten an die
Spitze der griechischen Poleis geführt hatte, ließ mit der reichen Entfaltung der
politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Potenzen auch eine bis dahin unbekannte Intensität des Fragens nach den Grundlagen menschlicher Existenz, im
Politischen ebenso wie im Individuellen, entstehen?. In einem neuen Licht erschienen nun aber auch Probleme, die das philosophische Denken seit langem beschäftigt hatten: die alten Fragen nach Entstehung und Wesen der Dinge, nach
Einheit und Vielfalt, nach treibenden Kräften und Gesetzmäßigkeiten im Naturgeschehen, nach dem Wesen der Götter oder des Göttlichen erscheinen in einer
neuen Beleuchtung.
Die Neuheit der Fragestellungen war von neuen Formen der Kommunikation begleitet. Vieles drang in breitere Kreise, was bis dahin zumeist nur im engen
_ 1Zum Begriff der Öffentlichkeit im Hinblick auf die antike Polis J. HaseRMAS, Strukturwandel
der Öffentlichkeit. Frankfurt a. M. 1990, 56 ff. (stw 891).
2Vgl. Cur. Meier, Ein antikes Äquivalent des Fortschrittsgedankens: Das »Könnens-Bewußtsein« des 5. Jahrhunderts v. Chr. Historische Zeitschrift 226, 1978, 265 ff; R. MürLer, Die Konzeption des Fortschritts in der Antike, in: Polis und Res publica. Studien zum antiken Gesellschafts- und
Geschichtsdenken. Weimar 1987, 89 ff.
0044-5975/94/ $ 4.00 © 1994 Akadémiai Kiadé, Budapest
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Zirkel von kleinen Konventikeln erörtert worden war. In Rechnung zu stellen sind
dabei neue Formen der Mündlichkeit, wie sie vor allem die Sophisten einführten:
von öffentlichen Lehrgängen für ein zahlungskräftiges Publikum der Oberschicht
bis zu Auftritten vor einer großen Öffentlichkeit bei den panhellenischen Festen.
Zu bedenken ist vor allem aber auch die neue Rolle des Buches, das gegen Ende des
5. Jh. auch im Bereich der Philosophie zu einem wesentlichen Faktor einer ausgedehnteren Kommunikation wurde? - so sehr wir uns hüten müssen, aus der Alphabetisierung breiterer Schichten zu weitreichende Konsequenzen für die Fähigkeit,
Bücher zu lesen und zu verstehen, zu ziehen*. Freilich gab es einen vermittelnden
Faktor der Breitenwirkung von nicht zu unterschätzender Bedeutung in Gestalt des
Theaters, von Tragödie und Komödie, die als eine Art Multiplikator Elemente des
Neuen Denkens vielen Angehörigen der Bürgerschaft ins Bewußtsein rückten.
Neue Inhalte des Denkens verbanden sich im 5. Jh. v. Chr. mit neuen Formen der Kommunikation zu jener Erscheinung, die man die »attische Aufklärung«®
genannt hat. Um ihr Wesen zu verstehen, müssen wir uns zunächst Inhalte und
Formen philosophischer Kommunikation in der vorausliegenden Periode vergegenwärtigen.
Die Entwicklung des philosophischen Denkens seit dem Anfang des 6. Jh.
v. Chr. im ionischen Kleinasien und später in Westgriechenland bereitete das vor,
was das 5. Jh. entscheidend prägen sollte.
Wir sehen eine Befreiung des Denkens von den Fesseln religiöser und mythischer Tradition, eine Freisetzung starker
Potenzen philosophischen und wissenschaftlichen Fragens, das inhaltlich von ähn-
3Zu den Problemen der Literalität im 5. Jh. v. Chr. vgl. E. G. Turner, Athenian books in the
fifth and fourth centuries B. C. London 1951; F D. Harvey, Literacy in the Athenian democracy. Revue des Etudes Grecques 79, 1966, 585 ff., R. PrerrFER, Geschichte der klassischen Philologie. Von
den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus. Hamburg 1970, 33 ff; A. Burns, Athenian literacy
in the fifth century B. C. Journal of the History of Ideas 42, 1981, 371 ff; G. Nreppu, Alfabetismo e diffusione sociale della scrittura nella Grecia arcaica e classica. Scrittura e civilta 6, 1982, 233
ff; E. POHLMANN, Miindlichkeit und Schriftlichkeit gestern und heute. Würzburger Jahrbücher 14,
1988, 7 ff; R. Thomas, Oral tradition and written record in classical Athens. Cambridge - New York
1989; R. Jonne, Zur Entstehung einer Buchkultur in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. u. Z.
Philologus 135, 1991, 45 ff.
45. dazu R. Mier, Literarische Kommunikation in Griechenland im 5. und 4. Jahrhundert
v. u. Z. Philologus 135, 1991, 22 £.
5Zum Begriff der Aufklärung für Erscheinungen im geistigen Leben des 5. Jh. v. Chr. vgl.
F SoLmsen, Intellectual experiments of the Greek Enlightenment. Princeton 1975, W. K. C. GuTHRIE, A history of Greek philosophy, III: The Greek enlightenment. Cambridge 1969, 48, F. TenBRUCK, Die Sophistik als Aufklärung, in: H APXAIA EOIETIKH. The Sophistic movement,
Athens 1984, 24 ff. ( EAAnvıxr) ptaogomixn étatpia); J. Scumipt (Hrsg.), Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart.
Darmstadt 1989, 33 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)licher Radikalitat war wie in der Aufklärung des 5. Jh. Die Voraussetzungen waren,
dank der Strukturen des griechischen Gemeinwesens und verglichen mit denen der
orientalischen Grofstaaten, giinstig: das Fehlen einer von staatlichen Hierarchien
kontrollierten und sanktionierten Theologie und einer erblichen Priesterkaste einerseits, die Formen eines labilen Gleichgewichts in den Institutionen der Polis
andererseits, in der die Meinungsbildung durch Diskussion von Anfang an eine
wesentliche Rolle spielte.®
Die Repräsentanten von Philosophie und Wissenschaft waren, anders als die
Tradition des 4. Jh. v. Chr. in Rückprojektion eigener Ideale behauptete,” zumeist
keine weltfremden Theoretiker. Thales war nach der Überlieferung den Problemen
des Gemeinwesens in politisch schwieriger Zeit durchaus aufgeschlossen. Anaximander, der Schöpfer der ersten Weltkarte, kann kein weltabgewandter Gelehrter gewesen sein. Noch gab es für die spezifischen Formen spekulativen Denkens
keinen eigentlichen »Ort« im Leben des Gemeinwesens.® In dieser Hinsicht unterschieden sich die Philosophen von den Dichtern, besonders des Epos, die eine
unvergleichliche Stellung bei der Ausprägung sozialer Normen und des Weltbildes einnahmen, aber auch von Gestalten wie den »Sieben Weisen«, die ihre große
Autorität in den politischen Auseinandersetzungen der Zeit auch auf die Prägung
des geistigen Lebens zu übertragen vermochten. Anders als die meisten übrigen
Keimformen einer sich herausbildenden Intelligenz in Griechenland,? vertraten die
Philosophen ein kritisches, alle Überlieferungen in Frage stellendes Denken, das im
durchschnittlichen Bewußtsein der Menschen keine unbestrittene Heimstatt hatte, auch nicht bei der Aristokratie oder den wohlhabenden Handelsherren, jenen
Kreisen also, aus denen sie selbst kamen.
Über welche Möglichkeiten der Kommunikation verfügten die ersten Philosophen?!0 Alles spricht dafür, daß ihre Gedanken über die Prinzipien alles Seienden, über Werden und Vergehen, über die Einheit hinter der Vielfalt der Er-
6 Vgl. J-P. Vernant, Mythe et pensée chez les Grecs. Paris 1965, 297 ff; ders., Die Entstehung
des griechischen Denkens. Frankfurt a. M. 1982.
”
7S. W. Jaecer, Über Ursprung und Kreislauf des philosophischen Lebensideals. Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften Berlin, Phil.-Hist. Klasse 25, 1928, 5 ff.
8S. C. Humpnreys, Anthropology of the Greeks. London - Henley-Boston 1978, 221 f.
9 Zur Herausbildung der Intelligenz in Griechenland Cur. Meter, Die Entstehung einer autonomen Intelligenz bei den Griechen, in: Die Welt der Geschichte und die Provinz des Historikers.
Berlin 1989, 70 ff; vgl. auch E L. Varai, Intellectuals in politics in the Greek world.
London u.a.
1984; T. Huszár, Abriß der Geschichte der Intelligenz. Budapest 1988, 118 ff.
10 Diese Frage beschäftigt die Forschung jetzt stärker, nachdem sie lange Zeit vernachlässigt worden war. Einen guten Überblick bietet G. Nieppu, Testo, scrittura, libro nella Grecia arcaica e classica.
Note e osservazione sulla prosa scientifica-filosofica. Scrittura e civilta 8, 1984, 3 ff. Wichtig sind eine
Reihe von Untersuchungen in dem Sammelband von K. Ross (Hrsg.), Language and thought in early Greek philosophy. La Salle 1983, vor allem Cu. Kann, Philosophy and the written word. Some
thoughts on Heraclitus and the Early Greek uses of prose. 110 ff. S. ferner: Les savoirs de l’écriture. En Grèce ancienne. Sous la direction de M. Detrenne. Lille 1988 (Cahiers de philologie 14).
S. auch Humpureys, a. O., 221 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)scheinungen in kleinen, abgeschirmten Kreisen interessierter Freunde und Schüler
erörtert wurden und über diesen engen Bereich kaum hinausdrangen. So erhielt
auch die Schriftlichkeit bei ihnen einen spezifischen Charakter, der sich von deren Funktion in anderen Bereichen (Epos, Lyrik) unterschied. Wir haben es hier
nicht wie in Formen der Dichtung, die auf eine breite Wirkung abzielten, mit einer »schriftlich fundierten Miindlichkeit« zu tun, in der das Schriftwerk vor allem
als Grundlage für die »performance« diente. Eher ist an ein mehrstufiges System
zu denken, an dessen Anfang wohl schriftliche Notizen in Gestalt des ünöuvnua
für den eigenen Bedarf des Philosophen standen, der seinen Gedanken Gestalt zu
geben versuchte. Diese mochte er dann — vorlesend oder frei paraphrasierend — im
Kreis der Mitphilosophierenden vortragen und zur Diskussion stellen.!! Zweifellos
hatte in der Philosophie die Schriftlichkeit eine grundlegende Funktion als Instrument eines abstrakten Denkens, das ohne dieses Hilfsmittel nicht zur Entfaltung
hätte kommen können.
Das bedeutet freilich nicht, daß die ersten philosophischen Texte immer auf
der Stufe des bxdyuvnua stehen geblieben wären, wie man gemeint hat.12 Auch
im Bereich des philosophischen Denkens spielte die Vermittlung über den engsten
Kreis der Mitdenkenden hinaus wahrscheinlich eine Rolle, sei es für ähnliche kleine
Zirkel an anderen Orten oder für die »Nachwelt«. Es spricht vieles dafür, daß jene
Werke, die später unter dem Titel [epi púsews überliefert wurden,13 gewissermaßen als Extrakt der philosophischen Gesamtkonzeption eines Denkers am Ende
langwieriger Diskussionsprozesse standen und deren Ergebnis schließlich der Tradition anheimgaben. Die »performance: gewann wohl erst später Bedeutung, sieht
man einmal vom Lehrgedicht ab, über dessen Publizitätsformen noch zu sprechen
sein wird. Bei den philosophischen Prosatexten gewann wohl erstmals und schon
früh jener »einsame Leser« Bedeutung, der in anderen Bereichen erst am Ende des
5. und im 4. Jh. zu größerer Wirksamkeit gelangte.
Wir können hier nicht näher auf die Frage eingehen, wie sich die frühesten
philosophischen Texte in die Herausbildung der Prosaliteratur insgesamt einordnen, etwa wie ihr Verhältnis zu älteren ethnographischen Schriften zu sehen ist,
deren Autoren unter dem Begriff Logographen zusammengefaßt werden.14 Die io-
11 Selbstverständlich sind wir hier auf bloße Vermutungen angewiesen. H. Franke, Dichtung
und Philosophie des frühen Griechentums. München 1962, 295, betont, daß wir »von den äußeren Formen, in denen Philosophie getrieben wurde« schlechthin nichts wissen. Auch Fränkel geht davon aus,
daß für den Philosophen die Diskussion mit einem ihm nahestehenden Kreis eine große Bedeutung
haben mußte (a. O. Anm. 9).
12U. von WiLamowtTz-MOELLENDORFF, Euripides Herakles. Erster Band. Einleitung in die
griechische Tragödie. Berlin 1959, 121 ff., betrachtete als erste »Bücher« Ausgaben von Tragödien im
5. Jh. Zur Begriffsbestimmung von ünöpvnua und zum Werkcharakter der frühen philosophischen
Texte Preirrer, a. O., 48.
13 Vgl. E. SCHMALZRIEDT, epi quoews. Zur Frühgeschichte der Buchtitel. München 1970.
14Vgl. dazu W. ScHADEWALDT, Heraufkommen der Prosa, in: Die Anfänge der Geschichtsschreibung bei den Griechen. Tübinger Vorlesungen, Bd. 2. Frankfurt a. M. 1982, 19 ff. Zum Stil
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nische iotopin, die »Erkundung«, die sich ursprünglich auf die Kenntnisnahme des
Augenzeugen, dann auf jede empirische Erforschung und Dokumentation bezog,
fand vor allem Ausdruck in der mit der Verbreitung von Schiffahrt und Handelsbeziehungen verbundenen Beschreibung fremder Länder und Völker. K. von Fritz hat
betont, daß die Philosophie, die geographisch-ethnographische Wissenschaft und
die Geschichtsschreibung aus dem gleichen Geist exakter Beobachtung und rationaler Durchdringung hervorgegangen sind.15 Der Logos als das rational geprägte
Wort ist Ausdruck eines bestimmten Verhältnisses zur Welt, die - im Unterschied
zur fiktionalen Welt des Mythos - in ihrer realen Gestalt erfaßt werden soll.16
Die enge Wechselwirkung von Inhalt, Form und Kommunikationsweise bezeugend, ist die frühe philosophisch-wissenschaftliche Prosa eine Errungenschaft
von einschneidender Bedeutung. Ein Versuch, diese Zäsur zu verdecken,!” äußerlich begünstigt (wenn auch nur scheinbar) durch die schwache Bezeugung von Originaltexten der frühen Philosophen, wäre gezwungen, jenes geistige Band zu negieren, das die frühe Prosa der Philosophen mit der der ionischen iatopin verbindet.18
Demgegenüber stellt die literarische Form des Lehrgedichts, wie es von Xenophanes, Parmenides und Empedokles repräsentiert wird, das Produkt einer sekundären
Entwicklung dar, die ohne den mit Schrifttexten in Prosa untrennbar verbundenen Vorlauf philosophisch-wissenschaftlichen Denkens nicht erklärt werden kann.
Die genannten Philosophen als Vertreter einer genuin oralen Kultur zu deuten,
1?
heißt das Wesen der inhaltlichen und damit auch formal-kommunikativen Prägung
ihres Denkens zu verkennen. Was sie an sprachlich-stilistischen Mitteln aus der
epischen Tradition übernehmen, tritt in den Dienst einer wesensmäßig verschiedenen Aufgabe.
In ihrem Weltverhältnis und in ihren Denkstrukturen knüpfen
sie an die Rationalität des Logos an, auch wenn sie bestimmte traditionelle Formen epischer Dichtung in stark gewandelter Gestalt in den Dienst eines anderen
Anliegens stellen.20
der frühen philosophischen und wissenschaftlichen Prosa H. ThesLeFF, Scientific and technical style
in Early Greek prose. Arctos 4, 1966, 89 ff.
15Der gemeinsame Ursprung der Geschichtsschreibung und der exakten Wissenschaft bei den
Griechen. Philosophia naturalis 2, 1953, 201 ff., 376 ff.
16 Daß die tiefere genetische Differenz zwischen Poesie und Prosa in diesem unterschiedlichen
Weltverständnis begründet ist, hat Kann, a. O., 119 ff., eindringlich dargelegt. Vgl. bereits SCHADEWALDT, a. O., 25 ff.
17Mit Havelocks Versuch, die doxographischen Berichte zur Milesischen Philosophie im Sinne der Dominanz einer oralen Kultur umzudeuten und dabei die freilich geringen Zeugnisse für eine
authentische schriftliche Überlieferung zu übergehen, können wir uns hier im einzelnen nicht auseinandersetzen. Vgl. E. A. Havetock, The linguistic task of the Presocratics, in: Language and thought
in early Greek philosophy, 7 ff.
18 Dieser Gesichtspunkt wird viel zu gering veranschlagt von HavELOCK, a. O,, 80.
19 HaveLock, a. O., 20 ff; vgl. J. P. HersseLL, The oral-poetic religion of Xenophanes, in:
Language and thougth in early Greek philosophy, 125 ff.
20Es ist in diesem Zusammenhang nicht möglich, die außerordentlich komplizierte Frage des
Verhältnisses von philosophischem Inhalt und dichterischer Form im einzelnen zu erörtern, zumal sich
das Problem bei Xenophanes, Parmenides und Empedokles durchaus differenziert darstellt. Im Falle
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Was die Schriftlichkeit der frühen Prosa betrifft, so wird hier bisweilen ein
elementarer Gesichtspunkt vernachlässigt. Das Verhältnis zur Mündlichkeit und
zur oralen »performance« weist gegenüber der Dichtung einen grundlegenden Unterschied auf. Bei Prosatexten steht und fällt jegliche Überlieferung mit der Schriftlichkeit, während der Vers als mnemotechnisches Mittel bei der Dichtung auch eine Tradition außerhalb der Schriftlichkeit zuläßt. Zur herausragenden Rolle der
Schrift bei der Abfassung philosophisch-wissenschaftlicher Prosatexte — sie ermöglicht allererst die sich in der Anspannung des Begriffs artikulierende Entfaltung
abstrakten Denkens — kommt also die unerläßliche bewahrende Funktion,
die von Anfang an innerhalb einer sonst noch weitgehend oralen Kultur für den
Prosatext eine singuläre Situation schafft. Wie für keinen anderen gilt für den Prosatext, daß die Schrift ein brouvñoews pápuaxo (Platon, Phaidr. 275 A) ist.
Die Bewahrung von Texten in schriftlicher Gestalt hat für die Entstehung
eines wissenschaftlich-kritischen Denkens darüber hinaus eine inhaltliche Funktion, die mit großer Klarheit herausgearbeitet zu haben, das Verdienst von J. Goody
und I. Watt ist.21 Gegenüber dem »homöostatischen« Charakter einer rein oralen
Dichtung, deren Situationsgebundenheit zur Anpassung immer neu improvisierter Texte an gewandelte Rezeptionssituationen führt, entsteht mit der schriftlichen
Fixierung und Tradierung des Textes in einer bleibenden Gestalt die Möglichkeit, verschiedene Texte vergleichend nebeneinander zu stellen — ein Anstoß zu
kritischer Auseinandersetzung mit jeglicher Form von Tradition.
Ist diese Lösung aus der situativen Bindung des face to face, die auf frühen
Stufen der Literatur die Fixierung des Geschaffenen in einer bestimmten Gestalt
verhindert hatte, eine wesentliche Leistung der Schrift zu einer Zeit, als ansonsten
die »schriftlich fundierte Mündlichkeit« dominierte, so markiert die nächste Stufe
in diesem Prozeß der Objektivierung geistiger Leistung das Buch
im eigentlichen
Sinn des Wortes. Man hat treffend formuliert, daß das Buch im modernen Sinn
des Wortes entstand, als sich der Text vom Autor löste und begann, eine von ihm
unabhängige Existenz zu führen.22 Für die meisten literarischen Gattungen wurde
diese Stufe erst am Ende des 5. Jh. erreicht. Das philosophische Prosabuch des 6.
Jh. ging (wie das ethnographisch-historische) dieser Entwicklung voraus. Das bedeutet nicht, für diese Texte eine weite Verbreitung anzunehmen. Auch wenn
diese zunächst regional auf Kleinasien oder das westgriechische Gebiet beschränkt
blieben, waren jedoch Möglichkeiten einer schriftlichen Tradition gegeben.
des Parmenides hat K. DeicHcrABer mit seiner Untersuchung »Parmenides’ Auffahrt zur Göttin des
Rechts« (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Abhandlungen der geistes- und sozialwiss.
Klasse, Jg. 1958, Nr. 11, Wiesbaden 1959) einen wichtigen Beitrag zur Beantwortung der Frage geleistet: »Warum schrieb Parmenides nicht in Prosa, wie es die ionischen Philosophen getan hatten und
wie es seine Schüler taten, Zenon und Melissos« (5).
21 Konsequenzen der Literalität, in: J. Goopy (Hrsg.), Literalität in traditionalen Gesellschaften,
übers. von F. Herbort und Th. Lindquist. Frankfurt a. M. 1981, 49 ff., 75 ff.
22Turner, a. O. 17.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Es ist charakteristisch, daß im 6. Jh. neben Kleinasien der westgriechische
Raum, das sog. Großgriechenland, in der Entwicklung von Philosophie und Wissenschaft einen zweiten, durch besondere Merkmale gekennzeichneten Schwerpunkt bildete, während das im Bannkreis der Tradition am längsten verharrende
griechische Mutterland erst im 5. Jh. in Gestalt von Athen auch Zentrum dieses
Teils der geistigen Kultur und damit auch einer besonderen Form der literarischen
Kommunikation wurde.
Über die historische Gestalt des Pythagoras haben wir nur wenige Informationen. Es spricht vieles dafür und wurde auch durch die neuere Forschung bestätigt, daß die Mischung von religiös-mystischen und wissenschaftlichen Elementen,
die für die westgriechische Philosophie bis zu Empedokles, d.h. bis tief ins 5. Jh.,
charakteristisch blieb, zunächst recht einseitig im religiösen Bereich verharrte.23
Im Pythagoreismus überwog zunächst diese Komponente, während wirkliche wissenschaftliche Leistungen möglicherweise erst auf einer späteren Stufe, im 5. Jh.,
zur Geltung kamen. Es würde unserer Grundthese vom inneren Zusammenhang
zwischen Schriftlichkeit und Zunahme der Rationalität und Wissenschaftlichkeit
in der philosophischen Weltorientierung entsprechen, wenn dieser Schritt mit den
ersten belegbaren Zeugnissen für publizierte Schriften im Pythagoreismus
in Form der mehr oder minder zahlreichen Werke des Philolaos verbunden wäre.24
Vieles scheint dafür zu sprechen, daß der Pythagoreismus in den Städten Unteritaliens seine starke Wirkung, die sich nicht zuletzt auch auf das politische Leben
erstreckte,25 zunächst vor allem als Vertreter einer bestimmten Lebensform, eben
des Iludayópetos Bios, und spezifischer, mit ihr verbundener ethischer Vorschriften und Lebensregeln entfaltete. Die bekannten Elemente des Pythagoreismus wie
die Lehre von der Seelenwanderung und damit zusammenhängende Speiseverbote
sowie die ihnen zugrunde liegenden religiösen Vorstellungen wurden dabei wahrscheinlich in Form von Weisheitslehren formuliert, die in dem streng esoterischen
Bund der Pythagoreer mündliche Verbreitung fanden.
Für einen betonten Gegensatz zwischen »Drinnen« und »Draußen« gibt es
mancherlei Anzeichen. So könnte der an den Mathematiker Hippasos gerichtete Vorwurf, mathematische Lehren öffentlich verbreitet zu haben, auf ein strenges
Geheimnisgebot hindeuten, das bezeichnenderweise mit ersten Ansätzen wissenschaftlicher Beschäftigung im Pythagoreismus in Konflikt geriet. Auf Zusammenhänge mit einer ursprünglich ausschließlichen
Mündlichkeit
könnte generell
die bekannte Unterscheidung von »Akusmatikern« und »Mathematikern« hindeuten.26 Die Akusmata sind mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit als mündlich
23 Vgl. W. Burkert, Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon.
Nürnberg 1962, 98 ff., 142 ff.
24 BurKERT, a. O., 222 f.
25 Vgl. K. von Fritz, Pythagorean politics in southern Italy.
a. O., 36 ff.
26 BuRKERT, a. O., 181 ff.
New York 1940, 94 ff; VATAI,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)tradierte Regeln der oben beschriebenen Art zu begreifen. Auf diese ware der Begriff »Akusmatiker« zu beziehen, nicht auf einen angeblich niederen Status von
»Zuhórern/llq gegenüber den fortgeschrittenen »Mathematikern«. Mit Hippasos
wie mit Philolaos kommen wir bereits ins 5. Jh. Aus der Sicht der Kommunikationsformen geht es aber um Probleme, die eher der Endphase der sog. archaischen
Zeit im griechischen Geistesleben zuzurechnen sind.
Das gilt auch von Heraklit, bei dem Inhalt und Kommunikationsformen in
einer fruchtbaren Spannung stehen. In der gedanklichen Substanz ist Heraklit
uneingeschrankt Erbe und Fortsetzer des ionischen Geistes der Rationalität und
Wissenschaftlichkeit. Die sprachliche Form ist freilich ganz individuell gepragt
und läßt die Tendenz erkennen, mit den Mitteln einer strengen Stilisierung, höchster Konzentration und einer gewissen, bewußt eingesetzten »Dunkelheit« den Abstand der philosophischen Weltsicht von den Niederungen der Alltagsweisheit, dem
Geist der verständnislosen »Vielen«27, auch mit literarischen Mitteln herzustellen.
Bei Heraklit finden wir ein hohes Bewußtsein von der Mission des Philosophen als
Träger einer Weisheit, die für die Natur und das Zusammenleben der Menschen
gleichermaßen gültige Gesetze enthüllt, verbunden mit einer stolzen Zurückhaltung gegenüber der Öffentlichkeit, einer törichten Menge, die die Sprache des
Philosophen nicht versteht. Sein Rollenverständnis durchbricht die Schranken der
Tradition. Die Ablehnung der ererbten Stellung im Gemeinwesen ist wohl als ein
Rückzug zu verstehen, wahrscheinlich in einen Kreis von Auserwahlten.28 Mit
der öffentlichen Stellung der Dichter und »Weisen« ist dies nicht vereinbar. Bei
der Deutung der Kommunikationsformen, in denen sich die Philosophie Heraklits
darbietet, ist dies zu bedenken.
Der Philosoph bedient sich wie seine ionischen Vorgänger der Prosa, aber einer Prosa mit starken rhythmischen Elementen,
2? die, wie vielfach vermutet wurde,
von Formen religiöser Sprache beeinflußt sind, wohl mit der Intention, den Anspruch, auf den Grund der Dinge zu schauen, auch mit der sprachlichen Attitüde
»prophetischer« Verkündigung zu unterstreichen.3° Dazu kommt der gnomische
Charakter vieler der uns überlieferten philosophischen Aussagen, die von dem Be-
27Vgl. H. D. VorcriaznDER, Der Philosoph und die Vielen. Die Bedeutung des Gegensatzes der unphilosophischen Menge zu den Philosophen und das Problem des Arguments e consensu
omnium im philosophischen Denken der Griechen bis auf Aristoteles. Wiesbaden 1980.
28 Heraklit stammte aus einem aristokratischen Priestergeschlecht. Er soll zugunsten seines Bruders darauf verzichtet haben, dessen Erbe anzutreten (Diogenes Laertios IX 6).
29K. DeicuerABER, Rhythmische Elemente im Logos des Heraklit. Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Abhandlungen der geistes- und sozialwiss. Klasse, Jg. 1962, Nr. 9, Wiesbaden
1963.
30 Vgl. W. K. C. GuTHRIE, A history of Greek philosophy, I: The earlier Presocratics and Pythagoreans. Cambridge u.a. 1962, 413 ff. Daß trotz einer ausgeprägten Neigung zum Asyndeton bei
Heraklit ein »continuous and argued prose treatise« anzunehmen sei, ist auch die Auffassung von J.
Barnes, Aphorism and argument, in: Language and thought in early Greek philosophy, 91 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)streben geprägt sind, tiefste Einsicht in das widersprüchliche Wesen dieser Welt in
eine konzentrierte sprachliche Form zu giefen.
Daf eine solche sprachliche Gestalt zu mannigfachen Uberlegungen über das
Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit bei diesem Philosophen herausfordern mußte, liegt auf der Hand.31 Die Frage ist freilich, ob die Prämissen so
tragfähig für weitgehende Schlußfolgerungen sind, wie man vielfach gemeint hat.
Ist der gnomische und aphoristische Charakter vieler überlieferter Sätze eo ipso
Beweis für eine absolute Dominanz der Mündlichkeit in dem Sinne, daß die
»Sprüche« sich an einen Hörer wenden und, infolge ihrer inhaltlichen Konzentration und rhythmischen Gestaltung, durch leichte Memorierbarkeit eine mündliche
Tradition in erster Linie anstreben??? Kann man soweit gehen, den originären
Buchcharakter
eines vorauszusetzenden Werkes in Zweifel zu stellen, da es
sich in Wahrheit nur um eine nachträgliche, vielleicht nicht einmal vom Philosophen selbst vorgenommene Sammlung von isolierten Aphorismen handle?33
Es scheint am Platze, nochmals an bestimmte Grundprinzipien zu erinnern,
die für die frühen Kommunikationsformen der ionischen Philosophie angenommen
wurden. Die Grundlage des Philosophierens bildeten wohl auch bei Heraklit Erörterungen in einem kleinen Kreis philosophischer Anhänger. Manches könnte dafür
sprechen, daß die stilistisch ausgeformte Vorgabe von Anfang an eine größere Rolle als bei anderen frühen Philosophen gespielt hat. Dann wären die in sprachlich
hochkonzentrierter Form geprägten Erkenntnisse des Meisters im kleinen Zirkel
erörtert worden. Der kaum ausschöpfbare Gehalt mancher Aussagen könnte auf
einen solchen Diskussionsbedarf deuten. Auch hier wie bei den Vorgängern könnte im Ergebnis solcher Vorstufen ein Buch, das Buch entstanden sein, das den
Extrakt dieser Weltsicht liefert. Es ausschließlich für das Ergebnis einer lockeren,
additiven Zusammenstellung zu halten, verbietet sich fast angesichts der methodischen Absichtserklärung zu Beginn des Werkes: »Für der Lehre (Aöyog) Sinn, wie
er hier vorliegt, gewinnen die Menschen nie ein Verständnis, weder che sie ihn vernommen noch sobald sie ihn vernommen. Denn geschieht auch alles nach diesem
Sinn, so gleichen sie doch Unerprobten, so oft sie sich erproben an solchen Worten und Werken, wie ich sie erörtere, nach seiner Natur ein jegliches zerlegend und
erklärend, wie es sich verhält. Den anderen Menschen aber bleibt unbewußt, was
31 Vgl. Nıeppu, Testo, scrittura, libro nella Grecia arcaica e classica, a. O., 114 ff; HaveLock,
The linguistic task of the Presocratics, 7 ff; Kann, a. O., 114 ff.
32 HaveLock, The linguistic task of the Presocratics, 10.
33Bereits H. Diets, Herakleitos von Ephesos. Berlin? 1909, XIII £, vertrat die Auffassung,
es handle sich um eine Aphorismensammlung. Kirk nahm eine nachträgliche Sammlung und Veröffentlichung ursprünglich nur miindlich existierender Sprüche durch einen Schüler an (Heraclitus. The
cosmic fragments, Cambridge 1954, 7). Für den inneren Zusammenhang eines nach einem einheitlichen Plan gestalteten Werkes trat mit überzeugenden Gründen ein CH. H. Kann, The art and thought
of Heraclitus, Cambridge 1979. Den diskursiven Zusammenhang zumindest einer bedeutenden Gruppe von Fragmenten hat U. Höuscher bewiesen: Heraklit zwischen Tradition und Aufklärung, Antike
und Abendland 31, 1985, 1 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)sie nach dem Erwachen tun, so wie sie das Bewußtsein verlieren für das, was sie
im Schlafe tun« (Fr. 1 D.-K.).34 Der Logos, von dem hier die Rede ist, schillert in
mehreren Facetten: es ist die Lehre und ihr Inhalt, das Weltgesetz Heraklits, aber
es ist doch wohl auch das Buch,35 auf dessen Inhalt es vorausdeutet. Im Sinne
des oben Ausgeführten hat der Philosoph bereits im engeren Kreis der Mitdiskutanten schlechte Erfahrungen mit der Verständnisfähigkeit der Menschen gemacht
und erwartet nun Ähnliches erst recht für künftige Rezipienten des Ganzen.
Daß hier an eine »performance< des Werkes gedacht wäre, ist beim Charakter
dieser höchst anspruchsvollen Prosa, die ein wiederholtes Studium voraussetzt,
36
von vornherein unwahrscheinlich. Die Hinweise auf ein »Hören« (äxobaat und
&xovoavtes, von Diels mit »vernehmen« übersetzt), beweisen nichts für eine solche Art der Mündlichkeit. Man könnte sie allenfalls auf die angenommenen Erörterungen im kleinen Kreis beziehen. Aber in Wahrheit geht es um etwas Anderes.
Es ist längst erkannt und auch für unseren Zusammenhang herangezogen worden, daß auch die Griechen wie wir »hören« im Sinn von »zur Kenntnis nehmen«
verwendet haben. Deichgräber hat diesen Gedanken in den spezifisch antiken Zusammenhang gerückt,37 indem er auf die dominierende Sitte des lauten Lesens
auch beim Einzelleser verwies; »Lesen« ist so identisch mit »Hören«, wie ja auch
der Verfasser von sich selbst konstatiert: »Von allen, deren Worte ich vernommen,
gelangt keiner dazu zu erkennen, daß das Weise etwas von allem Abgesondertes ist” (Fr. 108 D.-K.). Es wäre unwahrscheinlich anzunehmen, Heraklit, dem
das Denken seiner Vorläufer in Dichtung und Philosophie in bestimmten Teilen
präsent ist,38 habe diese Kenntnis ausschließlich oder überwiegend als Rezipient
múndlicher »performance< erworben, was freilich für den rhapsodischen Vortrag
von Dichtung teilweise gelten mochte.
Il.
Die Demokratie schuf eine Grundlage für die Erorterung philosophischer
Fragen in einer bis dahin undenkbaren großen Offentlichkeit durch das ihr immanente Prinzip der Diskussion alles dessen, was für die Gemeinschaft der Polis-
34 Vel. G. S. Kirk, J. E. Raven and M. ScHorieLp, The presocratic philosophers. Cambridge?
ua. 1983, 184, die freilich auch weiterhin mit der Môglichkeit einer nachträglichen Sammlung von
Aphorismen, versehen mit einer speziellen Einleitung, rechnen.
35»Aóyog ist zugleich der des Buches und der Welt... 6ôe kann zu Beginn der Schrift wohl nur
auf diese selbst verweisen«, DieLs-KraAnz, Die Fragmente der Vorsokratiker, 1. Berlin? 1959, 150.
36Kann, The art and thought of Heraclitus, 116. Zu dem Schluß, daß es sich um ein Werk
für Leser handelt, obwohl der Philosoph der Form nach spreche, als ob er zu Zuhörern redet, gelangt
auch HéLscHER, a. O., 23.
37 Rhythmische Elemente im Logos des Heraklit, 5 ff.
38Vgl. A 1 D.-K. und dazu Kırk-RAven-ScHorieLn, 151 f.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)bürger wesentlich war.3? Das betraf neben den aktuellen Fragen politischer EntscheidungssituationenW die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens,
die politischen Strukturen und die rechtlichen Normen.*! Dieser Geist freier Diskussion übertrug sich auch auf Aspekte der Lebens- und Weltanschauung, wie sie
im Theater zunächst im religiösen Kontext, später mit zunehmender Freiheit
erörtert wurden: die Stellung des Menschen in der Welt, sein Verhältnis zu den
göttlichen Mächten, die Frage nach Schicksal und Selbstverantwortung, Notwendigkeit und Freiheit. Die »Isegorie«, das gleiche Recht auf Meinungsäußerung, ein
Kernstück der demokratisch konstituierten Polisgesellschaft, hatte in bestimmten
Grenzen die »Parrhesie« im Gefolge, das Recht, »alles zu sagen«. Y Vieles gewann
hier eine Eigendynamik, die weit úber das hinausging, was die Demokratie mit
sich gebracht hatte oder doch zu tolerieren bereit war. Das galt besonders, wenn es
um Probleme ging, die die politischen und geistigen Grundlagen des Bestehenden
in Frage stellten: úber die
Gleichheit der
lungen von der Gleichheit
Búrger
hinausgehende Vorstelaller Menschen oder Formen einer radikalen
Religionskritik, die die traditionellen Gottesvorstellungen aufhoben. Davon wird
noch im einzelnen zu sprechen sein.
Die Herausbildung der Philosophie um 600 v.
Chr. hatte die Entstehung
eines Weltbildes zur Folge, das die großen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten des Kosmos in rationaler Weise zu erkláren versuchte. Die Naturphilosophie
des 5. Jh. setzte diese Entwicklung fort.
In den Weltbildern des Empedokles,
des Anaxagoras und der Atomisten Leukippos und Demokrit gelangte sie zu ihrer Vollendung. Letzte Elemente mythischen Denkens, die bei Empedokles noch
auftreten, werden bei Anaxagoras und den Atomisten Leukippos und Demokrit
beseitigt.
Diese Philosophen haben aber auch einen wesentlichen Ánteil an der
39 Vgl. K. RaarLaus, Des freien Bürgers Recht der freien Rede, in: Studien zur antiken Sozialgeschichte. Festschrift F Vittinghoff, hrsg. von W. Eck - H. Galsterer - H. Wolff. Köln - Wien
1980, 7 ff; ders., Die Entdeckung der Freiheit. Zur historischen Semantik und Gesellschaftsgeschichte eines politischen Grundbegriffs der Griechen, München 1985, 277 ff; R. K. Sıncraır, Democracy
and participation in Athens. Cambridge 1988; I. Oper, Mass and elite in democratic Athens. Rhetoric, ideology and the power of the people. Princeton 1989; M. I. Finey, Politics in the Ancient world.
Cambridge 1983, 70 ff, J. BLetcxen, Die athenische Demokratie. Paderborn 1985, 110 ff; D. Lorze,
Die Teilhabe des Bürgers an Regierung und Rechtsprechung in den Organen der direkten Demokratie
des klassischen Athen, in: E. Kluwe (Hrsg.), Kultur und Fortschritt in der Blütezeit der griechischen
Polis. Berlin 1985, 52 ff, Cur. MEIER, Bürger-Identität und Demokratie, in: Chr. Meier — P. Veyne,
Kannten die Griechen die Demokratie? Berlin 1988, 47 ff; M. H. Hansen, Was Athens a democracy?
Popular rule, liberty and equality in ancient and modern thought. Copenhagen 1989.
40 Vgl. E. KLuwe, Meinungsbildung in der athenischen Polis und ihren Gliederungseinheiten.
Oikumene 4, 1983, 25 ff.
41 Zur Diskussion über diese Fragen als Aufgabe des Redners und Sophisten vgl. R. MULLER,
Die Sophistik und die theoretische Begründung der Demokratie, in: Polis und Res publica, 191 f.
42 Vgl. G. Tarkiainen, Die athenische Demokratie, aus dem Finnischen übers. von R. Okquist, Zürich/Stuttgart 1966, 329 ff., RaAFLAUB, Des freien Bürgers Recht der freien Rede, 18; ders.,
Die Entdeckung der Freiheit, 280 ff., zeigt die Aktualisierung des Gesichtspunktes der Redefreiheit
gegenüber dem der Redegleichheit besonders in den späten 30er und frühen 20er Jahren des 5. Jh.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)»anthropologischen Wende«, die sich in der Philosophie des 5. Jh. vollzieht. Indem sie auch die Entstehung der Kultur zum Gegenstand ihrer Untersuchungen
machen, tragen sie (wie auf andere Weise im Evolutionsdenken und in der Ethik)
dazu bei, das gesteigerte Interesse des neuen Jahrhunderts am Menschen und seinen Existenzbedingungen zu befriedigen. Sie trafen sich in diesem Interesse mit
den Sophisten, die nicht nur einen entscheidenden Beitrag zur Herausbildung der
antiken Sozial- und Kulturphilosophie leisteten, sondern auch zu den eigentlichen
Begründern der Humanwissenschaften wurden.43
Athen war im 5. Jh. erstmals zu einem Zentrum philosophischen Denkens in
Griechenland geworden, entsprechend der führenden Stellung, die die Stadt auch
in allen übrigen Bereichen der Kultur einnahm.** War bis dahin die Entwicklung
der Philosophie an dieser Stadt im wesentlichen voriibergegangen, so bedeutete
den entscheidenden Einschnitt die Ubersiedlung des Anaxagoras aus Ionien nach
Athen. Mit dem Philosophen Archelaos, dem Sophisten Antiphon und vor allem
mit Sokrates brachte Athen selbst Persönlichkeiten hervor, die mit eigenständigen,
im Falle des Sokrates umwälzenden Gedanken in die Entwicklung der Philosophie
eingriffen. Den Anschluß an die früheren Zentren sah man auch in einer persönlichen »Genealogie« symbolisiert: Archelaos, der Schüler des Anaxagoras, galt als
Lehrer des Sokrates und damit als Bindeglied zwischen den großen Perioden der
griechischen Philosophiegeschichte.
Das anthropologische Interesse verband diese Philosophen mit den Sophisten, die nun auch in ein vielfach enges Verhältnis zu Athen traten. Für die Zeit
um die Jahrhundertmitte sind mehrfache Aufenthalte des Protagoras, des bedeutendsten Sophisten, bezeugt.*% Wie Anaxagoras soll auch er in engere persönliche
Beziehungen zu Perikles, dem Führer der Demokratie, getreten sein. Ob wir berechtigt sind, geradezu von einem Kreis von Künstlern und Denkern zu sprechen,
der sich um den führenden Politiker geschart hat, ist mit den Mitteln der vorhandenen Überlieferung nicht zu entscheiden.4” Aber seine aufgeklärte, Künsten und
Wissenschaften verbundene Haltung trug gewiß dazu bei, bedeutende Persönlich-
43 Zur Bedeutung beider Bereiche für die anthropologische Wende in der Philosophie des 5. Jh.
R. Mutter, Naturphilosophie und Anthropologie in der Aufklärung des 5. Jh. v. u. Z., in: Polis und
Res publica, 152 ff.
44Vg. J. Pecirka, Die Kultur des Perikleischen Zeitalters und die Ideologie des Athenischen
Reiches, Graecolatina Pragensia 112, 1988, 51 ff.
45Der Zeitpunkt der Übersiedlung ist umstritten und schwankt zwischen 480 (Archontat des
Kalliades) und 456 (Archontat des Kallias), vgl. Diogenes Laertios II 7 mit widersprüchlichen Angaben
und dazu Guthrie, Il, 322 f.
4 Vgl. J. pe Romitty, Les grands sophistes dans l'Athènes de Pericles. Paris 1988.
47 Weitgehend spekulativ sind die Aussagen von F. SCHACHERMEYER, Perikles. Stuttgart-BerlinKöln-Mainz 1969, 185 ff.; ders. Geistesgeschichte der perikleischen Zeit. Stuttgart u.a. 1971, 83 ff;
vorsichtiger V. EHRENBERG, Sophokles und Perikles. München 1956, 114 ff. Eine besondere Rolle
bei der (von ihm zu spät angesetzten) Konstituierung der Philosophie als eigenständige Disziplin und
ihrer Offnung zu neuen Formen der Kommunikation mißt dem Zusammentreffen bedeutender Strömungen und Repräsentanten des Geisteslebens im Perikleischen Athen zu: A. Capizzi, I Presocratici
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)keiten in die Stadt zu ziehen. Auch Beziehungen zur praktischen Politik hat es
gegeben: Protagoras war als Gesetzgeber bei der von Athen initiierten Gründung
der gesamtgriechischen Kolonie Thurioi 444/443 tätig geworden,48 während der
Architekt und utopische Denker Hippodamos von Milet dort mit der Stadtplanung betraut wurde.*?
Diese Art von offizieller oder offiziöser Einbindung berühmter Gäste in das
öffentliche Leben des Gemeinwesens war keineswegs die Regel. Fragen wir, wie in
der vorausgegangenen Periode, nach dem sozialen Ort der Philosophie, so haben
sich nur teilweise Änderungen ergeben. Im Normalfall wirken die Philosophen als
Privatleute. Sie sind Mitglieder der sich herausbildenden selbständigen Schicht der
Intelligenz, die in sich freilich gegliedert ist. Die späten Vertreter der Naturphilosophie sind wohlhabend genug, um von ihrem Vermögen zu leben. Dagegen erfüllen die Sophisten bereits wesentliche Merkmale, die für Intelligenzschichten in aller
Zukunft maßgeblich werden sollten: Professionalität, Erwerb des Lebensunterhalts
durch geistige Tätigkeit, soziale und lokale Mobilität, ideologisch-legitimierende
Tätigkeit für unterschiedliche Schichten und politische Richtungen.
Ungeachtet der im Prinzip »privaten« Stellung der Philosophen weiß die
Überlieferung auch über andere Beziehungen zwischen Philosophie und politischer Praxis zu berichten.
Der hohe gedankliche Gehalt der Reden des Perikles
wird auf den Einfluß des Anaxagoras zuriickgefiihrt.5! Als Lehrer des Perikles
galt der Musiktheoretiker Damon.5? Schließlich wurde die Philosophie auch unmittelbar im Sinne der Aufklärung breiter Schichten wirksam.53 So zufällig und
anekdotisch auch manche Überlieferungen dieser Art scheinen mögen, vermitteln
sie doch einen Eindruck von der Weise, in der Philosophie in dieser Zeit einen
Platz im öffentlichen Leben finden und »praktisch« werden konnte. Philosophie
und Wissenschaft erreichten im 5. Jh. v. Chr. neben Baukunst, bildender Kunst,
Musik und Dichtung in Athen eine Höhe, die die kulturelle Anziehungskraft der
Polis mit bestimmte. Der Anspruch Athens, nicht nur die politische, sondern auch
die kulturelle Vormacht, nach den Worten des Thukydides »eine Bildungsstätte für
furono filosofi? Il circulo di Pericle e le origini dello specifico filosofico.
Giornale critico di filosofia
italiana 57, 1978, 311 ff.
48 Vgl. A. MENZEL, Protagoras als Gesetzgeber von Thurii, in: Hellenika.
Schriften. Baden bei Wien 1938, 66 ff.
Gesammelte kleine
4 A. Burn, Hippodamos and the planned city. Historia 25, 1976, 414 ff; R. Miter, Sozialutopisches Denken in der griechischen Antike, in: Polis und Res publica, 22 f.
50Vgl. R. Miter, Die Stellung der Sophisten in der griechischen Gesellschaft des 5. Jh. y. u.
Z. Index 17, 1989, 29 ff; D. L. BLANK, Socratics versus sophists on payment for teaching, Classical
antiquity 4, 1985, 1 ff.
51 Platon, Phaidros 270 A.
52 Damon als Lehrer des Perikles in der Musik und politischer Ratgeber: Aristoteles Ath. Pol.
27, 4; Plutarch, Perikles 4, 1 ff., Nikias 6, 1.
53 Nach Cicero, De rep. I 25, soll Perikles bei einer Sonnenfinsternis im Jahre 431 das Volk durch
Aufklärung über deren natürliche Ursachen (dank seiner bei Anaxogoras erworbenen Kenntnisse) vor
einer Panik bewahrt haben.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ganz Griechenland« zu sein, wurde auch auf diese Weise nachdrücklich unterstützt. Das Bild, das der Historiker in der Gefallenenrede des Perikles von den
kulturellen Aktivitäten der demokratischen Polis entwirft (II 38-41), schließt die
philosophisch-wissenschaftliche Komponente neben der ästhetisch-künstlerischen
ausdrücklich ein.
IL.
Bevor wir uns Athen und der besonders ausgeprägten Entwicklung neuer
Kommunikationsformen in dieser Stadt zuwenden, ist eine Gestalt des Ubergangs
zu würdigen, die in Inhalt und Form des philosophischen Denkens zwischen zwei
Welten steht: Empedokles. Ein Produkt der widerspruchsvollen Entwicklung in
der westgriechischen Philosophie, ist dieser Denker einerseits von Traditionen des
orphisch-pythagoreischen Weltbildes gepragt, andererseits ist er ein wichtiges Glied
in der Kette aufklärerischen Denkens, das dann in Anaxagoras und Demokrit seinen Gipfel erreicht.54 Die Mystik seiner Seelenwanderungslehre steht in deutlicher, aber keineswegs unauflöslicher Spannung zu der großen gedanklichen Kraft,
mit der Empedokles in die Diskussion um Sein und Werden, um Ursache und
Zweck, um Sinneswahrnehmung und Verstandeserkenntnis eingreift.5 Im Rückgriff auf das Lehrgedicht der älteren Tradition zugewandt, stellt er mit der spezifischen Gestalt seiner Werke einen Sonderfall dar, in der antiken Literatur nur zu
vergleichen mit dem Romer Lukrez, der ihn zu seinem literarischen Vorbild erkoren
hat. Daf sich Empedokles in seinem Werk »Uber die Natur« des hexametrischen
Lehrgedichts bedient, ist ein sekundärer Vorgang der Anverwandlung zeitgemäßer
philosophischer Inhalte an eine überkommene Form. Die besondere Leistung und
der Reiz des Werkes liegt in der Weise, in der sich die poetische Gestalt mit jenen
Elementen verbindet, die als Überstände des mythischen Weltbildes in diese Philosophie hineinragen: etwa die Benennung der Elemente als »Wurzelstoffe« oder
der bewegenden Kräfte des Weltprozesses im Bilde von »Liebe« und »Haf«.56
Wir können hier nicht im einzelnen darlegen, mit welchem Ziel und mit
welchen Mitteln sich Empedokles des epischen Sprachmaterials bediente und welche Veränderungen und Funktionswandlungen eingetreten sind, um auch sprachlich ein Weltbild zu formen, das dem Prinzip der »Rettung« der Welt der Dinge
vor der Erstarrung in einem ewig sich gleichbleibenden Sein dient. Das schwierige
Verhältnis von Inhalt und Form würde aber verfehlt, wollte man Empedokles (oder
54 GUTHRIE, II, 122 ff.
55C. H. Kaun, Religion and natural philosophy in Empedocles’ doctrine of the soul. Archiv für
Geschichte der Philosophie 42, 1960, 3 ff.
56 F. Soumsen, Love and strife in Empedocles’ cosmology. Phronesis 10, 1965, 123 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)seinen Antipoden Parmenides) als einen »oralen« Dichter bezeichnen.?’ Durch eine tiefreichende Entwicklung vom Epos und vom episch-mythischen Lehrgedicht
getrennt, ist Empedokles Exponent einer geistigen Revolution, die er nicht nur
nachvollzieht, sondern als eigenständiger Denker vorantreibt. Einen solchen Philosophen mit dem Etikett eines »oralen« Dichters zu versehen, hieße dem Wort
seinen Sinn zu nehmen.
Damit soll nicht ausgeschlossen werden, daß Empedokles seine Werke, zumindest die »Reinigungen« aus dem Geiste orphischer Mystik, auch vor einem
größeren Publikum vorgetragen hat.
Naturforscher und »Schamane«, Arzt und
Wundermann, ist Empedokles auch unter dem Aspekt der Kommunikation eine
schillernde Gestalt, in der Vergangenes und Künftiges sich mischen: Religion und
Philosophie, ein auf Massenwirkung zielendes öffentliches Auftreten und das Ringen um Erkenntnis tiefster Wahrheit. Der Empedokles des Werkes »Über die Nature, der sich in seiner Anrede an einen einzelnen, vielleicht einen Schüler, wendet,
betont die Distanz zum billigen Ruhm bei der Menge: »Doch, ihr Götter, dieser
Männer (?) Wahn lenkt ab von meiner Zunge, vielmehr aus heiligem Munde lasset reinen Quell erfließen...« (Fr. 3 D.-K.).58 Auf der anderen Seite haben wir
den populären Wundermann, der durch die Städte zieht und mit seinem Auftreten
Aufsehen erregt. Bezeichnend die Anrede auch hier: Statt des einen kundigen Gefährten die Vielen, die Zuspruch und praktischen Gewinn erhoffen: »Ihr Freunde,
die ihr die Stadt des gelben Akragas bis zur Akropolis hinauf bewohnt, besorgt um
gute Taten, seid gegrüßt! Als ein unsterblicher Gott, nicht mehr als ein Sterblicher
genieße ich unter euch allen Verehrung ...« (Fr. 112 D.-K.).52
Die öffentliche »performance« vor einem panhellenischen Publikum in Olympia ist für die »Reinigungen< bezeugt, für das philosophische Werk mit seinem
schwierigen Inhalt wohl weniger wahrscheinlich. Die Wirkung schriftlicher Tradition dagegen sehen wir in der Reaktion einer Schrift des Corpus Hippocraticum,
57 Vgl. bereits Nieppu, Testo, scrittura, libro nella Grecia arcaica e classica. 227 ff. (bes. Anm.
60 und 71) in Auseinandersetzung mit Havelock.
58 Daß der Geist beharrlichen Ringens um Erkenntnis der Wahrheit für den Verfasser des Werkes »Über die Natur« nicht unvereinbar ist mit der Verpflichtung, zum Nutzen der Gemeinschaft auch
praktisch wirksam zu werden (mit Heilmitteln gegen Krankheit und Alter und dem kühnen Versprechen einer Klimaregulierung), lehrt Fr. 111 D.-K. H. FLasHar legt in überzeugender Argumentation
die Echtheit des vielfach angefochtenen Fragments bzw. seine wirkliche Bedeutung dar: Empedokles
Fr. B 111 und seine Stellung im Lehrgedicht über die Natur, in: Eidola. Ausgewählte kleine Schriften.
Berlin 1989, 223 ff. Gegen die Auffassung, daß das Fragment, im Widerspruch zum wissenschaftlichen Geist des Werkes »Über die Natur« stehend, eigentlich eher den »Katharmoi« zugehörig erscheine,
sieht er hier eine Stütze für die innere Einheit des Gesamtwerks des Philosophen.
59 Übersetzung und Interpretation der Verse 1-9 bei W. Roster, Der Anfang der »Katharmoi«
des Empedokles. Hermes 111, 1983, 170 ff. Das starke Hervortreten der Selbstdarstellung in diesen
Versen sieht Rösler nicht nur in der literarischen Gattung des Lehrgedichts, sondern auch in der sozialen Situation der Konkurrenz zu Weihepriestern »orphischen« Typs begründet. Bemerkenswert für den
inneren Zusammenhang der Tätigkeit des Gelehrten und Wundertäters sind die Verse 10-12, die eine
deutliche Analogie zu Fr. 111 D.-K. in der Hinwendung zu praktischen Aufgaben bieten.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)»Uber die alte Heilkunst«, wo Empedokles als Repräsentant einer philosophisch
fundierten Medizin erscheint, zu der sich eine jüngere Generation von Empirikern
im Gegensatz sieht (20).60
Im ganzen gewinnt das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, dessen Hauptlinien in der vorausliegenden Epoche zu verfolgen waren, nun wesentlich
andere Züge. Hatte Empedokles mit dem Lehrgedicht an die westgriechische Tradition eines Xenophanes und Parmenides angeknüpft, so bedienen sich die anderen späten Vertreter der Naturphilosophie — Anaxagoras, Archelaos, Diogenes von
Apollonia, Leukippos und Demokrit — jenes sachbezogenen, nüchtern-rationalen,
vom Geist der Wissenschaft geprägten Prosastils, der sich in der ionischen Philosophie des 6. Jh. herausgebildet hatte.9! Gerade auch die Philosophie hat einen
wesentlichen Anteil an der Entstehung einer »Buchkultur«, von der seit dem letzten Drittel des 5. Jh. zu sprechen ist.
Wie bei den ersten Philosophen des 6. Jh. haben wir wohl auch bei Anaxagoras und seinen Zeitgenossen der endgültigen Buchpublikation eines Werkes eine
Phase vorgelagert zu denken, in der dieses im Kreis von Freunden und Schülern
diskutiert wurde. Auch hier scheint die Monographie unter dem traditionellen Titel Ilepi pucews den Endpunkt eines Reifungsprozesses darzustellen, mit dem der
Ertrag des jeweiligen philosophischen Neuansatzes einem breiteren Publikum und
der Nachwelt übergeben wurde. Bei Anaxagoras sind durch eine widersprüchliche
Überlieferung Zweifel entstanden, ob dieser Ertrag in Gestalt eines einzigen Werkes präsentiert wurde. Von ¿v còyypappa spricht Diogenes Laertios hinsichtlich
der Philosophen Melissos, Parmenides und Anaxagoras (I 16). Wenn man, wohl
zutreffend, bei Anaxagoras von
einem
Buch ausgeht, würde das bedeuten, daß
Spezialuntersuchungen zur Astronomie, Meteorologie und anderen Themen Bestandteile dieses Werkes waren.2 Wenn bei Platon (Apol. 26 D) von BBAta die
Rede ist, sind damit wohl mehrere Bücher eines Werkes bezeichnet.
Sehr bemerkenswert ist die Nachricht bei Diogenes Laertios (11 11), Anaxagoras sei der erste gewesen, der ein Buch mit einer (Prosa)darstellung herausgab
(rotos de "Avadayöpas xat BiBAtov ¿Zédwxe ouyypapis). Nach dem bisher
Ausgeführten muß die Erstlingsrolle erstaunen, die dem Philosophen hier zugeschrieben wird.
Ist gemeint, daß Anaxagoras als erster in
Athen
ein Werk
Tlept pucews herausgebracht habe, oder liegt der Ton auf »herausgab« (éEédwxe),
als Terminus technicus für die Publikation im kommerziellen Buchhandel, die im
60]. LoncricG, Philosophy and medicine, some early interactions. Harvard Studies in Classical
Philology 67, 1963, 152.
61 Vgl. THesLeFF, a. O., 92 ff.
62 Kirk - Raven — SCHOFIELD, a. O., 356. M. ScHorieLD, An essay on Anaxagoras. Cambridge
1980, 149, Anm. 61, hält es für möglich, daß neben dem Hauptwerk noch brouvpata über physikalische Spezialfragen existierten. In diesem Sinn könnte auch die Überlieferung über eine Schrift zur
Skenographie und Perspektive (Vitruv 7, Proóm. 11) gedeutet werden. Zur Kritik vgl. GuTHRIE,
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Bereich der Philosophie für Anaxagoras in der Tat erstmals bezeugt ist?©3 Das
überlieferte suyypaprig wurde nicht überzeugend durch die Konjektur tà ypxpñs
ersetzt, womit ein Buch mit Zeichnungen bezeichnet sein kônnte.64 Der Begriff
auyypaph ist aber im 5. Jh. der gängige Terminus für Prosaschriften unterschiedlicher Art: vom Vertragstext bis zur wissenschaftlichen Abhandlung.°° Mit Bezug
auf ein philosophisch-wissenschaftliches Werk erscheint er auch bei Diogenes von
Apollonia (Fr. 4 D.-K.).
Für die frühe Buchgeschichte bedeutsam ist die in Platons »Apologie« enthaltene Nachricht, Anaxagoras’ Buch sei auf dem Markt von Athen (auf der zu
diesem gehörigen »Orchestra«) für eine Drachme erhältlich gewesen, d. h. zu einem einigermaßen erschwinglichen Preis,66 der den Kosten für den Lebensunterhalt eines Tages entsprach. Bei Platon erscheint im »Phaidon« Sokrates als Leser
dieses Werkes (auch hier ist von »Büchern«, also wohl Bänden, die Rede). Sokrates’ Aufmerksamkeit war durch einen ungenannten Anderen geweckt worden, der
aus der Schrift las oder »vorlas«. Eifrig habe er selbst zu den Büchern gegriffen
und sie gelesen, so schnell er konnte, freilich enttäuscht von dem äußerst sparsamen Gebrauch, den Anaxagoras vom Nus als ordnendem Prinzip und Ursache
aller Dinge machte (97 B #.).67
Erscheint Sokrates im »Phaidon« also als »einsamer Leser«, so im »Parmenides« als Teilnehmer an einer öffentlichen Lesung, die Zenon vor zahlreichem
Publikum veranstaltete, anläßlich eines Besuches, den er gemeinsam mit seinem
Lehrer Parmenides bei den Panathenäen in Athen abstattete.68 Solche öffentliche Lesungen sind uns auch für Prosaautoren anderer Gattungen wie Herodot und
mehrere Sophisten anläßlich panhellenischer Spiele bezeugt.$? Im Unterschied zu
Diskussionen im kleinen Kreis
vor der Veröffentlichung begegnet uns also hier
die Lesung als eine Form der Publikation, gleichfalls begleitet von Diskussion
durch das anwesende Publikum (127 A ff.). Die Schrift sei auf diese Weise erstmals in Athen offiziell bekannt geworden, obwohl sie bereits (angeblich gegen den
Willen des Autors) vorher ans Licht der Öffentlichkeit gekommen war, was sich
hier wohl auf private Abschriften von Interessierten bezieht.
63Nieppu, Testo, scrittura, libro nella Grecia arcaica e classica, 242.
64Bezogen auf astronomische (Nieddu) oder wissenschaftlich-technische Texte (Ugolini, vgl.
Anm. 84), wobei z. B. an die skenographische Schrift gedacht werden könnte.
65 Vgl. Kann, Philosophy and the written word, 111.
66 Aus dem relativ geringen Preis von einer Drachme wird zu Recht geschlossen, daß das Werk
des Anaxagoras keinen großen Umfang haben konnte. Vgl. Kirk — Raven - SchorIELD, a. O., 356 f,
mit den detaillierten Berechnungen von A. H. M. Jones zu den Herstellungskosten (357, Anm. 1).
67 Aristoteles, Metaph. I 4, 985 a 18 ff.
68 Zur Kommunikationssituation ausführlich Nieppu, Testo, scrittura, libro nella Grecia arcaica
e classica, 236 ff.
69 Zur Überlieferung über Lesungen Herodots vgl. Preirrer, a. O., 49, Anm. 69; zu den Sophisten unten S. 47.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Daf es für die kommerzielle Verbreitung philosophischer Werke ein interessiertes Publikum gab, bezeugen mancherlei zeitgendssische Quellen. Xenophon
läßt Sokrates in den »Memorabilien« erklären, daß er die Schätze, die die Weisen
der Vergangenheit in ihren Büchern niedergelegt haben, aufspüre und mit seinen
Freunden durchgehe (I 6, 14). Interessant ist das gleichfalls in den »Memorabilien« überlieferte Beispiel des jugendlichen Enthusiasten Euthydemos, der aus seiner
Sammlung der Schriften von Dichtern und »Sophisten« bereits glaubt schließen zu
können, daß er seinen Altersgenossen an Wissen weit voraus sei (IV 2, 1), wobei die Sammlung neben dem ganzen Homer philosophische und Fachschriften
verschiedener Art zu enthalten schien (IV 2, 8)./0 Diese Zitate sind sehr aufschlußreich für das Verständnis der vieldiskutierten Stelle in Platons »Phaidros«,
an der der Philosoph beklagt, daß die Schriften »umherschweifen« unter solchen,
die sie verstehen, aber eben leider auch unter jenen, für die sie nicht bestimmt
seien (275 D ff.)./1
Auch in anderer Hinsicht entwirft der »Phaidros« ein lebendiges Bild vom
Literaturbetrieb, so vom Wettbewerb zwischen Rednern und Philosophen.
Der
junge Phaidros ist von einer literarischen Neuerscheinung, dem »Erotikos« des berühmten Redners Lysias, so begeistert, daß er sich diesen Text vom Autor mehrmals vorlesen ließ, um dann auch im Buch selbst nachzulesen, das er bei einem
Spaziergang unter dem Mantel mit sich trägt (227 A ff.), für Sokrates Anlaß,
die Schrift des Redners (230 E ff.) mit den Mitteln des Philosophen zu überbieten.?2
Breitere Leserkreise wurden in dem Maße erreicht, in dem das geistige Leben Athens sich reicher entfaltete und auch Angehórige der Oberschicht ergriff,
die kein spezielles Fachinteresse verfolgten, sondern nur an der höheren Bildung
teilhaben wollten. Solche Tendenzen sind auch für die Geschichtsschreibung vorauszusetzen, die in der zweiten Hälfte des 5. Jh. offenkundig unter dem Einfluß
einer sich entfaltenden Buchkultur neuen Ansprüchen zu genügen vermochte. Das
Geschichtswerk des Thukydides setzt einen gebildeten Leser voraus, der in der
Lage ist, die durch eine hohe gedankliche und sprachliche Komplexität ausgezeichneten »Reden« aufzunehmen, die sich nur einem sehr aufmerksamen Rezipienten
erschließen. Wenn der Historiker den Anspruch erhebt, einen »Besitz für immer«,
nicht ein Prunkstück für den Hörer des Augenblicks zu schaffen, gehen die gegenüber der Mündlichkeit voll etablierte Schriftlichkeit (noch Herodot hatte seine
Logoi zunächst vorgetragen) und die erhoffte Dauer des Werkes eine enge Verbindung ein. Die verheißene tiefere Einsicht in das Wesen historischer Vorgänge ist
70 Zur Fachliteratur unten S. 44 f.
71 Vgl. dazu R. Matter, Literarische Kommunikation in Griechenland im 5. und 4. Jh. v. u. Z.,
20 f., und die dort genannte Literatur.
72 Zur umstrittenen Frage der Treue in der Wiedergabe des Lysias-Textes P. FRIEDLANDER, Piaton, III, 2Berlin 1960, 203.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)in deutlicher Analogie zum philosophischen Blick hinter die Welt der Phanomene
zu sehen (I 22).73
Einen bestimmten Grad von Offentlichkeitswirkung unter Gebildeten setzt
die Nachricht voraus, daf die Schrift des Protagoras »Über die Götter« im Gefolge eines gegen ihn gerichteten Asebieprozesses öffentlich verbrannt wurde (Cicero,
De nat. deor. I 63).74 Ein Herold soll die Texte von denen, die sie besaßen, abgefordert haben (Diogenes Laertios IX 52). Die extreme Maßnahme der Bücherverbrennung läßt auf eine gewandelte Kommunikationssituation schließen. Durch
die Publikation, die das Werk vom Autor löst und Dauer verheißt, entstehen neue
Probleme. Es reicht nicht mehr aus, den anstößigen Denker vom Ort seines Wirkens durch Verbannung zu entfernen. Nun vernichtet man auch seine Schriften,
um den Einfluß seiner Gedanken zu verhindern.?5
Auch von den Gedanken der Naturphilosophen kann man wohl annehmen,
daß sie auf Umwegen (von denen noch zu sprechen sein wird) zumindest in ihrem
ungefähren Gehalt ein größeres Publikum erreichten. Das galt sogar von anstößigen und provozierenden Ideen, wie das bei Anaxagoras (und Protagoras) der Fall
war. Anaxagoras geriet in gefährliche Bereiche mit seiner Auffassung von der Natur der Himmelskörper, einem mit starken religiösen Tabus befrachteten Thema,
wie im 4. Jh. noch bei Platon und Aristoteles zu beobachten ist. Anaxagoras vertrat
die Lehre, daß es sich bei der Sonne und den Gestirnen um glühende Gesteinsmassen handele, wobei ihn der Niedergang eines Meteors bei Aigospotamoi im Jahre
468 v. Chr. in seiner Auffassung bestärkt hatte.?6 Diese Lehre wurde zum hauptsächlichen Stein des Anstoßes, als konservative Kräfte gegen den Philosophen mit
einem Asebieprozeß vorgingen.?? Für das Phänomen einer Halbóffentlichkeit, die
sich im Gefolge solcher anstößigen Lehre herausbilden konnte, ist der Fall des
Anaxagoras von besonderem Interesse. Plutarch berichtet, daß der Philosoph eine wissenschaftliche Erklärung der Mondfinsternis gegeben habe, diese aber ein
73Vgl. K. von Fritz, Die griechische Geschichtsschreibung. I, Berlin 1967, 544.
74 Zum Asebieprozeß gegen Protagoras und zur Bücherverbrennung vgl. W. Spever, Bücherverbrennung und Zensur des Geistes bei Heiden, Juden und Christen. Stuttgart 1981, 46, über die
umstrittene Historizität der Nachricht ebda, Anm. 16. Obwohl Protagoras im Hinblick auf die Götter einen agnostischen Standpunkt vertrat, wurde er oft zu den &Beo: gezählt. Vgl. M. Wintarczyk,
Wer galt im Altertum als Atheist? Philologus 128, 1984, 177 f; ders., Methodisches zum antiken
Atheismus. Rheinisches Museum 133, 1990, 14. Atheistische Schlußfolgerungen waren auch naheliegend, wenn von Protagoras die Frage nach den Göttern in den Bereich des vowog gerückt wurde. Vgl.
C. W. Mutter, Protagoras über die Götter, in: Sophistik, hrsg. von C. J. Classen. Darmstadt 1976,
321; über den Zusammenhang dieser Auffassung mit der Kulturtheorie des Protagoras R. MULLER,
Naturphilosophie und Anthropologie in der Aufklärung des 5. Jh. v. u. Z., 163 £.
75Vgl. Nieppu, Testo, scrittura, libro nella Grecia arcaica e classica, 252 f.
76 Zu Datierungsproblemen bei Anaxagoras J. MansreLp, The chronology of Anaxagoras’ Athenian period and the date of his trial. Mnemosyne (1) 32, 1979, 39 ff; (II) 33, 1980, 17 ff. (Ansetzung
des Werkes auf ca. 440 v. Chr.).
77 Die Historizität des Prozesses bezweifelt wohl zu Unrecht J. K. Dover, The freedom of the
intellectual in Greek society. Talanta 7, 1976, 27 f.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)»Geheimnis einiger weniger war, denen sie mit einer gewissen Vorsicht und im
Vertrauen mitgeteilt wurde. Die Athener ertrugen namlich die Naturphilosophen
und Himmelsschwätzer, wie sie damals hießen, nicht, weil sie, wie man meinte,
das Göttliche in unvernünftige Ursachen, blindwirkende Kräfte und notwendige
Wirkungen auflösten« (Nikias 23).
Die geschilderte Situation mußte sich auf einen Zeitpunkt vor der allgemeinen Zugänglichkeit des Buches des Philosophen beziehen.’8® Danach bestand
bei bestimmten Kreisen sogar ein Interesse, solchen Dingen auf dem Wege einer
Anklage große Publizität zu verschaffen. Über die politischen Motive derartiger
Maßnahmen, die sich auf Stimmungen gerade auch bei den unteren Schichten
stützen konnten, werden wir noch ausführlicher zu sprechen haben./? Nach Berichten bei Plutarch und Diodor soll Diopeithes, ein berufsmäßiger Orakeldeuter,
um 438/37 v. Chr. einen Volksbeschluß herbeigeführt haben gegen jene, die nicht
die »göttlichen Dinge anerkennen oder Lehren über Himmelsphänomene verbreiten« (Plutarch, Perikles 32; Diodor XII 38).80 Aus Platons »Apologie« können
wir entnehmen, daß der Vorwurf, er habe die Sonne einen glühenden Stein genannt, vom Ankläger Meletos auch gegen Sokrates vorgebracht wurde, der unter
Verweis auf das überall käufliche Werk des Anaxagoras erwiderte, er werde hier
wohl mit diesem verwechselt (26 D). Daß zumindest unter den Gebildeten diese
Dinge als bekannt vorausgesetzt werden, betont Sokrates mit der ironischen Frage, ob der Ankläger wohl die Richter (des Volksgerichts, das sich aus Angehörigen
aller Schichten zusammensetzt) für so ungebildet halte, daß sie nicht wüßten, daß
die Bücher des Anaxagoras voll von diesen Lehren seien.
Auch sonst hat Anaxagoras Gegenstände untersucht, die von der Aura des
Geheimnisvollen umgeben waren, wie die Entstehung des Regenbogens, des Erdbebens, der Blitze, der Sonnen- und Mondfinsternis.
Wir hatten bereits gesehen, daß im letztgenannten Fall ein öffentliches Interesse an Aufklärung bestehen
konnte, wenn das Volk durch solche Erscheinungen in Angst und Unruhe versetzt war.
Nicht nur bei den Philosophen wurden wissenschaftliche Spezialfragen in
Buchpublikationen erörtert.
Neben der breit entfalteteten medizinischen Literatur8l gab es jetzt Fachbücher über Mathematik, Astronomie, Meteorologie, über
Architektur, Städtebau, bildende Kunst und Bühnentechnik.
Polyklet behandelte in seiner Schrift »Kanon« die Lehre von den Proportionen des menschlichen
Körpers und ihrer künstlerischen Darstellung, damit auch Geheimnisse des künstlerischen Schaffensprozesses zum Gegenstand rationaler Durchdringung machend.
78Es konnte sich z. B. um Privatabschriften handeln, die vor dem kommerziellen Vertrieb des
Werkes bereits in kleinen Kreisen zirkulierten.
79 Vgl. unten S. 58 ff.
80 Zum Datum des Prozesses MANSFELD, a. O,, Il, 69 ff.
81 Vgl. J. KoLLescH, Darstellungsformen der medizinischen Literatur im 5. und 4. Jahrhundert
v. Chr.
Philologus 135, 1991, 177 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Diese Schriften môgen je nach ihrem Thema ein sehr enges oder weiteres Publikum erreicht haben, prinzipiell gewann auch dieser mit der Philosophie mehr
oder weniger eng verbundene Bereich der Wissenschaft ein neues Terrain fur die
schriftliche Kommunikation.82
Besonders eng gestaltete sich die Beziehung von Philosophie und Fachwissenschaft bei Demokrit, neben Aristoteles dem bedeutendsten Universalgelehrten
der Antike.83 Er hat seine Forschungsergebnisse in zahlreichen Einzelschriften
dargestellt, von denen 52 in der rômischen Kaiserzeit zu einem Corpus zusammengefaßt wurden. Diese Schriften umfassen neben den eigentlich philosophischen Themen eine Fülle von unterschiedlichen Gegenständen wie Mathematik,
Musik, Medizin, Ackerbau, Malerei. Allerdings sind unter den zahlreichen Demokrit zugeschriebenen Schriften auch Fälschungen gewesen. Diese breite literarische
Produktion eines Philosophen stellt eine Neuerung gegenüber den älteren Naturphilosophen dar, die, wie wir sahen, ihre Gedanken in kürzeren Prosabüchern (bzw.
in Lehrgedichten) dargelegt hatten. Im Unterschied zu späteren Vielschreibern wie
dem Stoiker Chrysippos zeichneten sich aber Demokrits Werke durch einen guten Stil aus, wie schon die antike Stilkritik vermerkte. Eine ähnliche Bewertung
fand auch der Stil des Anaxagoras. Da es sich hier um einen wichtigen Aspekt der
literarischen Wirkung der Philosophie handelt, seien diesen Fragen noch einige
Bemerkungen gewidmet.
Wie bei allen uns nur fragmentarisch überlieferten Texten ist es auch im Falle
des Anaxagoras schwierig, in dieser Hinsicht zu begründeten Aussagen zu gelangen. Eingehende Untersuchungen haben aber gezeigt, daß der Stil dieses Philosophen, in sich sehr differenziert, unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden
vermochte: dem emotionalen Bedürfnis nach Ausdruck einer visionären Weltsicht
durch Anlehnung an Formen des traditionellen Hymnenstils; den Anforderungen
rational-wissenschaftlicher Darlegung durch eine Mischung von para- und hypotaktischen Strukturen, die es gestatten, den Aufweis der Grundgedanken und generellen Behauptungen durch detaillierte Argumentation und Begründung zu ergänzen; insgesamt eine Verbindung von Schlichtheit und Würde, die aus dem Bewußtsein erwächst, Wesentliches sagen zu können.®* Eine Verbindung von rationaler
Durchsichtigkeit und Würde proklamiert für sein eigenes Werk auch Anaxagoras’
Zeitgenosse Diogenes von Apollonia im Einleitungssatz: »Wer eine Rede anfängt,
bei dem muß stets, scheint mir, der Anfang (Ausgangspunkt), den er darbietet, unbestreitbar sein, die Ausdrucksweise aber einfach und würdig« (Fr. 1 D.-K.).
82 Zur Produktion von Fachbüchern Nieppu, Testo, scrittura, libro nella Grecia arcaica e classica, 259.
83 Uber den bedeutenden Beitrag Demokrits zur Verbreitung der Schriftlichkeit PFEIFFER, a. O.,
63 ff, GuTHRIE, II, 388 f.
84Vgl. ScHorieLp, a. O., 40 ff, ThesLerr, a. O. 93 £; Gu. Ucorint, Appunti sullo stile di
Anassagora. Elenchos 6, 1985, 315 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Nicht nur inhaltlich, sondern auch formal war die Schriftstellerei Demokrits85 offenbar facettenreich. Sein Stil fand in späterer Zeit bei Cicero und Dionysios von Halikarnaß hohe Anerkennung, da er bei aller Sachbezogenheit nicht
der sprachlichen Glanzlichter entbehrt habe (A 34 D.-K.). Bei der großen Mehrzahl der ethischen Fragmente wirft deren gnomische Form ähnliche Probleme auf
wie bei Heraklit, vor allem was die Frage nach der Struktur des Ganzen betrifft.
Dieser Teil des Demokritischen Werkes scheint sich als eine lose Verbindung von
Aphorismen darzubieten. Die eindeutigen inhaltlichen Beziehungen zwischen den
ethischen Prinzipien und der Naturphilosophie Demokrits, die in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher herausgearbeitet wurden, zeigen, daß diese lockere formale Struktur ein bestimmtes Maß an gedanklicher Präzision und Homogenität
nicht ausschloß. Um so mehr hebt sich der gnomische Charakter der meisten
ethischen Fragmente vom deskriptiven und argumentierenden Stil der naturphilosophischen Texte ab.
Von weitreichender Bedeutung auch für die Entwicklung der literarischen
Kommunikation war Sokrates. Obwohl er selbst sich nicht in Schriften geäußert
hat, löste seine Art, mit den Mitbürgern in ein Zwiegespräch über Grundfragen
der menschlichen Existenz einzutreten, auch literarisch eine äußerst nachhaltige
Wirkung aus. Sokrates war zugleich Bestandteil und Antipode der attischen Aufklärung. Vertreter der Aufklärung war er mit der unbedingten Konsequenz, mit der
alles philosophische Fragen auf die Lebensprobleme des Menschen abgestellt wurde; ihr Antipode in dem Bestreben, die von zeitgenössichen Denkern gewonnene
Erkenntnis von der historischen Bedingtheit aller Normen und Werte zu überwinden. Um bleibende Werte zu gewinnen und zu befestigen, bediente er sich in
seinen Gesprächen der Methode induktiver und definitorischer Verfahren.
Im Hinblick auf die Kommunikation entscheidend ist die sokratische Methode, durch eine spezifische Form der Gesprächsführung an die beim Mitunterredner vorhandenen Auffassungen anzuknüpfen und sie einer dialektischen Prüfung
zu unterziehen, sie zu billigen oder zu widerlegen.8° Ihre volle philosophische
Kraft und ihre literarische Gestalt fand diese Methode erst im Platonischen Dialog. Ob und in welchem Maße die Anfänge des philosophischen Dialogs auch in
der Sophistik zu suchen sind, ist eine umstrittene Frage.8” In welcher Form Sokratesschüler bereits von Platon den Dialog zur Darstellung philosophischer Zu-
85 Zum Stil Demokrits W. Schmib — O. STAHLIN, Geschichte der griechischen Literatur, I 5,
2. H. 2. Abschnitt. München 1948, 324 ff.
86R. Hanke, Der maieutische Dialog. Kommunikationswissenschaftliche Untersuchung zur
Struktur und Anwendbarkeit eines Modells. Aachen 1986.
87 Vgl. R. Hirzet, Der Dialog, 1, Leipzig 1895, 56 ff., O. Gicon, Sokrates. Bern 1947, 202.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)sammenhänge nutzten, ist gleichfalls schwer zu beurteilen, da die Uberlieferung
sehr lückenhaft ist.88
IV.
Wir haben gezeigt, daß Sophisten und »Naturphilosophen« einen unterschiedlichen Platz in der Gesellschaft des 5. Jh. v. Chr. einnehmen. Die Sophisten
sind in die neuen Formen professioneller geistiger Tätigkeit, die dem Unterhaltserwerb dienten, voll integriert. Wie der Name sagt (sopıatng = Fachmann in einer
»Kunst«, Lehrer in einer »Kunst«),8? gehören die Sophisten in den bereits in älterer Zeit entstandenen Bereich der Berufe, die ein handwerkliches oder geistiges
Wissen praktisch beherrschen und an andere weitervermitteln. In gewisser Hinsicht setzen sie die Tradition der Önptoupyot im ursprünglichen weiten Sinn des
Wortes fort: Eine Kunstfertigkeit, ein Wissen praktischer Art wird im Interesse
des gesamten Gemeinwesens ausgeübt (Handwerker, Ärzte, Seher, Herolde, Dichter). Eine besondere Nuance liegt beim Sophisten in der Weitervermittlung des
Wissens im Rahmen einer professionellen Lehrtätigkeit. Nicht anders als in der
Homerischen Zeit handelt es sich auch im 5. Jh. um ein praktisch verwertbares Wissen, nur daß die Gegenstände jetzt andere sind: Kenntnisse in der Redekunst, die sich in allen Bereichen des öffentlichen Lebens als unentbehrlich erweisen; Herrschaftswissen der Politik, das zunächst mit der Rhetorik eng verbundene
praktische Kenntnisse über Staat, Recht, Staatsfinanzen und Militärwesen umfaßt;
Okonomik als praktisches Wissen über die Führung der privaten Hauswirtschaft;
Ethik in den ersten Ansätzen einer Lehre von den Prinzipien der Lebensführung.
?°
Hinzu kommen, verbunden mit der rhetorischen Ausbildung und deren Voraussetzung, Grundkenntnisse in Sprache und Literatur, wie sie die Grammatik vermittelt,
ferner bei manchen Lehrern Elemente der philosophischen Diskussionskunst, der
Dialektik.?! Ein Teil der Sophisten hat darüber hinaus Kenntnisse in den mathematischen Disziplinen Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musiktheorie
angeboten.?2 Nimmt man die genannten sprachlichen und mathematischen Fächer
zusammen, so erscheinen die Sophisten als die Begründer der höheren Allgemein-
88 Vgl. Guthrie, III, 10 ff, über die Ewxparixol Adyor als literarisches Genos. Uber die Methode der Sokratesschüler, Notizen über die Gespräche mit dem Meister anzufertigen, vgl. Platon,
Theait. 142 D, und dazu GurHie, III, 23 f
89G. B. KerrerD, The sophistic movement, Cambridge 1981, 24 ff.; J. Moreau, Q'est-ce qu'un
sophiste? Les études philosophiques 1979, 325 ff.
2 Zum Inhalt der rokittxn téxvn des Protagoras vgl. A. Bayonas, L'art politique d’après Protagoras. Revue philosophique 92, 1967, 43 ff; K.
Dérinc, Die politische Theorie des Protagoras, in:
The sophists and their legacy, Proceedings of the fourth international colloquium on ancient philosophy,
ed. by G. B. Kerferd. Wiesbaden 1981, 111 ff. (Hermes-Einzelschriften H. 44).
91 Zur Dialektik s. unten S. 51 ff.
92 Vgl. W. Nestie, Vom Mythos zum Logos. Stuttgart? 1942, 257.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)bildung der Antike, der éyxvxAtog matdeta, die sich in dieser Zeit zu konstituieren
begann.?3
Es entstünde aber ein sehr einseitiges Bild, wollte man die Sophisten in dieser Art von höherer Lehrtätigkeit aufgehen lassen. Zumindest die bedeutendsten
unter ihnen waren selbständige Forscherpersönlichkeiten, die auf bestimmten Gebieten herausragende Leistungen erbrachten, ja diese Gebiete allererst der wissenschaftlichen Bearbeitung zugänglich machten. Als Fortsetzer älterer Traditionen
der Philosophie erweisen sie sich zunächst auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie,
deren Fragestellungen vor allem Protagoras und Gorgias aufnahmen und weiterführten.?* Wirklich bahnbrechende Leistungen vollbrachten sie auf Gebieten, die
wir heute den Sozial- und Geisteswissenschaften zurechnen, als deren eigentliche
Begründer die Sophisten gelten können.
Die Kulturtheorie wurde nach frühen
Ansätzen im 6. Jh. von Sophisten wie Protagoras und Prodikos entscheidend gefördert, wobei sich, wie wir zeigten, ein bemerkenswertes Zusammenspiel mit den
späten Naturphilosophen Anaxagoras und Demokrit ergab. Die Rhetorik wurde von Gorgias zu einer Disziplin entwickelt, die, über die unmittelbar praktischen
Bedürfnisse hinaus, die Grundlagen für eine Theorie der sprachlichen Kommunikation lieferte.?6 Die Politikwissenschaft wurde vor allem durch die Erhellung der
historischen Dimensionen von Staat und Recht zu einer ersten Form der Gesellschaftstheorie ausgebildet.?” Die Beschäftigung mit Sprache und Literatur ließ die
Sophisten zu den eigentlichen Begründern der Linguistik und Poetik werden.%
Im Bereich der mathematischen Disziplinen sind nur einzelne Sophisten mit eigenständigen Forschungen hervorgetreten.
|
Die Formen der Kommunikation, mit denen die Sophisten ihr Publikum erreichten, hingen von den Bedingungen des Bedarfs, den individuellen Môglichkeiten der Lehrer und der politischen Situation in den Poleis ab. Für die mündliche
Kommunikation eröffneten sich große Möglichkeiten durch die Reisetätigkeit, die
die berühmtesten Sophisten durch ganz Griechenland führte.
Sieht man davon
ab, daß manche enthusiastische Schüler ihre Lehrer auf der Wanderung von Polis
zu Polis begleiteten, war die Lehrtätigkeit an den einzelnen Aufenthaltsorten von
SF KüÜHNERT, Allgemeinbildung und Fachbildung in der Antike. Berlin 1961, 43 ff. (Schriften der Sektion für Altertumswissenschaft 30); H. Fuchs, Enkyklios paideia, in: Realexikon für Antike
und Christentum 5. Stuttgart 1962, 365 ff.
94 Vgl. Guthrie, II, 181 ff, 192 ff.
9SR. MÜLLER, Naturphilosophie und Anthropologie in der Aufklärung des 5. Jahrhunderts v. u.
Z., 159 ff., 167 ff.
9% Vgl. R. MuLLer, Rhetorik und literarische Kommunikation im 5. und 4. Jh. v. u. Z. Acta
antiqua 33, 1990-1992, 15 fl.
97 Vgl. G. Casertano, Natura e istituzioni umane nelle dottrine dei sofisti. Napoli — Firenze
1971, 9 ff; M. Drener, Sophistik und Polisentwicklung. Die sophistischen Staatstheorien des fünften
Jahrhunderts v. Chr. und ihr Bezug auf Entstehung und Wesen des griechischen, vorrangig athenischen
Staates. Frankfurt a. M. - Bern 1983 (Europäische Hochschulschriften 191).
98Vgl. Preirrer, a. O., 52 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)vornherein zeitlich begrenzt. Drei Grundformen sind zu unterscheiden: Vortragszyklen oder ausführlichere Kurse, Kurzlehrgänge und Einzelvortrige.?? Die Kurse,
die in Privathäusern oder in gemieteten öffentlichen Räumen abgehalten wurden,
waren bei Berühmtheiten wie Protagoras oder Hippias recht kostspielig. »Schnellkurse« und Einzelvorlesungen wurden gegen geringeres Entgelt geboten. Breitere
Kreise erreichten die Sophisten nicht durch ihren Unterricht, sondern mit öffentlichen Vorträgen bzw. Festreden, die sie bei Veranstaltungen in den einzelnen Poleis
oder im Rahmen der großen panhellenischen Spiele hielten. Bei solchen Gelegenheiten wurden auch aktuelle politische Probleme thematisiert. Gorgias sprach vor
einer großen griechischen Öffentlichkeit über die Fragen des Friedens unter den
Griechen und des panhellenischen Zusammenhalts, um die vereinten Kräfte gegen
die Perser zu lenken.100
Der hohe Grad der Mobilität (ein Erbteil der alten ônproupyot, unter ihnen
vor allem der Rhapsoden, als deren Nachfolger die Sophisten sich gern sahen) hatte einen ambivalenten Charakter. Als Fremde waren die Sophisten von der aktiven
Beteiligung an der Politik der gastgebenden Poleis ausgeschlossen. Aber sie gewannen einen weiten Überblick über ganz unterschiedliche Formen der Gesetzgebung,
der Lebensweise, der Normen und Werte, der ihren Analysen der sozialen und politischen Realität eine größere Tiefe ermöglichte. Im übrigen gab die Reisetätigkeit,
die sie mit so vielen Punkten der griechischen Welt in Berührung brachte, den Sophisten ein über die Einzelpolis hinausreichendes Identitätsbewußtsein,
101 wie wir
es dann im 4. Jh. v. Chr. wieder bei den kosmopolitisch gesonnenen Kynikern finden, von denen viele ebenso als »Wanderprediger« durch Griechenland zogen.
Nicht unwichtig für den Charakter der Kommunikation ist die Zahl der im
Bereich der Lehre tätigen Persönlichkeiten. Sie hat auch Bedeutung für die Frage,
ob wir tatsächlich berechtigt sind, in den Sophisten einen konstitutiven Bestandteil einer nunmehr selbständigen Intelligenzschicht zu sehen.102 Eine merkwürdige optische Verschiebung ergibt sich daraus, daß unsere Nachrichten über die
Sophisten (bei Platon, Xenophon u.a.) sich vor allem auf einen begrenzten Kreis
prominenter Persönlichkeiten beziehen. Man muß aber bedenken, daß z.B. der
99 Vgl. Neste, Vom Mythos zum Logos, 259 f.; KERFERD, a.O., 34 ff.
100 NestLE, Vom Mythos zum Logos, 312 f.
101 Vgl. E. Schürrumpr, Kosmopolitismus oder Panhellenismus? Zur Interpretation des Ausspruchs von Hippias in Plat. Prot. (337 C ff.). Hermes 100, 1972, 5 ff.
102$. oben $. 27 und Anm. 9. In einen weiteren Rahmen stellen die Frage K. MANNHEIM, Ideologie und Utopie. 31957; F. H. Tensruck, Zur Soziologie der Sophistik, in: Moderne Sophistik. Neue
Hefte für Philosophie 10, 1976, 51 ff. Zu den sozialen Wurzeln der Sophistik vgl. M. UNTERSTEINER,
Le origini sociali della sofistica, in: V. E. Alfieri - M. Untersteiner (Hrsg.), Studi di filosofia greca.
Bari 1950, 121 ff; E. CH. Wetskorr, Sophisten, in: Hellenische Poleis. Krise - Wandlung - Wirkung, IV. Berlin 1974, 1927 ff.; J. Martin, Zur Entstehung der Sophistik. Saeculum 27, 1976, 143 ff;
G. B. Kerrerp, a.0., 15 ff; A. Capizzi, La confluence de la sophistique à Athènes après la mort de
Pericles et ses connexions avec les transformations de la société attique, in: B. Cassin (Hrsg.), Positions
de la sophistique. Colloque de Cerisy. Paris 1986, 167 ff.
Page 27
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)große Bedarf an Unterricht in der Rhetorik, der nicht nur in Athen, sondern auch
in vielen anderen Poleis entstanden war, von wenigen Fachleuten nicht befriedigt
werden konnte. Wenn Platon davon spricht, daß die Ausbildung bei den Sophisten mit unterschiedlicher Zielsetzung erfolgte - éxi roudeta im Sinne einer hóheren Bildung für den Polisbürger, oder éxt téxvn, um selbst einen Beruf daraus
zu machen (Plat. Prot. 312 B) -, so deutet dies auf die Existenz eines größeren
Berufsstandes hin.103 Zu bedenken ist, daß die Sophisten nicht allein eine soziale
Schicht bildeten, sondern unter einen Kreis höher qualifizierter professionell Tätiger zu subsumieren sind, der bereits umschrieben wurde. Gleichwohl können wir
die im höheren Unterricht Tätigen in ihrer Besonderheit erfassen, auch wenn der
Terminus ooptorng in dieser Zeit noch in umfassenderem Sinn gebraucht wurde.
Wie fließend die terminologischen Grenzen waren, zeigt der Vergleich der Begriffe
copia, oopiaths mit den in gewisser Hinsicht rivalisierenden prdogogia, prAdco-
90,10% die von Isokrates als dem bedeutendsten Nachfolger der Sophisten des 5.
Jh. für seine Lehre in Anspruch genommen wurden.
Unser Thema verlangt, daß wir auch die Sophisten in den großen Zusammenhang der Entwicklung von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit im 5. Jh. hineinstellen. Die Sophistik bezeugt wie andere Kulturleistungen dieser Zeit (Theater, Chorlyrik u. a.) die einflußreiche Stellung, die die Mündlichkeit in der Kultur
des 5. Jh. noch immer einnahm.
Durch ihren Unterricht, aber vor allem auch
durch ihre ein massenhaftes Publikum erfassende öffentliche Redetätigkeit trugen
die Sophisten zur Bewahrung einer großen Tradition bei. Gerade die auf Suggestivkraft, emotionale Wirkung, z. T. spektakulären Einsatz stilistischer, klanglicher
und rhythmischer Mittel der Sprache abzielenden Formen des öffentlichen Vortrags, für die ein breites Publikum Sensibilität und Kennerschaft entwickelte, sind
Bestandteil dieser hohen mündlichen Kultur.105
Auch andere Formen der öffentlichen Diskussion oder der improvisierten
Rede über aus dem Publikum gestellte Themen — besondere Glanznummern, bei
denen der Sophist sein Wissen, seine Schlagfertigkeit und Argumentationsfähigkeit unter Beweis stellen konnte — gehören in diesen Zusammenhang. Bei diesen
massenwirksamen Formen darf man auch die inhaltliche Seite nicht außer Betracht lassen. Mochte der Privatunterricht vor einem zahlungskräftigen Publikum
eine sehr exklusive Angelegenheit gewesen sein, so konnten die großen Auftritte
als ein Mittel genutzt. werden, neues Gedankengut unmittelbar vor einem breiten, teils staunenden, teils schockierten, teils amüsierten Zuhörerkreis auszubreiten
— gewiß in jeweils wohlüberlegter Abmessung dessen, was die Situation verlang-
103 Zu den sozialen Hintergründen dieser Unterscheidung vgl. J. Curistes, Bildung und Gesellschaft. Die Einschätzung der Bildung und ihrer Vermittler in der griechisch-römischen Antike.
Darmstadt 1975, 89 ff.
104Vgl. KERFERD, a. O., 24 ff.
105 Zur rhetorischen Kennerschaft des athenischen Publikums Thukydides III 38, 6 f.
Page 28
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)te oder verbot, eben des xatodg, der in der rhetorischen Theorie dieser Zeit eine
so große Rolle spielte.
Einer speziellen Form mündlicher Kommunikation, die von den Sophisten
gepflegt wurde, wollen wir noch etwas genauer nachgehen. Wie auch sonst finden
wir hier interessante Analogien und Wechselwirkungen zwischen dem rhetorischen
und dem philosophischen Diskurs. Neben den praktischen Gattungen der Beredsamkeit (Volks- und Gerichtsrede) spielte als ein Glanzstiick rhetorischer Meisterschaft die epideiktische Rede, die sorgfaltig vorbereitete und ausgearbeitete Festoder Glanzrede, eine hervorragende Rolle1%: Die Sophisten erhoben aber auch
den Anspruch, tiber auf Zuruf gestellte Fragen in Form der Improvisation sich in
langen und wohlgesetzten Reden zu verbreiten. Bei Platon rühmt nun Sokrates an
Protagoras, dieser verstünde lange und schône Reden zu halten, aber auch, »sowohl
gefragt in Kürze zu antworten, als auch selbst fragend die Antwort abzuwarten und
aufzunehmen« (329 B). Ganz ähnlich heißt es später: er könne so lange reden, daß
die Rede niemals abreißt, und wiederum so kurz, daß sich niemand kürzer fassen
könne. Wolle er mit ihm, Sokrates, ein Gespräch führen (dtakcyeodar), solle er
sich des Kurzsprechens (ßpaxuAoyia) bedienen (334 E
f.).
Protagoras erscheint hier als Repräsentant der Dialektik,
eingeführt als
Schwesterdiszliplin der Rhetorik. Nach der Tradition war er ihr Urheber.107 Den
Anspruch, sich auf lange und kurze Reden zu verstehen, erhebt nun freilich auch
Gorgias im gleichnamigen Dialog Platons (449 B ff.). Es geht um die Kunst der
öffentlichen Rede, wobei eine wesentliche Rolle der Anspruch spielt, vor dem Volk
über jedes beliebige Thema zu sprechen (456 C). Wir kônnen hier nicht im einzelnen ausführen, wie Gorgias den universalen Anspruch der Rhetorik begründet.108
Fur unseren Zusammenhang sind die weitreichenden Parallelen interessant, die bei
der Begriindung eines ähnlich umfassenden, ja noch weiter reichenden Anspruchs
der Schwesterdisziplin der Dialektik zu beobachten sind.
Das Zeugnis, dem wir uns etwas eingehender zuwenden wollen, ist einer
der interessantesten Originaltexte, die uns aus der sophistischen Tradition des 5.
Jh. überliefert sind: die èrogoi Adyot, das Werk eines unbedeutenden anonymen
Autors.
Es ist für uns von großem Wert als authentisches Zeugnis für das geistige Klima in Athen am Ende des 5. Jh., vor allem für die Vorstellungen von
einer Art geistiger Universalkompetenz, die die Sophisten mit ihrer Tätigkeit verbanden.10? Den Hintergrund der Arbeit, deren literarischer Charakter umstritten
106 Vgl. N. Loraux, Linvention d’Athenes. Paris 1981.
107 Diogenes Laertios IX 53.
108Vgl. R. MuLuer, Rhetorik und literarische Kommunikation im 5. und 4. Jh. v. u. Z. Acta
antiqua 33, 1990-92, 18 ff.
109 Vgl. A. E. Tayıor, The ótogoi Adyot, in: Varia Socratica. First series. Oxford 1911, 91 ff;
H. Gomrerz, Sophistik und Rhetorik. Das Bildungsideal des ed Aéyew in seinem Verhältnis zur Philosophie des V. Jahrhunderts. Leipzig und Berlin 1912, 126 ff; W. Kranz, Vorsokratisches IV. Die
sogenannten Atagoi Adyor. Hermes 72, 1937, 223 ff.
Page 29
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)ist,110 bildet der Gedanke, daß es über jeden Gegenstand zwei konträre »Reden«
gebe, ein aus der Rhetorik stammendes Prinzip, das Protagoras, den Grundlinien
seines Denkens folgend, auch für den philosophischen Diskurs fruchtbar zu machen versucht hat. Für unseren Zusammenhang ist weniger interessant, an Hand
welcher Beispiele das Prinzip im einzelnen durchgeführt wird, als vielmehr die Frage, wie sich die dialektische Methode nach dem Selbstverständnis dieses Textes in
die literarische Kommunikation einordnet. Der universalistische Standpunkt, für
letztlich alle denkbaren Formen der Kommunikation zuständig zu sein, drückt sich
programmatisch im ersten Satz eines Passus aus, der das Tätigkeitsfeld des »Dialektikers« beschreibt. Es reicht über die philosophische Theorie hinaus weit in die
Praxis des Alltagslebens: »Ich glaube, daß demselben Mann und derselben Kunst
die Fähigkeit zukommt, sich in Kürze zu unterreden, die Wahrheit der Dinge zu
erkennen; Rechtsfälle korrekt zu vertreten, Volksreden zu halten; die Kunst des
Diskurses zu beherrschen; über die Natur aller Dinge aufzuklären, wie sie beschaffen und wie sie entstanden sind» (8). Die Fähigkeit zum dialektischen Diskurs soll
also mit der Kompetenz für eine ganze Reihe von Tätigkeitsfeldern verbunden sein:
Erkenntnistheorie, Naturphilosophie, Diskurstechnik, Gerichtsrede, Volksrede. D.
h., der Dialektiker soll zugleich als Universalphilosoph, Politiker und Gerichtsredner erscheinen.
Bei der Dialektik handelt es sich wie bei der Rhetorik um eine primär orale Kommunikationsform. Beim Spiel von Frage und Antwort ist die Mündlichkeit
vorausgesetzt.
Natürlich geht es zunächst um einen kleinen Kreis kompetenter
Fachleute, aber es ist keineswegs ausgeschlossen, sich den Disput auch vor einem
größeren Publikum, ähnlich dem der epideiktischen Rede, vorzustellen. Wenn aber
die Zuständigkeit des »Dialektikers« auch auf Volks- und Gerichtsrede ausgedehnt
wird, erhebt sich die Frage nach der Berechtigung des Anspruchs.
Wir finden hier eine merkwürdige Form der Beweisführung, die der des Gorgias im gleichnamigen Dialog Platons darin gleicht, daß zwischen der formalen
Kompetenz für eine Diskurstechnik (die des dialektischen im einen, des rhetorischen Diskurses im anderen Fall) und den mit ihr verbundenen Inhalten ein unlöslicher Zusammenhang hergestellt wird. Da es eine Form ohne Inhalt nicht geben
kann, wird postuliert: Wer die Technik der Diskurse (t&¢ téyvag tiv Adywv) beherrscht, wird über alle Dinge richtig zu reden vermögen (8, 3). Denn wer richtig
reden will, muß über Dinge reden, die er versteht (8, 4). Also wird er Kenntnis von allem haben (8, 4). Denn er beherrscht die Technik aller Diskurse, alle
Diskurse aber beziehen sich auf alles, was ist (8, 5). Analog zum »Gorgias« wird
aus der formaltechnischen Kompetenz auf eine inhaltliche geschlossen, weil deren
praktische Wahrnehmung ohne Sachkenntnisse nicht möglich ist. Ist der Kom-
110Kranz, a. O., 227.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)petenzbereich der formalen téxvr universal, soll es auch die Sachkompetenz ihrer
Repräsentanten sein.
Dem »Dialektiker« wird nun die Aufgabe zugewiesen, »die Stadt in richtiger
Weise darüber zu belehren, wie sie die guten Dinge tun, dagegen die schlechten
verhindern kann« (8, 6). Wir denken an die Funktion, die in Platons »Theaitetos«
Protagoras den »weisen und guten Rednern« zuweist: Sie hätten zu bewirken, daß
den Poleis »Gutes anstelle von Schlechtem gerecht zu sein scheint« (167 C).111 Wie
im »Gorgias« konzentriert sich die Aufgabenstellung zunächst auf die politischethische Thematik, erfährt dann jedoch eine umfassende Erweiterung: Wer diese
Dinge (das Gute und das Üble) kennt, kennt auch das von ihnen Verschiedene.
Denn diese (Gegenstände) sind Teile aller (Gegenstände), und das Bedürfnis der
Situation wird, wenn es nötig sein wird, ihn mit jenen (Gegenständen) ausstatten,
um dasselbe Ziel zu erreichen (8, 7). Wiederum denken wir an den »Gorgias«,
wo der Redner sich alle jene Spezialkenntnisse aneignet, die er in einer spezifischen Situation benötigt. In unserem Text versteht der »Generalist« auch die Flöte
zu blasen, wenn das nötig sein sollte (8, 8) — ein scheinbar besonders abwegiges
Beispiel, aber wir denken daran, daß Protagoras im gleichnamigen Dialog Platons
jedem Bürger die Fähigkeit zuspricht, ein leidlicher Flötenspieler zu sein, wenn
dies erforderlich ist, jedenfalls im Vergleich mit Leuten, die das nicht gelernt haben (326E ff.).
Selbstverständlich muß, wer Rechtsfälle vertreten will, ein korrektes Verständnis des Rechts haben (8, 9), die Gesetze kennen (8, 10). Verstünde er die
zugrunde liegenden Fakten nicht, würde er auch die Gesetze nicht verstehen (8,
10). Die Doppeldeutigkeit des Wortes vôuos gibt Gelegenheit, den Anspruch des
Dialektikers auf universale Kompetenz plausibel zu machen: Wie das Beispiel der
Musik zeigt, ist deren Kenntnis gleichbedeutend mit der Kenntnis ihrer Gesetze
(8, 11). Wer über solche Einsicht in die tieferen Zusammenhänge verfügt, d. h.,
wer, wie im Folgenden ausgeführt wird, »die Wahrheit der Dinge versteht«, von
dem ist zu behaupten, daß er alles
versteht.
.
Hier wird nun ein Unterschied zur Fundierung der Rhetorik bei Gorgias
deutlich: Besteht die eigentliche Stárke des Redners in der Beherrschung der Form,
die es ihm gestattet, úber jeden beliebigen Gegenstand in angemessener Weise zu
reden, so spielt beim Dialektiker neben der Diskurstechnik der Einblick in die
tieferen Zusammenhänge, die Gesetzmäßigkeiten, die Wahrheit eine entscheidende Rolle. Die praktische Fahigkeit, den dialektischen Disput zu meistern, hangt
hier in hóherem Grade von wirklicher Sachkenntnis ab: »Wer vermag, sich in Kürze
über alles zu unterreden, muß, wenn er befragt wird, über jeden Gegenstand Rede
und Antwort stehen. Somit muß er alles verstehen« (8, 13).
11 Vgl. R. Mùtcer, Die Sophistik und die theoretische Begründung der Demokratie, in: Polis
und Res publica, 191 f.
Page 31
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wie die letzten Sätze noch einmal verdeutlichen, befinden wir uns im Bereich genuiner Miindlichkeit. Sophisten wie Protagoras haben mit ihrem Anspruch
auf eine umfassende Kompetenz in geistigen und praktischen Dingen offensichtlich die Verpflichtung verbunden, für den Nutzen der Polisbürger zu wirken. Wie
dies nicht nur für die massenwirksame Rhetorik, sondern auch für ihre philosophische Schwesterdisziplin Dialektik als uneingeschränktes Prinzip deklariert wurde,
aus einem zeitgenôssischen Text authentisch zu erfahren, ist einer der interessantesten Aspekte der »Dissoi logoi«.
Die Sophisten hatten aber auch keinen geringen Anteil an der weiteren Ausdehnung, die die Schriftlichkeit im 5. Jh. v. Chr. fand. Die bedeutendsten unter
ihnen begegnen uns als Verfasser von Abhandlungen verschiedenster Thematik, vor
allem auch zu philosophischen Problemen. In Inhalt und Form konnten sie dabei
vielfach an Werke der vorausgegangenen Periode ankniipfen. Protagoras schrieb in
seiner Schrift »Die Wahrheit« (’AAnbeta, wahrscheinlich identisch mit den Katafi&Akovtes Adyot) über philosophische Grundfragen. Auch der überlieferte Titel »Über das Sein« könnte sich auf dieses Werk beziehen, in dem der Sophist
seine Position in der Auseinandersetzung mit der Seinslehre des Parmenides entwickelte. Unklar ist, in welchem Verhältnis diese und andere Schriften zu den
»Antilogiai« standen, deren Titel das oben bereits erwähnte Grundprinzip Protagoreischer Methodologie verkórpert.112 Auch von dem Werk »Über die Götter«,
das zum Asebieprozeß gegen den Sophisten führte, wurde vermutet, daß es ein
Bestandteil der »Antilogien« gewesen sei. In einer Schrift »Über den Urzustand«
hat Protagoras seine Konzeption von der Entstehung der menschlichen Kultur und
Gesellschaft dargelegt, deren Spuren uns in Platons Dialog »Protagoras« erhalten
sind. Gorgias, nach der Tradition ein Schüler des Empedokles, entwickelte seine
Erkenntnistheorie in der Schrift »Über das Nichtsein oder über die Nature, gleichfalls in Auseinandersetzung mit der Seinslehre des Parmenides. Einen vielfältigen
philosophisch-wissenschaftlichen Inhalt hatte das Werk »Die Wahrheit« des Sophisten Antiphon, von dem uns Teile auf einem Papyrus erhalten sind. Prodikos
schrieb ein Werk unter dem traditionellen Titel »Über die Natur«, nach anderen
Zeugnissen (vielleicht auch zusätzlich) »Über die Natur des Menschen«. Aus den
»Horen«, in denen der Sophist seine Auffassung über die Entstehung der Kultur
aus dem Ackerbau darlegte, stammt die Allegorie von »Herakles am Scheidewege«.
Der Polyhistor Hippias erforschte Altertümer unter dem Titel »Archaiologia« und
verfaßte zahlreiche Fachschriften über die von ihm gepflegten Wissensgebiete, zu
denen auch die Fächer der später so genannten »Enkyklios paideia« gehörten.
Von allen diesen Werken gilt wohl, daß sie, wie andere Prosaschriften, auch
zum mündlichen Vortrag kamen, nicht nur in Gestalt mündlicher »Erstpublikation«, wie uns im Falle von Protagoras’ »Über die Götter« überliefert ist (Dioge-
112 GuTHRIE, a. O., 111, 264, geht davon aus, daß es sich um eine eigenständige Schrift handelt.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)nes Laertios IX 54), sondern auch zu wiederholten Gelegenheiten bei den Reisen,
wo gewiß nicht nur rhetorische Musterreden wie Gorgias’ »Helena« und »Palamedes«, sondern eben auch Werke philosophischen Inhalts vorgetragen wurden.
Das konnte in öffentlichen Lokalitäten wie in Gymnasien geschehen, aber auch
in den Häusern wohlhabender Bürger. Daß Protagoras seine Werke in Athen im
Hause des Euripides oder Megakleides, vielleicht auch im Lykeion, durch einen
Schüler zum Vortrag gebracht haben soll, lesen wir wiederum bei Diogenes Laertios (IX 54). Auch die Auftritte von Sophisten wie Gorgias und Hippias bei den
großen panhellenischen Festen dienten dem Vortrag ausgearbeiteter Schriften, sei
es rhetorischer oder philosophisch-wissenschaftlicher Art. Daß er sich in Olympia
rühmte, alles was er an seinem Körper trage, selbst gefertigt zu haben, zeigt den
Anspruch auf Autarkie und praktische Lebenstüchtigkeit (Plat. Hipp. min. 368 B
ff.). Andere Sophisten wie Prodikos werden als reine Literaten dargestellt.
Natürlich war der Durchbruch der Literalität, an dem die Sophisten auch
im Bereich des philosophischen Denkens so maßgeblich beteiligt waren, nicht unumstritten. Das gilt vor allem für Vertreter der Tradition, die von der Welle aufklärerischen Denkens nichts Gutes erwarteten.
So heißt es in einem Fragment
einer Aristophanischen Komödie mit bitterem Spott über eine Figur, »entweder
ein Buch oder Prodikos« habe den Mann zugrunde gerichtet (Tagenistai, Fr. 490
K.). Das stärkste negative Echo auf die wachsende Rolle der Schriftlichkeit in der
Philosophie finden wir in Platons »Phaidros«, worauf schon hinzuweisen war. Neben anderen, tiefer begründeten Gesichtspunkten geht es in diesem Dialog um die
Verbreitung philosophischen Gedankenguts durch das Medium Buch ohne Rücksicht darauf, ob die Leser Kompetenz besitzen oder nicht.
Auch an der Produktion von Fachliteratur und Lehrbüchern hatten die Sophisten starken Anteil. Das systematische Lehrbuch hatte seinen Ursprung im sophistischen Lehrbetrieb, vor allem im Bereich der Rhetorik.113 Es ist nicht leicht
zu rekonstruieren, wann und auf welchen Wegen die wohl am Anfang stehenden
Musterreden und Sammlungen von rhetorischen Versatzstücken sich zu jener Systematik entwickelten, die das Lehrbuch der Rhetorik schließlich auszeichnetel14
und die dann auch auf Lehrbücher anderer Fachgebiete übertragen wurde. Auch
die nun sehr zahlreiche Verbreitung von Werken der älteren Dichtung, die im Unterricht der Sophisten eine große Rolle spielten (vor allem die Homerischen Epen
als Gegenstand sprachlicher, historischer und philosophischer Interpretation115),
fórderte die Ausdehnung der Schriftlichkeit und des Buchhandels.
113M. Funrmann, Das systematische Lehrbuch. Ein Beitrag zur Geschichte der Wissenschaften
in der Antike. Góttingen 1960, 122 ff.
114 Tu. Core, Le origine della retorica.
2, 7 ff.
Quaderni Urbinati di cultura classica, N. S. 23, 1986,
15Vgl. Preirrer, a. O., 33 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Neben der unmittelbaren mündlichen und schriftlichen Kommunikation gab
es im 5. Jh. v. Chr. noch einen dritten Weg, auf dem philosophische und wissenschaftliche Gedanken an ein breiteres Publikum gelangen konnten: die Vermittlung
durch das Drama. Tragödie und Komödie hatten als Formen, in denen das in dieser Zeit besonders intensive Bedürfnis nach Sinnvergewisserung und Erörterung
neuer Werte sich ausdrückte, eine für unseren Zusammenhang wesentliche Bedeutung. Wie es in einer Zeit, in der alles Bestehende der Diskussion unterworfen
wird, nicht verwundert, hat die Philosophie den geistigen Horizont der dramatischen Dichtung stark geprägt. Von Aischylos!16 bis zu Euripides!!7 sind derartige
Einflüsse zu verfolgen. Besonders bei Euripides führte die zunehmende Unsicherheit gegenüber den überlieferten Werten zu der Neigung, die Vielfalt der Probleme,
die sich mit dem neuen Denken verbanden, zum Gegenstand dramatischer Auseinandersetzung zu machen. Nicht zuletzt auf diese Weise wurden Athener Bürger
mit höchst umstrittenen Auffassungen über die Götter, über die gesellschaftliche
Stellung der Frau, über Gleichheit und Ungleichheit der Menschen, über das Verhältnis von Vernunft und Leidenschaft im moralischen Handeln konfrontiert —
keineswegs zur Zufriedenheit des Komödiendichters Aristophanes, der solch unkritischen Umgang mit, wie er meinte, gefährlichen Ideen mißbilligte. Aber gerade
indem er sie bekämpfte, trug Aristophanes dazu bei, daß solche Ideen öffentlich
erörtert wurden.118
Das Beispiel des Philosophen Sokrates, die Art, wie er in den »Wolken« des
Aristophanes als Prototyp eines spekulierenden Naturphilosophen und scharfmacherischen Sophisten dargestellt wird, zeigt die vage Allgemeinheit und inhaltliche
Unzuverlässigkeit von Darstellungen, die darauf abzielen, die ganze Richtung des
neuen Denkens zu diskreditieren.11? Der in geistigen Dingen konservative Aristophanes konnte aus Gründen, über die noch zu sprechen sein wird, bei der Masse
des Publikums auf Zustimmung für solche Attacken rechnen. Auch wenn Aristophanes im selben Stück eine Auseinandersetzung zwischen dem Logos dikaios und
dem Logos adikos führen läßt, ging es in einer Zeit, in der alte und neue Standpunkte zur Gültigkeit der Normen und Werte aufeinanderprallten, gewiß nicht
darum, das Publikum mit dem Problem erst vertraut zu machen. Vielmehr sollte
gezeigt werden, zu welch katastrophalen Folgen nach Meinung des Aristophanes
116 Vgl. W. Rösıer, Reflexe vorsokratischen Denkens bei Aischylos. Meisenheim am Glan 1970
(Beiträge zur Klassischen Philologie 37).
117K. REINHARDT, Die Sinneskrise bei Euripides, in: Tradition und Geist. Göttingen 1960, 227
ff; W. KuLLMann, Euripides’ Verhältnis zur Philosophie, in: Literatur und Philosophie in der Antike, hrsg. von H. Koskenniemi, S. Jäkel, V. Pyykkö. Turku 1986, 35 ff; J. pe RomILLY, La modernité d’Euripide. Paris 1986, 117 ff., A. Dixie, Philosophie und Tradition im 5. Jahrhundert v. Chr,
in: Wegweisende Antike. Zur Aktualität humanistischer Bildung. Festgabe für G. Wöhrle. Stuttgart
1986, 13 ff. (Humanistische Bildung, Beiheft 1).
118V, EHRENBERG, The people of Aristophanes. Oxford 1951, 273 ff.
119 Vgl. Zs. Rıroök, Aristophanes und die Krise der Kultur, in: Studien zur Geschichte und Philosophie des Altertums, hrsg. von J. Harmatta. Budapest 1968, 45 ff.
Page 34
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)der »leichtsinnige« Umgang mit der Theorie im praktischen Leben des Alltags
führen muß.
V.
Welche Môglichkeiten der Kommunikation bestanden unter den gegebenen
historischen Bedingungen fur die neuen
Inhalte
der Philosophie?
In dieser
Gesellschaft der freien Diskussion haben die Erörterungen über Grundfragen des
politischen und geistigen Seins nicht nur reiche Entfaltungsmöglichkeiten, sondern
werden selbst zum unentbehrlichen Faktor des Lebens. In einer Gesellschaft, in
der sich ein so tiefgehender Wandel im sozialen und politischen Bereich vollzieht,
erhalten die Probleme der Wertbildung, der historischen Sinngebung, der Handlungsmotivation eine zentrale Bedeutung, werden zu einem elementaren Mittel der
Orientierung. Mit der Einführung der Demokratie wird nicht einfach ein altes System der politischen Herrschaft durch ein anderes ersetzt. Die starke Verbreiterung
der politischen Basis, die mit keiner der vorausgegangenen politischen Strukturen
in Griechenland verglichen werden kann, erfordert neue Mechanismen der geistigen Orientierung. Dazu kommt die außerordentliche Beschleunigung der ökonomischen, sozialen und ideologischen Entwicklungsprozesse, die ein ganzes System
überkommener Werte in Frage stellen. Das bedeutet eine unerhörte Herausforderung an das politische und philosophische Denken, da die bloße Auflösung alter
Werte zur Entstehung eines Wertvakuums und letztlich zum Orientierungsverlust
geführt hätte.
Neue Normen und Wertvorstellungen vorzuschlagen, zur Diskussion zu stellen, für ihre Durchsetzung einzutreten, war seit jeher eine entscheidende Funktion
der Kommunikation, an der alle Bereiche des geistigen Lebens - Mythos, Dichtung, Philosophie, Wissenschaft - mitgewirkt hatten. Im 5. Jh. beobachten wir eine ständig sich erneuernde Prozedur der Sinnvergewisserung, der Begründung von
Handlungsmotivationen, der Legitimierung neuer sozialer und politischer Normen,
an der die Formen literarischer Kommunikation mehr oder minder stark beteiligt
sind: Tragödie und Komödie, Geschichtsschreibung, Philosophie, Wissenschaften.
Die Mechanismen für diesen umfassenden Prozeß der Diskussion werden zum
großen Teil aus der Situation heraus erst geschaffen, wie wir am Beispiel der Philosophie zu zeigen versuchten. Mit den neuen Formen der Kommunikation entstehen die Foren für eine Art von Selbstverständigung, die für die Funktionsfähigkeit
der Polis fast so wichtig wird wie die politischen Institutionen.
Christian Meier hat auf die Unersetzlichkeit hingewiesen, die in dieser Hinsicht das Drama für die Polisdemokratie bewies.120 Die besonderen Vorzüge von
120 Chr. MEIER, Die politische Kunst der griechischen Tragödie. München 1988.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Tragödie und Komödie liegen hier auf zwei Ebenen. Das Drama erreicht sein Publikum in einer Breite, die keiner anderen Form der Kommunikation zu Gebote
steht. Wichtiger noch: was wir in abstrahierender Weise als Selbstverständigung
über Wertvorstellungen deuten, spielt sich in jenen sinnfalligen Formen ab, die die
Kunst seit jeher geboten hatte: die Méglichkeit einer bildhaften, mit Modellen und
Gleichnissen operierenden, vom Besonderen zum Allgemeinen aufsteigenden Vergewisserung der Bedingungen und Triebkräfte individuellen und gesellschaftlichen
Handelns. Wir haben zu zeigen versucht, in welcher Weise die Philosophie dank
der Vermittlung durch das Drama ein größeres Publikum erreichte, in den gesellschaftlichen Dialog, der hier geführt wurde, mit einbezogen war. Ungeachtet aller
Veränderungen, die in der philosophischen Kommunikation selbst eingetreten waren, hätte die Philosophie das mit ihren eigenen Mitteln nicht erreichen können.
Es wäre aber falsch, aus der Begrenztheit der kommunikativen Mittel auf
eine geringe Relevanz dessen zu schließen, was die Philosophie in den öffentlichen Dialog einzubringen hatte. Von diesen neuen Inhalten der Kommunikation
soll im folgenden die Rede sein, auch wenn wir nicht in jedem Fall genau bestimmen können, in welchen Formen sie einer für alle relevanten Probleme hellwachen
Öffentlichkeit unterbreitet wurden: einer im antiken Sinn hochgradig politisierten, d. h. für alles, was die Polisgesellschaft und den Polisbürger existentiell betraf,
außerordentlich sensibilisierten Gesellschaft.
Wir haben bereits gezeigt, welche Entwicklungstrends in der Philosophie
des 5. Jh. den neuen Anforderungen entsprachen. Die »anthropologische Wende«
spielte sich nicht nur auf einer Ebene hoher Abstraktion ab, sondern vermittels
einer Erweiterung der philosophischen Kompetenz durch praxisorientierte Aspekte und historisch-genetische Fragestellungen, die geeignet waren, das Bewußtsein
des zeitgenössischen Standorts zu fördern. Die Philosophie setzte gewissermaßen
neue Teildisziplinen aus sich heraus, die diesen Zielen dienten: zunächst unmittelbar praktischen Anforderungen, wie wir sahen (Politik, Ökonomik u. a.), dann
aber durch die Rekonstruktion historischer Entwicklungsprozesse, die zu dem im
5. Jh. erreichten Stand geführt hatten: im Falle der Sozial- und Rechtsphilosophie
durch das Nachdenken über die Entstehung von Gesellschaft, Staat und Recht,
im Falle der Kulturphilosophie durch die Erhellung der ursprünglichen Triebkräfte, die die kulturelle Entwicklung in Gang gesetzt und auf die gegenwärtige Höhe
gebracht hatten.
Alle Diskussionen spielten sich keineswegs in einem gewissermaßen luftleeren Raum ab.
Die Art, in der Vertreter der neuen Aufklärung die Entstehung
von Gesellschaft und Staat deuteten, war z. T. ein Beitrag zur philosophischen
Begründung und Legitimierung der zeitgenössischen Demokratie.121 Hypothesen wie die Vereinigungs- und Vertragstheorien, antike Vorläufer des neuzeitlichen
121R. Miter, Die Sophistik und die theoretische Begründung der Demokratie, 188 ff.
Page 36
Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)Gesellschaftsvertrages, sind nicht allein aus einem abstrakt theoretischen oder historisierenden Interesse zu erkláren.122 Vielmehr läßt sich zeigen, daß ein Denker
wie Protagoras die rekonstruierte Geschichte auch im Sinne einer Rechtfertigung
der Demokratie deutet. Ähnlich steht es um Versuche, die Entstehung der Kultur zu erklären. Die wesentliche Rolle, die von einigen Autoren der Technik im
weitesten Sinn des Wortes zugewiesen wird, deutet auf den Hintergrund eines Gemeinwesens, in dem die Önptoupyoi im öffentlichen Bewußtsein nicht jener Verachtung unterworfen sind, die ihnen von Seiten der Oberschicht und bestimmter
Theoretiker im 4. Jh. zuteil werden sollte.123
Es ist kennzeichnend für die geistige Situation der Zeit, für das breite Spektrum von Kräften, die in der Polis wirksam waren, daß es neben den demokratisch
orientierten Entwürfen einer Staats- und Rechtsphilosophie auch solche gab, die
mit extremer Konsequenz entgegengesetzte Tendenzen verfolgten. Wie es oft in
Zeiten lebhafter geistiger Auseinandersetzungen geschieht, nutzten auch konservative Theoretiker gewisse Strukturen und Modelle des neuen Denkens, um sie
völlig anderen Beweiszielen dienstbar zu machen. Am bekanntesten ist die Lehre
vom »Recht des Stärkeren«, in der alte oligarchische Machtansprüche mit »modernen« Argumenten drapiert werden. Andere Theorien machen bei der Gleichheit
der Polisbürger nicht halt, sondern bedienen sich naturrechtlicher Argumente, um
die Gleichheit aller Menschen, einschließlich der Barbaren und Fremden, zu beweisen und damit letztlich (wenn auch in rein theoretischer Form) die Sklaverei
in Frage zu stellen.
Kann man für die Diskussion heterogener Gesellschaftsentwürfe angesichts
des Pluralismus der politischen Mächte, der die Realität Athens in der zweiten
Hälfte des 5. Jh. prägte, mit einer relativ großen Akzeptanz und Toleranz rechnen, so gilt das nur in eingeschränktem Maße für ein anderes Feld geistiger Auseinandersetzung. Die Philosophie sah sich einer relativ breiten Front konservativen
Denkens gegenüber, wenn sie den überkommenen religiösen Traditionen eine mehr
oder minder radikale Religionskritik entgegensetzte. Zu weltanschaulich konservativen Positionen neigten nicht nur Vertreter der Aristokratie, sondern gerade auch
breite Schichten des Demos. Bei allen Tendenzen einer starken Veräußerlichung,
einer weitreichenden Säkularisierung der traditionellen Polisreligion, die diese allmählich zum bloßen Ausdruck staatlicher Macht und Größe werden ließ, kann
man doch nicht davon ausgehen, daß die unteren Schichten sich dieses Prozesses der Aushöhlung des alten Glaubens bewußt gewesen wären oder ihn gar unter
122 Vgl. R. Mutter, Der antike Ursprung der Lehre vom Gesellschaftsvertrag, Polis und Res publica, 53 ff; J. SPRUTE, Vertragstheoretische Ansätze in der antiken Rechts- und Staatsphilosophie.
Die Konzeption der Sophisten und der Epikureer. Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in
Göttingen, Philol.-hist. Klasse, Jg. 1989, Nr. 2.
123R. Miter, Poiesis — Praxis - Theoria. Zur Bewertung der Technik in der Kulturtheorie der
griechischen Antike. Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Gesellschaftswissenschaften, Jg. 1988, Nr. 12/G, Berlin 1989, 7 ff.
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Voir dans le PDF(s’ouvre dans une nouvelle fenêtre)dem Einfluß aufklärerischer Ideen unterstützt hátten.124 Zu aufgeklärten Positionen gelangten eher Angehörige der gebildeten Oberschicht, die sich vielleicht
sogar einer Funktionalisierung der Religion für machtpolitische Ziele bewußt bedienten. Die einfachen Bürger aus dem Demos, denen solche Doppelbödigkeit des
Denkens fremd war, mußten in den Attacken auf die alten Götter des Staatskultes Angriffe auf eine entscheidende geistige Stütze des Gemeinwesens sehen, dem
sie ihre Privilegien als Polisbürger verdankten. Hier entstand eine Kluft zwischen
dem neuen Denken und dem Fundament, auf dem dieses letztlich erwachsen war.
Diese Kluft trieb die Asebieprozesse gegen Philosophen wie Protagoras und Anaxagoras hervor, die maßgeblich von Exponenten des Demos und keineswegs nur
von der konservativen Oligarchie unterstützt wurden.
Während die ionische Philosophie seit etwa hundert Jahren ein Weltbild entwickelt hatte, das von hylozoistischen bis zu materialistischen Positionen reichte,
hatte diese Entwicklung des Denkens die Polis Athen bis ins beginnende 5. Jh.
hinein kaum berührt. Vor einem größeren Publikum mußten also die radikal aufklärerischen Ideen eines Protagoras oder Anaxagoras als ein Skandalon erster Ordnung erscheinen.
Auffassungen wie die agnostizistische des Protagoras über die
Existenz der Götter; die radikalen Aussagen eines Anaxagoras über die traditionell
als göttliche Wesen verstandenen Gestirne; der Versuch eines Prodikos, die Götter als bloße Hypostasierung von Erscheinungen der Natur und der menschlichen
Kultur zu göttlichen Wesenheiten zu erklären, mußten im Sinne des antiken Begriffs der Asebeia, der Absage an die offiziellen Glaubensformen des Staatskultes,
verstanden werden.
Die die Zustimmung eines breiten Publikums heischenden Angriffe der Komödie auf das neue Denken einerseits, die Asebieprozesse andererseits markieren
deutlich die Grenzen, die bei aller Freizügigkeit der Parrhesie der Aufklärung im
5. Jh. gesetzt waren. Die elementaren Lebensinteressen des Demos und die unvermeidlichen Spannungen zwischen dem fortgeschrittenen Bewußtsein einer geistigen Elite und den durchschnittlichen Anschauungen der Bürger führten dazu,
daß das hohe Maß an aufklärerischem Denken, das die Philosophie des 5. Jh.
prägte, von der Mehrheit der Bürger nicht akzeptiert wurde.125 Es wurde (etwa
durch das Theater) in beträchtlichem Ausmaß öffentlich, aber blieb immer umstritten. Hier wurde ein großes Potential aufklärerischen Gedankenguts entwickelt, das
(sieht man einmal von Richtungen wie dem Epikureismus und dem Skeptizismus
in hellenistischer Zeit ab), erst in der neuzeitlichen Philosophie in Renaissance und
Aufklärung fruchtbar zu werden vermochte.
Blossiner Str. 10
D-12589 Berlin
124Vgl. Rıroök, a. O., 45 ff.
125R. MuLLer, Die Sophistik und die theoretische Begründung der Demokratie, 195 f.