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Charles Marie
SEMANT, Luxemburg
Pythagorismus bei Ausonius?
Zu den Gedichten Schenkl 29, 30 und 31.
N.B.Der hier vorgelegte Text wurde 1997 in Trier vorgetragen, bei Gelegenheit einer Tagung
des Fachbereiches II der Universität. Er ist in Band 27, 1999 des ‘Bulletin des Antiquités
Luxembourgcoises' erschienen.
Im ‘Corpus Ausonianum’ gibt es drei Gedichte, deren Zuweisung innerhalb der ‘series operum’
variiert: manchmal werden sie dem ‘Technopaegnion’ zugeordnet, oft den *Eclogae”, oft stehen sie
selbstständig, ohne bestimmten Grund hier oder dort. Hier der Text (nach Schenkl):
Quod uitae sectabor iter, si plena tumultu
sunt fora, si curis domus anxia, si peregrinos
cura domus sequitur, mercantem si noua semper
damna manent, cessare uetat si turpis egestas,
(5)si uexat labor agricolam, mare naufragus horror
ba\tA+
TCERHNVES.,
infamat, poenaeque graues in caelibe uita
et grauior cautis custodia uana maritis,
sanguineum si Martis opus, si turpia lucra
faenoris et uelox inopes usura trucidat?
ag
(10)Omne aeuum curae, cunctis sua displicet aetas.
sensus abest paruis lactantibus et puerorum
dura rudimenta et iuuenum temeraria pubes.
Afflictat fortuna uiros per bella, per aequor,
irasque insidiasque catenatosque labores
(15)mutandos semper grauioribus. Ipsa senectus
expectata diu uotisque optata malignis
obicit innumeris corpus lacerabile morbis.
Spernimus in commune omnes praesentia. Quosdam
constat nolle deos fieri. luturna reclamat:
(20)'quo uitam dedit aeternam? cur mortis adempta est
condicio'? Sic Caucasea sub rupe Prometheus
testatur Saturnigenam nec nomine cessat
incusare lovem data sit quod vita perennis.
Respice et ad cultus animi. Sic nempe pudicum
(25)perdidit Hippolytum non felix cura pudoris.
E contra inlecebrls maculosam degere ultam
quem iuvat, aspiciat poenas et crimina regum,
Tereos incesti uel mollis Sardanapalli.
Perfidiam uitare monent tria Punica bella,
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)(30)set prohibet seruare fidem deleta Saguntos.
Vive et amicitias semper cole: crimen ob istud
Pythagoreorum periit sehola docta sophorum.
Hoc metuens igitur nullas cole: crimen ob istud
(35)Timon Palladiis olim lapidatus Athenis.
Dissidet ambiguis semper mens obuia uotis.
Nec uoluisse homini satis est: optata recusat.
esse in honore placet: mox paenitet ac dominari
ut possit seruire uolet. Idem auctus honore
(40)inuidiae obicitur. Pernox est cura disertis,
set rudis ornatu uitae caret. Esto patronus,
et defende reos: set gratia rara clientis.
Esto cliens: grauis imperiis persona patroni.
Exercent hune uota patrum: mox aspera curis
(45)sollicitudo subit. Contemnitur orba senectus
et captatoris praeda est heredis egenus.
Vitam parcus agas: auidi lacerabere fama.
Et largitorem grauius censura notabit.
cuncta tibi aduersis contraria casibus. ergo
(50)optima Graiorum sententia, quippe homini
ai
non nasci esse bonum aut natum cito morte potiri.
Um eine (wenigstens teilweise) Beantwortung der Frage -nach pythagoräischen Einwirkungenanzubahnen, möchte ich vier ‘Merksätze’ vorausschicken, welche den Blickwinkel verdeutlichen
mögen, aus dem ich das Problem angehen möchte.
1. Die Frage ist überhaupt zulässig.
2. Die Frage bereichert das Ausonius-Verständnis.
3. Die Frage deckt ein psychologisch-philosophisch-anthropologisches Problem auf, das die gesamte
Antike betraf und z.T. betroffen machte.
4. Es ist somit insgesamt lohnend, auch scheinbar periphere Äußerungen (‘Philosophie bei
Dichtern’), verbrämt mit viel gelehrtem Beiwerk, ernst zu nehmen, als Wegweiser zu einem
Menschenbild,, das vielgestaltiger ist, als man das manchmal annimmt.
1: Es gibt bei Ausonius drei größere Gedichte, die im Titel, im Text und im Gehalt den Anspruch
erheben “pythagoräisch’ zu sein. Schenkl 29: ‘De ambiguitate eligendae vitae”
Schenkl 30: ‘De viro bono, apophasis pythagorica
Schenkl 31: Das ‘Est et Non’- Gedicht.
Selbstverständlich gibt es andere Stellen im ‘Corpus Ausonianum’, die, in Griechisch oder Latein,
direkt, exzerpierend oder allusiv, zu Lebensfragen Stellung nehmen und z.T. in den Bereich des
Pythagorismus gehören. Sie sind nicht Gegenstand dieses Vortrages. Hier ist sie von der gesamten
Intention her ‘expressis verbis’ gegeben.
2: Ausonius wird als Lyriker anerkannt, als gebildeter Mann, als Lehrer, als ‘éminence grise’ zweier
Herren, als Heide, als Christ, aber als Philosoph? In dem was er uns gezielt hinterlassen hat, bemüht
er sich, den Eindruck zu vermeiden, ein Systemiker zu sein: der Pythagorismus ist ja selbst keine
einheitliche *Doktrin”. Im Gesamtbild des Dichters läßt sich aber auch ein ‘Hang zur Weisheit’
feststellen, der ihn nicht aus seinem eigenen Kontext herausriß sondern ihn erst richtig
hineinintegrierte.
3: Somit wird die Frage aufgeworfen, welcher Stellenwert den systematischeren Doxologien zukam,
bzw. ob nicht gerade der Pythagorismus (gleichzeitig diffus und in die ‘Krusa epé gestanzt) das
Vehikel war, mit dem den Fragen der Lebensführung und der Einflußnahme auf sie am besten
beizukommen war. Hellenismus ist immer endzeitlich und novativ. Es galt von Fall zu Fall zu
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)entscheiden, ob es geniigte, das Paradoxon wahrzunehmen: es kann keinen Alexander mehr geben, es
muß neue ‘Alexanders’ geben, eigentlich: es müssen einzelne, charismatische Personen da sein, sie
diirfen aber nicht zu Tyrannen (im abschätzigen Sinn des Wortes) werden. Somit rückt -im
rémischen Bereich- Augustus in die Mitte der Bemühungen aller nachfolgender Zeiten; Valentinian
wollte ein Augustus sein, eine “renouatio imperii’ betreiben; Gratian schon weniger, obschon gerade
Auson sich redlich abmühte, um den Willen zum Christ-Sein noch mit Heidentum, Klassik, Kultur,
Tradition auszubalancieren. Das versuchte er noch in den Briefen an Paulinus , aber das waren
bereits Nachhutgefechte, Übungen am untauglichen Objekt. Die Frage besteht demnach schlechthin,
ob das heidnische Gedankengut in die Nach-Zeit hinübergeführt werden konnte, und vor allem wie,
zu welchem Preise.
4: die wenigsten unter den wenigen, die Ausonius praktizieren, kennen die drei Gedichte, die seit
dem 15. Jahrhundert zweimal monographisch zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht
wurden ; sie sind also in der Grauzone dessen anzusiedeln, was man nicht in die gängigen
Äußerungen zur Sache einbezieht; allerdings wird man jetzt auch diese Werke (und viele andere)
heranziehen müssen, um ein etwas realistischeres Bild von Ausonius zu gewinnen, über den man
wesenhaft nichts gesagt hat, wenn man nachweist, daß er die Goldenen Dicta kannte, Theognis, die
Bukoliker, Horaz und, natürlich Vergil. Warum er sie benutzte, was er für sich und sein ‘Publikum’
davon erwartete, was sie ihm bedeuteten (der Dichter schreibt vielleicht vor allem und zuerst für sich
selbst) der schließlich, wie jeder Mensch, Freud und Leid kannte, Erfolg aber auch schwere
Rückschläge, dies sind die Aufgaben der Ausonius-Forschung. Das Werk gibt uns Einblick in die
Psyche des Dichters, und, sollte dieser zeittypisch sein. in die Psyche der Zeit. Damit sind die vier
*Merksátze” im wesentlichen dargelegt.
Ich möchte nun einige, z.T. überlappende Felder vorstellen, mit Themen, die sowohl bei Ausonius
als auch in seiner Zeit von Bedeutung gewesen sein mögen.
1. Feld. Man postuliert oft, daß Augustus die ‘Zeit erfüllte’, eine ‘aurea aetas’ herbeiführte und man
nachher nur versuchen konnte, ihm ähnlich zu sein ; ich widerspreche dieser Auffassung und habe
seit dreißig Jahren (z.T. nach und mit Kornemann), Tiberius ernst genommen, der zögerte, die
Nachfolge anzutreten; als er es dann doch tat, war er verloren; statt des ‘plus consilio quam vi’ wurde
das Gegenteil praktiziert: ohne Erfolg. Das Germanenproblem ist nicht minder akut im ausgehenden
vierten Jahrhundert; Ausonius tadelt Valentinian, weil er ein Augustus sein wollte, aber nie richtig zu
verhandelten wusste, gleich losschlug , Programme guthieß, aber sie nicht durchführte. Bei Ausonius
ist das Thema der “innocuae secures” nicht von ungefähr rekurrent: Gerechtigkeit muß ohne
Blutvergießen auskommen, ein ‘sanguine purum tribunal’ muß (oder müsste) für Recht sorgen, das
Recht ‘aufheben’, so wie es in unseren Gedichten auch anklingt.
Fassen wir das erste dieser Gedichte zusammen:
Es behandelt das Problem der “eligenda vita’; man wird das spontan immer wieder übersetzen als
‘Suchen nach einer Lebensführung’, nach Richtlinien zur Auswahl einer Moral oder moralischer
Prinzipien, eines Itinerars, dem zu folgen ‘es sich lohne*. Evelyn-White schreibt: ‘Reflection on the
difficulty of Choosing one’s lot in life’. In Wirklichkeit müsste man wohl übersetzen: 'Lohnt es sich
das Leben zu bejahen?" Es geht darum ‘eligere vitam’, zu beschließen, die Wahl zu treffen überhaupt
zu leben. Allerdings steht in der Subskription auch das Wort ‘ambiguitas’, es wird also eine
Wahlerschwerung angekündigt. Das Gedicht ist ein Katalog jener ‘Zweideutigkeiten’, die das
“Suchen”, vor allem aber eine nachfolgende Entscheidung, schier unmöglich machen. Das erinnert
manchmal an Martial, wohl auch an die ‘Saturae’ des Horaz (1,1), in denen der friedliebende Mensch
durch peinliche Außeneinwirkungen nicht zum Frieden kommt, zur “beata vita’. Hier ist der Ton sehr
ernst, die gegenübergestellten Kontrastbegriffe lauten: fora/ domus, mercans / damna, cessare/
egestas, vexat/ labor (für den Dichter der ‘Mosella’ nun wirklich das Unfaßbare!); nun ist ‘Mars
sanguineus”, ‘lucra’ sind “turpia”... Alle gängigen Beschäftigungen. die ein ‘iter uitae’ ausmachen
können sind unliebsam zweideutig geworden, wenn nicht schon ins Gegenteil pervertiert. Man sollte
erwarten, daß nun ‘otium’ gepredigt wird, Abkehr vom Rummel der menschlichen Tätigkeiten. Ab
Vers 10, geht der Dichter aber über zu den ‘aetates vitae’: (damit ist der Um- und Ausweg
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)“Verzicht’, ‘otium’ usw., überhaupt alle Wahl ausgeschlossen!): alle Alter sind irgendwie voll Pein
und Sorge (wieder besteht starker Kontrast zu dem Dichter der *Parentalia”, der sich freute, einen
noch jugendlichen Vater zu haben, so daß die Generationen ‘komprimiert’ wurden und Freundschaft
die traditionelle Autorität ersetzen mochte); das geht soweit, daß jene, denen mehr als Leben,
nämlich die Unendlichkeit des Lebens geschenkt wurde (die ja das Merkmal der Götter war), sich
manchmal darüber bitter und dramatisch beklagen. Auch Tugend (*pudor non felix’ des Hippolytos,
mißverstandene Menschenfreundschaft des Timon von Athen) , noch Verruchtheit (Tereos und
Sardanapal) ändern nichts daran, daB sogar die Pythagoräer (in Vers 32 ausdriicklich erwähnt, mit
Anklang an die handfesten Auseinandersetzungen, die es in der Magna Graecia gegeben hatte)
verfolgt werden, obschon sie doch scheinbar den Schlüssel zum Problem in Händen hielten: ‘vive et
amicitias semper cole’. Nicht ein egoistisches Sich-Selber-Erfahren und -vervollkommnen, sondern
in der Gemeinschaft Gleichgesinnter. Kultivierung der “amicitia”. jener Form von
zwischenmenschlichen Beziehungen, die über “concordia ordinum’, ‘societas omnium bonorum’,
ja
sogar der (idealen) ‘res publica * steht. Man könnte nun auf die menschliche Natur hinweisen, das
“animal politicum’ gegen die “aetas’ ins Feld führen, als Palliativum. So mag Altern mühsam sein,
aber es wird oft auch als Krönung der Weisheit und Geschenk der Götter gewertet. Auch den Weg
versperrt Ausonius. Aus dem Wesen des Menschen selbst heraus wird erklärt, anthropologisch (ab V.
35): die ‘mens’ ist so beschaffen, daß es ihr nichts nützt zu ‘wollen’: ‘nec voluisse homini satis est’,
sie lehnt das von ihr selbst Gewollte ab: ‘optata recusat’. Der Höhepunkt dieser Verneinung der
Seelenantriebe wird in Vers 43 erreicht. Bald mögen die ‘vota patrum’ (viele Gedichte Ausons sind
ein Hohelied auf die Vaterliebe und die Verehrung der Vorfahren) lästig sein, dann werden sie zur
peinigenden ‘sollicitudo’ voller Sorgen...Man erreicht so Vers 47 (von 50). Dort knallt, die
abschließende Sentenz wie ein Peitschenschlag: ich werde der Griechen Lehre befolgen, da sie
ja
sagen ‘homini non nasci esse bonum’, nicht geboren zu werden, sei für den Menschen das (höchste)
Gut’ oder, wenn das Mibgeschick passiert ist, “cito morte potiri’. Im Raum stehen alle Theorien, die
den Unwert des menschlichen Leibes und Lebens, Drängens und Schaffens dargestellt haben, oder,
relativierend, das Tun des Einzeln oder der Gruppe in Frage stellen. Wenn der Mensch das nicht
wollen kann was er, als Mensch, wünscht, dann nützt ihm auch die delphische Weisheit nichts, da
man den Eindruck nicht los wird, daß gerade das Wissen von sich selbst, nicht zur ‘ataraxia’,
sondern zur Auflösung führen möge. Von augustischer ‘restauratio’, von ‘positive thinking’ im
weitesten Sinne ist eigentlich nichts mehr vorhanden. Außer denn, man betrachtet das Gewinnen
irgendeiner, beliebigen Wahrheit, sei sie auch Auflösung, als Bereicherung. Von der ‘Mosella’, von
den ‘Septem sapientes’, dem ‘Ordo Urbium Nobilium’ sind wir weit entfernt... obschon die eben
erwähnten Andeutungen über die unblutige Gerechtigkeit von dort, aus der ‘Mosella’ stammen.
2. Feld. Wenn man das Augustische temperiert und sich bewußt wird, daß die Zeit zwischen Actium
und Trajan -so wie er auf dem Bogen in Benevent dargestellt ist- ein jahrzehntelanges Ringen um ein
neues Regime war, dann scheint es auf der Hand zu liegen, daß man die Frage nach der
Anthropologie stellen muß; eigentlich sollte ja zu dem so schrittweise und zögerlich entstandenen
‘Kaisertum’ ein neuer Mensch passen, sonst kommen wir nicht aus den veralteten Vorstellungen von
Regime-Abfolgen heraus, die nur die Struktur, nicht die Träger der Struktur zu beschreiben
versuchten.
Das zweite Gedicht, über den ‘vir bonus’ soll hier Aufschluß geben.
“De viro bono’ wird in vielen Handschriften (zwar verballhornt, aber immerhin erkennbar) als
“pythagoreische Apophasis’ gekennzeichnet. Den ‘rechtschaffenen Mann’ hat Apollo nicht oft
begegnet, so erinnert man uns eingangs; er ist zugleich ‘sapiens’, selbst “iudex” über sich, er
erforscht sich -sehr delphisch/ apollinisch- ‘ad unguem’. Es folgt nun eine schwierige Textstelle: seit
Ribbeck nimmt man an, daß entweder eine ganze Zeile fehlt (so Schenkl, Peiper ), oder mehrere
Zeilen vermischt wurden. Wir können dem hier nicht nachgehen; es mag allenfalls interessant sein,
daß die Aussage etwas betrifft, das sowohl die *proceres” (für die der ‘novus homo” aus der fernen
Pyrenäenprovinz zeitlebens eine große Achtung bekundet) als die ‘opinio volgi’ einbezieht. Dann
geht es gleich weiter: wie bei Horaz (C.1.26,5 sq. und Sat.2,7,86 sq.) muß der ‘vir bonus’ gleichsam
eine Sphäre sein, die von außen keinen Fehler zeigt und keinem Zugriff Ansatz gewährt.
Später treten dann wieder (bei der täglichen Gewissenserforschung) die (eindeutig pythagoräischen)
Fragen auf:
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)- was habe ich *verpaft”, was zur Zeit oder zur Un-zeit getan?
-warum war jenes häßlich, dies ohne Sinn?
-was habe ich gewünscht, das es richtig wäre nicht zu wünschen?
-warum bewegt mich (‘trahit’, wie im Falle der ‘voluptas’) ‘natura magis quam disciplina”?
Feld 1. (Sch.29)
Modus:ambiguitas
Thema: aetas
Feld 2. (Sch.30)
Modus: sphaera
Thema: uir bonus
Feld 3, (Sch.31)
Modus: optatia
Thema: uates
Eigentlich ist das Gedicht auf die geistige Struktur des “ipse iudex sui? aufgebaut, das heißt auf
jenen Traum vom Fehlen, vom Frei-Sein von einer äußeren Justiz, die als schwere Belastung
empfunden wird und deren Negation zu den Strukturen der ‘aurea aetas’ (Ovid!) gehört. Das Thema
ist, wie schon gesagt, rekurrent bei Ausonius, der sich drei- oder viermal dazu äußert, immer mit dem
Wunsch, diese Justiz, wenn sie schon vorgegeben und nicht umgehbar ist, müsse menschlich sein:
ein ‘purum sanguine tribunal” kann die einzige Toleranzalternative zur “uis” sein.
Die Unabhängigkeit (vom äuberen Richter) findet natürlich auch ihren potenzierten Ausdruck in dem
Sphärenparadigma . Der Mensch tritt auf als eine Einheit, die keinen Zugriff erlaubt, ‘teres atque
rotundus, externae ne quid labis per levia sidat’, also, z.B.im Ethischen, weder einem Hedonismus
zugänglich noch einer auffälligen Abkehr von allen Regungen des Menschlich-Allzumenschlichen,
nur -wenn man so sagen kann- den Rückzug ins Innere erlaubt; ob man, in gewissen
Lebensumständen des Dichters von einer Art “innerer Emigration’ sprechen darf, müsste man
diskutieren.
Die Forschung hat sich sehr bemüht, das Gedicht abzulehnen, weil es aus griechischen und
horazischen Vorbildern schöpft, dann versucht, die philosophischen Stränge, Fäden und Fädchen
auseinanderzudividieren, die man zu erkennen glaubt. Green beseitigt das Problem indem er uns
mitteilt, daß Ausonius überhaupt nichts von antiker Philosophie versteht und also einfach alles zur
*Volksweisheit’ pauschal verarbeitet.
Was Ausonius sich dabei gedacht haben mag, wie das Gedicht zu dem paßt, was wir von seiner
Persönlichkeit wissen, warum er es in jene ‘Freundesgabe’ aufnahm, die wir als ‘opera Ausonii’
kennen, interessiert kaum.
Ausonius kann tatsächlich nicht als ‘Philosoph’ in dem Sinne betrachtet werden, daß er ein System
didaktisch, apodiktisch, normativ konsequent vorgestellt und als allein seligmachend anpries. Es
genügt zwar, z.B. die ‘series operum’ zu verändern und, in thematischer Anordnung, gewisse Texte
zusammenzustellen, damit das tragende Gedankengut einerseits viel eindeutiger wird und
andererseits erheblich konsequenter als dies in herkömmlichen Ausgaben spürbar wird. Jedenfalls,
wird das, was ich als ‘Anthropologie’ des Dichters bezeichnet habe , die umfassende Darstellung des
Menschen Ausonius, mehr System beinhalten als man eingangs glauben möchte. Es könnte sogar
eine Art Verschleierungstaktik vorliegen, mit der Absicht den einerseits selbstsicheren, zum andern
cher schüchternen Menschen zu kaschieren, der zwar als ‘guter Römer’ das Gebot der Stoiker
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)befolgte, sich den ‘res humanae’, den ‘res publicae”, der ‘res publica’ zu widmen, aber auch im
Kreise der Familie, im Bund mit den Vorfahren, den Lehrern, im Blick auf die Zukunft, die eigene
und die der Seinen, Werte erkennt, mitteilt und pflegt, die ihn uns menschlich nahebringen.
Wenn man die Bedeutung der Vergilzitate, “loci similes’ und Andeutungen, ‘retractationes’ usw.
betrachtet, kann man nicht umhin, auch an die komplexe Entwicklung Vergils zu denken, der zwar in
Neapel als Epikureer ausgebildet wurde, aber bei Siro keineswegs von einem 6ffentlichen
Commitment abgehalten wurde. Vergil eignete sich vielleicht nicht als Redner und Volksbegeisterer,
Dichtung war ihm, wenn ich das so sagen darf, ein ‘Ersatz’. Aber welcher Ersatz! Und welches
Resultat! Natürlich ist bei ihm Politik überall präsent: schon die ‘exercitationes’ der ‘Appendix’
deuten daraufhin; es kann ja auch nicht bezweifelt werden, daß es in den ‘Georgika’ nicht nur um
Ackerbau, in den ‘Bucolica’ nicht nur um Hirtengesänge ging und in der *Aeneis” nicht nur um das
Epos, das ferne Zeiten beschwören sollte. Es war möglich geworden auch als Epikureer der ‘Alma
Mater Venus’ zu dienen, und ihrer fernen Nachkommenschaft.
Daß es Konflikte zwischen dem Dichter und dem Princeps gab, hat nicht nur Hermann Broch
hervorgehoben: die Frage war eben, in welchem Rhythmus und in welcher Weise man vorgehen
würde, um das solide durchzusetzen, was Marius und Sulla, Pompejus und Cäsar zu schnell und zu
unüberlegt, mit zu viel Gewalt durchzusetzen versucht hatten. Zwischen den Welten steht Cicero,
‘Tullius noster’, der glaubte, ganz allein die Republik im Lot bewahren zu können. Er brachte
schlieblich die griechische Philosophie ins römische Denken hinein (nicht er allein, aber doch sehr
massiv und v.a.
bewußt, gezielt und ideologisch) und hatte in seinen Traktaten über die beste
Verfassung -in einer gemischten- ein Ideal dargestellt, das Volk und ‘princeps’ assoziieren sollte
damit ‘iuris consensus’ und ‘communio utilitatis’ gesichert seien. Er lieh Augustus viele seiner
Wörter, seiner Begriffe, er bestimmte so jenes Ringen mit, Ringen mit dem orientalischen Modell,
das etwa Marcus Antonius versinnbilden kann, später Nero, der ägyptische Sonnen-Held. Es wird
nun deutlich, daß wir einer Zweitrennung entgegendriften: man wird sagen, der Ausonius, der
mehrere Jahre lang die ‘éminence grise’ unter Valentinian I. und vor allem Gratian war, schöpft
(wenigstens verbal) aus der eher augustischen, gemischten Tradition, wie sie sich in der Zeit der
Scipionen -unter stoischem Einfluss- konstituierte; der Lyriker (mal didaktisch, mal
impressionistisch) entnimmt derselben geistigen Epoche eine ihrer anderen Strömungen, in der das
kleine Haus in Sabinum, der Schnee auf dem Soracte, die kleinen Trinkgelage mit Freunden,
erlesene Bosheiten über bekannte oder lästige Zeitgenossen -epikureisch- dominieren. Ich möchte
diese Dichotomie nicht abweisen, sie ist im Werk des Ausonius präsent. Ihre Feststellung bleibt aber
eher trivial, wenn man davon ausgeht, daß er nicht der einzige war, der so empfand und je nach
Stimmung oder Adressat (das tut noch Sidonius mit großer Gewandheit) als “praetextatus,’ oder als
Freund der kleineren Muse, seltener als ‘vir bonus’ auftrat.
Jedenfalls empfand Ausonius den Rückgriff auf das Gedankengut der augustischen Zeit als reales
Bedürfnis. Dies ist ein wichtiger Hinweis für das späte 4.Jahrhundert, in dem manche doch glaubten.
sie müssten schon zwischen Ambrosius und Symmachus wählen. Bei Ausonius ist davon nichts zu
spüren. Die ‘Mosella’ ist eindeutig “heidnisch”, die ‘Ephemeris’ christlich, eine ‘precatio’ christlich,
eine ‘oratio’ heidnisch, eigentlich gibt es keine Texte in denen man den ‘semi-cristianesimo’ Riggi’s
wirklich festnageln kann. Allerdings waren die Kaiser damals noch darauf aus, eine ‘renovatio
imperii° durchzuführen, und gerade Valentinian I. wollte ja ein neuer Augustus sein. Ausonius
konnte das zuerst nicht einfach von der Hand weisen: erst in der *Gratiarum Actio’ erfahren wir, daß
es ‘düstere Zeiten’ in Trier gegeben hatte! Für den ‘ad limina’ promovierten Lehrer aus Bordeaux
war die Frage gewesen: wie kann man einem interessanten aber sehr impulsiven, nicht übermäßig
kultivierten, autoritären Herrscher jene Vorstellungen vortragen, die im Kreise des Augustus im
schillernden Gewand der Gedanken kursierten, die aber schon seit Alexander zu dem
unüberbrückbaren Paradoxon geführt hatten, daß die Schöpfung des Einzigartigen zur Ausübung
durch mehrere (mindere) Epigonen weitergeführt werden mußte? Es war höchst bedenklich, die
Ebene des rein Theoretischen zu verlassen und realistisch über die ersten hundert Jahre des
‘Kaiserreiches’ zu berichten. Wahrscheinlich hat Ausonius hier eine herbe Enttäuschung erlitten, die
ihm endgültig bewies, daß nicht Augustus das Vorbild war, das man ernsthaft nun Gratian
vorzeichnen konnte.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)3. Feld. Das dritte Gedicht, über das ‘Est et Non’ bei Pythagoras (das in manchen ‘codices’ Vergil,
oder wenigstens der ‘Appendix’ zugeteilt wurde) ist eine Meditation tiber die Bedeutung des Wortes.
‘So ist schließlich das Leben des Menschen -schließt das Gedicht- daß zwei Worte es hin- und
herwerfen.’ Schon das vorige Gedicht (V.24 sqq.) hatte nach dem Aufruf zur Gewissenserforschung
(der aus den Goldenen Dicta des Meisters inspiriert ist) geschrieben: ‘sic dicta et facta per omnia
cuncta revolvens dat praemia rectis’. Worte und Taten, Worte sind Taten, Grundlagen jenes
‘optare’, das in dem ersten Gedicht als irrepressibles Bedürfnis, aber auch als Unmöglichkeit
bedauert wurde; die ‘optatio’ ist eine ethisch normierende Beschlußfassung, die auch in anderen
Zusammenhängen als Ausdruck der schlichten aber wirksamen Wahrheits- und Beschlußäußerung
gilt und praktiziert wird. Es ist zwar eindeutig, daß diese Wort-Weisheit keine eigentlich
philosophische Reflexion initiiert, ganz im Gegenteil, sie verhindert sie in manchem Sinne, ebenso
wie die ‘Sieben Weisen’ nicht eigentlich Philosophie verkünden, sondern Maximen (ge)rechten
Handelns. Man muß aber darauf hinweisen, daß es nicht angeht, nun forsch an der Delphischen
Tempelinschrift vorbeizuinterpretieren, so als ob nur -leichthin- der banale Spruch vom ‘Sich-Selbst-
Kennen’ wiederholt werde. Fast ebenso geht es mit dem ‘in omnibus respice finem’, dem Suchen
nach dem rechten Zeitpunkt und dem Aufruf, sich nicht in Gerichtsprozesse verwickeln zu lassen, in
denen die Freundschaft letzten Endes eher verarmt als sich festigt. Das Beeindruckende an jener
Spruchweisheit ist, daß sie mehrschichtig wirkt, vor die Philosophie zurückreicht, von dieser
manchmal aufgenommen, manchmal beiseitegestellt wurde, aber am Ende des 4.Jahrhunderts,
Ausonius der Lehrer aus Bordeaux, wieder damit Erfolg hat, und das Ambivalente, angesiedelt
zwischen Psychologie (Selbst-Erkennen, das Selbst, das Ego bis zu letzt ausforschen) und Schauspiel
(die weisen Männer treten auf einer Bühne auf, mit großem Gepränge und verkünden einen Satz,
eine Sentenz, mit der sie die ganze, bunte Welt in Form bringen und in der Form halten wollen),
wesenhaft zu Ausonius gehört. Wenn der Dichter in die Enge getrieben wird, zieht er sich auf die
prophetische Rolle des “uates” zurück. Das geschieht ganz offen, aber deshalb unauffällig in der
‘Mosella’, wenn nur der Dichter Zugang verschaffen kann zu jenen introspektiven Bildern am, im
und auf dem Fluß-Spiegel, die es den Menschen erlauben, Götter zu treffen ; das geschieht ganz
dramatisch in den *Sapientes’ als Kroisos auf dem Scheiterhaufen den großen Schrei ausstößt: ‘o
vere vates, o Solon, Solon’, der zur Kehrtwendung der Situation führt und Perserfürsten und
Griechen zu Freunden macht.
Sind diese Gedichte, ihre modi und ihre Thematik pythagoräisch? Über weite Strecken
bestimmt. Die ‘Acta’ eines Symposiums, das wir über die Rolle des Pythagorismus im römischen
Umfeld, unter der Flagge der ‘Rencontres Scientifiques de Luxembourg’ abgehalten haben, liegen
vor . Die Spannweite der behandelten Themen reicht von Appius Claudius Caecus, Varro, dem
Vierten Buch der *Aeneis”, dem ‘Haut-Empire’ bis zu den ‘Floriden’ des Apuleius, dem 3. und 4.
nachchristlichen Jahrhundert. Soweit man ein doxologisches Ensemble im Pythagorismus erkennen
kann, gehören ihm ‘katharsis’ an, Lebensführung, Lebensbesserung, Läuterung (ganz schlicht in der
*Ephemeris”, en passant erwähnt, breit und dogmatisch im ‘De viro bono”); wenn der Körper ein
Widersacher des Geistes ist, muß er beherrscht werden (‘Erotica’ aus der Tradition des Martial und
vor allem der ‘Cento’ dürfen nicht als Gegenargument angeführt werden; das Arzt-Thema beim
verehrten Vater, der keinen Profit, aber Gesundung zu bringen versuchte ist ergiebiger); diese
Beherrschung kann sich nur im ‘labor’ äussern, er ist ‘ignobilis’, er ist kein Sprungbrett für Parvenüs
sondern eine Absage an all das, was den Menschen pervertiert (die ‘Sorgen’ des ersten Gedichtes
gehören hierher; bei Ausonius wird dreimal der Ausdruck ‘cura nepotum’ gebraucht, die unnütze,
nicht wünschenswerte Besorgnis um eine ruhmreiche Nachkommenschaft), zu dem was in der
‘askesis’ zur ‘sophia’ führt, d.h. der richtigen, der platonisch ‘gerechten’ Wertung des Wahren und
wahrhaft Wünschenswerten.
Pythagoräer waren ‘einsatzfreudig’, eigentlich nicht meditativ; Partei ergreifen ist eine wichtige
Vorschrift, auch wenn sie Verfolgung und Bedrohung der Gemeinden bedeutet. Ja sogar -und ebender Tod gehören zu der pythagoräischen ‘Botschaft’. Eigentlich wird die richtige ‘sophia’ ja nicht in
diesem ersten Leben erreicht, sondern erst nach der (zwar textlich scheinbar nicht sehr gut
dokumentierten) Seelenwanderung, die Daseinsstufen einführen soll, die den eingesammelten
Verdiensten vor der Befreiung aus dem *soma- sema’ Dilemma entsprechen sollen. Man schreibt den
Pythagoräern die Einführung des Wortes ‘philosophos’ zu, das jene bezeichnet, die ihr ganzes
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Dasein auf ihre eigene Besserung konzentrieren. Dies bedeutet Abkehr von manchen Belangen, die
zwar respektable, überaus menschliche Beschäftigungen sind, aber zuerst das ‘Non’ postulieren, ehe
der Zugang möglich wird. Es wäre also durchaus annehmbar, daß Ausonius einerseits mit der
Spruchweisheit operiert, die er den ‘Septem Sapientes’ in den Mund legt; aber das genügt nicht; ihm
ist daran gelegen, auch zu beschreiben, was jene Welt eigentlich im innersten zusammenhält,
jedenfalls unter welchen Formen sie sich darbietet. Was man als ‘Kataloge’ (oft auch als
‘Digressionen’) bei Ausonius thematisiert, ist der Versuch mit dem enzyklopädischen Wissen
aristotelischer, varronischer und plinianischer Prägung das Wissen zu erschöpfen, das ‘penetrale’ der
magisch und mythisch sehr be- und geachteten marinen Welt, zum Vollzugsort eines Treffens zu
gestalten zwischen der Tierwelt, den Menschen und ‘cum sol stetit aureus in orbe” , mit den Göttern.
Der gelehrte Mensch, der höfische Dichter, der Lehrer und Lehrmeister können nicht zur naiven
Gebetsformel finden; wenn sie das tun, dann ist es ihnen inneres Gebot, dazu wieder Distanz zu
gewinnen, dieselbe allerdings auszufüllen mit Erudition, die so oder so, d.h. vorübergehend positiv,
endgültig aber wohl ziemlich negativ beurteilt wird.
Nicht alles bei Auson ist pythagoräisch. Das wäre erstaunlich und kaum glaubhaft. Es gibt
ja auch
die christlichen Einflüsse, die allerdings selbst pythagoräisch kontaminiert sind.
Man kann aber an dem Schluß unseres ersten Gedichtes nicht ganz vorbeigehen: wäre es besser für
den Menschen überhaupt nicht geboren zu werden ? Teile von Gedicht 2 stammen aus Fragmenten
des Theognis von Megara (der vielleicht um -540 lebte), der zur Belehrung des geliebten Freundes
Ratschläge und Warnungen aussprach, vor den “kakoi”, den Emporkömmlingen, den Tyrannen.
Theognis wird als Ausdruck eines gesellschaftlichen Umbruchs im -6.Jahrhundert betrachtet; auch
dies dürfte interessant sein, da ja einige der “aetates?. die wir hier erwähnt haben, Lernbedarf hatten
und bekannten. Der Hang zu kurzen Merksätzen paßt sehr gut in den Kontext dessen, was wir eben
sehr kurz dargelegt haben.
Bemerkenswert ist auch der mögliche Einfluß der Skepsis. Die sogenannte "Neuere Skepsis’,
vielfach von Aerzten verteten, war dialektisch und von der Ohnmacht der ‘ratio’ beeindruckt. Das
lag in der Linie auch der ‘Aelteren Skepsis’, die wir dank Sextus Empiricus besonders gut kennen.
Pyrrhon hatte Alexander begleitet und alle ‘Wunder’ dieses ‘iter mirabile’ tief empfunden; dann die
Verwirrung bedauert, die zur Zeit der Diadochen entstand und, wie wir oben kurz dargelegt haben,
wenigstens zu einem fundamentalen Paradoxon führte. Tyrannei oder Freiheit? Der krasse
Unterschied zwischen dem, was in Griechenland geschah und dem, was in Griechenland gedacht
wurde ist nicht nur das Drama jener Zeit. Vielen Skeptikern wird vorgeworfen, sich aus den Qualen
der Zeit zurückzuziehen, in die künstliche Welt der Gedanken, keine Angriffstellen zu bieten, so wie
die Gymnosophisten, die Pyrrhon in Indien gesehen haben wollte, keinem Schmerz zugänglich,
indifferent. Das Leben wird dann ein Nicht-Wert, der nicht verteidigt oder gerechtfertigt werden
kann. Aristocles wollte, daß man sich zuerst frage was denn nun die Dinge in sich sind, dann wie
man ihnen entgegentritt, beides führt zu nichts, oder zur ‘aphasia’, dann zur ‘ataraxia’. Ein Urteil
muß jedenfalls in der Schwebe bleiben. Auch Antonios von Askalon mag zu dem Zeitgeist (in
Athen, etwa -79) beigetragen haben, der lehrte, daß alles Vorstellung ist, sich die 5 Sinne oft
widersprechen oder verdächtige Einmütigkeit vortäuschen. Wie soll man nun eine Wahl treffen,
wenn die einfachste Entscheidung eigentlich Wissen um solide Erkenntnisse voraussetzt? Die
Akademie lehrt, daß nichts zuverlässig ist. Auch diese These nicht, sagt Carneades. Zum Abschluß
muß man hinzufügen, daß auch die Christianisierung des Ausonius zu diesen Vorstellungen
beigetragen hat, oder jedenfalls dazu führte, daß sie in den drei uns greifbaren Text-Sammlungen für
gute Freunde und treue Verehrer weiter verblieben. Zwar sind die 14 Verse, die eine “altera manus”
an den Schluß unseres ersten Gedichtes beigefügt hat eben Zutat, aber dort wird das ausgesprochen,
was schon in manchen Geistern präsent war und u.a. in verschiedenen Briefen des Ambrosius so
bahnbrechend und revolutionär ausgeprochen wird; der Mensch muß sterben um zu leben; das wahre
Leben ist nicht das irdische; ‘uita alia est nobis illi uiuendo paranda’, ein radikal verschiedenes
Leben sind wir aufgerufen für Jenen, den Gott der Christen, zu gestalten. ‘Nihil ... vita est quod
amemus in ita / nec tamen incassum fas est nos credere natos’. Die Frage ist, ob, dann wie man
geboren wird. Es ist nicht erstaunlich, daß Ausonius, in der Zeit, in der die Konversion des
Augustinus stattfindet (oder sich vorbereitet) aus allen Quellen der Gelehrsamkeit schöpft, die
damals zur Verfügung standen; nicht beliebig, nicht diffus; die scheinbar kontradiktorischen
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Gedichte stehen separat im ‘Corpus’. Der Dichter wollte einerseits die Zerrissenheit seines Ego,
andererseits die Schwierigkeit dokumentieren, mit Wissen gegen Geschichte zu operieren.