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Das Proömium des Parmenides und die
Katabasis des Pythagoras
1462
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(Otto Seel zum 60. Geburtstag am 14. Januar 1967 überreicht)
er antike Philosophiehistoriker, der das Proömium des Parmenides
erkenntnistheoretisch interpretiert und damit Sextus veranlaBt
hat, es in die Abhandlung repì xpitynplov aufzunehmen,! verstand
die Verse allegorisch, wobei denn der ‘Weg’ der Logos, die ‘Pferde’ die
unvernünftigen Triebe, die “Wagenräder’ die Ohren, die ‘Sonnenmädchen’ die Augen sein sollen. Wir lächeln über solche Kuriositäten;
doch fällt es auch den bedeutendsten modernen Interpreten? des
Parmenides schwer, ohne ein gewisses Maß an Symbolik und Allegorese
auszukommen. “Parmenides is plainly allegorizing”, schrieb C. M.
Bowra (39), wie schon Hermann Diels zur Erklärung der ‘Hate
xoUpat formulierte: “Jeder mythologische Rückstand ist hier in der
rein logisch gedachten Allegorie verdampft” (50). Vorsichtiger spricht
Hermann Fränkel von einer “Bildersprache”, die jedoch “ebenso eindrucksvoll, wie... . durchsichtig” sei (Dichtung und Philosophie 400,7);
bei Deichgräber (41) liest man: “Alles ist Gleichnis”. Die Reaktion ist
nicht ausgeblieben; die beiden jüngst erschienenen sehr gründlichen
Dissertationen von Mansfeld und Tarän begegnen sich bei aller Verschiedenheit darin, daB sie gegen alle symbolische Sublimation das
nüchtern-wörtliche Textverständnis betonen; Mansfeld fordert, die
Offenbarung “buchstäblich” (223) zu nehmen, Tarán bekämpft als
Grundfehler der Interpretation “giving to the proem a meaning not
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Selbstbesinnung der Philosophie im 1.Jh.v.Chr.
(vgl. O. Gigon Entretiens
Fondation Hardt 3, 1955, 25ff.), insofern im Einflußbereich des Poseidonios;
Sextus selbst (Tarän 21) ist diese Allegorese, die immerhin eine eigentümliche
Form des Ernst-Nehmens ist, nich zuzutrauen.
Zum
Gesamtproblem der
Allegorese: O. Seel, Antike und frübchristliche Allegorik, Festschr. Peter Metz
(1965) 11-45.
2 Vgl. die Literaturübersichten bei Untersteiner, Mans‘eld, Taran. Die wichtigste
Literatur, die hier nur mit Autorennamen zitiert wird, ist am Ende dieses Aufzatzes zusammengestellt.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Das Proömium des Parmenides und die
Katabasis des Pythagoras
(Otto Seel zum 60. Geburtstag am 14. Januar 1967 überreicht)
er antike Philosophiehistoriker, der das Proömium des Parmenides
erkenntnistheoretisch interpretiert und damit Sextus veranlaBt
hat, es in die Abhandlung repì xpurmptov aufzunehmen,! verstand
die Verse allegorisch, wobei denn der ‘Weg’ der Logos, die ‘Pferde’ die
unvernünftigen Triebe, die “Wagenräder’ die Ohren, die ‘Sonnenmädchen’ die Augen sein sollen. Wir lächeln über solche Kuriositäten;
doch fällt es auch den bedeutendsten modernen Interpreten? des
Parmenides schwer, ohne ein gewisses Maß an Symbolik und Allegorese
auszukommen. “Parmenides is plainiy allegorizing”, schrieb C. M.
Bowra (39), wie schon Hermann Diels zur Erklärung der “HAuddec
xoUpar formulierte: “Jeder mythologische Rückstand ist hier in der
rein logisch gedachten Allegorie verdampft” (50). Vorsichtiger spricht
Hermann Fränkel von einer “Bildersprache”, die jedoch “ebenso eindrucksvoll, wie . .. durchsichtig” sei (Dichtung und Philosophie 400,7);
bei Deichgräber (41) liest man: “Alles ist Gleichnis”. Die Reaktion ist
nicht ausgeblieben; die beiden jüngst erschienenen sehr gründlichen
Dissertationen von Mansfeld und Taran begegnen sich bei aller Verschiedenheit darin, daß sie gegen alle symbolische Sublimation das
nüchtern-wörtliche Textverständnis betonen; Mansfeld fordert, die
Offenbarung “buchstäblich” (223) zu nehmen, Tarän bekämpft als
Grundfehler der Interpretation “giving to the proem a meaning not
directly expressed by the words themselves” (30).
Die symbolische Auffassung freilich ist von einer geradezu verführe1 Sextus Emp.M 7,111ff.; die Quelle ist nicht sicher zu benennen, vgl. die
Diskussion bei Tarän 19ff.; mit Recht sucht man sie im Bereich der historischen
Selbstbesinnung der Philosophie im 1.Jh.v.Chr.
(vgl.
O.
Gigon Entretiens
Fondation Hardt 3, 1955, 25ff.), insofern im Einflußbereich des Poseidonios;
Sextus selbst (Taran 21) ist diese Allegorese, die immerhin eine eigentümliche
Form des Ernst-Nehmens ist, nich zuzutrauen.
Zum
Gesamtproblem
der
Allegorese: O. Seel, Antike und frihchristliche Allegorik, Festschr. Peter Metz
(1965) 11-45.
2 Vgl. die Literaturübersichten bei Untersteiner, Mans‘eld, Taran. Die wichtigste
Literatur, die hier nur mit Autorennamen zitiert wird, ist am Ende dieses Aufzatzes zusammengestellt.
Pagina 3
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)rischen Evidenz. Zwei Bilder sind es, die, wie man meint, den Schliissel
zum Verständnis an die Hand geben: der Weg des Parmenides zur
Göttin führe von unten nach oben — von einer “Auffahrt” sprechen
Fränkel (Wege und Formen 158) wie Deichgräber (pass.)® — und:
der Weg führe vom Dunkel zum Licht, “from night to day” (Bowra, 39),
“from error to enlightenment” (Raven 268).4 So habe Parmenides
persönlich sein Erkennen erlebt: “Er hatte im Denkakt die Erfahrung
des Aufstiegs... er erlebte ein göttliches Licht in der Klarheit des
Wahren” (Deichgräber 42): “jedesmal wenn er seine groBen Gedanken
durchdachte, fühlte er sich emporgetragen in ein Reich des Lichts
jenseits der irdischen Dinge” (Fränkel, Dichtung und Philosophie 399).
Demgegenüber scheint die wörtliche Interpretation in mannigfachen
Aporien steckenzubleiben. Am entschiedensten formulierte Fränkel:
“So wird das eine und selbe, der Aufstieg von der Nacht zum Licht,
in drei Versen (9-11) nicht weniger als viermal symbolisiert... Jedes
dieser Dinge meint den Durchbruch des Geistes zur Klarheit. Nimmt
man diese Bedeutung fort um den Bildern einen Eigenwert zu geben,
so wird das Ganze verworren und haltlos” (Wege und Formen 161).
Anders etwa Hesiod: zwar läßt auch seine ‘Dichterweihe’ sich psychologisch deuten — “dem jungen Hirten... wurde es klar daß ihm ein
geistiges Reich . . . zugänglich war” (Fränkel Dichtung und Philosophie
106) — doch die Schilderung, wie die Musen vom Helikon die Hirten
besuchen und den Lorbeerzweig überreichen, ist in sich geschlossen,
anschaulich und einleuchtend. Der Interpret des Parmenides-Proömiums dagegen stößt sich an “unleugbaren Selstsamkeiten und
Ungeschicklichkeiten” (Diels 22). Dagegen hilft auch kaum die Auskunft Taráns, das Proömium sei “only a literary device” (31) — es sei
denn man wollte dies als Aufforderung verstehen, die Einzelheiten
nicht so ernst zu nehmen.
Doch vielleicht bestehen die ‘Seltsamkeiten’, Lücken und Unklar® Richtig Diels 8: “Wir hören nicht einmal, ob es hinab oder hinauf geht”.
Von einer Katabasis sprachen Gilbert (35) und Morrison. Vgl. Anm. 32,
4 Vgl. auch u.a. Diels 50, Kranz 1165. B 8,59 vöxr’ &8a% scheint, wie oft hervorgehoben, e contrario zu bestätigen, daß Parmenides Licht und Erkenntnis assoziierte. Classen verweist ferner darauf, daß in Hesiods Theogonie (212.224.227)
Träume, Trug, Vergessen zum Geschlecht der Nacht gehören, und daß bei
Akusilaos FGrHist 2F6b Aither und Metis Geschwister sind. Doch eine andere
Frage ist, ob darum wirklich die Heliaden und das ‘Tor der Bahnen von Nacht
und Tag’ “rein logisch gedachte Allegorie” sind. Vgl. auch Anm. 35.
5 Hierzu K. Latte, Antike und Abendland 2, 1946, 152-163. A. Kambylis, Die
Dichterweihe und ihre Symbolik, Heidelberg 1965, 31 ff.
Pagina 4
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)heiten nur für uns, weil uns der Hintergrund fehlt, von dem das Gedicht sich abhebt? Es wäre Illusion zu glauben, Verständnis könne
allein aus dem erwachsen, was ‘die Worte selbst direkt ausdrücken’.
Schon Wortverständnis beruht auf vorgängiger Kenntnis der Sprache;
Namen, die genannt werden, setzen Bekanntschaft voraus; auch
Erzählformen und Sinnstrukturen haben ihre vertrauten und darum
einleuchtenden ‘patterns’. Gerade ein Proömium, das zum eigentlichen
Gegenstand, zur wesentlichen Aussage erst hinleitet, knüpft vielleicht
besonders an diese vorgegebenen Bereiche an. Parmenides stellt sich
schon in der Wahl der Versform in die Tradition des alten Epos; mit
dem Vers drängt der überkommene Reichtum an Erzählformen und
Bildern heran; wir fassen noch, wie das Reden von Wagen und Weg,®
von Tor und Göttin in einer festen Überlieferung steht. Auch das
Reden von Göttern, der Mythos gehört zur Sprache des Epos. Aus
Homer und Hesiod kennen die Griechen Namen und Funktionen ihrer
Götter (Hdt. 2,53); Parmenides’ Beziehungen zu ihnen sind oft behandelt worden. Doch neben Hesiods Theogonie existierten zumindest
zwei weitere hexametrische Theogonien, die des ‘Epimenides’ und die
des ‘Orpheus’ (vgl. Anm. 25/36); der Zufallsfund des Papyrus von
Derveni hat gezeigt, wie eine vermeintliche Neuerung des Parmenides,
das planende Schaffen im theogonisch-kosmogonischen ProzeB, gerade
schon bei ‘Orpheus’ vorkam.? Doch wie immer es mit einzelnen Werken
der theogonischen Dichtung steht, sie ihrerseits schöpft aus einem
breiten Strom religiösen Brauchtums. Welches MaB an Vorverständigung hier herrschte, dies abzuschätzen ist fiir uns am schwersten. Eine
allzu selbstgenügsame Interpretation, die das Unbekannte ausschlieBen möchte, ist umso mehr in Gefahr, der scheinbaren Evidenz moderner Auffassungen zum Opfer zu fallen.
‘Pferde, die mich tragen, soweit der Wunsch dringt’ — die allgemeine
Vergegenwärtigung geht sogleich über in die Schilderung einer vergangenen Geschehens:® auf einen ‘Weg’ haben sie Parmenides gebracht,
® Besonders ähnlich Pindar Ol. 6,22ff. (Fränkel, Wege und Formen 158; Bowra
43; ob nicht Pindar — 468 v.Chr. — von Parmenides angeregt sein kann?);
Empedokles B 3,5; vgl. B 35,1; Pind. Ol. 9,81f.; Pyth. 10,65; Isthm. 1,6: 2,2:
8,67; Bacch. 5,176; Choirilos Fr. 1,5 Kinkel. - Zum ‘Tor’ Anm. 21/22.
? unriaoaro B 13 galt als spezifisch parmenideische Vergeistigung (Untersteiner
LXX, Taran 249); doch Pap. Derveni Kol. 19, 4 (Arch. Deltion 19, 1964, 24)
bezeugt (2)uyoeto für den Schöpfungsakt des Zeus, vgl. Orph. Fr. 91. Vgl.
Anm. 37.
® Zum Tempuswechsel vgl. Hes. theog. 1ff. (Kambylis a.o. 50ff.), zum Optativ
E. Schwyzer-A. Debrunner Griech. Gramm. II (1950) 325f.; “that the revelation
Pagina 5
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)der wichtig und zugleich geheimnisvoll ist. Er heißt xoAïpnuoc, ‘reich
an Kunde’ (vgl. Taran 10; Mansfeld 229); er ist der Weg ‘eines Daimon’
— dies die einhellige Uberlieferung, die mit Recht jetzt allgemein
akzeptiert wird.® So heißt Oev xéAevboc der Weg zum Olymp (I 406),
&Gavarwv 6865 der Südeingang der Nymphengrotte (v 112), Auds 6866 der
Weg zum Gefilde der Seligen (Pind. Ol. 2,70). Parmenides selbst spricht
an anderer Stelle von reıdoüg xékeuboc (B 2,4); vor allem sagt die
Göttin von eben dem Weg, den Parmenides gekommen ist: h yao dr’
dvôpörrwv éxtd¢ mé&tov éotly (B 1,27). Es ist nicht der Weg, auf dem
gewöhnlich Menschen wandeln, sondern 6865 Sxluovos. Näheres freilich
über den ‘Daimon’ erfahren wir nicht, auch sein Geschlecht bleibt in
der Schwebe; denn der Relativsatz 4... pépet muB sich auf 656v beziehen,!® wie die Korrespondenz mit rf) pepöunv (4) zeigt; daß ein Ausdruck mehrdeutig ist und erst durch die unmittelbar folgenden Worte
eindeutig festgelegt wird, ist eine normale Spracherscheinung. Anders
steht es mit dem Versuch, auf Grund weit späterer Verse den ‘Daimon’
zu benennen, etwa mit der ‘Göttin’ (22) der Offenbarung gleichzusetzen; dies ist Methode des Kommentators. Der schlichte Leser oder
Hörer kann nicht vorauseilen, die mit dem Wort ‘Daimon’ erregte
is repeated indefinitely” behauptet Tarán (27) mit Verweis auf gépe. (V. 3),
onepxolaro (V. 8); doch während der Weg natürlich immer da ist, redet V. 8
vom immer neuen Äntreiben der Pferde während der einen Fahrt. 6cov +’ En
Ouds ixévor kombiniert Formeln wie éte Bund; dvayoı (0 70) und Oupdy ixéver
(© 147, O 208, II 52) zu neuer Wirkung; der Nachdruck liegt auf der ‘Weite’
des ‘Vordringens’; daß der Ovué¢ der Pferde (Mansfeld 228ff.) gemeint sei, ist
ganz unwahrscheinlich (Tarän 10).
9 Sextus 7,111/112 in Text und Paraphrase; so u.a. Bowra, Morrison, Raven,
Untersteiner, Deichgräber, Mansfeld, Tarán, gegen Steins Konjektur Salpovec,
die auf die Autorität von Wilamowitz hin (Hermes 34, 1899, 204) Kranz in die
5. Auflage der Vorsokratiker aufnahm; vgl. noch Pindar Fr. 70d (Dith. 4) 18
Soraya 8’ 68[d]¢ Kdavkrolv; Orph. Fr. 168,15 d&vroaly te Sbarc te, Bev 550i obpavidwav; Epigramm auf die Gefallenen von Koroneia SEG 10,104= Peek Nr. 17
dd vie bude HuWEwv Belav ele d80v dvrikoac EBiadev. Wilamowitz’ kategorische
Feststellung: "6884 daluoveg "Weg zu dem Damon’ ist kein Griechisch” (Glaube
der Hellenen 1, 1931, 367,1) gilt nicht ausnahmslos, Philon De post. Caini 101
setzt Bacidtxh 686¢= Bacthéws 686¢= pd adtov &youca 6865; doch die alten Belege
führen auf den genitiuus subjectivus (Vos 21) oder possessivus.
10 Bowra (50; danach Mansfeld 225; 228) hat eingewandt, 6885 pépet sei nur
intransitiv belegt. Doch gilt die Ellipse nicht ausnahmslos, vgl. Hippol. ref.
5, 8, 43: tg 6800... pepodons tode drokkvytvous ext Thv Ilepoepbvnv; auch
(685) Aewpépoc = pépovoa tov Aedv impliziert ein Objekt. Diels (48) hat zudem
betont, daß ein Ausdruck wie Safpev pipet pata absonderlich wäre; pépeww
heißt nicht ‘geleiten’ (“lead” Raven), eher ‘transportieren’ (vgl: p 196).
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Spannung wird vorläufig nicht gelöst; Parmenides treibt ein Spiel
mit Andeutungen, enthüllt und verhüllt zugleich. Dem entspricht im
gleichen Vers ein weiterer verhüllender Hinweis: cidét« para. Wieder
eine Unbestimmtheit; das ‘Wissen’ bleibt ohne Objekt. Doch ehe man
das scheinbar Fehlende rasch ergänzt, als ob Parmenides eben den
Weg oder gar das, was er erfahren wird, im voraus wiiBte (Fränkel,
Wege und Formen, 160; Tarán 12), empfiehlt es sich, den lexikalischen
Befund zu beachten: es gibt zwei Fälle, in denen eiÿés ohne Objekt
gebräuchlich ist; entweder ist das Objekt durch ein zugeordnetes
Verbum dicendi näher bestimmt — Typ zpòs elâóras Aéyewv-, oder aber
eiôws hat eine Sonderbedeutung: der ‘Eingeweihte’, der Myste.™
Standardbelege sind [Eurip.] Rhes. 973 ceuvdg voïow ciddaw Oedc,
Andokides de myst. 30 à yap Baouvos Seuvh mape tots cidéow, parodierend
Aristophanes nub. 1241 Zebc yehotos duvôuevoc tote cidédcw. Die Bedeuder Demeter- und Dionysosmysterien gerade in Unteritalien ist bekannt; in den Mysterien kann man die Wirklichkeit der 8xtgoves am
deutlichsten erleben, bezeugt Plutarch (Def. or. 417 bc); ist es da Zufall,
daß der gleiche Vers des Parmenides vom ‘Daimon’ und dem ‘Wissenden Mann’ spricht? Gerade Mysterien-Wissen aber ist die Voraussetzung dafür, sich auf unerhörten Weg zu wagen, den Weg ins Jenseits.
Nur weil Herakles in die eleusinischen Mysterien eingeweiht war,
konnte er das Kerberos-Abenteuer überstehen; t& uuoröv 8’ bey.’
eùrbyno’ tov (Eurip. Herc, 613).*? Der Myste braucht den Weg unter
die Erde nicht zu fürchten, weil er ein Wissender ist: olde pév flou
zeheurdv, oldev dé dtdcdotov apyav (Pind. Fr. 137). So stellt sich Parmenides als den ‘Wissenden’ vor; das Fremdartige ist schon vertraut,
er wird zur Göttin gelangen. Unglücklicherweise bleibt in der Mitte
des Verses die alte Korruptel bestehen; A. H. Coxon hat durch neue
11 Die Mysterienbedeutung von elâdc haben Diels (49) und Bowra (50) betont;
Mansfeld 228,2 findet dies “nicht notwendig”, übersieht dabei aber die sprachlichen Tatsachen und die hier aufgezeigten Zusammenhänge, ebenso wie Tarán
12. Vgl. weiter Eurip. Bacch. 73, Fr. 781,13; rpdg elâóvtas Ayeıv Thuk, 3,53,4
vgl. 2,36,4, Pindar O/. 8,60, Hippokr. de arte 1. Anders dann Platon Polit. 300 c.
12 Dazu das neue Pindarfragment, H. Lloyd-Jones, Maia 19,1967,208. Vgl.
(Pl.) Ax, 371e xal todc mepl ‘Hpaxdéa te zal Aubvooov xariévrus els “Ardou npórtepov
Adyosg Eve gunÔivar, Kal td Oépoos TG Éxetoe mopelag mapd Tic “EAevatlac évad=
cate. Zur Mysterienweihe des Herakles Xen. Hell. 6,3,6; Diod. 4,25,1; Apollod.
2,5,12; Plut. Thes. 33; Vasenbilder, z.B. Skyphos Brüssel A 10 (ARV? 661,86);
Pelike Brüssel R 253 (ARV? 1121,11); Pelike Leningrad 1792 (ARV? 1476,1);
mit den Kleinen Mysterien verbunden, Diod. 4,14,3, Schol. Aristoph. Plut. 1013;
Relief vom Ilissos, Athen Nr. 1778, Eph. Arch. 1894 T.7.
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Untersuchung des Codex Laurentianus 85,19 festgestellt, daB die
durch Mutschmanns Ausgabe verbreitete Lesung &ory nicht überliefert ist.3 Keiner der vielen Emendationsvorschläge ist evident
genug, um allgemeine Anerkennung zu finden
4
Nun erscheinen ‘Madchen’ (5), die den Weg weisen; sie treiben die
Pferde zur Eile, daß die Achse im Wirbel der Räder feurig strahlt:
sie sind ‘HAdôec xodpat (9). Dieser ihr Name scheint das Dunkel des
Proömiums blitzhaft zu erhellen: sind sie nicht die “Göttinnen der
hellen Wahrheit” (Deichgräber, 29), vielleicht gar “des Denkers
eigene Erkenntnistriebe, die zum Licht streben” (Fränkel, Wege und
Formen, 169)? Und doch: “Hiıkdes — im Unterschied zu úÀtoerders —
ist zunächst ein Name; dies ist nicht die Sprache freier Allegorese,
sondern des genealogischen Mythos. Griechen noch zur Zeit des Parmenides fragen, wenn von göttlichen Wesen die Rede ist, nicht zunächst
nach einer Deutung, sondern nach Name und Abkunft. Nun haben die
Heliaden ihren festen Platz im Phaethon-Mythos. ‘Hatédeg war die
Phaethon-Tragödie des Aischylos (Fr. 101ff. Mette) betitelt; doch
schon die hesiodeischen Kataloge wuBten von den Bernsteintränen,
die sie um den Bruder weinen.15 Ein letzter Reflex einer aktiveren Rolle
ist bei Hygin (fab. 152 A) erhalten: eguos iniussu patris tunxerant, für
13 Coxon hatte die Freundlichkeit, mir mitzuteilen (Brief vom 2.11.65): “It is
quite certain that &om is not in this (and so far as I know, not in any other)
manuscript. What N has is substantially what the other mss. have, viz. ndvr’
&ty (r&vrdrn L, without the second accent and apostrophe, révra rn the rest” ...
14 Gegen äorn steht V. 27 dx’ dvOparwv txtds rérov éotiv. Man fand es passend,
daß Parmenides gleichsam Odysseus übertrumpft (E. A. Havelock HStCPh 1958,
133ff.; Deichgräber 27; Mansfeld 230), doch « 3 steht ausdrücklich dvdparav
datex; nie heißt Zom allgemein ‘Orter’ (Fränkel Wege und Formen 160,2),
‘places’ (Tarän 8); Orph.Fr. 47,3 muß beiseite bleiben, vgl. Anm. 48. Paläographisch am nächsten liegt «ith (G. Hermann, danach Diels 48); dies würde
bedeuten, daß der Weg 'von sich aus’, gleichsam automatisch den wissenden
Mann ans Ziel bringt, vgl. Wilamowitz Hermes 34,1899,204, mit dem gewichtigen
Einwand: wenn schon die Pferde die Wegzeichen kennen (roAbppactor V. 4,
vgl. C. Eggers Lan Hermes 1960,378, Tarän 12f.) und Unsterbliche vorangehen,
ist 6865 abch pépovaa zumindest überflüssig; vgl. immerhin (6885) Ayhsasdar
deler Orph.Fr. 352. Doch ist auch der in N geschriebene Akzent zu beachten,
der gegen aörh spricht. Geschickt verteidigt Guthrie II 7 &orn, indem er den
Weg als Sonnenbahn faôt: sie geht ‘über alle Städte’ und ist doch fern von den
Menschen.
35 Fr. 150,23 Merkelbach-West, vgl. Fr. 311; hierzu J. Schwartz, Pseudo-
Hesiodeia (196) 301 ff.; 474f.; der Namenskatalog der Heliaden (Hyg. fab. 154
fab. 156 praef. 38) geht sicher auf ein hesiodeisches Gedicht zurück, bei allem
berechtigten Misstrauen gegen Hygin.
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Phaethons verhängnisvolle Ausfahrt. So sind im Mythos die Heliaden
mit einer Wagenfahrt besonderer Art verbunden; Parmenides aber
schildert, wie die Achse des Wagens aufglüht, sooft die Heliaden zur
Eile treiben: Parmenides erscheint als ein neuer Phaethon,!® nur daß
ihn im Unterschied zu dem unglücklichen Jüngling nicht potpa xaxh
(26) getrieben hat ; Phaethon war kein “Wissender’. Sollte die andeutend
umschriebene 68èc Sxtuovos eben der Weg des Helios sein, des pavoiuBporoc Balgoy “Vreepiovidas (Pind. 0/.7,39)? Doch wohin führt der Weg
der Sonne?
Die Heliaden, heiBt es, haben das Haus der Nacht verlassen, hin
zum Licht, sie haben vom Haupt den Schleier hinweggestoBen. Hier
ist zweifellos der Weg von der Nacht zum Licht beschrieben; hier
setzen, nächst dem Wort ‘Hdtddec, die allegorischen Deutungen an.
Indessen: nur auf “HAäôec xobpar bezieht sich mpoArroteat, nicht auf
das Gespann, nicht auf Wagen und Mann. Freilich hat man versucht,
wenigstens eig péoc zu re onepyolaro réuretv zu ziehen: “hastened to
escort me towards the light” (Taran 8, nach Raven, Diels). Doch die
Wortstellung des Parmenides ware dann ganz verquer, wo doch
&cdpevaı gleich wieder rpoArrodoa. aufnimmt. Auch der lexikalische
Befund zeigt, daß die Richtungsangabe zu rpoAtneiv gehört.17 Dieses
Verbum, speziell das participium aoristi, wird regelmäßig verwendet,
um einen Bewegungsablauf nach seinen zwei Grenzpunkten zu bestimmen, Beginn und Ende, Abfahrt und Ankunft; - Aırelv weist zurück,
meo — weist voraus. So etwa Mimnermos (Fr. 10,3f. D.): .. .Exel
bododaxruros "Hag 'Oxeavòv mpodimeda’ obpavòv elsavaßfj. Auch fehlt es
nicht an Belegen dafür, daß neben %elreıv statt eines zusätzlichen
Verbums, das ‘gelangen’, ‘ankommen’ bedeutet, bloBes eig das Ziel
angibt (Mansfeld 238). Und so ist es ja auch vom Inhalt her einleuchtend: ‘das Haus der Nacht verlassen’ und ‘zum Licht gelangen’
sind zwei Aspekte des gleichen Vorgangs. Dieser aber ist in der perfektiven Aspekt geriickt — participia aoristi — während die Fahrt im
18 Vgl. Bowra 45; an Phaethon und den Sonnenwagen dachten u.a. auch Gilbert
32, Kranz 1159; F. M. Cornford, Principium Sapientiae, 1952,118,1 verstand
85èc Saluovog als Sonnenbahn. Albesbe: ist mehr als bloBes HeiB-Laufen (fervidus
axis Verg. georg. 3,107; Diels 49). Es gab einen Brauch, durch Drehen eines
Rades Feuer zu erzeugen (H. v. Wlislocki, Aus dem Volksleben der Magyaren,
1893,64), was sich mit Sonnen-Feiern, Sonnen-Opfern leicht verbinden mochte.
1? Weiter z.B. Hes. Erga 566; hymn. Aphr. 66; Pind. Pyth. 9,30; Aisch. Prom.
278ff.; Eur. Alk. 124f.; zur elg pdos vgl. hymn. Dem. 337f. drò Cópou...ês
pkoc; Hes. theog. 669 Sxd yBovòs xe péwoëe — Richtig Morrison 60, Vos 31f.,
Mansfeld 237 f., Classen 99.
Pagina 9
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)imperfektiven Aspekt — Präsensstamm réurov, pepéunv, péoov, hyeuóvevov, let, oxepyolato — geschildert ist; das ‘Verlassen’ des Hauses, das
‘ZurückstoBen’ des Schleiers ist abgeschlossen, während die Fahrt
andauert. Es folgt aber, ausführlich beschrieben, die Durchfahrt durch
ein Tor, das, wie man meint, gleichfalls und erst recht den Übergang
zum Licht bezeichnet. Ist dies ein “Nachtrag” (Kranz 1161f.; vgl
Bowra 44; Vlastos 73)? Dann hätte Parmenides, wenn er schon die
natürliche Folge in so undurchsichtiger Weise verkehrte, dem arglosen
Leser oder Hörer wenigstens eine zurückweisende, erklärende Partikel,
ein y&p oder Froı gönnen sollen. Auch kann nur, wer vom bildhaften
Gehalt völlig abstrahiert, das ‘Haus’ der Nacht und die ‘Bahnen’ der
Nacht ohne weiteres als identisch betrachten. Vor allem aber müôte
man dann annehmen: “Die Reise beginnt im Hause der Nacht”
(Gigon 246). Wie aber wäre Parmenides dorthin gekommen? Ist es sein
gestalterisches Unvermögen, daß er dies zu schildern unterließ (vgl.
Diels 8), oder setzt er als selbstverständlich voraus, daß alle Menschen,
Bpotol eidöreg obSév (B 6,4), im Haus der Nacht herumtappen? Doch
nein, wenn das ‘Haus der Nacht’ zur Zeit des Parmenides bekannt
war, dann nicht als durchsichtige Allegorie, sondern als Name im
Bereich der mythischen Geographie: Nuxrèc S'épefewvñc olxta Sewd
sind in Hesiods Theogonie geschildert, in dem Tartaros-Exkurs nach
Abschluß des Titanenkampfes (744).18 Es liegt am Rande der Welt,
wo Erde, Tartaros, Meer und Himmel ihre Wurzeln haben, wo ein
ungeheurer Abgrund, yéou« (740) gähnt, unergriindlich; selbst Götter
schaudern zurück; “der finsteren Nacht schreckliches Haus aber steht
da, verhüllt von dunklen Wolken”. Wenn man den Zusammenhang
von Parmenides und Hesiod bestreitet, weil eben die Reise des Parmenides vom Haus der Nacht zum Licht gehe (Vlastos 73, 43), bewegt
man sich im Kreise; zudem bestehen noch andere, noch engere Beziehungen zwischen dem Parmenides-Proömium und eben dieser
Hesiodstelle. Dann freilich kann die Fahrt nicht im Haus der Nacht
beginnen; dort einzudringen, ja auch nur in die Nähe zu gelangen ist
ein unerhörtes, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen. Man versteht, daß Fränkel an dieser Stelle resigniert und meint, die Bilder
seien für sich genommen “verworren und haltlos”. Und doch löst sich
die Aporie, wenn man nur die Lieblingsvorstellung aufgibt, daß Parmenides von der Nacht zum Licht gelangen müsse. Nur die Heliaden
18 Zu diesem Passus, der seit je zur Erläuterung des Parmenides herangezogen
wurde, vgl. F. Solmsen Stud. It. 24,1950,235ff.; M. C. Stokes Phronesis 7, 1962,
1ff.
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)haben das Haus der Nacht verlassen, sie kommen Parmenides entgegen rpokmoüou dduata Nuxrdc eis pios (vgl. Morrison 60, Vos 32,
Mansfeld 237). Bei jeder Epiphanie göttlicher Wesen stellt sich die
Frage nach dem Woher, schon weil man ja in Gebet und Beschwörung
die Götter herbeiruft: sie sollen ihren gewohnten Aufenthaltsort ‘verlassen’. So beginnt Hesiod mit den Tänzen der Musen auf dem Helikon:
‘von dort’, &vdev &ropvouevar (theog. 9) sind sie gekommen. Empedokles
ruft die Muse an: réure zap’ EdaeBing êAdouo’ eùfviov pa (B 3,5).
Andererseits ergab es sich bei den im Kult so geläufigen zourat von
selbst, daß man von einem Versammlungsort aus dem zu geleitenden
Gott, den iepá entgegenzog, um sie dann an den Ort ihrer Bestimmung
zu bringen; vgl. die Ephebeninschrift IG IF? 1011,7: örannvmoav d&
xal Toïs tepoïs Ev hou uexpı tic 'Hxoös xai rpoéreudalv aölrk, Sulolos
d& xal tl6v “Taxyov. So sind die Heliaden Parmenides entgegengekommen, haben sich ihm zu erkennen gegeben in ungewohnter
Vertraulichkeit.!? Damit ist freilich vorausgesetzt, daß die Heliaden
im “Haus der Nacht’ zuhause sind. Eben diese uns befremdliche
Vorstellung ist aber ausdrücklich bezeugt. Schon Morrison (59) verwies mit Recht auf Stesichoros (185 Page): Helios beeilt sich am Abend
Bppa dt’ dxexvoto mepdous Aptxoıd’ inpäs mort BévOex vuxrdc Épeuväc, ort
udtepa xouptôlav T° &hoyov matdag te pihouc. In den “Tiefen der heiligen
Nacht’ also ist Helios zuhause, dort erwarten ihn Mutter, Gemahlin
und Kinder. Man mag sich vorstellen, daB die Heliaden dem Vater
entgegeneilen, seinen Wagen in Empfang zu nehmen. Helios und die
Heliaden beheimatet im ‘Haus der Nacht’: den Griechen war es seit
alters selbstverständlich, daB die Dunkelheit das Licht hervorgebracht
hat (vgl. Hes. fheog. 123ff.); in der Zeitrechnung endet ein Tag mit
Sonnenuntergang, der neue Abschnitt beginnt mit der Nacht, aus der
sich dann der neue Tag erhebt; doch so gewaltig auch Helios emporsteigt, er muB zurückkehren zur Mutter, zum Haus der Nacht.
‘Dort ist das Tor der Bahnen von Nacht und Tag’ (11); ‘für sie halt
Dike, die vielstrafende, die wechselnden Schlüsse!’ (14). Wenn der
ı Das Ungewôhnliche daran, daß Mädchen sich vor den Blicken eines Mannes.
entschleiern, sollte man nicht durch noch so geistreiche symbolische Interpretation (z.B. Diels 50; Gilbert 32£.; Deichgräber 29) verwischen. Nausikaa und ihre
Gespielinnen entschleiern sich (¢ 100), weil sie glauben unter sich zu sein.
Hesiod sieht die Musen nicht (theog. 9; Latte Antike und Abendland 2,157).
~ Entfernt vergleichbar ist die Erscheinung der libyschen Apsccaı Ap.Rh.
4,1308ff., die dem schlafenden Iason das Tuch vom Haupt ziehen (1314, 1350f.)
Jason wendet den Blick ab. Vgl. ferner Aristoph. Nub. 287.
Pagina 11
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Weg des Parmenides von der Nacht zum Licht geht, muB das Tor
die ‘Bahnen von Nacht und Tag’ trennen, wieder eine recht verquere
Vorstellung: “ein Tor, das sich zwischen zweierlei ‘Wege’ einschiebt
(11), kann es in der Wirklichkeit kaum gegeben haben” (Fränkel,
Wege und Formen, 161,3). Ein Tor ist dazu da, Durchgang zu verweigern oder zu gewähren, Wege aufzunehmen und zu entlassen. Wie
vom Stadtor aus die verschiedenen Straßen weithin über Land gehen,
so gehen die ‘Bahnen von Nacht und Tag’ von einen ‘Tor’ aus — mag
auch die Verbindung zat xerelbdwv sonst nicht belegt sein.21 ‘Bahnen
von Nacht und Tag’ — dies ist unmittelbar verständlich: Nacht und
Tag wandeln täglich im Wechsel über die Erde hin — man braucht
kaum an die Gespanne der Nacht und der Sonne im Ostgiebel des
Parthenon zu erinnern -; wir erleben ihr Kommen und Gehen. Uralt
ist die Vorstellung, die das Verschwinden und Erscheinen im Bild
eines Tores verdeutlicht,2? das sich schließt und öffnet. Daß dies in der
rechten Ordnung geschieht, darüber wacht Dike. Die ‘Gerechtigkeit’
im Wechsel von Tag und Nacht ist ein Grundmodell fürs Denken der
Vorsokratiker
;# der berühmte Satz des Anaximandros (B 1) von der
‘Buße’, die die ’seienden’ Dinge einander zu zahlen haben nach der
Ordnung der Zeit, findet hier seine eindrücklichste Illustration: das
Unrecht, das der Tag im Sommer der Nacht antut, muß er ihr im
Winter bis ins letzte zurückzahlen, gleichsam auf Heller und Pfennig,
und umgekehrt. Das Gleichmaß im Wechsel von Sonne und Nacht
20 Vgl. Diels 50f. — Tarän wird seinen eigenen Prinzipien untreu, wenn er sich
in seiner Übersetzung zu einem Einschub gezwungen sieht: “the gates [separating] the ways of day and night” (8).
41 Nach Vos 29 könnte der "Genitiv hinter man” nur die Richtung angeben:
‘Tor zum Äther’, analog möraı odpaved. Doch vgl. Empedokles B 100,19 midas
ioduoto (so liest J. Bollack, Empédocle I, 1965,243f.). Auch Pindar Of. 6,27
XPh rolvuv mAxe Suvav dvantrvdgev abrate bedeutet nicht, daß die Maulesel
durchs Tor ‘zu den Gesängen’ gelangen, sondern daß das im Bild der Wagenfahrt
gesehene Lied ungehemmt seinen Gang gehen soll. Anders Bacch. Fr. 5 dpphrav
énéwv bias Eeupsty.
33 Das Öffnen des Tores, aus dem der Sonnengott hervorgeht, ist schon auf
altmesopotamischen Siegeln der Sargon-Epoche dargestellt; vgl. H. Frankfort, Cylinder Seals, 1939, 98ff., bes. T. XVIIIa= S. N. Kramer, Sumerian
Mythology, 19613, T. 10,1. Daß orientalische Rollsiegel gelegentlich auch nach
Griechenland gelangten, hat der Fund in Theben gezeigt, Kadmos 3,1964,25 ff.
— Vgl. auch E. L. Highbarger, The gates of dreams, Baltimore 1940. ’HeAloto
múhat Odyssey w 12.
33 Vgl. G. Vlastos CIPh 42,1947,156ff., bes. 173; O. Gigon, Fondation Hardt,
Entretiens 1,1952,136íf.
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)im Kreis des Jahres ist in Euripides’ Phoimissen (535ff.) Paradigma
der Gerechtigkeit schlechthin. Doch schon Pindars Jenseitsbeschreibung setzt die gleiche Anschauung voraus: in der jenseitigen Welt ist
die Verkettung von Übertretungen und BuBzahlungen, ist der Wechsel
der Jahreszeiten aufgehoben, dort ist ewige Tag-und-Nachtgleiche:
toate DE vórreoow atet, oars 8° duépaus dhtov Eyovtes... (Ol. 2,61f.).
Dazu Heraklit B 94: “Hog yap ody ÖnepBhoeror perpa' ef de un, 'Eptvôec uwv Alene éxlxoupor éÉeuphoovaiv. Dike am Tor der Bahnen von Tag
und Nacht, dies ist demnach mythischer Ausdruck fiir ein festes Stiick
vorsokratischer Naturerkenntnis. Man darf auch aus dyoıßög eben
diesen ‘Wechsel’ von SchlieBen und Offnen, von Kommen und Gehen
heraushören, was eine speziell technische Bedeutung von xAnig œuotf6c
keineswegs ausschlieBt.24
Nun hat aber das Tor von Tag und Nacht im griechischen Bereich
sein Urbild, wie man seit je sah, wiederum bei Hesiod, in eben dem
schon genannten Passus der Tartaros-Schilderung. Vor dem Hause
der Nacht, heiBt es, trägt Atlas den Himmel, und dort begegnen sich
Nacht und Hemere, “wechselweise iiberschreitend die groBe eherne
Schwelle; die eine geht hinein und hinab, die andere kommt heraus . . .”
(749). Also auch hier der Wechsel von Tag und Nacht, das Tor, die
Schwelle — nur Dike in ihrer gleichsam astronomischen Funktion
fehlt im frühen Epos? Bei Parmenides heißt das Tor, abweichend von
Hesiod, ‘atherisch’; dies weist auf einen bestimmten Bereich des
Kosmos, auf die lichte Himmelshéhe. Dieses Wort ist der einzige
Anhaltspunkt im ganzen Proémium für alle Interpretationen, die
von einer ‘Auffahrt’, einer Himmelsreise sprechen. Doch wenn man
konstatiert: “wir befinden uns in der Himmelshöhe” (Deichgraber 33),
darf man doch die ‘steinerne Schwelle’ nicht übersehen. Auch dies
eine Abweichung von Hesiod: dort ist die Schwelle “ehern’ (theog.
750).28 Wenn Parmenides das metrisch gleichwertige Aduvog setzt, muß
#4 Vgl. die Diskussion bei Mansfeld 240ff.; &uetféuevar péyav oùdòv Hes. theog.
749; &uotBaïtos Empedokles B 30,3.
35 Das Wächteramt üben bei Hesiod die Hekatoncheiren, theog. 734f. Allerdings ist schon für Hesiod Dike eine der Horen (theog. 902), die in der Ilias (E
749ff., © 393ff.) das Himmelstor öffnen und schließen. — Die Aten rokdmoivos
der Orphiker (Orph. Fr. 158), schon Platon bekannt (Leg. 715e= Orph. Fr. 21,
vgl. 23) scheint eine allgemeinere Funktion auszuüben.
28 Die ‘eherne Schwelle’ zur Unterwelt hat ihren festen Platz in Literatur
(® 15) und Ritus (Soph. O.K. 57m. Schol; 1591). — Daß auch das brépüupov
‘steinern’ wäre (Deichgräber 31, Mansfeld 245), steht nicht da; das Tor ‘selbst’
(«drei V. 13) besteht doch wohl aus den seitlichen Pfosten bzw. Pfeilern und
Pagina 13
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)eine Absicht dahinterstehen. Wenn der Aither zum Himmel gehört,
gehören die Steine zur Erde. Das Tor ragt auf in alle Himmelshöhen,
seine Schwelle aber ist im Bereich der Erde: es faßt die Bereiche von
Himmel und Erde zusammen, wie es auch die Bahnen von Nacht
und Tag gemeinsam umschließt. Die Gegensätze und die Einheit,
dies ist ein Grundproblem des parmenideischen Denkens. Zugleich
aber bleibt diese Interpretation ganz im Rahmen der mythischen
Geographie: wir befinden uns ja in dem Bereich, wo nach Hesiod
Himmel und Erde, Meer und Tartaros ihre Quellen und Grenzen haben.
Nichts hindert, %v@a mit der nächststehenden Ortsangabe zu assoziieren: Sœuæræ Nuxréc.?? Irgendwo in dieser geheimnisvollen Gegend
ist das gewaltige Tor. Es ist wohl nicht unmittelbar das Tor zum
Haus der Nacht — man fährt nicht mit dem Wagen ins Haus -, eher
ist der ganze Bereich wie ein weitläufiges Gehöft gedacht, in dem
mehrere größere und kleinere Sapata, olxta stehen — so schon bei
Hesiod.
Dike stößt, ‘beredet’ von den Heliaden, den Riegel zurück, das Tor
schwingt auf — gähnende Weite starrt Parmenides entgegen; die sich
drehenden Pfosten mit ihren Pfannen und Haken sind das einzig
Greifbare, Feste, das bleibt; und der Weg. Nichts von Himmelsglanz.
Xdopa &yavés — doppelt ausgedrückt, mit nicht zu überhörendem
Nachdruck: das Offene, Halt- und Bodenlose, Leere. Hier ist mehr
gesagt als schlicht: die Tür ging auf. Und wieder wird man auf Hesiod
verwiesen: dort am Rand der Welt ja ist jenes ungeheure yaou«, vor
dem selbst Göttern graut (Morrison 60). Von Hesiod her erhält erst
der Parmenidestext seine Pointe: selbst in einem Jahr nicht könnte
Türsturz. Mansfeld 245 möchte Adivog mit der ‘mauerartigen’ Grenze des Kosmos
A 37 verbinden; doch warum ist nur die Schwelle ‘steinern’? Gewiß, in Parmenides’ eigener Kosmologie gibt es keine flache Erde, keinen Rand der Welt,
wo Himmel und Erde sich berühren (Vos 33); aber im System der ineinander
kreisenden orepdvaı kann es überhaupt kein ‘Tor der Bahnen von Nacht und
Tag’ geben. Nicht einmal Platon hat sich Mühe gegeben, die Himmelstore (Resp.
614c) mit den ‘Spindelwirteln’ des astronomischen Weltbilds auszugleichen;
umso mehr kann auch Parmenides an das vorphilosophische Weltbild anknüpfen.
Das Proömium ist Hinführung; kein Hörer kann im voraus wissen, was die
Göttin weit später lehren wird.
3° Vgl. Kranz 1160; 1163; Morrison 59ff. Das wiederholte &vba in Hesiods
Theogonie (729; 736; 758; 767; 775; 807) gibt gewiß keine exakte Topographie,
auch eine Himmelsrichtung ist allenfalls im Wort Cépoc angedeutet (729),
doch alles bezieht sich auf den zuvor genannten geheimnisvollen Namen:
T&prapos (725). So ist auch das &v0x bei Parmenides schwerlich ganz beziehungslos (“there is no need to identify &v0«” Taran 13).
Pagina 14
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)man den Grund dieses y&oux erreichen, heißt es, denn Stürme wurden
den Eindringling erfassen und hin- und herschleudern, &vôa wat &vôa
(740). Nicht so Parmenides: ‘geradewegs’ geht die Fahrt weiter, denn
Unsterbliche leiten ihn.
Dann empfängt ihn die ‘Göttin’. Daß sie nicht mit Dike identisch
ist,28 macht der Text, wörtlich verstanden, genügend klar. Dike
bewacht das Tor; als es aufspringt, geht die Fahrt ‘geradeaus’ weiter,
also an der Türhüterin vorbei. Türhüter und Hausherr sind im täglichen Leben der Griechen selbstverständlich getrennt; der Türhüter
läßt ein, der Hausherr, die Hausherrin empfängt. Wenn im Tempeldienst die xAnôoüyos eine hohe, vielleicht die höchste Pristerin ist,
so ist sie doch nicht die Göttin, die erscheint. Wie könnte die Göttin
auch sonst zu Parmenides sagen, daß Themis und Dike ihn gesandt
haben (28)? Dike ist dem Diesseits zugewandt, dem Wechsel von Tag
und Nacht; das Fahrtziel des Parmenides liegt jenseits davon.
Wie aber sollen wir die Göttin benennen? Am konsequentesten ist
Morrisons Vorschlag (60): Nyx.* Eine Beziehung zur Theogonie des
‘Orpheus’, in der nach Aristoteles und Eudem Nyx am Anfang stand
(vgl. Anm. 36), wäre dann kaum abzuweisen. Tatsache aber ist, daß
Parmenides hier keinen Namen nennt — Proklos freilich spricht von
der vógpn "Yıyınöan (in Parm. p. 640 Cousin); dies ist rätselhafter, als
man zuzugeben geneigt ist®®— Nun ist est aber fester Brauch lebendiger
Religiositat, von 06g oder Oet ohne Namensnennung zu sprechen:
im Bereich der eidétec. Für die Athener ist Athena # 6e6c schlechthin,
ein Name ist überflüssig. Wichtiger ist die Vorschrift in den Mysterien:
oft waren die Namen der Götter nur den Mysten bekannt, sie gehörten
zu den &röppnr«; offiziell zumindest ist nur von eds, Set, ra Oec,
% Da Dike auch B 8,14 bedeutungsvoll genannt ist, (vgl, Fränkel, Wege und
Formen, 162{f.), wird die Gleichsetzung der ‘Göttin’ mit Dike (Sextus 7,113f.;
A 37) immer wieder verfochten, vgl. Deichgräber pass., Mansfeld 62; 261 ff.;
dagegen Taran 15f.
29 Vgl. das Orakel der Nyx in Megara, nahe dem Megaron der Demeter, Paus.
1,40,6; Orakel der Nyx in Delphi, Orph. Fr. 294, Schol, Pind. Pyth. p. 2,6
Drachm.; Orph. Fr. 103, vgl. Anm. 37. — H. Gomperz freilich glaubte, die
Göttin Hemera benennen zu können (Imago 10,1924,4).
30 Proklos gibt Syrians Interpretation des platonischen Parmenides wieder.
Ob ein Kommentator der mythisch-poetischen Sprache fähig war, V. 11ff.
mit vöupn “Y berbky zu paraphrasieren (Taran 16, vel. Bowra 47), ist zweifelhaft
(Cornford a.O. 120,1). Andererseits ist das Proömium offenbar vollständig
erhalten. Ob ihm ein Schlußvers respondierte, ‘so sprach die Göttin, *Yıımıan
vouen’?
Pagina 15
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)ueydhor Geol, die Rede.3! Weit entfernt, die Würde des Gottes zu
mindern, betont de den Anspruch des Ganz Anderen, unter Ausschluß aller Vertraulichkeit. Erst von daher erhält die dennoch gewährte Gnade ihr Relief, die Freundlichkeit des Empfangs: Xaïpe.
Doch in eben dieser Begrüßung klingt eine andere, ferne Möglichkeit
als dunkle Drohung an: wie erginge es dem, den nicht Themis und
Dike, sondern eine potpa xaxt (26) zur Göttin sendet? Parmenides
indessen ist angenommen. Schon die Anrede xoöpe bezeichnet seinen
Rang.?? Höhepunkt des Lebens im Angesicht der Göttin.
Um zusammenzufassen: Die Fahrt des Parmenides ist weder ein
Übergang von der Nacht zum Licht noch eine Auffahrt; sie ist auch
nicht eine Sammlung heterogener Symbole, die nur in Bezug auf den
gedanklichen Gehalt verständlich wären, noch weniger ein rein lite*1 Die Göttinnen der Thesmophorien und der eleusinischen Mysterien heißen
offiziell ro 62; daneben werden in Eleusis 6e6ç und Gek genannt, die zu benennen
schwierig ist, vgl. M. P. Nilsson, Gesch. d. griech. Rel. I, 19553, 470; Képnc
wal Ahuntpog wal abris tig ueylorns deäs Prokl. Resp. I 125,20 Kroll; die Inschrift von Andania SIG® 736 nennt Meyéact Geol und “Ayva, Paus. 4,33,4f.
setzt diese mit Kore gleich, er spricht von deal peydhar. Die Meydioı Geol von
Samothrake wurden mannigfaltig benannt und gedeutet, vgl. B. Hemberg, Die
Kabiren, 1950; Weihinschriften r& Oeöt aus dem Persephone-Heiligtum von
Lokroi, IG XIV 630, Not. Scav. 1909,321, Rend. Acc. Linc. 14,1959,227. -
Tarán 31: “The fact that the goddess remains anonymous shows that she represents no religious figure at all and only stands as a literary device” ist ein
Mißverständnis,
® Vgl. zum xoüpos-Begriff die umfassende Studie von H. Jeanmaire, Couroi et
Courètes, 1939. Arde &yAuè xoüpe redet Hermes Apollon an, hymn. Merc. 490;
te uéyiore xoöpe wird Zeus im Hymnos von Palaikastro (Nilsson, Gesch. d. griech.
Rel, I* 322) angerufen; Epimenides wurde xobpns (véoc) genannt (Plut. Sol. 12,
Diog. Laert. 1,115; vgl. Anm. 37); dazu die ‘Dioskuren’. Die Erklärung (NestleZeller I® 728,2; Kranz 1167; Tarán 16), xodpe betone die Überlegenheit der
Gottheit, den Abstand zum menschlichen Bereich, trifft nicht die Nuance —
dies wäre & nai, vgl. Heraklit B 79 — Noch weniger geht es an, xoüpe biographisch auszuwerten, als sei Parmenides bei Abfassung des Gedichts “not much
over thirty” (Raven 268 nach K. Reinhardt, Parmenides, 1916,111; F. M.
Cornford, Plato and Parmenides, 1939,1). Vasenbilder zeigen Herakles, wie er
über dem Scheiterhaufen im Viergespann gen Himmel fährt: er ist als Jüngling
dargestellt (Pelike München 2630, ARV*1186,30, Furtwangler-Reichhold T.
109,2, H. Metzger, Les representations dans la céramique attique du IVe siècle,
1951, T.28,1, vgl. T. 28,2/3). Kotpog ist der ins Heiligtum Aufgenommene
— dies demonstriert ja auch der xoöpoc-Typ der griechischen Plastik. — Schon
A. Patin, Jahrb. f. class. Phil. Suppl. 25,1899,643 hat mit Recht festgestellt, daß
xoöpe “das brüderliche Gegenstück zu xoöpat” ist, daß die Anrede “ihm gewissermaßen gleichen Rang, gleiche Art zuerkennt”.
Pagina 16
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)rarischer Einfall ohne tiefere Bedeutung. Parmenides fährt auf dem
Weg des Daimon zum Rand der Welt, wo an der Grenze von Himmel
und Erde ein hochragendes Tor Diesseits und Jenseits scheidet. Aus
dem Haus der Nacht kommen ihm die Heliaden entgegen, sie geleiten
ihn durch das Tor in die groBe ‘Offenheit’, wo ihn die Gôttin empfangt.
Alles fügt sich durchaus notwendig zusammen, sobald man nur den
Weg nach oben und den Weg zum Licht, diese platonisch-christlichen
Symbole, entschlossen beiseite läBt. Eher wäre die Reise — mit Morrison — eine Katabasis zu nennen. Richtiger aber ist es, die Vertikale,
das Oben und Unten überhaupt aus dem Spiel zu lassen. Das Jenseits
ist in der wohl urtümlichsten Vorstellung weder oben noch unten,
sondern einfach sehr, sehr weit entfernt. Auch Odysseus fährt in der
‘Nekyia’ weder hinauf noch hinab, sondern schlicht in die Ferne;
Ähnliches gilt im sumerischen Mythos.?® Daß Parmenides an solche
uralten Traditionen anknüpft, mag zunächst verwundern; doch wenn
dies die Selbständigkeit des Parmenides zu beeinträchtigen scheint,
fügt es sich doch ganz zum System der parmenideischen Philosophie:
Licht und Nacht sind ja die beiden ‘Gestalten’ der Doxawelt, die zu
‘benennen’ der Grundfehler der ‘Meinungen der Sterblichen’ ist. Dabei
steht keineswegs, obgleich Aristoteles schon so verstand,** das ‘Licht’
einfach fürs Seiende, die ‘Nacht’ fürs Nichtseiende; das Nichtseiende
ist weder aussagbar noch erfaßbar (B 8,8); Dunkel und Tod, die
Hälfte der schmerzhaft wirklichen Welt, läßt sich nicht so einfach
negieren. Nein, Licht und Nacht sind beide nur vordergründige Aspekte des einen Seienden; der Denker muß über ihren Antagonismus
hinaus dringen, Darum ist auch die rechte xpfais nicht einfacht das
Erfassen des Lichts.% Bildlich gesprochen: Parmenides ist hinter das
33 Vgl. S. N. Kramer, Irag 22,1960,677!, zum Mythos von ‘Enlil, Ninlil und der
Unterwelt’: “the word ‘descent’ is not used in this myth, only such words as
‘come’, ‘follow’, ‘enter’... .”
3 O86
b 30ff.; vgl. dagegen zum Verhältnis von Aletheia und Doxa bei Parmenides bes. H. Schwabl. Wien. Stud. 66,1953,50ff.; Mansfeld 254ff.; Taran 220
ff.; daß der Sinn des Proömiums der Durchbruch zur ‘Transzendenz’ ist, betont
Mansfeld 247. Dem widerspricht nicht, daB Nichtsein und Nacht in gewissem
MaBe analog gesehen werden, vgl. dazu Mansfeld 132f.; 153.
35 Für die vielverhandelte Problematik von B16 und A 46 sei auf Fränkel,
Wege und Formen 173ff.; Mansfeld 175ff.; Taran 253ff. verwiesen. Auch wenn
Theophrasts Satz Beatin dè xal xabapatépav Thv 8d Td Bepuöv (Stévouxv) sich darauf
stützen kann, daB im Rahmen der Doxa-Welt dem Licht die positiven Valenzen
zurgeordnet sind (B 8,57f.; vgl. vor. Anm.), ist doch das Denken der Wahrheit
mehr als das eine Extrem im Schwanken des vóog zwischen Licht und Nacht
(vgl. auch Taran 73 ff. zu B7).
Pagina 17
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Tor gelangt, aus dem die Bahnen von Nacht und Tag im Wechsel
hervorgehen. Sie scheinen in ihrer gegenseitigen AusschlieBlichkeit
diese unsere Welt zu bestimmen. Doch wer vorzustoBen vermag in
den Ursprung, wird die Einheit und Fiille des Seienden begreifen.
‘O Beds huéon ebppdvyn — in seiner diesseitigeren Weise sucht Heraklit
(B 67, vgl. 57) dasselbe Problem zu fassen.
Doch soll der Weg in die Philosophie des Parmenides hinein nicht
weiter verfolgt werden. Vielmehr sei das Proömium noch in einen
weiteren Horizont gestellt, wodurch sich die Interpretation bestätigt
und einige schärfere Konturen gewinnt. Hesiods Theogonie ist nicht
das einzige Stück Tradition, auf das Parmenides bezogen ist. Stimmt
seine ‘Topographie’ weithin mit Hesiod überein, so ist doch etwas
anderes die Uberzeugung, daB ein auserwählter, ‘wissender’ Mann
eindringen kann in den Bereich des Ursprungs, um dort eine Offenbarung zu empfangen. Gerade dafür aber aber fehlt es nicht an Analogien. Da ist zunächst Epimedes von Kreta :% er behauptetete, in der
Zeus-Höhle des Diktegebirges viele Jahre lang geschlafen zu haben;
im Traum seien ihm Götter erschienen, darunter Aletheia und Dike.
Dies letzte steht expressis verbis nur bei Maximos von Tyros; doch die
Situation der Göttererscheinung ist offenbar vorausgesetzt in dem
berühmten Vers Kpîjre der fedora, xaxd Onpla, yaorépec dpyat (B 1),
in dem man längst die vergröbernde Nachbildung von Hesiod Theogonie 26 motéves &pyavhor, xax’ Eléyyex, yaorépeg olov erkannt hat:
wie bei Hesiod, reden wohl auch bei Epimenides die Göttinnen, überführen den Menschen seiner Nichtigkeit. Von einem theogonischgenealogischen Gedicht, das unter dem Namen des Epimenides lief,
gibt es eine ganze Reihe von Fragmenten. Man wird annehmen, daB
die ‘Theogonie’ des Epimenides gleichsam als Konkurrenzunternehmen zur hesiodeischen Theogonie gedichtet wurde: wie diese
36 Vgl. durchweg die durch Kühnheit wie Gründlichkeit ausgezeichnete Einleitung von Diels; zu Epimenides: 13ff., danach Morrison 60; die Zeugnisse
über Epimenides VS 3 und FGrHist 457, mit Jacobys Kommentar; die Erscheinung der Göttinnen Max. Tyr. 10, p. 111,3 Hobein. Jacoby zieht den Vers
Koijteg del petata: zu den xpnopol; dagegen spricht eben die Hesiod-Parallele.
Das Zeugnis des Xenophanes VS 21 B20. Zu den kretischen Kulthöhlen vgl.
Nilsson, Griech. Rel. 1% 261ff.; R. F, Willetts, Cretan cults and festivals, 1962,
141ff.; 199ff.; P. Faure, Fonctions des cavernes crétoises, Paris, 1964; älteste
Anspielung auf Minos und die Zeusgrotte + 179. Verwandt ist die Schilderung
des Alten Testaments, wie Moses am Berg Sinai Jahwes Gesetz empfängt, Ex.
19ff.
Pagina 18
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)begann sie mit einem Proömium, das die Weihe des Epidemides zum
Seher schilderte, den Weg in die Höhle und die Begegnung mit den
Göttern. Schon Xenophanes hat über Epimenides gespottet, sein
unglaublich hohes Alter erwähnt; dies gibt wohl einen terminus ante
quem für die Theogonie des Epimenides. Deutlich ist dabei — auch dies
eine Parallele zu Parmenides — neben der Anlehnung an Hesiod die
Verbindung mit lokaler Kulttradition, hier Kretas, dort Unteritaliens:
die Zeushöhle existierte als uralte Kultstätte; König Minos, hieB
es, habe dort alle 8 Jahre seinen Vater Zeus aufgesucht.
Als ein anderes, noch berühmteres Konkurrenzunternehmen zu
Hesiod kannte Aristoteles eine Theogonie des ‘Orpheus’
;#7 er nannte
Kerkops, einen Nebenbuhler des Hesiod, als Verfasser. In ihr stand
am Anfang Nyx, wie Aristoteles selbst und Eudem bezeugen. Uns ist
die orphische Theogonie im wesentlichen in einer späteren, den Neuplatonikern vorliegenden Redaktion bekannt, in der Chronos an den
Anfang gerückt war. Doch auch tn ihr noch spielt Nyx eine besondere
Rolle, und man kann vermuten, daB darin Altes bewahrt ist. Von der
Höhle der Nacht ist die Rede, ävrpov Nuxrös; am Eingang halt
Adrasteia Wache — auch hier Türhüterin und Göttin getrennt -;
in diese Höhle der Nyx aber begab sich Zeus, als er die Welt gestaltete,
um sich Orakelweisungen für dieses Werk zu holen. Der Herrscher der
Welt kehrt ein in der Höhle der Urmutter, um sich die Weisheit zu
holen, die er für sein Herrscheramt braucht. Die Ahnlichkeit zu
Minos-Epimenides, aber auch zu Parmenides liegt auf der Hand.
Sodann ist an ein Denkmal zu erinnern, das nach Ort und Zeit vom
Elea des Parmenides nicht weit abliegt: die Sibyllenhôhle zu Cumae.*8
37 Aristoteles über Kerkops: Fr. 7; 75; über Nyx als Ursprung: Met. 1071 b26;
1091b4; Eudemos Fr. 150. Zeus in der Höhle der Nacht: Orph. Fr. 105; 164;
165; vgl. 294. Für die allgemeine Problematik der orphischen Tradition sei
auf Nilsson, Opuscula 11,1952,628ff. verwiesen. Zu den Fragmenta Veteriora
kommt jetzt der Papyrus von Derveni dazu, Gnomon 35,1963,222f.
— Das
Verhältnis des Parmenides-Proömiums zu Orphischem wurde oft diskutiert,
vgl. z.B. Diels 11ff.; Bowra 44; Deichgräber 29; 86f.; W. Jaeger, Die Theologie
der frühen griechischen Denker, 1953, 114. Guthrie I1,10,3. Bemerkenswert ist,
daB einige Zeugnisse Orphik und Unteritalien verbinden: auf den italischen
Unterweltsvasen steht Orpheus vor dem Palast des Hades und der Persephone;
Suda nennt (s.v. Orpheus,— VS 1A1) als Verfasser orphischer Dichtungen
neben ‘Zopyros von Herakleia’ und ‘Orpheus von Kroton’ auch einen ‘Nikias
von Elea’.
88 Da Kyme schon 421/0 von Oskern erobert wurde, ist die alte Tradition für
uns weithin verschüttet; vgl. Jacoby zu FGrHist 576 Hyperochos. Das Totenorakel der ‘Kimmerier’ (Ephoros FGrHist 70F134; Ps.-Scymn. 240) glaubt
Pagina 19
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Wir kennen sie in der Literatur aus der Aneis. Der künftige König
muß, ehe er an den Ort seiner Bestimmung kommt, dort einkehren,
um sich Weisungen zu holen. Hundert Türen verschließen den Eingang,
doch sie springen auf, als Aeneas betet (den. 6,42ff.; 81), und aus der
Tiefe des Berges erschallt die Stimme der geheimnisvollen, uralten,
gottbesessenen Frau. Übrigens führt das x&opa im Burgfelsen von
Cumae bezeichnenderweise weder aufwärts noch abwärts, sondern
völlig waagerecht hinein in den Berg. Zu ihm, zur uralten ‘Mutter’
führt der Weg des Königs, der Weg zu Wissen und Macht.
Doch genügt es nicht, die Welt der Griechen zu durchstreifen.
Überraschend ähnlich ist ein Passus aus dem bedeutendsten und
bekanntesten Stück altorientalischer Literatur, aus dem Gilgameÿ-
Epos.%? Gilgame$ sucht die Unsterblichkeit; er muß darum zum Urahn
Utnapiëtim reisen, weit ins Jenseits. Er gelangt an ein Gebirge, Maëu
‘Zwilling’ genannt: “When he arrived at the mountain range of Mashu,
which daily keeps watch over sunrise and sunset, whose peaks reach
to the vault of heaven and whose breasts reach to the nether world
below — Scorpion-men guard its gate . . . their shimmering halo sweeps
the mountains that at sunrise and sunset keep watch over the sun . . .”
(IX, ii, 1ff.; ANET, 88). Nach einem Wechselgespräch mit den
Wächtern — der Text ist verstümmelt — öffnen die Skorpionenmenschen
für Gilgameë das Tor. Ein Tunnel führt in den Berg, 12 Doppelstunden
lang in völliger Finsternis. Dies ist der Weg der Sonne, den Gilgameë
geht: “along the road of the sun he went” (IX, iv,46); er führt nach
Norden, der Nordwind bläst Gilgames entgegen (IX,v,38). Jenseits
empfängt ihn die Schenkin Siduri. Freilich geht dann die Reise noch
weiter, auch die Wasser des Todes muß Gilgame$ noch durchfahren;
auch dies ist der Weg der Sonne (X,ii,23; ANET, 91). Aber das zitierte
Stück ist es, das mit Hesiod — und mit Parmenides - in auffälliger
Weise übereinstimmt: der Berg, der von der Unterwelt bis zum Himmel reicht und über Sonnenaufgang und Sonnenuntergang wacht —
R. F. Paget in Baiae gefunden zu haben: In the footsteps of Orpheus, London
1967; es scheint der in den Goldblättchen beschriebenen Unterweltsreise erstaunlich zu entsprechen — wenn es nicht, wie Skeptiker behaupten, nur ein
Wasserleitungssystem war. — Orpheus selbst wurde von seiner ‘Mutter’, der
Muse (Moüoa als montja?) im Panggaiongebirge zum Wissenden gemacht,
behauptet der Hieros Logos des ‘Pythagoras’ bei Iambl. V.P. 146 (vgl. Eur.Rhes,
972). - Zur Sibyllenhöhle A. Maiuri, I campi Flegréi (19634) 125.
% Zum GilgameS-Epos sei Auf Ancient Near Eastern Texts (ANET) relating to
the Old Testament ed. J. Pritchard, 19553, 72 ff, und W. v. Soden, Das Gilgamesch-
Epos, (Reclam) 1958, verwiesen,
Pagina 20
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)bei Hesiod der ‘Sohn des Iapetos’ Atlas vor dem Haus der Nacht, wo
Tag und Nacht sich begegnen, bei Parmenides als letzter Reflex das
‘ätherische’ Tor mit der ‘steinernen’ Schwelle, Himmel und Erde umfassend. Ungeheuer bewachen das Tor — bei Hesiod entsprechen die
Hekatoncheiren, bei Parmenides ist Dike an ihre Stelle getreten.
Dem Auserwählten wird das Tor aufgetan; er geht den Weg der Sonne.
Ziel des Unternehmens aber ist, das ewige Leben zu gewinnen; wenn
dies miBlingt, so hat doch Gilgames$ wenigstens Kunde mitgebracht,
Kunde von Utnapiëtim und der Flut (vgl. das Proömium des GilgameÿEpos, 11,7, ANET, 73); auch sein Weg war 6865 roAbpnuoc.
Durch den ‘Nordwind’ ist im Gilgames-Epos die Himmelsrichtung
bezeichnet. Ein Götterberg im Norden ist der westsemitischen Mythologie vertraut.# Auch die Griechen fabelten von einem gewaltigen
Gebirge im Norden, den ‘Rhipäischen Bergen’, hinter denen die Sonne
verschwindet. “Brust der schwarzen Nacht’ heißt das Gebirge bei
Alkman (Fr. 90 Page), mit Helios gehört es in Aischylos’ Heliaden
zusammen: état gèv 3) rarpôc "H<e>Atou (Fr. 102 Mette). Am nächsten
von allen Griechen ist den Rhipäischen Bergen angeblich Aristeas
von Prokonnesos gekommen; wie er ‘von Phoibos ergriffen’ in den
fernsten Norden vordrang, war vielleicht gerade im Proömium der
‘Arimaspeia’ geschildert.*!
Genug des Vergleichsmaterials! Die Verschiedenheiten im einzelnen
sind erheblich; und doch klingt durch alle Variationen bald mehr, bald
weniger vollständig das eine Grundthema hindurch: der Weg zu Wissen
und Macht, der Weg zum Berg, zur Hohle, zur Göttin. Versucht man
dieses Thema genauer zu fassen und zu verstehen, wird eine Erklärung
solcher Zusammenhänge immer nur den Wert einer Arbeitshypothese
haben, die sich von Fall zu Fall zu bewähren hat; doch muB man sie
wohl wagen, will man auf Orientierung in der Vielfalt der Phänomene
nicht ganz verzichten. Zugrunde liegen dem Komplex vom Königsund Sonnenweg in die Höhle, zur Göttin anscheinend Initiationsriten
von Männerbünden, deren kultisches Zentrum die heilige, ‘mütterliche’ Höhle war. Man weiB, da8 Initiationsriten um Tod und neues
Leben, um das ‘Mysterium der Wiedergeburt’ kreisen, ob es sich
nun um die allgemeine Pubertätsweihe handelt — das Kind stirbt, ein
erwachsener Mensch tritt ins Dasein — oder ob die exzeptionelle
40 Jesaia 14,13; M. C. Astour, Hellenosemitica, 1965, 269.
41 Vgl. Gnomon 35,1963,239; J. D. P. Bolton, Aristeas of Proconnesus, 1962.
43 M. Eliade, Das Mysterium der Wiedergeburt, Zürich 1961 (Naissances mystiques,
Paris 1959).
Pagina 21
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Initiation eines Auserwählten sich vollzieht, des Königs, Priesters,
Sehers oder Schamanen. Wie eindrucksvoll in diesem Spœuevoy von
Tod und Wiedergeburt die Höhle sich in Szene setzen lieB, leuchtet
ein: der instiktive Schauer beim Betreten des dunklen, unergründlichen Raums, und dann die blendende und zugleich beglückenden
Wiederbegegnung mit dem Licht. Auch die uralte Menschenkunst,
das Feuer zu beherrschen, lieB sich damit verbinden, sodaB ftir den
Kundigen das Dunkel sich in Licht verwandelte. Vom Licht zum Dunkel und vom Dunkel zum Licht, vom Leben zum Tod und vom Tod
ins Leben — dies ist der Weg in die Hôhle. Es ist für urtiimlichkonkretes Vorstellen fast selbstverständlich, die Höhle auch als
MutterschoB zu sehen, vielmehr: zu erleben. Uber die Symbolik von
Mutter, Zeugung, Wiedergeburt haben Tiefenpsychologen viel gehandelt. Der Historiker kann sich begniigen festzustellen, daB die
Symbolik zu Ritualen gehört im Rahmen der bekannten Grundkonstellation vorderasiatisch-mediterraner Religion: die grosse Göttin
mit ihrem sterbenden Erwählten. Wir sehen jetzt das Bild der GroBen
Göttin, thronend zwischen zwei Panthern, 5000 Jahre vor Parmenides
in den neolithischen Kulturen von Hacilar und Catal Hüyük# — die
Wurzeln reichen noch viel weiter zurück in paläolithische Perioden,
wie ‘Venusstatuetten’ und Höhlenmalereien ahnen lassen ~. Wir
finden sie wieder bei den Sumerern in verschieden gepragten Gestalten,
einerseits etwa Ninhursag, die ‘Königin vom Berg’, andererseits
Innana, die selbst in die Unterwelt eindringt, um mit furchtbarer
Macht wiederzukehren inmitten der wilden Gallé, Verderben bringend
über Dumuzi.“ Schließlich, neben mannigfachen anderen Differenzierungen in Mythos und Kult der Griechen, die ‘Phrygische Göttin’,
die ‘Mutter vom Berge’, die Anführerin der Korybanten oder Kureten;
ob sich die Demetermysterien reinlich davon abtrennen lassen, ist
«3 Ausgrabungen in Hacilar (1957ff.): J. Mellaart, Anat.Stud. 8,1958ff.; Catal
Hüyük (1961 ff.): ib. 12,1962ff.; vgl. J. Thimme, Antike Kunst 8,1965,72
ff.
— Göttin auf Panther: Anat. Stud. 11,1961,60 (Hacilar); zwischen zwei Panthern
thronend: Anat. Stud. 13,1963,93f., T. 24; Thimme 74f. (Catal Hüyük). Manner
im Pantherkostiim: Anat. Stud. 12,1962, T. 14f. Weibliche Gestalt mit einem
Knaben: Anat. Stud. 11,1961,55ff.; oburieyua 59, T. 10a, Thimme 76.
“4 Ninhursag “queen of the (cosmic) mountain”, -Kramer, Sum. Myth. 41,
auch Nintu “queen who gives birth” genannt; vgl. H. W. Haussig, Lexikon der
Mythologie I (1961) 103ff. — Zu ‘Inanna’s Descent to the Nether World’, bes.
dem neugefundenen SchluBabschnitt ANET 52if.; Journ. of Cuneif. Stud. 5,
1951,1ff.; Kramer, Iraq 22, 1960, 67f.
Pagina 22
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)die Frage.% Das hartnäckig erörterte Problem, wann und wie die
Griechen orientalische Traditionen kennen lernen konnten, tritt zurück gegenüber der unbestreitbaren Tatsache der Gemeinsamkeiten.
Zur Bed gehört ihr xoöpog; die Gemeinschaft der sterblichen Männer
braucht, um zu bestehen, das Gegenbild der ‘Göttin’. Mit dem Symbol
der mütterlichen Höhle verbindet sich immer wieder im Rahmen der
gleichen Initiationsriten ein anderes: die Sonne — im Agyptischen,
Semitischen, Indogermanischen bekanntlich männlichen Geschlechts —
Die Sonne ist das Urbild stetiger Erneuerung; jeden Abend vergeht
ihr Glanz, jeden Morgen kehrt sie neu und unversehrt zurück. Wie
leicht ließ sich dies im mythischen Bild mit der Wiedergeburt aus der
Höhle vereinen: die Sonne geht abends ein zur Mutter, in die Höhle
der Nacht, um am Morgen gleichsam neugeboren daraus wieder hervorzugehen. Von hier aus ist zu verstehen, wieso im Gilgame$-Epos
der Weg durch die Höhle hindurch und über die Wasser des Todes,
der Weg zum ewigen Leben der ‘Weg des Sama3’ ist. In der griechischen Religion spielt Helios bekanntlich eine bescheidene Rolle. Doch
zumindest in Mysterienkreisen ist schon im 5.Jh.v.Chr. Apollon mit
Helios gleichgesetzt;?” und einige Anzeichen sprechen dafür, daß
speziell in Unteritalien Helios mit dem Demeterkult verbunden war.
Merkwürdig sind vor allem unteritalische Vasen, die Demeters Begegnung mit Helios darstellen ;# was im homerischen Demeterhymnos
45 Der Name KußHßn ist sumerischen Ursprungs (W. F. Albright, Arch. f. Orient}.
5,1928 /9,229ff.; Bull. of the Am. School of Or. Res, 78,1940,26; Astour 3.0. 64,3),
wie auch die I'&%o: im Sumerischen aufgetaucht sind, vgl. vor. Anm. Im übrigen
sei auf E. O. James, The cult of the mother goddess, 1959, und die ältere Gesamtdarstellung von H. Graillot, Le culte de Cybèle 1912, verwiesen. Bereits Euripides
Hel. 1301ff. setzt bekanntlich Meter und Demeter gleich. Der Kult in der IdaHöhle hatte im 8 Jh. bemerkenswert enge Beziehungen zum Orient, wie die
dort gefundenen Bronzetympana beweisen (E. Kunze, Kretische Bronzereliefs,
1931).
46 Der ägyptische Sonnengott Ré geht abends in den Mund der Himmelgöttin
Nut ein, um am Morgen aus ihrem Schoß geboren zu werden, vgl. A. Erman,Die
Religion der Agybter, 1934, 17íf; The Ancient Near East in Pictures, 1954,
fig. 543 mit Erlauterung. Nachts leuchtet Ré den Toten, wie auch der sumerische
Sonnengott Utu (Kramer, Irag 22, 1960,62f.; vgl. Pindar Fr. 129). Utu geht
abends “to the bosom of his mother Ningal” (Kramer, Sum. Myth. 42; vgl.
Stesichoros Fr. 185 Page).
#7 Eurip. Fr. 781,11 ff.; Orpheus bei Aisch. Fr. 83 Mette; vgl. Oinopides VS 41,7;
Timotheos Fr. 24 Page, P. Boyancé, Mel. Carcopino (1966) 149-170.
48 Das Material bei K. Schauenburg, Helios, Berlin 1950, 21; 41 ff. Bemerkenswert ist vielleicht auch, daB auf dem ratselhalften Goldblattchen von Thurioi
Orph. Fr. 47 (Faksimile p. 117; der Text von Diels VS 1 B21 ist reine divinatio;
Pagina 23
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)eine scheinbar nebensächliche Episode ist, muB hier anders, bedeutsamer erzählt worden sein. Unversehens sind wir damit in die unmittelbare Umgebung des Parmenides zurückgeführt: zwei Griechenstädte
Unteritaliens galten als Zentren der Demeter-Verehrung, Neapel, die
‘Neustadt’ von Cumae, und Elea; von dort pflegten die Römer noch
in Ciceros Zeit die Priesterin der Ceres zu bestellen.4 Der Burgfelsen
von Cumae aber stand unter der Herrschaft Apollons (Verg. Aen.
6,9f.); der Löwe auf den ältesten Münzen von Elea läBt sich auf
lydisch-kleinasiatische Königssymbolik zurückverfolgen, auf Meteroder Apollonkult deuten.5° Unmittelbar auf Parmenides aber beziehen
sich einige kürzlich veröffentlichte Inschriften, die in Elea gefunden
worden.*! Sie lehren eine Arztegilde kennen, die sich allem Anschein
nach von Parmenides herleitete. Ihr Vorsteher fiihrt den traditionellen
Namen OÿAx, wie Parmenides selbst OdAudöng genannt ist; dies muß
mit einem Kult des Apollon Oödtog zusammenhängen. Der Titel des
Vorstehers aber lautet púhapyos — ein bisher unbekanntes Wort, das
‘Herr der Höhle’ heißt. Was dem in Wirklichkeit entsprach, steht
dahin; man wird sich nicht wohl Parmenides als Apollon-Priester
in einer Kulthöhle zelebrierend denken. Merkwürdig ist immerhin,
wie hier Parmenides in unerwarteter Weise in eleatischer Lokaltradition erscheint; und neben apollinischen Namen steht die Höhle.
Es ist jetzt der Rahmen abgesteckt, in dem es möglich wird die
Notizen über Pythagoras zu beurteilen.5? Diese Nachrichten sind
vgl. auch G. Murray bei J. Harrison, Prolegomena to the study of Greek religion,
1922%, 664 ff.) einige Götternamen deutlich lesbar sind: Z. 1 KYBEAE...
AHMHTPOZ... Z. 2 ZEY... HAIE IIYP... Z. 6 ZEY ENOPYTTIE
KAILHANOITA...Z. 8 AHMHTEP IIYP ZEY KOPH X@ONIA.
# Cic. Balb. 55 (danach Val. Max. 1,1,1). Der Tempel von Ceres, Liber, Libera
wurde 493 v.Chr. geweiht, vgl. K. Latte, Röm. Religionsgesch. (1960) 161f,
5 H. Cahn, Mus. Helv. 7,1950,185ff.; vgl. RE VIII A 2403; Elea übernimmt
den Münztyp der Mutterstadt Phokaia.
*1 Veröffentlicht von P. Ebner, Rassegna Storica Salernitana 23,1962,4tf., vgl.
Apollo, Bollettino dei Musei Provinciali del Salernitano 2,1962,125ft.
(n.z.);
G. Pugliese Carratelli, Parola del Passato 18,1963,385f.: M. Gigante ib.19,1964,
135-137; 450-452. Es handelt sich um Namensinschriften auf Basen von einer
Statue und drei Hermen, 1. Jh. n.Chr.: drei Ärzte mit dem Namen Oödt und
dem Titel parapxog, dazu Ilxpuevelône Ilbpnros ObAtdöng puaixéc. Zu PHAAPYOS
verweist Pugliese Carratelli auf Pollux 6,8 (Siac 8 robc ray Gacwrüv olxouc
pornthpra dvéuatov und Hes. s.v. pwedv. Der Kult des Apollon OdAros ist in
Milet, Kos, Lindos, Delos bezeugt, vgl. Gigante 450ff.: auf die unterirdischen
Kulträume der Pythagoreer verweist Pugliese Carratelli.
58 Vgl. im einzelnen Verf., Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, bes. 98-
Pagina 24
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)frühestens im 4. Jh. v.Chr. aufgezeichnet, 150 Jahre nach dem Tod
des Samiers. Es ist bequem, alles als späte Legende beiseitezuschieben ;
doch sollte der Versuch gemacht werden, die Überlieferung zu verstehen. Auch miindliche Überlieferung kann beharrlich sein, zumal
wenn sie in den uralt eingefahrenen Bahnen kultischer Religiosität
verläuft. Mögen sich alle Einzelfakten verwischen, das Gesamtbild
ist doch von historischer Revelanz.
Timaios (FGrHst 566 F 131) berichtet, daB die Krotoniaten das
Haus des Pythagoras zu einem Demeterheiligtum gemacht haben.
Dieses iepöv könnte in der Zeit des Timaios noch bestanden haben.
Jedenfalls waren die Krotoniaten geneigt, Pythagoras mit dem Demeterkult eng zu verbinden. Eben darauf weist die scheinbar absurdeste Einzelheit, die von der Pythagoraslegende beharrlich berichtet
wird: daB der eine Schenkel des Pythagoras golden gewesen sei
(Aristoteles Fr. 191). Zur Erklärung verwies ich (134) auf Mythen
von der Zerstückelung und Neubelebung bei der Schamaneninitiation,
während E. R. Dodds (The Greeks and the Irrational, 1951, 163) an
eine Tätowierung dachte. Beide Erklärungen konvergieren, insofern
die Tätowierung ihrer ursprünglichen Funktion nach offenbar eine
Initiationsverwundung ist, Einprägung eines unauslöschlichen Siegels.
Eben dafür gibt es nun Vergleichsmaterial in griechisch-orientalischen
Kulten. Der ‘Lügenprophet’ Alexander von Abonuteichos ließ bei
seinen Mysterienfeiern seinen goldenen Schenkel sehen (Luk. Alex. 40);
er gab sich als neuer Pythagoras, doch seine Mysterien waren, wie
Lukian berichtet, den Eleusinischen nachgebildet (38). Man muß
den von Alexander gestifteten Kult, der große Ausstrahlungskraft
hatte, doch ernster nehmen als Lukian es wollte. Hier finden wir also
den Goldschenkel und eine Abart der Demetermysterien verbunden.
Viel wichtiger ist eine Schilderung des Prudentius: Ein Mensch
~ der Archigallus? — weiht sich der Magna. Mater, indem er ihr ‘Siegel’
empfängt; mit glühenden Nadeln wird das Zeichen der Gottheit
eingebrannt. Der so gezeichnete Körperteil ist fortan ‘geheiligt’.
Stirbt der Geweihte, wird die consecrata pars mit einem Goldblättchen bedeckt, und so wird er zu Grabe getragen (Peristeph. 10,1076#f.)58
Tegitur metallo, quod perustum est ignibus — da haben wir Tätowierung
und goldenes Glied vereint, im Kult der Meter. Gewiß, das Zeugnis ist
142; ich glaube meine Darlegungen jetzt in den im folgenden ausgeführten
Punkten präzisieren zu können.
58 Vgl. F. J. Dölger, Sphragis, 1911, 41ff.; Antike und Christentum 1, 1929,
66ff.; Et.M. 220,19 s.v. PédAog: Plut. De adul. et am. 56e: 3. Makk. 2,29.
Pagina 25
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)spät. Doch haben wir ältere Nachrichten über die Tätowierung der
Téa in hellenistischer Zeit; Ähnliches kam im Dionysoskult vor.
Das älteste Zeugnis ist der Goldschenkel des Pythagoras: er kennzeichnet diesen als den Geweihten, als Mysten oder Hierophanten der
Meter.
Bei Prudentius ist speziell vom Schenkel nicht die Rede. Doch im
Mythos gehört immer wieder die Schenkelverwundung zu den Mysterien der groBen Göttin. Adonis ist vom Eber am Schenkel tödlich
verwundet worden; das gleiche Schicksal traf nach HerodotsErzählung
(1,34ff.) ‘Atys’, den Sohn des Königs Kroisos; längst hat man in ihm
den Doppelgänger des Attis erkannt.5* Schenkelverwundung und
Kastration müßten demnach in gewisser Weise äquivalent sein im
Kult der ‘Mutter’ — was sich zu Theorien der Tiefenpsychologie fügt —;
die Feststellung mag genügen, daß Schenkelverwundung, Tätowierung,
goldener Schenkel zusammengehören als Sphragis des Geweihten der
Großen Göttin. Man erzählte auch, die Seleukidenkönige trügen ein
Muttermal am Schenkel, Vater des Seleukos aber sei Apollon gewesen®®.
Die Große Göttin ist die ‘Mutter vom Berg’; mit ihrem Kult sind
Katabasis-Riten verbunden; bezeichnenderweise hängen dabei Initiationsverwundung und Katabasis zusammen. Strabon (13,629f.)
berichtet vom Plutonion in Hierapolis, einem Schlund, aus dem
giftige vulkanische Dämpfe aufsteigen: wer den heiligen Bezirk betritt,
ist des Todes, “die verschnittenen Galloi aber gehen hinein, ohne
Schaden zu nehmen, sodaß sie selbst dem Schlund nahekommen, sich
hineinbeugen, ja eine Zeitlang hinabtauchen können . .”. Wie sie dies
praktisch bewerkstelligten, ist weniger wichtig als der dadurch dokumentierte Glaube: das Eindringen in die Welt Plutons ist ihr
Privileg. Ein viel älteres Zeugnis ist die parische Version vom Tod
des Miltiades im Jahr 489 v.Chr. (Hdt. 6,134) :5* Miltiades, erzählten
54 Ed. Meyer, Forschungen zur Alten Geschichte II, 1899, 239. — Tiefenpsychologische Deutung der Initiationsriten: M. Zeller, Die Knabenweihen, Bern 1923.
Vgl. auch S. Sas, Der Hinkende als Symbol, Zürich 1964.
55 Justin 15,4,3ff. — Die Äthioper tätowieren die Jungen am Knie, appæyltouo
th Andon, Lydos mens. 4,53 p. 110 Wuensch, wie nach einer Tradition auch
Pythagoras das Bild Apollons am Schenkel trug, Schol. Luk. p. 124,6 Rabe.
56 Vgl. Ch. Picard, “La tentative sacrilége de Miltiade au sanctuaire Parien de
Demeter”, Rev. Arch. 36,1950,124f. Der parischen Erzählung muß etwas Tatsächliches zugrunde liegen, wenn es zu einer offiziellen Anfrage in Delphi kam
(Hdt. 6,135; H. W. Parke, D. E. W. Wormell, The Delphic Oracle II, 1956, Nr.
91). Vielleicht konnte Miltiades tatsächlich hoffen tywv và iepx Töv yOovlev Oev
in Paros einziehen zu können, wie man Ähnliches von Telines in Gela erzählte
Pagina 26
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)die Parier, versuchte zur Nachtzeit in den unterirdischen Kultraum
des Demeterheiligtums, das Megaron, am Hügel vor der Stadt Paros
einzudringen. Da die Tür sich nicht öffnen lieB — das negative Türwunder —, kletterte er über die Mauer, floh dann aber, von Entsetzen
gepackt, und verletzte sich beim Zurückklettern den Schenkel; und
an dieser Wunde sei er gestorben. Wahrhaftig, uotpx xaxñ hat Miltiades getrieben, sich in den Bereich der Göttin einzudrangen; da wird
die Schenkelwunde tédlich. Bezeichnend, wie ein historisches Ereignis
in den Augen der Zeitgenossen sogleich mythische Dimensionen annehmen konnte. Im griechischen Mythos gibt es weitere Reflexe des
gleichen, urspriinglich rituellen Zusammenhangs von Katabasis und
Schenkelverwundung: Als Herakles in die Unterwelt eindringt, um
Kerberos zu rauben, beiBt ihn der schlangengestaltige Schwanz des
Untiers ins Bein, wie auf unteritalischen Vasen zu sehen ist.57 Anders
die Katabasis des Dionysos, des Geweihten: ihm leckt Kerberos den
Schenkel, crura lambens (Horaz c. 2,19,29ff.). Unbefugt und frevelhaft dagegen dringen Theseus und Peirithoos bei Persephone ein;
die Strafe läBt nicht auf sich warten, beide wachsen am Felsen fest,
wie etwa Panyasis schilderte (Fr. 9 p. 257 Kinkel), und als Herakles
Theseus losriB, ging es nicht ohne Verwundung ab. Man neckte die
Athener, die Onoetdart, ihnen allen fehle ein Stück Hinterteil (Aristoph.
Eg. 1368 m. Schol.).
Zuriick zu Pythagoras: das angefiihrte Material gentigt wohl um
zu belegen, daB es einen alten rituellen Zusammenhang von Meter-
Kult, Katabasis und Schenkelverwundung gab. Tatsächlich ist von
Pythagoras nicht nur die Beziehung zu Demeter und der goldene
Schenkel bezeugt, sondern gerade die Katabasis.°* Hauptquelle ist
(Hdt. 7,153), zumal zu dem parischen Demeterkult (die Zeugnisse RE XVIII,
4,1842ff.) die Kultgenossenschaft der KéBapve. gehörte, die gewiß auch politischen EinfluB hatte.
57 Volutenkrater Neapel H. 3222 = Wiener Vorlegebl. E 2; Volutenkrater
Neapel Stg. 709,= Jahrb. d. dt. Arch. Inst. 73,1958,65 Abb. 10; Volutenkrater
München 3297= Furtw.-Reich. T. 10. Vgl. Apollod. 2,5,12. — Nach lakonischer
Tradition genas Herakles im Demeterheiligtum im Taygetos von der Schenkelwunde, die er im Kampf mit Hippokoon erhalten hatte, Paus. 3,20,5 vgl. 19,7.
58 Vgl. Weisheit und Wissenschaft 136ff.; merkwürdig ähnliche Geschichten
von unterirdischem Aufenthalt und anschließender Epiphanie eines Propheten
werden in iranisch-arabischer Tradition erzählt, vgl. G. Widengren, Iranischsemitische Kulturbegegnung in parthischer Zeit, 1960, 62ff. — Ich habe (a.O. 141)
auch die Zeugnisse Heraklits über Pythagoras B 81 und B 129 in diesen Zusammenhang gestellt. M. Marcovich (Philologus 108,1964,41f.) hat Recht,
Pagina 27
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)für uns freilich erst der Kallimacheer Hermipp (D.L. 8,41), der mit
rationalistischer Tendenz in spöttisch-parodistischem Ton schreibt.
So wollte man das ganze als freche Übertragung der Zalmoxis-Geschichte des Herodot eliminieren. Doch ist ein merkwürdiges Element
der Hermipp-Geschichte nicht aus Herodot ableitbar: Pythagoras
läBt sich in sein unterirdisches Gemach, in dem er sich verborgen hält,
von seiner Mutter Botschaften senden, mit denen er hernach die
Krotoniaten in Erstaunen setzt, Wie kommt die Mutter des Pythagoras
nach Kroton? Es ist nach allem Angeführten wohl plausibel, daB
diese zyme ursprünglich die Göttin war, der Pythagoras seine Weisheit verdankt. Konkret: jenes ‘Haus des Pythagoras’, das Demeterheiligtum von Kroton, hatte ein unterirdisches, unbetretbares Megaron, das allein Pythagoras, der geweihte Hierophant, betreten hat:
er brachte die Offenbarung der ‘Mutter’ kraft seiner Katabasis.
Daneben steht, scheinbar widersprechend, die Tradition, daB die
Krotoniaten Pythagoras als ‘Hyperboreischen Apollon’ ehrten (Arist.
Fr. 191). Doch vielleicht ist dies nur eine andere Form, das gleiche
anzudeuten: Der Hyperboreische Apollon ist der Gott, der zeitweilig
verschwindet, jenseits des ungeheuren Gebirges im Norden bei einem
geheimnisvollen Volk sich aufhält, um dann zu neuer Epiphanie
zurückzukehren — der Weg des hyperboreischen Apollon hat mit
dem Weg des Gilgameë, dem Weg der Sonne, durchs Nordgebirge
hindurch eine bemerkenswerte Ahnlichkeit.
Das Ergebnis ist die Feststellung: Pythagoras trat auf als Hierophant eines Demeterkultes kleinasiatischer Prägung. Damit stand er
an der Spitze eines Mannerbundes, der auch politischen EinfluB
gewann. Der Meter-Kult ist ja stets Sache von Männerbünden; man
kennt ihre mythische Spiegelung — Korybanten, Kureten — wie auch
die realen Orgeonen-Verbände, z.B. die Kabarnoi im schon genannten
Paros.5® Doch das uralte ‘pattern’ von Männerbund und Initiation,
den Zusammenhang von B 129 und B 28b zu betonen; doch gerade wenn man
pevdéwv téxtovas xal udetvpag auf Pythagoras und seine Schüler bezieht, ist die
Erklärung: “alles was er und seine Schüler lehren, sind nur Liigen” matt:
wieso sind Schüler udptupec? Plastische Illustrationen von xaxoteyvia und
falschen Zeugen sind dagegen die Geschichten, die Hermipp über Pythagoras,
Herodot über Aristeas (4,15) zu erzählen wissen. Auch ist es verlockend,
Heraklit B 28b weiter mit B 66 und B 14 zu verbinden, womit wir direkt zur
Sphäre der wiota geführt werden.
5 Vgl. Anm. 56. — Dion und seine Anhänger, die den Tyrannen Dionysios II.
stürzten, bildeten eine durch Demetermysterien verschworene Gemeinschaft,
Plat. Ep. VII 333e, Plut. Dion 56,
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)von Königsweihe durch die groBe ‘Mutter’ hat auch eine Innenseite,
einen geistigen Gehalt: die Riten kreisen seit je um das Geheimnis
von Tod und neuem Leben. Und hier ist zumindest eine Wurzel der
berühmten Lehre des Pythagoras, die schon durch Xenophanes
bezeugt ist: der Seelenwanderungslehre. Inwieweit in ihr noch andere
Elemente wirksam sind, inwieweit die Trennung von Körper und Seele
auf “Schamanismus’ nördlicher, iranischer Provenienz zurückführbar ist, mag hier auf sich beruhen.® Daß der Tod kein Ende ist, sondern
Durchgangsstadium zu neuem Leben, dies ist in den Initiationen, in
dem Weg in die Höhle und zurück aus der Höhle, in dem Weg der
Sonne längst vor Pythagoras dargestellt, erlebt, geglaubt worden.
Darum ist der Überlieferung zu trauen, daB Pythagoras durch die
kultisch vollzogene Katabasis seine Lehre von Tod und Leben beglaubigt hat. So stellt es in spöttischem Ton Hermippos dar, doch weit
früher schon verbindet Herodot (2,121 ff.) mit Selbstverständlichkeit
Katabasis und Seelenwanderungslehre und gibt dabei einen deutlichen Hinweis auf Unteritalien, wo er ja persönlich die bodenständigen
Traditionen kennenlernen konnte.f1
#0 Der von Diels (14ff.) eingeführte Begriff des Schamanismus hat auf jeden
Fall gelehrt, Einzelheiten der griechischen Überlieferung ernst zu nehmen und
weithin zu verstehen, statt sie als ‘purely literary device’ beiseite zu schieben.
Eine abschließende Lösung des Ursprungsproblems der Lehre von der körperunabhängigen Seele ist damit gewiß noch nicht erreicht. Weitere Klärung wäre
von der Iranistik zu erhoffen (vgl. Rhein. Mus. 106,1963,110f.), die jedoch von
einem consensus weit entfernt ist. Der Großteil der griechischen eieral und
évôovotæouot samt ihren altorientalischen Vorgängern vollzieht sich ohne den
Adyog der Trennung von Leib und Seele; so auch die Fahrt des Parmenides.
‚Daß Parmenides selbst ekstatischer Erlebnisse fähig war, vermuten Verdenius
(67£.; Mnemos. 1949,122ff.) und Fränkel(Dichtung und Philosophie? 417 ff.).
Dagegen wird betont, Fundament von Parmenides’ Seinslehre sei die Logik
(Vlastos, Gnomon 27,1955,70; Mansfeld 259f.; Taran 28), nicht die Ekstase
doch es könnte sein, daß der logische Beweis nachträglich unterbaut, was im
Erlebnis evident war. Daß die Logik selbst für Parmenides Offenbarungscharakter hatte, sucht Mansfeld (260) zu zeigen.
81 Hdt. 2,123, im Anschluß an die Geschichte von der Katabasis des Rhampsinit,
nach einer distanzierenden Bemerkung: dpynyetetew SE Tüv xdro Alyérrio
hEyovar Afuntpa zal Arövuoov' np&tor $2 xal tév8e tov Adyow Alyırmol slot ol
einövreg.... — es folgt die Lehre von der Seelenwanderung, in ihrer spezifisch
griechischen Form, mit Verweis auf gewisse Griechen {Orpheus, Pythagoras,
Empedokles? vgl. Weisheit und Wissenschaft 103); doch schon Demeter
= Isis
als Herrscherin der Unterwelt ist keineswegs rein ägyptische Lehre. Vielmehr
sind Demeter und Dionysos eben die Götter der unteritalischen Mysterien,
der unteritalischen Jenseitsfrömmigkeit (vgl. auch Anm. 49 zu Ceres-Liber-
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Um nun aber nochmals auf Parmenides zurtickzukommen: die Fahrt
— auf dem Weg der Sonne? - ins Jenseits zur geheimnisvollen Göttin,
die Verkiindigung der Göttin über die Wahrheit von Sein und Nichtsein,
dies hat sein Vorbild nicht nur bei Hesiod, Epimenides, Sibylle, sondern
gerade auch in der Katabasis des Demeter-Hierophanten Pythagoras,
des Verkiinders der Seelenwanderungslehre. So jedenfalls lassen sich
die Triimmer der Uberlieferung einleuchtend zusammenfiigen. Antike
Tradition bezeichnet Parmenides mit Bestimmtheit als Pythagoreer;
wichtig ist vor allem die Notiz, Parmenides habe seinem Lehrer
Ameinias, dem Sohn des Diochaitas, ein Heroon errichtet; Ameinias
habe ihn zur hovyta geführt (Sotion D.L. 9,21); diese so spezielle wie
isolierte Angabe diirfte auf ein Monument, eine Inschrift zuriickgehen.®? Das Heroon weist auf eine über gewöhnliches Maß hinausgehende Totenehrung, hovyta erscheint im Mysterienzusammenhang
und als Forderung des Pythagoras. An die ‘Höhlen’ der pythagoreischen Tradition erinnert der pdAupyoc in der Nachfolge des Parmenides
(Anm. 51).
Vom Hintergrund der Katabasis und Seelenwanderungslehre des
Pythagoras hebt sich indessen die Leistung des Parmenides umso
deutlicher ab. Die Seelenwanderung ist in seiner Lehre allenfalls ein
Gesetz der Doxa-Welt: die Daimon sendet die Seelen bald aus dem
Licht ins Dunkel, bald aus dem Dunkel ins Licht*; doch beides,
Libera); wenn Herodot sein Werk in Thurioi niederschrieb, mußten die dortigen
Leser schon beim ersten Satz aufhorchen: “Herrscher der Unterwelt, sagen die
Agypter, sind Demeter und Dionysos (kommt uns das nicht bekannt vor?).
Die Âgypter sind es aber auch, die folgende Lehre zuerst ausgesprochen haben
(die hierzulande bekannt ist) ... Diese Lehre haben sich gewisse Griechen angeeignet... .”
#3 Zu D.L. 9,21 vgl. W. v. Kienle, Die Berichte über die Sukzessionen der Philosophen in der hellenistischen und spätantiken Literatur, Diss. Berlin 1961,84f.
m.Lit. — Pythagoreische hovyta: D.L. 8,7; Luk. vit.auct. 3 (H. Gomperz, Imago
10,1924,3,5); dionysisch: Eur. Bacch. 389f.
$8 Simpl. Phys. 39,19f. rag buyde mére mote gev &x tod Eupavobc ele td &euBéc,
mort dt dvérakw. Die kurze Paraphrase ist naturgemäß vieldeutig; gegen
Deichgräbers Interpretation (88ff.) vgl. Mansfeld 169ff., dessen Vermutung,
Simplikios gebe nur die theophrastische Interpretation von B16 wieder (174),
daran scheitert, daß Simplikios sich ausdrücklich aufs Originalwerk des Parmenides bezieht (20f., vgl. 144,25ff.). Auffällig ist, daß im Gegensatz zu Hippokr.
VI 474L. (Diels 109) und Aischyl. Choeph. 127f. (Taran 248,51} zuerst das
Vergehen, dann das Werden genannt ist: dieses Paradox, daß der Tod kein
Ende ist, weist doch auf Mysterien —und Seelenwanderungslehre; wie Parmenides
sie seinem System adaptiert hat, ist nicht überliefert; das gleiche Problem stellt
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Licht und Hades, sind nicht eigentlich wirklich. Tiefer reicht die eine
GewiBheit: Zot1v. Und wenn diese Gewißheit als Offenbarung erscheint,
ist sie doch in sich gefestigt durch die Notwendigkeit folgerichtigen
Denkens, die Parmenides recht eigentlich entdeckt hat. Insofern ist
das Proömium etwas Vorläufiges: Parmenides bedient sich der herkömmlichen mythischen Form, um seinen Anspruch gegenüber Vorgängern wie Hesiod und ‘Orpheus’, Epimenides und Pythagoras zu
erheben. Was immer an äußeren Riten und innerem Erleben dahinter
stand, die Philosophie des Parmenides hat sich im folgenden, fern von
aller yonrteta und xaxotexvia, aus sich selbst zu rechtfertigen.
Und doch, das Thema ist im Grunde nicht neu. Die Leugnung des
Nichtseins, oùx Ear u) elvat (B 2,3), dies heißt ja doch im Griechischen
unter anderem auch eindeutig: es gibt keinen Tod®* und sei es um den
Preis, daß auch Zeugung und Geburt ‘ausgeléscht’ werden (B 8,21).
Die Unvergänglichkeit des Lebens durch Tod und Wiederverkörperung hindurch hat auch Pythagoras gelehrt. Weit früher war Gilgames ausgezogen, auf dem Weg der Sonne die Unsterblichkeit zu
finden. Ja schon die prähistorischen Riten kreisen um Werden und
Vergehen, Tod und Leben, Dunkel und Licht, ein Wissen, das den
Wechsel übergreift und Dauer verspricht. Formulierungen, Begründungen erwachsen neu, die ‘Existenzerhellung’ mag fortschreiten;
doch die Grundprobleme menschlicher Existenz haben sich seit dem
Paläolithikum vielleicht nicht gar so sehr gewandelt.
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64 vgl. K. v. Fritz, Stud. Gen. 14,1961,566; der Tote als oùx Er’ Ev schon bei
Homer, X 384, « 289, gegenüber den Oeol alév £övres; vgl., dialektisch zugespitzt
Eurip. Alk. 521/528.
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