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WA GSDEN,
Die Vorgänger des Copernicus im Altertum
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von B. L. van DER WAERDEN, Zürich
Philolaos
Der erste unter den Griechen, der gelehrt hat, daß die Erde sich im Kreise bewegt, war PHıLoLAos, ein Pythagoreer, der um 420 v. Chr. von Süditalien
nach Theben kam und dort eine Gruppe von Schülern um sich versammelto.
PHıLoLaos war ein merkwürdiger Mensch. Er stand hoch in Ansehen als
Verkünder von Lehren über die Unsterblichkeit der Seele, über das Unbegrenzte und das Begrenzende, über die Harmonie im Kosmos, liber die Kraft
und die Natur der Zahl und ihre Bedeutung für die menschliche Erkenntnis.
So hoch schätzte man den Wert seiner Lehren, daß PLATON einmal eine beträchtliche Summe Geld ausgegeben haben soll, um ein Buch von PHILOLAOS
zu erwerben,
Betrachtet man aber die überlieferten Fragmente von PHiLoLAos etwas
genauer, so kommt man bald darauf, daß dieser hochgeehrte „weise Mann“
in Wahrheit ein Wirrkopf war. Ein mathematisches Fragment über die Teilung
der Oktave ist von ihm erhalten: es fängt ganz normal an, aber dann wird es
plötzlich Unsinn (Dies, Fragmente, PHiLoLAos B 6). Was PÙiLoraos im Fragment B 2 über die begrenzenden und unbegrenzten Dinge sagt, ist reiner
Wortschwall und inhaltlich unhaltbar.
Auch in seinen Ansichten über die Astronomie findet man Unklarheiten
und Widersprüche. Die wichtigste Quelle ist ArıstoteLes, der im ersten Buch
der Metaphysik und im zweiten Buch der Schrift ‚vom Himmel“ die Ansichten der Pythagoreer wiedergibt und kritisiert. ARISTOTELES nennt zwar
den Namen PsıLoLaos nicht: Er spricht nur von „denen in Italien, den sogenannten Pythagoreern‘, aber das Weltbild, das er beschreibt, wird von den
späteren Doxographen meistens PriLoLaos zugeschrieben.
ARISTOTELES schreibt (leicht gekürzt): Von denen, die einen begrenzten Kosmos
voraussetzen, nehmen die meisten an, daß die Erde im Mittelpunkt ruht. Die in Italien
aber, die sogenannten Pythagoreer, sind entgegengesetzter Ansicht. Sie behaupten nämlich, in der Mitte sei Feuer, und die Erde sei ein Stern und bewege sich im Kreise um
die Mitte und verursache dadurch Tag und Nacht. Sie nehmen auch eine andere Erde
an, der unseren gegenüber, die sie „Gegenerde“ nennen.
SımpLikıos, der zuverlässige Philologe und Kommentator des ARISTOTELES,
beschreibt das Weltbild der Pythagoreer etwas genauer. Seine Quelle war eine
verlorene Schrift von AristotELES über die Lehren der Pythagoreer.
Simeurios berichtet: Im Mittelpunkt des Weltalls sei Feuer, und um die Mitte bewege sich, so behaupten sie, die Gegenerde, die auch eine Erde sei, aber Gegenerde
genannt werde, weil sie unserer Erde gegenüberliegt. Nach der Gegenerde komme
unsere Erde, die sich auch um die Mitte bewege, nach der Erde aber der Mond.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Philolaos
Der erste unter den Griechen, der gelehrt hat, daß die Erde sich im Kreise bewegt, war PHiLoLaos, ein Pythagoreer, der um 420 v. Chr. von Süditalien
nach Theben kam und dort eine Gruppe von Schülern um sich versammelte.
PHILOLAOS war ein merkwürdiger Mensch. Er stand hoch in Ansehen als
Verkünder von Lehren über die Unsterblichkeit der Seele, über das Unbegrenzte und das Begrenzende, über die Harmonie im Kosmos, über die Kraft
und die Natur der Zahl und ihre Bedeutung für die menschliche Erkenntnis.
So hoch schätzte man den Wert seiner Lehren, daß PLATON einmal eine beträchtliche Summe Geld ausgegeben haben soll, um ein Buch von PHILOLAos
zu erwerben.
Betrachtet man aber die überlieferten Fragmente von PHiLoLAOS etwas
genauer, so kommt man bald darauf, daß dieser hochgeehrte „weise Mann“
in Wahrheit ein Wirrkopf war. Ein mathematisches Fragment über die Teilung
der Oktave ist von ihm erhalten: es fängt ganz normal an, aber dann wird es
plötzlich Unsinn (Diets, Fragmente, PHiLoLAos B 6). Was PxicoLaos im Fragment B 2 über die begrenzenden und unbegrenzten Dinge sagt, ist reiner
Wortschwall und inhaltlich unhaltbar.
Auch in seinen Ansichten über die Astronomie findet man Unklarheiten
und Widersprüche. Die wichtigste Quelle ist ARISTOTELES, der im ersten Buch
der Metaphysik und im zweiten Buch der Schrift „vom Himmel“ die Ansichten der Pythagoreer wiedergibt und kritisiert. ARISTOTELES nennt zwar
den Namen PHiLoLAOS nicht: Er spricht nur von ,,denen in Italien, den sogenannten Pythagoreern“, aber das Weltbild, das er beschreibt, wird von den
späteren Doxographen meistens PHiLoLAos zugeschrieben.
ARISTOTELES schreibt (leicht gekürzt): Von denen, die einen begrenzten Kosmos
voraussetzen, nehmen die meisten an, daß die Erde im Mittelpunkt ruht. Die in Italien
aber, die sogenannten Pythagoreer, sind entgegengesetzter Ansicht. Sie behaupten nämlich, in der Mitte sei Feuer, und die Erde sei ein Stern und bewege sich im Kreise um
die Mitte und verursache dadurch Tag und Nacht. Sie nehmen auch eine andere Erde
an, der unseren gegenüber, die sie „Gegenerde“ nennen.
SimPLIKIOS, der zuverlässige Philologe und Kommentator des ARISTOTELES,
beschreibt das Weltbild der Pythagoreer etwas genauer. Seine Quelle war eine
verlorene Schrift von ARISTOTELES über die Lehren der Pythagoreer.
SımpLikıos berichtet: Im Mittelpunkt des Weltalls sei Feuer, und um die Mitte bewege sich, so behaupten sie, die Gegenerde, die auch eine Erde sei, aber Gegenerde
genannt werde, weil sie unserer Erde gegenüberliegt. Nach der Gegenerde komme
unsere Erde, die sich auch um die Mitte bewege, nach der Erde aber der Mond.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Sonne
Mond
Die Erde sei ein Stern und bewege sich um die Mitte und verursache entsprechend ihrer
jeweiligen Lage zur Sonne Tag und Nacht. Die Gegenerde aber, die sich um die Mitte
bewegt und unserer Erde folgt, wird von uns nicht gesehen, weil uns der Erdkörper
selbst den Blick versperrt.
ARISTOTELES ärgert sich sehr über die Pythagoreer, die solche phantastische Theorien verkündigen. Er wirft ihnen vor, daß sie ihre Erklärungen nicht
zu den beobachteten Erscheinungen passend suchen, sondern im Gegenteil:
sie versuchen, die Erscheinungen mit ihren Theorien gewaltsam in Übereinstimmung zu bringen.
SıMPLIKIOS, immer noch ARISTOTELES zitierend, fährt fort: Weil sie davon ausgingen,
daß 10 eine heilige Zahl ist, wollten sie die Zahl der kreisenden Körper auf 10 bringen.
Die Fixsternsphäre gab ihnen einen Körper, die Planeten (darunter Mond und Sonne)
7 andere, die Erde noch einen, und mittels der Gegenerde machten sie die von ihnen
verlangte Zehnzahl voll.
ARISTOTELES sagt uns auch, warum sie nicht die Erde in die Mitte stellen, sondern
das Feuer: Sie meinen nämlich, daß das Wertvollste den wertvollsten Platz einnehmen
sollte. Es sei aber das Feuer wertvoller als die Erde, ebenso die Grenze höher zu werten
als der Zwischenraum. Der äußerste Umfang aber und die Mitte seien Grenzen. Aus solchen Betrachtungen heraus denken sie, daß es nicht die Erde ist, die im Mittelpunkt
der Himmelskugel liegt, sondern das Feuer.
Die Doxographen versichern uns, daß der Pythagoreer PHiLoLAOS es war,
der das Feuer in der Mitte ansetzte. Er nannte das Feuer „Herd des Weltganzen“ und ,,Haus des Zeus“ und ,,Mutter und Altar der Götter“ (Diets, Fragmente, PHitoLaos À 16-17). Von einer nüchternen, mathematischen Astronomie sind wir hier weit entfernt. Was wir hier vor uns haben, ist eine Art
Offenbarungstheologie. ,,Weil der göttliche PHiLoLaos es gesagt hat, muß es
wohl so sein“, so meinten seine Schüler offenbar.
Wenn man nun etwas genauer fragt, wie das Weltbild des PHiLoLA0s wohl
ausgesehen hat, so stößt man, wie immer bei PHiLoLaos, auf Widersprüche.
Fragen wir z.B., in welcher Ebene die Kreisbahn der Erde liegt und in welcher Zeit die Erde diese Bahn durchläuft, so möchte man zuerst meinen, die
Umlaufszeit sei ein Tag und die Bahn läge in der Ebene des Äquators. Arısto-
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)TELES sagt nämlich ausdrücklich, die Erde bewege sich im Kreise um die Mitte
und verursache dadurch Tag und Nacht. Etwas ausführlicher steht es bei
SimPLIKIOS: „Die Erde sei einer der Sterne und bewege sich um die Mitte und
verursache entsprechend ihrer Lage zur Sonne Tag und Nacht.“ Das heißt
also: Wenn wir uns auf dem Teil der Erde befinden, der von der Sonne abgewendet ist, so ist es bei uns Nacht, und wenn dieser Teil sich wieder der
Sonne zuwendet, so wird es Tag. Dann aber muß die Umlaufszeit der Erde
einen Tag betragen, und die Drehung muß eine Drehung um den Nordpol,
also in der Äquatorebene sein.
Nun sagt aber der Doxograph Arrıos (Dıeıs, Fragmente, PHILOLAOS
A 21):
„Der Pythagoreer PHiLoLaos behauptet, die Erde bewege sich im Kreise um das
Feuer, und zwar in einem schiefliegenden Kreise, in ähnlicher Weise wie Sonne und
Mond.“
Die Sonnenbahn liegt in der Ebene der Ekliptik: Sie ist zur Ebene des
Äquators geneigt, ebenso wie die Mondbahn. PHiLoLaos hätte also nach
„AETIos“ gelehrt, daß auch die Erde sich in einem schiefen Kreise bewegt.
Wenn die Erde aber durch ihre Bewegung Tag und Nacht verursachen soll,
so muß sie sich in der Äquatorebene bewegen. Vielleicht haben die Doxographen den PHILOLAos mißverstanden. Wahrscheinlicher scheint mir aber,
daß der Wirrkopf PHiLoLaos die Sache selbst nicht richtig verstanden hat.
Im System des Copernicus hat die Erde zwei Bewegungen: Eine tägliche
Rotation in der Aquatorebene und eine jährliche Kreisbewegung in der schiefen Ebene der Ekliptik. PHiLoLaos scheint von beiden Bewegr.agsarten eine
Ahnung gehabt zu haben, aber er hat sie anscheinend durcheinandergebracht.
Hiketas
Die Lehre von der Kreisbewegung der Erde und der Gegenerde wurde
nicht nur vom alten Pythagoreer PHILoLAos vertreten, sondern auch von einem jüngeren Pythagoreer namens Hiketas von Syracus. Ich vermute, daß
dieser identisch war mit jenem HikeTAS von Syracus, der um 350 Tyrann
von Leontinoi war und gegen den anderen Tyrannen Dionysios von Syracus
lange Krieg geführt hat. HEATH hat gemeint, der Tyrann Hixetas hätte bei
seinen vielen Kriegen sicher keine Zeit für Astronomie gehabt, aber das Argument überzeugt mich nicht. Wer weiß, wieviel Zeit Hikeras gehabt hat,
bevor er Tyrann wurde und Kriege führte?
Wie dem auch sei, der Pythagoreer Hikeras hat gelehrt, es gäbe zwei
Erden, nämlich diese und die Gegenerde (Diets, Fragmente, Hixetas A 2),
und er hat auch gelehrt, daß sich die Erde im Kreise bewege. Die Lehren des
Hixetas berühren sich also mit denen des Puito.aos. Vielleicht ist das der
Grund, warum ARISTOTELES diese Lehren nicht einfach PHiLoLAoS zuschreibt,
Pagina 5
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sondern ganz allgemein, ,,denen in Italien, den sogenannten Pythagoreern“.
Von diesen spricht ARISTOTELES in der Präsensform. In der Tat war Hikeras,
der Tyrann, ein älterer Zeitgenosse des ARISTOTELES.
Was sollen wir nun von diesem astronomischen System halten, sei es
nun eine Erfindung von PHıLoLAos oder von HIKETAS?
Einerseits ist es ein großartiger Gedanke, eine Kreisbewegung der Erde
als Ursache von Tag und Nacht anzunehmen. Der Augenschein lehrt, daß die
Sonne und der ganze Himmel sich täglich einmal um den Nordpol drehen.
Die in Italien aber erklären das alles für bloßen Schein: In Wirklichkeit bewegen wir selbst uns und der Himmel steht fast still. Ist das nicht großartig?
Aber dann andererseits: Wie sind alle diese Phantastereien zu bewerten:
Das Zentralfeuer, die heilige Zehnzahl, die Gegenerde, die wir nicht sehen?
Wie kann ein vernünftiger Mensch solchem Unsinn Glauben schenken? All
das ist ‚im höchsten Grade widersinnig“, wie ARISTOTELES mit Recht sagt.
Und dann die unsinnige Bewegung der Erde in einem schiefen Kreis zur Erklärung von Tag und Nacht. Was soll man von alledem halten? Ich weiß es
nicht.
Eine rätselhafte Stelle bei PLATON
Seit PHiLoLAOS und Hixetas hat die Frage, ob die Erde sich bewegt, die
Griechen nicht mehr in Ruhe gelassen. Die älteren Pythagoreer, vor PHILOLAOS,
haben wahrscheinlich eine ruhende Erde angenommen, und PLATON hat sich
im „Timaios“ ihnen angeschlossen, aber an einer ganz dunklen Stelle im Timaios 40 B-C scheint er anzudeuten, daß die Erde sich um die Achse des
Weltalis ,herumwindet und dadurch zur Hüterin von Tag und Nacht wird.
Zumindest ARISTOTELES hat diese dunkle Stelle so aufgefaßt, daß hier von einer Bewegung der Erde die Rede ist. In meiner anfangs zitierten Abhandlung
„Die Astronomie der Pythagoreer** habe ich die Zeugnisse zusammengestellt
und diskutiert.
Die Achsendrehung der Erde
Zur Zeit des ARISTOTELES traten zwei Astronomen hervor, die eine Rotation der Erde um ihre eigene Achse lehrten, nämlich HERAKLEIDEs von Pontos,
ein Mitglied der Akademie PLatons, und ein Pythagoreer namens EkPHANTOS.
Das wichtigste Zeugnis steht bei ,,
Arrios“ III 13. Es lautet:
»HERAKLEIDES von Pontos und EkPHanTOS der Pythagoreer lassen die Erde sich bewegen, nicht mit einer fortschreitenden Bewegung, sondern wie ein Rad, das sich um
eine Achse dreht, von Westen nach Osten um den eigenen Mittelpunkt.
Uber die Lehren von ExPHANTOS berichtet Hiprozyros in der ,,Widerlegung aller Ketzereien“ etwas ausführlicher. Der Bericht fängt so an:
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)„Ein gewisser EKPHANTOS von Syrakus behauptet, es sei nicht möglich, eine wahre
Erkenntnis von den seienden Dingen zu gewinnen, wohl aber zu definieren, wie man
über sie eine Meinung hat.
Wir sehen daraus, daß EkPHANTOS nicht etwa wie PHiLoLAos seine
Lehren als unbeweifelbare Wahrheit verkündigte, sondern nur als seine Meinung, die er möglichst genau zu definieren suchte, wie ein moderner Wissenschaftler.
Es besteht eine enge Beziehung zwischen den Systemen von PHILOLAOS
und EkPpHanTos. Beiden Systemen ist gemeinsam, daß die tägliche Bewegung
der Sonne, des Mondes und des ganzen Himmels für nur scheinbar erklärt
wird: in Wahrheit, so meinen beide, sei es die Erde, die sich dreht, sei es im
Kreise um das Zentralfeuer, sei es um die eigene Achse.
Es ist auch leicht, vom System des PHILOLAOs zu dem des EKPHANTOS
überzugehen. Man braucht nur die Erde mit der Gegenerde zu einer großen
Erdkugel zu vereinigen, die das Zentralfeuer im Inneren enthält. Die Kreisbewegung der Erde geht dann ganz von selbst in eine Achsendrehung über.
In der Tat gab es nach SimpLikios Pythagoreer, die annahmen, das Feuer erwärme von der Mitte aus die ganze Erde. Ich möchte annehmen, daß die
Lehre des EKPHANTOs sich in der eben angegebenen Weise aus der es PHILO-
Laos entwickelt hat.
Herakleides von Pontos
Wir haben vorhin gesehen, daß nicht nur der sonst unbekannte Pythagoreer EkPHANTOS die Lehre von der Achsendrehung der Erde vertrat, sondern
auch der Platoniker HERAKLEIDES PonTIKos, von Pontos am Schwarzen Meer.
Dieser war ein sehr merkwürdiger Mensch. Er trat mit großem Pomp in wallenden Gewändern auf; deswegen nannte man ihn spottend ,,HERAKLEIDES
Pomrikos“. Seine Dialoge sollen dramatisch und unterhaltend gewesen sein:
Sie wurden bis ins späte Altertum viel gelesen. In der Harmonik und in der
Astronomie hat er die Ideen der Pythagoreer weiter entwickelt. In seinen
Dialogen trat PyrHacoras als Dialogperson auf: Gewisse Aussprüche des
PYTHAGORAS, die später viel zitiert wurden, stammen möglicherweise aus den
Dialogen des HERAKLEIDES.
Dieser HERAKLEIDEs ist für uns wichtig, weil er ein unmittelbarer Vorginger von ARISTARCHOS von Samos war, der um 280 vor Chr. die heliozentrische Hypothese aufstellte. HERAKLEIDES und ARISTARCHOs werden in den
Zeugnissen gelegentlich in einem Atem genannt, so bei SimPLIKIOS in seinem
Kommentar zur Schrift „vom Himmel“. Beide nahmen eine Achsendrehung
der Erde an, und beide setzten sich zum Ziel, durch möglichst einfache Annahmen über die Kreisbewegungen der Himmelskörper „die Erscheinungen
zu retten“, d.h. die beobachteten Himmelserscheinungen zu erklären.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)ARISTARCHOs erreichte dieses Ziel in ähnlicher Weise wie fast 2000 Jahre
später Copernicus, indem er annahm, daf die Sonne still steht und die Erde
sich in einem Jahr im Kreise um die Sonne bewegt. Eine Stelle bei Geminos,
die SimPLIKIOS in seinem Physikkommentar (S. 292 der Edition Diets) zitiert,
scheint darauf hinzuweisen, daß schon HERAKLEIDES an diese Möglichkeit
gedacht hat. Die Stelle lautet:
Daher finden wir tatsächlich eine gewisse Person — HERAKLEIDES PoNTIKOS — die
hervortritt und sagt, sogar unter der Annahme, daß die Erde sich in gewisser Weise bewegt und die Sonne in gewisser Weise in Ruhe ist, könne die erscheinende Anomalie
(der Planeten) in Bezug auf die Sonne gerettet werden.
Mit der ,, Person, die hervortritt und sagt ...‘° könnte eine Dialogperson
in einem Dialog des HERAKLEIDEs gemeint sein. Das ist aber nicht sicher. Es
ist gut möglich, daß der Name HERAKLEIDES PonTIKOS von einem Leser als
Randbemerkung zum Text hinzugefügt wurde und daß diese Randbemerkung
nachher beim Abschreiben in den Text hineinkam. Möglicherweise hat GEMInos selbst nicht an HERAKLEIDES, sondern an ARISTARCHOS gedacht.
— Auch
weiß man nicht, was mit dem Ausdruck ‚in gewisser Weise in Ruhe“ genau
gemeint war. Es ist also keineswegs sicher, daß HERAKLEIDES bereits die heliozentrische Hypothese aufgestellt hat.
Ich könnte mir vorstellen, daß HERAKLEIDES
in einem seiner Dialoge die
Vorzüge und Nachteile von verschiedenen astronomischen Systemen diskutiert hat, ebenso wie GALILEI es später in seinem ,,Dialog über die zwei hauptsächlichsten Weltsysteme" tat. Es gibt nämlich gute Gründe, dem HERAKLEIDES
noch ein anderes astronomisches System zuzuschreiben, in dem die Sonne
nicht ruht, sondern ebenso wie die Erde einen Kreis um einen und denselben
Mittelpunkt durchläuft, und zwar so, daß die Erde und die Sonne vom Mittelpunkt aus immer in entgegengesetzten Richtungen stehen. Von der Erde aus
gesehen, erscheint die Sonne dann immer so, als ob sie im Mittelpunkt stün-
Erde
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)de. Die Planeten Merkur, Venus etc. bewegen sich in Kreisen um denselben
Mittelpunkt, wie in unserem heliozentrischen System.
Das eben geschilderte System erklart die Erscheinungen genau so gut
wie das heliozentrische System.
Es ist nicht sicher, daß HERAKLEIDES dieses System gelehrt hat, aber die
Zeugnisse deuten darauf hin, wie ich in meiner vorhin schon erwähnten Akademie-Abhandlung gezeigt habe. Allerdings sind die Zeugnisse nicht sehr
zuverlässig und ihre Deutung ist umstritten. Die meisten modernen Kommentatoren deuten das System des HERAKLEIDEs anders, nämlich geozentrisch.
Nach dieser Deutung hat die Erde keine Kreisbewegung, sondern nur
eine Achsendrehung. Die Sonne dreht sich um die Erde, und die Planeten
Jupiter und Venus drehen sich um die Sonne. Diese Deutung ist möglich,
aber sie ist mit den Zeugnissen weniger gut in Übereinstimmung, wie die zuerst vorgetragene.
Platon und die Bewegung der Erde
Wenn die von mir vorgeschlagene Deutung angenommen wird, kann man
auch eine Stelle in den „Gesetzen“ von PLATON besser verstehen, an der der
„Athener“, der PLATONS eigene Meinung vertritt, ausdrücklich sagt, daß der
Mond, die Sonne und die Planeten niemals herumirren, wie manche meinen,
sondern:
Jedes dieser Gestirne durchläuft immer den selben Weg, nicht viele, sondern immer
einen im Kreise. Es scheint aber so, als beschriebe es viele.
Das einzige mir bekannte astronomische System, in dem der Mond, die
Sonne und alle Planeten nur einen einzigen Kreis beschreiben, ist das System
des HERAKLEIDEs in der von mir vorgeschlagenen Deutung. Im Alter, als
PLATON die „Gesetze“ schrieb, kann PLATON sehr wohl das System des HERAKLEIDES gekannt haben. Deutet man dieses System aber so, wie es gewöhnlich
geschieht, so wird die Stelle in den „Gesetzen“ völlig unverständlich.
Aristarchos
Zwei Generationen nach HERAKLEIDES, um 280 v. Chr., lebte der große
Astronom ARISTARCHOS von Samos, Er schrieb ein Buch über die Entfernungen von Sonne und Mond, das vollständig erhalten ist. Eine englische Übersetzung mit vorzüglichem Kommentar wurde von Sir Thomas HEATH in seinem Buch ,,ARISTARCHUS of Samos“ herausgebracht. Dort findet man auch
eine Zusammenstellung aller Zeugnisse über die Vorläufer des Copernicus im
Altertum.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Das wichtigste Zeugnis über ARISTARCHOS steht im ,,Sandrechner“ des
ARCHIMEDES, Nach diesem Zeugnis hat ArıstarcHos eine Abhandlung geschrieben, in der er folgende Hypothesen zugrunde gelegt hat:
1) daß die Fixsterne und die Sonne unbeweglich sind,
2) daß die Erde sich um die Sonne, die in der Mitte der Erdbahn liegt,
in einem Kreise bewegt,
3) daß die Fixsternsphäre, deren Mittelpunkt im Mittelpunkt der Sonne
liegt, so groß ist, daß die Erdbahn im Verhältnis zur Fixsternsphäre als ein
Punkt betrachtet werden kann.
Die dritte Voraussetzung mußte ARISTARCHOS deswegen annehmen,
weil sonst die scheinbaren Abstände zwischen den Fixsternen, von der Erde
aus gesehen, sich je nach der Jahreszeit ändern müßten.
Gründe gegen Aristarchos
Die meisten Astronomen des Altertums haben das System des ARISTARcHos nicht angenommen, sondern sind bei der geozentrischen Auffassung geblieben. APoLLonios, HırparcHos und ProLEMAIos, drei hervorragende Astronomen, alle stellten sie die Erde wieder ins Zentrum. Warum wohl? Etwa
aus Borniertheit oder aus religiösen Gründen?
—__
Nun, die Gründe stehen ganz klar bei ProLemarlos, zum Teil schon bei
ARISTOTELES. Sie sind sehr vernünftig.
Erstens: Wenn die Erde sich bewegen würde, müßten die Fixsterne, von
der Erde aus gesehen, veränderliche Abstände aufweisen. Wir haben eben
gesehen, in welcher Weise ARISTARCHOS diesen Einwand entkräften wollte;
aber unvernünftig ist der Einwand nicht.
Zweitens: Es ist doch unglaublich, daß die aus feinster Materie bestehenden feurigen Sterne gar keine Bewegung hätten und die schwere Erde
sich so rasend schnell bewegen würde.
Drittens: Bei dieser rasend schnellen Bewegung müßte doch alles, was
nicht niet- und nagelfest auf der Erde befestigt ist, z.B. Wolken, und alles,
was in die Höhe geworfen wird, gegen die Erde selbst zurückbleiben und sich
scheinbar nach Osten bewegen.
Besonders der letzte Einwand ist schwer zu widerlegen, solange man
das Trägheitsgesetz nicht kennt. So war es also, vom Standpunkt der alten
Astronomen aus gesehen, begreiflich und keineswegs unvernünftig, daß sie
die Hypothesen des ArisTARCHOS nicht angenommen haben.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Seleukos von Seleukia
Wie PLuTARCHOS uns mitteilt, hatte ARISTARCHOS einen Anhänger, námlich SELEUKos von Seleukia. Dieser war, wie STRABO uns mitteilt, ein ,,Chaldäer“, d.h. er gehörte trotz seines griechischen Namens zum Kreise der babylonischen Sternkundigen. Nach Cumont war seine Heimat die kleine Stadt
Seleukia im Süden von Babylonien, am persischen Golf. Er soll dort die Gezeiten beobachtet und eine Abhandlung darüber geschrieben haben.
PLUTARCHOS teilt uns mit, daß ARISTARCHOS seine Theorie von der Erdrotation nur als Hypothese aufstellte, aber daß SELEUKOS sie mit Bestimmtheit für wahr gehalten hat. Hier haben wir im Altertum denselben Gegensatz
wie in der Neuzeit, als das Hauptwerk von Copernicus herauskam, zwischen
dem vorsichtigen Vorwort des OsIANDER und der eigenen, viel bestimmteren
Meinung des Copernicus. OsıAnDER schrieb, das heliozentrische System sei
nur eine Hypothese, aber Copernicus war fest überzeugt von der Wahrheit
seiner Lehre.
Literatur
Diets, H.: Die Fragmente der Vorsokratiker
HEATH, Th.: Aristarchus of Samos. The Ancient Copernicus. Oxford 1913.
WAERDEN, VAN DER B.L.: Die Astronomie der Pythagoreer. Verhandelingen Ned. Akademie Amsterdam. 20 (1951).
Anschrift des Verfassers
Carl-Spitteler-Str. 186
CH — 8053 Zürich