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ATEı 1959
—
Beobachtung und Experiment in der antiken Wissenschaft
223
Wohl aber erscheint sie zwischen zwei Welten: der hear, organisierenden Wissenschaßd,und der urklassischen, stets vorhandenen Weisheit, Die tragische Ironie wird auf das Gebiet des Denkensprojiziert.
Mit seinen Trauerspielen stellt Sopbokles den Sophisten, ja den Philosophen
ernste Fragen. Das Formulieren setiner Katastrophen, der Schluß jedes seiner
Stücke, bedeutet soviel als: „Jar Weeisen, legt ihr uns cinmal aus, wie dies möglich
sein kann.‘ Und daß solche Fragen neeine Antwort warten, gerade
das macht das Geheimpis des unverginglichenyptes des Sophokles aus.
Daß er dazu nogH
diese unerschöpfliche Problematikin ein so prächtiges Gewand gekleidettiat, daß sie sich mit der Dichtkunst so unvergeBlich vereinigen
konnte. mag
yg erklären, warum wir noch heutzutage durch die Zauberkraft des
antiken Wortes entzückt bleiben, und wir wiederholen in unserem Herzen, mit
dem Chor der ..Antigone":
Zusov V, P., Beobachtung und Experiment in der antiken Wissenschaft :
Altertum V 1959 223-232, | Si l'antiquité n’a pas eu de laboratoires d'expériences, elle a cependant bien connu les principes de l'expérimentation et les
| 2.
+9 \
|
zus,v2,
a appliqués dans de nombreux cas, dont des exemples sont fournis ici.
Beobachtung und Experiment in der antiken Wissenschatt
Von Vassili P. Zusov
Der Initiutor einer neuen experimentellen Naturwissenschaft Francis Bacon
schätzte die Experimentierkunst der Gricchen sehr gering ein. indem er die Auffassung vertrat. daß .,in einem Zeitraum von so vielen Jahren kaum ein Versuch
beigebracht werden kann. der sich auf die Erleichterung und Verbesserung des
Zustandes der Menschen bezieht und init Recht auf die Betrachtungen und
i
Lehrsätze der Philosophie zurückgeführt werden kann“ (Novum Organum 1, 73).
Verständlicherweise wird auch heute niemand wagen, dem antiken Griechenland
und Rom eine entwickelte Experimentierkunst zuzuerkennen. Judoch haben die
.
Griechen, wie in vieler Hinsicht, auch hier den Grundstein für das gelegt, was
:
in späteren Zeiten seine weitere Entwicklung erfubr.
|
Es genügt, an die allgemein bekannte Legende zu erinnern, die Boëthius,
De institutione musica
1,
10f. überliefert: Als
Pythagoras einmal an einer
Schmiede vorüberging, hörte er, daß die Schläge der Hammer ‚aus verschiedenen
Tönen in gewisser Weise eine Harmonie’: ent:tehen ließen.
Um die Ursache
für einen solehen Zusammenklang zu ergründen. bat er die Schmiede, die Hämmer
auszutauschen.
Dabei stellte sich heraus, daß die Ursuche ebensowenig in den
Muskeln der Leute wie in der Kraft ihres Schlages begründet lag.
Nachdem
Pythagoras das Cewicht der Hammer bestimmt hatte, konnte er feststellen, dal
:
das Gewichtsverhältuis der Himmer einfachen, ganzzahligen Verhältnissen ent.
|
sprach.
Hier finden sich schon alle charakteristischen Merkmale eines Experiments, wenn es sich auch nur um einen Austausch der Schmiedehimmer handelt.
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Beobachtung und Experiment in der antiken Wissenschaft
Zusov
Die Entwicklung der Beobachtungsfähigkeit konnte nicht getrennt von dem
Fortschritt philosophischer Ideen weitergehen. Die Anschauungen der ionischen
Naturphilosophen erscheinen dem modernen Menschen primitiv und archaisch.
Jedoch vom historischen Standpunkt aus stellen sie einen enormen Fortschritt
im Bereiche der wissenschaftlichen Abstraktion dar. Das Wasser des Thales,
Die Erzählung des Boéthius enthält aber auch weitere Hinweise auf ein systematisches Experimentieren: Pythagoras hängte Gewichte an Saiten, maß die
Abstände zwischen den Löchern in der Hirtenfiöte, füllte Gefäße mit Flüssigkeiten nnd schlug sie mit einem kupfernen oder eisernen Stab an.
Wir lassen
hierbei die Frage nach der historischen Glaubwürdigkeit der Legende außer acht
das Unbegrenzte-Grenzenlose des Anaximander, die Luft des Anaximenes erund ebenso den Umstand. daß die Tonhöhe der Saite nicht der Schwere des
Der Charakter jener Untersuchung wird durch einige andere Beispiele deutlich.
Schon die Seher der Hammurapizeit hatten bei der Ölwahrsagung gefunden,
öffneten die erste Möglichkeit für eine einheitliche Auffassung des Weltalls.
Die Darstellung. wie Substanzen ineinander übergehen, findet sich am deutlichsten in den Beschreibungen des Anaximenes ausgeprägt, wonach die Luft.
wenn sie sich verdünnt, in Feuer übergeht. und wenn sie «ich verdichtet, in Wind,
Wolken, Wasser. Erde und schließlich in Steine verwandelt wird. Hagel ist gefrorenes Wasser. das sich aus den Wolken gelöst hat. Schnee sind gefrorene
daß. wenn sie Öl in eine Trinkschale mit Wasser gossen. hinter der die Sonne
Wolken.
angehängten Gewichtes proportional ist. sondern der Quadratwurzel aus dieser
Größe.
Allein die Tatsache. daß eine solche Legende in der Antike aufkam,
zeugt von dem Verständnis des Wesens des Experimentes als einer rationalen
Untersuehung der Wirklichkeit.
Die Himmelserscheinungen werden von den Vorsokratikern in voller Übereinaufgegangen war, sich ein, zwei, drei bis sieben farbige Ringe bilden konnten,
nicht hinaus.
— Plinius bezeugt, daß die Etrusker elf Blitzarten unterschieden,
stimmung mit den Erscheinungen auf der Erde interpretiert, So besteht für
Xenophanes die Sonne aus in Brand geratenen Wolken. aus Anhäufungen kleiner
Funken. Die anderen Gestirne erlöschen und entzünden sich tagtäglich, wie
„Kohlestückchen“. Das klingt kühn, nicht nur gegenüber den viel älteren Vorstellungen vom Himmel als dem Wohnsitz der Götter. sondern auch im Vergleich
zu späteren Ansichten über einen qualitativen Unterschied zwischen der himmdie
lischen und der irdischen Materie.
aber nicht mehr. und daß am Rande des Gefäßes die Olschicht schwarz, der
äußere Rand des ersten hellen Ringes rot und der dritte helle Ring grün erscheine**
(B. Meissner, Babylonien und Assyrien, 2, Heidelberz 1925, 382).
Die sogenannten „Farben dünner Bláttchen** wurden erst zu Newtons Zeiten erklärt.
Die Beobachtungen der Babylonier gingen über die Grenzen einer reinen Empirie
sie
mit
neun
verschiedenen Göttern
naturalis 2, 52, 138).
die Wisseuschaft
in
Verbindung
brachten (Historia
Den Gegensatz zwischen einer rein beobachtenden und einer theoretischen
Richtung kann mau unschwer in den verschiedenen Schriften des sogenannten
Diese Beobachtungen der Priester blieben ebeufalls für
belanglos.
dergleichen
die
Untersuchungen
von Tieren bei den Haruspices,
i
der Eingeweide
i
Wenn auch die Gedanken, mit denen die Griechen und Rômer die Natur der
Blitze erklärten, kindlich-unausgereift anmuten und die Pythagoreer geirrt haben.
als sie cine einfache proportionale Verbindung zwischen der Höhe des Tones
und der Größe des Gewichtes herstellten, das an eine Saite gehängt wurde. so
unterscheiden sich diese wissenschaftlichen Erklärungen doch grundlegend von
der reinen Empirie der Babylonier und Etrusker.
Wir führen noch ein Beispiel an: Schon vor Eratosthenes wußte man, daß
in Svene am Tag der Sommersonnenwende die Sonnenstrahlen senkrecht
auf den Boden der tiefsten Brunnen dringen.
bis
Jedoch erst der Scharfsinn cines
Eratosthenes konnte diese empirische Beobaehtung zum Ausgangspunkt für die
Messung des Erdumfangs machen.
Wir möchten dazu bemerken, daß er bei
Ae
Hippokratischen Corpus verfolgen, in dem bekanntlich unter Hippokrates’
Namen Werke verschiedener Autoren vereinigt sind. Der Verfasser der Schrift
Uber die alte Medizin“ war ein Gegner philosophierender Ärzte (De prisca
medicina 20). Nach seiner Meinung irren die, welche versuchen. über Medizin
zu sprechen oder zu schreiben. und dabei zur Grundlage ihrer Ausführungen die
Hypothese vom Warmen oder Kalten, Feuchten oder Trockenen oder, je nach
Belieben, von noch etwas anderem machen (ebd. 1). Der Autor des Werkes
«Uber die Diät bei akuten Krankheiten“ griff wiederum die Empiriker der
Schule von Knidos an, wobei er darauf hinwies, daß diese Ärzte — rein deskriptiv
verfahrend. ohne tiefer in das Wesen der Dinge einzudringen — ein und dieselbe
Krankheit für zwei Krankheiten hielten (De diacta in acutis 1).
Einen ähnlichen Gegensatz findet man in den Ansichten über den Ursprung
ganz. Jedoch auch wenn Eratosthenes dieser Umstand bekannt gewesen wire,
technischer Erfindungen. Als die Vorstellung, sie seien eine übernatürliche Gabe
der Götter, schwand, kamen zwei andere grundsätzliche Anschauungen auf.
Nach der einen sind Erfindung und Entdeckung das Resultat eines Zufalls (der
jeder reinen Empirte eigen ist). Auf diese Weise wurde nach Vitruv 2, 1, 1 das
Feuer entdeckt. Auf gleicher Ebene liegen die Berichte des Plinius über die
Erfindung des Glases (Hist. nat. 36. 26, 191) und die Entdeckung der Eigenschaften
hätte er sich sehr wahrscheinlich im Recht geglaubt, den verhältnismäßig geringen
des Magneteisens (chd. 36, 16, 127).
seinen Burechnungen Angaben über Entfernungen zwischen Städten verwendete,
die schon früher von ägyptischen Landmessern gemacht wurden und, was besonders wichtig ist, eine übermäßige Genauigkeit in diesem Fall nur Verwirrung
angerichtet hätte. Eratosthenes ging nämlich von der Annahme aus, daß Syene,
Mero& und Alexandria sich auf einem Meridian befänden.
Das stimmt nicht
Unterschied außer acht lassen zu können, um nieht den Hauptgesichtspunkt
seiner wissenschaftlichen Aufgabe aus den Augen zu verlieren.
Nach einer anderen Konzeption erfolgt die Erfindung nützlicher Künste aus
der Nachahmung der Natur. So war Demokrit gemäß dem Zeugnis Plutarchs
Das Alsertum
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der Meinung: „Die Menschen sind in den wichtigsten Dingen Schüler der Tiere
geworden: der Spinne im Weben und Stopfen, der Schwalbe im Hausbau und
der Singvógel, des Schwans und der Nachtigall, im Gesang. und zwar auf dem
Wege der Nachahmung“ (E. Durs u. W. Kranz, Die Fragmente der Vor.
sokratiker, 2, 7. Auflage Berlin 1954, B 154).
In diesem Zusammenhang ist eine Begebenheit aus der frühbyzantinischen
Zeit interessant, die die antiken Vorstellungen von der Technik als bewußter
Nachahmung der Natur, das heißt als bewußter Anwendung allgemeiner natürlicher Gesetzmäßigkeiten, widerspiegelt. In seiner , Geschichte” (5, 6f.) erzählt
Agathias folgende Episode aus dem Leben des berühmten Anthemios, des Erbauers der Kirche der Hagia Sophia in Konstantinopel: Zwischen Anthemios
und seinem Nachbarn, dem Bhetor Zenon, war ein Streit entstanden. Anthemios
konute sich in der Redekunst natürlich nicht mit dem Berufsredner Zenon
messen. Da bediente er sich eines anderen Mittels. Er baute unter dem Haus
des Zenon ein Röhrensystem, in dem heißes Wasser und Wasserdämpfe zirkulierten. Der Dampfdruck brachte das Haus zum Erzittern, so daß der erschreckte
Zenon an ein Erdbeben dachte.
Der Streit zwischen Anthemios und Zenon wurde darauf zum Anlaß wissenschaftlicher Debatten über die Natur von Erdbeben. Hierbei nahmen die Anhänger des Aristoteles die eben geschilderte Begebenheit als Beweis dafür, daß
ihr Lehrer mit seiner Theorie von den Dämpfen, die im Erdinneren keinen Ausweg finden, recht hatte. Anthemios hatte mit seiner Kunst die Natur nachgeahmt, worin die Aristoteliker die Quelle für seinen Erfolg sahen.
Beobachtung und Experiment in der antiken Wissenschaft
CRT
zipien des Experiments an. Vom Standpunkt Stratons aus war es für die Erkenntais physikalischer Gesetzmäßigkeiten nicht weniger wichtig, die Prozesse zu erforschen, die unter künstlich geschaffenen Bedingungen verlaufen, als die Erscheinungen, die „entsprechend der Natur” (zara quo) auftreten, zu untersuchen. So bildete für Straton ein in Gefäßen künstlich geschatfenes Vakuum
den Ausgangspunkt für physikalisch-philosophische Betrachtungen über die Leere.
Wir wollen noch kurz einige Experimente erwähnen, die in einzelnen Werken
des ,,Hippokratischen Corpus‘ beschrieben sind.
Ein Forscher der Gegenwart
bemerkte treffend, daß einige Experimente einen gemeinsamen Zug haben: Sie
sind alle ganz korrckt, aber sie beweisen nicht,
was der Autor beweisen will
(L. Boercry, Observation et experience chez les médecins de la collection hippocratique, Paris 1953, 182).
Als Beispiel führen wir eine Beschreibung an, die das Werk ‚Über die Natur
des Kindes enthält: ‚Wenn man eine kleine Röhre an eine Blase anbindet
und durch das Röhrchen in die Blase Erde, Sand und kleine Stückchen Blei
wirft und dann, nachdem man Wasser dazugegossen hat, durch das
blast, wird sich zuerst alles mit dem Wasser vermischen.
Röhrchen
Einige Zeit danach
wird jedoch infolge des Hineinblasens das Blei zum Blei gehen, der Sand zum
Sand und die Erde zur Erde; und wenn man dann alles trocknen läßt und die
Blase öffnet und ihren Inhalt betrachtet, wird man finden, daß sich das Gleiche
zum Gleichen gesellé hat” (De natura pueri 17). Welche Schlußtolgerungen zog
aber der Verfasser daraus?
Das Experiment diente ihm als Zeugnis, daß sich
auf gleichem Wege auch „der Samen und das Fleisch voneinander absondern*,
Noch künstlicher ist der Zusammenhang zwischen dem Versuch und der Er-
Um richtig handeln zu können, darf man sich nicht auf Beobachtungen beschränken, sondern muß den gesetzmäßigen Gang der natürlichen Erscheinungen
genau erfassen. Daraus ergibt sich die Frage, auf welche Weise solche allgemeinen natürlichen Gesetzmäßigkeiten erkannt werden. Soll man der Natur
sozusagen ihre Geheimnisse ablauschen oder künstliche Bedingungen schafien,
die allein eine Antwort auf unsere Fragen ermöglichen ? Insbesondere die Schule
des Aristoteles war von der Notwendigkeit überzeugt, die Naturerscheinungen
unter normalen Bedingungen zu beobachten. Das deckt sich etwa mit dem
ablaufen läßt, fließt das Wasser der anderen Kessel in diesen Kessel, und so
Gedanken, den später Goethe äußerte:
leeren sie sieh genauso, wie sie sich gefüllt haben (De morbis 4, 8/59), Die Deuscheinung, die man erklären wollte, im folgenden Fall.
ein Experiment mit kommunizierenden Gefäßen.
Der Autor beschreibt
Drei oder mehr Kessel seien
„auf einem sehr ebenen Platz“ „in günstigster Weise" angeordnet und durch
3öhren miteinander verbunden.
GieBt man jetzt langsam Wasser in einen der
Jessel, dann fließt es aus einem Kessel in den anderen, bis sie alle gefüllt sind,
und, umgekehrt, wenn alle Kessel vol] sind und jemand aus einem das Wasser
tung dieses Vorgangs muß noch mehr als im.ersten Fall verwundern: Genau
Geheimnisvoll am lichten Tag
14/34 sich Natur des Schleiers nicht beruuben,
und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag;
das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
In dem ,,Hippokratischen Corpus“ begegnet jedoch eine andere Ansicht: Wenn
das gleiche geschehe,
wenn man Speisen und Getränke zu sich nimmt.
Der
Autor setzt sich dahei offensichtlich über die zuvor genannten Bedingungen hinweg, daß die Kessel „auf einem sehr ebenen Platz” aufgestellt und , in günstigster
Weise angeordnet sein sollten, was bei der Nahrungsaufnahme nicht zutrifft.
die Natur bestimmte Anzeichen nicht freiwillig von sich geben will, so hat: die
Ohne auf Einzelheiten einzugehen, sei hervorgehoben, wie überaus künstlich das
Medizin Mittel und Wege gefunden, durch die die Natur gezwungen wird, sich
vollkommen zu offenbaren. Dadurch wird den Menschen, die sich auf die Kunst
verstehen, klar, was weiter zu tun ist (De arte 12). Und wenn der Schüler des
Aristoteles, Theophrast, ähnlich seinem Lehrer, dem Experiment mehr als zurückhaltend gegenüberstand, wandte sein Nachfolger Straton bewußt die Prin-
Experiment mit Essen und Trinken zusammengebracht wurde.
So führten die Experimente in den erwähnten Fällen nicht so sehr zur Entdeckung neuer Wahrheiten, sondern versuchten vielmehr, bereits vorher aufgestellte Thesen zu veranschaulichen. Das gilt auch für den Versuch des Empedokles, die Erscheinungen der Atmung und des Blutkreislaufs durch die Vorgänge
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Beobachtung und Experiment in der antiken Wissenschaft.
beim Füllen und Entleeren der Klepsydra bildhaft zu machen. Hier bedeutet
Klepsydre nicht Wasseruhr, sondern eine Art Gießkanne, ein Gefäß mit kleinen
Beobachtungen ein. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Versuch des
Öfinungen im Boden und einer größeren oben, die man mit dem Finger verdes 2. Jahrhunderts v.u.Z.). Der anonyme Verfasser spricht hier über die
Theorie der „unsichtbaren Ausdünstungen‘“, indem er sich auf Erasistratos bezieht: „Nimmt man ein Tier, z.B. einen Vogel oder dergleichen, setzt ihn in
ein metallenes Gefäß und läßt ihn eime Zeitlang hungern, so wird man, wenn
man das Tier mit den sichtbaren Exkrementen auf die Waage bringt, finden,
schließen bzw. öffnen konute.
Dieses Experiment war nicht ad hoc erdacht.
Es diente ebenso zur Veranschaulichung einer vorher bekannten Theorie wie der Versuch mit der Gurke,
die unter einem umgestülpten Glas wächst, wobei sie sich den Wänden des
Glases anpaßt und seine Form annimmt. In gleicher Weise geschehe es mit
dem Embryo des Menschen: „Wenn er beim Wachsen viel Platz hat, wird er
größer, hat er wenig Platz, wird er kleiner“ (De natura pueri 9).
Es ist: möglich, daß auch der folgende Versuch (De morbis 4, 26/57) nicht ad
hoc von einem antiken Mediziner erdacht war, sondern einem physikalischen
Werk entnommen wurde (vgl. G. SExx, Die Entwicklung der biologischen Forschungsmethode in der Antike und ihre grundsätzliche Förderung durch Theo.
phrastos von Eresos, Aarau 1933, 62f.):
Wenn man ein großes enghalsiges Gefäß, das mit Wasser gefüllt ist, schnell
umstürzt
und dann den Pfropfen entfernt,
flieBt das Wasser nicht heraus.
Wenn man das Gefäß aber vorsichtig neigt oder in den Boden eine Öffnung
macht, dringt Luft in das Gefäß, und gleichzeitig fließt das Wasser heraus,
(Dus Experiment wird vom Verfasser zur Erklärung von Erscheinungen bei
der Wassersucht herangezogen.)
Einen anderen Charakter trägt folgender Versuch, dessen Beschreibung sich
im Traktat „Üher das Herz“, einem der spätesten Werke des „Hippokratischen
Corpus“, findet. Der Autor bemüht sich zu beweisen, daß ein Teil der flüssigen
Nahrung in den Kehlkopf geht: Wenn man Wasser blau oder rot färbt, es einem
Tier zu trinken gibt (am besten einem Schwein, das von Natur aus nieht wühlerisch ist) und ihm, während es trinkt, die Kehle aufsehneidet, dunn ist sie vom
Getränk gefärbt (De corde 2). Obgleich das Experiment nicht beweist, was der
Verfasser wollte, da Kehldeckel und Schlundmuskeln beim Durchsehneiden der
Kehle wohl schwerlich normal funktionieren können, haben wir hier doch ein
echtes Vivisektionsexperiment vor uns, eine direkte Fragestellung mit direkter
Antwort.
In derselben Schrift (8) wird noch ein anderes Vivisektionsexperiment erwähnt:
„Man sieht, dal das Horz als ganzes schlägt, während die Ohren einzeln auf-
229
Erasistratos, überliefert vom sogenannten Londoner Papyrus (einer Kompilation
da es nunmehr viel weniger wiegt ais vorher, weil offenbar auf unsichtbarem
Wege eine starke Ausdünstung stattgefunden hat“ (H. Dies, Uber das physikalische System des Straton, in: Sitzungsberichte der Kgl. Preußischen Akademie
der Wissenschaften zu Berlin, 1893, 1. Halbband, 109).
Als frühere Parallelen zu solchen quantitativen Experimenten könnte man
Versuche aus dem „Hippokratischen Corpus“ anführen. De aere aquis locis S
geht es um das gefrierende Wasser, aus dem beim Gefrieren alles „Helle, Leichte
und Süße‘ ausgeschieden wird. Der Autor will seine Ansicht dureh Abwiegen
erhárten: Wenn man im Winter ein Gefäß mit Wasser gefrieren läßt und es am
anderen Tag an einen warmen Platz bringt, dann findet man, nachdem das Eis
gesehmolzen ist, das Wasser in geringerer Menge vor.
Ein anderer Versuch besieht im Folgenden: ,,Gesetzt den Fall, es würde
jemand zwei Tage und zwei Nächte lang über Wasser oder auch über einer
feuchten Stelle gereinigie Wolle uud ein reines Gewand von dichtem Gewebe
und der Wolle genau entsprechendem Gewicht anbringen, so wird er, wenn er
das wegnimmt und abwiegt, finden, daß die Wolle viel schwerer ist als das Gewand. Das geschieht aber, weil vom Wasser, das sich in einem Geläß mit weiter
Öffnung befindet, immer etwas nach oben steigt und die Wolle, da sie ja locker
und weich ist, mehr von dem Wegzichenden aufnimmt, das Gewand hingegen,
da es voll und dicht gewebt ist, sich füllt, ohne sonderlich viel von dem Wegziehenden in sich aufzunehmen“ (De morbis mulierum i).
Nach einer Vermutung WExLMaxxe wurde das Werk von dem knidischen
Arzt Aëthlios geschrieben, dem Lehrer des jüngeren Chrysippos. der seinerseits
der Lehrer des Erasistratos war (siehe M, WELLMANN, Spuren Demokrits von
Abdera im Corpus Hippocraticum, Archeion 11, 1929, 329).
Wenn man an diese quantitativen Experimente mit dem Kriterium Bacons
herangeht, mit der Forderung der Nützlichkeit, erscheint die unmittelbare Bephilos (ca. 330—250 v. u. Z.) und Erasistratos (ca. 305—240 v. u. Z.) verbunden.
deutung der Ergebnisse gering. Die Beurteilung fällt aber anders aus, wenn
man die Versuche vom Standpunkt der Methodologie betrachtet, vom Standpunkt der Entwicklung der experimentellen Methode.
Es ist kein Zufall, daß in der Renaissance Nikolaus von Kusa in seinem Traktat
„De staticis experimentis (Nicolaus de Cusa, ed. L. Baur, 5, Leipzig 1937,
Die Behauptung des Celsus (De medicina 1, prooem.), daB Herophilos nicht nur
Sektionen von Leichen, sondern auch Viviscktionen an Verbrechern vornahm,
entbehrt nicht der Wahrscheinlichkeit.
119—159) denselben Weg weitorging und gleichzeitig die Traditionen des Archi.
medes wiederaufnahm, der mit Hilfe des spezifischen Gewichts den Betrug des
Meisters aufdeckte, der die Krone Hierons angefertigt hatte. Nach den Worten
Uber Herophilos ist bekannt, daß er die Frequenz des Pulses mit einer Wasserdes Nikolaus kann man über die Unterschiede im Gewicht zuverlässiger als
geblasen werden und erschlaffen.“
(Unter den „Ohren“ versteht man die Vorkammem.)
Mit der Tradition Stratons ist die Tätigkeit der alexandrinischen Ärzte Herouhr gemessen hat; er führte also das quantitative Moment in die medizinischen
dureh andere Verfahren in die „Geheimnisse der Dinge‘ eindringen.
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Beobachtung und Experiment in der antiken Wissenschaft
So z.B. gestattet das Gewicht zweier gleicher Wasservolumina, die aus zwei
Es versteht sich, daß Bacon im Feuer der polemischen Begeisterung der an-
23
verschiedenen Quellen geschöpft wurden, über den Charakter ihrer Natur zu
urteilen.
Die Bestimmung der spezifischen Gewichte erlaubt es ferner, die Zusammensetzung von Metallen festzustellen. Das ist nützlich, um bei Münzen zu
erkennen, wie groß die Beimischung von Kupfer zu Gold und Silber ist usw,
Das von Nikolaus beschriebene Hygrometer geht direkt auf den Versuch aus
dem ,,Hippokratischen Corpus“ zurück: „Man nehme ein Stück Wolle, die die
Feuchtigkeit der Luft aufsaugt und in Abhängigkeit von dieser Feuchtigkeit
bald schwerer, bald leichter ist.‘ Ebenso war auch der paduanische Arzt Sanktorius mit den antiken Traditionen verbunden, da er den Versuch des Erasistratos
in seinem Werk ‚De statica medicina (1614) wiederholte und variierte.
Wir erinnern noch an ein Experiment, das in dem bereits erwähnten Traktat
„Yon der Natur des Kindes“ beschrieben wird: „Wenn man zwei oder mehr
Hühnern zwanzig oder mehr Eier zum Brüten unterlegt und jeden Tag, vom
zweiten bis zum letzten, an dem das Küken ausschlüpft, ein Ei herausnimmt,
es zerschlägt und betrachtet, so wird man finden, daß alles so vor sich geht
wie ich sagte (De natura pueri 29).
~
Aristoteles, Coiter (1572), Aldrovandi (1600), Fabricius (1621), Parisanus (1621),
Harvey (1651), Highmore (1651), Malpighi (1673), Haller (1758), K. Fr. Wolf
(1759, 1768), Baer (1828) und viele andere wiederholten den Versuch, der von
dem unbekannten antiken Arzt im +. Jahrhundert v. u. Z. zuerst vorgeschlugen
tiken Wissenschaft im ganzen nicht gerecht wurde, Aber es verdient, angemerkt
zu werden, daß er in der allgemeinen Beurteilung des reinen Empirismus mit
Aristoteles, den er kritisierte, zusammenging. Dabei genügt es, an seine Gegenüberstellung der chaotischen und systematischen »,Empiriker*, der Ameisen und
der Bienen, zu erinnern.
Natürlich konnten die begrenzten Entwicklungsmôglichkeiten der ‘Technik
unter den Bedingungen der Sklavenhaltergesellschaft und dic Notwendigkeit,
dem Sklaven nur die primitivsten und oft unhandlichsten Werkzeuge in die
Hände zu geben, die Entwicklung von systematischen Experimenten nicht begünstigen. Kriegsschleudermaschinen aus hellenistisch-römischer Zeit zum Beispiel machten indessen mathematische Berechnungen erforderlich, wobei sich
neue mathematische Probleme ergaben. Demgegenüber blieben viele von Heron
beschriebene Ceriite auf einer niederen Entwicklungsstufe stehen. Sie wurden
zudem in der Praxis nicht verwendet und glichen Spielautomaten, ohne zur
Quelle umfassender Schlußlolgerungen zu werden. Erinnern wir daran, daß
Heron die bewegende Kraft des Dampfes bekannt war! Bei seiner , Aolipile*
handelt es sich um sine Eisenkugel, die durch den Rückstoß des aus zwei
gebogenen Röhrchen ausströmenden Dampfes in Drehung versetzt wurde. Zahlreiche Ratschläge, die Varro und Columella in ihren Werken über die Landwirtschaft. gaben, fanden ebenfails keine Berücksichtigung.
Heropun eCTceTBoaHanın Arazemnn Hay CCCP, 2] [Arbeiten dos Instituts
Nichtsdestoweniger stößt man in den letzten Jahrhunderten der Antike neben
dem Experimentieren im oben beschriebenen Sinne, das ohne spezielle Geräte vor
sich ging, auch auf Spezialapparate, die zur Messung dienten. So heschreibt Ptolemitus (2, Jahrhundert) in der ,,Optik* ein Gerät zur Bestimmung der Größe von
für Geschichte der Naturwissenschaften der Akademie der Wissenschaften der
Brechungswinkeln.
wurde (vgl. A. E, Gaisryowrrsen, Heropmueerme kopum cpasuutenbHoli
ambpirozorui
go
Tapeer
[Die
historischen
Wurzeln
der vergleichenden
Embryologie bis zu Harvey], Moskau u. Leningrad 1948, 539 [[pyası Useruryra
Ud8kSR)).
Somit wird das blinde „Nachahmen“ der Natur und die reine empirische Beobachtung durch ein zielstrebiges Befragen der Natur ersetzt.
Bei aller Gleichgültigkeit gegenüber dem Experiment als solchem unterstrich Aristoteles dieses
bewußte Verhältnis
(1,1).
zur Wirklichkeit
im
ersten Kapitel seiner „Metaphysik“
Die Wissenschaft und die Kunst entstehen auf der Grundlage der Er.
fahrung (Euzeipia). Menschen, die mit Erfahrung wirken, erreichen mehr als
Um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert begegnet in einem Brief des Synesios
von Kyrene ein Arüometer, das für ihn angefertigt wurde und dus er, offenbar
während einer Krankheit, zur Untersuchung der Dichte von Flüssigkeiten benutzte. Das Gerät bestand aus einem Zylinder mit aufgebragener Teilung; am
unteren Ende war ein Konus befestigt. Wenn man es in eine Flüssigkeit eintauchte, schwamm es in vertikaler Lage, und der Teilstrich, bis zu dem es eintauchte, zeigte die Diehte der Flüssigkeit an.
deshalb kein Wunder, daß es bei den Agyptern, die den Entdeckern götzliche
Schließlich mu? man noch auf eine Gruppe vun Experimenten eingehen, die als
„Cedankenexperimente' bezeichnet werden. Auch in diesen Fällen ist es historisch wiehtig, nieht nur und nicht so sehr den Inhalt der Experimente als vielmehr
das Prinzip an sich zu betrachten. Zu den Gedankenexperimenten gehört y, B.
der richtige Schluß, den Aristoteles in seiner „Physik“ zog: Im luftleeren Raum
würden alle Körper mit gleicher Gesehwindigkeit fallen (4, 8, 216a). Aristoteles
benutzte übrigens diese Schlußfolgerung nur als Mittel. um den Gesichtspunkt der
Ehren erwiesen, melr Bilder von vernunftlosen Tieren als von Menschen zab;
Atomisten ad absurdum zu führen.
diejenigen, die nur den allgemeinen Begriff (Adyos) und keine Erfahrung haben.
Boch hält man die reyrizar für weiser als die éuretooc; denn die cinen kennen
die Ursache (tip aitiay), die anderen aber nicht,
| Y. Bacon kämpfte gegen das rein verbale Wissen der Scholastik und schloß
sich offensichtlich an die antiken Konzeptionen von der Entstehung der l'echnik
wus der „Nachahmung der Natur! an. Aus dieser Position schricb er: „Es war
denn die veruunftlosen Tiere haben mit ihrem natürlichen Instinkt viele Entdeckungen gemacht, wo die Menschen durch Reden und Vernunftschlüsse wenig
oder nichts hervorbrachten! (Novum Organum 1, 73).
°
Auch das Argument des Ptolemäus, das er gegen die Bewegung der Erde vorbrachte, trägt den Charakter eines Gedankenexperimentes: Setzt man die Drehung
der Erde voraus, was wird dann mit den Vögeln, Wolken, mit den Steinen und
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Pfeilen, die aus Schlenderwaffen abgeschossen werden, wenn sie sich in der gleichen
Riehtung bewegen wie die Erde oder, umgekehrt, in der entgegengesetzten Rich.
tung?
Werden sie von der Luft mitgerissen oder nicht, werden sie sich schneller
oder langsamer bewegen? (Ptolemäus, Madnuarız) adrrafız 1,7). Die Schluß.
folgerungen des Ptolemäus erscheinen für unsere Fragestellung nicht so wichtig
wie das Prinzip des methodisch-gedanklichen Experimentierens an sich, des Berechnens aller Möglichkeiten und Fälle.
Ein klassisches Beispiel für ein antikes Gedankenexperiment stellt die Schlußfolge beim hydrostatischen Gesetz des Archimedes, das seinen Namen trägt, im
Traktat „Über die schwimmenden Körper“ dar. Er ging von der Voraussetzung
aus, daß die Oberfläche einer ruhenden Flüssigkeit sphärisch ist, da sie einen Teil
der Erdoberfläche bildet. Dann berücksichtigte Archimedes die Volumina von
Körpern in der Flüssigkeit und betrachtete folgerichtig die Fälle, in denen das
Gewicht dieser Körper schwerer oder leichter als das Gewicht der entsprechenden
Wassermenge oder gleich ist, um die Bedingungen des Gleichgewichtes zu erforschen.
Die Stärke der wissenschaftlichen Abstraktion und die dadurch bedingte Frei.
heit, sich von den Zufälligkeiten des Experiments zu lösen und sich auf das Hauptsächliche und Wesentliche zu beschränken — diese Züge kennzeichnen die höchsten Errungenschaften der griechischen Wissenschaft.
Wir kehren zu unserem
Ausgangspunkt zurück: Abstraktion und Beobachtung ergänzen einander, Wenn
die Gelehrten der Alten Welt sich nicht über die Grenzen der einzelnen Sinnesdata
hinausgewagt hätten, wären sie vermutlich nicht zur Idee einer kugelförmigen
Erde gelangt, zum Begriff der Antipoden, und Leukippos und Demokrit hätten
nicht ihre genialen Gedanken über die Atome niedergesehrieben. Das Altertum
kannte keine speziellen Experimentierlaboratorien, aber die Prinzipien des Experimentierens waren wohlbekannt.
Auch in diesem Zusammenhang ist es angebracht, an die Worte von F. ESGELS zu erinnern, „daß in den maunigfachen
Formen der griechischen Philosophie sich fast alle späteren Anschauungsweisen
bereits im Keim, im Entstehen vorfinden. Die theoretische Naturwissensehaft ist
daher ebenfalls gezwungen, will sic die Entstehungs- und Entwieklungsgeschichte
ihrer heutigen allgemeinen Sätze verfolgen, zurückzugehn auf die Griechen” (Alte
Vorrede zum ,,Anti-Dithring’‘ — Uber die Dialektik, in: Herrn Eugen Dührings
Umwälzung der Wissenschaft, 11. Auflage Berlin 1958, 414).