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Der Spiegel
des Pythagoras
Die Spiegel des Pythagoras sind so leuchtend
und mit so erlesener Kunstfertigkeit
hergestellt, und man kann in ihnen sogar
wahrend der Nacht so weit entfernte Dinge
entdecken, daß sie Anlaß geben, sich
vorzustellen und zu glauben, daß man in der
leuchtenden Gestalt des Mondes durch das
Mittel der Reflexion Abbilder von Buchstaben
oder anderen Dingen sehen kann, die ihre
Botschaft an Tausende von Meilen entfernte
Freunde hinübersenden.
Raphael Mirami, 1582
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)I Die Projektion von Buchstaben auf den Mond
Die Quellen von Kircher (G.-B. della Porta, Agrippa). Die thessalischen Hexen
von Aristophanes und seinen Scholiasten. Der Mondspiegel von Lukian.
II Das Wiederaufleben der pythagoreischen
Legende und ihre modernen Verarbeitungen
Nachrichtentibermittlung zwischen Paris und Mailand per Satellit. Technische Vorkehrungen: die Form des Spiegels und die Schrift aus Blut. Von
der Mythologie des 16. Jahrhunderts (Conti) zur Dámonologie des 17. Jahrhunderts (Martin del Rio - P de l'Ancre). Ausweitung des Kommunikationsnetzes: Konstantinopel, Neapel, London, Rom.
II Die Skeptiker und der Triumph des Teufels.
Philologische Streitigkeiten (Meursius, Boulenger, Cesi). Technologische
Streitigkeiten (Campanella, Leurechon). Kontroversen über Mathematiker
und Zauberer: Zerstörung des Mythos durch die Vernunft (Naude) und
Gegenoffensive der Besessenen (Jacques d’Autun).
j
Ist es möglich, Buchstaben auf den Mond zu schreiben? Diese Frage ist von Athanasius
Kircher (4646)! in einem der neuen Kryptologie gewidmeten Kapitel gestellt worden, in
dem er zwei Texte aufgreift und in ertenso wiedergibt, einen von G.-B. della Porta (4589)?
und den anderen von Cornelius Agrippa (1529):3
»Ich habe gesagt und ich habe beobachtet, daß wir dieses künstliche Mittel (einen
konisch abgestumpften Konkavspiegel) für viele große und wunderbare Dinge benutzen
können, und vor allem, um Buchstaben auf die Mondscheibe zu schreiben, denn was
auch immer wir auf diesen Spiegel aufzeichnen, er sendet es, wie ich gesagt habe, in
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)eine unbegrenzte Entfernung, ebenso weit wie der Mond, wobei ihm ganz besonders
was er will, und nachdem er es einem anderen angekündigt hat, stellt er sich dahinter
sein Licht hilft...« schreibt der Verfasser der Magia naturalis am Ende seiner Beweisfiihund wendet die auf den Spiegel geschriebenen Buchstaben dem Mond zu, und der
rung über das parabolische Profil, mit dem man Nachrichten aus Feuer über unbegrenzandere, der seinen Blick aufmerksam auf dic Mondkugel richtet, kann dort alles lesen,
te Entfernungen senden kann.
was auf dem Spiegel geschrieben ist, als wäre es auf dem Mond geschrieben...«
Der zweite Text, der aus der Philosophia occulta stammt und viel älter ist, ist im
Diese Anmerkung stammt zweifellos von Didymius, einem leidenschaftlichen Kom-
Hinblick auf die Beschaffenheit des Instruments weniger genau, aber umfassender,
mentator von Aristophanes, mit dem die alexandrinische Epoche zu Ende geht, und
was die Legende angeht: »Es gibt ein anderes Wunderwerk, das noch weit erstaunlicher
wie die Werke des Dichters ist sie weit verbreitet gewesen. Im 40. Jahrhundert hat
ist, daß nämlich, wenn jemand auf eine bestimmte Weise Bilder gemalt oder einige
Suidas* sie von einem mit Anmerkungen versehenen Exemplar der ursprünglichen
Wörter geschrieben hat und sie nachts bei klarem Wetter und Vollmond den Strahlen
Fassung abgeschrieben, zusammen mit einigen anderen Unrichtigkeiten.
des Mondlichts aussetzt, jeder andere sie sehen oder lesen kann und in der Reichweite
Das außergewöhnliche Gerät war nicht das einzige seiner Art. Bin weiterer Mondspieund im Umkreis des Mondes über diese Dinge informiert ist, denn ihre Abbildungen
gel kommt in einem Bericht vor, dem deutlich anzumerken ist, daß er aus derselben
sind aufgestiegen und haben sich in der Luft vervielfältigt, was sehr nützlich ist, um
Zeit stammt. Lukian‘ beschreibt eine ähnliche Vorrichtung, als er während seiner
Neuigkeiten bekanntzumachen, wenn die Plätze und Städte belagert sind. Es ist ein
Himmelsreise den Mond erreicht, der als große, glänzende, kugelförmige Insel in der
Gcheimnis, das Pythagoras einst verwendet hat und das selbst heute noch einigen
Luft schwebt: »Auch sah ich im Palaste des Königs noch ein anderes Wunder, und das
ist ein Spiegel von ungeheurer Größe, der auf einem nicht allzu tiefen Brunnen liegt.
Menschen bekannt ist, wie auch ich es kenne.«
Ebenso wie Trithemius soll Agrippa selbst Spiegel dieser Art hergestellt haben, die
Wer diesen Brunnen hinabsteigt, hört alles, was auf unsrer Erde gesprochen wird; und
tatsächlich Projektionsapparate und nicht Teleskope gewesen sein sollen, wie es Mirami
wer in den Spiegel schaut, sieht darin alle Städte und Völker der Erde so genau, als
im Vorwort zu seinem Buch vermutet.
ob sie vor ihm stünden. Ich sah bey dieser Gelegenheit meine Familie und mein ganzes
Kircher und in seiner Nachfolge Schott (1657)4 halten eine solche Übermittlung von
Vaterland: ob sie aber auch mich gesehen haben, kann ich nicht für gewiß sagen. Wer
Bildern über unendliche Räume hinweg für möglich, sofern es eine Beteiligung des
mir nicht glauben sollte, was ich von der Tugend dieses Spiegels gemeldet habe, wird
Satans gegeben hat. Im Trésor chronologique von Guillebaud (1642)? wird das genaue
sich, wenn er einmal selbst hierher kommen wird, mit eigenen Augen überzeugen
Datum angegeben, das Jahr 3544 seit Bestehen der Welt, das Jahr der olympischen
können, daß ich die Wahrheit sage.«
Spiele, bei denen Pythagoras mit einem Schenkel aus Gold erschienen ist. Im Artikel
Die Elemente sind umgekehrt, aber es handelt sich doch um eine interplanetarische
Pythagoras im Dictionnaire von Bayle (1697)i wird ein geschichtlicher Überblick der
Kommunikation mit Hilfe eines Instruments der gleichen Art. Auch wenn keine direkten
Legende mit einer ausführlichen Bibliographie abgedruckt.
Beziehungen zwischen ihnen bestehen, gehen beide Legenden aus dem gleichen katop-
Die Legende ist im Umkreis von Aristophanes und seinen Exegeten entstanden. Der
Spiegel und der Mond werden in den Wolken (423 v. Chr.) direkt miteinander verbunden,
trischen Stoff hervor, dessen magische Seite seit Euklid und stärker noch seit Hero
von Alexandria die Phantasie beflügelt hat.
wo Strepsiades Sokrates erwidert:
«Ich kauf mir einfach ‘ne thessalische Hexe,
Die hilft mir nachıs den Mond vom Himmel holen.
Den steck ich in ein rundes Rutteral,
So wie ‘nen Spiegel und heb ihn gut auf! ...
Wenn nirgends mehr der Mond je aufging’, gab es
Auch keinen Zinsenzahltermin...
Weil nach Monden man das Geld verleiht.:?
Es gibt sicher noch keine Buchstaben, keine Übertragung von Zeichen auf den Himmel
und noch nicht einmal einen Spiegel im eigentlichen Sinne. Aber man wußte durch
Platon und durch Plinius,® daß die thessalischen Hexen berühmt für ihre Kunst waren,
das Nachtgestirn herabsteigen zu lassen. Außerdem hat diese Passage einem Scholiasten
den Vorwand geliefert, eine Geschichte von Pythagoras® zu berichten, die mehr oder
weniger in den Zusammenhang dieser Szene gehört. Wir zitieren nach der Übersetzung
von Bachet (1625), der eine kritische Untersuchung all dieser Texte vornahm.
»Es gibt ein Spiel, das Pythagoras erfunden hat und das mit einem Spiegel dieser
Art gemacht wird. Wenn der Mond voll ist, schreibt jemand mit Blut auf einen Spiegel,
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Der Spiegel des Pythagoras war also sphärisch-konvex wie dieses Futteral für die vom
Himmel heruntergeholte Mondscheibe. Und dann bliebe noch die Frage des Blutes, mit
dem man Buchstaben darauf schrieb: »Und darüber berichtet der Interpret (der SchoDie antike Legende, die schon 1516 ohne Angabe von Quellen bei Ricchieri (Coelius
liast) das Folgende. Pythagoras, sagt er, dieser sehr gelehrte Philosoph, schrieb mit
Rodriginus)* erwähnt wurde, ist sehr schnell von verschiedenen Schriftstellern aufgemenschlichem Blut«, so erläutert Le Loyer, »auf den bauchigen Spiegel, den die Griechen
griffen und ausgeschmückt worden. Die klassische Fassung, die die Grundlage aller
katoptron nannten.« Das zweite neue Element, das menschliche Blut, stammt sicher
Entwicklungen bildet, ist in der Mitte des 46. Jahrhunderts niedergeschrieben worden.
aus einem Hexenbuch. Eine andere Hypothese, die in Erwägung gezogen wird, kann
Wir verdanken sie Natale Conti (1554), einem Mythenschreiber aus Mailand, dessen
die Quelle nur bestätigen:
Kapitel Über den Mond ihre ganze Entstehungsgeschichte und ihre jüngsten Erweiterungen enthält.
»fch erinnere nun an die Pomponatier, und ob dieser Spiegel des Pythagoras und
diese mit menschlichem Blut geschriebenen Buchstaben nicht ihrem Ziegenblut ähneln
Der Gelehrte geht methodisch vor und beschwört zunächst die Töchter Thessaliens
und ihren beiden Spiegeln, die zusammen den Strahlen der Sonne oder des Mondes
herauf, die durch das Aussprechen von mythischen Formeln den Mond zum Heruntergegenübergestellt wurden und die beide Teufelswerk waren und nichts anderes.« Über
fallen bringen. Neben anderen Autoren bestätigt Vergil: »Die magischen Verse holen
den Ursprung des Verfahrens gibt es keinen Zweifel: »Was Pythagoras angeht, so war
den Mond vom Himmel...« Das Zitat aus den Bucolica bestätigt volkstümliche Anschauer der größte Zauberer seiner Zeit, und er hatte darüber hinaus ein enges Bündnis
ungen, die Aristophanes schon vor langer Zeit in seinen Wolken heraufbeschworen
mit dem Teufel, was die falschen Wunder und Betrügereien beweisen, die man von
hatte: »Die Alten haben geschrieben, diese Meinung sei daher gekommen, daß man
ihm liest und die eines solchen Mannes würdig sind.«
Wie Gassiodorus und Isidor von Sevilla, die mit den Freien Künsten verbunden waren,
bestimmte runde Spiegel so verwendete, daß sie den Mond abbildeten, als hätte man
ihn vom Himmel heruntergeholt. Und diese Erfindung soll eine Idee von Pythagoras
so galt Pythagoras noch im Mittelalter als Erfinder der Musik (der universellen Harmogewesen sein...« Im Anschluß daran gibt er die ganze Anmerkung des Scholiasten
nie} während er nun in den Bereich des Satans verbannt wird.
wieder.
Wir befinden uns mitten in einer Epoche, in der von den Jesuiten in ganz Europa
Der Spiegel des Pythagoras war also kein Hexenmärchen eines archaischen Griechen.
ein Generalangriff gegen Hexen und Zauberer entfesselt wird, der von einem sprung-
Er war im Gegenteil der Ursprung der thessalischen Legenden. Außerdem wurde er
haften Anstieg von Texten begleitet wird, die eine Rechtfertigungsgrundlage bieten
von den Modernen wiederhergestellt, die sich seiner tatsächlich bedient haben. Hat
sollen. Eine Summa daemoniae als Gegenstück zur Summa theologiae sollte dringend in
Agrippa nicht angedeutet, daß man ihn für die Verständigung zwischen Armeen verwenallen Einzelheiten ausgearbeitet werden. Das Ergebnis ist ein Aufblühen von Teufelsden konnte? »Dies fand zu der Zeit statt, als der große König Franz I. um das Herzogtum
traktaten, die die Machenschaften des Satans methodisch definieren und klassifizieren.
Mailand Krieg gegen Kaiser Karl
V. führte. Denn man sagt, daß man, mehr als einmal,
Es sind umfangreiche Kompilationen, in denen düsterer Aberglaube sich mit aufgeklärabends in Paris erfuhr, was am Tage in Mailand geschehen war.«
tem Wissen verbindet.
Conti, der um 4520 in Mailand geboren wurde, hat sich sicher an eins der Gerüchte
Nachdem der pythagoräische Mythos dämonisiert ist, verbreitet er sich mit diesen
erinnert, die während der Belagerung, die er als Kind miterlebt hat, in der Bevölkerung
Dogmen. Die Doktoren der Hexerei, die auch die Aufgabe haben, sie mit Folter und
kursierten. Es handelte sich schon damals um eine Übermittlung per Satellit. Zu dieser
Feuer zu bekämpfen, haben es nicht versäumt, sich seiner für ihre Beweisführungen
Zeit erschien der Vorgang allerdings wie ein Wunderwerk des Teufels. Dem Geschichtszu bedienen, darunter auch der berühmteste von ihnen, Martin del Rio (1612), der in
schreiber der antiken Götter und den Gelehrten folgen nun also die Dämonologen. Le
Flandern gewütet hat: »Einige neuere Autoren berichten, daß Pythagoras die Gewohn-
Loyer (1580), ein Magistratsbeamter aus Angers, der sich auf Hexerei spezialisiert
heit hatte, Buchstaben aus Menschenblut auf einen Hohlspiegel zu schreiben und
hatte, war der erste von ihnen, der sich mit der Legende beschäftigte. Zunächst verfaßt
daraus wahrzusagen, indem er den Spiegel dem Mond gegenüberstellte.« Es handelte
er eine Aristophanes-Übersetzung in Versen, in der einige neue Details auftauchen:
sich demnach um einen Wahrsagezauber, der mit einem konkaven Spiegel ausgeführt
wurde.
Si j'allois achetant une Thessalienne
Ein spanischer Inquisitor, Torreblanca (1615), greift diese Version des Hohlspiegels
Qui attirast la lune estant magicienne
auf, der der Katoptromantie gedient haben soll. Für de l'Ancre (1622) war der Spiegel
Et après l’enfermast dans un lieu certain
aus Metall: »Pythagoras hatte einen sehr klaren Spiegel aus Stahl, in den er alles
Comme dans un miroir ventru luisant,
hineinschrieb, was er für gut hielt, und er zeigte es später dem Mond, wenn dieser
Wenn ich mir eine Thessalierin kaufen wiirde,
was der Spiegel enthielt, als wäre es auf dem Mond geschrieben. Auf diese Weise
ganz voll war, und indem cr seinen Blick fest auf ihn heftete, konnte er alles lesen,
die als Zauberin den Mond herunterholte
können wir auch die geheimsten Gedanken unseres Herzens aufschreiben und sie
und ihn an einem bestimmten Platz einschlôsse,
eine Person wissen lassen, die in einem weit von uns entfernten Land ist...« Zur Zeit
der wie ein leuchtender, bauchiger Spiegel ist...
des französischen Königs FranzI. geschah dies zwischen Mailand und Paris. Die Vor
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Instrument bewerkstelligt.
Der Jesuitenpater war ein Mann von Geschmack, sein Haus hatte eine Kapelle und
war mit Grotten geschmückt, die mit Austernschalen ausgelegt waren. Es befand sich
Die Geschichte eines Scholiasten von Aristophanes, die im Laufe des 46. Jahrhunderts
auf dem Gipfel des »Montparnasse der Musen« von Loubens. Er hat die baskischen
in Traktaten über okkulte Philosophie, Mythologie und Dämonologie übernommen
Hexen verbrannt, wie er auch die thessalischen verbrannt hätte,
Obwohl sie in die Katoptromantie eingebettet ist, bleibt die Legende bis auf einige
Details erhalten. Seit Martin del Rio ersetzt der Hohlspiegel, wahrscheinlich in der
wurde, hat sich bis in die zwanziger Jahre des 17. Jahrhunderts hinein uneingeschränkt
verbreitet und entwickelt, bis sie schließlich mit einigen kritischen Reaktionen konfrontiert wurde.
Nachfolge der Paraboloide von Porta, den bauchigen Spiegel von Le Loyer. Seit de l'Ancre
Daß die Erfindung selbst Pythagoras zugeschrieben wurde, ist durch die späte Entdekist er aus Stahl. Es gab noch eine Kontroverse um das Blut. Menschenblut? Ziegenblut?
kung eines Textes von Suidas in Zweifel gezogen worden - des byzantinischen Gram-
Weder das eine noch das andere?
matikers aus dem 10. Jahrhundert, dessen Veröffentlichungen, darunter auch die von
4610, eine verfälschte Transkription bestimmter Namen enthielten. In der Anmerkung,
Naude (1625)? schlägt eine dritte Lösung vor: eine sehr antike, die cr von Moreau
(1625)? übernommen hat - zermahlene Pferdebohnen, die für eine bestimmte Zeit dem
die sich auf Die Wolken bezieht, kommt tatsächlich ein Pythas vor, und nicht Pythagoras.
Mondlicht ausgesetzt werden und sich dadurch in eine blutähnliche Flüssigkeit verwan-
Diese Tatsache hat Meursius (1625)? aufgedeckt und daraus geschlossen, daß es sich
deln: »Man kann sagen, daß an dieser Verwandlung nichts Ungewöhnliches ist, durch
um ein antikes Spiel mit Spiegeln handelte, das keinerlei Beziehung zu dem berühmten
die er (Pythagoras) Blut aus Pferdebohnen macht, denn Herr Moreau zeigt sehr deutlich,
Philosophen habe. Weder Diogenes Laertes noch Porphyrius erwähnen übrigens in der
daß eine solche Sache nach den Regeln der Chymiker gemacht werden kann.«
Geschichte seines Lebens eine derartige Erfindung. Bachet (1626)? beeilt sich, die Dinge
Wenn Pythagoras also wirklich solche unglaublichen Verfahren angewendet hätte,
wieder richtigzustellen: »Was Suidas angeht, so scheint es, als schreibe er diese Passage
dann hätte es keinen Grund gegeben, das menschliche Blut einem Pflanzenelixier
nur Wort für Wort ab, aber in allen gedruckten Büchern dieses Autors gibt es mehrere
Fehler, und ich bin erstaunt, daß Meursius an diesem Wort (Pythas), das nichts bedeutet,
vorzuziehen, das das gleiche Resultat erzielt.
Parallel dazu hat die Fabel noch eine andere Entwicklung durchlaufen. Eine Nachrichfesthalten kann und glaubt, daß das Spiel, auf den Mond zu schreiben, Pythagus geheitenübermittlung per Satellit hat es nicht nur zwischen Mailand und Paris gegeben. Wie
Ben habe.«
Risner (4606) berichtet, konnte Lutetia Botschaften aus Konstantinopel erhalten. Schott
Boulenger (1627)% und Cesi (1636)% haben die gleiche Richtigstellung vorgenommen,
leiten den Namen des Spiels (Pythagus) aber dennoch von seinem Erfinder ab.
(4657) zufolge, der als Jesuit das Verfahren für Teufelswerk hält, konnte man in einer
klaren Nacht in Konstantinopel lesen, was in London geschrieben wurde. Campanella
Das berühmte Gerät selbst wurde auch zum Gegenstand heftiger Angriffe. Zwei
(1620)2 berichtet seinerseits, man glaube in Italien, daß Rom auf diese Weise zu vereintechnische Gründe machten es völlig unbrauchbar:
barten Stunden mit Spanien und Neapel kommuniziere.
4. Die abnehmende Leuchtkraft der Schriftzeichen, die zum Mond aufsteigen.
2. Die zunehmende Ablenkung von Strahlen, die auf eine so große Entfernung projiziert
werden.
Die Argumente sind von Campanella anläßlich der angeblichen nächtlichen Kommunikation von Rom mit Neapel und Spanien vorgebracht worden. Ein Häretiker, der siebenundzwanzig Jahre im Gefängnis verbracht hatte, bekampfte die scholastischen Traditionen und glaubte nicht an Hexerei.
Kaspar Schott (1657) bringt in derselben Sache eine entgegengesetzte Beweisführung
vor. Es konnte sich nicht um einen konvexen, sphärischen Spiegel handeln, der die
Formen, die er reflektiert, verkleinert, so daß die Bilder und Zeichen so klein wären,
daß man sie nicht erkennen könne.
Ein französischer Mathematiker, Pater Leurechon, war weniger entschieden. In einer
Neuauflage seiner Récréations (1626)% erinnert er an den Spiegel des Pythagoras und
vergißt nicht darauf hinzuweisen, daß die Buchstaben, wenn sie auf dem Mond lesbar
sein sollen, verkehrt herum geschrieben werden müssen,
Aber Pythagoras und sein ganzes Werk stehen jetzt im Zentrum einer tausend Jahre
alten Polemik über Magie und Wissenschaft, die von Gabriel Naudé, Bibliothekar von
Richelieu, erncut aufgenommen wird.
Sind Kenntnisse, die über die gewöhnlichen Einsichten des Menschen hinausgehen
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)und von der Kirche nicht ausdrücklich anerkannt werden, verdächtig oder nicht? Im
Verlauf dieser Debatte sind besonders die Physik und die Mathematik ins Visier geraten:
»Die Mathematiker sind die Ursache für den Ruin unserer christlichen Republik...
«
ruft Masse (1579)% aus, der in einem leidenschaftlichen Werk zahlreiche antike Texte
zugunsten seiner Thesen zusammenstellt.
»Verführt und verführend, getäuscht und täuschend...« hat der Heilige Augustinus
über einen dieser Gelehrten gesagt und daran erinnert, daß die Mathematiker aus Rom
vertrieben worden sind:
Der Dämon triumphierte schließlich doch. Jacques d’Autun (1670)? stellte der Apologie
von Gabriel Naudé »für alle großen Persönlichkeiten, die falschlicherweise der Magie
beschuldigt wurden, eine (Gegen-) Apologie für die Gelehrten entgegen, die die großen
Persönlichkeiten zu Recht der Magie beschuldigt haben«: »War der Spiegel, auf den er
Zeichen mit Blut schrieb und den er durch das Rund des Mondes reflektieren ließ,
wenn er ganz voll war, nicht wirklich magische Kunst, ein Werk des Satans, der die
Augen seiner Anhänger betört, damit sie glauben, daß er einer der Genien ist, die auf
dem Mond wohnen, dem Mond, den Pythagoras wie eine Gottheit anbetete.«
»Kaiser Augustus, unter dem unser Herr geboren wurde, hat neben anderen Vorbe-
»Die gelehrte Ungläubigkeit und die ungelehrte Leichtgläubigkeit« haben das Urteil
reitungen, die cr für den Himmelskönig und sein Gesetz traf, als ob er ihm damit
dienen wollte, aus Rom und ganz Italien nicht nur die Zauberer, sondern auch die
über die großen Männer und ihre wissenschaftlichen Projekte, beidenen die Mathematik
am Anfang aller Verirrungen stand, völlig verfälscht: »Wenn die Wirkungen ihren Ur-
Mathematiker vertrieben, unter anderem auch einen großen pythagoräischen Philososachen ähnlich sein sollen, wer wird dann überrascht sein zu hören, daß die Mathematik
phen namens Anaxilas, den Fusebius in seinen Chroniken erwähnt.
bestätigt seinerseits, daß alle der Natur zuwiderlaufenden künstlichen Erfindungen
das Prinzip der Magie ist? Daß diese vor Licht strahlende Wissenschaft nur Finsternis
hervorbringt? Diese seltenen Dinge, die unsere Augen bezaubern, werden zu Schauspielen des Schreckens, und die Beobachtungen der himmlischen Sphären, die von reinen
Geistern in Bewegung gehalten werden, stürzen uns mit dem aufrührerischen Engel
auf einer vom Teufel stammenden Geometrie und Mathematik beruhen.
hinab, der sie zu seinem Thron machen wollte.«
Das Gesetz der Zahl widersetzt sich dem Gesetz Christi, und seine Adepten sind
Handlanger des Teufels. Martin del Rio,® der über den Spiegel von Pythagoras berichtet,
Naudé* bedauert diese trügerischen Verleumdungen. Immer sind es die besten Mathematiker gewesen, die der Magie verdächtigt und von ihren Feinden diffamiert worden
sind, weil sie tiefere Erkenntnisse gewonnen hatten. Unterscheidet nicht Peyera (1597),35
einer der Jesuiten, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben, zwischen zwei Arten
von Magie, der natürlichen Magie und der künstlichen Magie? Zwischen der, die ausschließlich auf der Physik beruht, deren okkulte Kräfte oft wunderbare und merkwürdige Wirkungen erzielen, und der Magie, die nach den Regeln der Mathematik, an
denen nichts Schlechtes ist, kunstvolle Dinge und Maschinen baut, die noch erstaunlichere Dinge zeigen, in denen die Natur von der Kunst überboten und beherrscht wird?
Nach Äußerungen von Cicero soll Pythagoras* alles aus Zahlen abgeleitet haben,
denen große Geheimnisse und sogar die Namen bestimmter Orte beigelegt wurden. Er
Noch in einem Werk, das ein Vierteljahrhundert nach Descartes datiert ist, liegt der
Makel des Teufels auf den exakten Wissenschaften.
Aber die Legende, die im Verlauf all dieser byzantinisch anmutenden Diskussionen
wieder auflebt, hat auch eine eigene Ausstrahlung gehabt. Seit einer gewissen Zeit ist
sie eine volkstümliche Erzählung, die vor allem die neueren Elemente, das heißt die
Belagerung von Mailand, enthält. Nachdem sie von N. Conti (1551), dem Mythenschreiber
und Zeugen der Ereignisse, erzählt und danach von einem Dämonologen (de l'Ancre,
4622) und einem Historiker (Guillebaud, 1642) wieder aufgegriffen wurde, wird die Fabel
nun, zusammen mit anderen, in einem Almanach abgedruckt (1680), in dem es für
jeden Tag des Jahres eine Geschichte gibt. Sie wird an einem zweiundzwanzigsten Juni
als praktisches Rezept vorgestellt:
benutzte sie nach seinen eigenen Behauptungen, um eine unendliche Vielzahl von
»WIE MAN OHNE MAGIE VON ABWESENDEN DINGEN ERFÄHRT: Man muß in großen
Wundern zu bewirken, und zu Unrecht ist er von Le Loyer als Magier und Zauberer
Buchstaben auf einen Spiegel schreiben und ihn zum Mond hinwenden, der sie in
behandelt worden.
einem anderen Spiegel erkennbar werden läßt, in dem man den Mond betrachtet. Als
FranzI. Krieg gegen KarlV. um das Herzogtum von Mailand führte, wußte man es auf
Es scheint, als könnten unter diesen Voraussetzungen der Spiegel, der Mond, die
Buchstaben kein Problem darstellen. Aber trotz bestimmter Widersprüche sind gerade
diese Weise schon am nächsten Abend in Paris.« Sicher haben fest verwurzelte Tradidazu gewisse Vorbehalte gemacht worden. Naude hält es einerseits für möglich, daß
tionen und die Namen der beiden großen Monarchen solche unbefangenen Interpretat-
Pythagoras anstelle von Blut den Saft der Pferdebohnen verwenden konnte, bezweifelt
ionen eines Geheimnisses ermöglicht. Aber daneben gab es auch die Welt der katoptriaber andererseits mit Campanella die Wirksamkeit des Instruments. Und was den
schen Maschinen, Kabinette und Laboratorien, in denen nichts unvorstellbar ist, durch
die die verschiedenen Fassungen beeinflußt worden sind.
Bericht von Natale Conti über Franzl und KarlV. angeht: »Seine Erzählung ist eine
reine Fabel, die von jenen zusammengedichtet wurde, dic die Waffen dieser beiden
großen Fürsten mit Magie in Zusammenhang bringen wollten, die, wie man sagt, einst
Ninus und Zoroaster, Pyrrhus und Craesius, Nektanebus und Phillip von Mazedonien
angewandt haben sollen.«
Die wirklichen Gründe für die Zerstörung eines Mythos des Pythagoras durch einen
seiner Adepten, der von der übernatürlichen Kraft seiner Mittel überzeugt war, wird
man niemals erfahren. Die Scheu eines modernen Mathematikers? Der kompromißlose
Gegenangriff auf die jesuitische Dämonologie?
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DSPIEGE |