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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Erschienen in: H. G. Kippenberg und G. Stroumsa (Hrsgg.), Secrecy and Concealment.
Studies in the History of Mediterranean and Near Eastern Religions, Leiden: Brill 1995,
1. Der geheime Reiz des Verborgenen:
Antike Mysterienkulte
Allgemeines
Verheimlichung und Geheimhaltung ist eine Frucht der Intelligenz. Um von einem
vormenschlichen Modell auszugehen: Längst hat man an Schimpansen beobachtet,
wie einer, der weiB, wo eine Banane versteckt ist, scheinbar uninteressiert mit
ausgesprochenem ‘pokerface’ abwartet — nicht ohne verstohlene Blicke dann und
wann auf die entscheidende Stelle zu werfen - , bis die anderen weg sind und ungestôrter GenuB môglich wird; freilich gibt es dann auch bereits den noch
schlaueren, der, selbst versteckt, den anderen beobachtet, um ihm im entscheidenden Augenblick dann doch die Banane abzunehmen.' Wenn man verallgemeinern darf: Es geht bei Geheimhaltung vordringlich um die ausschlieBliche
Nutzung von Ressourcen, sie erlaubt insbesondere dem klugen Unterlegenen, sich
gegenüber Stärkeren und/oder Ranghöheren Vorteile zu sichern. Im Hintergrund
stehen noch viel ältere Erfindungen der Evolution, die den Chancen der Wahrnehmung immer wieder die Täuschung gegenüberstellt: Der Schwächere muß sich
verstecken, muß sich durch Mimikry der Umgebung anpassen, um zu überleben,
aber auch der Räuber, der Angreifer tut gut daran, sich zu verstecken, anzuschleichen, zu lauern. Die Wirklichkeit des Lebens ist nicht einschichtig, platt und
offenbar.
Beim Menschen ist die Sprache dazugekommen, dazu eine fortgeschrittene
Fähigkeit zur Einfühlung, zum Sich- Versetzen in eine andere Person. Zudem gehen
Intelligenz und Neugier sowieso zusammen. Damit wird erst recht das Verstecken,
Suchen und Finden zu einem Lieblingsspiel der intelligenten Wesen. Vieles wurde
vermutlich seit der Frühzeit besonders in der Praxis der Jagd eingeübt,? das Sich-
'
V. Sommer, Lob der Lüge. Täuschung und Selbstbetrug bei Tier und Mensch, München
1992. Vgl. allgemein S. Bok, Secrets. On the Ethics of Concealment and Revelation, Oxford
Vel. C J. Classen, Untersuchungen zu Platons Jagdbildern, Berlin 1960.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Verbergen, Lauern und Irreführen; von der Jagd ist entsprechendes
schaften’ in verschiedensten Kulturen ist viel besprochen worden.
längst in den Krieg übergegangen, bis zu den Partisanen- und
Offenbar handelt es sich um anthropologische Universalia, die aus
Terroristenkriegen der Gegenwart. Aber auch im Zivilleben ist Verder real bestehenden Intelligenz und Sprachfähigkeit des Menschen
stecken und Irrefiihren den Mitmenschen gegeniiber eine ‘fine art’
unmittelbar erwachsen.
der Raffinierten, ein hochentwickelter Agon.
Eben darum geht von jedem Geheimnis der unwiderstehliche Drang
Scheinbar selbständig, aber genetisch fixiert und damit erst recht
anthropologisch universell existiert eine besondere Form der Geheimaus, ‘dahinterzukommen’. Es besteht der universelle Verdacht: Wenn
haltung, die die intimste Form der Kommunikation betrifft: Die
einer etwas versteckt, dann muß er etwas zu verstecken haben.
Verheimlichung der Sexualität, biologisch fundiert in der Unsicht-
Cherchez la banane. Nicht weniger allgegenwärtig ist die Angst, daß,
barkeit der weiblichen Empfängnisbereitschaft. Hier ist der Kontrast
wer sich versteckt, ein potentieller Angreifer ist; nur wer selbst ‘dazu den so nah verwandten Schimpansen besonders auffällig. Die
hinter kommt’, hat die Lage im Griff. Zudem wird Ausgeschlossenbiologische Funktion, die hinter der genetischen Fixierung steht, läßt
sein allgemein als schwer erträglich empfunden, rührt Urängste auf.
sich kaum anders als ‘exklusive Paarbindung durch Geheimnis’ um-
So sind denn die Geheimnisträger umgeben von einem Fluidum aus
schreiben. Davon ausgehend haben verschiedene Kulturen verschie-
Achtung, Neid und Verdacht, und sie empfinden selbst im stillen
dene Grade und Formen der sexuellen Tabuisierung entwickelt. Regeln
durchaus die Macht, die ihnen aus der Geheimhaltung zuwächst.
zur Geheimhaltung eines durch Scham geschützten Intimbereichs
Angeblich gibt es freilich auch die fürsorgliche Verheimlichung, von
bestehen in praktisch allen menschlichen Gesellschaften.” Dem Geder Abschirmung der Kinder gegenüber der Sexualität bis zur Verheimnis entspricht der Reiz der Neugier, der Tabubruch bleibt
heimlichung der Krebsdiagnose. Inwieweit es das Glück des Nichtmöglich, er wird in der Phantasie vielleicht sogar ersehnt, aber er
Wissens, die lebensnotwendige Illusion gibt oder auch hier raffinierte
findet überwältigende gesellschaftliche Opposition. Dies ist der ex-
Machtspiele im Gange sind, sei hier nicht erörtert.’
emplarische Fall eines ‘Geheimnisses’. über das im Grunde jeder
Mit der Sprache ist jedenfalls Wissen gesetzt als potentiell Mit-
Bescheid weiß; umso rigoroser wird es aufrecht erhalten. Dabei strukteilbares, gemeinsam Verfügbares, die Chance einer gemeinsamen,
turiert sich die Geheimhaltung in zwei Dimensionen: Es gibt das
sprachlich gestalteten geistigen Welt. Und doch ist die Kommunika-
Geheimnis des sexuell verbundenen Paares, und es gibt das gemeintion nie total: Wissen bleibt individuell gespeichert und ist von ausame Geheimnis der Frauen, das insbesondere in der Menstruation
Ben nicht unmittelbar zugänglich; von vornherein trägt jede Person
und in der Geburt sein Zentrum hat. Antwort auf das Geheimnis
ihr individuelles Wissen den anderen gegenüber als Verborgenes; totale
der Frauen sind offenbar nicht selten die Geheimbünde der Männer.
Preisgabe ist nicht möglich und allermeistens auch nicht wünschenswert. Indem die sprachlich-geistigen Welten von Individuen sich immer
nur partiell überlagern, wachsen allerseits ‘Geheimnisse’ heran, um
Mysterien: Initiation—Geheimnis und Öffentlichkeit
die zu ringen ist: Der eine hält zurück, was er sagen könnte, der
Religiöse Veranstaltungen haben sich wohl seit je gern mit dem
andere vermutet umso mehr, dass ‘mehr dahinter’ sei. Es entstehen,
Schleier des Geheimnisses geschmückt. Seit der frühen Bronzezeit
im Wissen und mehr noch in der Vermutung, jene Geheimkammern,
gibt es auf Cypern, dann auch auf Kreta Tonmodelle von Heiligtüdie die wahren Schätze bergen. Es bleibt möglich, darüber zu kommern, die im geschlossenen Raum Menschen bei zeremoniellen Vermunizieren, doch ist die Kommunikation begrenzt und künstlich
richtungen darstellen—und immer wieder ist außerhalb, am eigens
begrenzbar. So bilden sich Gruppen, die eben durch das ‘Wissen’
um thr ‘Geheimnis’ verbunden sind. Die Rolle von ‘geheimen Gesell* Wegweisend war seinerzeit H. Webster, Primitive Secret Societies, New York
1908, 19322.—Im klassischen Griechenland gibt es jene ‘Hetàrien’ und “Verschwó-
? Vgl. CJ. Classen, Untersuchungen zu Platons Jagdbildern, Berlin 1960.
* Ein akkadischer Text spricht davon, daß es verboten sei, Sklaven lesen zu lehren, P.A. Beaulieu, Zeitschrift für Assyriologie 82 (1992) 98-111.
rungen’, als deren Ziel Platon ‘sich verbergen’ nennt (Resp. 365d).
° Hierzu H.P. Duerr, der Mythos vom Zivilisationsproze8 1: Nacktheit und Scham,
Frankfurt 1988?; II: Intimität, Frankfurt 1990.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)angebrachten Fenster, die Figur eines Spähers angebracht, der, indie epigraphischen, ikonographischen und literarischen Zeugnisse insgedem er draußen bleibt, einen Blick ins Innere zu tun versucht: Die
samt machen die Mysteria über gut 1000 Jahr hin zum bestbezeugten
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Figur des neugierigen Ausgeschlossenen zeigt die ‘Esoterik des Religriechischen Kult úberhaupt.'? Seit dem 6./5.Jh.v.Chr. ist aber auch
giósen an.‘
in anderen Kulten von mystat und mysteria die Rede; zu nennen sind
Auch in der griechischen Religion gibt es Geheimes in vielerlei
vor allem die ‘Bakchischen’ Weihen, die ‘Mysterien’ des Dionysos
Gestalten: Den unbetretbaren Ort (abaton), den unbetretbaren Raum
einerseits, das Heiligtum der ‘Großen Gétter’ von Samothrake ande-
(adyton), das unsichtbare Götterbild, die verdeckte Opferstätte bzw.
rerseits; auch sie sind in etwa über die gleichen Zeiträume hin zu
das unmarkierte Grab, und die geheime Zeremonie.” Ausgezeichnet
verfolgen.'!
durch Geheimhaltung sind aber jene Kulte, die Mystena heissen. Bei
Die Initiation führt zu einem privilegierten ‘Wissen’ (eidena:), einem
ihnen tritt die Geheimhaltung so sehr in den Vordergrund, daß das
‘wahren’ und ‘genauen’ Wissen, wie behauptet wird;'? streng geregelt
Wort mysterion in seiner weiteren Entwicklung in alle abendländischen
ist demnach, was man jeweils ‘sehen und hören’ kann, ‘sagen’ oder
Kulturen hinein eben dieses Merkmal entwickelt und festgehalten hat:
eben nicht sagen darf. ‘Ein Ochse steht auf der Zunge’, mit diesem
Mysterium, mystère, mystery heißt schlechtweg ‘Geheimnis’, besondrastischen, vielleicht rituellen Bild wird die Schweigepflicht in Eleusis
ders insofern es fasziniert und nach Auflösung verlangt; selbst engbezeichnet.!? Zwei ähnliche Wörter treten dabei immer wieder auf,
lische Kriminalromane sind darum mysieries. In der Grundbedeutung
um das Mysteriengeheimnis zu kennzeichnen, arrheton ‘unsagbar’ und
des Wortstammes war dies nicht vorgegeben; wir haben keine befrieaporrheton ‘versagt, verboten‘. So sehr es reizt, den Unterschied auszudigende Etymologie des Wortes’, doch deutlich ist, daß Mysteria zuloten, in den klassischen Zeugnissen zu Eleusis zumindest werden
nächst die Bezeichnung eines Festes ist, im Typ einer bereits bronbeide Wörter praktisch als beliebig austauschbar verwendet.'*
zezeitlich bezeugten Wortbildung; dazu gehört das Wort mystes, der
Das ‘Geheimnis’ hat vielerlei Aspekte. ‘Unsagbar/verboten’ ist die
‘Myste’, das auch sehr alt sein kann. Wie die lateinische Uebersetzung
Feier als ganzes; aber auch die Gottheit, um die es geht, kann ‘uninitia andeutet, geht es bei solchen Festen um ‘Initiationen’, um persagbar’ heißen, so gut man sonst den Namen kennt und nennt.
sönliche, nach bestimmten Vorbereitungen in besonderer Weise durch-
Schließlich hat man in Eleusis selbst den Namen des Hierophanten
geführte Zeremonien, die einen neuen Status im religiösen Bereich
tabuisiert: Er war hieronymos, durfte nicht mit Namen genannt werbegründen, eben den des Mysten. Geheimhaltung ist mit der Initiation
den—ein öffentlicheres Geheimnis ist kaum vorstellbar. In Samothrake
nun allerdings in der Weise verbunden, daß eines das andere bebleiben die Namen der “Großen Götter’ geheim; man stritt darüber,
dingt: Es wird verhüllt, damit man enthüllen kann; das strenge Verob es ‘die Kabiren’ seien.'” Dort und anderwärts gibt es einen hieros
bot sichert die Einzigartigkeit des Zugangs.
Mit dem Fest Mystena sind wir, zumindest was die historische Epoche
betrifft, in Athen, bei jenem Herbstfest der ‘zwei Gôttinnen', das in
Eleusis stattfindet. Das Heiligtum ist archäologisch wohl erforscht,
‘© Verwiesen sei auf L. Deubner, Attische Feste, Berlin 1932, 69-92; G.E. Mylonas,
Eleusis and the Eleusinian Mysteries, Princeton 1961; W. Burkert, Homo Necans,
Berlin 1972, 274-327 (im folgenden: Burkert 1972): K. Clinton, The Sacred Officials
of the Eleusinian Mysteries, Philadelphia 1974; ders., Myth and Cult. The Iconography
of the Eleusinian Mysteries, Stockholm 1992.
© R. Hagg—N. Marinatos, The Giamalaki Model from Archanes, in D. Musti
'! Burkert 1990,
12 f. Unsere Kenntnis der bakchischen Mysterien ist in den
etc., ed.. La Transizione dal Miceneo all’Alto Arcaismo. Dal palazzo alla città, Roma
letzten 20 Jahren durch Neufunde entscheidend erweitert worden; vgl. unten Anm.
1991,301-308, hier 307.—Sumerisch-akkadische magische Rituale sprechen vom
‘Geheimnis’ (nisirtu), das nur der Wissende dem Wissenden zeigen wird. Bei Aegypten
gilt: “Spells are made worthless through being repeated by people”, M. Lichtheim,
35: 63.
1 Dion or. 36,33.
' Soph. OK 1052. Der Text eines Eides, mit dem der Myste (der Isis?) zum
Ancient Egyptian Literature I, Berkeley 1973, 155.
Schweigen verpflichtet wird, ist aus Aegypten erhalten, Burkert 1990, 52. Vgl. Firm.
? Vgl. Bremmer in diesem Band.
* Wichtig war dabei der Gebrauch im NT, insbesondere bei der Auflösung des
Gleichnisses Marc. 4,11; Mt. 13,11; Luc. 8,10. Vgl. Stroumsa in diesem Band.
? Die beliebte Ableitung von muein ‘die Augen schliessen’—die das -s- des Stammath.7,1,1
mes unerklärt läßt—hat nur den Wert einer Volksetymologie. Vgl. W. Burkert, Antike
Mysterien, München 1990, 15 f. (im folgenden: Burkert 1990).
Orpheus... nihil aliud ab his quos initiabat in primo vestibulo nisi
iurisiurandi necessitatem cum terribili auctoritate religionis exegit, ne profanis auribus
inventae ac conpositae religiones proderentur.
'* Burkert 1990, 16.
5 Vel. W. Burkert, Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche, Stuttgart 1977 (im folgenden: Burkert 1977) 422-426: ders., Concordia Discors:
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)logos, einen ‘Bericht’ (logos), den man. als ‘heilig’, nicht weitersagen
senen Räumen. Für bakchische Mysterien errichtet man wenigstens
kann; dies scheint vorzugsweise auf bestimmte Mythen oder gewisse
ad hoc ‘Buden’ oder ‘Zelte’, skenai.”” Das eleusinische Heiligtum hat
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Details mythischer Erzählung zu zielen.'® Als hieros logos geben sich
im Zentrum eine groBe geschlossene Halle, die im Innern ein kleines
Gedichte des Orpheus; der Anfangsvers war: ‘Singen werde ich fir
Gebäude enthält, das nur der Hierophant betritt; das ganze Heiligdie, die es verstehen; macht die Türen von aussen zu, ihr Ungeweihtum seinerseits ist von einer Mauer mit einem einzigen Eingang
ten.” Der äußere Apparat der ‘Esoterik’ und die geistige Auszeichumgeben. Pausanias weigerte sich mit Berufung auf einen Traum,
nung des ‘Verstehenden’ treffen sich,
das Innere des Heiligtums zu beschreiben.? Auch im Heiligtum von
Geheim aber sind auch Zeremonien und Gerätschaften. Ikonographisches Emblem der Mysterien, eleusinisch und bakchisch, seit
Samothrake ist der Zugang erschwert und kontrolliert.
dem 5.Jh. nachweisbar, ist der geschlossene Deckelkorb, die cista mystica;
cher Weise äußerst paradox: Es läßt sich kein doktrinaler Inhalt des
man kann sie öffnen, etwas herausnehmen, zurücklegen; verbergen,
zeigen, wieder verbergen. Spätere hellenistische Ikonographie läßt eine
‘Geheimnisses’ angeben oder auch nur vermuten, es läßt sich keine
Gruppe definieren, die durch die Geheimhaltung konstituiert ist und
von ihr profitiert, und doch wird die Geheimhaltung staatlich überwacht, ja bis zur Todesstrafe durchgesetzt, während zugleich der
Schlange, das Schrecktier, unter dem angehobenen Deckel sich herausrecken. Es gibt Wohltaten der Demeter für Eleusis, die ‘nur Ein-
Dabei erscheint gerade die eleusinische Geheimhaltung in mehrfageweihte hören dürfen','® sie kann ein Glück schenken, ‘das Ihr
Ungeweihten nie erfahren werdet'.!* So bleibt gerade der ‘Nutzen’
der Weihen geheim, auch bei Dionysos.” Nur die Geweihten eben
Zugang zum ‘Geheimnis’ aufs äußerste ausgeweitet ist. Die eleusinisind “die Wissenden’.?'
Frauen, Freie und Sklaven, Athener und Ausländer, sofern sie grieschen Mysterien sind öffentlich in einer Art, die gerade die üblichen
Schranken der Gesellschaft negiert: Zugelassen sind Männer und
Eine sehr besondere Art des geheimen Wissens erscheint in Samochisch sprechen; geweiht werden grundsätzlich Erwachsene, bei jethrake: Der Priester fragt den Initianden, ‘was das ärgste Verbredem Fest aber zusätzlich mindestens ein ausgewählter ‘Knabe’. Auschen sei, das er in seinem Leben begangen habe.’ Dies ist nicht, wie
geschlossen sind diejenigen, die ‘unreine Hände haben und eine
man meinte, eine frühe Form des ‘Siindenbekenntnisses’,22 sondern
unverständliche Sprache sprechen’.”’ Ausdrücklich reflektiert hat man
die Herstellung einer Komplizenschaft durch gemeinsames, doch auf
über die Zulassung der Nicht-Athener, man hat sie im Mythos verjeden Fall geheim zu haltendes Wissen. Dies bleibt vereinzelt; davon
ankert: Herakles der Thebaner, oder die Dioskuren aus Sparta, oder
berichtet wird nur, weil ein Spartaner das ‘Bekenntnis’ verweigerte.”
eben sie alle seien schon in der Urzeit eleusinische Mysten gewor-
Die Esoterik aller Mysterien akzentuiert sich in Raum und Zeit:
die Riten finden im nächtlichen Dunkel statt.* in sorgfältig abgeschlosden. Auch die Mysterien von Samothrake stehen allen offen; bakchische Mysterien breiten sich durch wandernde Priester über die
ganze griechische und bis in die etruskisch-römische Welt aus.
The literary and the archaeological evidence on the sanctuary of Samothrace, in
N. Marinatos, R. Hägg, ed., Greek Sanctuaries, London 1993, 178-191: S.G. Cole,
Theoi Megaloi: The Cult of the Great Gods at Samothrace, Leiden 1984.
‘6 Die maßgebenden Belege stammen zunächst von Herodot, Burkert 1990,59
m.Anm. 14.—Im Gilgamesh-Epos wird die Sintflutgeschichte als Geheimnis’ (nisirtu)
eingeführt.
” Orphicorum Fragmenta 334, für die altorphische Theogonie bezeugt im DerveniPapyrus, Kol.7 (früher 3). vgl. M. West, The Orphic Poems, Oxford 1983, 82-84.
8 Isokr. Paneg. 28.
12 Theokr. 3,51. über Demeter und lasion.
In historischer Zeit war das Eleusinische Fest ein Massenereignis.
Die Aufsicht hat einer der athenischen Archonten, der ‘König’, der
also auf jeden Fall geweiht sein mußte; bei Gerichtsverhandlungen,
die die Mysterien betrafen, hatten die Nicht-Geweihten den Saal zu
verlassen—es blieben offenbar immer genügend Männer übrig, das
Verfahren durchzuführen. Auffiel, wer sich nicht weihen lieB.2% Das
* Eur. Bacch. 473-475: vgl. Lampon über Mysterien der Soteira bei Arist.
rhet.1419a4.
?' Eur. Rhes. 973, Andoc. 1,30.
# Vgl. Burkert 1993 (o.Anm. 15) 184 £.
# Plut. Lac.apophth. 217cd; 229d; 236 d.
# Beim so verdächtigen ‘nächtlichen Dunkel’ setzt besonders die Kritik der Juden und Christen an, Philon spec. 1,319 ff., Clem. Protr. 22,6 f. u.a.m.
2 Mysterienraum für Ida-Mysterien: Eur. Fr. 472.
25 Paus. 1,38,7.
2 ‘Prorrhesis’ des Hierophanten, Isokrates 4,157; Burkert 1977, 428.
2 Luk. Demon. 11 über den Philosophen Demonax.
Pagina 5
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sogenannte Telesterion, der Bau der klassischen Zeit in Eleusis, desauf die Seite des Königs Philipp...”, und indem gegen den Makesen in den Fels gehauene Stufen wohl erhalten sind, faBte etwa 3000
donen dann Attalos von Pergamon den Athenern zur Seite trat, war
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Menschen. Sie versammeln sich am vorbestimmten Tag in aller
man mitten im großen Krieg, den schließlich die Römer entschie-
Oeffentlichkeit in Athen, ziehen gemeinsam zum Meer, dann im
den. Zu konstatieren ist eine wahrhaft verheerende Anwendung von
großen Zug nach Eleusis zum ‘geheimen’ nächtlichen Fest. Auch die
sakralem Recht wider alle dipomatische Vernunft; außerhalb Athens
in bakchische Mysterien Eingeweihten zeigen sich im öffentlichen Umwar man nicht—nicht mehr?—bereit, derartiges akzeptieren, man
zug durch die Stadt. Die Mysten von Samothrake halten Kontakt an
sprach von einem ‘schandlichen’ Akt ( foedum Liv.). Er hat sich offenbar
ihrem Heimatort und errichten gemeinsame Monumente. Wenn das
nicht wiederholt. Der Gnostiker, den Hippolytos zitiert, gibt m.E.
Geheimnis, um attraktiv zu bleiben, des Hinweises bedarf, so wird
durchaus Geheimnisse von Eleusis und Samothrake preis;* von eidieses Bedürfnis durch die Mysterienpropaganda mehr als befriedigt.
ner Reaktion der Heiligtümer ist nichts bekannt. Samothrake freilich
Athen fordert in den sogenannten Aparche-Dekreten die ganze Welt
konnte nie eine Athen vergleichbare Macht entfalten, und erst recht
auf, Dankesgaben nach Eleusis zu spenden.”
Hand in Hand damit geht die angestrengte Geheimhaltung, die in
blieben die bakchischen Mysterien ohne den Schutz einer Polis; ihr
Geheimnis war nicht mit Gewalt zu schützen.
Athen wiederholt die Gerichte beschäftigt hat: Der Dichter Aischylos
Trotzdem pflegten auch die privaten bakchischen Mysterien ihre
war betroffen, der Atheist Diagoras von Melos, der Stratege Alkibiades;
Geheimnisse offenbar nicht ohne Erfolg. Die eindrucksvollen Jenseitsin diesem Fall kam es zu vielen Todesurteilen, und nicht wenige
texte auf Goldblättchen, die immer zahlreicher durch Neufunde aus
Männer aus den ersten Familien wurden tatsächlich hingerichtet.*!
Gräbern bekannt werden, waren uns von der normalen griechischen
Am ärgsten war, was sich erst um 200 v.Chr. ereignete:?? “Zwei junge
Literatur her fast zur Gänze unbekannt; ganz wenige Anspielungen
Akarnanen betraten an den Tagen der Mysterien, ohne eingeweiht
sind zu finden.** Die Texte enthalten freilich auch Rátselworte, die
zu sein, den Tempel der Demeter, unvorsichtig in Bezug auf das
zu entschlüsseln bislang nicht gelungen ist: ‘Béckchen fiel ich in die
religiöse Tabu, zusammen mit der übrigen Menge. Leicht verriet sie
Milch’, ‘Stier sprang ich in die Milch’.® Wie ‘vorsichtig’ man von
ihr Reden, als sie einige absurde Fragen stellten: sie wurden abgestaatlicher Seite mit Privatreligion verfahren konnte, zeigt von der
führt zu den Priestern des Tempels; obgleich es klar und offen war,
anderen Seite der Erlaß des Königs Ptolemaios IV Philopator von
daß sie irrtümlich das Heiligtum betreten hatten, wurden sie, als ob
Aegypten: Er verlangt, daß die Mysterienpriester des Dionysos sich
es sich um einen unsäglichen Frevel handle, hingerichtet. Diese schändin Alexandrien registrieren lassen und ein Exemplar ihres Hieros Logos
liche und feindselige Handlung brachte den Stamm der Akarnanen
deponieren, ‘in einem versiegelten Exemplar’. Der König respektiert das Geheimnis, freilich nur in vorläufiger Form, so daß der Zugriff
® IG E 78, I/II? 140, Isokr. 4,31, Aristeid. or. 1.37 etc.; Graf a.O. 159. Die
jederzeit offen bleibt, falls sich Verdachtsmomente ergeben. Die ärggroßen Getreidespeicher, die in Eleusis noch nachweisbar sind, zeigen, daß zuminste Eskalation eines solchen Verdachts zeigt sich wenig später im
dest im Einflußbereich von Athen der Aufruf Wirkungen zeitigte.
Vorgehen des römischen Senats gegen die Bacchanalia im Jahre 186
% Vgl. Bremmer in diesem Band; unten bei Anm. 59/60.
*' Hauptquelle ist, neben Thukydides, Andokides’ Rede ‘Ueber die Mysterien’,
eine bestens informierte, aber gewiß nicht objektive Darstellung, war doch Andokides
einer der Hauptbelastungszeugen im Prozeß gewesen. Alkibiades wurde von den
Eleusinischen Priesterinnen in feierlichster Form verflucht, was jedoch, nach Aenderung
der politisch-militärischen Lage, zurückgenommen werden konnte, und 408 hat
Alkibiades in aller Form die Mysterienfeier angeführt, Plut. Alk. 33/34.—Rätselhaft
ist die Aussage des Andokides, der Eleusinische Daduchos—der zweithöchste Prie-
33 Vgl. Burkert 1972, 277 £
# ‘mystischer Weg zu Rhadamanthys’ bei Poseidippos, Supplementum Hellenisticum 705,22, in Uebereinstimmung mit dem Text von Hipponion.
* Die erstgenannte Formel ist seit langem bekannt, vgl. G. Zuntz, Perscphone,
Oxford 1971, 323-327; die zweite wurde erst 1987 bekannt, K. Tsantsanoglou, G.M.
ster des Heiligtums—Kallias behaupte, er, Andokides, habe einen ‘Flehzweig’ auf
Parassoglou, Two gold Lamellae [rom Thessaly, Hellenika 38, 3-17; F. Graf, Textes
einem Altar in Eleusis niedergelegt, und darum müsse er nach altem Brauche sterben—ein unverständliches Tabu mit einer noch erstaunlicheren Sanktion. In Jeruorphiques et rituel bacchique. A propos des lamelles de Pelinna, in Ph. Borgeaud,
ed., Orphisme et Orphée. Genf 1991, 87-102.
salem ist der Zugang zum inneren Heiligtum bei Todesstrafe verboten, OGI 598.
* Liv. 31,14,6, nach Polybios; J. Briscoe,
XXXII, Oxford 1973, 95 f.
A Commentary on Livy, Books XXXI-
* G. Zuntz, Once more the so-called ‘Edict of Philopator on the Dionysiac
Mysteries, Hermes 91, 1963, 228-239 = Opucscula Selecta, Manchester 1972, 88101; Burkert 1990, 37.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)v.Chr.: Man unterstellt dem Geheimnis ebenso unsittlichste Sexualeigentlichen Platonismus, über Plotin und Proklos hinaus. Die Ueberpraktiken wie eine “Verschwórung' gegen den Bestand des römischen
schreitung der Grenze in erlebnishafter Erleuchtung kann dann im-
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Staats und schreitet zur Massenexekution.”
mer als Mysterienschau beschrieben werden.” Daß gelegentlich nur
ein Schritt ist von der unauslotbaren Tiefe zur Hochstapelei, läßt
Mysterenphilosophie
sich anmerken.
Wirklichkeitsnäher findet hellenistische Philosophie das als notwendig
In mehrfacher Weise hat antike Philosophie seit Platon das Mysteriengesetzte Geheimnis in den ‘Mysterien der Natur’ gegeben.” Angegeheimnis als paradigmatisch genommen, um iiber notwendigerweise
spielt wird in diesem Zusammenhang immer auf den Satz des Heraklit, dass ‘die Natur es liebt, sich zu verbergen’. Diese ‘Mysterien’
Geheimes und aus hôchstem Zweck gerechtfertigte Geheimhaltung
nachzudenken. Auf die tatsächlich praktizierten Mysterien läßt sich
lassen sich für ausgezeichnete Denker teilweise enthüllen, erheischen
dies jedoch nicht zuriickprojizieren.TM
aber auf jeden Fall Ehrfurcht. So rühmt Seneca die Philosophie, die
Wenn das Geheime 'unsagbar” heißt, arrheton, so bietet sich dieser
Begriff an, die Grenzen des Denkens zum Göttlichen hin zu kennzeichnen. Für Platon ist das höchste Prinzip, die Idee des Guten
‘jenseits des Seins’ und damit auch des Erkennens; so ist denn, nach
einem vielzitierten Satz des “Timaios’,, der “Schöpfer und Vater des
“die Kenntnis von der Natur des Alls und von der eigenen Natur
vermittelt”: sie zeigt, was Götter sind, was die Seele: “Dies sind ihre
Mysterienweihen, durch die nicht ein Stadt-Heiligtum, sondern der
gewaltige Tempel aller Götter, der Kosmos selbst, erschlossen wird”.
Eröffnet also wird, was von Natur verborgen ist, wie auch die eleusiniplatonischen Brief steht, die höchste Einsicht der Philosophie sei
sche Weihehalle eben dazu da ist, daß das Geheime zur rechten Zeit
nach rechter Vorbereitung ‘gezeigt’ wird. In seinen Quaestiones naturales,
“keineswegs sagbar so wie andere Lerngegenstánde” (341c). Hier also
in denen es ums Detail geht, zeigt sich Seneca freilich weniger op-
Alls zu finden schwierig, ihn allen mitzuteilen unmöglich”.”” Im Siebten
wird nicht künstlich verhüllt oder zurückgehalten, sondern auf ein
timistisch. Zwar bemerkt er mit Freude, daß er den ‘Geheimnissen
Etwas verwiesen, das notwendigerweise und seinem Wesen nach nicht
der Natur’ näher kommt: “Dann danke ıch der Natur, wenn ich sie
enthüllbar, nicht mit Worten ausdrückbar ist. Das Unsagbare läßt
nicht von der Seite aus sehe, die öffentlich ist, sondern wenn ich in
sich nur andeuten als das individuelle Erlebnis einer Erleuchtung,
ihre geheimeren Bereiche eingetreten bin”. Doch im einzelnen trewenn der Funke vom einen auf den anderen überspringt (344b). Weiter
ten dann so viele Probleme auf, daß an Stelle des Stolzes des Adepten
geht der—sicher unechte— zweite platonische Brief: “Im Garten, unter
vielmehr Demut am Platze ist. Wir sollten die Augen niederschlagen
den Lorbeerbúschen, da sagtest Du, Du habest es erfaßt” (313a)—
ein Erlebnis gleichgestimmter Seelen, worüber man nur in Rätseln
und uns neigen, wie wenn wir einen Tempel betreten. “Es gibt gewisse Weihen, die nicht auf einmal übergeben werden. Eleusis bekommunizieren kann und darf: “Lies diesen Brief viele Male, und
wahrt sich etwas auf, das es denen zeigt, die wiederkommen. Die
verbrenne ihn” (314c). Im späteren Platonismus war dieser Text ein
Natur erteilt ihre Weihen nicht auf einmal. Wir glauben, eingeweiht
vielbeachteter Kronzeuge für Geheimphilosophie. Allgemein erwies
zu sein—wir stecken noch in ihrem Vorhof. Jene Geheimnisse stesich das Sprechen über Göttliches als das ‘unsagbare’ Geheimnis als
hen nicht unterschiedslos und nicht für alle offen. Sie sind zurückgeaußerordentlich wırksam, auch rhetorisch wirksam, weit über den
zogen und im Inneren des Heiligtums eingeschlossen; eines davon
# Burkert 1990, 38 m.Anm. 11; J.M. Pailler, Bacchanalia. La répression de 186
av. J.C. à Rome et en Italie, Paris 1988.
# Vgl. Chr. Riedweg, Mysterienterminologie bei Platon, Philon und Klemens von
Hermes Trismegiste III: Le dieu inconnu et la gnose, Paris 1954: Lamberton in
4 Grundtext dafür ist Plat. Phdr. 250 bc. Vgl. AJ. Festugiere, La révélauon d’
Alexandrien, Berlin 1987.
% Plat. Resp. 509b; Tim. 28c; mit aporrheton spielt Platon auch Leg. 968e. Verwiesen sei auf P. Friedlander, Platon I, Berlin 1964*, Kapitel III: Arrheton, 63-89;
R. Ferber, Die Unwissenheit des Philosophen oder Warum hat Platon die “ungeschriebene Lehre” nicht geschneben, Sankt Augustin 1991.
diesem Band.
* Der Ausdruck auch bei Galen, De usu partium III 576 Kuehn.
1? Heraklit B 123 = Fr. 8 Marcovich. Das primäre Verständnis des Satzes ergibt
sich m.E., wenn man physis konkret als “Wuchs” der Pflanze nimmt: Das Wachsen
der Pflanzen liebt es, verborgen zu werden, wer neugierig nachgräbt, zerstört den
Keimling.
* ep. 90,28 = Poseidonios Fr. 448 Theiler.
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)wird diese Generation, anderes eine spatere, die nach uns kommt,
zu Gesicht bekommen.”*
ANTIKE MYSTERIENKULTE
9]
Das unauffindbare Geheimnis
Den real existierenden Mysterienkulten gegenüber läßt uns all dies
Parallel zur inhaltlichen Bestimmung philosophischer ‘Mysterien’
um Gott und Natur gibt es den Entwurf philosophischer Esoterik als
Hierarchie des gestuften, durch Geheimhaltung geschützten Wissens.
Man schreibt dies den Pythagoreeren zu, auch den ägyptischen Priephilosophischer Spekulation zeigen, was ‘Mysterien’ sein könnten, was
stern; der Weg der Initiation, der fortschreitenden Weihen wird wiederum mit Mysterienmetaphern bezeichnet.‘ Es gibt Ansätze schon
verrätselte "Theologie.
im frühen Platonismus, Wucherungen aller Art im anfänglichen,
gnostischen Christentum,“ prinzipielle Verfestigung im Neuplatonismus. Reflektiert wird auch über die Möglichkeiten der Rätselsprache,
eines höheren und niederen Sinns sprachlicher Mitteilung, sodaß die
Ungeweihten hören, ohne zu verstehen.” In diesem Sinn werden dann
auch die alten Mythen gerechtferügt. Die wahre Einsicht ist einer
Elite vorbehalten; dies ist legitim, ja ‘natürlich’, da doch eben ‘die
Natur sich zu verbergen liebt‘. So Macrobius nach Porphyrios:* “Nicht
vergeblich und nicht um zu gefallen wenden sich die Philosophen
dem Mythischen zu, sondern weil sie wissen, daß der Natur die offene. nackte Darstellung ihrer selbst zuwider ist: wie diese den gewöhneinigermaßen ratlos, oder vielmehr: Die metaphorischen Weiterungen
die faßbaren klassischen Kulte aber gerade nicht sind: Kein Herrschaftswissen einer Elite, keine Naturphilosophie, keine allegorisch
Für den Realisten mag dies als das eigentliche Paradoxon erscheinen: Wer eigentlich profitiert von Eleusis? Es ist gar nicht zu sehen,
wo die Banane steckt. Diese Mysterien begründen keine geheime
Gesellschaft, keine Gemeinschaft, die auf Grund ihres gemeinsamen
Geheimnisses besondere Beziehungen pflegt. Wir erfahren nichts darüber, wie die ‘Wissenden’ miteinander kommunizieren oder gemeinsame Aktivitäten pflegen. Verantwortlich ist nicht eine Mystengemeinde, sondern die Polis Athen. Gewiß profitieren die beiden Familien,
die traditionellerweise das Heiligtum unter sich haben, die Eumolpiden
und Keryken—aber entsprechende ‘Nutzung’ von Heiligtümern gibt
es in vielerlei Kulten auch ohne Mysteriencharakter; Athen insgesamt
lichen Sinnen der Menschen ihre Erkenntnis durch mannigfache
profitiert vom Ruhm des Heiligtums, im Interesse der Fremden-
Bedeckung und Verhüllung mit materiellen Gegenständen entzogen
industrie sozusagen, und daß Kaiser sich weihen ließen, gab zusätzhat, so wollte sie auch, daß ihre Geheimnisse von klugen Menschen
durch Mythisches behandelt werden: So werden die Mysterien selbst
in Schächten von Figuren verdeckt, damit nicht einmal denen, die
lichen Auftrieb. Aber dies war doch eher ein erfreulicher Sekundareffekt.
Anders scheint es mit den Mithrasmysterien zu stehen, die man
mit Freimaurerlogen vergleichen kann, anders auch schon mit Sadarin fortgeschritten sind, die Natur dieser Dinge sich nackt darbietet, sondern, während nur die höchstrangigen Männer dank der
mothrake, wo sich fern der Insel ‘gottesfiirchtige Mysten’ zusammen-
Deutung durch die Weisheit des wahren Geheimnisses sich bewußt
finden und Stiftungsurkunden, mit ausfiihrlichen Namenlisten, publisind, die übrigen mit der Verehrung sich begnügen, indem bildhafte
Figuren das Geheimnis vor dem Gemein-Werden schützen.”
zieren. Es gibt auch sonst Vereine aller Art, mit und ohne ‘Mysterien’,
doch kaum eigentliche Gemeinde- oder Sektenbildungen. Die Stadte
und Staaten waren freilich auch geneigt, die potentielle Macht geheimer ‘Verschwòrungen’ aufs brutalste zu unterdrücken, wie der
MysterienprozeB um Alkibiades zeigt und erst recht der Bacchanalia+ Sen. quaest. nat. prol. 3 cf. 7: 7,30,1.
# Schon der 7. platonische Brief spricht davon, daß das höchste Wissen für die
‘vielen’ nicht ‘gut’ sei, 34le.
# Vgl. O. Perler RAC I (1950) 667-676 s.v. Arkandisziplin; Stroumsa in diesem
Band.
# Dies auch die Funktion der ‘Gleichnisse’ im NT, Mt. 13,13; “euch ist gegeben
das Mysterion zu erkennen” 13,11. Vgl. Ioh. Chrysostomos Hom. in Cor. 7, PG 61,
56b; Stroumsa in diesem Band.
4 Macr. Comm. in S.Sc. 1,2,17 f vgl. lulian or. 7,11,216 e; Proklos In Remp.
II 106,13--107,14. Aeltere Matcrialsammlung: O. Casel, De philosophorum Graecorum silentio mystico, GieBen 1919.
Skandal.” Bezeichnend übrigens, daß das erfolgreichste Schlagwort
vom Machtwissen als Mysterium in lateinischer Sprache geprägt wurde,
wenn auch in deutlicher Anlehnung an griechische Mysterienmetaphorik: evulgato imperii arcano, so Tacitus über die Usurpationen des
Vierkaiserjahres—das System bricht zusammen. wenn das von der
Elite gehütete Geheimnis verloren geht.”
% Burkert 1990, 35-55. Vgl. auch Martin in diesem Band.
® Tac. Hist. 1,4,1.—In Rom gab es die ‘geheime Schutzgottheit’, deren Name
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Wenn im Gegensatz dazu die Mysterien kein Machtwissen hüten,
was ist dann die Funktion des ‘Geheimnisses’? Alle Versuche, dieses
ANTIKE MYSTERIENKULTE
93
spätere Quellen doch unbedenklich tun. DaB der Mithras-Mythos
verloren ging, mag Zufall sein.
inhaltlich zu fassen, laufen ins Leere. Um prinzipiell ‘Unsagbares’
Die Auffassung von der Natur als Mysterium hat ihr Gegenstiick
geht es in der Sicht der ‘Wissenden’ keineswegs, zu deutlich ist das
in der These, daß die bestehenden Mysterienkulte es mit ‘Natur’ zu
‘Reden’ verboten und eben damit als durchaus möglich vorausgetun haben; dies sei ihr Geheimnis—und es führt erst recht ins Banasetzt. Auch ein hieros logos ist qua logos sagbar. Es gibt Hinweise auf
le: In Eleusis gehe es ums Getreide, bei Dionysos um den Wein, bei
geheimgehaltene Mythen oder geheime Details der bekannten My-
Isis um das Wasser des Nils—als ob das alles ware. Rätselrede wird
then. So ist zwar der eleusinische Mythos vom Raub des ‘Mädchens’,
dabei gleichgesetzt mit dem in der Rhetorik entwickelten Begriff der
Kore/Persephone, durch den Gott der Unterwelt, von Zorn und
Allegorie als einer ‘mysterienhaften’ Figur. So schreibt Demetrios De
Versöhnung ihrer Mutter, der Getreidegöttin Demeter, einer der
interpretatione (1 10) —der Autor ist nicht sicher datiert : “Alles, was aus
geläufigsten griechischen Mythen; daß Demeter in Eleusis eingekehrt
Andeutungen erraten werden muß, ist umso erschreckender; was klar
sei, ihre Tochter wiederfand, das Getreide stiftete, gehört zur öffentund offen ist, wird üblicherweise verachtet, wie nackte Menschen.
lichen Propaganda. Das emphatische ‘Geheimnis’ kann den Verdacht
Deswegen werden auch die Mysterien in Form von Allegorien erauf Sexuelles lenken, Entblößung, Oral-Genitales. Der Christ Clezählt, um Entsetzen und Schauder zu erregen, wie sie auch im Dunkel
mens möchte die Mysterien 'entblößen’ und in ihrer ‘Nacktheit’ zeiund in der Nacht stattfinden. Es gleicht aber auch die Allegorie dem
gen," er zitiert orphische Verse über Baubo, die vor der Göttin ihr
Dunkel und der Nacht”. Mit anderen Worten: Wer Effekte erzielen
Genital entblößt und manipuliert—was Gelächter hervorruft—. Ein
will, bediene sich des Dunklen; so einfach ist das.
zu den Mysterien von Lerna gehönger Mythos macht Dionysos zum
Statt auf mythische Aussagen zielen Vermutungen um das Mystepassiven Homosexuellen.*? In Samothrake gab es ithyphallische Figuriengeheimnis seit langem auf das Ritual, auf Einzelheiten der Zereren und einen Mythos von der sexuellen Erregung derer, die ‘Persemonien, die ‘unsagbar’ blieben. Man konnte, mit einem kaiserzeitlich
phone gesehen’ haben.* Herodot deutet an, die phallischen Hermen
belegten Terminus, die Mysterien ‘austanzen’.5° Nichtsdestoweniger
seien letztlich aus diesem Aeros Logos herzuleiten: Welch merkwiirdiläßt sich auch hierüber reden: Zu den absurden Aufsatzthemen der
ge Verkehrung, das ganz Oeffentliche aus dem ‘Unsagbaren’ zu erkaiserzeitlichen Rhetorik gehört auch dieses, jemand träumt die ganklären! Ueberhaupt ist schwer sich etwas auszumalen, was nicht in
ze Weihe von Eleusis und fragt einen Mysten, ob es dies sei—eine
anderen Mythen und auch in Bildern der griechischen Kultur durchaus
Frage, die ja wohl eine ausführliche Erzählung des Geschauten imöffentlich zu belegen ist.** Das tiefere Skandalon für griechische
pliziert—; wenn dieser mit dem Kopfe nickt—hat er damit die
Theologia war der Tod des Gottes; Persephones Raub durch den Gott
Mysterien verraten?” In der ausgeführten Rede des Rhetors freilich
der Unterwelt ist ein Sterben, mythologisch unterfangen und eben
besteht die Kunst wiederum darin, am Rande des ‘Unsagbaren’ zu
damit aussagbar; Herodot kennt offensichtlich den Mythos von der
balancieren. Versucht der Wissenschaftler den Traum zu träumen,
ZerreiBung des Dionysos und nennt ihn ausdrücklich nicht—was
gerät abermals in erster Linie Sexuelles in Verdacht. Den römischen
Bacchanalia wird eine homosexuelle ‘Initiation’ zugeschrieben. Bilder von späteren Dionysosmysterien zeigen die Enthüllung eines übergroßen Phallos in der Getreideschwinge”—was also nicht so ganz
und Geschlecht nicht genannt werden durfte, vgl. A. Brelich, Die geheime Schutzgottheit von Rom, Zürich 1949.
geheim war. Eleusis, heißt es, zeichne sich durch ‘Reinheit’ aus. Uebri-
5 Protr. 21 = Orphicorum Fragmenta 52. F. Graf, Eleusis und die orphische
gens finde das, was dort vor sich gehe, in Kreta in aller Oeffent-
Dichtung Athens in vorhellenistischer Zeit, Berlin 1974, 194-199; in manchem anregend, doch unsorgfältig gearbeitet ist G. Devereux, Baubo. Die mythische Vulva,
Frankfurt 1981.
* Bezeichnenderweise durch Clemens bezeugt, Protr. 34, doch nicht durch ihn
allein, Burkert 1972, 83.
3% Cic.n.d. 3,56; angedeutet Hdt.2,51 f., Kallim. Fr. 199 Pfeiffer.
* Ein Bild im Heiligtum von Samos zeigte eine Fellatio des Zeus durch Hera, worüber
sich Chrysippos verbreitete, Stoicorum Veterum Fragmenta II nr. 1071; 1073/4.
lichkeit statt.$ Wozu dann die Verheimlichung?
5 Epiktet 3,21,13; Luk. Salt. 15 u.a.m., Riedweg a.0. 58.
6 Hermogenes Stas. 4,37, p. 64 Rabe: Sopatros Rhet. Gr. VIII 110-124 Waltz.
# Am eindrucksvollsten in der Villa dei Misteri bei Pompei, Burkert 1990, 80 £.
mit Abb. 5.
5. Diodor 5,77,3.
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ne herumtragen”; seine Verteidigung war, er sei gar nicht geweiht.
Man könnte geneigt sein, von einer inhaltsleeren Geste der Konformität zu sprechen, die zunächst in der Polis Athen und dann, mit
der Ausbreitung einer gesamtgriechischen Kultur, allgemein innerhalb dieser Kultur verlangt worden ist. Ueblich war, in Bezug aufs
Göttliche ‘Vorsicht’ zur Schau zu tragen, was kein Bekenntnis bedeutet, Skepsis keinesfalls ausschließt. Umso mehr hält man die Spielregeln ein, um sich als zugehörig auszuweisen. So konnte es denn
gelingen, die nicht vorhandene Banane effektvoll und dauerhaft zu
verstecken, bis die Christen als Spielverderber kamen und ihre eige-
Eine zufällige Aehnlichkeit also, ein harmloser, von sich aus bedeunen, andersartigen Regeln durchzusetzen unternahmen.
Die eigentiimlichsten Hinweise geben die bezeugten Mysterienprozesse. Diagoras hat, wie es heißt, ‘die Mysterien’ ‘allen’ erzählt
und damit ‘gemein gemacht’.*? Das—durchaus aussagbare—Geheimnis
war also gebrochen, die Information öffentlich zugänglich; doch die
Folgen blieben aus. Niemand war bemüht, die Information festzuhalten, die Mysterien bestanden weiter, nur Diagoras verschwand von
der Bildfläche. Merkwürdiger noch die Nachricht über Aischylos:%
“Es schien, er lasse etwas von den mystischen Geräten auf der Bühtungsloser Gegenstand wird von Seiten der “Wissenden’ mit ungeahnter Bedeutung belastet. Nach der Aussage des Gnostikers ist das
höchste, ‘epoptische’ Geheimnis, das der Hierophant zeigt, eine geschnittene Aehre.*' Nur Vorverstándnis und Kontext kann solchen
Zeichen ihren Sinn geben; hätten wir eine Videoaufnahme, wir wären
um nichts klüger. In der Tat. die Mysten erhielten im voraus ihre
Erklärungen; Ahnungslose stellten ‘absurde Fragen’.
Eigentümlich auch die Formel, die Clemens als ‘PaBwort’, synthema,
der Eleusinischen Mysterien anführt: “Ich fastete, ich trank den kykeon,
ich nahm aus der Aiste, ich werkte und legte dann zurück in den
kalathos (den offenen Korb) und aus dem kalathos in die kiste”.? Dieser Text ist offensichtlich eben dadurch ausgezeichnet, dass er nichts
preisgibt. nur die Reihenfolge gewisser Handlungen mit dem geschlossenen und dem offenen Korb nennt. Auch hier hat der Verdacht
Jenseitserwartung als Privileg
Der semiologisch-soziologische Nihilismus trifft dennoch wohl zu kurz.
Den Mysterien eignet Realitàtsgehalt, weil sie sich mit dem Tod
abgeben, jener Wirklichkeit, die ebenso unausweichbar wie unbegreifbar bleibt. Den Tod als Rätsel und Geheimnis zu bezeichnen, geht
uns leicht von der Zunge, auch wenn dies in der Antike weniger
geläufig war. In der Enthüllung ihres Geheimnisses scheinen die Mysterien Antworten auf Angst und Ungewißheit geboten zu haben, die
als Glück erfahren wurden. Oft ist gesagt, daß ‘zwei Gaben’ der Göttin
Eleusis auszeichnen, das Getreide und die ‘besseren Hoffnungen’ für
ein Leben nach dem Tod: und wie sehr das Glück im Jenseits auch
sich auf Sexuelles gerichtet. Nach einem Hinweis Theophrasts aber
in bakchischen Mysterien im Zentrum stand, sagen gerade die neugefundenen Texte aufs eindrücklichlichste aus: “Jetzt bist du gestorgehören zu den Gegenständen, die man verborgen und zum Geben, und jetzt bist du geboren, dreimal Seliger, an diesem Tag”.*
heimnis gemacht hat, die ‘Werkzeuge der Getreideverarbeitung’, also
Einleuchtend, ja ergreifend ist auch für uns die Symbolik der Erde,
die der Aussaat wie dem Begräbnis dient, sodaß die zyklisch sich
erneuernden Ressourcen des Lebens die Endgültigkeit des Todes
aufzuheben scheinen: Das Weizenkorn erstirbt, um Frucht zu bringen. Auch die Wandlung von der Traube zum Wein ließ sich zum
wohl Mörser und Stößel. Wieder das absolut unspektakuläre Gerät,
das durch ‘Verbergung’ zum esoterischen Symbol erhoben ist. Nur
das Geheimnis akzentuiert das Besondere; the medium is the message.
% M. Winiarczyk, ed., Diagorae Melii et Theodroi Cyrenaei Reliquiae, Leipzig
1981, T 7A: T 15-20; Burkert 1990. 76; die chronologische Festlegung bleibt
umstritten; siche J. Bremmer in diesem Band.
% Die Zeugnisse bei S. Radt, Tragicorum Graecorum Fragmenta III: Aeschylus,
Göttingen 1985. Test. L 93, insbes. Herakleides Fr. 170 Wehrli (=93b). vgl. Arist.
EN 1111a10 (=93a): “er habe nicht gewußt, daß es geheim sci”.
© Hippol. Haer. 5,8,39.
62 Clemens Protr. 2,21,2; Burkert
Gleichnis der Hoffnung gestalten.
Allerdings besteht an sich kein Grund, Verheißungen von einem
seligen Leben im Jenseits geheim zu halten. Das Christentum hat seine
eigentliche Propaganda darauf gegründet. Dabei war die Verkündigung von Eleusis offenbar so allgemein, dass wir kaum einen Satz
oder ein Detail als ‘Glaubenssatz von Eleusis festmachen können,
1972, 297-302. An einen Phallos dachte
A. Dieterich, Eine Mithrasliturgie, Leipzig 1923, 124-126, an ein weibliches Genital A. Körte Archiv für Religionswissenschafi 18 (1915) 16-26, danach O. Kern RE
XVI 1239. Vgl. Anm. 37 zu den Bacchanalia.
8 Text von Pelinna, o.Anm. 35.
6 Hierzu Graf 1974 (o.Anm. 51).
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)und auch die bakchische ‘Seligkeit’ bleibt ungestaltet. Es war seit je
mit Demokratie und Gerechtigkeit zu tun, wohl aber mit den Rea-
Dichtern tiberlassen, das Leben auf der ‘Insel der Seligen’ auszumalitáten einer archaischen Gesellschaft. Was der Myste erfahren hat,
97
len, Pindar so gut wie Hesiod, und dies in aller Oeffentlichkeit. Arisist ein Privileg: Es muß, eben damit es Privileg bleibt, wohl aufbetophanes bringt in seiner Komödie, den ‘Fréschen’, sogar den seliwahrt und profanem Gebrauch entzogen werden. Man denke nochgen Chor der Mysten in der Untwerwelt, der eleusinischen Mysten,
mals an die Prozesse: Das Verbrechen des Alkibiades wird um nichts
auf die Bühne. Hierin liegt kein Geheimnis. Doch mag es sein, daß
geringer, falls —womit zu rechnen ist—alle Teilnehmer an seinem Fest
im Zwielicht von Verhüllung und Enthüllung im Rahmen des Festes
eleusinische Mysten waren, von einem ‘Verrat’ also im Kreis der
glaubhaft wurde, was sonst als unverbindliche Erdichtung gelten konnte.
‘Wissenden’ gar nicht die Rede sein konnte. Die Kopie als solche ist
Vor allem zu beachten ist der Begriff des synthema oder symbolon.
das Verbrechen, die Fälschung, die die Einmaligkeit aufhebt. Nie-
Diese Wörter bezeichnen das ‘PaBwort, das ‘Zeichen’, das privilemand scheint vorgeschlagen zu haben, jene Akarnanen, die unwisgierten Zugang ermöglicht. So heißt die geheime Parole vor allem
send in den Mysteriensaal eingedrungen waren, nachträglich durch
im militärischen Zusammenhang synthema; ursprünglicher noch ist
belehrende Weihe in den Normalstatus der ‘Wissenden’ zu versetsymbolon als das reale Zeichen, ein zerbrochenes Holzblättchen oder
zen:° Es ging nicht um den Inhalt eines ‘Wissens’, sondern um die
aneinanderpassende Scherben, mit denen sich ein Gastfreund der
Einzigartigkeit des Zugangs, die zu verteidigen war.
Familie auch noch nach Generationen legitimieren kann. Neben das
Das soziale Spiel von Zulassung und Abweisung, Ausschließung
schon erwähnte synthema von Eleusis, das erkennen läßt, daß die
und Gewährung, das sich in besonderem Maße mit der ‘Verheimlinotwendigen Handlungen alle in der rechten Folge vollzogen wurchung’ durchführen läßt, ist im Jenseitsbezug verabsolutiert: Weil die
den, tritt das Frage- und Antwortspiel in den bakchischen Jenseits-
Verifikation fehlt, die Einlösung unüberprüfbar bleibt, kann der
texten: Wächter sind am “See der Erinnerung” postiert, sie fragen:
Anspruch umso unbehinderter aufrecht erhalten werden. Der außen-
“Wer bist du? wessen (Sohn) bist du?”, die Antwort muß lauten:
stehende Skeptiker könnte schließlich geneigt sein, von einem fikti-
“Ich bin ein Sohn der Erde und des gestirnten Himmels.” Eben ist
ven Zugang zum Nichts zu sprechen: doch wo es keinen besseren
ein neues Goldblättchen aus Thessalien bekannt geworden, aus dem
Weg, keine richtigere Antwort gibt, bleibt das Zusammenspiel von
4.Jh.v.Chr.; es trägt direkt als Ueberschrift das Wort SYMBOLA, dann
Bedürfnis, Rollenspiel und ritueller Symbolik unübertroffen. Daß in
folgt, je zweimal, offenbar als Parole und bestätigende Wiederhoden Mysterien eine ‘unerkennbare, göttliche‘ sympatheia von Ritual
lung, ein Rätselwort, das ‘Bakchisches’ und zugleich Orphisches anund eingestimmten Seelen sich ereigne, sagt Proklos.TM
deutet, Andrikepaidothyrson, und ein ungewöhnlicher Gottesname, Brimo.
Daraufhin wird die Zulassung erteilt: “Geh ein zur heiligen Wiese.
Frei von Schuld ist der Myste.”*
Die weibliche Dimension
Mysterienweihe also bedeutet die Gewinnung und Sicherung eines
Einem besonderen Aspekt des Mysteriengeheimnisses ist noch nach-
Privilegs, garantiert durch ein ‘Wissen’ um das Paßwort der Gruppe,
zugehen, von dem psychologisch zwingende Wirkung ausgehen konnte.
der man zugehört: Hierfür steht der Name eines Gottes und/oder
Der erfolgreichste Mysterienkult gilt weiblichen Gottheiten, insbesondie Genealogie des eigenen Clans. So ‘weiß’ der eleusinische Myste,
dere dem ‘Madchen’, Kore schlechthin. Prononcierte Geheimhaltung
daß er ‘Geschlechtsgenosse der Götter’ ist, zur Verwandtschaft’ geeignet aber auch anderen Formen des Kultes der ‘beiden Góttinhört. Eine hellenistische Inschrift am Eingang des Heiligtums der Götnen’, Demeter und Kore, auch wo diese nicht Mysterien im eigenttermutter in Phaistos rühmt das Wunder, das die Göttin bereithält
lichen Sinn heißen, nicht allgemein auf Bewerbung hin zugängliche
für die ‘Reinen’, “die ihre Abstammung garantieren”. Dies hat nichts
Initiationszeremonien sind, vielmehr auf dem Gegensatz der Geschlechter aufbauen: Es handelt sich um ausschließliche Frauenfeste, allen
5 P. Ch. Chrysostomou, He Thessalike Thea En(njodia e Pheraia thea, unpublizierte
Diss. Thessaloniki 1992, 375 ff., freundliche Mitteilung von K. Tsantsanoglou.
6 Burkert 1990, 65.
% Dies schlägt der Rhetor bei Sopatros vor, o.Anm. 56.
# Proklos, In remp. II 108 Kroll, Burkert 1990,96.
Pagina 11
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)voran die Thesmophoria, das verbreitetste griechische Fest, das Frauenfest schlechthin. Da darf kein Mann zugegen sein. Aristophanes hat
aus den ‘Frauen beim Thesmophorienfest’ eine seiner lustigsten Komöals Aischylos zu sein. In einem theokritischen Gedicht (26) ist das
delt. Dabei wird nun ausnahmslos eben nicht jenes Bild bakchischer
dien gemacht, und doch sieht es so aus, als ob er in der Tat nichts
von den eigentlichen Zeremonien gewußt habe. Dem Mann, der sich
Euripides am Rande durchscheinen läßt, das Bild allgemeiner, für Män-
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Geschehen als eine Szene dionysischer Mysterien nochmals behanMysterien gezeichnet, das etwa Herodot bietet (4,79) und das auch
eindrängt, ergeht es übel—wobei wiederum die staatliche Polizei den
Frauen zuhilfe kommt. Im Mythos wird ein Mann, der zufällig oder
absichtlich unter die Thesmophoria-feiernden Frauen gerät, nicht nur
ner wie für Frauen zugänglicher Weihezeremonien. Die Mänaden
gefangen genommen, sondern gar kastriert.”
Sehr merkwürdig ist die Geschichte bei Herodot (6,134), wie
Militiades, der Sieger von Marathon, bei seinem mißglückten Unternehmen gegen Paros sich die tödliche Wunde zuzog: Eine ‘Unterpriesterin der chthonischen Gottheiten‘ hatte Miltiades geraten, ins
Thesmophorien-Heiligtum der Parier auf dem Hügel vor der Stadt
einzudringen; er kletterte über die Umzäunung, weil die Türe nicht
zu Öffnen war, ging zum Megaron, “um etwas von dem zu bewegen,
was nicht zu bewegen ist, oder sonst etwas zu tun”; dann aber sei er
in plötzlichem Schreck zurückgerannt und habe sich dabei am Zaun
verletzt. Man machte der Priesterin den Prozeß, “weil sie die Feinde
zur Eroberung der Vaterstadt angeleitet habe und das, was dem
männlichen Geschlecht gegenüber unsagbar ist. dem Miltiades gezeigt habe;” auf Weisung des Delphischen Orakels sei der Prozeß
jedoch eingestellt worden. Es ist erstaunlich, wie hier die Macht über
die chthonischen Götter zugleich die Macht über die Stadt bedeutet;
also doch arcanum imperii? Dabei ist jedoch das göttliche Geheimnis
aufs Geschlecht festgelegt, “das, was dem männlichen Geschlecht
gegenüber unsagbar ist”. Das arcanum imperit also ist das arcanum der
lie und Kindern, und in diesem Status, vom Gott erfüllt, allen Mänoder Bassariden sind eine reine Frauengruppe, die Organisation pervertierter Weiblichkeit, losgerissen von Haus und Hausarbeit, Faminern überlegen. Im parallelen Mythos von der Zerreißung des Orpheus
wird der Geschlechtergegensatz noch deutlicher hervorgehoben:
Orpheus, heißt es, ließ die Frauen zu seinen Mysterien nicht zu;
darum der Ueberfall durch die sich empörenden Frauen.” Dabei malt
sich der euripideische Pentheus aus, er könne besondere Formen weiblicher Sexualität ausspionieren, spezifisch Weiblich-"Unsagbares’.
Denn das Eigentümliche ist, daß das ‘Unsagbar-Verbotene’, arrheton/
aporrheton gerade in Bezug auf weibliche Intimität gebraucht wird. Im
‘Hippolytos’ des Euripides vermutet die Amme, die kranke Phaidra
leide an einem ‘geheimen Uebel’, das man ‘Männern nicht mitteilen
kann’: nun, Frauen seien zur Stelle. diese Krankheit ‘gemeinsam in
Ordnung zu bringen’ (293 f). Offenbar ist an ein klinisches ‘Frauenleiden’ gedacht, und so wie fiir die Geburt sind auch hierfiir die
Frauen gemeinsam zuständig. Euripides’ Ausdruck ist fast identisch
mit dem, den Herodot in Bezug auf das parische Thesmophorion
verwendet. Es gibt Bereiche, von denen Männer qua Männer nichts
wissen dürfen, angeblich zumindest. Man hat darauf hingewiesen,
daß, ungeachtet seines griechischen Namens, der Hymen qua Jung-
Frauen. Herodots Text ist übrigens zugleich ein Musterbeispiel der
fernhäutchen überhaupt erst spátantik zu belegen ist.” Karl Kerényi
‘Vorsicht’ im Sprechen über göttliches Geheimnis: Unsere (männlihat das Thesmophorienfest als eine Art gemeinsames Menstruationsfest der Frauen gefaßt;”? die Hypothese von einer kollektiven Menche) Neugier bleibt ungestillt.
Neben Demeter tritt wiederum Dionysos: Wie gefährlich es für
einen Mann ist, in geheime Riten einzubrechen, zeigt am dramatischsten der bekannteste Mythos, Pentheus unter den Mänaden. Durch
das Meisterwerk des Euripides, Bakchai, ist dies Weltliteratur geworden. Auf der Bühne gestaltet war der Mythos auch vorher schon
durch Aischylos' ‘Bassariden’, einige Vasenbilder scheinen noch älter
struation in der Urzeit, entsprechend dem Rhythmus des Mondes,
halte ich für phantastisch; aber etwas vom Wesen dieses Festes ist
damit erfaßt.
Vernant, La cuisine du sacrifice en pays grec, Paris 1979, 183-214.
" Konon FGrHist 26 F 1,45, vgl. Strabon 7 fr. 18.; F. Graf, Orpheus. A poet
among Men, in J. Bremmer ed., Interpretations of Greek Mythology. London 1987,
80-106.
7? Soranus Gyn.
9 Vgl. Burkert 1977, 365-370.
Burkert 1977, 369. Battos: Ael. Fr. 44: Aristomenes: Paus. 4,17,1; ‘l'hesmophonen
und Danaiden Hdt. 2,171; M. Detienne, Violentes “eugénies”, in M. Deuenne, J.P.
1,16 f. Ilberg: Untersuchung Marias durch die Amme im
Protevangelium lacobi 19 f.; G. Sissa, Greek Virginity, Cambridge, Mass. 1990; vgl.
Duerr, Intimität (o.Anm. 5).
# K. Kerényi, Zeus und Hera, Zürich 1972, 126 f.
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Wir finden somit beim Geheimnis, dem arrheton, im Bereich der
Demeter und damit auch der Demetermysterien nicht nur das Merkmal der Geheimgesellschaft überhaupt mit Bewahrung des Privilegs,
sondern zugleich eine Stilisierung im Sinn des weiblich-sexuellen
Geheimnisses. Es ist also kein Zufall, daß die Göttin des bedeutendsten Mysterienkultes, der die Jenseitshoffnungen vermittelt, eben
Demeter ist, nicht etwa Hermes der Seelengeleiter; und wenn wir
daneben Dionysos als Mysteriengott finden, erscheint er in besonderer Weise mit einer ‘Mutter’ verbunden zu sein, sei es Semele, sei es
Rhea-Demeter.”* Daß alte und neue Vermutungen oder Verdächtigungen um das ‘Geheimnis’ der Mysterien mit erstaunlicher Beharrlichkeit immer wieder aufs Sexuelle zielen, daß die Verteidiger des
‘Mysterienhaften’ von der zu vermeidenden “Nacktheit’ sprechen,
christliche Polemiker eben diese zu entblößen drohen, zeigt den Einfluß dieses Gravitationsfeldes.
Zum kulturellen Modell fügt sich so ein mythisch-psychologisches
Moment, geleitet von der Biologie und eben darum anthropologisch
durchaus relevant, geht es doch ın der Polarität der Geschlechter
auch in unserer Sicht um Grundlagen des Lebens, die noch immer
nicht ganz manipulierbar sind, und um den eigentlichen Widerpart
des Todes. Im Stil antiker Kultur wird hierüber nur indirekt gesprochen. Dem Dichter kann es gelingen. daran zu rühren. Im Dionysos-Lied in Sophokles’ Antigone heißt es von Dionysos: “du waltest
in dem allen gemeinsamen Busen der Eleusinischen Demeter”.” Eleusis
liegt an einem realen Meeresbusen, und alle sind zum gemeinsamen
Fest eingeladen, aber man ahnt: da ist ‘mehr dahinter’. Doch eben,
hier ‘steht der Ochse auf der Zunge‘.
TM Bemerkenswert auch der Hinweis auf eine ‘unsagbare Mutter’ des Dionysos
Plut. Caes. 9 (= Bona Dea).—Ganz anders steht es mit Mithras, der Frauen ausschließt.
#5 Sexuelle Bedeutung der kolpot z.B. Philodem A.P. 5,25; 5,107.