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ITRECHHM.
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ERANOS 1977
JAHRBUCH - YEARBOOK - ANNALES
VOLUME #
Io
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DER SINN DES
UNVOLLKOMMENEN
\/ \ Bus
VORTRÄGE GEHALTEN
AUF DER ERANOS TAGUNG IN ASCONA
THE SENSE OF IMPERFECTION
VOM 17. BIS 25. AUGUST 1977
LECTURESGIVEN
LE SENS DE L’IMPERFECTION
ATTHE ERANOS CONFERENCE IN ASCONA
FROM AUGUST 17ch TO 25th, 1977
HERAUSGEBER - EDITORS - EDITEURS
CONFERENCES DONNEES
ADOLF PORTMANN
A LA SESSION D’ERANOS A ASCONA
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DU 17 AU 25 AOUT 1977
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RUDOLF RITSEMA
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Srrerch, HF. i
Streich H., Musikalische Temperaturen in psychologischer Sicht :
Eranos-
J1 Jb XLVI 1977 205-248. | Approche historique et psychologique remontant
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ınusiau systöme tonal de Pythagore qui, le premier, decouvrit les intervalles
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Stasich M., Musikalische Temperaluren
systäme tonal de Pythagore] ; cf. N» 5719.
= Lech]
INSEL VERLAG
Pagina 2
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Hermann Landolt
Feuer und Luft“ bestehenden Geistkörpers (galab-e latif) am
jüngsten „Tage“ - gewissermaßen auf den Einzelmenschen überträgt. Das geflügelte Reittier Mohammeds, Boräq, das uns von
HILDEMARIE STREICH
seiner berühmten „Himmelfahrt“ her bekannt ıst, wird sowohl für
die Herabkunft wie für die Rückkehr des Geistes gebraucht: mit
dem Flügel des „Triebs nach unten“ — das ıst: die „Torheit“
MUSIKALISCHE TEMPERATUREN
IN PSYCHOLOGISCHER SICHT
(jahuli) - fliegt es nach unten; mit dem Flügel des „Zornmütigen“
- das ist: der „Übermut“ (zalümi) - fliegt es nach oben. Durch den
mystischen Verwandlungsprozeß wenden sich aber beide nach
oben: der „Trieb nach unten“ wird zu „Liebe“ (ishq, mahabbat),
das „Zornmütige“ zur „mystischen Kraft“ (ghayrat, himmat). Die
Sufis machen die Raubtiernatur zum Königsfalken, der zum König
zurückfliegt, und das Roß der Seele zum Boräq des Geistes. Das
zurückgerufene Seelentier wirft sich wie der „verrückte“ Falter mit
seinen beiden Flügeln „Torheit“ und „Übermut“ in die Kerze der
Einheit. So schließt Najm-e Räzi: Wer in diesem Sinne seine Seele
2
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als „Falter“ erkennt, erkennt die Gottheit als„Kerze“.”
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Streich H., Musikı tlische
Temperaturen in
psy chologischer Sicht : EranosJb XLVI 1977 205- 248. | Appr
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qui, le premier, d ecouvrit
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Temperaturen in psychologischer Si
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Der Mensch nımmt in der Welt der Musik eine Stellung eın, die in
besonderem Maße Spiegel und Ausdruck seines sehr vielschichügen und ıhm allein eigenen Wesens ist. Er ist der Erfinder zahlreicher Musikinstrumente, die erst durch ihn zum Klingen kommen.
Er ist der Urheber einer schier unermeßlichen Fülle von Musikwerken. Und er ist zugleich selber, als Singender und Tönender,
als Klatschender und Rhythmus-Stampfender, ein lebendiges
Musikinstrument, das in sich selbst, im eigenen Leibe und in der
eigenen Seele, die Urbilder aller Musikinstrumente enthält und im
Laufe der Jahrtausende aus sich heraus gebildet hat; denn die
meisten von Menschenhand geschaffenen Musikinstrumente sind
zu verstehen als Abbilder der Klangerfahrungen, die der Mensch
am eigenen Leibe machte, auf ein so oder so geartetes Instrument.
Aus der Urgegebenheit des menschlichen Pulses und aus dem
rhythmischen Gebrauch der Arme und Beine beim Gehen, Tanzen, Spielen und Arbeiten entstand die Vielfalt der Rhythmusinstrumente. Aus der instrumentalen Verlängerung der Hand, die
den Leib, das Gesäß oder die Schenkel rhythmisch klatscht,
7 uf 729
bildeten sich Schlegel und Trommel heraus. Aus dem Vorbilde der
einander klatschenden Hände gingen die verschiedensten Arten
von Becken und Zimbeln hervor, aus dem Fingerschnalzen die
Kastagnetten. Aus der Erfahrung der runden tönenden Ganzheit
des Menschen entstand die Vielfalt der Gongs.
Die Form der menschlichen Gestalt diente als Vorbild für die
Saiteninstrumente. Das wird besonders deutlich, wenn man die
geschnitzten Menschenköpfe an manchen Saiteninstrumenten
betrachtet und die oft sehr kunstvoll durch Intarsien oder Schnit-
Sy most
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)zereien angedeuteten Kleider des Instrumentenkörpers. In der
menschlichen Stimme, die mit dem Kehlkopf ein selbständiges
Musikinstrument für sich darstellt, haben die Blasinstrumente ihr
natürliches Vorbild. In den Tasteninstrumenten schuf sich der
Mensch die Möglichkeit, auf einem einzigen Instrument mehrstimmig und in allen Tonlagen spielen zu können. Sie sind Abbilder der im Menschen enthaltenen Vielfältigkeit in der Einheit.
Der Mensch als lebendiges Musikinstrument unterliegt ähnlichen Gesetzen wie die von ihm geschaffenen Klangwerkzeuge. So
ist z.B. beiden gemeinsam, daß sie des Stimmens bedürfen, daß sie
Stimmungsschwankungen unterliegen und immer wieder neu gestimmt werden müssen. Das Stimmen spielt, wie jeder weiß, in der
praktischen Musikübung eine höchst bedeutende Rolle. Nicht
allein soll das Instrument in sich gut gestimmt sein, es soll auch mit
den anderen Instrumenten, die mit ıhm zusammen musizieren,
übereinstimmen, und zudem ist es wichtig, daß auch der Spieler
sich in guter Stimmung befindet. Ein Blick in die tiefgründigen
Redewendungen unserer Umgangssprache läßt eine Fülle von
Wortbildungen erkennen, die mit der menschlichen Stimme als
einem musikalischen Organ zusammenhängen. So bedeutet z.B.
Musikalische Temperaturen
207
In der zweiten Bedeutung, die sich auf die Gemütslage bezieht,
gibt es ebenfalls zahlreiche Redewendungen. So sagen wir 2.B.:
Jemand ist in Stimmung, vielleicht sogar in Hochstuimmung. Ein
anderer hingegen befindet sich in schlechter Stimmung, er ist
mißgestimmt, vielleicht hat es ihn verstimmt, daß eine bestimmte
Sache ganz und gar nicht stimmt. Und wenn dann wieder alles
übereinstimmt, dann ist er d’accord, er stimmt zu, und seine
Stimmung hebt sıch.
Die dritte Bedeutung des Wortes Stimmen ist praktisch musikalischer Art und bezieht sich auf das Herstellen der richtigen
Tonhöhe und Tonordnung, auf das Einstimmen der Musikinstrumente sowohl für das Einzelspiel als auch für das gemeinsame
Musizieren, zum Beispiel: ı. Auf welche Stimmung hinsichtlich
des Kammertones stimmt man sich ein? Wählt man z.B. die tiefe
Stimmung mit dem a’ gleich 415 Schwingungen oder die hohe
Stimmung mit dem a’ gleich 440 Schwingungen und mehr? 2. Auf
welches übergeordnete Stimmungssystem einigt man sich? Welche
mit ihr wirken; 2. sich in die richtige Gemütslage versetzen, in
unter den verschiedenen möglichen Simmungen oder Temperaturen wählt man aus? Denn unterschiedlich wie die Gemütsbewegungen der Menschen und ihre seelischen Stimmungen sind die
musikalischen Stimmungssysteme oder Temperaturen, auf die
man sich einigen kann.
Daß das Stimmen einen so wichtigen Raum einnimmt in der
Harmonie sein, richtig sein, d’accord sein; 3. einem Instrument
Musik so wie ım menschlichen Leben überhaupt, beruht auf dem
das Wort „Stimmen“, das von dem Wort „Stimme“ abgeleitet ist,
in der deutschen Sprache dreierlei: ı. die Stimme erklingen lassen,
die rechte Tonhöhe geben für das Einzelspiel und für das gemeinsame Musizieren.
Aus dieser vielschichtigen Bedeutung des Wortes „Stimmen“ ist
eine große Vielfalt von Redewendungen hervorgegangen. Im Sinne
der ersten Bedeutung des Wortes haben wir verschiedenste Möglichkeiten, unsere Stimme erklingen zu lassen. So stimmen wir
z.B. ein Freudenlied an, oder stimmen ein ın einen Klagegesang.
Jemand erhebt seine Stimme, oder er hat eine Stimme, das heißt,
seine Stimme gilt etwas. Wir können einer Sache zustimmen, uns
abstimmen aufeinander, etwas bestimmen oder auch einen anderen
überstimmen.
natürlichen Vorkommen von Unstimmigkeiten und auf der Tatsache der Verstimmbarkeit von Mensch und Instrument, auf der
Gegebenheit eines Unvollkommenen also, mit dem man sich im
Leben und in der Musik ständig auseinanderzusetzen und herumzuschlagen hat. Goethe nannte dieses Unvollkommene treffend
den „Erdenrest“, den jeder zu tragen hat und an dem er zu
wachsen und zu reifen hat, bis er ein Meister geworden ist im
schöpferischen Annehmen und Verarbeiten dieses unliebsamen
Restes.
Diesem viel zitierten Erdenrest entspricht im Reiche der Musik
ebenfalls ein Rest. Es ist ein kleiner Intervallrest, der sich jeweils
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Chroma, eine musikalische Differenz also, die je nach Artung als
Komma, Schisma, Diesis oder auch als „Wolf“ bezeichnet wird.
Es handelt sich bei diesem Intervallrest in der Musik um ein höchst
unliebsames Unvollkommenes, das dem Vollkommenheitsstreben
des Menschen immer wieder lästig in die Quere kommt und sowohl die Ursache zahlreicher Auseinandersetzungen und Kämpfe
ist, als auch ein höchst dynamischer Impuls zur Entwicklung
immer wieder neuer musikalischer Verhaltensweisen diesem uralten Problem gegenüber.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die europäische Musikgeschichte die Frage, was man mit dem lästigen „Wolf“ macht:
Sperrt man ihn aus? Macht man ihn sich zum Gesellen dadurch,
daß man ihn zähmt und seine Kraft schöpferisch einbezieht?
Musikalische Temperaturen
209
Unvollkommenen gegenüber jeweils einnehmen kann, und läßt
Rückschlüsse darauf zu, wie er ihm einen letzten und sehr tiefen
Sinn entlocken kann.
Die folgenden Ausführungen über musikalische Stimmungen
oder musikalische Temperaturen in psychologischer Sicht stellen
einen Versuch dar, dieses weitverzweigte, höchst differenzierte
und vielschichtige Gebiet der musikalischen Temperaturen, das
selbst manchem Fachkundigen eine Art Buch mit sieben Siegeln
darstellt, in großen vereinfachenden Linien zu umreißen und sein
Sinnextrakt in einer Art Nußschale darzubieten.
Musikalische Stimmungssysteme und Temperaturen
in der europäischen Musik
Verharmlost man ihn und läßt sich unversehens von ihm fressen?
Was tun mit dem Wolf? Was tun mit den nicht wegzuleugnenden
Differenzen im Leben und in der Musik? Ein Blick in das musikgeschichtliche Phänomen der musikalischen Temperaturen, denen
es samt und sonders um die Bewältigung des „Wolfsproblems“
geht, zeigt ein spannungsgeladenes Entwicklungsgeschehen, das
bis in unsere Tage hineinreicht.
Die Frage nach der angemessenen Temperatur, nach der jeweils
passenden Stimmung, Gestimmtheit und Eingestimmtheit in die
Musik ebenso wie in das Leben und seine Aufgaben, berührt ein
Menschheitsproblem großen Ausmaßes. Ist sie doch engstens
verbunden mit der Frage nach der Be-summung des Menschen
überhaupt: Wozu ist der Mensch be-stimmt, was ist seine tiefste
Be-stimmung? Welchen Sinn haben alle die leidigen Unstimmigkeiten, Übel, Differenzen und Nöte, mit denen der Mensch immer
wieder konfrontiert wird und mit denen er sich andauernd herumzuschlagen hat, wie verhält er sich ihnen gegenüber am besten?
Eine nähere Betrachtung der europäischen Stimmungssysteme
mit ihren musikalischen Temperaturen läßt verschiedene Urverhaltensmuster erkennen, die der Mensch dem unvermeidlich
I. Das pythagoreische Tonsystem
Das pythagoreische Tonsystem bildet den Wurzelgrund und Mutterboden für die musikalischen Temperaturen und Stimmungen
der europäischen Musikgeschichte. Diese früheste, systematisch
angelegte Tonordnung geht zurück auf den einflußreichsten Tonlehrer des Altertums, auf den Philosophen, Mathematiker und
Physiker Pythagoras sowie auf die Schule der Pythagoreer.
Pythagoras gilt als der erste Grieche, der die Entdeckung
machte, daß musikalische Intervalle, wie z.B. Oktave, Quinte und
Quart, durch Zahlenverhältnisse exakt darstellbar sind. Er bewies
experimentell die Möglichkeit der Rückführung musikalischer
Erlebnisqualitäten auf materiell meßbare und quantitativ berechenbare Maße und Proportionen. Kurz gesagt, es wurde hier
aufgezeigt, daß der Mensch Zahlen hören kann. Musikalisches
Hörerleben wurde greifbar und mit Händen faßbar in der schwingenden Saite und ihren unterschiedlichen Unterteilungen.
Die Erkenntnis, daß die Musik auf den mathematischen Grundgegebenheiten der Primzahlproportionen basiert, wurde aus Ver-
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)suchen am Monochord gewonnen, einem Instrument, das ebenso
einfach wie tiefgründig ist. Für die Pythagoreer wurde dieses
Instrument zum mit Händen begreifbaren und damit zugleich
rational erfaßbaren Abbild und Sinnbild der das ganze Universum
durchwaltenden musikalisch-harmonikalen und zugleich mathematisch darstellbaren, von Gott gesetzten Ordnungen.
Musikalische Temperaturen
211
dung von Tonempfindung und Zahlenverhältnis. Man laßt und
erfaßt verstehend die Fundamente unserer europäischen Tonsysteme und nimmt sie zugleich klingend wahr.
Die von den Pythagoreern aus den Versuchen am Monochord
entwickelte Theorie von den Intervallproportionen ist bis in die
Neuzeit hinein von großer Bedeutung - heute noch basiert ja unser
Tonsystem auf der Oktave, der Quinte und der Quarte. Daher
lohnt es sich sehr, auch in unseren Tagen, sich mit diesem uralten
Das Monochord
Das Monochord ist ein Präzisionsinstrument ersten Ranges, das
um vieles genauer ist als alles, was sonst bis in unsere Tage hinein
an musikalischen Meßgeräten bisher zur Verfügung stand. Als
einfachstes wissenschaftliches Versuchsinstrument war es vom
Altertum bis in die Neuzeit hinein von großer Bedeutung für die
Bestimmung und das Einüben von Intervallen, für das Stimmen
von Musikinstrumenten und für die Berechnung von Orgelmensuren. Es handelt sich beim Monochord um ein Musikinstrument
mit einem kastenförmigen Resonanzkörper, das ursprünglich, wie
sein Name (Monochord = Einsaiter) besagt, mit einer einzigen Saite und später auch mit mehreren Saiten bespannt wurde. Hierzu
gehörten bewegliche Stege, die man beliebig verschieben konnte,
um die Saitenlänge zu verändern.
Wenn die Saite des Monochords unverkürzt in ihrer ganzen
Länge schwingt, dann erklingt der Grundton der Saite. Teilt man
die Saite durch entsprechendes Verschieben des Steges genau in
der Mitte, dann erklingen die beiden gleichen Hälften dieser Saite
Instrument zu befassen."
Bei dem Versuch, am Monochord durch Hören die Oktave zu
bestimmen, wird durch Verschieben des Steges die Monochordsaite so lange verkürzt, bis die Oktave zum Grundton (zur unverkürzten Saite) erklingt. Überprüft man nun am Monochord, bei
welcher Proportion, lediglich durch Hören und durch entsprechendes Verschieben des Steges, die reine Oktave konstatiert
wurde, dann kann man sehen, daß der Steg sich genau in der Mitte
der Saite befindet und daß die klingende Hälfte der ganzen Saite als
Oktave erlebt wurde. Die ganze Saite des Monochord, als Grundton und als ungeteilte Einheit, ist mathematisch darstellbar als ı,
und die halbe Saite als 1/2. So kann man in einem kleinen Oktavexperiment am Monochord hörend das Zahlenverhältnis ı:2
erfassen, und man hat damit eine intellektuelle, rationale, gewissermaßen abstrakt-mathematische Größe rein erlebnismäßig
bestimmt. Hierbei ist die Genauigkeit erstaunlich. Sie liegt bei
ı Promille.
Ähnlich ist es beim Versuch mit der Quinte. Zwei Drittel der
Saite ergeben die Quinte zum Grundton, und das verbleibende
jeweils als obere Oktave zum Grundton. Zwei Drittel der Saite
restliche Drittel, als exakte Hälfte von zwei Dritteln, erklingt als
ergeben die Quinte zum Grundton. Drei Viertel der Saite erbrin-
Oktave zum Quintton resp. als Duodezime zum Grundton. Verschiebt man den Steg des Monochords auf 3/4 der Saitenlänge,
gen die Quarte zum Grundton, und das verbleibende restliche
Viertel erklingt als doppelte Oktave zum Grundton.
Es ist ein sehr eigenartiges Erlebnis, wenn man als Mensch des
20. Jahrhunderts beginnt, am Monochord zu experimentieren. In
der Gleichzeitigkeit von Hörerlebnis und dinglichem, materiellen
Erfassen vollzieht man hierbei in eigener Person die enge Verbindann erhält man die Quarte zum Grundton, und das verbleibende
ı Im Rahmen dieses Vortrages in Eranos wurden die Musikbeispiele vorgetragen
von Prof. R. Streich auf einem Monochord, einem Orgel-Positiv und mit
Tonbandaufnahmen von einer Hausorgel, die in drei verschiedenen Temperaturen spielbar ist.
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)restliche Viertel der Saite ergibt die zweite Oktave zum Grundton
Musikalische Temperaturen
213
Tiefster Sinn des Monochords ist sein Doppelaspekt: ein Stück
(Oktave = ı/2 = Hälfte der ganzen Saite. Oktave über Oktave
begrenzter Materie, eine einzige Saite, welche auf die ihr inne-
= ı/a:2 = 1/4).
So räumten sie z.B. der Zahl Zehn eine Vorrangstellung ein,
wohnende harmonikale Zahlengesetzlichkeit untersucht wird, und
zugleich Botschafter der unbegrenzten, nicht begreifbaren, durch
alles Sein hindurch wirkenden Gottheit. Als Begrenztes wird es
zum Botschafter des Unbegrenzten, als Unvollkommenes zum
Botschafter des Vollkommenen.
Die Überlieferung berichtet, daß Pythagoras, als er im Sterben
lag, darum bat, das Monochord anzuschlagen. Für ihn klang
durch die sinnlich wahrnehmbaren Töne hindurch das Wirken der
Gottheit, die, selber ohne Anfang und ohne Ende, sich in der Ur-.
einheit des Schöpfungsbeginns und den daraus hervorgehenden
zahlhaften Ordnungen des Kosmos manifestiert und in die alles
Geschaffene wieder zurückkehrt.
besonders aber den ersten vier Zahlen, da sie alle in der Zehn
enthalten sind (1+2+3+4= ı0) und die in zahlhaften Ordnungen
sich manifestierende Harmonie des Kosmos repräsentieren. Ist
Die pythagoreische Tonordnung
Entsprechend diesen Versuchen am Monochord läßt sich das
Intervall der Oktave durch das Zahlenverhältnis ı:2 darstellen, das
der Quinte durch 2:3, das der Quarte durch 3:4 und das der
doppelten Oktave durch 1:4. Durch diese einfachen Zahlenverhältnisse von 1-4, die sich aus den unterschiedlichen Saitenteilungen ergeben, bewiesen die Pythagoreer die enge Beziehung, die
zwischen Zahlen und Tönen besteht, und sie errichteten auf
dieser Grundlage das große System ihrer philosophischen, religiösmetaphysischen Lehren und ihrer mystischen Zahlenspekulationen.
doch die Zahl Zehn ein uraltes Zahlensymbol für die unerschöpfliche Vielheit des Seins, die in sich die Verschiedenheit und die
In enger Verbindung zu den Versuchen am Monochord entwickel-
Ureinheit zugleich enthält.
Daher war das Monochord für die Pythagoreer nicht allein als
exaktes wissenschaftliches Versuchsinstrument von Bedeutung. Es
war für sie zugleich auch ein wichtiges Mittel zur Darstellung
ten die Pythagoreer ein diatonisches Tonsystem, dem die Primzahlen 2 und 3 mit ihren Proportionen als urbildhafte Ordnungsprinzipien zugrunde liegen. Alle Töne dieses Systems werden
hierbei aus dem Saitenlängen-Verhältnis von Oktave und Quinte
rechnerisch gewonnen, d.h. aus Quint-Quart-Schichtungen und
ihren Oktav-Rücktranspositionen. So geht z.B. die Sekunde
c-d, als großer Ganzton, hervor aus zwei Quintschichtungen:
0-8, g-4’ = 2/3 : 2/3 = 4/9, und ihrer Oktav-Rücktransposition
8/9, c-d = 8/9. Die pythagoreische Terz besteht aus zwei großen
Ganztönen und wird gewonnen aus vier Quintschichtungen: c-g,
der Zusammenhänge zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos,
zwischen Geist und Materie, zwischen Gott und Mensch. Die in
ihrer ganzen Länge schwingende Saite, als Grundton, war Symbol
für die Erde und alles organische Leben. Die in dieser Saite
potentiell enthaltene Oktave, die durch die exakte Teilung der
Saite in der Mitte hörbar wird, galt als Himmel, als das in allem
Geschaffenen wirkende göttliche Prinzip. Die ebenfalls in der
ganzen Saite enthaltene Quinte zum Grundton galt als Symbol der
Leben, Licht und Wärme spendenden Sonne, und die Oktave zur
Quinte galt als durch die Sonne hindurch wirkendes zeitloses
Licht- und Lebensprinzip, dessen materiell erfahrbare Manifestation der Sonnenball darstellt.
g-d’, d’-a’, a'—e” = 2/3 2/3 2/3 2/3 = 16/84 und deren Oktav-
Rücktranspositionen um zwei Oktaven: c-e = 64/Bı.
Es handelt sich bei der pythagoreischen Tonordnung um ein in
erster Linie melodisches System, das auf mathematischen Grundgegebenheiten basiert. Vom Altertum bis zum Beginn der Ars
Nova um 1400 war es das allein gültige Stimmungssystem und
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Musikalische Temperaturen
215
hat bis in die Neuzeit hinein die Tonordnungen des Abendlandes
entscheidend beeinflußt. Charakterisiert ist die pythagoreische
Tonordnung durch ihre reinen Quinten, durch ihre großen Terzen, die sog. Spannungsterzen, durch ihre großen Ganztonschritte
der pythagoreischen Stimmung, das Fundament und die Grundlage der musikalischen Temperaturen und ist daher für unsere
Betrachtungen von großer Bedeutung.
(8/9) und ihre engen Halbtonschritte (pyth. Limma 243/256). Die
den Obertönen, zu.
Wenden wir uns zunächst den Bauelementen dieser Stimmung,
unterschiedliche Lage dieser engen Halbtonschritte, die stark leittönig sind, ist für die Charaktere der Kirchentonarten von ausschlaggebender Bedeutung.
Das pythagoreische Tonsystem eignet sich besonders gut für die
Musik des frühen Mittelalters, die gekennzeichnet ıst durch den
Die Obertöne
Die Obertöne gehören zu den eigentümlichen und zugleich wunderbaren Widersprüchlichkeiten unseres Daseins. Sie sind für
unser Ohr nicht hörbar und dennoch sind sie nicht unhörbar.
frei im Raume schwingenden linearen Verlauf ihrer Melodik mit
dem Vorwiegen der horizontalen Bewegungsrichtung, wie wir sie
aus den einstimmigen Melodien der gregorianischen Gesänge und
aus dem Beginn der Mehrstimmigkeit in der Ars Antiqua mit
Denn ohne sıe einzeln zu vernehmen, nehmen wir sie unbewußt
ın der Klangfarbe wahr, die durch sie bestimmt wird. Wir erleben den Klang eines Tones als absolute Einheit, und dennoch
ihren Oktav-, Quint- und Quartgängen kennen (s. Eranos 44-1975,
II. Das natürlich-harmonische Tonsystem
Das natürlich-harmonische Tonsystem ist aus der natürlichen
Gegebenheit der Obertöne abgeleitet und bildet, zusammen mit
2 Beispiel am Monochord: „Kyrie“ aus der Messe an Wochentagen (16. Messe).
nn nn En
nn
Schwingungszahlen dieser Intervalle, die als Obertöne (Natur-
>
schnitt behandelt werden soll, im akkordischen Zusammenklang eine Konsonanz.
schwingen, nicht unterscheidbar für unsere Ohren, über ihm in
bestimmter Anordnung eine Vielzahl von Intervallen mit. Die
a
p- 91ff.). Das Charakteristische an diesem rein diatonischen System ist die gespannte Melodik, die sich aus dem Gegensatz enger
Halbtonschritte zu großen Ganztonschritten und den aus ihnen
gewonnenen Strebeterzen ergibt.’
Die großen pythagoreischen Terzen geben dem Verlauf der
Melodie Spannung und Kraft. Ihr Nachteil ist, daß sie im
vertikalen akkordischen Zusammenklang eine Dissonanz ergeben.
Im Gegensatz zur pythagoreischen Terz ist die reine Klangterz
des natürlich-harmonischen Tonsystems, das im folgenden Abtöne, Teiltöne oder Partialtöne) bekannt sind, sind ganzzahlige
Vielfältige der jeweiligen Grundschwingung und stehen, analog
den Saitenteilungen am Monochord, ebenfalls im Verhältnis
1121314...
Das bedeutet, daß über dem jeweiligen Grundton (= ı), den wir
hören, ununterscheidbar für unser Ohr folgende Teiltöne mitklingen: die Oktave (= 2), die Quinte (= 3), die doppelte Oktave
(= 4), die natürlich-harmonische Terz (= 5, im Gegensatz zur
pythagoreischen Spannungsterz) und unbegrenzt mehr Töne, die
wir nicht bewußt wahrnehmen können (s. Abb. ıa, $. 217).
Ebenso wie die Einheit der Saite des Monochords die ganze
Vielfalt der Intervalle in sich enthält, die man durch entsprechende
Saitenteilung hörbar machen kann, so ıst der Klang eines einzigen
von uns gehörten Tones aufgebaut aus einer analogen Vielzahl
mitschwingender Töne.
Man könnte sagen, daß die Saite des Monochords gekennzeichnet ist durch die Horizontale, während die Obertonpyramide über
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)einem Grundton gekennzeichnet ist durch die Vertikale.’
Versuche an der Orgel zeigen, wie schwer es selbst bei obertonreichen Klängen ist, die Obertöne zu hören. Sie verschmelzen
mit dem Grundton zu einer Einheit und sind auch dann nur
teilweise zu unterscheiden, wenn man die einzelnen Obertöne
jeweils kurzzeitig durch die Orgel verstärkt. Daher bezeichnet
man akustisch den Grundton mit seiner Obertonreihe als Klang
und die sinusförmige Grundschwingung als Ton.
Diese Naturgegebenheit der Obertöne oder Teiltöne ist nicht
allein eine weitgehende Entsprechung zu dem Teilungskanon des
Pythagoras, sie stimmt zudem genauestens überein mit den
Musikalische Temperaturen
Abb. 4a.Teiltonaufbau über C
N
{5
|
von M. Mersenne aus dem Jahre 1636. Hierauf aufbauend, erbrachte J. Sauveur im Jahre 1700 eine wissenschaftliche Darstellung der Obertonstruktur des Klanges.
ferze"
= 30berton = 10.Tilton
Sekunde
d" = 8Oberton = 9.Taulton
Oktave c" = 7’Oberton = 8.Teilton
Septimeb' = b.überton = eillon
Quint g’ = Süberton = &fillon
—
kerz €
>
Oktavec' = 3.0berlon = 4kilon
.co
Quint g° = 2.Oberton = &illon
menten: Horn, Trompete usw.) und mit den Flageolettönen von
teilungspunkte markiert.
Eine erste Beschreibung des Phänomens der Obertöne stammt
oO
I—
Naturtönen von Blasinstrumenten (insbesondere BlechblasinstruStreichinstrumenten, wenn man hierbei die entsprechenden Saiten-
217
= 40Oberon = 5.Teilton
o
oO
Oktavec” = 1.Oberton = 2.Tedton
—-
Grundton C
Die natürlich-harmonische Summung
(Abb. ıb, S. 218)
Das Charakteristische an der aus den Obertönen aufgebauten
natürlich-harmonischen Stimmung sind die reinen Terzen, die
sog. Klangterzen, die sich aus der harmonischen Teilung der
3 Beispiel an der Orgel:
ı. Grundton mit Obertönen, die von der Orgel nach und nach verstärkt und
wieder zurückgenommen werden.
2. Obertonreicher Grundton, dessen Obertöne ebenfalls durch Verstärken
jeweils eines Obertones und durch Wiederwegnehmen der Verstärkung herausgehoben werden aus dem Klang.
3. Grundtonregisier der Orgel mit verschiedenen Obertonstimmen, die mit dem
Grundtonklang verschmelzen und jeweils die Klangfarbe verändern.
= 4.Tälton
Beim Numerieren der Teiltöne wird der Grundton als erster Teilton mitgezählt,
beim Numerieren der Obertöne jedoch nicht. Der erste Oberton ist also demnach
der zweite Teilton.
schwingenden Saite mit der Proportion 4:5 ebenso ergeben
wie aus den Obertönen (dem Verhältnis von 4:5, vom 4. zum
5. Teilton über dem Grundton). Anders als die aus zwei großen
Ganztönen (8/9 - 8/9) rechnerisch gewonnenen pythagoreischen
Spannungsterzen mit dem komplizierten Quotienten 64/81 entsprechen die natürlich-reinen Terzen dem einfachen Saitenlängen-
Pagina 9
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Abb.1b. Tonstufen im natürlich - harmonischen System
AN
und Teiltonverhältnis 4/5 und setzen sich zusammen aus dem
großen und kleinen Ganzton der Obertonreihe (8/9 : 9/10 = 72/90
= 4/5).
Die natürlich-harmonische Stimmung ist, wie schon ihr Name
besagt, in erster Linie ein naturgegebenes harmonisches System,
Grosse Terz über Set I 5--
das wesentlich geprägt ist durch die Vertikale des harmonikalen
Zusammenklanges der Intervalle, entsprechend dem vertikalen
Aufbau der Obertonpyramide. Die Terzen dieser reinen Stimmung sind ım akkordischen Zusammenklang voller Wohllaut. Ihre
Quint über Quint 5-2
Grosse Terz über Septime &- 5-2
Kleine Terz
Grosse Terz
Grosse Terz über Cis =. >
Quart
Grosse Terz über GanztonD (Tritonus) 2 - 54
Grosse Terz unter B 4:4
Qunt
Grosse Terz über Erz +
Grosse Terz unter Oktave
Sext
a
219
Grundton
Grosse Terz unter Quast —-
[öl spale
Ss»
x)
ae
ale oe ss
P 13 oje ola IS ale sis 8 „je le als oje
Azzuba>rprpeparnmmE>SF
2
C
Teiung einer Monochordsaite
Alan am >
Ion
Musikalische Temperaturen
Grosse Terz über Tritonus Ts 2a 5
Quart über Quart + ZZ
r
Septume, Grosse Terz über Quint -: 5Drei grosse Terıen +
—&
Oktuve
reine natürliche Konsonanz ist eine Freude für das Ohr, weshalb
sie auch für den harmonischen Vollklang im vertikal betonten
mehrstimmigen Gesang und im instrumentalen Zusammenspiel,
besonders auch ım Streichorchester, für die dem Mittelalter folgenden Epochen der Musik nahezu unentbehrlich wurden. Im
melodisch-horizontalen Verlauf fehlt allerdings der reinen Terz
die psychodynamische Aktivität und Entschiedenheit, wie sie der
pythagoreischen Terz eigen ıst.
Im Gegensatz zur natürlich-harmonischen Stimmung ist die
pythagoreische Tonordnung in erster Linie ein melodisches
System. Es gehört der mittelalterlichen Musikkultur an, deren
Charakteristikum die Betonung der musikalischen Horizontale
ist und deren linear verlaufende Melodik geprägt ist durch die
musikalische Dynamik ihrer charakteristischen Intervalle (der
pythagoreischen Spannungsterzen und der leittönigen engen
Halbtöne). Bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts hatte das pythagoreische Tonsystem die Alleinherrschaft in der europäischen
Musik. In bezug auf Stimmungsfragen und Stimmungsstreitigkeiten war diese Zeit, so könnte man sagen, eine Art paradiesischer
Kindheitszustand der europäischen Musik. Das pythagoreische
System war das allein anerkannte, und das Monochord war als
Kanon und Richtschnur für die musikalische Praxis ebenso unentbehrlich wie für die Musiktheorie.
4 Beispiel am Monochord: Klangvergleich zwischen natürlich-reiner Terz und
pythagoreischer Terz.
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Stilwandel um 1300
Dann aber vollzog sich um 1300, mit der Ablösung der Ars
Antiqua durch die Ars Nova, ein bedeutender Stilwandel, der
gekennzeichnet ist durch ein vermehrtes „Ja“ zur Welt, zur Zeitlichkeit und zur Differenzierung bewußter Vorgänge. Die wesentlichen Errungenschaften der Ars Nova gegenüber der Ars Antiqua
wurden im Eranos-Vortrag von 1975 über die „Welten der Musik
im Mittelalter“ ausführlich behandelt.
Für unsere Betrachtungen sind zwei Neuerungen von besonderer Wichtigkeit: ı. die Anerkennung des „unvollkommenen“ Zeitmaßes als gleichberechtigt neben dem „vollkommenen“ und 2. die
Anerkennung der harmonisch-reinen Terz mit dem einfachen
Verhältnis 4:5 (gegenüber der pythagoreischen Terz 64:81) als
Konsonanz.
In der Zeit vor 1300 galt der dreizeitige Takt, das sog. Tempus
Musikalische Temperaturen
221
Symbol der Ganzheit und der Vollkommenheit eines in sich
geschlossenen Systems.
Beim Zeichen des Tempus imperfectum, dem Halbkreis, ist
sozusagen noch alles offen. Der Halbkreis als Symbolzeichen
ermöglicht, ähnlich dem zunehmenden oder abnehmenden Mond,
Entwicklung zum Vollkommenen hin. Im Gegensatz zum vollkommenen Tempus stehend, wird erst durch das Erkennen des
Imperfekten der Kontrast zwischen beiden bewußt, und im
Annehmen des Unvollkommenen neben dem Vollkommenen als
gleichberechtigt kommt die lebendige und schöpferische Korrespondenz zwischen beiden zustande.
Die zweite, für unser Thema besonders bedeutsame Neuerung
dieser wichtigen Epoche ıst die Anerkennung der Terz als Konsonanz. Es war die Anerkennung der Naturgegebenheit der Klangterz, die in der Obertonreihe und in den Naturtönen enthalten ist.
Das war wie ein Erwachen aus der ungestörten Einheit der bisher
perfectum, als das vollkommene Zeitmaß, als musikalisches Symalles beherrschenden pythagoreischen Tonordnung, in der die
bol der Heiligen Dreifaltigkeit. Der zweizeitige Takt hingegen,
das Tempus imperfectum, galt als unvollkommenes Zeitmaß, als
musikalisches Symbol des Irdisch-Weltlichen.
Es war ein revolutionäres Ereignis, als im Zuge der Ars Nova
das bisher gering geachtete imperfekte Zeitmaß, ein absolut
Unvollkommenes also, Gleichberechtigung neben dem vollkommenen, perfekten Tempus erhielt. Es ist ein musikalisches „Ja“ zur
Ich-Du-Beziehung von Schöpfer und Geschöpf, ein „Ja“ zum
Unvollkommenen als notwendige Ergänzung zum Vollkommenen, durch dessen gleichberechtigtes Hinzurreten erst die Dynamik eines polaren Wechselspiels der Kräfte mit der Vielfalt ihrer
Spannungsterz mit ihrem komplizierten Quotienten 64/81 mit
Entwicklungsimpulse möglich wird.
Recht zu den Dissonanzen zählte.
So vollkommen und befriedigend die pythagoreische Stimmung
als rein diatonisches System mit ihren Strebeterzen für die spannungsreiche Melodik der Musik des frühen Mittelalters bis zum
Beginn der Ars Nova war, so unvollkommen und unbefriedigend
waren nun gerade diese pythagoreischen Terzen im Zusammenklang mit anderen Stimmen. Man hatte die Reinheit und Schönheit
der natürlich-harmonischen Terz entdeckt und war damit zugleich
auch mit der Erkenntnis des Unzureichenden und Unvollkommenen der bisherigen Stimmung konfrontiert. Und nicht genug damit.
Man entdeckte, im Zuge des endgültigen Sieges der Mehrstimmigkeit und im heißen Ringen um eine möglichst befriedigende Stim-
Das unvollkommene Zeitmaß als Tempus imperfectum wird ın
der Mensuralmusik des Mittelalters angezeigt durch einen Halbmung der Musikinstrumente, das musikalisch Unvollkommene
kreis, C oder > als Zeichen des Unvollkommenen, als Zeichen
beider Stimmungen, ihre unausweichliche Begrenztheit auf jeweils
auch der nicht geeinten Pole und als musikalisches Sinnbild der
kreatürlich-unvollkommenen Geschöpflichkeit. Das Tempus perfectum hingegen wird dargestellt durch einen Kreis, (), durch ein
nur eine Tonart und eine musikalische Dimension, auf die horizontale Bewegungsrichtung der pythagoreischen Tonordnung oder auf
die vertikale der natürlich-harmonischen Tonordnung.
Pagina 11
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Solange nur eine Dimension vorherrschte, gab es noch keinerlei
Bezogenheit zwischen beiden und keinen Konflikt. Aber mit dem
Zusammentreffen beider Richtungen, wobei die horizontale Bewegungsrichtung durch die vertikale durchkreuzt wird, und mit
der damit verbundenen Eröffnung neuer Dimensionen stellen sich
Probleme ein, die nun bewältigt werden müssen. Mit dem
Wunsch, die natürlich-harmonische Terz einzubeziehen und ın
mehr als nur einer Tonart musizieren zu können, wird eine
Neuordnung des Tonmaterials notwendig. Lösungen müssen gefunden werden, die dem Klangwillen der jeweiligen Zeit Genüge
leisten und die neuen Dimensionen den alten verbinden. Das aber
ist nicht einfach.
Von der Antike bis zur Ars Nova galten lediglich Oktave,
Quinte und Quarte als Konsonanzen, als harmonische und vollkommene Intervalle ihrer klaren und einfachen Proportionen
wegen: ı = Grundton, 1/2 = Oktave, 2/3 = Quinte, 3/4 = Quarte.
Der in diesen Proportionen enthaltene Zahlenraum von 1-4, der
die Grundlage des pythagoreischen Systems bildet, wird durch
Musikalische Temperaturen
223
Vom „Wolf“ in der Musik
Bei den Versuchen, dıe natürlich-harmonische Terz einzubeziehen, reine Quinten zu bewahren und in einen erweiterten Tonraum zu gelangen, der Modulationen in andere Tonarten ermöglicht, ist man über kurz oder lang mit lästigen Intervallresten
oder „Wölfen“ konfrontiert, wie z.B. dem Unterschied zwischen C und His, und muß sich von nun an mit ihnen auseinandersetzen.
Das ıst folgendermaßen zu verstehen: ız von C aus aufsteigende, aufeinanderfolgende reine Quinten ergeben in der siebenten Oktave nicht wieder C, sondern His. Dieses His aber überschreitet die Oktave um 73/74 oder 23,5 Cent. Es handelt sich
hierbei um das sogenannte „pythagoreische“ Komma, einen Intervallrest, der von den alten Musiktheoretikern als „alter Wolf“
gegenüber den anderen „jungen Wölfen“ bezeichnet wurde (siehe
Abb. 2,$. 224).?
Beim Stimmen muß dieser Intervallrest durch Verkleinerung
Hinzutreten der natürlichen Terz mit der Proportion 4/5 auf 5
einiger oder aller Quinten auf irgendeine Art so verteilt werden,
erweitert, und eine neue Klangdimension kommt hinzu. Damit
daß alle Oktaven rein sind.
Einem anderen Intervallrest oder „Wolf“ begegnet man bei der
Aufeinanderfolge von Terzen. Wenn man z.B. drei aufsteigende,
aufeinanderfolgende große reine Terzen, von C ausgehend, in die
aber ergeben sich grundlegende Veränderungen der Intervallproportionen, insbesondere von großer Terz (mit der einfachen Proportion 4/5 anstelle der pythagoreischen mit 64/81) und von großer
Sexte (mit der einfachen Proportion 3/5 anstelle der pythagoreischen mit 16/24).
Das mit diesen Änderungen einsetzende Problem des Stimmens
der Musikinstrumente wird ın der Folge an den Tasteninstrumenten, die in ihrer Stimmung auf ı2 Töne in der Oktave festgelegt
sind, besonders deutlich. Man hat jeweils nur eine Taste für einen
der ı2 Töne zur Verfügung. Eine solche Taste, z.B. C, kann aber
auch His oder Deses darstellen, drei Töne also, die absolut nicht
ıdentisch sind miteinander, sondern um kleine Farbtöne, sogenannte Chromata, voneinander unterschieden. Wie sıummt man
nun die jeweiligen Tasten ein?
Oktave einpassen will (C-E-Gis-His), dann erreicht man mit der
dritten Terz nicht die reine Oktave von C, sondern ebenfalls ein
His, aber dieses His ist hier um einen bestimmten Intervallrest
kleiner als C. Der Unterschied beträgt 125/128 oder 4ı Cent. Es
handelt sich hier um die sogenannte „kleine Diesis“ (s. Abb. 2,S. 224).
Beim Stimmen muß auch dieser Differenzwert durch Vergrößerung einiger oder aller Terzen verteilt werden.
Es gibt noch andere Restintervalle, so z.B. die „große Diesis“,
5 Beispiel am Monochord: Das pythagoreische Komma, Klangvergleich zwischen
C und His, das um 23,5 Cent höher isı als C.
6 Beispiel am Monochord: Die kleine Diesis: Klangvergleich zwischen C und dem
um 4ı Cent tieferen His.
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Musikalische Temperaturen
225
die mit vier aufsteigenden, aufeinanderfolgenden kleinen Terzen,
Abb. 2. Pythagoreisches Komma und. kleine Diesis
von C ausgehend, die reine Oktave zu C um 648/625 oder 62,5
Cent überschreitet, oder das sogenannte „syntonische Komma“
(80/81 oder 21,5 Cent) als Unterschied zwischen der natürlichharmonischen Terz und der pythagoreischen Spannungsterz. Da
jedoch durch die jeweilige Wahl der Quinten und der großen
Terzen (durch das Verteilen des pythagoreischen Kommas auf die
Quinten und durch das Verteilen der kleinen Diesis auf die großen
Terzen) die anderen Intervalle (große und kleine Sekunde, kleine
Terz, Quarte, Sexte und Septime) festliegen, sind diese Intervallreste von selbst mitverteilt und können daher an dieser Stelle
unbeachtet bleiben.
Von nun an besteht die Aufgabe jeder Stimmung, die reine
Oktaven zur Voraussetzung hat, darin, zugunsten der Erweiterung des Tonraumes die genannten Intervallreste auf die Quinten
(pythagoreisches Komma) und auf die großen Terzen (viermal die
kleine Diesis) zu verteilen und hier Ausgleiche zu schaffen, d.h.
zu temperieren und mit dem leidigen Wolfsproblem auf irgendeine
möglichst günstige Art fertig zu werden. Daher werden diese
Stimmungen auch Temperaturen genannt.
Der berühmte Orgelbauer und Organist Arnold Schlick schreibt
hierzu im Jahr ı5ı1 Folgendes: „Da somit die Intervalle zwar in
Dis
[B
sich selbst rein sind, sich aber im Zusammenklang stören, muß
man einem jeden in der Reinheit einen kleinen Abbruch tun und
sie so zu vereinigen suchen, daß das eine das andere tragbar
machen hilft ... So werden die Dissonanzen, die von den Orgelbauern ‚Wölfe‘ genannt werden, so gut es geht verteilt und auf
solche Stellen verlegt, wo sie das Ohr am wenigsten beleidigen.“
Im selben Zeitraum veröffentlicht Kopernikus seinen „Commentariolus“ (1512), in welchem er die Grundlagen seines neuen
Weltbildes darlegt. Nicht mehr wird die Erde, wie bisher, als
alleiniger Mittelpunkt betrachtet, um den sich die Sonne mit den
anderen Planeten dreht, wie Ptolemäus es lehrte - und wie es jeder Mensch täglich erlebt. Das Wissen setzt sich an die Stelle des
Erlebens und fügt der bisherigen Weltsicht den entgegengesetzten
Pagina 13
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Musikalische Temperaturen
227
Aspekt hinzu. Damit wird der Vollkommenheit des bisherigen
Weltbildes ebenfalls ein kleiner Abbruch getan. Und es stellt sich
finden durch Teilung der großen Terz in zwei gleich große Ganzin der Folge heraus, daß jedes Weltbild für sich, wenn es verabso-
Für das lästige Wolfsproblem fand man hier folgende Lösung:
Die unangenehmen Differenzwerte wurden im wesentlichen auf
Tonarten abgeschoben, die weniger gebräuchlich waren. Dadurch
blieben in den am meisten gebrauchten Tonarten (C-, F-, G-, BDur) die reinen Intervalle gewahrt. Sie wurden in einer harmonischen Mitte dargestellt (= mitteltönig) und waren durch ihre
reinen Terzen von besonderer Klangschönheit. Die anderen Tonarten aber, auf welche alle vorhandene Unstimmigkeit abgedrängt
lutiert wird, unvollkommen und unvollständig ist. Erst beide
Weltbilder zusammen ergeben die ganze dem Menschen mögliche
Weltsicht, die wiederum der nächst umfassenderen gegenüber
unvollkommen bleiben muß.
Etwa 50 Jahre später wirft der Franziskaner und Musiktheoretiker Zarlino (1517-1590) die Frage auf: „Warum können wır denn
die reinen Intervalle, die uns die Natur, die uns Gott gegeben hat,
nicht rein erhalten? Warum müssen wir sie doch verfälschen?“
Und er antwortet: „Das hat Gott gemacht, um zu beweisen, daß
töne.
worden war, waren so gut wie gar nicht spielbar. Man nannte sie
daher „Wolfstonarten“. Einer der alten Musiktheoretiker meint
die Perfektion, das absolut Vollkommene, nicht den Menschen
hierzu: „Der Wolf heißt so, weil Wölfe heulen, und unreine
gehört. Die Menschen müssen mit unvollkommenen Sachen arbei-
Orgeln gleichermaßen“ (J. Adlung, Musica mechanica organoedi,
ten. So müssen auch die Intervalle, um für den Menschen brauch-
1768, $. 53).
bar zu sein, ein wenig unvollkommen gemacht werden.“ (Istitutioni harmoniche, 1558)
III. Die mitteltönige Temperatur
Die musikalischen Temperaturen sind Versuche, das Problem des
Unvollkommenen in der Musik zu bewältigen und mit den nicht
wegzuräumenden Restintervallen oder Wölfen auf irgendeine
möglichst günstige Art fertig zu werden. Das erste Ergebnis dieser
Bemühungen, eine brauchbare musikalische Lösung zu finden, ist
die mitteltönige Stimmung oder mitteltönige Temperatur, auch
Praetoriusstimmung oder Mitteltönigkeit genannt.
Die mitteltönige Temperatur ist eine Tonordnung, die erwachsen ıst aus dem Erlebnis der natürlich-harmonischen Terzen und
dem Klangwillen einer Zeit, die von nun an diesem reinen Intervall
eine herrschende Stellung einräumt. In dieser Stimmung wird
versucht, zugunsten der reinen Terzen zwischen den Extremen des
großen (8/9) und des kleinen Ganztones (9/10) eine Mitte zu
Tatsächlich waren die Tonreihen, in welchen die „Wölfe“ saßen
(die Quinte As-Es, die Terzen über Cis, Dis, H und Fis, H-Dis
Fis-B, Gis-C und Cis-F), klanglich so unrein und mit derart
störenden dissonanten Schwebungen belastet, daß der Vergleich
mit dem Heulen der Wölfe für musikalische Ohren durchaus
zutreffend ist (s. Abb. 3, $. 228).
So gab es nun in den reinen Tonarten der Mitteltönigkeit eine Art
Engelsbereich von großer Klarheit und Schönheit und als Gegensatz
hierzu in den Wolfstonarten eine Art Teufelsbereich unerträglich
dissonanter Natur.”
Bis hin zu J.$. Bach ist in dieser Stimmung, also in der sog.
Mitteltönigkeit, das abendländische Tonsystem zu sehen, dessen
charakteristische Merkmale eine proportionsgebundene Diatonik
und Chromatik in größtmöglicher Reinheit sind. Hierbei ist die
Terz das dominierende Intervall. Wenn man die Werke der alten
Meister in der ihnen gemäßen mitteltönigen Stimmung zu hören
Gelegenheit hat, begreift man auf einmal die Terzenseligkeit dieser
7 Beispiele an einer mitteltönig gestimmten Orgel: Klangvergleiche zwischen reinen
Tonarten und Wolfstonarten.
Pagina 14
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)arten rein spielen kann. Die Möglichkeit, Tonarten zu transponie4
ren, ist stark begrenzt; denn bei jedem Versuch, in einen erweiter-
+80
+20
+80
rüber DokBBFCGEDAENHNRK
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-
—
Owntübe DaB 5EBFCGDREHR
et
219
Musik. Das Aufstrahlen der reinen Terzen in dem Klanggefüge
dieser proportionsgebundenen Musik wirkt beglückend.
Der Nachteil dieser Stimmung ist, daß man nur in einigen Ton-
Abb3. Öraphische Darstellung verschiedener Temperaturen
ent
Nittellönige Temperatur
+
Musikalische Temperaturen
Temperalur nach Werckmeister 1691 (Buxtehude)
ten chromatischen Raum zu gelangen, begegnet man über kurz
oder lang dem „Wolf“.
Psychologisch betrachtet, läßt sich dieser Wolf sehr wohl vergleichen einer inferioren, minder entwickelten Funktion, welche
durch Verdrängung immer unannehmbarer geworden ist. Daher
hört es sich für einen Psychologen ganz vertraut an, was der
Musiktheoretiker Michael Praetorius im Jahre 1619 zum Problem
des Wolfes schreibt: „Etliche meinen, der Wolf sei bei fis/gis,
andere wollen den Wolf woandershin abschieben. Ich aber lasse
un IT RInderBRBEBFCGDREIn
HRs
Quintüber Ds EBFCGDAE
FR
Temperatur nach Kimberger 1179 [Bach)
einem jeden seine Meinung, und ist am besten, daß der Wolf mit
seinem widrigen Heulen im Walde bleibe und unsere Harmonias
concordantias nicht inturbiere.“ Wir sehen, das Problem der
Verdrängung des Schattens im tonalen Raum gab es schon damals.
Da noch zu Bachs Zeiten die meisten Orgeln mitteltönig
gestimmt waren, zogen Meister wie J. S. Bach und G. F. Händel
die Wolfstonarten gelegentlich zu klangmalerischen Aussagen
heran, vor allem zur Darstellung von Reue, Leid, Schmerz, Trauer
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und ebenfalls spielbar zu machen (so bei A. Werckmeister 1691,
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400 Gem} = 4 [‚gleichschnebender‘) Halblon
11IT
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und Wehklagen. So ist z.B. der Choral „Ich bin’s, ich sollte
büßen“ aus der Matthäuspassion in der Wolfstonart As-Dur geschrieben und wirkt mit seinem Dissonanzenreichtum um vieles
eindringlicher als in einer reinen Tonart.
Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte wurden sehr viele
Versuche gemacht, den sogenannten Wolf zu integrieren, um damit
die bisher tabuierten Tonarten aus ihrer Isolierung zu befreien
-
I
L. Euler 1739, J. Mattheson 1939 u. a. m.). Ein frühes Beispiel
hierfür ist die Temperatur nach dem Organisten und Musik-
Gunlüer DkhEBFCGDREHR
schriftsteller Andreas Werckmeister (1645-1706), die er in seiner
+ VBFÖSSEHUNG je, Intervn llag
Schrift, Musikalische Temperatur und wahrer mathematischer
Unterricht, ... wie man die Orgelwerke wohltemperiert stimmen
— - Verklanerung
Pagina 15
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Musikalische Temperaturen
231
könne (1691), darlegt. Er versucht hier, den „Wolf“ zu bewältigen
dadurch, daß er, durch Einbeziehen pythagoreischer Werte die
Mitteltönigkeit ausweitet (8 reine Quinten und von der reinen
Mitte C aus eine ansteigende Schärfung der Terzen; s. Abb. 3,
IV. Die Wohltemperierung
1706) in Lübeck bei Dietrich Buxtehude (1637-1707) kennen.
Bach war zu dieser Zeit seit 2 Jahren Organist in Arnstadt und ließ
In der Wohltemperierung Bachs sınd die Wolfstonarten aus ihrer
Isolierung befreit, verwandelt und dem Ganzen eingefügt. Die beiden Teile seines „Wohltemperierten Klaviers“ (1. Teil 1722, 2. Teil
1744) mit ihren zweimal je 24 Praeludien und Fugen zielen hin
auf den Gewinn einer neuen Ganzheit, auf Gewinnung des ganzen
sich einige Wochen beurlauben, um Buxtehude, den bedeutend-
Tonraumes mit seinen 24 Dur- und Moll-Tonarten. Das „Wohlsten Kirchenmusiker jener Zeit, zu besuchen und kennenzulertemperierte Klavier“ stellt eine Einführung dar in den nun in seiner
Vollständigkeit erfahrbaren Tonraum als einer sinnvoll gestuften
und gegliederten Welt, als einer Welt der Harmonie und Ordnung
unter Einbeziehung auch der Dissonanz als Bewirkerin einer
bewußten Erfahrung der Konsonanz. jede der chromatischen
Halbtonstufen kann nun zum Grundton einer eigenen Dur- oder
$. 228),
Diese Stimmung lernte der Junge
J. $. Bach mit 20 Jahren (1705/
nen. Dietrich Buxtehude hatte ın St. Marien zu Lübeck eine von
Andreas Werckmeister gestimmte Orgel. Bach gefiel es hier so
gut, daß er seinen Urlaub reichlich überzog und eine Rüge seines
Konsistoriums einstecken mußte.
Diese ersten Bemühungen, die Wolfstonarten schöpferisch einzubeziehen, entsprechen im psychologischen Raum dem Beginn
einer Integration des eigenen Schattens, die es zu tun hat mit dem
Erkennen und dem Annehmen der Dunkelheiten und Schwächen
der eigenen Person, was immer zugleich heißt, der Vorstellung
von der Vollkommenheit und absoluten Reinheit der eigenen
Person „einen kleinen oder auch größeren Abbruch“ zu tun zugunsten einer größeren Vollständigkeit der Selbsterkenntnis und
damit auch der Welterkenntnis. Und ebenso wie im seelischen
Raum das Einbeziehen eines bisher verdrängten Seelenteiles eine
„ Erweiterung und Bereicherung des Bewußtseins und damit einen
Persönlichkeitszuwachs darstellt, so auch im Musikalischen. Mit
dem Spielbarwerden der bisher völlig links liegengelassenen
„Wolfstonarten“ eröffneten sich ganz neue musikalische Möglichkeiten.
Der genialste, folgenreichste und fruchtbarste Vorstoß, alle
Tonarten spielbar zu machen, durch temperierendes, sorgfältiges
Zähmen und Integrieren der Wölfe, wurde von ]. S. Bach unternommen.
Moll-Tonart werden. Nicht mehr ist ein ganzer Klangbereich
abgetrennt und nahezu unerreichbar.
Wohltemperierung - das heißt jedoch keineswegs Gleichsetzung
und Nivellierung der Tonarten. Bach hatte ein sehr ausgeprägtes
Feingefühl für die Besonderheit jeder einzelnen Tonskala. Er
verteilte die störenden Restintervalle sorgfältig abgestuft und temperierend auf das gesamte Tonmaterial. Hierbei blieb die Individualität der einzelnen Tonarı voll bestehen. Das Haupterfordernis
einer guten Temperatur ist nämlich nach der Lehre Bachs, die er in
seinem „Wohltemperierten Klavier“ vermittelt, die volle Wahrung
der Mannigfaltigkeit der Töne mit allen unterschiedlichen Merkmalen der Tonarten. Diese Vielfalt der Tonarten ergibt sich aus
den verschiedenen Proportionswerten der einzelnen Intervalle.
Ihre unterschiedliche, stets wieder neue Anordnung ergibt in
immer wieder anderen Schwebungen die mannigfaltigen Charaktere der einzelnen Tonarten. Der Bach-Schüler Johann Philipp
Kirnberger hat in seinem Werk von der „Kunst des reinen Satzes“
(1739-1741) die Temperatur-Lehre Bachs, welchen er „den größten Harmonisten aller Zeiten“ nennt, methodisch und inhaltlich
dargelegt. Er schreibt, daß die Ausführungen in seinem Werk
Pagina 16
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)nicht seine eigene Weisheit darlegten. Er habe lediglich ausgerechnet, was er bei seinem Lehrer, ]J. S. Bach, gehört habe, und er habe
alles, was er sage, aus seines Lehrers Werken abstrahiert.
Diese integrierende Temperatur läßt dem unterschiedlichen
Charakter der verschiedenen Tonarten freien Raum und wahrt
damit die Individualität der einzelnen Tonart. Das liegt daran,
daß sie auf dem alten unverfälschten Bestand natürlich-harmonischer Intervalle (gebunden an die physikalische Wirklichkeit der
Primzahl-Proportionen) und pythagoräischer Intervalle basiert
(s. Abb. 3, S. 228).
Dem Vorgang der Befreiung der Wolfstonarten aus ihrer Tabuierung und der damit verbundenen Entwicklung eines Tonartenzirkels von 24 Dur- und Molltonarten individuellen Charakters
entspricht auf psychologischem Gebiet die Entwicklung und Reifung der Person zur individuellen Ganzheit durch die Befreiung
verdrängter Kräfte aus dem Unbewußten und deren Entwicklung,
Differenzierung und Integration.
Die Wohltemperierung des J. S. Bach ıst jedoch etwas ganz
wesenhaft anderes als unsere heutige gleichschwebende 'Temperatur, die sogenannte Gleichschwebung oder Gleichstufigkeit.
V. Die gleichschwebende oder gleichstufige Temperatur
Die sogenannte gleichschwebende Temperatur begann erst lange
nach dem Tode Bachs - gegen Ende des ı8., Anfang des 19.
Jahrhunderts - eine beherrschende Stellung einzunehmen, ungeachtet der vielen heftig ablehnenden Stimmen aus Musiker-,
Orgelbauer-, Organisten- und Musikgelehrtenkreisen. Im Vergleich zu der Vielfalt der Farbtöne oder Chromata in der Bachschen Wohltemperierung bedeutet nämlich die Gleichschwebung
eine Nivellierung im Sinne eines Abbaus der Tonartencharakteristik zugunsten einer kollektivierenden Gleichschwebung. Neuere
musikwissenschaftliche Untersuchungen auf diesem Gebiet haben
wichtige Quellen zur Klärung dieser Fakten aufgefunden und
Musikalische Temperaturen
233
erforscht (vergleiche H. Kelletat, Zur musikalischen Temperatur,
1960).
Im Gegensatz zur Wohltemperierung Bachs verteilt unsere
heute gebräuchliche gleichschwebende Temperatur die Intervallreste oder „Wölfe“ ganz gleichmäßig auf alle ı2 Tonarten. Der
Abstand von einem Ton zum anderen ist völlig egalisiert, d.h.
jeder temperierte Halbton beträgt immer gleichbleibend 100 Cent.
(1 Cent = Yo Halbton = logarithmische Festlegung der Tonabstände als Relation, unabhängig von der Frequenz.) Mit dieser
Gleichsetzung, die einer klanglichen Kollektivierung entspricht,
verloren die Tonarten ihr individuelles Gepräge, so daß der
Musikgelehrte J. Mattheson im Jahre 1739 klagt: Sie klingen aber
alle falsch, wenn man sie gleicher Größe macht; denn es sei doch
„der Music-Zweck keineswegs, daß die ı2 Semitonia (= Halbtöne) alle gleich groß sein sollen“ (s. Abb. 3, $. 228). Und ein
Musikforscher unserer Tage stellt Ähnliches fest, wenn er mitteilt,
daß „gleichschwebenden Klängen stets erwas Verschwommenes,
Verstaubtes“ anhafte. „Es klingt gleichsam wie durch ein Sieb“,
meint er, „und das liegt an den, durch die konsequente Unreinheit
des gesamten Tonmaterials bedingten, unaufhörlichen gegenseitigen Störungen der Klangspektren“ (Kelletat, S. 34, 74).
Die Tonsprache Bachs dagegen bewegt sich einerseits noch in
der Mitteltönigkeit und andererseits in der neuen Wohltemperierung, als einer um die bisherigen Wolfstonarten bereicherten und
erweiterten Mitteltönigkeit. Es bleibt in der Wohltemperierung
Bachs die ganze Farbigkeit der mitteltönigen Chromatik erhalten. Doch ist sie nicht mehr an einzelne reine Tonarten gebunden, sondern zur vollen enharmonischen Beweglichkeit befreit.
Verglichen mit der Differenziertheit der Wohltemperierung,
ist die moderne Gleichschwebung ein abstrakt-mechanisches
System.
Musiziert man die für die mitteltönige Stimmung komponierten
Werke (von Sweelinck, Scheidt, Frescobaldi oder anderen Komponisten) der frühen Zeit in der modernen Gleichschwebung, so
klingen sie stets etwas langweilig, da die vielen Terzen niemals
Pagina 17
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)ganz rein sind und mit ihren Schwebungen das Ohr ermüden.
In der ihnen gemäßen Stimmung dagegen strahlt diese Musik
in großer Reinheit auf, und man wird ihrer nicht müde zu
hören. Ebenso hören sich die Werke Bachs völlig neu an, wenn
man sıe in der Bach-Kirnberger-Stimmung musiziert. Die vielen
Musikalische Temperaturen
235
Abb.4. Temperalwen im Kreis der Oktave
Übergänge von Tonraum zu Tonraum, die kühnen Dissonanzen
sowie die erlösenden Konsonanzen erklingen in leuchtender Farbigkeit und werden auf einmal sinnvoll. Bachs Modulationen
beispielsweise führen in erregendem Wechsel der Tonarten durch
die verschiedensten Klangräume. Sie werden hier zum gestalterischen Element der Komposition, während sie, in der Gleichschwebung gespielt, keine besonderen Neuigkeiten für das Ohr
bedeuten, da alles gleichsam uniformiert ist.
Der Schritt zur tonal nicht mehr gebundenen Zwölfton-Musik
ist eine unmittelbare Folge der gleichschwebenden Temperatur.
Wenn die Oktave in ı2 genau gleiche Tonabstände zerlegt wird, ist
es nun möglich, ganz abstrakt mit diesem Tonmaterial zu spielen.
Von daher gesehen läßt sich die Zwölfton-Musik als kühner
Versuch verstehen, der durch die Gleichschwebung unergiebig
gewordenen bisherigen Tonordnung das völlig atonale Spiel mit
den 12 Halbtönen der Skala entgegenzustellen. Daß der Zwölftonlehre in ihrer strengen Form keine allzu lange Lebensdauer
beschieden war, ist verständlich, da die ihr zugrunde liegende
Gleichschwebung kein lebendiges Hörerlebnis ermöglicht, sondern im Gegensatz zur Wohltemperierung ein intellektuelles
„Zurechthören“ zur Bedingung macht. „Die gehäuften Schärfen
[dieser Musik] wirken zwar im Anfang erregend, da ihnen aber der
Ausgleich durch Klänge geringerer Spannung fehlt, ermüdet das
Ohr rasch bei ihrer Aufnahme.“ (Kurt Fiebig, Musik und Kirche,
1968, Heft 3, S. 128) In der Wohltemperierung der Bach-Kirnberger-Stimmung hingegen ist (ebenso wie in der Mitteltönigkeit) die
Lebendigkeit und Variabilität des Tonmaterials sehr groß, weil die
Vielfältigkeit der chromatischen Intervalle dem Ohr ein phänomenologisches Hören ermöglicht (s. Abb. 4, $. 235).
In Berlin befindet sich eine Hausorgel, welche in drei verschiede-
——— Natürlich- harmanische Teilung
---- Miktellönige Temperatur
„nu Temperalur nach Kirnberger
— + Gieichschwebende” Temperakur
=" Athagoreische Teilung
nen Temperaturen spielbar ist. Durch ein Umstellverfahren kann
man von der mitteltönigen zur wohltemperierten und zur gleichschwebenden Temperatur überwechseln. Dadurch lassen sich
besonders eindrucksvolle Klangvergleiche durchführen, und es ist
Pagina 18
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)möglich, die Musikliteratur der verschiedenen Jahrhunderte in der
ihnen jeweils gemäßen Tonordnung zu musizieren.
Musikalische Temperaturen
237
profanen, subalternen. Hierbei wird die Kirchenmusik (Musica sacra)
in enge Beziehung gesetzt zur Musik des Himmels (Musica coelests), die Volksmusik aber (Musica profana oder Musica subalterna) wird in allernächste Nähe zur Hölle gerückt und als dem
Psychologische Betrachtungen zu den
musikalischen Temperaturen
Die drei großen und bedeutenden musikalischen Temperaturen,
die im ersten Teil behandelt wurden (1. die mitteltönige Temperatur mit ihren reinen und unreinen Tonarten; 2. die Wohltemperierung, die das Unvollkommene schöpferisch einbezieht; 3. dıe
gleichschwebende oder gleichstufige Temperatur, welche in stets
Teufel verschwistert betrachtet. Diese strenge Trennung finder
sich wieder in den reinen Tonarten und den Wolfstonarten der
mitteltönigen Temperatur. Der anderen Richtung mittelalterlichen
Musikdenkens geht es um das „Ja“ zur Geschöpflichkeit, ebenso
wıe um das „Ja“ zum Schöpfer; sie erstrebt in der weltzugewandten Richtung eine neue übergreifende Ordnung. Ihren klanglichen
Ausdruck findet diese Haltung z.B. in der Bach-Kirnbergerschen
Wohltemperierung.
Psychologisch betrachtet ist das in den reinen Tonarten der mitgleichem Abstand 100 Cent an 100 Cent reiht), kann man betrachten als klangliche Manifestationen recht unterschiedlicher Geisteshaltungen dem Unvollkommenen gegenüber.
In der mitteltönigen Stimmung erscheint im tonalen Raum eine
Verlangens, das zutiefst im menschlichen Wesen verankert ist und
Art klanglicher Niederschlag zweier ganz verschiedener Erscheiseine volle Berechtigung hat. Als eine unter anderen mögliche
nungsweisen mittelalterlichen Denkens. Die eine ist im tiefsten
Verhaltensweise des Menschen dem unausweichlich Unvollkommenen gegenüber, ist es in gewisser Hinsicht sogar lebensnotwendig. Wer brauchte nicht immer wieder Zeiten der Rekreation, des
Einbettens in konfliktfreie Zonen und in Bereiche seelischer Konsonanz mit Gleichgesinnten. Solange diese Spielart menschlichen
lebensverneinend und leibfeindlich. Alle Kunst steht ıhr im Verdacht, die Seele zu verführen, so daß sie der Sinnenlust verfällt,
anstatt in strenger Entsagung rein geistigen Zielsetzungen zu
folgen. Die andere Denk weise jedoch ist lebens- und kunstfreundlich. Ihr dient alles zum Lobe des Schöpfers, die Kunst ebenso wie
teltönigen Temperatur zutage tretende Streben nach Bereichen,
in denen, wenn auch nur in begrenztem Raum, Frieden und
Eintracht, Schönheit und Konsonanz herrscht, Ausdruck eines
Verhaltens den unausweichlichen Unstimmigkeiten des Lebens
Gebet, Gottesdienst und Sakramente. Während für die eine Denkgegenüber nicht zur Dauerhaltung wird, kann im seelischen Raum
weise die Welt in unvereinbare Gegensätze zerfällt, ist sie der
das Einbeziehen einer mitteltönigen Gestimmtheit ebenso sinnanderen ein Ganzes, in welchem die Gegensätze sich zu ergänzen
berufen sind.
zwei verschiedene Richtungen mittelalterlichen Musikdenkens.
voll, naturgegeben und beglückend sein wie die musikalische
Praxis, Werke aus der Zeit der Mitteltönigkeit in der ihnen gemäßen Temperatur zu musizieren.
Sobald jedoch dieses sich-Bewegen in den begrenzten Räumen
Die eine teilt die Musik ein in zwei miteinander unvereinbare
der konfliktfreien Tonarten des Daseins zur ausschließlichen
Entsprechend diesen verschiedenen Einstellungen gibt es auch
Bereiche, einen sakralen und einen von diesem streng isolierten,
8 Beispiele an einer Hausorgel: Klangvergleiche zwischen den drei verschiedenen Temperaturen.
Lebenshaltung wird, besteht die Gefahr eines Entwicklungsstillstandes durch die konstante Verdrängung alles Unliebsamen. All
die Nöte und Unzulänglichkeiten, die das Leben mit sich bringt,
werden hier nicht bewältigt und produktiv verarbeitet, so daß
Pagina 19
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)neue Reifungsphasen sich eröffnen könnten. Hingegen werden alle
Schwächen und Schattenseiten der eigenen Person, des eigenen
Volkes oder auch der eigenen Partei auf den bösen Nachbarn
dieser oder jener Art abgeschoben. Ihn macht man zum „Wolf“.
Aus der psychotherapeutischen Praxis ıst uns das Problem der
Konfliktverdrängung zur Genüge bekannt. In den Träumen
erscheinen diese abgeschobenen, nicht bewältigten unliebsamen
Inhalte ın den verschiedensten Bildern und gelegentlich auch in der
Gestalt des Wolfes oder des aggressiven Wolfshundes. Denn es
gibt in der Natur reale Wölfe, es gibt im übertragenen Sinne
Wölfe, wie z.B. den sprichwörtlichen Wolf im Schafspelz. In der
Musikalische Temperaturen
239
Traumes nahezubringen. Die Wölfe im Traum waren ja friedlich
entgegengekommen, keineswegs ausgehungert, sondern offenbar
gesättigt und mit dem Versprechen, Gutes zeigen zu können, das
wichtig sei für den Träumer.
Ohne Zweifel handelte es sich bei den Wölfen des Traumes
um verdrängte, unbewußte Schattenkomponenten des Träumers
selbst, die meistens in enger Beziehung zum Trieb- und Instinktleben stehen. Als eine dem Träumer innewohnende, ihm unbekannte Instinktseele, die ihrer Bewußtwerdung und Integration
harrt, naht sie dem Träumer in doppelter Gestalt mit der Zusage,
nichts Böses zu beabsichtigen, sondern Bereicherung bringen zu
Gelegentlich tauchen sie in den Träumen auf und versuchen, den
wollen. Vermutlich handelte es sich hier um einen ganz besonders
dringlichen Versuch des Unbewußten, verdrängte, unverarbeitete Erlebnisreste oder Schattenqualitäten an die Schwelle des
Träumenden auf sich aufmerksam zu machen.
So träumte z.B. ein amerikanischer Berutsmusiker Folgendes:
die allmähliche Bereicherung des Bewußtseins durch einen abge-
„Er begegnet im Traum auf einem Waldspaziergang zwei Wölfen,
sunkenen Seelenteil zu ermöglichen.
einem großen und einem kleinen, offenbar einem alten und einem
jungen Wolf. Er erschrickt heftig und ist voller Angst, verschlungen zu werden, aber die Wölfe bedeuten ihm, daß sie es gut mit
ihm meinen, er solle nur mit ihnen gehen. Sie würden ihm
Wichtiges zeigen können.“
Der Musiker erwachte mitten in der Nacht voller Angst und
Musikalisch gesehen hatte dieser Mann (der übrigens nichts von
der Mitteltönigkeit und ihren Wolfstonarten wußte) sich nur in
den wenigen konfliktfreien Lebenstonarten aufgehalten und die
anderen sorgfältig gemieden. Nun aber nahte, mit der Bitte der
Wölfe um Annahme, der nächste Entwicklungsschritt, der ihn zur
Konstellation der Wohltemperierung im seelischen Raum durch
Annehmen und Verwandeln seiner unbewußten Wolfsnatur anregen wollte. Die unbewußte Instinktseite des Musikers schien den
Zeitpunkt für eine Kontaktaufnahme für gekommen zu halten, das
bewußte Ich dieses Menschen aber hielt sich noch nicht für kräftig
genug, dieses Unterfangen zu wagen. Der Musiker folgte dem
Auftrag dieses Traumes nicht und verfiel in der Folge leider gerade
Musik gibt es, wie wir gehört haben, Wölfe, und auch in den
unbewußten Tiefen der menschlichen Seele können Wölfe hausen.
faßte den Entschluß, sich den Wölfen nicht anzuvertrauen. Zu den
Wölfen assoziierte er spontan seinen Freund, einen Psychotherapeuten, und dessen jüngeren Kollegen. Er hatte sich seit langem mit
dem Gedanken getragen, sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben, seiner Depressionen wegen. Doch fürchtete er
vorerst noch, durch den Prozeß der Bewußtwerdung seine künstlerische Potenz zu verlieren. Nun betrachtete er den Traum als
eine Warnung vor diesem Unterfangen, und er erklärte seinen
beiden bestürzten Freunden, ebensowenig wie er vorhabe, sich
von Wölfen verspeisen zu lassen, habe er nun vor, jemals eine
psychotherapeutische Behandlung zu beginnen. Der Psychotherapeut versuchte, seinem Freunde auch den positiven Aspekt des
Bewußtseins zu heben, um ihre Integration anzubahnen und damit
dem, was er so dringlich hatte vermeiden wollen, einer schweren
psychischen Störung, die mit einer tiefgreifenden Verstimmung
seines ganzen Wesens einherging und sein künstlerisches wie
pädagogisches Schaffen stark beeinträchtigte.
Ein anderer Traum, in dem Wölfe auftauchen, stammt von einer
35jährigen Frau, die wegen schwerer Ehekonflikte psychothera-
Pagina 20
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)peutische Beratung gesucht hatte. In diesem Traum sieht sie,
wie ein nach außen hin sehr liebenswürdiger Mann, der in Wirklichkeit egoistisch und brutal ist, eine Frau in einen Zwinger mit
ı0 Wolfshunden eingesperrt hat. Diese Hunde sind sehr bissig und
aggressiv. Da beginnt sie zu singen, und die Tiere werden sanft
und ruhig und tun ihr nichts. Sie gehorchen ihr ohne Worte.
Zu diesem Traum fiel der Frau zunächst spontan ihr Mann
(objektiv betrachtet) ein, der ein stark nach außen gewandter,
begabter, sehr wendiger und liebenswürdiger Mensch war, mit
einer sehr glatten, gut sitzenden Fassadenhaltung, der sich in der
Ehe jedoch als schwierig, egozentrisch und gefühlskalt erwies. Sie
fühlte sich von ihm eingesperrt und seinen Aggressionen ausgesetzt, so wie die Frau im Traum den Wolfshunden. Als sie den
Traum unter einem anderen Aspekt betrachtete (auf der sogenannten Subjektstufe), fiel ihr ein, daß dieser Mann ihre eigene,
noch sehr unausgewogene männlich-aktive Kraft verkörpere. Zu
den Wolfshunden assoziierte sie ihre eigene eingesperrte Triebund Instinktseite, die durch Verdrängung negativ und destruktiv
zu werden drohte. Das Singen wirkt hier — der uralten harmonikalen Bedeutung der Musik entsprechend - ausgleichend, ausbalancıerend, verwandelnd und besänftigend, so wie ein Heilmittel,
das das jeweils Fehlende ergänzt und die Harmonie der Kräfte
wieder herstellt.
Bei beiden Eheleuten hatten sich durch Jahre hindurch heftige
Aggressionen gestaut. Sie waren beide außerordentlich verschieden veranlagt, hatten in sehr jungen Jahren geheiratet und hatten
sich nun vollkommen auseinanderentwickelt. Der Mann hatte
inzwischen eine andere Frau kennengelernt und wünschte die
Scheidung. Vor dieser Scheidung hatte die Ehefrau große Angst,
da sie keinerlei Beruf hatte und mit ihren zwei Kindern von ihrem
Mann wirtschaftlich abhängig war. So fühlte sie sich in der Tat
eingesperrt und den wölfischen Aggressionen des Partners hilflos
ausgeliefert. Der Traum, mit der Besänftigung der Tiere durch
Musikalische Temperaturen
241
in stoßkräftiges Durchsetzungsvermögen, gewann ihr gesundes
Selbstvertrauen zurück und lernte allmählich, die in ıhr wirkenden
Kräfte des Ausgleichs sinnvoll zu nutzen.
Musikalisch gesehen, bahnte sich hier im Unbewußten dieser
Frau eine Verwandlung und Integration der seelischen Wolfstonarten an, wie wir es aus dem Übergang von der Mitteltönigkeit zur
Wohltemperierung bereits kennen. Denn die zahlreichen, durch
Jahrhunderte gehenden Versuche, die Wolfstonarten aus ihrer
Isolierung herauszuholen und schöpferisch einzubeziehen, sind
gewissermaßen klangliche Manifestationen eines ganz ähnlichen
Strebens nach dem Gewinn einer neuen Ganzbheit.
Psychologisch betrachtet, handelt es sich bei den Wolfstonarten
gewissermaßen um verdrängte Bestandteile der tonalen Ganzheit.
Ebenso nun, wie eine analytische Befreiung verdrängter Seelenkräfte beim Menschen nur stattfinden kann, wenn die ıns Unbewußte abgesunkenen Energien ins Bewußtsein gehoben und ihrer
Entwicklungsmöglichkeit zugeführt werden, so auch im tonalen
Raum. Die Herauslösung der Wolfsenergien aus ihrer verachteten,
tabuierten Stellung und die damit verbundene Konstellation
eines Tonartenzirkels individuellen Charakters ist vergleichbar
dem psychologischen Vorgang der Befreiung abgesunkener
Lebenskräfte aus dem Unbewußten und dem damit verbundenen
Differenzierungsprozeß, der die Entwicklung der individuellen
Person zum Ziele hat.
Im tonalen Raum ist das eindrucksvollste und wichtigste Beispiel für eine höchst produktive Einigung der Gegensätze zu einer
Gesang, wirkte auf sie lösend und befreiend. Sie erlernte in relativ
vollständigen (nicht vollkommenen) Ganzheit die wohltemperierte Stimmung. Die von J. $. Bach eigens hierfür geschriebene
Komposition, „Das Wohltemperierte Klavier“, ist Abschluß und
Krönung einer Entwicklung, die Jahrhunderte vor ihm begann. Sie
ist das Ergebnis eines langen tonalen Differenzierungsprozesses,
dessen Sinn die Entwicklung der 24 Dur- und Molltonarten zu
ihrer vollen unverwechselbaren Eigenständigkeit ist. Das Tonartengesamt besteht hier aus einer sehr ausgewogenen Verbindung
kurzer Zeit einen Beruf, wandelte ihre gestauten Aggressionen um
von individueller Tonart und Tonarten-Gemeinschaft, so daß jede
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)einzelne eigengeprägte Tonart ganz sie selbst ist und zugleich
integrierender Bestandteil des lebendigen Klangorganısmus aller
Tonarten.
Der individuellen Differenziertheit der Wohltemperierung
Bachs gegenüber bedeutet die Gleichschwebung, in welcher die
Abstände von Halbton zu Halbton auf stets gleichbleibende 100
Cent egalisiert werden, einen Kollektivierungs- und Nivellierungsprozeß, bei dem das individuelle Gepräge der einzelnen
Tonart zugunsten einer tonalen Uniformierung aufgegeben wird.
Die Auflösung der Einmaligkeit jeder einzelnen Tonart und das
mechanistische, grau in grau gleichsetzende Uniformieren aller
Tonarten in der gleichschwebenden Temperatur entspricht einer
der Wohltemperierung völlig entgegengesetzten Haltung dem
musikalisch Unvollkommenen gegenüber. Der lästige Intervallrest
wird hier nicht schöpferisch miteinbezogen wie in der Wohltem-
Musikalische Temperaturen
243
der Spieler der dem menschlichen Ohr eigenen Fähigkeit des sog.
„Zurechthörens“ der Intervalle, so daß er sich die naturgegebenen
Proportionen der Intervalle auch dann heraushört und „zurechthört“, wenn sie nicht rein eingestimmt sind.
Wenn man jedoch ein in der gleichschwebenden Temperatur
gestimmtes Cembalo oder Klavier umstimmt in die Wohltemperıerung (Bach-Kirnberger-Summung), dann ist dasselbe Instrument wie ausgewechselt. Nicht mehr müssen - z.B. beim Spielen
des „Wohltemperierten Klaviers“ von Bach - Spieler und Hörer
sich unbewußt das Tonmaterial zurechthören. Jetzt hat jede Tonart wirklich ihr eigenes Gepräge, ihre eigene Tonartencharakteristik durch die verschiedenen Proportionswerte der einzelnen
Intervalle. (Für eigene Stimmversuche sind auf Seite 244 Stimmanweisungen aufgezeichnet für die mitteltönige Temperatur und die
Temperatur nach Kirnberger [Bach].) Neueste Forschungen haben
perierung, er wird wegrationalisiert. Die völlig egalisierte Verteiergeben, daß aller Wahrscheinlichkeit nach noch Beethoven und
lung der Restintervalle auf alle Töne setzt an die Stelle echter
viele Komponisten nach ihm ihren Kompositionen die Bach-
Bewältigung eine Scheinvollkommenheit, die der Natur wider-
Kirnbergersche Wohltemperierung zugrunde legten.
spricht. Sie bagatellisiert die Gegebenheit des Unvollkommenen
und ersetzt das lebendige Hörerlebnis durch ein Rechenergebnis,
das jeden Ton die zwölfte Wurzel aus zwei: N/2 sein läßt.
Psychologisch gesehen, entspricht dies einer Zunahme kollekuvierender Tendenzen zuungunsten der Individualität, „daher wir
heute (um mit C. G. Jung zu sprechen) eine hoch entwickelte
Kollekuvkultur besitzen, die alles, was je zuvor war, an Organisation weit übertrifft, dafür aber auch die Individualkultur in
zunehmendem Maße geschädigt ist“.
Es ist von daher sehr interessant und zugleich auch ein wenig
tröstlich, in modernen physikalischen Forschungsberichten über
neuzeitliche Stimmungspraktiken zu lesen, daß heute kein Flügel
oder Klavier oder andere Tasteninstrumente wirklich exakt gleichschwebend gestimmt werden (das ist nämlich so gut wie unmöglich). Der geübte Stimmer stimmt stets mit dem Ohr mit und
reguliert gewisse Feinheiten vom Ohr her (Forschungen von
v. Lübke und Lottermoser in Braunschweig). Ebenso bedient sich
Gewiß ist es kein Zufall, daß etwa gleichzeitig mit dem Beginn der
Forschungen der modernen Tiefenpsychologie die neuzeitliche
Musikforschung sich darum bemühte, die Musikgelehrsamkeit
und die Kompositionen vergangener Jahrhunderte nach einer langen Zeit der Vergessenheit wieder ans Licht zu heben und neu zu
beleben. Die spezielleren Forschungen zum Problem der musikalischen Temperaturen Europas begannen in den ersten Jahrzehnten
unseres Jahrhunderts. Die aus allen diesen Forschungsarbeiten
spontan erwachsende Renaissance der Alten Musik und ihres
Instrumentariums ist eines der tiefenpsychologisch interessantesten und wichtigsten Phänomene der neuzeitlichen Musikgeschichte. Dieses Wiederaufleben ist derart kräftig und elementar,
daß es sich tatsächlich einer Geburt weit mehr vergleichen läßı als
einer Rückwendung. Sieht man von rückläufigen Tendenzen ab,
die überall und stets allem Werdenden, Neuen sich entgegenstellen, so läßt sich dieses Geschehen im Tiefsten verstehen als Rück-
Pagina 22
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Abb. 5
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Musikalische Temperaturen
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Faos
anschluß und Wiedererwachen abgesunkener Seelenteile der Musik
zu neuem Leben.
So wie ın der Seele in Zeiten der Destruktion, der Nivellierung
und Chaotisierung Bilder des heilenden Ausgleichs geboren werden, Bilder der Vollständigkeit und der Ordnung, um neue Orientierung bewirken zu helfen, so auch hier. Mit dem Wiederaufleben
des Wissens um die Möglichkeit harmonikaler, transzendental
gebundener Ordnungen, die wirksam sind bis tief hinein in den
Grundstoff der historischen Stimmungssysteme und Temperaturen mit ihrer Bindung an die schöpfungsgegebenen Proportionen
von Primzahlen, hat sich die Musik des alten Europa einen unversieglichen Wiedergeburtsquell erschlossen, der sie vor der völligen
Zersplitterung bewahrt und die Musik der Gegenwart bereits
vielfältig befruchtet.
In diesen Zusammenhang gehört auch das ungewöhnlich starke
Wiederaufleben der Werke Bachs als eine bedeutende und keineswegs zufällige Erscheinung unserer Zeit. J. S. Bach ist eine der
ausgeprägtesten und charakteristischsten Gestalten an der Wende
vom Mittelalter zur Neuzeit. Er ist Kind seiner Zeit und zugleich
Repräsentant einer dem neuzeitlichen Menschen möglichen Geisteshaltung. Nicht nur vereint er ın seiner Wohltemperierung die
alten Dimensionen mit den neuen, indem er dieser Temperatur
sowohl pythagoreische als auch natürlich-harmonische Intervalle
zugrunde legt; auch in seinen Kompositionen findet sich eine
völlig neue, bisher nicht dagewesene Verbindung des horizontalen Bewegungsverlaufes der Stimmen in der polyphonen
Linienführung und der vertikalen Ausrichtung im harmonikalen
Zusammenklang der Stimmen.
Polyphonie und Homophonie gelangen hier zu letzter Ausgewogenheit, die auf der höchsten Konzentration dieser beiden
einander entgegengesetzten Kräfte beruht. Die auffällige BachRenaissance unserer Tage ist jedoch nicht allein zu erklären aus der
genialen klangschöpferischen Leistung dieses großen Meisters der
Komposition und der Wohltemperierung. Wohl umspannen seine
Pagina 23
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Werke Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und verschmelzen
die ganze Vielfalt und Tiefgründigkeit der mittelalterlichen Satzkunst mit schier unglaublichen zukunftsträchtigen Neuerungen.
Musikalische Temperaturen
247
bezogen und erdbezogen zugleich ıst, denn sein Leben und Wirken
kreist ständig um das durch die Sonne hindurchwirkende Licht
und Leben spendende göttliche Prinzip, um die unvergängliche
Dies aber ist es nicht allein. Auf die Menschen unserer Zeit, die
Lebenssonne, um „Christus Sol“, und es kreist damit zugleich auch
gekennzeichnet ist durch einen mehr und mehr zunehmenden
Verlust an Rückbindung zur Transzendenz, wirkt, ohne daß sie
um die den menschlichen Verstand übersteigende paradoxe Botschaft vom Geschehen der Gottesgeburt im irdischen Raum. Die
sich dessen immer bewußt sein würden, etwas Tieferes, das auch
vollkommene Gottheit, die ohne Anfang und ohne Ende ist, heißt
für unsere Betrachtungen wichtig ist.
es hier, gibt sich hinein in das Unvollkommene der irdisch
begrenzten Geschöpflichkeit des Menschen. Größe und Ärgernis
dieser Botschaft ist die Vereinigung des Vollkommenen mit dem
Bach lebt in einer Zeit, die, als Vorläufer der unseren, im
Rationalismus und in der Überschätzung der Möglichkeiten
menschlichen Wissens und Erkennens ihre Religiosität und ihre
echte Erlebnisfähigkeit zu verlieren droht, und die im Begriff ist,
die menschliche Ratio an die Stelle Gottes zu setzen. An einer
Zeitenwende stehend, faßt Bach das kostbarste Traditionsgut mittelalterlichen Denkens zusammen und trägt es hinüber in die
Neuzeit als Geschenk und Vermächtnis. Es ıst die tiefe echte
Devotio des transzendental gebundenen Menschen den Mächten
gegenüber, die Bachs Werken eine so starke Ausstrahlung verleiht.
Religiöses Erleben und tiefgründiges Wissen um alle kontrapunktischen Künste, rationalistische und mystische Züge gehen ın
seinen Werken und in seiner Zahlensymbolik Hand in Hand. Zwei
gegensätzliche Weltbilder begegnen sich hier und ergänzen sich zu
einer neuen Einheit. Bach ist Ptolemäer und Kopernikaner
zugleich. Er ist, als ein die Welt und sein Erdenschicksal Erlebender, als Hörender und Gestaltender der großen Mannigfaltigkeit
der Töne, mit allen leiblichen fünf Sinnen Ptolemäer und geozentrisch orientiert. Zugleich aber ist Bach auch Kopernikaner, ein
Wissender um die Naturgegebenheit des heliozentrischen Weltbildes, ein Mensch der Zeit des Rationalismus. Sein Erleben aber und
sein schöpferisches Wirken verbindet mit jeder Note, die er
schreibt, mit jeder neuen Komposition Erdbezogenheit und Gottverbundenheit zu einer Einheit.
Man könnte auch sagen, daß Bachs Geisteshaltung in einem
beide Weltbilder ergänzenden und vertiefenden Sinne sonnen-
Unvollkommenen, das Unvollkommen-Werden des Vollkommenen um der schöpferischen Entwicklung willen.
Man mag diese Botschaft ansehen, wie immer man will.
Betrachten wir lediglich einmal kurz das hier geschilderte freiwillige Unvollkommen-Werden des Vollkommenen unter dem
Aspekt unseres Gesamtthemas: Als ein urbildhaftes Geschehen
durchbricht es immer wieder neu den tödlichen Perfektionszwang
und den Vollkommenheitswahn des Menschen, der sein kleines
Wissen verabsolutiert, seine kleine Ratio als vollkommen an die
Stelle des Schöpfers setzt und in einer Scheinvollkommenheit aller
schöpferischen Entwicklung das Ende ansagt. Es weist hin auf die
tiefe Bedeutung des Unvollkommenseins, auf die zeitlosen Kindeskräfte im Menschen, die dem Göttlichen noch zutiefst verbunden
sind, und die gerade dadurch alle Möglichkeiten des Werdens,
Wachsens, Reifens, Vergehens und Wiedererstehens bis hin zum
vollständigen Miteinander von Schöpfer und Geschöpf in sich
enthalten.
Im Erkennen dieses Sinnes des Unvollkommenen als eines notwendigen Gegenpoles zum Vollkommenen pflegte Bach nach
mittelalterlichem Handwerksbrauch folgende Buchstaben unter
seine Werke zu setzen: ı. S.D.G. = Soli Deo Gloria = Gott
allein die Ehre; und 2. ]. J. = Jesu Juva = Jesu Hilf!
Das erste bezieht sıch auf Gott, den allein Vollkommenen, und
auf den Menschen als sein Instrument, das erst durch den göttlichen Geisthauch Atem und Stimme gewinnt.
Pagina 24
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Das zweite bezieht sich auf die Liebe, als zeitlose, zutiefst in der
Gottheit beheimatete Lebensenergie, die immer wieder neu in der
Fülle ihres Lichtglanzes sich hineingibt in das Unvollkommene,
SHMUEL SAMBURSKY
um beide, das Vollkommene und das Unvollkommene, einer
Entwicklung zuzuführen, in welcher das eine zur schöpferischen
Ergänzung des anderen wird.
Das ıst zu verstehen ım Sinne des Paracelsus-Wortes: „Der
Himmel will sich in uns leiben.“
NATUR UND GEIST:
STUFEN DER ENTFREMDUNG
Wenn man die Naturvorstellungen der griechischen Antike während der 1100 Jahre von Thales bis zu den späten Neuplatonikern
aus der Vogelschau betrachtet, so kann man nicht umhin, zu
folgendem Schluß zu kommen: Es war die platonische Doktrin
einer beseelten Welt, eines lebendigen, in der Idee des Guten
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A. Werckmeister, Orgelprobe, Quedlinburg 1698, Nachdruck Kassel 1927.
gipfelnden Organısmus, die zusammen mit der arıstotelischen
Konzeption eines zweckhaften, nach einem Plan wirkenden
Naturgeschehens zu jener Naturlehre führte, welche tiefer und
nachhaltiger als alle anderen das antike Denken und die späteren
Generationen bis ın die Neuzeit hin beeinflußt hat. Trotz der
Verschiedenheit der Philosophien Platons und Aristoteles’ beherrschte in der späteren Antike dieses kombinierte platonischarıstotelische Weltbild die Naturauffassung der Alten, und es war
im wesentlichen der schärfste Gegensatz zu dieser Auffassung,
der den Ausgangspunkt der modernen Naturwissenschaft von
Descartes an bildete.
Es gab, wie bekannt, bedeutsame Ansätze zu einer rein mechanistischen Naturbetrachtung in der vorplatonischen Zeit, ım
6. und 5. Jahrhundert v. Chr. Ich erwähne vor allem die drei
milesischen Naturphilosophen und ihre materiellen Prinzipien,
dann Empedokles mit seiner Lehre von den vier Elementen
und den sich das Gleichgewicht haltenden anziehenden und abstoßenden Kräften, ferner Anaxagoras, der die Sterne als glühende
Steine ansah, deren Umkreisung der Erde durch mechanische
Schwungkräfte bewirkt wird, und die Atomisten, deren kos-