Dantes Antaus-Episode, der Hollengrund und das Somnium Scipionis

Auteur
Rabuse, G.
Verschenen in
Archiv fur Kulturgeschichte
Jaar
1961
Onderwerp
DANTE
Taal
Deutsch
Categorie
B9 Somnium Scipionis
Archiefnummer
5523

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Dantes Antäus-Episode, der Höllengrund und das Somnium Scipionis In: Archiv für Kulturgeschichte, 43 - 1961 Ki ‘ p. 18 - 51 Ç SSI D RABGUSSE , ÇG. D 2 m Ha buse Georg Soman iam Ranuse G., Dantes Antdus-tptsode, der Hollengrund und das Somnium Scipionis : AKG XLIII 1961 18-51. Archiv ber Wallungeschhchi 50 poly

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Periodical volume Archiv für Kulturgeschichte - 43 Grundmann, Herbert in: Periodical 413 page(s) ----------------------------------------------------Nutzungsbedingungen DigiZeitschriften e.V. gewährt ein nicht exklusives, nicht übertragbares, persönliches und beschränktes Recht auf Nutzung dieses Dokuments. Dieses Dokument ist ausschließlich für den persönlichen, nicht kommerziellen Gebrauch bestimmt. Das Copyright bleibt bei den Herausgebern oder sonstigen Rechteinhabern. Als Nutzer sind Sie sind nicht dazu berechtigt, eine Lizenz zu übertragen, zu transferieren oder an Dritte weiter zu geben. Die Nutzung stellt keine Übertragung des Eigentumsrechts an diesem Dokument dar und gilt vorbehaltlich der folgenden Einschränkungen: Sie müssen auf sämtlichen Kopien dieses Dokuments alle Urheberrechtshinweise und sonstigen Hinweise auf gesetzlichen Schutz beibehalten; und Sie dürfen dieses Dokument nicht in irgend einer Weise abändern, noch dürfen Sie dieses Dokument für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, aufführen, vertreiben oder anderweitig nutzen; es sei denn, es liegt Ihnen eine schriftliche Genehmigung von DigiZeitschriften e.V. und vom Herausgeber oder sonstigen Rechteinhaber vor. Mit dem Gebrauch von DigiZeitschriften e.V. und der Verwendung dieses Dokuments erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an. Terms of use DigiZeitschriften e.V. grants the non-exclusive, non-transferable, personal and restricted right of using this document. This document is intended for the personal, non-commercial use. The copyright belongs to the publisher or to other copyright holders. You do not have the right to transfer a licence or to give it to a third party. Use does not represent a transfer of the copyright of this document, and the following restrictions apply: You must abide by all notices of copyright or other legal protection for all copies taken from this document; and You may not change this document in any way, nor may you duplicate, exhibit, display, distribute or use this document for public or commercial reasons unless you have the written permission of DigiZeitschriften e.V. and the publisher or other copyright holders. By using DigiZeitschriften e.V. and this document you agree to the conditions of use. Kontakt / Contact DigiZeitschriften e.V. Papendiek 14 37073 Goettingen Email: info@digizeitschriften.de

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und das Somnium Scipionis Die tiefen, unverkennbaren Spuren von Scipios Traum, die uns aus einer Reihe ausnahmslos höchst bedeutsamer Einzelepisoden der Gottlichen Komödie entgegentreten, veranlaßten mich, diese „Apokalypse“ Ciceros als eine Keimzelle für das Somnium Dantis zu bezeichnen !. Die Annahme aber, daß Dantes Jenseitsvision in ihren zentralen ethischpolitischen und religiösen Anliegen als Sprößling des Somnium Scipionis erscheint, ja selbst in ihrer Struktur in Verbindung mit dem MacrobiusKommentar von ihm bestimmt ist?, eröffnet derart entscheidende neue Einblicke in Aufbau und Wesenszüge des Werkes, daß einer solchen Aussage auch nicht der Schatten einer petitio principii anhaften darf. Mit anderen Worten: alle Folgerungen aus einer Rückführung der Ausgangssituation für Dantes Mirabil Visione auf das Somnium Scipionis gewinnen um so stärkeres Gewicht, je wahrscheinlicher die Ausgangsthese gemacht werden kann. Mein erster Aufsatz zum Thema begann mit der Untersuchung der Gründe, warum alle bisherigen Versuche, Spuren des Somnium Scipionis in Dantes Komödie nachzuweisen, dazu verurteilt waren, als mehr oder minder unverbindliche persönliche Anschauungen gewertet zu werden, die durch andere, nicht minder subjektive ablehnende Stellungnahmen wieder in Frage gestellt werden könnten. Als wertvollstes methodisches Hilfsmittel, diesem circulus vitiosus zu entrinnen und das Strahlungsvermögen von Scipios Traum auf die Konzeption des Somnium Dantis aufzuzeigen, erwies sich die Anordnung einer Reihe charakteristischer Themen und Leitmotive der Apokalypse Ciceros zu Einzelgliedern der Visionsthemenkette. Sehen wir uns, so überlegte ich, einer bestimmten Komödie-Stelle gegenüber, in der wir eine Beeinflussung durch das Somnium Scipionis festzustellen glauben, so wächst die Wahrscheinlichkeit einer ähnlichen Annahme, je mehr einander unähnliche Glieder der 1 G. Rabuse,Dantes Jenseitsvision und das Somnium Scipionis, in: Wiener Studien 77 (1959), S. 144—164. 2 In meiner Untersuchung: Der kosmische Aufbau der Jenseitsreiche Dantes (Graz-Köln 1958) gelang es mir immer wieder, die verschiedensten Einzelfragen durch den Macrobius-Kommentar zum Somnium Scipionis zu klären, eine Rückführung, die ihrerseits erst ihr volles Gewicht erhält, wenn die große Bedeutung des S. Sc. für die Komödie sichtbar gemacht wird.

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Themenkette Ciceros in der besagten Komödie-Stelle anzutreffen sind. Die Kettenglieder selbst wählte ich deshalb mit Bedacht derart, daß dort, wo der im Gegenstand der Jenseitsschau begründete Zusammenhang Berührungspunkte und Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Gliedern mit sich bringt, sich dennoch jedes durch eine besondere Einzelheit von den anderen scharf abgrenzen läßt. Hier nun die Glieder dieser Kette. Den Anfang macht, der absoluten Eindeutigkeit der Bezugnahme wegen, A) die ausdrückliche Erwähnung der Scipionen oder eines von ihnen; ihm folgen: B) der Sendungsauftrag: quae dicam memoriae trade 3; C) die sittliche Verpflichtung, nach wahrer Gloria zu streben, den Erdenruhm zu verachten, denn Tugend allein verbürgt den Aufstieg zu den Sternen, zur Unsterblichkeit und Gottwerdung. D) die Rückschau über die Planetenspharen des ptolemaischen Kosmos zur Erde hinab, um dem Betrachter ihre Erbarmlichkeit im Gefüge des göttlichen Alls vor Augen zu führen; E) die Lokalisierung der Ahnenbegegnung und Spharenrickschau in die Milchstraße und damit den Fixsternhimmel: F) die vaticinatio ex eventu des dem Visionshelden durch die insidiae der Seinen drohenden Schicksals verbunden mit der Andeutung seines möglicherweise frühzeitigen Todes. G) die nationalrömischen Züge des protreptischen Elementes der Ahnenbegegnung: ein bereits zu den Sternen aufgestiegener römischer Patriot spricht zu einem noch im Diesseits stehenden römischen Patrioten: allen Frommen und Gerechten, besonders den Wahrern, Rettern und Mehrern des römischen Reiches winken als Lohn die Aufnahme in den Himmel und die Vergöttlichung; III, 1: sed quo sis Africane alacrior ad tutandam rem publicam, sic habeto: omnibus qui patriam conservaverint adiuverint auxerint, certum esse in caelo definitum locum ubi beati aevo sempiterno fruantur; III, 5f.: sed sic Scipio ut avus hic tuus, ut ego qui te genui, iustitiam cole et pietatem quae cum magna in parentibus et propinquis tum in patria maxima est, ea vita via est in caelum et in hunc coetum eorum qui... incolunt locum quem vides; VIII, 1: ‘ego vero’, inquam ‘Africane, si quidem bene meritis de patria quasi limes ad caeli aditum patet... nunc tamen tanto praemio exposito enitar multo vigilantius’; VIII, 2: deum te igitur scito esse: 3 Zur richtigen Deutung: ‚überliefere das Gesagte der Nachwelt‘ vgl. den zit. Aufsatz in: Wiener Studien 77, S. 158f.

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H) die Einbettung der Vision in einen Traum (Beginn: me... arctior quam solebat somnus complexus est; Ende: Îlle discessit; ego somno solutus sum); I) die Icherzählung. An Hand dieser Themenkette zeigte ich nun im erwähnten Aufsatz den starken Einfluß von Ciceros Apokalypse auf vier bedeutende Episoden der Komödie: die Begegnung des Jenseitsfahrers Dante mit dem Urahn Cacciaguida, die Sphärenrückschau im Fixsternhimmel, die Begegnung der Wanderer mit dem Riesen Antäus, die Invektive Petri gegen die entarteten Stellvertreter des Gottesreiches auf Erden. Als besonders schöne Bewährungsprobe der Themenkette erwies sich die zuletzt angeführte Episode, in der es mit ihrer Hilfe wohl zum ersten Mal gelang, die Spuren des Somnium Scipionis nachzuweisen. Sie sei hier nochmals in der Perspektive der Scipio-Themenkette kurz hervorgehoben. Der siebenundzwanzigste Gesang der dritten Cantica setzt ein mit dem vom ‚gesamten Paradiese‘ angestimmten Gloria auf den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. III, 27, 1f.: ‘Al Padre, al Figlio, allo Spirito santo’ cominciò ‘gloria!’ tutto il paradiso. Diesen Jubelruf auf die gottliche Harmonie des Alls erlebt der Pilger in seinem Gestirn, den Zwillingen, knapp bevor er ‚das süße Nest Ledas' (III, 27, 98) und damit den Fixsternhimmel verläßt, um in den Cristallino aufzusteigen. III, 27, 4—9: Und was ich sah, war wie ein einzig Lächeln des Universums. Trunkenheit erfüllte, durch Ohr und Auge dringend, mein Gemüt. Unsagbar war der Jubel und die Freude, ein ganzes Leben voller Lieb und Frieden, ein sichrer Reichtum ohne Gier und Angst! (Deutsch nach Voßler) Doch wie eine schwarze Gewitterwand sich doppelt unheildräuend in den bis dahin heiteren, sonnendurchfluteten Himmel wälzt, entlädt sich nun die donnernde Strafrede Petri gegen die entarteten Nachfolger und Usurpatoren seiner Schlüsselgewalt. Der Schau des göttlichen Imperium und seiner Glorie folgt die mit unerhörter Vehemenz vorgetragene Schau des Verfalls des Gottesreiches auf Erden, um mit den Versen zu schließen: III, 27, 61—66: Ma l’alta provedenza che con Scipio difese a Roma la gloria del mondo soccorrà tosto, sì com’io concipio. E tu, figliuol, che per lo mortal pondo ancor giù tornerai, apri la bocca, e non asconder quel ch'io non ascondo.

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Wir finden für diese Episode folgende Kettenglieder wieder: allen voran das Wichtigste: A) die Erwahnung Scipios; B) den Sendungsauftrag :‘E tu, figliuol, ...apri la bocca, e non asconder quel ch’io non ascondo’; C) das Thema wahrer Gloria (zu Beginn und am Schluß der Episode, sie umrahmend und zugleich als roter Faden durchziehend: die Glorie des Gottesreiches, ihr Verfall auf Erden, jedoch auch die Hoffnung und Zuversicht, daß die Vorsehung wache und ähnlich wie sie einst ‚in Rom‘ durch Scipio die gloria del mondo verteidigte, auch nun bald Abhilfe schaffe); E) die Lokalisierung der Begegnung mit dem Ahnherrn der Christenheit in den Fixsternhimmel; G) die nationalrömischen Züge des protreptischen Elementes der Begegnung: Die Donnerworte Petri gegen die entarteten Träger des Reiches: statt Gerechtigkeit und Liebe zu üben, das Reich zu wahren und zu mehren, wird es von den Päpsten zerfleischt und verkauft (vgl. bes. die Verse III, 27, 46—48; 50— 53; 55—57; zu beachten ist auch in Vers 62 die Formulierung: difese a Roma la gloria del mondo). Ja selbst das Glied D (die Sphärenrückschau) kann in die Stelle einbezogen werden, denn es umrahmt das gesamte Geschehen im Fixsternhimmel (erster Rückblick zur Erde unmittelbar nach dem Aufstieg des Himmelspilgers in die Zwillinge: III, 22, 128—153; zweiter Rückblick sogleich nach der Invektive Petri, unmittelbar vor dem Übertritt aus dem Fixsternhimmel in das Primum Mobile in III, 27, 77—87). Ich habe im zitierten Aufsatz (S. 146—150) zur Sphärenrückschau im einzelnen dargelegt, warum wir ın Dantes Rückblick aus dem Fixsternhimmel auf die Erde trotz aller gegenteiligen Behauptungen, wie sie auch noch in jüngster Zeit geäußert wurden, ohne jeden Zweifel die Sıtuation der Sphärenrückschau des Somnium Scipionis wiedererkennen müssen. In gewissen Episoden — ich denke hier etwa an die Begegnung des Höllenfahrers Dante mit Brunetto Latini oder an die Schau des apokalyptischen Dramas der Kirche im 32. Purgatoriogesang — ist der Nachweis der starken Spuren des Somnium Scipionis allerdings an die Erfüllung einer nicht ganz leichten Voraussetzung geknüpft, nämlich die richtige Interpretation der in Frage kommenden Stellen. Sie werden deshalb, jede für sich, einer längeren Einzeluntersuchung vorbehalten bleiben müssen. Eine ausgezeichnete Möglichkeit, die Stichhaltigkeit des Verfahrens zu prüfen, bietet die Antäus-Episode, deren Verkettung mit dem Somnium Scipionis ich bereits im erwähnten Aufsatz (S. 152—154) andeutete. Auch hier ist die exakte Ermittlung der Beeinflussungssituation nur über

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den Umweg einer peinlich genauen Zergliederung der Episode selbst zu erreichen. Antäus, der Erdgeborene, ist der dritte der Riesen, denen die Jenseitsfahrer am Absturz zum tiefsten Hôllengrund begegnen. Wie alle anderen ‚Söhne der Erde‘ seiner Art, steht er ‚vom Nabel hinab‘ im Schachte, aus dem nur der Oberleib, einer Festung gleich, herausragt. Vergil tritt an ihn heran mit der Bitte, ihn selbst und seinen Schützling zum eingefrorenen Kokytos hinabzusetzen. Der Riese kommt dem mit vielen hintergründigen Argumenten vorgetragenen Wunsce eiligst nach: er umklammert die Höllenwanderer mit seinen wuchtigen Händen, beugt sich zum Eisgrund hinab, um sie dort behutsam niederzulassen, und richtet sich aus der gebeugten Lage, dem Mastbaum eines Schiffes ähnlich, sogleich wieder auf. Die 31 Verse der inhaltsschweren Episode lauten: I, 31, 115 118 121 O tu che nella fortunata valle che fece Scipion di gloria reda, quand’ Annibal co’suoi diede le spalle recasti gia mille leon per preda e che se fossi stato all’alta guerra de’tuoi fratelli, ancor par che si creda ch’avrebber vinto i figli della terra; mettine giù, e non ten vegna schifo, dove Cocito la freddura serra. 124 127 Non ci fare ire a Tizio nè a Tifo: questi può dar di quel che qui si brama; però ti china, e non torcer lo grifo. Ancor ti può nel mondo render fama; ch'el vive e lunga vita ancor aspetta, se innanzi tempo grazia a sè nol chiama. 130 133 136 139 142 Cosi disse’l maestro; e quelli in fretta le man distese, e prese il duca mio, ond’Ercule sentì già grande stretta. Virgilio, quando prender si sentio, disse a me: ,Fatti qua, sì ch'io ti prenda“; poi fece sì d'un fascio era elli ed io. Qual pare a riguardar la Garisenda sotto’! chinato, quando un nuvol vada sour'essa si, che ella incontro penda; tal parve Anteo a me che stava a bada di vederlo chinare, e fu tal ora dh'iavrei voluto ir per altra strada. Ma lievemente al fondo che divora Lucifero con Giuda ci sposò; né, si chinato, lì fece dimora, 145 e come albero in nave si levò. Nicht oft la&t sich für eine Komôdie-Stelle so eindeutig ihre Quelle bestimmen wie fir die Begegnung der Hollenfahrer mit dem Riesen des Bagradastales: die Bezugnahme Dantes auf Lukan, Phars. IV, 589 ff.

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wird von niemandem bezweifelt. Allgemein werden vier Entsprechungen hervorgehoben: 1) Die Anspielung Vergils auf den Lowenjager Antaus: ,O du, der du einst als Beute tausend Löwen dir gewannst“ (v. 118) ist wohl durch Phars. IV, 601f. ausgelöst: latuisse sub alta / rupe ferunt, epulas raptos habuisse leones. 2) Die unmittelbar anschließende, dem Hochmut des Antäus schmeichelnde Äußerung Vergils, nur sein Fernbleiben vom Kampfe der Riesen mit den Göttern habe den Endsieg der Erdensöhne vereitelt (v. 119— 121) läßt sich auf Phars. IV, 595 ff. und hier besonders auf den Satz zurückführen: (tellus) coeloque pepercit / quod non Phlegraeis Antaeum sustulit arvis. 3) Antäus, sagt Dantes Vergil, ‚und nicht Tityos oder Typhon‘ (v. 124) soll die Wanderer zum Höllengrund hinabsetzen. In Phars. IV, 595 f. werden dieselben Riesen (mit Briareus) in der gleichen adversativen Satzverbindung: Nec... Typhon aut Tityos genannt. 4) Die Beschreibung der Hände, deren ‚Umklammerung einst Herkules so stark gefühlt hatte‘ (v. 132), das harte Ringen des Alkiden mit dem Erdensohn, haben ihre Vorlage in der drastischen Schilderung der Verse Phars. IV, 620—633. So sind besonders die Verse I, 31, 115—121 — um mit Porena zu sprechen — „Hinweise Lukans, die Dante nur etwas weiter zu den Worten ausspinnt, mit welchem er dem Stolze des Antäus schmeichelt“. Bei der klaren Bezugnahme Dantes auf Lukan muß es nun überraschen, ja befremden, daß den Kommentatoren fast ausnahmslos eine der wichtigsten Entsprechungen entgangen ist. Dem an Antäus durch Vergil gerichteten Wunsch schickt der Dichter eine nicht weniger als sieben Verse umfassende süßsaure, schmeichlerischspöttische Apostrophe voraus; die Bitte selbst — denn als solche, nicht als Aufforderung wird sie vorgebracht — ist dennoch voll verhaltener Würde, ja geradezu kaum verhüllter Geringschätzung. Vergil ist sich durchaus bewußt, daß er mit ihr Antäus einen „höllischen“ Gefallen erweist: ist doch die Erfüllung mit der Aussicht auf eine Belohnung verknüpft, die einem ‚Sohn der Erde‘ höchste Befriedigung bedeutet; sie wird ihm denn auch in knappem Abstand zweimal vor Augen gestellt (v. 125 und 127): der ihn, Vergil, begleitende Höllenfahrer steht noch im Diesseits und kann daher geben, wonach man hier unten, in der Hölle, lechzt; er kann dem Riesen auf Erden noch Ruhm verschaffen. Aussicht auf Erdenruhm ist für Erdensöhne süßeste Lockspeise und Antäus darf Vergil noch dankbar sein, daß er sich — das ist der Schlußstein der für ihn im Grunde so demütigenden Rede — mit seinem An-

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liegen überhaupt an ihn wendet, denn Tityos oder Typhon würden einem solchen Wunsche nicht weniger freudig nachkommen. Von den drei Riesen, die uns der Dichter am Absturz zum tiefsten Hollengrund vorführt, verkôrpert so Antaus zweifellos den von Gier nach Erdenruhm zerfressenen Erdensohn. Er ist das Symbol der gloria terrestris, hinter deren klaglicher Gestalt, zwar nur fliichtig erwahnt, jedoch nicht minder allgegenwartig in den Einzelheiten der Szene, ihr Besieger Herakles, das Sinnbild der virtus gloriae, des wahren und unverganglichen Ruhmes steht. Wie sehr Antaus als Gegenpol der virtus gloriae in der Episode gezeichnet ist, zeigen schon die ersten Worte Vergils an den Riesen, allen voran die gleich mit dem ersten Vers einsetzende Anspielung auf die ‘fortunata valle’. Voraussetzung fur das Erkennen ihrer Tragweite ist allerdings, daß man sie, was bisher so gut wie nicht geschah, mit Lukans Hilfe interpretiert. Die Rede fangt an mit vier inhaltsschweren Versen: Zunächst erfolgt die Erwahnung des Bagradastales, wo Antaus ,tausend Lowen‘ erlegte: die für des Riesen Ohr so schmeichlerische Anspielung auf seine Großtaten als Lowenbezwinger — wir kommen später auf sie zurück — in der ‘fortunata valle’ umklammert gleichsam in Form einer syntaktischen ,Antaus-Kralle* die in sie eingezwängte Erwähnung Scipios, den dasselbe Bagradastal zum ‚Erben des Ruhmes‘ machte, als Hannibal bei Zama mit seinen Truppen die Flucht ergriff. Die Gruppierung der beiden Großtaten im Tale des Ruhmes — die Heldentaten des Löwenbändigers Antaus in den Versen 115 und 118; Scipios Sieg über Hannibal in den Versen 116 und 117 — zeigt eben durch ihre umklammernde Anordnung der Satzdisposition in 115 bis 118, daß Dante auf die Durchdringung der beiden Vorstellungen, eine möglichst intensive Assoziation der ‘fortunata valle’ mit Antäus und Scipio, größten Wert legt. Lösen wir die Verse aus ihrer Verklammerung, so ergibt sich als ihr klarer Sinn: „O du, der du einst zur Beute tausend Löwen dir erjagtest in jenem ruhmreichen Tal, das (sc. später), als Hannibal mit seinen Truppen die Flucht ergriff, Scipio zum Erben des Ruhmes machte“... Die hier vorgeschlagene Interpretation, welche dem Danteschen ‘reda’ endlich zu einem wahren Gewicht verhilft, weicht — ein Tatbestand, der, wie bereits angedeutet, als höchst befremdend vermerkt werden darf — von fast allen üblichen Deutungen ab5. Die Kommentatoren hätten die richtige Auslegung des Satzes 5 Aus der Unzahl der falschen Interpretationen italienischer und anderssprachiger Komödie-Ausgaben seien nur einige erwähnt: Gmelin übersetzt 115 f. mit: ,O du, der einst in jenem glücklichen Tale. dem Scipio seinen hohen Ruhm verdankte‘ und unterdrückt damit das wesentliche Wort reda = Erbe; ähnlich verfährt Momigliano, der la fortunata valle che fece Scipio di gloria reda kommentiert als la valle che fece Scipione erede di gloria, che diede

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nämlich längst aus Lukan erschließen können. Sie ist für das Gesamtthema des vorliegenden Aufsatzes von größter Bedeutung; es freut mich auch aus diesem Grunde besonders, daß sich meine Interpretation weitgehend mit der André Pézards deckt. Scipio schlittert nicht zufällig in den Beginn der Antäus-Episode hinein. Wir lesen bei Lukan: Als Curio sein Lager nächst dem Bagradasfluß in der Felsenlandschaft aufschlägt, fragt er einen Ansässigen, warum man die Gegend das Reich des Antaus nenne 6. Der Einheimische erzählt nun von den Ruhmestaten des Erdengloria a Scipione. Warum soll ohne jede nähere Begründung — man würde sie vergeblich bei Gmelin oder Momigliano suchen — das Bagradastal Scipio Ruhm verleihen? Etwa weil er in der Nähe über Hannibal siegte? Warum dann nicht eher und sinngemäßer Scipio durch seinen Sieg dem Tal? Auch dieser Weg wurde in einer Reihe von Interpretationen beschritten, wobei die Erklärer gezwungen sind, das che des Verses 116 als Objekt und ,Scipio’ als Subjekt aufzufassen. Der Scartazzini-Vandelli-Kommentar erläutert in diesem Sinne v. 115f.: Per la vittoria di Zama Scipione ebbe il titolo di Africano e la valle ne riporto eredita di gloria. Welche Rechnung tragen nun derlei Auslegungen der doch in Dantes Versen sonnenklar erkennbaren Absicht, eine unmittelbare Beziehung zwischen Scipio und Antäus über das sie verbindende Bagradastal, d. h. ein Erbe des Ruhmes, das von Antäus zu Scipio weitergereicht wird, herzustellen? André Pézard, Le Chant des Géants, in: Bulletin de la Société d'Études Dantesques du Centre Universitaire Méditerranéen 7 (1959), S. 66 pladiert für die richtige Deutung der Verse mit folgenden Worten: Dante, répetet-on voulait dire: ‘dans la vallée que fit Scipion de gloire héritiére’. L’ordre des mots est rude, et ‘de sa gloire’ eñt été plus clair et vivant; enfin, dire que cette vallée est encore la riche ‘héritière’ de la gloire de Scipion, c'est planter une cheville pour y accrocher une platitude... Il serait plus naturel de prendre che pour sujet et Scipion pour complément direct; reda peut s'appliquer a un homme... La traduction serait alors: „dans la vallée fortuneuse qui fit Scipion héritier de gloire“. En effet, cette vallée fut longtemps ,battue de la Fortune“, passant de main en main autant que fit plus tard le royaume de Pouille, la fortunata terra di Puglia (Inf. XXVIII 8—9). Elle fut le fief de maints personnages glorieux: Antée, puis Hercule son vainqueur, puis Jarbas, roi des Gétules... jusqu'aux Carthaginois d’Annibal. Héritage disputé, donc, romain de droit par Hercule, enfin recueilli après une longue déshérence ou usurpation par le Romain Scipion. © Phars. IV, 585—592: Inter semirutas magnae Carthaginis arces Et Clupeam tenuit stationis littora notae Primaque castra locat cano procul aequore, qua se Bagrada lentus agit siccae sulcator harenae. Inde petit tumulos exesasque undique rupes, Antaei quas regna vocat non vana vetustas. Nominis antiqui cupientem noscere causas Cognita per multos docuit rudis incola patres. Für den Autor der ‘Commenta Bernensia’ liegt möglicherweise bereits in Lukans tenuit stationis littora notae (v. 586) ein Hinweis auf Scipio. Er erlautert nämlich die stationis littora notae mit: vel propter Antaeum vel propter Scipionem notae vel certe sibi. Die ‘Commenta Bernensia’ bringen übrigens fiir die richtige Interpretation einer Reihe weiterer Einzelheiten Lukan’scher Entlehnungen bei Dante wertvolle Hinweise, wie noch gezeigt werden soll.

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sohnes Antäus, von der unheimlichen Kraft, die ihm aus der standigen Berührung mit der Mutter Erde erwächst und ihn befähigt, ungestraft auf den Fluren Libyens zu wiiten, die ansassige Landbevolkerung ebenso wie die zur See herbeikommenden Siedler zu morden, bis endlich die Kunde von dem blutrünstigen Ubeltater — cruenti fama mali — bis zum großen Befreier Herakles dringt. Der Bezwinger des nemeischen Lowen eilt herbei und besiegt im Bagradastal in hartem Kampfe den libyschen Löwenjäger (v. 612ss.). Lukan beschließt die nach seiner Fiktion von den Einheimischen berichteten Taten des Riesen mit den Worten (Phars. IV, 654— 660): Hinc, aevi veteris custos, famosa vetustas Miratrixque sui signavit nomine terras. Sed maiora dedit cognomina collibus istis Poenum qui Latiis revocavit ab arcibus hostem, Scipio. Nam sedes Libyca tellure potito Haec fuit. En, veteris cernis vestigia valli. Romanahos primum tenuit victoria campos. Der Ruhm der Antaei regna (v. 590) — ein hochst verganglicher zweifelhafter Ruhm, wie man sieht, soweit er das ‚Reich des Antäus‘ selbst betrifft — endet mit dem siegreichen Kampf des Hercules und erhält seine bittere Krönung in der Vernichtung des libyschen Löwenbezwingers durch den Bezwinger des nemeischen Löwen. Der ‚tausend Löwen‘ zur Strecke brachte, unterliegt dem Sieger über den gewaltigen Löwen mit dem unverwundbaren Fell. Das Reich des Libyers Antäus und sein Ruhm gehen auf den Beschützer Roms über. Und wieder gelangt das Tal zu Ruhm: Karthagos Fall nımmt von ihm seinen Ausgang. Wie einst Hercules das Erbe des Antäus antrat, tritt nun Scipio das Erbe Hannibals an. Durch die siegreiche Schlacht des späteren Africanus auf den sogenannten „großen Feldern“ im Bagradastale und ihre Auswirkungen (vgl. oben Phars. IV, 656—660 und T. Liv. ab urbe condita XXX 8, 3ff.; XXX, 32, 1—2) sehen sich die Karthager gezwungen, Hannibal nach sechzehnjährigem Kampf in Italien in die Heimat zurückzurufen. So führen Scipios Taten auf den „großen Feldern“ zur Befreiung Italiens und zur entscheidenden Begegnung zwischen den bedeutendsten Heerführern der Zeit: sie wird Karthagos Schicksal besiegeln. Welch blutige Ironie verbirgt sich im Lichte dieser Nachwirkungen Lukans bereits in den ersten scheinbar so schmeichlerischen Reminiszenzen und Assoziationen Vergils! Welche Gedanken und Erinnerungen müßten wohl in einem der Überlegungskraft voll fähigen Antäus — dem Danteschen Halbautomaten scheint jedoch auch diese göttlich-menschliche Gabe entzogen — aufsteigen, wenn er sein Jagdrevier fortunata valle che fece Scipion di gloria reda nennen hört? Vermag er zu erfassen, wer dem Tal seinen wahren Ruhm, sein kostbares Erbstück

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gab? Steht nicht wie ehedem der in Rom als Hercules Invictus verehrte Fremdling vor thm, der sich bis dahin rühmen konnte, unbesiegbar zu sein — invictus robore cunctis (Phars. IV, 608)? Erlebt er ein zweites Mal, wie ihn sein Gegner der Nahrmutter seiner Krafte beraubt, von der Erde, auf die er sich hilfesuchend werfen mußte, weg in die Luft hebt und dem Ermattenden die Kehle zuschnürt? Ahnt er, welche neue herbe Wahrheit ihm Vergil mit der Niederlage des Libyers Hannibal vor dem Fremdling Scipio andeuten will? Vermag er zu erfassen, was er thm über das weitere Schicksal der Antaei regna verkündet? Daß Scipio das ruhmreiche Erbe seines Bezwingers Herakles antritt und durch seinen Sieg über Hannibal die Hügel um das Bagradastal zu den ersten siegreichen Feldern der Römer auf seinem libyschen Heimatboden macht und ihnen maiora cognomina — höhere Attribute des Ruhmes gibt? Von der Perspektive der Wirkung der Vergilschen Worte auf Antäus her gesehen — und Dante hatte diese Perspektive zweifellos auch im Auge — erscheint es müßig, über die Auslegung der fortunata valle nachzusinnen. Ob es der Erdensohn als fortunosa valle, von des Schicksals Wechselfällen heimgesuchtes Tal, auffassen mag, wie etwa Dino Provenzal oder Pézard vorschlägt, oder als ,ruhmreiches Tal‘, wie Scartazzini nicht minder treffend deutet”, die Erinnerung an das sonnendurchglühte Bagradastal mit seinem heißen trockenen Sand, aus dem unaufhörlich unbändige Kraft in seine Glieder strömte 8, beides wird dem nun am Rande des Eissees Kokytos Verwurzelten, falls er überhaupt noch einer klaren Überlegung fähig ist, gleich bitter schmecken. Kündet ihm doch jede dieser Deutungen von der Vergänglichkeit seines Ruhmes, der vana gloria dell’ umane posse. Lukan half uns, den bisher viel mißverstandenen vier Anfangsversen der von Vergil an Antäus gerichteten Worte ihren wahren Sinn zu geben und schon im Beginn der Rede das Hauptanliegen der Episode zu erkennen. Antäus ist das warnende Exemplum für erdhaft ausgerichtetes Ruhmstreben, Zerrbild des wahren Ruhmes und sein Gegenteil, das schon sein Name Antaeus = contrarium ausdrückt. Er ist es gewiß implicite auch schon bei Lukan, wird es jedoch in der Komödie noch augenscheinlicher, vermutlich wohl, weil dem Dichter die spätantiken und mittelalterlichen moralisierenden Auslegungen des Zweikampfes Herakles — Antäus 7 A. Scartazzini, Dizionario critico e ragionato, s. v. Fortunato: detto di luogo, vale Illustre, Glorioso, per grandi fatti che vi si compierono. 8 Vgl. Phars. IV, 587—590 und 616: auxilium membris calidas infundit arenas. ® Fabius Planciades Fulgentius, Mythologiarum Liber II: Antaeus enim in modum libidinis ponitur: unde et ävr16v graece, contrarium dicimus. — Albricus Philosophus, De deorum imaginibus libellus: Ponitur autem Antaeus sub forma libidinis, nam &vriév Graece, Latine contrarium sonat.

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durchaus vertraut sind 10. Starker jedoch als der moralische Schriftsinn der Episode läßt sich bereits aus Lukan der reichspolitische Aspekt der Antaei regna ableiten. Geradezu feierlich klingt sein Bericht über die Vorgeschichte der ‚großen Felder‘ in die Großtaten Scipios, die entscheidende Wahrung und Mehrung des romischen Reiches aus. Aber groferen Ruhm hat jenen Hiigeln verliehen Er, der den punischen Feind von Latiums Burgen zurückrief, Scipio. Denn hier war sein Lager, da Libyen kam in Seine Gewalt. Da siehst Du vom einstigen Wall noch die Spuren. Dieses Gefild war zuerst Schauplatz des römischen Sieges. (Deutsch nach Julius Krais) Scipios Großtat auf den großen Feldern ist nach Dantes eigenen Worten schon Erbe, Erneuerung römischen Ruhmes.War nicht nach Monarchia II, 7, 10 der Ringkampf zwischen Antäus und Herakles ein Gottesurteil, ein Fingerzeig Gottes, auf welcher Seite im Kampfe um des /mperii gloria das Recht stand? (Vgl. auch Mon. II, 9 und Mon. II, 10). Wir können deshalb nach allem, was wir von Dante über den Zweikampf Antäus — Herakles wissen, annehmen, daß für ihn der stolze Vers Phars. IV, 660: Romana hos primum tenuit victoria campos nicht bloß für Scipio, sondern schon mit gleichem Recht für den Sieg des Hercules über Antäus galt und Scipio mit seinem Sieg über Hannibal und der Unterwerfung Karthagos nur alte, längst durch ein Gottesurteil verbriefte Rechte Roms auf Afrika erneuerte. Legen wir dem Beginn der Vergilschen Worte an Antäus auch die Anspielung auf diesen Sachverhalt zu Grunde, so tritt ihr beißender Spott erst ganz zutage. Pézard hat auch auf diesen ethisch-politischen Aspekt der Stelle, ihren sozusagen imperialen Hintergrund, aufmerksam gemacht 11. Verharren wir indessen zunächst eine Weile bei dem von Dante so sichtbar in den Vordergrund gerückten ethischen Aspekt der Antäus- Begegnung, ihrem Gloria-Thema. Ruhm ist das Erbe, das dem Africanus das Tal des Ruhmes schenkt. Ein Erbe jedoch, wie wir sahen, das nicht 10 Die Deutungen von Antaios als ‚Gegner‘ und ‚Gegensatz‘ (zu Herakles) stammen bereits aus der Antike. Vgl. RE I, 2, 2339—2342 (Wernicke): „Er ist der Vertreter der Eingeborenen gegenüber den hellenischen Ansiedlern, zunächst in Kyrene, wohin die älteste Spur weist“... Später, als sich das Verhältnis zwischen Griechen und Libyern trübte, namentlich seitdem der Zuzug neuer (dorischer) Ansiedler... zum Aufstand der Libyer geführt hatte, „mußte aus dem freundlichen Gegenüber der hassenswerte Gegner werden... Er tritt nun in Gegensatz zu Herakles, dem dorischen Stammhelden, und der Zweck der weiteren Sagenbildung ist, ihn in diesem Kampfe unterliegen zu lassen... Über dieses Kehrbild, den ‚bösen A.‘, berichtet die ältere Sage nur, er sei ein riesiger libyschen König gewesen, der alle sein Gebiet durchziehenden Fremden zum Ringkampfe zwang und die Besiegten tötete... Herakles zieht gegen ihn aus... und tötet ihn“. 11 Andre Pézard, Le Chant des Géants (s. o. Anm. 5), 8.65 f. und 69f.

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von Antäus, sondern von seinem Bezwinger, dem, wie Dante ihn in seinem Brief an Heinrich VII. bezeichnet, gloriosus Alcides stammt. Von den schon im Altertum zahlreichen Etymologien des griechischen Heroen leiten die meisten den zweiten Bestandteil des Namens von xéoc her. Herakles ist somit seit ältester Zeit der Berühmte, Gloriosus, wenn auch die Meinungen über die Eigenschaft, durch die er berühmt ist, bis heute geteilt sind. (Vgl. etwa Boisacq, Dictionnaire étymologique de la langue Grecque). Zwei zumindest von ihnen, die Herleitung aus fox und xAéoc, also der durch seine Kraft Berühmte, sowie die Ableitung von amp und xA£oc (vgl. Plato., Crat. 404C) konnte Dante ohne Schwierigkeit aus ihm zugänglichen und wohl bekannten Werken, wie Fulgentius oder den vatikanischen Mythographen einerseits, aus Macrobius anderseits entnehmen. Für den Autor der Saturnalien ist der Sohn Jupiters aéris gloria, das ist ‚Erleuchtung durch die Sonne‘, ‚Macht der Sonne, durch welche dem Menschengeschlecht Kraft zur Gottverähnlichung verliehen wird‘, denn der Held hat gleichsam als ‚Götterkraft‘ für den Himmel gekämpft und die Giganten getötet". Fabius Planciades Fulgentius dagegen weiß um die Deutung von Herakles als virorum fortium fama und virtus gloriae, während er in Antäus, wie bereits erwähnt, das Gegenteil und Zerrbild der gloriosa virtus sieht, — Auslegungen, die auch der zweite und dritte der vatikanischen Mythographen und Albricus übernehmen 13. Die Schärfe, mit der Dante in Antäus das Zerrbild der virtus gloriae zeichnet, den Riesen als höllisches contrarium wahrer Gloria in immer 12 Macr. sat. I, XX, 6, 8, 10: Sed nec Hercules a substantia solis alienus est, quippe Hercules ea est solis potestas quae humano generi virtutem ad similitudinem praestat deorum... ipse creditur et Gigantes interemisse cum caelo propugnaret quasi virtus deorum...‘'Hpaxñcenim quid aliud est nisi‘ Hpac, id est aeris, x\é0ç? Quae porro alia aeris gloria est, nisi solis illuminatio, cujus recessu profunditate occulitur tenebrarum? 13 Fabius Planciades Fulgentius. Mythologiae II, 5: Hercules enim hpaxMic graece dicitur id estávipúv dos, quod nos latine, virorum fortium famam dicimus ... Antaeus enim in modum libidinis ponitur: unde et dvtióv graece, contrarium dicimus... Denique a virtute gloriae quasi ab Hercule superatur. Nam denegato sibi terrae tactu moritur. (Unter diesem schicksalhaften Verbot scheint übrigens Antäus in Dantes Inferno besonders zu leiden; er steht etwas oberhalb des Kokytos, der Terra Luzifers, und darf nicht auf dem Hollengrund verweilen, sondern richtet sich sogleich, nachdem er die Wanderer hinabgesetzt hat, wieder auf, vgl. I, 31, 144). Albricus, aaO. läßt Antäus, was latine ‘contrarium’ sonat, besiegt werden a gloriosa virtute, ... Hercules enim hercocleos, quod est virorum gloria fortium. In Myth. vat. II, 155 ist Hercules fpowv xéoc virorum fortium fama. Myth. vat. III, 13 führt aus: Antaeus Gigas quoque erat filius terrae, cui a matre collatum fuit, ut quotiens terrae accubaret, vires haberet duplicatas. Qua re comperta, Hercules eum a terra elevans constrinxit ad mortem. Antaeus itaque sub figura libidinis ponitur. Nam Graece &vrıov contrarium dicitur ... Sed a gloriosa virtute, id est ab Hercule, superatur Antaeus et denegato ipsi terrae tactu commoritur...

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wieder neuen subtilen Schattierungen kennzeichnet und als Antipoden der sonnenhaften virtus gloriae, versinnbildet durch seinen Besieger, darstellt, darf auf keinen Fall übersehen werden; beweist sie doch, daf er mit den spätantiken und frühmittelalterlichen Auslegungen des Zweikampfes durchaus vertraut war, sie bereitwillig aufgriff, um mit ihrer Hilfe aus der Lukanschen Vorlage eines der eindrucksvollsten Exempla fiir eines der zentralsten Anliegen des gesamten Werkes zu gestalten. Antaus, der Verkorperung der aus Erde geborenen und durch sie genährten cruenti fama mali (Phars. IV, 609f.), dem erbitterten Gegner der zur Hohe strebenden virtus gloriae, ist es daher auch vorbehalten, die Wanderer ‚in den Grund alles Bösen, der Luzifer zerfrißt‘ und seinerseits von ihm, dem Wurm im Apfel der Erde, ausgehöhlt wird, hinabzusetzen 14, Die Kommentatoren der Komödie weisen mit Recht gerne auf das Gesetz der Wiedervergeltung hin, dem Verdammte und Búfer vom Dichter unterworfen scheinen. Trifft es auch auf Antäus zu? Wenn ja, wie wird er von Dante für die traurigen Ruhmestaten seines Wütens im Bagradastale, für die er seine Kräfte aus der heißen libyschen Erde holte, bestraft? Zweifellos teilt er die Strafe für seinen Hochmut: das Verdammtsein zum verblödeten Halbautomaten am Absturz zum Eissee des Höllengrundes, auch mit den anderen Riesen. Doch wie „Nimrods ewige Erregung eine Abwandlung des Motivs der immanenten Höllenstrafe ist“ 15, erscheint auch Antäus für alle Ewigkeit von seiner Sucht des Diesseits zerfressen. „Dummheit und Stolz“, sagt ein schlichtes Sprichwort, „wachsen auf einem Holz“. Vergil weiß es wohl, und Antäus müßte, wäre ihm bloß ein Funken Verstand beschieden, die höhnischen, zweischneidigen und im Grunde für ihn so demütigenden Schmeicheleien als bittere Belehrung über die Erbärmlichkeit seiner Ruhmsucht erkennen und sich darüber gekränkt zeigen 16. Doch wer dem Erdenruhm ver14 Vgl. I, 31, 100 ss.: Ond’ei rispose: „Tu vedrai Anteo presso di qui, che parla ed é disciolto, che ne porra nel fondo d’ogni reo. I, 31, 142s. : ma lievemente al fondo che divora Lucifero con Giuda ci sposò I, 34, 108 : al pel del vermo reo chel mondo fora 15 Vgl. Hermann Gmelin, Kommentar I (1954) S. 454 zu Inf 31, 70. 16 Als bitterer Hohn zu werten ist auch das plumpe, grandios klingende Lob: ‚du, der du zur Beute tausend Löwen dir gewannst‘ (I, 31, 118), wenn man beJenkt, daß Antäus von Hercules, dem Bezwinger des nemeischen Löwen — er wird später ob seiner Macht als Sternbild an den Himmel versetzt — besiegt wird. Pézard zieht aus dieser Gegenüberstellung eine der meinen genau entgegengesetzte Schlußfolgerung. Er meint (aaO., S. 67): Les mille lions dont il (sc. Virgile) attribue les dépouilles au géant ne sont pas sans beauté, ni sans mérite puisque Hercule même n'en a tué qu'un. Gewiß, aber welchen! Auch Alberto Chiari, Il Canto XXXI dell’Inferno, Lectura Dantis (Firenze 1930), S. 26 scheint das Lob Vergils ernst zu nehmen: Seguita nel lungo periodo col

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fallen ist, bleibt Betrachtungen, die ihm seine Fragwürdigkeit vor Augen führen könnten, unzugänglich. In Eile (V. 130) und fast unterwürfig handelt er Vergil zu Gefallen, als ihm Erneuerung seines Diesseitsruhmes durch den noch mitten im Leben stehenden Begleiter des römischen Dichters in Aussicht gestellt wird. Auch die Ironie, die sich hinter dem Versprechen verbirgt: questi può dar di quel che qui si brama — ancor ti puo nel mondo render fama, kann Antaus nicht wahrnehmen. Wie soll er ahnen, daß der ungenannte Lebende, der wieder von seinen Ruhmestaten künden soll, seinen Ruhm genau wie Lukan als cruenti fama mali wertet? Daß er ım kläglichen Ende, das ihm endlich durch Hercules bereitet wird, ein erstes Gottesurteil sieht, durch welches Roms Ansprüche auf Afrika — die Heimat des Riesen — gerechtfertigt werden 17. Wir kehren damit nochmals zum reichspolitischen Schriftsinn der Antaus-Episode zurück. Aus jeder der vielen Wendungen und Windungen der Vergilschen Worte sahen wir das moralische Anliegen der Episode durchschimmern, dem Pilger und dem ihn begleitenden Leser die Hinfälligkeit und Erbärmlichkeit des Erdenruhmes vor Augen zu führen; sie enthüllten uns jedoch auch, nicht weniger unmißverständlich, ihren imperialen Aspekt, ricordare ciò che è particolarmente glorioso e singolare di Anteo: l’aver saputo prendere e uccidere animali forti come i leoni, recasti già mille leon per preda (e il valore indefinito di mille pare accrescere il merito e la lode). Daß sich hingegen tatsächlich hinter dem Kompliment Vergils auch diesmal beißender Spott verbirgt und der Massensieg des Antäus billig errungen wurde, bestätigt der Verfasser der Commenta Bernensia zu Phars. IV, 602. Er sagt kurz und bündig zu EPULAS RAPTOS H.L.: raptos facilesuperatos;s.M. Annaei Lucani Commenta Bernensia, ed. H. Usener (Leipzig 1869). 17 Mon. II, VII: Certamine vero dupliciter Dei iudicium aperitur... Primus horum modorum apud Gentiles figuratus fuit in illo duello Herculis et Antaei, cuius Lucanus meminit in quarto Pharsaliae... — Mon. II, VII: Ille igitur populus qui cunctis athletizantibus pro Imperio mundi praevaluit, de divino iudicio praevaluit.. Romanus populus cunctis athletizantibus pro Imperio mundi praevaluit. Mon. II, IX: Quod si contra veritatem ostensam de imparitate virium instetur, ut assolet, per victoriam David de Golia obtentam instantia refellatur. Et si gentiles aliud peterent, refellant ipsam per victoriam Herculis in Antaeum... Jam satis manifestum est, quod per duellum acquiritur, de iure acquiri. Mon. II, X: Sed Romanus populus per duellum acquisivit Imperium; quod fide dignis testimoniis comprobatur. Es folgen als Beispiele der Zweikampf Aeneas—Turnus, der Kampf der Horatier und Curiatier und nach Beendigung der inneren Zwiste der Zweikampf Pyrrhus— Fabricius, Hannibal—Scipio, Scipione vero pro Italis, Hannibale pro Africanis in forma duelli bellum gerentibus Italis Africani succubuerunt, sicut Livius et alii rei romanae scriptores testificari conantur. Quis igitur adeo mentis obtusae nunc est, qui non videat sub iure duelli gloriosum populum coronam orbis totius esse lucratum, — Zu Scipio vgl auch: III, 27, 61 ff.: Ma Palta provedenza che con Scipio | Difese a Roma la gloria del mondo, und Conv. IV, 5, 17—20.

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des Dichters unerschiitterliches Vertrauen in die Sendung Roms und seine feste Zuversicht, daß Gott, wie schon in den ersten Kämpfen der Tiberstadt mit ihren Rivalen, immer wieder sein Urteil spricht; Gedankengange, die sich, sogar was die Exempla betrifft, mit denen der ,Monarchia‘ decken. Antaus steht vor uns als Sinnbild der Urrebellion gegen Rom und seine gottgewollte Sendung. Er veranschaulicht die immer neu sich gegen Recht und Gesittung aufbaumende Barbarei. Sein Ringkampf mit Herakles ist ein Duell, über dem die ‚hohe Vorsehung‘ ähnlich wacht wie später über dem Entscheidungskampf zwischen Hannibal und Scipio. Die schon bei Lukan durch ‚die großen Felder‘, den gemeinsamen Schauplatz des Ringens, ausgelöste Assoziation des Heraklessieges über Antäus mit Scipios Triumph über Hannibal wird in den Worten, die Vergil, der Poeta Vates des Imperium, zu Antäus spricht, noch enger an Karthago als Ort des entscheidenden Aufeinanderprallens zweier Weltreiche gekettet. Der Riese aus der ‘fortunata valle’ wird durch sie zum Symbol des im Heilsplan Gottes vom Anbeginn entmachteten Weltreiches Karthago. Der fragwürdige Ruhm seiner Barbarei mußte durch Herakles, den Wahrer echten Ruhmes und späteren Schutzgott Roms, vernichtet werden, ganz wie Hannibals Ruhm durch Scipio, den Verteidiger der Gloria Roms in höchster Not, ausgelöscht werden mußte. Zwischen den spöttischen Worten Vergils I, 31, 115 ff.: O tu che nella fortunata valle che fece Scipion di gloria reda quando Annibal co’suoi diede le spalle recasti gia mille leon per preda und den Worten der Zuversicht aus dem Munde des ersten Statthalters des römischen Reiches Christi, III, 27. 61—63: Ma l’alta provedenza che con Scipio difese a Roma la gloria del mondo soccorra tosto, si com’io concipio besteht inhaltlich und formal ein augenscheinlicher Zusammenhang, den wir mit um so größerer Wahrscheinlichkeit als vom Dichter beabsichtigt ansehen dürfen, als nicht bloß die Invektive Petri, wie ich bereits zeigte, sondern auch die Antäus-Episode, wie man bald sehen wird, von der Themenkette des Somnium Scipionis her gestaltet ist. Die Notwendigkeit, Antäus als Vertreter eines nicht gottgewollten Weltreiches und Usurpator des dem wahren Rom allein zustehenden Weltruhmes zu deuten, in ihm gleichsam eine romfeindliche Macht, eine Anti-Roma zu sehen, erhält auch von den Gestalten der anderen Riesen her, die den tiefsten Höllenschacht umstehen, und schließlich durch den gigas maximus selbst eine unmißverständliche Bestätigung.

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Man bezeichnet die Riesen gern als Leibwache Luzifers, obwohl sie Dante nirgends ausdrücklich so nennt und jeden von ihnen einer besonderen Art von Ohnmacht verfallen zeigt 18. Sie sind deshalb auch ohne Zweifel im besten Falle Wachter der Ohnmacht, ebenbirtige Leibgarde des großen Besiegten Gottes, Luzifer. Die Vorstellung ihres Wachpostencharakters wird durch den Vergleich mit den Türmen von Monteriggioni ausgelöst. Es ist eines jener zahlreichen Gleichnisse der Komödie, die aufmerksamst betrachtet und gewogen werden müssen, dann aber wertvollste Winke zur Enträtselung des Schriftsinnes schenken. Ein Hornsignal, von schaurigerem Klang als Rolands Appell in höchster Not, zwingt den Blick des Höllenwanderers Dante in die Richtung, aus der der Hornruf kam, und er glaubt, ‚viele hohe Türme‘, offenbar eine befestigte Stadt (= terra) zu sehen. Vergil klärt ihn auf: Nicht Türme gewahrt er, sondern Riesen, sie ragen ringsum vom Nabel aufwärts aus dem Schachte auf und vermitteln einen Gesamteindruck, der an den Anblick der Festung Monteriggioni erinnert. I, 31, 40—45: Però che come su la cerchia tonda Montereggion di torri si corona, così la proda che'l pozzo circonda torregiavan di mezza la persona li orribili giganti, cui minaccia Giove del cielo ancora quando tona. Wo haben wir das tertium comparationis zu suchen? Zunächst wohl in der bemerkenswert weitreichenden Ubereinstimmung der architektonischen Anordnung der Festung mit dem Höllengrund. Das Kastell Monteriggioni liegt, fir das Auge weithin sichtbar, in streng kreisrunder Anordnung an der etwas abgeplatteten Spitze eines kegelförmig sich erhebenden, freistehenden Hiigels, ,in Form eines Zuckerhutes“, wie Aquarone sagt. Uber die kreisf6rmige Aufenmauer ragten wohl noch zu Dantes Zeiten in ziemlich gleichen Abstanden zwolf (oder vierzehn) massive, viereckige Wachtiirme auf !9, die nach allen Seiten dieser strategisch hervorragend gelegenen Festung die Beobachtung und Beherrschung einer der wichtigsten Heerstraßen und ihrer Umgebung erlaubten. 18 Nimrod vermag nur ein unverständliches Geschrei auszustoßen; Ephialtes ist einen Arm auf der Brust, den anderen auf dem Rücken, fünfmal mit einer Kette gefesselt, soweit er aus dem Schachte aufragt; Antäus läßt sich durch einige plumpe Schmeicheleien überreden, die Höllenfahrer auf den Eisgrund zu setzen. — Die folgenden Ausführungen über die Riesen wurden bereits auszugsweise in meinem Aufsatz: Dantes Bilder und Vergleiche, in: Orbis Litterarum XV, 2 (1960), S. 77—80 wiedergegeben. 19 Zwölf nach Bartolommeo Aquarone, Dante in Siena (Siena 1865), S. 68, vierzehn nach heute allgemein verbreiteter Ansicht. 3 Archiv für Kulturgeschichte 43/1

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Man hebt nun zwar mit Recht die Ahnlichkeit zwischen der Anordnung der Riesenrunde im Inferno und der Türme von Monteriggioni hervor, leitet auch, wieder zu Recht, den Charakter der Riesen als Wachposten aus dem Vergleiche ab, zieht jedoch kaum die Folgen der weiteren architektonischen Ubereinstimmungen ins Kalkül. Der eigentliche, von der türmegekrônten Mauer umschlossene Festungskern kommt namlich ebenso auf der (leicht abgeplatteten) Kegelspitze zu liegen, wie wir uns das Zentrum des von den Riesen umstellten Schachtes — nur diesmal mit nach abwärts gewandter Spitze —, den inmitten des Eissees liegenden gottfernsten Punkt des Höllenkosmos, zu denken haben, der in der terra Lucifer gipfelt und von Dante selbst als punto dell’universo in su che Dite siede (I, 11, 64f.) und noch scharfer abgegrenzt in die Mitte des Leibes Luzifer selbst, den punto al qual si traggon d'ogni parte 1 pesi (I, 34, 110f.) verlegt wird 2°, Ist damit Luzifer klar als terra, d. h. als Mittelpunkt des Höllenkosmos der Weltseele gesehen, so ruft uns die Bezeichnung Dite fiir ihn (I, 34, 20) auch die andere Bedeutung von terra, namlich Festung, befestigte Stadt wach. Gleichzeitig lenkt sie unseren Blick auch zurück auf die Höllenstadt Dite selbst, um so mehr, als sie im achten und neunten Infernogesang als eine mit Wallen, Mauern und Turmen ausgestattete trostlose Festung — terra sconsolata I, 8, 77 — beschrieben wird, deren Tore von den mit Luzifer vom Himmel gestiirzten aufrührerischen Engeln ähnlich bewacht werden, wie den Gigas Maximus und Rebellenführer Luzifer des tiefsten Hollengrundes die Schar der gegen die Gottheit rebellierenden Riesen umsteht. Selbst die Bezeichnung dificio fur Luzifer — mag auch ihre übliche Deutung als ordigno = Maschine im Anschluß an den unmittelbar vorausgehenden Vergleich mit einer Windmühle verständlich sein — weist dennoch im ursprünglichen Sinn des Wortes auf die Vorstellung eines Gebäudes oder einer Festung hin, um so mehr, als die Windmühlen in den südlichen romanischen Län- 20 Daß mit diesen Definitionen Luzifers unmißverständlih der Erdmittelpunkt auch als Mittelpunkt des ptolemäischen Kosmos gemeint ist, zeigt sehr schön der Scartazzini-Vandelli-Kommentar. Er sagt zu I, 11, 64: punto ecc.: il centro della terra e anche, secondo il sistema tolemaico, dell’universo (cfr. Conv. III, V, 7), dove sta Lucifero (Dite). Zu I, 34, 110f. wird nicht minder zutreffend auf die zweifellos hier zu zitierende Quelle der Stelle, nämlich Ciceros Somnium Scipionis verwiesen: il punto ecc.: il centro della terra che, secondo che si credeva, era pur centro della gravita universale; cfr. Inf. XXXII, 73 sg. Aristot., De Coelo IV, 1. Ea quae est media et nona tellus neque movetur et infima est et in eam feruntur omnia nutu suo pondera, Cicero, Somnium Scip. IV, 3. Zur terra Lucifer des Danteschen Höllenkosmos vgl. auch G. Rabuse, Der kosmische Aufbau der Jenseitsreiche Dantes (1958), alle ‘unter dem Indexstichwort Luzifer = terra angeführten Stellen.

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dern immer massive runde steingemauerte Türme waren und noch sind 21. So läßt sich aus den verschiedenen Beschreibungen, die uns Dante von Luzifer gibt, das gleiche schließen, was uns die konsequente Weiterverfolgung des architektonischen tertium comparationis in Dantes Vergleich der Riesen mit den Wachtürmen von Monteriggioni lehrt: Wie Monteriggionis Türme nur das Bollwerk des Festungskernes bilden, flankieren auch die Riesen nur die eigentliche Höllenburg Luzifers. Es ist gerade in Hinblick auf die Tatsache, daß Dante Luzifer als Riesen von einer Größe schildert, dem gegenüber die übrigen Riesen nur als winzige Gestalten erscheinen 22, höchst beachtenswert, daß Dante den von Anbeginn an mit Nachdruck vorgetragenen Vergleich der Riesen mit einer Festung und Türmen 23 mit derselben Insistenz für Ephialtes und Antäus weiterführt. So vergleicht er I, 31, 106—108 das wütende Toben des Ephialtes mit einem Erdbeben, das einen mächtigen Turm erschüttert 24; das langsame Niedergleiten des Antäus läßt ihn an Garisenda, den schiefen Turm von Bologna denken, der sich zu senken scheint, wenn Wolken gegen seine Neigung ziehen 25. Selbst Nimrod ist, zwar unausgesprochen, aber dennoch klar mit der Turmvorstellung assoziiert, ist er doch der Urheber des Turmbaues zu Babel und Gründer der Stadt des Teufels und eines Weltreiches, in dem nicht Gott Ehre und Ruhm gegeben wird, sondern der Mensch verherrlicht werden soll 28. 2 Scartazzini, Diz. crit. e ragionato: s. v. edificio 1. Fabbrica, Cosa edificata. Zingarelli: Macchina militare, Opera di fortificazione. Siebzehner-Vivanti: costruzione in muratura, casa. Als hôchst bemerkenswert darf in diesem Zusammenhang auch die von R. Palgen, Werden und Wesen der Komödie Dantes (1955), S. 158 f. im Zusammenhang mit seiner Luziferdeutung zitierte Stelle aus Alexander Neckam über das bei Christi Geburt in den Abgrund versunkene nobile palatium vermerkt werden, das Neckam auch — wie Palgen selbst nicht besonders hervorhebt — als nobile aedificium bezeichnet. 22 I, 34, 80f. e più con un gigante î0 mi convegno che giganti non fan con le sue braccia. 23 I, 31, 20f. che me parve veder molte alte torri I, 31, 40—44 24 I, 31, 106—108 2 I, 31, 136—138 ond’io: „Maestro, di, che terra è questa?“ (come...) Montereggion di torri si corona... cosi... torreggiavan... li orribili giganti Non fu tremoto gia tanto rubesto che scotesse una torre così forte, come Fialte a scuotersi fu presto. Qual pare a riguardar la Garisenda sotto’l chinato quando un nuvol vada sour'essa sì, che ella incontra penda 26 Nemrod wird bereits in der Septuaginta und Itala als Gigant bezeichnet. Einen auch für den Danteforscher wertvollen Uberblick über die patristische Exegese zu Gen. 10,8—10 gibt B. Altaner in RAC I, s. v. Babylon. Vgl. ferner bei C. T. Davis, Dante and the idea of Rome (Oxford 1957) die in den Indexstichworten Babylon (as Rome) (as world empire) (as civitas terrena) (as name of Great Whore) verzeichneten Stellen. Die Formulierung unseres Textes

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Bilden nun die Riesen als Erdensöhne mit Luzifer = terra eine Einheit, stellt der Hollengrund mit seiner Garde eine turmbewehrte Trutzburg dar wie Monteriggioni, so liegt nach allem, was uns Dante an seiner Antäusgestalt erkennen ließ, die Vermutung nahe, daß allen Riesen — Luzifer miteingeschlossen — ein bestimmter reichspolitischer Schriftsinn eignet. Gelingt es ihn aufzuzeigen, so kann wohl die oben vorgeschlagene reichspolitische Antäus-Deutung als endgültig erwiesen betrachtet werden, womit dann aber auch die letzten Voraussetzungen zur Darlegung der Gründe gegeben sind, warum die Antäus-Episode vom Somnium Scipionis her gestaltet ist. Gehen wir ein letztes Mal von Monteriggioni aus, diesmal mit Pézard. Der französische Gelehrte hat in seinem oben (Anm. 5) zitierten Aufsatz daran erinnert, daß die im 13. Jahrhundert von den Senesen erbaute Festung im Jahre 1312 dem nunmehr mit Florenz verbündeten Siena ein willkommenes Bollwerk im Widerstand gegen Heinrich VII. war. Villani (IX, 48) berichtet, der Kaiser habe im Winter 1313 die alte Festung Poggibonsi wiederaufgebaut und ihr den Namen Castello Imperiale gegeben. Pézard weist darauf hin, daß die Taufe der neugeborenen Festung auf den stolzen Namen Kaiserburg offensichtlich eine Herausforderung an das ebenso auf einem Hügel gelegene, nur zwei Meilen entfernte kaiserfeindliche Montereggioni, ‘Mont royal’, wie er übersetzt, war. Wenn nun auch Villani in der von Pézard zitierten Stelle nur erwähnt, der Kaiser habe die Festung Poggibonsi neu errichtet und ihr den Namen stützt sich unmittelbar auf Isidor, Etym. XV, 1,4, und VII, 6,22, darüber hinaus auf Rupertus Tuitensis PL 167, 366f. (In Gen. Lib. IV, c. XLIII). Die Stelle bei Rupert von Deutz ist deshalb so bedeutsam, weil hier — wie bei Dante — der Seelenjager Nemrod mit seinem Horn erwahnt und gleichzeitig auch Babylon als die große Hure geschildert wird, die das Blut der Heiligen trinkt und den teuflischen Widerpart zur Gottesstadt Jerusalem bildet, womit in ein und demselben Autor über den Riesen auch eine deutliche Brücke zum apokalyptischen Drama der Kirche in Purg. XXXII gegeben ist, wo Dante das Buhlen der großen Hure mit dem Riesen — d. h. des Papstes mit dem König von Frankreih — geißelt. Für den unmittelbaren Zusammenhang der NemrodExegese mit Inf. XXXI und Purg. XXXII spricht darüber hinaus auch die allenthalben feststellbare Symmetrie zwischen Höllengrund und Irdischem Paradies. Die erwähnte Stelle bei Rupert lautet: Nemrod... robustus venator erat, quia prius in populo insuetam tyrranidem quasi venando arripuit. Regnavitque in Babylone, quae ab eo quod ibi confusae sunt linguae turrim aedificantium Babel, appellata est... Sicut Nemrod robustus venator coram Domino, subauditur, sic omnis qui extollit in altum cornu suum, qui loquitur adversus Deum iniquitatem (Psal. LX XIV)... [psa quoque civitas sive turris, cuius exstruendae princeps ille fuit Babel id est confusio passim in Scripturis spiritualem significat civitatem diaboli, contrarium civitati Dei. Uocatur enim et est illa Babylon meretrix, quae sanguinem sanctorum bibit, et econtra civitas Dei, Hierusalem, id est visio pacis, in qua pacifico et vero Regi in aeternum et ultra conregnabunt omnes pacifici, quia vocabuntur et erunt fil Dei.

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Castello Imperiale gegeben, so dürfen wir dennoch im Hinblick auf die Nahe der kaiserfeindlichen, strategisch nicht minder wichtigen Festung Monteriggioni annehmen, daß die Namengebung des Kaisers, wie zwar Pézard selbst, aber nicht Villani hervorhebt, eine bewußte Herausforderung von Monteriggioni war, ob dieses nun zum Mons imperialis als mont royal, oder, der wahren Etymologie und auch der, die Dante damit verkniipfen wollte, entsprechender als mons regionis — Berg einer abgegrenzten Provinz — in Gegensatz tritt 27. Fest steht weiter, daf der Kaiser im Sommer 1313 nach dem Aufbruch von Pisa noch einmal versuchte, das toskanische Widerstandsnest vom senesischen Raume aus zu vernichten, Castelfiorentino angriff und dann zwischen Poggibonsi und Colle, ohne einen Sturm auf Monteriggioni zu wagen, vor Siena ruckte. Doch hier, im Felde von Montaperti, begann seine Krankheit, an der er am 24. August 1313, zwölf Meilen von Siena entfernt, starb. Pézard sagt daher wohl zu Recht, Montereggioni versinnbilde recht gut die Rebellion gegen das Imperium 2°. Von den zahlreichen Wehrtürmen der Burg des Anti-Imperiums — I, 31, 20: me parve veder molte alte torri — werden en passant drei namentlich genannt, wahrend drei andere, namlich Nemrod, Ephialtes und Antaus von den Hollenwanderern aufgesucht und als Wirklichkeit erlebt werden. Es springt in die Augen, daß diese Auswahl in einer ganz bestimmten Absicht getroffen wurde, die noch durch die Tatsache unterstrichen wird, daß Vergil den Wunsch Dantes, Briareus zu sehen, fast brisk mit den Worten zurückweist: Tu vedrai Anteo (I, 31, 100). Jede der vom Dichter so sichtlich in den Vordergrund gerückten Bastionen der Höllenburg ist nämlich einem bestimmten der damals bekannten Erdteile zugeordnet: Nemrod Asien, Ephialtes Europa und Antäus Afrika. Das ist nun ein höchst beachtenswerter Umstand, der um so weniger als Zufall gewertet werden darf, als wir Beziehung um Beziehung zwischen den Wachtürmen der Höllenfestung und dem Kern der Trutzburg erkannten. Auch die Anti-Roma Luzifer, der Riese unter den Riesen wird uns als Ur-Erde dreigesichtig gezeigt. Mag auch die Symbolik der drei Köpfe nie ganz und eindeutig auszuschöpfen sein, so kann doch ein 27 Pézard aaO., S. 57: Il avait fait relever la vieille forteresse de Poggibonsi, bien placée sur une hauteur au devant de Montereggioni, a deux lieues et demie, et il la rebaptisa fièrement castello Imperiale ou Monte Imperiale, ‘mont impérial’ en face du ‘mont royal’ des Siennois (Villani IX, 48). Zur Bedeutung von regio findet man bei Isidor, Etym. XIV, 5, 21 folgende Stelle: Asia locus est, provincia Asiae Phrygia, Troia regio Phrygiae, Ilium civitas Troiae. Item regiones partes sunt provinciarum... 28 Zu der Datierungsfrage, die sich im Falle ergibt, daß Dante, als er seinen Vergleich der Riesenrunde mit den Tiirmen von Montereggioni niederschrieb, bereits vom Tode des Kaisers wußte, siehe Pézard S. 58 Anm. 1.

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aufmerksames und behutsames Abwägen aller kleinen Einzelheiten, die uns der Dichter mit der Farbentrias seiner Luziferköpfe — einschließlich ihrer Nuancen selbst — verrät, näher an die ihm vorschwebenden Deutungsmöglichkeiten heranführen. Es besteht jedenfalls kein Grund, der schon einige Male vorgebrachten Interpretation der Köpfe als Sinnbild für je einen Erdteil weniger Beachtung als vielen anderen Auslegungen zu schenken, mögen sie moralischer oder politischer Natur sein, zumal dann, wenn die Kontinente-Deutung, neu und besser gestützt, vielleicht sogar mit der als wahrscheinlich zu betrachtenden moralischen und politischen Symbolik verknüpft werden kann oder muß 2°, Eindeutig aber bietet sich uns Luzifer als Anti-Roma dar durch die Erzrebellen, welche in den drei Maulern zermalmt werden. August Buck °° faßt die Reichsverräter-Symbolik des Imperador del doloroso regno in den Worten zusammen: „Die die göttliche Ordnung widerspiegelnde ideale Ordnung der Menschheit ist bereits einmal in der Geschichte verwirklicht worden, nämlich im römischen Imperium. Rom wird zur Metapher für das himmlische Paradies: ‘jenes Rom, wo Christus Römer ist’ (II, 32, 102). Das Verbrechen am Stifter des Imperiums wird genau so bestraft wie der Verrat am Gottessohn: Die Cäsar-Mörder Brutus und Cassius werden zusammen mit Judas im Maule Luzifers zermalmt. So findet die dem mittelalterlichen Denken vertraute Verbindung von römischer Überlieferung und christlicher Heilsgeschichte im Ordo-Begriff ihre höchste Rechtfertigung“. Erst in dieser Sicht läßt sich ganz ermessen, wie sehr Luzifer AntiRoma ist. Der vom Himmel in den tiefsten Höllengrund gestürzte Urrebell gegen das himmlische Rom — Dante nennt ihn ausdrücklich gemeinsam mit Judas vom Erdengrund verschlungen (I, 31, 142f.) — zermalmt in seinen Erdenmäulern die Urrebellen gegen das irdische Rom Christi, das sich unter Augustus, dem Großneffen und Erben des ermordeten Caesar zu verwirklichen begann. Der Mord an Caesar konnte das Anbrechen des Imperium iustum, in dem Christus einwilligte, Mensch . und Römer zu sein, ebenso wenig verhindern, wie der Verrat des Judas das Erlösungswerk Christi und die Gründung seiner römischen Kirche aufhalten konnte. Die reichspolitische Deutung der Verschwörer in Luzifers Mäulern ist daher engstens mit der von Dante in Monarchia II, 11 vorgetragenen Anschauung zu verknüpfen, wonach Christus durch seine 29 Für den Fall, daß die Deutung der Luzifer-Köpfe als Erdteile wieder aufzuwerten ist, wird allerdings genau untersucht werden müssen, ob nicht die bisher übliche Zuteilung der Farben Rot für Europa, Gelb-Weiß für Asien, wie ich glaube, völlig unhaltbar ist. 30 A. Buck, Dante als Dichter des christlichen Mittelalters (Hamburg 1959).

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Geburt als römischer Bürger den Rechtsanspruch des eben geschaffenen Imperium sanktionieren wollte: Dico ergo quod, si Romanum Imperium de iure non fuit, Christus nascendo presumpsit iniustum... Sed Christus, ut scriba eius Lucas testatur, sub edicto Romane auctoritatis nascı voluit de virgine matre, ut in illa singulari generis humani descriptione filius dei homo factus homo conscriberetur ... Ergo Christus Augusti Romanorum auctoritate fungentis edictum fore iustum opere persuasit. P. Toynbee hat in seinem Aufsatz ‘Dantes Obligations to the Ormista’ die starke Beeinflussung dieser Stelle durch Orosius hervorgehoben. Im sechsten Buch der ‘Historiae adversum Paganos’ zeigt der hispanische Geschichtsschreiber, wie das Befriedigungswerk Caesars durch seine Ermordung auctoribus Bruto et Cassio unterbrochen, jedoch alsbald von Augustus endgültig verwirklicht wird, unter dessen Herrschaft daher Christus einwilligte, als römischer Bürger geboren zu werden, eine Ehre, die weder Babylon noch Makedonien noch einem anderen der früheren Reiche zuteil ward: tunc igitur natus est Christus, Romano censui statim adscriptus ut natus est, haec est prima illa clarissimaque professio, quae Caesarem omnium principem Romanosque rerum dominos singillatim cunctorum hominum edita adscriptione signavit, in qua se et ipse, qui cunctos homines fecit, inveniri hominem adscribique inter homines voluit: quod penitus numquam ab orbe condito atque ab exordio generis humani in hunc modum ne Babylonio quidem vel Macedonico, ut non dicam minori cuiquam regno concessum fuit. nec dubium, quin omnium cognitioni fidei inspectionique pateat, quia Dominus noster Jesus Christus hanc urbem nutu suo auctam defensamque in hunc rerum apicem provexerit, cuius potissime voluit esse cum venit, dicendus utique civis Romanus census professione Romani. Fuhrt uns so der antiimperiale Aspekt Luzifers zu der sichtlich auf Orosius zurückzuweisenden Assoziation des Erdendaseins Christi mit Caesars Reich 8!, so wird es uns im Hinblick auf die vielen Beziehungen, die wir zwischen den Riesen des 31. Hollengesanges und Luzifer aufzeigen konnten, kaum mehr sonderlich überraschen, wenn auch an den Wehrtürmen der Höllenfestung der Reichsgedanke des Orosius sichtbar wird. Lassen wir von der entmachteten Festung Anti-Roma des Höllengrundes unseren Blick ein letztes Mal zurückschweifen zu ihren vom Dichter in den Vordergrund gerückten Bastionen Nemrod, Ephialtes und Antäus. Unzweifelhaft sind sie zunächst vor allem Sinnbilder des Schicksals, das früher oder später jede gegen Gott sich aufbäumende Macht zerschmet- % Zu Toynbees Aufsatz in: Dante Studies and Researches (London 1902), S. 121—136 vgl. auch die Zusammenfassung bei Charles Till Davis, Dante and the Idea of Rome (Oxford 1957), S. 57—63.

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tert 32. Gewiß hat sie auch der Dichter nicht ohne Absicht der in die Anfange der Geschichte zuriickweisenden Mythenwelt entnommen, um in ihnen gleichsam die Urtypen des menschlichen Aufstandes gegen Gott zu zeigen, das Los zu künden, das überall, wo Menschen die Erde bewohnen, seit Anbeginn den Empörern gegen die Gottheit bereitet ist. An Antäus aber ist uns zuerst deutlich geworden, (daß er von Dante unzweifelhaft als Sinnbild einer bestimmten Kraft Antiroms gesehen wurde: des im Heilsplan Gottes von Anbeginn entmachteten Weltreiches Karthago. Nemrod und Ephialtes bestätigen nun auf das schlagendste die Richtigkeit unserer Deutung des Riesen aus dem Bagradastal, weisen sie doch, jeder von ihnen, unverkennbar auf die zwei anderen der drei großen Weltreiche hin, die noch Orosius schließlich Rom, dem vierten und größten, weichen mußten. Nemrod, der Rebell gegen Gott und Gründer Babylons, versinnbildlicht die Urohnmacht des von ihm gegründeten babylonischen Reiches; Ephialtes, der Rebell gegen Jupiter, weist uns nach Makedonien, dem dritten der großen vorrömischen Weltreiche, dessen Untergang für Dante — ähnlich wie der Fall des afrikanischen Reiches — wohl längst vor Kynoskephalai und Pharsalos bereits im Augenblick besiegelt war, als der Riese, um Jupiter zu entthronen, mit seinem Bruder Otos begann, Pelion, Ossa und Olymp aufeinanderzutürmen. Pezard, für den, wie erwähnt, der reichspolitische Hintergrund des Vergleichs der Riesen mit Monteriggioni außer Frage steht und irgendwie auch an Nemrod, besonders klar aber an Antäus abzulesen ist, weiß trotz aufmerksamsten Bemühens mit Ephialtes nichts Rechtes anzufangen. Er beginnt seine Analyse mit den Worten: Ephialtes nous embarasse, il faut l’avouer, um sie zwei Seiten später mit der Feststellung zu schlie- Ren: Pépisode d’Ephialte n’a qu’un lien assez lâche avec les fins politiques où tend l'esprit du poète88. Die Antwort auf die von Pézard sehr zu Recht gestellte Frage: Warum hat Dante ihn ausgewählt? läßt sich nämlich tatsächlich nur vom reichspolitischen Gesamtzusammenhang des Hollengrundes her gewinnen. Dante zeigt uns in den ohnmächtigen Riesen die wankenden Vorwerke der Höllenburg; von den gestürzten Weltreichen Babylon, Makedonien und Karthago führt der letzte Abstieg zum Gigas Maximus, der im Himmel und auf Erden entmachteten Festung Anti-Rom. Was wußte Dante von Ephialtes, den Pézard als den Helden eines komplizierten Mythos bezeichnet? Daf er ihn von einer Kette umwunden 3 Nemrod rebelliert gegen den Judengott, Ephialtes gegen Jupiter und Antäus gegen den in Rom als Gottheit verehrten Hercules. Vgl. zum Herkuleskult in Rom RE VIII, 1, 550—612. 83 A. Pézard (s. o. Anm. 5), S. 62, 64.

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schildert, ‚die vorn den rechten Arm, den linken hinten in Fesseln hielt‘, und daß er wenig später offensichtlich auf die geschilderte Fesselung bezugnehmend erklärt, ‚die Arme, mit denen er den Göttern Schrecken einjagte, kann er nun nicht mehr rühren‘ %, hat mit Recht die Kommentatoren veranlaßt, auf die Strophe Carm. III, 4, 49—52 hinzuweisen, wo Horaz von den Aloiden sagt: Magnum illa terrorem intulerat Jovi Fidens iuventus horrida brachiis Fratresque tendentes opaco Pelion imposuisse Olympo Ist auch hier nur von den ‚Brüdern‘ die Rede, so gaben wohl für jeden mittelalterlichen Leser der Stelle die Glossen zu den Handschriften Auskunft, wer mit den fratres gemeint sei. Der alte Scholiast Porphyrio 3 verweist zu v. 51 auf die Parallelstelle bei Vergil, Georg. I, 281—283: ter sunt conati imponere Pelio Ossam scilicet atque Ossae frondosum involvere Olympum; ter pater exstructos deiecit fulmine montes. Zu dieser Georgica-Stelle, auf die auch die Commenta Bernensia zu Phars. VI, 409ff., wie man gleich sehen wird, verweisen, erläutert Servius: 280: Fratres dicit Otum et Ephialtem, Aloi filios, ut quidam putant 282: Scilicet atque Ossae: Pelius mons est Thessaliae, Olympus Macedoniae, Ossa Thraciae. et bene tertium quasi maiorem involvere ait. Die Brüder, die sich verschworen, die Feste des Himmels zu stiirzen, türmten demnach über Pelion, den Berg Thessaliens, den Berg Thrakiens, Ossa, empor, auf den sie als letzten und größten den Olymp als Berg Makedoniens setzten, um Jupiter durch ihren Turmbau der Berge zu entthronen 38, Mit diesen Angaben ist der Schauplatz der frevelhaften Empörung des Ephialtes genau dem Kernland des einstigen makedonischen Weltreiches 3 I, 31, 85—88: A cinger lui qual che fosse’! maestro, non so io dir, ma el tenea soccinto dinanzi l’altro e dietro il braccio destro d'una catena che’l tenea avvinto I, 31, 94—96: Fialte ha nome; e fece le gran prove quando i giganti fer paura a’ Dei; le braccia ch’el meno, già mai non move. 85 Pomponi Porfyrionis Commentum in Horatium Flaccum, rec. Alfred Holder (Innsbruck 1894). 38 Der Götterberg liegt übrigens auch für Isidor (Etym. XIV, 4, 13) mitten in Makedonien: Mons Olympus in ea (sc. Macedonia) est.

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zugewiesen, dessen Schicksal seit dem vierten Jahrhundert vor Christus auch Thessalien und Thrakien teilten 87. Nemrod, Ephialtes, Antäus und Luzifer selbst, die „Erdensöhne“ und Herren der Höllenfestung, sind daher die für die gesamte Dauer der menschlichen Heilsgeschichte wirksamen Sinnbilder der Hybris und des Zusammenbruchs aller gottfernen großen Weltreiche, von Babylon über Makedonien, Karthago bis Rom. Die Anregung für die geniale Anordnung des Festungsgrundes und seiner Außenwerke verdankt Dante — was den moralischen Schriftsinn betrifft — wohl unzweifelhaft Orosius. Immer wieder spricht dieser von den vier großen Weltreichen, die alle, bis auf das römische, zugrunde gingen, weil sie von Habgier, Raserei, Maßlosigkeit zerfressen, sich in Kriegen zerfleischten, während es dem römischen Reich allein beschieden war, in der Menschwerdung Christi unter dem Friedenskaiser Augustus das Unterpfand des Weiterbestehens geschenkt zu erhalten, was dennoch nicht verhindert, daß auch Rom immer wieder durch neu entzündete Gier von neuen Katastrophen heimgesucht wird. Der ersten vollständigen Aufzählung der Weltreiche zu Beginn des zweiten Buches geht die Erklärung voraus, daß alle Gewalt von Gott stamme; wenn aber alle Macht von Gott herrühre, um wieviel mehr müßten dann die Weltreiche, von denen alle übrige Macht ausgehe, von Gott ihren Anfang nehmen und besonders die Macht Roms, des größten von ihnen. Orosius läßt uns mit dieser Äußerung in aller Deutlichkeit die Schwere des Fluches erkennen, der auf Dantes Riesen — Luzifer miteingerechnet — lastet; ging doch ihre Macht nicht von Gott aus, sondern 37 Von den Aloiden und der für immer verfluchten Stätte ihrer Empörung kündet auch das Werk, auf das Dante wenige Verse später bei der Schilderung des Riesen Antäus ausführlich Bezug nehmen wird. In Phars. VI, 410 ff. läßt Lukan die beiden großen Gegner Pompeius und Caesar ihre Lager vor dem Entscheidungskampf an jenem ‚vom Schicksal verdammten Platze‘ aufschlagen, wo die gottlosen Aloiden Otos und Ephialtes hatten den Himmel stürmen wollen: Unde et Thessalicae veniunt ad Pythia laurus. Inpius hinc prolem superis inmisit Aloeus, Inseruit celsis prope se cum Pelion astris Sideribusque vias incurrens abstulit Ossa. Hac ubi damnata fatis tellure locarunt Castra duces, cunctos belli praesaga futuri Mens agitat, summique gravem discriminis horam Adventare palam est, propius iam fata moveri. Die ‘Commenta Bernensia’ erläutern zu v. 410: tunc scilicet quando Martem alligaverunt Otos et Ephialtes und verweisen zu v. 411 ihrerseits auf die oben zitierte Georgica-Stelle. Die ,verdammte Erde‘ bezeichnen sie als aut nunc damnata aut semper. Es ist wohl kein Zufall, daß uns die Suche nach Dantes Quellen für die Gestalt des Ephialtes ganz ahnlich wie bei Antäus auf eine Lukanstelle führt, in der an einem für alle Zeiten vom Schicksal verwünschten Platze über Roms Zukunft und Größe entschieden wird.

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aus der Emporung gegen ihn, weshalb sie auch alle in den gottfernsten Punkt des Kosmos verbannt sind. Die Stelle lautet (Hist. adv. Pag. II, 1, 3—6): ... quapropter omnem potestatem a Deo esse omnemque ordinationem, et qui non legerunt sentiunt et qui legerunt recognoscunt. quod si potestates a Deo sunt, quanto magis regna, a quibus reliquae potestates progrediuntur; si autem regna diversa, quanto aequius regnum aliquod maximum, cui reliquorum regnorum potestas universa subicitur, quale a principio Babylonium et deinde Macedonicum fuit, post etiam Africanum atque in fine Romanum quod usque ad nunc manet... quorum inter primum ac novissimum, id est inter Babylonium et Romanum... Africanum ac Macedonicum brevia et media ...38. Vielleicht mag mancher Leser die sich im Höllengrundgeschehen spiegelnde Geschichtsauffassung Dantes für ebenso beschränkt halten, seinen Drang zu moralisieren ebenso langweilig empfinden, wie C. T. Davis die Geschichtsauffassung des Orosius beurteilt (aa0., S. 57). Kritik der Danteschen Geschichtsphilosophie oder ästhetische Wertungen und Reaktionen von Menschen unserer Zeit liegen nicht im Blickfeld unserer Fragestellung; daß aber solche Einwände mit derselben Berechtigung wie für Orosius auch für Dante gemacht werden könnten, beweist einmal mehr, wie nahe Dante in seiner geistigen Haltung und religiösen Überzeugung Orosius steht. Besonders augenfällig zeigt sich die Verwandtschaft in gewissen der Commedia und der Monarchia mit den Historiae gemeinsamen Leitgedanken, wie der Auffassung, daß alles Übel der Welt, alle Katastrophen der Menschheitsgeschichte ihre Wurzeln in böser Gier, cupiditas, haben 39. Nicht von ungefähr wird gerade die Belehrung über die Entmachtung der Weltreiche in das Sinnbild der Riesen gehullt, die der Dichter Henkersknechte des Mars nennt (I, 31, 51), somit als Lebewesen bezeichnet, welche mit ihrem grimmigen Herrn das spezifische Marsvermögen der ira et cupiditas teilen 40. Der Umstand, daß wir allenthalben im Höllengrund auf die Spuren des Orosius stießen, berechtigt uns vielleicht auch, in dem so abrupt auftauchenden Vergleich des Antäus mit einem Mastbaum — eben hatte ihn der Dichter noch mit dem schiefen Turm Garisenda verglichen — eine Anspielung auf eine von Orosius berichtete Episode zu erblicken. Antäus hat die Wanderer auf den Höllengrund gesetzt, der, wie Dante hier ausdrücklich festhält, Luzifer mit Judas verschlingt; er verweilt jedoch nicht in seiner bis auf den Eissee hinabgebeugten Haltung, sondern hebt % Vgl. außerdem Historiae adv. Pag. II, 3, 5—8; VI, 22, 5—8; VII, 2, 1—16. 9 Vgl. Orosius I, 1, 14; VII, 43, 19. Dante Mon. I, 11; I, 13; I, 26; s. auch Otto Herding, Über Dantes Monarchia, in: Dante und die Mächtigen seiner Zeit (Münchner Romanistische Arbeiten 15, 1960), S. 55. Zur zentralen Bedeutung der Cupiditas in der Commedia vgl. G. Rabuse, Der kosmische Aufbau... die unter dem Indexstichworte cupiditas angegebenen Stellen. 40 Vgl. ebd. S. 60, 62, 69, 123, 128 f.

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sich sogleich wie der Mastbaum auf einem Schiffe wieder in seine aufrechte Haltung. Zweifellos wollte Dante dem Vergleiche selbst und auch der unmittelbar vorangehenden Mitteilung, daß der Riese keineswegs am Höllengrund verweilt, stärksten Nachdruck verleihen; beschließen doch die beiden Verse: ne si chinato li fece dimora / e come albero in nave si levo den Gesang. Das letzte, was wir von Antäus sehen und hören, ehe er auf unserem Gang zum Höllengrunde über uns zurückbleibt, ist ein sich aufrichtender Mast und ein lapidares, mit einem Oxytonon den Gesang jah abbrechendes ‘si levò’. Es hat also tatsächlich (wie bereits in Anm. 13 angedeutet) den Anschein, daß es Antäus verboten ist, den Höllengrund zu berühren bzw. auf ihm zu verweilen. Die Verse I, 32, 16 f.: Come noi fummo giù nel pozzo scuro / sotto i piè del gigante assai più bassi lassen keinen Zweifel darüber, daß Antaus selbst mit den Füßen nicht den Eisgrund erreichen kann. Der Erdensohn bleibt gleichsam sogar stehend seiner Nahrmutter beraubt, wie Statius einpragsam sagt (Theb. 6, 896: nec licet extrema matrem contingere planta). Versagt ist ihm auch, wie er es gewohnt war, der jahe Fall zur Erde. Er muß stehen, um endgültig zu fallen, nach den unmifverstandlichen Worten des Kommentars zu Phars. IV, 646f.: Standum est tibi ... et ultra non credere solo sternique vetabere terra (Comm. Bernensia: ne labor meus tibi proficiat, cui cecidisse proficit ad triumphum). Zu den Worten des Alkiden: ,hieher, Antäus, sollst du fallen‘ erläutert der Kommentator: ut vere cadas, stabis. Nachdem Antäus die Dichter mit seinen wuchtigen Handen umschlungen hat, überfällt den Wanderer Dante plôtzliche Angst, als er den Riesen sich senken sieht; offensichtlich fürchtet er einen jähen Fall zum Grunde, wie ihn Antäus immer wieder und auch noch in seinem Ringkampf mit Hercules übte; doch nichts derartiges geschieht: Man beachte Dantes ma lievemente! Der Riese setzt im Gegenteil die Wanderer sanft, behutsam auf den Grund — ahnlich wie klobige Hande eine zarte, zierliche Schachfigur auf das Brett setzen würden — und richtet sich, gewiß ohne selbst den Boden berührt zu haben, wieder hoch. Ist diese Deutung einmal als richtig erkannt, dann kommt den Versen I, 31, 122: mettine giù, e non ten vegna schifo I, 31, 126: pero ti china, e non torcer lo grifo eine besonders spottische Note zu. Anderen darf er helfen, sich selbst kann er nicht helfen, könnte man beinahe interpretieren. Was aber sieht Antäus auf diesem Grunde, dessen Betreten ihm versagt bleibt, wenn er seine Augen gleichsam von der Höhe des Mastbaumes zu Boden richtet, nach dem alten Ziel seiner Sehnsucht?

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Beantworten wir die Frage im Sinne der reichspolitischen Auslegung des Hollengrundgeschehens, die wir nicht zuletzt aus seiner Gestalt selbst erschließen konnten, so dürfen wir sagen: Der Kämpfer Karthagos sieht von der Hohe seines Mastbaumes hinab auf das aus dem Eissee aufragende, entmachtete Anti-Rom, einen Ort des Wehklagens und des Grauens. Er sieht auf das Grab der Erdenmacht der Gegner Roms. Wir lesen nun bei Orosius IV, 19 in Anschluß an Livius (ab urbe condita XXX, 25, 11—22), daß Karthago nach dem Siege Scipios auf den großen Feldern und der Niederlage des Syphax bereit war, in Friedensverhandlungen mit Rom einzutreten. Hannibal selbst, der sechzehn Jahre in Italien gekämpft hatte, erhielt den Befehl, sich nach der Heimat einzuschiffen. Weinend verließ er das solange von ihm besetzte Land. Als bereits Afrikas Gestade in Sicht kam, befahl er einem Matrosen, auf den Mastbaum zu steigen und ihm zu melden, welchem Platze man zusteuere. Der Matrose kam dem Befehle nach, hielt Ausschau und erklärte, er sehe vor sich eine Grabruine. Hannibal habe dieses Wort verwünscht, den Kurs geändert und sei bei Leptis (minor) an Land gegangen. Von dort sei er dann nach Karthago gezogen, um Scipio um die entscheidende Unterredung — sie sollte ohne Ergebnis bleiben — zu bitten 41. Ist Dantes e come albero in nave si levò eine letzte höhnische Anspielung der so hohnreichen Antäus-Episode? Verbleibt dem Karthager des Höllengrundes, wie Hannibal am Ende seiner Macht, nur mehr der Niederblick auf eine Grabruine? Wir halten es nach allem, was uns die Antäus-Episode selbst und das gesamte Höllengrundgeschehen erkennen ließ, für durchaus wahrscheinlich, wenn auch nie wird eindeutig bewiesen werden können, ob das Bild vom Mastbaum tatsächlich diesen kläglichen Niederblick auf das Gräberfeld eines für immer zerstörten Reiches enthalten und verewigen soll. Unser langer Umweg ist zu Ende. Welche Ernte hat er für den Nachweis eingebracht, daß die Antäus-Episode vom Somnium Scipionis beeinflußt und nach seinen Leitgedanken gestaltet ist? Gewiß nicht den Vorwurf, wir hätten versucht, mit einem merklichen oder unmerklichen ‘coup de pouce’ die Beweisglieder der eingangs dargelegten Themenkette im Sinne unserer These zurechtzuschieben. Eine Reihe von ihnen wurde nämlich im Gegenteil, wie dem Leser im Laufe der Betrachtung wohl nicht entgangen ist, von uns selbst ihrer einmaligen Beweiskraft beraubt. 41 Hannibal redire in Africam iussus, ut fessis Carthaginiensibus subveniret, flens reliquit Italiam... cui ad Africanum litus propinquanti iussus quidam e nauticis ascendere in arborem navis atque inde speculari, quam regionem teneret, sepulchrum dirutum se prospexisse respondit; abominatus dictum Hannibal deflexo cursu ad Leptim oppidum copias exposuit ... Livius verwendet anstelle des arbor navis für den Mastbaum das Wort malus.

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So ist das Glied A: die ausdrückliche Erwahnung der Scipionen oder eines von ihnen, wenn auch keineswegs in so zentraler Sicht wie bei Dante bereits in der Lukan’schen Antaus-Episode vorhanden (s. o. S. 25 f.). Das mit ihm verbundene Glied C: Verachtung des Erdenruhms und sittliche Verpflichtung, nach wahrer gloria zu streben, zeichnet sich unmißverständlich ab in den moralisierenden Auslegungen des Zweikampfes Herakles-Antäus, den Spätantike und Mittelalter als Ringen zwischen virtus gloriae und ihrem erdhaften Gegenüber und Zerrbild deuten (s. o. S. 27 ff.). Das von uns als protreptisches Element des Somnium Scipionis bezeichnete Glied G in seinen stark ausgeprägten nationalrömischen Zügen, die Mahnung, Gerechtigkeit, Gottesfurcht und Liebe zu pflegen, das römische Vaterland zu wahren, zu schützen und zu mehren, wofür als Lohn die Aufnahme in den Himmel und Vergottung winke, konnten wir geradezu als das zentrale Anliegen erkennen, um das nicht bloß die reichspolitische Heilslehre der Antäus-Episode, sondern darüber hinaus das gesamte mythologische Geschehen des Höllengrundes in infernalem Zerrbild kreist. An die Stelle Lukans, dem für die Gestaltung dieses sich mit einem der Leitgedanken des Somnium Scipionis deckenden Aspekts der Danteschen Antäus-Begegnung so gut wie nichts zu verdanken ist, tritt jedoch, wie wir nachwiesen, als Gewährsmann ersten Ranges Orosius. Das Glied D: die Rückschau aus dem Fixsternhimmel über die Planetensphären des ptolemäischen Kosmos zur Erde hinab, um dem Betrachter ihre Ohnmacht und Erbärmlichkeit im Gefüge des göttlichen Alls vor Augen zu führen, muß wohl allein schon durch den Platz, an dem die Riesen-Begegnung stattfindet, ausscheiden. Und dennoch läßt sich gerade in der mit dem Niederblick zur Erde verbundenen Belehrung über die Verwerflichkeit des erdhaft gerichteten Strebens, also vom Blickfeld des Somnium her, am besten die Frage beantworten, warum Dante von allen Riesen den Erdensohn par excellence auswählt, um die Wanderer ‚in den Abgrund aller Schuld‘, in dessen Mittelpunkt der Kaiser erdhaft gerichteten Strebens aufragt, hinabzusetzen, dem Riesen selbst jedoch für immer die Berührung mit dem tiefsten Schlund versagt und vielleicht sogar seinen sehnsüchtigen Niederblick auf die Festung Anti-Rom im Bild vom am Rande des Eissees aufragenden Mastbaum verewigt. Für Antäus als Symbol erdwärts gerichteter Macht im Sinne des Somnium Scipionis sprechen auch noch andere schwerwiegende Argumente. Die Betrachtung der Erde, ihrer Vergänglichkeit und Erbärmlichkeit aus lichten Himmelshöhen nimmt im Somnium ihren Ausgang vom Niederblick auf Karthago, also die Heimat des Antäus. Die endgültige Zerstörung dieses Bollwerks Anti-Roms wird gleich zu Beginn der Vision

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vom Africanus Maior dem jiingeren Scipio als seine nahe bevorstehende große Ruhmestat verheißen, wobei der ehrende Beiname Africanus, den Scipio Aemilianus bis dahin nur als Erbe des Siegers von Zama trug, nun auch rechtmäßig auf ihn übergehen werde 4, Genau wie bei Cicero die romfeindliche Macht Karthago als Sinnbild der Verganglichkeit und die Scipionen in Antithese zu ihr als das Vorbild wahrer gloria terrestris erscheinen, ruft Dante durch den Mund Vergils schon in den ersten Worten an Antäus dem Erdensohn aus Afrika, ehe er noch seine „Großtaten“ als Lowenbezwinger spôttisch rühmt, in Erinnerung, daß Scipio nach dem Sieg über Hannibal das Erbe seines ruhmvollen Tales antrat, ein Erbe, das wir aus den hintergründigen Zusammenhängen der Episode als in Wahrheit von Hercules, dem Schutzgott Roms, herstammend erkannt haben (s. o. S. 32). Eine ganz ähnliche Auffassung finden wir übrigens nochmals unmißverständlich ausgedrückt in Par. 27, 61 f. Das entscheidendste Argument für die Gestaltung der Antäus-Episode vom Themenkreis des Somnium Scipionis her ist jedoch der Umstand, daß der Dichter in den letzten Worten Vergils an Antäus: I, 31, 127—129: Ancor ti puo nel mondo render fama ch’el vive e lunga vita ancor aspetta se innanzi tempo Grazia a sé nol chiama nochmals Leitgedanken des Somnium Scipionis aufgreift und so, im Verein mit dem Vorausgegangenen in die nur fünfzehn Verse umfassende Apostrophe alle wesentlichen Ausführungen der Heilslehre Ciceros einbeschließt. Die Worte über Dantes Lebensdauer werden von den Kommentatoren des öfteren als eine Vergil in den Mund gelegte persönliche Äußerung des Dichters, eine Art frommes, gottergebenes Selbstgespräch inmitten der Antäus-Begegnung, kurz irgendwie als flüchtige Digression im Gang der Handlung gewertet. Sie sind jedoch, um richtig verstanden zu werden, zweifellos wie alle vorangehenden in erster Linie als an den Riesen gerichtet zu betrachten. Ich habe (s. o. S. 31) den blutigen Spott des Verses 127: ancor ti può nel mondo render fama aufzuzeigen versucht. Dem iber Verganglichkeit und Nichtigkeit des Erdenruhmes Unbelehrbaren mag nun auch das mit unverkennbarem Nachdruck vorgebrachte Argument: el vive e lunga vita aspetta als neue virtuelle Moglichkeit, sich einen langen Nachruhm auf Erden durch den Begleiter 42 Somn. Scip. II, 1: Uidesne illam urbem quae parere populo Romano coacta per me renovat pristina bella nec potest quiescere — ostendebat autem Carthaginem de excelso et pleno stellarum illustri et claro quodam loco — ad quam tu oppugnandam nunc venis paene miles? hanc hoc biennio consul evertes eritque cognomen id tibi partum quod habes adhuc a nobis hereditarium.

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Vergils zu sichern, hohe Genugtuung bereiten. Doch der auch diesem Verse eignende Spott wird im Lichte des Somnium Scipionis sofort offenbar. Heißt es dort nicht: „Welche Verherrlichung im Munde der Menschen kannst du erreichen, welches Verlangen nach Ruhm kann dir gestillt werden“ 43? Beschließen nicht immer wieder kategorische Feststellungen wie die folgenden Ciceros Ausführungen über die Fragwürdigkeit des Erdenruhmes: „Und selbst die von uns sprechen, wie lange werden sie es“ 4? „Uns allen ist nicht bloß der ewige, sondern sogar der Ruhm von längerer Dauer versagt“ 45, „Allem Reden der Menschen sind die engen Grenzen gesetzt, die du von hier siehst; niemandem vermag unser Wort einen Ruf von Dauer zu verleihen, vergänglich wie die Menschen ist der Ruhm, er erlischt im Vergessen der Nachwelt“ 46. Man hat zu Vers 128 mit Recht daran erinnert, daß Dante gemäß der antiken Tradition siebzig Jahre als das vollkommene natürliche Lebensalter ansieht und daher zum fiktiven Zeitpunkt der Höllenwanderung, also im Augenblick, wo er Vergil die Worte vom langen Leben, das noch vor ihm stehe, in den Mund legt, weitere fünfunddreißig Jahre vor sich liegen sehen muß. Was aber für ihn dieses lange Leben von fünfunddreißig Jahren — oder selbst fünfundvierzig, wenn wir auch Ps. 89 (90), 10 heranziehen — in Wahrheit ist, sagt er uns ın den berühmten Versen über die Nichtigkeit alles Erdenruhmes, gemessen an der Ewigkeit, in dem Kreise, wo die Stolzen ihr Verschulden büßen (II, 11, 100—108): Non é il mondan romore altro ch’un fiato di vento, ch’or vien quinci e or vien quindi, e muta nome perchè muta lato. Che voce avrai tu pin, se vecchia scindi da te la carne, che se fossi morto anzi che tu lasciassi il ‘pappo’ e’l “dind?, pria che passin mill’anni? ch’e più corto spazio all’etterno, ch’un muover di ciglia al cerchio che piu tardi in cielo e torto. 13 Somn. Scip. VI, 1: tu enim quam celebritatem sermonis hominum aut quam expetendam consequi gloriam potes? 4 VI, 4: ¿psi autem qui de nobis locuntur quam loquentur diu? 45 VII, 1: non modo non aeternam sed ne diuturnam quidem gloriam adsequi possumus. 46 VII, 5: sermo autem omnis ille et angustiis cingitur eis regionum quas vides nec umquam de ullo perennis fuit et obruitur hominum interitu et oblivione posteritatis extinguitur. 47 Gewiß hat der Vergleich des Verhältnisses von tausend Jahren zur Ewigkeit mit dem Verhältnis eines Wimperschlages zum Umlauf des Fixsternhimmels unmittelbar nichts mit dem Weltjahr gemein, von dem Cicero spricht, um die Vergänglichkeit des Erdenruhmes zu veranschaulichen (Somn. Scip. VII, 2—4). Der Gedanke jedoch, die Fragwürdigkeit irdischen Ruhms durch die Gegenüberstellung menschlicher Vergänglichkeit mit der Dauer der Gestirnbewegungen zu veranschaulichen, mag sehr wohl bei Dante durch Cicero angeregt sein. Diese

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Stellte sich so im Lichte der Zusammenhänge mit dem Somnium Scipionis bereits die Versicherung: ,er lebt und hat noch ein langes Leben vor sich“ als erbärmliche Zeitspanne menschlicher Ohnmacht dar, gemessen an dem auch für die Verdammten der Holle geltenden Ewigkeitsmaßstabe, so fällt der auch diese Frist noch einschrankende nachgestellte Bedingungssatz: „wenn vor der Zeit ihn nicht die Gnade zu sich ruft“ (Vers 129) das endgültige Verdammungsurteil über das Verlangen des Riesen nach irdischem Nachleben. Antäus wird freilich seinen Sarkasmus überhaupt nicht erfassen. Wie soll er, der Erdensohn, ahnen, daß wahres Leben, unvergänglicher Ruhm überhaupt nicht von dieser Welt sind? Das se innanzi tempo Grazia a se nol chiama scheint zunächst ausschließlich dem christlichen Bereich anzugehören. Es könnte mit einer Reihe biblischer Zitate in Verbindung gesetzt werden, so etwa Ps. 83 (84), 12; Phil. 1, 21; Tit. 3, 7; 2 Kor. 5, 6; 1 Pet. 5, 10, allen voran aber mit Röm. 6, 23: gratia autem Dei, vita aeterna cum Christo. Die Tatsache jedoch, daß uns der Sinn der Vergilschen Worte an Antäus immer wieder erst an ihrer Verknüpfung mit den Gedankengängen des Somnium Scipionis ganz offenbar wurde, zwingt uns auch für diesen letzten Vers nach Entsprechungen mit Ciceros Apokalypse zu fragen. Es springt in die Augen, daß hinter ihm die feierliche Versicherung des Africanus steht, das sogenannte Erdenleben sei in Wahrheit Tod, während das wahre, ewige Leben erst im Aufstieg zur Sternwelt beginne, zu dem uns Menschen jedoch erst der Zugang offen stehe, wenn Gott selbst uns nach Erfüllung unseres Auftrages aus den Fesseln des Leibes befreie 48. Pierre Courcelle hat in seiner Untersuchung über das Nachleben des Somnium Scipionis im Frühchristentum den starken Widerhall aufgezeigt, den schon bei den ersten Kirchenvätern diese Gedankengänge Ciceros fanden ®. Mit den Formulierungen Ciceros und Makrobs stellen allen Möglichkeit gewinnt noch an Wahrscheinlichkeit, wenn man bedenkt, daß die Dauer des großen Jahres ebenso wie die Präzession von vielen Autoren auf etwa 36000 Sonnenjahre geschätzt wurde. Vgl. dazu die Literaturangaben bei W. a Stahl, Macrobius, Commentary on the Dream of Scipio (New York 1952), 48 Somn. Scip. III, 2: immo vero inquit hi vivunt qui e corporum vinclis tamquam e carcere evolaverunt, vestra vero quae dicitur vita mors est. III, 3—5: quaeso inquam pater sanctissime atque optume, quoniam haec est vita ut Africanum audio dicere quid moror in terris? quin huc ad vos venire propero? non est ita inquit ille. nisi enim cum deus is cuius hoc templum est omne quod conspicis istis te corporis custodüs liberaverit, huc tibi aditus patere non potest... quare et tibi Publi et piis omnibus retinendus animus est in custodia corporis nec iniussu eius a quo ille est vobis datus ex hominum vita migrandum est ne munus humanum assignatum a deo defugisse videamini. 4° P. Courcelle, La postérité chrétienne du Songe de Scipion, in: Revue des Etudes Latines 37 (1959), S. 205—208 (vestra vero quae dicitur vita mors est); S. 224—229 (Le Songe de Scipion et la réflexion chrétienne sur le suicide). 4 Archiv fiir Kulturgeschichte 43/1

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voran Augustinus, Ambrosius und andere Kirchenvater die Verbindung zu den Gedankengängen der oben zitierten Bibelstellen her. Es schiene an sich berechtigt, für die Schlußverse der Vergilschen Apostrophe anstelle Ciceros etwa Augustins Sermo CCCXLVI, 1 heranzuziehen (Migne PL 39, 1522, De peregrinatione nostra in hac vita per fidem), wo es heißt: vita haec mors verius quam vita. Vera vita nonnisi aeterna... nam ista vita mortalis in qua nunc sumus ex illius vitae comparatione mors esse convincitur; quae tanta mutabilitate variatur, et nulla stabilitate firmatur, et cursu brevissimo terminatur. Oder besonders fiir den letzten Vers, der den von Gott geschickten (nicht freiwillig gewählten) frühzeitigen Heimgang als großen Gewinn des Menschen bezeichnet, die christliche Adaptation der Ausführungen über den Selbstmord im Somnium Scipionis durch Ambrosius (De bono mortis II, 5). Wir begingen jedoch in diesem Falle zweifellos den auch von E. R. Curtius in seinen Dantestudien mehrfach erwahnten methodischen Fehler, dort verschiedene Quellen anzunehmen, wo alles aus einer einzigen abgeleitet werden kann. Ein weiterer entscheidender Grund, warum wir statt der verschiedenen Ausstrahlungen des Somnium Scipionis im christlichen Schrifttum auf Cicero selbst als Gestaltungsvorbild der Stelle beharren müssen, besteht im Umstand, daß im Somnium Scipionis dem Verbot, freiwillig den frühzeitigen Tod seines Ichs herbeizuführen, die Argumentation folgt, der Mensch dürfe sich dem ihm von Gott gestellten Auftrag nicht entziehen, und daß unmittelbar anschließend (III, 5) dieser Auftrag und der Lohn, der seiner Erfüllung winkt, mit den bereits mehrmals erwähnten Leitgedanken präzisiert werden: sed sic Scipio ut avus hic tuus, ut ego qui te genui, iustitiam cole et pietatem quae cum magna in parentibus et propinquis tum in patria maxima est. Ea vita via est in caelum et in hunc coetum eorum, qui iam vixerunt el corpore laxati illum incolunt locum, quem vides. Unmittelbar vor dieser Schlüsselstelle für die richtige Deutung der Vergilschen Worte steht jene Anspielung auf die Moglichkeit eines frühzeitigen gewaltsamen Todes des Adoptivenkels, welche Cicero dem Africanus Maior in seiner vaticinatio ex eventu in den Mund legt 4. So stellt sich uns die Antäus-Episode und das um sie gruppierte Höllengrundgeschehen in allem als infernales Zerrbild des Visionsgeschehens bei Cicero dar. Vergil überschüttet den verblödeten, ahnungslosen Riesen vom ersten bis zum letzten Vers mit atzendem Spott, dessen bittere Lehre nur der danebenstehende Höllenfahrer Dante richtig erfaßt; jedes der 50 Zur Möglichkeit, Dantes Anspielung auf seinen eventuell frühzeitigen Tod mit Somnium Scipionis II, 2 zu verknüpfen, vgl. G. Rabuse, Dantes Jenseitsvision und das Somnium Scipionis, in: Wiener Studien 72 (1959), S. 154.

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vom Fuhrer durch die Holle vorgebrachten Argumente bildet, Element um Element, ein ins Gegenteil verkehrtes Wort der trostreichen Belehrung, die dem Adoptivenkel des Africanus Maior im Somnium Scipionis zuteil wird. Die Antithese zu Ciceros Apokalypse ist lückenlos. Noch die Mythographen des Frühmittelalters wußten Antaus als ‘Contrarium’ zu deuten (s. o. Anm. 9f.). Das Gegenteil, als das uns Dante seinen Erdensohn schildert, läßt sich aber weder durch Lukan noch durch Orosius, weder durch die Mythographen noch durch die Bibel oder die Vater zum lückenlosen Ganzen runden. Hingegen müssen alle Elemente eines Zerrbildes der ethischen Werte des Somnium Scipionis aus der Antäus-Begegnung und dem Hollengrundgeschehen herausgelesen werden, um es überhaupt richtig zu erfassen. So bleibt für jene, welche die Komplexitat dieses Contrarium zwar bejahen, meine Argumente jedoch ablehnen, nur ubrig, die Sinngebung der Antaus-Episode als Dantes eigenste Erfindung zu bezeichnen. Nach den Ergebnissen der vorliegenden Untersuchung dürfte jedoch für die richtige Interpretation des Höllengrundgeschehens die Patenschaft des Somnium Scipionis nicht mehr zu bezweifeln sein.