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S. 85-89 (1967)
RE
ELENA
5
SA .
Das Tier in der Vorstellungswelt der Griechen
F. M. HeiCHELHEtM und THomas ELLIOTT
In den altorientalischen Stadtkulturen und vermutlich den totemistisch beeinflußten davorliegenden nichtstädtischen tierzüchtenden, pflanzenzüchtenden und tierjagenden Perioden! sind die Tiere
von der Menschenwelt und ebenso von den Götterwelten noch nicht grundsätzlich geschieden. Altorientalische Mythologie und Fabel, ursemitohamitischer, urindoeuropäischer und urmongolischer
Sprachgebrauch fügen Tiere in den jeweiligen Menschen- oder Götterkosmos ohne Bedenken ein, ein
Bereits Hesiop, der um die Zeit des Abschlusses
und der wohl schriftlichen Kodifizierung der zwei
homerischen Epen lebte, verfeinerte die homerische
Tierauffassung. Für ihn liegt der Hauptunterschied
zwischen Mensch und Tier in der zeusgegebenen
Dike, der olympischen Rechtsordnung für die Menschen und auch die Götter”. Diese jüngere Rechtsschicht steht für Heston freilich in tragischem Dauerkonflikt mit der urtümlicheren Ananke, der Weltnotwendigkeit, wie das der deutsche und schwei-
Verhaltungszustand, dem auch die frühhellenischen
zerische Dichter Carı Spirrezer in seinem „Olymminoisch-mykenischen Malereien und Skulpturen
sich einzupassen scheinen.
pischen Frühling“ so beispielhaft vor zwei Menschenaltern neu erlebt hat.
Eine völlig neue Anschauungsweise erscheint zum
ersten Male in der Ilias und Odyssee, den großen
homerischen Epen, die bald nach 700 v.Chr. endgültig formal und schriftlich fixiert wurden. In
diesen Werken sind Tier und Mensch deutlich und
grundsätzlich als verschieden verstanden*. Nur das
literarische Gleichnis kann Menschenwesen aus Tierverhalten oder tierisches aus menschlicher Reaktion
in Annäherung verständlich machen. Pferd, Löwe,
Eber und Habicht werden für solche Gleichnisse
bevorzugt*. Tierfelle beeinflussen die Sinnesrichtung
der Helden“, ein noch nicht ausgeschiedenes totemistisches Überlebsel. Homers Auffassung vom Tier
als von der Menschenwelt wesensmäßig geschieden,
Eine Tierfabel, die Habicht und Nachtigall in
der tragischen Versklavungssituation des unschuldig
führt indessen zum Beispiel dazu, daß die altorientalischen Fabelformen in Ilias und Odyssee
überhaupt nicht vorkommen. Nichtsdestoweniger
liebt der homerische Mensch seine Tiere, beobachtet
sie scharf® und mit tragikomischem Humor, wie
vor allem die weltberühmte Argoserzählung in
Od. XVII, 290—327 beweist.
1 Vgl. F. M. HeicHet Heim, An Ancient Economic HistoryI
(1958), Kap. III, IV passim; Klein. PAury, Art. Fabel (KeyDELL); B.E. Peary, Fable. Studium Generale 42, 25 f. (1959).
2 Vgl. E.R. Doops, The Greeks and th: Irrational (1951),
7 zu IL XIX, 417 (Gesetz der Moira!). Zu Einzelzügen
homerischer Denkweise über Tierwelten und die Menschenwelt
vgl, H. Raan, Das Tier bei Homer, § 5. Studium Generale 20,
90-105 (1967).
3 Vgl. z.B. Il. XXII, 266 f.; XXIV, 41; Od. XI, 611 £.;
Rann, 1.0. $$ 4,5,
4 Der seelisch erschreckt: Krieger zieht für den Kampf
Löwen- oder Leopardenfelle, der Spion Wolfs- urd Wieselfelle an, um seine Positivkräfte in Magiesymbolik zu intensivieren. Vgl. 11. X, 23, 29, 334 f., 460 f.
$ Klein. Pautr, Art. Fabel (Kerperı).
© Vgl. RAHN, 1. c. §§ 2, 4.
Studium Generale (Berl.) Jahrg. 20
Ergriffenen konfrontiert, wird von Hestop erzählt,
um gerade diese Sozialüberlegenheit der Dike der
Menschen über wilde tierische gegenseitige Verfolgung im Prinzip herauszustellen®. Habicht und
Nachtigall glauben natürlich beide im Recht zu
sein,
obwohl
sie von
zwei
grundverschiedenen
Prinzipienschichtungen, Dike und Ananke, ausgehen.
Ob unter Hestops Nachtigall hier der Dichter
selber zu verstehen ist, wie das traditionell seit der
Antike angenommen wird, geht aus dem Wortlaut
dieser ersten echt griechischen Fabel jedenfalls nicht
mit Sicherheit hervor. Der ethische Konflikt der
späteren attischen Tragödie ist aber in dieser Skizze
bereits vorgebilder.
Unter den frühen griechischen Lyrikern wird im
Laufe der 7. und 6. Jahrhunderte v. Chr. die bereits
fixierte homerische und hesiodeische Tierdarstellung
zusätzlich zur spielerischen Fiktion, mit deren Hilfe
man menschliche Schwächen verspotten und geißeln
konnte, Schwächen, deren unverhüllte dichterische
Darstellung andernfalls lebensgefährliche Racheaktionen gegen die kühnen Poeten hätte nach sich
ziehen können. SEMONIDES von Amorgos® wagt es
zum Beispiel, in einem langen Gedicht alle weiblichen Schwächen und indirekt Zeus als den Schöpfer
der Frauen mit Hilfe von Tiervergleichen zu verspotten, in denen den verschiedenen Tieren aus7 Hes, Erga, 274 f.
8 Hes, Erga, 202 f.; H.T. Waoe-Gery, in Phoenix 3, 90,
(1949).
9 Anchol. Lyr. Graeca (1948)3, SEMONIDES frg. 7. Vgl. auch
op. cit, PHOCYLIDES, frg. 2.
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Generale
Jg. 20, Heit 2
S. 95—89 11967)
FE. M. Herceecttem und T. Eruiorr: Das Tier in der Vorstcilungswele der Griechen
Mit PHyrmacoras und seiner Lehre von einer
Seelenwanderung durch tierische Leiber'#, sowie
!
mit der zum Vegetarismus neigenden Orphik
beginnt aber zugleich eine halborientalisierende Entwicklung, die den homerischen Abstand von Mensch
und Tier wieder zu vermindern suchte. Der Dichter
Sımonides®, ein älterer Zeitgenosse der Perser-
31 Agamemnon, 717 f.; 1382; Choephori, 935 f.
33 Agamemnon, 1125 f.; Marre, op. cit, 137.
32 Agamemnon, 1050, 1063.
qe
87
30 Agamemnon, 717f.; Choephori, 246 f.; H.J. Merre,
Der verlorene Aischylos (1963), 117.
29 Supplices, 222 f.
B Septem, 540 f., 560 f.
2 Vgl. L. Woupe, Pindar, die Dichtungen und Fragmente,
verdeutscht und erläutert (1958), passim und zur Bibliogr.
S, 366 f. An hier nicht benutzten Ausgaben vgl. weiter Pindar,
carmina cum fragmentis (ed. A. Turvn, Krakau, 1948); Pindarus (ed. B, Swetz, 1964, Teubner). Charakteristisch sind
z.B. Olymp. XI, 19. (Tiercharakter auf Menschencharakter
übertragen) oder Istum. IV, 63—66 (SNELL), wo lange vor
Sutra, dessen Propaganda vermutlich von dieser PmparStelle angerege wurde, Fuchs und Löwe zur Charakterisierung
einer Person kombiniert werden. Zum Krähenproblem vgl.
Arm. 12.
7 Septem, 381, 412.
25 Pauty-Wissowa, R.E. Art. Homeridae (Rzacn), Kol.
2168 f. Ideenmäßig wird hier ArckıLocıtos nachgeahmt und
verfeinert. Vgl. Anm. 11.
Kuh®, Nachtigall*, einen Fisch®, einen Raben ®,
“,
Spinngewebe”, den Wolf, Hund®, Schlange
und auch manches mehr. Nicht zufällig stehen diese
Tiervergleiche des AiscHyLos denen der delphi-
Habicht und Taube”, Adler und Hasen, wilde
und zahme Löwen®, eine Schwalbe®®, Stier und
Arscryros benutzt Tiervergleiche in größter Zahl,
aber nicht mehr wie in Hesiop nur auf Dike konzentriert. Wir finden Drachen’, eine Spinne”,
seine Schilderungen des Einflusses der Musik in der
Tradition der Orphik auf den Adler in Pyth. I, 1#.
der Krähen (wohl Anspielung auf SImMoniDEs und
BAKCHYLIDEs in der Tradition des ArcHILocuos)
auf den Adler in Olymp. IJ, 86/88.
Charaktereigenschaften für jedes Element fixiert, den
Adler als Leitmotiv für die Luft, den Löwen für die
Erde, den Delphin für den Ozean. Berühmt sind
trotzdem PyrHacoras und die Orphik gut verstanden, machten dann aus dem ursprünglich homerischen Tiervergleich ein weltanschauliches Werkzeug von fast unübertroffener Phantasie und Sprachkunst. Pınpar®® hat ein Tier mit feststehenden
Entwicklung der Hellenen weiter verfeinert, eine gehören in diese Kategorie. Im frühen 5. Jahrhundert
Weiterführung älterer Kunstschöpfung, die den Tier- “v.Chr. greift der Froschmäusekrieg°® des homerivergleich und die Tierfabel zum gefährlichen Ve- schen Korpus anscheinend den Konflikt zwischen
hikel im politischen Konflikt der Aristokraten-, Sparta und Athen, einer See- und einer Landmacht,
Tyrannen- und Demokratenfaktionen zwischen mit Mitteln der satirischen Tierfabel auf.
dem 7. und 4. Jahrhundert v. Chr. machten. Die
Pinpar und AıschyLos, Okzidentalen, die aber
Grundlagen für JONATHAN Swırts „Pferdeland“
und Georce Orwerıs „Animal Farm“ waren
gelegt.
82 (Vögel, die vor einem Habicht Zuflucht suchen, werden
zu Symboltieren für Mädchen). Für weitere Tiersymbole dieses
tiefsinnigen Dichters vgl. P.M.G. frg. 26 (Der Eisvogel, der
von den Jungvögeln über die Wellen getragen wird, als
Symboltier für ein glückliches Alter), frg. 39, 40 (Die Vogelsprachen sind der Dichtersprache verwandt), frg. 89 (Tiere als
schlafender Welt, Bilder,
Wesensbestandteil der außerh
die später nicht nur AiscuyLos und THeokarros (Anm. 69),
sondern auch Gorrurs tyrisches Gedicht „Über allen Gipfeln”
beeinflußt haben).
kriege, scheint ticrische Einfachheit im Essen als
14 Für diesen allzu fragmentarischen Lyriker vgl. P.M.G.,
In der Folgezeit wird die hellenische Tiersatire
unter Druck und Gegendruck fast unverändert als
praelogische Form der Staatslehre, Gesellschaftskritik und Individualpsychologie weiter verfeinert.
Fast alle dem Arsor** zugeschriebenen Tierfabeln
18 Vgl. PauLy-Wissowa, R.E. Art. Pythagoras (V. Fritz),
W.Kranz, 1960 = F. V.S.), XENOPHANES fram. 8.
bes. “Kol. 187 £.; Fragm. der Vorsokratiker® (ed. H. Dints-
Nr. 17,5. 64 1.
20 Hibeh Papyri I (1906), ed. GRENFELL-HuNT),
19 Vgl, Pauuy-Wissowa, R. E‚ Art. Orpheus (ZiesLer), bes.
1267; Orphische Dichtung (KEYDELL, ZtEGLER).
bisher nicht durch ausgiebige Papyrusneufunde besser zu
Die Fragmente dieses im Altertum hodıgeschätzten, aber leider
analysierenden Lyrikers zeugen von einer weiter durch ihn
Politik}; 519 frgm. 136, 2 (Delphin); 567, 2 (Vögel und
verfeinerten’ Tradition. Vgl. P.M.G., op. cic. Nrs. 508, 7
(Eisvogel); 515; 607; 616 (Pferdesymbolik für Rernstall und
Fische des Orrneus); 583 (Hahn); 586 I (Nachtigall); 597;
606; 607 (Schwalbensymbolik); 593 (Biene); 610 (Zikade von
Akanchos).
Nrs. 10 (Hirsch); 149; 296 (a) 8; 438 (Lowe); 7,12 (Fisch);
259 II, 13; 34 (a), 6; (b) 9; 115 (a) 5 (Pferde).
21 Vgl. insbes. die Ideale von Anchol. Lyr. Graeca (ed.
Dim), THeocnis, 183—192, di: die philosophischen Systeme
38 Agamemnon, 1382.
34 Agamemnon, 1140 f.
4 Choephori, 523 f.
38 Chorphori, 447.
36 Choephori, 421 f.
9? Agamemnon, 1492.
26 Agamemnon, 1472 £.
div religiöse Relativität klar machen soll).
24 Vgl. Corpus Fabulorum Aesopicarum® I, 1, 2 (ed,
A. Haussatu-H. Huncer, 1956/9); Pauty-Wissowa, Art.
Fabel (Hausrat); Klein. PauLy, Art. Aisopos, F:bel.
4; 9; il; 13; 37,
23 EF. V.S, op. cit. HERAKLELTOS, frgm.
61; 82; 83; 97 (dumpfe Minderwertigkeit der Tiere, merschliche Relativität). Vgl. aber auch frgm. 67 (Spinnengleichnis
Für menschliche Psychologie benutzt}.
22 F.V.S, op. cit, XENOPHANES, frgm. 15 (Tiersymbolik,
Pearos und NIETZSCHES intensiv beeinflußt haben.
des Odysseus); 235 (Roß des Poseidon); 248 (Eisvogel).
9 (Kräbe); 211 (Schwalbe); 225 (Delphin als Schildsymbol
und Adler, die bei Aclian., De nat. anim. XVII, 37 erhalten
ist, hatte eher einen ethisch-philosophischen als einen politischen Hintergrund. Die z.Z. erhaltenen, nicht immer eindeutigen Fragmente zeigen, daß auch Sresicnoros eine mit
Homer, Heston, ArcHiLOCHOS und Atxman beginnende
Tradition des Verhältnisses von Tier und Mensch weiter
entwickelte und verfeinerte. Vgl. P. M. G., op. cit. Nrs. 209 I,
zukünftiger Tyrannis warnte. Eine andere Fabel über Mensch
17 Nach Acistor., Rhet. 2.1293 har SresıcHoros eine Tierfabel komponiert, in der er die Politen von Himera vor
nicht vergessen, freilich gelegentlich deutlich politisiert. Vgl.
16 ALkaïos ist ein hochbegabter Umbildner. Er verwendet
die bercies volkstümliche Ticrsymbolik des AxcHıLochos
(Anm. 10—12) für seine Aristokratenideen. Vgl. P.L.F., op.
cit, Nrs. 307 II (c), (d) (Rinder des Apollon), 69 (Fuchs als
(b)
Symbol für einen politischen Gegner), 3071 (c), 347 (a),
(Zikade mic Apollon oder halbgötelichen Naturzuständen
verbunden). Auxatos politisiert auch die Vogelsymbolik des
ALKMAN (Anm, 13) für seine Zwecke. Vgl. Nrs. 115,6; 306
frg. 6; 345 (Vögel); 115, 8; 129, 26 (Eule, vielleicht politisches
Ticesymbol}; 428 (a) (Hahn, wohl als negatives politisches
Beiwort gebraucht); 416 (Kuckucksruf); 253; 3071(c); 399
(Nachtigallensymbolik); 307 I (c) (Schwalbe, Schwan des Apollon). Natürlich ist Homer in diesem Umbildungsproze auch
Singer ARcHILOCHOS und ALKMAN. Vgl. insbes. „Sappho“?
(ed. und übers. M. Treu, Tusculum-Büchere! 1958), 94 und Poctarum Lesbiorum Fragmenta? (ed, E. Loszt-D. L. Pace, 1963 =
P,L. F.), Nr, 130. Zum ersten Male in der Geistesgeschichte der
Alter. Welt außerhalb von Ostasien und Indien wird in diesen
Versen der Geschlechtstricb als „tierisch* bezeichnet, sine
Weltanschauungside:, die vom 5. Jh. v. Chr. an in hellenischer,
jüdisch-biblischer, christlicher und islamischer Philosophie,
Theologie und Lebenspraxis eine bis heute oft entscheidend:
Rolle gespielt hat. Vgl. weiter „Sappho“, op. cit, pp. 88, 225;
P.L.F., op. cit, Nrs. 104 Ta; 136 (Schafe und Ziegen als
Symbole für ein zu Sappno von zu Hause zurückkehrendes
Mädchen, vielleicht äolische Umbildung der in Anm. 13 angedeuteten Mädchensymbolik des Atxman), 135 (Schwalbe), 146
(Die Biene als wahres Dichterideal, wohl Weiterbildung der
Frizensymbolik des SEMONIDES von Anm. 9).
15 Saprao ist cher noch sprachrevolutionärer als ihre Vor-
Ausdruck zu bringen). Vgl. auch die weniger deutlichen
frgm. 349, 9; 453 (Schwalbensymbolik), 452 (Krähensymbolik).
hier hauptsächlich dazu verwandt, erotische Abhängigkeit zum
op. cit. frg. 360, 377, 417, 437, 456 (?) (Die Tiersymbolik wird
nachahmenswert gepriesen zu haben. THEocnis*
empfiehlt etwas früher, die Rassenauslese der Hausverzucht auf die menschliche Gesellschaft anzuwenden. Die Gegenreaktion blieb narürlich nicht
aus. Der Philosoph XENOPHANES hat bereits die
Tierverhimmelung mancher Zeitgenossen satirisch
behandelt?® und der Philosoph HeraxLıtos diese
Unsitte noch stärker angegriffen ®,
Melici Gracci (ed. D. L. Pace, 1962, Oxford = P. M.G.) frg.
Mitte zwischen dem altgermanischen Walkürenideal und dem
mictelalterlich-modernen Girlideal der Angelsachsen anstrebte.
Vgl. hier HeicHeuneim, op. cit. 1, 528 und für Einzelzüge
D.L. Pace, Aleman, the Parthenaion (1951), 22, 45, 47, 49,
50, 51 (Rennpferde verschisdener Rasse und Güte, auferdem
Eule und Schwan werden Symboltiere für Mädchen); Poetae
ANAKREON, SappHo'® und in ihrer Nachfolge
Axxatos **, STESICHOROS °° und eine Anzahl anderer
vorläufig schlecht faßbarer Lyriker der archaischen
FE. M. HeicHeL HEIM und T. Ecuorrr: Das Tier in der Vorstellungswelt der Griechen
geprägte Charakterzüge halb spielerisch zugeteilt
werden.
fabeln in der Tradition Hestops, die eine über
Der geniale satirische Dichter ArcHiLocHos benutzt etwa zur selben Zeit mindestens zwei TierFuchs und Affe!, die andere über Fuchs und
Adler", und außerdem häufige Tiervergleiche ®, um
ein tragikomisches Weltbild zu umreißen, das oft
genug Tiere als Menschen und Menschen als Tiere
um des satirischen Kontrasteffektes willen dem
Leser vor die Augen führt und manchmal politisch,
manchmal sozial-kollektiv eingestellt ist. In anderen
Fällen werden von ArcHiLocnos Individualgegner
und öfters des selbstquälerischen Dichters eigene
Schwächen mit den Mitteln des Tiervergleichs und
der Geißel des Spottes illustriert.
die Probleme der menschlichen Politik, Gesellschafts-
Grundsätzlich wird aber auch hier unverändert
an der homerischen Tierauffassung festgehalten,
nach der Mensch und Tier im Wesen verschieden
sind. Die prähistorische und altorientalische Tierfabel und der vermutlich noch ältere Tiervergleich
sind nichtsdestoweniger als Kunstmittel für alle
Zukunft dieser Weltanschauung eingeordnet, um
entwicklung und Individualpsychologie durch Annäherung prälogisch evident zu machen. Die ältere
Individual- und politische Gesellschaftssatire, wie
sie nach homerischen Anfängen bei Hestop, SEMONIDEs und ARCHILOCHOS sich entwickelt, wird dann
schöpferisch und meisterhaft durch ArkMan *?,
tı „Archiloque*, op. cie, 49 £.; „Archilochos", op. cit., 82 f.,
10 „Archiloque® (ed. F.Lassere-A. Bownarn, Budé, 1958),
64E; „Archilochos“ (ed. M. Trev, Tusculum-Bücherei, 1959),
78E, 288f. (Satire gegen politische und gesellschaftliche
Führerkulte),
12 Vgl, für die sacirischen Tierverzleichsmethoden dieses
230 f. (Ein Freundschaftsbund zwischen allzu wesensverschiedenen Personen und Gruppen ist so nutzlos, daß er zur
Tragikomödie wird). Vgl. R. J. Wizurams, in Phoenix 10, 70 f.,
(1956) zum Wandermotiv als solchem von Altbabylonien bis
zum Mittelalter.
sprachrevolutionären Vorkämpfers der Schwachen seiner Zeit
„Archilochos“, op. cit. 11, 180 (Ameise als Symbol der Stärke
der Schwachen), 29, 41, 195 (Krähen als Symbole heimatloser
Wanderer, die insbes. im Hetärenbordell Zuflucht suchen), 29,
197 (Eselsriicken als Symbol für Schattenseiten von Thasos), 31
(Schaf als Reichtumssymbol), 41 (Möve als Kontrast zur
Krihe}, 39, 205 (Wespe, Rebhuhn und Rind als Symboltiere
für nutzlose und nüczliche Landarbeiter), 55, 112 (Delphin
als Symbol der Dankbarkeit}, 71 und 95, 239 (der einseisige
Igel dem vielseitiger Fuchs als vielleicht überlegen geschildert),
89 (die schwache, aber stimmstarke Zikade als Symboltier fü
den Dichter in seiner Rachsucht), 91, 237 (Der Adler, cin
belicbtes Führersymboltier dieser Zeit, ist ein „Papiertiger“),
93, 238 (Ein Rebhuhn enckommt leicht), 95, 177 (Eselhengst
als Symboltier für übertriebenen Phallosgebrauch).
13 Dieser aristokratische, aber sprachrevolutionäre Dichter
bediente sich, soweit erhalten, der Tiersymbolik vor allem, um
in Spartanermädchen das lakonisch-dorische Streben nach
einem Frauenideal bildhaft zu zeichnen, das m.E. etwa die
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Studium
Generale
schen Orakelsprüche * nicht fern, die dann noch im
selben Jahrhundert von ARISTOPHANES verspottet
werden.
Doch das war nur eine zeitweise Obergangsansicht.
Die Sokratik von Sokrates bis zu ARISTOTELES
formt dann endgültig auf homerischer Grundlage
Ähnlich wie in der Periode von XENOPHANES und
HenrakLrros zeigt diese Parteinahme der Komödie
eine gesunde Reaktion des Hellenengeistes der
Künscler des 5. Jahrhunderts v. Chr. gegen übermäßige Anwendung des Tiervergleichs an. ArıstoPHANES hat besonders in den „Vögeln“ den politischsozialen Tiervergleich im Sinne des ARCHILOCHOS
und des Arkaros unsterblich lächerlich gemacht. Kein
Wunder, daß SornokLes * und Eurieipes, Zeitgenossen des ARISTOPHANES, im Tiervergleich unter dem
Druck der Komödie und dem Einfluß der sophistischen Bemühungen um absolute Logik vorsichtiger
wurden. Vögel als Symbol der erfolgreichen Flucht
erscheinen indessen in beider Dramen öfters. In der
Antigone schenkt dann SorHoxtes der Menschheit
die hellenische Kulturansicht über das Tier, die über
weltberühmte Verse, die im Sinne Homers die
Herrschaft des Menschen über die Tiere statuieren. Ähnlich erscheint das Tier in den Trojanerinnen des Euriripes * dem Menschen unterlegen.
Tierische Wildheit wird in der Hekuba und den
Bakchen mit aller Kontrastwirkung aufgezeigt. HeRODOT ®, der historische Rationalist und Freund des
Sophistenkreises um PERIKLES spricht öfters über
Tiere, aber immer so, daß er zeigt, daß er den
Aberglauben von Griechen und Barbaren in diesem
Zusammenhang nicht mitmacht, obwohl zum Beispiel
der Orienthistoriker Krestas ihn später hinnimmt *.
Heropor rationalisiert hier ursprünglich homerische
Ideen. Für seinen Nachfolger THuxyoınss existiert
das Tier als Problem überhaupt nicht.
41 H.W. PARKE-D. E. W. Wormeit, The Delphic Oracle II
(1956), Nos. 7 14, 26, 46, 48, 54—56 (zitiert aus HERODOT),
70, 84, 121. Vgl, auch Prato, Staat, 586 (ein Viehvergleich
des SoKRATES entspricht nach GLAUKON der üblichen Orakelsprache). Vgl, weiter ArıstopHanes, Vögel, 961 f.; A. B. Cook,
in Journ. Hell. Stud. 14, 167 (1894).
42 Vgl. bes. Lysistrata, 770 f.; Vögel, 961 £., 1283 f., 1300 f.;
das Mittelalter hinaus bis etwa zur Zeit Darwıns
die in der Regel unwidersprochene Mehrheitsansicht
der westlichen, griechisch-orthodoxen und islamischen Zivilisationskreise bleiben sollte. Der SokraTES der Memorabilia des XENOPHON ist der Ansicht,
daß die Tiere für den Menschen und seine Bedürfnisse geschaffen sind und gezüchtet werden müssen®. Der Mensch ist bereits durch seinen aufrechten Gang, dazu durch seine Sprachkunst, seinen
Verstand und seinen Religionssinn von den Tieren
grundsätzlich unterschieden ®. Indessen besteht die
Gefahr für ihn, auf das Niveau von Tieren herabzusinken %, Tier und Mensch haben Erziehung nötig,
auf die sie sogar öfters in verwandter Weise reagieren ®.
Prato unterscheidet sich von den Anschauungen
der übrigen Sokraistik nur in Einzelzügen, obwohl in
Prato Pythagoräerideen mitbenutzt sind. Eine Art
von Entwicklung der verschiedenen Tiergruppen
wird angenommen, wie sie EsPEDOkLES bereits ins
Auge gefaßt hatte ®. Vegetarische Lebensweise # und
Seelenwanderungsideen 5* sind der platonischen Philosophie bekannt. Gelegentlich wird der Mensch
sogar direkt als höheres Tier aufgefafit%. Tiere
werden manchmal als Vorbilder in ihrer Fürsorge
für ihre Jungen ®® und in ihrer Auswahl von Ehepartnern * gepriesen. Aber Erziehung ist beide Male
außerordentlich wichtig 5%, genau wie überall in der
Sokratik. Genau wie dort ist auch bei PLATO das
4 Xenoph., Mzmorab, IV, 3, 10.
4 Xe:oph. Apol. 12; Memorab. I, 1, 3-5; I, 4, 11—14;
IV, 3, 11/2.
50 Xenoph., Memorab. II, 1, 4/5; IV, 5, 11.
St Xenoph., Memorab. IV, 1, 3; Reitkunst, passim; Plato,
Gesetze, 735. Zum aus Ideen des SeMONtDES (Anm. 9) und
Ritter 197 f.; Frösche, 1431 f.
vielleicht der Sarpo (Anm. 15) durch XENOPHON, Prato und
4 Vgl, Oidipous in Kolonos, 1081 f. (Vögel als Symbol
für Fluchtentkommen, hier wohl in Nachahmung der Symbolsprache des Euriripes); Antigone, 342 f, (die Tierwelt der
Menschenwelt unterworfen).
wohl bereits Soxnates konstruierten philosophischen Simile
vom Idralkönig und der Bienenkônigin vel. J. Binancer,
Études de Lettres. Bull. Faculté Lectr, Univ. de Lausanne et
de la Société des Études de Lercres. Ser. II, 5,1 (1962), 63/4
zu Xenoph., Instit. Cyri V,1,24; Oikonom. VII, 17, 38;
32— 34; Plato, Staar VII 520 b.
44 Trojanerinnen, 634 f,
45 Hekuba, 1265 f.; Bakchai, passim,
46 Vgl, zu diesen Problemen W. Ary, Volksmärchen, Sage
und Novelle bei Herodot und seinen Zeitgenosser (1921);
E. Brocner, Sur le Phénix. Muséon (1937), 123 £.; Jutta
Kracuperc, Die Funktion der Orakel im Werke Herodots.
Hypomnemata 11 (1964); Ph.-E. Lecranp, Hérodote croyait-il
aux oracles? Mélanges Desrousseaux (1937), 275 F.;
W. Nestre, Vom Mythos zum Logos (1940), 503 f.
5° Plato, Gesetze VI, 782; F.V.$., op. cit, Empepox.es
frgm. 20, 21, 26.
Jg. 20, Hett 2
S. 85—39 (1967)
F. M. HeicneL Herm und T. Ertiorr: Das Tier in der Vorstellungswelt der Griechen
89
Tier dem Menschen unterworfen. Bésartige Tiere
und wohl auch AroLLonios von Rhodos in den
soll man nicht ändern, sondern beseitigen *. Homo- " Argonautika eigenständig teilen. Bei THEoKRiTos ®
sexualität, die PLATO positiv wertet, unterscheidet
den Menschen vom Tier als ein höheres Wesen ®.
Schöne Tiere bringen ästhetischen Genuß ".
ARISTOTELES baut schließlich das sokratisch-platonische System zu höchster philosophischer Logik
aus. Bis zu einem gewissen Grade spricht er Tieren
Charakter zu, aber nur der Mensch ist imstande,
sich der Vergangenheit zu erinnern und logisch zu
denken ®. Die menschliche Seele in aristotelischer
Unterteilung ist freilich bereits in Ansätzen bei
Tieren vorhanden", Im ganzen unterscheidet sich
ARISTOTELES von SOKRATES und Prato, wenn
immer er die Tiere als eigenständig und nicht nur
auf den Menschen bezogen ansieht.
In der hellenistischen Zeit wird dann die Konfliktsituation darüber ausgeprägter, ob Tiere Verstand haben können oder nicht. Die Stoiker ® gaben
in der Regel Verstand und Gefühl ausschließlich
dem Menschengeschlechte. Die Epikuräer ® sahen
Mensch und Tier nur als quantitativ und nicht als
qualitativ unterschieden an. Hier werden Hypothesen über eine aufsteigende Reihe von Tiergruppen
entwickelt, die bereits bei ArıstoteLes zu finden
sind und die auch LyxoPHRON in der Alexandra ®
mit den vielen die Zukunft voraussagenden Tieren
50 Plato, Politikos 271 e; Gesetze 735. Vgl. auch Staat V,
459; Gesetze 873 2.
60 Plato, Gesetze 836e. Zum wirklichen Tacbestand vgl.
jetzt F. Scrutz, in Studium Generale 19, 273 f. (1966).
61 Plato, Timaios 19 b, eine Stelle, die aber mit Menon
80 a und Apol. 30e konfrontiert werden muß.
“2 Aristot., Historia Animalium (= H. A.). 488 b 1.
0 H.A. 488 b 1.
04 HLA, 588a1; 608b1; De Anima II, 3, 414a12. Zu
den aristotelischen Entwicklungsideen über Pflanze und Tier
zum Menschen vgl. De Anima II, 2, 413 b1; II, 3, 4142 33;
414b 18; De Generatione Animalium II, 4, 736 a 30; 741 a 1/2;
De Partibus Animalium 1V,5,678b2; De Vita ec Morte 4,
469 b 4.
6 M.Ponıenz, Die Stoa I (1948), 40, 85, 227; II (1948),
89, 114; E. Zeiten, Stoics, Epicurcans, and Sceptics (transl.
O.J. Reiche, 1870), S. 197 Anm.1 (CHrysirros und PoserDONIOS weniger radikal als die
übrigen Schulg
};
Sext. Emp, Pyrrh. I, 69.
90 M. POHLENZ, op. cit. I, 40; J. Brun, L'Epicurism® (1962),
491, 636. 69f., 746, 77; G.K. Srronacm, The Philosophy
of Epicurus (Obersetzungen ins Englische mit Kommentar,
1963), 41 f., 107, 116 f., 137 £., 140 £., 147, 155.
87 Vgl. Anm. 64.
wird die Tierbehandlung im Gegensatz ins dichterisch Spielerische, aber auch ins aristophanisch Satirische gezogen und wird unwirklicher als je zuvor.
In der vielseitigen, aber nicht sehr eigenständigen
römischen Kaiserzeit ” ist vor allem auf PLurarch ”'
hinzuweisen, dessen Tiergefühl ausgesprochen human
und bis zu einem gewissen Grade orientalisierend
ist. Aus der pythagoräischen Idee der Seelenwanderung durch Tierleiber zieht PiuTarcH weitgehende Diäts- und Humanitätskonsequenzen. PLuTARCHS Argumente für menschliche Behandlung von
Tieren entsprechen denen seiner Zeitgenossen, die
mit ähnlicher Begründung humane Sklavenbehandlung empfehlen.
Das griechische Verhalten zum Tier im Alten
Hellas ist, im Ganzen gesehen, nicht einheitlich.
Eine homerische und sokratische Auffassung von der
Überlegenheit des Menschen über das Tier steht
in Konflikt mit der Tradition der prähistorischen
und altorientalischen mehr oder weniger totemistischen Perioden, nach denen Mensch und Tier nicht
grundsätzlich wesensverschieden sind. Wir alle wissen, daß dieser Konflikt bis heute noch nicht völlig
eindeutig aufgelöst werden konnte.
88 Vgl. 1099—1122, 1374/5, Verse über Orakeltiere, deren
Beschreibung durch den Agamemnon des AISCHYLOS weitgehend beeinfluße isc.
8 Vgl. insbes. Idyll I (Tiere als zur Gesamenacur gehörig
geschildert, vielleicht unter dem Einfluß des ALKMAN, vgl.
Anm. 13); XXII, 71—74 (Einfluß von ARISTOPHANES, vgl.
Anm. 42).
70 Vgl. hauptsächlich für diese Periode N. Douczas, Birds
and Beasts of the Greek Anthology (1929); Cr. GORTEMAN,
Sollicitude et amour pour les animaux dans l'Égypte grecoromaine. Chronique d'Égypte 32 (1957), 101 f., weiter Artemidoros, Oneirocritica (ed. R.
A. Pack, 1963); Longos, Daphnis
und Chloe (griech. und deutsch von ©. ScHONBERGER, 1960);
Lukian, Oneiros (Parodie auf die pythagoreische Seelenwanderungslehre}, Die antike Einstellung zum Tier wird in der
vorbyzantinischen Zeit kaleidoskopish und außerordentlich
vielschichtig, eine Entwicklung, die durch alttestamentlichchristlich-islamische Einflüsse später noch weiter gesteigert wird,
aber nicht mehr in das Blickfeld dieser Studie gehört,
7. Es handelt sich vor allem um Pıurarchs Schriften De
Esu Carnium, De Sollertia Animalium, und Gryllos, in den
Moralia. Der Gryllos ist durch B.Snerr, Plutarch von der
Ruhe des Gemütes und andere philosophische Schriften (1948)
in der Nachkriegszeit verdeutscht worden. De Esu Carnium,
996 isc bes. aufschluBreich. Vgl, auch J.-J. HARTMAN, De
Avondzon des Heidendoms (1912), 251—255; 423—427.
53 Plato, Gesetze VI, 782 c.
8 Plato, Gesetze VI, 782c; Staac X, 620d (Mythos von
Er); Phaidros 249b; Phaidon 81c—82b; Timaios, passim,
bes, 91/2.
55 Plato, Sophistes, 220—222; Staat 562 e; 563 c. Vgl. auch
Politikos, 262.
#7 Zu Krestas von Knidos vgl, die Bibliogr. in H. BENGTSON,
Griechische Geschichte? (1965)), Index s. v.; G. Goosens, Le
sommaire de Persica de Crésias par Photius. Revue de Phil.
57 Plato, Gesetze VIII 840 ec,
et d'Histoire 28 (1950), 513 f,
58 Vgl. z.B. Plato, Gesetze 735.
56 Plato, Symposion 207 a.
Professor F. M. Heichelheim, Dr. phil, Dr.agr. b.c., F.R.S.C., Universitäten Toronto und Gießen, Toronto 5 {Ontario,
Can:da] University of Toronto. University College. Office A 202; und Thomas Elliot, B. A, Dozent, Trinity College, Hartford, Connecticut, USA