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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)STUFEN DER ENTFREMDU
NG
|
249
5127
,
DAA DLS >.
Ne
we
Wenn man die Naturvorstellungen der
griechischen Antike während der 1100 Jahre von Thales bis
zu den späten Neuplatonikern
aus der Vogelschau betrachtet, so
kann man nicht umhin, zu
folgendem Schluß zu kommen: Es
war die platonis
che Doktrin
einer beseelten Welt, eines lebe
ndigen, in der Idee des Guten
Biptelnden Organismus, die zusamm
en mit der aristotelischen
Konzeption eines zweckhaften, nac
h einem Plan wirkenden
Naturgeschehens zu jener Naturleh
re führte, welche tiefer und
nachhaltiger als alle anderen das anti
ke Denken und die späteren
Generationen bis in die Neuzeit
hin beeinflußt hat. ‘Trotz der
und Aristoteles’ bedieses kombinierte platonisch-
Verschiedenheit der Philosophien
Platons
herrschte in der späteren Antike
urauffassung der Alten,
aristotelische Weltbild- die Nat
einer rein
und es war
un wesentlichen der schärfste Geg
ensatz zu dieser Auffassung,
der den Ausgangspunkt der mod
ernen Naturwissenschaft von
Descartes an bildete.
Es gab, wie bekannt, bedeutsam
e Ansätze zu
mechanistischen Naturbetrachtung in
der vorplatonischen Zeit, im
6. und 5. Jahrhundert v. Chr. Ich
erwähne vor allem die drei
milesischen Naturphilosophen und
ihre materiellen Prinzipien,
dann Empedokles mit seiner Leh
re von den vier Elementen
und den sich das Gleichgewicht halt
enden anziehenden und abstoBenden Kräften, ferner Anaxagoras,
der die Sterne als glühende
Steine ansah, deren Umkrei
sung der Erde durc
h mechanische
Schwungkräfte bewirkı wird,
und die Atomisten, deren kos-
Pagina 2
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)mologische Doktrin auf der Vorstellung von den ewigen Bewegungen und Zusammenstößen der Atome im leeren Raum beruhte,
und die in der hellenistischen Zeit in Epikur einen Nachfolger
fanden.
Die Pychagoreer im 5. Jahrhundert v. Chr., deren Einfluß auf
Platon bekannt ist, nahmen insofern eine Sonderstellung ein, als
sie eine wissenschaftliche Methodik in Mathematik und Astronomie mit einer esoterischen Lehre verbanden, einer Religion der
Zahl, dem mystischen Glauben an eine universelle Harmonie, die
zugleich Kosmos und Mensch umfaßt. Das stoische Weltbild, das
im Zeitalter des Hellenismus vorherrschte, vereinigte den Glauben
an eine göttliche Vorsehung mit einem strengen Determinismus,
der sehr wohl als eine Vorwegnahme moderner Entwicklungen
angesehen werden könnte; jedoch blieb diese Vorwegnahme nur
eine rein qualitative, denn es mangelte ihr an mathematischen
Ansätzen oder quanutativen Formulierungen. Die Lehre der Stoiker wurde schließlich durch den großen Aufschwung des Platonismus vom dritten nachchristlichen Jahrhundert an in den Hintergrund gedrängt. Dieser Aufschwung war von der Idee einer
Stufenfolge der Realitäten getragen, die von der tiefsten der materiellen Welt über die der Seele und des Intellekts bis zur höchsten
des Einen führt, das zugleich das abstrakte Gute verkörpert. Diese
erweiterten und ausgebauten platonischen Vorstellungen wurden
durch die synkretistischen Tendenzen der Spätantike mit der
Begriffswelt des Aristoteles verschmolzen, in der das Streben nach
Vollkommenheit und nach einer Aktualisierung von Potentialitaten eine wesentliche Rolle spielte.
Diesem sehr summarischen Überblick, der begründen sollte,
warum ich die platonisch-aristotelische Auffassung von der Natur
als die „antike“ Auffassung schlechthin bezeichne, möchte ich eine
vergleichende Studie folgen lassen, in der die Einheit von Natur
und Geist in der Antike mit der Entzweiung dieser beiden Wesenheiten in der modernen Zeit kontrastiert wird und die positiven
und negativen Konsequenzen dieser unvermeidlichen Entfremdung in Kürze dargestellt werden.
Natur und Geist
agi
Platons Naturphilosophie ist im Timaios, dem kosmologischen
Dialog seiner Alterszeit, ausführlich dargestellt; aber schon in
einem seiner Frühdialoge, dem Phaidon’, ist seine Grundhaltung
klar zu erkennen. Hier läßı er den im Gefängnis sitzenden Sokrates seine tiefe Enttäuschung über das ihm empfohlene naturwissenschaftliche Werk des Anaxagoras aussprechen. Anaxagoras
habe zwar den von der Materie unabhängigen Geist eingeführt,
der den Anstoß zur geordneten Bewegung der materiellen Körper,
vor allem ihrer Kreisbewegungen, gegeben hat. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen aber sei er zu einer mechanischen Erklärungsweise der kosmischen Vorgänge übergegangen und habe
somit die Mechanik und nicht den Geist zur wesentlichen Ursache
des Geschehens gemacht. Sokrates demonstriert das Unzulängliche dieser Darstellung, die Anaxagoras von den Naturvorgängen
gibt, an einem drastischen Beispiel. Es sei genauso, wie wenn
jemand die Ursache seines Sitzens im Gefängnis mit der Mechanik
des Gehens, der Anspannung seiner Beinmuskeln, dem Beugen
der Beine und ähnlichen sichtbaren Vorgängen erkläre, welche mit
der Fortbewegung eines Menschen zusammenhängen. Diese mitwirkenden mechanischen Ursachen seien jedoch unwesentlich und
völlig belanglos, gemessen an den wahren Ursachen, die den
gegenwärtigen Zustand von Sokrates herbeigeführt haben, nämlich dem geistigen Hintergrund all dieser Vorgänge - seiner Verurteilung durch die Athener und seines Entschlusses, im Gefängnis
zu bleiben und die Vollstreckung des Urteils zu erwarten. Eine
mechanische Erklärung ist völlig ungenügend, wenn nicht die
Hauptursachen aufgedeckt werden, die geistiger Natur sind und
denen ein zweckhafter Charakter eignet, der nur in einer Welt
sinnvoll wird, in der Wertmaßstäbe eine unbedingte Geltung
haben.
Eine solche Welt ist unser Kosmos, dessen Wesen und Wirken
in Platons Timatos allegorisch dargestellt wird. Der Timaios ist
keine Schöpfungsgeschichte, wie etwa die biblische im ersten
ı Platen, Phaidon 97-99.
Pagina 3
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Kapitel von Genesis, vielmehr beschreibt Platon das Weltgesche-
Natur und Geist
153
hen in einem Mythos, dessen zentrale Figur der Demuurg ist, der
Angst, Haß oder Liebe und alle anderen Bewegungen, die diesen verwandt sind“.
kosmische Konstrukteur, der in die vorhandene ungeordnete
Hier ıst es also deutlich ausgesprochen, daß Vernunft, die allein
Materie, soweit es in seiner Macht steht, Ordnung hineinbringen
das Gute, Reguläre, Geordnete hervorbringen kann, zwar ohne
will. Der Demiurg war gut, so heißt es im Timaios?, und daher
Seele nicht denkbar ist, daß aber die Weltseele auch irrationale
strebte er danach, daß alle Dinge ihm ähnlich werden; soweit wie
Elemente enthält, ja, daß man ihr, wie Proklos in seinem Timaios-
Welt derart einzurichten, daß ihre chaotischen, ungeordneten
Kommentar es tut, eine Mittelstellung zwischen Vernunft und
Irrationalitat zuschreiben muß’, von der noch einiges weiterhin
gesagt werden wird. Andererseits läßt Platon keinen Zweifel daran
möglich sollen sie gut und vollkommen sein, und da Ordnung
besser ist als Unordnung, so war es das Ziel des Demiurgen, die
Bewegungen auf einen geordneten Zustand hin zustreben. Die
notwendige Bedingung für jede ordnende, zum Guten führende
aufkommen, daß es die Bewegungen der Weltseele sind, welche
Aktivität ist aber Vernunft, und nur beseelte Wesen können
während die matcriellen Bewegungen nur von dieser primären
Ursache abgeleitet und somit sekundärer Natur sind. Dazu gehört
vernünftig sein. Daher setzte der Demiurg in den Weltkörper cine
mit Vernunft begabte Seele, und indem er diese Weltseele schuf,
machte er das Universum zu einem lebendigen, vernunftbegabten
Wesen, an dessen Seele alle in ihm vorhandenen lebenden Organismen teilhaben. Platon macht es auch klar, daß ohne die Existenz
der Weltscele das Vorhandensein von Bewegung in der Welt nicht
denkbar sei; die Seele hat Vorrang vor dem Körper, denn sie ist die
Quelle jeder Bewegung, ja sie kann geradezu als Bewegung deliniert werden, die sich selbst zu bewegen vermag, wie es Platon in
seinem letzten großen Werk, den Gesetzen’, formuliert. „Die Seele
ist nichts anderes als der erste Anstoß des Werdens und der
Bewegung alles dessen, was ist und was gewesen ist und was sein
wird“, heißt es dort weiter. Platon betont ferner - und das ist von
wesentlicher Bedeutung für unser Thema —, daß in diesem Kontext
„Bewegung“ im allgemeinsten, weitesten Sinne zu verstehen sei.
Die Weltseele, wie die Teilseele des Menschen, ist Ursache sowohl
seelischer wie physischer Bewegungen im Universum, denn ihre
eigenen Bewegungen implizieren ja jede Form von rationaler, aber
auch emotionaler Regung, „Wille, Überlegung, Sorge, Erwägung
richtiger oder irriger Meinung, Freude und Traurigkeit, Vertrauen,
die primäre Ursache aller Veränderungen im Universum sind,
also alles, was mit Wachstum und Abnahme, Abkühlung und
Erwärmung und allen anderen physikalischen Vorgängen verbunden ist, Diese sekundären, ,mitwirkenden“ Ursachen würden aber
falschlich von den meisten Menschen als die einzigen Ursachen des
Geschehens angeschen, während sie doch, im Gegensatz zur Secle,
jeder Planung oder Zielsetzung oder jedes vernünftigen Handelns
unfähig seien.“ Platon drückt sich weiterhin noch klarer aus, wen
er im Auge hat, wenn er von den Vertretern dieser falschen
Ansicht spricht. Er polemisiert ganz offen gegen diejenigen, die
behaupten, „Feuer und Wasser, Erde und Luft seien die ersten
Prinzipien und Elemente der Welt“, und die im gleichen Aten:
erklären, sie hätten ihren Ursprung „in der Natur und im Zufall“,
und daß Erde, Sonne, Mond und Sterne aus diesen völlig seelenlosen Gegebenheiten entstanden seien und durch die Kraft, die
einem jeden durch Zufall innewohnt, in Bewegung gesetzt würden.” Platons Polemik richtet sich nicht nur gegen die milesischen
Naturphilosophen, sondern wohl auch gegen die Atomisten. Seine
4 Aa.0O., By6E.
s Proklos, In Ton. Laÿi, 9-12.
6 Platon, Timaios 46C-D.
2 Platon, Timaios 29E
ff.
3 Platon, Gessize 896A.
8 Platon, Gesetze 889B.
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Bemerkung, die ersten Elemente dürfe man nicht einmal so gering
Unberechenbare des Materials zuläßt, mit dem er zu arbeiten hat.
einschätzen wie Buchstaben (siehe Fußnote 7), scheint aut Demo-
Der Demiurg, der das vernünftige, zielbewußte, methodische
krit zu zielen, der die Zusammensetzung der Körper aus Atomen
mit der der Worte aus Buchstaben verglich, und auf seinen von
Aristoteles zitierten Ausspruch: „Die Tragödie und die Komödie
entstehen aus den gleichen Buchstaben.“”
Man kann Platons Demiurgen auch als Symbol des strukturierenden Elements im kosmischen Sein auffassen. Den irrationalen
Anteil der Seele, die der Demiurg in die Welt hineingesetzt hat,
nennt Platon kurz Ananke. Dieses Wort bezeichnet gewöhnlich
-die Notwendigkeit der Naturvorgänge un Gegensatz zu einem
planlosen und grundlosen Geschehen. Bei Platon jedoch bedeutet
Ananke in diesem Kontext nicht Notwendigkeit im Sinne eines
Kausalzusammenhangs, sondern eher das Gegenteil davon, also
etwa die brutalen Tatsachen, die nicht mit der Vernunit erklärbar
sind. Dies ist der Sinn des berühmten und oft zitierten Satzes im
Timaios: „Denn die Entstehung dieser Weltordnung beruht auf
einer Mischung, die sich aus der Vereinigung von Ananke und
Vernunft ergab. Indessen regierte die Vernunft über die Ananke,
indem sie sie dazu überreden konnte, das meiste von dem Entstehenden zum Besten zu führen; aus diesem Grunde also, und weil
Ananke sich der vernünftigen Überredung unterwarf, kam dieses
Wirken verkörpert, ringt mit den blinden Kräften, die dem
irrationalen Anteil der Weltseele entspringen, welche das materielle
Geschehen bestimmt. Dieses Ringen kann nur positive Resultate
zeitigen, wenn der Demiurg „vernünftige Überredung”, also intelligente Methodik, anwendet und nicht blinde Kraft gegen blinde
Kraft setzt. Aber auch in diesem günstigen Falle gelingt es nicht,
das kosmische Werden vollständig zu rationalisieren, wie Platon
ausdrücklich hervorhebt, sondern es bleibt immer ein unbestimmbarer, nicht vorhersagbarer, durch Willkür gekennzeichneter
Anteil, der nicht durch rationale Analyse allein zu erklären ist. Ein
englischer Platon-Kommentator des vorigen Jahrhunderts hat
diese Ananke geradezu mit der Willensfreiheit gleichgesetzt!', die
das menschliche Handeln charakterisiert, das im letzten Grunde
spontan und niemals restlos vorausbesummbar ist. Man kann sie
sehr wohl als Antithese zur Naturnotwendigkeit ansehen, die im
Prinzip determinierbar ist und rational erklärt werden kann.
Der Vergleich der Ananke mit der Willensfreiheit ist aus dem
Grund so lehrreich, weil er, in der Perspektive unserer Zeit, den
aus Vernunft und Ananke gemischten platonischen Kosmos als das
Objekt zweier, heute nach Inhalt und Methodik streng voneinan-
All von Anfang an so zustande.
“'°
Wenn man daran denkt, daß die Entstehung dieser Weltordder geschiedener Wissenschaftszweige hervorhebt, der Naturwisnung das Werk des Demiurgen ist, so sieht man, daß dieses
eme Einheit von Natur und Geist, es enthält zugleich physikaliwichtige Zitat uns wesentliche Aufschlüsse über die Natur dieser
mythischen Figur liefert. Der Demiurg weist keinerlei Verwandtschaft init dein allmächtigen Gott der Bibel auf, der die Welt aus
dem Nichts erschuf. Man muß ihn vielmehr mit einem Baumeister
oder Künstler vergleichen, der nach einem idealen Vorbild oder
Plan ein Gebilde konstruieren will, dem so viel Ordnung und
Symmetrie eignet, wie es das Irreguläre, schwer zu Handhabende,
senschaft und der Geisteswissenschaft. Platons Weltbild eignet
sche Gegebenheiten, die unsere Zeit durch die Methodologie der
exakten Wissenschaften zu erfassen erstrebt, und alle jene Gegebenheiten, deren Verstehen diejenigen Disziplinen sich zur Aufgabe machen, in deren Mittelpunkt der unberechenbare Mensch
steht, sein Schaffen, seine Ideen, sein Wollen und seine Geschichte.
Während der platonische Demiurg das Gute erstrebt, das Platon
mit dem Rationalen identifiziert, und dies Ziel wegen der Beschaf9 Aristoteles, De gener. et corr, zis b 14.
10 Platon, Timawws 48 A.
11 G. Grote, Plato (London 1865), Vol. Ill, p. 249.
Pagina 5
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)fenheit der Weltseele nur unvollkommen erreicht werden kann,
stellt Aristoteles das Streben nach Vollkommenheit in den Mictelpunkt seiner Naturphilosophie. Dieses Streben kann von zwei
verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet und erklärt werden.
Einmal - und das ist der Kern von Aristoteles’ Teleologie - ist im
Wirken der Natur eine ganz bestimmte Zweckgerichtetheit zu
erkennen; die Dinge geschehen ihrer Natur nach um eines Zwekkes willen, nach einem zielgerichteten Plan, und in dieser Hinsicht
imitiert das planmäßige Schaffen von Kunst und Technik das
zweckhafte Vorgehen der Natur, in der von Zufälligem und
Ungeordnetem nichts zu sehen ist. Andererseits kann man dieses
Hinzielen auf einen vollkommenen Zustand mit den von Aristoteles geprägten Begriffen der Potentialität und Aktualität deuten, die
ebenfalls auf die Gesamtnatur, die anorganische wie die organısche, angewandt werden können. Aristoteles lehnte sowohl Platons Lehre von den Ideen, den reinen Formen der intelligiblen
Welt ab, als auch seine Vorstellung vom Wesen der Seele und
insbesondere seine Doktrin der Weltseele. Demgegenüber definierte er die Substanz, die das Substrat der physikalischen Welt
darstellt, als zusammengesetzt aus Materie und Form. Materie ist
reine Potenualität, Form — reine Aktualität; jedoch betont Aristoteles, daß wir erfahrungsgemäß nur geformte Materie kennen,
während reine, nicht an Materie gebundene Form außerhalb des
Natur und Geist
257
in der organischen Welt als eine Stufenleiter: Bei den Pflanzen ist
es auf das Ziel der Ernährung und Fortpflanzung gerichtet, während bei den Tieren die empfindende und bewegende Seele hinzukommt und der Mensch als Krönung der Schöpfung auch noch
eine erkennende Seele besitzt. Aber auch der untersten Stufe der
leblosen Körper, die aus den vier Elementen zusammengesetzt
sind, wohnt das Streben nach Vollkommenheit inne und verwirklicht sich in der Form einer äußeren Bewegung. Denn im Kosmos
als einem geordneten Ganzen hat jeder Körper seinen natürlichen
Ort, die schweren unten, d.h. um den Mittelpunkt der Erde
herum, die leichten oben, an der Grenze der sublunaren Region.
Körper, die sich nicht an ihrem natürlichen Ort befinden, streben
nach voller Aktualisierung ihres Wesens und kommen erst dann in
den Ruhezustand, wenn sie die ihnen zukummende Aktualisierung erreicht haben. Dadurch wird also z.B. die Fallbewegung
schwerer Körper in der aristotelischen Physik erklärt.
Aus diesem Blickpunkt gesehen, setzt Aristoteles die platonische
Tradition der Einheit von Natur und Geist im Rahmen seiner
eigenen Philosophie fort. In der Hierarchie der Ursachen nimmt
die materielle, die bewirkende, ja selbst die formale Ursache (die
also zahlenmäßige Beziehungen bestimmt) einen niederen Rang
ein, und die wahre Ursache, die alle diese niederen einschließt, ist
die finale; es ist die höchste Ursache des Zwecks oder Ziels. Es ist
Bereichs der Physik steht. Reine Aktualität ist letzten Endes Gott
selber, der ewiges Sein ist und, selbst unbewegt, das Prinzip der
Bewegung darstellt. Im Gegensatz zu Platon sicht Aristoteles die
Seele als die Form organischer Materie an, sie ist die Aktualität von
dieselbe Ursache, die auch uns Menschen zum Handeln antreibt,
Körpern, die Organe besitzen, denen eine zweckhafte, zielgerichvon Natur und Geist, haftet ein wesentlicher Mangel an, der
tete Tätigkeit als organisierendes Prinzip eignet, und die eine
kontinuierliche Stufenleiter von den niederen Pflanzen bis zu der
das Begehren, das in seiner höchsten Form das Streben nach dem
sittlich Guten verkörpert.
Dem großen Positivum des antiken Weltbildes, seiner Einheit
sozusagen „Le défaut de sa vertu“ ist. Die Vorstellung vom
Kosmos als einem lebendigen, organischen Wesen, das im stoi-
Tierwelt und dem Menschen bilden.
schen Pantheismus mit Gott selbst identifiziert wurde, übte bei
So gelangt man mittels der Kategorien der Potentialicät und
Aktualität ebenfalls zum zentralen Gedanken von Aristoteles’
Naturphilosophie - der Natur als dem Inbegriff des Strebens nach
den alten Griechen einen hemmenden Einfluß auf die Natureckenntnis aus. Die Form, in der sie die Natur befragten, war in
Aktualität, nach Vollkommenheit. Hierbei äußert sich das Streben
Maße die des systematischen Experimentierens. Mir scheint es,
wesentlichen die der Beobachtung, aber nur in sehr beschränktem
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)daß diese Tatsache mit der Annahme erklärt werden kann,
da
systemausche Experimente der griechischen Naturauffassung
zuwiderliefen, weil sie gewaltsame Eingriffe in den natürl
ichen
Gang der Dinge sind, Zerstückelungen, die am lebend
en Organismus der Natur vorgenommen werden. Selbstverständlich haben
Aristoteles und die antiken Biologen überhaupt tote Tiere seziert
und auch Vivisektionen ausgeführt und aus eigene
r
Erfahr
ung
gewußt, wie truchtbar und lehrreich diese Art der Betragung
der
Natur ist. Die experimentelle Erforschung des lebendigen Naturganzen jedoch wurde als eine unnatürliche, die normalen Naturvorgänge verzerrende und entstellende Prozedur angesehen.
Diesen psychologischen Hemmungen zum
Trou
wurde
auch in
der Antike experimentiert, aber das Experiment im moder
nen Sinn
spielte bei den Griechen innerhalb ihrer umtangreichen wissen
schaftlichen Betätigung doch nur eine unbedeutende Rolle.
Anı
meisten entwickelt war es bei den Biologen, von der vorsok
racischen Periode an bis Galen, wobei man den engen
Zusam
menha
ng
von biologischer und medizinischer
Forsch
ung
nicht
verges
sen
soll. im physikalischen Denken jedoch war systemausches
Experimentieren nur sehr schwach vertreten. Die Pythagoreer
stellten
ihre berühmten akustischen Versuche an, über die Platon
lächelte,
der
Natur und Geist
259
künstliches Hinzutun oder Ein
greifen vollzieht, enthielt für
sie
alle Antworten auf ihre Fragen
, denn nur aktuelle, natürlich
e
Vorgänge waren in ihrer Natura
uffassung einbeg
rif , nicht aber
fen
die viel umfassendere
Klasse aller potentiel] môg
lichen
, vom
Experimentator konstruierten,
wiederholbaren Vorgänge,
aus
denen sich die Umrisse ein
es Naturgesetzes erkenn
en
lass
en.
Daher ist es verständlich, daß
die auf dem modernen Begriff
des
Naturgesetzes basierende Nat
urauffassung in der Aatike noc
h
nicht entwickelt war.
Die griechische Naturwissenscha
ft war daher haupts
äch
lic
h
auf
Theorien, auf (ruchtbares spekul
atives Denken und aut Beobac
htung beschränkt, vor allem
auf die Beobachtung von Vor
gängen,
tur deren Wiederholung die Nat
ur selber sorgt, wie die period
ischen Sternbewegungen. Aus
diesem Grunde war die gri
ech
isc
he
Astronomie so erfolgreich und
von solcher Bedeutung, wobei
sie
durch eine ingeni
Verhaltens und der Wec
öse Anwendung geometrischer
Met
hod
en
wei
cschend gestürzt wurde. Auf
einem ganz anderen Gebiet
der
von Platon zur Erklärung des
hselwi ng
rku
der vier Elemente herangezo
gen.‘ Er ordnete jedem
die
ser
Elemente einen der vollko
mmenen Körper zu, wob
ei
er
sich
wohl
von Symmetrieerwägungen
leiten lief, die seit den Pythag
oreern
und bis heute in der Naturb
etrachtung eine große
führten, und Prolemaios’ Versuche über die Gesetze der
Lichtbre-
Ideen bestand; im hellenistischen Zeitalter sind vor
allem Archiweil für ihn die wahre Realität in der unbeobachtbaren Welt
medes’ Experimente, die zur Definition des spezifischen Gewic
hts
keit der Natur iiberschattet wur
Zielstrebigden und diese teleologische Naturebnisse
sik falsche oder unklare Erg
319.
ngen in Eranos 15-1966, 5. 316-
53 Siche hierzu meine Ausführu
ta Platon, Tonais $3C-47D.
philosophie gerade in der Phy
tralen Auffassung von der
weit, weil sie von seiner zen
Rolle spielen,
Zweifellos hat Platon mit seiner
geometrischen Atomth
eor
ie
und
seinem Versuch, physikalisch
e Erscheinungen mathematisch
zu
deuten, zeigen wollen, daf der
rationale, berechenbare Teil der
Natur in die Sprache der Mathem
atik übertragen werden kan
n.”
Auch Aristoteles hat gelegentlich
mathematische Überle
gun
gen
in
seinen physikalischen Schriften
angestellt. Sie führten jedoch nic
ht
chung zu nennen. Mechanische Experimente
hingeg
en
waren
so
gut wie unbekannt, denn gerade
in
der
Mecha
nik
ist
die
Isoher
ung
eines Vorganges von allen sein Verständnis störenden Beglei
tumständen von großer Bedeutung, also z.B. die Ausschaltung
oder
Verminderung der Reibung und des Luftwi
dersta
ndes
ber Bewegungen. Dieses säuberliche Herauspräparieren einer
physikaliohne
wurden
schen Erscheinung in ihrer
Reinhe
it,
wie
die
des
freien Falls,
leitete in der Neuzeit die Entwicklung der moder
nen Physik ein,
und gerade sozusagen unnatürliche Prozeduren dieser Art
von den Alten verworfen. Das Naturgeschehen,
wie es sich
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)261
zeitigte. Dies kann an einem lehrreichen Beispiel, dem Problem
die Antike noch keine Federwaagen kannte, die eventuell ein
der Fallbewegung und seiner Behandlung durch Aristoteles und in
der späteren Antike, nachgewiesen werden.
Aristoteles deutete die Schwere eines Körpers als den Ausdruck
seines Strebens nach seinem natiirlichen Ort, also dem Mittelpunkt der Erde. Daraus zog er die der Erfahrung widersprechende
Folgerung, daf die Fallgeschwindigkeit der Körper proportional
zu ihrer Schwere sei, denn das Streben nach dem natürlichen Ort
müsse ja mit der Massivität eines Körpers wachsen. Da ferner
schon im Altertum bekannt war, daß die Fallbewegung cine
Anwachsen oder Abnehmen des Gewichts mit der Höhe hitten
anzeigen können, so schlug Simplikios im 6. Jahrhundert unserer
Zeitrechnung einen Versuch vor, der fiir oder gegen Aristoteles
entscheiden sollte: „Ich halte es für wünschenswert zu untersuchen, wie die von allen zugegebene Beschleunigung der Körper bei
ihrer Annäherung an den natürlichen Ort zu erklären ist. Tritt ein
Zuwachs an Schwere [...] ein, so wird daraus folgen, daß ein
Gegenstand, den man in der Luft gewogen hat, wobei der Wiegende sich von einem hohen Turm oder einem Baum oder einer
Klippe hinüberlehnt, schwerer gefunden wird, wenn man ihn auf
beschleunigte ist, daß also Körper um so schneller fallen, je mehr
sie sich dem Erdboden nähern, schloß Aristoteles, daß die
Schwere eines Körpers mit seiner Annäherung an den natürlichen
Ort wachse. Spätantike Kommentatoren haben sich in diesem
Zusammenhang auf Aristoteles’ Kategorien der Potenualität und
Aktualität berufen. Je mehr der Körper sich seinem natürlichen
Ort nähere, sagte einer ganz im Geiste von Aristoteles, um so
reiner und vollkommener würde seine Form der Schwere, die erst
an diesem Ort zu jener völligen Aktualisierung gelange, nach der
er strebe.'*
Genau zum gegenteiligen Schluß sind schon früher die beiden
großen Astronomen der Antike gekommen: Hipparch (2. Jahrhundert v. Chr.) und Ptolemaios (2. Jahrhundert n. Chr.).'* Beide
behaupteten mit überzeugender Logik, daß ein Körper an seinem
natürlichen Ort völlig schwerelos sein müsse, da ja Schwere ein
Ausdruck des Strebens nach diesem Ort sei. Schwere Körper
müßten also während ihres Falls stetig an Gewicht verlieren, je
näher sie dem Erdmittelpunkt kommen. „Wenn der natürliche
Zug nach unten ein Streben nach dem natürlichen Ort ist, so
sollten Gegenstände, die sich dort befinden, nicht mehr streben
oder dorthin ziehen, wo sie schon sind, wie ja auch der Gesättigte
nicht nach Nahrung begehrt“'*, heißt es weiter ausdrücklich. Da
14 Alexander von Aphrodisias, bei Simplikios, De caelo 266, 291.
15 Vgl. Simplikios, a.2.O., 265, 9 und 710, 14.
16 A.a.O., 711,7.
der Erde wiegt. Diese Annahme scheint falsch zu sein, außer wenn
man behauptet, der Unterschied zwischen beiden Fällen sei unmerklich.“7
Das Ergebnis dieser ganzen Auseinandersetzung ist also ein non
liquer, an dem man erkennen kann, daß die aristotelische Teleologie selbst ein so relativ einfaches Phänomen wie die Fallbewegung
nicht eindeutig zu erklären vermag. Erst zweitausend Jahre später
hat die Physik von Galilei und Newton uns Aufschlüsse über das
ganze Problem geben können.
Ich möchte aber nach der Analyse dieses speziellen Beispiels
wieder auf die Gesamtbetrachtung der platonisch-aristotelischen
Kosmologie und der Schattenseiten ihrer Idee von der Einheit von
Natur und Geist zurückkommen. Wie ich schon sagte, liegt es
nahe, den wesentlichen Grund für die Dürfrigkeit des systematischen Experimentierens im antiken Griechenland in psychologischen Momenten zu suchen. Die Schüler von Platon und Aristoteles
betrachteten wahrscheinlich die künstliche Isolierung physikalischer Vorgänge von ihrem natürlichen Zusammenhang und ihre
häufige Wiederholung und Variierung als einer: unzulässigen Eingriff in die Natur. Diese hemmende Tendenz wurde durch zwei
andere Einstellungen bestärkt, die sich aus der griechischen Psychologie herleiten. Einmal war es das uralte, schon im mythologi17 A.a.O., 266, 35.
Pagina 8
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schen Zeitalter verwurzelte religiöse Bewuftsein von den Gren-
Grundlage des Experiments sind, bedeuten noch nicht Weisheit
zen, die dem Vermögen des Menschen gegenüber Machten gesetzt
oder Einsicht. „Sie sind zwar die wichtigsten Quellen der Kenntsind, die jenseits seiner Kontrolle liegen. Es waren Skrupel, die der
Furcht entsprangen, da& die Uberschreitung dieser Grenzen dic
Rache jener Machte nach sich ziehen könnte. Wer sich in seiner
Hybnis, seiner Arroganz, anmaßt, der Natur Gewalt anzutun,
muß gewartig sein, daß die Natur oder die Götter, die in thr
herrschen, Gewalt mit Gewalt beantworten. „Man muß die Hybris wie eine Feuersbrunst löschen“'*, dieser Ausspruch Herakhits
ist eines der vielen Beispiele für dies sittliche Gebot der Mäßigung
bei den Alten und ihrer Furcht vor den Folgen ungebührlichen
Durchbrechens menschlicher Schranken. Ich möchte darauf hinweisen, daß auch im heutigen Zeitalter der extremen Eingriffe des
Menschen in den Haushalt der Natur ähnliche Befürchtungen
wieder aktuell geworden sind. Falsche oder zu radikale Methoden
nis einzelner Vorgänge, aber sie sagen uns nichts über die Gründe
eines Vorgangs, z.B. warum Feuer heiß ist, sondern nur, daf es
heiß ist.“?°
Aristoteles betont, daß die Menschen begannen, Philosophie zu
treiben und sich über die Welt als Ganzes Gedanken zu machen,
sobald sie imstande waren, sich über Dinge zu wundern, und sich
ihrer Unwissenheit bewußt wurden. „Es ist also klar, daß sie
Wissenschatt nur um der reinen Erkenntnis willen trieben und
nicht für einen praktischen Zweck. Dies bezeugt auch der Lauf der
Dinge, denn diese Arı von Erkenntnis begann als Erholung und
zum Zeitvertreib, nachdem so gut wie alle Lebensnotwendigkeiten
schon befriedigt waren. Offenbar streben wir nach dieser Erkenntnis ohne Hinblick auf praktische Vorteile. Vielmehr, genauso wie
der Schädlingsbekämpfung z.B. führen zu Störungen im Gleichwir einen Menschen frei nennen, der für sıch selbst und nicht für
gewicht dieses Haushaltes, die nachteilige Folgen für die gesamte
Umwelt zeitigen.
einen anderen existiert, nennen wir diejenige Wissenschaft die
Eine weitere, für den Griechen typische Einstellung, die dem
Experimentieren nicht förderlich war, beruhte auf seiner Geringschätzung, ja Verachtung jeder manuellen Arbeit, die auf den
Sklavenstand abgeschoben wurde. Theorie steht höher als Expertment, wie Aristoteles zu Beginn seiner Metaphysik darlegt. „Wir
halten in jedem Beruf die Werkmeister für schätzenswerter und
weiser als die Handarbeiter, denn sie kennen die Gründe der zu
verrichtenden Dinge. Die Handarbeiter, wie gewisse leblose
Objekte, führen Dinge aus, ohne zu wissen, was sie tun — so wie
Feuer brennt; aber während leblose Objekte alle ihre Handlungen
gemäß ihrer Natur verrichten, tun es die Handwerker gewohnheitsmäßig. Daher sind die Werkmeister weiser, nicht weil sie
einzig freie, die um ihrer selbst willen existiert.“
Aristoteles’ Worte zeigen deutlich, daß er eine Betrachtung und
Beobachtung der Natur, die keine praktischen Ziele verfolgt, als
die höchste Stufe der Naturerkenntnis ansah, wobei er wohl auch
die experimentelle Biologie mit einbegriff, die er so meisterhaft
entwickelte. Denn auch diese stand ja nur im Dienst der reinen
Erkenntnis, auch sie war eine „freie Wissenschaft“, die der
Mensch sich leisten konnte, sobald mehr als seine elementaren
Bedürfnisse befriedigt waren und er die Errungenschaften der
Technik genoß. Offenbar war Aristoteles der Meinung, daß die
Technologie zu seiner Zeit schon so weit gediehen war, daß die
Griechen reine Wissenschaft treiben konnten, wobei sie weitgehend Nutznießer der großen technischen Leistungen der Ägypter
auf so vielen Gebieten, wie Bautechnik, Bergbau, Metallurgie und
Dinge ausführen können, sondern weil sie eine Theorie besitzen
und die Ursache kennen.“
'? Sinneswahrnehmungen, die doch die
angewandte Chemie, waren. Die Annehmlichkeiten der Technik
18 Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker’, aa B 43.
19 Aristoteles, Metsphysik 981a jo-y8 tb 7.
at A.aO., g8ab 21-28,
10 A.a.O., gs b 12-13.
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kann man genießen, aber sowohl sie wie das Experiment als
Wegbereiter der Technik, als Mittel zum prakuschen Zweck, sind
doch nur von sekundärer Bedeutung. Charakteristischerweise
erwähnt Aristoteles, daß die Ägypter sich der Mathematik widmen konnten, weil ihre Priesterkaste genug Muße hatte, sich mit
reiner Forschung abzugeben.”
Auch im hellenistischen Zeitalter blieb die Technik der Griceinem lebendigen untrennbaren Ganzen beherrscht war, gipfelte
in der Spätaniike in der Philosophie des Neuplatonismus. Mit
Plotin begann jene Lehre von der Stufenleiter der Welten, die von
chen, trotz einzelner bemerkenswerter Leistungen, wie der Konder niedrigsten, materiellen durch immer zahlreicher werdende
struktion von Uhren und Planetarien, weit hinter ihren erstaunlichen Schöpfungen in den mathematischen Wissenschaften und der
Astronomie zurück. Besonders entwickelt war aus naheliegenden
Gründen die hellenistische Kriegstechnik, z.B. der Bau von Wurf-
Zwischenstufen der Seele und des Intelligiblen bis zum höchsten
Guten führt. Im letzten Buch seiner Enneaden*’ spricht er davon,
maschinen, deren Konstruktion auch unter Zuhilfenahme systedes Wesen darstellt, ein vollkommenes Gebilde, da sie ja alles ist,
matischer Experimente vorgenommen wurde. Hierbei wurden
unter anderem durch eine Variierung von Anordnungen verschiewas Leben bedeutet. Die Welt enthält die Natur alles Lebenden,
alles das, was gemäß der Vernunft und einer Idec geschaffen ist,
nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch alle Elemente. Daß
dene Faktoren ermittelt, die ein Maximum der Wurfweite ermöglichen. Die Berichte über die diesbezüglichen Leistungen von
Archimedes, dem größten Wissenschaftler der Antike, tragen
allerdings einen mehr anekdotenhaften Charakter. Es scheint, daß
seine theoretischen Werke mathematischen und physikalischen
über die im zweiten Teil des Vortrags noch einiges gesagt werden
soll.
j
Das antike Weltgefühl, das vom Bewußtsein der Einheit von
Mensch und Kosmos sowie dem Glauben an das Universun als
daß nicht nur unsere Welt, sondern a fortiori die intelligible Welt,
die doch das Urbild dieses Universums ist, ein universelles lebendas Feuer Seele ist, sei offenkundig, aber es ist ein Irrtum zu
glauben, es entstünde durch Reibung, durch einen physikalischen
Vorgang. Vielmehr muß das Feuer schon von vornherein in den
periebenen Körpern vorhanden sein, damit die Reibung wirken
geringe Umfang der uns erhaltenen technischen Literatur von
kann. Plotin beruft sich auf Platon, der gesagt hat, in jedem der
vier Elemente sei eine Seele?*, die das wahrnehmbare Feuer produ-
Archimedes’ Nachfolgern, Heron von Alexandrien und andeziere, das nichts anderes sei als zur Entzündung gebrachtes Leben.
ren, ist zum Teil mit der geringen Schätzung der Technik in der
griechischen Antike zu erklären. Man kann mit einem gewissen
Maß von Vereinfachung das Verhältnis der ägypuschen Zivilisa-
Es ist evident, schließt Plotin, daß auch die Elemente Teile des
universellen lebenden Organismus sind. Unsere Welt, und mehr
noch die intelligible, ist voller Lebewesen, und wer fragt, woher
tion zu der ihr nachfolgenden griechischen etwa so charakterisiedie Lebewesen kommen, der fragt im Grunde nach dem Ursprung
ren: Das anuke Ägypten entwickelte die Technologie im vorwisder Welt, des Lebens selber, der Weltseele, des Weltgeistes. Die
senschaftlichen Zeitalter, während die griechische Antike die
Welt und alles in ihr ist voller Leben, sie schäumt und siedet von
Leben.
Zweihundert Jahre nach Plotin kommentiert Proklos in seinem
Timaios-Kommentar (geschrieben im Jahre 440) die Passage, die
Inhalts mehr geschätzt wurden als die technischen. Auch der relativ
systematische reine Wissenschaft schuf, ohne sich sonderlich um
ihre technischen Anwendungen zu kümmern. Erst der neuzeitlichen europäischen Zivilisation war es vorbehalten, eine fruchtbare
Wechselwirkung von Wissenschaft und Technologie einzuleiten,
22 A.2.0.,98ıb 24-25.
24 Ploun VI, 7, 11 und 12.
24 Platon, Epinomis 984 C-D.
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)von der Erschaffung des Menschen durch die Séhne des Demiurgen handelt. Im Timaios heißt es: „Nachdem er aber dies alles
geordnet hatte [...], bedachten seine Kinder die Anordnung des
Vaters und borgten sich vom Weltganzen Teile des Feuers, der
Erde, des Wassers und der Luft aus, mit der Absicht, sie später
wieder zurückzuerstatten, und fügten diese [zum Menschen]
zusammen.“? Proklos bemerkt zu dieser Stelle: „Aus dem Worte
‚Borgen‘ geht hervor, daß an unserem Körper das Weltganze einen
größeren Anteil hat als wir selber. Wenn dem so ist, warum
jammern die Menschen darüber, daß sie sterben müssen? Was ıst
Natur und Geist
167
Natur nicht nur imitieren, sondern auch an Wirkung übertreffen
könne. In der Renaissance nahmen diese Ideen konkretere Formen
an, wie man aus den technischen Skizzen und Plänen Leonardo
da Vincis ersehen kann. Es begann eine Periode ausgesprochen
aggressiver Haltung des Menschen der Natur gegenüber; der
menschliche Geist stellte sich kritisch zur Natur ein, er erkannte
ihre Unzulänglichkeiten und suchte nach technischen Mitteln,
diese Unvollkommenheiten zu verbessern oder den natürlichen
Gang der Dinge, soweit er seinen Zwecken nicht dienlich ist, zu
meistern. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bekämpfte Francis
denn so furchtbar an der Auflösung? Es ist doch besummt in
Bacon, der Begründer des Empirismus, die Buchgelehrsamkeit der
Ordnung, daß das All das wieder empfängt, was ihm gehört.“ Zu
Scholastik und forderte einen direkten, experimentellen Zugang
zur Natur, wobei er auch das Experimentieren als ein Sezieren der
Natur kennzeichnete. Mit empirisch begründeter Erkenntnis der
Natur allein ist es aber nicht genug, wie Bacon ausführt. Wissen
um seiner selbst willen macht noch nicht glücklich, vielmehr muß
das Wissen des Menschen ein Instrument sein, mit dem er sich die
Natur dienstbar macht. Das Schlagwort: „Wissen ist Macht“,
nämlich Macht des Menschen über die Natur, ist bereits ein klarer
diesen ergreifenden Worten ist zunächst zu bemerken, daß sie ın
scharfem Kontrast zur Resignation gegenüber dem Tode stehen,
die in der Bibel im letzten Satz des Fluches nach dem Sündenfall
zum Ausdruck kommt: „Denn von Staub bist Du, und zum
Staube wirst Du zurückkehren.“ Und ferner, daß bei Proklos die
klassisch-griechische Auffassung von der Einheit von Natur und
Geist sich so klar kundgibt, der Glaube, daß der Mikrokosmos des
Menschen ein integraler Teil des Makrokosmos, des gesamten
Universums ist.
n
Die Entfremdung von Natur und Geist setzte, wie viele histori‚sche Prozesse,.langsam und von verschiedenen Ausgangspunkten
her ein und gewann nach wenigen Jahrhunderten immer mehr an
Schwung. Schon im Mittelalter, gegen Ende des 13. Jahrhunderts,
träumte der englische Mönch Roger Bacon von der Erbauung
mechanisch angetriebener Fahrzeuge, mit denen der Mensch die
as Platon, Tumasos 42 E-43 A.
26 Proklos, An Tims. AIL 319, 28-32.
Ausdruck des Gegensatzes von Natur und Mensch, der Entfremdung von Natur und Geist.
Die wahre, bewußte und philosophisch begründete Entfremdung setzte aber um 1640 mit Descartes ein, der die aristotelische
Teleologie, die Auffassung vom plan- oder zweckmäßigen Geschehen, aus der Naturwissenschaft verbannte. Um die Hintergründe und die Tragweite dieser folgenschweren und weitreichenden Wende in der Geschichte der wissenschaftlichen Ideen in ihrer
ganzen Bedeutung zu erfassen, sei an einige Sätze aus Descartes’
»Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“ (1641) erinnert, in denen er von der Allmacht und Volikommenheit Gottes
spricht’:
„bie Idee, durch welche ich einen höchsten Gott denke, der
27 R. Descartes, Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, Dritte
Meditation, §§ 19, 27, 33.
Pagina 11
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ewig, unendlich, allwissend, allmachtig ist, enthält mehr objektive
Realität in sich, als die Idee, durch welche endliche Substanzen
sich darstellen.“
hier von einem Streben nach Vollkommenheit zu reden. Man muß
vielmehr — und hier spricht Descartes einen Gedanken aus, den
schon die Stoiker entwickelt haben — bei der Betrachtung eines
„Unter dem Namen Gottes verstehe ich eine Substanz, die
Teiles immer das Ganze vor Augen haben, wenn man den Teil
„Gott aber, urteile ich, ist in der Weise aktuell unendlich, daß
richtig beurteilen will: „Auch fälle mir ein, daß man, sooft man
prüft, ob die Werke Gottes vollkommen sind, nicht ein einzelnes
Geschöpf für sich, sondern das ganze Weltall in Betracht ziehen
unendlich, unabhängig, von höchster Einsicht und Macht ist.“
zu seiner Vollkommenheit sich nichts hinzutun läßt.“
Diese alle menschlichen Begriffe transzendierende Omnipotenz
und Vollkommenheit Gottes ist es, mit der Descartes seine entschiedene Ablehnung jeder teleologischen Naturbetrachtung
begründet, wie er es in der vierten Meditation ausspricht: „Da ich
[...] weiß, daß meine Natur recht schwach und beschränkt ist,
Gottes Natur hingegen unermeßlich, unergründlich, unendlich, so
weiß ich hierdurch auch zur Genüge, daß er Unzähliges vermag,
dessen Gründe mir unbekannt sind. Und schon aus diesem einzigen Grunde halte ich dafür, daß die ganze Art der Begründung,
die man aus der Zweckmäßigkeit herzuleiten pflegt, in der Naturerklärung unanwendbar ist. Denn nach meiner Meinung gehört
eine gewisse Leichtfertigkeit dazu, die Zwecke Gottes ausfindig
machen zu wollen.“2?
Wenn es eine Anmaßung ist, den transzendenten Gott der
monotheistischen Religionen mit menschlichen Maßstäben zu
messen, so verbietet sich auch als unzulänglich nicht nur die
teleologische Naturphilosophie des Aristoteles, sondern auch die
platonische Vorstellung von der Weltseele, die soviel Ähnlichkeit
mit der des Menschen aufweist und um deren völlige Rationalisierung der Demiurg vergebens ringt. Die unvollkommene Weltseele, das Streben nach dem Guten, also nach menschlichen
mul, Dasselbe nämlich, was, wenn es allein stünde, vielleicht als
äußerst unvollkomsnen gelten möchte, das ist höchst vollkommen,
insofern es in der Welt nur den Wert eines Teiles hac”?
Die logische Konsequenz des Verzichts auf jede teleologische
Erklärung ist die Auffassung des Universums als eines ungeheuer
komplizierten, aber perfekten Mechanismus, der so arbeitet, daß
seine vielfältigen Teile vollkommen ineinandergreifen, wobei man
die Funktion eines Teiles nur völlig erfassen kann, wenn man ihn
im gesamten Rahmen des ganzen Getriebes sieht. Diese Auftassung Descartes’ ist ganz im Einklang mit seiner Vorstellung von
der Welt als einem dynamischen Kontinuum, dessen bewegliche
Teile sich in ein kontinuierliches Ganzes zusammenfügen, eine
Vorstellung, die ebenfalls vor ihm schon die Stoiker begrifflich
ausgearbeitet hatten. Was bei Descartes, dem großen Mathematiker und Begriinder der analytischen Geometrie, noch hinzukam,
war der mathematische Gesichtspunkt. Das Funktionieren eines
Mechanismus in seiner Toralitat oder als eine Summe von Teilen,
deren jeder eine bestimmte Funktion ausübt, die erst im Hinblick
auf das Ganze sinnvoll ist, kann nur beschrieben und verstanden
werden, wenn man die Geometrie zu Hilfe nimmt. Denn Geometrie ist ja die Wissenschaft von räumlichen Beziehungen, von
Werten, und andere anthropomorphe Begriffe haben in der Naturraumlichen Gebilden, seien es Kurven, Flächen oder Körper, deren
wissenschaft keinen Platz. Die Vollkommenheit Gottes spiegelt
sich in der Vollkommenheit seiner Schöpfung wider. Die Natur
Gestalt man erforscht, wenn man die Lage und Relation ihrer Teile
untersucht,
als Ganzes, sagt Descartes, ist vollkommen, und wenn wir in ihr
vermeintliche Unvollkommenheiten entdecken, so ist es sinnlos,
mathematisch und nicht teleologisch zu erklären, eine Forderung,
28 R. Descartes, a.a.O., Vierte Meditation § 7.
ay R. Descartes, a.a.O., §8.
So wird die Forderung Descartes’ verständlich, die Natur
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)die er 1644 in seinen Principia philosophiae formuliert hac: „Ich
gestehe offen, daß ich keine andere Materie der körperlichen
Dinge anerkenne, als jene durchaus teilbare, gestaltbare und
bewegliche, welche die Geometer ‚die Größe‘ nennen und zum
Gegeustande ihrer Beweise nehmen, und daß ich in ihr nur diese
liche Ausführungen großer theoretischer Physiker wie H. Weyl,
In der theoretischen Physik hat die angewandte Mathematik
ihre größten Triumphe errungen, und ihre Prozedur dient als
Vorbild für alle physikalischen Disziplinen und neuerdings auch
für die Biologie. Aus diesem Grunde scheint es mir am Platze, im
Hinblick auf mein Thema einiges über die Mathematik als Sprache
des Naturforschers zu sagen, wobei ich mich auf gelegent-
Shmuel Sambursky
Teilungen, Gestaltungen und Bewegungen beachte und nichts an
wird vorerst durch Prüfung des theoretischen Ansatzes als Ganzem entschieden, wenn er mit der Erfahrung verglichen wird. Das
Theoretiker der Wurf gelungen ist, den physikalischen Vorgang
oder das physikalische Naturgesetz mathematisch auszudrücken,
bole mit den empirisch prüfbaren Dingen. Die Frage, ob dem
gebunden ist - der Übereinstimmung der mathematischen Sym-
Intuition eines großen Theoretikers die wesentlichen Daten herausholt und zusammenfaßt. Es ist dann Sache seiner schöpterischen Phantasie, die möglichen Beziehungen dieser Daten und den
inneren Zusammenhang der ihnen zugrunde liegenden Vorgänge
in die symbolische Sprache der Mathematik zu übersetzen, wobei
diese mathematische Darstellung an eine wesentliche Vorschrift
Experiment, liefert ein reiches Tatsachenmaterial, aus dem die
die Konfrontation und Wechselwirkung der theoretischen Konstruktion mit der empirischen Erkenntnis ins Auge faßt. Die
Sinneswahrnehmung im weitesten Sinne, also Beobachtung und
Funktion der angewandten Mathematik, d.h. der Mathematik im
Dienste der Naturwissenschaft, nur dann zu verstehen, wenn man
der, daß man von einem Spezialfall ausgeht und, wenn dieser
streng gelöst ist, die allgemeineren Fälle angreift. Hingegen ist die
Weg zur Lösung eines rein mathematischen Problems ist häufig
P. A. M. Dirac und R. Feynmann berufen kann.
Vorerst ein paar Worte über die reine Mathematik; Sie konstruiert zunächst in jedem ihrer Zweige gewisse logische Gußformen,
aus denen sie ihre deduktiven Theorien von Relationen entwickelt,
ohne sich auf irgendeine konkrete Interpretation festzulegen, Die
einzige Bedingung für den Wahrheitsgehalt einer reinen Theorie
ist ihre innere Widerspruchsfreiheit, ihre Konsistenz. Der beste
ihnen als wirklich anerkenne, was nicht aus jenen Gemeinbegriffen, über deren Wahrheit man nicht zweifeln kann, so klar sich
ergibt, daß es mathematisch bewiesen werden kann. Da nun alle
Naturerscheinungen hieraus erklärt werden können {...] so halte
ich andere Prinzipien der Naturwissenschaft weder für zulässig
.
noch für wünschenswert*”
Wenn man die weitere Entwicklung der modernen Naturwissenschaft vorwegnimmt, kann man also sagen, daß diese programmatische Forderung Descartes’ anstelle der platonischen Weltscele
und der aristotelischen Teleologie das abstrakte machematische
Naturgesetz als Leitidee der Forschung aufstellt. Man darf aber
nicht vergessen, daß, obwohl Descartes mit seinem Programm ım
Prinzip der Wissenschaft, und vor allem den physikalischen Disziplinen, den Weg zur fortschreitenden Erkenntnis gewiesen hat, die
von ihm empfohlene geometrische Methode nicht zum erwünschten Ziel führte. Geometrische Analogien und Modelle und geometrische Vorstellungen überhaupt sind zwar bis in die Gegenwart
hinein wichtige Hilfsmittel gewesen, welche die wissenschaftliche
Phantasie des Forschers förderten. Die eigentliche mathematische
Sprache der exakten Wissenschaften wurde aber die algebraische
Analyse im weitesten Sinne. Nachdem Newton und Leibniz im
17. Jahrhundert die Infinitesimalrechnung begründet hatten,
waren es von der zweiten Hälfte des 18, Jahrhunderts an die
Differentialgleichungen der Physik und andere mathematische
führten.
Ansätze algebraisch-symbolischer Natur, welche alle mathematisierbaren Zweige der Naturwissenschaft zu ungeahnten Erfolgen
30 R. Descartes, Principia Pbilosophiae 1, 64.
Pagina 13
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)physikalische Verständnis einer mathematischen Gleichung ist also
zunächst ein unpräzises, auf der Schau des Ganzen beruhendes.
Man versteht, ohne eine Gleichung tatsächlich zu lösen,
was sie
bedeutet und wie sie auf besondere Fälle
angew
andt
werde
n
kann,
wenn man sich ungefähr die charakteristischen Züge ihrer Lösun
g
klargemacht hat. Der Weg des Verständnisses ist hier demnach ein
umgekehrter wie der des reinen Mathematikers; der Physiker
gehe
Natur und Geist
273
zem zum tieferen Erfassen
führt das Verstehen der Sprache als Gan
Systems gewährle
der einzelnen Worte und Sätze. Jedoch
das physikalische Verstehen ist ein unendlich viel einfacherer Vorg
ang als das einer natürlichen Sprache, weil die Bedeutung der einz
elnen mathematischen
Symbole von vornherein festgelegt ist, was
die Eindeutigkeit ihres
Sinnes im Rahmen des Begebenen
iscer. Das
charakteristische Merkmal der Geisteswisse
nschaften besteht aber
in jenem menschlichen Verstehen,
heiten einer
versuchen sorgt.
in dem ein Wort gesagt
ist um eine Dimension reicher
ng der Naturgesetze
fassen kann, weil ich dieses
modernen der Quantenmechanik.
und einem prak
exakt oder stati
rimentator in Laboratoriumsentweder die Natur oder der Expe
stisch reproduzierbare Naturvorgänge beschränkt,
für deren Wiederholung
sagbaren Ereignisse sind also auf
tischen, als
Instrument zur Voraussage von Ereignis
sen, sei sie nun deterministischen oder probabilistischen Char
akiers. Solche vorausximationen aufzubauen versuchen,
Naturgesetze dienen zwei Zwecken,
einem theoretischen, als
Eckpfeiler eines Naturbildes, das wir
uns in sukzessiven Approzu verstehen sind, als auch im
Kapitel in früheren Vorträgen von mehreren
Seiten her beleuchtet
habe. Die Aufstellung von Naturgesetze
n impliziert das Erforschen funktionaler oder kausaler Zus
ammenhänge von Naturvorgängen, die sowohl im Sinne des
klassischen Kausalprinzips
zurückkommen, wobei ich mich kurz
Nunmehr möchte ich auf die Erörteru
als die symbolische Sprache der Mathemat
ik. Dies gilt auch für die
geisteswissenschaftliche Terminologie, wo
zwar die Bedeutung
eines Terminus durch Definiti
on
festg
elegt
ist, aber auch diese
Definitionen erfahrungsgemäß im Lauf
e der Zeit
sagen kann, die natürliche Sprache
en Fülle
von Nuancierungen fähig und erstrecken
sich je nach dem Kontext auf ein so breites Spektrum von Abstufun
gen, daß man getrost
e sind einer derartig
Zusammenhangs erzielt werden kann,
das nur durch eine Analyse des
worden ist, denn menschliche Wort
von der summarischen Betrachtung des Gesetzes aus und
wendet
es dann auf einfachere Situationen an.
Es ist natiirlich schwierig, diesen Vorgang an konkreten Beispie
-
merklichen
oder unmerklichen Verschiebungen
und Veränderungen unterliegen können.
len zu illustrieren, ohne auf die technischen Einzel
mathematisch-physikalischen Gleichung einzugehen. Ich mächt
e
aber erwähnen, daß z.B. Einstein in seiner Arbeit über die allgemeine Relativitatstheorie die Bedeutung seiner Gravitationsgleichung in ihrer allgemeinen Form zunächst dadurch klarma
cht,
daß
er mittels mathematischer Vereinfachungen ihren Zusammenha
ng
nut den Gleichungen der speziellen
Relativ
itätsch
eorie
aufdec
kı,
die für gravitationsfreie Gebiete gelten. Erst nachher wird
die
exakte Lösung für den wichtigsten Spezialfall der Planetenbewe
-
gung gegeben und schließlich der tiefere Sinn der neuen
Theori
e
dadurch verdeutlicht, daß die klassische Theorie Newto
ns als
approximative Lösung abgeleitet wird.
Das approximative Verfahren der cheoretischen Physiker, das
Hin und Her vom Uberblick iiber die mathematische Gleichung
i
toto zur Lösung von Einzelfällen, und von diesen
speziellen
Ergebnissen zum tieferen Verständnis
der
Bedeu
tung
des
Ganze
n,
weist gewisse Ahnlichkeiten mit der Handhabung der mensch
lidie zu
ten bedienen.
chen Sprache auf, deren sich die Geisteswissenschaf
Auch in ihnen gibt es so eine Prozedur des Hin und
Her,
einem asymptotischen Verstehen von
Sätzen
oder
Satzgr
uppen
führt. Sätze können nur verstanden werden, wenn man
die Sprache kennt, in der sie gesprochen werden, die Sprache
nur, wenn
man die Sätze und Worte kennt, aus denen sie sich
zusammensetzt. Das bessere Verständnis einzelner Worte führt zum
besseren
theit
Verständnis der ganzen Sprache, und in gegenseitiger Beding
Pagina 14
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Diese Versuche waren zunächst von relativ einfachem Charakter, solange es namlich darum ging, eine spezifische Erscheinung
zu beschreiben, wie z.B. Gilberts Experimente mit einem Magne-
Natur und Geist
275
Unvollkommenheiten dieser Art treten auch in der Form von
Naturgesetze aufzustellen und ihren Geltungsbereich zu erforschen, nahmen die Experimente immer mehr den Charakter des
Asymmetrien auf, deren Vorhandensein zunächst als ein ästhetischer Mangel empfunden wird, der sich aber bei weiterer Analyse
als eine erkenntnistheoretische Unzulänglichkeit herausstellt,
die überwunden werden muß. Von den Pythagoreern an bis zur
heutigen Zeit wird die Forschung vom Glauben an eine Herrschaft
„Sezierens der Natur“ an, von dem Bacon gesprochen hac, und
der Symmetrie in der Natur geleitet, und Symmetriebetrachtungen
zwar aus einem Grunde, der mit dem Wesen des Naturgesetzes
zusammenhängt. Ein Naturgesetz hat nämlich sowohl einen posispielen daher eine hervorragende Rolle in der Wissenschaft.
Einige Beispiele aus der Physik der letzten hundert Jahre mögen
ten oder Galileis Fallversuche. Dann aber, als es galt, allgemeine
tiven wie einen negativen Aspekt. Es soll Aussagen sowohl über
zur Illustration dienen. Im Jahre 1864 stellte Maxwell seine
aktuelle Vorgänge ermôglichen, als auch über das viel verzweigtere
Netz potentieller Vorgänge, also solcher, die innerhalb der von
der Natur gegebenen Grenzen möglich sind. Das Naturgesetz ist
berühmten Gleichungen des elektromagnetischen Feldes auf, die
um so besser fundiert, je zahlreicher die es stützenden Erscheinungen sind, die im Bereich des experimentell Möglichen beobachtet
werden. Dieser Bereich des technisch Möglichen muf sich so weit
wie es nur geht mit dem des prinzipiell Möglichen, dem Naturgesetz nicht Widersprechenden, decken. Denn das Naturgesetz kann
auch vom operationalen Gesichtspunkt aus negativ formuliert
werden, indem das prinzipiell Unmögliche mit dem von der Natur
Verbotenen gleichgesetzt wird. So besagt z.B. der Energiesatz die
prinzipielle Unmöglichkeit der Konstruktion eines perpetuum
mobile, der Entropiesatz die einer Maschine, welche ohne
Arbeitsleistung Wärme von einem kälteren in ein warmeres Reservoir fließen läßt, und die Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelationen laufen auf die prinzipielle Unmöglichkeit hinaus, Ort und
Impuls eines Körpers gleichzeitig mit beliebiger Exaktheit zu
bestimmen.
Naturgesetze lassen keine Ausnahmen zu, und wenn ein Vorgang beobachtet wird, der dem Gesetz widerspricht, so war die
Formulierung des Gesetzes falsch oder unvollkommen und das
Gesetz muß verworfen oder modifiziert werden. Das Bestreben
der modernen physikalischen Wissenschaften, empirische oder
theoreusche Unvollkommenheiten auszumerzen, ist häufig zum
Ausgangspunkt neuer wesentlicher Entdeckungen geworden.
eine bemerkenswerte mathematische Symmetrie aufweisen. Maxwell war vom Faradayschen Induktionsgesetz ausgegangen, also
von der Tatsache, daß ein veränderliches Magnetfeld ein elektrisches Feld hervorruft, welches es umgibt, und das Resultat seiner
Überlegungen war die Postulierung des analogen Falles. Dies
besagt also, daß ein veränderliches elektrisches Feld von einem
Magnerfeld umgeben ist, und diese Verkettung veränderlicher
elektrischer und magnetischer Felder ist nichts anderes als die
sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitende elektromagnetische
Strahlung, die von Heinrich Hertz experimentell nachgewiesen
wurde.
Die grundlegende Einsteinsche Arbeit vom Jahre 190$ über die
spezielle Relativitatstheorie beginnt mit dem Hinweis auf Asymmetrien in der Deutung elektromagnetischer Phänomene, wenn
man die Elektrodynamik Maxwells mit der Hypothese eines absolut ruhenden Raumes verbindet. Was einzig und allein objektive
Existenz hat, betont Einstein, ist die Relativbewegung eines
Magneten und eines Stromleiters, die zur Induzierung einer elektrischen Spannung im Leiter führt, die in diesem Leiter, wenn sein
Kreis geschlossen wird, einen Strom erzeugt. Nimmt man hingegen an, daß es absolute Bewegungen oder absolute Ruhe gibt, so
ist man genötigt, dasselbe Phänomen auf zwei verschiedene Weisen zu erklären: „Bewegt sich nämlich der Magnet und ruht der
Leiter, so entsteht in der Umgebung des Magneten ein elektrisches
Pagina 15
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Feld von gewissem Energiewerte
, welches an den Orten,
wo sich
Teile des Leiters befinden, eine
n Strom erzeugt. Ruht aber
der
Natur und Geist
ichung, wie Dir
lierte mathematische Gle
277
acs Gleich
ung
des
Wasserstoffatoms (1927), zur Aut
deckung einer Unvollkommen
heit in
der bisherigen Auffassung der
Materie gef
rade entspricht, wird in der
ondert auftreten, während
uns nur
trie zeieine ausgesprochene Asymme
Spin,
Fachsprache als „Parität“
ken und
den
rechten
Umlaufsinn erwarten soll
te. Eine solche LinksRec
hts
-Symmetrie, der mathematisch auc
h eine Symmetrie von gerade
und unged.h. ihr
eigener Drehimpuls, vorwiegen
d einen Richtungssinn besitzt,
den
einer Linksschraube, währen
d man eine statistisch gleich
mäßige
Verteilung der Drehimpulse
auf den lin
h insofern einseitig, als ihr
nen verhalten sich nämlic
m radioaktiven Kern emittiert
en Elektroachtet wird. Die aus de
gewisse Quantenprozesse
magnetische Dipole bekannt
sind, die zugleich nördliche
n
und
südlichen Magnetismus aufwei
sen. Viel beunruhigender
hin
geg
en
war für die Quantenphysiker
die Entdeckung der Tatsache,
daß
schen Ladungen, die ja ges
bisher
ergebnislos verlaufene Suche
nach magnetischen Monopo
len
,
als
o
dem magnetischen Analogon
von negativen und positiven elek
tri-
Symmetrien nicht immer
experimentell bestätigt wer
den kann, davon zeugt die
iihrt hat, indem diese
Gleichung die Existenz des
Positrons Postulierte, d.h.
eines Teilchens von derselben Masse
wie das Ele
Magnet und bewegt sich der Leiter,
so entsteht in der Umgebung
des Magneten kein elektrisches Feld
, dagegen im Leiter eine
elektromotorische Kraft, welcher an
sich keine Energie entspricht,
ömen von derselben
ktron, aber
ent
geg
eng
ese
tzten Quanteneigenschaften, wie
z.B. einer positiven elektrisc
hen
l.adung. Dieser Entdeckung fol
gte die der anti-Materie überha
upt,
d.h. von allen möglichen
Elementarteilchen, die bei gle
icher
Masse spiegelbildliche Eigens
chaften aufweisen, als
o
umg
eke
hrt
e
Ladung oder entgegengese
tzt
cs
mag
netisches Moment oder ent
Bepengesetzten mechanisc
hen
Dre
himpuls.
Daß eine derartige Postulier
ung von
die aber [...) zu elektrischen Str
Größe und
demselben Verlaufe Veranlassung
gibt, wie im ersten Falle die
elektrischen Kräfte.”! Unterwirft
man sowohl die Maxwellschen
Gleichungen wie die klassische Mec
hanik dem Einsteinschen Relativitätsprinzip, so ergibt sich die Rela
tivitatstheorie, deren umwälzende Resultate mit jener Beseitig
ung einer Asymmetrie von
Erklärungen begann, die den Phänom
enen nicht anha
fter.
Nachdem die Plancksche Quante
nhypothese (1900) und Einsteins Lichtquantentheorie (190
5) die erste Phase der Quante
ntheorie eingeleiter hatten, nahm Lou
is de Broglie im Jahre 1925
Anstoß an einer auffallenden Asymme
trie in der Auffassung von
Licht und Materie, deren Beseitigung
zum entscheidenden Uberntheorie zur Quante
gang von der klassischen Quante
Wellennatur zuschreiben. Die
se Symnmechanik
führte. Während man dem Licht sow
ohl einen Wellen- wie einen
Korpuskularcharakter zuschrieb, betr
achtete man die Materie als
eine Summe von Korpuskeln.
De Broglie postulierte, daß sow
ohl
für die Materie wie für das
Lich
t
der Korpuskel- und Wellenbegriff gleichzeiug eingeführt wer
den muß. Auc
h
die
mate
riel
len
Teilchen, z. B. die Elektronen,
sollten sich nicht lediglich als Kor
puskeln darstellen lassen, sonder
n man müsse ihnen gleichfalls
eine Periodizität, also eine
ntell bestätigt, und
metrieüberlegung wurde experime
die Allgemeinheit des Dualismus von
Wellen- und Partikelvorstellung
wurde zu einem der Ausgan
gspunkte der Quantenme
Phys. 17 (1905),
chanik,
deren folgenschwere physikalisch
e und erkenntnistheoretische
Konsequenzen bekannt sind.
Schließlich sei erwähnt, daß eine rich
tig konzipierte und formuik bewegter Körper, Annal. d,
3t À. Einstein, Zur Elektrod
ynam
Einleitung.
bezeichnet.
Das Gesetz von der Erhalt
ung der Parität wird also bei
schwachen
Wechselwirkungen verletzt.
Es har sich aber heraus
ges
tel
lt, daß
analoge Wechselwirkungen,
bei denen anu-Teilchen emitti
ert werden, also z.B. Positrone
n statt Elektronen, die
Parität im umgekehrten Sinne verletzen, d.h
. der Drehimpuls der Positr
onen ist
Pagina 16
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)279
vorwiegend eine Rechtsschraube. Wenn man also Parität und
elektrische Ladung von Teilchen zusammen betrachtet, so ist die
Symmetrie bei diesen Wechselwirkungen als Ganzes wieder erhalten. Es gibt aber noch ungeklärte Falle bei anderen Elementarzweigt, daß der Entfremdungsprozeß, der zu Beginn der Neuzeit
teilchen, die asymmetrisch verlaufen und für die bisher noch
lich auf physikalisch-chemischen Methoden basiert, hat die unkeine befriedigende Theorie gefunden werden konnte.
auf die Natur- und Geisteswissenschaften beschränkt war, auch
auf die verschiedenen Disziplinen der Naturwissenschaften selbst
übergegriffen hat. Obwohl die biologische Forschung hauptsächvermeidliche Spezialisierung Biologen und Physiker voneinander
Die Entdeckung von Naturgesetzen oder — was in der Regel
getrennt, und in unserem Jahrhundert sogar die Forscher in den
physikalisch auf dasselbe hinausläuft — von Symmetrien hat unsere
Welt in ungeahntem Maße bereichert und vertieft. Mit einem
Gefühl der Bewunderung und der Ehrfurcht steht der menschliche
verschiedenen Zweigen einer und derselben Disziplin immer mehr
einander entfremdet, Diese Zersplitterung wird durch das rapide
Anwachsen der Zahl der professionellen Naturwissenschaftler und
das damit verbundene Anschwellen der wissenschaftlichen Publikationen derart gefördert, daß einem heutigen Forscher kaum
noch ein Überblick über die Fortschritte seiner Nachbarfächer
möglich ist. Nach den Schätzungen der Statistiker existieren heute
Geist vor diesem Bild, dessen vollstandiges Erfassen oder gebührende Würdigung allerdings nur dem jeweiligen Fachmann vorbehalten ist. Eine instruktive und ausgedehnte populärwissenschaftliche Literatur erschließt aber dieses Weltbild einem immer
weiteren Kreis von Nicht-Fachleuten und vermittelt ihm ein Verständnis oder zumindest die Illusion eines Verständnisses für die
erkenntnistheoretischen Errungenschaften der Naturwissenschaft.
gegen 90000 wissenschaftliche Zeitschriften, was bedeutet, daß ein
Jahr nicht ausreicht, um nur die Titel der jährlich erscheinenden
Artikel durchzulesen.
Angesichts dieser betriebsamen Geschäftigkeit, so schöne
Früchte sie auch zeitigen mag, wird man an die klassische Parallele
Diese Errungenschaften, so groß sie sind, werden jedoch in der
Wertschätzung des größten Teiles der Menschheit durch die
erstaunlichen Fortschritte der Technologie in den Schatten
gestellt, die ursprünglich ein Nebenprodukt der Wissenschaft war
Tun des Menschen zieht, die er beide als eine Degradierung der
und heute das Loben des Menschen in vieler Hinsicht so unendlich
stillen Kontemplation, eine Entfremdung des reinen Geistes darviel bequemer, einfacher und besser gestaltet hat. Allerdings steht
den Segnungen der angewandten Wissenschaften - man denke nur
an die Fortschritte der Medizin - der Fluch der Zerstörung unserer
natürlichen Umgebung gegenüber und einer wachsenden Getahr,
die der Menschheit durch die Vernichtungstechnik zukünftiger
Kriege droht. Angesichts dieser extremen Zuspitzung der konstellt.”? Natur, sagt Plotin, ist zwar eine Summe von Bewegungen,
aber ihr Ausgangspunkt ist der ruhende Pol der Vernunft und des
trären Auswirkungen der Technologie ist man versucht, auf die
moderne Technik die Worte anzuwenden, die im alten hebräischen Sprichwort der Mensch der Biene zuruft: „Weder deinen
Honig noch deinen Stachel.“
Die immer intensiver werdende Wechselwirkung reiner Naturwissenschaft und Technologie hat die Akkumulation der physikalischen und biologischen Erkenntnis derart beschleunigt und vererinnert, die Plotin zwischen dem Schaffen der Natur und dem
reinen Denkens, dessen Objekt einzig und allein das Notwendige
ist. Aber die angewandte Betrachtung, die im Hinblick auf einen
Zweck denkt, also auf Objekte, die nicht allein norwendig, sondern auch zufällig oder unwesentlich sind, ist eine Abschwächung
der reinen Kontemplation, eine Degradierung der reinen Natur.
Plotin läßt die Natur sagen: „Ich bin das Produkt einer reinen
Kontemplation und habe daher eine Neigung zum Kontemplieren;
was in mir denkt, erzeugt ein Objekt der Kontemplation, so wie
die Geometer Figuren zeichnen, wenn sie nachdenken; ich hin32 Plotin IH, 8, 4.
Pagina 17
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)gegen zeichne nicht, sondern kontempliere, und die Umrisse der
Körper werden real, als ob ste aus mir heraustallen [...}.“
Ploun erklärt dies damit, daß die Natur beseelt ist, und diese
Beseeltheit erzeugt in ihr den Willen, die Objekte ihrer Kontemplation zu konkretisieren. „Statt einer reinen, prazisen, stillen
Kontemplation :entsteht eine andere, die nur ein unvollkommenes. Abbild:von ihr ist.-Daher leiden die Produktionen der Natur
an Schwiche, denn eine kraftlose Kontemplation bringt ein kraftloses Objekt hervor. Das Gleiche gilt vom Menschen, der, wenn
seine Kontemplation sich abschwächt, zum Tun übergeht, das nur
ein Schatten der Kontemplation und der Vernunft ist. Wegen der
Schwachheit ihrer Seele sind die Menschen unfähig, sich in die
Natur und Geist
281
Man muß dabei in Betracht ziehen, daß naturwissenschaftliche
Hypothesen, auch wenn sie mit bekannten Tatsachen im Einklang
stehen und zur Entdeckung neuer Tatsachen führen, nicht immer
ohne weiteres von der Gemeinschaft der Fachkollegen akzeptiert
werden, denn die Beurteilung einer Theorie, welche aus der
Summe der Tatsachen ein einheitliches, umfassendes Bild konstruiert, ist Sache einer rein subjektiven Einstellung. Die Frage: „Was
ist Wahrheit?“ kann auch in der sozusagen objektiven Naturwissenschaft nicht sofort beantwortet werden, wie z.B. die Geschichte der Physik beweist. Ich zitiere als schlagendes Beispiel
Max Plancks Worte in seiner wissenschaftlichen Autobiographie:
wahre Kontemplation zu vertiefen, sie sind nicht imstande, dic
„Es gehört zu den schmerzlichsten Erfahrungen meines wissenschaftlichen Lebens, daß es mir nur selten, ja ich möchte sagen
Objekte ihrer Kontemplation völlig zu erfassen und sich von ihrer
niemals gelungen ist, eine neue Behauptung, für deren Richtigkeit
Schau erfüllen zu lassen. Sie begehren jedoch nach dieser Schau
und werden so zum Tun getrieben, um das zu sehen, was sie mit
der Vernunft allein nicht sehen können.“ Plotin schließt: „Immer
ich einen vollkommen zwingenden, aber nur theoretischen Beweis
erbringen konnte, zur allgemeinen Anerkennung zu bringen [...].
werden wir finden, daß das Tun und Handeln entweder eine
Tatsache festzustellen. Eine neue wissenschaftliche Wahrheit
Abschwächung des Kontemplierens sind oder seine Begleiterscheinung. Eine Abschwächung, wenn nach vollzogenem Tun es
pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner
überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr
dadurch, daß die Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut
nichts mehr zu schauen gibt, und eine Begleiterscheinung, wenn
man etwas kontemplieren kann, was dem überlegen ist, was man
Dabei hatte ich Gelegenheit, eine, wie ich glaube, bemerkenswerte
produziert hat.“
Die fortschreitende Spezialisierung und der wach te Professionalismus führen notwendig bei vielen Naturwissenschaftlern zu
gemacht ist.“
einer Einengung des Blickfeldes und einer Neigung zum Dogmasteifen auf die konventionelle Methodik der Wissenschaft, ist die
tismus, die sie immer weiter vom Ideal der alten Griechen entfernt, für welche die Essenz einer humanistischen, Mensch und
leidenschaftliche apriorisusche Ablehnung aller Aspekte von Randphanomenen, wie der Extra-Sensory Percepuon und anderer
parapsychologischer Erscheinungen. Die bisherigen beachtlichen
Ergebnisse auf diesem jetzt auch wissenschaftlich mehr und mehr
fundierten Gebiete sowie die Bedeutung aller Vorgänge, die nicht
automatisch oder nicht regelmäßig reproduzierbar sind oder einem
Welt umfassenden Einstellung nicht so sehr in der Summe des
Wissens als ın einer ausgeglichenen Lebensanschauung und einer
integralen Denkweise bestand. Ja, selbst jene geistige Aufgeschlossenheit, welche die Pioniere der modernen Wissenschaft, z.B. die
Gründer der Londoner Royal Society, zu neuen Horizonten
führte, ist nicht wenigen Forschern der späteren Generationen
abhanden gekommen.
Ein anderes Beispiel für die mangelnde Aufgeschlossenheit der
heutigen Naturwissenschaftler, für ihr dogmatisches sich-Ver-
33 Max Planck, Physikalische Abhandlungen und Vorträge (Braunschweig 1958),
Bd. 111,5. 386 und 389.
Pagina 18
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)283
Seriengesetz gehorchen, das nicht kausal erklärbar ist oder auch in
ihrer Einmaligkeit sinnvoll sind, werden von der Protession
nehmen können, und sagt: „Damit beschreiten wir das Gebiet
der Philosophie. Werden wir einmal in der Lage sein, in dies Geebensosehr unterschätzt, wie die Reichweite der elektronischen
Rechenmaschinen vielfach überschätzt wird, wenn man sie auf den
Bereich menschlichen Denkens und Fühlens anwendet.
biet einzudringen und so die Grenzen der Wissenschaft in dieser
Zum letzten Punkt möchte ich Folgendes bemerken: Die wissenschaftliche Grundlage der Computer und anderer moderner
Instrumente der Kommunikationstechnik ist von einem der jüngnoch weit entfernt. Zunächst einmal ist es klar, daß es wenig Sinn
sten Zweige der angewandten Mathematik geschaffen worden, der
Richtung zu erweitern ?“??
Von cıner positiven Beantwortung dieser Frage sind wir heute
hat, mit Hilfe noch so ingeniöser Rechenmaschinen menschliche
Denkprozesse zu imitieren oder zu erforschen, wenn ihrer Konstruktion die Ausschließung menschlicher Werte und des mensch-
Informationstheorie, die vor weniger als dreißig Jahren begründet
lichen Elements überhaupt zugrunde liegt, wie es bei der Informawurde. In einem der ersten zusammenfassenden Bücher über
Naturwissenschaft und Informationstheorie®* betont der Verfastionstheorie der Fall ist. Heute wird diese Theorie auch in der
Biologie angewandt, und die Molekularbiologen sprechen von
ser, L. Brillouin, daß diese Theorie nicht den Denkprozeß erfor-
Informationen, die von Zelle zu Zelle oder von einem Organ an
schen könne und daß man daher in sie kein Element einführen
kann, das den menschlichen Wert einer Information einschließt.
vin anderes weitergegeben werden. Dies bedeutet allerdings noch
keine prinzipielle Neuerung, denn die Methodik der heutigen
Ein solches Element ist offenbar rein subjektiver Natur, denn es
Biologie ist immer noch wesentlich eine physikalisch-chemische,
kann z.B. ein Satz, der in einer Zeitungsnachricht oder in einem
Telegramm enthalten ist, für mich von höchster Bedeutung, für
meinen Nachbarn hingegen völlig irrelevant sein. Diese Ignorierung
des subjektiven Elements bedeutet zwar, wie Brillouin ausführt,
und ihre theoretischen Vorstellungen, z.B. die der modernen
Evolutionslehren, beruhen auf mechanistischen Modellen, wie aut
Werte unberücksichugt bleiben, könne man die Information
quantitativ erfassen, als eine physikalisch meßbare Größe beder Verbindung der Darwinschen Selektionstheorie, die eine Ausscheidung des Unzweckmäßigen annimmt, mit der Hypothese
zufälliger Mutationen. Auch die Biologie hält sich noch immer an
das Descartessche Gebot einer völligen Elimination aller Finalität
in der Natur — ein unbefriedigender Zustand angesichts der unleugbaren Tatsache, daß zumindest das Denken und Handeln des
Menschen von Wertbegriffen und zielgerichteten Bestrebungen
handeln, und so eine auf Statistik beruhende wissenschaftliche
bestimmt ıst.
Theorie konstruieren.
Die rein mathematisch definierte Information ist also unabhängig vom Menschen, der diese Information benutzt. Sie stellt ein
erweckt, daß eine zukünftige, auf einer neuen, ihr eigenen
eine sehr ernste Beschränkung, aber nur um diesen Preis ermöglichte sich die Begründung dieser neuen Disziplin wissenschaftlicher Erkenntnis. Denn nur dadurch, daß alle menschlichen
objektives, absolutes Maß dar - im Gegensatz zum subjektiven,
relativen Wert, den eine besummte Information für ihren Benut-
Diese grundlegende Tatsache ist es, welche die Hoffnung
Begriffswelt basierte Biologie einmal zu einer neuen Vermenschlichung unserer Naturvorstellung führen wird, die auf einer höheren Stufe der Erkenntnis das alte Einheitsideal der Griechen
zer hat. Brillouin hält es nicht für ausgeschlossen, daß die Informationstheorie in Zukunft das Problem der Werte wird in Angriff
wieder lebendig macht. Wird einmal der ganze Komplex psycho-
34 Léon Brillouin, Science and Information Theory (New York 1956).
35 AaO.,p. XI.
physischer Zusammenhänge uefer erfaßt werden können? Wird
Pagina 19
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)man z.B. zu einer positiven Deutung der Evolution des Zweckmäßigen gelangen, wenn man den Zeitraum von Hunderten von
Jahrmillionen in Betracht zieht, der den Tierarten zur Verfügung
stand, und sich nicht nur mit Hypothesen über die Ausscheidung
des Unzweckmäßigen begnügen? Wird dies vielleicht einer Theorie der selektiven Information gelingen, die annimmt, daß der
unbewußte Gestaltungswille einer Gattung einen Einfluß auf ihre
Entwicklung hat? Wäre es also denkbar, daß die Organe einer
Gattung sich dadurch zu ihrer heutigen Form entwickelt haben,
daß in der Folge ungezählter Generationen nur solche Informatio-
Natur und Geist
285
rationale Verstehen wie das mystische Einheitserlebnis umfassende
Synthese gehört, für den ausgesprochenen oder unausgesprochenen Mythos unserer eigenen, heutige: a 1.“
"
Die Sehnsucht nach diesem verlorerieu Glauben an die Einheit
der Innenwelt des Menschen und der kosmischen Außenwelt wird
heute bei vielen Wissenschaftlern wieder wach. Es ist der Glaube,
dem Goethe in seinen Zeilen Ausdruck gegeben hat:
„Nichts ist drinnen, nichts ist draußen;
Denn was innen, das ist außen.“
?®
nen von Zelle zu Zelle weitergegeben wurden, die für das erstrebte
Ziel der Gattung von Wert waren, während jede wertiose Information ausgefiltert wurde?
Diese und andere Fragen eines Laien, teils naiv, teils häretisch
und jedenfalls metaphysischer Natur, sind schon verschiedentlich
gestellt, aber von den Fachleuten noch nicht beantwortet worden.
Wolfgang Pauli hat in einem Vortrag über „Die Wissenschaft und
das abendländische Denken“* u.a. einen kurzen Überblick über
die Einheitsbestrebungen von Mystikern der Antike und der Neuzeit gegeben, von den Pythagoreern an bis zu Jakob Böhme und
den Alchemisten, bei denen es sich, wie Pauli betont, um einen
psychophysischen Monismus handelte, um eine auf das Einheitserlebnis gerichtete Einstellung des Menschen zur Natur. Die große
Frage bleibt aber, ob die heutige Naturwissenschaft aus sich
heraus und mit ihren eigenen Mitteln zu einer solchen Einheit
kommen kann. Pauli schließt seinen Vortrag mit folgenden Worten: „Gewarnt durch den Mißerfolg aller verfrühten Einheitsbestrebungen in der Geistesgeschichte, will ich es nicht wagen,
über die Zukunft Voraussagen zu machen. Entgegen der Einteilung der Aktivitäten des menschlichen Geistes in getrennte Depar-
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temente im 17. Jahrhundert, halte ich aber die Zielvorstellung
einer Uberwindung der Gegensätze, zu der auch eine sowohl das
36 W. Pauli, Aufsätze und Vorträge über Physik und Erkenntnistheorie (Braunschweig 1961),
S. 102-112.
37 A.a.O., S. 112.
38 W. v. Goethe, Epirrhema (Gedichte, Insel Verlag, Bd. IL, S. 208).