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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)DIEGO H. FEINSTEIN
Palladio und das Problem
der musikalischen Proportionen in der Architektur
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In der Widmung seiner J quattro libri dell’Architettura an den Grafen Giacomo
Angaranno erklärt Andrea Palladio die Architektur selbstverständlich als scientia
nobilissima.! Und am Anfang des Traktates bestimmt er die Schönheit zwar nach
den Prinzipien der universellen Harmonie als corrispondenza del tutto alle parti,
wohl auch als einen nur am Bauwerk konkret erfahrbaren Begriff: die bella forma
entsteht aus der Beziehung aller Teile untereinander und zum Ganzen, vergleichbar mit einem vollendeten Baukörper, an dem es nichts Überflüssiges gibt.2 Nicht
die Gesetzmäßigkeit einzelner Räume meint Palladio dabei; jeden Raum versteht
er vielmehr als Glied, als Teilelement eines Gebäudes. Die von ihm gemeinte
schöne Form wird erst durch una certa convenienza di membri, eine gewisse Übereinstimmung aller Bauglieder zur gesamten Architektur, erreicht.
Mit diesen Gedanken vollzieht Palladio in ihren letzten Konsequenzen die Vorstellung von Architektur als Harmonie, um das Schöne zu verwirklichen. Die
Harmonie als »metaphysisch begründetes Kriterium der Schönheit«*, die die
»Richtigkeit« des Kunstwerks zu gewährleisten vermochte, nahm von vornherein
starken Einfluß auf die Theorie und Praxis der italienischen Renaissance.’ Die
vom Humanismus stark geprägte Frührenaissance hatte bereits die Problematik
der Identität von Kunst und Wissenschaft — d. h. die der artes liberales* — wieder
aufgeworfen und in der Folge die wichtigste ästhetische Forderung des Quattrocentos, die wissenschaftliche Begründung der Kunst’, hervorgebracht. Darüber
hinaus wurde die pythagoräisch-platonische Auffassung der Harmonie erneuert,
die eine Universalordnung von Zahlen und Proportionen beinhaltete und ihre
klarste Ausprägung in der Musik fand.®
Die pythagoräisch-platonische Harmonik, deren vollständige Darstellung erstmals in der Euklid zugeschriebenen Sectio Canonis® zu finden ist, definierte mit
! Palladio, / quattro libri dell’Architettura, Venedig 1570, Nachdr.: Mailand 1951. Entstehung des
Traktats: von ca. 1555 an.
2 Aa.O. [/1,S.6f.
3 A.a.O., 11/2.
4 E. Panofsky, Dürers Kunsttheorie. Vornebmlich in ihrem Verhältnis zu Kunsttheorie der Italiener,
Berlin 1915, S. 79.
5 Vgl. E. Panofsky, Idea: Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der älteren Kunsttheorie, Leipzig 1924,
bes. S. 23 ff. Grundlegend hierzu R. Wittkower, Architectural Principles in the Age of Humanism,
Neudr. der 3. Aufl., London 1967.
6 Hierzu s. P. O. Kristeller, The modern System of the Arts (1), in Journ. of the History of Ideas, XII,
1951, S. 510 ff.
? Hierzu s. besonders M. Boskovits, »Quello ch’e dipintori oggi dicono Prospettiva., in: Acta Historiae
Artium, VIII/3-4, 1962, S. 241 ff. u. IX/1-2, 1963, S. 139 ff.
8 Hierzu s. H. Hüschen, Art. „Harmonie, in: MGG, V/2, Sp. 1588 ff. sowei R. Haase, Grundlagen
der harmonikalen Pythagoreismus, Wien 1969.
9 Euklid, Sectio Canonis, um 300 v. Chr.; vgl. G. Reese, Musi in the Middle Ages, New York 1940,
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)der Festlegung der musikalischen Intervallproportionen!® zugleich ein qualitatives, hierarchisches System von Zahlenverhältnissen; denn als »wohlklingende«
Harmonien — Konsonanzen — wurden nur diejenigen von ihnen akzeptiert, die
auf den vier ersten mystischen Zahlen der pythagoräischen Tetraktys basierten,
folglich Oktave (1:2), Quinte (2:3) und Quarte (3:4) sowie die zusammengesetzten Intervalle der Duodezime (1:3=1:2:3) und der Doppeloktave (1:4=1:2:4
bzw. 1:2:3:4).!! Problematisch war dabei die Stellung des Ganztones, dessen
Zahlenproportionen (8:9) aus der Differenzbildung von Quinte und Quarte resultierte und dennoch außerhalb der Tetraktys fiel.1? In diesem Zusammenhang
spielten zuletzt eine wichtige Rolle die mathematischen mittleren Proportionalen}, die die »harmonische Teilung« der Oktave in Quinte und Quarte
(1:2=2:3:4) ermöglichten.
Diese spekulative, »a prioristische« Harmonik wurde von Aristoxenos — dem
»Musiker«!5 — abgelehnt, da für ihn das musikalische Hören dem philosophischen
Urteil gleichzustellen war.!* Die Intervalle bestimmte er durch Addition von Tonbruchteilen, deren Anordnung innerhalb des Tetrachords — eigentlich der Quarte, die für Aristoxenos grundlegende Konsonanz — ein anderes System hierarchischer Strukturen, die Tongeschlechter, bildete.!? Da Aristoxenos aber keinen absoluten Wert für die Quarte angab, wurden die genos wiederum mittels Proportionen von den späteren Pythagoräern berechnet.!8
Ptolemaios, der bedeutende Kompilator der griechischen Harmonik!?, versuchte
später beide Systeme miteinander zu verbinden mit dem Ergebnis einer zum Teil
verwirrenden Komplexität in der Berechnung der Intervalle.”°
Die Musiktheorie der italienischen Renaissance war anfangs darauf bedacht, die
10 Die pythagoräischen Intervallproportionen basierten auf dem physikalischen Prinzip, daß die Tonhöhe eines Klanges im umgekehrten Verhältnis zur Länge einer Saite steht. Vgl. dazu sowie im folgenden M. Ruhnke, Art. »/ntervall«, in: MGG, VI, Sp. 1334 ff.
11 Umstritten blieb die Annahme als Konsonanzen der Undezime (3:8 =3:6:8), die später von Gaudentios und Ptomelaios (beide 2. Jh.) akzeptiert wurde sowie der Verdoppelung der Quinte (4:6:9)
und der Quarte (9:12:16). Vgl. dazu J. Handschin, Zur Geschichte der Lehre vom Organum, in:
Zischr. f. Musikwiss., VIII, 1926, S. 324.
12 Platon rechifertigte den Ganzton als Konsonanz in Timaios, 35b ff. sowie Politeia, VII/534a. Weitere pythag. Intervallproportionen: kleine Terz (27:32), große Terz (64:81), kleine Sext (81:128),
große Sext (16:27).
13 Platon, Timaios, 36a definierte die drei Arten von mittleren Proportionalen: arithmetisch (b it ),
geometrisch {b= ac) und harmonisch (b =).
14 Vgl. Platon, Politeia, TV/432 a. Philolaos erwähnte andere Möglichkeit zur Zerlegung der Oktave
(1:2=8:9:12:16). Es ist umstritten, ob Archytas bereits die Quinte und Quarte arithmetisch teilte
(2:3 =4:5:6) bzw. (3:4=6:7:8). Hierzu vel. O. Becker, Frühgriechische Mathematik und Musiklehre,
in: Archiv f. Musikwiss, XIV, 1957, S. 156 ff.
15 Aristoxenos, zweite Hälfte des 4. Jh.s v. Chr. Wichtiger Musiktheoretiker der klassischer Zeit im
Geiste der aristotelischen Schule.
16 Aristoxenos, Harmonik, 11/32-33.
17 Für Aristoxenos enthielt das Tetrachord 2% Töne bzw. 30 (12+ 12+ 6) Masseinheiten. Durch verschiedene Zusammensetzungen bildete er mehrere Tongeschlechter (enharmonisch, chromatisch
und diatonisch). Hierzu sowie im folgenden s. R. Winnington-Ingram, Aristoxenos and the Intervals of Greek Music, in: The Classical Quarterly, XXVI, 1932, S. 195 ff. sowie K. Schlesinger, Further Notes on Aristoxenos and Musical Intervals, in: The Classical Quarterly, XXVII, 1933, S. 88 ff.
18 Weitere Tetrachorden, die während des Mittelalters in Vergessenheit gerieten, wurden von Archytas, Erathostenes und Didymos mathematisch bestimmt. Sie enthielten z. Teil die Proportionen 4:5
u. 5:6 für die Terzen.
19 Prolemaios (Mitte des 2. Jh. s. n. Chr.), Harmonik; vgl. G. Reese, a.a.O., S. 19.
20 Ptolemaios bevorzugte das diatonische Tetrchord (4+ 1+ 1), welches durch die Proportionen 15/
16, 9/10 u. 8/9 zw. kleinem u. großem Ganzton unterscheidet u. die Proportion 4:5 ermöglicht.
Vgl. dazu J. Barbour, The Persistence of the Pythagorean Turning System, in: Scripta Mathematica,
I, 1933, S. 286 ff.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)griechische Harmonik rekonstruieren zu können, irreführenderweise jedoch aufgrund der Schriften Boethius?!, welche allerdings in ihren spätmittelalterlichen,
stark vereinfachenden Auslegungen?? bekannt wurden.
Boethius, dem im Bereich der Musik die definitive Latinisierung der griechischen
Begriffe als technische termini gelang, vervollständigte die Gleichsetzung der
Harmonie mit der gesamten musikalischen Erscheinung, die er erstmals in musica
mundana, musica bumana und musica instrumentalis gliederte.? In seiner mathematischen Musiktheorie würdigte Boethius wohl die Autorität der drei wichtigsten Theoretiker der Antike?4; doch lehnte er zugleich das aristoxenische Gehörurteil als trügerisch ab, mystifizierte Pythagoras als Entdecker der Konsonanzen
in der physikalisch falschen Schmiedelegende? und richtete sich letztlich mehr
nach den von ihm selbst übersetzten spätantiken Transformationen der klassischen Harmonik? aus.
In Anlehnung an Nikomachos?” veranschaulichte Boethius auch die maxima et
perfecta harmonia in den Zahlen 6:8:9:12, die sog. »erste« Tetraktys, Quelle der
drei ursprünglichen consonantiae — Oktave (6:12), Quinte (6:9 bzw. 8:12) und
Quarte (6:8 bzw. 9:12) — sowie des Ganztones (8:9). Ebenfalls beinhalteten diese
vier Zahlen die drei mathematischen proportiones — arithmetica (6:9:12), geometrica (6/9:8/12) und harmonica (6:8:12) — welche die doppelte Zerlegung der
Oktave in Quinte und Quarte bzw. in Quarte und Quinte zeigten.”8
Die Lehre Boethius’, die während des gesamten Mittelalters als die griechische
Musiktheorie angesehen wurde, sorgte zweifelsohne für die Kontinuität des antiken Harmoniebegriffs bis in die Renaissance hinein, wenngleich auch für die
zahlreichen Mißverständnisse, mit denen die klassische Harmonik ausgelegt wurde.?? Boethius’ Schriften trugen zuletzt entschieden zur Entstehung einer neuplatonischen Konzeption der musikalischen Harmonie im Spätquattrocento bei.3°
Seit Mitte des Jahrhunderts zeichnete sich aber eine neue, folgenschwere Tendenz der Musiktheorie in Italien ab, welche parallel zu den humanistisch-boethianischen Studien die musikalische Praxis der Zeit theoretisch erleuchten wollte?! Die zunehmende Verbreitung der Mehrstimmigkeit erforderte eine neue
Konzeption der musikalischen Harmonie, der die pythagoräische Lehre allein
nicht mehr gerecht werden konnte. Die beherrschende Polyphonie begnügte sich
schon längst nicht damit, verschiedene untereinander unabhängige Stimmen
parallel klingen zu lassen, sondern verstand allmählich mehrere simultan erklingende Töne als eine Einheit.”
21 A. M.S. Boethius (um 480-524), der letzte Philosoph stoischen Gepräges in der Antike u. der bekannteste lateinische Musiktheoretiker.
22 Vor allem die wohlbekannte Musica speculativa secundum Boethis (1323) des Johannes de Muris,
Musikprofessor des Collegiums Sorbonicum, Paris.
23 Boethius, De institutione musica, Hrsg. G. Friedlein, Nachdr.: Frankfurt 1966, 1/2, S. 187 ff.
24 A.a.O., V/3, S. 354 f.
25 A.a.O., 1/10-11, S. 196 ff.
41
26 Besonders Nikomachos von Gerasa (2. Jh.) u. Porphyrios (Neuplatoniker, 3. Jh.). Vgl. H. Potiron,
Boéce. Theoricien de la musique grecque, Paris 1961.
27 Nikomachos, Harmonik (Handbuch); vgl. G. Reese, a.a.O., S. 18.
28 Boethius, a.a.O., 1/10 u. 16.
29 Vgl. J. Chailley, Histoire musicale du moyen âge, Paris 1950.
3° Hierzu s. R. Klein, Les bumanistes et la science, in: Ders., Ecrits sur la Renaissance et l’art moderne,
Hrsg. A. Chastel, Paris 1970, S. 327 ff.
31 Wichtige Theoretiker der Zeit: J. Tinctoris (um 1435-1473), F. Gaffori (1451-1522), B. Ramos de
Pareja (um 1440-nach 1491), N. Burzio (1450-1518), P. Aron (um 1470-um 1545) u. L. Fogliano
(Ende des 15. Jh.s).
32 Hierzu vgl. E. Lowinsky, Music in the Culture of the Renaissance, in: Journ. of the History of Ideas,
XV, 1954, S. 509 ff.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Der Übergang vom sukzessiv- zum simultankompositionsartigen Denken, was allein die Musik der Renaissance kennzeichnet”, verlangte eine ausgebreitete harmonische Sprache. Denn beim auditiven Erlebnis der Simultanität erwiesen sich
als angenehmer consensus andere Intervalle als die spekulativ bestimmten Konsonanzen. Die mathematisch-physikalischen Grundlagen der antiken Harmonik
wurden dabei erneut und weiter vertieft, was zuletzt weitere Unstimmigkeiten
zwischen spekulativer und praktischer Musiktheorie mit sich brachte.’*
Bei der Kontroverse um die Bestimmung der Intervallverhältnisse und deren
Klassifikation in Konsonanzen und Dissonanzen fand die endgültige Legitimierung von Terzen und Sexten als Konsonanzen” sowie die Anerkennung der
nicht-pythagoräischen Proportionen für diese Intervalle - große Terz (4:5), kleine Terz (5:6), große Sexte (3:5) und kleine Sexte (5:8)%6 — statt.
Die Musiktheorie des Quattrocentos erweckte mithin die seit Jahrhunderten in
Vergessenheit geratene »harmonische« Teilung der Quinte durch das arithmetische Mittel wieder”, aus welcher beide Terzen (2:3 = 4:5:6) resultierten. In diesem Zusammenhang wurden erstmals weitere, zwischen den Extremen einer consonantia placierte und ebenso wohlerklingende mittlere Töne erläutert, die auch
Bestandteil der harmonia seien. Auf diese Weise war das akkordische Grundgefühl bereits theoretisch begründet.
Erst durch Gioseffo Zarlino”, der in Venedig zur gleichen Zeit wie Palladio
wirkte, erfolgt die vollständige Identifizierung des Harmoniebegriffs mit dem
Zusammenklang im Sinne eines einheitlichen Akkords. In seiner überaus wichtigen und für das moderne harmonische Dualitätsprinzip bahnbrechenden Schrift
Le institutioni barmoniche‘ erklärt Zarlino die mathematische Bestimmbarkeit
der Dreiklänge aufgrund der mittleren Proportionalen. Aus der harmonischen
bzw. arithmetischen Zerlegung der Quinte ergeben sich zwei grundsätzliche
Harmonien — minori und maggiori — die sich in der Art der mittleren Stimmen
voneinander unterscheiden.“
Die Konsonanzlehre untermauert Zarlino auch mathematisch. Doch erklärt er
als die vollkommenen musikalischen Zahlen diejenige der Sechszahl — senario —
und bestimmt so als Konsonanzen alle Intervallproportionen, welche auf diese
Zahlen zurückzuführen seien.*
Die Harmonieästhetik der Renaissance wurde für die Kunsttheorie überhaupt
und besonders für die Architektur von Leon Battista Alberti geprägt. Als erster
seiner Zeit formulierte er in seiner Schrift Della Pittura*’ die Forderung nach mathematisch-wissenschaftlichen Grundlagen für die Kunst.** In dem späteren Architekturtraktat De re aedificatoria® deutet Alberti die Architektur als die geeignetste Kunst zur Offenbarung der Harmonie.
33 Vgl. F. Blume, Art. »Renaissances, in: MGG, XI, Sp. 224 ff.
34 Hierzu s. a.a.O. sowie G. Reese, Music in the Renaissance, New York 1954.
35 Ramos, Musica Practica, Bologna 1482, Nachdr. Leipzig 1901, 1/1 u. a.
36 Endgültig bei L. Fogliano, Musica theorica, Venedig 1529.
37 F. Gaffori, Practica Musicae, Nachdr.: Franborough 1967, III/2.
38 A.a.0., III/10.
39 G. Zarlino (1517-1590), einer der wichtigsten Musiktheoretiker überhaupt.
40 G. Zarlino, Le institutioni barmoniche, Venedig 1558, Nachdr.: New York 1965.
41 A.a.O., III/31. Hierzu vgl. C. Dahlhaus, War Zarlino Dualistî, in: Musikforschung, X, 1957,
S. 286 ff.
42 G. Zarlino, a.a.O., 1/;6.
42
43 Alberti, Della Pittura, in: L. B. Albertis kleinere kunsttheoretische Schriften, ital.-dt. Ausg. v. H. Janitschek, Wien 1877.
+ AaO.,S. 145.
45 Alberti, De re aedificatoria, lat.-ital. Ausg., übers. G. Orlandi, Hrgs. P. Portoghesi, Mailand 1966.
46 A.a.O., IX/5, S. 817.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Die mathematischen Grundlagen für die Architektur hatte bereits Vitruv, dessen
De Architectura Libri Decem*’ auf Alberti besonderen Einfluß ausübte, eingesehen
und sogar im Zusammenhang mit der Musik behandelt“, ohne daraus weitere
Konsequenzen ziehen zu können.
Alberti begriindete hingegen eine ontologische Asthetik nach spekulativ boethianischen Prinzipien der musikalischen Harmonie, die er mittels der Terminologie
der antiken Rhetorik visuell auf die Baukunst als concinnitas überträgt.* Diesen
Begriff präzisiert Alberti als consensus partium’® und bestimmt ihn nach Vitruv aus
der Zusammenfügung von numerus, finitio und collocatio heraus.’' Mittels der pythagoräisch-platonischen Zahlengesetzmäßigkeiten wird die concinnitas als Gegensatz zur varietas zu einer völlig in sich geschlossenen Kategorie nahe der unitas, die in sich selbst alle Zahlen enthält und erzeugt.’?
Albertis Architekturtraktat bleibt für die Renaissance die einzige Lehre musikalischer Proportionen für die Baukunst. Dabei berechnet er Zahlenverhältnisse für
die verschiedenen Flächen sowie für die dreidimensionalen Räumlichkeiten.® Für
die Flächen empfiehlt Alberti folgende Proportionen:
1. für die kleineren Flächen: quadrata (1:1), sesquialtera (2:3) und sesquitertia
(3:4);
2. für die mittleren Flächen: dupla (1:2), sesquialtera duplicata (4:9=4:6:9) und
sesquitertia duplicata (9:16=9:12:16)°*%;
3. für die größeren Flächen: dupla cum sesquialtera bzw. tripla (1:3), dupla cum
sesquitertia (3:8) und quadrupla (1:4).
Die dreifachen Proportionen für die räumlichen Dimensionen — Breite, Lange
und Höhe — bestimmt Alberti auf zweierlei Weise, einmal aus den musikalischen
Harmonien selbst heraus wie folgt: dupla (2:3:4 bzw. 3:4:6), tripla (2:4:6 bzw.
2:3:6) und guadrupla (2:4:8 sowie 2:3:4:8 bzw. 3:6:9:12) und zum anderen nach
den mittleren Proportionalen — mediocritates — wiederum als eingeschranktes System, welches nicht über die pythagoräisch-platonische Auffassung der musikalischen Harmonien hinausgeht, anhand folgender Zahlen: aritmetica (4:6:8), geometrica (4:6:9) und musicale (3:4:6).55
Der wichtigste Beitrag Albertis zu der Problematik der musikalischen Proportionen besteht darin, daß er seine Lehre in bezug auf Bauelemente versteht. Die concinnitas sei zwar als Universalkategorie allgemeingültig, existiere aber als künstlerische Erscheinung nicht für sich allein, sondern nur für einen Betrachter.’ Albert objektiviert ihn jedoch als einen »a priori« fixierten Sehpunkt, der — ebenso
wie in der Zentralperspektive — eine ideale Abstraktion darstellt.’
47 Vitruv, Zehn Bücher über Architektur, lat.-dt. Ausg. v. C. Fensterbusch, Darmstadt 1964.
48 A.a,O., V/4, S. 214 ff.: Die Harmonie des Aristoxenos.
#9 Alberti, a.a.O., VI/2, S. 447; vgl. D. Feinstein, Der Harmoniebegriff in der Kunstliteratur und Musiktheorie der italienischen Renaissance, Phil, Diss., Freiburg i. Br. 1977 sowie G. Hellmann, Studien
zur Terminologie der kunsttheoretischen Schriften L. B. Albertis, Phil. Diss. Köln 1955.
59 Alberti, a.a.O., IX/5, S. 817.
51 A.a.0., S. 819 ff.
52 A.a.O., IX/6 S. 831. Zur unitas als ästhetische Kategorie s. P. Zoubov, L. B. Alberti et les auters du
Moyen Age, in: Medieval and Renaissance Studies, IV, 1958, S. 245 ff.
53 Alberti, a.a.O., IX/6, S. 825 ff.
54 Die beiden letzten Proportionen sind als Konsonanzen schwer zu begriinden; vgl. D. Feinstein,
a.a.O., S. 89 f.
55 Die architektonische Bedeutung der angeführten viergliedrigen Zahlenverhältnisse ist nicht feststellbar. Alberti hac hier offensichtlich Harmonieprinzipien recht mechanisch übernommen. Zur
Lehre der mediocritates vgl. P. Scholfield, The Theory of Proportion in Architecture, Cambridge
Mass. 1958, bes. S. 59 ff.
56 Alberti, a.a.O., VI/3/2, S. 272,
57 Vgl. A. Chastel, Die künsterlische Erfahrung bei Alberti, in: Kunstchronik, 1960, S. 368 ff.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Als vorbildliches Prinzip der Proportionalität konnten Albertis Vorstellungen in
stilistisch verschiedenen Bauwerken des Quattrocentos visualisiert werden.®® Um
die Jahrhundertwende richtete dennoch der inzwischen ausgebreitete Neuplatonismus des Marsilio Ficino®® das Interesse für eine mathematisch-wissenschaftliche Ästhetik der Harmonie allmählich zugrunde.
Albertis Gedanken wurden erst in den venezianischen Kreisen der Spätrenaissance wieder belebt und weiter vertieft. Befreit von den naturkosmologischen Spekulationen der Sphärenharmonie, deren pythagoräischen Hermetismus Francesco
Giorgi in die Architektur Venedigs eingeführt hatte®, greift Daniele Barbaro in
seiner kommentierten Ausgabe des Vitruvs®! auf Alberti zurück, um eine praktische Ästhetik für die Baukunst zu entwickeln.
Alle seine Kommentare zeigen eine zwiespältige Gegenüberstellung von boethianischer und moderner Auffassung der musikalischen Harmonie. Barbaro basiert
seine architektonische Ästhetik auf die proportionata misura, die er aus der vitruvianischen Kategorie der eurythmia ableitet und mit der Sprache der Musiktheorie Zarlinos erläutert. Die Schönheit eines Bauwerks besteht also für ihn nicht
mehr in den Proportionen, sondern in der Proportionalität: comparatione d’una
proportione all’altra“‘ Hierdurch zeigt Barbaro Verständnis für das neue Simultanitätsprinzip der musikalischen Harmonie.
Bei der Behandlung der Intervallproportionen bleibt Barbaro weiterhin traditionell*5, wenngleich Terzen und Sexten nach dem Gehörurteil als Konsonanzen
von ihm akzeptiert werden. In diesen Ausführungen läßt sich feststellen, daß
Barbaro die zeitgenössische Musiktheorie nicht nur kannte, sondern auch in seiner Architekturtheorie miteinzubeziehen versuchte.
Sebastiano Serlio führt zum erstenmal in einer Architekturschrift die moderne
Konsonanz der großen Terz ein, die er in seinem ersten Buch über die Baukunst” als eine der folgenden sieben Hauptproportionen vorschlägt: quadro perfetto (1:1), sesquiquarta (4:5), sesquitertia (3:4), diagonea (1:Y2), sesquialtera (2:3),
superbipartiens tertias (3:5) und doppia (1:2).*
Ebenso wie Serlio, aber in bezug auf die stanze, benennt auch Palladio die sieben
schönsten Proportionen. Bei ihm fehlt die Proportion der großen Terz, statt
dessen übernehmen Kreis und Quadrat eine zentrale Bedeutung als Maßeinheit,
etwa wie bei früheren, modular-geometrischen Architektursprachen.”°
58 Hierzu vgl. u. v. a. R. Wittkower, a.a.O.
59 M. Ficino (1443-1499), besonders In Timaeum Commentarium, in: Ders., Opera omnia, Nachdr.
der Ausg. Basel 1576, Turin 1959, 11/1, S. 1438 ff.
60 F. Giorgi, De harmonia mundi totius, Venedig 1525. Zum streng platonischen Programm Giorgis
für S. Francesco della Vigna in Venedig s. R. Wittkower, a.a.O., S. 102 ff.
61 D. Barbaro (1514?-1570?), 7 dieci libri dell’architettura di M. Witruvio tradotti e commentati,
Nachdr. der 2. verb. Aufl., Venedig 1567.
62 Zu den Ubersetzungen von Albertis Archicekturtraktat ins Italienische und deren Veröffentlichungen in Venedig s. E. Forssmann, Palladios Lebrgebäude, Stockholm 1965, S. 130 ff.
63 Barbaro, a.a.O., Komm. zu [/2/3, S. 33.
64 A.a.0., Vorwort zu III, S. 100.
65 A.a.O., S. 100 ff.
66 A.a.O., Kon. zu V/4/3, S. 231 f.
67 Serlio (1475-1554), Il primo libro d’Architettura di M. Sebastiano Serlio Bolognese, Venedig (15512).
68 Serlio, Tutte l’opere d’Architettura et Prospetiva in sette libri, Nachdruck der Ausg. Venedig 1619,
New Jersey 1964, I, S. 15.
44
69 Palladio, a.a.O., I/1, S. 6 f.
70 Vgl. Filarete, Trattato d'architettura, engl. Ausg. v. J. Spencer, London 1965 sowie F. di Giorgio
Martini, Trattato di architettura civile e militare, Hrsg. C. Promis-C. Saluzzo, Turin 1841.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Unmittelbar danach behandelt Palladio die Höhe der stanze, welche er auf praktische Weise nach der Art der Decken in zwei Typen unterscheidet”! Bei den
doppelgeschossigen Gebäuden der ersten Gruppe — stanze in solaro — müssen die
Höhen beider Stockwerke im Verhältnis 6:5 zueinander stehen. Die Höhe der
quadratischen Räume der zweiten Gruppe — stanze in volto — steht zur Seite des
Quadrats im Verhältnis 4:3. Die rechteckigen Räume können drei verschiedene
Höhen haben, die jeweils den drei mittleren Proportionalen zur Breite und Lange
der stanze entsprechen.
Als Pragmatiker erwähnt Palladio zuletzt die Möglichkeit, andere nicht mathematisch bestimmte Höhen anzuwenden, welche nach dem Urteil — guidicio — des
Architekten und nach praktischer Notwendigkeit auszusuchen seien./? So haben
die Proportionen für Palladio keine architektonisch feste Bedeutung, sondern hin
und wieder einen theoretischen, formgebenden Charakter.”
Die integrierte Zusammensetzung diverser Räume — die harmonische Proportionalität — verwirklicht Palladio auf anschauliche Weise in seinen architektonischen
Entwiirfen. Die disegni verdeutlichen die grundlegende Harmonie des Bauwerks
in einem Idealplan, der bis auf kleine, technisch bedingte und den gesamten Eindruck nicht modifizierende »harmonische Unreinheiten« ausführbar ist.”4
In diesem Sinne entwickelt Palladio ein eigenes System von architektonischen
Entwürfen, welche durch die additive Abfolge verschiedener aufeinander abgestimmter Räume gekennzeichnet werden. Er setzt sich dabei mit der zeitgenössischen Musiktheorie auseinander und versucht ihre Errungenschaften architektonisch sichtbar zu machen. Daraus läßt sich eine Entwicklung bei Palladio feststellen, die mit der Aneignung des modernen Harmoniebegriffs als musikalischen
Zusammenhang vollendet wird und anhand seiner Villengrundrissen am deutlichsten nachzuvollziehen ist.
Wahrscheinlich unter direktem Einfluß von Serlio’ sowie des Gelehrten Giorgio
Trissino’® zeigen die frühen Villenentwürfe bereits einfache arithmetische Proportionen in den einzelnen Räumen, die in der typisch palladianischen Reihe:
kleines Rechteck, Quadrat und großes Rechteck beiderseitig der zentralen Räume axial-symmetrisch gelegen sind.”” Palladio verwendet dabei hauptsächlich die
vitruvianischen Proportionen 2:3, 3:3 und 3:5.78
Die Vertiefung der eigenen Studien Albertis sowie die wichtige Begegnung mit
Barbaro”? machen sich hingegen bei den Entwürfen seines Architekturtraktats bemerkbar. Von vornherein beschäftigt sich Palladio hier mit den musikalischen
Proportionen und mit der Harmonie. Nach dem Kriterium einer Entwicklung in
seiner Auffassung von der Harmonie lassen sich die Villengrundrisse von / guattro libri in gewissem Maße chronologisch anordnen.
71 Palladio, a.a.O., 1/23, S. 53.
72 A.a.O., S. 54.
73 Vgl. E. Forssman, a.a.O., S. 60.
74 Dies beweisen aufgrund der Abmessungen in zwei Villen E. Forssman, Visible Harmony. Palladio’s
Villa Foscari at Malcontenta, Stockholm 1973 u. P. Hofer, Palladios Erstling. Die Villa Godi Valmarana in Lonedo bei Vincenza, Basel-Stuttgart 1969.
75 Vgl. E. Forssman, Palladios.. „aa.O.,S. 17 f.
76 Zur Bedeutung der Villa Trissino in Cricoli fiir Palladio s. a.a.O., S.27 sowie R. Wittkower,
a.a.O., S. 57 ff.
77 Vgl. hierzu sowie im folgenden E. Forssman, a.a.O., S. 28 f. sowie 45 ff. Allgemein zur Problematik der Villen — Entstehung, Datierung, vorhandene Literatur — s. R. Cevese, L'opera del Palladio,
in: Palladio, Catalogo della Mostra, Vincenza 1973, S. 43 ff.
78 Vgl. Vitruv, a.a.O., VI/3/3, S. 274,
79 Zum starken Einfluß von Barbaro auf Palladios Schaffen s. u. a. E. Forssman, Palladio e Daniele
Barbaro, in: Bolletino del CISA, VIII, 1966, S. 68 ff.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)perte A
Abb. 1: V. Godi in Lonedo
Abb. 2: V. Thiene in Cicogna
Eine erste Gruppe zeigt musikalisch gesehen einfache Lösungen in der Proportionierung der Räume, welche nicht über die boethianischen Konsonanzen hinausgehen. Die Villa Godi in Lonedo® (Abb. 1) artikuliert mit mehreren Räumen von
16.24 und 24.36 Piedi die Proportionalität der sesquialtera duplicata (4:6:9) während die Villa Thiene in Cicogna® (Abb. 2) mit Räumen von 12.18 und 18.36 P.
wiederholt diejenige der diapason cum diapente (2:3:6) darstellt.
Die Villa Pisani in Bagnolo® (Abb. 3) bildet sich grundsätzlich aus den Maßangaben 8, 16, 24 und 32 P., die die Zahlenverhältnisse der bisdiapason (1:2:3:4)
und zugleich die pythagoräische Tetraktys darstellt. Bei den großen rechteckigen
Räumen vermeidet Palladio die eindeutige Breite 30 P. aufzuschreiben, die zur
Länge 18 P. die moderne Proportion der großen Sexte (3:5) ergibt und bleibt im
Text bei der vitruvianisch geometrischen Formulierung un quadro e due terzi. Somit ermöglicht Palladio mit der Reihe 16, 18, 24 und 32 P. die wenig bekannte
philolaische Zerlegung der Oktave in Ganzton und zwei Quarten (8:9:12:16).8
Dann werden Terzen und Sexten, die consonanze imperfette in einer weiteren
Gruppe von Villenentwürfen eingeführt, und zwar zunächst mit den pythagoräischen Proportionen. Dabei überwindet Palladio einige Rechenschwierigkeiten,
indem er etwaige Maßzahlen — 26% bzw. 28 anstatt 27 P. — angibt. So ergeben
sich in der Villa Badoer
in Fratta Polesine?“ (Abb. 4) mit der Sequenz 8, 12, 16, 32
P. neben der bispiapason mit arithmetischer Teilung der unteren Oktave (2:3:4:8)
die pythagoräischen Proportionen der großen Sext (16:27) und der kleinen Terz
(27:32).
In der Villa Saraceno in Agugliano Finale® (Abb. 5) bildet sich bei den Massangaben des Zentralgebäudes 12, 16, 27 P. ebenfalls die pythagoräische große Sexte,
während Palladio bei den seitlichen Räumen vermeidet, die Zahl 12 zu schreiben,
80 Palladio, a.a.O., II, S. 65. Ab 1540 gebaut; vgl. R. Cevese, a.a.O. (i. folg. = Cev.), S. 54 sowie R.
Wittkower, a.a.O. (i. folg. = Witt), S. 129.
81 Palladio, a.a.O., S. 62. Ab 1550? unvollendet gebaut, dann zerstört; vgl. Witt. S. 71 und 131.
82 A.a.O., S.47. Etwa zw. 1540-1560 entstanden; vgl. Cev. S. 55 f., der hier von einer discontinuità
stilistica spricht.
83 Vgl. a. Anm. 14.
34 Palladio, a.a.O., S. 48. Um 1556/57 gebaut; vgl. Cev. S. 74 f.
85 A.a.O., S. 56. Zw. 1542/3-1547/8 entw., um 1555? oder später gebaut; vgl. Cev. S. 63 f.
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Abb. 3: V. Pisani in Bagnolo
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Abb. 4: V. Badoer in Fratta Polesine
welche im Verhältnis zu der angegebenen 15 P. die moderne Proportion der
großen Terz (4:5) sichtbar machen würde. Als Übergang von einer Reihe zur
anderen benutzt Palladio den diathonischen Halbton (15:16).
Die durchaus problematische Gegenüberstellung zwischen boethianischen und
modernen Intervallproportionen offenbart sich besonders im Grundriß der Villa
Cornaro in Piombino Dese? (Abb. 6). Zwar wird hier die kleine Sext (5:8) im
Raum 10.16 P. architektonisch sichtbar gemacht, sie integriert sich jedoch nicht
ganz in die Grundharmonie des Gebäudes mit den Maßangaben 16, 24 und 32
P., welche die »harmonische« Teilung der Oktave (2:3:4) verdeutlichen. Mit weiteren etwaigen Angaben für die zu erwartende Maßzahl 27 sowie für die Tiefe
des Portikus — offensichtlich 12 anstatt 11 P. — vermeidet Palladio weiterhin, die
beiden Proportionen für die kleine Terz (pythagoräische 27:32 bzw. moderne
5:6) gleichzeitig zum Ausdruck zu bringen.
Die modernen Proportionen der unvollkommenen Konsonanzen zeigen teilweise
die Villa Pojana in Pojana Maggiore’ (Abb. 7) mit der Sequenz 18, 30, 36 P.
(3:5:6) sowie die Villa Trissino in Meledo® (Abb. 8) mit den ähnlichen Maßangaben 12, 18, 30 und 36 P. (2:3:5:6). Beide Villen machen auf diese Weise die Proportionalität der innerhalb der Oktave sich ergänzenden Konsonanzen der großen Sext und der Kleinen Terz (3:5:6) sichtbar.
Alle von Zarlino akzeptierten Konsonanzen werden schließlich im Grundriß der
Villa Sarego in Sta. Sofia di Pedemonte®? (Abb. 9) mit den aufeinander abgestimmten Maßangaben 12, 18, 24, 30 — die Länge der mittleren stanzini
(10 + 10 +10) -, 36 und 48 P. — die gesamte Breite der cortile — von Palladio dargestellt. Bei diesen Zahlenverhältnissen (2:3:4:5:6:8) vervollständigt sich die
»harmonische« Teilung der Quinte in beiden Terzen (2:3=4:5:6) und bilden sich
86 A.a.O., S. 53. 1551/2 entw., 1551/4 gebaut; vgl. Cev. S. 68 ff.
87 A.a.O., S. 58. Mittelteil: um 1556 gebaut; vgl. Cev. S. 64 f.
88 A.a.O., S. 60. 1553 entw,; vgl. Cev. S. 65 ff.
89 A.a.O., S. 67. Ab 1560 gebaut, unvollendet; vgl. Cev. S. 57 ff.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Abb. 6: V. Cornaro in Piombino Dese
— ebenso wie bei Zarlino — die beiden Sexten aus der Zusammensetzung von
Quarte und großer Terz (5:6:8=5:8) bzw. von Quarte und kleiner Terz
(5:6:8=5:8). Die Proportionalitàt des Hauptgebäudes wird zum Teil von den
durch den Portikus direkt zugänglichen barchesse — Sequenz 12, 20, 24, 36 P.
(3:5:6:9) — angekündigt.
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Abb. 7: V. Pojana in Pojana Maggiore
Abb. 8: V. Trissino in Meledo
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Abb. 9: V. Sarego in Sta. Sofia di Pedemonte
Eine weitere harmonische Entwicklung gelingt Palladio bei der letzten Gruppe
von Entwürfen für Villen. Dabei werden mehrere an sich einheitliche Komplexe
durch differenzierte interne Beziehungen miteinander harmonisiert, was einer
typisch venezianischen Art von concertare entspricht.
Bei der Villa Foscari sul Brenta (gen. La Malcontenta) in Mira-Gambarare”
(Abb. 10) basiert die Vollkommenheit ihrer architektonischen Proportionen auf
der »harmonischen« Teilung der Oktave durch das arithmetische Mittel, und
zwar mit den Maßangaben 7 (bzw. 8= 24 — 16), 12, 16, 24, 32 und 46% (ca. 48)
sowie der gesamten Breite des Gebäudes 64 P. (2:3:4:6:8:12:16 bzw. dreimal
2:3:4 aufeinander abgestimmt). Den richtigen Zugang zu dieser Harmonie verkörpert auch hier der Portikus mit den Zahlen 4%, 6 und 12 P. sowie mit der gesamten Breite 36 P. (3:4:8:9). Dabei schafft der Ganzton (8:9) den Übergang
zwischen beiden Zahlensequenzen.
Die Grundrißgliederung der Villa Sarego in Miega™ (Abb. 11) zeigt weiterhin
Palladios Fähigkeit, mehrere Raumgruppen harmonisch aufeinander zu beziehen. Diesmal benutzt er »antikisierende« Motive. Aus den Maßzahlen 10, 15, 20
und 40 P. bilden der Zentralraum mit dem Portikus die Proportionalität der bisdiapason mit Teilung der unteren Oktave (2:3:4:8). Die Zwischenräume präsentieren mit den Angaben 4, 9 und 24 P. jeweils die sesquialtera duplicata (4:9) und
die diapason cum diatessaron (3:8) sowie den Ganzton (8:9) als Übergang. Die
seitlichen Raumabfolgen haben zuletzt die pythagoräische Sequenz 12, 16, 27 P.,
welche die Quarte (3:4) und die alte Proportion der großen Sext (16:27) beinhaltet. Die Harmonie der Villa Sarego ergibt sich also aus der Beziehung dreier
Gruppen wie folgt: 2:3:4:8:9:12:16:27.
90 A.a.O., S. 50. Vor 1561 entw. u. gebaut; vgl, Cev. S. 73 f.
91 A.a.O., S. 68. Um 1564 beg., nur teilweise erhalten; vgl. Witt. S. 71.
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Abb, 12: V. Emo in Fanzolo
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Abb. 13: V. Barbaro in Maser
Palladio variiert seine Methode der Proportionalität in der Villa Emo in Fanzolo?? (Abb. 12) weiter, indem er die zwei Systeme zur Bestimmung der Konsonanzen visuell in Verbindung bringt. Beim corpo padronale wird nochmals die
pythagoräische Sequenz 12, 16, 27 P. dargestellt, während die lateralen quergelegten Bauteile die modernen Proportionen der Terzen und Sexten artikulieren:
die nicht symmetrisch angeordneten Räume mit den Maßzahlen 12, 20, 24 und
48 P. (Proportionalität 3:5:6:12) sowie die Arkaden der barchesse jeweils mit den
Angaben 9, 12 und 15 P. (3:4:5).
Die Villa Barbaro in Maser® (Abb. 13) zeigt zuletzt einen harmonisch vollendeten Plan mehrerer aufeinander abgestimmter Baukörper, deren Proportionalitat
ganz auf Zarlinos musiktheoretischen Prinzipien beruht.
Die »harmonische« Teilung der Oktave (2:3:4) und darüber hinaus der Quinte
(4:5:6) kennzeichnen den mittleren Hauptteil und dessen Verlängerung bis zum
ninfeo des hinteren cortile mit der Sequenz 6, 12, 18, 36 (die Breite der crociera:
12+12+12), 54 (die Länge der crociera: 20+ 14+ 20), 60 und 72 P. (die gesamte
Breite des cortile: (60
+ 12), welche die Proportionalitàt (1:2:3:4:8:10:12) veranschaulicht.
Die aus dem senario Zarlinos hervorgehenden Konsonanzen werden durch die
fünf axial-symmetrisch angeordneten Gruppen von je drei Raumen sichtbar gemacht. Die Breiten der kleineren stanze - 9, 10 und 12 P. - stellen die Zusammensetzung der Quarte aus kleinem Ganzton und kleiner Terz (3:4
= 9:10:12)
dar, während diejenigen der größeren — 16, 18 und 20 P. - die Teilung der groRen Terz in großem und kleinen Ton (4:5 = 8:9:10) verdeutlichen. Die Länge der
Räume — 20 und 32 P. - verhalten sich zur Tiefe der umfassenden barchesse - 12
P. — wie die Proportionen beider Sexten (3:5 bzw. 5:8).
92 A.a.O., S. 55. Vor 1559 gebaut; vgl. Cev. S. 81 ff.
9 A.a.O., S. 51. Um 1558/60 gebaut; vgl. Cev. S. 78 ff.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Mit dem Grundriß der Villa Barbaro vervollständigt sich die Entwicklung von
Palladios System zur architektonischen Gestaltung der Harmonie. Dadurch erreicht er die absolute Übereinstimmung aller Teile miteinander, welchen eine einzige formgebende harmonische Proportionalität zugrunde liegt. Und gerade deshalb ermöglicht diese umfassende Grundidee, die Identität jeder einzelnen Form
zu erhalten. Erst als die Konsonanz nicht mehr als Ausgangspunkt beliebiger
Zusammensetzungen, sondern als Bestandteil eines übergeordneten Harmonieprinzips angesehen wurde, konnte das System Palladios die notwendige Flexibilität bekommen, um den Ausdruck sulistischer Individualität zu gewährleisten.
Obwohl diese idealen Baupläne nicht »wörtlich« realisierbar sind”, erweisen sie
sich als formgestaltend und sogar als maßbestimmend; denn die Wahrnehmung
der architektonischen Harmonie ist nicht von der absoluten Genauigkeit der Abmessungen abhängig. In diesem Sinne liegt die Bedeutung einer Ästhetik der
Harmonie primär darin, ein vorhandenes Gefühl für die Proportionalität und
deren innere Beziehungen zu erwecken bzw. zu vermitteln.
% Vgl. E. Forssman, Palladios . .., a.a.O., S. 197.
95 Vgl. R. Cevese, 2.2.0.