Mystik - Mathematik - Magie

Auteur
Maurin, K.
Verschenen in
Zeitschrift fur Ganzheitsforschung
Jaar
1986
Onderwerp
MAGIC
Taal
Deutsch
Categorie
C12 Religie
Archiefnummer
6479

PDF openen(opent in een nieuw venster)

Volledige tekst tonen14 pagina's

Pagina 1

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Para. A Ace NN, KX. ZEITSCHRIFT FÜR GANZHEITSFORSCHUNG NEUE FOLGE - 30. JAHRGANG - WIEN IV/1986 INHALT Krzysztof Maurin Mystik - Mathematik - Magie …….….osvennnsennerseennenesereensnnenneere 147 Joachim Dalfen Marc Aurel, die Einheit der Philosophie und die Verbindung von Theorie und Praxis ……s so onsooroooereorsansern. 159 Theodor Veiter Ganzheitliche Ansätze bei N.F.S. Grundtvig. 171 Ernst Kittel Bruno Liebrucks (Besprechungsaufsatz). vanen 181 AUS DER GESELLSCHAFT Ehrung für Theodor Veiter.......... cc ccsccccssssscccsssctsesersssersseeeeetersseneaates 184 Werner Olbrich - 70 Jahre. seen 184 Freundestreffen und Jahresversammiung 1986... 185

Pagina 2

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Krzysztof Maurin, Warschau MYSTIK - MATHEMATIK - MAGIE *) “Das Wichtigste ist für die Augen unsichtbar. Nur mit dem Herzen sieht man gut." Antoine de SAINT-EXUPERY Der große Kenner und Erforscher des geistigen Lebens der Buschmänner in der Kalahari, Laurens van der POST D, der auch ein großer Dichter ist, berichtet von seiner Begegnung mit dem Urbewohner des Schwarzen Erdteils in früher Kindheit auf dem Familiengut in SüdAfrika; eine alte Dienerin, "die Armste der Armen", erzählte dem Knaben Laurens das folgende Buschmann-Märchen: "Es gab einmal einen Mann, einen der ersten Menschen in Afrika, der eine schöne Herde von Kühen hatte. Dieser Mann liebte seine Tiere sehr, führte sie in das Feld auf beste Weiden, und sorgsam hütete er sie vor wilden Tieren, Dann brachte er sie zu seinem Kral abends, beobachtete sie zufrieden und dachte: ‘Morgen werde ich eine groBe Menge Milch von ihnen melken’. Eines Morgens jedoch, als er in seinen Kral kam, fand er die Euter seiner Kühe schlaff und leer, Er beschloß sogleich, den Weideplatz zu wechseln und nahm am nächsten Morgen seine Kühe zu noch schönerer Weide, Aber morgens darauf waren ihre Euter wieder schlaff und leer. Zum dritten Mal wechselte er die Weide, und abends versteckte er sich hinter einem Strauch. Um Mitternacht wurde er plötzlich überrascht durch ein silbernes Seil, das vom Mond zur Erde herabhing, und über dieses Seil kam leicht und zart eine Gruppe von Mädchen herab, lief zu seinen Kühen fröhlich lachend und trank die Milch aus. Der Mann sprang wütend aus seinem Versteck, um jene Mond- Mädchen zu fangen, aber alle flohen - nur eines, das schönste, gelang es ihm zu fangen. Es wurde seine Frau. Danach kehrten seine Kühe wieder mit prallen Eutern in den Kral zurück. Die Mond-Frau arbeitete im Garten, er hütete das Vieh. Sie hatte mit sich gebracht einen verschlossenen Korb und bat ihren Mann, diesen Korb nie zu öffnen - sonst geschehe ihnen beiden Unheil! Mehrere Monate lebten sie glücklich zusammen, Aber eines Tages, als die Frau im Garten beschäftigt war, kam der Mann in ihre Hütte und sah den Korb, *) Der Aufsate ist Walter HEINRICH, Julius EVOLA und Rafael SPANN sugeeignet: er stellt die überarbeitete Fassung eines unter ähnlichem Titel auf der Jahrestagung 1985 der Gesellschaft für Ganzheitsforschung {in Filzmooa/Salzburg) gehaltenen Vortrages dar. 1) Vgl." The Creative Pattern in Primitive Africa", Eranos Jahrbuch 1956, XXV.

Pagina 3

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
öffnete den Deckel, sah hinein und lachte verächtlich, Bald kam seine Frau und merkte sogleich, was geschehen war. Sie weinte traurig und sagte, jetzt müsse sie ihn verlassen. ‘Du dumme Frau’, rief der Mann, ‘warum durfte ich in deinen Korb nicht blicken: er ist doch ganz leer’ und er lachte belustigt. Aber die Mond-Frau ging in den Sonnenuntergang und ist nie mehr zurlickgekehrt." Die alte Buschmännin schloß ihre Erzählung mit den Worten: "Kleiner Herr, warum mußte die Frau ihren Mann verlassen? Nicht deswegen, weil er ihr Verbot brach und in den Korb blickte. Sondern deshalb, weil er in diesem Korb nichts sah, und doch waren dort viele wunderbare Dinge für sie beide, aber der Mann sah sie nicht, und dazu lachte er noch verächtlich!" Dieses Märchen berührt uns deshalb, weil es von uns handelt: wir sind (wie) jener Mann, der ehrfurchtslos lachte, weil er im Himmelkorb nichts sah, und doch waren "darin" so viele schöne Dinge. Aber wir erahnen, der gute Mann sah nichts, weil er ohne Ehrfurcht war, Auch wir sind ehrfurchtslos geworden, und deshalb entgehen uns, verlassen uns die größten, schönsten Dinge. Denn, wie SAINT-EXUPERY so weise sagt: "Nur mit dem Herzen sieht man gut". Das "Herz" also, die Ehrfurcht, ist jenes Erkenntnisorgan, welches das Unsichtbare - das Wesen der Dinge sichtbar macht. Ehrfurcht ist gleichzeitig die Disposition der Seele, die den Grund bereitet, auf den jene Wesen herabkommen konnten - auf dem sie wachsen und fruchtbar gedeihen können. Erst die ehrfürchtige Seele ist (wie) die jungfräuliche Maria, welche die Verkündigung hören, vom LogosGeist befruchtet werden kann. Die ehrfürchtige Seele ist die empfängliche, die Empfängnis-bereite Seele. Ehrfürchtiges Erkennen ist ein symbolisches, ein Symbol-Erkennen: ein Wesen, ein Name möchte gehört, möchte erkannt werden. Das Wesen (logos spermatikos) möchte sich mit dem Ding verbinden, es befruchten, in ihm sich aus-sprechen. Es ist dies ein Prozeß des Verbindens, des Einigens zweier Pole: des Dinges mit seinem Zwilling (im Syrischen "Thomas"); es heißt dies eben Sym-bol (von "sym-balein" = zusammenwerfen, vereinigen), ist symbolisches Erkennen. Daher ist Symbol-Erkenntnis ein ehrfürchtiges Erkennen, Ehrfurcht vor dem Wesen und für das Wesen. Aber unser normales Erkennen, auch das wissenschaftliche Erkennen, ist ohne Ehrfurcht: es meint, man müsse zuerst "cartesianisch" trennen, zerschneiden (discussio), um das Abgetrennte zu erkennen. Es entsteht dann aber als unvermeidliche Aporie: wie kann man diese Trennung, diesen Abgrund überwinden, überbrücken? Die rationalistische, cartesianische, wissenschaftliche Erkenntnis ist ehrfurchtsloses, trennendes auseinander-werfendes, ein dia-bolisches (griechisch: dia-balein) Erkennen. Selbst die wissenschaftlichen Theorien der Symbole, die "wissenschaftliche Symbollehre" ist eigentlich dia-bolisch: sie identifiziert

Pagina 4

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
sich nicht mit dem Symbol, betrachtet es von außen; vielleicht sehr gelehrt und klug, "alles" wissend - aber eben dia-bolisch, nicht sym -bolisch, Erst die Ehrfurcht öffnet die Seele fiir Inspiration, um sie in Intuition mit dem Wesen zu einigen, mit ihm zusammenwachsen zu lassen. In diesem Sinne symbolischen Erkennens sind auch Mystik und Magie ehrfürchtige Erkenntnisweisen, Ein wichtiges Charakteristikum des SymbolErkennens, des Wesen-Erkennens, liegt darin, daß es kein (rein) passives Erkennen ist, es erfordert vielmehr innere Aktivität, es ist schépferisches Tun, Vielfach meint man auch, Erkenntnis sei nur ein Reflex; etwas, das fir das Erkannte unwichtig, neutral oder indifferent sei. Gerade im Gegenteil: symbolisches Erkennen bereichert, baut auf, befruchtet; diskursives, dia-bolisches Erkennen tötet, es teilt, um aus dem Toten, aus Leichen oder amputierten, verstümmelten Rest-Wesen ein Gebäude, einen Mechanismus, ein versklavtes Gemeinwesen aufzubauen ("divide et impera”). Deswegen auch spricht das "wissenschaftliche" Denken oftmals von Mechanismen: "alles sei eigentlich mechanistisch, maschinenartig, man soll nur den Mechanismus herausfinden", dann wird man entsprechende Gene, Homunkuli produzieren. So sprach der deistische Rationalismus gleichfalls von einer "machina mundi”, betrachtete den Schöpfer als gigantischen "Ingenieur" - als einen "Demiurgen", einen Töpfer, der dann seine Erzeugnisse, jene Gefäße willkürlich in Scherben schlagen, zerbrechen konnte. Ein Wesen möchte jedoch liebevoll, ehrfürchtig erkannt werden. Symbolisches Erkennen ist ein Prozeß, der in "beide Richtungen" strömt vom Wesen zum Erkennenden und vom Erkennenden zum Erkannten: "ich werde erkennen wie ich erkannt bin", Es ist kein stückweises Erkennen, es ist ein ganzheitliches, eine Ganzheit stiftendes Tun: Wahrheit will getan werden! Mystik Mystik ist ein unendliches Geschehen, Hier sei von einem bestimmten Gebiet mystischen Erkennens vor allem die Rede, von der NaturMystik. Jeder von uns hatte schon - vielleicht als Kind oder auch sonst etwa an einem schönen Frühlingsmorgen in der Natur jenes beglückende Gefühl, eine gewisse Ahnung wie: jetzt begegne ich einem Wesen, das mich strahlend erkennt und das auch von mir erkannt wird. Über solches Erleben haben Dichter geschrieben, Maler trachteten es darzustellen und Philosophen oder Mystiker haben es zu vermitteln versucht. Eine sehr einprägsame Beschreibung solcher Erfahrung, die durchaus "natur-mystisch", dabei jedoch ganz nüchtern erzählt ist und nichts mit sog, Naturschwärmerei zu tun hat, verdanken wir dem - einst weithin bekannten - däni-

Pagina 5

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
schen Schriftsteller J. Anker LARSEN h, wenn er in seinem Erinnerungsbüchlein "Bei offener Tür" ausführt: Ich wähle eine Sommertagsbegegnung zwischen Zeit und Ewigkeit und beschreibe, soweit sich das beschreiben läßt, Ich hatte im Garten gesessen und gearbeitet und war nun fertig. Am Nachmittag sollte ich nach Kopenhagen, aber es war noch anderthalb Stunden bis zum Abgang des Zuges. Das Wetter war schön, die Luft war klar und rein. Ich steckte eine Zigarre an und setzte mich auf einen bequemen Stuhl vor dem Hause. Es war still und friedlich - um mich herum und in mir. Zu gut im Grunde, um an etwas zu denken. Ich saß bloß da. Da fing sie an zu kommen, jene unendliche Milde, die reiner und tiefer ist als die Milde des Liebenden, als die des Vaters zu seinem Kinde. Sie war in mir, aber sie kam auch zu mir, wie die Luft zu meinen Lungen kam. Wie gewöhnlich wurde das Atemholen seltsam feierlich und andachtsvoll, wurde gleichsam mehr als leiblich; ich atmete die Milde ein. Unnötig zu sagen, daß die Zigarre ausging, Ich warf sie nicht weg wie eine Sünde;.ich hatte nur keine Verwendung für sie. Diese tiefe Milde, die ich zuerst in mir selber gefühlt und dann noch stärker um mich herum und über mir gespürt hatte - sie verbreitete sich immer weiter, sie wurde allgegenwärtig. Ich sah sie, und sie wurde zu Wissen, zu allem Wissen, sie wurde zugleich Macht, sie wurde Allmacht und zog mich in das ewige Jetzt hinein. Da erst begegnete ich der Wirklichkeit; denn so ist das wirkliche Leben: ein Jetzt, das ist - und ein Jetzt, das geschieht. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Ich kann über dieses Jetzt nicht mehr sagen, Ich saß in meinem Garten, aber es gab keine Stätte in der Welt, wo ich nicht war. Die ganze Zeit aber war ich bei klarem, nüchternen Bewußtsein, Ich sah den Garten und erkannte ihn mit einem Lächeln, Es gab etwas zu lächeln, denn die Zeit und der Raum, Eigenheiten des Jetzt, das geschieht, waren sozusagen ‘draußen’. Was ist aber das Jetzt, das geschieht? Es ist die beständig vor sich gehende Schöpfung mit all ihren Geburtswehen. Ich sah die Zeit und den Raum als Werkzeuge oder Funktionen bei dieser Schöpfung. Sie kommen mit ihr in ihrem Verlauf zur Existenz und hören mit ihr auf, Der Neugeschaffene steht im Jetzt und legt diese Werkzeuge weg. Die Freiheit, das wirkliche Sein beginnt. 2) Zu seinen, in den 20er und 80er Jahren in alle Kultursprachen übersetzten Romanen »ählen u.a.: "Der Stein der Weisen", "Martha und Maria", "Die Gemeinde, die in den Himmel wächst"; sie zeichnen insbesondere sich durch einfühlsame Darstellungen von Naturerlebnissen aus, wobei die "Helden" zumeist Kinder sind.

Pagina 6

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Hinterher aber? Ich muBte ja mit dem Zug nach Kopenhagen. Ja - hinterher, das ist ein Weg, den ich noch nicht zu Ende gegangen bin, aber der führt durch die Wirklichkeit, ich kann sagen, immer dichter in die Wirklichkeit hinein. Denn das seiende, selige Jetzt und das geschehene qualvolle Jetzt, das ist ein und dasselbe. Diese Wahrheit wirklich zu machen, das ist die Aufgabe, die auf die Begegnung mit dem ewigen Jetzt folgt. Das heißt: in sich das ewige und das zeitliche Wesen des Daseins zu erleben und es dahin zu bringen, daß sie verschmelzen. In einem solchen praktischen Leben verschwinden alle Theorien, alle ‘Lebensanschauungen’ wie Nebel, die Wirklichkeit liegt im hellen Tageslicht. Das Dasein ist keine Maja, kein Blendwerk, aber wir sind geblendet, bis die Augen sich im Jetzt öffnen, wo Zeitliches und Ewiges zu einer Einheit verschmelzen, Werktag Feiertag wird, das Leben ein Sakrament. Es wird im seienden Jetzt erkannt, es wird im geschehenden Jetzt verwirklicht. Das Ewige heiligt das Zeitliche, das Zeitliche verwirklicht das Ewige", Jeder von uns empfindet wohl, ja er weiß, daß die von Anker LARSEN hier wiedergegebene Erfahrung "wahr" ist: vielleicht eben deswegen, weil jeder einmal etwas ähnliches, wenn auch nicht so deutlich artikuliert, schon erlebt .hat. Die zitierte Schilderung birgt zugleich eine Philosophie der Natur, Wahrscheinlich nährt wohl jede große "NaturPhilosophie" ihre Inspiration aus solcherart mystischer, natur-mystischer Erfahrung. Natur - physis (das Wachsende, Gewachsene) - war für die antiken Philosophen ein Wesen, eine schaffende Wesenheit. PLOTIN, einer der größten Denker der Antike (205-270), dessen Philosophie von großem Einfluß auf die christliche Mystik sowie auf die (nichtaristotelische) Naturwissenschaft bzw. -philosophie gewesen ist, sah so z.B. den Begriff (oder die Idee?) des "Demiurgen" für abwegig an. Unzweifelhaft wurzelt ähnlich wie die oben zitierte Schilderung LARSENs - sein berühmter Hymnus, sein "Prosodion" auf die Natur (VI. Eneade) in mystischem Erkennen, dessen Wortlaut hier in der bekannten HARDER’schen Übersetzung wiedergegeben sei *): "Gewiß ist die Natur ein Erzeugnis von Betrachtung, davon, daß einer betrachtet hat, wieso aber hat sie selber Betrachtung? Die Betrachtung, die aus logischer Reflexion hervorgeht, hat sie gewiß nicht {logische Reflexion nenne ich das forschende Nachdenken über ihren eigenen Inhalt). Aber warum sollte sie diese Betrachtung nicht haben, wo sie doch Leben, rationale Form und wirkende Kraft ist? Vielleicht, weil Forschen und Suchen ein noch nicht Haben bedeutet. Sie aber hat die Betrachtung, und eben vermöge dieses Habens schafft sie, Ihr Sein, was sie ist, das ist für sie das Schaffen; sie ist 3) Darin wird u.a. “theoria” mit "Betrachtung" übersetzt und - vielleicht nicht so ganz glücklich - "logos" mit "Formkräften" oder auch als “rationale Form" (K.M.}.

Pagina 7

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
aber Betrachtung und Betrachtendes zugleich, denn sie ist rationale Form; dadurch also, daß sie Betrachtung, Betrachtendes, rationale Form ist, schafft sie, insofern sie dies alles ist. So hat sich ihr Schaffen uns also als Betrachtung erwiesen; es ist das Ergebnis einer Betrachtung, welche reine Betrachtung bleibt und nichts anderes tut, sondern dadurch schafft, daß sie Betrachtung ist. Wollte einer sie fragen, um wessentwillen sie schafft, und sie ließe sich herbei, auf den Frager zu hören und Rede zu stehen, so würde sie wohl antworten: ‘Eigentlich gebührte sich’s nicht zu fragen, sondern auch seinerseits schweigend zu verstehen, so wie ich schweige und nicht gewohnt bin zu reden. Und was denn zu verstehen? Daß das, was entsteht, ein von mir, der schweigenden, Geschautes ist, ein Betrachtetes, das nach meiner Anlage entstand, und daß mir, die ich selbst aus einer solchen Betrachtung entstand, die Anlage zum Schauen mitgegeben ist. Und mein Betrachten bringt das Betrachtete hervor, so wie die Mathematiker zeichnen, indem sie betrachten; und während ich freilich nicht zeichne, sondern nur betrachte, treten Linien der Körper ins Dasein, gleichsam wie ein Niederschlag. Es steht um mich nicht anders als um meine Mutter und meine Erzeuger: auch sie entstammen einer Betrachtung, und so ging auch meine Geburt vonstatten, ohne daß jene irgend handelten, — sondern da sie höhere Formkräfte sind und sich selber betrachten, dadurch bin ich erzeugt worden.’ " Für PLOTIN ist alles demnach "Ergebnis" der Kontemplation, der Betrachtung, der Schau. Die Natur ist "Ergebnis" der Kontemplation des Geistes (nous): der Geist also zeugt durch seine Schau, sein theorein, die Natur, Die Hierarchie von Wesenheiten wird durch die Konzentration der Kontemplation charakterisiert. Jedes Wesen, jede Kreatur (auch das sog. "Tote") kontempliert; je konzentrierter die Schau eines Wesens, desto "höher" steht dieses in der Hierarchie. Der Mensch soll alle Stufen der meditativen Schau durchlaufen, um der höchsten, der intuitiven Einung mit dem "Einen" gewürdigt zu werden *). Der angeführte Text ist aufschlußreich auch deswegen, weil er nicht bloß zufällig - die Mathematik und die Mathematiker als "Vergleich" heranzieht, Mathematik war seit PLATO, eigentlich schon seit PYTHAGORAS ein unentbehrlicher Schulungsweg für viele antike Philosophen. In der Mathematik, d.h. im "Mathematisieren" offenbart sich Leben und Wirken der Welt der Ideen, des Kosmos noethos. Wir sind sozusagen mit PLOTIN gezwungen, über Mathematik zu sprechen und dabei - wie bei der Mystik - ist es notwendig, manche: Vorurteile zu überwinden. 4) Zur: Darstellung neuplatonischen Denkens vgl. Frankfurt am Main 1986. W. BEIERWALTES: Denken des Einen,

Pagina 8

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Mathematik "Mathematik" ist ein merkwürdiger Prozeß des Lebens, der durch den Menschen zustande kommt. Es ist eine symbolische Tätigkeit, die man etwa mit H. CORBIN oder auch PARACELSUS - exakte, aktive, wahre Imagination nennen könnte, Mathematik im Sinne von “Mathematisieren" heißt Erzeugen und Empfängnis oder Geburt zugleich von etwas Wesenhaftem, das vom Menschen "produziert" und gleichzeitig geschaut, kontempliert wird. Es ist "theoria" und "theorein" - als eben schöpferische Imagination, Im menschlichen Bewußtsein - im Bewußtsein von Mathematikern - werden Ideen, "Sätze" bzw. sog. Theorien geboren, die dann ein vom Menschen gewissermaßen losgelöstes "Leben" haben und wie lebendige Wesenheiten "wirken"; d.h. eine energeia, eine Wirklichkeit haben, sich gegenseitig befruchten und entwickeln, aber auch absterben können, wenn sie nicht mehr schöpferisch genährt und im Sinne weiterführender Intuition bzw. Kontemplation am Leben erhalten werden, Diese Wesenheiten (als sog. "mathematische Begriffsbildungen und Theorien") drängen in sich zu weiterer "Inkarnation", denn jedes Wesen braucht sozusagen einen "Leib" "Leiblichkeit ist Ende der Wege (Werke) Gottes" (F. Chr. OETINGER). Eine Art solcher Verleiblichung oder Inkarnation ist die Physik, schließlich auch die Technik; eine andere findet sich in der Philosophie, Da, wie erwähnt, mathematische Ideen oder "Theorien" ein - fast möchte man sagen - vom Menschen weitgehend unabhängiges "Leben" annehmen, konnte die Auffassung auch entstehen, daß diese Theorien schon fertig "vorhanden" seien; der Mensch brauche sie sozusagen nur zu "entdecken"; zu ent-bergen ("aletheia", in der Interpretation von M. HEIDEGGER), sich nur daran zu "er-innern" ("anamnesis", im Sinne PLATONS), Wir haben demgegenüber hier versucht, die schöpferische, die symbolische Tätigkeit des Menschen zu unterstreichen, Es ist dies wie mit der Kunst (etwa der Musik) oder mit der Sprache: sie existieren, sie entstehen mit dem und durch den Menschen (durch den Tonsetzer, den Virtuosen), aber auch mit dem und durch den "Empfänger", Deswegen möchte jeder Künstler, daß "sein" Werk gespielt, gehört, angeschaut, kontempliert wird, Die "Sprache spricht", aber sie wird auch gesprochen. Der Dichter ist nicht nur passiver Empfänger, er schafft auch, er dichtet. Deswegen ist Mathematik nicht nur eine "Wissenschaft", sie ist auch "Kunst", auch "Sprache" ). Aus dieser Kennzeichnung des mathematischen Prozesses, der Mathematik als "theoria" im Sinne von PLOTIN, wird sowohl der imagi5 Vgl, K. MAURIN: Mathematik ala Sprache und Kunst, in: Offene Systeme II, hgg. v. K. MAURIN et al, Stuttgart 1981.

Pagina 9

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
native wie zugleich der inspirative Charakter dessen ersichtlich, was man "Mathematik" nennt. So wie die Sprache ein gewaltiger geistiger Strom, der von jeher die Menschheit begleitet, von ihr mitgeschaffen, von ihr fortgebildet, von Dichtern bereichert und immer aufs neue geboren wird, so ist auch die Mathematik vom menschlichen Geiste geschaffen und wird von sog. "Verstorbenen" mit inspiriert: auch der (groBe) verstorbene Mathematiker sehnt sich, er drängt danach, daß sein unvollständiges Werk (seine “theoria") - und jedes lebendige Wesen ist in dem Sinne unvollständig, weil es eben lebt, sich entfaltet und abstirbt - weiterentwickelt, weitergeführt wird. Er inspiriert so auch die Nachgeborenen, die durch Kontemplation seines Werkes zu neuen Einsichten, "Ergebnissen" gelangen (diese gleichwohl oft auch nur sich alleine zuschreiben). Die Menschheit als solche ist ein großer Mensch (der “anthropos"), der durch Jahrtausende schreitet, sich in verschiedenen Gemeinschaften, zu verschiedenen Orten und Zeiten verleiblicht; er ist - mit Othmar SPANN - "der Ideenführer", Magie Unsere Betrachtung weiter ausformend und abrundend, sei hier schließlich auch jene magische Weltsicht im Sinne magischer Kosmologie angesprochen, wie sie von den Neuplatonikern, von PLOTIN bis PARACELSUS und Jacob BÖHME, verstanden wurde. Das Wort "Magie" scheint heute nahezu rettungslos. durch vielerlei Mißverständnisse befrachtet und abgewertet. Besser sollte man vielleicht von "sympathetischer Weltsicht" sprechen? Da aber "Magie" ihre eigene, ehrwürdige Tradition hat und in neuerer Zeit durch das Werk eines J. EVOLA, L. ZIEGLER, O. SPANN, aber auch eines W. HEINRICH oder H. BARTH eine Wiederverlebendigung erfahren hat, sei der Begriff in diesem seinen traditionellen Sinne auch hier beibehalten, Der Kosmos insgesamt ist für die magische Weltsicht ein lebendiges Wesen, ein Organismus, Sein "Leib" wurde u.a. mit einer schwingenden Saite, einem schwingenden Kontinuum, mit einem schwingenden Kraftfeld verglichen. Dieser Organismus ist durch die Macht der "Sympatheia verbunden und gekennzeichnet: d.h. Erregung oder Störung jedes denkbaren (auch des kleinsten) Teiles dieses Kraftfeldes wird von dem Ganzen "gespürt" - bis in die "entlegensten", auch zeitlich entferntesten Bereiche. Dieses Kontinuum schwingt nun in harmonischen Eigenschwingungen; jede Frequenz gehört zu ihrer Eigenwelt (im Sinne einer pythagoreischen "Harmonie der Sphären”). Wir können jene Eigenwelten, Eigenschwingungen nur erkennen, wenn wir in uns selbst diese latenten Frequenzen erwecken, d.h. sie so zum "Mitschwingen" bringen, daß sie eine “Re-sonanz" ergeben: Erkennen heißt also mitschwingen, heißt im empathischen "resonare”, also wieder-erklingen. Ruht letztlich vielleicht nicht jede echte Erziehung bzw. Selbsterziehung auf Erweckung dieser verborgenen Eigenschwingungen? Ähnlich wie bei der mechanischen Resonanz bringen

Pagina 10

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
unsere (leiblichen) Eigenschwingungen auch die verborgenen, potentiellen Schwingungen des Kosmos zum Erklingen - und die Erweckung dieser verborgenen Eigenschwingungen, der Melodien des Kosmos, ist "Magie"! Die lebendige Erfahrung jener, dem kosmischen Leben eingeborenen Potentialität und der Glaube an die Möglichkeit, jene Eigenwelten wahrzunehmen und deren Eigenschwingungen (in Resonanz) zum Erklingen zu bringen - auch jene von scheinbar längst vergangenen oder weit von uns entfernten - ist eben magische Weltsicht, Es bedeutet, daß nach solcher Weltsicht (mit PLOTIN) jede Kreatur - nicht nur der Mensch! - als "Eigenwelt" erkennt, meditiert, kontempliert und zugleich auch sich sehnt, {liebevoll} erkannt zu werden: sich so auf ihre Weise (als Melodie, als Wort) darzustelien, ihre Epiphanie zu erleben. Natur und Mensch bei Paracelsus Wir können das über Magie und Resonanz Ausgeführte weiter vertiefen mit dem großen Arzt, Philosophen und christlichen Magier Theophrastus PARACELSUS (1493 - 1541) ®). Im Sinne PLOTINs heißt "Natur" (physis) dauerndes Sichselbstoffenbaren, das zugleich “theoria", also Kontemplation ist: die Natur schafft, indem sie kontempliert. Natur bedeutet sozusagen das Hervortreten des Wesenhaften aus dem Verborgenen ans Licht. Die "Künste" selbst (wozu auch gehören Mathematik oder etwa Alchimie) sind daher nichts anderes als die Offenbarungswege der Natur: "… den die natur sieht in ir selbs was in ir ist und hat ein auge das in ihre heimlichkeit sieht", Durch dieses "Auge" wird das verborgene Wesen der Natur ihr selbst offenbar; und der Mensch eben ist dieses Auge der Natur, indem er schöpferisch wirkt. Der Mensch steht so im "lumen naturae", im Aufschein der Natur durch sie selbst und in ihr selbst, Dieses "tumen“ ist die Natur in ihrer Offenbarkeit, in ihrer Epiphanie. Es bedarf allerdings des Menschen, der diesen Aufschein wahr-nimmt und als solchen “widerscheint" der in dieser seiner Helle die Natur erschaut, imaginiert und auszusprechen lernt. Sie leuchtet in den Menschen hinein und erst durch ihn - durch den Menschen - auf. Die Natur bildet sich (wie die Sonne das Auge) den Menschen, um durch ihn gesehen, erkannt zu werden, Man kann also den Menschen, sein Tun und seine Leistungen nicht von der Natur trennen: er selbst ist ein Vorgang, ist ein Prozeß in ihr, durch den sie sich erkennt und zu ihrer Vollendung kommt. PARACELSUS fordert somit eine "theoria", die sehen läît und selbst im Sehen wächst. Erfahrung heißt, die Dinge "er-fahren" mit offenen Augen und offenem Geist, so daß sie als Dinge selbst, d.h. ihre "Namen" entdeckt und ausgesprochen ‘werden können. Bioß wahrgenommene 8, Vgl. hierzu H. BARTH: Philosophie der Erscheinung, im bes. Bd. II, Basel 1957.

Pagina 11

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Dinge sagen uns weder etwas, noch sind sie Frage oder Antwort, Sie müssen "entdeckt", aktualisiert, verwirklicht werden; sie müssen erst "entzaubert" und so wahr-genommen werden (im eigentlichen Sinne von “a-ietheia"), oder wie der bereits zitierte H. BARTH vertiefend dazu ausführt: "Das magische Weltbewußtsein hat im Auge die qualitative Dignität phänomenaler Wirklichkeit, deren sie in der Erkenntnis der Urgründe des Seienden inne wird. Es gibt aber eine Verpflichtung von letztgiltiger - Autorität und ein Desiderat von unüberholbarer Tragweite, demzufolge die verborgene Qualität des Weltseins ans Tageslicht treten soil (‘Epiphanie’, K.M.). Das magische Weltbewußtsein ist also durch die Erkenntnis nicht nur eines Seins, sondern vor allem eines Sollens gekennzeichnet. Und so sieht sich der Träger dieser eigenartigen Natur- und Welterkenntnis ... vor die Aufgabe einer Sinnverwirklichung gestellt, deren radikaler Wandlungswille alles sonstige menschliche Vorhaben der Erneuerung und der Umwälzung übertrifft, Dieses magische Weltbewußtsein setzt sich in eine Tätigkeit der Sinngebung, die so etwas bedeutet wie die Hefreiung der sinnlichen Wirklichkeit zu dem, was sie wesenhaft ist ...". Der Mensch ist demnach berufen, dem, was die Dinge wesenhaft sind - d.h. ihrem Wesen, ihren "Namen" - zu seiner Manifestation zu verheifen. "Solche Berufung führt den Menschen zur magischen Praxis, in der er den verborgenen, virtuellen Gehalt des Wirklichen zutage fördert... Indem der Alchimist - der Magier - zur Natur in eine Beziehung tritt, trägt er nichts Fremdes an sie heran, sondern er sucht die von ihm in der Natur aufgedeckte, wesenhafte Intuition in Fortsetzung der natürlichen Tendenz zu ihrer Wirklichkeit zu führen." _ Das Verständnis der Natur bei PARACELSUS schließt also unmittelbar an das Physis-Verständnis eines PLOTIN an; aber wir finden es zugleich um ein wichtiges Moment erweitert: um die entscheidende Rolle und Berufung des die Natur erkennenden und ihr (liebend) dienenden Menschen, PARACELSUS darf damit als wohl wichtigster Exponent einer magischen Weltsicht geiten, indem sein Verhältnis zur Natur rein und jedes Egoismus’ bar ist, frei damit auch von aller Zauberei, von "schwarzer" Magie oder von - die moderne Technik weithin kennzeichnenden - Natur-beherrschenden Praktiken. Er wird so auch Wegbereiter eines "neuen", eines hoffnungsvoll im Entstehen begriffenen Christentums, das helfend und verantwortungsbewußt der ganzen Natur dienen und sie zu ihrer Vollendung führen will; steht damit im großen Strom der christlichen Kabbala, eines Rosenkreuzertums, das seinen kindlichen und zugleich schönsten künstlerischen Ausdruck in den Gesichten der "Fioretti des Heiligen Franziskus" gefunden hat. Unsterblichkeit, Auferstehung und die neue Erde Der Mensch scheint weithin heute geprägt vom "harten" Materialismus, gibt vielfach sich auch "materialistisch", Wenn man jedoch überzeugt

Pagina 12

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
ist von der Kraft der Ideen, von der Macht des Geistes und der Unzerstörbarkeit aller von ihm getragenen - auch mißlungenen oder vereitelten ~ guten Werke, erfährt und weiß man, was nicht materialistisch ist. Jedes Wesen, wie angeführt, möchte sich inkarnieren, möchte seine "Epiphanie" erleben. Diese ist jedoch nicht ein fertiges Etwas, das von irgendwo herabkommt, sie ist Symbol schlechthin des "logos spermatikos", des keimenden, keimhaften Wortes, das an sich nur virtuell existiert und erst in Kontemplation wächst, erblüht und reift - erblüht in unserem Herzen als ein "neues Wesen", um als solches in unserem Herzen unsichtbar aufzuerstehen. Dieses "Herz" ist somit Erkenntnis- und Geburts- wie auch Zeugungs- und Geburts-Organ, das die neue Kreatur (PAULUS) schafft. Die christliche Herz-Jesu-Mystik und die altindische Lehre von der Herz-Chakra (der "12blättrigen Lotosblume") treffen hierin sich wohl im Grunde, Wiederum mag hier uns der Dichter helfen, dies in Worte zu kleiden, indem der kranke HÖLDERLIN, auf dem Wege von Frankreich "nach Hause" sich befindend, zu seiner Gastgeberin sagt: "Das ist die Unsterblichkeit: Alles Gute, was wir schön denken, wird zu einem Genius, der uns nicht mehr verläßt und uns unsichtbar, aber in schönster Gestalt durchs Leben begleitet bis ans Grab, Von unserem Grabhügel aus nimmt er seinen Flug und gesellt sich zu den Heeren der Genien, die schon die Welt erfüllen und an ihrer Vollendung und Verklärung weiterbauen. Diese Genien sind Geburten, oder wenn Sie wollen, Teile unserer Seele und in diesen Teilen ist sie allein unsterblich." Es gemahnt dies an die - z.T. erschütternd aufrüttelnden - Worte auch einer Ricarda HUCH, wenn sie in ihrem Buch über den "Sinn der Heiligen Schrift" ausführt: Denn ohne ein Inneres, das sich offenbaren will, kann nichts leben und wachsen „. nur wer sein Selbst opfert, sich freiwillig liebend hingibt, wird in anderen auferstehen … Das Hoffen des Christen geht … auf erhöhtes Leben durch Hingeben an andere. ... Wer keinen Menschen liebt und von keinem Menschen geliebt wird, kann nicht auferstehen, … Der Ungeliebte, der Böse, muß als Gespenst schweifen, weil er nirgends Heimat in Menschen hat, die ihn lieben und beherbergen ... ‘Ihre Werke folgen ihnen nach’. Von uns selbst hängt unsere Unsterblichkeit ab ... von dem inneren Leben, das unser Herz anfacht. … Das Geheimnis des Künstlers und des Liebenden ist, diese Verklärung immer auch an dem Gegenwärtigen vornehmen zu können."

Pagina 13

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Diese Gedanken einer zweifellos großen Dichterin seien sinngemäß und unsere Betrachtung in einem überhöhenden Sinne abrundend zugleich - ergänzt schließlich durch die Worte eines vielleicht noch Begnadeteren: den im folgenden hier auszugsweise wiedergegebenen Kommentar Rainer Maria RILKEs zu den "Duineser Elegien", gerichtet an seinen polnischen Freund Witold HULEWICZ in dem berühmt ‚gewordenen sog. "Brief an Hulewicz" (November 1925) N. "Hier, lieber Freund, wag ich seibst kaum etwas zu sagen. Wo anfangen? Und bin ich es, der den Elegien die richtige Erklärung geben darf? Sie reichen unendlich über mich hinaus, … Lebens- und Todesbejahung erweist sich als Eines in den ‘Elegien’. Das eine zuzugeben ohne das andere, sei, so wird hier erfahren und gefeiert, eine schließlich alles Unendliche ausschließende Einschränkung. Der Tod ist die uns abgekehrte, von uns unbeschienene Seite des Lebens: wir müssen versuchen, das größeste Bewußtsein unseres Daseins zu leisten, das in beiden unabgegrenzten Bereichen zu Hause ist, aus beiden unerschöpflich genährt ...Die wahre Lebensgestalt reicht durch beide Gebiete, das Blut des größten Kreislaufs treibt durch beide: es gibt weder ein Diesseits noch Jenseits, sondern die große Einheit, in der die uns übertreffenden Wesen, die ‘Engel’, zu Hause sind. Und nun die Lage des Liebes-Problems in dieser so, um ihre größere Hälfte erweiterten, in dieser nun erst ganzen, nun erst heilen Welt, Wir, diese Hiesigen und Heutigen, sind nicht einen Augenblick in der Zeitwelt befriedigt, noch in sie gebunden; wir gehen immerfort über und über zu den Früheren, zu unserer Herkunft und zu denen, die scheihbar nach uns kommen. In jener größesten *offenen’ Welt sind alle, man kann nicht sagen ‘gleichzeitig’, denn eben der Fortfall der Zeit bedingt, daß sie alle sind. Die Vergänglichkeit stürzt überall in ein tiefes Sein, Und so sind alle Gestaltungen des Hiesigen nicht nur zeitbegrenzt zu gebrauchen, sondern, soweit wirs vermögen, in jene überlegenen Bedeutungen einzustellen, an denen wir Teil haben. ... Nicht in ein Jenseits, dessen Schatten die Erde verfinstert, sondern in ein Ganzes, in das Ganze. Die Natur, die Dinge unseres Umgangs und Gebrauchs, sind Vorläufigkeiten und Hinfälligkeiten; aber sie sind, solang wir hier sind, unser Besitz und unsere Freundschaft, Mitwisser unserer Not und Froheit, wie sie schon die Vertrauten unserer Vorfahren gewesen sind, So gilt es, alles Hiesige nicht nur nicht schlecht zu machen und herabzusetzen, sondern gerade, um seiner Vorläufigkeit willen, die es mit uns teilt, sollen diese Erscheinungen und Dinge von uns in einem innigsten 7 Als Antwort zugleich an HULEWICZens vorausgegangene achriftliche Anfrage um Rat in seinem - letztlich vergeblichen - Bemühen um eine mögliche Übersetzung der "Elegien”.

Pagina 14

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Verstande begriffen und verwandelt werden. Verwandelt? Ja, denn unsere Aufgabe ist es, diese vorläufige, hinfällige Erde uns so tief, so leidend und leidenschaftlich einzuprägen, daß ihr Wesen in uns ‘unsichtbar’ wieder aufersteht. … Die ‘Elegien’ zeigen uns an diesem Werke, am Werke dieser fortwährenden Umsetzungen des geliebten Sichtbaren und Greifbaren in die unsichtbare Schwingung und Erregtheit unserer Natur, die neue Schwingungszahlen einführt in die Schwingungs-Sphären des Universums. … Die Erde hat keine andere Ausflucht, als unsichtbar zu werden: in uns, die wir mit einem Teil unseres Wesens am Unsichtbaren beteiligt sind, Anteilscheine . (mindestens) haben an ihm, und unseren Besitz an Unsichtbarkeit mehren können während unseres Hierseins. … Die Elegien stellen diese Norm des Daseins auf: sie versichern, sie feiern dieses Bewußtsein. … Wir sind, noch einmal sei’s betont, im Sinne der Elegien, sind wir diese Verwandler der Erde, unser ganzes Dasein, die Flüge und Stürze unserer Liebe, alles befähigt uns zu dieser Aufgabe (neben der keine andere, wesentlich, besteht)." Joachim Dalfen, Salzburg MARC AUREL, DIE EINHEIT DER PHILOSOPHIE UND DIE VERBINDUNG VON THEORIE UND PRAXIS ) Der Titel klingt sehr anspruchsvoll und umfassend, und es könnte sein, daß er zu große Erwartungen weckt. Deshalb sei gleich im voraus gesagt, daß es im folgenden sehr bescheiden und anspruchslos zugehen wird. Es mag vielleicht auch verwundern, daß gerade Marc Aurel in Verbindung gebracht wird zu so grundsätzlichen Fragen wie denen nach der Einheit der Philosophie und nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis, Den meisten ist Marc Aurel bekannt als römischer Kaiser und zwar als der letzte "gute" Kaiser, mit dessen Tod im Jahr 180 n.Chr. die goldene Zeit des Römischen Reiches zu Ende ging, Die letzten Jahre seines Lebens * ) Vortrag vor der Jahresversammlung der Gesellschaft für Ganzheitsforschung am 29.9.1986 in Filzmoos (Land Salzburg).