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Dosso Dossis Allegorie der Musik
und die Tradition des inventor musicae in Mittelalter und Renaissance
Gabriele Frings
Musica quid valeat, quid sit, quicumque requiris
Hanc intrato domum, quae tibi clara patet.
Hic nam repperies, quo constant cuncta tenore
Organa vel valeant artificare melos.
Haec constat primo Tubal auctore reperta,
Asserit ut Moyses ille dei famulus.
Pitagora et Lino necnon Amphione Greci
Auctore inventam hanc etiam referunt.
(Hibernicus exul, Carmina 20; 9. Jh.)
1. Einleitung
Jahrhundertelang war die Darstellung der Frau Musica als Personifikation der quadrivialen
Disziplin Musik ein beliebtes Thema in der Buch-, Fresko- und später der Tafelmalerei. Die
bildliche Formulierung der ars musica als weibliche Personifikation taucht im Mittelalter meistens im Verband der Artes Liberales auf. Schon ab dem zwölften Jahrhundert und verstärkt seit
dem Trecento beginnen die Kiinstler, die Allegorie mit einer zweiten Figur in der Funktion eines
Attributs der Frau Musica zu erweitern. Eine Loslésung dieses sogenannten inventor der Musik
aus der traditionellen Allegorie der ars musica und seine Entwicklung zum selbständigen Bildmotiv, das in neuen Zusammenhängen auftritt, vollzieht sich dann im Cinquecento, als der
Kanon der Freien Künste nicht mehr als maBgebend für das Bildungssystem galt und infolgedessen kaum noch eine Aufgabe für die bildende Kunst war. Gerade die allegorische
Darstellung der Musik blieb jedoch weiterhin ein beliebtes, variantenreiches Bildthema, wenn
auch Frau Musica häufig von mythologischen Figuren ersetzt wurde. Im Folgenden soll,
ausgehend von einer Allegorie der Musik des sechzehnten Jahrhunderts, die eine neuartige
Zusammenstellung der Motive aufweist, die Entstehung und Entwicklung des Erfinders der
Musik untersucht werden.
Das annähernd quadratische Gemälde des Ferrareser Hofmalers Dosso Dossi (um 1490-1542
Ferrara), heute in der Sammlung Horne in Florenz, ist wahrscheinlich in den 1530er Jahren für
den Hof der Este gemalt worden, aus deren Schloß in Ferrara es stammt (Fig. 1).! Die ganzfigurige Komposition zeigt eine sitzende männliche Person im linken Bilddrittel sowie eine
ebenfalls sitzende weibliche Figur in der Mitte und eine stehende am rechten Bildrand. Außer
dem leuchtend roten Lendentuch, das sich in hohem Bogen über die sitzende Frau bauscht, ist
der Mann unbekleidet. Während er mit einem Hammer, der eine römische Zahl zeigt, auf den
Amboß schlägt, auf den Noten niederfallen, dreht er seinen Kopf nach rechts zu einem Genius,
1
Ôl auf Leinwand, 160 : 168 cm; Museo Horne, Florenz, Inv. Nr. 80. Das Bild kam aus der Este-Sammlung in den
Besitz Kardinal Cinzio Aldobrandinis und von dort in die Sammlung Borghese in Rom; 1913 wurde es in Florenz
von Herbert Horne angekauft. Gibbons 1968: Nr. 23, 178..Die Datierung in die 30er Jahre wird von Gibbons
aufgrund des manieristischen Stils vorgeschlagen.
Pagina 2
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)der hinter ihm mit einer brennenden Fackel auf einer Wolke schwebt. Ebenfalls fast nackt bis
auf das um die Hüfte geschlungene Tuch ist die sitzende Frau, die sich mit der Linken auf eine
am Boden stehende Tafel mit einer kreisförmigen Notenkomposition stützt. Neben der unbekleideten, bildeinwärts gedrehten Frau rechts ist eine zweite, schräg gestellte Tafel mit im Dreieck
angeordneten Notenlinien und der Inschrift “Trinitas in unum” sichtbar. Zwischen dem Mann
und der Sitzenden liegt eine Lira da braccio am Boden sowie links an der vorderen Bildkante
und unterhalb des Amboß weitere Hammer mit römischen Zahlen.
Es könnte sich hier um eine konkrete mythologische Begebenheit handeln. Bei genauem
Blick lassen sich jedoch Unstimmigkeiten erkennen. Der Mann hämmert auf den Amboß, ohne
ein Stück Eisen zu bearbeiten; der Bildraum wird kaum definiert, denn in Kontrast zu den Grasbüscheln am Boden, die zunächst auf eine Szene im Freien deuten, steht der blaugrüne, neutrale
Hintergrund; bis auf den Mann und den Genius stehen die Figuren untereinander nicht in
Blickkontakt. Diese Unstimmigkeiten sowie fehlende Handlungsabläufe deuten darauf hin, daß
es sich hier um eine komplexe Allegorie handelt, welche die Musik zum Thema hat.
In der bisherigen Forschung ist das Gemälde wegen des Schmieds mit der Überlieferung des
inventor musicae, des Erfinders der Musikkunst, in Zusammenhang gebracht worden. Schon
Parigi deutete das Bild als “Tubalcain” (nach Genesis 4, 22) und sah in den numerierten Hämmern die wissenschaftlich-technische Basis der Musik als pythagoreische Lehre symbolisiert.?
Die Problematik, die in der Darstellung eines biblischen Patriarchen einerseits und einer im Bild
intendierten antiken Philosophie andererseits liegt, wird vom Autor allerdings nicht aufgelöst.
Auf Parigi basiert Mirimondes Deutung des Bildes, der den Schmied ebenfalls als Tubalkain
identifiziert. Die beiden Frauen personifizierten die profane und die kirchliche Musik; zum Vergleich führt der Autor das von Panofsky als Himmlische und irdische Liebe interpretierte
Gemälde Tizians in der Galleria Borghese an (Mirimonde 1968: 306-7). Abgesehen davon, daß
bei Tizian eine nackte Frau und eine vollständig in zeitgenössische Mode gekleidete zu sehen
sind und deshalb die Parallelisierung wenig überzeugt, bleibt vor allem die Diskrepanz zwischen
der angeblich dualen Allegorie und dem Motto “Trinitas in unum” ungeklärt.
Auch Gibbons interpretiert das Bild in seiner Dossi-Monographie ohne weiteres als Darstellung des “Tubalcain, the Biblical smith” und identifiziert die beiden Frauen als Mutter und
Schwester Tubalkains, Zillah und Naomah (Gibbons 1968: Nr. 23, 178-9, 92-8). Der Autor geht
— wie offensichtlich auch Parigi und Mirimonde — hier aber von der falschen Voraussetzung
aus, daß in der Bibel und der mittelalterlichen Überlieferung Tubalkain als-Erfinder der Musik
galt, worauf unten ausführlich eingegangen wird. Obwohl von Gibbons andere, zeitlich vorangehende Bildbeispiele mit der Darstellung der Musik aufgeführt sowie auch die schriftliche
Tradition der Pythagoraslegende (nach Boethius) berücksichtigt werden, kommt er zu dem nicht
einleuchtenden Schluß, Dosso sei in seinem spätesten Musikbild zum Motiv des biblischen
Schmieds der mittelalterlichen Legende zurückgekehrt.
Die musikwissenschaftliche Forschung bleibt ebenfalls bei der Deutung als Tubalkain.
Scherliess sieht in dem Gemälde den biblischen Stammvater, der auf seinen Amboß hämmert.
Ungeklärt bleibt die Art der Beziehung zwischen Tubalkain und dem von Scherliess so genannten “fackeltragenden Amor” (Scherliess 1972: 35, Nr. 35/6).
Auch Colin Slim kommt in einem viele Seiten füllenden Aufsatz nicht zu einem neuen
Ergebnis: “Dosso’s painting seems correctly titled as Tubalcain” (Slim 1990: 81). Obwohl er in
enger Anlehnung an Gibbons eine Verschmelzung der biblischen und pythagoreischen Überlie2
Parigi 1940: 272-8, bes. 277. Gestützt auf Parigi, deutet auch Mezzetti 1965: N. 54, 85 den Schmied als
Tubalkain.
160
1. Dosso Dossi, Allegorie der Musik. Florenz, Museo
Horne. — Photo: Alinari
nackten Frauen als Mutter und
ferung einräumt, behält er Gibbons abwegige Deutung der
che oder ikonographische
schriftli
ohne
s
ebenfall
bei,
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Schmied
Schwester des Stammvaters der
dem Alten Testament
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Belege anzuführen. Es ist aber sehr fraglich, ob weibliche Gestalte
wie es bei Susanna,
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Wen stellt das Gemälde aber tatsächlich dar? Uberwie
Welche allegorische Gesamtaussage läßt sich mit Bl
Personen oder Bezüge. auf die Antike?
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f die einzelnen Motive aus dem Bild herauslesen?
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Umsetzung ausführlich een et
zum inventor-musicae-Mythos und seine bildkiinstlerische
welche Motive einerseits DOSSO
werden,
ar
erkennb
werden. Im Verlauf der Darlegungen mag
Pagina 3
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)aus einer langen Tradition entnimmt und welche eigenständigen Komponenten sein Bild andererseits von der ikonographischen Tradition unterscheiden. Nur auf diesem Wege werden im
Zusammenhang mit dem Thema des Musikerfinders bestimmte Identifizierungen, die auf den
ersten Blick als möglich erscheinen und bis heute den Bildtitel geprägt haben, ausgegrenzt und
näherliegende Deutungen der Identität des Bildpersonals entwickelt werden können.
2. Biblische und antike Überlieferung im Mittelalter
Pythagoras wird damit als Entdecker der mathematischen Gesetze, die den Tönen zugrunde
liegen, und als Erfinder des Saiteninstruments mit Wirbeln herausgestellt.*
Auch wenn die Auffassung, Pythagoras habe das Wirbelinstrument mit gleichlangen und verschieden stark gespannten Saiten, wie es etwa die Lyra zeigt, erfunden, zweifellos in den Bereich
des Mythos gehört? — später gehen die Musiktheoretiker der Renaissance davon aus, daß Pythagoras erst an der vorhandenen Lyra seine Entdeckungen machen konnte —, so steckt in der
Legende doch ein wahrer Kern, denn die Pythagoreer begründeten ihre Harmonielehre tatsächlich im Zuordnen von Zahlen und Zahlenverhältnissen zu Tönen und Zusammenklängen.®
Der für die Antike maßgebliche Bericht über die Erfindung der Musik handelt von den
Tonexperimenten des Pythagoras, dem schulbildenden Philosophen des sechsten Jahrhunderts
v.
Chr., der sich als erster mit der Musik theoretisch auseinandersetzte. Überliefert wurden die
Tonuntersuchungen des Pythagoras vom griechischen Mathematiker Nikomachos von Gerasa
(um 100 n. Chr.). Bei einem Spaziergang darüber nachsinnend, ob für das Gehör eine zuverlässige Hilfe zur Bestimmung der Töne geschaffen werden könne, kam Pythagoras zufällig an
einer Schmiede vorbei. Durch eine göttliche Eingebung hörte er zunächst, daB die Hammerschläge unterschiedliche, aber harmonische Töne ergaben und erkannte dann ihre numerischen
Relationen als die Intervalle Diapason (Oktave; 6:12), Diapente (Quinte; 6:9) und
Mit einigen Änderungen übernimmt Macrobius (um 400 n. Chr.) diese Anekdote in seinen
berühmten Kommentar zu Ciceros Somnium Scipionis. Nachdem Pythagoras die Hammerschläge in der Schmiede vernommen hatte, vermutete er zuerst, daß der Tonunterschied durch die
Kraft des Schlages bedingt sei und ließ daher die Schmiede die Hämmer tauschen. Als sich
dadurch nichts änderte, kam Pythagoras darauf, die Hämmer zu wiegen. Nach der Erkenntnis,
daß die unterschiedlichen Tonhöhen vom Gewicht abhängig seien, nahm er zu Hause das Experiment mit durch Gewichte beschwerten Saiten vor:
Cum enim casu praeteriret in publico fabros ignitum ferrum ictibus mollientes, in aures eius
malleorum soni certo sibi respondentes ordine repente ceciderunt [...] quos cum ferientium viribus
adscribendos putaret, iubet ut inter se malleolos mutent [...] tunc animadvertit concordiam vocis lege
ponderum provenire collectisque numeris, quibus consentiens sibi diversitas ponderum continebatur,
ex malleis ad fides vertit examen, et intestina ovium vel boum nervos tam variis ponderibus inligatis
tetendit.’
Diatessaron
(Quarte; 6:8). Beglückt lief er in die Schmiede und fand durch genaue Wägung heraus, daß die
Tonunterschiede denjenigen der Gewichte der Hämmer entsprächen, denn diese verhielten sich
zueinander wie die Zahlen 6, 8, 9 und 12. Zu Hause experimentierte er dann
mit vier an
Pflöcken gespannten, mit Gewichten behängten Saiten und fand die Beziehung zwischen der
Spannung der Saiten und den Tonhöhen sowie das ihnen entsprechende Zahlenverhältnis heraus.
Die Saiten habe er gemäß den gefundenen Verhältnissen von den Pflöcken auf die Wirbel eines
Saiteninstruments gespannt, das er “Saitenspannungshalter” (“chordotonon”) nannte. Das
Ergebnis bestätigte sich durch ähnliche Versuche mit anderen Instrumenten wie Becken, Auloi,
Flöten, dem Monochord und Harfen:
Prope aeris officinam deambulans, divino quodam casu exaudiit malleos ferreos, super incude
tundentes, sonitusque permisse quam maxime sonos inter se reddentes, una tantum combinatione
excepta.
In illis vero cognovit & dia pason, & dia pente & dia tessaron concentum [...] Ingressus itaque, tanquam
a Deo patefacta sibi intentione, in fabricam; ibique multis experimentis inventam
[esse] sonitus
differentiam, ex illis quae in malleis erant gravitatibus; [...] adpendens quatuor chordas eiusdem
materiae
existentes, tum aeque longas & aeque crassas, atque aeque graves, singulis singula pondera
adpendit,
alligata ex inferiori parte [...] Communem quidem chordarum adpensionem, quae ex palo erat
ab angulo
ad angulum infixo, in instrumenti metam, quam chordotonon, chordas tendentem
Das Enchiridion war im fiinfzehnten und sechzehnten Jahrhundert vor allem unter humanistischen Sammlern
begehrt, wie die verschiedenen Handschriften in der Biblioteca Marciana in Venedig, welche ehemals im Besitz
von Jacopo Contarini und Kardinal Bessarion waren, vermuten lassen. Bessarion beispielsweise besaB ein “Liber
4
5
lineam, nominabat.
Atque hac inceptione utens & quasi infallibili norma, in varia deinde instrumenta experimentum
extendit;
tum acetabulorum pulsationem, tum tibias, tum fistulas & monochorda & triangula & adsimilia.
3
“In der Nähe einer Schmiede spazierengehend, vernahm er durch göttlichen Zufall
eiserne Hammer auf einem
Amboß schlagend und die Töne in höchst willkürlicher Weise gemischt
wiedergebend, außer einer
Zusammenstellung. In jenen erkannte er als Zusammenklang Diapason, Diapente,
Diatessaron [...] Daher ging er
in die Werkstatt hinein, als ob ihm von Gott die Eingebung eréffnet worden sei
und dort [entdeckte er] die durch
viele Experimente die Differenz des Klanges, die im Gewicht der Hammer begriindet
lag; [...] Wahrend er vier
Saiten desselben Materials und Gewichts und derselben Lange und Dicke aufhing,
hängte er an jede einzelne
[Saite] ein Gewicht, das er am unteren Ende [der Saite] befestigte [...] Die gemeinsame
Aufhängung der Saiten
die am Balken von Winkel zu Winkel befestigt war bis zum Ende des Instruments,
nannte er Chordotonon
[“Saitenspannungshalter”], der die Saiten in einer Linie spannt. Und diesen Anfang gleichsam als
untrügliche
Norm nutzend, dehnte er daraufhin das Experiment auf verschiedene Instrumente aus;
dann [kam er] zum Schlag
der Wasserbecher, dann zu den Flöten, den Röhren, Monochorden, Triangeln und zu
ähnlichem”, Nikomachos
Enchiridion: VI (hg. Jan 245-8). Die hier zitierte lateinische Übersetzung bei Meibom
1652, Teil III: 10-4 Kap.
VI “Quomodo Arithmeticae sonorum rationes sint inventae”.
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162
musicae novus” mit ausschlieBlich griechischen Musiktheoretikern, darunter auch Nikomachos, vgl. Gallo 1989:
15-6. Wie sehr Nikomachos auf Boethius’ Musikauffassung gewirkt hat, untersucht Bower 1978: 1-45.
Diese Unterscheidung war Nikomachos deshalb wichtig, weil seit Platon (Politeia) zwei Auffassungen von der
Musik einander gegenüberstanden und sich bis Ptolemaios (2. Jh. n. Chr.) gegenseitig bekämpften. Auf der einen
Seite standen die Kanoniker, zu denen die Pythagoreer gehörten, welche die Tone auf ihre numerische FaBbarkeit
untersuchten; auf der anderen standen die Empiriker (Harmoniker), welche die Töne nach dem Gehör bestimmten;
fiir Quellenmaterial vgl. Georgiades 1958: 88-123. Indem laut Nikomachos Pythagoras noch beide Auffassungen
vereint, wird er als der Musikerfinder schlechthin hervorgehoben.
Den Griechen war die Leier mit ihren gleichlangen Saiten schon vor Pythagoras bekannt. Dagegen fand — im
Gegensatz zu Nikomachos’ Behauptung — das im Orient beliebte Harfeninstrument mit verschieden langen
Saiten anscheinend erst im fiinften Jahrhundert Eingang in die altgriechische Musikkultur. Zur Abhängigkeit der
griechischen von den altorientalischen Instrumenten vgl. Wegner 1950: 46-50. Da Pythagoras laut verschiedener
griechischer Quellen eine Agyptenreise unternommen hat, ist es in der Tat möglich, daß er die Griechen mit einem
oder mehreren fremdartigen Saiteninstrumenten bekannt machte; zu biographischen Quellen siehe van der
Waerden 1979: 44-63. Lloyd 1979: 144-5, weist allgemein darauf hin, daß empirische Experimente in der Art,
wie sie in der Pythagoraslegende beschrieben werden, überhaupt erst im frühen vierten Jahrhundert v. Chr.
möglich waren. AuBerdem ist auch die Abhängigkeit der Tonhöhen von den Gewichten der Hämmer als
physikalisch falsch zu betrachten, wie Münxelhaus 1976: 50-5 darlegt.
6
7
Van der Waerden 1979: 364-91. Neben der Musik waren seit dem fünften Jahrhundert v. Chr. auch die
Kunstgattungen der Plastik und Architektur von der numerisch-harmonischen Weltanschauung der Pythagoreer
geprägt, siehe dazu Utitz 1959: 20-4.
“Als er durch Zufall an Schmieden vorbeiging, welche im Freien glühendes Eisen erweichten, hörte er plötzlich
die Klänge der Hämmer, die einander in einer bestimmten Ordnung antworteten. Da er meinte, daß diese [Klänge]
den Kräften der Schlagenden zuzurechnen seien, ließ er sie untereinander die Hämmer tauschen. Dann bemerkte
er, daß der Zusammenklang aus dem Gesetz der Gewichte hervorgeht und nachdem er die Zahlen gesammelt
hatte, in welchen die sich gleich verhaltende Verschiedenheit der Gewichte enthalten war, wandte er sich von der
Untersuchung der Hämmer zu den Saiten und spannte die Därme von Schafen oder Rindern mit verschiedenen
daran befestigten Gewichten aus”, Macrobius, (ed. pr. Venedig 1492): II, 1, 8-24, hg. Willis 1970: 96-9.
Pagina 4
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Macrobius berichtet also auch von der Schmiedew
erkstatt
und
den
Saitenexp
erimenten
, läßt
dafür aber die Konstruktion des Saiteninstruments weg. Damit wird Pythagora
s weniger als
Musikpraktiker, sondern ganz als Musikphilosoph verstanden, dem auch
die Entdeckung der
Sphärenharmonie zugeschrieben wurde. AuBerdem geht
Macrobiu
s
über
die
später
in
Gebrauch
bleibende Vierzahl
der
Intervalle
(“ep
ogdo
=
Tonus
nus”
=
Sekunde
9:8;
“epit
=ritus
Diatessaro”
n;
“hemiolius” =Diapente; “duplaris”=Diapaso
n)
hinaus
und
erweitert
sie
mit “quadruplus” und
“triplaris” auf die ebenfalls als vollkommen geltende Sechszahl (Senarius)
.8
Für das Mittelalter und die
Renaissan
ce
war
in
musiktheo
retischen
Fragen Boethius (f um
525) die unumstrittene Autorität; sein aus fünf Bücher bestehend
er Traktat De institutione musica
(ed. princ. Venedig
1491/2)
ist
deshalb
für
unsere
ikonograp
hische
Fragestel
lung
wichtig, weil er
den späteren Jahrhunderten in detailreic
her
Schilderu
ng
die
Pythagora
slegende,
basierend auf
Nikomachos, überliefert.? Eingehend schildert er in zwei Kapiteln das stufenwei
se experimentierende Vorgehen in der Schmiede und zu Hause: die Verschied
enheit des Klanges der
von der Erfindung
Hammerschläge, das Vertauschen der Hämmer, ihr Wiegen,
die
Entdeckung der vier Intervalle
(Sekunde, Quarte, Quinte, Oktave), die Erzeugung entsprech
ender Töne durch unterschiedlich
große und gefüllte Becher und verschieden stark gespannte Saiten.!®
Älter als die griechisch-römische Tradition ist die biblische Überlieferung
der Kunst der Musik. Nach ihr (Genesis 4, 21) ist Jubal, der Sohn
Lamechs aus der Ehe mit Zillah,
570) zu den
der Stammvater aller Saiten- und Blasinstrumentenspieler (“Jubal ipse
fuit pater canentium cithara
et organo”); dagegen ist
Tubalkain
,
der
Halbbrud
er
des
Jubal
(Genesis
4,
22),
der Stammvater der
Erz- und Eisenschmiede (“Thubalcain qui fuit malleator et faber in cuncta
opera aeris et ferri”).
Jubal wird als biblische Gestalt zum ersten Mal von Isidor von
Sevilla (+ um
als klassische Autorität in Ehren
/
Macrobius II,
1,
14-22,
hg.
Willis
1970:
97-8.
In
Vitruvs
De
architectura,
Buch V, 4, 113 heißt es: “Concentus,
quos natura hominis modulari potest, Graece quae symphoniai dicuntur,
sunt sex: diatessaron, diapente, diapason, et
disdiatessaron, et disdiapente, et disdiapason” (“Die Zahl
der zusammenstimmenden Klangverbindungen
[Konsonanzen], die die menschliche Stimme hervorbringen kann,
[griechisch heißen sie Symphoniai], ist 6: Quarte,
Quinte, Oktave, Quarte über der Oktave, Quinte über der Oktave,
Doppeloktave”; ed. Fensterbusch 51991: 218-20).
Seit Boethius war die pythagoreische Musiklehre in das Quadrivium
eingegangen, siehe Münxelhaus 1976: 57-63
Dossis Allegorie der Musik
wie es auch bei den nachfolgenden Musiktheoretikern zu beobachten ist (z. B. Johannis Afflige-
Diese lapidare Feststellung Isidors ist im Vergleich mit den Enzyklopädisten des hohen Mittelalters noch sehr allgemein gehalten. Sie hält sich streng an die rein biblische Uberlieferung,
nicht sein Halbbruder Tubalkain, da Isidor sich bezüglich der Musikerfindung ausdrücklich auf
|
is, 12. Jh).
Originaltext die urspriingliche Schreibweise des Namens Jubal angibt oder die
Ob Isidor
auf einem orthographischen Fehler beruhende Umwandlung zu Tubal rezipiert, ist fiir die Identität des Musikerfinders unerheblich. Mit beiden Schreibweisen ist sicherlich Jubal gemeint und
den Bibeltext beruft; in ihm aber steht Tubalkain in keinerlei Zusammenhang mit der Musik.
Auch die späteren Traktatisten werden häufig die Bezeichnung Tubal statt Jubal für den
Musikerfinder gebrauchen. Die orthographische Transformation von Jubal zu Tubal, die Beichner in seiner aufschlußreichen etymologischen Studie für die Uberlieferung des Mittelalters
untersuchte (1954: 7-19), hat sich wahrscheinlich schon in frühen Abschriften der beiden lateinischen Bibelübersetzungen, der Vulgata und Vetus Latina, eingeschlichen.
braucht.'3 Dieser Text spielte aber für die Bildkunst nur eine indirekte Rolle, da er in veränderter
In dieser Transformation liegt wahrscheinlich zum Teil die in Bildzeugnissen vorkommende
.
Verwechslung Jubals/Tubals mit dem Erzschmied Tubalkain begründet.
Eine weitere Quelle für diese Verwechslung mögen die Jüdischen Altertümer des Flavius
Josephus ( um 100) gewesen sein, der für den Schmied Tubalkain die Kurzform Tubal ge-
Form in die scholastischen Schriften eingeflossen ist, zu denen wir nun kommen.
Bis ins zwölfte Jahrhundert wurde die biblische Erzählung neutral neben die antike Pythagoraslegende gestellt. Erst mit dem Aufkommen der Scholastik ändert sich diese Einstellung.
Das früheste Zeugnis für eine Verschmelzung der antiken und der christlichen Überlieferung
von den Ursprüngen der Musik, verbunden mit einer apologetischen ‚Stellungnahme, ist die
berühmte Historia Scholastica, eine schon im Mittelalter vielfach rezipierte und seit der editio
die des Petrus Comestor (+ 1179), Abt von St. Viktor in Paris. Laut Mose sei Tubal (=Jubal) der
princeps 1473 in Augsburg in zahlreichen Auflagen gedruckte biblisch-historische Enzyklopä-
“Vater” der Saiten- und Blasinstrumentenspieler, die Musikinstrumente jedoch seien lange
vorher erfunden worden, so da8 Tubal in Wahrheit der Erfinder der musikalischen Konsonanzen
sei. Nach dieser Berichtigung wird auch der Schmied Tubalkain vorgestellt, der die Eisenkunst
erfunden habe:
Nomen fratris ejus Tubal, pater canentium in cithara, et organo. Non instrumentorum quidem, quae
longe post inventa fuerunt, sed inventor fuit musicae, id est consonantiarum [...] Tubalcain, qui
ferrariam artem primus invenit, res bellicas prudenter exercuit.'*
Um diese neue Nachricht iiber Jubal zu begriinden, gibt Comestor einen von der Bibel vollig
- abweichenden Bericht. Jubal habe zufällig in der Schmiede Tubalkains anhand der Klänge des
acutissimus”, hg. Smits van Waesberghe: 56-7.
:
.
|
12
s
" “Refert autem Moyses
i et a quo et quamo do sit inventa”:
sit
i musica
i
i Kap. III “ “Unde dicta
De musica
i cum tonario,
artis huius Tubal repertorem fuisse [...] Asserunt namque philosophum quendam Samium Pythagoram nomine
artis huius inventorem extitisse. Hic erat vir ut aiunt sapientia clarissimus, facundia invictissimus, ingenio
Nicomachum”).
gehalten; es störte sie nicht, daß er auch im Mittelalter ein anerkanntes
Vorbild war. Noch im sechzehnten
Jahrhundert wurde Boethius von den Musiktheoretikern als “Divino
Boetio Romano” gepriesen, wie es z. B. im
Vorwort der Abhandlung Scintille di musica (Brescia 1533) des
Giovanni Lanfranco zu lesen ist.
Siehe Boethius, De institutione musica: I, Kap. 10 “Quemadmodum
Pythagoras proportiones consonantiarum
investigaverit” und Kap. 11 “Quibusmodis variae a Pythagoras
proportiones consonantiarum perpensae sint”, hg.
Friedlein: 196-8. Auch in Fragen der musikalischen Konsonanzen
zieht Boethius den Nikomachos Plato vor (I, 31
“Quid contra Platonem Nicomachus sentiat”; vgl. auch
II, 17 “De consonantiarum modo secundum
und Bower 1978: 20-6. Besonders von den Humanisten wurde Boethius
Moyses dicit repertorem musicae artis fuisse Jubal, qui fuit de stirpe
Cain ante diluvium. Graeci
vero Pythagorarn dicunt huius artis invenisse primordia, ex malleorum
sonitu, et cordarum extensione
percussa.!!
inventores musicae gezählt und damit Pythagoras an die Seite gestellt,
dessen Legende der
Autor ebenfalls kennt:
8
9
10
11
13 Flavius Josephus, Jüdische Altertümer I, 2: “Sein Bruder Jubal übte die Musik und erfand das Psalter- und
Harfenspiel. Thobel [=Tubal] aber, ein Sohn des anderen Weibes, der an Körperkraft alle überragte, verlegte sich
der d
|
auf die Kriegskunst [...] Auch erfand er die Schmiedekunst”, hg. Clementz 1923, I: 23-4.
14 “Der Name seines Bruders war Tubal, Vater der Kithara- und Orgelmusik. Er war aber nicht der Erfinder der
Instrumente, die lange vorher erfunden worden waren, sondern der Musik, das heißt der Konsonanzen BE
Tubalkain, der als erster die Eisenkunst erfand, übte sich in den Kriegsdingen”, Historia Scholastica XXVIII,
CLXXXXVIII, 1079 A-B.
165
“Moses sagt, daß Jubal aus dem Stamme Kains vor der Sintflut
der Erfinder der Musik gewesen sei. Die Griechen
sagen freilich, daB Pythagoras der erste gewesen sei, der diese
Kunst aus dem Klang der Hämmer und der
gespannten
Saiten
erfunden
habe”,
Isidor,
De
musica
(Etymologiae
III, 15-23): 16, 1, PL LXXXIL, 163. Lindsay
1911, I, der für seine Edition der Etymologiae drei Handschriftengruppen
(Francicae, Italicae, Hispanicae) mit
insgesamt
36
Codices
heranzog,
gibt
—
im
Unterschied
zu
Migne, der keine Angaben zu benutzten Codices
macht — nur die Namensschreibweise Tubal an, ohne eine Abweichung
in einer der Abschriften anzumerken. Da
die ältesten Abschriften erst aus dem achten Jahrhundert datieren,
sind Riickschliisse auf den Originaltext Isidors
kaum méglich. Gibbons 1968: 92, meint irrtümlich, daB “medieval
scholars as early as Isidore of Seville therefore
credited Tubalcain with the invention of music”.
Pagina 5
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Metalls die Harmoniegesetze entdeckt.
Sat ha AB ot |
> deren Erfindun g fälschlich dem F yt h a;goras
g
a: z ugeschri
e-
Quo fabricante Tubal, de quo dictum est, sono metallor
um delectatus, ex ponderibus eorum
proportiones, etÀ consonantias eorum quae ex eis nas cuntur
excogitavi
itavit, quam invent i
i
Pythagorae attribuunt fabulose.'5
°
u
jonem Graces
Im Unterschied zur Pythagoras-Legende bleibt hier aber unklar,
ob Jubal selbst mit den Hämmern experimentiert oder die Schmiede anweist. Dieser Punkt
wird für die Ikonographie des
biblischen inventor von großer Bedeutung sein. Hervorzuheben
ist auch die erstmals bei Comestor auftretende Verknüpfung der Tätigkeiten der beiden
Halbbrüder Jubal und Tubalkain
Hierin liegt neben der orthographischen Umwandlung eine
weitere, ganz konkrete Quelle für die
später in der Bildkunst auftretende Personenverwechslung.
Um die Glaubwürdigkeit seiner
Legende zu steigern, erzählt Comestor zusätzlich die Geschic
hte von den zwei Säulen: da Adam
zwei Gerichte vorausgesagt hatte, schrieb Jubal, wie Josephu
s sage, die erfundene musikalische
Kunst, damit sie nicht verlorengehe, auf je
ei
i
4
.
2
‚ auf je eine Ziegelsäule - falls es eine Feuerkatastrophe
- und auf eine Marmorsäule - falls es eine Flut gäbe:
gä
ophe gäbe
. Et quia aut erat Adam prophetasse de duobus judiciis, ne
periret ars inventa, scripsit eam in duabus
Olumnis, in qualibet totam, ut dicit Josephus, una marmorea
, altera latericia, quarum altera non
diluetur diluvio, ’ altera non solveretur incendio.
i
i
: i
Marm
:
Syriaca.'6
10
oream dicit Josephus adhuc esset in terra
Ganz offensichtlich ist es Comestors Bestreben gewesen, Jubal
gegenüber Pythagoras als den
eigentlichen, wahren Erfinder der Musik herauszustellen und
somit der heidnisch-antiken eine
biblische Autorität entgegenzusetzen.!” Da im Alten Testame
nt Jubal nur als Begründer der
instrumentalen Musik genannt wird, nicht aber als Erfinder
der von jeher hochgeschätzten
mathematischen Musiktheorie, als der Pythagoras angesehen
wurde, muBten zum nüchternen
biblischen Bericht entsprechende Episoden dazuerfunden werden,
die Jubal auch als Erfinder
der harmonikalen Grundlagen auswiesen. Um die “Authentizität”
der Jubal-Uberlieferung zu
belegen, schiebt Comestor die Erzählung von den zwei Säulen
ein, für deren reale Existenz
Josephus als vermeintlicher historischer Zeuge angeführt wird.
In Wahrheit Jedoch tauchen die
beiden Säulen bei Josephus nicht in der Jubalgeschichte, sondern
in einer ganz anderen Patriarchenerzählung auf, nämlich in der von den Söhnen des Seth,
eines Sohnes Adams. Sie jedoch
begründeten die Astronomie und schrieben ihre sternkundlichen
Erkenntnisse In Anbetracht der
Gerichtsweissagung Adams auf eine Säule aus Stein und eine
aus Ziegel gegen Flut und Feuer.
's
15
ved der nue des geschmiedeten Eisens erfreute
den erwähnten Tubal, aus
den Gewichten erkannte er ihre
T
und
Konsonanzen, die aus ihnen entstehen, wie sie diese Erfi
in
mä
i
16 Griechen Pythagoras zugeschrieben haben”, PL CLXXXXV
III, 1079 C.
ning In märehenhafter Weise dem
verloren wing (mel Cerichte geweissagt hatte, schrieb
er sie vollständig, damit die erfundene Kunst nicht
e
,
zwel Säulen, wie Josephus sagt, die eine war aus
Marmor, di
i
i
i
die eine [Marmor] nicht durch eine> Flut zerstért
wiird, die
i andere [Ziegel]
jegel] sich
sich nicht
nicht ie,
i Eeenö, Wei
mamorne, sagt Josephus, befindet sich noch heute
in Syrien”, PL CLXXXXVIIL, 1079 ©. Sn 1990
678
übersieht das
Material
der Säulen,sind
obwohl sie in verschi
ildbeispi
in direkter
di
Comestors
farblich
unterschieden
rschiedenen Bildbeispielen
in
Anlehnung an den Text
17
Cohen 1974:
explicitly
86 meint:
establiche
“it is ateng
d” den
this point
[= Schmiede geschichte] that the identity of Jubal
en
and Pythagoras is
t
enzuhal
daß (Comestor gerade nicht die Identität der zweii Person
a Zwar bedient er sich einiger Details der Pythagora
slegende, aber doch nur, um Jubal gegen
zugrenzen und ihn über diesen zu erheben. Man
kann hi
ichtig
Zusammenfügen zweier Legendentraditionen sprechen.
ser ise nur vorsichtig vom bewußten
üdische2 Altertümer I, ‚3:
3: “Seth
! zeichnete sich [...]
un durch tugendhaftes Streben aus und wie
|
i
vortrefflicher Mann war, hinterliess er auch ebensolche Söhne
[...] Sie erfanden die Sternkunde. und amit ihre
Pythagoras
18
166
ericht
Gabriele Frings
Dossis Allegorie der Musik
Der irrtümliche Bezug auf Josephus für die Jubalsäulen wird noch von den Traktatisten der
Renaissance (z. B. Adam von Fulda; Gafurio) kritiklos übernommen. Selbst in der heutigen
Fachliteratur kann man diese Übernahme lesen.'?
Comestors Jubal-Apologie, insbesondere seine Betonung der Entdeckung musikalischer
Intervalle (“Non instrumentum quidem, quae longe post inventa fuerunt, sed inventor fuit musicae, id est consonantiarum”) hat einen ganz konkreten, in der scholastischen Bildungslehre
wurzelnden Hintergrund. Gerade einige Jahrzehnte zuvor hatte nämlich Hugo von St. Viktor (+
1141), einer der Vorgänger-Äbte Comestors in Paris, seine für das gesamte Mittelalter verbindliche scharfe Trennung zwischen den Artes Liberales und den Artes Mechanicae gezogen. Für die
Musik bedeutete diese Klassifizierung eine Aufteilung in die ars liberalis musica, also die
mathematische Wissenschaft, und die ars mechanica musica, die Hugo in die Kategorie der “ars
theatrica”, des gering geachteten Musizierens der Spielleute, einordnete.?° Mit dieser neuen Einteilung wurde das praktische instrumentale Musizieren von kirchlicher Seite als lasterhafte, da
zur Sünde verführende Kunst verworfen (vgl. Hartung 1982). Aus diesem Grunde ist es verständlich, daß der biblische Jubal nicht länger nur als Erfinder der geringer geachteten,
praktischen Musik gelten konnte, sondern als Musikwissenschaftler herausgestellt werden
mußte.
Comestors Juballegende hat in jedem Fall weitreichende Wirkungen auf die Ikonographie der
Ars Musica gehabt, die bis dahin hauptsächlich mit Pythagoras oder David dargestellt wurde
(siehe Seebaß 1973: 93-6, und 1988: 23-43).
Das biblische Lehrgedicht Aurora des Petrus Riga (f 1209 in Reims), ein ebenfalls weit verbreitetes enzyklopädisches Werk, ist offensichtlich von der Historia Scholastica abhängig.
Jedenfalls wird hierin die früheste Rezeption der nichtbiblischen Geschichte von Jubal in der
Schmiede faßbar.?!
Andere mittelalterliche Autoren übernahmen sogar fast wörtlich die gesamte Juballegende
einschließlich der Säulengeschichte aus der Historia, so z. B. Johannes Aegidius Zamorensis
(13. Jh.), der sich in seiner Ars musica nicht nur ausdrücklich auf Comestor beruft, sondern auch
Erfindungen nicht verloren gingen und vernichtet würden, ehe sie zu allgemeiner Kenntnis gelangten (denn Adam
hatte den Untergang aller Dinge teils durch Feuer, teils durch heftige Überschwennungen vorhergesagt), so
errichteten sie zwei Säulen, die eine aus Ziegeln, die andere aus Stein, und schrieben das von ihnen Erfundene auf
beiden ein [...] Die steinerne Säule steht übrigens noch heute in Syrien”, hg. Clementz: I, 24-5. Schon bei
Hrabanus im Commentarium in Genesim wird die Säulengeschichte unter ausdrücklicher Erwähnung des Josephus
fälschlich auf Jubals Musikerfindung bezogen: “De hoc [Jubal] Josephus historiographus Judaeorum ita referet”;
es folgt die Musikentdeckungsgeschichte in der Schmiede und am Schluß das Zeugnis der zwei Säulen, PL CVI,
508 C-D. Vielleicht ist Comestor von Hrabanus beeinflußt gewesen. Im Unterschied zu ihm jedoch läßt Comestor
die Autorität des Josephus direkt in die Säulengeschichte einfließen. Oppermann 1925: 293, Anm. 42 und 295,
Anm. 48, der sich anscheinend bei der Vorlagensuche für Comestor allein auf die Jubalstelle bei Josephus
beschränkte, meinte irrtümlich, daß die Säulengeschichte bei Josephus nicht vorkomme.
19 Brown 1984: 27: “The pillars are clearly those associated with the Biblical Jubal in the Jewish Antiquities of
Josephus Flavius”. Brown beruft sich auf Cohen 1974, die aber diesen Irrtum nicht begeht, sondern gemäß des
Josephus-Textes die Säulen der Geschichte von den Söhnen des Seth zuordnet, wenn auch mit etwas
mißverständlicher Betonung: “Thus, the discovery of celestial knowledge and its inscription on two pillars was
attributed by Josephus not to Jubal but to descendants of Seth” (1974: 87). Slim, der sich ebenfalls auf Cohen
beruft, bewertet die von der Jubalgeschichte völlig unabhängige Erzählung über die Söhne des Seth bei Josephus
fälschlich als “important commentary on the Tubalcain passage found in Genesis 4, 21-2” (1990: 66).
20 Eruditiones Didascalicae Libri VII. In Buch II, Kap. 9 und 13 wird die Musik als ars liberalis behandelt; in Kap.
21 mit dem Titel “Divisio mechanicae in septem scientias” und Kap. 28 wird die Musik zur “theatrica” gezählt
und taucht im Zusammenhang mit dem niederen Stand der Spielleute im Theater auf, PL CLXXVI, 756 und
760-2.
2
Der Text der Aurora des Petrus Riga in PL CCXII, 22 B. Tubalkain wird ausführlich als Schmied und
Metallschneider beschrieben, keineswegs aber als Musikerfinder.
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)auf Hrabanus und Josephus als Historiographen, um die Pythagoraslegende zu widerlegen:
“Pythagoras [...] attamen non fuit huius artis inventor primarius sive auctor”.22
Auch Jacobus von Lüttich (14. Jh.) zitiert mehrere Male den Scholastiker Comestor,
dessen
Juballegende er verkürzt wiedergibt, indem er unter anderem die Schmiedeerzählung
wegläßt.
Jedoch weist er ausdrücklich auf Jubals Erfindung der musikalischen Konsonanzen hin. Dagegen erwähnt er bei Pythagoras zwar die Hämmer, läßt aber das wichtige Ergebnis
der
Intervallfindung weg.3
i
In den meisten enzyklopädischen Kompendien des Mittelalters wird also neben der
Jubalauch die Pythagoraslegende erwähnt. Beide Überlieferungen werden in den theologisch
ausgerichteten Schriften aber nicht neutral nebeneinander gesetzt, sondern Jubal wird deutlich
als der
eigentliche, wahre Musikerfinder herausgehoben.*
Vom vierzehnten Jahrhundert an wird dann bei den Musiktheoretikern zunehmend
die Tendenz sichtbar, beide Traditionen des inventor musicae-Mythos in vernünftiger
Weise in Einklang
zu bringen. So schreibt der englische Musiktheoretiker Walter Odington in der ersten
Hälfte des
Jahrhunderts in seiner Abhandlung De speculatione musice, daß Jubal den Geschichtss
chreibern
gemäß der erste gewesen sei, der die Musik praktiziert habe, Pythagoras dagegen
habe zuerst
die Konsonanzen entdeckt, die der Nachwelt überkommen seien. In die gleiche
Richtung geht
Ugolino da Orvieto (um 1380-1460) in seinem Traktat Declaratio musicae
disciplinae (Ferrara,
um 1430-35): Jubal habe laut Mose nur die praktische Musik erfunden, dagegen Pythagoras
die
proportionalen Tonverhältnisse, welche die süße Melodie erzeugten.?° Damit vertreten
die beiden Musiktheoretiker genau die Auffassung, die der Scholastiker Comestor durch
seine
ausgeschmückte Juballegende gerade zu widerlegen suchte.
Als wichtigstes Resultat kann man zunächst festhalten, daß weder
in den mittelalterlichen
Schriften noch in den Traktaten der Frührenaissance eine Verwechslung zwischen Jubal/Tubal
als Entdecker der musikalischen Proportionen und dem Schmied Tubalkain
vorkommt, wie es
einige Forscher irrtümlich meinen (Brown 1984: 28; Mirimonde 1968:
306-7; ders. 1975-77, I:
19, Michels-Gebler 1984: 16-8; Vogel 1973: 415-6; Münxelhaus
1976: 46-55). In der zuerst
von Petrus Comestor erzählten, weit verbreiteten Legende von Jubals Erfindung, die
auf dem
knappen alttestamentlichen Text gründet, wird Tubalkain dem Bibeltext gemäß
ausdrücklich nur
als Schmied und Metallarbeiter genannt, der in keinem Zusammenhang mit der
Musik steht.
Umgekehrt besteht eine notwendige Beziehung zwischen Jubal uñd der
Schmiede (des
Tubalkain), die aber sowohl bei Comestor als auch bei allen folgenden
22
23
24
25
26
168
Comestor-Rezipienten
“Pythagoras [...] war aber nicht der erste Erfinder dieser Kunst noch ihr
Urheber” , Johannes Aegidius de Zamora,
Ars musica: Kap. 1, hg. Robert-Tissot: 36-42. Bemerkenswert ist,
daB Johannes von Zamora beide
Namensschreibweisen aufführt. Dem Text des Johannes Aegidius widmet
McKinnon 1978: 3-5, einen längeren
Kommentar. Er verkennt jedoch die überragende Rolle Comestors in
der scholastischen Lehre sowohl für die
schriftliche als auch die bildliche Tradition, in der Johannes nur einer der Rezipienten
ist.
Speculum musicae I, Kap. 6; für Jubal weist er ausdrücklich auf die Erfindung
der musikalischen Konsonanzen
hin: “non quia dicta repererit instrumenta, ut ibidem dicit Magister in
Historiis [=Comestor] [...] repererit
musicales consonantias” (“er erfand nicht die Instrumente, sondern die musikalische
n Konsonanzen, wie Magister
[Comestor] in der Historia [...] sagt”), hg. Bragard: I, 25.
In dem apologetischen Kommentar Metrologus liber zum Micrologus des Guido
von Arezzo, der von einem
anonymen englischen Verfasser aus dem dreizehnten Jahrhundert stammt, wird
den Griechen ein schwerer Irrtum
in der Frage des inventor musicae vorgeworfen: “Et sic maxime errant Graeco
putantes Pythagoram philosophum
dictae artis esse inventorem” (im Kapitel “De inventoribus artis
musicae”, Vers 8); als Beweis für die
Authentizität der Erfindung Jubals werden wieder die Säulen, von denen Josephus
die steinerne in Syrien gesehen
haben soll, angeführt, hg. Smits van Waesberghe: 67-8.
De speculatione musice, im Kap. “De mensuratione sonorum secundum
Pythagorum”, CS I, 193.
Declaratio musicae disciplinae (geschrieben in Ferrara 1430-35), Buch IV, 31, hg.
Seay 1962, III: 185-8.
sels at bakct<tr oR
adt ns |
Gabriele Frings
Dossis Allegorie der Musik
rer Me mar
nicht konkret beschrieben wird, etwa, ob Jubal selber mit den Hammern prak
a ücke ma
Beric
Diese
wird.
n
beschriebe
bericht
die Handwerker anwies, wie es im Pythagoras
n
de
daß
so
gelassen,
Raum
freien
viel
Kiinstler
bildenden
der
der Phantasie
dens
rhu
n
verzene
des
Jahren
hämmernden Jubal entstehen konnte, der seit den dreiBiger
i7
on
w
eschic
Schmiedeg
der
ich
einschlieBl
de
Juballegen
die
ist
nachweisbar ist. Mit ihm
aNi 7 aa 5
in einer Person zusammengefaBt. Die Frage nach einer möglichen Identifizierung
a. er na
stellt sich zunächst für die Kunst der Frührenaissance nicht. Denn in den Bilderzy
gl.
etablie
Arithmetik
der
auctor
als
allgemein
s
Pythagora
sich
hat
Liberales
tem Artes
1985).
egel
Fellerer 1959, Stammler 1962, Lippmann 1966 und Tezmen-Si
3. Die Darstellung des inventor musicae im 14. und 15. Jahrhundert
Aus dem skulpturalen Bildprogramm des von Giotto entworfenen Campanile in Florenz
sind
Pisano un os
drei der oktogonalen Reliefmedaillons hervorzuheben, angefertigt von Andrea
si u
und von Luca della Robbia 1437-9.”” In der untersten Reihe auf der Wesieite
e Nek
m
Juba
sitzt
Südseite
der
Auf
rkstatt.
Tubalkain am Amboß in seiner Schmiedewe
bläst in ein Horn, das er mit Hilfe der Bohrwerkzeuge am Tisch gefertigt hat (Fig. 2 ).
er bi ua
sächlich dargestellt. In der oberen Reihe auf der Nordseite mit den Reliefs von deAi fo)
pia sit
ee see
sche Stammvater wird hier wörtlich gemäB des Genesistextes als Erfinder der
un “
ande
und
Künste
der
Zyklus
diesem
in
daB
erwarten,
nun
wird
aufgefaBt. Man
fre an a ist ae
Komplement des Musizierens, die numerische Musiktheorie, ihren Platz
mms on
eine bärtige Person frontal links neben einem Ambo, auf den sie mit zwei
seen a
sic
kann
Es
3).
(Fig.
Kopf
geneigtem
schräg
mit
schlägt; ihrem Klang lauscht sie
Meinung, aie
in der kunsthistorischen Literatur seit Julius von Schlosser festgesetzten
Tubalkain dargestellt sei, nur um Jubal handeln, dessen Entdeckung der musika isc en
à pe M
mathematischen Musiktheorie als quadrivialer Disziplin. Eine doppelte Darstellung Tu
ain
ee en dn
tionen in der Schmiede seines Bruders durch Amboß und Hämmer verkürzt
Fi
ne ii
Erfin
die
einmal
Tradition
Somit personifiziert Jubal gemäß der mittelalterlichen
a
une
à
die
Mal
zweites
ein
und
Musik
len
instrumenta
zählenden
mechanischen Künsten
m m en
mit demselben Attribut ergäbe dagegen überhaupt keinen Sinn, zumal Tubalkain
u
satz zu Jubal — in den mittelalterlichen Quellen bezüglich seiner Erfindung der Schmiedek
|
ifische Hervorhebung erfährt.
i
fe
re
insbesonde
birgt
66)
1952:
Salermi
und
(Rossi
Skulptur
der
s
Me ten den Kunstpatun
rten Freien
Buch- und Freskomalerei eine Vielzahl von Darstellungen der personifizie
- 27
Kiinste,
Die Größe der
sämtlicher Reliefs befinden sich heute im Museo dell’Opera del Duomo von Florenz.
Die Originale
8
der sechseckigen della Robbiarautenförmigen Marmormedaillons von Pisano beträgt 83 : 69 cm, diejenige
.
.
|
|
1,5 : 69 cm.
i
mider alein sachien
28 Von Schlosser 1896: 53-5; d’Ancona 1902: 227; Gibbons 1968: 25 Romano 1976: Kf
; lla
,
eo
Genesi T IV,
bas del passo de de Genesi
il fabbro, che, sullalla base
i,
falschen Behauptung:2“ “Tubalcain,
de
im
m6:
Brunettimöchte
?
Ì di Giotto”;
nl
I Campanile
i e che la rappresenta anche nei ri lievi del
Y “inventor” ” della musica
pe
(“un ee
anom
l
sie Vasari (1568)
u
mi Pythagoras erkennen, a Is Stütze führt
ie mit
di Astrologie
ief die
i
Robbia-Relief
oeett( L
se.
wegfallen,
ane
authentische Interpretation
i
ia” Vasarii muß aber selbstverständlich für eine
Astrologia”);
u de part of
Becher
vgl. Becherucci
N vertraut war, vel.
und Bildquellen nic ht mehr
i
der Schrifte Tradition
iti
mittelalterlich
i
pi hos
Te ae pe
korrigiert sie aber:
)
sich ebenfa Ils auf Vasaris Deutung,
i
276-7. Pope-Hennessy 1980:: 31 bezieht
des stark
the
ey ofangesichts
neater
to the harmony
ten
who
who listens
Pythag
s Pythagoras,
is correct, but the figure is
ion
i’ explanation
Vasari’s
;
Philosophen,
Darstellung des Pythagoras, also des heidnisc en
”. Eine
Darstellungen der Freien und
Patch beeinfluBten Bildprogramms am Campanile — seine allegorischen
Mechanischen Künste gehen konkret auf Hugo von St. Viktor zurück — kaum denkbar.
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)o. — Photo:
Florenz, Museo dell ” Opera del Duom
o dell’Opera del Duomo. —
Campanile, Florenz. Florenz , Muse
2. Andrea Pisan
Kd
isano,
o, Jubal
Jubal.. Relie
Reli f vom Campanili e, Florenz.
3. Luca
Phot
o An
della
a Robbia, Jubal. Relief vom
Gr., der griechische Dichtermusik
er Timotheus und Millesius
denen jeweils ein historischer
” Repräsentant als auctor oder
inventor beigesellt ist. Dieser
Bildtypus bildete sich insbesondere
unter dem Einf
luß
des
Lehr
gedi
chtes Der welsche Gast des
Thomasin von Zerclaere (t 1259
) heraus.2 Offensichtlich jedoch
war dieses Gedicht gerade für
genannt, sondern nur Gregor d.
(=Thales von Milet).
emeistens ein bärtiger Mann darg
Mailand, Biblioteca Ambrosiana
, Ms. B.
42
inf.
fol.
Ir.;
die
Signa
tur am rechten Rand lautet:
Filang
d’Bonieri
oniadiF.”
Ca
Quell
n en zur129
“ego Nichola
ikono
0e
graph
p ischen n Verbin
Verbid:
ndung zwisc
i hen den sieben Tugenden
und Künst
ii en gibt
i
Relief der Nordseite trägt.
Unter den bekannten Darstellunge
n der Allegorie der Musik im Verb
and der Artes Liberales
ist an erster Stelle die Miniatur
von Niccolò di Giacomo da Bolo
gna in Giovanni Andreas
30
170
eneL
133 Pane.onr:
Dossis Allegorie der Musik
4. Niccolò di Giacomo da Bologna, Tugenden und Artes Liberales. Aus
Novella in libros decretalium,
Mailand, Biblioteca Ambrosiana. — Photo: Archiv des Kunsthistorischen
Instituts, Bonn
bei Michels-Gebler 1984: 15, Abb. 2.
Tubalkains mit zwei hämmernden
g der biblischen ‘Kithara’) dar; abgebildet
Schmieden und seinen Halbbruder Jubal mit einer Laute (in Abwandlun
fünfzehnten Jahrhunderts entstanden, hinweisen. Sie stellt die Werkstatt
Für die traditionelle Verwendung und Bewertung der Laute und
der Rebec im vierzehnten und fünfzehnten
Jahrhundert
und
die
sich
daraus
begründend
e
Aufnahme
in
die
Ikonographi
e der Musica-Allegorien siehe Brown
1984: 43-8. Ergänzend zu Brown möchte ich auf eine Miniatur
im Canzonale von Krumlov, Anfang des
Grundlage der Musik gerade stimmt! Zu ihren Füßen kauert der bärtige
Mann, auf dessen
Amboß “Tubalcaim” geschrieben steht. Man hat hiermit ein typisches Beispiel
für die genannte
Namensverwechslung. Denn
da8
mit
der
männlich
en
Figur
nicht
der
Schmied
Tubalkain
, wie
bisher angenommen, sondern der Musikerfinder Jubal
gemeint
ist,
beweist
neben
der
phantasievollen Namenssc
hreibwei
se
auch
das
Motiv
der
bisher
nicht
berücksich
tigten
zwei
Säulen, die
hintereinandergestaffelt links neben
Frau
Musica
zu
sehen
sind.
Die
beiden
Monumente
verweisen in ihrer deutlich unterschiedenen Färbung auf die marmorne und
die Ziegelsäule, auf
31
32
Schon Beichner 1954: 24-5 wies darauf hin, daß Jubal dargestellt
sei, erbrachte aber keine ikonographischen
Belege dafür. Die beiden Säulen werden auch von Ledoux 1987:
76 nicht erkannt, obwohl die Autorin ein
ikonographisch interessantes Beispiel eines Freskos vom Anfang
des fünfzehnten Jahrhunderts vorstellt, den
Triumph des Hl. Augustinus in San Francesco al Prato in Pistoia,
in dem anstatt Jubal Frau Musica selbst die
beschriftete runde Marmorsäule und die Ziegelsäule in Form eines Pfeilers
hält (ibidem: 75, Abb. 1). Diese beiden
Attribute vermag Ledoux nicht zu identifizieren und spricht von “due
frammenti architettonici”, so daß sie in der
Darstellung eine Beziehung zwischen den Künsten Musik und Architektur
zu erkennen glaubt (76-7).
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)im selben Jahr 1354, als er die Mailänder
die Jubal
laut
Comesto
r
die
Erfindun
g
der
Musikku
nst
schrieb.
Daß
die Säulen in der Ikonographie Jubals schon früh zu
den
festen
Attribut
en
gehören,
beweist
eine
neapolitanische
Zeichnung, entstanden um 1329, in der Chronologia
magna
des
Paolino
Veneto. Sie zeigt in
einem figürlich geschmü
ckten
Stammb
aum
die
aus
den
Ehen
Lamechs
mit Zillah und Ada entsprungenen Kinder, darunter der so bezeichn
ete
“Tubal”,
der
als
einzige Person in Ganzfigur
und mit seinem
Attribut,
der
Säule,
erscheint
,
auf
die
er
die
Musiker
findung schreibt.33
Eine andere, ebenfalls von Niccolò da Bologna angefertigte
Miniatur bestätigt die genannte
Identifizierung der Säulen im Mailänder Codex. Noch
und Tubalkain und der verschiedenen
Handschrift ausschmü
ckte,
hatte
Niccolò
auch
die
In
primam
et
secunda
m digesti novi partem
commentaria vom Bologneser Rechtsgelehrten
Bartolo
da
Sassofer
rato
illuminie
rt.
Die Allegorie
des Triumphes des Hl. Augustinus enthält das gleiche Komposi
tionssc
hema
der
Tugenden- und
Artes-Reihe wie die Mailänd
er
Miniatur
(Fig.
5).
Der
hämmern
de
Jubal
ist hier als “Tubal
chaym” bezeichnet. Im Unterschied zur Mailänder Version
sind
die
Säulen
monumentaler gestaltet
und auBerdem mit den
acht
Tönen
der
Oktave
und
den
Toninter
vallen
beschriftet. Sie entsprechen
damit viel eher ihrem den Schriftquellen gemäßen Charakte
r von Denkmälern, welche die
Musikkunst überliefern. Aus der Verwechslung von
Jubal
Auffassung der Säulen läßt sich schließen
,
daß
der
Miniator
erstens
wohl
die Legendentradition
nicht gut kannte und zweitens seine mögliche Bildvorlage
nur
ungenau
kopierte.
Für die Kompositionsschemata Niccolös gibt es ein ganz
konkretes Vorbild, dessen genaue
Beziehung zum Mailänder Codex bis heute nicht
ganz geklärt ist. Es handelt sich um die zwischen 1334 und 1343 entstandene Handschrift
des Giovanni (Convenevole) da Prato, die
Convenevole-Handschrift oder Ambraser Codex nach
dem ehemaligen Aufbewahrungsort
(Schloß Ambras,
Tirol)
genannt
wird.
Es
ist
ein
mit
Miniatur
en
geschmü
cktes Lobgedicht auf
Robert von Anjou, König von Neapel (+
1343).35
Unter
den
fast
jede
zweite
Seite
schmück
enden Miniaturen, die das gleiche Programm bestehend
aus Tugende
n
und
Freien
Künsten
thematisieren, ist die Musik zusamm
en
mit
der
Astrono
mie
als
Paar
aufgestel
lt (Fig. 6). Zu
Füßen von Frau Musica sitzt der inschriftlich so bezeichnete
Tubal
auf
den Amboß hämmernd.
Zu seinen Seiten ragen deutlich
erkennba
r
die
zwei
Säulen
auf:
links
die Ziegelsäule mit der
Aufschrift “Dyapason”, rechts die durch hellere Färbung
untersc
hiedene’marmorne Säule mit
der Beschriftung
“Diatasa
ron”.%
Beide
Tituli
sind
als
symboli
sche Abkürzungen für das gesamte Wissen um die musikalischen Gesetzm
äßigkei
ten
zu verstehen, als deren Erfinder der
biblische Patriarch angesehen wurde. Die enge Verbind
ung mit der Schmiede-Tubalkains wird
außer durch die Hämmer auch durch die Ledersc
hürze, die Jubal trägt, betont.
Von der Convenevole-Handschrift abhängig ist offensic
htlich auch die Federzeichnung in
Bartolomeo di Bartoli da Bolognas Lobgedicht
Cantica ad gloriam [...] de virtutibus et
33 Die Zeichnung befindet sich in Paris, Biblioth
èque Nationale, Ms. lat. 4939, f. 8r.; sie ist abgebilde
t bei Degenhart
und Schmitt 1973:
66,
Abb.
82a.
34 Madrid, Biblioteca Nacional; Ms. 197. Auch
diese Miniatur ist signiert mit “Nicolaus de Bononia
F.”. Coletti
1934: 101-21 weist auf ein
Fresko
gleichen
Themas
(Hl.
Augustin
us)
aus
dem 14. Jahrhundert in Ferrara hin (Fig.
1), das engste Ubereinstimmungen in den Motiven
aufweist; eher wird es Niccolò als Vorbild gedient
haben, als
daB er, wie Coletti vermutet, als
ausgespr
ochener
Miniaturi
st
selber
der
Autor
des
Freskos war.
35 Wien, Österreichische Nationalbibliothek
;
Cod.
Ser.
n.
2639. Siehe von Sacken 1855: 222-4, dann erst
von
Schlosser 1896: 19-22, Taf. V. Von der Wiener Handschr
ift existieren zwei weitere Versionen in London (British
Museum, Ms. 6 E IX) und Florenz (Codex Magliabe
chiano in der Biblioteca Nazionale, II. I. 27), die
beide in den
Motiven identisch sind. Die Datierung der Wiener
Hs. zwischen 1334 und 1343 beruht auf einer schon
von Frhr.
von Sacken bemerkten (224) Textstelle, die Papst
Benedikt XII. erwähnt und Robert von Anjou “senex”
nennt.
Die Datierung wird bestätigt von Degenhart und
Schmitt 1973: 98, Anm. 131 b. Für weitere Literatur
siehe
Tezmen-Siegel 1985: 186-7.
Tezmen-Siegel (1985: 187) und Gibbons (1968: 96)
halten trotzdem an Tubalkain fest!
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172
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5. Niccolò di Giacomo da Bologna, Tugenden und Artes Liberales. Aus In primam et secundam digesti
novi partem commentaria, Madrid, Biblioteca Nacional. — Photo: Bibliothek
Pagina 9
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aus
scientiis, entstanden vor 1349 für Bruzio Visconti von Mailand (Fig. 7).37 Auf dem Sockel des
Tamara amen;
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Amboß vor dem hämmernden Patriarchen liest man wieder die irrtümliche Inschrift “Tubal
cham”, während der Name des gemeinten biblischen Musikerfinders in der Subskription auf
dem Sitzbanksockel als “Jubal” und “Tubal” geschrieben ist. Auch in der Handschrift in Chanice
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tilly hat also der Illuminator, der nur die Malerei und die Inschriften ausführte, nicht aber den
Text erfand, Tubal als eine Abkürzung für Tubalkain verstanden und deshalb den vermeintlich
vollen Namen über der Figur angebracht, wie wir es schon bei Niccolò da Bologna gesehen
haben. Die zwei Säulen tragen hier die vierzehn Tonintervalle von “acutus” bis “cromaticus”
sowie die Noten der Oktave nach Guido von Arezzo.
Neben dieser ikonographischen Tradition hat sich im vierzehnten Jahrhundert offensichtlich
ein zweiter Typus der Musikallegorie herausgebildet. Er unterscheidet sich von den bisherigen
Kompositionen in der gotischen Nischenarchitektur, im Portativ (statt der Laute als dem Attribut
der Frau Musica) sowie in der meistens fehlenden, durch urwüchsig langes Haar ersetzten Kopfbedeckung Jubals und seinem gegürtetem Gewand ohne Schmiedeschürze, das ihn dennoch
insbesondere im Vergleich mit den anderen Artes-Erfindern als Handwerker kennzeichnet.
Wietsarg
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Fe bat pl til
Eine italienische Handschrift aus der zweiten Hälfte des Trecento zeigt auf einer ganzen
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fantere space a ners velp fpanelamem,
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Blattseite diesen Typus (Fig. 8).% Jubal ist hier nicht so sehr als Schmied verstanden, sondern
als Patriarch mit entsprechend langem Haar und Bart sowie mantelähnlichem Gewand. Die zwei
Säulen sollen wieder die Authentizität der Erfindungsüberlieferung durch den biblischen auctor
#
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Recto fon Bue De mufiehe So Japen pine
ect one Bal er len Be me j Bunchasen
ai
fara feign ragme-Laue perpen
unterstreichen, die linke marmorne trägt die Tonintervalle in abgekürzter Form, die dunklere
Ziegelsäule die Noten der Oktave.
Kompositionell ähnlich gestaltet ist das 1365-68 entstandene Fresko Andrea Bonaiutos, gen.
da Firenze, im Cappellone degli Spagnuoli (ehemals Kapitelsaal) von S. Maria Novella, Florenz
(Fig. 9). Im Triumph des Thomas von Aquin an der Nordwand sitzt Frau Musica mit einem entsprechend dem theologischem Kontext des Freskoprogramms phantasievoll als Kirchengebäude
gestalteten Portativ im Zentrum der Artes Liberales. Vor ihr hockt Jubal, als Patriarch urwiichsig
behaart und in gegürtetem Gewand, mit dem Hammer in der Rechten weit ausholend.* Neu ist,
daß die zwei Säulen hier gar nicht mehr auftauchen. Diese Variante, den biblischen Inventor
ohne Säulen und nur noch mit Hammer und Amboß darzustellen, hat, zumindest im Florentiner
6.
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Girau
é.- Photo:: Gira
bibliothek. — Photo: Bibliothek
Muséée Condé.
i
illy,
ica ad gloriam, Château de Chant
7. Anonym, Musica. Aus Cant
konographie gefunden, wie es die
Raum. Nachfolge in der Musica-I
in spies Beispiel aus dem
Quattrocento, das Francesco
Chantilly, Musée Condé, Ms. lat. et ital. 1426. Der vollständige Titel lautet Cantica ad gloriam et honorem
magnifici militis domini Brutii, nati incliti ac illustris principis domini, vicecomitis de Mediolano, in qua tractatur
de virtutibus et scientiis vulgarizatis. Die erste ausführliche Untersuchung dieses Codex von Dorez 1904. Das
Lobgedicht wird mit den von Niccolò da Bologna illuminierten Codices in Mailand und Madrid erstmals von
Coletti 1934: Fig. 7 in ikonographischen Zusammenhang gebracht. Ein weiteres, sich in der Zeichnung und
Anordnung der Motive nur geringfügig unterscheidendes Exemplar befindet sich heute in Rom, Istituto Nazionale
per la Grafica [F. N. 2831 (3480) r., zugehörig zum sogenannten Taccuino degli uomini illustri] publiziert von
Venturi 1899: 355; er erkennt im römischen Codex Parallelen zu dem von Schlosser 1896 ikonographisch
untersuchten Freskenzyklus Giustos in Padua und zum Ambraser Convenevole-Band und schreibt den Codex
deshalb Giusto zu. Heute wird der Codex aber zwischen 1450-60 datiert und als Kopie nach der Chantilly-Version
gewertet, siehe Tezmen-Siegel 1985: 191, mit entsprechenden Literaturhinweisen.
38 Die Inschrift auf dem Sitzbanksockel direkt rechts neben der Figur des Jubal lautet: “Iste Tubal cantum vocumque
simphonie / In geminis artem scripsit posuitque columpnis / Aure Jubal varios feramenti denotat ictus / Pondera
quoque librans consonantia queque facit” (“Dieser Tubal schrieb auf zwei Säulen die Musik und die Kunst des
Zusammenklangs der Stimmen. Nach dem Gehör bezeichnete Jubal die verschiedenen Schläge des Werkzeugs
[Hammers]. Auch wägte er die Gewichte [der Hämmer] ab, welche Konsonanzen auch immer sie entstehen
ließen”). Hierin ist also die Erfindungslegende nach Comestor, vermischt mit Details der Pythagorasgeschichte,
zusammengefaßt. Die Transkription erfolgte nach Dorez 1904: 43, dessen Bezeichnung als Hexameter aber auf
zwei der Verse nicht zutrifft.
39 Paris, Bibliothèque Nationale, Ms. ital. 568 (Suppl. 535) fol. Ir.
40 Die zweifelhafte Identifizierung als Tubalkain erstmals bei Schlosser 1896: 44. Vgl. auch Romano 1976: 193;
Gibbons 1968: 93; de Mirimonde 1968: 298; Tezmen-Siegel 1985: 194.
174
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Pesellino (1426-57)
Tugenden) dem Florentiner Maler
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)8. Anonym, Musica. Paris, Bibliothèque Nationale. — Photo: Bibliothek
9. Andrea da Firenze, Artes Liberales. Detail. Florenz, S. Maria Novella, Capellone degli Spagnuoli. —
Photo: Foto Marburg
(Fig. 11)“ Neben die stehende Frau Musica tritt in gleicher Körpergröße Jubal, im Profil ihr
zugewendet und wie sie sowie alle anderen Artespersonifikationen und ihre Vertreter in
ungewöhnlicher Weise von Genien mit Lorbeer bekrönt. Sein Attribut, der eiserne Amboß, ist
ihm nun, da er nicht mehr sitzt, in unrealistischer Weise umgehängt.’Sein härenes, gegürtetes
Gewand hebt sich wiederum von den übrigen Philosophenmänteln ab.
Einen der letzten monumentalen Artes-Zyklen schuf Bernardo Pinturricchio 1492-94 in der
Sala delle Arti Liberali im Appartamento Borgia im Vatikan. Das Lünettenfeld mit der Musik
zeigt Frau Musica auf einem Muschelnischenthron die zeitgenössische Lira da braccio streichend, sie wird gerahmt von zwei Gruppen musizierender Edelleute als Allegorie der musica
practica und Männern in drei verschiedenen Lebensalterstufen als musica speculativa (Fig. 12).
Im Vordergrund rechts sieht man im Profil einen Mann in gewohnter Weise mit zwei Hämmern
auf einen Amboß schlagen; es wird sich gemäß der schriftlichen und ikonographischen Tradition um Jubal handeln, der die musikalischen Proportionen als Grundlage der Musiktheorie
entdeckt. In keinem Fall ist hier Pythagoras gemeint (Moser 1938: 41; Egan 1961: 190), denn er
erscheint wiederum in der Allegorie der Arithmetik als Repräsentant, wie es auch in den Trecento-Allegorien die Regel war.
Pinturricchios Komposition ist nicht nur eines der letzten monumentalen Musica-Bilder, sondern sie ist auch eine der letzten Musikallegorien, die Jubal als alleinige Inventor-Figur
42
Tempera auf Holz, 56: 115 cm; Madrid, Museo del Prado; Inv. 2844. Dank gilt Herrn Dr. Jesús Urrea vom Museo
del Prado für den Hinweis auf den Bildnachweis im Ausstellungskatalog Madrid 1990: 146-52, Nr. 7. Auch hier
liest man für den inventor der Musik “Tubalcain”.
176
-10. Francesco Pesellino und Domenicho Michelino, Artes Liberules. Birmingham, Museum of Art, Samuel
H. Kress Coll. — Photo: Museum
traditionell mit Hammer und Amboß wiedergeben — die zwei Säulen fallen schon ab der zweiten Hälfte des Trecento weg, wie es am Florentiner Fresko zu sehen war.
Um 1500 verändert sich sowohl die Ikonographie Jubals als auch diejenige der Ars Musica
allgemein: dem biblischen Stammvater wird nun Pythagoras an die Seite gestellt. Diese ikonographische Entwicklung geht mit den zeitlich etwas früher liegenden Aussagen der
Musiktheoretiker parallel.
Pagina 11
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Adam von Fulda (# 1505) nennt in seinem Traktat De musica (1490)
zunächst die Ent-
Die schon von Ugolino da Orvieto und Walter Odington vertretene Auffassung, Pythagoras
sei als Entdecker
der
numerische
n
Proportion
en
der
eigentliche
Erfinder
der
Musik,
Jubal als
Erfinder der Musikinstrumente dagegen nur der Praktiker, läßt sich seit dem Ende
des Quattrocento durch das ganze sechzehnte Jahrhundert hindurch verfolgen.
in dem er die
deckung des Pythagoras und zitiert Boethius und Macrobius, schwenkt dann zu
Jubal über,
dessen Säulenlegende er unter Berufung auf Josephus erwähnt und sie zunächst für
wahr hält.
Im vierten Teil des Traktats widmet er zwar wieder Jubal einen kurzen Abschnitt,
Entdeckung der Harmonien in der Schmiede Tubalkains sowie die Säulengeschichte
mit der
üblichen irrtümlichen Bemerkung “Josephus dicit” referiert. Pythagoras aber wird
unter Anführen Bericht, der die
rung des Boethius und Nikomachos in einem viel längeren und detaillierte
Schmiedeexperimente und die Versuche mit den Saiten wiedergibt, als der
eigentliche
n hat:
Musikwissenschaftler herausgestellt, welcher seine Erkenntnisse schriftlich
festgehalte
videtur, aiunt: nam ante diluvium
Referunt Graeci, Pythagoram philosophum musices artem ex malleorum sonitu
primum perpendisse
[...] Alii vero Jubal musicae inventorem extitisse, quod verius mihi
Itaque mente sedatus & animo
in duabus columnis per eum scripta fuisse dicitur [...] [Teil I, 7]; Jubal filium
Lamech sonorum
Proportiones priorem invenisse, nemo est qui negat, cui frater erat Tubalcain
nomine, primus faber
aerarius [...] Postquam vero Pythagoras numeros adinvenit, cuique a toto
tempore, dum viveret,
numerus obedivit, sic, ut vi numerorum singula scire niteretur [...];
gavisus Pythagoras
domum
veniens,
ibi
per
chordarum
inaequalem
tensionem,
perque calamorum
inaequalem longitudinem consonantias ad plenum reperit, & in volumine scripsit.
[Teil IV, Prolog].
n
Kennt Adam von Fulda noch die Säulengeschichte, so nimmt gegen Ende des fiinfzehnte
Jahrhunderts die Kenntnis der scholastischen Texte bei den humanistischen
Musiktheoretikern
immer mehr ab.
So meint beispielsweise der Komponist und Theoretike
r
Niccolò
Burzio
(1450-151
8) im
Musices opusculum (1487) sogar, der in Mantua tätige Musiktheoretiker Johannes
Gallicus (+
handschriftlich
1473), sein Lehrer, habe selber die Geschichte der Erfindung Jubals in
der Schmiede und ihre
überlieferten Traktats Ritus canendi vetustissimus et novus von Gallicus).
Denn es sei in
Niederschrift auf Säulen erdacht (Burzio bezieht sich hier auf Kapitel X des
Wahrheit Pythagoras, der, gemäB den antiken Schriften, mittels rationaler Untersuch
ungen die
musikalischen Proportionen entdeckt und sie in Regeln gefaBt habe:
|
Unum sacre scripture testimonio scilicet Jubalem: Alterum videlicet Pythagoram
grecorem ac
latinorum monumentis approbatum. Primus etenim ut habetur primo Genesis
septimus fuit ab Adam ex
stirpe Chaim quem Moyses patrem canentium in organis scripsit. Repertorem
tamen consonantiarum
neque proportion
um
annotavit.
Salva
ergo
reverentia
Joannis
Cartusiensi
s
qui
capitulo primo sue
musices I, I, X eiusdem scripsit teste Josepho [...] Pythagoras igitur longo ex
cogitatu: musicas has
43 “Die Griechen berichten, daB der Philosoph Pythagoras als erster
die Musik anhand des Klangs der Hämmer
untersucht habe [...] Andere freilich behaupten, daB Jubal der Erfinder
der Musik gewesen sei, was mir wahrer
erscheint:
denn
vor
der
Sintflut
soll
es,
wie
gesagt
wird,
von
ihm
auf
zwei Säulen Geschriebenes gegeben haben
[...]°; “Es gibt niemanden, der leugnet, daß Jubal, der Sohn des Lamech,
als erster die Verhältnisse der Töne
gefunden habe, welchem ein Bruder war mit Namen Tubalkain, der erste
Schmied [...] Nachdem aber Pythagoras
die Zahlen dazu erfunden hat, dem die Zahl Zeit seines Lebens gehorchte,
so daB er sich bemühte, durch die
Macht der Zahlen alles zu wissen [...; es folgt die gesamte Schmiedeges
chichte über Pythagoras]. Deshalb ging
Pythagoras mit gelassenem Geiste und erfreutem Herzen nach Hause,
wo er durch unterschiedlich gespannte
Saiten und durch unterschiedlich lange Rohre die Konsonanzen vollständig
ermittelte und in einem Buch
niederschrieb”, Adam von Fulda, De musica, Teil L, 7 und Teil IV, Prolog,
GSM III, 340, 367-8. Der Bericht
basiert teilweise ganz wörtlich auf den namentlich genannten Autoren
Boethius, Macrobius und Nikomachos.
Comestor wird gar nicht mehr erwahnt.
178
12. Bernardo Pinturicchio, Musica. Vatikan, Appartamento Borgia. — Photo: Alinari
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Schluß und weiß von ihm nur, daß er gemäß Moses der Musikerfinder ist, also ebenfalls wieder
nur die Fakten, die in der Genesis zu finden sind.
Eine verwandte Einstellung zeigt sich in Stephano Vanneos Traktat Recanetum de musica
mehr
aurea (1533). Hier wird ebenfalls die Schmiede- und Säulenlegende überhaupt nicht
“pater
als
lapidar
nur
“Tubal”
bezeichnet
tiker
genannt, sondern der in Rom tätige Musiktheore
canentium cithara & organo” (I, 1, fol. 4r-4v); die pythagoreische Entdeckung wird dagegen
ausführlich erzählt. Vanneo kennt also nur noch die Genesisstelle, nicht aber mehr die scholastider
sche Überlieferung mit der Schmiede- und Säulengeschichte. Für die Wiedergabe
zur
Pythagorasgeschichte orientiert sich der Autor an Boethius: sowohl die Experimente, die
beschrieben
detailliert
werden
selbst
n
Proportione
Entdeckung der Intervalle führen als auch die
und mit einem Diagramm illustriert, das die proportionalen Zahlen 6, 8, 9 und 12 enthält.
Weist Aron nur kurz und allgemein auf die pythagoreischen Versuche mit den Saiten hin, so
chen
betont Vanneo eigens das Arbeiten mit der Lyra und damit den Bezug der mathematis
Theorie zur klingenden Musik:
consonantias speculatione: ac ratione deprehendit non nisi ex numerosum proportione produci. Eas
postmodum regulis ac ratione apervit.#
Hier zeigt sich deutlich ein vom Humanismus geprägter Renaissancegeist, dem die antiken
Autoren die einzige Autorität sind. So ist Burzio es auch, der als erster im Zusammenhang mit
der Juballegende auf den Irrtum des Säulenzitats aus Josephus aufmerksam macht:
Hoc etenim a Joanne cartusiense: ut reor: confictum est: vt honor potius divine scripture. quam
humane tribueretur. cum nusquam apud Josephum invenies: nisi tantum de filiis Seth qui in praedictis
columnis ornatum rerum celestium disciplinam hoc est pertinentia ad astrologiam descripsere.*
Nach seiner Darlegung der Pythagoraslegende zieht Burzio den Schluß: der Leser könne nun
erkennen, daß Jubal nicht die Proportionen erfunden habe, wie ein gewisser (=Gallicus) meine
und wie es auch viele Zeitgenossen herleierten, sondern nur die Blas- und Saiteninstrumente:
Potes igitur ex his lector recte precipere Iubalem non huiusmodi, ut quidam autumant proportiones,
ac consonantias excogitasse, sed tantum in cythara et organo, ut multi etiam nostris temporibus aliquali
ratione duducti decantasse.#
soni hinc
Hic igitur Pythagoras tanti archani compos, numeros invenit, ex quibus dulces orirentur
certe fides, seu chordae in citharis observata.#
In seinem Traktat Toscanello in musica (Venedig 1529; hier die 3. Auflage von 1539) zählt
der bedeutende Florentiner Musiktheoretiker Pietro Aron im Kapitel “Degli inventori de la
musica” zuerst alle mythologischen Gestalten der Musik von Amphion bis zu den Trojanern auf,
um dann auf Pythagoras als “huomo mortale” (Sterblicher, im Gegensatz zu den mythischen
Mit einem Saiteninstrument sind die “süßen Töne” überhaupt erst hörbar zu
egende, vor,
gewachsene Variante des Berichts des Nikomachos, des Urhebers der Pythagorasl
Aron begründet ganz ähnlich wie Nikomachos die Entdeckung des Pythagoras ausdrücklich
damit, daß in Anbetracht des unzuverlässigen Gehörs eine numerische Hilfe zur Bestimmung
der Töne gefunden werden mußte. Den biblischen Musikerfinder erwähnt Aron erst ganz zum
44
“Der eine ist nämlich nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift Jubal. Der andere ist Pythagoras, bezeugt in
griechischen und römischen Schriften. Wie zu Beginn der Genesis berichtet, war Jubal der siebte Nachkomme
Adams aus dem Stamme Kains, den Moses den Vater der Orgelmusik nennt. Aber er vermerkt nicht, daß er der
Erfinder der Konsonanzen und Verhältnisse war. Ohne dem Ansehen Johannes’ des Kartäusers nahezutreten, der im
ersten Kapitel seiner Musica I, 1, 10 schreibt, daß nach dem Zeugnis des Josephus ...[es folgt die Schmiede-SäulenLegende des Jubal]. Pythagoras also hat nach langem Nachdenken durch Beobachtung und Verstand entdeckt, daß
die musikalischen Konsonanzen von nichts anderem als von numerischen Verhältnissen produziert werden. Später
hat er sie durch Regeln und Berechnung zugänglich gemacht”, Burzio, Musices opusculum: Kap. 11, fol. bY r. und v.
Vgl. die engl. Ausgabe von Miller 1983: 42-4, die teilweise sehr frei übersetzt. Der Traktat Ritus canendi
vetustissimus et novus des in Mantua tätigen Gallicus, auf den Burzio sich bezieht, in CSM IV, 298-469. Gallicus hat
nicht nur, wie McKinnon 1978: 13 richtig bemerkt, keine Nachfolger gehabt, sondern er stand mit der Verteidigung
45
46
47
Jubals als dem eigentlichen Musikerfinder gegenüber den antiken Schriften überhaupt vereinzelt in seiner Zeit.
“Dieses ist allerdings, wie ich annehme, von Johannes dem Kartäuser erfunden worden, um den göttlichen
Schriften mehr Ehre zu erweisen als den menschlichen, da du es [=die Säulengeschichte] nirgendwo bei Josephus
findest, außer bei den Söhnen des Seth, die auf den oben genannten Säulen die Ausstattung und die Kunst der
Himmelsdinge, das ist die Astrologie, schrieben”, Burzio, Musices opusculum: Kap. 11, fol. by v.
“Aus diesem kann der Leser also richtig erkennen, daß Jubal nicht die Verhältnisse und Konsonanzen erfunden
hat, sondern er spielte nur die Kithara und Orgel, so wie es viele auch in unserer Zeit aus irgendeinem Grund
irregeführt herleiern”, ibidem.
Buch I, Kap. 2, fol. aiv. “Schließlich war Pythagoras der fleißige Untersucher und stellte die musikalischen
Konsonanzen zusammen, und jener, der andere, die verwegenerweise von der zweifelhaften und untreuen Willkür
der Ohren abhängen wollten, auf das sichere und feste Urteil des Geistes reduzierte, indem er den Beweis von den
Hämmern der Schmiede und der Spannung der Saiten nahm.”
180
ash tin
Musikerfindern) zu kommen:
Pythagora in fine fu diligente inquisitore & messe insieme le consonanze de la musica & quello che
altri temerariamente volevano pendere dal dubbioso & infidele arbitrio de gli orecchi a certo & fermo
giuditio de la mente ridusse, tolta la pruova da gli martegli de fabbri & da le stensione de le chorde.*
machen, deren
mathematische Perfektion Pythagoras als erster durch seine Entdeckung der ihnen zugrunde liegenden numerischen Regeln erkannt hat. Hier liegt damit eine im Laufe der Jahrhunderte
denn nur er erwähnt ein viersaitiges Instrument, das Pythagoras allerdings erst nach seinen
Experimenten konstruierte.
Generell scheint den Musiktheoretikern des sechzehnten Jahrhunderts für die Pythagorasgeschichte die Beziehung zwischen den Klängen der Hämmer und denen der gespannten Saiten
des Instruments wichtig gewesen zu sein. Diesen Aspekt spiegelt auch Dossos Bild wider,
worauf später noch näher eingegangen wird.
4. Pythagoras als inventor proportionis musicae in der Kunst der Renaissance
Eine Holzschnittillustration in einem Traktat des bedeutendsten humanistischen Musiktheodie frühen
retikers des ausgehenden Quattrocento, Franchino Gafurio (1451-1522), macht
Auswirkungen dieser Entwicklung der inventor musicae-Tradierung auf die Ikonographie
besonders deutlich (Fig. 13). In seiner Abhandlung Theorica musice (1492) nennt Gafurio
zunächst Jubal und Pythagoras nebeneinander als Erfinder der Musik (Buch I, 1), um dann
ausführlich die Entdeckungen des Pythagoras in der Schmiede und die folgenden Experimente
zu schildern (Buch I, 8), für die er sich namentlich auf Boethius beruft. Die Bevorzugung des
griechischen Mathematikers als auctor der Fixierung musikalischer Regeln wird insbesondere
an der Holzschnittillustration deutlich. Sie ist als didaktische visuelle Umsetzung, auf die Gafurio im Text eigens hinweist, auf einer eigenen Seite recto neben dem Text angebracht. Hier ist
1558) kritisch mit den
Ibidem, fol. Sr. Noch Gioseffo Zarlino setzt sich in den Istitutioni harmoniche (Venedig
und Macrobius
Intervallen und der mathematischen Voraussetzung gemäß der Überlieferung durch Boethius
usassero le conconanze
auseinander, Teil I, 2 (71) “Per qual ragione gli Antichi nelle loro Harmonie non
di Pitagora.
imperfette & Pitagora vietava il passare oltra la Quadrupla” und II, 3 (73) “Dubbio sopra Pinventione
die Zahlen, aus
49 Recanetum 1533: 1, 3, fol. 6r. “Pythagoras also, teilhaftig eines so großen Geheimnisses, erfand
ab.
welchen die süBen Klänge entstehen, von hier stammen sicherlich die Saiten oder Chordae auf der Kithara
Pagina 13
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Pythagoras dreimal,
zwar
bei
verschiede
nen
wissenschaf
tlichen
Versuchen,
darunter
einmal
mit seinem Schüler Philolaos, zu sehen, der inschriftlic
h
so
bezeichnet
e
Jubal
nur
einmal.5°
Entgegen der ikonographischen Tradition des Trecento ist er passiv, den Hammersch
lägen
lauschend, dargestellt. Als der eigentliche Musiktheoretiker, welcher die Grundlagen
der “süß
klingenden Musik” (Ugolino da Orvieto) schuf, ist ganz eindeutig Pythagoras aufgefaBt.
Die numerischen
Grundlagen
der
musikalisc
hen
Harmonie,
die
in
der
Philosophi
e
der
Pythagoreer eine überragende Bedeutung hatten, bilden den Kern der Pythagoraslegende.
Fiir die
Humanisten und Kiinstler der Renaissance (z. B. Leonardo, mit dem
Gafurio in Mailand
n), die die menschlibekannt wurde) mit ihrem gesteigerten mathematischen Interesse, das sich auch
in der Proportionslehre widerspiegelt, gab die aus der Antike überlieferte Schmiedeerzählung
ganz konkrete,
mathematisch
nachvollzie
hbare
Angaben
an
die
Hand.
Die
Jubalüberli
eferung
dagegen
enthält
weder Zahlenangaben noch Experimentschilderungen, war also für Wissenschaftler
wie Gafurio
oder
Künstler
wie
Leonardo
nutzlos.5!
Das mathematische Interesse Gafurios wird auch im Holzschnitt sichtbar: sämtliche
Gläser,
Glocken, Saitengewichte und Flöten sind mit den proportionalen Zahlen
4, 6, 8, 9, 12, 16
gekennzeichnet, welche die harmonische Tonleiter ergeben; es sind die sechs
Konsonanzen
(griech. symphoniai; von den Römern wurde dieser Terminus übernomme
(sie weist auf das Abwiegen der Hämmer hin), Zirkel, Richtscheit,
Blas-, Tasten- und Saiteninche Stimme
hervorbrin
gen
kann.
Für die gemeinsame Darstellung von Jubal und Pythagoras gibt es in der Ikonograph
ie keine
Vorläufer.
Sicherlich
ist
der
Holzschnitt
als
eine
eigene
Bilderfind
ung
Gafurios
zu werten, denn
er weist ausdrücklich auf den Holzschnitt als illustrierende Textergänzung hin.
Das Konzept 2
beide Inventores gegenüberzustellen, hat allerdings eine Nachfolge gefunden.
Die Voraussetzung, daB der Auftraggeber oder der Künstler nur noch den
alttestamentlichen
Jubalbericht, nicht aber mehr die mittelalterliche Tradition gekannt haben, möchte
man auch fiir
das folgende Bildbeispie
l
annehmen.
Die
GrisailleBemalung
eines
Cembalo-D
eckels
in der
Sammlung Liechtenstein (ehemals Polidoro da Caravaggio
zugeschrieb
en),
um
1520
in
Oberitalien entstanden,
weist
eine
ungewöhnli
ch
komplexe
Ikonograph
ie
auf
(Fig.
14).
Vor einer
Arkatur, in deren Mitte Frau Musica thront,
ist
am
linken
Bildrand
Pythagoras
in antikischer
Kleidung und mit langem Haar wiedergegeben. Auf dem Tisch sind Attribute
wie die Waage
strumente wiedergegeben. Daneben hämmern drei Genien auf einen Amboß.
Diese Szene ist als
eine Abbreviatu
r
der
Schmiede
zu
verstehen,
in
der
Pythagoras
den
Haminersch
lägen
lauschte.
Gleichzeitig symbolisieren die Genien die
göttliche
Eingebung,
die
Pythagoras
zu der Entdeckung
der
Intervalle
befähigte.
Rechts,
ihm
gegenüber,
ist
Jubal
plaziert.
Er trägt die bekannte
Mütze und sitzt schreibend am Tisch. Auf dem Tisch und daneben sind
ebenfalls Instrumente
Ol auf Holz, 29: 118 cm; Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein, Schloß
Vaduz; Inv. Nr. 202. Laut Mitteilung
von Frau Dr. Eugster, Fürstliche Sammlungen, wird das seit 1712 im
Nachlaßinventar des Fürsten Johann Adam I.
erscheinende Tafelbild nicht mehr unter Polidoro da Caravaggio
in den Sammlungen geführt. Das
freundlicherweise zur Verfügung gestellte Foto zeigt den Zustand nach
Abnahme der Übermalungen.
Lehre Gafurios siehe Fano: 49-62; ders. 1971: 201-2.
Gafurio außer mit Leonardo (1452-15 19) auch mit dem Mathematiker
Fra Luca Pacioli (t 1514) bekannt war, der
durch seine Traktate De divina Proportione (Venedig 1498) und Summa
de arithmetica, geometria, proporzioni e
Propotionalita (Venedig 1494) wiederum groBen EinfluB auf Leonardos
Kunsttheorie ausübte. Zu Leben und
389-91.
Für die Diskussion um die Harmonie- und Proportionslehre in der Renaissance
und ihre praktische Umsetzung in
den bildenden Künsten siehe Wittkower 1983: 103-10 und v. Naredi-Rainer
1989: 11-32. Es ist anzunehmen, daß
50 Den Holzschnitt schlieBt Gafurio direkt an die Säulengeschichte
an (fol. bir) und weist auf ihn eigens hin (fol.
bv): “Harum quidem exquisitarum proportionum eductarumque consonantia
rum formas demonstrat hec subiecta
figura” (“Die folgende bildliche Darstellung demonstriert die
Formen der genauen Proportionen und
herausgefundenen Konsonanzen”). Zur Musiktheorie des Philolaos
vgl. van der Waerden 1979:
51
52
182
Dossis Allegorie der Musik
14. Anonym (ehem. Polidoro da Caravaggio zugeschrieben), Allegorie der Musik. Schloß Vaduz, Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein. — Photo: Preute, Vaduz
Im Gegensatz zur italienischen Musiktheorie, die sich in der Frage der “invenzione della
der verschiedenen Kategorien wiedergegeben, jedoch kein Attribut, das auf die Schmiede- oder
. Säulenlegende und damit auf die Intervallentdeckung Jubals hinweist. Das heißt, der biblische
Inventor ist hier, gemäß dem Genesistext, nur als “pater canentium cithara et organo”, als Praktiker aufgefaßt. Unterstrichen wird diese Aussage durch Jubals schreibende Tätigkeit, die
angesichts des geöffneten Mundes das Komponieren eines Liedes andeutet.
Das für einen Cembalodeckel außergewöhnlich detailreiche und durchdachte Bildprogramm
vereint also allegorisch Theorie und Praxis zu einer vollkommenen Musikkunst, die als Ideal
dem Cembalisten vor Augen stehen sollte.? .
Vgl. de Mirimonde 1968: 309, der beide Musikerfinder nur als Theoretiker erkennt.
musica” fast ausschließlich mit Pythagoras beschäftigte, hatte sich nördlich der Alpen eine eher
Pagina 14
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)christlich-humanistische Theorie der Musikerfindung herausgebildet. Sie widmet ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich Jubal, obwohl eine eindeutige und konkrete Entscheidung für den
biblischen Stammvater als einzig wahren Musikerfinder hier nicht immer erkennbar ist.
Der Josquinschüler Adrian Petit Coclico schreibt in seinem Traktat Compendium musices
(1552), daß von den Erfindern der musikalischen Zahlenproportionen “Tubal Haebraeus” der
erste gewesen sei, dem andere später nachgefolgt seien (Teil I, fol. Bir und Bv). Unter ihnen
wird aber Pythagoras nicht genannt.
Ebenso läßt der protestantische Musiker Hermann Finck in der Practica musica (1556)
Pythagoras unerwähnt; Tubal dagegen wird als der wahre inventor musicae gepriesen, der seine
Erkenntnisse von Gott erhalten habe.5*
Nicht nur die Musiktheorie, sondern auch die Ikonographie, die im sechzehnten Jahrhundert
nördlich der Alpen entstand, unterscheidet sich von der in Italien verbreiteten. Denn die dort
vorherrschende bildliche Bevorzugung des Pythagoras ist hier — bis auf wenige Ausnahmen
wie beispielsweise der Illustration in Martin Agricolas Musica instrumentalis deudsch (Wittenberg 1528) — nicht gegeben.
Eine ungewöhnlich ausführliche Darstellung der Juballegende zeigt ein Holzschnitt, der die
Musik in enzyklopädischer Weise allegorisiert (Fig. 15). Diese Illustration findet sich am
Anfang des fünften, der Musik gewidmeten Buches mit dem Titel “De principiis musice” in
Gregor Reischs Margarita philosophica (2. Auflage 1504). Das Buch selbst ist wiederum in
15. Gregor Reisch, Margarita philosophica (1504). — Photo: Göttingen, Niedersächsische Staats- und
Universitätsbibliothek
zwei Traktate untergliedert, von denen der erste die “musica speculativa”, der andere die “musica practica” behandelt. Im Zentrum des Bildes hält Frau Musica eine Tafel mit den im
Notensystem eingezeichneten Tonintervallen; links von ihr werden die verschiedenen instrumentalen Kategorien der praktischen Musik sowie der als “poeta” bezeichnete Komponist
vorgestellt; der Mann im Vordergrund mit erhobenem Stock personifiziert den Tanz (Schmid
1994: 253). Im rechten Bilddrittel, durch einen Pfeiler von der “Musikergruppe” getrennt, ist
eine Schmiedeszene sichtbar: ein Mann mit offenem Hemd und Lederschürze hämmert ein
Stück Eisen. Hinter seinem Kopf ist der Titulus “TVBAL” angebracht. Vor der Schmiede steht
ein bärtiger Mann mit Hut und wägt ein paar Hämmer ab, wodurch er als zur Schmiedeszene
gehörig gekennzeichnet ist. Die entsprechende Textstelle bei Reisch lautef folgendermaßen:
Ipse [=Tubal filium Lamech] fuit pater canentium cithara & organo. Eo primus musicam invenit. Et
eam in duabis columnis latericia sc[ilicet] et lapidea posteris reliquit [...]_Pythagoras sonorum
proportiones experimento didicit [...] Attum Petrus Comestor in historia scholastica id a dicto Tubale
factitatum, sed a Grecis Pythagore fabulose attributum autumat. Habuit enim Tubal fratrem qui artem
ferrariam invenit, quo fabricante Tubal ex malleorum proportione dicto modo consonantias reperit.5s
Bisher wurde der Namenstitulus als Tubalkain gelesen, also als Namensbeischrift für den
Schmied aufgefaßt. Neben jener Lesart ist aber durchaus auch die Möglichkeit denkbar, daß die
54
Fol. Ai r-v. Finck spricht statt von zwei Säulen von “duabus tabulis, lateritia scilicet & marmorea” (“auf zwei
Tafeln, die eine aus Ziegeln, die andere aus Marmor”). Da die gesamte Schmiedegeschichte fehlt, hat Finck de
Inschrift tatsächlich Tubal (=Jubal) meint, wie ihn Comestor mehrfach nennt (man beachte, daß
er dagegen den Namen Tubalkain nirgendwo erwähnt). Dann wäre sie nicht als Namenstext für
den Schmied gedacht, der wie im Gafurio-Holzschnitt (Fig. 13) als Handwerker wohl eher eine
anonyme Randfigur ist, sondern für den Mann mit der Waage, über dessen Kopf sich kein Platz
für eine Inschrift befand.
Demnach ist Tubal im Vordergrund die Hauptfigur der Szene, die den wesentlichen Teil des
Experiments demonstriert, nämlich die Erkenntnis, daß die in der Schmiede wahrgenommenen
Klangunterschiede von den jeweiligen Gewichten der Hämmer abhängig sind. Das Motiv des
experimentierenden Abwägens ist wahrscheinlich der Pythagoraslegende nach Boethius
entlehnt, dessen Text Reisch ebenfalls kennt. Die Darstellung Tubals mit hohem Barett und
Mantel entspricht dagegen genau dem Typus, der sich in den seit etwa 1470 gedruckten typologischen Bilderbibeln und Trostspiegeln herausgebildet hatte. Solche Illustrationen, welche die
Schmiedeszene mit Jubal und Tubalkain zeigen (Oppermann 1925: 297-8; Abb. 1), könnten
dem Holzschneider als Vorlage gedient haben.
Trotz der im Vergleich zu den Trecento-Darstellungen sehr detailreich geschilderten Jubalge‘schichte gibt selbst Reisch als christlich-humanistischer Theoretiker keinem der beiden
Inventores den Vorzug und hält die Frage, ob nun Pythagoras oder Jubal der eigentliche Erfinder
der Musik sei, für unlösbar:
facto nur die beiden von ihm selbst genannten Quellen, die Bibel und Josephus, gekannt, nicht aber die
scholastische Tradition.
55
Probe facis cum has disceptationes ad propositum parum aut nihil facientes non resolvis tel tali
quo Tubal sive Pythagoras consonantias invenit in quattuor malleis. Sint itaque in proposito hi malleis
certis signati ponderibus.
Buch V, Tractatus I, 4, fol. nr-v. “Er [Tubal, der Sohn des Lamech] war selbst der Vater der Saiten- und
Blasmusik. Deshalb hat er als erster die Musik erfunden. Und diese überlieferte er der Nachwelt auf zwei Säulen,
nämlich auf einer aus Ziegeln, einer aus Naturstein [...] Pythagoras untersuchte durch Experimente die
Verhältnisse der Töne [...; es folgt die gesamte Pythagoras-Schmiede-Legende nach Boethius] Aber dann sagt
Petrus Comestor in seiner Historia Scholastica, daß dies von besagtem Tubal bewerkstelligt worden sei, aber von
den Griechen dem Pythagoras in märchenhafter Weise zugeschrieben worden war. Es hatte nämlich der Tubal
einen Bruder, welcher die Schmiedekunst erfand; während dieser arbeitete, fand der Tubal aus dem Verhältnis der
Hämmer auf besagte Weise die Konsonanzen.”
184
56
Ibidem, und Buch V, I, 9, fol. niv. Fortsetzung des zuvor genannten Quellenzitats: “Und du handelst recht, wenn
wie
du diese Erörterungen, die zum Ziel wenig oder nichts beitragen, nicht weiter verfolgst [...] auf solche Weise,
Tubal oder Pythagoras durch vier Hammer die Konsonanzen fand. Es sollen daher diese Hämmer mit bestimmten
Gewichten bezeichnet vor Augen stehen.”
Pagina 15
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Intervallzeichen, direkt verbunden mit den Hämmern, verweisen auf die Schmiedegeschichte
Gabriele Frings
5. Analyse des Florentiner Gemäldes
59
u
Buch I, 4. “Die erste viersaitige Lyra Merkurs haben einige zu einer zehnsaitigen erweitert. Orpheus, unterrichtet
von Merkur selbst, vermied es, den sieben Saiten der Lyra etwas hinzuzufügen. Jene siebensaitige Lyra wäre nur
durch Zufall auf unsere Zeit gekommen, wenn nicht der gelehrte Pythagoras sie (und andere Instrumente) als
.
187
Beerts der Lira da braccio in der Renaissance vgl. Winternitz 1979: 86-8 und 150-65; vgl. auch Silva
1984: 363-4. Zur Lira des Apoll vgl. Osthoff 1987: 160-1.
‚en wurden, eher aus Zufall als mit Vorbedacht.”
sein, daB der Samier Pythagoras mit seinem göttlichen Geist über die musikalischen Verhältnisse philosophie end
spazierenging; von ihnen leitete er die Ursachen der Zahlen her. Ich spiele darauf an, daß er solche Erfin u
gemacht hat aufgrund des Gewichtes und Klanges der Hämmer, die von einigen Schmieden auf den Ambo
höchsten Saite klingt durch eine weitere Diatessaron: von deren Anordnung der Saiten ausgehend, kann es leicht
Hilfsmittel benutzt hätte.”
60
61
Dialogo della musica antica et della moderna, 1581: 127. “[Zur viersaitigen Lyra:] Nach Boethius ist von der
ersten und tieferen Saite zur zweiten eine Diatessaron; von dieser zur vorletzten ein ganzer Ton; diejenige mit der
einmal mehr deutlich, wie sehr Pythagoras als Entdecker der mathematischen Musikgesetze und
das Musikinstrument mit Saiten, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Spannung besonders
geeignet sind für Proportionsstudien, zusammengehôren.
Es schließt sich hier die Frage an, warum Dosso unter den zeitgenössischen Saiteninstrumenten aber gerade eine Lira da braccio und nicht eine Laute, ebenfalls ein Wirbelinstrument,
ausgewählt hat. Hierfür sind mehrere Gründe denkbar. Einmal galt die Lira da braccio mit ihren
Melodie- und freischwingenden Bordunsaiten in der Renaissance als Nachfahrin der antiken
Lyra und ist — nicht zuletzt aufgrund der terminologisch-organologischen Analogie — in der
Bildkunst häufig als Substitut für die antike Leier gebraucht.f! Zweitens übertraf sie die Laute in
Daß Galilei die Pythagoras-Geschichte in sein Kapitel über die antike Lyra einflicht, macht
Vuole Boethio che dalla prima & piu grave corda alla seconda, vu fusse una Diatessaron; da questa
alla penultima un Tuono; la quale con la piu acuta risonava per un’altra Diatessaron: dalla cui
dispositione di corde, potria facilmente essere che Pitagora Samio andasse col divino suo intelletto
filosofando le musicali proporzioni; da loro le ragioni de numeri traesse. alludendo poi tale inventione
haver tratta dal peso & suono de percossi martelli su l’incudine da alcuni fabbri, piutosto à caso che
pensatamente.©
viersaitigen Lyra (Phorminx), deren Intervalle Boethius beschreibt, ausgehen konnte, um die
numerischen Verhältnisse der Töne zu finden; die Akkorde der Hammerschläge habe er mehr
aus Zufall entdeckt:
Auch Vincenzo Galilei (1581) ist hier zu nennen, der annimmt, daß Pythagoras allein von der
Post primum illud Mercurii tetracordum nonnulli reliquas chordas ad eptachordum usque texuerunt.
Cuius quidem septem chordarum lyrae e doctus ab ipso Mercurio Orpheus nullum studiose
memorandum facimus apposuit. Inde antiqua illa septem chordarum Iyra ni Pythagoras in ipsa (ut in
reliquis) studiosus operam navasset ad nostra forte usque tempora pervenisset.?
mit den Hammerexperimenten und dem Resultat, daß die jeweilige Tonhöhe von den Gewichten
a) Jubal, Tubalkain oder Pythagoras?
der Hämmer abhängig ist. Die im Hause des Pythagoras folgenden Versuche mit Hilfe der
gespannten Saiten, die letztlich zur Entwicklung des Saiteninstruments mit Wirbeln führten,
werden durch die genau unterhalb des Amboß liegende Lira da braccio repräsentiert. Wie schon
oben dargelegt, ist den Musiktheoretikern der Renaissance die Beziehung zwischen Pythagoras
Hammerversuchen und dem “Messen” der Töne an den gespannten Saiten, insbesondere der
Lyra (Vanneo) besonders wichtig gewesen. Gafurio (1518) ist sogar der Meinung, daß nur durch
Pythagoras’ Untersuchungen die Kenntnis von der siebensaitigen Lyra bis in die Neuzeit tradiert
wurde:
Damit komme ich zum Kernproblem von Dosso Dossis Gemälde (Fig. 1) zurück: Welcher
der inventores musicae ist dargestellt und wie sind die zwei/ weiblichen Figuren zu deuten? In
welchem Verhältnis stehen sie zur hammernden Person?
Anhand der verschiedenen Traditionsstringe in der Musiktheorie des Mittelalters und der
Renaissance ist nochmals festzuhalten, daB der Schmied Tubalkain — bis auf eine mir bekannte
Ausnahme*’ — weder in der Bibel noch in der mittelalterlichen und neuzeitlichen Uberlieferung
mit der Musik in irgendeinen direkten Zusammenhang gebracht wird. Sofern die scholastische
Uberlieferung in der frühen Neuzeit überhaupt noch bekannt war, taucht Tubalkain nur als Stichwortgeber für den Bericht über Jubal auf. Die Deutung des von Dosso inszenierten
Bildthemas als “Tubalkain” ist daher nicht haltbar. Sie basiert auf zweierlei Fehlschlüssen. Einmal ist Tubalkain traditionell nicht der Erfinder der Musik, und die Darstellung der Erfindung
der Schmiedekunst hat Dosso sicherlich nicht im Sinn gehabt. Zweitens kann auch Jubal nicht
gemeint sein, denn zu sehr unterscheidet sich Dossos Komposition von den traditionellen inventor-Darstellungen. Der heidnisch-antike Genius, die beiden nackten Frauen und die Nacktheit
des Schmieds lassen sich mit einem alttestamentlichen Bildthema nicht vereinbaren. Bedenkt
man auBerdem die dargelegte Entwicklung in der inventor-Theorie seit dem fiinfzehnten
Jahrhundert, die Jubal ganz hinter Pythagoras zurücktreten läßt, so läßt sich nur der Schluß
ziehen, daß im Bild der antike Musiktheoretiker und Mathematiker Pythagoras dargestellt ist.
Diese Identifizierung belegen auch verschiedene Motive im Bild selbst, wie im Folgenden
ausgefiihrt wird.
Da sind zunächst die drei Hammer, deren römische Zahlen in der Ikonographie des Musikerfinders eine Neuheit bedeuten, sieht man von den Hämmern mit arabischen Ziffern im
Holzschnitt zu Gafurios Theorica musice ab (Fig. 15). Die Hämmer an sich sind unverzichtbares
Attribut und Identitätsmerkmal des inventor musicae, wie es schon in den spätmittelalterlichen
tione della Musica ritrovata à caso con li martelli”). Wegen ihres Signalcharakters hat deshalb
Darstellungen der Fall war. Für die Musiktheoretiker der Renaissance genügte bei Erwähnung
der Musikentdeckung offensichtlich der Hinweis auf die Hämmer, ohne überhaupt einen Erfinder zu nennen. Nicola Vicentino beispielsweise nennt keinen Namen, jedoch ist für ihn die
Entdeckung der “musica” identisch mit der Geschichte von den Hammerklängen (I, 2: “invenauch Dosso die Hämmer exponiert ins Bild gesetzt und zusätzlich mit Zahlzeichen versehen.
Gut lesbar sind die römischen Zahlen XII des Hammers vorne am Boden und VIII desjenigen
unterhalb des Amboß. Es sind die bekannten proportionalen Zahlen, aus deren Relationen sich
unter anderem die musikalischen Intervalle Diatessaron und Diapason bilden lassen. Das schon
von Parigi (1940: 276) und Gibbons (1968: 96) als nicht mehr entzifferbar bewertete Zeichen
auf dem Hammer in der Hand des Pythagoras kann ehemals nur eine der zwei anderen Proportionszahlen VI oder IX bedeutet haben, von denen die Ziffer I noch übrig ist.’® Die
57
Bei Biagio Rossetti, Libellus de rudimentis musices (1529) liest man (fol. air): “Quis fuit inventor musices?
moses scribit hunc fuisse tubalcaym ante diluvium, sed post diluvium philosophi asserunt extitisse pythagoram,
qui sonitu malleorum & cordarum extensarum percussione, musicam repperit.” Bezeichnenderweise kennt
Rossetti die Pythagoraslegende recht gut, die mittelalterliche Jubalgeschichte dagegen nicht, was der allgemeinen
Tendenz in der Musiktheorie des sechzehnten Jahrhunderts entspricht.
sehen.
58 Slim 1990: 72 liest ein “L” und möchte darin eine Anspielung auf den Namen “Tubal” (meint hier Tubalkain)
Pagina 16
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)16. Anonym, Apoll und Vulkan. Washington, National Gallery of Art. —
Photo: Museum
bestimmten technischen Méglichkeiten, denn deren Saiten konnten nur angezupft
werden. Aber
gerade mit dem Bogen konnte man mehrere Töne gleichzeitig erklingen
lassen, also harmonische Akkorde spielen, zumal der kaum gerundete, flache Steg der
Lira dafür die beste
Voraussetzung bot. Mit der Lira da braccio betont Dosso somit deutlich den
harmonikalen Charakter der Musik. Das Streichinstrument symbolisiert die höchste Entwicklu
ngsstufe vollendeter
Harmonie, während die Hammerschläge die Musik primitivster Art als
Basis der eigentlichen
wohlklingenden Musik darstellen.
m
Im nächsten Abschnitt wird untersucht werden, in welchem Maße
die Harmonie in Dossos
Gemälde weiterhin als Schwerpunkt für das Verständnis der Musik
aufscheint.
Zunächst soll noch einmal auf die Darstellung des Pythagoras eingegang
en werden. Der
antike Gelehrte wird von Dosso nicht als antiker Philosoph mit langem
Mantel wiedergegeben
wie er beispielsweise in Raffaels Fresko Die Schule von Athen in der
Stanza della Segnatura im
Vatikan zu sehen ist (Osthoff 1987: 161-3), sondern in ungewöhnl
icher Weise als arbeitender
Schmied. Sein nackter Oberkörper und besonders der auffallende, sich
in hohem Bogen bau-.
schende Umhang entsprechen vielmehr einem anderen ikonogra
phischen Typ, dem des
Hephaistos/Vulkan, der schon in der Antike als Gott des Feuers den
Urtyp des Schmieds verkörperte. Darauf weist auch die Farbe Rot des Umhangs hin, die in
diesem Zusammenhang als
Symbol für das Feuer zu lesen ist.
Es mag genügen, hier zwei Vergleichsbeispiele anzuführen, die den Vulkanty
p, wie er in der
Renaissance verbreitet war, deutlich vor Augen führen. In dem berühmte
n Gemälde Mars und
Venus auf dem Parnaß von Andrea Mantegna, entstanden 1497 (Paris,
Musée du Louvre), steht
links Vulkan mit wehendem roten Mantel in seiner Schmiede
; eine verwandte Figur zeigt eine
188
17. Marco Dente, Vulkan, Venus und drei Amoretten. Bologna, Pinacoteca Nazionale, Gabinetto delle
Stampe. — Photo: Gabinetto Fotografico. Soprintendenza per i Beni Artistici e Storici, Bologna
italienische Bronzeplakette aus dem sechzehnten Jahrhundert (Fig. 16). Abgebildet sind rechts
Vulkan mit dem sich bogenförmig bauschenden Umhang, mit den zwei Hämmern auf den
Amboß schlagend, links Apoll mit einer figural geschmückten großen Kithara. Zugrunde liegt
beiden Kompositionen die mythologische Begebenheit des Besuches Apolls in der Schmiede
des Vulkan, um diesem vom Ehebruch seiner Gattin Venus zu berichten (Homer, Odyssee VIII;
Ovid, Metamorphosen IV).
Mit der ikonographischen Anspielung auf Vulkan, den Gemahl der Venus, hat Dosso eine
ideelle Verbindung geschaffen zur stehenden weiblichen Person rechts. Ihre Identifikation mag
durch den Vergleich mit einem Stich Marco Dentes klarer werden (Fig. 17), der das in der
Druckgraphik der Renaissance beliebte Bildthema des Besuches von Venus und Amor in der
62
63
Vgl. Lightbown 1986: Nr. 39, Farbtaf. XII. Vgl. New York 1992: 418-26. Die Bronzeplakette mit den Maßen H.
4,2 cm, B. 4,0 cm, befindet sich in der National Gallery of Art, Washington, Samuel H. Kress Collection, Nr.
A.507. 1957. 14. 353; vgl. Pope-Hennessy 1965: 65, Nr. 229, Fig. 111. Wie mir Dr. Douglas Lewis, National
Gallery, Washington, freundlicherweise mitteilte, erarbeitet er zur Zeit einen wissenschaftlichen Katalog zu den
Bronzeplaketten, der 1996 publiziert werden wird. Auch Franca Trinchieri Camiz weist auf den sich bauschenden,
roten Mantel als Erkennungszeichen fiir die Figur des Vulkan hin (1983: 86); sie deutet im weiteren Verlauf den
Schmied in Dossos Bild als Darstellung Vulkans, ‚welcher der Schutzgott Alfonsos d'Este gewesen sei (ibidem:
87). Überzeugende ikonographische Vergleichsbeispiele werden jedoch nicht angeführt; auch bleibt der Bezug
zwischen dem Gott der Schmiedekunst und der Musik ungeklärt.
Ein Exemplar des Stiches befindet sich in Bologna, Pinacoteca Nazionale, Gabinetto delle Stampe (Größe:
104: 168 mm), vgl. Ferrara/Bertelà 1975: Nr. 210 (o. Pag.). Der Stich gehört zu einer Folge von acht Blättern mit
mythologischen Themen. Marco Dente da Ravenna (+. 1527) war Schüler des berühmteren bolognesischen
Stechers Marcantonio Raimondi (um 1475-1534).
Pagina 17
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Schmiede des Vulkan variiert. Die beiden Darstellungen, Dossos Gemiilde und Dentes Stich,
weisen viele Gemeinsamkeiten auf, zu denen neben der reliefartigen Komposition ohne Tiefenraum auch die Figurenwahl und -anordnung gehört, als da sind der sitzende Vulkan mit dem
hinter ihm befindlichen Amor bzw. Genius und die rechts stehende Venus. Damit wäre auch die
stehende nuda in Dossos Gemälde benannt. Uberdies wurde Venus als einzige weibliche Gestalt
von jeher völlig unbekleidet dargestellt, so daB allein die Nacktheit ausreichen würde, die Figur
im Florentiner Bild als Venus zu identifizieren. Dosso hat den Typ der sogenannten Venus pudica, der schamhaften Venus, gewählt, der den Renaissancekünstlern unter anderem durch eine
seit dem fünfzehnten Jahrhundert nachweisbare römische Statue bekannt war und vielfach rezipiert wurde (vgl. Bober/Rubinstein 1986: 59-61). Die Figur der Venus bildet hier als Göttin der
sinnlichen Schönheit den Gegenpol zu Pythagoras/Vulkan, der den Part des Intellekts und der
Erfindungsgabe verkörpert.
In der mythologischen Literatur wird Venus aber nicht nur als Gattin Vulkans beschrieben
sondern auch als Geliebte des Kriegsgottes Ares/Mars. Bei der Besprechung der oben genannten
Bronzeplakette ist schon erwähnt worden, daß dieser Ehebruch von Apoll entdeckt und Vulkan
hinterbracht wurde, wie es in Homers Odyssee beschrieben ist. Dort erzählt der blinde Sanger
Demodokos zu den Klängen der Phorminx von der Affäre zwischen Mars und Venus und von der
Rache des Vulkan, nachdem dieser durch Apoll von ihr erfahren hatte (Odyssee VIII, 265-365).
In der Renaissance wurde die antike Göttersatire insbesondere nach der Fassung bei Ovid (Metamorphosen IV, 167-89) wiederbelebt. Nicht nur in der zeitgenössischen Dichtung wurde sie
verarbeitet, wie beispielsweise im Epos Orlando Furioso des ferraresischen Hofdichters Ariost (+
1533), sondern auch in der musiktheoretischen Literatur des sechzehnten Jahrhunderts. Pietro
Aron allerdings verwechselt in seinem Traktat Toscanello in musica Vulkan und Mars, denn bei
der Erwähnung des Gesangs des Demodokos schreibt er: “Et Demodoco da Corfu vecchio musicho celebro la ruina di Troia & le nozze di Venere & di Volcano in opera poetica” (I, 2).
Für die Szene, in der Apoll zu Vulkan kommt (wie es in der Bronzeplakette isoliert dargestelIt ist), findet sich im Florentiner Gemälde eine konkrete Anspielung in der Lira da braccio. Sie
spielt als das wichtigste Attribut Apolls in der Ikonographie der Renaissance auf den Besuch des
Sonnengottes in der Schmiede an. Damit hat das Saiteninstrument eine doppeldeutige Funktion
— analog der Doppeldeutigkeit des Schmieds.
Die dritte Figur in Dossos Bild ist ebenfalls eine Gestalt der Mythologie, die mit den beiden
anderen Personen in enger Beziehung steht.
—
b) Harmonia
Der Affäre der Venus mit dem Kriegsgott entsprang nämlich eine Tochter, Harmonia
genannt, wies in Hesiods Theogonia heißt. Von hier aus blieb die Figur der Harmonia, spätere Gemahlin des Kadmos, in der mythologischen und mythographischen Literatur des
Mittelalters und der Renaissance (Albricus; Natale Conti; Vincenzo Cartari) lebendig. Von
großem Einfluß auf die Renaissance war der römische Dichter Statius, der in dem Epos Thebais
64
Ferrara 1516, Venedig 1526 und zahlreiche weitere Auflagen. Canto XV, 56 (ed. Canetti, 339): “Avea la rete giä
fatta Vulcano di sottil fil d’acciar, ma con tal arte, che saria stata ogni fatica invano per ismagliarne la piü debol
65
66
parte; et era quella che gia piedi e mano avea legate a Venere et a Marte. La fe’ il geloso, e non ad altro effetto,
che per pigliarli insieme ambi nel letto.”
|
937, 957; zu den Quellen siehe Roscher 1886-90: I, Sp. 1830-3.
Giovanni Boccaccio (t 1375), dessen Schrift De genealogia deorum gentilium über zwei Jahrhunderte hindurch
die einzige wissenschaftliche Quelle für die Mythologie der alten Völker blieb, widmet Harmonia ein eigenes
190
Dossis Allegorie der Musik
(II: 260-316) die Idee der personifizierten Verbindung von Tapferkeit (Mars) und Schönheit
in
(Venus) ausführlich formulierte. Nach der editio princeps von 1483 erlebte das Werk allein
Venedig bis 1519 sechs weitere Auflagen.
Auch in der Musiktheorie des sechzehnten Jahrhunderts ist Harmonia gegenwärtig. Pietro
e ihrem Namen, da sie angeblich
mit
Aron erklärt sogar die Etymologie des Wortes Harmoni
perfekt das Spielen von Akkorden auf der Sackpfeife (hier gemeint als Äquivalent zum antiken
Doppelaulos) beherrschte:
autori, gli quali
Harmonia moglie di Cadmo [...] tanto seppe ben sonar la piva che non mancano
haver pigliato il
dicono quelle concordanza di differenti voci che noi chiamiamo harmonia, da lei
nome.®”
Die dritte Person im Gemälde kann schon an dieser Stelle deshalb als Harmonia, Tochter der
zu den
Venus, benannt werden. Sie ist in auffälligem Gegensatz zu der Göttin mit einem bis
Gewand
das
dürfte
ck
Kleidungstü
Dieses
angetan.
Gewand
en
rockähnlich
reichenden
Füßen
Vulkan
zitieren, das nach der griechischen Mythologie Harmonia zusammen mit einem von
1886-90:
Roscher
(siehe
bekam
geschenkt
Kadmos
mit
Hochzeit
zur
Halsband
geschmiedeten
I, Sp. 1830).
IdeenHarmonia verkörperte über ihre mythologische Herkunft hinaus auch philosophisches
gut. Sie repräsentierte das Prinzip der universalen Harmonie, die den ganzen Kosmos umspannt.
n DichDiese Überlieferung läßt sich zurückführen auf die Dionysiaka, ein Epos des griechische
ion der
ters Nonnos (Nonnus Panopolitanus, 5. Jh. n. Chr.), in dem Harmonia als Personifikat
ein
Harmonie des Universums beschrieben wird; ihre Wohnung ist ein rundes Haus, welches
Planeten
sieben
den
nach
die
auf,
Tafeln
sieben
sie
bewahrt
ihm
In
darstellt.
Weltalls
Abbild des
benannt sind und die Orakelsprüche des Weltalls enthalten, welche die Basis für die Harmonie
des Universums bilden (1933: 431, 276-87). Die Lehre von der kosmischen Harmonie,
basiehörbare
rend auf der Vorstellung, daß die Bewegungen der Planeten für den Menschen nicht
jedoch
ist
ergeben,
monie
Sphärenhar
die
h.
d.
Harmonie,
Töne produzieren, die eine perfekte
eng
sehr viel älter. Ihre Entstehung wurzelt in der Philosophie der Pythagoreer, in der die Musik
mit der Astronomie verbunden war, wie Platon berichtet (Politeia VII, 530
D; vgl. van der
r, die
Waerden 1979: 100-15). Die pythagoreischen Ideen wurden über die Vorsokratike
traneupythagoreischen Philosophen und die römischen Schriftsteller in Mittelalter und Neuzeit
Somnium
im
Cicero
bei
e
insbesonder
sich
finden
monie
Sphärenhar
diert. Bemerkungen über die
Astronomie widScipionis, bei Plinius d. Ä., der das zweite Buch seiner Naturalis historia der
und
Nikomachos
bei
Buch),
vielzitiertes
met (ein von den Musiktheoretikern der Renaissance
im Cicero-Kommentar des Macrobius, auf den sich die Renaissanceautoren für die Erklärung
der Sphärenharmonie ebenfalls berufen. Bedeutsam ist vor allem die erstmals bei Nikomachos
II, 478-9). — Panofsky
Kapitel: “De Hermiona Xla Martis filia et Cadmi coniuge” (Liber IX, 37, ed. Romano:
mythologische Figur der
war der erste, der die in der ikonographischen Forschung lange keine Rolle spielende
Harmonia wiederentdeckte (1980: 223-4).
zu spielen, daB es nicht an
67 Toscanello I, 1: “Harmonia, die Frau des Kadmos [...] wußte so gut die Sackpfeife
wir Harmonie nennen, von
Autoren fehlt, welche von jener Konkordanz der verschiedenen Stimmen sprechen, die
sie als die Nachfolgerin
der ihr Name herrührt.” Die “piva” ist in der Renaissance die Sackpfeife; Aron betrachtet
das ein gleichzeitiges
des antiken Doppelaulos. Beide Instrumente besitzen ein ähnliches technisches Prinzip,
In der Ikonographie
Anblasen von zwei oder mehr Ténen, also das eigentlich harmonische Spielen, erméglicht.
Mythos der Erfindung des
der Renaissance ist beispielsweise Athena mit einer Sackpfeife dargestellt, die auf den
Aulos durch Athena anspielt; vgl. Winternitz 1979: 150-65.
9-11; Plinius, Naturalis historia,
68 Cicero, Somnium Scipionis (De re publica V1, 9-25): 18-9, hg. Biichner 1976:
Teil III: 10-4; Macrobius,
II, 20 (83-4), hg. König 1973: 68-71; Nikomachos, Enchiridion: VI, hg. Meibom 1652,
Commentarii: II, 2-3, hg. Willis 1970: 106-7.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)formulierte Gleichsetzung der Töne mit den sieben Planeten, die durch Boethius Eingang ins
lateinische Mittelalter fand.° Nonnos’ Beschreibung der Personifikation der Weltall-Harmonie
ist also nur eine weitere Ausschmückung der alten Idee vom harmonisch geordneten Kosmos.
Die Vorstellung von der Sphärenharmonie, welche auch als musica mundana bezeichnet
wurde, beschäftigte bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein die Musiktheoretiker der Neuzeit. Als
Beispiel für die Musiktheorie der Renaissance sei hier Niccolò Burzio zitiert, der die Harmonie
des Kosmos ganz im Sinne der Antike beschreibt:
Nam mundus armonia quadam compositus est, ipsumque celum armonie modulatione revolvitur.
Celestium tamen corporum intervalla sola considerantur ratione non sensu. Igitur a terra ad lunam
Pythagoras putavit, teste Macrobio, esse stadiorum circiter centum viginti sex millium, idque esse toni
intervallum.?®
Zwar ist die kosmische Harmonie nicht hörbar, jedoch sei die klingende Musik, so Gafurio in
De harmonia musicorum instrumentorum (1518), ein Abbild der natürlichen Harmonie des Universums, die auf diesem Wege sinnlich erfahrbar ist.”' Noch Zarlino legt in den Istitutioni (1558)
ausführlich und unter Benutzung der genannten antiken Autoren “l’ Harmonia delle Sphere Celesti” dar (II, 29).
Dossis Allegorie der Musik
Somit ist die Kreiskomposition im Florentiner Gemälde als traditionelles Symbol der Harmonie der Sphären zu verstehen. Dadurch, daß Harmonia sich auf die Notentafel stützt, hat Dosso
behandeln, nämlich Nikomachos, Macrobius und Boethius. Es lag also für den Maler nahe,
eine unmittelbare Verbindung zwischen der sitzenden Personifikation und der auf der Tafel symbolisierten “Harmonia celeste” geschaffen.
Darüber hinaus steht auch die Figur des Pythagoras in enger Relation zur Kreisnotation.
Denn den Pythagoreern wurde, wie erwähnt, von jeher neben der Erfindung der numerischen
Intervalle auch die Entdeckung der kosmischen Harmonie zugeschrieben. Bemerkenswert ist für
Dossos Bilderfindung, daß dieselben antiken Autoren, welche die Schmiedelegende überliefern,
auf welche die Darstellung des Pythagoras als Schmied zurückgeht, auch die Sphärenharmonie
neben Pythagoras in persona als inventor musicae, gleichzeitig auch die pythagoreische Idee
von der weltdurchdringenden Harmonie ins Bild zu setzen.
Nicht zuletzt ist die im Bild symbolisierte Theorie von der Musik des Universums auch ein
weiteres Indiz dafür, daß im Schmied nur Pythagoras identifiziert werden kann und nicht etwa
Tubalkain oder Jubal, die in keinerlei Zusammenhang mit der Sphärenharmonie stehen.
c) “Trinitas in unum” als umfassendes Musikkonzept
Dreiecknotation und der Inschrift “Trinitas in unum”. Slim fand heraus, daß die Noten als eine
Zur frontal ins Bild gesetzten Tafel gehört als Pendant die ganz rechts sichtbare mit der
steht das Motiv der kreisrunden Notenschrift, die auf der Tafel links zu sehen ist. Die Tatsache,
daß hier sechs Notenlinien wiedergegeben sind statt der üblichen fünf, läßt vermuten, daß hier
In enger Beziehung zu der im Gemälde personifizierten Idee von der universalen Harmonie
nicht die Abbildung einer bestimmten Liedkomposition beabsichtigt ist (dazu Slim 1990). Die
Darstellung konzentrischer Kreise, welche die sechs Notenlinien bilden, war von jeher ein Sym-
193
abgedruckt ist. Auch in der italienischen Literatur hat das Bild vom klingenden Sphärenkreis eine alte Tradition,
wie es eine Passage im “Paradiso” in Dantes Divina Commedia oder die Legende von den drei Mönchen,
ebenfalls aus dem Trecento, zeigen, bei Kämper 1971: 359. Vgl. auch Meyer-Baer 1970: 116-129.
und den isidorischen “tri forme” der Töne (harmonica, organica, rhythmica).
Die musica mundana meint die Harmonie der Planetensphären, die im Bild direkt symbolisiert wird durch die Kreisnotation. Sie bedeutet die Harmonie zwischen Körper und Seele, Sinn
und Geist und weist damit auf die Grundidee der pythagoreischen Lehre hin: nur vom auditiv
wahrnehmbaren Klang der musikalischen Instrumente ausgehend, konnten die Pythagoreer die
zahlengesetzliche Grundlage der wohlklingenden Harmonie entdecken. Diesen den Sinn
scheidet darüberhinaus zwischen “tre sorti de la musica”: “Mondana, Humana, Istromentale”
Aufteilung ihren Niederschlag in der Musiktheorie des Mittelalters und der Neuzeit. Gafurio
beispielsweise widmet den drei Kategorien in seinem Traktat Theorica musice (1492) eigene
Kapitel, in denen er jeweils das Wesen der einzelnen Musikarten darlegt, und Pietro Aron unterpen an, die musica humana und die musica instrumentalis. Von Boethius aus fand diese
Gesamtthema des Bildes, nur in Bezug auf das Thema Musik gedeutet werden. Da beide Notentafeln als zusammengehörig gedacht sind, kann man annehmen, daß das musikalische Motto
auch die auf der anderen Tafel symbolisierte Sphärenharmonie miteinschließt. Anders herum
gesagt, die Sphärenharmonie bildet als musica mundana nur einen Teil der Musik. Dosso muß
also im Hinblick auf den Titulus noch zwei weitere Gruppen der Musik im Sinn gehabt haben.
Tatsächlich schließen sich der Kategorie der musica mundana traditionell zwei weitere Grup-
Dreiheit, die zusammen ein Ganzes bildet, kann, gemessen an der Notendarstellung sowie am
Dreieck ganz offensichtlich eine visuelle Umsetzung des Mottos “Trinitas in unum”. Diese
die Kreisnotation vorgenommen wurde. Denn als rein geometrische Form betrachtet, bildet das
Komposition des unter anderem in Ferrara tätigen Josquin des Préz (t 1521) “Agnus Dei II” zu
lesen seien (1990: 59). Da die Form des Dreiecks für eine Notenkomposition äußerst ungewöhnlich ist, liegt es nahe, das Augenmerk auf das Dreieck per se zu richten, wie es entsprechend für
bol für die Himmelssphären, d. h. die Umlaufbahnen der Planeten, die als vollkommene Kreise
gedacht wurden. Hierfür läßt sich in der Musikikonographie eine Tradition seit dem zwölften
Jahrhundert belegen”? Auch die Musiktheoretiker der Renaissance benutzten das Diagramm mit
konzentrischen Kreisen zur Illustration ihrer Erörterungen von den klingenden Sphären. In Zar-
7
Zarlino, Istitutioni 1573: II, 29, 120 (hier der Holzschnitt mit der kosmischen Kreiskomposition). Eine ähnliche
kosmische Zusammenstellung von Musen, Planeten und Modi findet sich im berühmten Holzschnitt in Gafurios
Practica musicae (Mailand 1496), der noch einmal in De harmonia musicorum instrumentorum (1518)
Musik darstellt, siehe Seebass 1973: 95; Taf. 82.
besaß, vgl. Jacques Handschin, “Giorgio Anselmi.” Die Musik in Geschichte und Gegenwart 1959-61, I: 507.
Als Beispiel sei die französische Illustration eines Pontifikale vom Ende des zwölften Jahrhunderts genannt,
welche innerhalb einer kreisförmig geschlossenen Anordnung die personifizierte Luft, Musen und ‘Erfinder’ der
stützen sich auf den Traktat Dialoghi de harmonia des Giorgio Anselmi, dessen handschriftliches Exemplar Gafurio
Buch IV, 14: “Non igitur incongruum existimamus Pythagoricis ipsis atque Platoni preberi consensum: qui sonos
ipsos aethereos secundum subiectum instrumentalium sonorum ordinem productos esse asserunt: nobis tamen
inaudibiles: q [sic] aures haud aptas habemus ob masimam distantiam & turbidiorem corporis commixtionem.”
(“Wir halten es nicht für unpassend, der Meinung der Pythagoreer selbst und des Platon zuzustimmen, die
annehmen, daß die himmlischen Klänge selbst gemäß einer bestimmten Ordnung der Töne der Instrumente
hervorgebracht werden. Für uns sind sie jedoch nicht hörbar, da unsere Ohren nicht gerade dafür eingerichtet sind,
die große Distanz und die wirre Vermischung der [Himmels-] Körper wahrzunehmen”). Gafurios Ausführungen
Intervall Tonus.”
Himmelskörper nur mit dem Verstand, nicht durch die Sinneswahrnehmung betrachtet. Daher glaubte Pythagoras,
nach dem Zeugnis des Macrobius, von der Erde zum Mond seien es ungefähr 126.000 Stadien und dies sei das
und der Himmel selbst dreht sich mit Veränderung der Harmonie. Dennoch werden die Intervalle der
Nikomachos, Enchiridion: Kap. 3 (Meibom 6): “Sonorum itaque nomina ab illis in coelo versantibus septem
stellis”, Boethius, De institutione musica: I, 27, (Friedlein 219). Zur Rezeptionsgeschichte siehe auch Spitzer
1963. Für die Sphärenharmonie in der Musiktheorie seit der Antike siehe Meyer-Baer 1970:70-86.
Musices opusculum 1487: Kap. 3, fol. a“iv. “Denn die Welt ist durch eine bestimmte Harmonie zusammengefügt
linos Istitutioni (1558) etwa findet sich ein Holzschnitt, in dem konzentrische Kreise die
Planetenbahnen markieren, denen die Musen sowie die einzelnen Intervalle zugeordnet sind.”
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)erfreuenden Wohlklang verkörpert im Bild die Göttin der Schönheit, Venus. Ein wichtiges Indiz
dafür ist das ungewöhnliche Motiv ihres demonstrativ vom Betrachter abgekehrten Gesichtes.
Denn nicht der Gesichtssinn, also die optische Schönheit soll im Vordergrund stehen, für die
Venus üblicherweise figuriert, sondern die akustische Schönheit. Dagegen verkörpert auf der
anderen Seite Pythagoras/Vulkan als Wissenschaftler und kunstreicher Schmied sozusagen in
dritter Funktion das Gesetz der Zahl und die Erfindungsgabe und steht somit für die Ratio. Die
musica instrumentalis, durch das Motiv der Hämmer und der Lira da braccio dargestellt, ist das
klingende Abbild der beiden anderen Kategorien. Alle drei Arten der “harmonia” vereinigen
sich “in una”, sie bilden die Gesamtheit der Musik, die als Harmonia im Zentrum des Bildes
personifiziert ist.
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß im Gemälde grundsätzlich zwei Bedeutungsebenen existieren, die sich durch die gesamte Komposition ziehen. Die beiden Ebenen betreffen
Schönheit, also der sinnlich wahrnehmbaren Musik, nahtlos in die zwei Bedeutungsebenen des
sowohl die dargestellten Personen als auch die Gegenstände. Der Schmied stellt zunächst die
historische Figur des sich wissenschaftlich betätigenden Pythagoras dar, spielt aber gleichzeitig
auf Vulkan und die mythologische Begebenheit des Ehebruchs seiner Gattin Venus an, die
rechts wiedergegeben ist. Damit hat auch die Lira da braccio eine doppeldeutige Funktion: einmal ist sie unmittelbarer Teil der Entdeckungen des Pythagoras, zweitens gehört sie zur
mythologischen Welt des Vulkan und meint hier die Lyra Apolls. In diesem Sinne fügt sich
Venus als mythische Mutter der Harmonia und gleichzeitige Personifikation der akustischen
ten in sich. Sie ist als Harmonia zunächst die mythologische Tochter der Venus; weiterhin
Bildes ein. Die zentrale Frauenfigur vereint ebenfalls in subtiler Weise zwei Bedeutungsschichverkörpert sie aber auch die Harmonie als Musik schlechthin im Sinne der traditionellen Frau
Musica. Deshalb füllt sie auch das Zentrum des Bildes aus, eingerahmt von den Vertretern der
mathematischen Musiktheorie und des sinnlichen Wohlklangs.
Martianus Capella spricht in seinem auch noch in der Renaissance vielgelesenen allegorischen Roman De nuptiis Philologiae et Mercurii libri IX (5. Jh.; ed. princ. Vicenza 1499) nicht
von der Musica, sondern nennt im letzten Buch die siebte der Artes Liberales Harmonia.” Auch
ihre Mutter Venus, die außerdem im siebten Buch über die Arithmetik in direkte Verbindung mit
hier wird auf die mythologische Figur, die Tochter von Venus und Mars angespielt. Denn im
Romantext folgt der personifizierten Harmonie bei ihrem Einzug in den Hochzeitssaal direkt
den vier bekannten Tonintervallen gesetzt und als “Mutter der Harmonia” bezeichnet wird:
Hic primus numerus, id est senarius, harmonias ostenditur genuisse; quippe sex ad duodecim est
symphonia diapason, sex ad novem hemiolios, sex ad octo epitritos, id est symphonia diatessaron.
Unde Venus Harmoniae mater perhibetur.”5
Wie bei Dosso sind also auch bei Capella zwei Ebenen miteinander vermischt, indem die
mythologische Gestalt der Harmonia die Grundlage bildet für die Allegorie der ars musica.
Romans 1499 waren zahlreiche Handschriften in der Renaissance verbreitet, vgl. Leonardi 1959: 480-1; allein in
Florentiner Bibliotheken befinden sich siebzehn Exemplare, vgl. ders. 1960: 36-53. Zur Rezeption des Martianus
Capella in Literatur und Kunst der Renaissance siehe Filangieri di Candida 1900: 114-30, 213-29; vgl. auch
Stahl, Johnson und Burge (Hgg.) 1971-7, II: 245-9.
74 Liber IX “De Harmonia”, 888-90, hg. Willis 1983: 337-86. Schon vor der Drucklegung des allegorischen
75
Liber VII “De Arithmetica”: 737, hg. Willis 1983: 337-8. “Diese erste Zahl, der Senarius, zeigt sich als die
Harmonien erzeugende; als solche, sechs zu zwölf ist der Zusammenklang Diapason, sechs zu neun Hemiolios,
sechs zu acht Epitritos, das ist der Zusammenklang Diatessaron. Daher gilt Venus als die Mutter der Harmonia.”
Der Einzug in den Hochszeitssaal in Liber IX “De harmonia”: 888-90, hg. Willis 1893: 337-8.
194
El
Dossis Allegorie der Musik
18. Dosso Dossi, Apoll (Allegorie der Musik). Rom, Galleria Borghese. — Photo: Soprintendenza per i
Beni Artistici e Storici di Roma
Pagina 20
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Noch ein weiteres interessantes Detail findet sich bei Capella, das zum Florentiner Bild eine auffallende Parallele zeigt. Harmonias Attribut wird als kreisrundes Instrument beschrieben, dessen
Saiten alle Töne gleichzeitig erklingen lassen können, da sie in konzentrischen Kreisen angeordnet sind — ebenso wie die Notenlinien auf der Tafel im Bild ein konzentrisches Kreisgefüge
bilden:
Dextra autem quoddam gyris multiplicibus circulatum et miris ductibus intertextum velut clipeum
gestitabat, quod quidem suis invicem complexibus modulatum ex illis fidibus circulatis omnium
modorum concinentiam personabat [...] Verum ille orbis non chelys nec barbiton nec tetrachordon
apparebat, sed ignota rotunditas omnium melodias transcenderat organorum.”
Da man alle Töne dieses Instruments auf einmal erklingen lassen kann, übertrifft es mit seiner Harmonie und dem Wohlklang alle anderen bekannten Instrumente, denen es in keiner
Weise gleicht. Das wunderbare Instrument, welches es in Wirklichkeit nicht gibt, ist als ein
In einem anderen, etwas früher entstandenen Musikbild hat Dosso Dossi in gleicher Weise
Symbol für die universale Harmonie zu verstehen und damit als Attribut der eigentlichen personifizierten Harmonie — so wie im Gemälde die konzentrischen Kreise der Notation als Symbol
für die Sphärenharmonie ein Attribut Harmonias sind. Nicht allein in diesem Motiv, sondern
auch im Verständnis der Musik als perfekte Harmonie ist Capellas literarische Musikallegorie
Dossos gemalter Allegorie der Musik eng verwandt.
aller Weisen erklingen lief [...] Aber jenes Instrument erschien weder als Chelys (Lyra), noch als Barbiton, noch
als ein Tetrachord, sondern als das Unbekannte übertraf es die vollkommenen Melodien aller Instrumente.” Das
Instrument wird nochmals hervorgehoben in dem an Jupiter gerichteten Lied in IX, 911-3, hg. Willis 1983: 348f.
Ol auf Leinwand, 191:116 cm; Galleria Borghese, Rom; Inv. Nr. 1; Gibbons 1968: Nr. 55, Datierung in die erste
Hälfte der 1520er Jahre.
.
Vgl. beispielsweise Aron, Toscanello 1539: I, 2: “Vogliono altri che questa inventione [di musica] non fussi
d’huomo mortale, ma dono di Apolline ornato di tutte le virtu & scienze”. Galilei, Dialogo 1581: 142 (“Apollo
inventore del sonare & cantare”).
Zur Zeit Ercole I. (+ 1505) beispielsweise wirkte in Ferrara der Humanist Felice Feliciano, der in einem Brief an
einen Freund über seine persönliche Erfahrung mit der Harmonie des Kosmos schreibt: “Sententia & di tutti i
welches aus seinen kreisförmigen Saiten durch seine melodischen Verbindungen wechselseitig eine Harmonie
Liber IX: 909-10, hg. Willis 1983: 347. “Mit der Rechten aber führte sie [ein Instrument], durch vielfach
verschlungene Windungen kreisférmig gebildet wie ein Schild und mit wunderbaren Gebilden durchzogen,
zwei Bedeutungsebenen verschmolzen, allerdings in einer noch weniger ausgereiften Form. Es
ist das Gemälde Apoll in der Galleria Borghese in Rom (Fig. 18).77 Daphne in der Landschaft im
Hintergrund verweist einmal auf die bekannte mythologische Szene, die bei Ovid erzählte
Verwandlung der Nymphe, als sie von Apoll verfolgt wurde (Metamorphosen I, 455-565). Die
zweite und wichtigere Bedeutungsschicht läBt die Darstellung als eine Allegorie der Musik
erscheinen, denn der Sonnengott wurde seit der Antike auch als mythologischer “Erfinder” der
Musik angesehen.” Auch in diesem Gemälde bildet die Harmonie den Schwerpunkt für das
Musikverständnis. Darauf weist einmal die auffällig in den Bildvordergrund gerückte Lira da
braccio mit ihrer oben erklärten Harmonie-Symbolik hin. Weiterhin galt nach einer in der
Antike wurzelnden, weit verbreiteten Theorie Apoll selber als Regent dér planetarischen Sphären, dessen Musik auf der Lyra als Quelle der kosmischen Harmonie erklärt wurde
(Mossakowski 1973: 451-60).
‘
Die Lehre von der weltdurchdringenden Harmonie, die im Florentiner Gemätde Dosso Dossis eine entscheidende, den Bildinhalt bestimmende Rolle spielt, hatte sich insbesondere in
Ferrara seit dem fiinfzehnten Jahrhundert durch die am Hofe der Este bliihende Astronomie —
bedeutende Astronomen wie Giovanni Biachini und Regiomontanus waren hier tätig — entfalten können.” Im folgenden Jahrhundert war es der Astronom und Professor für Griechisch und
76
77
78
79
196
Dossis Allegorie der Musik
Latein, Celio Calcagnini (1479-1541), der am Hofe von Ferrara wirkte. Sein Gönner war Kardiwird (ibidem). Es ist anzunehmen, daß das Gemälde unter dem Einfluß der Lehren Calcagninis,
nal Ippolito d’Este I (1479-1520), der selber sehr interessiert an astronomischen Theorien und
wissenschaftlichen Instrumenten war sowie mathematische Biicher sammelte (Rose 1975:
123-4). Von einer diplomatischen Reise 1517-19 brachten Calcagnini und der Kardinal unter
anderem eine lateinische Übersetzung des Ptolemaios und das erwähnte zweite Buch von Plinius’ d. A. Naturalis historia mit, in dem die pythagoreische Harmonie der Sphären erörtert
der mit vielen Künstlern bekannt war, entstanden ist. In jedem Fall muß Dossos Auftraggeber in
den Schriften der antiken Gelehrten und Dichter belesen gewesen sein und vor allem weitreichende Kenntnisse in den quadrivialen Wissenschaften Musik und Astronomie oder zumindest
darin gebildete Berater — wie sie Isabella d’Este in Mantua für ihre Bildaufträge heranzog —
gehabt haben, damit solch ein ausgefeiltes Bildprogramm unter Verwendung mythologisch-philosophischen Gedankengutes entstehen konnte. Die Musikliebhaberei eines Dilettanten, dessen
Ambitionen sich lediglich auf das praktische Musizieren beschränkten, reichte hierfür sicherlich
nicht aus.®
Ÿ
ABSSTRAcGT |
Iconographic analysis of Dosso Dossi's painting Allegory
of
Music
(Florence,
Museo
Horne).
Discusses a variety of depictions of the invention of music from the middle ages to the 16th
c.
involving the female personification of music, the philosopher Pythagoras, and the biblical
figures of Jubal and Tubal-cain. Argues that Dossi’s picture largely departs from tradition
and in
most respects works on two levels: the figure of the smith on the left represents both
Pythagoras and Vulcan; the standing nude on the right represents both Venus and the
sensuous beauty of sound; and the figure in the center represents Venus’s daughter Harmonia
and also symbolizes musical harmony in the tradition of earlier female personifications. Also
discusses the meaning of the lira da braccio and the two tablets with musical notations.
80
Philosophi che la musica el sonare el cantare sia alimento del l’anima e per questo habiamo testimonio che ella
vengi dalle sedie del cielo ove ogni armonia sempre risulta. Io le ho udito tante volte modulare la cytara cum
quella suavita che non mi seria stato in quel puncto grave il morire”, zit. nach Bertoni 1903: 184.
Slim 1990: 76 weist für eine musikalische Beeinflussung Dossos auf die Costabili-Brüder Antonio (f 1527) und
Beltrame (+ 1519) hin, die beide als Musiker am Hofe von Ferrara tätig waren, sich also lediglich mit der
praktischen Musik befaBten.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Hrabanus Maurus
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