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Klaus-Jürgen Sachs
Kosmos (Weltall), als das ureümlich bestaunte, unerreichbar ge-'
heimnisvolle, als Sitz. ferner Götter oder Schicksalsmächte vorgestellte Reich der Gestirne, und Musik, als eine zwar elementare,
doch gleichfalls in ihrem Wesen wie Wirken rätselhafte Lebensäußerung des Menschen, wurden schon in alten Hochkulturen
miteinander in Beziehung gesetzt. Auch wenn sich historisch nichr
nachzeichnen läßt, wann und wie dies geschehen sein mag, welche
Etwa derart, wie es Rudolf
Otto (Das Heilige. Über das
Irrationale in der Idee des
Göttlichen und sein Verhälınis zum
Rativnalen,
München *1963) zu umkreisen versuchte.
Hans Ocsch, Außereusropäiiche Musik, Teil ? (Neues
Handbuch der Musikwissenschaft 8), Laaber 1984,
S.19, 438.
Bartel Leendert van dei
Waerden, Die Pyshagoreer.
Religiöse Bruderschaft und
Schule der Wissenschaft, Züeich und München 1979,
en
S. 223f.
Walter Burkert, Weisheit
relipionsgeschichtlichen Vorgänge, erwa im Sinn von Erfahrungen
des »Numinosen«', dabei mitentscheidend waren und wie diffuse
Ahnungen sich zu verknüpfenden Vorstellungen bildeten, verband
doch beide, Kosmos wie Musik, daß sie, in ähnlichem Grade
unbegreiflich und faszinierend, zur ihrer Deutung, aber auch zu
ihrer Erkundung herausforderten. Wenn dabei zwischen den:auffälligsten Einzelbestandteilen im Kosmos — vor allem den Wandelsternen - und in der Musik — den als grund egend erachteten
Tönen - Entsprechungen vermutet oder
als »gegeben« angesehen
wurden, so kann sich dies im Rahmen allgemeinerer Zuordnungen von charakteristischen »Dingen des Lebens« zu musikalischen
Tönen, wie
in China bezeugt‘, vollzogen haben. Im babylonischen
Bereich aber fand das Bilden solcher Entsprechungen bereits durch
die l.ehre von der »Göttlichkeit der Gestirne« und durch die archetypische Bedeutung einfacher, symbolisch gedeuteter Zahlen‘
und Wisenschaft, Studien
wie auch deren eigentümliche Präsenz beim vergleichenden
Aba4 Pythagoras, Plnilolaos und
messen der Saitenlängen zu verschieden Tönen eine besondere
PHaton (Erlanger Beiträge
Ausprägung, Und sie bot anscheinend den Hintergrund, vor de m
zur Sprach- und Kunstwissenschaft 10). Nürtedie Versuche, maßgebende Erfahrungs- und Lebensbereiche in
berg 1962, 5. 443-449.
ihren vielfältigen und gegensätzlichen, aber gemeinsam wirkenden
Momcnten in einer universalen Zusammenschau zu fassen, »Musikalisches« nicht nur mit einbezogen, sondern
— so in der »pychagoreischen« Form dieser Vorstellungen - zum zentr:alen Gedanken
erhoben,
Mit Pythagoras (im 6. Jahrhundertv. Chr.) und seinen Anhän.
gern, den ‚Pythagoreern«, ist aufgrund vieler, auch alter Zeugnisse die Ausbildung eines Lehrsystems verbunden, das, an geschichtlicher Wirkung und Dauerhaftigkeit unübertroffen, die Musikchen-
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Klaus-Jürgen Sachs
Kosmos (Weltall), als das urtümlich bestaunte, unerreichbar geheimnisvolle, als Sitz ferner Götter oder Schicksalsmächte vorgestellte Reich der Gestirne, und Musik, als eine zwar elementare,
doch gleichfalls in ihrem Wesen wie Wirken rätselhafte Lebensäußerung des Menschen, wurden schon in alten Hochkulturen
miteinander in Beziehung gesetzt. Auch wenn sich historisch nicht
nachzeichnen läßt, wann und wie dies geschehen sein mag, welche
religionsgeschichtlichen Vorgänge, etwa im Sinn von Erfahrungen
Etwa derart, wie es Rudolf
des »Numinosen«', dabei mitentscheidend waren und wie diffuse
Otto (Das Heilige. Über das
Ahnungen sich zu verknüpfenden Vorstellungen bildeten, verband
Irrationale in der Idee des
Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen,
München 1963) zu umkreisen versuchte.
Hans Oesch, Außereuropäische Musik, Teil I (Neues
Handbuch der Musikwissenschaft 8), Laaber 1984,
doch beide, Kosmos wie Musik, daß sie, in ähnlichem Grade
unbegreiflich und faszinierend, zur ihrer Deutung, aber auch zu
ihrer Erkundung herausforderten. Wenn dabei zwischen den auffälligsten Einzelbestandteilen im Kosmos — vor allem den Wandelsternen — und in der Musik — den als grundlegend erachteten
Tönen — Entsprechungen vermutet oder als »gegeben« angesehen
$. 15, 43f.
Bartel Leendert van der
Waerden, Die Pythagoreer.
Religiöse Bruderschaft und
Schule der Wissenschaft, Zürich und München 1979,
wurden, so kann sich dies im Rahmen allgemeinerer Zuordnungen von charakteristischen »Dingen des Lebens« zu musikalischen
Tönen, wie in China bezeugt’, vollzogen haben. Im babylonischen
Bereich aber fand das Bilden solcher Entsprechungen bereits durch
die Lehre von der »Göttlichkeit der Gestirne« und durch die ar-
S. 223f.
Walter Burkert, Weisheit
und Wissenschaft. Studien
chetypische Bedeutung einfacher, symbolisch gedeuteter Zahlen‘
zu Pythagoras, Philolaos und
Platon (Exlanger Beiträge
zur Sprach- und Kunstwissenschaft 10), Nürnberg 1962, S. 443-449.
wie auch deren eigentümliche Präsenz beim vergleichenden Abmessen der Saitenlängen zu verschieden Tönen eine besondere
Ausprägung. Und sie bot anscheinend den Hintergrund, vor dem
die Versuche, maßgebende Erfahrungs- und Lebensbereiche in
ihren vielfältigen und gegensätzlichen, aber gemeinsam wirkenden
Momenten in einer universalen Zusammenschau zu fassen, »Musikalisches« nicht nur mit einbezogen, sondern — so in der »pythagoreischen« Form dieser Vorstellungen — zum zentralen Gedanken
erhoben.
Mit Pythagoras (im 6. Jahrhundert v. Chr.) und seinen Anhängern, den »Pythagoreern, ist aufgrund vieler, auch alter Zeugnisse die Ausbildung eines Lehrsystems verbunden, das, an geschichtlicher Wirkung und Dauerhaftigkeit unübertroffen, die Musiktheo-
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)rie auf europäischem Boden wesentlich bestimmt hat. Es kann hier
nicht darum gehen, die Genese dieses Systems’ zu umreißen, die
sich über mehrere Generationen hin erstreckte® und anhand ihrer
reichen, aber verwickelten Quellen in ausgedehnten Forschungsdiskussionen untersucht wurde. Es soll hingegen versucht werden,
seine entscheidenden Grundlagen und Einzelaspekte in ihrer Bedeutung für die (im weitesten Sinne verstandene) »Theorie« von
Musik zu skizzieren.
Als Kern dieser »pythagoreischen« Theorie zu gelten hat die an
sich schlichte, aber überraschende Erfahrung im Umgang mit
Saiteninstrumenten, daß die einfachsten Intervalle (Oktave, Quinte, Quarte) mit exakt proportionalen Teilungen einer Saite (in die
Hälfte, in zwei Drittel und drei Viertel) zusammenhängen. Diese
unleugbare Beziehung von Tonhöhenunterschied und Zahlenverhältnis der ihm zugehörigen schwingenden Saitenlängen war
zweifellos der empirische Ausgangspunkt alles dessen, was in bereits legendärer Ausschmückung als »Entdeckung« des Pythagoras
verherrlicht worden ist? und seine Rolle als eines der »inventores
musicae« in zahllosen Lehrtexten der Musik bis zur beginnenden
Neuzeit hin bestimmte.
Diese Ausgangs-Erkenntnis aber wurde begleitet und in ihrer
Weiterentfaltung gefördert 1. durch eine intensive Beschäftigung
mit»den Zahlen: in ihrer spekulativen Symbolik wie in ihren arithmetischen Gesetzmäßigkeiten, 2. durch Bemühungen um Weisheitslehren, Ethos und Welt-Erkenntnis sowie — hiervon schwer zu
trennen — durch Studien in anderen »mathematischen Wissenschaften«. In einem viel zitierten Passus hat Aristoteles diese pythagoreischen Aktivitäten so umrissen:
»Während dieser Zeit [des Leukippos, um 450, und des Demoktitos, um 420 v.
Chr.] und schon vorher legten sich die sogenannten Pythagoreer auf die Mathematik und brachten sie zuerst weiter, und darin eingelebt hielten sie die Prinzipien
dieser Wissenschaft für die Prinzipien aller Dinge. Da nämlich in diesem Gebiete
die Zahlen (arithmoi) der Natur nach das Erste sind, und sie in den Zahlen viel
Ähnlichkeiten zu sehen glaubten mit dem, was ist und entsteht [...], indem sie ferner
die Bestimmungen (päthe) und Verhältnisse (lögoi) der Harmonie in Zahlen fanden, und ihnen soweit sich alles andere seiner Natur nach als den Zahlen nachgebildet, die Zahlen aber als das erste in der gesamten Natur zeigten, so nahmen sie
an, die Elemente (stoicheia) der Zahlen seien Elemente aller Dinge und der ganze
Himmel sei Harmonie und Zahl« (Metaphysik, 985b).?
5
Eine gezielt entwicklung
geschichtliche Darstellur
stünde vor kaum übe
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ten: z. B. altes oder ältestı
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mentarisch Überliefert:
(auf dem Boden einer bı
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literatur) zu interpretieres
Van der Waerden, Die P
thagoreer, gibt auf S. 7
eine Skizze über fünf mu
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Pythagoras (um 530-50(
bis Archytas (um 400-360
Vgl. Hans Oppermanı
Eine Pythagoraslegende, is
Bonner Jahrbücher (Jah:
bücher des Vereins vo
Altertumsfreunden
it
Rheinlande) 130 (1925
S. 284-301.
Wiedergegeben nach d«
Übersetzung von He.
mann Bonitz (Aristotele
Metaphysik,
Hambur
1994, $. 49-50).
Pagina 4
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Zahlenbezogene Grundlagen der musikalischen Theorie
In einer ersten Entfaltung dessen, was für die pythagoreische
Theorie als »Zahl« derart grundlegend wurde, sollen fünf Aspekte skizziert werden:
1. die »Tetraktys« (Gruppe der ersten vier ganzen Zahlen),
2. die gleichfalls bedeutsame andere Vier-Zahlen-Gruppe 6-8-912, maßgebend am offenbar empirisch wichtigen zwölfgeteilten
Monochotrd,
3. die Lehre von den drei »Mittel«-Bildungen (dem arithmetischen, geometrischen und harmonischen), leicht zu veranschaulichen am selben Monochord,
4. der Vorrang »überteiliger« Proportionen — d.h. solcher von der
Form »(n+1) : n« bei n als natürlicher Zahl >1 — für die numerische (durch Längen- bzw. Schwingungsverhältnisse der Einzeltöne ausgedrückte) Bestimmung der musikalischen Intervalle,
5. dasan Intervall-Zahlenverhältnissen ausgerichtete Bilden bzw.
Errechnen musikalischer Skalen und Skalenausschnitte.
9
Van der Waerden, Die Py-
1. Die Tetraktys. Die Folge der ersten vier natürlichen Zahlen war
den Pythagoreern als »Quelle und Wurzel der ewigen Natur« so
heilig, daß der pythagoreische Eid geleistet wurde bei dem, »der
unserer Seele die Tetraktys übergeben hat«.? Der Glaube, in »den
thagoreer, S. 104.
Zahlen« die Prinzipien der Natur zu erfassen, konnte sich bei der
10 Burkert, Weisheit und Wissenschaft, S. 443.
11 Arpad Szabö, Anfänge der
griechischen Mathematik,
München und Wien 1969,
S. 157£; Bartel Leendert
van der Waerden, Die Harmonielehre der Pythagoreer,
in: Hermes. Zeitschrift für
Klassische Philologie 78
(1943), S. 163-199, hier
S. 170; ders., Die Pythagoreer, $. 369f.
Tetraktys berufen auf die Vereinigung des »Ungeraden« (Weiblichen) mit dem »Geraden« (Männlichen), auf den Symbolgehalt
der Vier, auf die Darstellbarkeit im »vollkommenen Dreieck« mit der
Summe 10, welche »die gesamte Natur der Zahlen umfaßt und die
Gliederung des Kosmos bestimmt«', vor allem aber auf die Zahlenverhältnisse innerhalb der Tetraktys (2:1, 4:2 Oktave, 4:1 Doppeloktave, 3:2 Quinte, 3:1 Oktavquinte, 4:3 Quarte) als Repräsentanten ausnahmslos konsonierender »symphoner«) Intervalle.
2. Die Zahlengruppe 6-8-9-12. Sie kann als modifizierte (speziell musiktheoretische Variante der) Tetraktys angesehen werden,
denn diese Gruppe vermeidet die lediglich oktaverweiterten
Grundintervalle (4:1, 3:1) wie das Doppelvorkommen der Oktave (4:2), schließt aber die zur Skalenbildung unerläßliche Ganztonrelation (9:8) ein und ergibt sich mühelos, wenn man den Gebrauch eines zwölfgeteilten Monochords voraussetzt, wie ihn
manche Zeugen bereits bei Pythagoras annehmen."
3. Die Lehre von arithmetischem, geometrischem und harmonischem »Mittek. Hierbei handelt es sich um ein Gebiet der
Pagina 5
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Proportionenlehre, das vermutlich schon zu babylonischen
Rechentechniken gehörte'?, bei den Pythagoreern aber für die
Musiktheorie wesentlich wurde. Eine dem Aristoteles zugeschriebene Passage aus Plutarchs Musikschrift bezeichnet die »Harmonia« als himmlisch; sie habe eine göttliche, herrliche, wunderbare
Natur, werde von vier Gliedern hervorgebracht und weise zwei
Mittel auf, das arithmetische und das harmonische." Ein Fragment
des Archytas beschränkt sich nicht auf jene beiden — musikalisch
wichtigen — Mittel, sondern bestimmt: »Es gibt in der Musik drei
Mittel«, die sodann skizziert werden‘? und deren Merkmale sich
folgendermaßen abstrakt darstellen lassen (wobei gelten soll a>b):
Mittel
Kurzformel
Arithmetisches [- m] a:a+b:b a-m = m-b
bewirkt
gleiche Differenzen
2
Geometrisches [= gl
Harmonisches{-b]
a: Yab:: b a:g = gib
a:2ab:b a:b=(a-h): (h-b)
arb
gleiche Proportionen
Differenzen in gleicher
Proportion wie die Außenglieder
Die vier Glieder, von denen im erwähnten Text die Rede ist, sind
die Außenglieder einer Oktavproportion sowie zwei Binnenglieder,
welche die Oktave einerseits arithmetisch, andererseits harmonisch
»teilen«. Für die Veranschaulichung dieser Zusammenhänge zumal
im Blick auf die Musik bieten sich seit alters die Zahlen 6-8-9-12
an, die allerdings in den erhaltenen Quellen mit zwei verschiedenen Zuordnungen überliefert werden: entweder — so im Aristoteles-Fragment aus Plutarch — zum höheren Oktavton (Nete) die
größere Zahl (12), zum tieferen (Hypate) die kleinere (6), wie sich
dies motivieren läßt durch die Erwähnung schnellerer Bewegungen der hohen gegenüber den tieferen Tönen”, oder - in anderen
Zeugnissen mit der umgekehrten Zuordnung - 6 für den höheren,
12 für den tieferen Oktavton, wie dies den Längen der zwölfgeteilten Monochordsaite entspräche. Im Sinn der ersten Zuordnung ergibt sich zwischen den Tönen (benannt nach antiken
Saitennamen'®)
€
Nete
h
Paramese
a
Mese
e
Hypate
12
>]
8
6
das arithmetische Mittel
das harmonische Mittel
T
12-9 = 9-6
T
12:6 = (12-8) : (8-6)
12 Burkert, Weisheit un.
senschaft, S. 418.
13 Van der Waerden, Di
monielehre, S. 183.
14 Ebenda, $. 181£
mann Diels / W:
Kranz, Die Fragmen
Vorsokratiker, Bd. 1,
lin und Zürich ?1%
435f.
15 So im Archytas-Frag
B 1; Diels / Kranz
Fragmente der Vorso
ker, bes. S. 433-435
16 Vgl. Egert Pöhlmann,
chenland. A. AntikeA
in: MGG, Sachteil I
Kassel und Stuttgart?
Pagina 6
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Das geometrische Mittel betrifft musikalische Erscheinungen nur
bei den wenigen praxisnahen Beispielen quadratzahliger Intervallverhältnisse: Doppeloktave 4:1 (aus zwei Oktaven), None 9:4 (aus
zwei Quinten), Septime 16:9 (aus zwei Quarten), pythagoreische
Großterz 81:64 (aus zwei Ganztönen). Die »Teilung« der Oktave in
Quarte und Quinte (arithmetisch) oder in Quinte und Quarte (harmonisch) wurde (allerdings in melodischer Aufwärtsrichtung gedacht)
vor allem auch bei der Unterscheidung plagaler und authentischer
Modi der sogenannten Kirchentonarten als Kriterium benutzt.
4. Die Dominanz »überteiliger« Proportionen. Diesen Zahlenverhältnissen aus Zähler + 1 = Nenner (griechisch »epimorioi logoi«, lateinisch »rationes superparticulares« genannt) entsprechen
alle Intervalle der skizzierten Oktav-»Mittelung« (2:1, 3:2, 4:3,
9:8), Intervalle, denen in pythagoreischer Musiktheorie überdies
eine konstitutive Rolle zukam. Sie dienen, nach dem Vorbild antiker Monochord-»Teilungen«, in zahlreichen mittelalterlichen
Lehrtexten als »Maßintervalle« zur Veranschaulichung der pythagoreischen Skalen- und Systembildung. Ihr Prinzip stellt aber auch
die Grundlage für das Theorem dar, daß die exakte »Halbierung«
von Intervallen — es sei denn jener genannten mit quadratzahligen
17 Zu den Gruppen der
Pythagoreer vgl. Van der
Waerden, Die Pythagoreer,
S. 64-78.
18 So nach Hermann Koller,
Musik und Dichtung im
alten Griechenland, Bern
und München 1963, 5. 182.
Proportionen — unmöglich sei. Daher hat sich die strengere Richtung unter den Pythagoreern, die sogenannten Mathematikoi’”,
auch bei den folgenden Intervall-»Teilungen« für die stufenmäßige
Ausfüllung (primär der Quarte) an Intervalle gehalten, denen überteilige Proportionen zugehören, wie sie sich aus folgender »dichotomischen Pyramide« ergeben'®:
Oktave 2:1
Quince 3:2
Quarte 43
Gr. Terz 5:4
Kl. Terz 6:5
7:6
8:7
Gr. Ganzton 9:8 Kl. Ganzton 10:9
11:10 12:11
13:12 14:13
15:14 16:15
17:16
18:17
(usw. >)
rn
35:34 36:35
Obwohl die unbenannten Proportionen aus der (3.) Zeile der
»Terzen« und der (4.) Zeile der »Sekunden« nahezu bedeutungslos sind, wurden sie hier mit aufgeführt, um anschaulich zu machen, daß man in jener Pyramide einer oktavgegliederten Darstellung auch der Partialtonreihe begegnet; anders ausgedrückt: Die
überteilig proportionierten Intervalle sind als »Naturtöne« reali-
Pagina 7
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sierbar. Die weniger strenge Richtung unter den Pythagoreern, die
sog. Akusmatikoi, beriefen sich hingegen bei der Gewinnung der
Intervalle unterhalb der Quarte auf das Gehör und lehnten das in
ihren Augen allzu dogmatische Festhalten an der Überteiligkeit in
dem für das Ohr zunehmend schwer zu kontrollierenden Bereich
immer kleinerer Intervalle ab.
5. Das Errechnen musikalischer Skalen und Skalenauschnitte.
Der Umfang des (vollausgebildeten) griechischen Tonsystems im
Raum einer Doppeloktave und seine (auch in den Tonbezeichnungen erkennbare) Gliederung in Quarträume (Tetrachorde) entsprachen der Tetraktys, genauer ihrer größten (4:1) und kleinsten
(4:3) Proportion. Die stufenweise Ausfüllung, die seit dem Mittelalter üblicherweise in vorzeichenloser Abwärtsfolge von a bis A
dargestellt wird'?, gliedert sich in die (miteinander verzahnten)
Tetrachorde @-e’ und e’-h (mit den, außer h, gleichen Stufennamen Nete, Paranete, Trite) sowie in ebensolche von a-e und e-
H (mit den ab g gleichen Stufennamen Lichanos, Parhypate, Hypate). Der tiefste Ton A (Proslambanomenos, der »Hinzugenommene«) steht, ohne einem Tetrachord anzugehören, allein. Die
Tetrachordnamen, deren Ergänzung die übereinstimmenden Saiten- bzw. Stufennamen unterscheidbar macht, lauten (von oben)
tetrachordon hyperbolaion (höchstes), diezeugmenon (unverbundenes [im Blick auf das Folgetetrachord ab a]), meson (mittleres
[Ton a ist die Mese]) und hypaton (oberstes [nicht im Tonhöhensinn, sondern nach Saitenlage bei Haltung der Lyra]). Dieses »vollständige System« (Systema teleion)?” konnte um ein fünftes Tetrachord angereichert werden, das die »Irennung« der Tetrachorde
zwischen h und a überbrückt und als tetrachordon synemmenon
(verbundenes) über a eingesetzt wird und dadurch den Tonb ins
System einführt.
Die skizzierte Darstellung entspricht allerdings nur dem »diatonischen« Geschlecht, dessen (stets gleichgebaute) Tetrachorde
aus (von oben gesehen) Ganzton, Ganzton und »Halbton« bestehen. Da es für die pythagoreische Sicht selbstverständlich war, den
Ganzton als eines der konstitutiven Intervalle nach der Proportion
9:8 anzusetzen, aber auch das Rahmenintervall der Quarte als 4:3
zu wahren, ergab sich zwischen Doppelganzton (Ditonus als 9/8
und 9/8 gleich 81/64) und Quartrahmen das »Restintervall« des
pythagoreischen »Halbtones« (Leimma mit der Proportion 256/ 243).
Hier also stieß die Theorie mit ihrer Bindung an überteilige
Zahlenverhältnisse an eine Grenze, und dies eröffnete eine folgen-
19 Siehe dazu die Übersicht
auf S. 54.
20 Vgl. Pöhlmann, Griechenland, Sp. 1651.
Pagina 8
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)21 Siehe dazu unten $. 70.
22 Burkert, Weisheit und Wissenschaft, S. 171; Van der
Waerden, Die Pythagoreer,
S.79.
23 Philolaos-Fragment B 10,
Diels / Kranz, Die Fragmente der Vorsokratiker, S.
410.
24 Burkert, Weisheit und Wissenschaft, S. 171.
25 Van der Waerden, Die Pythagoreer, S. 79.
26 Ebenda, $. 389.
27 Burkert, Weisheit und Wis-
N-
3
schwere Diskussion, die das Systembildungsprinzip ebenso berührte wie die (spätere) Musikpraxis in der Wahl von Instrumentenstimmungen.”
Projektionen der Theorie aufdie ‚Harmonia« im Kosmos
Bevor weitere spezifisch musikalische Einzelheiten der Theorie zur
Sprache kommen, müssen Gesichtspunkte skizziert werden, die
aus pythagoreischer Weisheitslehre, Welt-Erkenntnis, Ethik sowie
aus der Beschäftigung mit Wissenschaften jenseits der Arithmetik
senschaft, S. 414-416.
stammen. Pythagoreisch ist, wie oben angedeutet, die besondere
28 Van der Waerden, Die Pythagoreer, 5. 301.
Dignität der Zahl (arithmos). Sie galt, alten Aussprüchen gemäß,
als das »Weiseste« und als »das Schönste«.”? Gemeinsam mit der
Harmonie (harmonia) durchwaltet sie den »ganzen Himmelk.
Harmonia aber umfaßt verschiedenartige Bedeutungen: Abstrakt
und generell gilt sie als »des viel Gemischten Einigung und des
verschieden Gesinnten Sinnesverbindung«”, somit als ein philosophisches Konzept der Zusammenfügung disparater Bestandteile
zu einer in sich geschlossenen Einheit; als Tetraktys, in der das
Weltgeheimnis zu liegen scheint“%, ist sie »die Harmonie, in der die
Sirenen (singen)«?°; konkreter musiktheoretisch bezeichnet sie die
»Tonleiter«, zumal in Quint- und Quart-Proportion geteilt”.
Daran wird Entscheidendes sichtbar: Was als »Zahl« angesprochen
wird, ist nur partiell - nämlich im mitgedachten Nimbus — deren
Symbolgehalt; wesentlich hingegen wirkt die Zahl als »Zahlenverhältnis« (logos), musikalisch als Proportion aus meßbaren Werten (vor allem schwingender Saitenlängen) von »Tonabständen«,
also Intervallen.
Auch das Wort »logos«, wenngleich wohl nicht »ursprünglich«
pythagoreisch”, gehört zu den Begriffen, die fundamentale Zusammenhänge im Denken der Pythagoreer einschließen. Nikomachos von Gerasa (2. Jahrhundert n. Chr.) sah im Aufbau des
Kosmos die Rolle der Arithmetik darin, daß sie, »im Geiste des
kunstsinnigen Gottes vor den anderen [Techniken] vorhanden
[(...], wie ein die Ordnung bestimmender und eine Vorlage bildender Logos, auf den gestützt, wie auf einen Bauplan und ein als
Muster geprägtes Vorbild, der Demiurgos des Alls die aus Materie hergestellten Dinge ordnet«.”? Diesem Schöpfungs-Mythos
zufolge diente der Logos dem die Welt erschaffenden Gotte wie ein
Bauplan oder Muster. Dabei beruht der Logos auf »der Zahl«, die
Pagina 9
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)»eingehalten wurde« und »im Geiste des kosmosbildenden Gottes
im voraus vorhanden war [...], nur gedanklich zu begreifen und
ganz und gar unstofflich ist«; doch »in Übereinstimmung mit ihr
wie mit einem [...] Logos« werden »alle diese Dinge: Zeit, Bewegung, Himmel, Sterne und alle Entfaltungen [oder astronomischen Perioden?] zustande gebracht«.”
Es darf indessen nicht übersehen werden, daß sich in dieser
mythologisch durchsetzten Lehre auch eine durchaus wissenschaftliche Intention verbirgt, die Ernst Cassirer so umrissen hat?°:
29 Ebenda, $. 303.
30 Logos, Dike, Kosm«
Entwicklung der
schen Philosophie,
teborgs Högskol:
nicht die Beschaffenheit dieser Elemente, sondern ihr Verhältnis, ihre
Harmonic.
skrift 47 (1941), H
3-31, hier $. 27.
31 Den Unterschied vo
tenmusik» und »Sp
harmonie» hebt
schaftlichen Erkenntnis [...] So lange wir die Musik nur in den Tönen,
die Geomete der Musikästhetik
»Die Pythagoreer verkünden [...], dass das Wesen [...] der Dinge
in der Zahl liegt.
Aber dieses Wesen ist von anderer Art als die körperlichen Dinge, die
Elemente, aus
denen sich die physische Wirklichkeit zusammensetzt. Wonach gefragt wird,
ist
Diese Harmonie wird jetzt zum eigentlichen und höchsten Gegenstand der wissentrie nur in einzelnen Gestalten, das Weltgebäude in den Himmelskörpern und
ihren
Umläufen erfassen, haben wir das wahre Wissen noch nicht erreicht.
Dieses beginnt
erst, sobald wir einsehen, dass hier nicht verschiedene Probleme, sondern
ein Problem vorliegt [...] Durch alle sinnlichen Formen hindurch scheint
und erscheint
immer wieder dieses Eine: die Harmonie des Alls [...] Auf diese Einigung
und
Zusammenstimmung richtet sich fortan das Wissen; und deshalb muss es
zur
‚Theorie«, im strengen Sinne des Wortes, werden.«
Die Vorstellung, der logos biete in seiner Gestalt der symphonen
Zahlenverhältnisse eine Art »Schlüssel« für die Erkenntnis vom
Bau der Welt im Großen wie im Kleinen, ist der faszinierendste,
kühnste, aber auch anfechtbarste Gedanke der pythagoreischen
Theorie. Sie erwies sich allerdings historisch gesehen, trotz ihres
Einsatzes zur Erklärung makro- wie mikrokosmischer Erscheinungen, in einem bemerkenswerten Ausmaß als soffen«, denn sie ließ
sich einerseits entfalten, duldete andererseits aber auch relativierende Interpretationen.
Dies wird besonders klar an den verschiedenen Bemühungen,
die musikalischen Proportionen konkreter aufden Laufder Gestirne zu beziehen und damit das zu fassen, was als Musica mundana,
Weltenmusik oder, spezieller gefaßt, »Sphärenharmonie« gilt?! So
‚ursprünglich: das Diktum, der »Himmel« sei »Harmonie und
Zahl«, Glauben gefunden haben mag, so spärlich sind aus alter und
klassischer Überlieferung die Versuche, diesen geheimnisvollen
Zusammenhang genauer zu bestimmen. Allerdings boten divergierende astronomische Erklärungs-Modelle (Zentralfeuer, Gegenerde, Achsendrehung der Erde, Bewegungsart der Gestirne)? zunächst widersprüchliche Ansatzpunkte. Selbst die berühmteste
Darstellung, Platons Mythos vom Bau der Weltseele (Timaios 342—
Schäfke hervor (Gı
rissen, Berlin 1934,
druck Tutzing 19
4246).
32 Burkert, Weisheit u
senschaft, S. 328-3
33 Van der Waerden, ı
thagoreer, S. 4244
Pagina 10
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)34 Burkert, Weisheit und Wissenschaft, S. 331.
35 Hierzu auch die Interpretation von Bernhard Kytzler, Die Weltseele und der
musikalische Raum (Platon
Timaios 35a ff), in: Hermes 87 (1959), 8. 393-414.
36 Klaus-Jürgen Sachs, Mensura fistularum. Die Mensurierung der Orgelpfeifen
im Mittelalter, Teil I,
Murrhardt 1980, S. 128130.
gelassenen Details dieses mythischen, aber nicht als »rein spekulatives Hirngespinst« zu verwerfenden Konzeptes” liegt diesem die
hehre Überzeugung vom Wirken der allumfassenden Harmonia
durch analoge Bewegungen von Weltseele und Menschenseele
zugrunde. Denn Gott hat, wie Platon (Timaios 47b und d) sagt,
»die Sehkraft für uns erfunden [...], damit wir die Umläufe der
reer. Ein Kapitel aus der
Geschichte des griechischen
Vernunft im Weltgebäude betrachten und sie auf die Kreisbewe-
Geistes, Halle (Saale) 1929,
S.13.
y-
37c), ist primär kein »System der Sphärenharmonie« mit Zuweisung der einzelnen Töne an einzelne Planeten‘, wenngleich der
musiktheoretische Anteil an dieser Konstruktion — harmonische
Zahlenproportionen samt Mittelbildungen — offenkundig ist und
anscheinend bereits das Abbilden musikalischer Skalen? durch
Reihen ganzer Zahlen® voraussetzt. Trotz der im Einzelnen offen-
37 So Erich Frank, Plato und
die sogenannten Pythago-
Ya
39
38 Zitiert nach der Überserzung von Franz Susemihl
(Platon, Sämtliche Werke
VII. Frankfurt a.M. und
Leipzig 1991, S. 287).
39 Ebenda, $. 289.
40 Ein Stadium als griechisches Längenmaß entspricht rund 200 Metern.
gungen unseres eigenen Nachdenkens anwenden können, welche
jenen verwandt sind«°; auch erscheint die Harmonie, »welche mit
den Umkreisungen der Seele in uns verwandte Umläufe hat, [...]
dem, welcher vernunftgemäß des Umgangs mit den Musen pflegt,
nicht als zu einem bloßen vernunftlosen Vergnügen [...], sondern
sie ist uns von den Musen als Helferin verliehen, um den in Zwiespalt geratenen Umlauf der Seele in uns zur Ordnung und Übereinstimmung mit sich selber zurückzuführen«.?
Wohl forderten die Vorstellungen von Sphärenharmonie eher
Zweifel heraus als die Theorie des musikalischen Tonsystems. So
wurden oft mögliche Gründe diskutiert, warum die Bewegungen
der Gestirne nicht hörbar seien. Auch differieren die überlieferten
Entwürfe für die Musica mundana beträchtlich, sei es in der Zuordnung von Tönen und Planeten, sei es im Argumentationsziel
der Darstellungen. Gleichwohl seien hier wenige Beispiele herangezogen, die das Prinzip wie auch die Spannbreite seiner Ausprägungen in Zeugnissen von der Spätantike bis zur Renaissance
veranschaulichen.
Der spätrömische Grammatiker und Philosoph Censorinus
erwähnt in De die natali (238 n. Chr.) eine Zuordnung von Gestirnen und Intervallen, die von der Erde aus aufsteigend gemeint
und mit Abstandsangaben in Stadien“ versehen sind, wobei für
einen Ganzton 126.000 Stadien genannt und naiv teilend — also
nicht pythagoreischen Proportionen entsprechend - der Halbton
mit 63.000, der Anderthalbton mit 189.000 Stadien angesetzt
werden, so daß eine Skala entsteht, die sich an modernen Tonbuchstaben folgendermaßen skizzieren läßt (linke Spalte):
Pagina 11
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Censorinus (238)
Fixsternhimmel
Schedel (1493)
firmamentum
1% Ton
Saturn
€
1% Ton
spera saturnii
1% Ton
Jupiter
spera jouis
1% Ton
Mars
spera martis
1 Ton
Sonne
spera solis
1% Ton
Venus
spera ueneris
1% Ton
Merkur
spera mercurij
% Ton
Mond
spera June
1 Ton
Erde
terra [mit spera aque, aeris, ignis]
Der Holzschnitt auf Bl.
der deutschen Ausgabe
Hartmann Schedels Weite.
nik (Nürnberg 1493) ist
Imagination der Welt am
benten Schöpfungstage
dacht: Umgeben von Pe:
nifikationen der vier Wi
(Subsolanus [Ostwind], 2
ter, Zephyrus, Apar[c]tias
den Zwickeln des Bildes ı
möglicherweise vom jun
Dürer stammen), erschei
in der Vollkommenheits-F:
des Kreises der throne
Schöpfergott samt Engı
deren neun »Hierarchi
am linken Rand verzeich
sind (man erkennt eir
Musikinstrumente als Bei
ben). Eine exzentrisch gı
gerte Innensheibe gibt
geschaffene Natur wie
die vom Feuerring umschl
sene Erde, die um sie kreis
den Gestirne, wie sie sp
tenharmonischen Entwür
seit der Spätantike entsg
chen, und das Firmam
mit Tierkreiszeichen, wo
sich die ins Jenseits weis
den Zonen Kristallhimr
und Primum mobile
schließen (zu weiteren E
zelheiten vgl. S. 41).
Pagina 12
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)4 Kunsthistoriker diskutieren, ob die Darstellung der
Winde in den vier Ecken
(»mit künstlerischer Dynamik«) vom jungen Düter stammt, während für
das »pedantische, schematische Innere mit den statischen Engelschören« ein
anderer Zeichner vorauszusetzen ist; vgl. Stephan
Füssel, Die Weltchronik —
eine Nürnberger Gemeinschaftsleistung, in: 500 Jahre Schedelsche Weltchronik
(Pirckheimer-Jahrbuch 9),
Nürnberg 1994, S. 7-30,
bes. $. 12.
42 Sie werden im Bild »abwärts« verzeichnet. Für
den Text wurde die Faksimile-Ausgabe der deutschen Version (Die Schedelsche Weltchronik, Dortmund 1978) herangezogen.
43 Vgl. Joscelyn Godwin,
Harmonies of Heaven and
Earth. The Spiritual Dimension ofMusicfrom Antiquity to the Avant-Garde,
London 1987, S. 125f. Der
Halbtonwert Mars-Jupiter
wird bei Schedel falsch angegeben und zum Saturn
hin indirekt wiederholt
(auch souil«).
44 Dort allerdings sind sie als
neunter Kreis identisch
und werden vom Empyreum als zehntem umschlossen; vgl. Reinhold Hammerstein, Die Musik der
Engel. Untersuchungen zur
Musikanschauung des Mittelalters, Bern und München 1962, S. 187.
45 Zu Aufbau und biblischer
Basis dieser Lehre vgl.
ebenda, S. 25f.
4]
Eine sehr ähnliche, doch bezeichnend »weiterentwickelte« Zuordnung findet sich in einem Holzschnitt“' aus der berühmten Schedelschen Weltchronik (Nürnberg 1493; er stammt aus der Werkstatt, die Michael Wohlgemut und Wilhelm Pleydenwurff in
Nürnberg führten und in der Albrecht Dürer 1486-1489 lernte):
Konzentrische Kreise um die (allerdings durch drei Eigen-Sphären
des Wassers, der Luft und des Feuers eingeschlossene) Erde geben
hier die Bahnen der Gestirne wieder, die zum »elementischen«
Umkreis gehören (und deren Namen“? die rechte Spalte verdeutlichend wiedergibt). Im begleitenden Text werden die Abstände
wiederum nicht durch ’Tonbezeichnungen bestimmt, sondern
durch Entfernungsangaben, hier in Meilen, wobei 15.625 den
126.000 Stadien entsprechen; allerdings zeigt das Intervall zum
höchsten »Ton« eine auch anderweitig bekannte Abweichung.”
Doch jenseits des (mit Tierkreiszeichen besetzten) Fixsternhimmels, genauer: mit ihm beginnend, folgen die »himmlischen« Umkreise von Celum Cristallinum (Kristallhimmel) und Primum mobile, bekannt aus Dantes Divina Comedia.** Sie sind die unermeßlichen, deshalb von der Intervallbildung ausgeschlossenen Zonen
der Engel, die (nach Pseudo-Dionysius Areopagita®) in einer
neunfachen Hierarchie zum göttlichen Thron führen und ihn
umgeben, wie dies bildlich und (am linken Rand) in den Nennungen der neun Gruppen dargestellt wird. So präsentiert sich das
beim Nürnberger Humanisten Hartmann Schedel (1440-1514)
in der Kernaussage verwandelte, nämlich christianisierte Konzept.
Es gehört zu den fundamentalen geschichtlichen Bedingungen
der europäischen Kultur, daß wesentliche Bereiche des antiken
Denkens, Forschens, Lehrens in oft erstaunlich bruchloser Bewahrung an das Mittelalter weitergegeben wurden und unter christlichem Vorzeichen eine prägende Weiterwirkung, vielfach auch eine
neue Entfaltung erfuhren. Wie sehr das Erbe der Antike einerseits
grundlegend für die Musikgeschichte, andererseits aber anpassungsfähig war, wird im Laufe dieses Beitrages wiederholt und
keinesfalls nur bei Konzepten der himmlischen und sphärischen
Musik sichtbar werden,
Besonders ansprechend und zugleich ein eindrückliches Beispiel für die christliche Deutung wie für den mittelalterlich musiktheoretischen Zuschnitt sphärenharmonischer Anschauungen ist
jener Entwurf der »natürlichen Zusammenstimmung musikalischer Töne mit Planeten« (Naturalis concordia vocum cum planetis), den Jacques Handschin aus dem Manuskript F-Pn lat. 7203
Pagina 13
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)(von um 1100) bekanntmachte.“ Hier liegt ebenfalls ein (anderes)
spätantikes Modell zugrunde, das »vollkommener« ausgestattet
wurde, doch nicht nur in einer spekulativen Projektion, sondern
konkret musikalisch in Gestalt eines aus 21 neumierten Hexametern bestehenden Hymnus mit dem Incipit Zstplanetarum similis
concordia vocum, der unter Berufung auf Cicero (»Tullius«) die
Oktav-Tonordnung der Planeten als »divinus ordo« besingt, aber
auch ihre Erweiterung zum — im Mittelalter musiktheoretisch
grundlegenden - Doppeloktavraum des antiken Systems erwähnt,
während die sechs folgenden Hexameter ohne Noten den Symbolgehalt der Siebenzahl (u.a. schöpfungstheologisch) andeuten.
Beigegeben aber ist eine maßstabartige Zeichnung, die links,
wiederum von der Erde aus aufsteigend, die lateinischen Namen
der Gestirne, danach die der Engelshierarchien verzeichnet und
über einer rankenverzierten Spitze auf das Wort »deus« zielt, rechts
aber mit den griechischen Tonbezeichnungen (in der folgenden
Skizze normalisiert geschrieben und durch Tonbuchstaben ergänzt) des Zweioktavensystems versehen ist:
Anonymus aus F-Pn lat 7203, fol. 3r
Deus
Seraphin
Cherubin
Tronos
Dominationes
Principatus
Potestates
Virtutes
Nete hyperbolaion
a
Paranete hyperbolaion g’
Trite hyperbolaion
f
Nete diezeugmenon
e’
Paranete diezeugmenon d’
Trite diezeugmenon
ec’
Paramese
h
Ab hinc supercelestis est [?] armonia
Celum
Saturnus
Iuppiter
Mese
Lichanos meson
Parhypate meson
a
£
f
Mars
Hypate meson
e
Sol
Venus
Mercurius
Luna
Terra
Lichanos hypaton
Parhypate hypaton
Hypate hypaton
Proslambanomenos
Silentium
d
c
H
A
In der »unteren« Oktave entspricht die Ordnung exakt derjenigen
aus Ciceros Somnium Scipionis”, die auch bei Boethius“ wiedergegeben wird. Die »obere« Oktave, von der aus laut Beischrift die
»überhimmlische« Harmonie beginnt, gehört, wie bei Schedel
angedeutet, den Engelshierarchien, von denen um der Siebenzahl
willen die beiden »untersten« Ränge (Engel und Erzengel) nicht
46 Jacques Handschin, Ein
mittelalterlicher Beitrag zur
Lehre von der Sphärenharmonie, in: Zeitschrift für
Musikwissenschaft 9 (1926/
27), S. 199-205.
47 Ediert z.B. in Marcus Tullius Cicero, Der Staat,
hrsg. und übersetzt von
Karl Büchner, München
und Zürich 1987, S. 264269.
48 De institutione musica, 1,
S. 27. — Siehe Gottfried
Friedlein (Hrsg.), AM.T.S.
Boetii De institutione arithmetica libri duo, De institutione musica libri quinque, Leipzig 1867, Nachdruck Frankfurt a.M. 1966,
S. 219, Z. 10-25.
Pagina 14
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)9 Vgl. dazu Kathi MeyerBaer, Music of the Spheres
and the Dance ofDeath, in:
Studies in Musical Icono_logy, Princeton, New Jersey 1970, S. 1-216; Hans
Schavernoch, Die Harmonie der Sphären. Die Geschichte der Idee des Welteneinklangs und der Seeleneinstimmung (Orbis Aca_.demicus 6), Freiburg und
München 1981; Joscelyn
Godwin, Harmonies ofHea-
_ ven and Earth. The Spirimal Dimension of Music
From Antiquity to the AvantGarde, London 1987.
50 Linz 1619.
1956-1957.
Dazu Horst Atteln, Das
Verhältnis Musik - Mathematik bei Johannes Kepler,
Erlangen 1970; Michael
Dickreiter, Der Musiktheoretiker Johannes Kepler
(Neue Heidelberger Studi_ en zur Musikwissenschaft
5), Bern und München
eigens genannt — da offenbar dem Fixsternhimmel (Celum) zugewiesen — werden.
Solche und ähnliche Entwürfe“ zeugen für die Dauerhaftigkeit
und mehr noch für die Würde, die der Überzeugung von einer
nach musikalisch-harmonischen Gesetzen geregelten kosmischen
Ordnung in dieser Tradition eigen war. Und es ist bezeichnend für
solche Dignität, daß, selbst nachdem durch veränderte astronomische Erkenntnisse wichtige Prämissen ins Wanken gerieten, hartnäckige Bemühungen um verbesserte Begründungen einsetzten,
die gerade jener Grundüberzeugung vom harmonischen Bau des
Weltganzen dienen sollten. So stellen, um das bedeutendste Beispiel wenigstens zu erwähnen, Johannes Keplers jahrzehntelange
Beobachtungen und Berechnungen, die zur Entdeckung wichtiger astronomischer Gesetze führten, einen imponierenden Versuch
dar, die»Harmonie der Welt« (so der Titel von Keplers auch musiktheoretisch gewichtiger Hauptschrift Harmonices Mund in der
durch Paul Hindemiths Oper’ geläufigen Übersetzung) empirisch
schlüssiger nachzuweisen, als es unter den damals bereits falsifizierten Voraussetzungen des geozentrischen Weltbildes möglich war,
nämlich durch ein kompliziertes Verfahren, aus den als elliptisch
erkannten Bahnen die Proportionen zwischen den beiden extre-
Keplers Himmelsharmonik,
men Winkelgeschwindigkeiten (sonnennah [perihel] und sonnenfern [aphel]) eines Planeten zur Sonne und im Verhältnis zum
in: Frieder Zaminer (Hısg.),
Nachbarplaneten zu bestimmen. Die (durch Annäherung gewon-
1975; Daniel P. Walker,
Hören, Messen und Rechnen in der frühen Neuzeit
nenen) Werte dienten Kepler, der sich allerdings auch musik-
(Geschichte der Musiktheoretisch von manchen pythagoreischen Prämissen löste, zur
theorie 6), Darmstadt
1987, S. 83-107.
; ‚Vgl. Jula Kerschensteiner,
Darstellung von Skalen und Akkorden?, die dem musikalischen
Kosmos.
Standard seiner Zeit angepaßt waren.
Quellenkritische
Untersuchungen zu den
Vorsokratikern (Zetemata.
Monographien zur Klassischen Altertumswissenschaft 30), München 1962,
$. 222-226, 233f.
Projektionen der Theorie aufdie »Harmonia« der
menschlichen Seele und Lebensvorgänge
Die durch Proportionen faßbare Harmonia galt, vor allem seit
Platons Lehren”, als wirksam sowohl im Makrokosmischen des
Weltalls wie im Mikrokosmischen der menschlichen Seele und,
von ihr her, auch der vitalen Vorgänge im menschlichen Körper.
Die Seele (psych&, anima), gedacht als Lebensodem, als göttliches
Prinzip im Menschen, das Gesinnung und Bewegung zur Tugend
bewirkt, sei darauf angelegt, in harmonischen Verhältnissen zu
»schwingen« und so auch die Körperfunktionen zu regeln. Auf die
Pagina 15
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)alltägliche Lebenserfahrung vom Gestörtsein solcher Harmonie —
sei es ethisch durch das Böse, sei es körperlich durch Krankheit —
ließ sich, in abstrakt idealisierender Analogie zum Beseitigen von
»Verstimmung« durch rechte »Einstimmung«, mit praktischen
Ratschlägen wie mit philosophischen Erwägungen antworten.
Und die musikgeschichtlich greifbaren Zeugnisse galten einer
musikalischen Seelenführung (Psychagogie) oder auch faktischer
Therapie, die sich an ein historisch weit zurückreichendes Zusammenspiel von Musik und Medizin in der Heilpraxis anschlossen.*
Wie immer sich das Einwirken erklingender Melodien auf den
psychischen und physischen Status eines Menschen erklären ließ:
Als Tatsache besaß es weithin unangezweifelte Geltung. In Legenden wie der des Orpheus war die Macht der Musik ein Topos. Eine
Anekdote wie die vom tauromenitanischen Jüngling, den besänftigende Melodien aus seinem Liebeswahn befreiten, illustriert noch
bei Boethius die aller Lehre vorangehende Grundüberzeugung,
zwischen musica und moralitas bestehe eine enge Beziehung.’ Als
ein anschauliches Erklärungsmodell für diesen Zusammenhang,
das auf der Beobachtung von Resonanzphänomenen beruht, erwähnt die Schrift des Aristeides Quintilianus (3./4. Jahrhundert
n. Chr.) diesen Versuch:
54 Vgl. Wolfgang Mahns,
Artikel Musiktherapie. 1.
Geschichte, in: MGG, Sachteil Bd. 6, Kassel und Stuttgart ?1997, Sp. 1735-1737.
55
Boethius, De institutione
musica 1, \, hrsg. von G.
Friedlein, S. 178-187.
56 Vgl. Rudolf Schäfke, Aristeides Quintilianus. Von
der Musik, Berlin 1937, S.
303; Thomas J. Mathiesen, Aristides Quintilianus.
On Music In Three Books.
Translation, with Introduction, Commentary, and Annotations (Music Theory
Translation Series), New
»Wenn einer aufeine von zwei gleichgestimmten Saiten eine leichte Feder legt, die
andere aber zupft, wird er sehen, daß die federtragende Saite sehr kräftig mitschwingt [...] Wieviel mehr muß also bei den in der Seele Erregten der Grund der
Ähnlichkeit wirksam werden?«*°
Doch entzogen sich die in Analogien vorgestellten Wirkungs-Zusammenhänge zwischen zahlenproportionaler Harmonia und seelischem wie körperlichem Zustand des Menschen aufgrund ihrer
Lebensdirektheit jener Umsetzbarkeit in knappe, griffige Lehr-Entwürfe oder Spekulationen, wie sie zur Musica mundana möglich
waren. Daher blieb die Musica humana, wie die lateinische Tradition vor allem nach der Dreigliederung bei Boethius’ diesen Strang
der Theorie einer allseits wirkenden Harmonia nannte, ein ideal
überwölbender Gedanke, der offen ließ, ob er befragt, erkundet,
hingenommen, geglaubt oder angezweifelt wurde.
In einer Auswirkung aber fand die Vorstellung vom faktischen
oder möglichen Einfluß der Harmonia auf den Menschen musikhistorisch allerhöchste Bedeutung: in der Überzeugung, der Vortrag bestimmter musikalischer Gestaltungsweisen, vor allem als
»Tonarten« oder Rhythmen verstanden, könne mehr oder minder
konkrete ethische oder affektive Einflüsse auf Hörende ausüben.
Haven und London 1983,
S. 154f.
57 Musica mundana, Musica
humana, Musica quae in
quibusdam constituta est
instrumentis (diese später
mißverständlich verkürzt
zu Musica instrumentalis);
Boethius, De institutione
musica 1, 2, Friedlein
[Arsg.], A.M.T'S. Boetii
De institutione arithmetica
libri duo, S. 187-189).
58 Als Beispiel genannt sei
die in Proportionen gefaßte Berechnung der Schwangerschaftstage für Siebenund Neunmonatskinder
bei Aristeides Quintilianus III, 18, Mathiesen,
Aristides Quintilianus, S.
Pagina 16
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)59 Dazu vor allem Hermann
Abert, Die Lehre vom Ethos
in der griechischen Musik,
Leipzig 1899, Nachdruck
Tutzing 1968, passim.
45
Berühmte Passagen Platons und Aristoteles’, auf die sich zahllose
Autoren bis zur Renaissance beriefen, veranschaulichen diesen für
Musik-Praxis wie -Erziehung grundlegenden Gedanken.”
Dies aber führt zu einer vertiefenden Betrachtung dessen, was
die antike Musiktheorie über die Genera und über die ‚Tonarten«,
die aus den oben erwähnten Grundlagen des Ionsystems herleitbar
waren, lehrte.
Antike Genera und »Tonarten« in ihrer Spannung
zur Theorie
Rest-Intervalle: Die durch Tetraktys, Mittel-Lehre und ProportionsÜberteiligkeit der konstitutiven Intervalle bestimmten Prinzipien
pythagoreischer Skalenbildung stießen, wie angedeutet, bereits bei
der stufenmäßigen Ausfüllung des Tetrachordraumes an ihre Grenzen: Das Intervall, das zwei Ganztöne (jeweils 9:8) zur Quarte (4:3)
ergänzte, war ein »Halbton« (Leimma) mit unverkennbaren Zügen eines »Restintervalls«, nämlich von der (nicht »überteiligen«)
Proportion 256:243. Zwei weitere Restintervalle solcher Art ergaben sich aus vergleichenden Rechnungen innerhalb des derart
strukturierten Systems: Fügte man das tetrachordon synemmenon
ein, das (diatonisch) die ergänzende Stufe b (neben h) enthält, so
teilte sich der Ganzton b-c’ (9:8) in das Leimma h-c’ (256:243)
und dessen Restintervall b-h, die sogenannte Apotome
(2187:2048). Schließlich gelangte man auf zwei unterschiedlichen
Wegen zu einer noch weitaus komplizierteren Proportion, die jedoch durchaus zur rationalen Bestimmung des Systems gehörte:
Als Abweichung zwischen einem siebenfach versetzten Oktavton
(2:1) und dem — eng benachbarten, doch nicht identischen —
zwölften Oberquintton (3:2), aber auch als Rest von Apotome
»minus« Leimma ergab sich das sogenannte pythagoreische Komma mit dem Verhältnis 531441:524288.
Genera: Während die Rahmenstufen der Tetrachorde — der vier:
liaen,
hyperbolaion, diezeugmenon, meson, hypaton, oder der fünf: bei
hinzugezogenem Synemmenon-Tetrachord (insgesamt also die
Töne a, ec’, h, a, e, H, im letzten Fall auch d’) — als »feststehend«
galten (akinetoi oder hestotes), war die Binnengliederung durch
die dazwischenliegenden »beweglichen« Stufen (kinoumenoi) dieser Tetrachorde auch insofern flexibel, als die Musikpraxis neben
der diatonischen Ausfüllung noch zwei andere Genera kannte, die
Pagina 17
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)statt des zweimaligen Ganztones je ein größeres Intervall mit zwei
deutlich kleineren Schritten verbanden: das chromatische Genus
mit einem »Anderthalbtonschritt«, das enharmonische gar mit
einem »Doppelganztonschritt« (ditonos), dazu zwei entsprechend
dichter zusammengedrängten Folgestufen. Diese Abmessungen
gingen offenbar aus alt überkommenem Gebrauch gewisser Melodiemodelle und Instrumentenstimmungen hervor, sind jedenfalls nicht genuin pythagoreisch errechnete Skalenausschnitte,
sondern wurden viel einfacher und praktikabler bestimmt: nämlich als (bei diesen engen Abmessungen) eher geschätzte, nicht aber
präzisierte Längenabschnitte an Saiten oder Blasrohren.
Zur Streckenteilung nach Aristoxenos und ihrer Kritik: Dieses der
Proportionenrechnung entgegengesetzte Verfahren des bloßen
»Teilens« von »Strecken« läßt sich leicht klarmachen anhand des
Vorgehens, das Aristoxenos (Mitte 4. Jahrhundert v. Chr.; Elementa
Harmonica Il, 46) beschreibt“ und das in der überhaupt umfassendsten Erörterung der Genera, die sich bei Ptolemaios (Mitte
2. Jahrhundert n. Chr.; Harmonikd 1, 12-15) findet, so skizzieren
60 Dazu ausführlich Albre
Riecthmüller, Musik z
schen Hellenismus und Sı
antike, in: Die Musik des
tertums (Neues Handbı
der Musikwissenschaft
läßt: Man teilt die »Quartstrecke« zwischen den Rahmentönen der
Tetrachorde in 60 gleiche Klein-Abschnitte. Dann fügt man gemäß den jeweiligen Hauptkriterien die ausfüllenden Stufen ein, die
(wohlgemerkt abwärtsgerichtet) im enharmonischen Tetrachord
hrsg. von Albrecht Rie
müller und Frieder Za:
ner, Laaber 1989, S. 2
mit Doppelganzton,
imj chromatischen Tetrachord
mit »Andert,
.
j
,
325, hier $. 237-259.
61 Ingemar Düring, Polen
während für die anschließenden Intervalle vor allem die Hälfte, ein
Me (Göteborgs Högs
halbton« und im diatonischen Tetrachord mit Ganzton beginnen,
B
5
.
Drittel oder Viertel des (24 Abschnitte umfassenden) »Ganztones«
2% »Ganztöne« enthält)“:
gelten (und der Quartraum insgesamt
8
enharmonisch chromatisch
enharmönion
48
6
6
15/6
5
a
1
Göteb
0), Göte
v L40),
19 3 4skrift
diatonisch
weich
hemiolisch
Chroma malakön Chroma hemidlion
24
48
“8
os und Porphyrios über
42
9
9
1%
3a
3/s
tonisch
weich
Chroma toniafon Diatonon malakön
gespannt
Diatonon syntonon
36
12
12
24
24
12
1%
%
7
30
18
12
1%
%
7
Die Alternativen im chromatischen und diatonischen Genus zeigen, daß der Stimmungs-Reichtum der Musikpraxis sich nicht in
drei Grundtypen erfassen ließ. Das verzeichnete diatonische Tetrachord entspricht wohlgemerkt nicht dem durch 4:3 und 9:8 proportional konstruierten oder errechneten mit dem erwähnten
Leimma als Restintervall.
Pagina 18
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Dieses Streckenteilungskonzept anstelle der nach pythagoreischen Proportionen gefügten Tetrachord- und Skalenbildung war
Zielscheibe jahrhundertelanger Kritik an Aristoxenos. Sie spielte
gern dessen »Summe« der »sechs« Ganztonschritte innerhalb der
Oktave gegen die pythagoreische Wertung (fünf Ganztöne plus
zwei Leimma-Intervalle) aus, um auf die Differenz des pythagorei62 So Boethius II, 31 (Friedlein [Hrsg.], A.M. TS. Boetii De institutione arithmetica libri duo, S. 265), V,
14 (ebenda, $. 363f.).
63 Einen Überblick bieter
Klaus-Jürgen Sachs, Boethius and the Judgement of
the Ears: A Hidden Challenge in Medieval and Renaissance Music, in: The Second Sense. Studies in Hearing and Musical Judgement from Antiquity to the
Seventeenth Century (Warburg Institute Surveys and
Texts
22),
hrsg.
von
Charles Burnett, Michael
Fend und Penelope Gouk,
London 1991, S. 169-198.
64
65
66
67
Düring, Ptolemaios, S. 47.
Ebenda, S. 48.
Ebenda, S. 82-85.
Ebenda, $. 31.
schen Kommas zwischen beiden Ergebnissen hinzuweisen, spitzte sich auf einen (vermeintlichen) Gegensatz von Gefühl (aisthesis)
und Vernunft (logos) zu, haftete aber in der mittelalterlichen Tradition vorzugsweise und schlagworthaft am Primat des Gehörurteils (iudicium aurium), auf das sich Aristoxenos berief, gegenüber dem des Vernunfturteils (iudicium rationis) der Pythagoreer.
Die vernünftig vermittelnde Überzeugung, daß weder der bloße
Sinneseindruck, der ja leicht Täuschungen unterliegt, noch die
alleinige Proportionenrechnung, ohne eine Kontrolle durch das
Ohy, als isolierte Urteilsinstanzen musiktheoretisch tauglich sind,
artikulierte sich zwar immer wieder, setzte der Kontroverse aber
kein wirkliches Ende.®
Pythagoreische Lösungen: Pythagoreisch ausgerichtete Autoren,
denen Ptolemaios, wenn auch nicht unkritisch, zugehörte, bemühten sich, für alle Genera auch proportionsgerechte Teilungen zu
finden. Ptolemaios referiert die Bestimmung der Genera durch Archytas von Tarent (1. Hälfte 4. Jahrhundert v. Chr.), wobei sowohl
die Proportionen der Binnen-Intervalle (wieder von oben nach
unten) innerhalb des Quartrahmens als auch deren durchgängige
Darstellung in (kleinsten) ganzen Zahlen angeführt werden“:
enharmonisch
chromatisch
diatonisch
(5:4) x (36:35) x (28:27)
(32:27) x (243:224) x (28:27)
(9:8) x (8:7) x (28:27)
1512 — 1890 — 1944 - 2016
1512 - 1792 — 1944 — 2016
1512 - 1701 - 1944 - 2016
Da Ptolemaios weder die Tetrachordbestimmungen des Aristoxenos noch die des Archytas gutheißt, legt er eigene Lösungen vor,
die das zu erfüllen versuchen, was sich, wie er meint, »aus den theoretischen Voraussetzungen [...] und der sinnlichen Wahrnehmung
ergibt«.® Dabei scheint er Anregungen aus der Lehre des Didymos
(wohl 1. Jahrhundert n.Chr.) übernommen zu haben, dessen Verfahren der Monochordteilung er ausdrücklich behandelt.“ Das
entscheidende Detail aus dessen Lehre, die Einbeziehung der großen Terz 5:4, beseitigte in der Sicht des Ptolemaios den »Mangel
in der’Theorie der Pythagoreer«, symphone Intervalle auf die Proportionen der Tetraktys zu begrenzen.” Doch die nachhaltigen
Pagina 19
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)historischen Konsequenzen aus der Übernahme dieser »Naturterz« zeichneten sich erst in der Renaissance ab.“ Die Darstellung
des Diatonon toniafon entspricht der zu Archytas gegebenen.
Hier nun erscheinen zunächst ausnahmslos überteilige Binnenproportionen®:
68 Vgl. Michael Maier, Artikel
Didymos, in: MGG, Personenteil Bd. 5, Kassel und
Stuttgart ?2001, Sp. 996998. — Siehe auch unten $.
70.
69 Düring, Ptolemaios, S.51-
55.
Enharmönion
Chroma malakön
Chroma syntonon
(5:4) x (24:23) x (46:45)
(6:5) x (15:14) x (28:27)
(7:6) x (12:11) x (22:21)
106250 - 132825 — 138600 — 141680
106260 - 127512 — 132620 — 141680
106260 - 123970 — 135240 — 141680
Diatonon malakon
Diatonon toniaton
Diatonon syntonon
(8:7) x (10:9) x (21:20)
(9:8) x (8:7) x (28:27)
(10:9) x (9:8) x (16:15)
504 - 576 - 640 - 672
504 - 567 - 648 - 672
504 — 560 — 630 - 672
Diatonon homalon
Diatonon diatoniaton
(10:9) x (11:10) x (12:11)
(9.8) x (9:8) x (256:243)
576 — 640 - 704 — 768
576 — 648 - 729 — 768
Wie die Fülle dieser Konzepte verrät, bemühte sich die Lehre um
ein möglichst genaues Erfassen jener Intonations- und StimmungsNuancen”, die für die antike Musikpraxis — in verschiedenen historischen Phasen allerdings unterschiedlich — wichtig waren, aber
für die mittelalterliche Musik mit ihrer weithin ausschließlichen
Orientierung am diatonischen Genus an Bedeutung verloren und
nur im Zuge der Antikenrezeption des 16. Jahrhunderts punktuell an Interesse wiedergewannen. Viel entscheidender indessen als
die Genuslehre ist die antike »Tonartenlehre«.
» Tonarten«: Im Doppeloktavsystem ließen sich (nach Binnengliederung, Lage der Tetrachorde und Halbtonstufen unterschieden) sieben Oktavgattungen (griechisch eide dia pason, lateinisch
species) unterscheiden, die (von oben nach unten) aus Stammesnamen hergeleitete Bezeichnungen trugen. In der Praxis aber war
üblich, diese melodisch charakteristischen Gebilde nicht in der
Lage ihres mehr abstrakten Vorkommens im Doppeloktavsystem,
sondern innerhalb eines »bequem singbaren«”' bzw. instrumentengerechten Oktavraumes aus der Mittelregion des Systems zu verwenden. Damit wurden die jeweils charakteristischen Oktavgattungen in einen einzigen Oktavraum transponiert, für den man
entweder (modern:) f’-f oder €-e wählte.
70 Pohlmann, Griechenland,
gibt auf Sp. 1657 eine Umrechnung der Tetrachorde
des Aristoxenos und des
Prolemaios in Cent-Werte.
7ı Pöhlmann, Griechenland,
Pagina 20
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)ed‘chagfredc
HA
| Hypodorisch
Hypophrygisch
Hypolydisch
Dorisch
Phrygisch
Lydisch
Mixolydisch
[Hypermixolydisch]
BTAEZHOKAMNEO
XNMLKHGFEDCBA
BCDEF GHI KLMNOP
2345678
DPLM
876543 21
MLED
Friedlein (Hrsg), A.M.T.S.
Boetii De institutione arithmetica libri duo, S. 339, 510; Calvin M. Bower, A.
M.S. Boethius: Fundamentals ofMusic, New Haven
und London 1989, S. 152.
Friedlein (Hrsg.), A.M.T.S.
Boetii De institutione arithmetica libri duo, 5. 347,
20ff.; Bower, Boethius, S.
159.
74 GS 1, 127; Jacques Chailley, Alia musica (Publications de PInstitut de Musicologie 6), Paris 1964, S.
107.
Genauere Erläuterungen
bei Pöhlmann, Griechenland, Sp. 1652.
im Rum
f-f
4b
imRaum
e-e
1#
2b
3#
=
5b
35
5#
_
2#
1b
4#
6b
15
(Ptolemaios II, 3)
(Boethius IV, 14)”
(Boethius IV, 17)?
(Boethius, ebenda Numerierung)
(Alia musica)”
Zwischen diesen Rahmentönen mußten nun die Binnenstufen
gattungsgerecht eingeordnet werden, wie es sich am leichtesten am
Bilde der mit modernen Vorzeichen zu lesenden Skalenräume vorstellen läßt (beispielsweise entspricht Hypodorisch aa der Oktave
f’-f gelesen mit 4 b, oder der Oktave e’— gelesen mit 1 #— gemäß
dem zwischen fund e bestehenden »Quintenzirkel«-Abstand von
fünf Quinten). Die so aus sieben Oktavgattungen gewonnenen
Transpositionsskalen (tonoi oder tropoi, deren Zahl nicht, wie in
der Übersicht suggeriert, mit 14 festgelegt wurde, sondern bei
Aristoxenos 13, bei seinen Nachfolgern 15 betrug”) wurden ebenfalls mit den aus griechischen Stammesnamen hergeleiteten Bezeichnungen benannt, teilweise mit Differenzierungen »Hoch«
(meist für die Formen in der Oktave f-f) und »Tief« (für e’-e)
versehen, teilweise auch unter Verwendung anderer Stammesnamen (Aeolisch, Ionisch), und diese verwirrende Nomenklatur (deren Einzelheiten hier übergangen werden) hat die Tradition bis in
die Ausbildung des mittelalterlichen Systems der »Tonarten« hinein
belastet. Zu beachten bleibt dabei dieses: Die Zahl der Oktavgattungen ist im siebenstufigen (heptatonischen) System zwangsläufig auf sieben beschränkt, denn eine »achte« Gattung (wie sie zur
System-»Ausfüllung« seit Boethius fälschlich als hypermixolydius
dem Ptolemaios zugeschrieben wurde) wäre nur die Oktavierung der
ersten. Die Transpositionsskalen hingegen waren Gebrauchsleitern,
für die nicht nur die binnen-intervallische Struktur, sondern auch
das Timbre der jeweiligen Lage (in f- oder e-Oktave) als Merkmal
galt, so daß Doppelvorkommen von Gattungen bei ihnen weder den
Ausschlag gaben noch zur Begrenzung der Auswahl zwangen.
Pagina 21
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Ethos der » Tonarten«: Auch wenn die »pythagoreische« Substanz
der »Tonarten« - ihre nach konstitutiven Maßintervallen (2:1, 3:2,
4:3, 9:8), folglich entsprechend den »Mitteln« definierte Struktur
— insofern nicht verbindlich war, als Aristoxenos und die ihm folgenden Pragmatiker die Oktave streckenteilend maßen und bestimmten, war doch die Überzeugung herrschend, daß Tonarten
zumindest bei ihrer Realisierung in Melodien auf die menschliche
Psyche einzuwirken imstande seien. Diese nicht nur prominent
und zumal für den Bereich der Erziehung von Platon vertretene,
sondern auch bei Aristoteles und Aristoxenos nachweisbare Lehre’ gehört zweifellos in den Komplex transzendierender Anschau-
76 Dazu vor allem Abert, Die
ungen von Harmonia, wie sie oben skizziert wurden.” Diese Anschauungen sind auch bei spätantiken Autoren (Pseudo-Plutarch,
Ptolemaios, Aristeides Quintilianus) so selbstverständlich, daß es
nicht wundert, wenn Boethius, als wichtigster Vermittler antiker
Musiktheorie ans Mittelalter, der musica in seiner grundlegenden
Vorrede zuschreibt, sie sei mit der menschlichen moralitas ver-
Lehre vom Ethos in der grie-
Die umgedeutete Antike und das mittelalterliche System
der Kirchentöne
Wichtig zum Verständnis der Umbildung dieser antiken zu den
mittelalterlichen »Tonarten« (diese oft modi, zuweilen toni genannt, modern auch »Kirchentonarten«) sind einerseits die bei
Ptolemaios benutzen griechischen Tonbuchstaben sowie ihre uneinheitliche Übertragung bei Boethius, andererseits die Numerierung der Oktavgattungen von 1 bis 7 mit der irrtümlichen Ergänzung jenes vachten« hypermixolydius. Denn zur eindeutigen Bestimmung der jeweils gemeinten Räume dienten nicht allein die
griechischen Tonbezeichnungen (von Nete hyperbolaion [a] bis zu
Hypate hypaton [H] und Proslambanomenos [A]), sondern auch
Alphabetbuchstaben wie bei Ptolemaios. Deren Anordnung wurde
im Zuge der Übernahme und Latinisierung bei Boethius vor allem
dadurch diffus, daß er bereits die Möglichkeit der wahlweise vabwärts« oder vaufwärts« angelegten Darstellung von Tonsystem und
Intervallräumen erwähnt” und nutzt. Die numerierte Folge der
Oktavgattungen (species primarum consonantiarum) des Boethius
ist allerdings einschließlich des mißverstandenen hypermixolydius
abwärtsgerichtet, und die fürs Mittelalter wichtigen Tonartnamen
Friedlein (Hrsg.), S. 179.
79 Vgl. z.B. »Diapason [...]
sive ab hypate hypaton in
paramesen, sive a nete hyperboleon in mesen ordo
sumatur« (Friedlein [Hrsg.],
A.M.T.S. Boetii De institutione arithmetica libri duo,
S. 340, 15-17).
N _ A I, Zn In un un N.
knüpft.”
chischen Musik, S. 9-20.
77 Siehe $. 37-45.
78 De institutione musical, 1,
Pagina 22
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Dorisch, Phrygisch, Lydisch, Mixolydisch (Initialen in der Übersicht unterstrichen) erscheinen dabei als Oktavräume von e’-e, d’—
d, d-c, h-H.
Alia musica: Doch mit der historisch folgenschweren Richtungsänderung der Aufzählung in der anonymen Alia musica (9. Jahrhundert) wurden jene acht Oktavräume aufwärts zugeordnet: der
primus modus omnium gravissimus videlicet hypodorius endet auf
der Mese (beginnt also im Proslambanomenos, umfaßt somit A-a),
die anderen folgen dementsprechend, so daß Dorisch der Gattung
d--d’ zukommt und Phrygisch von e-e’, Lydisch von f-f’, Mixo0 GSI, 127a; Chailley, Alia
musica, S. 107.
Sie entstammt dem Artikel von Gerda Wolfram,
Oktoechos, in:
MGG, Sachteil Bd. 7, Kassel und Stuttgart 1997, Sp. 613.
92 GSI, 42-53.
lydisch von g-g’ reichen.®” Unter dem Leitbegriff der Oktavspecies
ergänzt dieser Text den hypermixolydius (a-a’), begünstigt also die
Verwechslung von Gattungen und Tonarten. Damit wurde die
Ausgangsbasis für die Tonartenlehre des Mittelalters gelegt, bei der
weniger die antiken »Tonarten« im Sinne der Transpositionsskalen
als die (fälschlich auf acht erweiterten) Oktavspecies Pate gestanden haben.
Oktoechos. Noch unklar sind die Einflüsse, die sehr wahrscheinlich das in der byzantinischen Musik bezeugte System der acht
echoi (Tonarten oder Modi) auf die Tonartenlehre des lateinischen
Mittelalters ausübte. Griechische Stammesnamen, wie sie sich
dieser Skizze®! entnehmen lassen,
1. Echos kyrios
2. Echos kyrios
3. Echos kyrios
4. Echos kyrios
dorios
Iydios
phrygios
mixolydios
1. Echos plagios
2. Echos plagios
3. Echos plagios
4. Echos plagios
hypodorios
hypolydios
hypophrygios
hypomixolydios
sprechen auch hier für Abhängigkeit von antiken Lehren. Diese
echoi trennen zwischen kyrioi (gebietenden, »authentischen«) und
plagioi (seitwärtsliegenden, »plagalen« Formen) und beziehen sich
insofern auf Tetrachorde, als die Anfangstöne der kyrioi (a, h, c',
d’) eine Quinte über denen der plagioi (d, e, f, g) liegen. Diese
Gliederung in paarweise einander zugeordnete echoi sowie ihre
griechische Zählung (protos, deuteros, tritos, tetrardos) wurde in
Lehrtexte der lateinischen Tradition seit Aurelianus Reomensis
(um 850)% übernommen, die dann das Erörtern der Tonarten zu
einem ihrer zentralen Themen machte.
Synthesen: Wichtig für die Tonartenlehre dieser Tradition wurde
das System, das bei Hucbald (um 900) im boethianischen Doppeloktavraum (A-a’) mit griechischen Tonbezeichnungen und Tetrachorden die Stufen von d bis g als Endtöne der je vier authenti-
Pagina 23
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)u
lichanos hypaton
hypate meson
parhypate meson
ww
schen (principales) und plagalen (auch laterales) Tonarten (modi)
in einem (neuen) Tetrachord der finales zusammenfaßt?:
lichanos meson
protus authentus und plagius
deuterus authentus und plagius
tritus authentus und plagius
tetrardus authentus und plagius
modus 1 und 2
modus 3 und 4
modus 5 und 6
modus 7 und 8
Hier, wie schon im Oktoechos, zeichnet sich ab, welche Bedeutung
das Tetrachord d-g (das wohlgemerkt nicht zu den Gliederungstetrachorden des antiken Systems gehörte) nun gewinnt. Hucbald,
der ausdrücklich beide Betrachtungs- oder Maßrichtungen des
Systems (die antike von oben nach unten, die im Mittelalter dann
vorherrschende von unten nach oben) nebeneinander stellt, bevorzugt dabei eine (neue) Gliederung in gleichsam symmetrische
Tetrachorde®®, nämlich solche aus Ganz-, Halb-, Ganzton (»per
tonum, semitonium et tonum«)®, abgekürzt in vielen Quellen
seither TST. Da bezeugtermaßen seit jener Zeit das diatonische
Genus die Lehre zu bestimmen beginnt, richtet sich das gliedernde Interesse (statt auf die verschiedenen chromatischen und enharmonischen Varianten der Tetrachord-Ausfüllung) auf die Gattungen auch der beiden anderen grundlegend symphonen Intervalle
(Quarte und Quinte); und die Form TST wird in der verbreiteten
Specieslehre seit dem frühen 11. Jahrhundert zur »ersten« der
Quartspecies:
Species der Quarte
1. TST
2.STT
3. TTS
der Quinte
1. TSTT
2.STTT
3. TTTS
4. TTST
Die (nicht ganz glatte) Kombination von (strenggenommen) sieben Oktavgattungen und acht (oder zweimal vier) »Tonarten«
erfolgte vor allem durch Autoren, die a) bei der Beschreibung der
Oktavräume auch diese verschiedenen Gattungen von Quinte und
Quarte benutzten, b) die Tonart-Bezeichnungen übernahmen und
c) der Gliederung in authentische und plagale Formen anpaßten,
schließlich d) auf die zugehörigen Finaltöne hinwiesen. Diese
Maßnahmen lassen sich anhand von Partien aus Texten des Bern
von Reichenau® und des Hermannus Contractus? so skizzieren
(die Kolumnen nennen den [aufwärtsgerichteten] Oktavraum, die
Bezeichnung aus griechischer Zählung mit plagius/authentus-Unterscheidung, die Nummern der Oktavgattung und ihrer Quart-
83 GST, 119a.; Yves Chartier,
Leuvre musicale d’Huchbald
de Saint-Amand. Les compositions et le traitd de musique, in: Cahiers d’etudes
medievales, Cahier special
5 (1995), S. 200.
84 Zu Tetrachord, Quart- und
Quintgattungen bei Boethius, in der Musica enchiriadis und ab dem 11. Jahrhundert vgl. Klaus-Jürgen
Sachs, Musikalische Elementarlehre im Mittelalter, in:
Frieder Zaminer (Hrsg.),
Rezeption des antiken Faches im Mittelalter (Geschichte der Muisktheorie
3), Darmstadt 1990, S.
145-148.
85 GSLS. 112b-113; Chartier, Leuvre musicale d’Hucbald de Saint-Amand, S.
174-180.
86 Aus Berns Prologus in antiphonarium, GS II, 672-693;
Alexander Rausch, Die Musiktraktate des Abtes Bern
von Reichenau (Musica Mediaevalis Europeae Occidentalis 5), Tutzing 1999,
87 Aus der Musica des Hermannus, GS IL 134a135b.
Pagina 24
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Quint-Elemente, die griechischen Tonartnamen, dazu die Finaltöne; ergänzt wurde die später weithin übliche lateinische Numerierung der modi):
A-a protus plagius
H-h deuterus plagius
c-c’ tritus plagius
d-d’ tetrardus plagius
l. aus 1. Qua + 1. Qui
2. aus 2. Qua + 2. Qui
3. aus 3. Qua + 3. Qui
4. aus 1. Qua + 4. Qui
Hypodorisch
d I
Hypophryisch
e IV.
Hypolydisch
f VI
Hypomixoloydisch g VIN.
d-d’ protus authentus
4. aus 1. Qui + 1. Qua Dorisch
e-e’ deuterus authentus 5. aus 2. Qui + 2. Qua Phrygisch
f-f tritus authentus
6. aus 3. Qui +3. Qua Lydisch
g-g tetrardus authentus 7. aus 4. Qui +1. Qua Mixolydisch
88 Diese Bezeichnung (vielleicht zum ersten Mal) bei
Hermannus, CS II, 132a,
134.
89 Bei Odo GS I, 253; bei
Guido CSM 4, S. 93, 95100.
d
I
e II
f
V
g VO.
Der Ausgleich, der hier geschaffen wurde, erfolgte durch die doppelt vertretene, aber in unterschiedliche Quart-Quint-Gattungen
gegliederte vierte Species der Oktave (d-d’). Dabei wurde der hypermixolydius mit der Oktave a-a’ in den hypomixolydius® (d-d’)
umgewandelt, so daß die plagalen Formen in den Tonartnamen am
Präfix »Hypo« erkennbar sind, mit den authentischen die Finaltöne (stets unterste Stufe der Quintgattung) wie die Quart- und
Quintspecies teilen, aber durch deren Umschichtung eine von den
authentischen Formen abweichende Zentrierung und (außer in
der d-d’-Oktave) eigene Normalumfänge besitzen.
Guido von Arezzo: Weniger das Grundprinzip dieser Ordnung
als die Verfahren seiner Darstellung — und weiteren Entfaltung —
wurden berührt durch die Bezeichnungs-Neuerungen kurz vor
und dann besonders durch Guido von Arezzo (um 1025). Zur
leichteren Orientierung seien das spätantike Doppeloktavsystem,
die im Mittelalter vorherrschende Guidonische Skala und die (an
Guidos Lehre anknüpfende) Hexachordordnung einander gegenüberstellt. Als Kern bleibt in Guidos Disposition die antike Doppeloktave (A-a)) einschließlich ihres durch Trite synemmenon vorgegebenen Tonesb erhalten. Doch wurden Tonstufen hinzugefügt,
teils sicherlich, um den Umfang des Systems praxisgerecht zu erweitern, teils aber offenbar auch aus »theoretischen« Erwägungen.
Die Ergänzung der neuen tiefsten Stufe, durch »G graecum« (T))
als Zutat gekennzeichnet, bildet in den beiden wichtigsten Frühzeugnissen, Pseudo-Odos Dialogus de musica und Guidos
Micrologus, den Beginn der (rein pythagoreischen) MonochordTeilungen”, die als aufwärtsgerichtete Mensuren angelegt sind,
doch die entscheidenden Maßprogressionen (Anfangs: Ganzton,
Ganzton, Quarte für G-A-B[=H]-C) von (älteren) abwärtsgerichteten Mensuren (@-g’-f’-e”) übernahmen, was ohne die
Pagina 25
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)I. Spätantikes Doppeloktavee |
ee la
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dd la sol
cc
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cc sol fa
hh | ACUMRE
bb fa
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Trite
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amt (7)
d f acutae
d la solre (6.)
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[Mese] | a | a
Paramese
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G solre ut
F
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Ela mi f (4.)
Parhypatet
meson
e
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E
d
Lichanos
D ?} graves Dsol re (3.)
c
Parhypatet
C
Cha ut
H _| Hypate
hypatron
B
Bm ?t
A
A
Are (2.)
r
Tut
Proslambanomenos
system in Tetrachordgliederung (eckige Klammer) mit
Tonnamen und (bei Mehrfachwiederkehr) zu ergänzenden Tetrachordbezeichnungen (geschweifte Klammer)
als 15stufiges System mit vier
Tetrachorden oder als 18stufiges bei hinzugefügtem fünften Tetrachord (links), verdeutlicht an modernen
Tonbuchstaben.
II. Mittelalterliche Skala, beginnend mit T (Gamma),
dann in oktavrepetierenden
Tonbuchstaben (oktavdifferenter Schreibung) verlaufend;
bezeugt bei Pseudo-Odo (frühes 11. Jahrhundert) im Umfang bis aa, bei Guido bis dd,
seit dem 12. Jahrhundert —
wegen III. —- um ee erweitert.
III. Mittelalterliches Hexachordsystem aus sieben geij
staffelt einsetzenden (intervallidentischen) Hexachorden auf den Tönen g, c; f
(1)
projiziert auf die (Guidoni-
T-Ergänzung unmöglich gewesen wäre.? Pseudo-Odos Skala, die
sich noch aufden Raum T-aa beschränkt, verrät mit ihrer weithin
symmetrischen Anlage (nur durch die »Doppelstufe« bh gestört)
die durch T gewonnene Eignung für den Richtungswechsel der
Messung.’' T erwies sich aber auch für den Ausbau des Hexasche)Skala (II.), mit dem Ergebnis der (aus der Zusammenstellung ablesbaren) Einzeltonbezeichnungen durch
Buchstaben und Solmisationssilben.
chordsystem als unerläßlich. Und mit dem Abrücken von den
antiken Ton-(und Tetrachord-)Bezeichnungen verband sich eine
die Oktavwiederkehr verdeutlichende Gliederung durch Groß-,
Klein- und Doppelschreibung der Tonbuchstaben entsprechend
den (neuen) Bezirken der graves, acutae und superacutae, wohingegen die Systemgliederung in Tetrachorde entfiel.
Das Hexachordsystem entstand aus Guidos überaus simpler,
doch ingeniöser Methode, das Tonbewußtsein, genauer: die Unterscheidung von Ganz- und Halbtonschritten in einem beispielhaften »Raum« (der großen Sexte bei symmetrischer Lage des
Halbtones: TTSTT), durch Erinnerung und Assoziation mit charakteristischen Silben (ut, re, mi, fa, sol, la) zu schulen und auf diese
90 Hierzu Sachs, Mensura fstularum, 1., S. 4849,
201-203.
91 Vgl. David E. Cohen,
Notes, Scales, and Modes in
the Earlier Middle Ages, in:
Thomas
Christensen
(Hısg.), The Cambridge
History of Western Music
Theory, Cambridge 2002,
S. 307-363, hier S. 341.
Pagina 26
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)avdenit
hrenın1er)
vier
Weise Sängerknaben zum »Vom-Blatt-Singen« zu befähigen. Die
Wahl gerade dieses Hexachordes (statt anderer »Gattungen« der
großen Sexte, wie von D zu h oder von F zu d) beruhte auf seinen
Besonderheiten, die sich als Kombination (reiner) Quart- und
Quintspecies, als zusammengeschobene Quintenkette, als Erweiterung des TST-Tetrachords ansprechen oder pragmatisch an seiner Wiederkehr bereits im Quart- oder Quint-(nicht erst im
tUu-
Oktav-)Abstand zeigen lassen. Mit diesem Hexachord wurde ein
binnenintervallisch fixierter Raum, kleiner als die Oktave und mit
nur einem Halbtonschritt, nämlich im mi-fa-Zentrum, als musikinfverıen
didaktische Grundstruktur eingeführt, die einerseits für ein Gutbena),
den
iffeend;
früJm;dd,
teil melodischer Partien bereits hinreichend war, andererseits eine
durchaus praktikable Technik des Überwechselns (»Mutation«)
von einem Hexachord zu einem gleichgebauten Hexachord auf
anderer Stufe ermöglichte: Die den Halbton umgebenden Doppelganztonschritte (TT) ließen sich z.B. als ut-re-mi wie als fa-sol-la
imaginieren und auf solche Weise in ein Hexachord überführen,
Io
das sich eine Quarte höher oder tiefer anschloß. Für lange Zeit
verbindlich wurde ein System aus ingesamt sieben Hexachorden,
tert.
'exa. geaterhorerrichtet auf allen G-, C- und F-Stufen, nach ihnen unterschiedlich benannt als hexachordum durum, naturale und molle sowie
gezählt und gestaffelt von unten nach oben (siehe Übersicht S. 54).
Und davon abgeleitet, wurden »zusammengesetzte« Tonbezeich-
5$
lonia ErsamEinlurch
nisanungen gebräuchlich, die den jeweiligen Tonbuchstaben der
Guidonischen Skala mit allen Silben verknüpfte, die ihm im Systen jener sieben Hexachorde zugehörten. Diese Benennungsweise,
die Uneingeweihten fremdartig und schwierig erscheint, prägte sich
ein im Zuge des sogenannten Solmisierens (der Singausbildung
und -praxis mit Hexachordsilben), das für Sänger lange Zeit selbstges, in.
tensen
ıbridge
92 Pohlmann, Griechenland,
Sp. 1665.
Am bekanntesten ist die
durch Ramos de Pareia
(1482) vorgeschlagene Silbenreihe Psal-li-tur-per-voces-is-tas für die diatonische Folge c-c’; vgl. Martin Ruhnke, Artikel Solmisation, in: MGG, Sachteil
Bd. 8, Kassel und Stuttgart ?1998, Sp. 1564f.
So bei Johannes Verulus
Music
de Anagnia, 2. Hälfte 14.
ura fi8-49,
!ohen,
odes in
2002,
.341.
55
Jahrhundert: CS III, 1298:
CSM 27,27.
verständlich war und in vielen Lehrtexten des 12. bis 17. Jahrhunderts eine beträchtliche Rolle spielt. Ob Guido wußte, daß bereits
in der Antike eine Art des Solmisierens, allerdings nur im Raum
des Tetrachords, aber auch mit (Vokal-) Hervorhebung des Halbtonschritts, bekannt war”, ist ganz ungewiß. Während der erstaunlich dauerhaften Tradition des Hexachordsystems gab es zwar
wiederholt Ansätze zu seiner »Verbesserung«, sei es durch Ausdehnung auf den Oktavraum”®, sei es durch Reduktion auf das Tetrachord ut-re-mi-fa?*, doch hinterließen diese nur wenige Spuren.
Wie Guidos Monochordlehre, so basierte auch die Hexachordvorstellung auf pythagoreischen Voraussetzungen, konkret auf der
Annahme gleichgroßer Ganztöne (der Proportion 9:8) in den
Pagina 27
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Folgen von TT und des Halbtones S als Restintervall (Leimma
256:243). Gestört und ihrer (Allein-)Gültigkeit beraubt wurde
diese Annahme erst durch Entwicklungen auf dem Felde der
mehrstimmigen Musik, seit dem 15. Jahrhundert speziell im Bestreben, bei Instrumenten mit festgelegter Stimmung eine höhere Reinheit der Terzen in Zusammenklängen zu erzielen.”
95 Dazu unten $. 70.
96 Christian Meyer, Die Tonartenlehre im Mittelalter,
Konsequenzen der Lehre von den Kirchentonarten
Als Mittel der Unterscheidung, Gruppierung und Charakterisierung von Melodien nach rein musikalischen (nicht also textbedingt
liturgischen oder anderweitig funktionalen) Gesichtspunkten stellten die Kirchentonarten für Lehre und Theorie unbestritten die
wichtigste Kategorie der einstimmigen Musik dar. Nicht nur die
Klassifizierung nach (Normal-)Umfängen und der Position des
Finaltones, sondern auch die Beobachtung der in den jeweiligen
»Räumen« besonders häufigen Wendungen und bevorzugten Stufen zumal anhand bestimmter Beispiele aus dem liturgischen
Repertoire wurden zum Gegenstand einer ungemein dicht tradierten Lehre. Einerseits unterstützte sie die — vor allem liturgische —
Gesangspraxis kategorisierend und ordnend, andererseits inspirierte sie auch dazu, im Repertoire (so der Zisterzienser) Änderungs-,
Angleichungs- und Regulierungsversuche vorzunehmen.”
Zur Bezeichnung der acht Kirchentonarten sind nebeneinander
gebräuchlich die von den griechischen Stammesnamen hergeleiteten Begriffe (dorisch, hypodorisch usw.) wie auch die beiden Zählungen, entweder im Sinn der griechischen »vier« (protos, deuteros
usw.) mit Zusatz »authentisch« oder »plagal« oder der lateinischen
»acht« (primus, secundus usw.) in der oben verzeichneten Folge.
Wie intensiv sich die Lehre bemühte, den in der Musikpraxis
begegnenden melodischen Reichtum anhand der acht Kirchentonarten zu erfassen, zeigen beispielsweise die Hauptaspekte im Liber
de natura et proprietate tonorum (1476) des Johannes Tinctoris”:
Quint- und Quartspecies (des jeweiligen Oktavraumes) geben
Gliederung, Finalstufe und melodische formatio vor; die Ähnlichkeiten im Verlauf umfangsüberschreitender speciesgleicher, also
aufeinander bezogener authentischer und plagaler, Tonarten wie
ihre zuweilen schwierige Unterscheidung werden diskutiert; für
Irregularitäten im Ambitus und selbst für die Vermischung von
Tonarten werden Beurteilungshilfen gegeben.
in: Michel Huglo / Thomas Ertelt/ Frieder Zaminer (Hrsg.), Die Lehre vom
einstimmigen liturgischen
Gesang (Geschichte der
Musiktheorie 4), Darmstadt 2000, S. 135-215,
hier S. 183-196.
97 CS IV, 16-41; CSM 221,
Pagina 28
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Franchino Gaffori stellte seiner Practica musice (1496) einen Holzschnitt voran, der un-
PRACTICA MVSICE FRANCHINI GAFORI LAVDENSIS.
ter exakter Zuordnung mythologischer und sphärenharmo-
_ nischer Abbilder (links Musen, rechts Gestirne, über allem Apoll mit Grazien) an
einer als dreiköpfige Schlange symbolisierten Monochordsaite die Stufen einer
_ Oktave (entsprechend A bis
a) mit den auf ihnen beginnenden acht Tonarten verzeichnet, die auf diese Weise
in den Rang von Grundbestandteilen einer allumfassenden Harmonia erhoben
werden.
So verwickelt sich dieses Lehrgebiet insgesamt darstellt, so
unbestritten bleibt seine Ausgangstatsache, daß »die Tonarten«
bestimmte Grundtypen diatonisch-melodischer Entfaltung und
Zentrierung als abstrakte Modelle enthalten, mit und an denen
viele Einzelheiten in den Gesängen des praktischen Repertoires
erkannt und »gemessen« werden können. Wie fundamental die
Pagina 29
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Tonarten aber auch in jenes altüberlieferte, überhöhend sphärenharmonische Konzept einbezogen werden konnten, zeigt das Frontispiz aus Franchino Gafforis Practica musice (Mailand 1496), das
nicht nur griechische Tonbezeichnungen mit Gestirnen, sondern
auch in humanistischer Antikenemphase — statt mit christlicher
Symbolik — mit Apoll, Grazien und Musen sowie mit acht Tonarten verknüpft, die in Benennung und Zuordnung der Oktavräume
exakt dem erwähnten Konzept aus der Alia musica”’entsprechen.
Eine weit schwierigere Frage blieb, wie eindeutig sich Unterschiede in Gestus, Ausdruck oder »Charakter«, wie sie an konkreten Melodiebeispielen wahrnehmbar sind, als Eigenschaft oder
auch nur Tendenz des jeweiligen Tonart-Modells generalisieren
lassen. Hier berührte die mittelalterliche Lehre ein Grundsatzproblem, das etliche Aspekte (semantischer Prädisposition von Musik, kultureller Prägung des Hörers) einschließt und sich allenfalls
für sehr begrenzte Voraussetzungen lösen läßt. Dicta antiker Autoritäten, die bestimmte »Wirkungen« mit den Tonarten verbanden — zumal Platons Ethoslehre im Erziehungsprogramm seines
Staates (Politeia, 398d-A00e), nennenswert auch die ab dem
13. Jahrhundert zunehmend zitierten Äußerungen des Aristoteles
aus seiner Politik (Buch 8, 339a-340b) -, standen für eine Tradition »pythagoreischer« Anschauungen vom Einwirken der Musik
auf die Seele. Mittelalterliche Autoren wandten solche Anschauungen auf die acht Tonarten an und boten Charakterisierungen,
bei denen sich »bemerkenswerte Konstanten«” feststellen lassen,
so bei Johannes Affligemensis (um 1100), Egidius Zamorensis (um
1300) und Heinrich Eger von Kalkar (1380), aber auch noch bei
Stefano Vanneo (1533). Gleichwohl ist kaum zu unterscheiden,
wie weit solche Ähnlichkeiten das Eigenurteil der Verfasser oder
nur deren Anlehnung an maßgebende Vorläufer widerspiegeln.
Als wichtiger Wandel in der skizzierten Lehre von den acht
Tonarten muß deren Erweiterung auf zwölfTonarten durch Heinrich Glarean erwähnt werden. Den Anstoß gaben theoretische
Erwägungen wie praktische Erfahrungen. Die acht Kirchentöne
blieben historisch hinter den 13 oder 15 Tonarten (»Transpositionsskalen«) der Antike zurück, und Glarean bezieht sich bereits
auf dem Titelblatt seines Dodekachordon (1547) auf 14 jener Skalen. Diese aber werden systematisch auf den sieben diatonischen
Stufen in den Formen »authentisch« und »plagal« gebildet, so daß
zunächst einmal alle Möglichkeiten erfaßt sind. Von ihnen aber
scheidet Glarean jene beiden aus, deren Teilung in Quinte plus
98 Siehe oben $. 49.
99 So Karlheinz Schlager, Ars
cantandi — ars componendi,
in: Huglo / Ertelt/ Zaminer (Hrsg.), Die Lehre vom
einstimmigen liturgischen
Gesang, S. 273.
Pagina 30
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Quarte (und umgekehrt) verminderte und übermäßige Formen
dieser Intervalle ergibt: die authentische Gestalt über h (mit f) und
die plagale über f (mit h). Bei den vier ergänzten Tonarten handelt
es sich daher um:
Aolisch
Hypoäolisch
a-a’
e-e’
1. Qui + 2. Qua
2. Qua + 1. Qui
a
a
IX.
X.
Ionisch
c-c
4. Qui + 3. Qua
c
x.
Hypoionisch
2-8
3. Qua + 4. Qui
c
Xn.
Doch auch im Blick auf Melodien wie mehrstimmige Sätze aus den
Repertoires der praktischen Musik hielt Glarean die Ergänzung
dieser Tonarten für erforderlich, und dies ist Leitaspekt der umfangreichen und entsprechend erläuterten Sammlung seiner »Duodecim Modorum exempla« im Dodekachordon (ab S. 239).
Die Theorie im Zusammenhang mit der Ausbildung
geregelter Mehrstimmigkeit
Bestand die »pythagoreische« Theorie im Kern aus der Überzeugung, daß die in der Tetraktys beschlossenen Konsonanz- und
Zahlenzusammenhänge das natur- oder gottgegebene Modell einer transzendenten Harmonia bilden, das in seinen Auswirkungen
zu erkunden sei, so stellen die in diesem Beitrag bisher behandelten Lehren unterschiedliche Versuche des Ausbaus, der Konkretisierung, der Anpassung dieser Theorie unter verschiedenartigsten
(musik-Jhistorischen Bedingungen dar. Es wäre ein Mißverständnis, die Theorie am jeweiligen »Gesamtbestand« der von ihr hergeleiteten Lehren zu messen, denn dieser durchläuft, wie deutlich
wurde, beträchtliche Wandlungen. Sinnvoller und dem historischen Phänomen jener Theorie adäquater ist es, die sehr unterschiedlichen Bezüge auf jenen Kern hin wahrzunehmen und zu
erklären, denn sie sind Indiz für die »Offenheit« der Theorie. Vor
allem dieser Offenheit aber verdankte diese ihren dauerhaften Reiz
und geschichtlichen Rang.
Während für die Melodik einstimmiger Musik — repräsentiert
in erster Linie durch liturgische Gesänge des Mittelalters — das
Tonsystem mit seinen intervallischen Voraussetzungen und den
von ihm ableitbaren »Tonarten« als tragende Kategorie des theoretischen Ergründens dienen konnte, ergaben sich aus der Entwicklung mehrstimmiger Musik zusätzliche und »neue« Heraus-
Pagina 31
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)forderungen für die Theorie, von denen vor allem zwei Aspekte zu
betrachten sind: die klangliche »Zusammenfügung« und, damit
verbunden, die zeitliche Bemessung der Bestandteile jener gemeinsam erklingenden Stimmen. Denn der Anspruch, daß auch mehrstimmige Musik als eine Emanation von Harmonie zu verstehen
sei, galt unvermindert — bis in die Neuzeit hinein.
Die ältesten Ansätze, von denen her die Ausbildung der »Mehrstimmigkeit« verfolgt werden kann, gehören ganz in den Bereich
feierlicher Vortragsarten des liturgischen Gesanges, sind also nichts
anderes als eine hervorgehobene Wiedergabe seiner Melodien:
Statt des Singens in Oktaven, wie es bei gleichzeitiger Ausführung
von Knaben- (oder Frauen-) und Männerstimmen selbstverständlich ist, wurden reine Quinten (oder/und Quarten) einbezogen.
Die Konstellationen eines solchen Parallelsingens werden in der
Musica enchiriadis (9. Jahrhundert; Kap. 14) als Arten des Organum beschrieben. Die sehr ungewöhnliche Tonordnung dieses
Lehrtextes (mit ihrer an griechische Instrumentalnotation und
boethianische Überlieferung anknüpfenden »Dasia«-Notation)
zielt offenkundig darauf ab, ein Oberquinten-Parallel-Organum zu
veranschaulichen, denn die 18 Stufen sind exakt oberquintenrein
angeordnet, gegliedert in unverbundene (also durch weiteren
Ganzton getrennte) Tetrachorde TST, allerdings mit der Konsequenz, daß die Halbtonstufen übermäßige Oktaven erhalten!”
(die nicht originalen Tonbuchstaben sind zur Verdeutlichung ergänzt):
100 Nach Nancy Phillips, Notationen und Notationslehren von Boethius bis zum
12. Jahrhundert, in: Huglo/
Ertelt / Zaminer (Hrsg.),
[GABC
TSTT
Graves
DEFG
TSTT
AHCD
EF#GA
H C#
TST
TT TST TT
Die Lehre vom einstimmigen liturgischen Gesang, S.
Finales
Superiores
305.
Excellentes
Residui
Dennoch zeigt sich eine Nähe zur Lehre Hucbalds, indem die
Stufen des Finales-Tetrachords von den auf ihnen schließenden
Tonarten her benannt werden: protos, deuteros, tritos, tetrardos
(so daß sich zur Orientierung jene Tonbuchstaben in Majuskeln
hinzufügen lassen). Doch nicht nur diese denkbar einfache Praxis
des Singens in parallelen Oktaven, Quinten, Quarten — den elementarsten »symphonen« Intervallen aus Tetraktys und »Mittel«Bildung - ist Gegenstand der Lehre dieses Textes, sondern auch
eine sehr spezifische Art des Quarten-Organum, bei dem eine (liturgische) Melodie in parallelen Unterquarten »begleitet« wird,
doch so, daß jede Zeile im Unisonus anhebt und solange im gleichen Ton verharrt, bis die Parallelführungen (tritonusfrei) möglich
Pagina 32
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)sind, um gegen Zeilen-Ende die Stimmen wieder im Einklang
zusammenzuführen. Wie die (vielzitierten) Traktat-Exempla dieser nur mehr teilweisen Parallelführung von zwei Stimmen zeigen,
findet sich hier als bemerkenswertes Moment das Zusammenklingen in Sekunde und Terz bei Seitenbewegung der Stimmen. Daß
der um rationales Eindringen in diese Praxis bemühte Text auch
101 Hierzu und zum folgenden vgl. besonders Hans
Heinrich Eggebrecht, Die
Mehrstimmigkeitslehre von
ihren Anfängen bis zum 12.
Jahrhundert, in: Frieder
Zaminer (Hrsg.), Die mittelalterliche Lehre von der
Mehrstimmigkeit _ (Geschichte der Musiktheorie
5), Darmstadt 1984, S.
23-66.
102 Hierzu
grundsätzlich
Hans Heinrich Eggebrecht / Frieder Zaminer,
Ad organum faciendum.
Lehrschriften der Mehrstimmigkeit
in
nachguidonischer
Zeit
(Studien zur Musikwissenschaft 3), Mainz 1970.
von einem schweifenden Abschnitt (vagans particula) spricht'',
weist bereits auf Momente, die sich allzu enger Regulierung entziehen.
Einen modifizierten Status dieser Art von Organum behandelt
Guido von Arezzo, vor allem indem er die hierbei zulässigen Klänge nennt (große Sekunde, große und kleine Terz, reine Quarte)
und für bestimmte Formen der Zeilenschlußbildung ein faktisches
Zusammenlaufen (occursus) der Stimmen, folglich Gegenbewegung, beschreibt. Um zwei Generationen jüngere Lehrtexte dokumentieren, ebenfalls unter der Voraussetzung gleichzeitigen Fortschreitens der beiden Stimmen (»Note gegen Note«), Bereicherungen durch andere Zusammenklänge (Oktave, Quinte, auch Sexte, Terz), größeren Ambitus und selbständigere Stimmenbewegung
(zunehmend als Gegenbewegung).'”
Ein besonderes Verfahren, die Zuordnung einer zweiten Stimme zu einem vorgegebenen Cantus zu lehren und zu üben, hat
durch seine auffällige Schematik wie durch Dauer und relative
Häufigkeit seiner Überlieferung (wohl seit dem 13., doch bis ins
15. Jahrhundert) Interesse auf sich gezogen: Es besteht im recht
monotonen Einzel-Aufzählen zulässiger (und stets konsonanter)
Stimmenbewegungen und Zusammenklangspaare, wobei für die
sukzessiven Cantus-Intervalle und für die Ausgangsklänge bestimmte Reihenfolgen eingehalten werden vor allem nach dem
Muster: Steigt der Cantus zwei Töne [beispielsweise C-D] und
beginnt die Gegenstimme im Oktavklang [c], so soll diese drei
Töne fallen [nach a] und wird einen Quintklang bilden [a über D].
Dieses sehr typische, als »Klangschrittlehre« bekanntgewordene
Verfahren zeigt in seinen Quellen einen Wandel vom (anscheinend
frühen) selbstverständlichen Berücksichtigen der Quarte über
deren allmähliche Aussparung hin zu vorherrschenden Verbindungen von Oktave und Quinte (sowie umgekehrt) bis zur beginnenden Einbeziehung von Terzen und Sexten. Insofern begleitet diese Methode tendenziell recht deutliche Wandlungen in den Repertoires der Mehrstimmigkeit und zeigt, wie deren Lehre die Bindung an die alten »symphonen« Zusammenklänge erst allmählich
Pagina 33
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)dungen’”
103 Klaus-Jürgen Sachs, Zur
oder nur als
innerhalb dieser Texte deren Genese widerspiegeln
al variierenden
Spuren einer langen, mündlich vermittelten, region
Lehre. Die Texte mit der Formel »Si cantus ascendit...«
und ihre Verwandten, in:
aufgab. In welchem Maße die möglichen Gruppenbil
anzuseund vorwiegend dem Stegreifsingen geltenden Lehrweise
hen sind!%, ist bislang noch schwer zu entscheiden.
sen von
Ein ganz wesentliches Novum für das theoretische Erfas
igen
Mehrstimmigkeit rückt im Zusammenhang mit einem wicht
matische
Text zur Klangschrittlehre in den Blick: die stark melis
Cantusdem
Auszierung des betreffenden Intervalls der (über
schritt liegenden) Gegenstimme. Bisher reichstes Zeugnis für diese
der
Erscheinungen ist der sog. Vatikanische Organum-Traktat'”,
über 250 Melismen-Beispiele gleichsam »ausgezierter« Klang
Klängen an
schritte verzeichnet, ohne freilich — von den beiden
chmückungen
»Start« und »Ziel« abgesehen - die Art dieser Auss
vorwiegend
zu erörtern. Wohl ist zu erkennen, daß die Melismen
en und Terzaus Sekundfortschreitungen, auch Tonwiederholung
aus den
sprüngen melodisch ähnlich dicht gefügt sind wie Vieles
gen oft
sprün
Choralrepertoires, dazu lassen sich bei seltenen Quint
einer konsoausgleichende Richtungswechsel und Tendenzen zu
samt
nierenden Position der Sprungtöne feststellen. Doch insge
rn
unterliegen diese Auszierungen keinen speziellen Regeln, sonde
en Wenscheinen lediglich melodischen Partien und formelhaft
sein. Hier
dungen des einstimmigen Gesanges nachgestaltet zu
gsstand
cklun
Entwi
berührt die überlieferte Lehre offenbar einen
tenen Reperder Mehrstimmigkeit, auf dem sich die großen erhal
. Jahrtoires von Saint-Martial und Notre-Dame (aus dem 12./13
hundert) entfaltet haben: Unter dem (aus pythagoreischer
"Tradifügens
tion beachtenswerten) Aspekt des klanglichen Zusammen
e,
Quint
e,
der Stimmen bilden die symphonen Intervalle Oktav
allerQuarte alle entscheidenden Knotenpunkte, zwischen denen
dings auch mancherlei andere Klänge stehen, mit denen
nend variiert und experimentiert wurde.
anscheimen
Für die zeitliche Bemessung und Zuordnung der Stim
n wesentlich
dürften hier die ausführungspraktischen Bedingunge
verlangte
gewesen sein: Solistisch vorgetragene Zweistimmigkeit
e gegen
weder bei gleichzeitigem Fortschreiten der Stimmen (»Not
nstimme
Note«) noch bei melismatischer Ausgestaltung der Gege
on durch
inati
nach einer besonderen Ablaufregelung, da die Koord
g
Direktverständigung der Sänger möglich war. Mit der Erweiterun
iches
deutl
ein
e
zur Drei- oder Vierstimmigkeit hingegen wurd
stens)
Regeln der zeitlichen Zuordnung erforderlich. Hier (späte
Tradition der Klangschritt-
Archiv für Musikwissenschaft 28 (1971), 5. 233—
270.
104 So Sarah Fuller, Organum
— Discantus —- Contrapunctus in the Middle Ages, in:
Christensen (Hrsg.), The
Cambridge History ofWestern Music Theory, S. 489.
105 Grundlegend Frieder Zaminer, Der Vatikanische Organum-Traktat ((Ortob. Lat.
3025) (Münchner Veröffentlichungen zur Musikgeschichte
Tutzing
Pagina 34
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)setzt die Ausbildung der Modalrhythmik (13. Jahrhundert) ein,
die, nach dem Vorbild rhythmischer Dichtung, Modelle benutzt,
in denen sich »lange« Silbe bzw. Note (Longa = L) und »kurze«
(Brevis = B) abwechseln oder einprägsame und wohlgemerkt stets
dreizeitige (drei tempora [t] umfassende) Kurzformeln bilden. Im
System der sechs Modi, das Johannes de Garlandia (um 1250) und
um
ıncin:
The
Vesihm folgende Autoren erläutern, gelten drei Modi (nämlich 1., 2.
und 6.) als eigentliche (modi recti), drei (3.-5.) als maßüberschreitende (modi ultra mensuram). Entscheidender Unterschied
ist, daß die modi recti Longa und Brevis im eindeutigen Verhältnis von 2t:1t führen, wohingegen die modi ultra mensuram zwar
die Longa stets als 3t werten, doch bei zwei aufeinanderfolgenden
röfısikzing
Breves (in den auf 6t ausgedehnten Gruppen) die erste (als recta)
mit It, die zweite aber (als altera) mit 2t ansetzen (der Übersicht
lassen sich neben den Formeln aus 3t diejenigen aus 6t leicht entnehmen):
1. Modus
2. Modus
3. Modus
4. Modus
5. Modus
6. Modus
tte/
L
B
BL
L
BB
L
BBB
ee rt
L
B
BL
BB
L
L
BBB
rectus
rectus
ultra mensuram
ultra mensuram
ultra mensuram
rectus
Dieses System, das allerdings weder ganz verbindlich war (der 4. Modus kommt faktisch nicht vor) noch alle rhythmischen Einzelheiten der Praxis genauer erfaßte, sich aber mit einem aus der Choralaufzeichnung gewonnene Verfahren der Ligaturennotation verband, enthält wesentliche Elemente der Rhythmik, die dann in der
Mensuralmusik (bis ins 16. Jahrhundert hinein) galt. Die Werte L
und B bilden einen Grundbestand für immer weiter differenzierte Teilungswerte; die B recta als Maß des tempus erfährt Untergliederungen, wobei deren Dreiteiligkeit trinitätssymbolisch als »perfekt«, die alternativen Zweiteilungen als »imperfekt« gesehen und
bezeichnet wurden. Dies führt schließlich zu extrem verzweigten
Untergliederungen des (über der
Lum Maxima und unter der B
um Semibrevis, Minima, Semiminima, Fusa, Semifusa erweiterten) Notenwerte-Systems, und die zwangsläufige Konsequenz
fortschreitender Zwei- oder Dreiteilungen sind Teilwerte in nachgerade »pythagoreischen« Zahlen. So schließt ein englischer Theoretiker wohl des 14. Jahrhunderts in seinem Breviarium regulare
musicae, das die Zahlengrundlagen von Intervallberechnung und
Pagina 35
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Monochordlehre behandelt, auch eine Erörterung des Werte.
oo.
.
.
106 Nach der Edition in CSM
.
12, 8.28 und 61.
systems der Mensuralmusik mit ein und bietet unter Hinweis auf
die Dreiecksfigur (figura trianguli) des Johannes von Torkesey eine
Übersicht'%, die im folgenden vereinfacht (auf Notenwerte und
Zahlen beschränkt) wiedergegeben wird:
1
Semiminima (Simpla, Crocheta)
Minima (Minuta)
2
Largissima
[1x]
64
[2x]
[3x]
243
162
108
72
48
32
Maxima (Larga)
81
54
36
24
16
Longa
27
18
12
8
Brevis
9
6
4
Semibrevis
3
[4x]
[5x]
729
Die Notenwerte, vom hier kleinsten (simpla) bis zum größten
(larga) unter teilweise anderen Namen angeführt, bilden eine Pyramide, welche stets die Anzahl von Noten des kleinsten Teilwertes (simpla oder Semiminima) im jeweils nächst größeren Wert
angibt, doch unter den beiden Alternativen seiner Zweiteilung
(Richtung links abwärts) oder Dreiteilung (Richtung rechts abwärts). Nach links also wenden sich die duplares in der jeweiligen
nota imperfecta, nach rechts die triplares in der jeweiligen perfecta,
und der Autor kennzeichnet die einzelnen Notenwerte überdies
noch (durch speziell zugefügte Punkte) danach, wieviel Male in
den vorangehenden Herleitungen ein dreiteilige (»perfekte«) Note
mit im Spiel war. Nur angedeutet sind in dieser Figur die entsprechenden Extremwerte für eine (gedachte) largissima omnino
imperfecta (64) und omnino perfecta (729); allerdings werden,
ohne die simpla-Zahlen, hier die entsprechenden Angaben von
semel bis quinquies perfecta genannt (oben in Klammern angedeutet). Es liegt auf der Hand, daß in diesen Zahlen pythagoreische
Verhältnisse enthalten sind. So überrascht nicht, wenn ernsthafte
Versuche unternommen wurden, rhythmische und formale EigenRepertoires. des . 14.-15. Jahrhunausnn
schaften in Musikstücken
.
Be
derts als beabsichtigte Proportionierungen im Sinn pythagoreisch-
107 Hierzu besonders Laurie
Pyrhagpreisch-pizKochlen
tonische Proportionen in Werken der ars nova und ars subplatonischer Lehren zu deuten.!” Feststeht wohl auch,. daß komsilior (Göriinger Music
ponierenden Cantores wie lehrenden Autores von Musiktraktaten
wissenschaltliche
jener Zeit die durch Boethius übermittelte Proportionentheorie
1990.
.
eiten
12), 2 Bände, Kassel u. a.
Pagina 36
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)ebenso vertraut war wie der aus mancherlei Quellen gespeiste
Umgang mit Symbolzahlen. Allerdings läßt sich das Aufweisen
proportionierter oder an bedeutsame numeri gebundener Sachver-
SM
halte, das nicht schwierig — auch keinesfalls nutzlos — ist, weit
weniger direkt als bewußte Ausdehnung der pythagoreischen
Theorie auf die Zeitgestalt von Musik nachweisen, als es in den
Schriften zu Tonsystem und Intervall-Lehre mit oft ausdrücklichen
Rückbezügen auf die darin wirkende Harmonia gelingt.
Auf dem Gebiet der Intervall-Lehre vollzogen sich, greifbar
ebenfalls seit Johannes de Garlandia, wichtige Präzisierungen, die
für die Regelung der Mehrstimmigkeit entscheidend wurden. Vom
9. bis zum 11. Jahrhundert ist ein relativ überschaubares Nebeneinander dreier Arten von Intervallen auszumachen:
1. als organale »Konsonanzen« bleiben die spätantiken symphoniae
(Oktave, Quinte, Quarte, teilweise auch deren Oktaverweiterungen) erhalten;
2. Mensur-Intervalle für die Monochordlehre und ihre Abkömmlinge sind Oktave, Quinte, Quarte und besonders der Ganzton
(9:8);
3. bei den im einstimmig liturgischen Repertoire beobachteten
und von daher ganz pragmatisch »zugelassenen« Melodie-Intervallen ist die Gruppe der melodisch dichten und brauchbaren
Intervalle konstant (diese sind: beide Sekunden und Terzen,
reine Quarte und Quinte); dem Wechsel aber unterliegen gröBere Sprung-Intervalle (Sexten, Oktave), Sonderformen (Tri108 Vgl. Sachs, Musikalische
Elementarlehre im Mittelalter, in: Zaminer (Hrsg.),
Rezeption des antiken Faches im Mittelalter, S. 130f.
109 Erich Reimer, Johannes de
Garlandia: de mensurabili
musica. Teil I (Beihefte
zum Archiv für Musikwissenschaft 10), Wiesbaden
1972, S. 67-72.
110 Nach Sachs, Musikalische
Laurie
ch-plain Werars subMusikrbeiten
el u.a.
Elementarlehre im Mittelalter, S. 138.
tonus, kleine Septime) und der für Tonwiederholungen eigens
genannte Unisonus.'®
Ab dem mittleren 13. Jahrhundert dagegen gewinnt die (1.) Rubrik der Zusammenklangs-Intervalle an Bedeutung, und die Lehre
geht dazu über, alle Intervalle (bis zur Oktave) bezüglich ihrer Rolle
im mehrstimmigen Satz zu bewerten. Dies geschieht grob durch
eine Trennung von »konsonierenden« und »dissonierenden« Zweiklängen, verfeinert durch eine dreifache Untergliederung beider
Gruppen durch qualifizierende Ausdrücke, gewonnen ebenfalls aus
dem Gegensatz von »perfekt« und »imperfekt« sowie einer dazwischenliegenden Rubrik »mittlerer« Intervalle. Garlandias System
und Argumentation!” secundum auditum (vom Höreindruck her
nach Verträglichkeit oder Verschmelzung) sei folgendermaßen
skizziert''° (Intervallzahlen mit kfllein]-/g[roß]-/v[ermindert]-/
ülbermäßig]-Zusatz statt der originalen griechischen Bezeichnun-
Pagina 37
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)concordantiae
perfectae
una vox potest compati cum aliis secundum auditum
(Eine mit anderen für das Gehör verträgliche Stimme)
1,8
secundum auditum una vox non percipitur ab alia
(nicht mehr einzeln wahrnehmbare Stimme)
imperfectae una vox ex toto percipitur ab alia secundum auditum
(gänzlich einzeln wahrnehmbare Stimme)
mediae
g3, k3
nec dicitur perfecta vel imperfecta, sed partim convenit
5,4
cum perfecta et partim cum imperfecta
(weder perfekt noch imperfekt, teils dieser, teils jener
entsprechend)
discordantiae
secundum auditum una vox non potest compati cum alia
(nicht verträgliche Stimme)
secundum auditum una vox non potest compati cum alia
k2, ü4, 87
(nicht verträgliche Stimme)
g6, k7
imperfectae secundum auditum aliquo modo possunt compati
(in gewisser Weise verträgliche Stimme)
perfectae
mediae
partim conveniunt cum perfectis, partim cum
imperfectis secundum auditum
(teils den perfekten Konkordanzen, teils den
g2, k6
imperfekten entsprechend)
Alle zwölf Intervalle werden erfaßt. Die Einordnung, nicht ohne
gewisse Merkwürdigkeiten (des Textes oder der Überlieferung),
scheint auf Beobachtungen zu beruhen, die Carl Dahlhaus für die
discordantiae im unterschiedlichen Normal-Auflösungs-Streben
gesehen hat!'': der perfectae in Seitenbewegung mit Halbtonschritt zu 1, 5 und 8, der imperfectae in Gegenbewegung zu 8 und
5, der mediae in Gegenbewegung zu 4. Allerdings bietet Garlandia
daneben auch eine Klassifizierung nach Proportionen, bemüht
demnach sowohl das Urteil der Ohren als auch das der Zahlen’,
doch divergieren beide im Ergebnis (bei den concordantiae durch
Austausch von imperfectae und mediae, bei den discordantiae
durch die Positionen von k6 und k7).
Klassifikationen dieser Art aus dem späten 13. Jahrhundert und
danach reflektieren satzpraktische Erfahrungen und bereiteten für
die Mehrstimmigkeitslehre eine bedeutsame Entwicklung vor,
nämlich das faktische Regeln des Setzens, indem anhand der Gruppierung von Zusammenklangs-Intervallen allgemeine Anweisungen zur satztechnischen Handhabung eben dieser Klänge formuliert werden. Von generellen Regeln für den mehrstimmigen Satz
kann bis um 1300 nicht die Rede sein; einzig die sogenannte Gegenbewegungsempfehlung (steigt der Cantus, so möge die Gegenstimme fallen und umgekehrt) sticht aus den bloßen Beschreibungen der Gattungen (Organum, Discantus, Conductus, Motette)
111Carl Dahlhaus, Untersuchungen über die Entstehung der harmonischen Tonalität (Saarbrücker Studien zur Musikwissenschaft
2), Kassel u.a. 1968, $.70f.
112 Reimer, Johannes de Garlandia, S. 72-74.
Pagina 38
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)113Sachs, Zur Tradition der
Klangschritt-Lehre, S. 234.
114 Ernst Rohloff, Die Quellenhandschriften zum Musiktraktat des Johannes de
Grocheio, Leipzig 1972, S.
138.
115 Ebenda, S. 139.
116 Vgl. dazu Klaus-Jürgen
Sachs, Die ContrapunctusLehre im 14. und 15. Jahrhundert, in: Frieder Zaminer (Hrsg.), Die mittelalterliche Lehre von der Mehrstimmigkeit (Geschichte
der Musiktheorie 5), Darmstadt 1984, S. 168-174.
67
oder den serienmäßigen Einzelaufzählungen von »Klangschritten«
heraus.''? Einen offenbar recht frühen Hinweis auf gewisse Sänger
oder Autoren, die aus praktischer Erfahrung des Unterscheidens
von »perfekten« und »imperfekten« Konsonanzen mit mehreren
(oder wenigen) »Regeln« einen zweistimmigen Gesang, seine Teile und seine compositio zu erkennen vermögen, bietet Johannes de
Grocheio (um 1300):
»Quidam autem per experientiam attendentes ad consonantias tam perfectas quam
imperfectas cantum ex duobus compositum invenerunt [...] Et de hoc plures regulas
invenerunt, ut apparet eorum tractatus aspicienti. Si tamen aliquis praedictas
consonantias sufficienter cognoverit, ex modicis regulis poterit talem cantum et eius
partes et eius compositionem cognoscere.«''
»Einige, welche durch Erfahrung auf sowohl vollkommene wie unvollkommene
Konsonanzen aufmerksam wurden, erfanden den aus zwei Stimmen zusammengesetzten Gesang [...]. Auch fanden sie diesbezüglich mehrere Regeln, wie demjenigen einleuchtet, der ihre Abhandlungen betrachtet. Wenn jedoch einer vorbesagte
Konsonanzen genügend erkannt hat, wird er nach wenigen Regeln einen solchen
Gesang und dessen Teile und dessen Zusammensetzung erkennen können.«!®
Dieser Hinweis berührt die Frage!'*, wann das Entstehen der Contrapunctus-Lehre genauer anzusetzen ist, denn die zweifellos frühesten expliziten Traktate dieses bald überaus reich tradierten Lehrgebietes stammen von um 1330. Das entscheidend Neue und
Zukunftweisende an ihm liegt darin, daß anhand der unterschiedıtersulichen Konsonanzen-Klassen (der »perfekten« und der »imperfekintsteten«) generelle Anweisungen formuliert werden, die das zuvor
praktizierte Benennen einzelner Fortschreitungen überflüssig machen und zudem ein Netz von Kriterien schaffen, mit deren Hilfe jede Einzelheit im Satz »erwogen« werden kann. Diese »Durchrationalisierung« gilt zunächst nur für einen rein konsonanten Satz
en ToStudischaft
S.70£.
» Gar-
»Note gegen Note« (punctus contra punctum, woraus das Fachwort
entstand). Die Anweisungen, zumeist regulae genannt, haben
unterschiedliche Verbindlichkeit: [Verbot:] als zwingend gilt, daß
gleiche perfekte Konsonanzen (Einklang, Quinte, Oktave) einander nicht folgen dürfen; [Lizenzen:] bei ungleichen perfekten wie
bei gleichen und ungleichen imperfekten (Terzen, Sexten) aber ist
Aufeinanderfolge gestattet; [Empfehlungen:] besonders angeraten
werden das Abwechseln perfekter und imperfekter Klänge, der
melodisch enge (stufenweise oder sogar halbtönige) Anschluß in
einer der Stimmen sowie das Fortschreiten in Gegenbewegung. Als
ideal gelten Verbindungen, die alle drei Empfehlungen beachten,
z.B. 86-8, 83-5, k3-1. Die erste dieser Folgen (g6-8) wurde denn
auch zur Standard-Schlußwendung für den zweistimmigen Satz
Pagina 39
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)bei Unterstimmen-Tenor mit Sekundfall zur Finalis. Das ganze
Satz-Verfahren aber vollzieht sich (zwar innnerhalb der Grenzen
von Zweistimmigkeit und gleichzeitigem Weiterschreiten der
Stimmen) in (fast) ständig freier Wahl unter mehreren Mösglichkeiten, zwischen denen abzuwägen ist, und erfüllt damit zwei
wichtige Bedingungen: es ist durchgängig von »Regeln« her zu bewerten, und es bleibt dennoch »unvorherbestimmt« (indeterminata positio).'”
117 Ebenda, $. 189-199.
Dem Leitbild dieser Durchrationalisierung wurden nach und
nach auch Satzweisen unterworfen, die sich nicht an einen Notegegen-Note-Verlauf banden, sondern Dissonanzen einbezogen.
118 Ebenda, S. 248-254.
Deren Einsatz vollzog sich offenbar zunächst »ungeregelt«, doch
in Bahnen des Überkommen-Vertrauten. Nach spärlichen Andeutungen über die Behandlung von Dissonanzen findet sich erst bei
Johannes Tinctoris im Liber de arte contrapuncti (1477) ein Regelsystem, das im Contrapunctus diminutus auch die »discordantiae«
erfaßt, wobei deren rhythmisch-metrischer Ort in Bezug zum
mensurbestimmenden Wert (mensurae directio) die wesentlichen
Kriterien darstellen. So ist hier bereits die Unterscheidung von
unbetonter (vor allem »Durchgangs«-) und betonter (Synkopen«-)
_
_
_
Dissonanz wirksam. 118
Zum Ausbau der Contrapunctus-Lehre für den mehr als zweistimmigen Satz genügten anscheinend zunächst zwei zusätzliche
Richtlinien: die Lizenz der (im Contrapunctus ansonsten als Dissonanz gewerteten) Quarte zwischen höherliegenden Stimmen,
und die Warnung vor sekundär dissonierenden Tönen aus primär
konsonanten Beziehungen von je zwei Stimmen (vor allem der
Sekunde aus Quinte und Sexte).
_
Diese Entwicklungen, die sich in der Lehre erst des 15. Jahrhunderts niederschlugen und allmählich die Contrapunctus-Prinzipien in eine noch umfassendere Kompositions-Lehre integrierten, sind kaum mehr auf pythagoreische Grundlagen zu beziehen,
übernahmen aber wohl deren Intention, musikalische Erscheinungen möglichst rational und allgemeingültig zu erfassen. Allerdings
dienten außer dem Contrapunctus, längere Zeit noch »neben«
ihm, auch zwei andere Gebiete der immer stärker in den Vordergrund rückenden musikalischen Praxis: die Mensurallehre und die
Tonartenlehre.
In beiden sind die Spuren pythagorischer Theorie nur mehr
versteckt: als System zeitlicher Proportionen und als eine der wichtigsten Konkretisierungen des Tonsystems. Während die Mensu-
Pagina 40
Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)rallehre auf die Deutlichkeit im rhythmischen Bestimmen und
Notieren des Einzeltones sowie im metrisch gegliederten Verlauf
musikalischer Einheiten abzielte, war die Tonartenlehre für die
formbildende Konsistenz des im Detail kontrapunktisch geregelten Satzes zuständig. Obwohl aus der Übertragung der Tonartenlehre, die grundsätzlich Einzelstimmen (ihren Ambitus, Ablauf,
ihre maßgebenden Stufen und Wendungen) reguliert, auf die
Mehrstimmigkeit eigene Probleme erwuchsen, erwies sich dieses
Gebiet auch und gerade hier als unverzichtbar. Bereits die Erwägungen, welche der Stimmen »den Modus« bewahrt, wie sich die
hinzutretenden Stimmen modal verhalten (im gleichen oder in
seinem [authentisch-plagal-]verwandten Modus) und welche prägenden Merkmale (des Gesamt-Ambitus, der modal bruchlosen
Entwicklung, der herausgehobenen Stufen, Klänge und Kadenz-
119 Grundlegend dazu Bernhard Meier, Die Tonarten
der klassischen Vokalpolyphonie, Utrecht 1974.
120 Ebenda, $. 448. Zum Zitat siche Tinctoris Liber de
natura et proprietate tonorum, CS IV, S. 18b; CSM
22 1, 68.
bildungen) sich für den ganzen Satz und seinen »Charakter« ergeben, boten ein breites Feld für Reflexionen und Lehr-Erörterungen!'?, die sich freilich ständig auch am nunmehr gewaltigen Fundus von Kompositionen der Praxis orientierten. Seit dem 15. Jahrhundert gehört der Blick auf (in der Regel vorbildhafte) Exempla
zur theoretischen Bemühung um Musik. Selbst wenn die Lehre
hierdurch zu ständigen Relativierungen und Differenzierungen
gezwungen wurde, hielt sie einerseits doch mit der Praxis in etwa
Schritt und bezog sich andererseits auf ihre eigenen »theoretischen«
Grundlagen. Ein besonders aufschlußreiches Feld ist das der »Tonartencharakteristik«. Die antike Vorstellung, »in« den Tonarten
bereits liege eine spezifische Wirkung, wurde zwar von prominenten Autoren für die Mehrstimmigkeit bestritten — so äußert Johannes Tinctoris, in ein und demselben tonus könne sowohl ein trauriger, ein lustiger, ein harter als auch ein vermittelnder Gesang
stehen (carmen possibile erit et planctivum et remissum et rigidum
et medium esse), weil entsprechend unterschiedlich komponiert,
gesungen und gespielt werde.'” Doch zugleich trat die umfassendere
Frage nach der Rolle dieser (und anderer) wirkungsästhetischer
Faktoren in den Blick, denn an den Möglichkeiten spezifischer
Affekthaltigkeit der Musik ließ sich überhaupt nicht zweifeln.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Die Überteiligkeit der Terzen
Daß sich hinter (vermeintlich) schrittweiser Entfernung von Lehrvorstellungen der pythagoreischen Theorie vor allem deren immer
weitere Umbildung, Anpassung und Ausfaltung verbirgt, wird
besonders anschaulich beim Problem der sogenannten »Naturterzen«. Deren Proportionen 5:4 und 6:5, bereits bei Ptolemaios
für Didymos bezeugt'?', doch als jenseits der Tetraktys liegend in
pythagoreischen Berechnungen und Mensuren bis ins späte Mittelalter hinein gänzlich ausgeklammert, gewannen im Zuge einer
Mehrstimmigkeit, die seit dem 14. Jahrhundert verstärkt (große)
Terzen in hervortretende Zusammenklänge aufnahm, zwangsläufig an Beachtung. Denn eine Konstellation aus Oktave, Quinte
und Großterz (zumal in Halte- oder Schlußklängen) erweist überzeugend die tatsächliche Klangreinheit des Intervalls 5:4 gegenüber
der unzulänglichen des pythagoreischen Ditonus 81:64. Aller
Wahrscheinlichkeit nach sang oder praktizierte man gehörsmäßig
angepaßte Naturterzen schon früher, doch im 15. Jahrhundert
wurde die Einbeziehung dieser Proportionen in die (Monochord-)
Lehre und in die Praxis der Stimmung von Instrumenten mit festgelegten Tönen zum Gegenstand theoretischer Erörterungen.'”? So
erfuhr die Kritik des Ptolemaios am »Mangel in der Theorie der
Pythagoreer, dass sie als symphone Intervalle nur die obengenannten [...] rechnen, andere aber nicht mehr, wie z.B. 5:4«'?, überraschende Aktualität, und Folgerungen aus dieser wiederentdeckten
Erkenntnis finden sich zunächst besonders bei Bartolomeo Ramos
de Pareia (1482) und Ludovico Fogliano (1529).'
Zur umfassendsten Neubestimmung von Grundlagen des pythagoreischen Systems kam es in Gioseffo Zarlinos /stitutioni
harmonici (Venedig 1558). Dieses bedeutende Werk schöpft aus
nahezu der gesamten musiktheoretischen Überlieferung, versteht
sich aber als deren entschieden zeitgemäße Revision, die, Theorie
und Praxis zusammenführend, im Blick auf die musikalische Kunst
der Epoche Adrian Willaerts alles erfassen soll, was für den Musico
perfetto als idealen Repräsentanten umfassender musikalischer
Bildung dienlich ist. Als einen wesentlichen Grundsatz übernimmt
Zarlino die Einbeziehung jener beiden Terzen in seine Lehre. Er
geht dabei überaus systematisch vor, indem er die pythagoreische
Tetraktys erweiternd umwandelt in ein Ausgangsmodell mit den
Zahlen 1-6 und ihren Proportionen, das er auf neue Weise mit
dem Nimbus des ursprünglich Gegebenen zu versehen trachtet,
121 Siehe oben $. 47.
122 Dazu Mark Lindley, Stimmung und Temperatur, in:
Frieder Zaminer (Hrsg.),
Hören, Messen und Rechnen in der frühen Neuzeit
(Geschichte der Musiktheorie 6), Darmstadt
1987, S. 114-133.
123 Düring, Ptolemaios, S. 31.
124 Dazu auch Frieder Rempp,
Elementar- und Satzlehre
von Tinctoris bis Zarlino,
in: Frieder Zaminer (Hrsg,),
Italienische Musiktheorie
im 16. und 17. Jahrhundert (Geschichte der Musiktheorie 7), Darmstadt
1989, S. 100-111.
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)Die Figur der »Numeri sonoouvero Harmonici« aus Gio‚effo Zarlinos /stitutioni harmonici (Venedig 1558; hier
nach der Auflage von 1573,
Diapafon dia.
S. 31) soll in ihrer rosettenartigen Gestalt von großer
optischer Vollkommenheit
die Eignung der Zahlen 1-6
timr, in:
als Grundmodell der Harmonia veranschaulichen und
damit die altehrwürdige Te-
Difdisgafon.
1sg.),
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31.
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und die Sechs (den senario) zur entscheidenden Zahl seiner Lehre
erhebt.
Die Kreisfigur, derer er sich bedient, ist in sechs Teile geteilt und
numeriert. Sechs Kreisbögen, jeweils zur gegenüberliegenden Zahl
gezogen, bilden ein Geflecht von Abschnitten, in die die jeweils
proportionsentsprechenden Intervalle eingetragen sind. Die 18
dabei entstehenden Intervall-Relationen zwischen den Zahlen 1-6
werden genannt, und nach Abzug von Doppelvorkommen und
oktaverweiterten Formen ergeben sich sechs Konsonanzen: 8, 5,
4, 83, k3, g6 (die letzte als einzige nicht überteilige Proportion 5:3).
Zarlino untermauert seine Doktrin spekulativ durch die Sechs als
den kleinsten numerus perfectus (der mit der Summe seiner echten Teiler übereinstimmt: 1+2+3 = 6) sowie als Symbolzahl, für die
125 Dazu Claude V. Palisca,
Humanism in Italian Renaissance Musical Thought,
New Haven und London
1985, S. 247-249.
6Ebenda, S. 178.
Zarlino etliche Beispiele aufbietet.!”° Zugleich hält er an der Überzeugung von den Proportionen als Welt- und Naturprinzipien fest,
indem er unter der Rubrik einer Musica animastica mit den Gliedern Musica mondana und Musica Humana das Wirken der
Harmonia im Kosmischen wie im Menschlichen voraussetzt.'*
Allerdings verdeckt die Figur des senario ihre Schwächen keines-
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Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)wegs: sie suggeriert, die analog verzeichneten Intervalle seien
gleichartig oder -wertig (beispielsweise 2:1, Oktave, und 1:6, Doppeloktavquinte), hebt also die wesentlichen Konsonanzen innerhalb und bis zur Oktave nicht hervor; auch bleibt die zweifelsfrei
konsonante kleine Sexte mit der Proportion 8:5 hier gänzlich
abseits.
Zarlino kann gewiß nicht als »Pythagoreer« gelten, doch zeigt
er beispielhaft, in welcher Weise pythagoreische Prinzipien und
Anstöße die musikalische Theorie auch unter denkbar gewandelten Voraussetzungen weiter inspirierten: Von einer vobjektiv-gegebenen« Grundlage aus — die für Pythagoreer und ihre Nachfolger
die »Zahl[enproportion]« ist — soll Musik möglichst eindringlich
rational erfaßt und begründet werden, um ihre geheimnisvolle,
aber immer wieder erfahrbare Wirkung verstehen zu lernen. Und
mit dieser ihrer Wirkung verweist die Musik über ihre klingende
Realität hinaus auf etwas Umfassenderes, Übergeordnetes, Metaphysisches - in pythagoreischen Vorstellungen die »Harmonia« —,
für das die Musik als ein Abbild oder Symbol empfunden wird'”,
und sei es auch im Sinne jener Musikästhetik, wie sie sich äußert
in jener Notiz aus dem Nachlaß Artur Schopenhauers: »allgenugsam ist diese Kunst, und die Welt ist vollständig wiederholt und
ausgesprochen in ihr«.'*
127Sehr umfassend hierzu
Leo Spitzer, Classical and
Christian Ideas of World
Harmony. Prolegomena to
an Interpretation of the
Word »Stimmung«, Baltimore 1963.
128 Zitiert nach Carl Dahlhaus, Klassische und romantische Musikästhetik,
Laaber 1988, S. 19.