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ROM, PALAZZO FARNESE
DIE FRESKEN DES ANNIBALE CARRACCI IM
CAMERINO DES PALAZZO FARNESE IN ROM
VON HEINRICH BODMER
Im Jahre 1595 verliefd Annibale seine Vaterstadt
Bologna und siedelte, einem Ruf des Kardinals Farnese folgend, nach Rom über. Hier begann, im Wettstreit mit der römischen Künstlerschaft und angerevt
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zeitig macht sich eine neue Tendenz zur Klarung de
Bildinhaltes und zur Beruhigung des kompositionellen Aufbaus geltend.
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CAMERINO DES PALAZZO FARNESE IN ROM
VON HEINRICH BODMER
Im Jahre 1595 verließ Annibale seine Vaterstadt
zeitig macht sich eine neue Tendenz zur Klärung des
Bologna und siedelte, einem Ruf des Kardinals Far-
Bildinhaltes und zur Beruhigung des kompositionelnese folgend, nach Rom über. Hier begann, im Wettstreit mit der römischen Künstlerschaft und angeregt
len Aufbaus geltend.
In diesem Augenblicke tritt der Künstler an seine
erste größere Aufgabe, die Ausschmückung des
Camerino im Familienpalast der Farnese heran. Über
die Entstehung berichtet Bellori: „... e perchè avanti
di compirla ... [la galleria] . . . sinfrappose il camerino da esso dipinto nel medesimo Palazzo’
*). Es
handelt sich also um eine Arbeit, die den Zweck
hatte, den Künstler für seine größere Aufgabe der
Ausmalung der Galerie vorzubereiten. Daf} Annibale
nicht eines der üblichen Dekorationssysteme des
herrschenden Manierismus mit reicher architektonischer Gliederung wählt, sondern die ganze Decke
mit einem üppigen Rankenwerk überspannt, ist für
seine Auffassung bezeichnend. Er will dem Gewölbe
Leichtigkeit und Elastizität verleihen. Die figurierten
Darstellungen sollen dem Ornament gegenüber zudurch die neue Umgebung, eine Zeit fruchtbarsten
und erfolgreichsten Schaffens, die den Meister nach
wenigen Jahren auf den Hohepunkt seiner Kunst
führen sollte. Die Ausmalung des Palazzo Farnese,
welche die Veranlassung zu der Berufung nach Rom
gewesen war, wurde nicht sofort in Angriff genommen. Es entstanden vielmehr eine Reihe kleinerer
Werke, die stilistisch mit den Arbeiten der bolognesischen Periode zusammenhängen. Jetzt macht
sich der Künstler von der ihm als Erbe seiner bolognesischen Erziehung anhaftenden Haufung bewegter
Massen im Bildraum frei. Er beginnt seine Kompositionen straffer zu gliedern und fiihrt einen festeren
Zusammenhang innerhalb der Figuren durch. Es
entsteht als erstes Werk ,,Christus und das kanandische Weib“ für die Hauskapelle im Palazzo Farnese (ob identisch mit der Darstellung in Budapest?)
und kaum viel später die Darstellung von „Venus
und Mars“ im Kunsthistorischen Museum zu Wien.
Noch ist die große Bewegungsfülle, welche den um
1592 bis 1595 in Bologna entstandenen Werken ihr
Gepräge gab, nicht völlig überwunden. Aber gleichrücktreten, um sich dann freilich, auf einen kleineren
Raum beschränkt, um so freier und ungehemmter
entfalten zu können. Eine Zeichnung in Windsor
(Nr. 2065) gibt uns über den Entwicklungsgang der
Deckengliederung Aufschluß. Schon hier ist ein qua1) Bellori (ed. 1728), S. 10.
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RINO DES PALAZZO FARNESE IN ROM
VON HEINRICH BODMER
5 verließ Annibale seine Vaterstadt
iedelte, einem Ruf des Kardinals Faraach Rom über. Hier begann, im Wettömischen Künstlerschaft und angeregt
e Umgebung, eine Zeit fruchtbarsten
hsten Schaffens, die den Meister nach
n auf den Höhepunkt seiner Kunst
Die Ausmalung des Palazzo Farnese,
zeitig macht sich eine neue Tendenz zur Klärung des
Bildinhaltes und zur Beruhigung des kompositionellen Aufbaus geltend.
In diesem Augenblicke tritt der Künstler an seine
erste größere Aufgabe, die Ausschmückung des
Camerino im Familienpalast der Farnese heran. Über
die Entstehung berichtet Bellori: „... e perchè avanti
di compirla . .. [la galleria]. . . s'infrappose il cameranlassung zu der Berufung nach Rom
rino da esso dipinto nel medesimo Palazzo‘‘'). Es
wurde nicht sofort in Angriff genomanden vielmehr eine Reihe kleinerer
ilistisch mit den Arbeiten der boloriode zusammenhängen. Jetzt macht
handelt sich also um eine Arbeit, die den Zweck
hatte, den Künstler für seine größere Aufgabe der
tler von der ihm als Erbe seiner boloiehunganhaftenden Häufung bewegter
ldraum frei. Er beginnt seine Kom-
Ausmalung der Galerie vorzubereiten. Daß Annibale
nicht eines der üblichen Dekorationssysteme des
herrschenden Manierismus mit reicher architektonischer Gliederung wählt, sondern die ganze Decke
mit einem üppigen Rankenwerk überspannt, ist für
seine Auffassung bezeichnend. Er willdem Gewölbe
ANNIBALE CARRACCI.
dratisches Mittelfeld vorgesehen. In der Längsachse
des Saales schließen sich kleine Medaillons an, die
das Auge zu den halbkreisförmigen Lünetten am
Gewölbeansatz der Stirnseiten hinlenken. Die Langsseiten des Gewölbes werden von Spitzkappen gegliesteigen hier aus den Eeken des Gewölbes empor und
Pariser Sammlung (Louvre, Nr. 7206) beschäftigt sich
vereinigen sich mit den Rahmen der Felder zu einem
festen System tragender und stützender Glieder, in
welche die figurierten Darstellungen zwanglos eingefügt sind.
Das Thema für die Darstellungen der einzelnen Felder
bildet der in der zeitgenössischen Literatur häufig
behandelte Kampf der Tugend und des Lasters. Im
(Nr. 2065) gibt uns über den Entwicklungsgang der
Deckengliederung Aufschluß. Schon hier ist ein quaansatz führen den Gedanken durch Heranziehung
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Astronomen links (Louvre, Nr. 7327), in dem wir
gedanken. In erhabenen Stucco gearbeitete Gurten
Kunsthistorischen Museum zu Wien.
1) Bellori (ed. 1728), S. 10.
darstellungen. Die Gesamtkomposition von ,,Herkules und Atlas“ (Abb. 1) ist in der Louvrezeichnung
(Nr. 7205) fixiert. Dazu treten Einzelstudien zu dem
wohl Pythagoras erblicken dürfen, und zu dem aut der
Erde gelagerten Mathematiker (Louvre, Nr. 7331),
vermutlich Euklid. Eine prachtvolle Zeichnung der
entfalten zu können. Eine Zeichnung in Windsor
nicht völlig überwunden. Aber gleich-
Künstler später wieder fallengelassen. Das Haupterhaltenen Zeichnungen zu urteilen, auf die Herkulesl später die Darstellung von „Venus
in Bologna entstandenen Werken ihr
fiir die eine Zeichnung im Louvre vorliegt, hat der
kompartiment einrahmen. Alle übrigen Teile der
Decke werden dem mächtig sich ausbreitenden, von
geschwungenen Voluten gegliederten Rankenwerk
eingeräumt, in welchem Putten und Faune an den
Zweigen emporklettern und sich mit den Rahmen
der figürlichen Darstellung zu schaffen machen. Die
endgültige Fassung vereinfacht diesen Kompositions-
Darstellungen sollen dem Ornament gegenüber zurücktreten, um sich dann freilich, auf einen kleineren
Raum beschränkt, um so freier und ungehemmter
sroße Bewegungsfülle, welche den um
des „Bellerophon
und der Chimäre“ (Louvre, Nr. 7204),
interesse konzentriert sich, nach der Zahl der dafür
rstes Werk „Christus und das kana‘für die Hauskapelle im Palazzo Farisch mit der Darstellung in Budapest?)
Leichtigkeit und Elastizität verleihen. Die figurierten
sammenhang mit der Legende von ,,Amphinomus
und Anapus“. Den Gedanken an eine Darstellung
dert, welche ein flachgedriicktes breiteres Mittel-
Mittelpunkt der Darstellung steht die Szene von
„Herkules am Scheidewege“, die in Öl ausgeführt
die Mitte des Gewölbespiegels einnimmt. Dieses
Werk ist heute durch eine Kopie ersetzt. Das Original befindet sich im Besitze der Gemäldegalerie
in Neapel. Die drei Mittelfelder behandeln das
ffer zu gliedern und führt einen festeren
ıg innerhalb der Figuren durch. Es
HERKULES VOR DER SPHINX
ROM, PALAZZO FARNESE
Herkulesthema.
mit der Gestalt des den Atlas tragenden Herkules.
Von den Vorstudien zu der Szene „Herkules vor der
Sphinx“ (Abb. 2) hat sich dagegen nur eine Zeichnung
erhalten (Louvre, Nr. 7414), die sich mit dem Motiv
der kauernden Sphinx auseinandersetzt.
Ein besonderes Interesse bringt der Künstler den
beiden Darstellungen aus der Odyssee entgegen.
Die beiden Gestalten der Ruderer in der „Begegnung
der Seefahrer mit den Sirenen“ (Abb. 3) sind in
einem schönen Blatt im Louvre (Nr. 7324) mit derselben Meisterschaft durchgezeichnet, wie der am
Heck des Schiffes befindliche Steuermann (Louvre,
Nr. 7334). Dagegen haben zwei Studien zu einem
das Schiff vom Ufer abstoßenden Matrosen (Louvre,
Nr. 7333) und zu einem stehenden Ruderer (Akademie in Venedig, Nr. 289) in dem ausgeführten Gemälde
Die vier Lünetten am Gewölbevon Beispielen aus dem Perseus- und OdysseusMythos weiter. Weniger klar ist dagegen der Zukeine Verwendung gefunden. Die Studie zu der
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ANNIBALE CARRACCI.
ROM,
PALAZZO FARNESE
Sirenengruppe in Windsor (Nr. 2026) ist dagegen
mit ganz geringen Anderungen in das Fresko hinübergenommen worden.
Geringer ist das vorliegende zeichnerische Material
nung (Nr. 1850) ist das eilende Voranstürmen der
Jünglinge mit ihrer schweren Last in einer Weise
wiedergegeben, die sich von der definitiven Fassung
im Fresko kaum unterscheidet.
für die Darstellung „Perseus überwindet die Medusa“
Vielleicht in höherem Maße, als man heute annimmt,
(Abb. 4). Die Gesamtkomposition ist in einer Studie
in Windsor (Nr. 2357) festgelegt, während der Künstler die Bewegung der auf den Beschauer zuschreitenden und sich umwendenden Minerva in dem Blatte
des Louvre (Nr. 7355) behandelt. Das Bildmotiv
ist Annibale bei der Raumeinteilung und dem komvon „Amphinomus und Annapus“ (Abb. 5) hat den
positionellen Bildaufbau der Fresken des Camerino
von den Gestaltungsprinzipien der italienischen
Hochrenaissance abhängig gewesen. Das die ganze
Deckenwölbung gliedernde Rankenwerk erscheint
wie die Quintessenz und die letzte Folgerung aus
einer langen Entwicklung, die in den Grotesken Raf-
Künstler weniger beschäftigt. In der Windsor-Zeich-
Abb.4
ANNIBALE CARRACCI. PERSEUS ÜBERWINDET DIE MEDUSA
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Ib
3. ANNIBALE CARRACCI. ODYSSEUS UND DIE SIREN EN
ROM, PALAZZO FARNESE
in Windsor (Nr. 2026) ist dagegen
jen Anderungen in das Fresko hinüberrden.
as vorliegende zeichnerische Material
lung „Perseus überwindet die Medusa“
Gesamtkomposition ist in einer Studie
r. 2357) festgelegt, während der Künstvon den Gestaltungsprinzipien der italienischen
Hochrenaissance abhängig gewesen. Das die ganze
ing der auf den Beschauer zuschreitenımwendenden Minerva in dem Blatte
Nr. 7355) behandelt. Das Bildmotiv
mus und Annapus“ (Abb. 5) hat den
jer beschäftigt. In der Windsor-Zeichnung (Nr. 1850) ist das eilende Voranstürmen der
Jünglinge mit ihrer schweren Last in einer Weise
wiedergegeben, die sich von der definitiven Fassung
im Fresko kaum unterscheidet.
Vielleicht in höherem Mafe, als man heute annimmt,
ist Annibale bei der Raumeinteilung und dem kompositionellen Bildaufbau der Fresken des Camerino
Abb.5.
ANNIBALE CARRACCI. AMPHINOMUS UND ANAPUS
ROM, PALAZZO FARNESE
Deckenwölbung gliedernde Rankenwerk erscheint
wie die Quintessenz und die letzte Folgerung aus
einer langen Entwicklung, die in den Grotesken Raffaels in den Loggien ihren Ausgangspunkt hat und
sich in den reichen Dekorationen des römischen
Manierismus fortsetzt.
Die Abhängigkeit von den Großmeistern des Cinquecento tritt in den figürlichen Darstellungen noch
deutlicher hervor. Wie dort, ist der menschliche
Körper als Bewegungs- und Ausdrucksfaktor zum
alleinigen Mittelpunkt des Bildinteresses gemacht.
Er wird nicht mehr beeinträchtigt durch die erstikkende Bewegungs- und Figurenfülle des Manierismus, sondern tritt uns in der kristallenen Klarheit
einer auf wenige Gestalten beschränkten und sich
frei im weiten Raum entfaltenden Figurengruppe
entgegen. Die Bewegung ist von jedem konventionellen Schematismus und von jeder akademischen
Nüchternheit frei. Sie besitzt Feuer, Kühnheit und
eine große Mannigfaltigkeit des psychologischen Ausdrucksvermögens. Aber jedes Übermaß ist vermieden, jede Heftigkeit gemildert. Damit hat sich die entscheidende Neuorientierung vollzogen. Im Studium
ANNIBALE CARRACCI. PERSEUS UBERWINDET DIE MEDUSA
ROM, PALAZZO FARNESE
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der Werke Raffaels und im täglichen Umgang mit
der Antike hat Annibales Anschauung jenen Läuterungs- und Reinigungsprozeß durchgemacht und jene
neue Freiheit gewonnen, die ihn instand setzen sollte,
Pantheon, X. Jahrg. 1937
allen Strömungen des römischen Kunstlebens zum
Trotz, ein neues klassisches Bildideal zu verwirklichen. Es wäre aber durchaus falsch, wollte man
Annibale deswegen als einen Akademiker bezeichnen
und seiner Kunst, wie das während langer Zeit geschehen ist, den Vorwurf des bewußten Eklektizismus
machen. Vielmehr bewährt sich seine künstlerische
Kraft und Eigenart gerade darin, daß er denin Rom
empfangenen Eindrücken seine eigene starke Anschauung gegenüberstellt und sich zu einem künstlerischen Ausdruck durchringt, der von irgendeiner
zeitgenössischen Tendenz nicht berührt wird. Von
der eingeschlagenen Bahn läßt sich der Künstler auch
in Zukunft nicht mehr abbringen. Seine nächste
Arbeit, die große Galerie, ist ein unverhülltes und
in seiner Gedankenfülle nicht mehr zu übertreffendes
Bekenntnis zu dem neuen auf dem Ausgleich aller
Gegensätze beruhenden klassisch-antikischen Bildideal. Aber die größere Unmittelbarkeit der Anschauung und die reinere Verkörperung seines neuen
Stilwillens vermitteln uns die Fresken des Camerino,
in denen sich der Künstler ohne das feierliche Pathos,
welches der monumentale Repräsentationsraum forderte, frei und ungehemmt aussprechen konnte.