Der neue Pythagoras

Auteur
Kesten, H.
Verschenen in
Copernicus und seine Welt
Jaar
1953
Onderwerp
COPERNICUS
Taal
Deutsch
Categorie
C11 Kosmologie
Archiefnummer
815

PDF openen(opent in een nieuw venster)

Volledige tekst tonen2 pagina's

Pagina 1

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
«ESTER Das Manuskript der Kevo/utionen lag da — nicht schon seit neun SECHSTES BUCH DIE WAHRHEIT UND DIE OBSKURANTEN Jahren nur, nach der Regel des Horaz, sondern vielleicht schon viermal neun Jahre lang. Aber er hatte nicht die Absicht, es drucken zu lassen, wenn auch hier und da einer der Freunde drängte. War er erwa fertig? War die Zeit etwa reif? 39. DER NEUE PYTHAGORAS Copernicus hatte die größte Geduld, nämlich über scin Leben und Ich komme 160 Meilen weit her, nur um Sie zu schn und zu sprechen Professor Reuss aus Würzburg, zu Kant ws Königsberg Pythagore, philosophe grec, dont l'existence est très problematique... Nouveau Petit Larousse Illustre Ai Rheticus, cin feuriger Jüngling, cin Professor der Mathematik zu Wittenberg, dem wir den Druck des Buchs der Revolutionen verdanken, vor Copernicus stand, war der cin alter Mann — und cin neuer Pythagoras, durchaus gesonnen — dem sagenhaften Meister gleich — nur zu Eingeweihten über die offenen Gcheimnisse der Welt zu reden. Schon sechsundsechzig Jahre alt, gelehrt und gut, lebte Nicolaus scin Jahrhundert hinaus zu warten. Erst dachte er wohl, alles komme ihm entgegen. Das fünfzehnte Jahrhundert, das ihn geboren und bis zu seinem achtundzwanzigsten Jahre genahrt hatte, schien alles wie für seine Größe vorbereitet zu haben. Das neue Jahrhundert, das sechzehnte, wie eigens für ihn gemacht und mit ihm emporgewachsen, schien nach der ungcheuern Idee und Anschauung seines anonymen Führers Copernicus sich entfalten zu wollen, Er hatte von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt geduldig gewartet, daß die traumende Welt endlich aufwache für seine These des gewaltigsten Weltumsturzes. Ruhig hatte er inzwischen getorscht und gedacht, angeschaut und gerechnet, und unter der Hand Copernicus seit mehr als einem Vierteljahrhundert in einem der einigen ausgewählten Freunden und Fachgelehrten die Prinzipien niedern Turme innerhalb der Walle um den Dom. Das Städtchen und den Entwurf seiner neuen Welt-Theorie vorsichtig mitgeteilt. Frauenburg liegt am Frischen Haff, einem Süßwasserarmm der Ostsec. Auf einem sanften Hügel steht der Dom, zwischen Ulmen und Eichen; mit seinen backsteinernen gotischen Türmen gleicht er einem Kastell Gottes. Vom Söller seines Turms sah Copernicus zu Füßen den Ozean und den blauschwimmenden, tieferen Ozcan zu Häupten, den lieben Hımmel. In schönen Nächten blickt er zum freundlichen Himmel empor, der allen sichtbar, ihm zuerst offenbar geworden in Gesetz und Bau. Tags sah er in der Nähe die frische Welle des Hatfs und den rötlichen Sand der Landzunge, der Nehrung, und ferner die dunkleren Wellen der Ostsee. Er genoß den Blick weit ins Land, über Vichweiden, sanft schaukelnde Wolken und Bäume hin, Birken oder Föhren. Und nachts hatte er die Sterne, ewig die Sterne... Inmitten der nachttinstern Verschwörung von Trägheit, Gewohnheit, Gewöhnlichkeit und Ignoranz und inmitten seiner genauern Beobachtungen und neuesten Berechnungen gewahrte er plötzlich, daß das Jahrhundert sich rückwärtsbewegte. Die neue Freiheit hatte doch kaum erst begonnen. Das unabhängige leben und das selbständige Denken waren gerade in Mode gekommen. Da kam schon die finstere Gegenbewegung. Zu Kerkermeistern wurden die Gegenreformatoren und die Reformatoren. Die Vernunft, die arme, lachende Schelmin, ward wieder in die große Zwangsjacke gezwängt und schuttelte mit verzweifelter Lustigkeit die Schellen an ihrer neuen Narrenkappe. Das neue Wissen des Humanismus; die neuen Künste der Renaissance, Musik und Malerei, Baukunst und Bildhauerei; und der Freiheitstraum der Städte Italiens, des Adels in Frankreich, der Zu Füßen der Kathedrale sah er die kleine Stadt Frauenburg, wie sie nach der Jungfrau hieß, oder Gynopolis, Weiberstadt, wie Copernicus sie gelegentlich taufte — die winzige Stadt an ihrem kleinen Conquistadoren in Amerika, der Bürger in Spanien, der Bauern in Fluß, der Buude. miizenatische Geduld der Kaiser; und der stürmische Idealismus der Wie alle großen Revolutionäre, hatte Copernicus unendliche Geduld und auch ihre sonderbaren Bedenklichkeiten. Die Umwälzer der Welt, die wahren Unerschrockenen, sind nur vor ihrem eigenen Deutschland; und die Toleranz der römischen Kirche; und die Reformatoren . ,., alles schien abgetan. Copernicus sah die Stunde verpaßt, die Gegner wachsen, die Welt- Schatten bang; sie lassen nur ihr eigenes Gewissen gelten und fürchmächte feindlich , . . So tragisch Revolutionen immer ausschaun, so burlesk erscheint ten nur die Folgen der eigenen ‘Tat. meistens ihr Beginn, 258 Kesten, Wien, Hermann COPERNICUS UND SEINE WELT 39 - Der neue Pythagoras

Pagina 2

Bekijk in PDF(opent in een nieuw venster)
Mit den ersten Herolden des fernen Ruhms trat auch der Clown auf, in Gestalt des holländischen Rektors zu Elbing, dieses fatalen Propheten der kommenden Verfinsterung, des Possenschreibers Wilhelm Grapheus, zu Markte tragen und die eigenen Preunde verkaufen; meistens Gnapheus hatte in Europa einen Ruf als Hurnanist, Oft sind Progressive die ersten Sturmvögel der Reaktion; sie glauben ihre eigene Faut zu retten, wenn sie nur rasch genug ihre eigenen li werden sie aber nur zuerst geschunden. Geboren in jenem Geburtsjahr der Freiheit, als Columbus Amerika entdeckte, ward dieser Wilhelm Gnapheus seit seinem dreißigsten Jahre ein kontinuierliches Opfer religiöser Intoleranz, Die Inquisition wart ihn zu Delft in den Kerker. Er kam zur Nor heraus — in Brüssel verbrannte man schon seinesgleichen. Im Haag ward er auf zwei Jahre interniert, Er wurde entlassen. Bald aber steckte man ihn für drei Monate in ein Kloster und gab ihm nur Brot und Bier. Als die Inquisitoren auch in Holland ihre Feuerchen unzündeten, floh er schon lieber und versteckte sich ein Jahr lang auf dem Lande. Schließlich schlich er über die Grenze, zog lange in Deutschland umber, landete in Elbing und fand weine zweite Heimat« dort; das heilit, nachdem er Possen geschrieben und Rektoram Gyınnasium geworden, ward er bald wieder verfolgt und verteieben, immer Diesmal verfolgte ihn Johannes aus Danzig, der sich selber Danwegen derselben kleinen Differenzen über den Umgang mit Gott. tiscus nannte, der strenge Bischof von Ermland, Vor seinen Anschlägen entkam Gnapheus 1541 nach Königsberg, wo ihn wiederum schr strenge Lutherische verjagten. Schließlich kam er, immer gejagt, immer im Exil, nach Ostfriesland, dicht bei der holländischen Heimat, und starb, mit dem Blick aufs Vaterland, vin ubelberatener Possenschreiber in einer strenge gewordenen Welt, Welche Ironie! War dieser schulmeisterliche Humanist nur chen Aber nach dem Narren kam erst der Heuchler. Dem Spotter folgte aus den Kerkern kirchlicher Orthodoxie entsprungen, um den Mann zu verspotten, der den größten Kerker, das erdengrolie Haus «les Irrtunıs und frommen Aberglaubens grad zu sprengen anhob, durch Ziffern, Worte und eine originelle Idee? Mußte der Humanist Gnapheus den Obskuranten Watfen liefern gegen den Humanisten Copernicus, der den größten Sieg gegen den Obskurantismus gewonnen hac? Armer Possenschreiber Gnapheus, o törichter Schulmeister, der glaubte, aus ihm spreche die Stimme der gesunden Vernunft, und in ihrem Namen aufstand gegen Copernicus! der Verfolger auf dem Fuße,