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que
KI
Der Zeitraum, in dem die griechische Mathematik bevorzugtes
Interesse der Historiker — der alten wie der neuen — auf sich
gezogen hat, ist die Spanne von etwa 500 bis 300 vor Christi
Geburt.
Um 500 lebte Pythagoras, um 300 stellte Euklid die dreizehn
Bücher seiner Elemente zusammen; im fünften Jahrhundert wirkten Heraklit, Parmenides und Zeno, 399 starb Sokrates, der Lehrer Platos, 333 siegte der Schüler des Aristoteles bei Issus. Es ist
die Zeit, in der die griechische Wissenschaft überhaupt ihre Hochblüte erlebte. Und wenn es schon au und für sich eine natürliche
Frage ist, auf welche Weise eine so inhaltreiche und mannigfaltige
und stellenweise so fein durchkonstruierte Wissenschaft, wie Ibuklid sie darbietet, entstanden sein mag, — so wird diese Frage
doppelt brennend, weil die Mathematik eine ausschlaggebend“
Rolle für die griechische Philosophie gespielt hat. Wenn es nicht
gelingt, diese alte Mathematik wieder zu beleben, wird auch dic
pythagoräische Philosophie und der Sinn jenes dem Pythagoras
zugeschriebenen Ausspruchs „alles ist Zahl“ dunkel und unbestimmt bleiben. Wieviel Eigenhändiges wir auch von Plato selbst.
besitzen — die nur von Aristoteles stückweise überlieferte platonische Lehre von den Idealzahlen scheint für ein näheres Verständnis Platos wnentbehrlich. Drehen sich doch die Diskussionen der
Metaphysik, in denen sich Aristoteles mit Pythagoräern und Platonikern auseinandersetzt, hauptsächlich um das Wesen der Zahlen und Idealzahlen.
Sie bemerken sogleich die merkwürdige Spannung in der Überlieferung, die es zu verstehen gilt — deren Auflösung getrost das
Kernproblem der Geschichte der griechischen Mathematik genannt werden darf: Wie ist es zu erklären, daß eine Entwicklung,
welche so nachdrücklich die Zuhlen in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit rückte, ihren endgültigen mathematischen Niederschlag in einem Werk findet, das vorwiegend der
Geometrie angehört und die Griechen viel eher als auschauungsfreudige Geometer denn als Arithmetiker erscheinen läßt ?
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Quellen
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Die Gespräche sind von Humor durchsetzt, und vielleicht ist dic
Überschätzung der Stalpeoic als platonischer Lehre (die Begrün-
Welche Quellen sind es, die uns einen Einblick in diese Entwickdung der klassifizierenden Logik, um es kurz zu sagen) nur eine
lung zu gewähren vermügen
?
Verwechslung von Scherz und Ernst. Im Staatsmann sind zwecks
Die einzigen direkten Quellen von unbezweifelbarem dokumen-
Definition des Königs Menschenherden und Schweineherden durch
tarischem Wert sind der Euklid einerseits
— die Schriften Platos.
Aristoteles’ und ihrer Schüler (wie Eudem und Aristoxenos) andrerseits. Also zeitgenössische philosophische Schriften, welche in
meist nur kurzen Worten auf mathematische Methoden, Probleme
und Resultate hinweisen — und ein Sammelwerk am Ende des
Zeitraums, das die grundlegenden rein mathematischen Ergebnisse der Wissenschaft — ohne Bezug auf Außermathematisches —
ein Merkmal zu unterscheiden; dies gelingt mit der Anzahl der
zusammmentrigt und methodisch ordnet.
In den Gesetzen? wird für die Auzahl der Bürger die Zal:1 5040 vor-
Direkte Antworten auf unsere Fragen bieten uns diese Schriften
geschlagen, weil sie durch alle Zahlen von 1 bis 10 teilbar ist und
Füße der versammelten Lebewesen, denen Plato einerseits das
Quadrat aus der Diagonale, nämlich 2 = (Ya, andrerseits das
Quadrat aus der Diagonale der Diagonale, nämlich 4 — (ÿ2}° +
(y2}2 zuordnet?. Plato treibt offenbar Scherz mit dem Ernst des
Irrationalen und dem Satz des Pythagoras.
nicht. Euklid hatte nicht die Liebenswürdigkeit moderner Schriftinsgesamt 59 Teiler hat. Das ist vermutlich ein Scherz, der sich
steller, mathematische Sätze nach ihren Entdeckern zu benenübrigens leicht nachrechnen läßt, weil 5040 = 7! ist. Auch die
nen. Eudem verfaßte eine Geschichte der griechischen Mathema-
Hochzeitszahl® im Staat dürfte weniger bitterer Ernst, als vicltik; aber gut verbürgte Fragmente dieses Buches sind uns nur
mehr eine humoristische Übertrumpfung pedantischer Zahlenwenige erhalten — ein Stück berichtet die Ausmessung der Möndmystik sein.
chen durch Hippokrates', ein anderes einen pythagoräischen Be-
Und doch muß es auch den lehrenden Plato gegeben haben.
weis für den Satz über die Winkelsumme im Dreieck”. Dazu
kommen noch einige nicht wörtlich überlieferte Angaben, die
Aristoteles pflegte seine Schüler mit Platos Beispiel davor zu
direkt aus Eudem entnommen sein können, wie etwa die, daß
wartungen bei den Zuhörern zu erwecken. „So erging es, wie
der zweite Kongruenzsatz von Thales stamme’.
Aristoteles immer erzählte, den meisten von denen, welche bei
Platos Schriften sind nicht lehrhafte Abhandlungen, sondern gedichtete Dialoge, die nie ganz den schwebenden Charakter des Gedichteten verlieren. Das Resultat eines Dialogs im Sinne eines
philosophischen Theorems feststellen wollen, heißt zum mindesten
die Sprache Platos in eine lehrhafı feststellende Sprache umformen; denn Platos Ansichten treten nicht direkt zutage. Ebensowenig sind die Dialoge historische Berichte. Der Sokrates des
Staates ist gewiß nicht der historische; aus dem Parmenides wird
Plato die Vorlesung über das Gute hörten. Jeder sei nämlich mit
warnen, durch irreführende Titel von Vorträgen falsche Erder Voraussetzung gekommen, er werde irgendeines von diesen
sogenannten menschlichen Gütern, Reichtum, Gesundheit, Kraft,
überhaupt irgendeine außerordentliche Glückseligkeit erlangen;
als nun aber die Erörterungen über Mathematik und Zahl in
Geometrie und Astronomie, xal td mépac ot. dyaddy gore Ev,
daß die Grenze ein Gut ist, zum Vorschein kamen, da trat ihnen,
diinkt mich, etwas sehr Unerwartetes entgegen, und dic einen verman nicht folgern wollen, daß Sokrates mit Zeno und Parmenides
nachlässigten allmählich den Gegenstand, die anderen tadelten
gesprochen habe. Ebensowenig erfahren wir Direktes über den
ihn.‘
Lehrbetrieb der Akademie. Der Theätet des Dialogs tritt uns z.B.
Das klingt recht wirklichkeitsgetreu und glaubwürdig, aber eine
als ein begabter Knabe, der bei Theodorus Mathematik lernt,
direkte Überlieferung der Lehre gibt es nicht. Wir können nur
nicht als cin bedeutender Forscher der platonischen Akademie
feststellen, daß der Plato, gegen welchen Aristoteles in seiner
entgegen, der er bei der Abfassung des Dialogs gewesen sein
Metaphysik polemisiert, nicht der uns bekannte ist, daß Plato eine
Idealzahlenlehre entwickelt haben muß, in der mépac¢ und év eine
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Kritik der Quellen
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1lauptrolle spielten, und so vermuten, daß diese Lehre in der Vor-
Überlieferung des pythagoriiischen Wissens. Bildete aber T'heätet
Jesupg über das Gute vorgetragen wurde. Der Gehalt dieser Lehre
den Begriff des regelmäßigen Körpers und konstruierte er sic
läßt sich nur undeutlich aus der ermüdenden Polemik des Aristoteles entnehmen.
sämtlich, so wird er (von weiteren möglichen Leistungen ganz zu
schweigen) neben Eudoxos die bedeutendste Gestalt der vor-
Ks bestehen also erhebliche sachliche Schwierigkeiten, diese wohleuklidischen Mathematik.
verbürgten Quellen zu befragen, und so mag man es verstehen,
Wie soll das entschieden werden? Wie sollen wir die Nachrichten
bewerten? Erwägungen über die inhaltliche Wahrscheinlichkeit.
wenn sich die Historiker weniger an Euklid und die alten Philosophen als an eine andere, ihrem dokumentarischen Wert nach
fragwürdige Überlieferung gehalten haben — nämlich an die
sind unvermeidlich. Heiberg wollte nicht glauben, daß die Pythagoräer das Oktaeder nicht gekannt hätten, und meint, es wäre
historiographische griechische Tradition, wie sie uns im Kommen-
Oktaeder und Dodckaeder zu vertauschen"®. In der Tat wäre es
tar des Proklos (500 n. Chr.) zum ersten Buch des Euklid, im
ganz unglaublich, daß jemand von den ägyptischen Pyramiden
Kommentar des Pappos zu Euklid X und in den Scholien zum
Keuntnis hatte und nicht auf die Idee verfallen wäre, zwei solche
Euklid übermittelt wird — Scholien, die zum Teil aus erhaltenen
Pyramiden zu einem regelmäßigen Oktacder zusammenzusetzen.
und wahrscheinlich zum Teil aus jetzt verlorenen Kommentaren
exzerpiert und als Randbemerkungen in den Handschriften der
Aber es gibt ein Specksteindodekacder, das in Italien gefunden ist
und älter als 500 v. Chr. sein muß. Und der Pyrit, ein wichtiges
Clemente erhalten sind, — und an die merkwürdigen neupythago-
Erz, das in Italien schon früh abgebaut wurde, kristallisiert in
räischen Schriften des Theon von Smyrna und des Nikomachos
Dodekacdern und in einem dem regelmäßigen Ikosacder ähnvon Gerasa, die 100 bis 200 n. Chr. verfaßt sind, als Bücher, die
lichen Zwanzigflichner!? Die Nachricht des Scholions bleibt, wie
num Verständnis der Philosophie von Plato und Pythagoras bzw.
man es auch wendet, recht unglaubwürdig.
mt ihrer Interpretation im neuplatonischen und neupythagorii-
Doch wird dadurch die Nachricht des Proklos und die des Suidas*
ischen Sinn vorbereiten sollten.
wahrscheinlicher? Was für ein Licht fällt auf die Tradition ins-
Aber die unmittelbaren Auskünfte, die unsere historische Neugier
gesamt, wenn sie so einschneidende Widersprüche enthält ? Werden
hier erhält, sind leider widerspruchsvoll, und zwar in ganz grunddadurch nicht auch Nachrichten unsicher, die vielleicht nur zulegenden Dingen.
fällig unwidersprochen überliefert sind?
Proklos überliefert cin Mathematikerverzeichnis’, das übrigens
Cantor seiner Darstellung durchgehend zugrunde legt. Hier heißt
Es ist unvermeidlich, zum Quellenwert der Tradition Punkt für
es unter anderem, daß Pythagoras bekanntlich die Lehre vom
Punkt Stellung zu nehmen. Und möchte man versucht sein, sich
[rrationalen und die Konstruktion der kosmischen Körper geeiner Analyse des Euklidischen Textes und einer vielleicht diffifunden habe. In einer anderen Notiz heißt es mit Bezug auf
zilen Interpretation Platos zu entziehen, auch bei den Kommen-
Theätet?: rpéros de ta mévte xorobueva otepedk Eypaye; das
tatoren müssen wir zwischen den Zeilen lesen, um die Bruchkann nicht anders wörtlich übersetzt werden, als daß Theatet als
stellen zwischen Erdichtetem und Berichtetem zu erkennen. Und
erster die sogenannten fünf Körper konstruierte, Drittens aber
berichtet cin Scholion® zu Euklid XIU, daß die Pythagoräer nur
aus der Frage nach der Mathematik zwischen 500 und 300 v. Chr.
erwächst die Frage nach der Geschichte des Auf- und Nicdergangs
Würfel, Pyramide und Dodekaeder gekannt hätten, Theätet aber
der griechischen und hellenischen Wissenschaft im Zeitraum voa
Oktaeder und Ikosaeder gefunden habe. Die sachlichen Wider-
300 v. Chr. bis 500 n. Chr.
sprüche sind offenkundig und offenbar einschneidend.
Besaß
Das Ausmaß der Entartung dieser Tradition ins Legendarische
Pythagoras schon den Inhalt von Euklid XIII, so kann man kaum
übertrifft alle Erwartung. Für die Neupythagoräer sind Plato und
von einer Entwicklung der Geometrie im Zeitraum von 500 bis
Aristoteles nur noch die Evangelisten der Offenbarung, die
300 sprechen, und Theätet ist nur ein unbedeutender Name in der
Pythagoras den Menschen geschenkt hat; Pythagoras wird ein
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Halbgott.
Im
ersten
Kritik der Quellen
Jahrhundert
n.
Chr.
Lauchen Schriften in einem eigentiimlichen dorischen, kiinstlich
archaisierenden Dialekt auf. Und diese Schriften gelten dann als
Quellen für die angeblichen Ansichten der Pythagoräer. Dieser
Sachverhalt läßt sich überzeugend für den sogenannten Timäus
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der Mathematik zugeschrieben. Zudem klingen die auf Pythagoras
bezüglichen Stellen ziemlich deutlich an einige Sätze des besonders
phantasievollen Jamblichus an; kurz, es wird fragwürdig, oh cin
Stück aus Eudem vorliegt. Tannery nimmt Geminus als Mittelsmann an, andere glauben an eine spätere Einschiebung in das
Lehre. Im ersten Jabrhundert müssen auch die in späteren
Werk des Proklos, andere, daß Proklos Jamblichus und Eudem
durcheinander zitiert habe**, So entsteht cin Chaos von Kombinationen um ein Verzeichnis, das fast nur Namen enthält — don
wenn es heißt, nach Thales wird Mamerkus als Geometer gerithmt,
so kann man daran mit Cantor (wenn man schon an das Verzeichnis glauben will) nur die Bemerkung!® knüpfen: „Diese
Persönlichkeit ist cin so untrügliches Zeugnis für die Verginglichkeit irdischen Rubmes, wie kaum eine zweite; denn wir kenuen
heute von diesem gerühmten Geometer nicht einmal mehr den
Locrus nachweisen. Einige medizinische Äußerungen in dem ihm
zugeschriebenen Werke zeigen, daß es nach 200 v. Chr. verfaßt
scin muß, erstmalig erwähnt wird es von Nikomachos. Die Sprache
ist nach dem Urteil der Philologen ein schwächliches, künstliches
Schreibtischprodukt.
Inhaltlich ist das Buch nichts anderes als
ein dogmatischer, lehrhaft vorgetragener Auszug aus dem, was
‘Vimiius im Dialog Platons sagt. Für Proklos aber, der das Werk
seinem Timäuskommentar voranstellt, ist es echt pythagoräische
Schriften zitierten Werke des Archytas verfaßt sein. Auch sie sind
Namen mit einiger Sicherheit.“
in einem fragwürdigen Dorisch geschrieben und inhaltlich meistens
Man sieht: Was die Nachrichten über die regelmäßigen Körper
nichts als Paraphrasen bekannter platonischer und aristotelischer
angeht, so bekommen wir auch durch die philologische Kritik der
und anderer Ansichten.
Tradition keinen rechten Boden unter die Füße. — Auf die historische Zuverlässigkeit des Pappus und eine andere, dem Theätet
zugeschriebene Leistung kommen wir sogleich noch zurück. Hin
klares Bild von Theätet werden wir uns aber auch dann nicht
Kein Wunder also, daß die Tradition Widersprüche enthält, und
verwunderlicher vielmehr, daß sich dieses und jenes Wahre aus
thr entnehmen zu lassen scheint. Wie ist das denkbar ? Nun, weil
diese Kommentatoren oft nichts anderes und schlechteres tun als
machen können.
abschreiben. Weun es gelingt, glaubhaft zu machen, daß eine
Durchsichtiger sind die Nachrichten, welche Euklid Buch V und
XII betreffen. Wenn z. B. ein Scholion das Buch V des Euklid,
die Lehre von den Proportionen allgemeiner Größen, dem Eudoxos
dirckte Abschrift, sagen wir aus Eudems Geschichte, vorliegt, so
hätten wir etwas Echtes und Richtiges in der Hand.
So glaubte Cantor z. B., daß das Mathematikerverzeichnis des
Proklos aus Eudem stamme, weil Proklos sich am Ende desselben
zuschreibt!®, so läßt sich dies durch mehrere Stellen aus Archimedes stützen, die sich teils auf das sog. Axiom des Archimedes
auf diejenigen bezieht, welche über Geschichte geschrieben haben.
oder besser des Eudoxos, teils auf die von diesem Axiom wesent-
J5benso sucht man den Wert des oben zitierten Scholions zu
lich abhängige Lehre vom Kreisinhalt, vom Zylinder- und Kegelinhalt, auf die sog. Exhaustionsmethode beziehen. Archimedes
schreibt einige Sätze dieser Inhaltslehre dom Eudoxos zu!*. Bemerken wir nun, daß das eudoxische Axiom im Euklid wesentlich
Uuklid XIII zu stützen, indem man die Vermutung begründet,
daß es aus einem Kommentar des Pappus entnommen ist, und daß
Pappus Eudems Geschichte der Geometrie gekannt haben müßte.
Andererseits stellt man die Herkunft des Mathematikerverzeichnisses aus Eudem in Frage; dasselbe spricht von Pythagoras, es
gibt aber kein zweifellos verbürgtes altes Gut, in dem Pythagoras
als Wissenschaftler auftritt!*; Aristoteles spricht nur von der
Schule der Pythagoräer, Eudem schreibt
den
Satz von der
Winkelsumme im Dreieck den Pythagoräern zu — und sicher hat
ludem ebensowenig wie Aristoteles Pythagoras Einzelergebnisse
nur in Buch XII, eben der Inhaltslehre, zur Anwendung konunt
- die Rolle desselben in X ist unwichtig —, so ergibt sich durch
Zusammenfassung dieser zwei Bücher V und XII ein in seinem
Denkstilund Interesse einigermaßen einheitliches Teilgebiet, in sich
gegliedert als allgemeine Theorie und wichtige Anwendung, das sich
deutlich ausdem Gesamtwerk abhebt undtatsächlich als Schöpfung
einer einzigen Mathematikerpersönlichkeit glaubhaft ist.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Mittellehre
Zwei Stellen aus Aristoteles!* ergünzen das historische Bild: Die
anderes, als dieser vorsichtigen Methode wieder zu ihrem Rechte
Proportionenlehre ist für ihn ein Beispiel einer xx96Aov anddeıkıc.
zu verhelfen.
Früher behandelte man Zahlen, Strecken, Körper, Zeiten geLrennt, vov de xadAou Selxvurar. Durch geeignete Definitionen
ohne weiteres. Von den verschiedensten Sciten werden Quellen
vereinfachen sich, heißt es an einer anderen Stelle, die Beweise;
auch zur inhaltlichen Bestimmung der früheu griechischen Mathedefiniert man die Verhältnisgleichheit für Größen durch Gleichmatik benützt, die Hankel mit gutem Grund verschmähte, und
hoit der &vravatpesıg — durch gegenseitiges Aufheben, durch
die alte pythagoräische Arithmetik wird in einem grundsätzlichen
e)
Leider aber erlaubt das der heutige Zustand der Forschung nicht
Wechselweguahme -, so läßt sich leicht einsehen, daß Rechtecke
Gegensatz zu Euklid aus den schon oben erwähnten neupythagomit gleicher Höhe sich wie die Grundlinien verhalten.
räischen Schriften rekonstruiert. Cantor und Heath, Tannery und
Beide Stellen deuten offenbar auf eine neuere Proportionenlehre
hin, und mindestens bezieht sich die erstere auf die uns bekannte.
Zeuthen, Stenzel und Becker stehen mehr oder minder alle unter
dem Einfluß des Nikomachos und Theon, und ich kann mich
Aristoteles hebt dann also mit Recht hervor, was auch uns als
daber der Aufgabe nicht entziehen, die angeblich archaischen
das Wichtige erscheint, daß eine Proportionenlehre allgemeiner
Theorien der Mittellehre und der figurierten Zahlen als neupytha-
Grüßen entwickelt ist, und er bezeichnet sie als ein neueres Ergebnis, was mit den Lebensdaten von Aristoteles und Eudoxos
goräische Pseudomathematik zu entlarven und auf ihren trivialen
mathematischen Kern zurückzuführen.
gut verträglich ist.
Ich wende mich zuerst der Mittellehre zu, deren Entstehung sich
Unnstritten ist der Sinn der zweiten Bemerkung. Heiberg faßt
ziemlich deutlich verfolgen läßt.
avtavetpeoie als die Bezeichnung des Vergleichs der Vielfachen
Einen interessanten
ma, nb der Größen a, b auf und bezieht sie, wie es plausibel ist,
trockene und sachliche Kommentar zu Euklid Buch X, der ju
auf die Definition der Verhaltnisgleichheit in Euklid V. Dagegen
übersetzen Dyksterhuis und O. Becker &vravalpeotc unter Besugnahme auf den Prozeß der &v)-upatpeate bei der euklidischen
Kommentar ist vermutlich von Pappus, also wn 390 n. Chr. ver-
Bestimmuug des größten gemeinsamen Teilers mit „endliche oder
Wiedergabe der Definitionen und Resultate Euklids, zutreffend,
unendliche Kettenbruchentwickluug‘, und es entsteht ihnen aus
aber ohne das Wichtigste herauszuheben und ohne Neues dabei
diesom einen Worte eine umfassende voreudoxische Proportionenzutage zu fürdern. Diesem Kern geht eine historisch-metaphysische
Sohre, in welcher sich die Griechen unendlicher Prozesse als Defi-
Einleitung voraus, und den Beschluß bildet der Beweis einiger
Einblick
gewährt
uns der einigermaßen
arabischer Übersetzung 1850 in Paris aufgefunden wurde”. Der
faßt. Der größte Teil besteht aus einer pädagogisch-pedantischen
vitionsmitiel bedient hätten”. — Immerhin wird die Rolle des
übrigens leicht nach Euklid beweisbarer Sätze. Einleitung um!
Wudoxos für Euklid Y und XII auch dadurch nicht in Frage ge-
Schluß sind nun dus für uns Wichtige. In der Einleitung uámiich
stellt,
wird berichtet, daß Theätet die drei Typen des lrrationalen,
I
mit Hilfe der drei Mittel, dem geometrischen, dem arithmetischen
Wir sahen, daß ciu Scholion uns einen Dienst leisten konnte, inund dem harmonischen, gefunden habe, und ein Paragraph (Buch 1,
dem es uns auf innerlich zusammenhängende Stücke Euklids ver-
$ 9) verherrlicht in deutlichem Anklaug an Platons 'Timäus auswies. Man könnte sich der bedenklichen Beschäftigung mit der
führlich und pathetisch die große cinigende Macht dieser Mittel,
Geschichte der Kommentare so gut wie ganz entziehen, wenn man
die auch das Irrationale binden und bestimmen. Im Schlußteil
sic nur in dieser untergeordneten Rolle verwenden will und die
(Buch 2, § 17) aber wird festgestellt, daß Euklid nur das geome-
Beweislast in die Analyse des euklidischen Textes verlegt. In
irische Mittel benutzt, und um die Nachricht über Theiitet zu
diesem Sinne verfährt Haukel®, und mein Wunsch ist nichts
verstehen, müsse mau sich die Frage vorlegen, inwiefern arith-
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Mittellehre
metisches und harmonisches Mittel für die Lehre des Irrationalen
geometrische Mittel, wie der göttliche Plato sagt, das Wesen aller
Harmonie und Ordnung sei, und er stellt sich nun die mathematisch belanglose Aufgabe, diese bevorzugte Rolle der geomevon Bedeutung seien. So beweist der Kommentator denn, daß
n—m (Yn — Jm),
Ya+Ym
trischen Proportion dadurch nachzuweisen, daß cr aus drei
Zahlen a, b, c, für die a:b = b:c ist, neue Zahlen bildet, die wieder
und überlegt, daß in der euklidischen Klassifizierung die Größen
2 Yn
Ww — an
25
in geometrischer, arithmetischer, harmonischer u. a. Proportion
stehen, Beispielsweise ist a + 2b + e das arithmetische Mittel von
5 Yn) una Y Y
2a + 3b + c und d + c (dies gilt für beliebige a, b, c), b + ¢ das
geometrische Mittel von a + 2b + e und e, 2b + e das harmozum gleichen Typ gehüren.
nische Mittel von 2a + 3b + c und è + c usw. Die beiden letzten
Der Kommentator kennt also ein Werk des Theätet, in welchem
Behauptungen gelten nur, wenn a, è, c in geometrischer Propordieser die Irrationalitäten behandelt, nicht; ihr Ansehen beziehen
die drei Mittel aus der Metaphysik, ihre Rolle in der Lehre von
tien stehen.
deu Irrationalitäten muß der Kommentator erst neu beweisen, und
reichender Deutlichkeit auf die außermathematische Entstehung
dem Sachverhalt nach ist klar, daß allerdings das geometrische
der Mittellehre hin, und machen es wahrscheinlich, daß sie ein
Mittel als Ersatz für Quadratwurzelziehen eine fundamentale
A
Rolle bei der Bildung der Irrationalitäten Va und Yn spielt, daß
dic Verwendung des arithmetischen und harmonischen Mittels
Der Kommentar zu Euklid X und Pappus weisen also mit hin-
Produkt der Timäusinterpretation ist.
Außer Pappus berichten die Neupythagorüer über die Mittel‘Jehre; zum rein Mathematischen erfahren wir nichts weiteres von
Belang, der außermathematische Zusammenhang ist aber hier,
zur Bildung von Va + Ym aber nur eine Spielerei ist. —
besonders deutlich bei Theon, ein anderer - die Mittcllehre wird
Das Fehlen ciner direkt auf Theátet zuriickgehenden Schrift
von ihın zur theoretischen Musik gerechnet, zu der außerdem dio
zeigt sich noch auf cine andere Weise. Der Kommentator ver-
Klassifikation der Brüche sowie die Zuordnung von Zallengleicht niimlich cingehend die Klassen irrationaler Strecken, die
verhältnissen zu den Tonintervallen und die damit verbundene
Plato in seinem Dialog Theätet definiert, mit der Begriffsbildung
Teilung des Kanons gehören. Pythagoras war es nach Theou, der
Euklids. Dieser Dialog ist für ihn also offenbar das einzige direkt
zuerst die Intervalle durch Verhältnisse gauzer Zahlen gemessen
zugängliche Buch, das über seinen Gegenstand handelt und von
habe. Er fand Oktave, Quint und Quart zu 2:1, 3:2, 4:3, daraus
Theätet berichtet. Und obgleich der Kommentator sich bei seinen
ergibt sich der simple Zusammenhang mit den Mitteln: Quinte
Nachrichten über Theätet und die Mittel auf Eudem beruft, kann
matiker nur eine Legende ist, die sich um den Theätet des platound Quarte sind das arithmetische und harmonische Mittel vou
Tónen, dic ein Oktavintervall bilden.
Dürfen wir in diesem Bericht den Rest einer altpythagoräischen
nischen Dialogs kristallisiert hat. Aber dies nur nebenbeil
mathematischen Lehre erblicken? Sicher ist, daß es eine alte
Ein im grundsätzlichen ähnliches Bild zeigt der Bericht über die
Theorie der Tonintervalle gegeben hat, einen geistreichen Nieder-
Mittellehre in der Sammlung des Pappus*®*. Die Alten bildeten
schlag derselben hat uns Euklid in seiner sectio canonis aufbedrei Mittel, das arithmetische, geometrische und harmonische,
wahrt, und Ptolemäus berichtet über eine pythagoräische Musiktheorie, die sich völlig mit dem Inhalt der sectio canonis deckt.
ich mich des Verdachts nicht erwehren, daß Theätet der Mathespäter wurden drei weitere hinzugefügt und diese durch die
Neueren — übrigens um die heilige Zehnzahl vollzumachen, wie
Ebenso ‚sicher ist, daß Theou nie imstande geweseu wäre, eine
uns Nikomachos verrät — durch vier weitere ergänzt. Nach einsolche echt mathematische Theorie zu verstehen und ihren Sinn
gehender Beschreibung der Mittelbildung fährt Pappus in deutzu übermitteln, Und Thcon kann also nicht als Gewährsinann
lichen und ausführlichem Bezug auf den Timäus fort, daß das
gegen Ptolemäus ins Feld geführt werden.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Mittellehre
Zum Beleg hierfür darf ich auf Theons Abschnitt über die Un-
Tatsächlich wird im Timáus die &vaAoyia ein x&AAtaTug Seoudc
teilbarkeit des „„Tones‘ verweisen. Der Ton ist das Intervall 9/8
genannt® und werden Quinte und Quarte der „Seelentonleiter“
mittels zweier Mittel erklirt, dic zwar noch nicht mit bestimmtem
Namen benannt werden*®. Schon die Epinomis, das XIU. Buch
der Gesetze Platos, das von einem Schüler und Jünger Platos verfaßt ist, spricht in geheimnisvoll dunklen Wendungen von der
Harmonie und den Mitteln”. Die Namen arithmetisches und
harmonisches Mittel kommen (wohl zuerst) in einem Fragment
des Aristoteles vor, das einem frühen Dialog angehört haben mag,
und die Unteilbarkeit des Tones ist der Satz, daß die Gleichung
x?
9
~ 8
keine rationale Lisung besitzt. Ich brauche nicht zu begründen,
warum dicser Satz in ciner Zeit, fiir welche das Irrationale eine
einigermaßen neue Entdeckung gewesen sein muß, ein besonderes
interesse beanspruchen konnte. Ein unverstandener Nachhall
der noch ganz unter platonischem Einfluß geschrieben ist*. Diese
nachweisbaren Bezüge reichen, bei der außerordentlichen Wertschätzung, dessen sich der Timäus als ein Hauptwerk der gricchischen Metaphysik erfreute, hin, um die Fülle der hervorwuchernden Spekulationen über die Mittel zu erklären. Von einer
dieses alten Interesses mag es sein, daß Theon auf den Satz aulmerksam wurde. Denn wie beweist er die geheimnisvolle Tatsache ? Auf vielfache Weise wie folgt”:
a) weil 9 nicht durch 2 teilbar ist,
b) weil 9 — 8 = 1 und 1 unteilbar ist,
256
c) das ,,Limma“ 243 ist kein
I
1.
256
Halbton,
mathematischen Mittellchre aber zeigen sich keine Spuren, auch
weil
nicht in dem sog. Archytasfragment über die drei Mittel”. Überder Halbton
dies spricht nichts für die Echtheit dieses Fragments, das sich in
allzu glatter Weise den späteren systematisierenden Interessen
2,
1 +3 ¿ist und 373 < 1 + 7g ist,
d)
9
9.27
243 ,
einfügt.
>
Die Gleichbewertung der drei Mittel und das Schwanken in der
Bezeichnung &vadoyio und necörng scheint nachplatonisch zu
= 5% > 31% ist auch unteilbar, weil 243 — 216 = 27 =
13 + 14 ist, aber 7 nicht existiert.
sein®, Plato spricht nur von der dvaAoyia schlechthin und meint.
e) die Stimme ist a priori unteilbar, weil alle Stimmlagen unvergleichbar sind,
f) der Kanon ist nicht teilbar, weil jede empirische Teilung unexakt ist.
Daß Theon auch weniger Sinnloses uns überliefert hat, erklärt er
uns durch seine Versicherung, daß er dem, was die Früheren geschrieben haben, nichts hinzufügen und sich eng an ihre Ergebnisse halten will. Er zitiert wiederholt seine Hauptquellen Adrast
und Thrasyll, und wir können noch heute nachprüfen, daß or den
Adrast wörtlich abgeschrieben haben muß.
Denn Porphyrius
zitiert in seinem Kommentar zu Ptolemäus ebenfalls den Adrast,
und das Zitat findet sich wörtlich bei Theon. Und zugleich erfahren wir durch Porphyrius den Namen des Werkes von Adrast:
es war ein Timiuskommentar!?* So sehen wir auch die pythagoräische Scheintradition unmittelbar in die Timäusinterpretation
emmünden.
Y
emm=—©ei,s
ea
die geometrische Proportion und in zweiter Linie erst von zwei
Mitteln. Euklid kennt das arithmetische und harmonische Mittel
nicht, sondern nur die geometrische Proportion (ohne sie mit
diesem Namen zu benennen) und die allgemeine Proportiou aus
vier Gliedern. So bezeugen Plato uud Euklid dasselbe: dal} os
eine mathematische Theorie nur für die geometrische Preportion
gegeben hat, eine Tatsache, die ja auch in den Berichten über die
Mittel selbst immer wieder ankliugt. —
Übrigens wäre es, glaube ich, verkehrt, den Geist, in welchem die
frühe Timáusinterpretation die Proportiouen verwendete, wesentlich mit der Haltung von Theon oder Nikomachos zu ideutilizieren.
Theon erlaubt uns festzustellen, daß sich Adrast bei seinen erkenntnistheoretischen Erwägungen mit lratosthenes auseinandersetzt?!, und nach den wenigen Fragmenten, die aus der Schrift
des Theon zu entnehmen sind, hat sich Eratostlienes” mit dem
Begriff und Wesen der allgemeinen Proportion befaßt, Gedanken
etwa zur erkenntnistheoretischen Begründung der Lehre von den
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29
Die Wiedergabe dieser Tatsachen erfolgt rein beschreibend. Sätze
allgemeinen Größen und ihren Proportionen, wie sie in Euklid V
dargestellt sind. In diese Richtung weist auch eine Vokabel?
werden nicht bewiesen, sondern nur durch Beispiele
enAtxov, die in der Terminologie von Plato und Aristoteles nicht
Durch diese Mitteilungsformen erscheint diese Welt in einem
belegt.
vorkommt und bei Eratosthenes etwa das ovveyéc des Aristoeigentümlichen Licht, das vielleicht auf den ersten Blick als
teles ersctzt; es heißt soviel wie „im stetigen Sinne Größe haben“.
besonders altertümlich anmutet. Aber die unter 1. berichteten
Nun enthält Euklid V ein Axiom (V 3) ohne eigentlich mathe-
Tatsachen entsprechen dem aus Plato, Aristoteles und Iuklid
matischen Gehalt, in welchem das Verhältnis, der Aöyog zweier
ohnehin Bekanuten, und der Inhalt von 2. berührt sich sehr eng
homogener Größen xaT& TNALKÓTNTA roux oYyÉOL genannt wird.
Ganz ähnlich sagt Eratosthenes® bei Theon: Adyoc wév ¿ori dio
peyedov à pdc ¿AA NAL Tord GYÉOL — was zusammengenommen
es cinigermaSen wahrscheinlich macht, daß Eratosthenes der Verfasser dieser Axiome ist? oder doch, daß die Theorie des Eratosthenes sich um diese allgemeinen Axiome drehte. Weiter wissen
wir, daß Eratosthenes ein Instrument zur mechanischen Konstruktion von dritten Wurzeln erfunden hat. Pappus hat diese Konstruktion (in Buch 3) aufbewahrt, und ein Vers, in welchem Eratosthenes seine Leistung verherrlichte, gehört aus sprachlichen
Gründen in die Lebenszeit des Eratosthenes (200 v. Chr.); er dürfte
also tatsächlich auf Eratosthenes selbst zurückgehen?®. Auch diese
Erfindung ist als ein ernsthafter Beitrag zu einer Lehre von den
—e—-—.m—eTtÈ-_—‘È6mt—
mit dem, was nach Geminus zur praktischen Rechenlehre gehörte, und dürfte cinc Wiedergabe der elementaren damals üblichen Rechenmethode sein — wie ja Theon versichert, daß er nur
Allereinfachstes und allgemein Verständliches bringen wolle. So
ist es vielleicht zu erklären, daß Theon in seinen arithmetischen
Büchern keine Gewährsmänner neunt,
weil niemand geistigeu
Anspruch auf dieses einfache Gut erhob. Jedenfalls haben wir
infolgedessen nicht die Möglichkeit, die Entstehung der arithmetischen Bücher rückwärts zu verfolgen.
Glücklicherweise aber fehlt es nicht an Zeugnissen aus der
klassischen Zeit, die die damalige Bewertung gerade der oymuxrtoyeapta in das rechte Licht rücken, dieser Methode, welcher dic
neuere Forschung eine so hervorragende Rolle in der alten pytha-
Mitteln zu werten — das Mesolabion des Eratosthenes ist nämlich
goräischen Mathematik zugewiesen hat. Durch Aristoteles sind
ein Instrument zur Einschaltung von zwei geometrischen Mitteln
Dreieckszahlen und Viereckszahlen überliefert, er kenut dic
Summierung der geraden Zahlen und der ungeraden Zahlen
x, y zwischen zwei Strecken a, b, für die also
mittels der Figurierung?”, er spricht vom Rechteck als einem
aix = xy = y:b
pinue einer zusammengesetzten Zahl”. Die Zuordnung von
wilt.
Ideenzahlen zu Gegenständen, z. B. zum Gegenstand Pferd, soll
Die arithmetischen Tatsachen, die uns Theon und Nikomachos
übermitteln, lassen sich, von der schon erwáhnten Klassifikation
der Brüche abgesehen, zwanglos in zwei Gruppen einteilen:
Teilbarkeitseigenschaften (Quadratzahlen, Zahlen der Form
n (n + 1) usw.);
oummicrung einfacher arithmetischer
Reihen, insbesundere mit
a
die Dreiecks- und Viereckszahlen bilden — ein Pferd aus Steinchen legte”. Nach den Gesetzen Platos sollen die Kinder mit
Kränzen und Äpfeln spielen, Trinkschalen von Gold, Silber und
l. in Arithmetik im engeren Sino, Lehre von den Einheiten,
von Geraden und Ungeraden und Einteilung von Zahlen nach
2. in das Rechnen mit Zahlen, wie
Eurytos vorgenommen haben, indem er - nach Art derjenigen,
HO
Erz mischen oder verteilen und hierbei sowie bei Zusammenpaarung im Faust- und Ringkampf rechuen lernen, während die
Greise sich lieber statt mit dem Brettspiel mit dem Irrationalen
beschäftigen sollten, was sich so sehr ja garnicht von dem Brettspiel unterscheiden wiirde*, An diese Stelle aus den Gesetzen erinnert Geminus, wenn er zur Logistik die Behandlung der Äpfele
o
Hilfe der
l'igurieruug von Zahlen, der cymuato-
>
Youqio (s. Fig.).
193=22
©
o
o
o_e
Pam
A
n
und Schalenzahlen rechnet.
Die Zitate zeigen, daß die Figurierung der Zuhlen eine geläufige
elementare Methode, nicht aber eine tiefe wisseuschaftliche Er-
Seite 9
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Lehre vom Geraden und Ungeraden
kenntnis war. In der Tat, die Figurierung konstituiert keinen
die Inkommensurabilität verstanden hat‘. Und die Leistung des
Eudoxos ist ja nicht die Beweisführung für Irrationales, sondern
30
Vroblemkreis, noch ist sie eine Methode von übersichtlicher Tragweite, Sie ist cine Hilfsmethode. Und „figurierte Zahlen“ sind
nicht eine Klasse für sich über oder neben den reinen Zahlen
existierender Begriffe und Ideen. Vielmehr ist die Figurierung
eine je nach den Zwecken wechselnde Veranschaulichung von
Rechenprozessen.
31
die xa6Aov &rdderEtc. Das Axiom einer allgemeinen Kommensurabilität ist in der griechischen Wissenschaft ausgesprochen
nur in der Harmonielehre. Die Geometrie hingegen ist für Plato?”
wenigstens — und Aristoteles äußert sich ähnlich‘ — immer die
Lehre vom Irrationalen, genauer die Lehre vom Messen der
Jıahlen gegeben haben, von Zahlen, die wie Sternbilder am Himmel
Figuren, deren grundlegende Schritte zwar in Anwendung der
Zahlen auf Figuren bestehen, die dann aber wesentlich zum Itra-
Aber könnte es nicht trotzdem cine Lehre von den figurierten
dastehen? Sprechen nicht die Pythagoräer von den Zahlen am
tionalen hinführt.
Himmel? Und wie sollte man je die Brücke zu dem Dogma des
Was die geometrische Algebra Euklid II angeht, so ist sie un-
Pythagoras schlagen, „alles ist Zahl“, wenn nicht von figurierten
abhängig vom Problem des Irrationalen sinnvoll. Zenos Antinomien aber gelten schon im Rationalen — sie wenden sich bereits
gegen die Annahme einer unbegrenzten 'Teilbarkeit des Ausgedehnten. Eine Einwirkung Zenonischer Gedankengänge auf die
Zahlen aus? GewiB. Aber das ist eine reine Konjektur — und diese
Konjektur betrifft den Kernpunkt der pythagoräischen Mathematik und Philosophie. Sie führt alsbald zu der Behauptung, daß
die Ausgangshypothese der Pythagoräer die Kommensurabilität
Mathematik zeigt sich vielleicht in der Schrift epi &rötav
alles Meßbaren gewesen sei.
die Entdeckung des Irrationalen bedeutet hätte. Dieser Skandal
Ypapp.
v aus dem aristotelischen Kreis; sie widerlegt die Annahme
unteilbarer Strecken von endlicher Grüße und bereitet so das
eudoxische Axiom in der Form von Euklid X, 1 vor, welches besoll erst durch Eudoxos seinen Abschluß gefunden haben — meint
sagt, daß a/2" mit wachsendem n gegen Null konvergiert.
Tannery?2. Ähnlich stellt Zeuthen die Entwicklung dar, indem er
schiebt“. Die Schwierigkeit sollte nach Hasse und Scholz durch
Kurz: war es zunächst eine vage Konjektur, an den Beginn der
griechischen Arithmetik die Lehre von den figurierten Zahlen zu
setzen, von deren Struktur man sich kaum ein Bild zu machen
Yıinführung infinitesimaler Größen behoben werden, deren Antiversuchte, so stehen die Folgerungen aus dieser Konjektur aul
uomien Zeno entdeckt habe“. Die endgültige Lösung tritt nach
Schritt und Tritt mit den historischen Tatsachen in Widerspruch.
So entsteht die Ansicht von dem véritable scandale logique, den
als Zwischenlösung die geometrische Algebra in Euklid II einallen vier Autoren erst bei Eudoxos ein.
Der Bericht über Hippasos, der das Irrationale entdeckt und be-
III
kannt gemacht habe und dann vom Meer verschlungen sei, steht
als willkommener Mythos im Hintergrund.
Aber der Kommentator von Euklid X vermutete schon (Buch 1,
§ 2), daß diese Erzählung eine Legende ist, die zu einer sorgfältigen
Behandlung des Irrationalen ermuntern soll. Nirgends ist in den
Schieben wir die beiden genannten Pseudotheorien beiseite, so
bleiben nur deutlicher empfunden zwei Lücken: wie war die
pythagoräische Arithmetik, wie war die pythagoräische Harmoniclehre beschaffen ? Und woher sie entnehmen?
mannigfachen Dokumenten über das Irrationale bei Plato und
Nun: Gerade aus denjenigen Teilen des Euklid, welche dic histo-
Aristoteles von einem Skandal, der damals doch noch fühlbar
riographische Tradition nicht berücksichtigt und welche auch von
gewesen sein müßte, etwas spürbar. Der naive Hellene ist es, der
den neueren Historikern zu wenig beachtet sind, aus den arithunwissend wic ein Schwein — sagt der Athener in den „Gesetzen“
metischen Büchern VII—IX, aus dem arithmetisch-geometrischen
des Plato — alles Meßbare für kommensurabel hält!5. Ein Geometer
Buch X und der musiktheoretischen Abhandlung Kuklids, der
- sagt Aristoteles — würde sich mehr wundern, wenn die Diagonale
sectio canonis.
zur Quadratscite kommensurabel wäre, sobald er den Beweis für
Den Beschluß der arithmetischen Bücher bildet dic kleine ein-
Seite 10
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Lehre vom Geraden und Ungeraden
fache, aber schön und klar aufgebaute Lehre vom Geraden und
d) Ist g ein gerader Teiler von v und von der Form 2u, 2”
(u + 1), so ist u auch ein Teiler von v und daher gleich p. Di
ein Teiler kleiner ist als die Zahl, die er teilt, ist m < n. Also
sind die unter a) angegebenen Zahlen alle Teiler von v.
Ungeraden. Schon die Stellung dieser besonders elementaren
Sätze ist merkwürdig. Auf frühere Definitionen wird nicht immer
Bezug genommen; so wird „gerade“ nicht als „durch 2 teilbar“
erklärt, was nahe gelegen hätte. Gerade ist vielmehr eine Zahl,
dic sich in zwei gleiche Teile zerlegen läßt, eine ungerade enthält
eine überschießende 1. Es wird zunächst gezeigt: eine Sumane geradvieler ungerader Zahlen ist gerade, eine Summe ungeradvieler
ist ungerade. Die Multiplikation wird durch iterierte Addition erklärt. Daraus folgt dann leicht, daß Produkte ungerader Zahlen
ungerade sind, Produkte mit einem geraden Faktor gerade.
Durch indirekten Schluß folgt daraus: Geht die ungerade Zahl u
in der geraden Zahl 2v auf, so geht u auch in v auf,
Daraus ergibt sich eine Klassifikation der geraden Zahlen in die
Typen:
1. 2", dieselben besitzen nur gerade Faktoren.
2.2u mit u ungerade ungleich 1, dieselben besitzen nur Zerlegungen gerade mal ungerade.
3. 2% mit n > 1, dieselben besitzen sowohl Zerlegungen gerade
mal gerade wie gerade mal ungerade.
2. Die Summe der Teiler ist
rn
1+2 +22 +... 2% +p + 2p + 22p ins + 20-1
ptp tap + 2p + +: + 2p =
2p + 2p + 22p +... + 2%-1p =
2"-1p ps 2%-1p == 2"p.
Ich will deu Beweis, den Euklid tatsiichlich bringt, hier nicht
näher analysieren. Er scheint aus dem sachlich nicht gerechtfertigten Bemühen hervorzugehen, den Satz in den allgemeinen
Zusammenhang des Buches hineinzustellen, die Lehre von den
geometrischen Reihen. So werden die "Teiler nicht mit dem dyadischen Teilersatz bestimmt, sondern mit Sätzen über Teilbarkeitseigenschaften in geometrischen Reihen ganzer Zahlen. Auch
das wird an und für sich ziemlich umständlich gemacht. Um die
einfache Summierung der Teiler durchzuführen, wird nach der
Dyadik die allgemeine Summenformel für geometrische Reihen
abgeleitet. Das alles sieht nach Flickarbeit aus.
Diese Ergebnisse würden eine ebenso elegante Begründung für den
Satz über vollkommene Zahlen ermöglichen, der mit seinem recht
umständlichen Beweis Buch IX abschließt.
Vine Zahl heißt vollkommen, wenn sie gleich der Summe ihrer
Teiler ist. Ist 1 + 2 4+ 27 + ---
NnmSo2te
33
+ 2% = p eine Primzahl, so ist
2*p vollkommen.
Zum Beweise sind im wesentlichen nur die Teiler von v = 2"p
{estzustellen. Ich gebe den Beweis im Sinne der Dyadik an.
1. Bestimmung der Teiler von v:
a) 1,2,2°,.... 2%, p, 2p, 2°p,..., 2"=!p sind Teiler von v.
b) Ist u ein ungerader Teiler von v, so ist w auch Teiler von
2%—-!p, 2%—2p, ... also auch von 2 p; also ist u gleich 1 oder p.
e) Ist g ein gerader Teiler von v, so ist g entweder gleich 2”
Die dyadische Schlußweise tritt noch einmal in X 115a (117) beim
Nachweis der Irrationalität von y2 auf; bekanntlich führt die
Annahme, daß die Quadratseite und Diagonale des Quadrats
rational wären, zu der Folgerung, daf eine Zahl gleichzeitig gerade und ungerade sein müßte. Auch dieser Satz fällt völlig aus
dem Zusammenhang des Buches X heraus*.
Nun zu den voreuklidischen Zeugnissen für diese Lehre! Die
Rechenkunst, die Arithmetik und Logistik, wird bei Plato im
Gorgias® und Protagoras°! mit Erkenntnis und Messen des Geraden und Ungeraden gleichgesetzt. Im Politikos®? wird die Einteilung der Menschen in Hellenen und Barbaren mit der unsachgemäßen Einteilung der Zahlen in Myriaden und Nichtmyriaden
verglichen, eine sinnvolle Einteilung der Zahlen hingegen sei dic
in gerade und ungerade. Im Hippias® heißt es, cin Paar kaun
andere Eigenschaften haben als die beidon einzelnen Gegenstände
und nach Erklärung des Teilers 2": = y; alsdann läßt sich aber
des Paares, wie ja die Summe von zwei ungeraden gerade ist.
v mindestens m mal sukzessive halbieren und daher ist
Im Eutyphron‘ heißt es, überall wo Ungerades ist, muß auch
Seite 11
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Lehre vom Geraden und Ungeraden
Zaul sein, nicht aber umgekehrt. Im Parmenides® werden gerade,
nugerade, gerade mal gerade, gerade mal ungerade, ungerade mal
eprrrov die Elemente alles Scienden sind. Die Gleichsetzung von
&ptiov und &retpov wird verständlicher, wenn wir an die urgerade, ungerade mal ungerade gebildet, um so alle Zahlensprüngliche Bedeutung des Wortes &priov, „das in gleiche Stücke
gattungen zu konstruieren, In den Gesetzen®® wird das &priov als
Teilbare“, denken. Das &priov ist das Teilbare, und das wesentlich Teilbare ist unbegrenzt teilbar. Diese Erklärung wird uns
durch die Exegeten bestätigt, auf die sich der Kommentar des
Simplizius zur Physik des Aristoteles beruft‘.
34
Beispiel für Definition und Benennung herangezogen. Der Menon*”
zeigt, daB Plato die Irrationalität von y2 bzw. ys bekannt ist®*.
Aristoteles kenut die dyadische Klassifizierung der Zahlen? und
führt den Beweis der Irrationalität von y2 mehrfach an, ins-
35
Die pythagoraische Lehre wird von Aristoteles im Gegensatz zur
Aristoteles“: berichtet uns nämlich, daß die sog. Pythagoräer die
materialistischen Naturphilosophie ihrer Vorgänger dargestellt.
Wir dürfen noch an den Gegensatz zu den Eleaten denken, welche
das Mannigfaltige für grundsätzlich widerspruchsvoll hielten und
nur das ¿v als erkennbar anerkannten. Insofern sich die Antinomien des Zeno gegen die unbegrenzte Teilbarkeit richten, dact
man vermuten, daß sie in philosophischem Meinungskampf auch
das Ziel hatten, die Lehre vom &prıov zu widerlegen.
Das Wesen der pythagoräischen Lehre“ zeigt sich vielleicht am
deutlichsten in der Kritik, die Aristoteles an ihr übt. Für ihn sind
die Einzeldinge wirklich und das Mathematische ist an den Dingen.
Die räumlichen Dinge sind ovveyéc — stetig —, die Stetigkeit ist
ersten waren, die sich mit u«dñuate befaßten und sie voran-
Träger ihrer Teilbarkeit. Ins Unendliche teilbar sind sie aber nur
besondere als indirekten Beweis — die Annahme des Gegenteils
bitte zur Folge, daß Gorades ungerade würe®.
Aus diesen Zeugnissen folgt, daß die Lehre vom Geraden und
Ungeraden vorplatonisch ist. Ich glaube, wir können diese Feststellung noch präzisieren: Die Theorie ist pythagoräisch, und sie
ist das erste padnpa oder Lehrstück, in welchem sich die logischarithmetische Wissenschaft der Pythagoricr niedergeschlagen hat,
und sie ist zugleich das Fundament der pythagoräischen Metaphysik.
trichen. Befaßt mit diesen Fragen glaubten sie,
daß die «pyat,
der Miglichkeit nach, und das Unendliche existiert nur év Suvapet.
die Prinzipien
die
Prinzipien
Plato hat die Metaphysik der Pythagoriier mit Modifikationen
Unter dem Mathematischen aber sind die
übernommen. Die Epinomis fordert als erstes .4«9yy.a des Unter-
Zahlen ihrer Natur nach die ersten; so glaubten sie eher in den
richts die Lehre vom Geraden und Ungeraden in ihrer ganzen Bedeutung für die Natur®.
Nach Aristoteles ersetzte Plato Gerades und Ungerades durch
dieser
aller Dinge seien.
mathematischen
Dinge,
Zahlen als in Erde oder Feuer oder Wasser die Wesenszüge der
Welt zu finden.
Sind aber die Zahlen das erste aller Natur, so sind, wie sie annahmen, die Elemente der Zahlen zugleich die Elemente alles
Seienden. Die Elemente der Zahlen aber sind das Gerade und das
Ungerade, dieses das Begrenzte, jenes das Unbegrenzte, aus
beiden entsteht das ¿v, die Zahl aber aus dem év, und die Zahlen
das év und die dude &oprotéc. Das év ist Idee der Form, die Succ
doptorós die Zweibeit des Groß und Klein oder die Relation
„größer als“ ist Idee der Materie.
Das Problem Platos war offenbar zu verstehen, inwiefern Zahlen
bilden den ganzen Himmel.
an sich existieren, Ideen sein können. Welche Macht hält dic Linheiten der Zwei, allgemein einer Zahl zusammen
?
Ligentimlich® ist ihrer Lehre, daß sie das Begrenzte und Un-
Wichtig für uns ist, daß diese Überlegungen zu einem neuen Satz
begrenzte nicht für Eigenschaften von irgendwelchen anderen
sondern sie meinten, das Unbegrenzte selbst und das ¿v selbst
der dyadischen Arithmetik hinführen, der uns noch einmal die
zentrale Rolle dieser Lehre bestätigt®®. Plato unterscheidet nämlich zwei Prozesse, durch welche aus einer Zuhl z eine neue Zahl ¥
seien Wesen und daher eben die Zahlen das Wesen von allem.
bzw. 2* entsteht, nämlich
Natursubstanzen hielten, wie Feuer und Erde und ähnlichen,
Der Ausatz der Pytbagoräer ist also erkenntnistheoretisch begründet, und „alles ist Zahl“ nur insofern, als das &priov und
Seite 12
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Arithmetik der geometrischen Reihe
37
und erkannte, daß sich eine Zahl auf eine und nur eine Weise
aus zwei Faktoren, den Seiten der Flächenzahl. Zwei Flächendurch eine Folge dieser Prozesse aus der 1 erzeugen läßt”.
zahlen f = ab und f’ = a'Y' sind ähnlich, wenn ihre Seiten dasselbe Verhältnis haben, also
a:b = u:l
Ir
Auch nach Abtrennung der Dyadik weicht der Inhalt der Arithmetik Euklids erheblich stärker von dem ab, was uns heute als
elementare Arithmetik vorschwebt, als etwa seine Kongruenzund Ähnlichkeitslehre von unserer elementaren Geometrie.
Die Anordnung der Sätze ist aus rein sachlichen Gesichtspunkten
wohl kaum zu verstehen. Z. B. sind die Sätze über Primzahlen weit
getrennt über die drei Bücher verteilt, ohne daß etwa die dazwischen stehenden Sätze zu ihrem Beweis benötigt würden. Die
eindeutige Zerlegbarkeit der ganzen Zahlen in Primfaktoren wird
nicht formuliert.
In der Anwendung des Begriffs relativ prim spielen dio Brüche
(das Kürzen der Brüche) eine bevorzugte Rolle. Überhaupt
herrschen Sätze über Proportionen ganzer Zahlen vor, und zwar
cigenartigerweise ganz spezielle solche Sätze. Buch VIII und IX
ist nämlich im wesentlichen eine Lehre von den Teilbarkeitseigenschaften von geometrischen Reihen ganzer Zahlen nebst
einer Anwendung derselben auf Quadrat-, Kubus,- Flächen- und
Körperzahlen. Die Terminologie Flächenzahl tritt wieder einigermalen unvermittelt in einigen Sätzen in Buch X auf.
Die Arithmetik der geometrischen Reihen beginnt mit dem Satz
VIII 1: Ist a, b, c, ..., d eine geometrische Reihe ganzer Zahlen,
ist also
ist. Analog sind Körperzahlen und ähnliche Körperzahlen erklart.
Diese Begriffsbildung ist nicht ganz ungefährlich. Ist z. B. 12 eine
Flächenzahl ? Welches sind dann die Seiten von 12; 3,4 oder 2,6?
Offenbar kann Flächenzahl nur „Zahl
Produktzerlegung“ bedeuten.
in einer bestimmten
Euklid selbst aber erliegt bei einem Trugschluß über Quadratzahlen dieser Unklarheit. Er schließt nämlich im Beweis von VII I,
22 (direkt nus seiner Definition): ist e zu einer Quadratzahl ähnlich, so ist c selbst eine Quadratzahl — das ist zwar beweisbar, aus
der Definition folgt es aber nicht; denn die Ähnlichkeit ist nur für
ein e mit Seiten a, b erklärt. Der hiermit falsch bewiesene Satz
wird wiederholt angewendet. Ein anderer Satz, nämlich, dal} das
Produkt ähnlicher Flächenzahlen ein Quadrat ist, wird andererseits, gemessen an den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln,
recht umständlich bewiesen.
Das Hauptergebnis ist die Kennzeichnung ähnlicher Flächen- und
Körperzahlen durch die Existenz mittlerer Proportionalen:
Zwischen zwei ähnlichen Flächen- (Körper-) Zahlen existiert cine
(zwei) mittlere Proportionale, und existiert umgekehrt zwischen a
und c eine (zwei) mittlere Proportionale, so lassen sich « und e als
ähnliche Flächen- (Körper-) Zahlen auffassen. Der Sinn eines
a:b = bic = ---:d
solchen Satzes ist offenbar, die Ähnlichkeit von Flächenzahlen,
die geometrisch ja klar ist, durch eine von der Anschauung unund a zu d relativ prim, so sind a, b, c, ..., d die kleinsten Zahlen
abhängige Eigeuschaft dieser Zahlen zu ersetzen.
Viele Einzelheiten über Quadrate und Kubuszahlen lasse ich hier
in den angegebenen Verhältnissen. Dies folgt ohne weiteres aus
dem allgemeiuen Ergebnis VII 21 und 33, daß die kleinsten Zahlen
beiseite. Mathematisch interessant ist der als X 28a eingeführte
in gegebenen Verhältnissen die relativ primen sind. Statt hierauf
Satz über Konstruktion von pythagoräischen Zahlen a, b, c mit
Bezug zu nehmen, wird aber ein direkter nicht ganz glücklicher
a? +5? = e?, Für beliebige Zahlen ist
Beweis geführt.
Kuklid verwendet die geometrischen Reihen weiterhin, wie schon
gesagt, zur Kennzeichnung von Quadratzahlen, Kubuszahlen,
Plächenzahlen und Körperzahlen, von Zahlen also, deren Bildung
dureh die Geometrie nahegelegt ist. Flichenzahlen sind Zahlen
a—p\?
Für ähnliche Flächenzahlen a, B, die beide gerade oder beide
ungerade sind, ergeben sich hieraus Zahlen der gesuchten Beschaffenheit. Satz X 28b besagt:
Seite 13
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Sectio canonis
Ist a? + b? = e?, so ist a? + (b — 1)* keine Quadratzahl. Denn es
$nrot, was mit rational oder besser mit ,,aussprechbar‘ übersetzi.
ist
werden kann. Die übrigen Strecken heißeu &Aoyot, obgleich sic
doch nach Euklid V ein Aöyog zur Einheitsstrecke besitzen.
38
(e
— 1)? < a? + (b — 1)? < ez,
39
Alles in allem wird, was sich bei der Dyadik so entschieden aufund zwischen (¢ — 1)? und e? gibt es keine Quadratzahl.
drängte, auch hier wahrscheinlich: daß wir in Buch VIE und IX
Das Interesse an diesem Nachweis „uichtpythagoräischer Zahlen“
und im Anfang von Buch X die gelegentlich durchbrochenen und
weist auf den wichtigsten Gedankenkreis hin, an welchem sich die
ergänzten Stücke einer älteren Theorie, der Arithmetik der geo-
Arithmetik der geometrischen Proportionen bewährt — auf die
Arithmetik der Quadratwurzeln. Sie beginnt mit der Feststellung,
metrischen Reihen, vor uns haben.
Die wesentlichen Gedanken dieser Theorie lassen sich ebenfalls
daß die Quadratwurzeln aus ganzen Zahlen n + m? neuartige
für die platonische Zeit nachweisen, und was wichtiger ist, mit.
Größen sind, weil sie nicht in der zugrunde gelegten Einheit
allgemeinen naturphilosophischen Fragen in Verbindung setzen,
mebbar sind — daß diese aber doch der Messung zugänglich sind,
die die eigenartige Weiterentwicklung, welche die griechische
weil
Arithmetik genommen hat, verständlich machen.
sie
Quadrate
bestimmen,
welche
zum
Einheitsquadrat
kommensurabel sind und weil sie umgekehrt durch die Maßzahlen
Es ist eine (z. B. aus Aristoteles belegbare) Tatsache, daß man
dioser Quadrate eindeutig bestimmt sind.
schon früh den Tonintervallen Verhältnisse ganzer Zahlen zu-
Kuklid gibt diesen Tatbestand am Beginn des X. Buches wieder.
ordnete. Von hier aus ist die Beverzugung der Proportionen, das
Vr definiert kommensurabel und inkommensurabel, zeigt, daß
Interesse am Kürzen der Brüche und die Entdeckung des Besich
griffs relativ prim zu verstehen. Einen näheren Einblick in die
kommensurable
Strecken
wie
Zahlen
verhalten
(X
5),
Quadrate mit kommensurablen Seiten wie Quadratzahlen (X 9);
theoretische Musik gewährt uns die sectio canonis®®. Diese ist eine
also haben Quadrate, die sich nicht wie Quadratzahlen verhalten,
Art theoretischer Physik der Harmonic — eine im Ansatz saubere
inkommensurable Seiten, und solche Quadrate existieren (X 10).
Theorie,
die
Hypothesen
und
deren
mathematische
Konse-
Die Beweise dieser Sätze zeigen wieder jene mannigfachen Unquenzen einerseits und empirische Tatsachen und ihre Relationen
chevheiten und Mängel, die auf eine nicht ganz geglückte Zuandererseits ganz klar trennt.
sammenstückung aus älterem Gut schließen lassen. Euklid hat
Was den Quellenwert der sectio canonis angeht, so gilt. sic aus
im VIT. Buch Proportionen für Zahlen abweichend von den Prosprachlichen Gründen als Euklidisch oder als frühes Exzerpt ans
portionen allgemeiner Größen in Buch V behandelt, verwendet
Luklid.
unu aber diese Ergebnisse für Proportionen, deren erste Glieder
äußert®,
Radikale Zweifel gegen die Echtheit sind nicht go-
Strecken und deren letzte Glieder Zahlen sind. Zum Beweis von
Ptolemäus, der beste Musikschriftsteller der späteren Zeit, be-
Satz 9 worden einige Rechenregeln für Proportionen benützt, die
richtet über die pythagoräische Harmonielehre und gibt dabei
sonst nicht erwähnt sind. Der Beweis für Satz 10 benutzt den
- ohne Euklid zu nennen — genau den Inhalt der sectio canenis
nachfolgenden Satz 11; er enthält eine Wendung ¿uddoyev yap,
wieder. Neben der einfachen Zuordnung von Brüchen zu den
die sonst nur in der sectio canouis vorkommt.
Intervallen ist dies die einzige von ihm als pythagoräisch vor-
Vielleicht noch deutlicher zeigt sich das Alter der Quadratwurzelgetragene Lehre; daneben berichtet er über Aristoxenos. Da er die
avithmetik in der Terminologie von Euklid X. Es wird nämlich
Pythagoräer (übrigens mit einem gewissen Recht) kritisiert, verzuerst kommensurabel und inkommensurabel in bekaunter Weise,
dient er in seinen historischen Angaben wohl Glauben”.
alsdann aber „im Quadrat kommensurabel‘ und „nurim Quadrat
Nun zum Inhalt!
kommenswrabel** für Strecken erklärt. „Nur iin Quadrat kommen-
Die Theorie beruht auf zwei physikalischeu Hypothesen und auf
surable” Strecken sind also inkommensurabel. Die bezüglich einer
drei empirisch musikalischen Tatsachen.
Winheitsstrecke im
Quadrat kommensurablen Strecken heißen
Seite 14
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Sectio cunonis
Al
H 1. Tonintervalle werden durch Proportionen zweier Zahlen
2. Quinte und Quartintervall sind nach J52 und H2 nicht von
gemessen.
der Form n/l, also gleich (n + 1)/r, (m + 1)fm mit gecignetem n, mt.
H 2. Harmonische Intervalle werden durch Verhältnisse n/l
3. Die beiden größten Zahlen der Form (q + 1)/q sind 3/2, 4/3.
Thr Produkt ist gleich 2, und (u + 1)/n . (m + 1)fim < 2, falls
nu < m und n + 2 oder m + 3, also ist n = 2, m = 3 und
oder (n + 1)/n mit n > 1 gemessen. Und umgekehrt ist jedes
Intervall 2/1 harmonisch.
Die empirischen Eigenschaften von Oktave, Quinte, Quarte und
d= 2,
ihrer Zusammensetzung sind:
15 1. Die Oktave einer Oktave ist harmonisch.
Der zweite Teil des Beweises von (3) ist vielleicht die Ursache von
Theons Bemerkung, daB der Ton 9/8 unteilbar ist, weil cins un-
It 2. Quinte einer Quinte und Quarte einer Quarte sind nicht
teilbar ist.
Die Datierung der in der sectio canonis vorgetragenen Theorie ist
harmonisch.
nicht sicher, aber die Zusammensetzung von Intervallen muB chen
i. 3. Durch Zusammensetzung von Quinte und Quarte entsteht
solange bekannt sein, wie die Zuordnung von Tonintervallen und
die Oktave.
Brüchen. Dann liegt aber die Frage nach ..halbicrbaren“ Jutervallen, d. h. also nach geometrischen Reihen ganzer Zahlen nahe,
Its werden nun die drei folgenden arithmetischen Hilfssätze forund wir schen daher gewiß mit Recht die Herkunft dieser Arithmuliert:
metik in der Harmonielehre.
(1) Sind e, è, e ganze Zahlen, die eine geometrische Reihe bil-
Daß die Kenntnisse über Fliichen- und Körperzahlen vorplatoden, ist also a:b = b:c und b/a eine ganze Zahl, so ist auch
nische sind, folgt aus dem Timáus, Nach Schilderung der &vaAoyix
als des x&AAtotoc deopög heißt es: ein Mittel b genügt aber nur,
c/a eine ganze Zahl.
(2) Sind a, b, c ganze Zahlen, die eine geometrische Reihe bilden, und ist c/a ganzzahlig, so ist auch b/a ganzzalılig. Dies folgt
aus der Umkehrung des oben angegebenen Satzes VIII 1, die
Suklid in VIII 3 beweist. Die gekürzte Reihe a, b, e muß mit 1
beginnen.
(3) Sind a, e ganze Zahlen und c/a = (n + 1)/n, so gibt es
keine ganze Zahl b, so daß a, b, c eine geometrische Reihe bilden. Denn ist a: y = a:c und gäbe es ein b der gewünschten
Eigenschaft, so miiBte es nach Euklid VIII, 8 auch cin f mit
a: B = B:y geben. Nehmen wir a = n,y = n + 1, so müßte
P? = n (n + 1) sein. Aber da n° < n (n + 1) < (n + 1)? ist,
gibt cs cin solches f nicht.
Nun kann man die harmonischen Intervalle bestimmen.
flächenhafte a, e zusanımenzubiuden zu a:b = b:c, im Räum-
REacSi—
lichen bedarf es zwei mittlerer. Weil die Welt aber körperlich ist.
und weil es jedenfalls Licht und Erde geben müßte als Elemente,
denn die Welt sollte sichtbar und tastbar sein, so sind also, um
diese körperlich zusammenzuhalten, zwei mittlere Elemente Luft
und Wasser nútig”.
Die beiden für die Definition der Quadratwurzeln maßgeblichen
Gesichtspunkte werden mit aller Deutlichkeit von 'Theätet im
gleichbenannten platonischen Dialog ausgesprochen’; er nennt
die Wurzeln Suvépets, was mit „Erzeugende“ übersetzt werden
könnte; sie haben keine Länge, wie dic kommensurablen Strecken,
werden aber durch das Quadrat gemessen, «las sie erzeugen. Daß
es Quadrate mit dem Inhaltsmaß n gibt, wird vorausgesetzt.
Einen Beweis für die Irrationalität von Yn führt Theätet nicht;
1. Ist b/a das Intervall der Oktave und a:b = b:c, also c/a das
er ergibt sich aber unmittelbar aus Euklid VIII, 14 und 11. Teilt
Intervall der Doppeloktave, so ist c/a nach (3) nicht gleich
(x + 1)/n, also nach El und H2 gleich n/l, also ist nach (2)
die Quadratzahl a? die Quadratzahl b£, so ist b/a nach VIII, 14
auch das Oktavenintervall gleich 1/1.
Quadratzahl. Wäre nun Va mit der Einheitsstrecke 1 kommeneine ganze Zahl c und nach VIII, 11 ist 5°/a? = c* selbst eine
Seite 15
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Euklid Buch X
surabel und diese beiden in dem neuen Maß s ıneßbar, Vn = ps,
genügen oder selbst gleich Yn + Ym sind, und auf einer Klassifizierung der Größen Yn + Yin.
1 == gs, so ware p's? = ng?s?, also p? = nq’.
Die Krönung der Arithmetik der Quadratwurzeln ist Euklid X.
Das Zicl des Buches ist, so kann man sagen, gewisse Klassen der
&Aoyor-Strecken doch aussprechbar zu machen.
Als Beleg für diese Interpretation nenne ich die sog. Binomiale,
die Strecke Yn + Ym Ex duo dvondrov, die also durch die zwei
aussprechbaren Größen n, m (bzw. Va, Ym) ihren ,, Doppelnamen“
erhält. Ihre tiefere Berechtigung findet diese Benennung erst
durch den Nachweis, daß einer Binomialen Va + ym die Namen
n, m eindeutig zugeordnet sind. Dies wird in der Tat bewiesen. Aus
Un + Yin = Vai + Ym’, nu <mn <m,nm<nm,nm+!E
folgt
n=n,m=m.
Denn zunächst folgt durch Quadrieren
n +m—n —m
9
=,
=
Yn’'m’
—
nm;
3
Va m — Vnm = r wire also rational (X 42). Dann ist aber
nm == 2r Yn me + am + 3,
und Va m wire ebenfalls rational, entgegen der Voraussetzung
(X 26). Die Binomiale ist damit arithmetisch gekennzeichnet.
43
Die vielen algebraischen Umformungen bereiten nur dies Urgebnis vor. Zu leicht entstcht der Anschein, der Inhalt von
Euklid X wäre algebraisch formal und bestiinde in einer geometrischen Auflösung gewisser quadratischer und biquadratischor
Gleichungen. Ein Blick auf X 17 zeigt aber, daß dort nicht wer
die Gleichung ax — x? = b aufgelöst wird, sondern duß zugleich
die notwendigen und hinreichenden Bedingungen defür angegeben werden, daß die Wurzeln der Gleichung zu « kommeusurabel sind, und Analoges gilt für alle anderen Fälle.
Die Auswahl der Typen findet zwar eine Erklärung in der Tatsache, daB sie eine Klassifizierung für die Seiten der regelmäßigen
Körper liefert, wenn der Radius der umbeschriebenen Kugel als
Einheit genommen wird. Für die Konstruktion der Körper würde
aber eine algebraisch-geometrische Auflösungsvorschrift der behandelten Gleichungen genügt haben. Die arithwetische Uinstellung ist also eine Grundtatsache, die sich nicht aus der Gevmetrie der regelmäßigen Körper ableiten läßt. Diese Einstellung
ergibt sich aber aufs natürlichste aus der Arithmetik der geumetrischen Reihen und diese gewinnt als Vorstufe der ulgebraischen
Arithmetik erst ihr tieferes Interesse.
So können wir an Stelle der Konjektur vom scandale logique,
Insgesamt werden 23 Typen algebraischer Irrationalitäten aufallein durch Besinnung auf das quellenmäßig Gesicherte, das Bild
gestellt und auf gewisse rationale „Namen“ zurückgeführt. Es
einer Entwicklung setzen, die mit Dyadik und Harmonielchre beginnend über die Arithmetik der Flächen- und Körperzahlen zur
Zahlentheorie quadratischer uud biquadratischer Irrationalitäten
führt, die, mit Pythagoras oder den Pythagoriiern beginnend, von
Plato philosophisch widergespiegelt und gefördert, ihren Abwird gezeigt, daß dies für jeden Typ nur auf eine Weise möglich
ist und daß die 23 Typen von Irrationalitäten disjunkte Klassen
sind. Das ist also in unserer Ausdrucksweise die exakte Kennzeichnung dieser Größen als algebraische Zahlen. Fernere Erwägungen betreffen das Verhalten der Typen, weun die Maßeinheit
schluß in Euklid X findet, einer Leistung, die sich wohl an Tiefe
durch eine andere zu ihr kommensurable oder ,,aussprechbare“
und Wert mit der des Eudoxos messen kann.
Strecke ersetzt wird. Als Beispiel nenne ich neben der Binomialen
In dieser Entwicklung sehe ich die Antwort auf die zu Beginn aulgeworfene Frage: in welchem mathematischen Ergebnis sich da:
die M en Vn — Ym, die Mediale Vn, die erste Bimediale
Vu + Vn und die Bimedialapotome Vas — Va. Die Klassifizicrung beruht auf dem Nachweis, daß die Größen entweder
Gleichungen
m Yn + Van oder x? = Yn
Dogma des Pythagoras widerspiegelt: „alles ist Zahl“.
Wi
DAS
DER
EMPATE
DENRE
Grrecaer/
Seite 16
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ANMERKUNGEN
') F. Radio,
Der Bericht des Simplicius
23) Vel. 11, Weil u. Th. Reinach, Plutarque,
über die Quadraturen des Antiphon und
De la musique. Paris 1900, S. 92, Den
des Hippokrates. Leipzig 1907.
Hinweis auf diese und dic in 30. ge.
nannte Stelle verdanke ich E, Frank,
*) Jn Spengel, Eudemi fragmenta. Berlin
1866. S, 113-~137.
3) Staatsmann 266 D,
29) H. Diehls, Vorsokratiker, Berlin 1912.
S. 334.
‘) Gesetze 737 E bis 738 A,
10) Aristoteles bemerkt in der Nikomachi-
*) Republik 546 BD.
schen Ethik Buch 5, Kap. 7, 1131 B 12:
*) P. Marquard, Aristoxenos, Die barmo-
„eine solche Analogie nennen die Mathenischen Fragmente. Rerlin 1868, S. 45.
?) Proclusin Euclidem 65, 19. Vg), Eudemi
fragmenta n. a. O. S, 114.
2) Suidas
Lexicon
byzantinischer
1120.
matiker die geometrische,
wird
die arithmetische
wiibnt.
Suidos ist cin
Lexikograph,
der
um
1000 n. Chr. lebte,
In
die aritbmetische Anologic an.
32) Theo ed. Hiller, S. 107; vgl. anch S. 73.
1°) Gercke-Norden,
33) a. a, O, S. 83.
Einleitung
Il 2:
Geschichte der Mathematik, S, 419.
11) £. Lindamann, Sitzbe
d. Minch. r.
Akad,
Bd. 26 (1896), S. 527 n. S. 656.
‘2) Vgl. in Pauly-Iissowa RE den Artikel
von Harder, Timäus Locrus.
12) Vgl. hierzu E. Frank, Plato und dic sog.
Pythogoricr. Halle 1923.
Dic fünf platonischen
15) M. Cantor, Geschichte der Mathematik.
Leipzig 1680. S. 124,
'*) Fuclid ed. Heiberg. Bd. 5, S. 280.
Kliem. Berlin 1914. S. 39,
Gesch. d. Math. Wiss.
Kd. 18, Leipzig 1904, 8, 11, 12.
**) Vel. in Quellen u. Studien, Bd. 2, 5.329:
O. Becker, Yndoxos-Studien.
1°) 33, Hankel, Zur Geschichte der Mathemuti
in
Altertum
und
Mittelalter.
Leipzig 1074, S. 93.
2!) W, Thomson u. G. Junge, The Commentury of Pappus, Cambridge 1930.
”) Val. z.B. J. Stenzel, Zahl und Gestalt
und S. 489 Ff,
22) Aristotcles, Physik 203 A 10,
38) Metaphysik 1020 B 3.
39) a. a. O, 1092 B 8,
Thèse, Paris 1908.
1) Vel.
Leipzig 1913: H.G, Zeuthen, Die Mathe-
2) In Panbücherei, Charlottenburg 1928:
17. Hasse und H. Schols, Grundlagenkrisis
der
griechischen
Mathematik,
Vgl. demgegenüber Hankel,
a. a. O.
S. 101, der eindrucksvoll die Kühnbeit,
die im Gedanken des Irrationalen liegt,
schildert.,
4) Manche Einzelheiten, die Aristoteles berichtet, klingen allerdings auch nach
Zahlenspielerei, die Wertschätzung der
10, die Tafel der 10 Gegensatzpaare
in Metaphysik Buch A, Kap. 5 und die
Erläuterung der drei Gegensatzpaare
begrenzt — unbegrenzt, ungerade — gerade, quadratisch-— rechteckig in ihrem
Zusammenbang untercinandorin Physik
203 A 10; cr beruhe darauf, daß die
Summe der ungeraden Zahlen eine Qua-
Studien,
$) Natorp a. a, O. und Stenzel a. n. O.,
$. 0Bff.
23) Staut 518 C,
84) Brief VII 341 C.
8) Natorp a. a. O. Vel. jedoch den Anhang,
in welchem sich der Verfasser von scinem cigenen Entwurf distanziert.
88) J. Stenzel, Studien zur Entwicklung der
Platonischen Dialektik von Sokrates zu
Aristoteles, Breslau 1917, insbesondere
8. 45.61.
83) J. Stenzel, Zahl und Gestalt, insbeaondere S, 30ff.
88) M. Wundt, Platons Parmenides, Stuttmentor des Alexander hierzu und Meta-
69) A. Speiser, Ein Parmenideskommentar,
bei Ploto und Aristoteles. Leipzig 1924.
Die
Veranschaulichung
der
Abstammung der Zahlen durch einen Graphen
Zahlen hat das natürlich nichts zu tun.
“) Euclid ed, Ifeiberg und Monge Bd. 8.
dien über Euclid, Leipzig 1882, S. 52,
Ptolemaios,
Harmoniclchre
Buch 1, Kap. 5, 6.
Übersetzt von
J. Duering, Göteborgs Högskolas Arsskrift Bu. 40 (1934), S. 29.
72) Theätet 147 D.
16) Metaphysik 983 A 15.
1) Zur
Platophilologie
VI).
91) Staat 514 A bis 518 C (Beginn ven
Buch VII).
92) Staat 476 E bia 477 B (und weiter hin
nus Ende von Buch V).
92) Stant 479 A.
Arithmetik
der
Griechen,
Ah.
schnitt 111,
#6) E. Hersfeld, Ausgrabungen von Samarrn,
Bd. 5, Berlin 1930.
9) O, Neugebauer, Vorlesungen Wher dio
Geschichte der antiken mathomatinchen
Wissenschaften, Berlin 1934, S. 168,
02) 0. Neugebauer, Quellen und Studien,
11) Timius 31 D 4 und 32 A 7.
15) Gesetze 819 D.
0) Staat 508 A bis 509 B (Endo von Buch
%) Die
Leipzig 1914, S. 158.
€) a. n, 0.5. XXXVII und Heiberg, Stu1) Klaudios
gart und Beslin 1935.
Leipzig 1937.
Bd. 3 (1936), S, 245.
und
Lebensge-
17) Vgl, insbesondere Gesetze 819 D—920,
schichte Platos vgl. U. v. Wilamawitz,
$0) Aristoteles 76 13 9.
Plato, Berlin, 2. Aufl., 1920.
12) Theo Sınyrnäus cd. Hiller. Halle 1878.
19) Hierauf verwics schon Hankel n. a, O,
74) Val. Theo ed, Hiller $, 50.
Platonische
s) Epinomis 990 C 5.
6) Aristoteles Metapbysik 988 A und Kom-
5} Pappus Buch 3, insbesondere Kap. 47.
5. 66-72,
E. Zeller,
Tübingen 1839, 5. 199-300.
63) Physik 203 A 10.
ist einwandfrei, uber mit figurierten
42) Jn Kultur der Gegenwart T 3, Abt. 1.
zig, 2. Aufl., 1922, S, 4330
idées ct dea nombres d'après Aristote,
physik 1084 A.
12) P. Tannery, La géometrie grecque, Paris
19 Vel. P, Natorp, Platos Idcenlehre, Leip-
60) Heiberg, Math. zu Aristot. a. a. O, 5.24,
#1) Metaphysik Buch A, Kap, 5.
3) Metaphysik 987 A 15.
87) Vgl. auch J. Stensel, Zahl und Gestalt
") Hero cd. Heiberg, Bu. 3, Definitiones,
Leipzig 1912. S. 99.
2, Aufl.
Leipzig, Berlin 1933, S. 66€.
39) L. Robin, La théorie platonicienne den
dratzahl, die Summe der geradon Zahlen
35) 13. Diehls, Vorsokratiker. S. 327.
bei Pluton und Aristoteles,
Platonicum. Leipzig 1835. unter äpriov.
49) Mctophysik 1084 A.
eine rechteckige Zahl sci,
matik im Altertum und Mittelalter.
14) J. L, Heiberg, Mathematiaches zu Ari-
25) Parmenides 1437144.
st) Gesctze 895 E.
$?) Menon 82 C bis 85 B,
48) Weitere Stellen in: F. Ast, Lexicon
1% a. n. 0. S. 81,
1887. S. 98.
1?) Archimeder, übersetzt von Heath und
11) U. v. WPilamowitz 0.1. O., Bd. 1,8. 270£0.
34) Dies ist die Vermutung von E. Frank.
19) Gesetzo 819.
Körper. Berlin 1917. S. 23-41.
stoteles. Abh,
er-
S. 304, 18 spielt offenbar Speusipp auf
12) a, a. O, S. 82,
E. Sachs,
A2
HH. Diehls, Vorsokratiker,
*) Euclid ed, Hoiberg. Leipzig. Bd. 5, S. 654.
44) Vel.
1132
Analogie
ss) Hippias I 303,
5) Eutyphron 12 D.
92) Vel. auch F. Thursau-Dangin Textes ma
thématiques Babyloniens, Leiden 1938,
9) Dies beweisen die miteinem Quadratnets
18) Menon 82 C bis 85 B,
bedeckten halbfertigen Relicfs der Mo.
S. 102. Vgl. ferner O. Becker, Quellen
”) Im Phüdon.
kropole von Kúsijn.
und Studien Bd. 3, S. 533.
18) Zur Dinicktik vgl. außer den in Anmer-
26) Yimäus 31 C 2,
30) Gorgias 451 B/C.
4) Timäus 36 A 3,
#1) Protagoras 397 A/B.
H. Gadamer, Plutos dialektischo Ethik,
#) Epinomis 990 E.
$2) Politikos 262,
Leipzig 1931.
kungen *), 7?) und **) genannten Werken
100) P.
Lindemann,
Sitzungsberichte
der
Münchener Akademie, Bd, 26 (1896),
S. 527 und 656.
101) Metaphysik Buch A, Kapitel 5.