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. — Ein Lob auf die altpgthagoreische Geometrie; ct. Plato Philosophus.
SzABO A., Ein Lob auf die altpythagoreische Geometrie (Epinomis 990D1-6) :
:
Hermes XCVIII 1970 405-421.
| L'interprétation détaillée de ce
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: l’homoiosis des nombres naturellement non sembiabi
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le pythagorisme
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1 p. 395 note 2.
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EIN LOB AUF DIE ALTPYTHAGOREISCHE GEOMETRIE
990 D 1—6)
(Epinomis
Die ‘Epinomis’ ist ein Werk, das uns zwar unter Platons Schriften überliefert worden ist, dessen Echtheit jedoch hie und da schon im Altertum bezweifelt wurde. Diogenes Laertios und eine Stelle im Suda-Lexikon berichten
von einem Gerücht!, wonach Platons Schüler Philippos von Opus die ‘Epinomis’ bzw. das ‘13. Buch der Nomoi’ verfaßt habe. »Es ist aber fraglich, ob
dieses Gerücht nicht lediglich auf einem Schlusse beruht, den Proklos nach
den anonymen Prolegomena zu Platons Philosophie (25.S 218, 19 ff. Herm.) ausdrücklich gezogen hat, da8 nämlich Platon, wenn er schon an der abschlieBenden Redaktion der ‘Nomoi’ durch den Tod verhindert wurde, erst recht
nicht ein weiteres Werk habe schreiben kénnene?. — Wie man aus diesem
Zitat ersieht, haben die antiken ‘Zeugnisse’ gegen die Echtheit die moderne
Forschung zu keiner eindeutigen Athetese zu veranlassen vermocht. Es gibt
zahlreiche Philologen und Historiker, die an dem echt Platonischen Ursprung
1 Diog. Laert. 3, 37 und Suda s. v. (@Durnos è ‘Orobvtiog) puidcopos.
2 K. Pricuter, Die Philosophie des Altertums (12. Auf. in F. Üserwess Grundriß
der Geschichte der Philosophie), Berlin 1926, 326.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)need something to keep them ‘straight’ in the complexities of the universe; but
if Euripides cries out for some means by which life can be guided, he entertains
little hope of finding it in the traditional gods of Greece, even if he can offer
no alternative.
One of the few things that emerges with certainty from this difficult play
is the call, in the earlier part, for a sense of the common humanity of us all and
to active measures in accordance with this. It is no contradiction that Euripides
can commend such an action while admitting the general ignorance of men and
the uncertainty of their actions: ignorance as we have seen!, does not necessarily entail inactivity. On the contrary, it might be said that his very sense
of our ignorance led him to feel that sympathy and mutual help was essential;
though whether we should go so far as this is difficult to say. But at any rate,
whether or not the above interpretation of the phenomenon is correct, it does
seem that we have to recognize in the ‘Suppliant Women’ a sustained and
deliberate ambivalence, and that any interpretation which ignores this will
have missed something of crucial importance for the understanding of the
play.
University of Reading
R. B. GAMBLE
1 p. 395 note 2.
EIN
LOB
AUF
DIE
ALTPYTHAGOREISCHE
GEOMETRIE
(Epinomis 990 D 1—6)
Die ‘Epinomis’ ist ein Werk, das uns zwar unter Platons Schriften überliefert worden ist, dessen Echtheit jedoch hie und da schon im Altertum bezweifelt wurde. Diogenes Laertios und eine Stelle im Suda-Lexikon berichten
von einem Gerücht!, wonach Platons Schüler Philippos von Opus die ‘Epinomis’ bzw. das ‘13. Buch der Nomoï verfaßt habe. »Es ist aber fraglich, ob
dieses Gerücht nicht lediglich auf einem Schlusse beruht, den Proklos nach
den anonymen Prolegomena zu Platons Philosophie (25.5 218, 19 ff. Herm.) ausdrücklich gezogen hat, daß nämlich Platon, wenn er schon an der abschlieBenden Redaktion der ‘Nomoï durch den Tod verhindert wurde, erst recht
nicht ein weiteres Werk habe schreiben kónnen«?. — Wie man aus diesem
Zitat ersieht, haben die antiken ‘Zeugnisse’ gegen die Echtheit die moderne
Forschung zu keiner eindeutigen Athetese zu veranlassen vermocht. Es gibt
zahlreiche Philologen und Historiker, die an dem echt Platonischen Ursprung
1 Diog. Laert. 3, 37 und Suda s. v. (Ötdunrog 6 ’Orobvriog) prrdcogos.
2 K. PRÄCHTER, Die Philosophie des Altertums (12. Aufl. in F. UBERWEGS GrundriB
der Geschichte der Philosophie), Berlin 1926, 326.
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es
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Arpdp SzABÒ
der ‘Epinomis’ festhalten. — Vom Gesichtspunkt der folgenden Interpretation
aus spielt die Frage der Echtheit so gut wie gar keine Rolle. Es handelt sich
im ganzen Werk durchwegs und zweifellos um echt ‘Platonische Gedanken’, auch
wenn der Verfasser in der Tat nicht Platon selber gewesen sein sollte.
Ich glaube, viel wichtiger als die bloBe Frage der Authentizität ist eine
Beobachtung, die anläBlich der Diskussion der Echtheit — soweit ich sehe —
bisher einstimmig hervorgehoben wurde. Diese heißt nämlich!:
„Ist die ‘Epinomis’ echt, so liegt ihre besondere Bedeutung darin, daß
sie den äußersten Punkt der Annäherung Platons an den Pythagoreismus
vergegenwärtigt. Das Ganze ist ein Loblied auf Zahl, mathematische
Wissenschaften, Astronomie und fromme Verehrung der Sterngottheiten... .«
Ich halte diese Beobachtung für vollkommen zutreffend, und ich hoffe,
daß auch die folgende Interpretation denselben Gedanken erhärten wird. Auch
die Stelle nämlich, die ich hier näher erklären möchte, ist ein Lob auf die
altpythagoreische Wissenschaft.
Bevor ich nun den fraglichen Text im Original und in deutscher Paraphrase
hier abdrucken lasse, möchte ich nur noch an das zentrale Thema der ‘Epinomis’ erinnern. Was muß der sterbliche Mensch lernen, um weise zu sein (973 B)?
Auf diese Frage sucht der Dialog die Antwort. Denn die meisten gewöhnlich
so genannten Wissenschaften und Künste, mögen sie nun den unabweisbaren
Bedürfnissen des praktischen Lebens oder (als schöne Künste) dem Spiele
dienen, haben mit der Weisheit nichts zu tun, ebensowenig wie eine oft als
‘sophia’ bezeichnete gute Veranlagung, die sich in leichter Auffassung, sicherem
Gedächtnis und rascher Entschlossenheit kundgibt (974 D—976 C). Dagegen
wird — unter denjenigen Disziplinen, die wirklich zu Weisheit führen — die
Geometrie in den folgenden interessanten Worten erwähnt:
...6 xahoDot EV apddpa yehotov
Övoga yempetpiav, Tüv obx Övrwv
SE Guoiwy dANAAous pÜoer ap}
Önolwars Tpòc THY TOY Ènurtdwv
gotpav
Yeyovuld Eorıv
Ouxpavhc
Ô dh Bada oùx d&vdoamvov did
yeyovòg Setov gavepòv av ylyvorro
To Svvapeva) ovvvoety.
(990 D 1—6).
»... das, was mit dem sehr lächerlichen Namen als Geometrie bezeichnet wird, wobei es offenbar
doch in dem Ahmnlich-Machen (öwotwotc) der der Natur nach nicht-ähnlichen Zahlen besteht,
Eigentümlichkeiten
der
dank den
Flächen
(npög Thv TOV Znınedwv poîpav);
dies ist in der Tat kein menschliches,
sondern ein göttliches Wunder in
den Augen derjenigen, die des Verständnisses fähig sind«.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Es fällt an diesem Zitat zunächst auf, daB in ihm die ‘Geometrie’ als ein
‘sehr lächerlicher Name’ für die betreffende Wissenschaft bezeichnet wird. —
Der kundige Leser wird dadurch sogleich daran erinnert, daB Platon auch sonst
manches an der Geometrie auszusetzen hatte. Einmal warf er z. B. den Geometern vor, daB diese sich einer irreführenden und lächerlichen Sprache bedienten, indem sie von ‘Quadrieren’ (= tetragonizein) und ‘Konstruieren’
sprachen, als ob in ihrer Tätigkeit das praktische Ausführen dieser Handlungen
und nicht die Erkenntnis selber das Wichtige wäre!. Ein anderes Mal bezeichnete er die Geometrie (d.h. diesmal genauer: die Wissenschaft über den
Raum) als ein ‘Bastard-Wissen’ (Aoyıouds vé90c)?. Und so ließen sich noch
manche Platon-Stellen namhaft machen, die mit dem zitierten ‘Epinomis’-
Text mehr oder weniger im Einklang stehen. — Es wäre an und für sich auch
gar nicht schwer zu erklären, wieso die ‘Geometrie’ in der ‘Epinomis’ als eine
‘sehr lächerliche Bezeichnung’ (cpódpa yeAotov évoux) hingestellt wird.
‘Geometrie’ heißt ja griechisch: ‘die Kunst des Feldmessens’, also eine sehr
praktische und nützliche Tätigkeit, etwas Banausisches, was nach platonischpythagoreischer Denkweise doch nicht das Wesen dieser Wissenschaft ausmachen kann.
Aber was heißt es doch, daß das Wesen der Geometrie »in dem Ähnlich-
Machen der der Natur nach nicht-ähnlichen Zahlen« bestünde und daß dies
„dank den Eigentümlichkeiten der Flächen« erreicht werde? Was bedeuten diese
rätselhaften Worte? — Ich glaube, man würde den Sinn dieser sonst sehr aufschlußreichen Behauptung ohne eine wohlbegründete Kenntnis der altpythagoreischen Wissenschaft überhaupt nie erraten können. Darum muß ich hier
zunächst an einige pythagoreischen Begriffe und Gedankengänge erinnern.
I.
Es sei hier vor allem die Definition 16 aus dem 7. Buch der Euklidischen
‘Elemente’ angeführt3:
»Wenn zwei Zahlen bei gegenseitiger Vervielfältigung eine Zahl bilden,
wird die entstehende eine ebene Zahl genannt, und die einander vervielfältigenden Zahlen ihre Seiten.«
Anstatt des Namens ‘ebene Zahl’ wird in der Fachliteratur heutzutage
häufig auch die Bezeichnung ‘Flächenzahl’ benutzt. Die Definition besagt also,
1 Resp. 527. Vel. A. SzABÓ, Anfänge der griechischen Mathematik, München-Wien
1969, 419 ff.
2 Timaios 52 A—B.
® Ich zitiere im folgenden Euklids Text immer nach der Übersetzung von C. THAER,
Die Elemente von Euklid I—V (in: Ostwalds Klassiker der Exakten Wissenschaften),
Leipzig 1933—1937.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Arpdp SzaBÓ
daß das Produkt zweier Zahlen eine ‘ebene Zahl’ bildet, offenbar deswegen,
weil das betreffende Produkt ‘geometrisch’ sich als ein Rechteck veranschaulichen läßt. Darum heißen auch die beiden Faktoren des Produkts ‘Seiten’, wie
auch die beiden verschiedenen Segmente eines Rechtecks denselben Namen
‘Seiten’ = rAevpat) führen. — Natürlich kann im Sinne derselben Definition
jede beliebige Zahl als eine “ebene Zahl’ aufgefaßt werden, wenn sie nämlich in
zwei Faktoren zerlegt wird. Die Zahl 17 wird z. B. folgendermaßen als ‘ebene
Zahl’ gedacht:
17 = IX17.
Die beiden Faktoren 1 und 17 sind die beiden ‘Seiten’ des Zahlrechtecks 17.
Noch interessanter als die vorhin angeführte ist die folgende Definition 21
desselben Euklidischen Buches:
»Ahnliche ebene und körperliche Zahlen sind solche, deren Seiten in
Proportion stehen.«
Ich brauche hier wohl nicht zu betonen, daß der Begriff der yähnlichen ebenen
und körperlichen Zahlen« ebenso altpythagoreisch ist wie der Begriff der
vebenen und körperlichen Zahlen« überhaupt!.Das Uberraschende und Argerliche ist nur, wie diese hochwichtigen Begriffe der ältesten griechischen Mathematik von der historischen Forschung bisher so gut wie völlig vernachlässigt
wurden.
Da uns in diesem Zusammenhang nur die Ȋhnlichen ebenen Zahlen
« interessieren, wollen wir diese an zwei numerischen Beispielen illustrieren.
Nehmen wir als erstes Beispiel die Zahlen 2 und 8. Diese sind Ȋhnliche
ebene Zahlen«, da für sie die folgenden Faktorenzerlegungen möglich sind:
2=1X2
und 8 — 2x4.
fu
5
In
Man macht also aus den beiden Zahlen die folgenden ähnlichen Rechtecke:
In
2
Abb. ]
“Ähnlich’ sind diese beiden Zahlen (2 und 8) im Sinne der zitierten Definition,
da die betreffenden Seiten ‘in Proportion stehen’. D. h. man macht aus den
kürzeren und längeren Seiten (einmal bzw. zweimal unterstrichen) der beiden
Rechtecke je ein Verhältnis — ı:2 und 2:4 — und diese Verhältnisse sind
in der Tat untereinander gleich:
1 vgl. À. SzaB6, a. O. 64.
Seite 6
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Dasselbe gilt auch fiir unser zweites Beispiel, fiir die Zahlen 3 und 12. Die
Faktorenzerlegungen und die ähnlichen Rechtecke sind in diesem Fall:
I
3 = 1X3 und 12 = 2x6.
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‘| ©
3
&
Abb. 2
Auch in diesem Fall sind die Verhältnisse der kürzeren und längeren Seiten untereinander gleich: 1:2 = 3:6. (In einer anderen Faktorenzerlegung als
2x6 — also etwa 3x4 oder
1X12 — wird die 12 natürlich keine zu der 3
“ähnliche ebene Zahl’.)
Dagegen nehmen wir jetzt als drittes Beispiel zwei Fälle für die »nichtähnlichen ebenen Zahlen«. Die Zahlen 3 und 5 oder 3 und 8 sind z. B. je zwei
‘nicht-ähnliche ebene Zahlen’. Denn die möglichen Faktorenzerlegungen sind
nur: 3 = IX3 und 5 = 1x5 für den einen Fall; und für den anderen Fall:
3= 1x3 und 8 = 1x8 (bzw. in diesem letzteren Fall wäre auch 8 = 2x4
möglich). Aber in diesen Fällen kann man aus den entsprechenden Seiten —
wenn man die betreffenden Zahlenpaare als Rechtecke veranschaulicht —
nie eine Proportion zusammenstellen (1:1*3:5; oder 1:1+3:8; oder auch
1:2+3: 4 — alle diese Proportionen wären natürlich falsch). Dies heißt selbstverständlich auch so viel, daß die geometrischen Veranschaulichungen der
betreffenden Zahlenpaare (3 und 5 bzw. 3 und 8) nie ähnliche Rechtecke sein
können.
2.
Es geht nun aus den beiden zitierten Definitionen so viel auf alle Fälle
eindeutig hervor, wie man in unserem ‘Epinomis’-Zitat die Ausdrücke »yähnliche
Zahlen«und »der Natur nach nicht-ähnliche Zahlen« zu verstehen hat. Die vorhin
angeführten Beispiele waren eben teils yähnliche Zahlen« (wie 2—8 und 3—12)
und teils »der Natur nach nicht-ähnliche Zahlen« (3—5 und 3—8). — Aber
es bleibt immer noch rätselhaft die Behauptung, wieso das Wesen der Geometrie
vin dem Ähnlich-Machen der der Natur nach nicht-ähnlichen Zahlen« bestehen
soll. — Um das Verstehen dieser letzteren Behauptung zu erleichtern, müssen
wir uns in die altpythagoreischen Gedankengänge mehr vertiefen.
Es dürfte — ich verweise dafür auf meine letzten Untersuchungen! —
schon bekannt sein, daß ein grundlegendes Problem der altpythagoreischen
1 Vgl. dazu besonders die Kapitel »Die mittlere Proportionale« (S. Goff.) und »Die
mittlere Proportionale in der Musik, Arithmetik und Geometrie« (S. 229ff.) in meinem
È
E
Seite 7
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Arpdp SzABÔ
Wissenschaft die Frage nach der mittleren Proportionale zwischen zwei Zahlen
gebildet hatte. Es würde allzu weit führen, wenn ich hier die Belege im
einzelnen zitieren und auch historisch die Frage beleuchten wollte, wieso die
Pythagoreer zu diesem Problem gekommen waren. Es geniige hier anstatt
dessen der bloBe Hinweis darauf, eine wie groBe Rolle die ‘mittlere Proportionale’ auch in Euklids Arithmetik spielt.
Der Satz Elem. 8, 11 besagt z. B., daß es zwischen zwei Quadratzahlen eine
mittlere proportionale Zahl gibt; der nächstfolgende Satz (8, 12) stellt dagegen
fest, daß es zwischen zwei Kubikzahlen zwei mittlere proportionale Zahlen
gibt. — Aber noch interessanter sind für uns jene beiden Sätze, die sich mit
der Frage beschäftigen, wann es überhaupt eine mittlere proportionale Zahl
zwischen zwei Zahlen gibt. Diese beiden Sätze — deren Wortlaut ich sogleich
zitieren werde — beleuchten nämlich zu gleicher Zeit auch die Frage: was
überhaupt der Sinn jener vähnlichen ebenen Zahlen« war, deren Begriff wir im
vorigen Abschnitt kennenlernten. — Nun heißen die beiden Sätze:
Elem.
8, 18: »Zwischen zwei ähnlichen ebenen Zahlen (S00 öpolwmv Ertınedwv ApıYu@v) gibt es eine mittlere proportionale Zahl. «
und Elem. 8, 20: »Wenn es zwischen zwei Zahlen eine mittlere proportionale Zahl gibt, dann sind die beiden Zahlen ähnliche ebene Zahlen. «
Es gehen aus diesen beiden Sätzen für uns die folgenden wichtigen Tatsachen ohne jeden Zweifel hervor:
1. Es gibt zwischen zwei Zahlen eine mittlere proportionale Zahl nur dann,
wenn die gegebenen zwei Zahlen vähnliche ebene Zahlen« sind. Sind dagegen
die beiden gegebenen Zahlen »nicht-ähnliche ebene Zahlen«, dann gibt es zu
ihnen auch gar keine mittlere proportionale Zahl. (Es ist wohl nicht nötig,
hier zu betonen, daß diese grundlegende Erkenntnis der Arithmetik vollkommen richtig ist und daß sie in der Schule eigentlich auch heute noch gelehrt
wird. Wir sprechen zwar nicht mehr von “ebenen Zahlen’ und von “ähnlichen
ebenen Zahlen’ — ja auch die ‘mittlere Proportionale’ spielt in unserem Unterricht nicht mehr eine besonders große Rolle —, aber auch wir bringen unseren
Kindern die den beiden zitierten Sätzen äquivalente Tatsache in der folgenden
Form bei: man kann nur aus Quadratzahlen — I, 4, 0, 16,... — Quadratwurzel ziehen. Versucht man dagegen aus einer Nicht-Quadratzahl — wie
etwa 3, 5, 8 oder 17 — Quadratwurzel zu ziehen, so bekommt man keine ganze
Zahl und auch keine Bruchzahl.)
S. 407 A. 1. zitierten Buch. Ich möchte übrigens bei dieser Gelegenheit auf die folgende
zweifellos richtige Beobachtung bei S. WEIL (On Science, Necessity and the Love of God,
Essays collected, translated and edited by R. REES, Oxford 1968, p. 4) hinweisen: »Perhaps
for the Greeks proportion was the motive of geometrical studies, because most of their
discoveries can be grouped around two problems: the search for a mean proportional between
two numbers and the search for two proportional means between two numbers. «
Seite 8
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)2. Eindeutig beleuchten die zitierten zwei Sätze auch die Frage: was in der
pythagoreischen Wissenschaft überhaupt der Sinn der »ähnlichen ebenen
Zahlen« und der »nicht-ähnlichen ebenen Zahlen« war. Es war für die Pythagoreer wichtig, über zwei gegebene Zahlen (oder auch über zwei mögliche Faktoren
irgendeiner Zahl) festzustellen, ob diese vähnliche ebene Zahlen« oder keine solchen
sind; denn auf diese Weise konnten sie entscheiden, ob es zu den beiden gegebenen
Zahlen (oder zu zwei möglichen Faktoren irgendeiner untersuchten Zahl) eine
mittlere proportionale Zahl gibt oder nicht. (Übrigens würde man das pythagoreische Problem der »ähnlichen ebenen Zahlen« heute etwa folgendermaßen
formulieren: a und b sind nur dann »ähnliche ebene Zahlen«, wenn die folgenden
Faktorenzerlegungen möglich sind: a = cd und b = ef, wobei noch c:e = d: f
sein muß. Ist eine solche Faktorenzerlegung und eine solche Proportion der
Faktoren für a und b nicht möglich, dann handelt es sich um keine »ähnlichen
ebenen Zahlen«, und dann gibt es zu a und b auch keine mittlere proportionale
Zahl, bzw. man kann aus dem Produkt ab keine Quadratwurzel ziehen.)
3.
Nun können wir jetzt schon die Frage anpacken: was eigentlich in unserem
‘Epinomis’-Zitat die Behauptung heißen mag, daß das Wesen der Geometrie,
vin dem Ähnlich-Machen der der Natur nach nicht-ähnlichen Zahlen« besteht.
Man kann selbstverständlich von vornherein festlegen, daB diese Ausdrucksweise — von mathematischem Gesichtspunkt aus — keineswegs als völlig
präzis gelten kann. Denn Zahlen, die »ihrer Natur nach wicht-ähnlich« sind,
lassen sich niemals »ähnlich machen«. Der Sinn dieses Ausdruckes muß doch
wohl ein anderer sein. Und es wird auch gar nicht schwer, diesen anderen Sinn
zu erraten, wenn man die folgenden Tatsachen nicht vergiBt.
Ich habe schon darauf hingewiesen, was überhaupt der Sinn der »ähnlichen
ebenen Zahlen« für die Pythagoreer war. Man hat (wohl noch in einer sehr
frühen Epoche) diesen interessanten arithmetisch-geometrischen Begriff offenbar deswegen eingeführt, weil man mit seiner Hilfe das Problem der mittleren
proportionalen Zahl zu zwei gegebenen Zahlen zu lösen vermochte.
Man weiß auf der anderen Seite, daß es den Pythagoreern (wohl in einer
verhältnismäßig späteren Epoche, aber doch noch vor Platon) gelungen war,
das Problem der ‘mittleren Proportionale’ zu zwei gegebenen Zahlen — auch
ohne Rücksicht darauf, ob diese ‘ähnliche ebene Zahlen’ sind oder nicht — geometrisch zu lösen. Diese geometrische Lösung des Problems wurde sozusagen
mit der Hilfe einer interessanten ‘Flächengeometrie’ herbeigeführt. Darum
scheint es mir, daß in unserem ‘Epinomis’-Zitat eben auf diese letztere Tatsache hingewiesen wird, indem es hier heißt, daß das »Ähnlich-Machen der der
Natur nach nicht-ähnlichen Zahlen« dank den Eigentümlichkeiten der Flächen
(rods Thy tév Erınedov poîpav) verwirklicht werde.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Arpdp Szas6
Ich glaube nun, daß unter dem sonderbaren Ausdruck »A hnlich-M achen der
der Natur nach nicht-ähnlichen Zahlen« in Wirklichkeit jene geometrische
Lésung des Problems der »mittleren Proportionale« zu verstehen sei, die in der
Tat eine schöne und beachtenswerte Errungenschaft der altpythagoreischen
Wissenschaft darstellt. Denn gelingt es, auf geometrischem Wege die »mittlere
Proportionale« zwischen zwei micht-ähnlichen ebenen Zahlen« zu finden, so
werden dadurch diese zu »quasi-ähnlichen Zahlen« gemacht, im folgenden
Sinn: Es ist aus der Arithmetik bekannt, daB es eine mittlere proportionale
Zahl nur zwischen zwei vähnlichen Zahlen« gibt. Wird die »mittlere Proportionale« auf irgendeinem Wege auch zu zwei wnicht-ähnlichen Zahlen« gefunden,
so hat man zunächst den Eindruck, als hätte man die nicht-ähnlichen Zahlen
in ähnliche verwandelt.
Wir wollen nun hier vor allem die wichtigsten Etappen jenes Gedankenganges rekonstruieren, der die angedeutete geometrische Lösung des Problems
ermöglicht hatte. — Wir nehmen als konkretes Beispiel die »nicht-ähnlichen
Zahlen« a und b. Die zunächst nicht bekannte »mittlere Proportionale« zu
diesen sei d. Wäre die Unbekannte 4 gefunden, dann hieBe es also: a: d = d: b.
Man weiß aus den zitierten arithmetischen Sätzen (Elem. 8, 18 und 20), daß
d — als eine Zahl — nicht existiert. Aber ob man dieselbe Aufgabe auf einem
anderen Wege nicht lösen könnte?
Wir gehen zunächst von der Arithmetik selbst aus. Es ist bekannt, daß
in jeder richtigen Proportion das Produkt der äußeren Glieder dem Produkt
der inneren Glieder gleich ist. Selbstverständlich war diese Tatsache auch den
alten Pythagoreern bekannt. Ein rein arithmetischer Satz besagt ja bei Euklid:
Elem. 7, 19: »Stehen vier Zahlen in Proportion, dann muß das Produkt
aus der ersten und vierten dem Produkt aus der zweiten und dritten
gleich sein; und wenn das Produkt aus der ersten und vierten Zahl dem
aus der zweiten und dritten gleich ist, dann müssen die vier Zahlen in
Proportion stehen.«
Der erste Teil dieses Satzes — der uns hier vorläufig am meisten interessiert — besagt also, daß, wenn e:f=g: hist, dann auch ek = fg. — Natürlich können dabei die Produkte eh und /g — im Sinne dessen, was oben über
die “ebenen Zahlen’ gesagt wurde — auch als zwei Rechtecke gedacht werden.
Der eben zitierte Satz besagt also, daß das Rechteck aus der ersten und vierten
Zahl einer Proportion dem Rechteck aus der zweiten und dritten Zahl derselben
gleich ist!.
1 Man könnte eben deswegen anstatt des Satzes 7, 19 sogleich auch auf die Sätze 6, 16
und 6, 17 hinweisen, in denen gar nicht mehr von ‘Produkten’ sondern von Rechtecken — bzw.
im Satz 6, 17 auch von einem Quadrat — die Rede ist. — Nachdem jedoch zum exakten
Beweis der Sätze 6, 16 und 17 schon die eudoxische Definition der Proportionalität (Elem.
5 def. 5) nötig ist, lasse ich diese letzteren hier einstweilen unberücksichtigt.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Dasselbe müBte doch wohl auch für unseren Fall (a: d = d: b) — wobei
a und b micht-ähnliche ebene Zahlen« sind — irgendwie gültig sein, wenn nur
d eine Zahl wäre. Aber vergessen wir einstweilen, daB es — wenn a und b
»nicht-ähnliche ebene Zahlen« sind — eine Zahl d nicht gibt. Wohl haben wir
zwar d noch gar nicht gefunden, aber wir verfahren jetzt so, als wäre sie schon
bekannt. Das heißt also, wir machen aus den Zahlen a und b ein Rechteck
(ab), und dieses Rechteck muß einem zunächst noch nicht bekannten Quadrat
(4?) gleich sein. Schreibt man jedoch die Proportion a: d = d: b — wobei d
noch unbekannt ist — in der ihr völlig äquivalenten Form
ab = d?,
so läßt sich diese Aufgabe rein geometrisch folgendermaßen formulieren:
Gegeben ist ein Rechteck (ab) mit seinen beiden Seiten (a und b), und man sucht
jenes Quadrat (d?), dessen Flächenmaß dem Flächenmaß des Rechtecks gleich
ist. — Das ist eine wohlbekannte Aufgabe der altpythagoreischen Flächenverwandlung, die im Euklidischen Satz Elem. 2, 14 gelöst wird.
Man darf dabei die folgenden wichtigen und sehr charakteristischen Züge
des Euklidischen Satzes Elem. 2, 14 nicht aus dem Auge verlieren:
Es wird zwar nach diesem Satz ein Rechteck in ein flachengleiches Quadrat
verwandelt!, aber von Proportionen und von vähnlichen ebenen Zahlen« wird
darin kein Gebrauch gemacht. Ja, es wird auch überhaupt nicht gesagt, daß die
Seiten des Rechtecks und die Seite des Quadrats Zahlen wären. — Aber wieso
darf man dann in diesem Satz die Lösung eines Problems der Proportionenlehre (d.h. die Lösung der »mittleren Proportionale«) erblicken? — Offenbar
muß man anfänglich — also zu jener Zeit, in der die Lösung dieser Flächenverwandlung zum ersten Male gelungen war — von jener sozusagen ‘natiirlichen’ Annahme des vorwissenschaftlichen Denkens ausgegangen sein, daß alle
Streckensegmente meBbar wären. Nach dieser Annahme müßte man die Seiten
eines Rechtecks bzw. die Seite eines Quadrats nach irgendwelcher Einheit
immer in Zahlen ausdrücken können. — Läßt man diese naive Annahme gelten,
so kann man im Falle der Flächengleichheit eines Rechtecks und einesQuadrats
(ab = d?) sogleich den zweiten Teil des arithmetischen Satzes Elem. 7, 19
anwenden: »wenn das Produkt aus der ersten und vierten Zahl dem aus der
zweiten und dritten gleich ist, dann müssen die vier Zahlen in Proportion stehen«,
also wenn ab = d?, dann auch a: d = d: b. (Diese eben zitierte Satzhälfte wird
ja bei Euklid in Elem. 7, 19 auch tadellos bewiesen, aber wohlgemerkt: nur für
Zahlen!) — Die Schwierigkeit taucht erst dann auf, wenn a und b (die Seiten
des Rechtecks) ausdrücklich als »aicht-ähnliche ebene Zahlen « gewählt werden
1 Der Satz Elem. 2, 14 heißt eigentlich: »Ein einer gegebenen geradlinigen Figur gleiches
Quadrat zu errichten«. Aber diese Fassung der Aufgabe wurde offenbar nur zuliebe der
größeren Allgemeingültigkeit gewählt. Das Wesentliche in der Lösung ist doch das Verwandeln eines Rechtecks in ein flächengleiches Quadrat.
Seite 11
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)ArpAD SZABÒ
und wenn man aus der Arithmetik schon weiB, daB eine mittlere proportionale
Zahl nur zu zwei vähnlichen ebenen Zahlen« zu finden ist. — Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten, um diese Schwierigkeit zu überwinden: Entweder
führt man nämlich — für die ‘mittlere Proportionale’ zwischen zwei »nichtähnlichen Zahlen« — anstatt ‘Zahl’ einen neuen Begriff ein; oder man redet
einstweilen überhaupt nicht von Zahlen, sondern man behandelt die Seiten des
Rechtecks und Quadrats einfach als Streckensegmente. Von dieser letzteren
Möglichkeit wird bei Euklid im Satz Elem. 2, 14 Gebrauch gemacht, wo außer- |
dem — mit mustergültiger Vorsicht — auch von der Proportion der Streckensegmente gar nicht geredet wird! — Aber man darf in beiden Fallen sozusagen
‘mit Recht’ behaupten: die Geometrie hat Wunder gewirkt, denn die »mittlere
Proportionale« — auch zu den »nicht-ähnlichen ebenen Zahlen« — ist da; auch
die »nicht-ähnlichen Zahlen« sind also ‘quasiahnlich’ geworden.
4.
Nun glaube ich mit den vorangestellten Erörterungen und besonders mit
dem Hinweis auf den Euklidischen Satz Elem. 2, 14 das Rätsel unseres ‘Epino- 1
mis’-Zitates eigentlich schon gelöst zu haben. Es wird sich jedoch lohnen —
nachdem das angedeutete »Wunder der Geometrie« an unserer Stelle in den
höchsten Tönen gewürdigt wird —, hier auch jene Gedankengänge zu rekonstruieren, die es für die Pythagoreer ermöglicht hatten, jedes beliebige Rechteck — ohne Rücksicht darauf, ob die Seiten »ähnliche ebene Zahlen« sind oder
nicht — in ein flächengleiches Quadrat zu verwandeln. — Ich muß für diese
Rekonstruktion nur noch die Tatsache im voraus betonen: nach meiner
Überzeugung könnte man den altpythagoreischen Ursprung für jeden einzelnen Schritt des im folgenden rekonstruierten Gedankenganges zweifellos nachweisen. Nur der Kürze halber lasse ich hier die ausführlicheren Belege fort.
Alle pythagoreischen Flächenverwandlungen gehen von Parallelogrammen,
und die meisten von dem speziellen Parallelogramm, dem Quadrat, aus.
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VA
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y
Seite 12
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Man nehme z. B. ein beliebiges Quadrat x? (s. Abb. 3), und man wähle einen
beliebigen Punkt seiner Diagonale (Punkt 0) aus. Legt man durch diesen Punkt
der Diagonale zwei Parallelen zu den beiden nebeneinanderliegenden Seiten
des Quadrats x?, so wird dadurch die Fläche des ursprünglichen Quadrats in
insgesamt vier Bestandteile zerlegt?. Fassen wir zunächst jene beiden kleineren
Quadrate ins Auge, die auf diese Weise entstehen. Das eine ist y? und das andere
jenes kleine Quadrat rechts oben, das ich in unserer Abb. 3 unbezeichnet lief.
Diese kleineren Quadrate heiBen nach der pythagoreischen Terminologie:
vdie um die Diagonale liegenden Quadrate«. Auch bei Euklid begegnet man diesem alten Namen — allerdings in einer allgemeineren Form. Denn wir lesen in
den ‘Elementen’ — z. B. in Definition 2 des Buches 2, oder im Satz 6, 24 — über
die vum die Diagonale liegenden Parallelogramme«. (Euklid redet immer im
allgemeinen über Parallelogramme. Wir dagegen — um einfacher zu sein — beschränken unsere Betrachtungen auf das Quadrat.) — Noch interessanter sind
(von den Bestandteilen des ursprünglichen Quadrats x?) jene beiden Rechtecke,
die ich in unserer Abb. 3 als p, und #, bezeichnet habe. Auch diese hatten
nämlich in der pythagoreischen Terminologie einen besonderen Namen; sie
hießen ‘Ergänzungen’ (= parapleromata), nämlich »Ergänzungen der um die
Diagonale liegenden Parallelogramme«!. — Und zum Schluß muß ich noch daran
erinnern, daß die Pythagoreer jene Fläche, die aus den beiden ‘parapleromata’
(P1 + pe) sowie aus dem kleinsten Quadrat rechts oben auf Abb. 3 besteht, als
Einheit zusammenfaßten. Der Name dieser Einheit — die ich auf Abb. 3 mit
1 Diese Zerlegung eines Quadrats in vier Bestandteile wird bei Euklid (im Satz Elem.
2,4) in einer sozusagen umgekehrten Form behandelt. Das heißt: ich ging oben im Text
— um meine folgenden Erörterungen zu erleichtern — von jenen beiden Parallelen aus,
die man durch einen beliebigen Punkt der Diagonale eines Quadrats ziehen kann. Dagegen
|
geht der Euklidische Satz (Elem. 2, 4) von einer beliebig geteilten Strecke aus. Man blicke
also in unserer Abb. 3 auf die Strecke x, die im beliebigen Punkt B zweigeteilt wird, und
man lese dazu den Satz
Elem. 2, 4: »Teilt man eine Strecke, wie es gerade trifft, so ist das Quadrat über der
ganzen Strecke (x?) den Quadraten über den Abschnitten (also dem y? und dem kleinen
Quadrat rechts oben) und zweimal dem Rechteck aus den Abschnitten (pi + pe) zusammen gleich.«
Wie man sieht, ist dieser Satz in der Tat bloB die Umkehrung dessen, was ich oben im Text
sage. Die urspriingliche Form war natirlich nicht die Formulierung des Satzes 2, 14, sondern
meine Formulierung: »ein beliebiger Punkt der Diagonale des Parallelogramms und zwei
Parallelen durch ihn«. Denn die echt pythagoreischen Ausdrücke: »die um die Diagonale
liegenden Parallelogrammec und »Ergänzungen« (parapleromata) sind ja nur dann sinnvoll,
wenn man von der Formulierung oben im Text, und nicht, wenn man von der Formulierung
im Satz Elem. 2, 14 ausgeht.
? Ein wichtiger Satz über die ‘parapleromata’ besagt bei Euklid:
Elem. 1, 43: »In jedem Parallelogramm sind die Ergänzungen (= parapleromata)
der um die Diagonale liegenden Parallelogramme einander gleich.«
In unserem konkreten Fall (Abb. 3) sind die ‘parapleromata’ sogar kongruente Rechtecke:
Pı und po.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)ArpAp SzABÔ
dem Kreisbogen kenntlich gemacht habe — hieß: ‘Gnomon’. Auch dieser Name
erscheint bei Euklid — auf Parallelogramme verallgemeinert — in der 2. Definition des Buches 2:
»In jedem Parallelogramm soll ein beliebiges der um die Diagonale
liegenden Parallelogramme zusammen mit den beiden Ergänzungen
(= parapleromata) Gnomon heiBen«.
Der gröBeren Ubersichtlichkeit zuliebe zeige ich den für uns wichtigen
‘Gnomon’ unserer Abb. 3 auch als eine besondere Skizze: Abb. 4.
Jy
AN
nd
Pi
Abb. 4
Faßt man nun unsere Abb. 3 noch einmal genauer ins Auge, so wird wohl
einem jeden sogleich der folgende Zusammenhang klar: zieht man zwei Parallelen zu den beiden Seiten desQuadrats durch einen beliebigen Punkt seiner
Diagonale, so wird dadurch die ursprungliche Quadratfläche (x?) in die Summe
eines kleineren Quadrats (y?) und eines Gnomons aufgelöst. Man dürfte also aufschreiben (Abb. 3):
x? = y® + ‘Gnomon’.
Wichtig wird fiir uns dieser, auch in Gleichung ausgedriickte Zusammenhang, wenn man sich folgendes tiberlegt. Man kann aus dem ‘Gnomon’ in
Abb. 4 jenes Flächenstück, das aus dem kleinsten Quadrat rechts oben und dem
Rechteck p, besteht, der Fläche p, hinzufügen, als eine Art »Fortsetzung nach
A
a c
x
<
A
Abb. 5
Copyright (c) 2005 ProQuest Information and Learning Company
Seite 14
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)links zu«. Auf diese Weise wird aus dem ‘Gnomon’ ein größeres Rechteck, und
unsere ganze Figur in Abb. 3 wird wie die Figur in Abb. 5 aussehen. Das dem
ursprünglichen ‘Gnomon’ flächengleiche Rechteck habe ich in Abb. 5 schrafGert. Man kann daraus auch leicht ablesen, daß die Fläche des schraffierten
Rechtecks: (x + y) x (x — y) ist. Das ursprünglich Quadrat (x?) wurde also in
die Summe eines kleineren Quadrats (y?)und eines Rechtecks — (x + y) x
(x — y) — aufgelöst:
= + (x+y) x (9).
Und nun führe man die folgende Vereinfachung durch. Es seien die beiden
Seiten des Rechtecks in Abb. 5:
x+y = a und *—y =D.
Natürlich kann man mit a und b auch das ursprüngliche Quadrat — x? — und
das kleinere Quadrat — y? — ausdrücken. Diese werden, wie Abb. 5 zeigt:
Qe (EE) und y?= (* — >) b\2
2
Auf diese Weise wird jedoch das Rechteck ab — nach Abb. 5 — die Differenz
zweier Quadrate:
ab = (* DI)
— (È 2 >) en (I)
2
2
—
2
Eben dieser wichtige Zusammenhang wird im Euklidischen Satz Elem. 2,5 —
einer Erbschaft der altpythagoreischen Geometrie — bewiesen?.
Will man nun irgendein Rechteck, ohne Riicksicht auf Proportionen und
Zahlen, in ein flächengleiches Quadrat verwandeln, so wird entscheidend wichtig
jene Tatsache, daB nach unserer letzten Gleichung (I) jedes Rechteck (ab) sich
a—b 2
nr
,
atb)?
A
x
als die Differenz von zwei Quadraten — |] — |—— | — ausdrücken läßt.
2
2
1 Allerdings wird der obige Zusammenhang bei Euklid (im Satz Elem. 2, 5) sozusagen
vumgekehrt formuliert«. D.h. Euklid geht nicht vom Quadrat (x? in Abb. 3), und auch nicht
vom Rechteck (ab in Abb. 5), sondern von der Strecke AB = a+b (Abb. 5) aus. Diese
Strecke wird in Punkt C halbiert und in zwei ungleiche Abschnitte (a und b) geteilt. Darum
heiBt der Satz (2, 5) selber:
»Teilt man eine Strecke (AB) sowohl in gleiche als auch in ungieiche Abschnitte,
so ist das Rechteck aus den ungleichen Abschnitten der ganzen Strecke (ab) zusama—b)?
men mit dem Quadrat über der Strecke zwischen den Teilpunkten (>) dem
a+b\?
Quadrat über der Hälfte der ganzen Strecke ( = ) gleich.«
f
Die Umkehrung des ursprünglichen Gedankenganges hat bei Euklid sozusagen nur 'stilistische Gründe’, auf die ich in dieser Arbeit nicht eingehen kann. Es sei hier nur darauf hingewiesen, daß eine ähnliche ‘Umkehrung’ auch oben schon, S. 415 Anm. 1 erwähnt wurde.
Hermes 98,4
Seite 15
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)ÂrPÂD SZABÒ
Denn man kann es auf der anderen Seite mit einer wohlbekannten Gleichung
leicht erreichen, daß die »Differenz von zwei Quadraten« ein Quadrat sei.
Man wende nämlich den sog. Pythagoreischen Lehrsatz auf das rechtwinklige
Dreieck in unserer Abb. 6 an:
aft
c
g
f
Abb. 6
(Das Quadrat über der Hypotenuse ist der Summe der Quadrate über den beiden
Katheten gleich, Elem. 1, 47.) Daraus folgt, daB die Differenz des Quadrates
über der Hypotenuse und des Quadrates über der einen Kathete dem Quadrat
über der anderen Kathete gleich wird:
Eft
an... (I)
Um die beiden Gleichungen — (I) und (II) — miteinander zu verbinden,
atb
konstruiert man also ein rechtwinkliges Dreieck mit der Hypotenuse c = ——
2
und mit der einen Kathete f = 2? Auf diese Weise erreicht man, daB — nach
2
Seite 16
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)—h\2
Abb. 7 — die Differenz der beiden Quadrate (>) — (=) auf der einen
2
2
Seite das Rechteck ab, und auf der anderen Seite das Quadrat g? wird:
ab — (+) (2) n
\
2
2
Das ist eben der Sinn des Gedankenganges im Euklidischen Satz Elem. 2, 14.
Ist jedoch ab = g?, so muß — nach der Analogie des oben (S. 412) zitierten
Satzes Elem. 7, 19 — wohl auch a:g = g: b sein (die Seite des Quadrats ist
die “mittlere Proportionale’ zwischen den beiden Seiten des ihm flächengleichen
Rechtecks), was jedoch im Satz Elem. 2, 14 vorsichtig verschwiegen wird.
Auf alle Fälle wird ein jeder, der für geniale, schöne und elegante mathematische Ableitungen einen Sinn hat, den altpythagoreischen Gedankengang, den
ich eben versucht habe zu rekonstruieren, nur bewundern können.
5.
Nachdem nun in der vorgelegten Interpretation der Sinn des rätselhaften
‘Epinomis’-Zitates erklärt wurde, fassen wir die ganze Stelle noch einmal ins
Auge. — Es wird darin die Geometrie nicht als benausisches Feldmessen,
sondern als die Kunst gefeiert, die das »Ahnlich-Machen der der Natur nach
nicht-ähnlichen Zahlen« — dank gewissen Eigentiimlichkeiten der Flächen —
fertigzubringen vermag. Diese Leistung wird im letzten Satz unserer Stelle
folgendermaßen gewürdigt:
»Dies ist in der Tat kein menschliches, sondern ein göttliches Wunder in
den Augen derjenigen, die des Verständnisses fähig sind
«.
Aber ist dieses Lob wirklich berechtigt, oder soll man es bloß für die Übertreibung eines Enthusiasten halten ? — Um diese Frage entscheiden zu können,
überlege man sich folgendes.
Die Arithmetik der Alten Griechen hat die beiden grundlegenden Begriffe,
‘Zahl und ‘Proportion folgendermaßen definiert:
Elem. 7 def. 2: »Zahl (apıduös) ist die aus Einheiten zusammengesetzte
Menge«.
und
Elem. 7 def. 20: »Zahlen stehen in Proportion, wenn die erste von der
zweiten Gleichvielfaches oder derselbe Teil oder dieselbe Menge von
Teilen ist, wie die dritte von der vierten.«
Man hat außerdem schon gesehen, daß im Sinne dieser Arithmetik eine
mittlere proportionale Zahl nur zu zwei vähnlichen ebenen Zahlen« zu finden ist.
Haben nun die Geometer dennoch jedes beliebige Rechteck in ein flächengleiches
Quadrat zu verwandeln vermocht, so wurden dadurch die Grenzen der durch
die angedeuteten Tatsachen charakterisierbaren Arithmetik durchbrochen.
Denn die Seite jenes Quadrats, dessen Flächenmaß dasselbe ist wie dasjenige
eines Rechtecks, ist zwar immer die »mittlere Proportionale« zu den Recht27*
Seite 17
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)ArpAp SzABÔ
ecksseiten, aber diese Quadratseite läßt sich — falls die Rechteck-Seiten »nichtähnliche ebene Zahlen« sind — dennoch nicht als eine ebensolche Zahl wie die
Seiten des Rechtecks ausdrücken. Die betreffende Quadratseite ist eine der Lange
nach unmeBbare (= linear inkommensurable) Strecke. Man kann diese Strecke
nur nach dem auf sie errichteten Quadrat messen, da man eben weiB, daB das
fragliche Quadrat dem verwandelten Rechteck flächengleich ist. Die betreffende linear inkommensurable Strecke ist also quadratisch kommensurabel.
(Darum heißt in der pythagoreischen Terminologie der Geometrie: dynamis =
‘Quadratwert eines Rechtecks’, bzw. ‘Quadrat’1.)
Die geometrische Lösung des Problems der ‘mittleren Proportionale’ hat
also zu der Entdeckung jener linearen Inkommensurabilitat geführt, die eine
quadratische Kommensurabilität ist. (Diese Art Inkommensurabilität wird, wie
bekannt, im ro. Buch der Euklidischen ‘Elemente’ behandelt, welches Buch
also — mindestens zu einem bedeutenden Teil — pythagoreischen Ursprungs
sein muß.)
Natürlich mußte man gleichzeitig mit der Entdeckung der linearen Inkommensurabilität auch einsehen, daß jene Proportionenlehre, die auf den
beiden grundlegenden Definitionen der Arithmetik: Elem. 7 def. 2 und def. 20
(‘Zahl bzw. »Proportion der Zahlen«) basiert, allzu eng ist. Es waren zum
Neuaufbau der Proportionenlehre zwei neue grundlegende Begriffe nötig. Man
mußte nämlich — anstatt der ‘Zahl’ — vor allem den Begriff der ‘Größe’
(u£ysdoc) definieren:
Elem. 5 def. 4: »Daß sie ein Verhältnis zueinander haben, sagt man von
Größen, die vervielfältigt einander übertreffen können «?.
Und dann hat man die »Proportion der Größen « folgendermaßen definiert:
Elem. 5 def. 5: »Man sagt, daß Größen in demselben Verhältnis stehen,
die erste zur zweiten wie die dritte zur vierten, wenn bei beliebiger
Vervielfältigung die Gleichvielfachen der ersten und dritten den Gleichvielfachen der zweiten und vierten gegenüber, paarweise entsprechend
genommen, entweder zugleich größer oder zugleich gleich oder zugleich
kleiner sind.«
Diese beiden großartigen Definitionen bilden die feste Grundlage jener
Proportionenlehre im 5. Buch der Euklidischen ‘Elemente’, die — nach unserem
heutigen historischen Wissen — mindestens im wesentlichen als ein Werk des
Eudoxos von Knidos gilt. In der Tat: hat jener Scholiast recht, wonach
Euklid sein 5. Buch hauptsächlich aus dem Werk des Eudoxos übernommen
1 Zum Begriff ‘dynamis’ siehe den ganzen ersten Teil in meinem Buch »Anfänge der
griechischen Mathematik« (vgl. oben S. 407 Anm. 1) und die dort angegebene Literatur.
2 Der zweite, unterstrichene Teil dieser Definition heißt heutzutage gewöhnlich:
»Archimedisches Grundgesetz«. Vgl. H. v. MANGoLDT — K. Knopp, Einführung in die höhere
Mathematik, 8. Aufl. Leipzig 1944, I. Bd. S. 115 mit der Anm. 1, in der daran erinnert wird,
daß dasselbe Axiom wohl noch von Eudoxos stammt.
Seite 18
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)habe!, so müssen auch die beiden vorhin zitierten Definitionen von Eudoxos
sein, denn eben diese haben die vielbewunderte ‘eudoxische Proportionenlehre’, eine der schönsten Leistungen der antiken Mathematik, ermöglicht.
Was nun die Mathematik des Eudoxos betrifft, so kann diese auch heute
noch — nach den großen Leistungen des vorigen Jahrhunderts auf verwandtem
Gebiete — nur bewundert werden. Die Proportionenlehre des Eudoxos ist auch
für den heutigen Wissenschaftler ebenso genial, frisch, zeitgemäß, ja auch
‘modern’, wie sie im 4. Jh. v. Chr. war?. — Aber uns beschäftigt hier nicht die
heutige Beurteilung des Eudoxos, sondern jene Geometrie der Pythagoreer
(in der historischen Fachliteratur bisher häufig mit dem falschen und irreführenden Namen ‘geometrische Algebra’ bezeichnet; richtiger wird man in der
Zukunft bloß von »Flächenverwandlung und Flächenanlegung der Pythagoreer«
reden), die im ‘Epinomis’-Zitat gelobt wird. Verdient auch diese pythagoreische
Wissenschaft jene Bewunderung, die ihr in der ‘Epinomis’ gezollt wird? — Zur
Antwort auf diese Frage möchte ich nur darauf hinweisen, daß die Proportionenlehre des Eudoxos ohne die hier behandelte alte Lehre über die Flächenverwandlungen historisch nie möglich geworden wäre. Mit Eudoxos zusammen
verdient also auch diese alte Wissenschaft unsere restlose Anerkennung.
Ich glaube, der Historiker der Mathematik würde nach den obigen Erörterungen vielleicht nur noch einen Vergleich mit den glänzenden zahlentheoretischen Leistungen von K. Th. WEIERSTRASS (1815—1897) und J. W.
DEDEKIND (1831—1916) erwarten. Aber das kann nicht mehr die Aufgabe
dieser bloß auf den Pythagoreismus beschränkten schlichten Texterklärung
sein®.
Budapest
ÄRPAD SzABÔ
1 Vgl. Euclides (ed. HEIBERG, 1888) Bd. V 280.
2 Vgl. H. W. TURNBULL in: J. R. NEWMAN, The World of Mathematics, New York
1956, I 96—97.
3 Absichtlich vermieden habe ich hier einstweilen die Auseinandersetzung mit O. ToEPLITZ, Quell, u. Stud. z. Gesch. Math. B Bd. II, 1933, 336—8.