Volltext anzeigen25 Seiten
Seite 1
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)In: Asiatische Studien — XXVII -1973-p. 35-57
"Kaueo,k
AY
nn
core
Hol gron
KorLEu H., Jenseilsreise des Philosophen [chez les Pythagericiens) , st. l'hilosophie.
°
u
Kotnun H., Jenseitsreise des Philosophen : Asiat. Stud. (Bern Francke)
N.XVIL1 1973 35-57, | Le voyage de l'âme dans l'au-delà, d'origine iranienne,
est atlesté en Grèce déjà au ves. av. J.C. et doll être considéré comme faisant
partie du rituel des Pythagoriciens. Il est ridiculisé dans les Nuées d’Aristophane, et la formule và gettwpa wal sa bad vig désignant le champ des
activilés des petewpoddyor dans un sens dépréclatif, reflète l'image idéate
du
Blog Dopyrixéc dont la An est précisément l'envol bxd yäg vers les
wetewpa. Chez Platon, elle n’est pas nouvelle, mals c'est de lul que dérivent
toutes les lornimlations subséquentes,
|
.
Asiaf
OLY
1610. KOLLER H., Jenseitsreise des Philosophen: ASt 27,1 1973
35-57.
Le voyage de l’âme dans l’au-delà, d’origine iranienne, est attesté
en Grèce déjà au 5¢s. av. J.-C. et doit être considéré comme faisant
partie du rituel des Pythagoriciens. Il est ridiculisé dans les Nuées
d’Aristophane, et la formule td uetéwpa Kai ta Ind yiic, désignant le
champ des activités des petewpoddyor dans un sens dépréciatif, reflète
l'image idéale du Bios dewpnrtixög dont la fin est précisément l’envol
brò yùc vers les petéwpa. Chez Platon, elle n’est pas nouvelle, mais
c'est de lui que dérivent toutes les formulations subséquentes.
(APh 44: 752)
Seite 2
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Objekttyp:
Article
Zeitschrift:
Asiatische Studien : Zeitschrift der Schweizerischen
Asiengesellschaft = Etudes asiatiques : revue de la Société Suisse
- Asie
Band(Jahr): 27(1973)
Heft 1
Persistenter Link: http://dx.doi.org/10.5169/seals-146363
Erstellt am: Sep 8, 2012
Nutzungsbedingungen
Mit dem Zugriff auf den vorliegenden Inhalt gelten die Nutzungsbedingungen als akzeptiert. Die
angebotenen Dokumente stehen für nicht-kommerzielle Zwecke in Lehre, Forschung und für die
private Nutzung frei zur Verfügung. Einzelne Dateien oder Ausdrucke aus diesem Angebot können
zusammen mit diesen Nutzungsbedingungen und unter deren Einhaltung weitergegeben werden.
Die Speicherung von Teilen des elektronischen Angebots auf anderen Servern ist nur mit vorheriger
schriftlicher Genehmigung des Konsortiums der Schweizer Hochschulbibliotheken möglich. Die
Rechte für diese und andere Nutzungsarten der Inhalte liegen beim Herausgeber bzw. beim Verlag.
SEALS
Ein Dienst des Konsortiums der Schweizer Hochschulbibliotheken
c/o ETH-Bibliothek, Rämistrasse 101, 8092 Zürich, Schweiz
retro@seals.ch
http://retro.seals.ch
Seite 3
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)HERMANN
KOLLER
UNIVERSITAT ZURICH
In der zweiten Halfte des fiinften Jahrhunderts vor Christus tauchen in
Griechenland unvermittelt Vorstellungen von der astralen Natur der
menschlichen Seele auf, die dem Griechischen bisher fremd waren. Darnach ware die eigentliche Heimat der Seele die himmlische Sphare, wohin sie nach der Trennung vom Körper wieder zurückkehren würde.
F. Cumont hat in seinem Werk Lux Perpetua die frühesten Zeugnisse
dieser «astralen Anthropologie» im Griechischen gesammelt (s.u.
Anm. 24) und dazu festgestellt, daß es «des ... emprunts faits au mazdeisme par l’eschatologie et la démonologie pythagoricienne» seien, also
Vorstellungen, die durch Vermittlung pythagoreischer Kreise aus dem
Iran stammen. Im folgenden soll gezeigt werden, daß es noch eine ganze
Reihe weiterer Indizien für diesen iranischen Dualismus im klassischen
Griechenland gibt, besonders auch für die Reise der Seele in die Bereiche
des Jenseits, die als Ritual bei den Pythagoreern vorausgesetzt werden
muß. Nirgends nämlich sind in historischer Zeit Traditionen vom Seelenflug in reicherer Fülle bezeugt als im Iran und in Griechenland". Für
das höhere Alter der iranischen Vorstellungen sprechen aber besonders
die Übereinstimmungen des Awesta mit altindischen Quellen?.
Solche neuen Indizien lassen sich in einer bisher nicht beachteten oder
falsch verstandenen Wendung des Griechischen, an der Verbindung +«
uetéwpa xai tà dro ys gewinnen.
In einem berühmten Aufsatz hat W. Capelle die Geschichte der Meteorologie anhand der Belege für petéwpog und petewporoyia nachgezeich-
1, Carsten Colpe, «Die Himmelsreise der Seele», in The origins of gnosticism, Leiden 1967,
2. G. Widengren, Die Religionen Irans, Stuttgart 1965, S. 37 ff. Zu einem erst seit 1954
bekannten indischen Text (Jaiminïya-Brähmana) vgl. P. Horsch, Vorstufen der indischen Seelenwanderungslehre, Asiatische Studien XXV, 1971, bes. S. s19ff.
Seite 4
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)nets. Er zeigte, daß erst Aristoteles eine Wissenschaft der Meteorologie
im modernen Sinne inaugurierte, während peréwpos und die davon abgeleiteten Wörter in der voraristotelischen Zeit ohne Unterschied von
«meteorischen und siderischen Dingen» gebraucht wurden (425). Bei
der Untersuchung der Belege des fünften und vierten Jahrhunderts
mußte er feststellen, daß «im ersten Jahrzehnt des peloponnesischen
Krieges, wenn nicht eher» (428) der Begriff uerewpoAöyog sehr abschätzig
verwendet wurde, und zwar offensichtlich im Zusammenhang mit Anaxagoras. Die wichtigsten Belege aber, «die von dem Stamme petewpoabgeleiteten Schimpfwörter» (439) finden sich zur Hauptsache in den
«Wolken» des Aristophanes. «Er vor allem ist für die communis opinio
von den damaligen uerewpoAöyo. verantwortlich» (440). Lediglich das oft
in Verbindung mit perewpo)6yog auftretende &or&oyng oder die Kombination werewpoA&oyng ist nicht bei Aristophanes nachweisbar, sicher aber
ist es schon ein Ausdruck des fünften Jahrhunderts (439 Anm.73 zu
uerewpo%éoync). Capelle glaubt, der Meteorologe sei nicht ohne Mitschuld des Anaxagoras allmählich in den Ruf des Atheisten geraten, «so
daß es gefährlich werden kann, als Erforscher der ueréwpa verschrien zu
werden. So wird es verständlich, warum der Ausdruck perewpoX6yog
schon früh mit Vorliebe in verächtlichem Sinne gebraucht wird» (438).
Die Erklärung Capelles befriedigt nicht. Die Lächerlichkeit des uerewpordyog muß irgendwie in seiner Tätigkeit selbst begründet sein. Das
Vorkommen der Verbindung von pereopodóyos und &SoMtoyng einerseits, von tà petéwpa xal rà bd yhe anderseits, zeigt, daß dieser Tätigkeit
der Charakter einer Techne abgesprochen wird: Platon, Polit. 299b
...
«... man kann einen solchen weder Arzt noch Steuermann nennen, sondern nur nerewpoAöyov, KdoA&oynv twa aopıornv», oder im «Staat» 488 €:
«Wenn also derartige Vorgänge sich auf dem Schiffe abspielen, wird da
nicht der wahrhaft des Steuerns Kundige deiner Meinung nach tatsächlich nur als Wetterprophet (uetewpooxérov) und Schwätzer (&doA&oynv)
und für sie unbrauchbar bezeichnet werden von dem Schiffsvolk der
3. W.Capelle, Metéwpog und petewpodoyta, Philologus 71, 414-448.
Seite 5
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)eben geschilderten Schiffe ?» Ebenso «Staat» 489 c: die sogenannten Unnützen und petewpo%éoyac, «Schwätzer von den Dingen der Höhe». Dasselbe gilt für td petémpa vai tà Ind y%s in mw. &. È. 2,1, 5. u. S. 384.
Diesen abwertenden, die geradlinige Entwicklung zur wissenschaftlichen Meteorologie störenden Verwendungen von peréwpoc und seinen
Ableitungen soll im folgenden unsere Aufmerksamkeit gelten. Dabei
wird ganz besonders das Paar tà uetéwpa xal tà 6nd y%c in den Vordergrund treten, und zwar nicht nur der erste Teil. Das Wort peréwpog oder
ueráporos findet sich schon seit dem perikleischen Zeitalter für «Dinge
am Himmel». So heißt es vom berüchtigten Psephisma des Diopeithes
zu Anfang des peloponnesischen Krieges: «Um diese Zeit stellte Diopeithes den Antrag, daß die Leute angeklagt werden sollten, welche
nicht an die Götter glaubten oder die Aöyous ep! tHv uerapoiwv lehrten,
indem er seine Absicht auf Perikles richtete auf dem Umweg über Anaxagoras5.» Im platonischen Phaidros 270a wird etwas anzüglich vermerkt, Perikles und Anaxagoras und andere Leute ihres Schlages bedürften &dodsoxlas xal petemporoyiac pices répt.
Diese abschätzige Verbindung von “«Geschwätz und Reden über die
oberen Dinge» ist merkwürdig zäh und taucht an den verschiedensten
Orten auf. Sie stammt offensichtlich aus einer Kritik an den Philosophen
und Rhetoren der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts. Im Kratylos
401 b werden sie als Sprachschöpfer genannt: «Es scheint, daß die, welche als erste den Dingen die Namen gegeben haben, keine geringen
Leute waren, sondern petewpordyor xal KdoAtayaı.»
In den pseudoplatonischen ’Epaorat streiten sich zwei Jünglinge um
astronomische Probleme (132 b). «Sie schienen über Anaxagoras oder
Oinopides zu streiten und sie schienen Kreise zu zeichnen und sie ahmten gewisse Neigungen nach, indem sie die Arme winkelten und sich
4. Vgl. dazu F.Heinimann, Eine vorplatonische Theorie der Techne, Mus. Helv. 18 (1961),
105-130, bes. S. 129 und Anm. 113: «Neben der Mantik steht als weitere Pseudo-Techne,
der ein klares Kriterium für Richtig und Falsch fehlt, die Spekulation der uetewpoXgyot,
‚über die Dinge am Himmel‘.»
5. Plutarch, Perikles 32.
Seite 6
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)sehr abmühten.» Später heißt es von den beiden: &SoXeoyodar pèv oùv
oUtoL ye rep! TÜV pereópov xal pAvapodar piAocopoüvrec. Ihre astronomische und mathematische Tätigkeit wird also pidocopía genannt und als
«Geschwätz über die oberen Dinge» abgewertet.
Besonders wichtig ist ein Zeugnis des Euripides (Fgm 905
N) : «Er warf
die krummen Táuschungen der yetewpoddyor weit von sich, deren schädliche Zunge, ohne Urteil zu haben, über das Unsichtbare (nur) Vermutungen um sich wirft.»
Diese yetewpoadyor befassen sich mit &pavn, ihre Methode findet nicht
allgemeine Anerkennung, sondern wird als sixofokía lächerlich gemacht.
Durch andere zeitgenössische Zeugnisse wird dies erhärtet, so vor
allem an zwei Stellen des Corpus Hippocraticum: rr. &. 6. té. p. 34, 14ff.
K: «Einer, der die Veränderungen der Jahreszeiten kennt und Aufgang
und Untergang der Gestirne, wie jedes dieser Ereignisse geschieht, der
würde wohl vorauswissen, wie das Jahr sein würde ... Sollte aber einer
meinen, solches seien petewpodéya, und wenn er andern Sinnes würde,
dann würde er erkennen, daß die Astronomie nicht den geringsten Teil
zur Heilkunst beiträgt, sondern den größten.» Die Bezeichnung perewpordyocg ist also deutlich pejorativ, doch wird dieses Forschungsgebiet,
das hier auch &otpovouin heißt, als sehr nützlich für die Heilkunst hingestellt.
In Il. è. è. p.2. 1ff. K hingegen wird die empirisch betriebene Heilkunst dem hypothetischen Verfahren der pidócopo: und petewpordyor gegenüber als weit überlegen hingestellt: «Daher glaubte ich nicht, daß
die Heilkunst der neuartigen Hypothesis bedarf, wie das Unsichtbare
und das Problematische, das, wenn man darüber zu sprechen versucht,
notwendigerweise der Hypothesis bedarf, wie zum Beispiel die Fragen
repl TÜV peretpwy Y tov Ind y7v.»
Die Leute, welche sich mit rà wetéwpa xl tà dro iv befassen, haben
für ihre Wissenschaft das Verfahren der úró9eo geschaffen, das nicht
empirisch, sondern deduktiv wirkt. Auch úró9e0:c hat also hier, wo die-
Seite 7
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)ser Begriff erstmals auftritt, einen durchaus abschätzigen Klang. Dasselbe Verfahren hat auch Gorgias im Auge (frg. 11.13 Hel.): «Weil die
Uberredungskunst, wenn sie sich zur Rede gesellt, auch die Seele pragt,
wie einer sie will, muß man als erstes die Reden der petewpoadyor lernen,
welche eine Meinung wegnehmend und an deren Stelle eine andere setzend, den Augen der Meinung das Unglaubliche und Unfaßbare erscheinen lassen.»
Damit wird offenbar das Verfahren der yetewpoadyor auf die Rhetorik
übertragen. Diese eixoAoyi« kommt im Munde des Gorgias ganz nahe an
das tov %trw Adyov xpetttw rroreiv des Gorgias und Protagoras, das Strepsiades im Phrontisterion zu erwerben sucht. Ganz ähnlich muB sein Sohn
als Rhetorikschüler in den «Wolken» des Aristophanes die petéwpa npaypara in einer Vorschule der Rhetorik kennengelernt haben: «Wolken»
1283/4: «Wie solltest du imstande sein, zu deinem Geld zu kommen,
wenn du nichts weißt té pereópov Tpayudrov ?»
Aber auch im platonischen Phaidros 269 eff. ist wetewpodoyta Voraussetzung der richtigen réyyn $mropwn,
wie jeder andern Techne: «Die
Künste vornehmer Gattung bedürfen ausnahmslos eines Zusatzes von
müßigem und überschwenglichem Geschwätz über die Natur (&doneoyixc
zat peremporoyixc). Der großartige Zug und die völlig durchschlagende
Kraft scheint irgendwie von dorther ihnen zuzukommen — jene Eigenschaften, die auch Perikles zu seiner guten Anlage erst noch hinzuerwarb. Denn von solcher Art war Anaxagoras, mit dem er bekannt wurde. Und die Folge davon war es, glaube ich, daß er voll von überschwenglichen Betrachtungen war und zum Wesen von Geist und Geistlosigkeit vordringend, worüber eben Anaxagoras sich so ausführlich verbreitete, von dorther für die kunstmäßige Gestaltung der Reden ableitete, was für sie zu brauchen war.»
Die so fundierte Rhetorik ist 6ÿmnAévouc und die uetewporoyia — was
hier erst «Reden über die petéwea» heißt‘ -, führt sie zur Vollkommenheit.
6. Capelle 445.
Seite 8
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Zwei Namen stehen offenkundig in besonders enger Beziehung zu
dieser Rhetorik, der in diesem Zusammenhang mehrmals erwähnte
Anaxagoras und einmal der Mathematiker und Astronom Oinopides.
Die Entwicklung in malam partem? der Beschäftigung mit den petéwpa
geht sicher zum Teil auf diese Verbindung mit der Rhetorik zuriick, wie
sie in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts an mehreren Orten
festzustellen ist, hängt aber nicht damit zusammen, daß Anaxagoras erstmals rà yetéwpa empirisch fundiert hätte mit dem Hinweis auf den Niedergang des riesigen Meteors von Aigospotamoi im Jahre 468/7.
Wer die Rhetorik der petewpoX6yor kennengelernt hat, wird wie diese
beflügelt und fliegt zum Himmel empor; Aristophanes «Vögel» 1447 ff. :
«Durch die Kraft der Reden wird der Geist in die Höhe gehoben (uereopter) und der (ganze) Mensch erhöht. So will ich, dich beflügelnd
mit tüchtigen Reden, zu einem nützlichen Werk hinwenden.»
Dieses hübsche Bild von der «erhebenden» Redegewalt ist freilich,
wie das folgende zeigt, nicht nur bildlich gemeint?.
Das Neue und für die Rhetorik besonders Interessante an der Methode
der werewporöyor aber ist, daß sie mit Hilfe von úrodéoe:s erlaubt, rá
dpavéa te xal drropespeva darzulegen, wie der Verfasser von VM sagt,
oder tà ¿mora xal ¿Snka vor die «Augen der Doxa» zu stellen, wie Gorgias mit Genugtuung vermerkt. tà &pavéa re xal drropeöueva aber finden
sich im Bereich der petéwpa und der Dinge 5nd yüv. Beides, tà petéwpa
und rá 6nd yjv gehören zusammen und sind auch andernorts wieder anzutreffen.
y
Daß unter den ueréwpx Himmelserscheinungen und Astronomie zu
verstehen sind, geht aus den bisher genannten Belegen hervor. Was aber
sind rà nd yñv? Diese Frage ist noch nirgends beantwortet. Wir müssen
7. Capelle 428 ff.
8. Die Nachwirkung dieses «Höhenfluges» ist auch noch in der Rhetorik von Iepì doug,
vor allem 35,2 festzustellen, vgl. D. A. Russell, «Longinus’ On the sublime», Oxford 1964,
S. 165, und besonders E. Norden, Agnostos Theos, 104
ff. und 107 Anm.
2, wo auf die von
uns später zu behandelnde Stelle Theaitet 176 a/b als Quelle dieser Vorstellungen hingewiesen wird,
Seite 9
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)daher die Belege näher prüfen. Die Verbindung findet sich dreimal in
der Apologie Platons. Die Anschuldigungen gegen Sokrates lauteten in
der Fassung, welche Platon 19
überliefert:
«Sokrates tut Unrecht ..., da er die Dinge unter der Erde sucht und
die Dinge am Himmel (74 te 5nd yij¢ xat obpévix) und indem er den
schlechteren Logos zum stärkeren macht und auch andere ebendies
lehrt.»
Dieses arg verzeichnete Bild des Sokrates hat schon Aristophanes in
seiner im Jahre 423 aufgeführten Komödie «Wolken» festgelegt, worauf Sokrates in seiner Verteidigung selber verweist, indem er weiterfährt: «Das habt ihr ja selbst in der Komödie des Aristophanes gesehen,
einen Sokrates, der dort im Kreise herumschwebte und sagte, er ‚wandle
im Aer‘ (depofareiv) und der vielanderes dummes Geschwätz schwatzte...
von dem ich weder viel noch wenig verstehe.»
Schon ı8b wurde auf diese Auswirkungen der «Wolken» vorwegnehmend hingewiesen: «daß da ein gewisser Sokrates ist, ein weiser Mann,
der die Dinge oben bedenkt und alles unter der Erde erforscht hat» (rá
TE petempa Ppovriorng xai TA dirò VAS dvetnryxddss).
Dem eigentlichen Wortlaut der Anklage des Meletos kommt wohl
24b naher: «Er sagt, Sokrates tue Unrecht, indem er die jungen Leute
verderbe und nicht an die Götter glaube, die die Polis verehrt, sondern
an andere neue göttliche Wesen.»
Ähnlich heißt es im Euthyphron 2b: «Er sagt, ich sei ein Erfinder von
Göttern, und als einen, der neue Götter mache und die alten nicht für
wahr halte, klagte er mich an, ebendeshalb, wie er sagt.»
An beiden Stellen wird also Sokrates die Einführung neuer göttlicher
Wesen vorgeworfen, die im Gegensatz zu den bisher verehrten Göttern
der Polis stehen. Der Versuch der Apologeten, dies als ein Mißverständnis des sokratischen Daimonions hinzustellen, wirkt wenig überzeugend. Ausdrücklich wird von einer Mehrzahl neuer Götter an beiden
Stellen gesprochen.
Wie kommt es aber überhaupt zu diesem nach Platon so völlig ver-
Seite 10
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)zeichneten Sokratesbild? Eine aufschlußreiche Antwort gibt er Apologie
23d. Wenn einer die Verleumder fragt, wie denn Sokrates die Jugend
verderbe, vermögen sie nichts anzuführen, sondern wissen nichts. Damit sie aber nicht verlegen erscheinen miissen, «dann sagen sie das, was
gegen alle quocopoüvres gewöhnlich gesagt wird, das ‚die Dinge am
Himmel und die unter der Erde‘ (rà petémpa xal tà Sx yÿc) und ‚nicht
an die Götter glauben‘, und ‚den schlechteren Logos zum stärkeren
machen‘ .»
Es sind also keine irgendwie individuell begründeten Vorwürfe, sondern Schlagworte, die gegen Sokrates angeführt wurden. Sie decken sich
weitgehend mit der Anklage des Diopeithes gegen Anaxagoras (s.o.).
Nicht der einzelne Philosoph wird also angeklagt, sondern eine Summe
von Klischeevorstellungen über den Philosophen wird vorgebracht. Wir
finden daher auch in den «Wolken» des Aristophanes keine Zeugnisse
über den historischen Sokrates, wohl aber über dieses Bild vom Philosophen, das schon im fünften Jahrhundert literarisch geprägt war. O.Gigon” hat darauf aufmerksam gemacht, daß die Schilderung des Btoc
Sewpnrixés im platonischen Theaitet (173 eff.) in engstem Zusammenhang mit der Anaxagoraslegende steht. Da wird der wahre Philosoph geschildert als ein Wesen, das alle Bindungen an das soziale und politische
Leben gelöst hat; er verweilt nur noch körperlich auf Erden, «in Tat und
Wahrheit weilt und wandelt nur sein Leib in der Stadt; sein Geist aber,
überzeugt von der Kleinlichkeit, ja vôlligen Nichtigkeit dieser Dinge
und darum voller Verachtung gegen sie, schweift, mit Pindar zu reden,
überall umher, mißt die Tiefen der Erde und ihre Flächen, erforscht die
Bahnen der Sterne oben am Himmelszelt und ergründet jegliche Beschaffenheit jeder Gattung des Seienden, ohne sich einzulassen auf das,
was ihn unmittelbar umgibt.»
9. Yeodg où voultew heißt also keineswegs nur «die Götter leugnen», sondern wie Apol.
24b «nicht an die Götter glauben, welche die Polis für richtig hält», eben «an neue göttliche
Wesen glauben».
10. O. Gigon, Sokrates, sein Bild in Dichtung und Geschichte, Bern 1947, S.233 ff.
Seite 11
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Die Seele des Philosophen fliegt überall umher, indem sie «die Dinge
unter der Erde» und die «auf der Erde» ausmißt und «über den Himmel
&orpovonei». Auch hier ist also der Philosoph in den gleichen Bereichen
anzutreffen : er beschäftigt sich mit den Dingen unter der Erde +4 te yäs
örevepde"", mit den Dingen auf ihr, und schließlich hält sich seine Seele
im Himmelsbereich auf. Im Idealbild des theoretischen Lebens finden
sich also die beiden Züge, daß der Philosoph sich auf seiner Seelenreise
mit tà petéwpa und tà óro yüc befaßt, was schon im fünften Jahrhundert
zu harten Angriffen geführt hat.
|
Dieselben Philosophen werden im Timaios mit wohlwollendem Spott
in ihrer Natur am meisten gemäße Vögel verwandelt, 91d: «Das Geschlecht der Vögel aber entwickelte sich, indem es statt der Haare Federn bekam, durch Umgestaltung aus solchen Männern, die zwar harmlos aber leichtsinnig waren, und sich zwar mit himmlischen Erscheinungen beschäftigten (xobpav dè xal uetewporoyuxüv), aber einfach genug waren zu glauben, daß der Gesichtssinn die sichersten Erklärungen dieser
Dinge liefere”.»
Mit diesen &vdpec peremporoyixot sind diejenigen Philosophen gemeint, welche im Vertrauen auf ihre eixöves und bildlichen Darstellungen ihres Rituals glauben, Beweise zu liefern. Offensichtlich denkt Platon hier an die Pythagoreer, deren rituelle Praktiken er auch im Staat
529aff. deutlich aber wohlwollend kritisiert: Denn nach Ansicht derer,
oi sig Pioooplav dvayovreg [sc. thy dorpovoulav] zwingt ihre Beschäftigung Wuyhy sic td Ava 6pav xal dnd tav evdévde ¿netos Aycı, «die Seele
nach oben zu schauen und führt sie von den Dingen hienieden zu den
jenseitigen hinauf». Sokrates kritisiert diese Auffassung anschließend mit
einer bisher wenig beachteten Bemerkung: «Denn allem Anschein nach
11, téc te Campbell e Clem: t& te B: rá te T. Ich folge also dem überlieferten Text,
vgl. Galen Protrept. I 008’ &otpovoulac dploraraı, &AAà xal th re yic vepdev nal tà Umepde
tod odpavod xatà IlvSxpov Erıoxorei.
12. Nach Apelt, etwas verändert. Diese &vôpes wetewpodoytxol können wegen der anschließenden Bemerkung nicht mit H. Flashar, Der Dialog lon als Zeugnis Platon. Philos., Berlin
1958, S. 62 als «Dichter» verstanden werden.
Seite 12
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)würdest du, wenn einer ‚auftauchend‘ die bunten Darstellungen an der
Decke (rouxluara ev dpopjj) schaut und etwas lernt, glauben, er schaue
mit seiner Erkenntnis und nicht mit seinen Augen. Vielleicht nun hast
du recht mit deiner Annahme, und die Torheit ist auf meiner Seite.
Denn ich meinerseits kann nicht glauben, daß irgendeine andere Wissenschaft der Seele dazu verhelfen kann, nach oben zu blicken, als jene,
die es mit dem Seienden und Unsichtbaren zu tun hat, und mag nun einer
mit offenem Munde nach oben oder mit geschlossenem Munde nach
unten schauend sich über irgendeinen Sinnesgegenstand unterrichten,
so behaupte ich, daß er sich weder wirklich unterrichte — denn nichts
dergleichen enthält ein wirkliches Wissen —, noch daß seine Seele nach
oben blicke, sondern nach unten, mag er nun auf dem Rücken liegend
zu Lande oder zu Wasser sich unterrichten.»
Was sind nun hier die roıxiAuara an der Decke ?Essind die bei d genannten rapadetyuata oder i) mepì tov obpavòv mowxtAla, also Darstellungen der
Sternbilder an der Decke eines Innenraumes, die man &vaxirtov, also
‚auftauchend‘ erblickt und die man bewundernd anstaunt &vw xeynvós,
aber hier werden auch Dinge geschaut xétw cvppepuxdo! — und die fal-
13. Es ist bezeichnend, daß Platon hier die beiden Haltungen erwähnt, das dvw xeynvoc
«nach oben mit offenem Munde starrend» und das xdrtw cvppepuxdg «nach unten in sich verschlossen blickend», was dem Ausblick auf die wetéwpx und auf tà dro ys entspricht. An
dieser Stelle ist ja nur von den bildlichen Darstellungen der Gestirne an der Decke die Rede,
der zweite Teil also überflüssig; doch führt der Sachzwang auch zur Erwähnung der zweiten
Haltung. Der Ausdruck ¿£ trtlag véwv (Staat 529 c) «auf dem Rücken schwimmend» ist
aus dem knappen Zitat Platons allein nicht verständlich. Von einigen Kommentatoren wird
eine undeutliche Anspielung auf den Sokrates der «Wolken» vermutet. ’Emvyeodai,
brepxbrtew, aldepoßareiv aber sind in einem Text Philons hintereinander anzutreffen,
wo er ein Ritual — der Chaldaeer verspottet. Dazu F. Cumont, Mysticisme astral, Bulletin
de l’Académie de Belgique 1909, p. 256-286, S.279: «Philon, dans sa polémique contre
les ,Chaldéens‘ les exhorte à descendre du ciel, où ils prétendent se mouvoir...» (De
migr. Abrah. 33 p. 465 M = II 304 Wendl.): «Was ‚schwimmt‘ ihr wunderlichen Leute,
nachdem ihr euch plötzlich von der Erde abgehoben habt, in die Höhe hinauf (énwhyeode)
und wandelt im Aither («idepoßaretre), sobald ihr über den Aer ‚hinaufgetaucht‘ seid
(örepxöyavres), um die Bewegungen der Sonne und die Umläufe des Mondes und die
melodischen Reigentänze der übrigen Gestirne genau zu bestimmen?» Cumont: «... il
Seite 13
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)sche Meinung ist, mit der Schau dieser roıxiuar« oder rapadetyuara
habe man vonosı etwas erkannt, oder man könne mit Hilfe solcher pa%-
para tatsächlich etwas «lernen» (uxSeïv). Diese sinnlichen Darstellungen
aber ziehen nach Sokrates viel eher die Seele hinab statt hinauf, «auch
wenn er nun auf dem Rücken liegend zu Lande oder zu Wasser sich
unterrichtet». Diese letzte Bemerkung verrät wiederum Kenntnis Platons von einem Ritual, bei dem offenbar der Initiand auf dem Rücken
liegend über Wasser und Land schwebt und die Dinge am Himmel
schaut.
Wir finden für das hier nur in wenigen Andeutungen sichtbare Ritual
eine merkwürdige Bestätigung in den «Wolken» des Aristophanes. Da
wird, fast mit denselben Ausdrücken, der unappetitliche Witz erzählt,
Sokrates habe einmal, als er «die Wege des Mondes und seine Umläufe»
erforscht habe, nach oben gegafft und ein Gecko habe ihm in den offenen
Mund gemacht — elt’ úvw xexnvöros/ amd tHe dpopfic (171ff.), von der
Decke herab nämlich, was aber nur möglich ist, wenn der Mondlauf an
der Decke des geschlossenen Raumes des Phrontisterions gesucht wurde. Das Phrontisterion, die Denkbude, ist also ein Abbild des Kosmos.
An der Decke sind die Sternbilder, am Boden aber wohl die Erdkarte,
von der kurz darauf die Rede ist! (206). Das &vw xexyvas aber entspricht
semble donc que les ,Chaldéens‘ de Philon, c.à.d. les prêtres astrologues de l’époque
hellénistique, aient déjà cru que l’âme humaine quittait le corps dans l’extase pour aller
réjoindre les astres qu’elle contemplait.» Die Vorstellung, dass das Meer des Aer durchschwommen werden muss, aus dem man «auftauchend» in den reinen Aither zur wahren
Schau der Gestirne gelangt, setzt ein schon zur Zeit Platons längst überwundenes, nur noch
in sprachlichen Relikten eines Rituals feststellbares Weltbild voraus (vgl. dazu K. Kerenyi,
Astrologia Platonica, ARW 22, 245-256). Schon Platon kritisiert also dieselben Riten,
welche die Pythagoreer in abgewandelter Form aus dem Iran übernommen hatten.
14. Der Gecko (yadedsty¢) ist eine Eidechsenart des Mittelmeergebietes. Seine Haftballen
erlauben ihm, sich an Wänden und Decken zu bewegen. Er lebt im Innern des Hauses und
wird erst bei einbrechender Dunkelheit (vgl. vóxtop V. 173) aktiv. Die Szene ist überhaupt
nur im Innern des Hauses möglich; Sokrates betrachtet die Wege des Mondes also nicht vor
dem Haus, wie die Stelle immer verstanden wird. Das Phrontisterion ist also ein Abbild des
Kosmos, zugleich wird es auch mit einer Höhle verglichen (507f.): «Wie fürchte ich mich,
hinein- und hinabzusteigen wie in die Höhle des Trophonios.»
Seite 14
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)dem Ausschauen nach den pertwpa, das xdtw ovppepuxds (Staat 529b) —
der Suche der Dinge ind yy.
Die Technai der Pythagoreer, die hier (Staat 530d) namentlich genannt werden, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie aber
sind bei Platon in den Dienst der Dialektik gestellt worden, sie «helfen
mit», die Seele in die Hôhe zu ziehen: (Die Dialektik) «zieht das in
Wahrheit in einen wahren Brei von Barbarei (év BopBép@ Bapßapıza) vergrabene Auge der Seele*s mit sanftem Druck ans Licht hervor und führt
es aufwärts (dv&yeı), wobei sie sich der genannten Künste als Mithelferinnen am Werk der Seelenumwendung bedient» (533d).
Auch dies ist nicht lediglich ein Vergleich mit den Mysterien. Für den
Bereich der Unterwelt gilt, was für die uertwpa. Die Pythagoreer haben
die konkreten Riten und ihre Darstellungen mit dem Gemeinten verwechselt, Platon aber vergeistigt sie zu einem Bild. Das reine Denken
tritt an die Stelle eines äuBerlichen Ritus.
In späterer Literatur ist die Höhle als Abbild des Kosmos mehrmals anzutreffen; am bekanntesten sind die Mithrasgrotten, doch sagt Porphyrios, De antro Nympharum 8, «auch die
Pythagoreer und nach ihnen Platon stellten das Weltall als eine Höhle dar».
Im frühesten Zeugnis über Höhlenriten des Pythagoras Hdt. IV 94ff., welche im Dienste
des &ratavaritew standen, ist nur von Katabasis die Rede. Vgl. auch D.L. 8, 41 (Hermippos) : «Er sagte, ersei in den Hades gelangt», dazu W. Burkert, Weisheit und Wissenschaft, S. 136 ff.
Häufig dient aber die Bezeichnung xatáfaois für die rituelle Jenseitsreise schlechthin,
besonders da, wo sie in einem Höhlenritus vollzogen wird. Hier sollen aber die späteren Zeugnisse nicht angeführt werden. Vgl. dazu R. Merkelbach, Die Kosmogonie der Mithrasmysterien,
Eranos-Jahrbuch XXXIV 1965, 219-257.
15. Im BépBopos und axóros stehen die Uneingeweihten bei Plutarch, de anima B VII
P. 23, tov dubnrov ¿vradd9a Tüv Cavtav dxddaptov Epopav byAov, Ey Bopßöpw TOM xai
óubxAy rarospevov. .., ebenso in den aristophanischen Fróschen 273 Av. Tt tote ravraudot;
Za. oxbrog xal BépBopoc, vgl. Phaidon 69 c ds Av &ubntoc xal dr&ieorog elo “Ardov dplunrau
ey Bopßöpw xeloetar, 6 Sì xexadapuévos exetoe dpınöuevos perà Dev olxnoer.
’Avdyeıv als terminus technicus der Apotheose, vgl. Hans Lewy, Chaldaean Oracles and
theourgy, S.489: Theogn. 1347 (Ganymedes), Eur. Bacch. 289 (Dionysos), Xenoph. Conv. VIII
30 (Ganymedes), Lukian, Hermotimos 746 (Herkules), Jul. Imp. VII 2193
ff. Weiter wären zu
nennen: Isokrates Hel. 17 (Dioskuren), Simonides 121, 1-4 &petà ... dvéyer Sepatog ¿E
“AtSew und besonders Platon, Staat 521c xal nüc tic Avdker eis püc, domep ¿E “Ardov
réyovtae 8h rives ele Seode dveAdetv, wo der Zusammenhang expressis verbis ausgedrückt
wird. In der reXerh noch dazu: Hierokles in aur. carm, 482/3; Villoison Anecdota 1 189, 13
xAipat &v&youax eri td boc; lamblich, Protr. 105 Pist.
Seite 15
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Daß dieses Bild vom theoretischen Philosophen tatsächlich schon im
fünften Jahrhundert in den Grundzügen feststand, geht aus den «Wolken» des Aristophanes eindeutig hervor. Da tritt ja Sokrates als Verkörperung eines Klischees leibhaftig auf der Bühne auf. Eine Szene ist in
unserem Zusammenhang besonders bedeutsam. Vor dem Phrontisterion
trifft Strepsiades die Sokratesschüler in auffälligen Stellungen an (18 7ff.):
«Wozu schauen denn diese zur Erde hin?»
«Sie suchen tà xar& y%c.»
191 «Was machen aber die, die so heftig gebückt sind?»
odror EpeBodipaow Id tov Táprapov!ó
«Diese tauchen in den Erebos hinunter, unter den Tartaros.»
Damit erfahren wir erstmals Genaueres über tà brò yñv: es ist ein
Hinabtauchen in den Erebos, ein Durchschreiten der Unterwelt, also
das Gegenstück zum perewporodelv.
«Weshalb aber blickt ihr Hinterteil himmelwärts ?»
«Der treibt zu eigenem Nutzen Astronomie für sich.»
Astronomie (201) und Geometrie (202) werden auch ausdrücklich als
besondere Beschäftigungen der Bewohner des Phrontisterions hervorgehoben’. Schon bei den Schülern treffen wir also die Bereiche tà ôxd
iv und tà wetéwpa an und die beiden damit verbundenen Beschäftigungen
Geometrie und Astronomie, wie im Theaitetexkurs. Der Meister selbst
aber schwebt im Hängekorb auf die Szene:
«Wer ist denn jener im Hangekorb?»
(odmt rc xpeukIpac)
«Aÿréc, ER, der Meister.»
16. Das Scholion zu Vers 193 sagt richtig épeBodipdow tà Und Epeßos Spor, touréote
tà Ord YÎjv Cytotow.
17. Dieser in der Komödie des fünften Jahrhunderts vielleicht von Aristophanes geprägte
Ausdruck ppovriothprov, «Denkbude», findet sich später nur noch selten. Bemerkenswert
ist Philostrat II 6, 25: Darnach habe der Klazomenier Anaxagoras vom Vorgebirge Mimas aus
den Himmel beobachtet, der Milesier Thales von Mykale aus, ... «von einigen wird erzählt,
sie hätten das Pangaiongebirge als ppovruothptov gebraucht, andere das Athosgebirge». Da
ist Ppovrıorhpiov also eindeutig «Sternwarte».
Seite 16
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Strepsiades ruft zu ihm hinauf, aber wie ein gottahnliches Wesen antwortet ihm Sokrates:
«Was rufst du mich, du Eintagsexistenz (&pjyepe) ?»
Auf die Frage, was Sokrates da oben tue, vernimmt er:
225 depofaró xal mepippove tov HArov
«Ich wandle im Aer und denke iiber die Sonne nach.»
Das kann er aber nur in der richtigen Hôhe und Entfernung von
der Erde machen, denn «ich könnte nämlich die ‚höheren Dinge‘ (rà
uetéwpa mpéyuara) nicht richtig herausfinden, wenn ich Gedanke und
Denken nicht aufhängte und in Verbindung brächte mit dem ihm
gleichen Aer.» Die petéwpa rp&yuara können also nur richtig herausgefunden werden, wenn vénua und ppovris in den éyot0¢ «hp hinaufgehoben werden.
Das geschieht mit dem Hängekorb, der das &epoßareiv ermöglicht.
Hier ist nun ein ganzes Motivnest, das selbst in der komischen Verzerrung auf ein bestimmtes Bild vom Bloc %eopyrixós hinführt, wie es im
Theaitetexkurs knapp skizziert ist. Einige spätere Belege zur eben erwähnten Beziehung von ¿hp und voög, die sicher nicht auf Aristophanes
zurückgehen, können uns darüber noch Genaueres sagen:
Kratylos 396c: «Der Aufblick nach oben wird sehr treffend mit dem
Worte ,himmlisch‘ (oöpavix) bezeichnet, hinaufblickend auf das, was
über uns ist ópóca tà &vw). Von dort her, sagen die Himmelskundigen
(ol nerewpoAöyor), komme uns auch der reine Verstand, und der Himmel
trage seine Bezeichnung zu Recht.»
|
Im pseudoplatonischen Axiochos heißt es von der Seele, dienoch dem
sterblichen, krankheitsanfälligen Körper verhaftet ist (3662): «Die den
Schmerz (sc. mit dem Körper) mitempfindende Seele sehnt sich nach
dem Himmel und dem mit ihr verwandten Äther und dürstet darnach,
strebend nach der dortigen Lebensweise und nach dem (himmlischen)
Reigen.»
Auch hier steht das Motiv in engster Verbindung mit der Jenseitsreise
der Seele (370 e) : «und schon lange beschäftige ich mich mit den oberen
Seite 17
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Dingen (yetewpodoy&) und ich gehe durch den ewigen und göttlichen
Lauf (sc. der Gestirne).»
In (Aristoteles) repl xéouou 391a 11 ff. wird der Seelenflug ebenfalls
durch die Philosophie bewirkt: «Die Seele nun, welche mit Hilfe der
Philosophie den Nus als Führer erlangte, wurde hinübergeführt und ging
außer Landes, indem sie einen mühelosen Weg fand und mit Leichtigkeit
Dinge mit ihrem Denken erfaßte, die räumlich sehr weit auseinanderliegen, indem sie, wie ich glaube, das ihr Verwandte mit dem göttlichen
Auge der Seele erkannte und das Göttliche erfaßte und es den Menschen
verkündete.»
Wenn die Seele die ihr verwandte Sphäre erreicht hat, ist auch das
Ziel ihrer Reise erreicht: Ci. Tusc.143 ff. : Quam regionem cum superaverit
animus naturamque sui similem conti¡git et adgnovit ... insistit etfinem altius se
ecferendi facit. Noch genauer heiBt es spiter: Atque ea profecto tum multo
puriora et dilucidiora cernentur, cum quo naturafert, liber animus pervenerit.
In den «Wolken» finden sich aber noch zahlreiche weitere Hinweise
auf die wetewpoadyor und ihre Praktiken. Alles, was im Phrontisterion
vor sich geht, sind pvorhpua (V, 143): °
«Man muß dies alles als uuorhpux verstehen.»
Strepsiades hat auch eine Einweihung in die Mysterien der perewporéyot
über sich ergehen zu lassen, wenn er Schiiler des Sokrates werden will :
«Setze dich jetzt auf den heiligen Schemel !» 254
Darauf wird er mit einem Kranz geschmückt mit der Erklärung:
«All dies machen wir mit denen, die sich einweihen lassen.»
Wie ein Hierophant gebietet Sokrates das heilige Schweigen:
edonuety yoy Tov npeoßürmv.
Die Wolken werden herbeigerufen (266) :
«auf, erscheint, Herrinnen, dem, der die wetéwpa
bedenkt.»
18. Zu 266: Uberliefert ist té ppovriotÿ perécwpor, also pridikativ zu den Wolken. In
Apologie 18b aber wird die auffällige, sonst nirgends vorkommende Wendung tà petéwpa
ppovtioty als Zitat aus den «Wolken» erwähnt. Diese Verbindung, Nomen agentis mit Akkusativobjekt des zugrundeliegenden Verbes, ist nur in poetischer Sprache denkbar. Das einzige in Frage kommende Vorbild ist «Wolken» 266.
Seite 18
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Sie sollen herkommen, diesem hier zur Unterweisung”. Die Wirkung
der Wolken auf Strepsiades ist bald spürbar: «da meine Seele ihre Verkündigung hört, schwebt sie schon und sucht feine Worte zu machen
und Wortklaubereien zu schwatzen.»
Ein weiterer Teil der Initiation ist eine Katabasis, hier mit der Katabasis in die Höhle des Trophonios verglichen, 506 ff. Freilich führt die
Initiation nicht zum gewünschten Ziel. Strepsiades bleibt dumm und
versucht deshalb, seinen Sohn Pheidippides als Ersatzmann einzuführen.
Aber der ist noch nicht eingeweiht (868f.):
«er ist noch unerfahren
und noch nicht mit der hier üblichen Luftfahrt vertraut.»
(róv xpeuadpüv odo Tplßwv Tv évdade).
Die xpeuddpa, so müssen wir aus diesen Worten schließen, ist also keineswegs Sokrates vorbehalten. Alle Schiiler haben diese Luftreise zu bestehen, und zwar mehrmals (rpißav !)?.
Genau so wird im Theaitetexkurs vom Nichteingeweihten, der also
nicht zu den wahren Philosophen gehört, gesägt (17 5b): «Wenn einer
ihn in die Höhe ziehen will, ... (d), dann wird er in der Höhe hangend
(reo Spnrod xpepacdetc) Schwindel empfinden und schwebend (uetéwpoc)
hinunterblicken, wegen des ungewohnten Zustandes sich verlassen fühlen, in einer ausweglosen Lage und stotternd denen zum Spotte sein ...
die anders als Sklaven erzogen sind.» Der Philosoph aber, der MuBe hat,
also wahrhaft frei ist, ist sich dieses Zustandes gewohnt, denn «er pflegt
auf die ganze Erde hinabzublicken».
19. émlSevEt¢ ist Ausdruck der Mysteriensprache, wird aber auch für die philosophische
Unterweisung gebraucht.
20. Daß in den «Wolken» Mysterien parodiert werden, ist immer klar gewesen; die
Frage istnur, welche. Weder eine Parodie der eleusinischen Mysterien noch der der Orphiker
hätte aber einen Sinn. Vielmehr müssen es Mysterien sein, die mit der Vorstellung vom parodierten theoretischen Philosophen eine Einheit bilden, die also zum literarisch formulierten
Blog Sewpnrixéc des fünften Jahrhunderts gehören. Das ist aber, wie die Parallele im Theaitetexkurs und das Schlagwort tà uetéwpa xal tà drrò Yîic beweisen, der Fall gewesen. Eine
literarische Grundlage der Sokratesgestalt in den «Wolken» nimmt auch Th. Gelzer, Mus.
Helv. 1956 an, doch denkt er hier an orphische Mysterien.
Seite 19
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Die Parallelen zwischen den zwei vorplatonischen Grundtexten iiber
die uetéwpx, den «Wolken» des Aristophanes und dem Theaitetexkurs
gehen aber noch weiter. Beide Texte lassen deutlich erkennen, daß za
uetéwpa und tà bxd yñv auf einer Jenseitsreise der Seele aufgesucht werden, die schon in diesem Leben in den Formen einer zeiern vollzogen
wird. Der wahre Philosoph verachtet im Theaitet (174e) den, der viel
Land besitzt, denn «ganz gering erscheint es dem, der es gewohnt ist,
auf die ganze Erde zu blicken». Das Motiv der «Höhenschau» mit dem
Überblick über die ganze Erde, welcher zur Relativierung menschlichen
Besitzes führt, findet sich in vielen späteren «Jenseitsreisen». Als eine
Phase ihres Suchens schauen die Schüler des Phrontisterion auf die Erde:
eig thy y%v Bhérovow, 187, weil sie Zytovow tà xark y%c, und zwar tun
sie das neben dem 2peßodıpäv, dem Hinabtauchen zu den Dingen 6nd
viv und dem dotpovopetv, dem Verweilen bei den peréwpa. Selbst in der
komischen Verzerrung wird auch das Motiv der Geringheit menschlichen Besitzes gegenüber der ganzen Erde deutlich, denn das yewperpeiv
dient nicht dem Ausmessen der Landlose, sondern dem Ausmessen der
ganzen Erde: 203/4
Av dvapetpyoat /... Thy cipracav.
Ziel der tedery ist aber der &xadavaticusc, oder, wie es im Theaitet in
der Sprache der Mystik heißt, die époiwoic $e, das Gottähnlich-Werden:
Theaitet 176b: «Daher gilt es auch zu versuchen, von hier so schnell
wie möglich dorthin zu entfliehen. Die Flucht aber besteht in der möglichsten Verähnlichung mit Gott; ihm ähnlich werden heißt aber gerecht und fromm werden auf dem Grunde richtiger Einsicht.»
Sokrates hat es in den «Wolken» schon erreicht. Er ist zpLouaxdprosund
verhält sich schon wie ein Gott zu den &pnuepoı, wie die Uneingeweihten
auch bei Empedokles (DK 31
B 3, 6) heißen.
Mit Absicht ist bisher der wichtigste platonische Beleg für die Jenseitsreise der Seele, der Phaidrosmythos, zurückgestellt worden. Hier
sollen nur die gemeinsamen Motive herausgehoben werden:
Seite 20
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)1. 246 b/c: «Jede Seele ... durchwandelt den ganzen Himmel ... Ist eine
vollkommen ..., so zieht sie auf erhabener Bahn und durchwaltet
(ueremporoAet) den ganzen Weltenraum.»
2. Phaidros 249a: «Die andern ... unterliegen ... einem Gericht. Nach
dessen Spruch kommt ein Teil von ihnen nach den unterirdischen
Strafplätzen (tà bd yis dixauwripıa ..., zum Teil werden sie durch
das Urteil an einen Ort des Himmels der Schwere entledigt erhoben
und leben dort so, wie sie es verdient ...»
3. Phaidros 256d: «in Finsternis zu kommen und den unterirdischen
Wandel anzutreten (thy ind yij¢ mopetav) ist denen nicht mehr bestimmt, die schon den himmlischen Wandel begonnen haben.»
Zwar wird die Jenseitsreise der Seele als Ablauf in verschiedenen Etappen der früheren Existenzen, als Geschichte, als Mythos, erzählt, gleichzeitig aber ist diese Geschichte ein im jetzigen Leben ablaufender Prozeß
von tedetat. An einigen Stellen wird dies ganz deutlich. Die rexern wird
nicht lediglich als Gleichnis genommen, sondern als Parallele zum mythischen Geschehen, so besonders schön 249 c. Wer philosophisch lebt
und die Dialektik beherrscht, «erinnert sich» an jene Zeit, da seine
Seele mit ihrem Gott mitreiste und auf das, was wir das Seiende nennen,
hinunterblickte, und damals zum wahrhaftig Seienden «auftauchte»
(avaxbpaca)?: «Nur ein Mann, der solche Erinnerungsbilder richtig benützt, indem er stets die vollendende Kraft vollkommener Weihen auf
sich wirken läßt, wird wirklich vollkommen.»
Die Beschäftigung mit den philosophischen Problemen ist eine sedi j
welche zur Vergottung, zur épolwoc $26 führt: «Damals, als unsere Seelen Zeus folgten, konnten sie poxaptav div te xat Sav sehen, und wurden eingeweiht in die Weihen, die man als die begliickendsten preisen
21. Mit d&vaxdrtew wird das Auftauchen aus dem Schlamm und Dunkel ins helle Licht
der Schau, der ¿xorrreía, in der Mysteriensprache bezeichnet, in Staat 529b und Phaidon
109d/e, als Bild; in Lukian IIepl Suotav 532 aus der rituellen Seelenreise: ... ¿q abröv
dveibopev tov obpavòv Trontixds dvantauevor xro thy ari “Ouhpov al ‘Howdov 680V
xal Senodpeda Bros Exaotov Staxexdountar tHv divo ... SrepBdvee Sé ad dvaxd paver uixpòv
dq TÒ divw ... pag Te Anpmpdtepov palverat ...
Seite 21
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)darf, um sie zu begehen im Zustand der Vollkommenheit und Unberührtheit durch all die Übel, die für die spätere Zeit unser warteten; herantretend zu dem Geheimnis vollkommener und unverfälschter, wandelloser und seliger Erscheinungen, die sich uns enthüllten im reinen
Licht.»
Hier ist zwar die letzte Stufe der tedeth, die ëronrelæ, als eine Phase
der früheren Existenz bezeichnet. An die Zeit wird erinnert, da unsere
Seele körperlos im Kosmos weilte. Daß aber damit Platon gleichzeitig
an Riten denkt, zeigt sich etwas später. Denn wer nicht eben erst eingeweiht ist (2 50 c) 6 pèv obv pi) veoreAng, verhält sich dem Schönen gegenüber falsch ... 251a: «der aber, der kürzlich eingeweiht wurde, der
damals viel geschaut hat, der erschauert und eine Furcht wie damals
befällt ihn ... und wenn er ihn erblickt, dann ergreift ihn als eine Art
Wechsel des Schauers ungewohnter Schweiß und Hitze ...»
Die Seele muß also schon vorher in der Weihe die Angstzustände, den
Kälteschauer und den Umschlag in den fiebrigen Zustand durchgemacht
haben, die ihn auch jetzt befallen”. Dig Bemerkung xat mi t&v téte
¿mA adrdv Seyudrov, bezieht sich nicht auf eine Stelle des hier erzählten Mythos, sondern ist nur als eine Phase der te\eth, die Platon im
Auge hat, zu verstehen. An dieser Stelle zeigt sich am deutlichsten, daß
die Jenseitsreise der Seele in die Himmelsregionen, das petewpomodetv
und die Katabasis in tà óro io Stuearorhpra oder die sic oxdrov xal ind
Yâs mopela (256d) der Seele im Phaidros, ein in den Mythos umgewandeltes &pyov einer rederí ist, wie sie in den «Wolken» des Aristophanes
und im Theaitetexkurs über den Bloc Sewpyrixéc als Ritus des fünften
Jahrhunderts erwiesen wird.
22. Auch diese außergewöhnlichen Zustände werden in der Mysteriensprache in denselben Ausdrücken geschildert, Plutarch, de anima B VII p.23 rére (im Sterben) 88 réoyet
Tádog olov ol tedetaic neyddaus xatopytatbpevor ... TAdvaL TE PETE MAL repiSpoual xomddetc
xal did oxdtoug tives Üromror mopetat xal drédecros, elta mpd tod téAoUg adtod, ta Seva
révra, ppixn xal rpéuoc xal (Spos xal Idußos ...
Pausanias IX 39, 13, aus der Katabasis in der Trophonioshdhle: é¢ toto dpduevor xouitouor
xdroyóv te Ett TH) Selpati xal dyvära ópolos adtod te xal Tüv redac ...
Seite 22
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Die Schmerzen und Freuden der das Schéne auf dieser Erde erblickenden Seele aber werden 251d mit den gleichen Ausdriicken der mystischen teeth wiedergegeben wie im Theaitetexkurs:
Theaitet
251b
Phaidros 175d
und dndelag &dynpovdv
éx SÌ duporipoy peperyuévewv
Te xal d&rop@v xal
&ônuovet te TH «toria tod
BarrapiCov.
Trádouc, xal &ropobox ALTTÀ.
Mehrmals im Verlauf dieser Arbeit sind wir auf Anaxagoras als Vertreter dieser ddoAsoyia repl tüv pereópov gestoßen. Wir müssen noch
versuchen, den Zusammenhang der Anaxagoraslegende mit dem Bild des
wahren Philosophen, wie es im Theaitetexkurs gezeichnet ist, herauszuheben. Einige Aristotelestexte geben über diese Legende näheren AufschluB:
Protreptikos fg. 58 Rose: «Was das (sc. das Vollkommenste) ist, sagte
Pythagoras, als er gefragt wurde, nämlich ,die Betrachtung des Himmels‘, und er sagte, er selbst sei Jewpös der Natur, und dazu sei er ins
Leben getreten. Und auch von Anaxagoras wird erzahlt, er habe auf die
Frage, wozu einer wählen würde, zu entstehen und zu leben, geantwortet, ‚um den Himmel zu betrachten und die Gestirne und Mond und
Sonne an ihm‘, da alles andere ja iiberhaupt nichts wert sei.»
Zweck des Lebens ist es also nach Pythagoras und Anaxagoras, auf
Erden $ewpög des Himmels zu sein. Alles Irdische aber ist überhaupt
nichts wert.
|
In der Eth. Eudem. 1215 a 35ff. beantwortet Anaxagoras die Frage,
wer der Gliicklichste sei: «Als der Klazomenier Anaxagoras gefragt
wurde, wer der Gliicklichste sei, sagte er: ,Keiner von denen, die du
glaubst, sondern dieser Mensch dürfte dir seltsam erscheinen.‘ So antwortete jener, weil er sah, daß der Frager unfähig war zu verstehen, daß
nicht dem Mächtigen und Schönen oder Reichen diese Bezeichnung zukomme. Er selbst glaube wohl, daß der Mensch, der ohne Leid und rein
23. Vgl. E.Norden, Agnostos Theos 105 über den Zusammenhang der Frage IIpös ri yeyévapev mit der Reise in die Höhe und der Schau von der Höhe herab,
Seite 23
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)im Bezug auf das Gerechte lebte, oder der, welcher eine Art göttlicher
Schau teilhaftig ist, selig ist, soweit es einem Menschen zukommt.»
Dem Vertreter des theoretischen Lebens, das allein wahre Glückseligkeit verheißt, wird, ähnlich wie im Theaitetexkurs der uéyac, der
xaA6c und der rAoboos gegenübergestellt. Wer aber gut gelebt hat oder
an einer göttlichen Schau teilgenommen hat, ist paxdproc. Dieses Motiv
der Lebenswahl gehört also schon zur frühesten Fassung des Bios Sewpnzıxöc. Mit derselben Schärfe wie im Theaitetexkurs werden aber auch
in der Anaxagoraslegende alle sozialen und politischen Bindungen abgestreift:
Diog. Laert.I 7: «Schließlich trat er von allem zurück und befaßte
sich ganz mit der Naturerkenntnis, ohne sich noch um Fragen der Polis
zu kümmern. Einmal sagte er zu einem, der ihm vorwarf: ‚Du kümmerst dich nicht um dein Vaterland‘ — ‚Schweig doch, denn mir liegt
sogar sehr viel an meinem Vaterland‘, indem er gegen den Himmel
zeigte.»
Da der wahre Philosoph vom Himmel stammt, ist er auch nur dort
wirklich zu Hause. Seine Theoria auf Erden aber ist ein ständiges Bemühen, dahin zurückzukehren. Gigon* zieht mit Recht die Konsequenz: «Dahinter steht der uralte, durch das Pythagoreertum mit größter Wirkung aufgenommene Gedanke, daß die menschliche Seele feuriger
Natur und von derselben Substanz wie die Gestirne sei.» Wir müssen
aber noch beifügen, daß damit auch der Glaube an die Göttlichkeit der
Gestirne gegeben ist; das sind doch wohl die étepa Saruóvia xauvé, deren
Einführung den pereopocopuoral wie Anaxagoras, Sokrates und andern
24. Sokrates 234. Dieses Motiv der Anaxagoraslegende bildet ein weiteres Zeugnis für die
«astrale Anthropologie» des fünften Jahrhunderts; vgl. Anmerkung 1 bei F.Cumont, Lux
Perpetua 146ff.: 1) IC (ed.min.) I 945 über die Krieger von Potidaea 432. 2) Pseudo-Epicharm bei Euripides, Kaibel F.P. Gr. VI, I 1899 frg. 245. 3) Aristophanes, Frieden 827 ff.
über die Verstirnung des Ion von Chios, 421, und der Dithyrambus des Ion. 4) altes pythagoreisches Akusma VS I5 p. 464, 5.
Uberall da handelt es sich um die frühesten Spuren iranischer Vorstellungen, wie sie
durch die pythagoreische Eschatologie und Dämonenlehre (Cumont) in den griechischen
Kulturbereich gelangt sind.
Seite 24
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)vorgeworfen wird. Darin könnte auch der undıouög begründet sein, der
dem Anaxagoras gleichzeitig angekreidet wurde: Satyros (DK II 7, 4/5)
überliefert, er sei où pévov doefetac ¿AM xa unôtouod zum Tode verurteilt worden.
Den Theaitetexkurs erkennt Gigon* als «Nachhall jener eigenartigen, mit der Anaxagorasdichtung verbundenen Erzählung von Hermotimos von Klazomenai. Dieser hatte die Fähigkeit, seine Seele jederzeit
vom Leibe zu lösen und sie frei umherschweifen lassen zu können, bis
eines Tages seine Feinde sich des wie tot daliegenden Leibes bemächtigten und ihn verbrannten.» An zwei Stellen bringt Aristoteles Hermotimos mit Anaxagoras in Verbindung, einmal im Protreptikos W 1oc:
«Für uns ist der Nus Gott», sei es, daß Hermotimos oder Anaxagoras
dies gesagt hat, und auch: «Das menschliche Leben besitzt Anteil an
einem göttlichen Wesen», und in Metaphysik 984b 15 ff. :
«Wenn einer sagte, daß so wie in den Lebewesen auch in der Natur
der Nus drin sei, der Ursache des Kosmos und der ganzen Ordnung ist,
so sagte er das wie ein Nüchterner gegenüber den Früheren, die aufs
Geratewohl sprachen. Wir wissen aber genau, daß Anaxagoras sich mit
solchen Lehren befaßt hat, wohlbegründet kann man aber behaupten,
daß der Klazomenier Hermotimos dies vor ihm gelehrt hat.» Die eingeschobene Bemerkung olov vnpwv ... erinnert sehr an die eixoBoaia
der wetewpordyor bei Euripides (s.S.38). Die Früheren, darunter Hermotimos, waren nicht vnpovres, sondern eix}} Aéyovtes, also Schwátzer,
&SoXtoya.. Anaxagoras aber hat nach Ansicht des Aristoteles als erster
besonnen über den voög gesprochen. Seine kritische Bemerkung setzt
aber die enge Beziehung zwischen Hermotimos und Anaxagoras in der
Quelle bereits voraus.
In einer Schrift (einem Anaxagorasgespräch ? vgl. Gigon o. c.) des fünften Jahrhunderts muß also Anaxagoras (und auch Pythagoras) als Nachfolger des Schamanen und petewponéaog Hermotimos hingestellt worden
sein, womit er aber zugleich die Züge des weltabgewandten, apoliti25. Sokrates 235.
Seite 25
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)schen, dem Jenseits verhafteten Theoros annahm, wie sie in den Belegen
aus Aristoteles sichtbar werden. Darin wurde er als &$o&oyng und petewpokéyos verspottet und die Rhetorik des Perikles als eine Auswirkung
dieser überspannten und hochgeschraubten sixofokta geschmäht. Diese
Verknüpfung des Anaxagoras mit dem Schamanen Hermotimos hatte
also, soweit sich sehen läßt, eine ausgesprochen polemische Tendenz.
Auch Pythagoras, von dem ja schon im fünften Jahrhundert eine Katd-
Bars eig "Aıdov erzählte, stand schon damals in demselben Zusammenhang.
Die Schlagworte des fünften Jahrhunderts, tà wetéwpa xal tà ómo yñc,
die also gegen alle Philosophen zur Hand waren, erweisen sich somit als
Reflexe eines literarisch fixierten Idealbildes des Bloc Sewpntixdc, der als
tereth die Seele eine Jenseitsreise ind y%s und zu den uertwpa vollziehen
ließ. Ungezählte dichterische Formungen dieser Jenseitsreise wurden
in den folgenden Jahrhunderten bis zu Dante geschaffen. Sie stimmen
alle miteinander in den Grundzügen überein. Fast alle stehen in der
Nachfolge Platons, doch sind sie keineswegs aus Platon allein ableitbar.
Es handelt sich bei ihnen nicht um Konkretisierung platonischer Mythen, vielmehr sind schon die platonischen Jenseitsmythen in Erzählung
umgesetztes ¿pyov dieser philosophischen Initiation des fünften Jahrhunderts.