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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Gaiiies Gahiei, fi Suuuiuiure
6,35-38, edizione critica e commento a cura di Ottavio Besomi e Mario Helbing,
Rom /
Padua 2005 (Medioevo e Umanesimo 105),
5. 119f. Dass sich
Galilei hier auf die Geometrie beruft, hangt mit dem
Gegenstand der Schrift —den
Himmelskörpern — zusammen; gewiss wird man ihm
keine Distanz zur Arithmetik
bescheinigen wollen. Die Kontroverse um die Kometen von
1618, der der Saggiatore sein
Entstehen verdankt, lässt Galilei übrigens als recht kurzsichtigen Leser im Buch des
Universum dastehen; dazu
Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt a.M.
1989 [1981],5. 71-78. - Für Hinweise danke ich den Teilnehmern der Tagung und für kritische Lektüre und andere
Hilfe Melanie Wald (Zürich).
Zum historiographischen Problem vgl. auch David C. Lindberg/ Robert S. Westman (Hg.),
Reappraisals of the Scientific
Revolution, Cambridge etc.
1990, vor allem den Beitrag
von Lindberg, »Conceptions
of the Scientific Revolution
from Bacon to Butterfield: A
Preliminary Sketcha, 5. 1-26.
Vgl. schließlich den Eröffnungssatz von Peter Dear, Discipline & Experience: The Mathematical Way in the Scientific Revolution, Chicago / London 1995, 5. 1:»Modern science
is an enterprise that developed into something approximating its current institutional form in nineteenthcentury Europe, mit weiteren
Literaturhinweisen. Nichtsdestoweniger halt Dear —
wie es auch hier geschehen
soll- an dem Titel »Scientific
Revolution« für die Umbrüche in der philosophia naturalis im 16. und 17. Jahrhundert fest.
317
Antike Musiktheorie und die
Naturwissenschaftliche Revolution der
Fruhen Neuzeit
G3 IS &
Wolfgang Fuhrmann
Mae FLE
A
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»Das Buch des Universums ist in mathematischer Sprache geschrieben«
— in diesem berühmten Satz Galileo Galileis aus seiner 1618 erschienenen
Schrift Il Saggiatore lässt sich das ganze Programm der naturwissenschaftlichen Revolution der Frühen Neuzeit zusammenfassen — ja im Grunde
das ganze Programm der Natur- und Ingenieurswissenschaften bis heute:'
»La filosofia & scritta in questo grandissimo libro che continuamente ci sta aperto innanzi a
gli occhi (io dico l'universo), man non si può intendere se prima non s'impara a intender la
lingua, e conoscer i caratteri, ne’ quali & scritto. Egli € scritto in lingua matematica, e i caratteri son triangoli, cerchi, ed altre figure geometriche, senza i quali mezi è impossibile a intenderne umanamente parola; senza questi à un aggirarsi vanamente per un oscuro laberinto.«
Ist das Universum grundsätzlich mathematisch verfasst, dann sind wir
bei seiner Lektüre wiederum auf die Mathematik angewiesen, denn ohne
deren Hilfsmittel irren wir, wie Galilei schreibt, in der Welt nur wie in einem dunklen Labyrinth umher. Vielleicht sollte man statt von der Lesbarkeit der Welt lieber von ihrer Ent-Zifferbarkeit sprechen. Was die Metapher jedenfalls unterschlägt, ist, däss es nicht einfach genügt, das Buch
aufzuschlagen: zur Lektüre gehören methodisch durchgeführte Beobachtung und methodisch angelegtes Experiment.
Dies sind also die Kennzeichen der neuzeitlichen Naturwissenschaft.
Sie entsteht etwa zwischen 1580 und 1650 im intrikaten Zusammenhang
von mathematisch formulierter Hypothese und sinnengestützter Empirie - beide sind aufeinander angewiesen und korrigieren sich ständig
wechselseitig. So steht es in den Geschichtsbüchern.
Aber tat sie das wirklich? Waren Johannes Kepler, Galileo Galilei, Francis Bacon oder Isaac Newton Naturwissenschaftler im heutigen Sinn? Gab
es überhaupt eine Naturwissenschaftliche Revolution der Frühen Neuzeit?
Diese Fragen sind in der neueren wissenschaftsgeschichtlichen Forschung
zunehmend verneint worden. Und obwohl darüber schwerlich ein Konsens
zu erzielen sein dürfte, ist doch die Verschiebung der Entstehung von »modern science« als einer institutionalisierten, organisierten, international
verflochtenen und professionalisierten Standards gehorchenden Unternehmung in das 19. Jahrhundert eine deutlich wahrnehmbare Tendenz.
Genannt sei hier nur Andrew Cunningham / Perry Williams, »De-centering the »Big Picture«:
The Origins of Modern Science and the Modern Origins of Science«, in: British Journal for the
History of Science 26 (1993), 5. 407-432, hier zitiert nach dem Wiederabdruck in Marcus Hellyer (Hg.), The Scientific Revolution: The Essential Readings, Oxford 2003 (Blackwell Essential
Readings in History). S. 218-246. Der Titel dieses Aufsatzes nimmt Bezug auf das im englischen Sprachraum noch heute sehr verbreitete textbook von Herbert Butterworth, The Origins of Modern Science 1300-1800, London 1949. Cunningham/Williams plädieren für eine
Verlagerung der Ursprünge moderner Naturwissenschaft in den Zeitraum von 1760 bis 1848.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Antike Musiktheorie und die
Naturwissenschaftliche Revolution der
Frühen Neuzeit
1
2
Galileo Galilei, Il Saggiatore
6, 35–38, edizione critica e commento a cura di Ottavio Besomi e Mario Helbing, Rom /
Padua 2005 (Medioevo e Umanesimo 105), S. 119f. Dass sich
Galilei hier auf die Geometrie beruft, hängt mit dem
Gegenstand der Schrift – den
Himmelskörpern – zusammen; gewiss wird man ihm
keine Distanz zur Arithmetik
bescheinigen wollen. Die Kontroverse um die Kometen von
1618, der der Saggiatore sein
Entstehen verdankt, lässt Galilei übrigens als recht kurzsichtigen Leser im Buch des
Universum dastehen; dazu
Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt a.M.
1989 [1981], S. 71–78. – Für Hinweise danke ich den Teilnehmern der Tagung und für kritische Lektüre und andere
Hilfe Melanie Wald (Zürich).
Zum historiographischen Problem vgl. auch David C. Lindberg / Robert S. Westman (Hg.),
Reappraisals of the Scientific
Revolution, Cambridge etc.
1990, vor allem den Beitrag
von Lindberg, »Conceptions
of the Scientific Revolution
from Bacon to Butterfield: A
Preliminary Sketch«, S. 1–26.
Vgl. schließlich den Eröffnungssatz von Peter Dear, Discipline & Experience: The Mathematical Way in the Scientific Revolution, Chicago / London 1995, S. 1: »Modern science
is an enterprise that developed into something approximating its current institutional form in nineteenthcentury Europe«, mit weiteren
Literaturhinweisen. Nichtsdestoweniger hält Dear –
wie es auch hier geschehen
soll – an dem Titel »Scientific
Revolution« für die Umbrüche in der philosophia naturalis im 16. und 17. Jahrhundert fest.
Wolfgang Fuhrmann
»Das Buch des Universums ist in mathematischer Sprache geschrieben«
– in diesem berühmten Satz Galileo Galileis aus seiner 1618 erschienenen
Schrift Il Saggiatore lässt sich das ganze Programm der naturwissenschaftlichen Revolution der Frühen Neuzeit zusammenfassen – ja im Grunde
das ganze Programm der Natur- und Ingenieurswissenschaften bis heute:1
»La filosofia è scritta in questo grandissimo libro che continuamente ci sta aperto innanzi a
gli occhi (io dico l’universo), man non si può intendere se prima non s’impara a intender la
lingua, e conoscer i caratteri, ne’ quali è scritto. Egli è scritto in lingua matematica, e i caratteri son triangoli, cerchi, ed altre figure geometriche, senza i quali mezi è impossibile a intenderne umanamente parola; senza questi è un aggirarsi vanamente per un oscuro laberinto.«
Ist das Universum grundsätzlich mathematisch verfasst, dann sind wir
bei seiner Lektüre wiederum auf die Mathematik angewiesen, denn ohne
deren Hilfsmittel irren wir, wie Galilei schreibt, in der Welt nur wie in einem dunklen Labyrinth umher. Vielleicht sollte man statt von der Lesbarkeit der Welt lieber von ihrer Ent-Zifferbarkeit sprechen. Was die Metapher jedenfalls unterschlägt, ist, dass es nicht einfach genügt, das Buch
aufzuschlagen: zur Lektüre gehören methodisch durchgeführte Beobachtung und methodisch angelegtes Experiment.
Dies sind also die Kennzeichen der neuzeitlichen Naturwissenschaft.
Sie entsteht etwa zwischen 1580 und 1650 im intrikaten Zusammenhang
von mathematisch formulierter Hypothese und sinnengestützter Empirie – beide sind aufeinander angewiesen und korrigieren sich ständig
wechselseitig. So steht es in den Geschichtsbüchern.
Aber tat sie das wirklich? Waren Johannes Kepler, Galileo Galilei, Francis Bacon oder Isaac Newton Naturwissenschaftler im heutigen Sinn? Gab
es überhaupt eine Naturwissenschaftliche Revolution der Frühen Neuzeit?
Diese Fragen sind in der neueren wissenschaftsgeschichtlichen Forschung
zunehmend verneint worden. Und obwohl darüber schwerlich ein Konsens
zu erzielen sein dürfte, ist doch die Verschiebung der Entstehung von »modern science« als einer institutionalisierten, organisierten, international
verflochtenen und professionalisierten Standards gehorchenden Unternehmung in das 19. Jahrhundert eine deutlich wahrnehmbare Tendenz.
Genannt sei hier nur Andrew Cunningham / Perry Williams, »De-centering the ›Big Picture‹:
The Origins of Modern Science and the Modern Origins of Science«, in: British Journal for the
History of Science 26 (1993), S. 407–432, hier zitiert nach dem Wiederabdruck in Marcus Hellyer (Hg.), The Scientific Revolution: The Essential Readings, Oxford 2003 (Blackwell Essential
Readings in History), S. 218–246. Der Titel dieses Aufsatzes nimmt Bezug auf das im englischen Sprachraum noch heute sehr verbreitete textbook von Herbert Butterworth, The Origins of Modern Science 1300–1800, London 1949. Cunningham/Williams plädieren für eine
Verlagerung der Ursprünge moderner Naturwissenschaft in den Zeitraum von 1760 bis 1848.2
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Die Protagonisten der Naturwissenschaftlichen Revolution des 16. und
17. Jahrhunderts, die heute gerne mit dem Epitheton »angeblich« oder
dem Präfix »Proto-« versehen wird, hätten hingegen keineswegs die
Grundlegung einer neuen oder gar der modernen Naturwissenschaft im
Sinn gehabt und seien ebenso gut oder besser aus der Tradition der
philosophia naturalis zu verstehen; erst das 18. Jahrhundert (Voltaire,
Condorcet) hat sie zu Revolutionären erklärt.3
Begreiflicherweise kann ich mich hier auf diese historiographische
Diskussion nicht einlassen; und ebenso wenig auf die Frage, ob die Mathematisierung der Physik oder die Durchführung von Experimenten –
also die beiden Kennzeichen des 16. und 17. Jahrhunderts, die dem traditionellen wissenschaftshistoriographischen Ansatz als Paradigmen »fortschrittlicher« und »zukunftsweisender« Forschung galten – überhaupt
im modernen Sinne einer Naturwissenschaft zu verstehen sind. Galileo
Galilei, dem dieser Text nicht zufällig zuerst das Wort gab, gilt sogar trotz
seiner unbestreitbaren Verdienste um diese beiden Paradigmen als ein
besonders schwieriger Fall.
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Schon der traditionellen wissenschaftsgeschichtlichen Erzählung war aufgefallen, dass sich
in seinen Schriften das Verhältnis von (spekulativer) Vernunft und (empirischer) Beobachtung durchaus ambig gestaltet.4 Wenn es Charles Sanders Peirce zufolge nur drei Arten von
wissenschaftlicher inference gibt – deduktiv (also von Axiomen abgeleitet), induktiv (also
von empirischen Beobachtungen ausgehend) und was Peirce retroduktiv oder abduktiv nannte (von empirischen Beobachtungen zu erklärenden Hypothesen fortschreitend, also nur
wahrscheinliches Wissen hervorbringend) –, dann war Galilei öfter, als man es glauben möchte, einem deduktiven Modell von Wissenschaft verpflichtet.
»Recent research“, so stellt etwa Peter Dear fest, „ has shown that Galileo aimed at
developing scientific knowledge, wether of moving bodies or of the motion of the earth,
according to Aristotelian (or Archimedean) deductive formal structure of the mixed mathematical sciences.« Und: »Galilei’s problem was that a true science had to rely on evident and
universally acceptable premises; in having to adduce specialized, contrieved experiences, Galileo admitted failure.«5
Selbst wenn man Galileis Behauptung, er habe in den Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze (1638) »ex suppositione«
argumentiert, und an dieser Argumentation würde sich auch nichts ändern, falls sich herausstellen sollte, dass die natürliche Bewegung von
fallenden schweren Körpern damit nicht übereinstimmt – selbst wenn
man diese für den angeblichen Vater der modernen Experimentalphysik
einigermaßen erstaunliche Behauptung für Ironie nimmt, so steht doch
fest, dass auch der eingangs zitierte Satz »Das Buch des Universums ist
in mathematischer Sprache geschrieben« eher ein Axiom darstellt als eine
empirisch überprüfbare Hypothese.6
Und das bringt uns darauf, dass auch dieser Satz auch von einem
Pythagoräer stammen könnte, wäre die Metapher vom Buch des Universums nicht christlichen Ursprungs.7 Es ist in der Tat eines der erstaunlichsten Phänomene der Ideengeschichte, dass die pythagoreisch-platonische Idee einer mathematischen Fundierung der Welt zu Galileis Zeit
gute zwei Jahrtausende gepflegt worden und doch bis ins späte 16. Jahrhundert in dogmatischen Schlummer versunken war. Man kann es freilich
auch andersherum betrachten. Dann ist es eine bisher ungelöste Frage,
warum gerade um 1600 ein induktiver Erkenntnisbegriff, der sich dem
7
Siehe D. C. Lindberg, »Conceptions« (wie Anm. 2), S. 6–9.
R. Hooykaas, »The Rise of Modern Science: When and
Why?«, in: British Journal for
the History of Science 20
(1987), S. 453–473, hier zitiert
nach dem Neudruck in Marcus Hellyer (Hg.), The Scientific Revolution: The Essential
Readings, Oxford 2003 (Blackwell Essential Readings in
History), S. 19–43, Anm. 11 auf
S. 34f.
P. Dear, Discipline & Experience (wie Anm. 2), S. 125f.
und S. 127.
Diese Überlegungen verdanken sich Ernan McMullin,
»Conceptions of Science in
the Scientific Revolution«, in:
Lindberg/Westman (Hg.), Reappraisals (wie Anm. 2), S. 27–
92, vor allem S. 29–32 (Peirce’
Modell) und S. 60–67 (Galilei). Dieses deduktive Verhältnis findet sich sogar noch bei
Mersenne, dessen Experimente wesentlich methodischer angelegt und dokumentiert wurden. Vgl. Sebastian
Klotz, »Vibration und Vernunft. Zur experimentellen
Agenda in Marin Mersennes
›Harmonie universelle‹ (Paris
1636)«, in: Helmar Schramm /
Ludger Schwarte / Jan Lazardzig (Hg.), Spektakuläre Experimente. Praktiken der Evidenzproduktion im 17. Jahrhundert, Berlin / New York
2006 (Theatrum Scientiarum 3), S. 279–294, und zu
Mersennes Galilei-Lektüre
Claude V. Palisca, »Mersenne
pro Galilei contra Zarlino«,
in: Frank Callaway (Hg.), Essays in Honour of David Evatt
Tunley, Nedlands 1995, S. 61–
72, für unseren Zusammenhang vor allem S. 63–66.
Die Metapher stammt offenbar nicht von Augustinus, sondern aus einem bei Evagrius
Ponticus überlieferten Antonius-Apophthegma; Günter
Bader, Melancholie und Metapher. Eine Skizze, Tübingen
1990, S. 14 und 61f.
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Zu all diesen Autoren vgl. das
Standardwerk von Hendrik
Floris Cohen, Quantifying Music: The Science of Music at the
First Stage of the Scientific
Revolution, 1580–1650, Dordrecht etc. 1984 (The University of Western Ontario Series in Philosophy of Science
23).
9 Penelope Gouk, »The Role of
Harmonics in the Scientific
Revolution«, in: Thomas Christensen (Hg.), The Cambridge
History of Western Music Theory, Cambridge 2002, S. 223–
245.
10 Vgl. Anicius Manlius Torquatus Severinus Boethius, »De
institutione arithmetica I:1«,
in: Gottfried Friedlein (Hg.),
Anicii Manlii Torquati Severini Boetii De institutione arithmetica libri duo, De institutione musica libri quinque,
accedit Geometria quae feritur Boetii, Reprint Frankfurt
a.M. 1966 (Leipzig 1867), S. 1–
173, hier S. 7–12.
11 Galileis Projekt einer Mathematisierung der Physik geriet ja unter heftigen wissenschaftstheoretischen
Beschuss, nicht nur von Forschern wie dem französischen Jesuiten Honoré Fabri
oder dem italienischen Astronomen Niccolò Cabeo, sondern auch von René Descartes selbst. Vgl. Dear, Discipline & Experience (wie Anm.
2), S. 134 und 138–144.
12 Stillman Drake, »Renaissance
Music and Experimental
Science«, in: Journal of the
History of Ideas 31 (1970), S.
483–500. Vgl. auch die
Schlussbemerkungen
bei
Jamie Croy Kassler, »Music as
a Model in Early Science«, in:
History of Science 20 (1982),
S. 103–139, hier S. 129f.; skeptischer H. F. Cohen, Quantifying Music (wie Anm. 8), S. 247:
»The science of music, then,
was one of the sciences that
made up the [scientific] revolution. No indication has
been found that it actually
brought it about […].«
319
Humanismus verdankte, ein experimentelles Vorgehen, wie es in der spätmittelalterlichen Technik üblich war, und die Idee der Mess-, Wäg- und
Zählbarkeit der Welt zusammengedacht wurden und eine Dynamik entfalteten, die das Antlitz unseres Planeten stärker verändert hat als alles
andere.
Bis heute gibt es keine befriedigende Erklärung dafür, warum die Naturwissenschaftliche Revolution der Frühen Neuzeit innerhalb weniger
Jahrzehnte ein so wirkungsmächtiges Programm entfalten konnte – zumal dieses Programm ja gerade in der Anfangszeit eher Behauptung blieb,
man kann auch sagen: Paradigmenwechselpropaganda. Allerdings ist in
der wissenschaftsgeschichtlichen Forschung seit etwa 1970 in zunehmendem Maße deutlich geworden, dass bei jedem der neue Standards setzenden Forscher des 17. Jahrhunderts – Galileo Galilei, Johannes Kepler,
Simon Stevin, René Descartes, Marin Mersenne, Isaac Beeckman bis hin
zu Isaac Newton – die Musik, genauer gesagt: die musica scientia eine
bedeutende Rolle spielte.8 Musik ist ein Forschungsgegenstand, an dem
im 17. Jahrhundert kaum einer vorbeikommt, der am Projekt einer Mathematisierung der Physik mitarbeitet – selbst wenn er sich, wie es zumindest
von Newton heißt, für real erklingende Musik gar nicht erwärmen konnte.9 Das ist lange von einer Forschung übersehen worden, die Wissenschaftsgeschichte aus der Perspektive der aktuellen Disziplinen schrieb.
Außerdem konnte man sogar in der Frühen Neuzeit mit Ideen zur Temperierung von Stimmungssystemen oder zur Erklärung der Konsonanz
schwerlich Aufsehen erregen oder gar mit der Inquisition in Konflikt geraten, die musikalischen Interessen der frühen Naturwissenschaft blieben
also im Vergleich zu den astronomischen eher unspektakulär. Erst die Forschungen von Claude Palisca, Stillman Drake, Hendrik Floris Cohen und
anderen haben auf sie aufmerksam gemacht.
Nun scheint ein solches musikalisches Interesse an sich naheliegend.
Das boethianische quadruvium kannte zwei Formen angewandter Mathematik: die Astronomie, die als angewandte Geometrie die beweglichen
Größen behandelte, und die musica, die als angewandte Arithmetik die
»auf anderes bezogene Vielheit« (multitudo ad aliquid) behandelte.10 So
musste den Physiko-Mathematikern die musikalische Akustik als Sollbruchstelle einer auf der aristotelischen Physik beruhenden – und daher konsequent nicht-mathematischen – Naturbetrachtung erscheinen.11 Insofern scheint es natürlich, dass eine Wissenschaft, die sich aus welchen
Gründen auch immer der Mathematisierung der Natur verschrieben hat,
der Astronomie und der Musik besondere Aufmerksamkeit schenkt. Für
die erstere ist das ja hinlänglich bekannt, für die letztere insbesondere in
Cohens Buch Quantifying Music hinreichend demonstriert.
Es ließe sich sogar mit guten Gründen behaupten – und es ist auch
behauptet worden –, dass das Studium musikalisch-akustischer Phänomene eine Vorreiterfunktion in der sich entwickelnden Methode der
neuzeitlichen Naturwissenschaft hatte.12 Denn in der Tat, welche anschaulichere und schlagendere Demonstration der Behauptung, dass
»das Buch des Universums in mathematischer Sprache geschrieben ist«,
ließe sich finden als der Nachweis, dass den Konsonanzen Oktave, Quint
Seite 5
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)und Quart ganzzahlige Proportionen zugrunde liegen? Hier gibt es ein
am Theorieinstrument Monochord, also unter genau definierten Bedingungen durchführbares Experiment, das sinnlichen Aufschluss über die
mathematische Verfasstheit eines natürlichen Phänomens gibt: gleichsam die Urszene neuzeitlicher Naturwissenschaft. Denn der bestirnte
Himmel über uns ist zwar ein vielleicht noch großartigeres Phänomen
– aber er erlaubt nach aristotelischer Lehre keine Aufschlüsse über die
sublunare (also irdische) Natur, und experimentieren lässt sich mit ihm
auch nicht.
Die bedeutendsten Verfechter in der ersten Phase einer Mathematisierung der Physik, Galilei und Kepler, waren denn auch beide musikalisch höchst versiert. Galileo Galilei war Sohn, Bruder und Vater von Musikern; im Lautenspiel soll er nach dem Bericht Vincenzo Vivianis13 sogar
seinen Vater Vincenzo übertroffen haben. Er hat selbst musikalische Experimente durchgeführt – wir werden darauf zurückkommen. Zu Galileos
musikalischen Forschungen gehört unter anderem eine Koinzidenztheorie der Konsonanz, im Anschluss an die Theoreme des Mathematikers
Giovanni Battista Benedetti – auch das kommt noch zur Sprache.14 Kepler
seinerseits interessierte sich seit seinen frühen Jahren am Grazer Hof Erzherzog Ferdinands für Stimmungssysteme, musiktheoretische Interessen
schlagen vom Mysterium cosmographicum bis zu den Harmonices mundi
libri durch.15 Es ist möglich und – wie wir noch sehen werden – im Falle
Galileis sogar hochwahrscheinlich, dass es musiktheoretische Einsichten
waren, die beiden Forschern allererst die Idee einer mathematischen Vermessung natürlicher Phänomene eingegeben haben.
Damit scheinen wir allerdings wieder beim Ausgangspunkt angelangt. Denn die legendär dem Pythagoras zugeschriebene Einsicht in die
mathematische Verfasstheit der Konsonanzen war ja nie in Vergessenheit
geraten. Allem Anschein nach gehörte die Demonstration am Monochord
durchaus zu den geläufigen Verfahrensweisen in Klosterschulen und anderen klerikalen pädagogischen Institutionen, ohne dass jemand daraus
epistemologische Konsequenzen gezogen hätte. Wenn musiktheoretische
Fragestellungen Galilei, Kepler und andere Forscher des 16. und 17. Jahrhunderts zu neuen Forschungen stimulierten, kann diese Anregung doch
wohl kaum aus einem so gut abgehangenen Wissensgebiet gekommen
sein. Um einen der besten Kenner der Materie zu zitieren:
»[I]t is this very transition that constitutes the true problem of the rise of early modern
science. What was it that made Benedetti combine two ancient ideas, on consonance and
on the wave propagation of sound, respectively, and in so doing cross a threshold the ancients had never cared to explore? What was it that made Vincenzo Galilei hit upon the
experimental exploration, far beyond the ancient monochord, of certain physical variables
on which musical pitch depends?«16
Ich möchte im Folgenden versuchen, diese beiden Fragen Cohens zu beantworten, und die Antwort wird in beiden Fällen lauten: die Wiederentdeckung der antiken Musiktheorie. Die antike Musiktheorie nämlich konstituierte in der Tat ein Corpus, das dem lateinischen Mittelalter unbekannt war. Das Mittelalter kannte nur die spätantiken Kompilationen eines Boethius, Martianus Capella, Cassiodor und anderer, die an der rea-
13 Vincenzo Viviani, »Racconto
istorico della vita di Galileo«,
in: G. Galileo, Opere 19 (wie
Anm. 1), S. 602, hier nach Philippe Canguilhem, »Tel père,
tel fils? Les opinions esthétiques de la famille Galilei«,
in: International Review of
the Aesthetics and Sociology
of Music 23 (1992), S. 27–42,
hier S. 28.
14 S. Drake, »Renaissance Music« (wie Anm. 12), Claude V.
Palisca, »Scientific Empiricism in Musical Thought«,
zuerst in: Howell Rhys (Hg.),
Seventeenth Century Science
and the Arts, Princeton (New
Jersey) 1961, S. 91–137; hier
zitiert nach dem überarbeiteten und mit einer wichtigen Einleitung versehenen
Neudruck in: Claude V. Palisca, Studies in the History of
Italian Music and Music Theory, Oxford usw. 1994, S. 200–
235.
15 Susi Jeans / H. Floris Cohen,
Art. »Kepler, Johannes«, in:
Stanley Sadie (Hg.), The New
Grove Dictionary of Music
and Musicians, London / New
York 22001, Bd. 13, S. 487f..
16 Hendrik Floris Cohen, »Beats
and the Origin of Early Modern Science«, in: Victor Coelho (Hg.), Music and Science
in the Age of Galileo, Dordrecht etc. 1992, S. 17–34, hier
Seite 6
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)17 Eine genaue Darstellung der
Erforschung und Rezeption
antiker Musiktheorie vom 14.
bis ins 17. Jahrhundert bei
Claude V. Palisca, Humanism
in Italian Renaissance musical Thought, New Haven etc.
1985.
18 Neben Cl. V. Palisca, Humanism (wie Anm. 17) vgl. noch
Daniel P. Walker, »Some Aspects of the Musical Theory
of Vincenzo Galilei and Galileo Galilei«, in: Ders., Studies in Musical Science in the
Late Renaissance, London /
Leyden 1978, S. 14–26 (zuerst
in: Proceedings of the Royal
Musical Association 100
[1973/74], S. 33–47).
19 Zum Folgenden vgl. H. F. Cohen, Quantifying Music (wie
Anm. 8), S. 45–74, v.a. S. 59f.;
Stillman Drake, »Music and
Philosophy in Early Modern
Science«, in: V. Coelho (Hg.),
Music and Science (wie Anm.
16), S. 3–16., hier S. 8f.
20 P. Gouk, »The Role« (wie Anm.
9), S. 238f, mit Verweis auf
Penelope Gouk, Music, Science
and Natural Magic in Seventeenth-Century England, New
Haven etc. 1999, S. 251–254.
321
len Bewegung der Gedanken längst nicht mehr teilhatten. Auch die Wiederentdeckung der antiken Musiktheorie geschah, gemessen an der Chronologie der Renaissance, eher spät. Mathematische Disziplinen standen
ja nicht sehr weit oben auf der humanistischen Agenda, und das wirkte
sich eben auch auf die Editionsgeschichte der antiken Musiktheoretiker
aus.17 Ptolemaios, Aristoxenos und die aristotelische Abhandlung De
audibilibus beispielsweise erschienen erst 1562 in Venedig im Druck, mit
einer lateinischen Übersetzung von Antonio Gogava – als Manuskripte
zirkulierten sie freilich schon um 1500. So sickerte diese Gruppe von Texten erst im Laufe des 16. Jahrhunderts allmählich ins Bewusstsein der
Gelehrten ein, und allmählich erst wandelte sich ihre Funktion vom bloß
antiquarischen Zierrand zu einem realen theoretischen und praktischen
Einfluss. Welche Wirkung sie auf die Musiktheorie der Renaissance ausgeübt hat – von Franchinus Gaffurio über Heinrich Glarean bis zu Gioseffo
Zarlino und den Theoretikern der Florentiner Camerata –, das ist mittlerweile gut erforscht.18 Weniger intensiv scheint mir hingegen der Frage
nachgegangen worden zu sein, ob und wie diese antiken Texte die Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaft beeinflusst haben.
»Beeinflussung« gehört allerdings, ebenso wie »Wirkungsgeschichte«
oder »Rezeption«, zu den historiographischen Hilfs- oder Verlegenheitsausdrücken, die eher zur Verdunkelung als zur Erhellung komplexer historischer Sachlagen dienen. Und im zur Rede stehenden Zusammenhang
erscheint er doppelt problematisch. Denn zur Rhetorik der neuzeitlichen
Naturwissenschaft gehört ja ihre proklamierte Befreiung von Autoritäten aller Art, also von Geschichte. Nicht immer treibt das so skurrile Blüten wie im Falle des niederländischen Ingenieurs und Mathematikers
Simon Stevin (1548–1620).19 Stevin war vermutlich der Erste, der in seinem Traktat Vande Spiegheling der Singconst (vor 1605) eine Teilung der
Oktave in zwölf genau gleiche Intervalle proklamierte und berechnete,
wobei der Halbton der Proportion der zwölften Wurzel aus 1:2 entspricht.
Natürlich sind so auch die ganzzahligen Proportionen für Quinte und
Quarte dahin und damit alle Axiome der antiken Musiktheorie. Und an
diesem Punkt zeigt sich Stevin als Kenner der antiken Musiktheorie, indem er sein Bedauern darüber ausdrückt, dass Ptolemaios und alle anderen Griechen so falsch gelegen hätten. Dies sei aber nicht unverständlich, denn den Griechen hätte das wichtigste Hilfsmittel zur Wissenschaft
gefehlt, die richtige Sprache: jene Sprache, die den unverstellten Zugang
zur Wahrheit ermöglicht hätte – nämlich Niederländisch.
Ich erwähne dieses etwas skurrile Beispiel, weil zur Idee der »Wirkungsgeschichte« auch die Wirkungsgeschichte unter negativem Vorzeichen gehört. Auch wenn Stevins Traktat keinerlei Wirkung auf die Geschichte der modernen Temperatur gezeitigt hat – er wurde erst 1884
veröffentlicht –, muss er als Rezeptionsbeleg ernst genommen werden.
Er zeigt, was in jenem Zeitalter möglich war auch an Distanzierung von
den Traditionen der Antike – auch wenn Stevin zur Legitimation solcher
Distanz auf die damals übliche und bis Newton wirksame20 Idee einer
Urzeit von Weisen zurückgreift (die selbstverständlich alle Niederländisch
sprachen).
Seite 7
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Solche Legitimationsmodelle versuchen freilich noch nie Dagewesenes zu kaschieren – und gewiss stellte die Naturwissenschaftliche Revolution ein noch nie dagewesenes Phänomen dar. Welchen Sinn könnte es
dann aber haben nachzuweisen, dass dieser oder jener Forscher diesen
oder jenen antiken Text gelesen hat oder haben könnte? Die Konsequenzen, die er daraus zog, waren jedenfalls nicht die Konsequenzen, die die
Griechen daraus zogen. Diesen erschien die Zahl als eine Substanz; jenem als eine Funktion. Diese nahmen die pythagoräischen Entdeckungen nicht zum Anlass, weiter nach mathematischen Verhältnissen im Naturgeschehen zu fragen; jener hatte teil am Prozess der theoretischen
Neugierde, wie ihn Hans Blumenberg aus Entwicklungen der spätmittelalterlichen Theologie abgeleitet hat.21
Nichtsdestoweniger sei hier die These vertreten, dass einer der entscheidenden Faktoren in der Genese der naturwissenschaftlichen Revolution eben nicht nur das Studium der musikalischen Akustik war, sondern das Studium der antiken Musiktheorie, das neue Perspektiven auf
altbekannte Sachverhalte eröffnete – auch wenn dieses Studium an und
für sich ebenso wenig revolutionäres Potenzial in sich barg wie irgendein anderer isoliert betrachteter Faktor.
Um diese These zu stützen, greife ich die oben zitierten Fragen Cohens
auf, um an zwei entscheidenden Fragen der musikalischen Akustik den
Einfluss der Antike aufzuzeigen.
1. Die Koinzidenztheorie der Konsonanzen
Zur Erinnerung: Cohens erste Frage lautete, was Giovanni Battista Benedetti dazu veranlasst habe, antike Theorien über die Konsonanz und die
Fortpflanzung des Schalls miteinander zu kombinieren. Benedetti (1530–
1590) war ein in Parma und Turin tätiger Mathematiker. Die fragliche Theorie hat er in einem Brief an den Komponisten Cipriano de Rore entworfen, der vermutlich 1563 oder 1564 geschrieben wurde.
Benedetti möchte die einfachen Konsonanzen Unisonus, Oktave und
Quinte erklären. Er geht von der Beobachtung aus, dass Saiten umso
schneller schwingen, je kürzer sie sind. Dabei unterstellt er, dass die Geschwindigkeiten der Schwingungen sich genauso verhalten wie die Proportion der Saitenlängen. Wenn man beispielsweise die Saite eines Monochords im Verhältnis 2:1 teilt, so verhalten sich die Schwingungen in
der Proportion 1:2, »ut in qualibet secunda percussione minoris portionis
ipsius chordae, maior percutiet, seu concurret cum minori« – sodass jeder zweite Ausschlag des kürzeren Saitenteils mit dem Schlag des längeren zusammentrifft.22
Entsprechendes gilt auch für die Quinte (Proportion: 3:2), bei der die
Schwingungen im Verhältnis 2:3 stehen: Hier koinzidiert jeder dritte Ausschlag der schneller schwingenden kürzeren Saite mit jedem zweiten der
langsamer schwingenden längeren. Diese proportionale Übereinstimmung der Schwingungen und der dadurch erzeugten Luftwellen – undae
aeris – erzeugt offenbar den sinnlichen Eindruck eines harmonischen
Zusammenklangs.
21 Hans Blumenberg, Die Legitimität der Neuzeit, erneuerte Ausgabe, Frankfurt a.M.
1996 (1966), Abschnitt 2.
22 Zitiert nach Cl. V. Palisca,
»Scientific Empiricism« (wie
Anm. 14), S. 215. Die Briefe erschienen erstmals in Benedettis Diversarum speculationum mathematicarum &
physicorum liber, Turin 1585,
eine Edition bei Josef Reiss,
»Jo. Bapt. Benedictus, De intervallis musicis«, in: Zeitschrift für Musikwissenschaft
7 (1924/25), S. 13–20.
Seite 8
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)23 Galileo Galilei, »Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze«
(1638), in: Opere 8 (wie Anm. 1),
S. 147, hier zitiert nach H. F. Cohen, Quantifying Music (wie
Anm. 8), Anm. 33 auf S. 271.
Vgl. auch Robert E. Butts,
»Tickles, Titillations, and the
Wonderful Accidents of
Sounds: Galileo and the Consonances«, in: V. Coelho (Hg.),
Music and Science (wie Anm.
16), S. 115–129.
24 H. F. Cohen, Quantifying Music (wie Anm. 8), S. 206, und
S. 254–258 zur Begründung
ihres Erfolgs: Die Koinzidenztheorie erklärte die Tatsachen keineswegs »besser«,
aber sie war die einzige verfügbare »physikalische« Erklärung, indem sie sich auf
Bewegung berief statt auf
Zahlen (oder wie in Keplers
Harmonice mundi auf geometrische Figuren). Nicht ihr
Erklärungswert, sondern ihre
Kompatibilität mit dem Forschungsprogramm von Galilei, Mersenne oder sogar
Descartes machte ihre Attraktivität aus.
25 Patrizio Barbieri, »Galileo’s
coincidence theory of consonances, from Nicomachus
to Sauveur«, in: Recercare:
rivista per lo studio e la pratica della musica antica 13
(2001), S. 201–232.
26 Boethius, »De institutione
musica I, 31«, in: Friedlein
(Hg.), Boetii De institutione
(wie Anm. 10), S. 177–371: S.
222.
27 De audibilibus 804 a, Übersetzung: Andrew Barker,
Greek Musical Writings, Cambridge etc., Bd. 2: Harmonic
and Acoustic Theory (1989), S.
107.
28 Problemata physica XIX, 39
(Übersetzung ebenda, S. 95).
29 Vgl. De audibilibus 801a. Bakers Behauptung (n. 40, 107f.),
die Frequenz habe in De audibilibus nichts direkt mit der
Tonhöhe zu tun, kann ich
aber nicht nachvollziehen.
323
Diese Schlussfolgerung wird von Benedetti allerdings nicht ausdrücklich gezogen; erst Galileo Galilei hat fünfzig Jahre später auf der Basis dieser Koinzidenztheorie der Konsonanz
eine psychoakustische Theorie entwickelt:
»Consonanti, e con diletto ricevute, saranno quelle coppie di suoni che verranno a
percuotere con qualche ordine sopra’l timpano; il qual ordine ricerca, prima, che le
percosse fatte dentro all’istesso tempo siano commensurabili di numero, acciò che la
cartilagine del timpano non abbia a star in
un perpetuo tormento d’inflettersi in due
diverse maniere per acconsentire ed ubbidire alle sempre discordi battiture.«23
»Konsonant sind und mit Vergnügen gehört werden solche Paare von Klängen, die
das Trommelfell mit einer gewissen Ordnung berühren; und diese Ordnung verlangt, dass die gleichzeitig erzeugten Pulsationen in einer zahlenmäßigen Kommensurabilität stehen, damit das Trommelfell
nicht ständig Qualen erleidet, weil es sich
in zwei verschiedene Richtungen verrenken
muss, um den nicht übereinstimmenden
Impulsen Genüge zu tun.«
Soweit die Koinzidenztheorie der Konsonanz, als deren Urheber lange Zeit
Benedetti galt, und die nach 1600 innerhalb weniger Jahrzehnte die ehrwürdige pythagoreisch-mathematische Konsonanztheorie aus dem Bewusstsein der Gelehrten verdrängte.24 Nun hat aber Patrizio Barbieri darauf hingewiesen, dass schon zehn Jahre vor Benedettis Publikation, 1575,
Francesco Maurolico in seinen Opuscula mathematica die entsprechende
Theorie knapp zusammengefasst hat: »Commensurabilitatem percussionum efficere consonantiam«, die Kommensurabilität der Impulse bringe
die Konsonanz hervor.25 Maurolico seinerseits verweist jedoch expressis
verbis auf eine andere Autorität für diese Theorie – nämlich auf niemand
anderen als Boethius. Und tatsächlich gibt es in der Institutio musica eine
sehr knappe Passage, die auf einen verschollenen Traktat des Nikomachos
von Gerasa verweist. Hier heißt es:
»Si igitur percussiones gravium sonorum
commensurabiles sint percussionibus acutorum sonorum, ut in his proportionibus,
quas supra retulimus, non est dubium, quin
ipsa commensuratio sibimet misceatur unamque vocum efficiat consonantiam.«26
»Wenn also die Impulse der tieferen Töne
den Impulsen der höheren Töne kommensurabel sind, wie in jenen Proportionen, die
wir eben behandelt haben, dann unterliegt
es keinem Zweifel, dass diese Kommensuratio sich mit sich selbst vermischt und eine
Konsonanz der Stimmen hervorruft.«
Das ist knapp, aber sehr deutlich dieselbe Theorie, die auch Benedetti
vertritt. Aber es gibt noch weitere antike Belege. Denn auch der peripatetische Traktat De audibilibus behauptet, wenn auch in verkürzter Argumentation, dass langsamere Schwingungen in Konsonanzen mit schnelleren koinzidieren.27 Und die gleiche Lösung bieten die pseudo-aristotelischen Problemata physica an: der zweite Impuls in die Luft, den nêtê
verursacht, entspricht hypatê; das ist das Verhältnis der Oktave: 2:1, in
dem diese beiden Töne stehen.28
Die physikalische Koinzidenztheorie der Konsonanz ist also antiken
Ursprungs. Allerdings muss um der Gerechtigkeit willen zugestanden werden, dass die Griechen keine rechte Vorstellung davon hatten, was die
physikalischen Auswirkungen der unterschiedlichen Saitengeschwindigkeiten sind. Eine durchaus verbreitete, u.a. auch vom Autor von De audibilibus vertretene Theorie besagt etwa, höhere, also durch höhere Frequenz
hervorgebrachte Töne bewegten sich auch schneller.29 Hier gab es in der
Tat noch offene Fragen, denen sich das 17. Jahrhundert zuwenden konnte.
Seite 9
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Nach H. F. Cohen, Quantifying Music (wie Anm. 8), S. 199f., wurde die Koinzidenztheorie der
Konsonanz gleich dreimal unabhängig voneinander entwickelt (Maurolicos Beitrag war
Cohen noch nicht bekannt): von Benedetti, Galileo Galilei und von Isaac Beeckman 1614/15
in seinem unveröffentlichten Journal. Noch vor Galilei hatte auch Descartes in einem Brief
an Marin Mersenne die Koinzidenztheorie dargelegt, offensichtlich in (uneingestandenem)
Anschluss an Beeckman.30
2. Vincenzo Galileis musikalische Experimente
Die zweite Frage Cohens bezog sich auf Vincenzo Galilei, den Vater Galileos, berühmten Lautenisten und Verfasser eines bedeutenden musiktheoretischen Traktats über das Verhältnis zwischen antiker und moderner Musik.31 »Was hat Vincenzo Galilei dazu veranlasst«, fragt Cohen,
»dass er sich – weit jenseits des antiken Monochords – auf die experimentelle Erforschung bestimmter physikalischer Variablen der musikalischen Tonhöhe verlegte?«32
Diese Frage führt uns, vielleicht mehr noch als das Problem der Koinzidenztheorie, in das Zentrum des naturwissenschaftlichen Projekts der
Frühen Neuzeit. Vincenzo Galilei (ca. 1520–1591) ist eine paradoxe Figur
der Ideengeschichte. Auf der einen Seite vertrat er die Sache des antiken
Sologesangs gegen die moderne Kunstmusik so entschieden wie nur
irgendein Mitglied der Florentiner Camerata. Auf der anderen Seite zeigte er sich aber von der Zahlenspekulation des antiken Pythagoreismus
vollkommen unberührt – und das nicht nur, was die praktischen Erfordernisse einer gestimmten Laute anbelangt. Beides dürfte auf seine
Emanzipation von seinem Lehrer Gioseffo Zarlino und dessen pythagoreisch fundierter Musiktheorie zurückzuführen sein, wie sie unter dem
Einfluss des größten Kenners griechischer Musiktheorie im 16. Jahrhundert, Girolamo Mei, erfolgte; mit Zarlino führte Galilei über Jahre hinweg
eine äußerst erbitterte Polemik.
In den 80er und frühen 90er Jahren des 16. Jahrhunderts führte Vincenzo Galilei eine Reihe von musikalischen Experimenten durch. Möglicherweise handelte es sich um die ersten überhaupt, die Stillman Drakes
Kriterium eines naturwissenschaftlichen Experiments erfüllen: »[T]he
manipulation of physical objects for the purpose of verifying a mathematical rule preconceived as applicable to their behavior, or for the purpose
of discovering a rule involved in that behavior.«33
Es bleibt freilich fraglich, ob Vincenzos Experimente wirklich »naturwissenschaftlich« waren, scheinen sie doch vor allem deswegen durchgeführt worden zu sein, um als polemische Waffe gegen Zarlino zu dienen.34 Jedenfalls haben diese Experimente offenbar seinen Sohn Galileo
angeregt: Die frühesten Experimente Galileos sind erst um 1608 nachweisbar; in seinem frühen Traktat De motu (entstanden in Pisa vor 1592)
gibt es keine Berufung auf experimentum oder experientia im später
üblichen Sinn.35
Die wissenschaftliche Bedeutung des Experiments zur Erlangung
oder Bestätigung einer mathematischen Regel scheint ihm erst später
aufgegangen zu sein, und es ist wohl kaum abwegig anzunehmen, dass
dabei die Versuche seines Vaters eine Rolle gespielt haben. In seinen
Discorsi hat Galileo dann jedenfalls dieselben Ergebnisse veröffentlicht
30 Vgl. H. F. Cohen, Quantifying
Music (wie Anm. 8), S. 167f.
(vgl. auch P. Barbieri, »Galileo’s coincidence theory«
[wie Anm. 25], S. 207f., und
zum Prioritätsstreit zwischen
Beeckman, Descartes und
Mersenne Cohen S. 187–201).
Möglicherweise verdanken
sich diese »Heterogenesen«
dem gemeinsamen Referenzpunkt der antiken Musiktheorie – Mersenne zumindest
beruft sich 1623 auf Boethius
(Barbieri, S. 209).
31 Dialogo della musica antica
e della moderna, Florenz 1581.
32 Wie Anm. 16.
33 S. Drake, »Renaissance Music«
(wie Anm. 12), S. 497. Es sei
angemerkt, dass die Frage,
was ein »eigentliches« wissenschaftliches Experiment
ausmache, in der Forschung
äußerst kontrovers diskutiert
wird.
34 So klassifiziert H. F. Cohen,
Quantifying Music (wie Anm.
8), S. 84, V. Galilei als »an experimentalist […], but still a
fairly half-hearted one«, und
auch nach den Kriterien von
P. Dear, Discipline & Experience (wie Anm. 2), wäre
Vincenzo wohl kaum als Experimente zu bezeichnen.
Vgl. dagegen Claude V. Palisca, »Was Galileo’s Father an
Experimental Scientist?«, in:
V. Coelho (Hg.), Music and
Science (wie Anm. 16), S. 143–
151 (auch in: Paolo Gozza [Hg.],
Number to Sound: The Musical Way to the Scientific Revolution, Dordrecht / Boston /
London 2000, S. 191–199). Vgl.
zum Folgenden auch die Darstellung von Brigitte Van Wymeersch, »Les rapports entre la musique et la science
dans la seconde moitié du
XVIe siècle«, in: Revue des
Questions Scientifiques 169
(1998), S. 179–207.
35 Cl. V. Palisca, »Was Galileo’s
Father« (wie Anm. 34), S. 146;
ebenso S. Drake, »Music«
(wie Anm. 19), S. 10f. Zustimmend H. F. Cohen, Quantifying Music (wie Anm. 8), S. 92.
Seite 10
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)36 G. Galilei, »Discorsi«, in: Opere 8 (wie Anm. 1), S. 143f. Zitiert bei Cl. V. Palisca, »Scientific Empiricism« (wie Anm.
14), S. 232f., oder Sigalia Dostrovsky / John T. Cannon, Entstehung der musikalischen
Akustik (1600–1750), in: Carl
Dahlhaus et al., Hören, Messen und Rechnen in der Frühen Neuzeit, Darmstadt 1987
(Geschichte der Musiktheorie 6), S. 7–79, hier S. 17f.
37 Vincenzo Galilei, »Discorso
particolare intorno alla diversità delle forme del diapason«, ediert und übersetzt
in: Claude V. Palisca, The Florentine Camerata: Documentary Studies and Translations,
New Haven 1989, S. 180–197,
hier S. 180.
38 V. Galilei, »Discorso«, passim.
Diese letzte Gleichung ist
bestritten worden von D. P.
Walker, Studies (wie Anm. 18),
S. 24 mit dem Hinweis, dass
die Länge und nicht das Volumen für die Tonhöhe einer
Pfeife verantwortlich sei; verteidigt wurde sie von Cl. V.
Palisca, Florentine Camerata
(wie Anm. 37), S. 159 und Anm.
14 auf S. 191; vgl. ders., Studies
(wie Anm. 14), S. 202. Offensichtlich ist auch der Durchmesser ein Faktor bei der
Tonhöhenerzeugung einer
Pfeife.
39 Vincenzo Galilei, Discorso intorno alle opere di messer
Gioseffo Zarlino da Chioggia,
Florenz 1589 (Faksimile Mailand 1933), S. 103–105 veröffentlicht. Dazu Cl. V. Palisca,
»Scientific Empiricism« (wie
Anm. 14), S. 227–233 (und S.
202–204 der Einleitung) und
ders., »Was Galileo’s Father«
(wie Anm. 34), passim. Vgl.
auch H. F. Cohen, Quantifying
Music (wie Anm. 8), S. 82f.
325
– und sie durch seine bereits zitierte psychoakustische Variante der
Koinzidenztheorie erklärt.36
Dass Vincenzo Galilei seine Versuchsanordnungen doch nicht nur als
Ad-hoc-Verfahren betrachtet, sondern mit ihnen einen theoretischen Hintergrund verbunden haben könnte, das legt der Beginn seiner kleinen,
nur im Manuskript überlieferten Abhandlung Discorso particolare intorno
alla diversita delle forme del diapason (1589/90?) nahe. Hier findet sich
die so beiläufige wie programmatische Feststellung: »quantunque poche cose siano quelle che non possino essere e’ pesate, et numerate, et
misurate.« – »Denn nur wenige Dinge gibt es, die nicht gewogen und
gezählt und gemessen werden können.«37 Das ist noch nicht ganz dasselbe wie von der mathematischen Lesbarkeit der Welt zu sprechen, aber
es kommt ihm doch nahe – nebenbei mit einem unüberhörbaren Anklang
an den Satz aus dem Buch der Weisheit (11, 21), Gott habe alles nach Maß,
Zahl und Gewicht geordnet. Während man dem späten biblischen Text
neoplatonisch-pythagoreisierende Tendenzen unterstellen darf (als einziger im Alten Testament ist er in griechischer Sprache verfasst), ist Vincenzos Ansatz eher von technischer Nüchternheit geprägt und im Ergebnis strikt antipythagoreisch. Wo sein ehemaliger Lehrer und späterer Erzfeind Gioseffo Zarlino von numeri sonori gesprochen hatte, von
klingenden Zahlen, hält ihm Galilei entgegen, dass eine Zahl keinen
corpo habe und daher auch nicht klingen könne. Klingen könnten eben
nur Körper.
Im Discorso berichtet Vincenzo über seine Versuche, herauszufinden,
wie das Intervall der Oktave zustande kommt, indem er klingende Körper
vermaß und wog. Das einfachste Verfahren ist, eine Saite im Verhältnis
2:1 zu teilen und beide Teile anzuschlagen. Das stimmt mit der pythagoräischen Lehre überein. Ein weiteres Experiment ist, zwei Saiten von derselben Dicke und Qualität aufzuhängen und mit Gewichten aus demselben
Material zu beschweren; und hier stellt Vincenzo fest, dass die Gewichte
das Verhältnis von 4:1 aufweisen müssen, die pythagoräische Proportion
zum Quadrat, damit die Spannung der Saiten das Intervall einer Oktave
hervorruft. Drittes Experiment: Vincenzo fragt nach dem mathematischen
Verhältnis zwischen zwei Hohlkörpern, beispielsweise zwei Orgelpfeifen,
und erklärt, es verhalte sich wie die Kubikzahlen der Proportion 2:1 zueinander: 8:1 ergibt eine Oktave.38
Das sind Experimente einer mathematischen Physik, auch wenn Vincenzo Galilei in seiner im Druck erschienenen Schrift Discorso intorno alle
opere di messer Gioseffo Zarlino da Chioggia nicht diese Experimente schildert, sondern sie unter Berufung auf die »esperienza delle cose maestra«
als allgemeingültige, von jedem nachvollziehbare Versuchsanordnungen
beschreibt, also sozusagen vom neuzeitlichen Experiment wieder zum
aristotelischen Erfahrungsbegriff zurück wechselt.39 Aber wie kommt
Galilei auf die merkwürdige Idee, Gewichte an Saiten aufzuhängen? In
dem Traktat ist Zarlino, der Musiktheoretiker, Galileis bevorzugtes Angriffsziel; gegen seine pythagoreische Verklärung der Zahlen sind die nüchternen Demonstrationen gerichtet. Aber paradoxerweise ist es Pythagoras selbst, der Vincenzo dabei die Richtung weist.
Seite 11
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Vincenzo war, dank der Instruktionen des Philologen Girolamo Mei,
der antiken Musiktheorie nicht unkundig, wenn er sie auch nur in lateinischen Übersetzungen lesen konnte.
Zwar findet sich in den erhaltenen Briefen Meis an Galilei kein Hinweis darauf, doch sind sie
nur ein Bruchteil der ursprünglichen Korrespondenz; 1582 erklärt Mei, er habe mit Galilei in
den letzten fünf Jahren dreißig Briefe ausgetauscht und Galilei habe ihn zweimal in Rom
besucht.40
Eine Beschreibung von Pythagoras als einem experimentellen Naturwissenschaftler konnte Vincenzo etwa im 6. Kapitel des Enchiridion des Nikomachos von Gerasa finden. Als Pythagoras sein Schmiede-Erlebnis hinter
sich gebracht hat, wiegt er die Hämmer und schafft sich Metallstücke an,
die genau den Proportionen der Hämmer entsprechen.
»Dann«, fährt Nikomachos fort, »brachte er einen einzigen Balken unter dem Dach an, von
einer Ecke seines Hauses bis zur anderen, damit kein Unterschied aus unterschiedlichen
Balken entstehen oder auch nur vermutet werden konnte. An ihr hängte er vier Saiten auf,
jede aus demselben Material, aus derselben Anzahl von Fasern, von gleicher Stärke und im
selben Maß geflochten wie alle anderen. Dann befestigte er ein Gewicht am unteren Ende
jeder Saite. Und indem er es so eingerichtet hatte, dass die Länge jeder Saite in jeder Hinsicht absolut gleich war, schlug er die Saiten an, immer zwei zugleich, und fand die Zusammenklänge ebenso wie zuvor [nämlich in der Schmiede], einen unterschiedlichen für jedes
Paar.«41
Nun erst stellt Pythagoras fest, dass diese Gewichte zueinander in bestimmten Proportionen stehen. Und obwohl ihm, wie Nikomachus schreibt, bei
der Arbeit mit den Gewichten Hände und Gehörsinn wund geworden sind,
führt Pythagoras weitere Experimente durch, indem er die durch die Gewichte verursachte Saitenspannung auf ein Saiteninstrument überträgt;
später demonstriert er die Konsonanzen an Töpfen, Auloi, Syringen, Monochorden, Trigona und so weiter.
Soweit die Geschichte. Sie findet sich sehr verkürzt bei Boethius:
»Hinc igitur [Pythagoras] domum reversus varia examinatione perpendit, an in his proportionibus ratio symphoniarum tota consisteret. Nunc quidem aequa pondera nervis aptans
eorumque consonantias aure diiudicans […].«42
und, daran anschließend, im Mittelalter. Aber erst Vincenzo Galilei hat
diese Vorgaben wirklich experimentell überprüft. Dazu hat ihn, wenn
nicht Nikomachos oder eine andere der antiken Quellen, so wenigstens
der auf ihnen basierende Bericht Zarlinos angeregt.
»[Pithagora,] hauendo fatto chorde di budella di pecore di grossezza vguale, attaccando ad
esse li medesimi pesi de martelli, ritrouò le medesime consonanze; tanto più sonore, quanto
le chorde per sua natura rendono il suono all’ udito più grato.«43
Jedenfalls erwähnt auch er ausdrücklich die herzustellende materielle
Übereinstimmung der Saiten – »della medesima materia, uguali in lunghezza, in grossezza, et in bontà«.44
Es ging hier nicht darum, in philologischer Manier »Vorläufern« und »Quellen« nachzujagen. Noch weniger war mein Anliegen nachzuweisen, dass
die Forscher um 1600 den Anruf des griechischen lógos über den Abgrund
der Zeiten hinweg vernommen hätten. Aber es bleibt festzuhalten, dass
sich sowohl die Koinzidenztheorie der Konsonanz als auch Vincenzo Ga-
40 Vgl. Girolamo Mei (1519–
1594): Letters on Ancient and
Modern Music to Vincenzo
Galilei and Giovanni Bardi, a
Study with Annotated Texts
by Claude V. Palisca, s. l.
[Rom] 1960 (Musicological
studies and documents 3), S.
12.
41 Nikomachos von Gerasa, Enchiridion, c. 6, in: Carl von Jan
(Hg.), Musici scriptores Graeci, Reprint Hildesheim 1962
(Leipzig 1895), S. 245–248.
Übersetzung: Barker, Greek
Musical Writings 2, S. 256–
258. Ein fast gleichlautender
Bericht findet sich in Jamblichos’ Vita Pythagorica 115–
121; vgl. Dostrovsky/Cannon,
Entstehung (wie Anm. 36), S.
15. Dass Vincenzo einfach die
Experimente von Pythagoras
reproduzierte, sollte die allzu
glatte Interpretation seines
Handelns als »instrumentelle Vernunft« zumindest irritieren (Daniel K. L. Chua, »Vincenzo Galilei, Modernity and
the Division of Nature«, in:
Suzannah Clark / Alexander
Rehding [Hg.], Music Theory
and Natural Order from the
Renaissance to the Early Twentieth Century, Cambridge etc.
2001, S. 17–29: vor allem S. 22–
25).
42 Boethius, »De institutione
musica I, 11«, in: Friedlein
(Hg.), Boetii De institutione
(wie Anm. 10), S. 198.
43 Zarlino, Le istitutioni harmoniche, Venedig 1558, Lib. I, c. 1,
S. 3f. Schon in der Antike hatte Ptolemaios, Harmonica, c.
8, 17, die pythagoreischen Experimente in Frage gestellt,
aber nur aus forschungspraktischen Einwänden und ohne eine alternative Berechnung anzubieten.
44 »Bontà« könnte sich auf Reinheit, Gleichmäßigkeit oder
Dichte des Materials beziehen. Vgl. Anm. 6 auf S. 183 der
Edition von Palisca (wie Anm.
Seite 12
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)45 Und auch nicht das Mittelalter, dem beides, Koinzidenztheorie und Experimentalakustik, zumindest umrisshaft aus Boethius’ Institutio
musica (I, 11 bzw. I, 31) bekannt war.
327
lileis akustische Experimente Anregungen und Vorgaben der antiken Musiktheorie verdanken. Ich möchte auf gar keinen Fall den Eindruck erwecken, als sei ein so komplexer Vorgang wie die Naturwissenschaftliche
Revolution der Frühen Neuzeit monokausal auf das Studium der alten
Texte zurückzuführen. Der beste Gegenbeweis ist ja, dass die Griechen
selbst nicht in jenen Rausch des Messens, Zählens und Wiegens verfallen
sind, der das Ethos der nuove scienze ausmacht.45 Aber auch multifaktorielle historische Erklärungsmodelle gehen davon aus, dass die Geschichte
einen anderen Kurs genommen hätte, wäre ein Faktor ausgefallen. Und
in diesem Sinn sollte man, meine ich, die Schubkraft der antiken Musiktheorie beim take off der neuzeitlichen Naturwissenschaft nicht überschätzen. Auch die Lektüre des Buches des Universums hatte man aus
den Büchern der Alten gelernt.
Summary
One of the most striking features of the so-called Scientific Revolution of the late 16th and
17th centuries is the mathematization of physics, as embodied, for instance, in Galileo Galilei’s
famous claim that »the book of the Universe is written in mathematical language«. In two
research fields however, music and astronomy, this claim was already an established part of
the age-old Pythagorean-Platonic tradition. Why, after almost two thousand years, did the
time-honoured idea of sounding number suddenly give rise to experiments and new theories in the realm of musical acoustics? It is probable that the study of ancient Greek music
theory during the sixteenth century was one of the main factors in this process. Two key
episodes in the history of early modern acoustics – the emergence of the coincidence theory of sound, and Vincenzo Galilei’s musical experiments – can be shown to be directly dependent on texts by Nikomachos and the peripatetic tradition. For, even if they wanted to
read the book of Nature, early modern science still had to study the books of the Ancients.