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ANTE
Var DIE PULSAR AE DES ALIERTUNS
I. JONIER UND PYTHAGORÄER.
1. In einer Art von kosmogonischen Berichten äußert
sich zunächst auch der wissenschaftliche Geist des Griechentums.
Aber man darf diese Berichte, trotz mannigfacher und
tiefgehender Obereinstimmungen, den mythischen als philosophische Kosmogonien im engeren Sinn gegeniiberstellen.
Der Kreis der Interessen, so kann man sagen, die die ältesten kosmogonischen Philosophen bewegen, ist gewiB enger als
derjenige der kosmogonischen Mythen; demgemäB wohl auch
die Zahl der problemgeschichtlich bedeutsamen Motive in ihnen
geringer. Dafür aber übertreffen sie jeneMythen inbezug auf die
Eindeutigkeit der Absicht,
die Bestimmtheit
der Problemstellung und die Sicherheit in der Wahl der Mittel, ihrer Probleme Herr zu werden; — Umstinde, die das problemgeschichtliche Gewicht ihrer Position gegeniiber demjenigen der kosmogonischen Mythen wesentlich erhòhen. Auch der kulturelle
Hintergrund, auf dem sie sich entfalten, ist naturgemiB geschlossener
als
industriereiche
derjenige
dieser
Mythen:
das
handelsund
Milet, diese mächtigste der ionischen Städte,
ist der Mutterboden der philosophischen Kosmogonien, wie sie
sich im 6. und 7. vorchristlichen Jahrhundert an die Namen
Thales,
fen.
Anaximander und
Anaximenes knüp-
Es besagt ja an sich gewiB nur wenig, daB Thales das
Wasser, Anaximander einen als bestimmungslos und unbegrenzt
bezeichneten Urstoff, Anaximenes die Luft für die Urprinzipien
jeglichen Seins erklären.
Die Frage muB sein, von welchen
theoretischen Motiven diese Setzungen beherrscht, d. h. welches
die philosophisch-wissenschaftlichen
ihnen zur Geltung kommen.
Frage
Grundsätze sind, die in
Unter dem Gesichtspunkt dieser
aber dürfen alle drei Denker zusammen abgehandelt
werden.
Seite 2
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Die Tendenz jeglicher Kosmogonie, die Entstehung
der Welt auf eme möglichst geringe Anzahl von Faktoren zurückbei einer ganz bestimmten Problemlage die Annahme einer
beseelten Materie in den mythischen Kosmogonien eine Folge
gerade dieses Motivs, so kann sie es in dem Bereich der
zuführen, steigert sich hier zu dem Versuch, sie aus einem einzigen „Urprinzip‘“ herzuleiten:
Und auch dieses Urprinzip
ionischen nicht mehr sein.
selbst hat jetzt ım Vergleich zu dem der mythologischen Kosmogonien eine bedeutsame Wandlung erfahren: es ist dem, was
aus ihm „hervorgehen“ soll, wenn auch nur mit gewissen Einschränkungen, grundsätzlich gleichgeartet.
Das ionische Urprinzip ist, zum Unterschied von den Lehren der mythischen
Kosmogonien, nicht sowohl
WPeAa
Schöpfungsprinzi p, denn
vielmehr Schöpfungssubstrat. — Es wird sich noch
zeigen, ob solcher Wandel einer gedanklichen Verarmung gleichzuhalten sei.
Für die
daher
ionische
andere
Lehre vom
»,Hylozoismus
werden
Grundlagen
werden müssen.
Sie ist, um es kurz zu sagen, ein ejgenartiger
gesucht
Ausdruck des Strebens nach theoretischer Erfassung der Erfahrungsmannigfaltigkeit. Man wird diese Wendung nicht miBverstehen dürfen.
Weder soll sie die Naivität des milesischen
Hylozoismus in Frage stellen, noch auch den Versuch machen,
in ihn irgendeine bewußte theoretische Absicht hineinzudeuten.
Was sie will, ist nicht mehr als dies: aus den naiven Konzeptionen
Die gelegentliche Bezeichnung des ionischen Urjener alten Naturphilosophen den methodischen Kern herauszuprinzips als ,,Urmaterie‘ mag jedenfalls mit ihm zusammenSie kann immerhin beibehalten werden. Nur wird man
schälen, der ihre problemgeschichtliche Bedeutung bedingt. Der
hängen.
ionische Hylozoismus trägt den Begriff des Lebens in denjenigen
nicht versäumen dürfen, sich auf die ganz besondere Eigenart
eines materiellen Urprinzips hinein, weil ihm nur so die Mögdieser milesischen
,,Urmaterie‘ zu besinnen: den ionischen
Kosmogonikern gilt sie als Urmaterie gleich allem, was aus
ihr entstehen mag, für belebt, oder was in jener ältesten Periode
lichkeit verbürgt erscheint, das Mannigfaltige des Weltgeschehens
der Naturphilosophie im weiten Umfang dasselbe bedeutet für
beseelt.
wissenschaftliche Erklärung genügt, oder weshalb gerade die
Begriffe des Lebens und der Beseeltheit sich für den Gebrauch,
2. Schon war uns das Motiv der Beseeltheit des materiellen
Schöpfungssubstrates
auch
im
Bereich
der
kosmogonischen
Mythen begegnet: da, wo im Hinblick auf den Be griff der
Schöpfung dem Schöpfungssubstrat die spezifische Aktivität
eines „handelnden“ Schöpfungsprinzips zugesprochen, dieses
in
jenes „hineingedacht‘‘ werden mußte.
Die ionische Lehre von
in der Einheit eines Grundes zu erfassen. Es ist nicht die Frage,
inwieweit diese Annahme den begründeten Ansprüchen an eine
>
a
Ii:
den der milesische Hylozoismus von ihnen macht, besonders
eignen möchten. Auch ist kein Zweifel, daß die ionische Auffassung des Lebens als eines Urphänomens, ihren psychologischen
Anlässen nach betrachtet, kaum mehr bedeuten dürfte, als eine
naive Verallgemeinerung eindrucksvoller Erlebnisse.
Aber unabhängig von allen diesen und verwandten Erwägungen ist die
der ,.Allbeseeltheit'* der Materie aber ist von ganz anderer Struk-
Einsicht, daß auch der ionische Hylozoismus methodologisch als
tur, denn sie hat ganz andere sachliche Voraussetzungen.
ein Moment im Versuch einer , Welterklárung” bewertet werden
Wohl
ist auch die ionische ,,Urmaterie das im Wechsel und gegenüb
er
der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen mit sich selbst identisc
h
Beharrende und somit jenen Wechsel als solchen erst
Bedingende und Ermöglichende. Auch ist sie, inhaltlich betrachtet,
Quelle und Ursprung alles Wechselnden. Ebenso repräsentiert
auch sie die Normen, gemäß welchen das Weltges
chehen sich
vollzieht.
Aber was hier völlig zurücktritt, ist das mythischkosmogonische Motiv des
54
Schöpfungsaktes.
War nun
kann, als eine naive Antwort auf die Frage: Welche Beschaffenheit ist für die substantielle Einheit der Welt anzunehmen, damit
ihre Mannigfaltigkeit „verständlich“, d. h. erklärbar werde.
Nach manchen Richtungen hin ließe sich diese Überlegung noch
ergänzen: die merkwürdige Selbverständlichkeit, mit der hier
implicite die elementare Struktur des Lebensbegriffs behauptet,
die naive Sicherheit, mit der hier „Leben‘‘ nicht nur als Gegenstand, sondern auch als Prinzip und Mittel der Erklärung auf55
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)tritt, böten dazu reichen Anlaß. Aber fiir den Augenblick genügt
»,Werden" in denjenigen der organischen
es in Beziehung auf früher Gesagtes festzuhalten: Der ionische
Verzicht auf ein kosmogonisches Schöpfungsprinzip bedeutet
nicht einen Mangel und einen methodischen Rückschritt hinter
gewisse mythische Kosmogonien. Er darf vielmehr als Ausdruck
einer methodischen Läuterung betrachtet werden, die sich in
den kosmogonischen Prinzipienfragen unmerklich vollzogen hat,
als eine Erhöhung ihres logischen Gehalts und ihres problemlung notwendig in sich schließt,
Entwick-
Und noch in einem weiteren Motiv offenbart sich den
mythischen Kosmogonien gegenüber die ionische Tendenz zur
„Erklärung“: immer schärfer tritt neben die Interessen für die
Erklärung der ,,Welt" und ihres Werdens der Sinn für eine Erklärung der Dinge in der Weit. Es ist kein Zufall, daß eine Reihe
teils bedeutsamer, teils kindlich-unkritischer, absichtlicher oder
geschichtlichen Wertes. Und wenn er auch mit manchem kosplanloser Naturbeobachtungen sich mit den eigentlichen kosmogonischen Mythos inhaltlich übereinstimmen mag, der logische
mogonischen Bestrebungen der Ionier zu unlösbarer Einheit
Sinn seiner Position, den das Wort „Erklärung“ in sich schließt,
verknüpft.
ist ein anderer und neuer.
erklärung, der Substanzsatz, gestaltet sich jetzt, ihren theo-
3.
Sofort
aber eröffnen sich von hier
aus weitere bedeutungsvolle Perspektiven. Schon die mythischen Kosmogonien
retischen
Aber
auch
Funktionen
die
nach
oberste
Bedingung
betrachtet,
weit
aller
Naturmannigfaltiger.
Nicht mehr in dem Sein, dem Wirken und den wechselseitigen
hatten aus naheliegenden Gründen, implizit oder explizit, mit
Beziehungen mythischer Persönlichkeiten verkörpert sie sich,
dem Begriff des
sondern. in einer Fülle theoretischer Beziehungen.
Zwecks operieren müssen. Der teleologische
Zunächst
Gedanke gehört mit zu ihren unveräußerlichen Bestandstücken.
fällt, um nur das wichtigste anzudeuten, eines auf. Es sind zwei
Er ist von dem Begriff des Schöpfungsaktes schlechterdings nicht
zu trennen.
Auch in den philosophischen Kosmogonien der
Milesier nun ist er vorhanden. Aber auch er rückt hier in
durchaus verschiedene, genauer unter verschiedenen Gesichtseine neue und eigenartige Beleuchtung: nur im Hinblick auf den
geworden
Begriff des Lebens ließe sich die Struktur des Zweckgedankens
in der milesischen Naturphilosophie entwickeln. In den kosmogonischen Mythen erscheint der teleologische Einschlag in
den Begriff des Weltganzen — man ist versucht, dabei an gewisse
Entwicklungsphasen des Neuplatonismus zu denken — als eine
Folge des Verhältnisses zwischen Schöpfungsprinzip und
Schöpfungswerk. Nur von diesem Verhältnis her kommt hier
der Erscheinungen
punkten auf die Geltung des Substanzsatzes zurückweisende
Behauptungen, daß die Dinge der Welt aus dem Urprinzip
seien, und daß das Urprinzip in allem Wandel
gegenwärtig
ist. Fürdie Kosmogonien
selbst tritt naturgemäß der erstere Gedanke in den Vordergrund; aber auch der zweite bleibt in ihnen ohne Frage wirksam.
Ist doch das Urprinzip, um den aristotelischen Bericht über
Thales heranzuziehen, dasjenige, „woraus alles Seiende besteht,
woraus es zuerst entsteht und worin es zuletzt untergeht." 1)
Gerade der Gedanke nun von der Allgegenwart des Urprinzips
Die philoaber schließt notwendig eine wichtige Doppelbedeutung ein,
sophischen Kosmogonien der Ionier dagegen verhalten sich umüber die als solche sich natürlich nur die kritische Reflexion des
ein „biologischer“ Zug in die Erklärung der Welt.
gekehrt: hier ist es gerade der Begriff des
Lebens, aus dem
der teleologische Charakter der Welterklärung entspringt. Es
genüge diese Gesichtspunkte, die, wie sich von selbst versteht,
umfassendster Ausgestaltung fähig wären, zu fixieren.
Nur
von ihnen aus wird auch die ganze problemgeschichtliche Be-
Historikers
Rechenschaft
zu
geben
vermag:
das
Urprinzip
kann in allen Dingen vorhanden sein so, wie etwa ein und dasselbe chemische Element in verschiedenen Verbindungen ,,vorhanden‘ ist, oder aber so, wie man den unbekannten Grund
der Erscheinungen in allem und hinter allem, also auch, um in
deutung zu ermessen sein, die bei den Joniern die allmählige
aber stetige
56
Verwandlung
der
Begriffe
„Entstehung“
und
‘) Vgl. Aristoteles, Met. I., 3. p. 983 S. 20,
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)dem Rahmen des Beispiels zu bleiben, in den chemischen Elementen selbst „vorhanden“ sein läßt.
Es treten also, wie man
sieht. hier ganz verschiedene Funktionsweisen und Funktionstypen des Substanzgedankens in die Erscheinung: es sondert
sich innerhalb seines Funktionsbereichs der metaphysische von
einem naturwissenschaftlichen Sinn der Beharrung. Ja, nichts
mehr überhaupt entzieht sich jetzt ihrer Gesetzlichkeit: auch
der „Untergang“ des Seins ist streng genommen nur dessen
Der
Fortsetzung in dem beharrenden Sein des Urprinzips.
allgemeine Gedanke einer Einheit von Mannigfaltigem hat in
der Substanz-Lehre der Ionier gegenüber den naiven Kosmogonien der Mythen eine ungeahnte Verschärfung und Vertiefung
erfahren. Er hat sich nun endgültig in den fundamentalen Beziehungsbegriff der Beharrung verwandelt, dessen Bedingungen
ENRE
kosmogonischen Thesen der Milesier der Begriff der Naturgesetzlichkeit, strenger die Setzung
dieses Begriffs, mit allen seinen
Bedingungen und Konsequenzen gefordert; Konsequenzen, an
deren Spitze naturgemäß der Gedanke der kausalen Ordnung
der Erscheinungen stehen wird. Noch freilich ist dieser Gedanke
in seiner logischen Unabhängigkeit von der Besonderheit des
Substrates jener ,,Urmaterie‘
nicht erfaßt
und festgehalten.
Aber dem rückschauenden Historiker kann sie nicht zweifelhaft
sein.
Wird sie ihm doch durch die Verschiedenheit der Urstofie
bei der Gleichheit ihrer kosmogonischen Funktion besonders
eindrucksvoll nahegelegt.
Daß die milesischen Lehrsätze über
die nähere Beschaffenheit der Urmaterie, inhaltlich betrachtet,
wenig mehr bedeuten können als mißglückte naturwissenschaítliche Annahmen, liegt auf der Hand.
Aber auch nicht um des
alles, was über die Natur ausgesagt werden kann, unterworfen ist.
Glücks ihrer naturwissenschaftlichen Erfolge halber bewahren
Eben dieser Beziehungsbegriff ist auch der Grund für gewisse
sie ihre
formale Bestimmungen, welche die Milesier ihren Urprinzipien beilegen. Die „Unendlichkeit“ jenes „bestimmungslosen‘ Substrates,
Daß sie solche Erfolge überhaupt erstreben, macht sie
Stellung in der Problemgeschichte der Philosophie.
hier schon bedeutungsvoll.
Als „naturwissenschaftlicheHypodas
Anaximander
als daeor bezeichnet, ist z. B. eine
solche.
Es sei unmöglich anzunehmen, daß der unendliche
thesen‘ überhaupt, realisiert sich in ihnen eine Fülle von Voraus-
Wechsel der Dinge aus ,,Nichts'* geworden sei; er müßte deshalb aus einem in ihm beharrenden und ebendarum selbst
geschichtlicher Forschung in der Philosophie bleibt, auch wenn
„unendlichen‘ Urgrund entstehen. So entsteht alles aus dem
„Unendlichen‘, so vergeht alles in das „Unendliche‘“. So ist
das Urprinzip Anaximanders „unsterblich und unzerstörlich“.
4. Unter verwandten Gesichtspunkten ist auch eine weitere
längst entschwunden ist.
Reihe von Grundbegriffen zu beurteilen, die in den milesischen
Kosmogonien, wenn auch oft nur rudimentär angedeutet, in
unmittelbarer Beziehung auf die kosmogonische Absicht
wirksam sind.
Von der „erklärenden‘ Zurückführung des
setzungen, die festzuhalten ein unveräußerliches Gebot problemder naturwissenschaftliche
Gehalt der Hypothese,
wie hier,
5. Und zu allem dem gesellt sich als problemgeschichtlich
bedeutsames Moment noch eines: das in den milesischen Lehren
gesetzte Verhältnis zwischen Philosophie und Wissenschaft.
Philosophie bedeutet hier zunächst gar nichts anderes wie WissenDie „Liebe zur Weisheit‘ erscheint eben in ihren allerschaft.
ersten Formen als die Liebe zur Wahrheit über die Natur, als
das Streben nach Entdeckung ihrer Gesetze.
Freilich, es fehlt
Mannigfaltigen auf die Einheit des Urprinzips war bereits mehrbei den Milesiern, und ganz besonders bei dem tiefsten unter
fach die Rede.
Solche Zurückführung nun involviert, welches
ihnen, bei Anaximander, nicht an Anzeichen für ein unseren
auch sonst noch ihre Elemente sein möchten, den bedeutsamen
Begriffen nach über die Gesetze der Natur eigenartig hinaus-
Gedanken der objektiven Bedingtheit der Naturerscheinungen:
greifendes Interesse. Wir hören von der „Schuld‘ des Daseins,
das Motiv der Notwendigkeit durch Naturgesetze und weiterwofür die Dinge nach der Ordnung der Zeit „Buße und Strafe
hin dasjenige von der Notwendigkeit der Naturgesetze selbst.
zahlen müssen“, indem sie nach ihrem Schicksal in das ver-
Es ist mit anderenWorten trotz aller kindlichen Naivität in den
gehen, woraus sie geworden sind.
Allein, die Wendungen dieser
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Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)Art sind, wenn nicht alle Zeichen trigen, keineswegs wörtlich
7. In kaum unterbrochener, gedanklicher Kontinuität
zunehmen. Sie scheinen an uralte orphische Mythen gemahnend®
setzen sich die Motive der ionischen Naturphilosophie fort in
der Lehre des Pythagoras und der Pythagoräer.
Zunächst freilich erscheint ja der pythagoräische Gedanke, daß
die Zahldas Urprinzip sei, einen völligen Bruch mit der milesischen Tradition anzukündigen. Alsbald aber enthüllen sich
einer tiefer eindringenden Analyse wesentliche und schlechthin
unaufhebbare Zusammenhänge. „Nichts von Lug nimmt die
Natur der Zahl, die Harmonie besitzt, in sich auf‘, heißt es einmal bei Philolaos; denn „Lug ist der Natur unversöhnlicher
Feind, dagegen die Wahrheit eigen und angeboren dem Geschlecht der Zahl“. Die Zahl also ist der Ausdruck der .,Wahrheit“, wir dürfen sagen, der unverlierbaren Gesetzlichkeit, in
der Natur. „Die Zahlen sind das Erste in der ganzen Natur”,
die Elemente der Zahlen die Elemente aller Dinge‘ und „das
Ausdrucksformen für eben die Gesetzlichkeit sein zu wollen
gemäß der die Mannigfaltigkeit
der Erscheinungen aus dem
ungewordenen Urgrund des Daseins hervorgeht.
So bleibt für
den milesischon Begriff der Philosophie anscheinend die Identität von Philosophie und Wissenschaft bezeichnend.
Auch
darin aber offenbart sich eine selbständige und folgenreiche
Entwicklungsreihe von Gedanken. Das Problem des Begriffs
der Philosophie ist jetzt gestellt, das Problem seines Verhältnisses zu dem der positiven Wissenschaft.
Wir wissen, daß er
mit dem letzteren nicht zusammenfallen kann. „Aber vielleicht
ist die Gleichsetzung von Philosophie und positiver Forschung
eine Bedingung für die Entwicklung der letzteren und damit
eine Voraussetzung für die Möglichkeit der Philosophie selbst.
Vielleicht mußte Philosophie vorerst mit positiver Wissenschaft
ganze Weltgebäude Harmonie und Zahl“. — Zunächst laufen
verwechselt worden sein, um selbst Wissenschaft von der Möghier offensichtlich zwei Gedankenreihen nebeneinander her und
durcheinander, die methodisch isoliert und in ihrem sachlichen
Zusammenhang erfaßt werden müssen: die eine betrifft das
Sein der Zahl, die andere die Zahl als den Grund des Seins
der Dinge. Diese Unterscheidung wird von den Pythagoräern implizit und wie man trotz mancher Gegeninstanz wohl
sagen darf, gelegentlich auch explizit gemacht. Vorbereitet ist
sie in der bedeutungsvollen Unterscheidung zwischen den Begriffen der Zahl und des Zählbaren. Und auch diese Unterlichkeit der letzteren werden zu können.
6. Diesen allgemeinen Feststellungen gegenüber tritt einerseits das Interesse für die näheren Gesichtspunkte, durch welche
die drei ältesten milesischenKosmogoniker sich voneinander unterscheiden, relativ zurück, andererseits ist durch sie noch nichts
ausgesagt über die Eigenart der besonderen Anlässe, denen die
kosmogonischen Gedankenreihen ihr Dasein verdanken.
Hier
wie dort handelt es sich um Fragen von im engeren und engsten
Sinn des Wortes historischem Interesse, die in dem gegenwärtigen
Zusammenhang übergangen werden dürfen.
Nur eines mag
inbezug auf sie und als Abschluß dieser Erwägungen noch
einmal
ausdrücklich
betont
sein:
der
Gedanke,
daß
die
theoretisch reinste Form der ionischen Kosmogonien da vorliegt, wo das Motiv der Konzeption ein im wesentlichen logisches
ist, bei Anaximander.
Mit seltener Klarheit spiegeln sich in der
Kosmogonie dieses Mannes die Bedingungen der Aufgaben, die
scheidung wieder schließt zwei Gesichtspunkte in sich: die Unabhängigkeit der Zahl von dem Zählbaren auf der einen, die
Abhängigkeit des Zählbaren von der Zahl auf der anderen Seite. !)
Denn das Sein der Zahl ist, wie man auch das Problem betrachten
mag, ein „ideelles‘‘ Sein; ein Sein zum mindesten, das, und zwar
in grundsätzlicher Übereinstimmung mit den pythagoräischen
Lehren, von dem Sein der Dinge so gewiß unterscheidbar ist,
als es für die „Grundlage“, für die Bedingung eben dieses Seins
es hier zu lösen gilt: aus der logischen Struktur des Beharrungsgedankens selbst
folgen
für ihn Funktion und Charakter des
kosmogonischen Urprinzips.
2) Vgl. zu diesen Darlegungen ganz besonders auch Bauch, Das
Substanzproblem in der griechischen Philosophie bis zur Blütezeit. Heidelberg 1910.
Seite 6
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)selbst erklärt werden kann.
In der Tat h a t es der Pythagoräismus auch hierfür erklärt.
8. Zunächst freilich ist die Zahl Voraussetzung nur des
zählbaren Seins, des Seienden als eines zählbaren.
kein Sein geben, das nicht zählbar wäre,
Aber es kann
Es ist der Versuch, Naturprozesse durch das Gesetz zu bestimmen, vermöge dessen sie eben erst ,sind”; — ein Versuch,
in dem sich bereits die allgemeinsten methodischen Grundsätze
aller exakten Naturwissenschaft ankündigen.
Wohl herrscht
Ist doch jedes Sein,
ja bei den Pythagoräern die Fixierung stereometrischer Verjedes als ein Seiendes von anderen Seienden unterschieden
und
als ein so anterschiedenes eines, d. h. zusammen mit den
hältnisse in der Natur gegenüber derjenigen von Gesetzen des
Naturgeschehens noch sichtlich vor. Aber mancher Gesichtspunkt
ließe sich doch zugunsten der These geltend machen, daß ihnen
auch schon der Gedanke der mathematischen Gesetzlichkeit des
Naturgeschehens nicht mehr so ganz ferngelegen haben mag:
der Gedanke, daß man in mathematischen Verhältnisbeziehungen
anderen mehreres.
Deshalb allein schon ist das Sein der Zahl
das Urprinzip des Seins der Dinge. Die Zahl erst ist es, was den
Dingen ihre Abgegrenztheit und in solchem Sinn ihre „Körperlichkeit“ verleiht, das also, was die zählbar seienden Dinge erst
„zu sich und zu anderen in ein Verhältnis bringt‘. Die Zahl ist
so Grundlage, tuóoracis, der Dinge. Sind nun die Dinge durch
die Sinne zu eriassen, so sind es deren „Grundlagen“ nur vermittels des Denkens.
Wie aber soll die Zahl als die „Grundlage“
der Dinge gedacht werden?
Sie, beziehungsweise die durch sie
zu bezeichnenden Bestimmtheiten der Dinge, sind allein das
Beharrende in deren Wechsel.
Diese Bestimmtheiten sind „Urgestalten” des Seins; nur indem sie sind, sind" erst recht
eigentlich auch die Dinge in allem Wechsel. In solchem Sinn
sind die Zahlen „Substanzen“, die Substanzen der Dinge:
zahlengemäß also muß das Beharrliche an den Dingen sein.
Und nichts anderes ist hier der Sinn der Zahl als eben der, Substanz der Dinge zu sein.
Bedeutung ist sie es.
Aber nicht nur in der bisher erwogenen
Sie ist es auch kraft ihrer Beziehung zu
der unerläßlichen Größen- und Gestaltsbestimmtheit der Dinge.
den eigentlichen Träger und Kern, die grundlegende Bedingung
des objektiven Seins von Naturereignissen zu erblicken habe.
9. Die ,,Substanz der Dinge zu sein, u. zw. im weitesten
Sinn des Wortes „Ding“, das also ist die pythagoräische Funktion der Zahl; eine Funktion, durch welche die Zahl, ungeachtet
ihrer unweigerlichen Beziehung auf die Dinge, dennoch von
den Dingen selbst unterschieden bleibt.
Sie ist, u. zw.
in dieser ihrer Funktion unabhängig von der Kenntnis der
Dinge bestimmbar. Nun haben ja die Pythagoräer diese Unterscheidung gewiß nicht theoretisch festgelegt und durchgeführt.
Ihre eigentlichen Spekulationen erschöpfen sich im wesentlichen
vielmehr in der Feststellung und der naiv-substantialen Ausdeutung des zahlenmäßigen Verhaltens der Dinge: das Zahlenmäßige wird ihnen selbst wieder zu einem Ding an, in oder hinter
den Dingen. Aber bei aller Einfalt ihrer bewußten Problem-
Es gäbe gar keine geometrische Begrenztheit der Dinge, wenn
es keme arithmetischen Prinzipien der Zahlen gäbe.
Durch
diese und durch diese allein (Endliches und Unendliches, Gestellung kündigen sich in ihren Erwägungen doch schon zwei
rades und Ungerades, Einheit und V ielheit) „ist“ erst die ráumliche Bestimmtheit der Dinge.
In der letzteren symbolisiert
sich somit auf eine besondere Art die Natur der Zahl. Und
noch
Zahl ihrer von den Dingen, die sie bestimmt, unabhängigen
Gesetzlichkeit nach und wie, d. h. vermöge welcher Seiten ihrer
eigenen Gesetzlichkeit, bestimmt sie die Dinge?
Keine der
in einer dritten umfassenderen Beziehung darf die Zahl mit den
beiden Fragen ist natürlich von den Pythagoräern, am aller-
Pythagoräern als die „Substanz‘‘ der Dinge bezeichnet werden.
wenigsten in dieser Form, aufgeworfen worden. Wohl aber sind
Man kennt die Bemühungen des Pythagoräismus um die Frage
beide der Sache nach in den pythagoräischen Motiven enthalten.
der musikalischen Harmonie, die Versuche, Tonhöhe und
Wohl-
Ja, faßt man nur die Tendenz der pythagoräischen Lehren als
solche scharf genug ins Auge, so bedarf vielleicht auch der oft
klang auf die Zahlenverhältnisse der Saitenlänge zurückzuführen.
62
bedeutungsvolle
Fragen,
deren
erste
oben
bereits
worden war, mit unverkennbarer Deutlichkeit an.
berührt
Was ist die
Seite 7
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)vertretene
Satz, daB ihren
Urhebern die Einsicht in
die von
aller Beziehung auf die Bestimmung
von Dingen unabhängige
Gesetzlichkeit der Zahl eigentl’ch fremd
gewesen wäre, einer
erheblichen Einschränkung.
Sie sollen z. B. das quadratische
Verhältnis 3?+42 = 52 als solches gefun
den und davon erst
zu dessen geometrischer Formulierung
vorgedrungen sein. Wie
aber sollte sich solche Leistung ohne
eine relativ weitreichende,
wenn auch durchaus naiv und
unreflektiert betätigte Einsicht
in die Selbständigkeit der Zahlengesetzlic
hkeit verstehen lassen ?
Und schließlich verrät ja auch die vielb
erufene Zahlenmystik
und Zahlensymbolik indirekt etwas
von solcher Einsicht.
Denn wie abstrus sie auch in ihren Form
en und Konsequenzen
sein mag, theoretisch betrachtet, enthä
lt sie doch ein Element,
das auf den Gedanken der völlig souve
ränen Eigengesetzlichkeit
der Zahl hinweist. Ist es doch sozusagen
das Eigenleben der
Zahl, was sich, zu abenteuerlicher
Dinghaftigkeit umgedeutet,
in der pythagoräischen Zahlemysti
k verkörpert. Nicht unerwähnt mag übrigens hier bleiben,
daß auch die pythagoräische
Zahlenmystik als solche auf die späteren
Schicksale der Philosophie Einfluss gewinnen sollte.
Im Dienste besonderer Probleme und in ihrem Gefüge eigen
artig verändert, hat sie
auf dem Umweg über den Neupytha
goräismus, den Eingang
in das Gedankensystem selbst manc
hes neuzeitlichen Philosophen
gefunden.
Dabei
wuchs
ihre
problemgeschichtliche
Wirkung im Wesentlichen mit der Bedeu
tung, die
der mit ihr
organisch verbundene, an fruc
htbaren philosophischen Moti
ven
so überreiche Gedanke der
Harmonie in der weiteren gesch
ichtlichen Entwicklung der Philosophie gewo
nicht diese Verhältnisse allein sind es,
nnen hatte. Indessen,
was die problemgeschichtliche Rolle des Pythagoräismus kennz
eichn
et.
Die Frage muß
zunächst auch hier die sein, in
welchen besonderen Funktionsformen sich der Beharrungsgedank
e auf dem Boden des Pythagoräismus offenbart.
Es sind deren, wie sich aus
dem voranstehenden nunmehr von selbst
ergibt, drei. Es beharrt in allem
Wechsel und aller Mannigfaltigkeit
der Zahlen die Gesetzlichkeit der Zahlen als solche. Es beha
rren vermöge ihrer Gesetzlichkeit in allem Wechse] der Dinge die
Zahlenverhältnisse und als
64
ein in solchem Wechsel beharrendes liefern die ee
den Dingen erst deren naan Ao sie damit zug
denen
eal: unter r
ta die Ceresses
sir Es de ciRich
o
der
tung des Inter
inge ermöglichen.
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allein die besondere
an der Natur gewürdigt werden kann. Es erschöpft sich è
a
Riicksicht auf die zahlengesetzlich und STO: wig3
durch solche
Le a und. Wieerstgerin
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i zu bestimmenden Natur
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MaB der bewuBten Einstellung der Pythagoráer auf nen:
ihres methodischen Verhaltens gewesen a
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Monochord — mindestens durch die e
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kaum bezweifelt werden, daß sie — etwa bei = i e cr
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ie
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Erscheinungen zu stiften und damit eine sachliche = n q
herbeizuführen zwischen den Begriffen der mathemat et wi
rfahrungsgemäßen Wahrheit. Beachtet man schließlic noc
desARE>===>
aps jo der Einführung
in den Besitzstand des philosophischen nken Pen de.
der pythagoräischen Zahlenmystik auch en ba
n
worden mag, so überschaut man, wenigstens den
order an der Gestaltung der theoretisc e
i
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cht in ihre Ba
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Ir
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Bedeutung gewäh
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Gesichtspunkte, die das theoretische Verhi
entscheidend mitbestimmen, um andererseits selbs
eben jenes theoretische Verhalten ge aSnpr
Tin
né
eine nicht en
ursprünglichen ArtSinns,
ee ge
ng en
von
zufallen mag: in einer
iff der Harmonie,
tende Rolle
vereinigt betätigen die Brüder des pago ii = =
eine Lebenshaltung, die die pythagoräische eo. een
gewissen politischen Ideen und der Pflege uralter Mysteri
Hönigswald, Philosophie des Altertums,
Seite 8
Im PDF ansehen(öffnet in einem neuen Fenster)eigentiimlich zu verkniipfen strebt. Allein gegeniiber dem engeren
historischen
Interesse
fiir die
Einrichtungen
dieser Ordensgemeinschaft mit ihrer strengen Regelung der Studien, der
Nahrung und Kleidung, ihren verschiedenen Graden der Exklusivität, ihrer z. T. geheimen Schulsprache und ihrem System
von Geheimlehren, tritt hier die Frage in den Vordergrund, was
denn der Pythagoräismus als Lebenshaltung für den systematischen Bestand der Ethik zu bedeuten habe.
Und da
erscheint in erster Reihe dies als entscheidend, daß man in
dem Pythagoräismus einer auf Grundsätzen beruhenden und
prinzipiell mit
Erkenntnis
ellen
dem
Geltungst stand
verknüpften
ethischen
der wissenschaftlichen
Norm
Lebenshaltung gegenübersteht.
der
individu-
GewiB
ist das Maß
dieser wissenschaftlichen Erkenntnis ebenso elementar, wie die
Rückbeziehung ethischer Normen auf den Geltungsbestand der
Wissenschaft lose ist.
Aber an dem Prinzip der Zusammenhänge, — und auf dieses kann es ja hier aus naheliegenden
Gründen allein ankommen — ändert das nichts.
Wohl finden
sich ja ethisch betonte Gedankenreihen, man denke an Anaximander,
auch
philosophie.
schon
Aber ihr
im
Rahmen
fehlt noch,
der milesischen
Naturwas die pythagoräische
Ethik auszeichnet, die Beziehung auf den Begriff des individuellen Handelns.
Das sittlichen Normen gemäße Verhalten des Individuums, hier freilich nur deszum pythagoräischen
Bunde gehörigen
Individuums, ist das Problem
goräischen Ethik.
Es bezeichnet als solches ein neues Motiv in
der pythader griechischen Philosophie — nicht zuletzt auch in seiner
tastenden und unbestimmten Beziehung auf die, natürlich wieder
nur pythagoräische Form der Wissenschaft; aber zugleich ein
Motiv, das bereits die fruchtbarsten Ansätze zu einer vertieften
Bestimmung des Begriffs derSittlichkeit überhaupt erkennen läßt.