Vermutungen über die mittlere Säulenreihe im Heratempel I von Paestum

Autor
Lorenz, T.
Erschienen in
Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft
Jahr
1975
Thema
PAESTUM
Sprache
Deutsch
Kategorie
C8 Geschichte und Archäologie
Archivnummer
8198

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Thuri Lorenz, Würzburg VERMUTUNGEN ÜBER DIE MITTLERE SÄULENREIHE HERATEMPEL | VON PAESTUM* Die Ruine des älteren Heratempels in Paestum wirkt heute vor allem durch die große Anzahl von noch aufrecht stehenden und als plastische Einzelglieder geformten Säulen. Neun an den beiden Fronten, achtzehn an den Schmalseiten; dazu im Inneren die des Pronaos und eine Reihe von längs gestellten in der Mitte bilden fast einen Wald von kräftigen Stämmen — und dies um so mehr, als ihr Abstand voneinander nicht so eng ist, daß sie sich vor dem Auge zu einer Wand zusammenschlössen. Das durch sie gebildete Rechteck ist in die Breite gezogen und bietet wegen der heute fehlenden Cellamauern so viel Raum, daß es dem Gebäude den falschen, aber immer noch geläufigen Namen einer ,,Basilika’’ eingebracht hat. Für die Kenntnis dieses eigentümlichen Baues haben Koldewey und Puchstein noch im vergangenen Jahrhundert viele bis heute beachtete Daten zusammengetragen!. Sie waren es auch, die seine Bestimmung als Tempel herausstellten. Zu abweichenden Ergebnissen führten die Messungen von Dinsmoor2. Und schließlich hat auch F. Kraus nach zweimaligen Grabungen zusätzliche MaBangaben veröffentlicht3 und dazu noch wichtige Beobachtungen über die Konstruktion des Fundamentes mitgeteilt. Cella und Peristase sind demnach ganz in der Art jonischer Tempel in den Achsen miteinander verbunden, so daß Kraus den Grundriß dieses dorischen Tempels als „jonisch geprägt’ bezeichnet“. Von dieser Beobachtung aus hat er auch die beim Bau verwendeten Maße auf die jonische Elle zurückgeführt und darüber hinaus ein Entwurfsschema rekonstruiert. Auf seinen Untersuchungen basiert die zusammenfassende Darstellung von Gruben®. Den von Kraus gegebenen Rechnungen hat Riemann eigene entgegengestellt, da er meinte, die jonischen Einflüsse seien nicht so gravierend, als daß man nicht statt der jonischen Elle auch den dorischen Fuß als Grundwert annehmen könne. Nach Riemanns ,,Vorstellung kann man bei der Bauhittentradition der archaischen Zeit zwar viele lokale Varianten, aber keine individuellen Entwürfe erwarten. So muß auch der Entwurf dieses Tempels verständlich sein in der Abfolge des Tempelbaus im gesamten 6. Jh.”6. Einen eigenen Weg geht Hertwig, der sich "Für Kritik und Hinweise während der Abfassung des Manuskriptes habe ich H. M. Stibbe und für die Zeichnungen O. Bingöl zu danken 1. R. Busing, E. Simon, A. und C Koldewey und O. Puchstein, Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sizilien, 1899, 13-18. 2. W. B. Dinsmoor, The Architecture of Ancient Greece, 1950, 337. 3. F. Kraus, Festschrift C. Weickert, 1955, 99-109. 4. Kraus 101 5. G. Gruben, Die Tempel der Griechen, 1966, 235-244. 6. H. Riemann, RM 72, 1965, 198-208 (201 das Zitat)

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den Grundriß über der mittleren Säulenreihe als Achse durch eine Reihe von Zirkelschlägen entstanden denkt und pythagoreische Zahlenvorstellungen als maßgeblich ansieht. Im Folgenden wird der Arbeit von Kraus der Vorzug gegeben, weil sein Entwurfsschema im Verständnis des Baues weiter führt als die Vorschläge der anderen Forscher. Bei seinem Versuch, den antiken Planungsvorgang zu rekonstruieren, legt er Wert auf die jonische Komponente, die sich in den Abmessungen und in der Proportionierung des Grundrißrechteckes in vier zu neun Teilen feststellen lasse. Bei dem Ausmaß an Planung und Berechnung, das alle Forscher, jeder auf seine Weise, hervorheben, bleibt die Erklärung eines für den Bau wesentlichen Bestandteiles, der sein Aussehen bestimmt, unbefriedigend. Der Tempel ist in der Cella durch eine mittlere Säulenstellung in zwei Schiffe geteilt, und diese Raumdisposition macht sich an den Fronten bemerkbar durch die ungleiche Anzahl von neun Säulen, deren mittlere an der zur heiligen Straße hin gelegenen Westseite zudem noch durch einen besonders reich in Relief ausgeführten Blütenkranz am Ansatz des Echinus hervorgehoben ist8. Sie wird dadurch fast zum Angelpunkt für das Verständnis des Gebäudes, denn durch sie unterscheidet sich dieser Tempel von den zeitgenössischen Anlagen und erinnert, abgesehen von dem monumentalen Ausmaß, an die Tempel der geometrischen und früharchaischen Zeit, die viel kleiner und aus vergänglichem Material wie Holzsäulen und luftgetrochneten Ziegeln über einem Unterbau aus roh zusammengefügten Feldsteinen häufig eine mittlere Stützenreihe im Inneren aufweisen. Sie setzt sich bei den meisten aber nicht bis an die Fronten fort9, zumal nicht mit einer reicher ornamentierten Mittelsäule. Dort stehen meist Säulen in gerader Anzahl, wobei die Innensäulen tatsachlich nur eine statische Funktion haben. Zur Erklarung der mittleren Säulenreihe im Heratempel | von Paestum hat man auf früharchaische Tempel hingewiesen und in folgender Weise argumentiert10: Durch die auf Zahlenverhältnissen beruhende Planung habe sich im In neren eine lichte Weite von 11,48 m ergeben, die man nicht anders mit einem Dachstuhl habe überspannen können als mit Hilfe von Stützen in der Mitte. Diese seien (warum?) in den gleichen wuchtigen Proportionen und Ausmaßen wie die Pronaossäulen gearbeitet worden, was sich vor allem, als man später den FuRboden anhob, als drückend und unproportioniert ausgewirkt habe. Dem kann entgegengehalten werden, daß es den Westgriechen bei anderen Tempeln möglich war, einen so weiten Innenraum ohne mittlere Stützen mit einem Dachstuhl zu versehen. In nicht allzu großem zeitlichen Abstand vom Tempel in Paestum ist der Tempel A von Agrigent erbaut worden, in dessen Inneren keine Spuren von tragenden Säulen gefunden worden sind. Hier mißt die Cella sogar 11,83 mil. So 7. ©. Hertwig, Über geometrische Gestaltungsgrundiagen von Kultbauten des VI. Jh. in Paestum, 1968. 8. Abgebildet bei Koldewey/Puchstein 14 Abb. 9 und Gruben 237 Abb. 179. Neue Beobachtungen zu den Kapitellen der „Basilika“ hat W. Koenigs veröffentlicht, AA 1972, 438-440. 9. Es gibt Ausnahmen — z.B, der Hekatompedos 1 A in Samos (ein frühes Beispiel): H. Walter, Das griechische Heiligtum, Heraion von Samos, 1965, 41 Bb. 40, und der Apollontempel von Thermos (ein spätes Beispiel), Dinsmoor 52. 10. Siehe Gruben 238 f. 11, Gruben 297.

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bleibt die Erklärung der wuchtigen Innensäulen als ,,friharchaisches Motiv12 unbefriedigend: auf der einen Seite verfeinerte Rechnung und Planung — auf der anderen Seite eine statische Lösung, die man nicht anders denn als Verlegenheit des Zimmermannes ansehen kann. Deshalb sollen im Folgenden einige Uberlegungen vorgetragen werden, durch welche die eigenartige Raumaufteilung im Inneren des Heratempels | nicht im Festhalten an altertümlichen Konstruktionsmethoden begründet ist, sondern sich aus der Absicht der Erbauer und somit aus der Bestimmung dieses Tempels ableitet. Außer für Hera in Paestum sind im 6. Jh. noch andere Tempel mit mittlerer Saulenreihe erbaut worden. Auf den der Hera in Metapont wird immer hingewiesen!3. Er gilt als Beleg fiir die Vorliebe der archaischen Siedler in Unteritalien fir herkòmmliche Lòsungen bei der Bewaltigung statischer Probleme. Er ist jünger als die „Basilika“, steht der früharchaischen Zeit also noch ferner. Kürzlich ist er wieder freigelegt worden. Die Publikation steht noch aus. Aus dem Gebiet der achäischen Siedler in Unteritalien läßt sich noch der Apollontempel von Punte Alice mit mittlerer Säulenreihe anfiihren!4. Bei ihm handelt es sich aber offensichtlich um ein Gebaude ganz anderer Art. Hier hat die Cella tatsachlich die langgestreckten Proportionen der Tempel des 7. Jh., und die Peristase scheint aus dem 5. Jh. zu stammen. Es hat den Anschein, als sei ein älteres Gebaude in eine spätere monumentale Architektur inkorporiert. Cella und Außenbau sind nicht aus einem Guß, sondern entsprechen dem Bauwillen verschiedener Epochen. In Paestum und Metapont sind die Tempel dagegen in einem Bau- und Planungsvorgang entstanden. Sie sind in allen Einzelheiten Tempel des 6. Jahrhunderts. Wesentlicher fir die hier aufgeworfene Frage ist der Hinweis auf zwei Tempel im Bezirk der Hera von Samos. Buschor hat einen von ihnen mit Hilfe der epigraphischen Uberlieferung als Tempel zweier in ihm gleichwertig verehrter Gottheiten gedeutet, nämlich der Aphrodite und des Hermes. Hier wäre demnach jedes Schiff des innen zweigeteilten Tempels Kultraum einer Gottheit für sich. Buschor gebraucht die Bezeichnung „Doppeltempel‘15. Diesem südlich des großen Altares gelegenen Doppeltempel entspricht nördlich ein zweiter an der heiligen Straße. Er wird als der des Apollon und der Artemis bezeichnet!6. Die Planung dieser Gebäude wird noch mit der Tätigkeit des Rhoikos und des Theodoros in Zusammenhang gebracht. Der Tempel des Apollon und der Artemis soll beim Tod des Polykrates noch nicht fertig gewesen sein17. Wenn man von dieser Beobachtung aus wieder zum Heratempel | zurückkehrt, so muß man als erstes die Feststellung treffen, daß die samischen Tempel jonische sind, der in Paestum dagegen dorisch und somit ganz anderen Baugesetzen unterworfen war. Von den samischen Bauten fehlt fast alles. Nach den vorgelegten Plänen scheinen sich die beiden durch die mittlere Säulenreihe getrennten 12. Gruben 239. 13. Koldewey/Puchstein 38-41; Gruben 239; D. Adamestanu, La Bsilicata Antica, 1974, 21. 27 f. 14. P. Orsi, Templum Apollinis Alaei, 1933. 15. E. Buschor, AM 72, 1957, 77-86; Walter (o. Anm. 9) 76 f. 16. Walter 62, 77. 17. Walter 82.

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Schiffe ohne vordere Abschlußwand und Türen direkt zu öffnen, wobei am Apollon-Artemis-Tempel die Mittelsäule der Front gleichzeitig die letzte der trennenden Innensäulen ist, während beim Aphrodite-Hermes-Tempel keine Frontsäulen angegeben sind18, In einem geometrisch geplanten jonischen Tempel des 6. Jh. mit überall gleichbleibender Jochweite bot die Konzeption eines Doppeltempels keine Planschwierigkeiten. In Paestum handelt es sich aber um einen dorischen Bau. Bei dieser Form griechischer Sakralarchitektur mußten geometrische Überlegungen bei der Disposition auf die sich immer stärker durchsetzenden Vorstellungen von der Einheitlichkeit des Tempelganzen Rücksicht nehmen. Zudem hatte sich schon ein Tempeltypus herausgebildet, der sich nicht beliebig durch die Anfügung weiterer Joche verändern ließ. Wenn nun hier von den samischen Beispielen her der Versuch unternommen wird, auch im Heratempel | von Paestum einen Doppeltempel zu sehen, so muß für die Rekonstruktion des Planungsvorganges der Typus des dorischen Tempels zugrunde gelegt werden. Ein Doppeltempel wäre demnach hier die Zusammenfügung zweier einzelner Tempel. Die am weitesten verbreitete Form rechnet mit sechs Säulen an der Front. Bei ihr fluchten die Cellawände mit der zweiten und der fünften Säule. Wenn nun zwei Cellen, um einen Doppeltempel zu errichten, Wand an Wand aneinandergeschoben werden, fällt die zweite Frontsäule des einen mit der fünften des anderen Baues zusammen (Fig. 14) — das heißt,die beiden Cellen hätten als gemeinschaftliche Front neun Säulen. Dieses Rechenergebnis kann als Ausgangssituation postuliert werden. Der Heratempel | hat neun Säulen an der Front. Unter dieser Voraussetzung veranschaulicht die reich ornamentierte neunte Säule als Mittelsäule nach außen die gewollte Zweiteilung des Innenraumes und somit die Sonderstellung des Tempels. Die trennende Wand der beiden nun nebeneinander liegenden Cellen wurde ähnlich wie in Samos als Säulenreihe gestaltet, und so läßt sich auch der seltsame Befund erklären, warum die Innensäulen nicht wie üblich kleiner sind als die der Peristase, sondern fast nach den gleichen Abmessungen gearbeitet wurden19. Wenn nämlich aneinanderstoßende Cellawände in eine Säulenreihe umgesetzt worden sind, so war für deren Höhe die der Cet laaußenwand maßgeblich. Von der Konstruktion eines dorischen Naos her gesehen ergibt sich dann dieselbe Höhe wie für die Pronaossäulen, denn die Wand reicht von den Orthostaten bis zu einem oberen Abschlußgesims. Die Orthostaten stehen als unterste Steinschicht auf einer den Naos umlaufenden Stufe, dem Toichobat, das an der vorderen Schmalseite zum Stylobat der Pronaossäulen wird. Auch bei der ,,Basilika’’ stehen die Innensáulen auf der Höhe der Pronaossäulen, also oberhalb der umlaufenden Stufe, und haben auch deren Abmessungen. Der FußRboden in Pronaos und Cella hatte ursprünglich die gleiche Höhe. Am Eingang zum Cellainneren war keine Schwelle geplant. Die Innensäulen standen entsprechend ihrer Funktion als aufgelöste Cellaaußenwand auf demselben Niveau wie die Pronaossäulen und hatten auch deren Größe. Die Folgerichtigkeit des hier rekonstruierten Entwurfes ist später im Innen- 18. Buschor (o. Anm. 15) 81 Abb. 4; Walter 77. 19. Kraus (o. Anm. 3) 104.

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raum aufgegeben worden. In einer späteren Bauphase hat man den ursprünglich in Pronaos und Cella gleich hohen Fußboden innen um 37 cm angehoben und den Bau dadurch dorischen Normen angepaßt. Daß es nachträglich geschah, zeigen die Kanneluren der Ceilasäulen, die nur bis zum neuen Niveau ausgeführt worden sind, während das untere Stück bis zum alten Estrich unbearbeitet blieb. Die Säulen sind glatt versetzt worden und haben als letzten Arbeitsgang die Kanneluren erhalten. In der Zwischenzeit — vielleicht schon zu Beginn der Klassik — distanzierte man sich aber vom ersten Entwurf. Offenbar war für dieses spätarchaische Experiment kein Verständnis mehr vorhanden. Man nahm dabei in Kauf, daß durch die Erhöhung des Fußbodens nun die Innensäulen ihre selbst für die Verhältnisse des 6. Jh. ungewöhnlichen Proportionen erhielten. Bis hierhin kann der erste Planungsabschnitt gereicht haben: die Zusammenfügung der beiden Tempelcellen zu einem durch Mittelsäulen getrennten zweischiffigen Innenraum20 und die dadurch entstandene Tempelfront mit neun Säulen (Fig. 15). In einem zweiten Abschnitt hat man 18 Säulen für die Langseiten gewählt und damit ein Verhältnis zur Zahl der Frontsäulen hergestellt, das im Vergleich mit den 6:17 bei den älteren westgriechischen Tempeln mit ihren doppelten Frontptera und den 6:13 bei den späteren gedrungen wirkt21. Hier scheinen die Tempel mit acht Frontsäulen als Vorbild gedient zu haben. Der Artemistempel von Korkyra, der Heratempel von Foce del Sele und der Tempel G von Selinunt weisen wie der spätere hochklassische Parthenon ein Verhältnis von 8:17 auf. Diese Zahl ist um eins überboten — ebenso wie an der Front statt der acht neun Säulen stehen22. Nach diesem Planungsvorgang mußte man wieder zum Entwurf der Cella zurückkehren. Denn mit der nun projektierten Säulenzahl ergaben sich Folgen für die Ptera. Hätte man für die beiden nebeneinanderliegenden Kulträume den Plan sechssäuliger Tempel beibehalten, so hätte die Doppelcella bei einer neunsäuligen Front die Breite von der zweiten bis zur achten Frontsäule eingenommen, die Ptera wären jeweils ein Joch weit gewesen (Fig. 15). Bei archaischen Tempeln mit acht Säulen werden die Ptera aber auf zwei Joche erweitert und die Cella dadurch ebenso schmal gehalten wie bei sechssäuligen Tempeln. Diesem Vorbild scheint man sich angeschlossen zu haben: Der Tempelraum wird an jeder Seite um eine Jochweite enger — das heißt die Anten stehen beim Heratempel | nicht hinter der zweiten und achten, sondern hinter der dritten und siebten Frontsäule, und zwischen den Anten bleibt nur noch Raum für drei statt fünf Säulen. Schwierigkeiten ergaben sich nun für die Anlage der beiden Türen, die wegen der schmaler gewordenen Wand nicht mehr hinter dem jeweils dritten Joch von den Ecken aus liegen konnten, sondern etwas nach innen, aber nicht bis hinter die vierte Säule verschoben werden mußten, wenn sie ungefähr in der Mitte der jeweiligen Hälfte liegen sollten. An dieser Stelle scheint man auch korrigiert 20. In diesem Punkt scheint Riemann gegenüber Kraus Recht zu haben, wenn für ihn der „‚Kern des Entwur: fes die je nach den besonderen Verhältnissen proportionierte Cella” ist (201). 21. Diese Verhältnisse kommen bei den Tempeln des 6. Jh. vor, während im 5. Jh. die Zahlen schwanken: 6:15 beim Tempel E von Selinunt und 6:14 beim Heratempel || von Paestum — sie sind annähernd zur selben Zeit entstanden. 22. Das Verhältnis 1:2 (9:18) kommt außerdem noch bei den „kurzen Tempeln”' vor (6:12), die W. zusammengestellt hat, AA 1973, Agrigent (Hinweis H. Busing). Wurster 200-211, und mit ungleicher Frontzahl (7:14) beim Olympieion von

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zu haben, vielleicht während des Bauens, wie Kraus meint23. Die Cellawände sind etwas nach außen verlegt, der Abstand von den Anten zur nächsten Säule ist weiter als der zwischen den mittleren Pronaossäulen. Hierfür kann die unglückliche Lage der Türen den Ausschlag gegeben haben, denn sie müßten von außen gesehen ihre Flucht mit dem dritten Joch behalten, innen aber in die Mitte der ihnen zugeordneten Cellahälften führen. Diese Lage ist durch die Erweiterung der Ptera unmöglich geworden (Fig. 16). Wenn man bis hierhin den Vermutungen folgen will, so wird das von Kraus vorgeschlagene Entwurfsschema folgerichtig und einleuchtend. Es verhält sich dann nicht so, daß das errechenbare geometrische Konzept ein abstraktes Spiel der Erbauer ist24, und es ist auch nicht durch irgendwelche Zahlensymbole diktiert25, sondern erweist sich als notwendiges Instrument, um die durch jonische Vorbilder angeregte Konstruktion eines dorischen Doppeltempels zu verwirklichen. Mit der Proportionierung des Grundrisses in neun zu vier Teilen gelang die Bewaltigung der gestellten Aufgabe. Von den vier Teilen entfielen zwei an den Seiten auf die erweiterten Ptera und je einer auf jedes Schiff der Cella. An den Langseiten konnte man fiinf auf die Lange der Cella veranschlagen und dann je einen auf Pronaos, Adyton und die beiden Hallen. Auf diesem geometrischen Grundriß ist zwar kein dorischer Organismus entstanden26, aber das jonisch arithmetisierte Verfahren ermöglichte, eine aus der jonischen Architektur übernommene Anregung in die sich entwickelnde Gesetzmäßigkeit des dorischen Bauens zu übertragen. Welche Ergebnisse beim Apollontempel von Metapont erzielt worden sind, das wird die noch ausstehende Publikation lehren. Wer die zweite Gottheit in Paestum war, läßt sich nur vermuten. Von Curtius stammt der Vorschlag, den zweischiffigen Innenraum der ,,Basilika” als Kultraum für Zeus und Hera zu sehen? 7. Hertwig hat diesen Gedanken als einziger aufgenommen28, doch war es ihm wegen seiner ,,pythagoreischen’’ Konzeption nicht möglich, ihn weiter zu verfolgen. Zeus ist neben Hera in Paestum verehrt worden, wie die Votivgaben zeigen. Am bekanntesten ist ein archaisches halblebensgroßes Sitzbild des Gottes aus bemalter Terrakotta, das aus einer Votivgrube in der Nähe des Heratempels II stammt29. Es ist wahrscheinlich, daß er im Heratempel | als Parhedros ein Bild auf der gemeinsamen Kultbildbasis hatte, für welche zwischen der sechsten und der siebten Innensäule ein um einen Meter breiterer Abstand gelassen worden ist als zwischen den übrigen Säulen30, Auch in dem älteren Heratempel von Olympia stand neben dem Bild der Gôttin das des Zeus. SchlieRlich ist noch etwas über die Datierung des Tempels zu sagen. Wegen der vermeintlich altertümlichen Mittelstützen wird er früh, das heißt etwa um die Mitte des 6. Jh. angesetzt, obwohl man den ebenfalls mit Mittelsäulen ausgestatte- 23. Kraus 99. 24. Gruben 243. 25. Gruben 243; v. a. Hertwig 2.0. 26. Gruben 243, 27. L. Curtius, Die Tempel von Paestum, 1944, 10. 28. Hertwig 7. 29. M. Napoli, Paestum, 1967, 38 Abb. 43. 30, Ein abweichender Vorschlag bei Dinsmoor 93 fig. 36, der den breiteren Raum zwischen der 5. und 6. Säule annimmt, also genau in der Mitte des Innenraumes.

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ten Heratempel von Metapont, den man „wegen der Verwendung dieses früharchaischen Motivs durch die achäischen Siedler bis weit ins 6. Jh. hinein“31 zusammen mit der ,,Basilika’’ nennt, erst. gegen 500 entstanden ansieht. Wann die Doppeltempel in Samos erbaut sind, geht aus der Publikation nicht hervor. Doch scheinen sie beim Tod des Polykrates noch nicht fertig gewesen zu sein32. So ist bei Gebäuden außerhalb von Paestum kein festes Datum für den Bau des Heratempels | zu finden. Man ist auf den Vergleich mit den übrigen archaischen Bauten von Paestum und Umgebung angewiesen, die sich in formaler Hinsicht so sehr zu einer Gruppe zusammenschließen, daß man sie während einer einzigen, groß angelegten Bautätigkeit entstanden denken kann. Ein Bau wurde nach dem anderen erstellt. Dabei wurden Erfahrungen ausgewertet und Einzelheiten verfeinert. Die Säulen des Athenatempels sind zwar kleiner und im Detail sorgfältiger ausgeführt als die der „Basilika“, doch in den Proportionen ähnlich und im ganzen gesehen aus diesen entwickelt33, Ähnliche Verbindungen lassen sich zu dem nahen Heiligtum von Foce del Sele herstellen. Für das Fundament des dortigen Heratempels scheint das der „Basilika‘‘ Grundlage der Planung gewesen zu sein34, Wenn man dann noch mit Kähler das Bruchstück einer Europametope dem Heratempel | zuschreibt, so ergibt sich auch für die Bauplastik ein Zusammenhang zwischen den Tempeln. Denn die Tänzerinnen von Foce del Sele sind der Europa so verwandt, daß sie aus derselben Werkstatt stammen kénnten39, Mit großem materiellen Aufwand hat die Stadt Paestum am Ende der Archaik verschiedene Bauprogramme vorangetrieben und läßt sich dadurch mit anderen westgriechischen Städten, vor allem mit Sybaris vergleichen. Die Frage nach dem wirtschaftlichen Rückhalt für diese Unternehmungen lenkt den Blick auf die Mutterstadt Sybaris, die gegen Ende des 6. Jh. nach der Zerstörung des konkurrierenden Sirs eine der mächtigsten Griechenstädte überhaupt war. Sie verfügte damals in Unteritalien über ein fast zusammenhängendes Territorium, an dessen Nordspitze Paestum lag. Der Zusammenhang zwischen Mutter- und Tochterstadt war eng und bewährte sich auch nach der Katastrophe, die 510 über Sybaris hereinbrach, als es von der Nachbarstadt Kroton erobert und vernichtet wurde. Viele Flüchtlinge fanden in Paestum Aufnahme. Um so fester müssen die Bande vorher gewesen sein, als Sybaris wegen seines Reichtums berühmt und beneidet war. Seine finanziellen Möglichkeiten wirkten sich bis in die der Tochterstadt aus. In die zwei Jahrzehnte, während deren Sybaris auf der Höhe seiner Macht stand, wird auch die archaische Bautätigkeit von Paestum gehören, die wahrscheinlich 510 noch nicht zu Ende geführt war. Viele Gebäude weisen noch heute Spuren eines provisorischen Abschlusses auf. Am sogenannten Thesauros von Foce del Sele ist bei einer Reihe von Metopen das Relief nur in der Bosse angelegt. Ebenso sind die mittleren Säulen der ,,Basilika’’ nachträglich kanneliert worden. Auch für Paestum bedeutete das Ende von Sybaris einen Einschnitt, der 31. Gruben 239. 32. Walter 82. 33. Gruben 244. 34. Kraus 99, 101. 35, H. Kahler, Das griechische Metopenbild, 1949, 58 Taf. 52.

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erst nach einiger Zeit überwunden werden konnte, wie der spätere Bau eines neuen, nun klassischen Tempels für die Göttin zeigt. Die archaischen Bauten legen dagegen durch den Reichtum ihrer Schmuckformen, und die „Basilika“ im besonderen durch ihren eigenwilligen Plan, ein entferntes Zeugnis für die sprichwörtlich gewordene Üppigkeit und Extravaganz der Mutterstadt Sybaris ab.

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