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View in PDF(opens in a new window)Versuche mit dem Monochord
Helmut Maier
Irgendwann behandelt man im Verlauf seines Physikunterdiente sich dazu einer in bekannter Entfernung stehenden Karichts im Rahmen der Schwingungen und Wellen auch den
none und maß die Zeit zwischen Lichtblitz beim Feuern der
Schall. Im Zuge dessen lassen sich einige Sachverhalte recht
Kanone und dem Vernehmen des Knalls. Er kam auf mehr als
anschaulich mittels eines Monochords beleuchten. Beispiele
300 m/s.
hiezu wären in Kapiteln wie Schallquellen, Resonanz, Tonerzeugung und Tonhöhe oder Konsonanz und Dissonanz zu finden. Querverbindungen zur Geschichte wie auch zur Musik
sollen nicht nur die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten dieses
Mediums zeigen, sondern auch Hintergründiges beleuchten.
Geschichtliche Einordnung des Monochords
Um 300 vor Christus dürfte in Griechenland eine Schrift entstanden sein, die in knapper Form eine mathematische Musiktheorie darlegt. Sie wird dem Mathematiker Eukleides zugeschrieben und trägt den Titel Sectio canonis (Katatoun Ko
vovol). Das Wort Kanon (eig. Stange, aus dem Semitischen)
Abb. 1: Ein selbst gefertigtes Monochord.
bezeichnet hier das Monochord. Darunter versteht sich eine zu
Versuchszwecken über ein Brett gespannte Saite. Mit Hilfe
von Stegen kann man verschiedene Intervallteilungen experimentell durchführen. Interessanterweise finden sich später
Zum Bau des Monochords
Monochords auch mit mehreren Saiten. Die angesprochene
Die Idee, ein Monochord zu bauen,
Schrift enthält eine Begründung, dass Tonhöhen in Zahlenverkam mit dem Studium einschlägiger
hältnissen zueinander stehen müssten und bietet mathemati-
Literatur. So fand sich eine Tabelle,
sche Grundlagen der musikalischen Intervalle. Weiters finden
=Bfi©SEtch
die die Intervalle und Tonhöhen mit-
-a ‘N
oben angeführte Monochord Mersensich Anleitungen zur Aufteilung der Saite, um die Töne des
Leitersystems zu erhalten.
Wann das Monochord (Kkavowv) selbst erfunden wurde ist unsicher. Einerseits wird die Erfindung Pythagoras zugeschrieben. Andererseits gilt wieder als sicher, dass die pythagoräische Harmonielehre, die eineinhalb Jahrhunderte später
weiterentwickelt bezeugt ist, von Pythagoras selbst nur den
Anstoß erfuhr, indem er als Schulgründer mit der Lehre, alle
Dinge seien Zahl, die Richtung vorgab.
ra
2LO0=0
bauen, um die Intervalle besser vergleichen zu können, gab ich trotz der
Diskrepanz zur Bezeichnung "Monochord" nach. Erst später fand ich das
nes, das ebenso mehrere Saiten auf-
Die Uberlegungen hinsichtlich Bauzeigt die Unterscheidung zwischen kleinerem und größerem
art, Ausstattung und Aussehen ge-
"Halb"-ton.
stalteten
sich
unkompliziert.
Ein
Brett allein erschien mir zu wenig. Ir-
Die Proportionen der wichtigsten Intervalle sind:
a
la Ww
Gedanken, eine zweite Saite einzuhältnisse der Intervalle. Wie weit ins Detail gegangen wurde,
gendein
9:8= Ganzton
RIM.
24 cm langen Saite auflistete. Dem
weist.
Inhaltlich finden sich in der "Sectio canonis” die Zahlenver-
2.
tels exakter Längenverhältnisse einer
Kästchen
sollte es schon
sein, um ein wenig Resonanz auch
4:3=Quarte
Abb. 2: Illustration eines
3:2= Quinte
Monochords aus Mersennes
2 : 1 = Oktave
Harmonie universelle.
Im Jahre 1636 erschien die “Harmonie universelle" des franzönicht aufzutreiben war. So behalf ich mir mit einer "antiken"
sischen Geistlichen, Philosophen und Mathematikers Marian
Schublade vom Dachboden, die ich mit einem Deckel versah.
Mersenne. In dieser Schrift, in der schon Tonhöhe mit der
Als Saiten wählte ich Gitarrensaiten. Um diese auf dem Mono-
Schwingungsanzahl in Beziehung gesetzt wird, findet sich
chord auch stimmen zu können, baute ich Wirbel ein, die es in
auch die Arbeit mit einem Monochord (übrigens mit mehreren
einer Musikalienhandlung als Ausschuss kostenlos gab. So ist
Saiten ausgestattet) dokumentiert.
es auch möglich, die Intervalle auf anderen Instrumenten
miteinzubezichen.
Ideal
Stereo-Anlage gewesen,
In der Geschichte der Physik hat sich Mersenne mit der ersten
Ermittlung der Schallgeschwindigkeit eingetragen. Er bewire
das
Gehäuse eines Lautsprechers einer
was aber
nachzuprüfen, wie dies mit einem Klavier vorzüglich klappt.
Ein Maßband, das parallel zu den Saiten verläuft, ermöglicht
die Zuordnung eines Saitenabschnittes zu konkreter Länge, die
mittels frei verschiebbaren Metallstegen verändert werden
Helmut Maier, Padagogische Akademie der Diözese Graz-Seckau,
kann.
Georgigasse 85-89, 8020 Graz
26
Aus der Praxis
Page 2
View in PDF(opens in a new window)Die Physik trifft die Musik
Nachvollziehen von Intervallen
Die temperierte Skala
der Anwendung der in der Tabelle aufgelisteten Intervalle.
Bevor es zu den konkreten Versuchen geht, sei noch ein kleiner erläuternder Ausflug in die Musik unternommen. Immer
sich, die zweite Saite bei der Einstellung von 24 cm zu belaswenn von Stimmungen und genauen Tonverhältnissen die
spielen.
Die erste praktische Übung mit dem Monochord liegt nun in
Man kann sie durch Anzupfen der Saite spielen. Es empfiehlt
Rede ist, kommt man auf kleine Ungereimtheiten hinsichtlich
der reinen Intervalle (der ganzzahligen Verhältnisse der beiden
Téne) und der Intervalle in unserem heutigen Tonsystem. Dieses basiert auf der gleichschwebend temperierten Stimmung.
Das einzige reine Intervall (dessen Töne ein ganzzahliges Frequenzverhältnis aufweisen) ist die Oktave (Tonverhältnis 2 :
1). Diese Oktave wird in 12 exakt gleich klingende, dasselbe
Frequenzverhältnis aufbringende Halbtöne geteilt. Dieses Frequenzverhältnis entspricht keinem ganzzahligen Bruch. Damit
sind alle Intervalle mit Ausnahme der schon erwähnten Oktave leicht gegen die reinen Intervalle verstimmt.
sen. So hat man den Grundton stets parat und kann ihn dazu
Errechnen von Intervallen auf Grund von Verhältnissen
Die nächste Übung gestaltet sich etwas komplizierter, außerdem benötigen wir zum Vergleich ein Klavier (oder ein andeses Instrument). Beide Saiten werden entweder durch Betätigen der Stimmwirbel oder durch Verkürzung der Saiten auf einen Ton des Klaviers exakt gestimmt. Eine Saite wird auf die
berechnete Länge eines bestimmten Intervallverhältnisses gekürzt und angezupft. Gegeben ist ein Ton und ein Intervallverhältnis. Bestimmen lässt sich nun die Länge der Saite, die gezupft werden muss, um dieses Intervall zu treffen. Die Kontrolle erfolgt durch den Vergleich am Klavier. Dazu ein Bei-
Die pythagoräische Skala
spiel. Eine Saite mit einer Länge von 32 cm entspricht auf dem
Das pythagoräische System baut auf die sogenannte Quintenentfernt? Die große Terz dazu steht im Verhältnis 5:4, das erschichtung auf. Die reine, pythagoräische Quinte steht im Verhältnis 3 : 2 und ist somit etwas größer als die temperierte
Quinte. Baut man nun Quinte auf Quinte auf und legt die so erhaltenen Töne in den Tonumfang einer Oktave, erhält man die
pythagoräische Skala. Bei Schichtung von fünf Quinten übereinander ergibt das eine halbtonlose Pentatonik (c-g-d-a-e),
sieben aufeinander folgende Quinten ergeben eine diatonische
Heptatonik (d-e-f-g-a-h-c). Bei zwölf Quinten erhält man eine
halbtönige Chromatik. Das System schließt sich nicht ganz,
weil zwölf reine Quinten größer als sieben Oktaven sind. Die
Differenz wird als pythagoräisches Komma bezeichnet.
gibt eine Länge von 25,6 cm. Auf dem Klavier entspricht dies
Klavier dem Ton Cl. Welcher Ton ist eine große Terz davon
dem Ton El. Der Vergleich sagt, ob das Ergebnis richtig war.
Ermitteln des Intervalls auf Grund von Saitenlängen
Gegeben sind zwei Saitenlängen, zu errechnen ist das Verhältnis zueinander und das dazugehörige Intervall. Beispiel: Eine
Saite misst 32 cm. Die zweite (zu Beginn gleich gestimmt)
misst 24 cm. Welches Intervall ist zu hören? Das Verhältnis
lässt sich auf 4 : 3 zurückführen, was einer Quart entspricht.
Länge der
Intervall-
|Intervallbezeich- | Reale Tonent-
Interessant erscheint noch, dass durch verschiedene Epochen
Saite (incm)
|verhältnis
|nung
sprechung
unserer Musikgeschichte hindurch verschiedene Stimmungen
(unter anderem die mitteltönige Skala oder die temperierten
24
1/1
Prim
c
|17/16
kleine Sekunde | des
Stimmungen des Barock) zur Anwendung kamen. Die authentische Interpretation alter Musik trägt diesem Umstand Rechnung, wenn auch beispielsweise die reinen Naturterzen der
Renaissance auf Grund unserer Gewöhnung an die temperierten Intervalle anfangs falsch klingen zu scheinen.
(0)
22,65 (1,35)
21,38 (2,62) | 9/8
große Sekunde
|d
20,18 (3,82) | 6/5
kleine Terz
es
19,05 (4,95) | 5/4
groBe Terz
e
17,98 (6,02)
|4/3
Quarte
f
Tritonus
fis
16,02 (7,98) | 3/2
Quinte
g
15,12 (8,88) | 8/5
kleine Sexte
as
14,27 (9,73)
große Sexte
a
16,97 (7,03) | 11/8
Versuche mit dem Monochord
In der nebenstehenden Tabelle finden sich die Intervalle und
die dazugehörigen Längenangaben. Als Grundlage wurde die
| 5/3
temperierte Skala verwendet. Dies erklärt auch die Längenan-
13,47 (10,53) |9/5
kleine Septime
|b
gaben mit zwei Dezimalstellen. Die Längen für die reinen Intervalle ergeben sich aus der direkten Berechnung mittels der
angegebenen Verhältnisse. In der Realität lassen sich auf mei-
12,71 (11,29) | 15/8
große Septime
jh
12
Oktave
c
nem Monochord aber nur die gerundeten Millimeterangaben
einstellen. So kommt man wieder auf die reinen Verhältnisse,
die sich in Spalte zwei finden. Außerdem lässt sich der Unterschied bei dieser Saitenlänge kaum erhören. Die Angaben in
der Klammer drücken jeweils die Ergänzung auf die ganze
Saitenlänge aus. Zur leichteren Vorstellung wurden in Spalte
vier reale Tonhöhen angegeben. Angenommen, die 24 cm
lange Saite würde auf ein c hin gestimmt werden, ergäben sich
bei entsprechenden Intervallen die angeführten Töne.
Tab. 1: Intervalle, ihre Frequenzverhältnisse und die Entsprechung aufeiner
Aus der Praxis
(12)
2/1
24 cm langen Saite. Die realen Töne entsprechen einer auf c gestimmten
Saite.
Grenzen der Anwendung
Bei der Zuordnung und Kontrolle der gespielten Intervalle bedarf es musikalischer Vorkenntnisse und eines etwas geschulten Gehörs. (Aus der Musikerziehung bekannte Eselsbrücken
zu den Intervallen, wie beispielsweise das Signalhorn für die
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bedingt weiter.) Für eine Unterscheidung der Intervallverhältnisse in den unterschiedlichen Tonsystemen ist die Bauweise
des Monochords noch zu ungenau. Interessanter wären entsprechend längere Saiten. Bei Verwendung scharfkantiger
Stege lassen sich auch schon die Intervallunterschiede verschiedener Stimmungen demonstrieren.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich Verhältnisse
einfacherer Intervalle wunderbar nachvollziehen lassen. Das
Gerät ist für die Schülerhand zur selbstständigen Erprobung
sehr gut geeignet. Der Vollstandigkeit halber seien noch kurz
weitere Versuche erwähnt, die sich mit dem Monochord
durchführen lassen. Bei fast annähernd gleicher Stimmung der
Saiten lässt sich das Phanomen der Schwebung sehr anschaulich demonstrieren. Durch leichtes Halten einer Saite an einem
Punkt bei gleichzeitiger Anregung (Erzwingung eines Schwingungsknotens) kann man die Stehende Welle und Resonanzschwingungen erläutern.
Eine optimale Umsetzung der Thematik lieBe sich in projekthafter Arbeit erzielen. Neben der Physik ware die Mitarbeit
aus den Gegenständen der Musikerziehung, der Geschichte
und Sozialkunde wie auch der Werkerziehung vorstellbar.
Literatur
Brüderlin, René: Akustik für Musiker. Eine Einführung. Regensburg: Gustav Bosse Verlag, 1978.
Harnoncourt, Nikolaus: Musik als Klangrede. Wege zu einem
neuen Musikverständnis. Essays und Vorträge. Kassel: Bärenreiter Verlag, 1982.
Michels, Ulrich: dtv-Atlas zur Musik. Tafeln und Texte. Bd 1.
12. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag
GmbH & Co. KG, 1989.
Stevens, S. u. Warshofsky, Fred: Schall und Gehür Aus dem
Englischen übertragen von Jan Hans und Günter Kleinen. 3.
Auflage. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch
Verlag, 1980.
Neubecker, Annemarie Jeanette: Aligriechische Musik. Eine
Einführung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1977.
Pierce, John: Klang. Musik mit den Ohren der Physik. Aus
dem Amcrikanischen übersetzt von Klaus Winkler. 2. Auflage. Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft-Verlagsgesellschaft, 1989.