"Literatursociologisches"zu den Spruchen der sieben Weise

Author
Althoff, J.
Published in
Die Worte der sieben Weisen
Year
2006
Subject
SEVEN SAGES
Language
Deutsch
Category
C7 Philosophy
Archive number
117

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ASue, mM. | 4A 3 II. ‚Literatursoziologisches‘ zu den Sprüchen f der Sieben Weisen o | DIE WORTE DER SIEBEN WEISEN . von Markus Asper | Der folgende Beitrag befasst sich mit zwei Fragen, die sich im weiteren Sinne als ‚literatursoziologisch‘ verstehen lassen, weil sie die Produktion und Rezepti- Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von JOCHEN ALTHOFF und DIETER ZELLER k on von Spruch,literatur‘ als soziale Praktiken betrachten.' Diese kann man auf | | ihre Strukturen und Motivationen untersuchen (um damit andere Ansätze, etwa literaturästhetische, zu ergänzen)? Die zwei Fragen sind: (a) Welche Funktion | | haben die Sprüche der Sieben Weisen für die jeweilige Gruppe bzw. Gesellschaft, die sie prägt, tradiert und gegebenenfalls kanonisiert? (b) Welche Funk- | tion hat die Gruppe der Sieben Weisen selbst für die Gesellschaft, die ihre i i; Sprüche tradiert? Auf der Suche nach Antworten unterscheide ich im folgenden zwei Zeithorizonte: Der eine entspricht vielleicht vage dem Entstehungszeit- Mit Beiträgen von | Markus Asper, Dieter Zeller und Lothar Spahlinger li (Hellenismus und Kaiserzeit) sind die Sieben Weisen und ihre Sprüche bereits | kanonisierte Tradition, d.h. ihre Vorzeitlichkeit ist Teil ihres Appellcharakters { und ihrer Autorität (2). . raum unserer Sprüche, d.h. die archaische und klassische Zeit (1). Im anderen i 1. Die archaische und klassische Zeit (a) Wenn man Authentizitätsfragen einmal beiseite lässt und sich die dürren IL. Li ‘ologi . . , I, ,Literatursoziologisches* zu den Sprüchen der Sieben Weisen................. 83 (Markus Asper) l. 2. Die archaische und klassische Zeit... 85 . , . Hellenismus und Kaiserzeit . .s ns sen ses susnerens oensn en seneonsn en sen 96 N : | | Listen dieser Sprüche auf ihren Inhalt ansieht, so stellt man zunächst fest: Es handelt sich um Kondensate von Verhaltensnormen. Sie alle schreiben ein Ver' . Unter ,Literatursoziologie' verstehe ich hier nicht eine Disziplin der Soziologie, sondern eine Methode der Literaturwissenschaft. Vgl. E. KOHLER, Einige Thesen zur Literatursoziologie, in: Germ.-Rom. Monatsschr. n. F. 24 (1974) 257-64, hier 257, These ur È ? Allerdings erlaubt es der vorliegende Gegenstand lediglich, ‚literatursoziologisch‘ il in Anführungszeichen zu verwenden: denn erstens sind die sozialgeschichtlichen Fakten, die man über Textzirkulation und Rezeptionsverhalten im archaischen Griechenland besitzt, sehr spärlich, und zweitens ist unsicher, in welchem Sinne unsere Sprüche fiberhaupt ‚Literatur‘ sind.

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Markus Asper eICgT Il. ‚Literatursoziologisches‘ zu den Sprüchen der Sieben Weisen 87 halten als verbindlich fest. Dabei sind sie überaus einfach und reduziert: sie Tragikern haben Gnomen, die unseren dxoëfkai (Unterweisungen) ähneln, klären keine Begriffe, differenzieren nicht nach Situationen oder Adressaten, sie vermutlich auch eher die Aufgabe, ein „collective statement“ abzugeben, als ein geben keine Begründungen oder Argumentationen. Sie bestehen in der Regel nur aus einem imperativischen Verbalbegriff und einer ganz knappen Situationsbeschreibung, die oft genug nur aus einem Partizip besteht. Ihre einfache, apodiktische Form schließt aus, dass hier jemand überzeugt werden soll. Gleichzeitig schließt die Simplizität dieser Normen aus, dass es den Sprüchen Wissen zu tradieren. jemals primär um die Tradierung und Sammlung eines Wissens zu tun gewesen wäre, das andernfalls hätte verloren gehen können. Vielleicht ist der Sinn dieser Texte viel mehr ein sozialer. Ich halte es für wahr- Affirmiert dieses statement eine Gruppenethik? Manche unserer Sprüche sind sicher allgemeingültig wie etwa „Achte Eltern!“ (yoveig aidoú = S 4), eines dieser Beispiele, bei denen man sich fragt, was der Sinn seiner Fixierung gewesen sein könnte — in unseren Listen ist wohl auch ein analogisierender Sammeltrieb präsent).’ Immerhin sind manche der droßäkar klar auf Bürger bezogen, etwa das bei Demetrios dem Kleobulos zugewiesene „Bürgern das Beste raten!“® Züge einer Gruppenethik, d.h. Exklusionsnormen, zeigen auch die bescheinlich, dass es, ähnlich wie bei modernen Sprichwörtern, hier den Spruchkannten Heiratsmaximen, die alle betonen, man solle nach seinem Stand heiranutzern um eine Selbsteinordnung geht. Sprüche dieser Art werden erinnert und ten.” Diese Maximen kommen daher, als seien sie für jeden Stand gültig, sind gepflegt und von Akteuren handlungsbegleitend zitiert, um sich einer Gruppe aber vermutlich aus der Sicht einer Oberschicht geprägt. Die Domestikation des zurechnen zu können bzw. um dem Kommunikationsteilnehmer zu signalisiesozialen Aufstiegswillens der anderen scheint hier der Sinn zu sein. Politisch ren, dass sie beide Teil eben dieser Gruppe sind. Die Leistung des Sprichworts bedeutet diese Domestikationsethik die Einfügung in ein Kollektiv, dem sich * liegt darin, die Signifikanz einer gegebenen Situation hervorzuheben, d.h. einen der einzelne letztlich unterzuordnen hat, was wir bei Solon besonders klar ge- Verallgemeinerungsakt durchzuführen mit dem Ziel, eine Handlungsnorm zu sagt bekommen: „Wenn du gelernt hast, beherrscht zu werden (oder: dich zu bestätigen.’ Mit der Klassifikation einer Situation? oder eines Verhaltens durch beherrschen), wirst du auch wissen, wie man herrscht.“ (D H 10 &pxeoduu einen Satz dieser Art ordnet sich der Sprecher selbst einer Gruppe und einer paddy dpyew &momfon ähnlich 11). Inhaltlich hat diese Domestikationsethik gruppenspezifischen Verhaltensnorm zu. Das soziale Funktionieren solcher vor allem zwei Aspekte: das bekannte System reziproker Rücksichtnahme (Pit- Kurztexte lässt sich also als ein Zugehörigkeitsbekenntnis verstehen. Es handelt takos D V 4) und außerdem Emotionskontrolle in Glück und Unglück (Kleobusich um ein „collective statement“,” das gleichzeitig ein Bekenntnis zum Kollos D I 20).'' Die Einheit beider Bereiche zeigt ein Spruch des Thales (D IV lektiv ist. Das ist auch der Grund, warum wir keinerlei Lehrgedichte finden, die 20): Man soll sich im Griff haben, auch und gerade wenn man an der Macht ist diesen Stoff behandeln: dieser Gattung geht es in dieser Zeit noch um tatsächliund niemand anders einen kontrolliert (äpxov xöoneı ceautóv). Alle diese che Wissensvermittlung.* Bei Lyrikem wie Pindar, bei Theognis oder bei den Normen scheinen, gegen den ersten Anschein, geprägt für das fragile Gleichgewicht unter den Mächtigen einer archaischen Polis (deshalb vermittelt m.E. * SCHMITZ 2004, 317 skizziert die typischen sozialen Bedingungen für mündliche Spruchliteratur als Normkodex. * * Siehe dazu am Beispiel mexikanischer Sprichwort-Akteure BRIGGS 1985, 795.802. Dies ist ein Spezialfall des soziologischen Begriffs von „collective statement“ oder „boundary object“: der erste Begriff wird entwickelt von A. BOUREAU, L’adage Vox Populi, Vox Dei [...], in: Annales ESC 47 (1992) 1071-1089, hier 1072. C. ROSENTAL, Certifying Knowledge, in: Amer. Sociol. Rev. 68 (2003) 623-644, hier 638 beschreibt ein „collective statement“ folgendermaßen: „verbal or iconic fragment that creates around auch die Bezeichnung „popular ethics* für diesen Zeitraum ein irreführendes Bild). ? ® ? 1% Siehe die bei ZELLER (in diesem Band) Anm. 130 gesammelten Parallelen. DI 9 noMraig tà Péiniota ouyfouAsbaw. Siehe ZELLER 4.1. DI 18: yausiv éx tév épolov, vgl. D III 6. Siehe ZELLER 137f. Von Aristoteles, pol. III 4, 1277b 9f offenbar als allgemeines Wissen vorausgesetzt, nicht einmal ausdrücklich zitiert. itself a certain convergence of languages and thoughts, through the play of a structural "Beides findet sich auch schon in den ältesten sumerischen Sprichwortsammlungen fuzziness allowing to capture a still implicit thematic and to welcome the most diverse (siehe ALSTER 1993, 7f). Daraus sollte man nicht sofort auf eine vermittelnde Tradition projections and appropriations“. S.L. STAR/J.R. GRIESEMER, Institutional Ecology, schließen, wie SCHMITZ 2004, 319-329 überzeugend zeigt. ‘Translations’ and Boundary Objects [...], in: Social Stud. of Science 19 (1989) 387-420, hier 387, 404f beschreiben ihr „boundary object“ ganz ähnlich. 6 '? ROSLERs These (1991, 362ff), dass unsere Sprüche auf sozialen Wandel reagieren, ist sicher richtig; ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass die epischen Paradigmata In die Nähe unserer Sprüche kamen vielleicht die hesiodeischen Xelpwvoc praktischer Klugheit (so sinngemäß ROSLER 363) wie etwa Odysseus oder Nestor, hier trodijxent (fr. 283-285 MERKELBACH/WEST), von denen aber nur fr. 283 einschlägig ist: ergänzt würden. Im Gegenteil scheint mir vielfach bereits eine Ethik wie die unserer Es gibt den Anfang der Schrift und das erste Gebot, nämlich „sobald man (s)ein Haus Sprüche hinter den Epen zu stehen (beispielsweise das Verhalten Achills verglichen mit betritt, den Göttern (zu) opfern“. Solon D II 10.11). Das zeigt sich deutlich darin, dass der verschiedenen Weisen zuge-

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89 Etwas Ähnliches gilt meines Erachtens für alle Maximen, die das Thema „Ereinen sozialen Klang hat).'* Dort wird das gesamte Konzept bereits scherzhaft kenne Dich selbst!“ (yv@01 ceavróv) umspielen. Sie werden meist so gedeutet, auf eine ganz andere Situation übertragen, verweist also auf die Verbreitung als handele es sich um Einsichten in eine allgemeine conditio humana.'” Doch dieser Maxime. Mit „Eigennutz“ ist diese Regel unzureichend erfasst: es hanwenn man sich fragt, bei welchen Gruppen überhaupt ein sozialer Bedarf bestand, auf solch eine gemeinsame conditio humana zu verweisen, so wird klar, dass es es sich auch hier um einen Domestikationsversuch handelt: nämlich des libersteigerten Machtwillens einzelner Mitglieder der Adelsgeschlechter, deren delt sich um die Stabilisierung bzw. Erhaltung einer Gruppe und ihrer Privilegien, eine Art Standesethik.'’ Trotzdem kreist ihr Denken um den Reichtum, nicht um die Armut.” Sie stabilisiert sich durch eine Ethik sozialer Gefälligkeit gegenüber den anderen Gruppenmitgliedern,'” die geradezu opportunistische Ambitionen das politisch-soziale Gefüge der Polis bedrohten. Ebenso wie bei Züge annehmen kann. Wie die Zuschreibung an die Sieben Weisen nahelegt, der Maxime „Gehorche Gesetzen!“ (S 2: véuo neidov), die als Allgemeinethik recht sinnlos ist, aber an eine Gruppe gerichtet, deren Mitglieder potentiell auch versteht diese Gruppe sich als international, d.h. nicht an eine bestimmte Polis die Möglichkeit hätten, sich nicht an die Gesetze zu halten und doch nicht dafür sowohl gegen Machtkonzentration in seinen eigenen Kreisen, d.h. Tyrannen, gebunden.” Es liegt nahe, in dieser Gruppe den Adel zu vermuten, der sich zur Rechenschaft gezogen zu werden, doch wenigstens eine nicht-triviale Funkwie gegen Emporkömmlinge zur Wehr setzt.” In dieser Zeit und für diese tion hat.“ In der Liste von Mitteln und Zwecken bei Bias (D VI 17) sind etliche Gruppe ist die Polis noch ein reiner Adelsstaat. Mittel zu finden, die für den Normalbürger von vornherein nicht in Frage kommen, z.B. Ruhm durch Leistung, Beliebtheit durch Reichtum oder Macht durch Aktivität. Ein letztes Beispiel für die Tendenz dieser Gebote wäre etwa „Ehre die Guten!“ (S 65). Versteht man &ya0of hier im ethischen Sinne, ist das Gebot trivial, da der Begriff „gut“ ja die Achtung mitenthält (ähnliches gilt für Pittakos D V 13). So ist vermutlich von sozialen Untertönen auszugehen: „Achte die guten Familien!“ Nun kann es sehr wohl im Interesse einzelner Individuen liegen, alle diese Gebote zu missachten — jedoch muss die soziale Gruppe, aus (b) Soweit zu den Spruchrezipienten. Die Produktion der Sprüche hätte, wenn diese authentisch wären, zunächst einmal die Gruppe der Sieben Weisen als primäres soziales Umfeld. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass diese Individuen überhaupt im soziologischen Sinne eine Gruppe bildeten (ganz abgesehen von der Frage, wer wann und für wen eigentlich dazu gehörte). Von je einzelnen der Sieben Weisen ist schon sehr früh, d.h. zwischen 600 und 550, ein außerordentlicher Ruf bezeugt.” In keinem dieser frühen Testimonien lässt sich der sich diese Individuen rekrutieren, ein Interesse daran haben, diese Interessen zu unterbinden. Alle diese Gebote sind demnach klare Beispiele für den Versuch einer Gruppe, den Machtdrang einzelner ihrer Mitglieder „weisheitlich“ zu domestizieren.!* Diese Gruppe ist sich ihrer ökonomischen Bedrohung bewusst. 6 Od. 0 351, im Rahmen der Geschichte von Aphrodite und Ares, die von Hephaistos ertappt werden, der dann für den gefesselten Ares eine Bürgschaft des Poseidon akzeptiert. Dafür sprechen die Mahnungen, sich besser nicht zu verschulden (S 72f) bzw. 17 BURKERT 2004, 65. keine Bürgschaften zu übernehmen (siehe Anm. 12). Auch dies ist vermutlich SANTONI 1983, 131f. eine gruppenspezifische Norm, mit der die herrschende Elite dem Aufstieg einer ' $25, 32, 36f, 41, 47, 55£, 58f, 64f, 71, 80, 91, 93, 97, 105, 112, 115-117, 135. 7° Hier könnte man funktionale Ähnlichkeiten mit den pythagoreischen Akousmata anderen Gruppe die Ressourcen zu verweigern versucht. Was für uns wie ein vernünftiger Allerweltsratschlag klingt, wird so zu einem Bestandteil von „Adelsethik“, als der er auch in der Odyssee vorkommt (wo Sevol vermutlich oder Symbola erkennen. Vgl. L. ZHMUD, Überlegungen zur pythagoreischen Frage, in: G, RECHENAUER (Hrsg.), Frithgriechisches Denken, Stuttgart 2005, 13f. 71 Anhand des Corpus Theognideum hat S. VON DER LAHR (Dichter und Tyrannen im archaischen Griechenland. Das Corpus Theognideum als zeitgenössische Quelle politischer Wertvorstellungen archaisch-griechischer Aristokraten, München 1992, z.B. 153ff) schriebene Spruch „Bürgschaft — schon ist Unheil da!“ (D IV 1 = 69), bereits in der Odyssee als bekannt vorausgesetzt wird (Od. 8 351). 3 ZB. von SCHADEWALDT 1975, 17ff. Vgl. allgemein BURKERT 2004, 65f zu logomorpher Moral im Griechischen und in der nahöstlichen Tradition. 4 OIKONOMIDES 1987, 66 glaubt aufgrund eines Euripides-Fragments (Antiope fr. 853 NAUCK?), dass es bei véuœ hier nur um die in Delphi ausgestellten Gebote der Sieben Weisen gehe. 'S Anders O. MURRAY, Herodotus and Oral History, in: N. Luraghi (ed.), The Historian’s Craft in the Age of Herodotus, Oxford 2001, 16~44, hier 32, der delphische Ethik bei Herodot nicht als aristokratisch, sondern als „religious or moral“ versteht. die entsprechenden Vorstellungen dieser Gruppe rekonstruiert. Viele seiner Bemerkungen fiber owppooüvn und Üfpiç werfen ein bezeichnendes Licht auch auf unsere Maximen. 2 Demodokos IEG fr. 6 WEST, Hipponax IEG fr. 123 WEST, Heraklit 22 B 39 DK (alle zu Bias); Hipponax IEG fr. 63 WEST (zu Myson, den Apollon/Delphi als den Weisesten aller Menschen bezeichnet ~ d.h. hier ist schon eine Verbindung zu Delphi da; zu Myson siehe auch SANTONI 1983, 98ff); Alkaios fr. 360 VOIGT (zu Aristodemos siehe SANTONI 1983, 97ff.); Simonides fr, 37,11ff PMG (zu Pittakos); fr. 76 PMG (zu Kleobulos); Kritias 88 B 7 DK {zu Chilon); vgl. Pindar fr. 35b SNELL/MAEHLER. Testimonien gesammelt von ROSLER 1991, 3581F.

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allerdings eine Gruppenvorstellung ausmachen” (bei Diogenes Laertios lesen wir, dass ein Archetimos von Syrakus ein Treffen der Sieben Weisen bei 91 von den verschiedenen Listen kam bereits Dikaiarchos zu demselben Ergebnis.” Dass die später zu den Sieben Weisen gerechneten Individuen tatsächlich Kypselos [!] so mitgeteilt habe, als ob er selbst dabeigewesen sei).* Eine implizite Gruppe von Weisen finden wir erstmals bei Herodot,” eine explizit als als historische Personen existierten und zweifellos auch im Rufe besonderer „Weisheit“ standen, steht dieser Einschätzung nicht im Wege. (Stutzig macht Siebenzahl kanonisierte erst bei Platon. Obwohl also wahrscheinlich alle diese natürlich auch, dass die Sprüche selbst anonym oder mit verschiedenen Zuschreibungen überliefert sind, wohingegen mit einzelnen der Sieben Weisen Individuen (und sicher noch viele mehr) bereits zu Lebzeit die Reputation eines Weisen genossen, scheint es doch zu Lebzeiten dieser Weisen eine feste, irgendwie institutionell geschlossene Gruppe solcher Weisen nicht gegeben zu haben. Bereits die auch im Göttermythos?” und in außergriechischen Überlieferungen begegnende Siebenzahl”® belegt, ebenso wie die variierende Vielzahl der Kandidaten, dass es sich nicht um eine Gruppe im sozialen Sinne handelte, die über klare, d.h. institutionalisierte, Inklusionsmechanismen verfügte.” Ausgehend durchaus historische Fakten glaubhaft verbunden sind. ” Die Sprüche selbst brauchen im Grunde die Autorität eines Weisen nicht, um befolgt zu werden.) Als Gruppe sind sie offenbar die Erfindung einer Nachwelt, die einerseits derartige Gruppenbildungen und Gremien aus ihrer Gegenwart kennt und andererseits zum Zwecke der Autoritätskonstruktion bestimmter Lebensregeln ein solches Gremium in die Vergangenheit projiziert. Die überlieferten Glanzstücke praktischer Bewährung liefern bezeichnenderweise kein Indiz für eine „Gruppe“, weil hier der Weise allein vor dem Hintergrund der Normalsterblichen Die Erwähnung des Bias durch Heraklit (22 B 39 DK) könnte mit Mo: vielleicht wirkt, In den meisten Fällen wirkt die Verbindung bestimmter Weiser mit bestimmten Sprüchen willkürlich. Sehr häufig wird ein berühmter Spruch mehreeine ganz unbestimmte Gruppe von Weisen (so auch P. VON DER MÜHLL, Was war Bias von Priene?, in: MH 22 [1965] 178-80, hier 178), es könnte aber auch „andere Sprüche“ ren Weisen zugeschrieben. Hinzu kommt, dass, wo ein Aktivitätsbereich individueller Weiser überliefert ist, v.a. für Thales und Bias, er sich in keiner Weise 2 2 Diog.Laert. 1 40 = Ephoros FGrHist 70 F 181. Über Archetimos’ Lebenszeit lässt mit den Sprüchen deckt. Die Sieben Weisen sind keine Schrifigelehrten,”? sie haben keine „Lehre“. Ihr Ruf beruht auf der überraschenden Lösung schwierisich nichts sagen: vgl. E. SCHWARTZ, Art. „Archetimos 4“, in: RE Il (1896) 460. Die Bemerkung muss sich auf eine fiktive literarische Form beziehen, etwa wie in Plutarchs ger Fragen oder brenzliger Situationen. Ihre Intelligenz ist praktisch.” Sie verfassen und hinterlassen keine Texte. In ihrer unmittelbaren Umwelt haben diese meinen. Convivium. 3 Alle sieben Testimonien bei ROSLER 1991, 359, wo auch klar gesagt ist, dass bereits eine implizite Gruppenvorstellung vorliegt. Zu Thales bei Herodot und Platon G.E.R. LLOYD, The Social Background of Early Greek Philosophy and Science {zuerst 1972], mit neuer Einführung in: DERS., Methods and Problems in Greek Science, Cambridge 1991, 121-45, hier 130f. 2 Worauf MOSSHAMMER 1976, 177 hinweist. Alle chronographischen Konstruktionen, die Mosshammer akribisch bespricht, beruhen auf dem Synchronismos der Viten dieser Sieben und setzen also die Kanonisierung bereits voraus. Wenn allerdings Pap. Soc. Ital. IX 1093 wirklich einen alten Text überliefert (so SNELL 1971, 65f, vgl. DERS. 1966), reicht die Tradition mindestens bis ins fünfte Jahrhundert zurück. 2 Auf die sieben weisheitsliebenden Söhne des Helios bei Pindar, O. 7,71 hat schon SNELL 1971, 15 hingewiesen. 2 Zur Siebenzahl BURKERT, The Orientalizing Revolution [...], Cambridge, Mass./ London 1992, 114; ALSTER 1991, 113 fiber Sieben Weise als (anonyme) Wächter der „Tafeln der me“ in mesopotamischen Vorstellungen; MARTIN 1998, 121f. Allerdings begegnen sieben Weise im Griechischen erstmals sicher bei Platon. Kurioserweise gibt es Männer offensichtlich als Verhaltensbeispiele gewirkt: Großes Interesse scheint an ihren Sprüchen demnach in dieser Zeit nicht bestanden zu haben. Dass Geschichten wie die von dem Kelch des Bathykles oder dem goldenen Dreifuß eine gewisse Agonalität unter diesen Weisen zeigen, scheint mir eher gegen als für ihre Historizität zu sprechen, Denn welche Formen sollte dieser Agon angenommen haben? Rhapsoden oder Aoiden konnten gegeneinander in % Dikaiarch stellt sowohl fest, dass in allen differierenden Aufzählungen stets die vier Namen Thales, Bias, Pittakos und Solon enthalten sind (Diog.Laert. I 41 = 1,61,18f DK), wie dass sie keiner festen Gruppe zuzuordnen sind (Diog.Laert. 1 40 = 1,61,5ff DK): è 82 Arafapyos obre copods obte proadpous pnoiv abtods yeyovévas, ouverodc Sé tivas Kal vopo8ericoós. Mit diesen vier Namen beginnen sowohl die Aufzählungen Platons (Prot. 343A) wie die des Hermippos (bei Diog.Laert. I 42). 3 Testimonien bei ROSLER 1991, 359. 2 Zum Konzept des Schrifigelehrten nahöstlicher Prägung vgl. Jesus Sirach-38,24 auch eine Überlieferung darüber, dass die Sieben Weisen eigentlich und ursprünglich nur (hellenistisch): „Die Weisheit des Schriftgelehrten stellt sich ein bei günstiger MuBezeit, fünf gewesen seien: Plutarch, de E 385Ef. und wem es an Arbeit fehlt, der wird weise werden.“ Der Gedanke ist verwandt mit # MARTINS These (1993, 122f), dass die Sieben Weisen ursprünglich irgendein Aristoteles, metaph, 1 1, 981b 20ff. Die Sieben Weisen sind von einem ganz anderen Priesterkollegium gewesen seien, überzeugt mangels brauchbarer Hinweise nicht, Auch MEIERS Ansicht (1987, 122), dass sich ein „Kreis der Weisen“ selbst abgegrenzt habe, ist Schlag. nicht belegbar. eindrucksvoll hervor (Bd. 1, fr. % So auch DETIENNE 1996, 116. Diese praktische Klugheit hebt Dikaiarch besonders 31 WEHRLI).

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Festagonen antreten, aber „Weise“? So macht die Annahme einer Gruppe von Wenn es aber die Gruppe der Sieben Weisen als reale Institution nie gegeben Orakel richten können, wer denn weiser als eine andere Allerweltsperson sei. tens seit etwa 550 lässt mich vermuten, dass die Sieben Weisen ihnen als eine 92 Sieben Weisen, erst recht in Verbindung mit dem Delphischen Orakel, vor allem Sinn für eine Zeit, in der Allerweltsmenschen die Anfrage an eben dieses Dies ist genau, was Chairephon in der platonischen Apologie zugetraut wird; und Platon ist der erste, der explizit eine Gruppe von Sieben Weisen kennt. Auch über die Vorstellung einer „Performanz von Weisheit“ lässt sich keine 93 hat, stellt sich die Frage, warum sie überhaupt kreiert wurde bzw. warum diese Fiktion so große Verbreitung fand. Die Situation der Griechen im Osten spätes(von mehreren) Projektionen dienten, ihren spezifisch griechischen Charakter im Unterschied zu den militärisch bedrohlichen und kulturell mächtigen Nachbarn im Osten zu formulieren und zu behaupten. Manche der anekdotischen Gruppe von Weisen erschließen. Einer der Aspekte der vielbeschworenen Of- Berichte kreisen um sehr Griechisches: die Möglichkeiten des Individuums, heiten, Weisheit öffentlich zu bestätigen und vorzuführen, diese Gelegenheiten Lösung schwieriger Situationen; Praktiken öffentlichen Rechts; aristokratische fenheit der griechischen Gesellschaft liegt gerade darin, dass bei allen Gelegenallen Mitgliedern einer bestimmten sozialen Schicht gleichermaßen offenstehen. Natürlich muss es eine Reihe von Situationen gegeben haben, in denen sich ein Individuum hat auszeichnen können, um in den Ruf eines „Weisen“ zu gelangen; und natürlich musste die soziale Chance bestehen, überhaupt in eine, von einer gewissen Öffentlichkeit beachtete, Bewährungssituation zu kommen. Der soziale Ort der Weisen muss demnach in der Oberschicht der jeweiligen Polis gesucht werden.” Dass sie mit Sicherheit in die politischen Entscheidungen ihrer jeweiligen Poleis involviert waren, kann daher nicht überraschen und ist kein Indiz für irgendeine institutionalisierte Position qua Weise. Politische Autorität ist gut, d.h. unabhängig von Diogenes Laertios, bezeugt für Solon, Pittakos, Chilon, Periandros, Bias und Thales. Dies ist offenbar der Bereich, der dem Weisen die Gelegenheit bietet, als solcher anerkannt zu werden. Allerdings Polisfragen, d.h, eine „Debattenkultur‘;’” erfolgreicher Pragmatismus in der Selbstverwaltung; die politische Organisation der Ionier. So kann man sich fragen, ob die Gruppe der Sieben Weisen von den ionischen Griechen als panionisches oder sogar panhellenisches Projektionsfeld genutzt wurde.” Aus diesen Anekdoten ließ sich etwas spezifisch Griechisches gewinnen, nämlich individuelle Überlegenheit, das sich allen kulturellen Weisheits- und Autoritätskonzepten, denen die Griechen im Osten begegneten, als überlegen entgegensetzen ließ und so zu einem Identifikationsfokus werden konnte.’ Später, bei Herodot, sehen wir, dass in der Begegnung mit Kroisos, dem östlichen Potentaten, manche der Sieben Weisen definitiv als „Griechen schlechthin“ präsentiert werden. Wie es schon Herodot andeutet, wird später Ephoros die Sieben Weisen als Chiffre für die griechische Widerwilligkeit darstellen, einem Monarchen schénzutun.” Eine Figur wie Anacharsis zeigt, dass dieses Bewusstsein aber haben gerade hier unsere Sprüche keinen Platz. Überhaupt sind diese Sprüche auch integrative Züge gehabt haben kann (allerdings ist diese Integration eine gepasst hätte, vorstellen kann (im Gegensatz zu Sprichwörtern’® oder Orakelbestätigt). selbst derartig dürr, dass man sich keine performative Aktivität, die zu ihnen deutungen). Dass die Weisheit dieser Männer eine praktische ist, bringt sie in hierarchische: die Überlegenheit griechischer Weisheit wird durch ihn geradezu Ein panionisches Bewusstsein und einen gewissen Führungsanspruch in Athen einen gewissen Gegensatz zu den meisten Vorsokratikern (Thales ist die einzige erkennen wir bereits in einem Fragment aus den Elegien Solons, der Athen als Ausnahme — und wenn man sich entscheiden müsste, welche seiner beiden Seiten die höhere historische Wahrscheinlichkeit besitzt, dann vermutlich seine „die älteste Erde Ioniens“ bezeichnet.” Eine besondere Dynamik mag dieses praktische Weisheit). Lydern und Persern dazu eignete, eine eigene kulturell-ethnische Identität zu Konzept in der Zeit ab 550 entfaltet haben, wo es sich in der Konfrontation mit betonen. Wie Herodot berichtet, wurde vielfach erzählt, dass Thales dem Kroi- 3? Den Ausdruck entnehme ich K.-J. HOLKESKAMP, Schiedsrichter, Gesetzgeber und 3 Immerhin sei darauf hingewiesen, dass es in vielen Kulturen agonale Formen gibt, Sprichwörter vorzutragen: zu sumerischen siehe ALSTER. 1993, 3f, zu mexikanischen BRIGGS 1985, 797. Etwas Derartiges lässt sich für eine griechische mündliche Kultur natürlich auch denken. | 3 Ein Spruch in einer der Sammlungen erwähnt tatsächlich sogar „die Weisen“ oder vielleicht auch „das Weise = die weisheitlichen Sprüche“ (S 53 o0p0% pò). Doch gibt das eher dazu Anlass, daran zu zweifeln, ob man ihn früh datieren darf - scheint er doch eine feste Gruppe von Weisen vorauszusetzen, gewissermaßen ein Corpus von Weisheit (daher der Plural). % Pace MARTIN 1993, 118. Gesetzgebung im archaischen Griechenland, Stuttgart 1999. 3 BOLLANSÉE 1999, 75: Die Sieben Weisen sind panhellenisch. Es ist übrigens nicht notwendig, dass sie bereits in dieser frühen Zeit sieben Weise sind. Bei Herodot ist vielleicht eine implizite Gruppenvorstellung da, aber explizit findet sich nichts Derartiges (siehe BUSINE 2002, 25). ® So andeutend schon SNELL 1971, 45; ähnlich ROSLER 1991, 363f. “© Ephoros bei Diodor IX 26-28, von SNELL 1971, 97 treffend zusammengefasst als: »Vor lauter Moral werden die Weisen recht knotig und finden sich mit dem Leser zusammen in dem satten Gefühl: dem haben wir es aber gegeben.“ fr. 4a,2 WEST.

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sos bei der Invasion des persischen Reiches half, indem er mittels eines Ableieventuell diese panionische sogar in eine panhellenische Projektionsfläche tungstricks den Halys passierbar machte” — Herodot selbst glaubt nicht an die umgewandelt haben” (dafür ist nur eine Gruppenvorstellung nötig, nicht auch 95 Historizität der Geschichte, aber dass sie unter den Griechen vielfach umlief (a> eine Siebenzahl, von der wir etwa bei Herodot auch nichts finden”). Man könn- $e 6 nodAds Adyos 'EAArvov), zeigt ihre Funktion. Von Bias ist der Rat an die te sich fragen, ob Delphi sich der Sieben Weisen auch bediente, um seinen Ionier überliefert, angesichts der Bedrohung durch die Perser geschlossen nach Sardinien auszuwandern; von Thales, sich zu einer politischen Gemeinschaft Anspruch gegenüber anderen Orakelstätten, etwa Didyma, zu unterstreichen.’ Diese Maßnahme war jedenfalls derart erfolgreich, dass die beiden bekanntesten zusammenzuschließen und die Zentralregierung auf Teos zu errichten — beides Konzepte, die Herodot wegen ihrer Klugheit hervorhebt und die mit einem sprünglich sogar rein delphisch sind (jedenfalls hat sich die Weisen-Aitiologie panionischen Konzept arbeiten.” Solon erhält bei Herodot Gelegenheit, griechinie ganz durchgesetzt). Mit der Ausweitung des ionisch-lydischen und später Sprüche der Sieben Weisen (yv@0t ceavróv und pnôèv &yav) vielleicht ursche Weisheit und geistige Unabhängigkeit im Kontrast zu orientalischer Desionisch-persischen Konflikts auf einen panhellenisch-persischen Gegensatz in potie zu demonstrieren (1 29-32).* Von Bias (oder Pittakos — typisch, dass es der Zeit der Perserkriege sind die Sieben Weisen dann endgültig zu einem panmehrere der Sieben Weisen sind, die für die lonier als Gruppe handeln) berichtet Herodot (1 27,3f), wie er durch eine typische Weisheitsleistung Kroisos vom Krieg gegen die Inselionier abbringt und sogar zu einem Bündnis mit ihnen bewegt. Die Erzählung von der wunderbaren Einigkeit der Sieben Weisen, die hellenischen Konstrukt geworden. Im Fall des Skythen Anacharsis, der manchmal unter die Sieben gerechnet wird, sieht man, wie er von den Griechen insgesamt geradezu als Märtyrer ihrer kulturellen Überlegenheit über die Skythen vereinnahmt wird.” Das erfolgreiche Interesse der Athener, ihren halbmythivielleicht ins fünfte Jahrhundert zurückreicht,” könnte einen politischen Sinn schen Gesetzgeber Solon in diese Gruppe hineinzubringen, ist vermutlich ebengehabt haben: gewissermaßen eine Anti-Allegorie auf die Uneinigkeit der Grieso als Echo eines panhellenischen Führungsanspruchs aufzufassen.” Dass Solon chen“ und ein Appell, diesen Zustand zu ändern, lonische Emigranten hätten in allen Erzählungen von Konkurrenz und Einigkeit der Sieben Weisen so eine diese Vorstellung verbreitet.” Delphi, das mit den Sieben Weisen ursprünglich gewichtige Rolle spielt, könnte sogar nahelegen, dass dieses Motiv unter athenivermutlich nichts zu tun hatte, später aber in vielfacher Weise mit ihnen als scher Fuchtel entstanden ist, also vermutlich im 5. Jh. So grenzt das Konzept. Gruppe assoziiert wurde,” könnte sie in dieser Funktion quasi appropriiert und der „Sieben Weisen“ und die Weisheit ihrer Sprüche nicht Binnen- und Außen- “2 Herodot I 75,3-6. Siehe auch ROSLER 1991, Test. III; die Geschichte ist chronolosoziale Schicht von einer anderen, wie das bei nahöstlicher Weisheit üblichergruppen in einem ethnisch homogenen Kommunikationsraum ab oder eine gisch mit der Bestimmung der Sonnenfinsternis nicht zu vereinbaren, die allerdings auch viele Fragen aufwirft: siehe D. PANCHENKO, Thales’s Prediction of A Solar Eclipse, in: weise der Fall ist,” sondern ein griechisches Selbstbewusstsein von nicht- * griechischem.* Journ. for the Hist. of Astron. 25 (1994) 274-88. 4 Herodot 1 170. Bias soll angeblich auch eine Schrift Über Jonien verfasst haben (Diog.Laert. I 85). . “ Die beiden kurzen Erzählungen von Tellos und von Kleobis und Biton zeigen, was # 3% 5 2% Anders BUSINE 2002, 38. Worauf BUSINE 2002, 17 hinweist. Siehe BUSINE 2002, 114 (für die hellenistische Zeit). Eine konkurrierende Legende, die diese Sprüche der sagenhaften Pythia Phemonoe in den Augen eines Atheners Glitck bedeutet. Solon selbst beugt sich nicht dem Wunsch des Kroisos, ihm nach dem Munde zu reden (v.a. 1 30,3 und 32,5). Indirekt rettet Solon Kroisos vom Scheiterhaufen und beeindruckt sogar Kyros (I 86-88). zuweist, wird in Belegen fassbar, die VOIGT, Art. „Phemonoe“, in: RE XIX (1938) 1957 4 Siehe oben Anm. 26. “ Die auch von Herodot hervorgehoben wird (z. B. in I 169). 4 Mass emigration“ aus Jonien in den Westen hat es schon ab 540 gegeben: dazu A. nacharsis deshalb nicht kennen wollen. In IV 46 erkennt man, wie der Typus des ,,frem- SNODGRASS, Archaic Greece. The Age of Experiment, London u.a. 1980, 162. # Myson wird bereits bei Hipponax durch Delphi als „Weiser“ eingesetzt. Zur Verbindung mit Delphi: BARKOWSKI 1923, 2251-2254. M.P. NILSSON, Geschichte der griechischen Religion, 1. Bd. München 71955, 651 bringt die Sprüche der Sieben Weisen sammelt; WEHRLI 1973, 196. 5 Sehr deutlich bei Herodot IV 76,5, der uns sogar erklärt, dass die Skythen den Aden Weisen“ von einzelnen griechischen Volksgruppen zur Bestätigung der eigenen Überlegenheit gebraucht werden kann, diesmal anscheinend von Peloponnesiern. % Relativ deutlich bei Lobon fr. 511 SH, freilich erst hellenistisch. 35 G. THEISSEN, Weisheit als Mittel sozialer Abgrenzung und Öffnung. Beobachtungen zur sozialen Funktion frühjüdischer und urchristlicher Weisheit, in: ASSMANN 1991, in Zusammenhang mit einer „legalistischen“ Strömung des Delphischen Orakels. Bei Herodot ist in der Lehre, die Solon dem Kroisos und dem Kyros erteilt, delphischer Einfluss (zu Kleobis und Biton ebenso M. LLOYD, Cleobis and Biton [Herodotus I, 31], in: Hermes 115 [1987] 22-8) ebenso offensichtlich wie athenischer in der Geschichte des (FGrHist 76 F 74-7 über Thales, Pittakos, Bias und Kleobulos; alles in den entsprechen- Tellos. Ich halte beide für sekundär. den Abschnitten bei Diog.Laert. überliefert [1 22, 74, 82, 89]), möglicherweise mit der 193-204, hier 193.197. % Eigenartig ist allerdings die offensichtliche Tendenz des Historikers Duris von Samos (4. Jh.), den Sieben Weisen eine nicht-griechische Abstammung anzuhängen

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Als Summe dieser kurzen Betrachtung ergibt sich, dass die Sieben Weisen in haben, das unserer Sammlung offenbar bereits vorausgehtTM (die alt bezeugten 97 dieser frühen Zeit als Gruppe möglicherweise eine Funktion ausübten, die mit Sprüche weichen formal durchaus ab). Dieses Ideal beruht in seiner Prägnanz den ihnen zugeschriebenen Sprüchen weit weniger als mit den über sie umlauvor allem auf der Markierung einer Differenz zur Alktags- |und Gegenwartssprafenden Geschichten zu tun hatte. Die Erzählungen, die die Sieben Weisen als che.” Diese Stereotypie wird hier selbst zum Sinntrager.® Sie ist ihrerseits ein Gruppe zum Thema haben, erzählen entweder von einem Agon oder von einem Indiz für eine bereits erfolgte Kanonisierung.* Zumindest legt die formale Symposium — gerade den beiden institutionalisierten Strukturen,in denen sich Identifikationsfokus hängen nur in dem Punkt zusammen, dass es etwa dieselbe Stereotypie gerade der nicht als alt bezeugten Sprüche den Verdacht nahe, hier sei umfangreiche Nachbildung betrieben worden. Die Sprüche benötigen keine Begründung, weil ihr Sinn offensichtlich ist und die Sieben Weisen eben als Autoren für Weisheit und Sinn bürgen, an die der Spruchrezipient aktiv oder Gruppe gewesen sein wird, bei denen das größte Interesse an einer einigenden passiv seine eigene Autorität abgibt. Was zählt und Autorität verleiht, ist für Projektionsfläche ebenso wie an einem exklusiven Gruppenbewusstsein be- Kompilatoren und Adressaten dieser Spruchsammlung offenbar nur das Weisstand. heitskollektiv. Das Überlieferungsinteresse der archaischen Zeit dagegen galt auch einzelne Gruppen der führenden Familien innerhalb der Polis als Gruppe erfahren.” Die Funktion der Sprüche und die Funktion der Sieben Weisen als Individuen, ob es sich nun um Anekdoten oder um Sprüche rankte. In späterer 2. Hellenismus und Kaiserzeit Zeit dagegen gilt das Interesse einem Kollektiv: deshalb variieren die Namen so stark bzw. deshalb werden die wichtigsten Sprüche meist verschiedenen der Weisen zugeschrieben. (a) Die Sprüche in unseren Spruchsammlungen sind so schlicht, dass man sich schwer vorstellen kann, sie seien für hellenistische und kaiserzeitliche Griechen aus inhaltlichen Gründen so interessant gewesen. (b) Meines Erachtens sind sie nur ein Epiphänomen und damit ein Indiz für die Rolle, die die Gruppe der Sieben Weisen für diese Zeiten spielte. Dazu passt, dass sie in der Regel kollektiv den Weisen1 zugeschrieben werden. Diese Sprüche sind formal außerordentlich stereotyp.* Sie bestehen weit überwiegend aus zwei Begriffen, einem handlungsanweisenden und einem situationsbeschreibenden.” Im Gegensatz zu ihren nahöstlichen Pendants verzichten sie auf eine Begründung” und sind außerdem anonym: Weder wird ein einzelner Spruch einem einzelnen Weisen So deutet alles darauf hin, dass unsere Sammlung das Produkt einer späteren Zeit ist, die sich auf die Sieben Weisen als legitimatorisches Konzept beruft. Dabei werden gewissermaßen alle von allen anerkannten Verhaltensnormen in dieselbe Form der ixo@ijxn gebracht und den Sieben Weisen zugewiesen. Der Sinn dieses Verfahrens ergibt sich aber erst aus der Tatsache, dass diese Sieben Weisen bereits eine unbestreitbare Autorität haben. Umgekehrt erhalten die gängigen Verhaltensnormen so eine Autorität, die sie eigentlich nicht benötigen (eben weil sie gängig sind), die aber die Autorität der Sieben Weisen wiederum stützt. zugeordnet (wie bei Diogenes) noch wird festgelegt, welche sieben Weisen eingerechnet sind. Alle drei Merkmale weisen auf die bereits etablierte Gruppe als Bedeutungs- und Sinnträger: Die Sprüche werden formal einander angegli- 5! Das aber keineswegs dichterisch ist. Dass die Sieben Weisen ,,poets waren, wie chen, weil sie einem formal-ästhetischen Ideal äußerster Prägnanz zu genügen MARTIN 1993, 113ff zu zeigen versucht, ist ganz unwahrscheinlich (mit Ausnahme von Absicht, das Licht seines Landsmanns Pythagoras um so heller strahlen zu lassen (vgl. F Solon, dessen Dichtung aber für seinen Ruhm akzidentiell ist). Natürlich kann Weisheitliches auch in Skolia kommuniziert worden sein (MARTIN 114 weist auf fr. 912a PMG hin, Allerdings stammt das aus Aristophanes, Vesp.). Vermutlich werden diese Lieder die dao6fixo aber eher sekundär umrahmt haben, so wie eine Pindarpassage eine Gnome. & Siehe BRIGGS 1985, 800 für mexikanische Sprichwörter; generell G. WIENOLD, 22). Siehe auch BUSINE 2002, 11. ' * KINDSTRAND 1986, besonders 240ff, zeigt, dass Diogenes seine Spruchlisten aus mindestens zwei verschiedenen Sammlungen kompiliert hat, von denen eine wie die bei Stobaios überlieferte ausgesehen hat. ® Ausnahmen: S 12, 19, 38 (unSèv &yav), 58, 92, 114, 133. Die Spruchliste, die Stobaios nach Demetrios gibt, ist weniger rigide stilisiert als die Inschrift von Aï-Khanum, zeigt aber zumindest stellenweise dieselben Charakteristika. ® Siehe ALSTER 1991, 104f; die ältesten sumerischen Sammlungen allerdings scheinen ebenso begründungslos zu sein (vgl. DERS. 1993, passim). Inschriften — die Weisheit an der Wand, in: ASSMANN 1991, 155-75, hier 171. © Besonders auffällig in Fällen sachlicher Ähnlichkeit, z.B. S 41, 80, 119. € Diog.Laert. I 35 = Lobon fr. 521 SH zitiert ein ox6Aıov, dem Thales zugeschrieben, in dem es auch um Moral und Weisheit geht, v.a. aber um Kürze. Mir scheint dieses Liedchen gerade ein Kommentar der extremen Brachylogie der überlieferten Sprüche zu sein. ‘8 Zu einem ähnlichen Vorgang siehe BRIGGS 1985, 800. 6 Das ist etwa der Fall bei Pittakos D V 13 (Oepáxeve+ 12 Abstrakte). Dieser Appell braucht keinen Weisen.

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Sowohl an den überlieferten Anekdoten wie am Inhalt der alten Sprüche lässt mit einer Gruppe von „Schülern“ nach Athen kam;” das steht vermutlich hinter 98 sich klar ablesen, dass die Weisen schlechthin weise sind und der Anwendungsdem groBen Interesse des Peripatos an den Sieben Weisen;” das ist ganz explibereich ihrer Weisheit universal ist: z.B. politisch, strategisch, technisch, juristisch, divinatorisch. Diese Weisenim archaischen Griechenland waren weise in zit der Fall im 1. Jambus des Kallimachos und vielleicht auch anderer frühheleiner‚relativ undifferenzierten Gesellschaft, in die sie vollkommen integriert oder „Theorie“ auszudifferenzieren beginnt (Sophisten, Philosophengruppen) handelt sich fast schon um die Figur der aus der christlichen Geschichtstheorie bekannten Typologie. Vor allem bei Kallimachos sehen wir, wie die Weisen ein Exempel werden dafür, wie eine sozial differenzierte Theoretikergruppe auftreten sollte: nämlich gleichzeitig als Kontrast und als Vorbild der Normalgesellund — ebenso charakteristisch — natürlich von Leuten, die sich selbst als äquivaschaft.” In Alexandria, viel deutlicher als in Athen, gab es ja tatsächlich einen sind.” Als Gruppe werden sie aber charakteristischerweise erst wahrgenommen von Autoren, diein oder für Gesellschaften schreiben, in denen sich „Weisheit“ lentes Differenzierungsprodukt einer neuen Zeit verstehen, d.h. eben als Weise, Intellektuelle oder Theoretiker. Für diese Leute werden die Sieben Weisen gewissermaßen Archetypen ihrer eigenen Existenz. Dieser Prozess lässt sich meines Erachtens beschreiben als eine Selbstvergewisserung des eigenen Status lenistischer Autoren wie Lobon aus Argos” und Phoinix von Kolophon.” institutionalisierten und sich zunehmend professionalisierenden „Theoretikerstand“, der wie seine ganze Umwelt ganz neu war. Außerdem dürfte er von einem rabiaten Konkurrenzbewusstsein geprägt gewesen sein, das sich für uns u.a. in der außerordentlichen Popularität spiegelt, die das Motiv vom Agon der durch Kontinuitäts- oder Typologiekonstruktionen. Anders betrachtet: je deutli- Sieben Weisen geradein dieser Zeit besessen haben muss.”Grundsätzlich ist cher „Theorie“ sich innerhalb einer Gesellschaft irgendwie in Institutionen differenzierte, desto größer mußte das Interesse an der Gruppe der Sieben Weidie Idee von den Sieben Weisen als einer archetypischen Gruppe, die zur Nachahmung einlädt, schon in S 48 gUócopos yivov präsent: Weisheit ist ein knapsen als eines Referenzpunktes in der Vergangenheit werden. Diese spätere Gesellschaft ist, wenn meine Spekulationen das Richtige nicht allzu weit verfehlen, frühestens in die Zeit der Perserkriege zu setzen. Wenn man die Blickrichtung auf die Zeiten und Gruppen ausdehnt, die später Gebrauch gemacht haben von einem Konzept der „Sieben Weisen“ als einer F 1 (über den Agon der Sieben WeiIV A 1, 1006 rt. I 29f = FGrHist % Bei Diog.Lae sen, der Eudoxos vielleicht mit einer Analogie zu seinem eigenen Agon mit Platon ver- . sorgte). Vgl. Philodemos, Acad. Col. Y, Z. 4ff (S. 152 GAISER). Dazu L. ZHMUD, Die Beziehungen zwischen Philosophie und Wissenschaft in der Antike, in: Sudh. Arch. 78 wirklichen Gruppe, so kann man m.E. feststellen: kleinere Gruppen usurpieren (1994) 1-13, hier 2, 4; M. ASPER, Mathematik, Milieu, Text, in: Sudh. Arch. 87 (2003) die Sieben Weisen als eine Präfiguration ihrer eigenen institutionellen Verfasst- 1-31, hier 25. im Sinne einer Sozialferne. Zur soziologischen Diskussion über funktionale Differenzie- 7! So. I 2.1. Die folgenden Peripatetiker haben sich mit den Sieben Weisen befasst: Aristoteles in Tlepl puocogtag (fr. 3 ROSE = fr. 28f GIGON); Theophrast (Plutarch, Sol. 4.2-8 = Test. 583 FORTENBAUGH), der Flepl tòv cogîv geschrieben haben soll (Test. 727.12 Fortenbaugh) und außerdem wahrscheinlich yv@@1 ceavtév in Tlepl aapoyudv diskutierte (Stobaios II] 21,12, Bd. 1, S. 558f HENSE); Dikaiarchos (Bd. 1, fr. 30-32 WEHRLI); Demetrios von Phaleron in T&v &rtà cop@v éxop0éyuare (Bd. 4, fr. 114 122 = Thales 11 A i DK); Klear= Diog. Laert. = FGrHist 228 F 1 BOLLANSEE WEHRLI chos in TIepl xupoudv (Bd. 3, fr. 69-71 WEHRLI); Straton von Lampsakos (Bd. 5, fr. 146f WEHRLI); Hermippos v. Smyma (FGrHist 1026 F 10 = Diog.Laert. I 42), der die Menge der Kandidaten diskutiert. Die Belege hat BOLLANSEE 1999, 68f gesammelt. rung siehe I. GILDENHARD, Philologia perennis? Classical Scholarship and Functional Grotesk OIKONOMIDES 1987, 73. heit und oft sogar als Appell zur Geschlossenheit. Das deutet sich bei Platon bereits an,” dessen Geschichte von Thales und der thrakischen Magd ganz klar ein Philosophenideal skizziert, das er in bekannter Alltags- und Volksferne für sich selbst reklamiert;“ das können wir für Eudoxos von Knidos vermuten, der @ Siche A. HAHN, Zur Soziologie der Weisheit, in: ASSMANN 1991, 47-57, hier 48f, 54. Die Sieben Weisen sind also keineswegs eine „autonome Intelligenz“ (MEIER 1987) Differentiation,in: ders./M. RUEHL (Hrsg.), Out of Arcadia (BICS Suppl. 79), London 2003, 161-203, hier 180ff. @ Prot. 343A; vel. Hipp. mai, 281C. Man hat außerdem den Eindruck, dass Sokrates 2 Lobon fr. 521 SH. Richtig haben H. LLOYD-JONES und P. PARSONS das für hellenistisch gehalten (aus einem Septem sapientium convivium). = 191 PFEIFFER, vgl. fr. inc. loc. 403 ASPER = 587 fr. 151 ASPER 3 Kallimachos nax begegnet, ist die Angleichung nicht umgekehrt erfolgt. So ergibt sich der Eindruck PFEIFFER. In beiden Fällen spielt gerade die Gruppenvorstellung die entscheidende Rolle; Phoinix von Kolophon bei Athenaios XI 496D (= CollAlex fr. 4, S. 234 POWELL). Wer in diesen Erzählungen der Weiseste der Sieben Weisen ist, Bias, Thales oder Solon, kann von jeweiligen politischen Vorlieben des Milieus des jeweiligen Verfassers abgehangen eines typologischen Bezugs des platonischen Sokrates auf die Sieben Weisen (und damit haben (siehe dazu BUSINE 2002, 60). durch die Chairephon-Anekdote (apol. 21A) irgendwie den Sieben Weisen angeglichen werden soll (so GARTNER 178; andeutend auch WEHRLI 1973, 195); siehe zum Motiv Diog.Laert, I 106f über Anacharsis und Myson in Chen. Da das Motiv schon bei Hippoauch der platonischen Gruppe). % Tht. 174Af. TM% BUSINE 2002, 71 erkennt hier nur antidelphisches Engagement. 3 Übersicht über 17 Autoren und Versionen bei BUSINE 2002, 57.

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pes Gut, etwas Exklusives, worauf ja gerade die Autorität des Weisen beruht. Man sieht klar, wie hier das Weltwissen des anonymen Verfassers in seine 101 Die Aufforderung an den Weisheitssuchenden „Werde selber weise!“, ließe Fiktion einer fernen Vergangenheit eingreift. Ähnlich wie bei Kallimachos, aber sich, nimmt man sie ernst, nur als Spott verstehen. Wenn dagegen diese Spruchweniger deutlich fließt auch hier eine normative Vorstellung von „Theoretikern“ ein, die ebenso wie bei Plutarch auf den letztlich platonischen Anspruch sammlungen kreiert und tradiert wurden von Männern, die sich selbst gerade als Nachfolger dieser Sieben Weisen verstanden, und das innerhalb ihrer eigenen Gruppe, macht das Gebot natürlich selbstaffirmatorischen und gruppenstabilisierenden Sinn. Diese Linie lässt sich auch bei zwei kaiserzeitlichen Autoren nachverfolgen: In der Belehrung der Könige Periandros und Amasis durch die Sieben Weisen bei Plutarch (Conv.) kommt ein Beratungsanspruch als Gruppe zum Ausdruck. Es der Mit-Gestaltung des politischen Lebens durch die Theoretiker hinausläuft.” Was ist also passiert? Für eine Gesellschaft, die nunmehr institutionelle Funktionsdifferenzierung von „Weisheit“ kennt, werden die Sieben Weisen zu einem „fernen Spiegel“ (B. TUCHMAN), in dem man sich bestens selbst erkennen, vielleicht als Gruppe überhaupt erst entwerfen und gelegentlich sich oder seine Ansprüche auch seiner Umwelt zeigen kann. Mit anderen Worten: von einem ist ziemlich klar, dass die Vorschläge, die die Sieben Weisen zur Regierung von ionischen Integrationskonzept werden die Sieben Weisen zu einem Exempel für Gemeinwesen usw. machen (11 154Cff), zunächst einmal einen Anspruch Plu- Kleingruppen, die sich um Wissenspflege bilden.” Die Sprüche werden getarchs ausdrücken.” Weiterhin platonisiert Plutarch die Sieben Weisen seines Convivium,” was bereits zeigt, dass er sie in irgendeiner Hinsicht als alter ego sammelt, gepflegt und geliebt (und ihr Corpus vermutlich erweitert) — wahrscheinlich aber nicht ihres wenig spektakulären Inhalts wegen, sondern weil sie versteht. Die politischen Implikationen des Convivium sind rückwärtsgewandt, als Ausdruck dieses Exempels dienen, das einer (oder mehreren) kleinen Gruppen als Vehikel des eigenen elitären Selbstverständnisses und als Chiffre ihres anachronistischerweise pro-demokratisch” und lassen sich als typisch griechische Weigerung verstehen, die Gegenwart als Alternative zu einer glorifizierten Vergangenheit zu begreifen. Bei Diogenes Laertios finden wir nicht nur eine Sammlung älteren Materials zu den Sieben, sondern auch eine gewisse Bereitschaft, besonders die Geschichte ihres Agons romanhaft auszuschmücken (I 27- Anspruchs dient. So werden die Sieben Weisen seit Platon von einem politischethnischen zu einem sozialen Integrationskonzept, nämlich für einen institutionalisierten „Schriftgelehrtenstand“. Dass die Akteure von „Weisheit“ sich in der westlichen Tradition bis heute als in einer antiken Tradition stehend begreifen,” 33). Ferner lässt sich aus den nur bei ihm überlieferten 19 Briefen dieser Weisen sichert den Sieben Weisen ein wohlwollendes, weil identifikatorisches, Interesein regelrechter Briefroman rekonstruieren,” der deutlich ein Gruppengefühl zeigt. Dort ist es allerdings eine Gruppe von mehr als sieben Weisen.” Hier lassen sich ebenso panhellenische Tendenzen erkennen, jedenfalls rücken die Weisen zusammen im Angesicht einer möglichen aufkommenden Persergese der Nachwelt.” Das scheint mir die Quintessenz vor allem der Gastmahlliteratur zu sein (die im übrigen die für Weise typische und natürliche asymmetrische externe Kommunikation mit der Außenwelt durch eine symmetrische, aber fahr.”' Der Brief des Periandros an die Weisen‘? geht offenbar sogar von jährlichen Versammlungen der Sieben Weisen aus, die voriges Jahr in Sardes bei Kroisos gewesen seien und nun zu Periandros nach Korinth kommen sollten. * Dazu S. SWAIN, Hellenism and Empire. Language, Classicism, and Power in the Greek World AD 50-250, Oxford 1996, 389 u. è. 7 BUSINE 2002, 98f. Nach WEHRLI 1973, 196 geht der Inhalt des plutarchischen Weisensymposiums „wahrscheinlich“ auf „ein archaisches Volksbuch“ zurück. Nach meiner Auffassung ist der Begriff des „archaischen Volksbuchs“ in sich anschronistisch. Vermutlich handelt es sich um eine populäre, d.h. mündlich kursierende, Erzählung. ” Siehe AALDERS 1977, hier 31ff. ? Was DOHRSEN 1994 getan hat. Pace DOHRSEN (114f), der einen bellenistischen Verfasser vermutet, scheinen mir diese Texte eher den Panhellenismus der Zweiten Sophistik zu zeigen. ® Phere kommt kydes dazu in Diog.Laert. I 122, Anaxim und Pythagoras enes in Diog.Laert. II 4. % Anaxi an Pythagoras, menes Diog.Laert. II 5. % Diog.Laert. 199. % DOHRSEN 1994, 112. * Neben all dem bleibt der panhellenische Appellcharakter der Sieben Weisen bestehen, siehe DOHRSEN 1994, 89, Dass etwa die Einwohner von Miletupolis in Kyzikos und der griechisch-baktrischen Stadt von AT-Khanum im heutigen Afghanistan eine Stele mit den Sprüchen der Sieben Weisen im Schrein des Kineas, ihres heroisierten Gründers aufstellten, die stolz verkündete, sie sei eine Abschrifl des Klearchos vom delphischen Original, darf man sicher auch als ein Kontinuitätssignal verstehen. Zu den epi ischen Realien s.o. 1 4.2 und OIKONOMIDES 1980, hier 179-181. Ders. 1987, 68 Anm. 6 meint sogar, die Aufstellung dieser Stele sei von Klearchos als eine Maßnahme zur Hellenisierung dieses Gebiets gedacht gewesen. . $5 Genauer: dass eine Bereitschaft jeder neuen Gruppe besteht, sich selbst nach dem Vorbild der älteren zu entwerfen, d.h. eine Kontinuität zu konstruieren. * ROSLER 1991, 357: „Es wäre cin eigenes Thema — und gewiss ein lohnendes dazu -, die Hintergründe der andauernden Attraktivität der Sieben Weisen in Hellenismus, Kaiserzeit und Spätantike zu untersuchen.“ SANTONI 1983, 92 meint rührenderweise, dass die Sprüche wegen ihrer ethischen Qualität so lange überlebt haben.

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eben interne Kommunikation ersetzt, bei der ihnen die AuBenwelt als Leser über die Schulter schaut).”” 103 Weisheit, die in geschmackvoller capitalis rustica dazu geschrieben ist, betrifft in schöner Unverblümtheit — das „Kacken“.”' Wer sich daran delektierte, verspottete Weisheit an sich, indem er den paradigmatischen Urweisen ein sehr Das ändert sich nicht einmal in der christlichen Ära: die Sieben Weisen eignen sich als typologische Gruppe so gut, dass ihnen flugs auch christliche Propheelementares, gar nicht hehres und vor allem nicht elitäres Wissen zuschrieb. Die Komik liegt in einer Umwertung von Weisheit und provokanter Körperlichzeiungen untergeschoben wurden, genauer gesagt, christliche Interpretationen keit.2 Mit der Waffe der Parodie wehren hier die trinkenden und badenden von Christen fingierter Apollon-Orakel.* So erreichen sie einen wahrhaft „ty- Allerweltsbürger den Eliteanspruch der Theoretiker ab. pologischen“ Status, nicht viel anders als die Propheten des Alten Testaments. Christliche Eliten usurpieren sie mühelos, wegen des Zusammenhangs mit „Bildung“ meist im funktionalen Umkreis von Statussymbolen.” Im soziologischen Sinne als Gruppentypologie begegnen wir ihnen in sogar noch der Bilderwelt des Hochmittelalters: Unerwarteterweise tauchen sie z.B. auf den Fassaden der Kathedralen in Reims und Clairmont-Ferrand auf.” Dort symbolisieren sie die septem artes liberales, als paganes Wissen, domestiziert und geadelt in einem christlichen Bildkontext. Betrachter dürften sie allerdings am ehesten als Präfiguration der Kathedralschulgelehrten gesehen haben, unter deren Fittiche sie sich gerade begaben. ' Den Schluss soll ein Hinweis auf die Umkehrung dieses integrativen Gruppenkonzepts durch die von ihm Ausgeschlossenen machen: Irgendwann in trajanisch-hadrianischer Zeit, d.h. etwa gleichzeitig mit dem Convivium Plutarchs, war die Weisheit der Sieben Weisen so ,,knotig* (SNELL) geworden, dass sie Parodien geradezu herausforderte. In einem Gebäude in Ostia, das zunächst eine Bar war und dann zu Thermen umgebaut wurde, fungierten unsere Sieben Weisen als Wanddekoration. Sie sitzen fröhlichen Gesichts auf Latrinenbänken. Ihre *7 Siehe auch BRIGGS 1985, 795. ® Texte in Theosophorum gr. Fr. ed. H. ERBSE: 14 (S. 105), x 5.7 (S. 111), vor allem aber x (S. 117-119), p (S. 123-127) und A (S. 130-135). Obwohl das Konzept „Sieben Weise“ unverändert ist, erodiert der tatsächliche Kanon: Die letzten drei Texte nennen folgende Namen: Bias, Solon, Chilon,. Thukydides, Menander, Platon; Solon, Thukydides, Plutarch, Aristoteles, Platon, Chilon; Piutarch, Ares (!), Dön (?), Kleomedes, Platon, Aristoteles, Homer. Die Gruppe der Sieben Weisen wird einfach zu einem Sammelbecken für alle griechischen Denker, die man kennt. ® Ihre Sprüche finden sich auf Silberlöffeln: S.R. HAUSER, Spätantike und frühbyzantinische Silberlöffel. Bemerkungen zur Produktion von Luxusgüter im 5. bis 7. Jh., % Die drei noch erhaltenen Beischriflen sind: Ut bene cacaret ventrem palpavit So- Münster 1992, 69-72, pl. 23-26, 52 (= SEG 42'[1992], 1096). Siebenergruppen von ton; durum cacantes monuit ut nitant Thales; vissire tacite Chilon docuit subdolus. Edi- Philosophen sind ein beliebtes Motiv auf den Sarkophagen der Wohlhabenden: siehe EWALD 1999, 109 {allerdings meist Kyniker: ebd.. 96-108); R. LATTIMORE, Themes in Greek and Latin Epitaphs, Urbana, Ill. 1962, 286 über den Rhetor T. Phaneus Modestus. Dasselbe gilt für die Fußböden der Oberschicht: Beispiele bei EWALD 1999, 97. tion und Kommentar bei E. COURTNEY, Musa Lapidaria. A Selection of Latin Verse % Zu Reims E. MALE, Religious Art in France. The Thirteenth Century [...] (orig. Paris °1958), Princeton, NJ 1984, 431 Anm. 104; zu Clermont-Ferrand siehe Lex. d. christl. Ikonogr. If (1970) 704 und Abb. 3. In beiden Fällen beruht die Identifikation als Sieben Weise nur auf Geschlecht und Zahl. Inscriptions, Atlanta, Ga 1995, Nr. 70a, S. 86, 292f. Siche auch R. NEUDECKER, Die Pracht der Latrine. Zum Wandel öffentlicher Bedürfnisanstalten in der kaiserzeitlichen Stadt, München 1994, 35fF, 111. % Im gleichen Raum findet sich eine Inschrift Amice fugit te proverbium/bene caca et irrima [= irruma] medicos, die eine Wissenselite direkt angreift. Meines Erachtens fasst sic die Wirkung der Beischriften und der Darstellung der Sieben Weisen hier ziemlich präzise zusammen.