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REMERA
Heft I.
Schriftleitung:
|
Dr. Ludwig Keller
Berlin - Charlottenburg
SEE
HET
Verlag:
| Weldmannsche Buchhandlung
Berlin S.W.
Berlinerstrasse 22
Zimmerstrasse
M.
Die Monatshefte der C. G. erscheinen im Januar, Marz, Mai, Septbr.
und November. Die Mitglieder erhalten die Hefte gegen ihre Jahresbeiträge.
Bezugspreis im Buchhandel und bei der Post M. 10,—.
Einzelne
Hefte
M. 2—.
Nachdruck
ohne Erlaubnis
untersagt.
Die heiligen Zahlen
und die Symbolik der Katakomben.
Von
Ludwig Keller.
Gottes schöpferische Kraft, die sich im All offenbart und
mit
eins
ist,
Plato — zunächst
diesem
in
hat sich — so
lehrten Pythagoras und
eine
Zahl
unendliche
unkörperlicher
Kräfte ergossen, die als Werkzeuge Gottes und als ewige
Vorbilder, Muster und Maße der Dinge selbstbewußt und selbsttitiz mitgewirkt haben, die aber als erschaffene Wesen der
göttlichen Vollkommenheit nicht teilhaftig geworden sind. Durch
diese
heiligen
göttlichen Wesenheiten
hat
Gott,
der Bildner
und Baumeister der Welt, den Dingen Gestalt, Maß und Form
geyvben und sie sind es, die auf Gottes Veranlassung und unter
seiner
Leitung
beherrschen.
zu einer Welt
nach
seinem
selbsttitigen
das
Leben
nnd
das
Werden
in
der
Zeit
Nach dex höchsten Baumeisters Plan ist das All
des Gleichmaßes
Plan
wird
Kräfte
zur
es
und
durch
der Schönheit
die
von
Vollkommenheit
ihm
geworden;
erschaffenen
geleitet.
Diese
heiligen Wesen gehören in unzähligen Stufen dem Geiste Gottes
an, in dem
sie
sie sich
entstrimen
Monatshefte der C. G.
dem
1200.
zu
einer
Geiste
ewigen Einheit zusammenfassen;
des
höchsten
Bildners
à
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Gedanken dem Geiste der erschaffenen Wesen und wie die
Strahlen dem ewigen Lichte, von dem alle Weltkörper das Licht
empfangen und erhalten.
Vielgestaltig wie die Eigenschaften dieser Hilfskräfte waren
die Namen und Bezeichnungen, unter denen sie in mehr oder
weniger vergeistigter Gestalt in der Geschichte dieser Glaubenswelt und in den kultischen Ausprägungen derselben erscheinen.
Der Gegensatz, in der diese Lehre von Anbeginn zu den
übrigen Kulten stand, die den Begriff des einen Gottes nicht
kannten und an dem Opferkult festhielten, den jene verwarfen —
dieser Gegensatz, sage ich, hat von jeher die Kultvereine des
Humanismus gezwungen, ihre Ideen und Formen zu verschleiern,
und dieses Streben nach Verschleierung und Verhüllung ist auch
in den Namen und Formen, die man gewählt hat, deutlich
erkennbar; vor allem war fast überall eine mehrfache Ausdeutung
und eine doppelsinnige Anwendung, die man aus bestimmtem
Grunde brauchte, in Übung.
Plato und die Platoniker, die in ihren Akademien sich
Genossenschaften mit sakralen Formen geschaffen hatten, pflegten,
wenn sie jene unkörperlichen Wesen zu bezeichnen wünschten,
von den Formen (Ideai) zu sprechen). Wir wissen aus
Platos Phaedrus, wie er in der Anschauung und der Vereinigung
mit Gott das Ziel alles menschlichen Strebens erkannte, wie ihm
aber die im Eros verkörperte „Form“ (Idee) der Liebe gleichsam
der Mittler zwischen den Menschen und dem Ewigen war, die
er als Führer zu dem allmächtigen Bildner des Alls betrachtet
und verehrt wissen wollte. Außer und neben dem Eros aber,
der in allerlei symbolischen Darstellungen versinnbildlicht wurde,
gab es andere göttliche Werkzeuge oder „Formen“, und indem
Plato einen Dienst des Apollo und der Musen (auch die Weisheit
war eine Muse) organisierte — es war eine offensichtliche Verschleierung und Anpassung an überlieferte Vorstellungen —
schuf er eine Genossenschaft, wie man sie bedurfte, wenn man
vor den Gesetzen des Staats die Rechte einer Korporation gewinnen
wollte. Von da an kommen die Namen Museion?) und Akademie
in gleichem Sinne vor.
1) Näheres bei Ludwig Keller, die Akademieu der Platoniker im Altertum. Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, 1899.
2) Über den Namen Museum im Sinne von Akademie (Thiasos, Kultgemeinschaft, Schola u. s. w.) vergl. M.H. der C.G.
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View in PDF(opens in a new window)Während in diesem Lehrsystem die göttlichen Wesenheiten
mehr als Vorbilder, Muster und Formen betrachtet wurden,
betonte das System, das wir unter dem Namen der Stoa kennen,
mehr den Charakter jener göttlichen Werkzeuge als Vernunftkräfte und gebrauchte zu ihrer Bezeichnung das Wort Logos
oder Logoi. Diese Philosophie lehrte das Vorhandensein solcher
Vernunftkräfte in unendlichen Abstufungen, die sich in der Gottheit selbst zu einer Zentralidee, dem Logos im engeren Sinne,
zu einer Einheit zusammenfassen. Man weiß, daß die gleichen
Gedanken das Kennzeichen der gewaltigen Geistesbewegung
sind, die im Anschluß an altchristliche Überzeugungen sich
im sogenannten Neuplatonismus und seinen sakralen Genossenschaften fortgepflanzt hat.
In anderen „Systemen“ — der Name Systema kommt sehr
frühzeitig vor, um die verschiedenen Lehrarten zu bezeichnen,
die sich unter dem Einfluß einzelner großer Führer oder nationaler
Besonderheiten innerhalb der Kultvereine des Humanismus gebildet hatten — waren für die gleichen Vorstellungen andere
Namen üblich. In den Organisationen, die sich im Unterschied
von den Anhängern der Sophia als Vertreter der Gnosis bezeichnen
— im Grunde deuten beide Worte auf den Begriff der Weisheit
hin, die allen als Ziel vorschwebte — sprach man anstatt von
„Formen“ und von „Vernunftkräften“ einfach von den Äonen
oder den Aoniden, d. h. „den Ewigen“, und dachte sich darunter
dieselben aus Gott entströmten selbstbewußten Kräfte, die nach
seinem Plane an dem Werden und der Entwickelung der Welt
arbeiten.
Was die Platoniker Museion oder Akademie und die Stoiker
eine Säulenhalle (Stoa, Portikus) nannten, das bezeichneten
die Anhänger der Gnosis gern als Haus der Ewigen (Oikos
aionios), sachlich dasselbe meinend und aussprechend, was der
Name Museion sagte, da das Wort Aoniden bekanntlich identisch
ist mit dem Namen Musen.
Aber schon längst, ehe diese Systeme entstanden, hatte
Pythagoras die gleichen Anschauungen seinen Schülern in einer
eigenartigen Form zu vermitteln gesucht. Er hatte sich dabei eigner
Vorstellungen und eigner philosophischer Kunstausdrücke bedient,
die, so befremdend sie uns heute scheinen und so miBverständlich
sie sind, doch einen "tiefen, wohldurchdachten Sinn haben.
Pythagoras nannte jene selbsttätigen und selbstbewußten Hilfskräfte
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Zahlen oder Maße (Metra) und lehrte, daß der große Bildner
des Alls sich dieser heiligen Zahlen für die Herstellung des
ewigen Gleichmaßes und der Harmonie der Sphären bedient habe.
Nach Pythagoras sind es die Zahlen, auf denen die Gliederung
und der Aufbau des Kosmos beruht: auf den Verhältnissen
der Zahl beruht der Organismus der Welt und dessen ewige
Form. Aber diese Verhältnisse zeigen nicht nur die Grundgesetze
des Weltenbaues und die Grundsätze des allmächtigen Baumeisters,
sondern sie sind die Darstellung der göttlichen Eigenschaften
selbst. In der Harmonie der Sphären zeigt sich ein treues
Abbild der Vollkommenheit ihres Schöpfers, Regierers und Erhalters. Und in der Tat beruht wenigstens die Harmonie der
Töne, die wir messen und abwägen können, in allen Melodien
ebenso wie die Gesetze der Schönheit auf den Verhältnissen der
Zahl. Sind nicht vielleicht die gleichen Verhältnisse die ewige
Grundlage des ganzen gewaltigen Baues des Alls, den wir mehr
ahnen als erfassen können?
Sind aber die Zahlen gleichsam die Normen aller Wesenheiten,
so eignen sie sich zugleich auch vorzüglich als Sinnbilder jener
göttlichen selbstbewußten Kräfte, deren sich der große Baumeister
für die Schöpfung des Alls und dessen harmonische Gestaltung
bedient hat und bedient.
Wenn man die diesem Lehrer der Menschheit vorschwebenden
abstrakten Gedanken für kultische Zwecke brauchbar machen
wollte, so mußte man sie dem Bewußtsein minder denkgeübter
Menschen durch Bilder und Zeichen näher bringen. Für die
Gewinnung solcher Sinnbilder und Lehrzeichen eigneten sich
Begriff und Wert der Zahlen recht wohl, zumal wenn man davon
ausging, daß der Gottesbegriff, wie er diesen Systemen vorschwebte, am wirksamsten durch ein Bild, das aus der Baukunst
hergenommen war, vergegenwärtigt werde. Wenn man sich Gott
als den Erbauer des Alls und das Weltall gleichsam als ein Bauwerk oder einen Tempel dachte, so waren Zahlen und Maße
die Grundlage, nach denen der Plan entworfen war, und bis zur
Ausgestaltung des Gedankens im obigen Sinn war nur ein
kleiner Schritt.
Nicht als ob dies das einzige Bild gewesen sei, unter dem
man
die
abstrakten Gedanken den
geistig Unmündigen nahe
bringen konnte: es gab auch andere Bilder.
Gott war nicht
nur der Baumeister, er war auch der Vater des Alls und
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View in PDF(opens in a new window)aller Wesen und seine Hülfskräfte, auch die Menschenseelen,
waren seine Kinder und alle diese Kinder waren die Glieder
einer einzigen groBen Familie im höchsten Sinne dieses Wortes.
Und ferner: Gott war der Vater, aber er war auch der Urquell,
aus dem sich wie die Ströme und Flußläufe aus dem Erdinneren,
so aus dem ewigen All die wirkenden, selbsttätigen Kräfte in die
Welt gleichsam ergieBen und hervorbrechen.
Und nicht nur der ewige Baumeister, der allmächtige Vater
und der Urquell aller Lebensströme, sondern auch der Erzeuger
und Spender alles Lichts war Gott. Und so gleicht er der
Sonne, alle selbstbewußten oder unbewußten Kräfte gleichen
Weltkörpern, die aus dem Schoße der Sonne erwachsen sind, oder
den Strahlen und dem Lichte, die von der Sonne ausgehen und
die, obwohl sie durch sich selbst leuchten, doch zum. ewigen
Licht gehören und ohne dasselbe nicht gedacht werden können.
So mannigfach mithin auch die Möglichkeiten waren, um
den Glaubensinhalt dieser Lehre für kultische Zwecke zu verwerten,
so schienen doch die heiligen Zahlen und deren symbolische Darstellung besonders wirksam; jedenfalls kehrt die Hindeutung auf
den Begriff der Zahl, auf die Einheit wie die Vielheit, in der Kultsprache des Platonismus und des ältesten Christentums, wie wir
dieselbe aus den Latomien und Loggien oder den sogen. Katakomben kennen, besonders häufig wieder; ja sie durchdringt und
beherrscht die sakralen Formen dieser Genossenschaften in auffälliger Weise. Insbesondere ruht das ganze Gebäude dieser
Kultformen auf drei heiligen Säulen, den Ideen und Urbegriffen
der Weisheit, der Stärke und der Schönheit, die als heilige
Kräfte versinnbildlicht und vorgestellt werden.
Überhaupt ist die Betonung der Einheit und des Alls und der
Alleinheit im Sinne der Alleinslehre für diese kultische Zeichensprache charakteristisch.
Der Hinweis auf das All, das durch den
geschlossenen Kreis, das Lehrzeichen der Einheit dargestellt
wird, kehrt überall wieder, und indem dieser geschlossene Kreis
in der Zeichensprache oft eine Anzahl konzentrische Kreise
in sich enthält. wird die hier vorschwebende Idee der Einheit
und der Vielheit und deren gegenseitiges Verhältnis zur Anschauung gebracht. So bezeichnet der Kreis zugleich das Weltall, das übersinnliche Weltganze und die Persönlichkeit Gottes,
die im ganzen wirksam ist und die in und durch andere selbst-
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View in PDF(opens in a new window)Kelter,
Heft 2.
bewußte Wesen höherer und niederer Ordnung die Harmonie der
Welt bewirkt.
Daneben aber erscheinen die geometrischen Figuren des Kreises
und der Kreise, zumal wenn sie nicht als konzentrische, sondern
als nebeneinander angeordnete Kugeln dargestellt werden, als
Sinnbilder der Weltkugeln, nämlich der Sonne, der Erde, des
Mondes und der Planeten, die in der heiligen Drei- oder der
heiligen Dreimaldrei-Zahl symbolisiert zu werden pflegen. Überhaupt ist unverkennbar, daß diese Sinnbilder mit astronomischen
Vorstellungen vielfach auf das engste zusammenhängen.
Die Äonen des Lichtes versinnbildlichen in ihrer Abstufung
die Gliederung der Äonenwelt überhaupt und so erscheint
die Sonne als Sinnbild der höchsten Weisheit und Erkenntnis. Und waren nicht diese wunderbaren Körper, die im
Äther des Kosmos strahlten, ebenso Träger selbsttätiger Hülfskräfte Gottes wie die Körper der Menschen, deren Selbstbewußtsein uns täglich entgegentritt?
Bildliche Darstellungen der kultischen Formen und Zeichen,
wie sie in den Akademien und Museen der antiken Welt üblich
waren, sind uns in einigen berühmten Mosaikgemälden erhalten,
die im 19. Jahrhundert zu Sarsina und Torre Annunziata gefunden
worden sind. Die Untersuchung, die wir über diese Gemälde im
Jahre 1898 veröffentlicht haben"), hat die starke Verwendung der
heiligen Zahlen, zumal der Drei- und der Siebenzahl in den
vorliegenden symbolischen Darstellungen klar ergeben. Drei
Säulen, drei Lichter, sieben Männer, sieben in einander
liegende Ringe (Kreise), sieben Türme u. s. w., das Dreieck und
Rechteck beherrschen die Darstellung.
Weit reicher als über die Symbolik der antiken Akademien
fließen unsere Quellen über die sakrale Zeichensprache und die
Lehrzeichen der Latomien und Loggien der sog. Katakomben?),
und hier kehrt der Hinweis auf die heiligen Zahlen an unzähligen
Stellen und in den mannigfaltigsten Verwendungen und Formen wieder.
1) Ludw. Keller, die Akademien der Platoniker im Altertum, nebst
Beiträgen
zur Geschichte
des Platonismus
in den christlichen Zeiten.
MCG 1898. S. 269 ff.
3) Vgl. Ludw. Keller, Latomien und Loggien in alter Zeit.
zur Geschichte der Katakomben.
Berlin, Weidmann 1906.
Beiträge
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View in PDF(opens in a new window)Genau ebenso wie in den Akademien stehen die Drei-Zahl,
sowie die Dreimaldrei- und die Sieben-Zahl bei den symbolischen Darstellungen im Vordergrunde; und so mannigfach auch
die Gestalten sind, die hier symbolische Verwendung finden, —
Säulen, Berge, Felsen, Türme, Bäume, Blumen, Tiere,
Sterne u.s. w. kehren wieder — so erscheinen diese Gestalten doch
in immer wiederkehrenden Zahlen, d. h. es erscheinen drei
Säulen, drei Berge, drei Türme, drei Bäume, drei Palmen, drei
Tauben, drei Rosen, drei Lilien oder sieben Männer, sieben
Schafe, sieben Sterne, sieben GefäBe, oft ohne und oft mit
Beigaben, welche die Symbole erläutern und ergänzen. Mithin
sind nicht in erster Linie die Gestalten, sondern die Zahlen als
die heiligen Lehrzeichen (Symbole) zu betrachten.
Diese Tatsache, daB es sich nicht um die Bilder beliebiger
Erdendinge, sondern um die symbolisierten Aonen und göttlichen
Wesen oder die ,Zahlen“ handelt, an die die Erbauer und Besitzer der unterirdischen Felsentempel glaubten, wird bestätigt
durch den Umstand, daß vielfach an der Stelle von Menschen,
Tieren, Blumen, Bergen u. s. w. einfache mathematische oder
geometrische Figuren, Punkte und Linien, Halbkreise oder
Kreise sichtbar sind, die sich in regelmäßigen Wiederholungen
auf die heiligen Zahlen zurückführen lassen.
Unter den einfachen und zusammengesetzten geometrischen
Figuren nimmt der Kreis eine besondere Stellung ein. Wo der Kreis
allein oder in Verbindung mit Punkten und Linien erscheint, deutet er,
wie bemerkt, auf die Einheit und das All und auf den heiligen
Begriff der allesumfassenden Gottheit hin. Dies wird schon äußerlich
dadurch gekennzeichnet, daß der Kreis in seiner Umfassung
sehr oft symbolische Hinweise auf die Einzelwesen der Weltdinge enthält.
Es trägt für die Beurteilung dieser Zeichensprache nicht viel
aus, ob und inwieweit die einfachen mathematischen Figuren zum
Zwecke der Verschleierung der kultischen Formen gebraucht
worden sind und ob deren Ersetzung durch Bilder aller Art in
Zeiten und unter Verhältnissen erfolgt ist, wo eine freiere Bewegung
und eine teilweise Entschleierung möglich war. Sicher ist, daß
‚die symbolischen Bilder von Menschen, Tieren, Pflanzen usw. uns
insofern einen klareren Einblick in die Gedankenwelt der Kultvereine des Humanismus gestatten, als sie auf gewisse „Ideen“
und wirkende göttliche Kräfte deutlich hinweisen: Die Liebe
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und die Demut, die Treue und die Verschwiegenheit, und
andere Tugenden treten neben der Weisheit in den Vordergrund.
Das hohe Lied von der Macht des Geistes über die Sinnenwelt. und die Sinnlichkeit, von der Gelassenheit (Demut), der
Reinheit, der Erlösung und der Vollendung tritt uns hier in
tausendfachen Sinnbildern entgegen.
Die Verwendung mathematischer und geometrischer Zeichen
geht von dem Gebrauche der einfachsten Formen, den Punkten
und den Linien aus, doch mit der Maßgabe, daß beide, die
Punkte wie die Linien, in allen Fällen, wo dies möglich war,
durch den Gebrauch von Säulen ersetzt oder ergänzt wurden.
Die Säulen kommen daher für die Symbolik der Kulträume ganz
besonders in Betracht.
In allen Fällen, wo uns auf Bildern und
Zeichnungen Punkte und Linien begegnen, treten bei plastischer
Darstellung der Gedanken und Symbole die Säulen uns entgegen.
Sie bilden das Grundelement der kultischen Ausgestaltung der
Akademien und Museen und rechtfertigen daher die Namen
Säulenhalle, Stoa, Portikus und Loggia, die überall neben den
sonstigen Bezeichnungen des „Oikos aionios“ u. s. w. vorkommen.
Wie der Kreis das All und die ewige oder himmlische Einheit
des Alls und die Gottheit symbolisiert, so kennzeichnet die Einzahl,
die einfache Linie, der Stab oder das Zepter dasirdische Abbild
der Macht, die herrschende, leitende, stützende und schützende
Gewalt der zur Freiheit gelangten Persönlichkeit auf Erden.
Mit großer Zähigkeit hat sich gerade das Symbol des Stabes
als Zepter-Stab und als Zeichen der Herrschaft in allerlei
Umbildungen und Umdeutungen — so begegnet sehr frühzeitig
das Stabkreuz und das Schwert als Zeichen des irdischen
Abbildes der Herrschaft — durch die Jahrhunderte erhalten;
doch ist die Erinnerung daran nie ganz verloren gegangen, daß
der Stab stets nur die mitgeteilte oder von Gott verliehene,
nicht aber die Urkraft bedeutete’).
Ebenso oft wie die Hinweise auf die Einzahl kehren in den
Latomien die Hindeutungen auf die heilige Zweizahl (die Hagia
Dyas) meist in folgenden Gestalten wieder:
.
|
1) Uber die Symbolik der Einzahl siehe den Artikel ,Stab“ bei F. X. Kraus,
Realencyklopädie der christlichen Altertümer II, 776 f.
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View in PDF(opens in a new window)Während der Kreis auf die Einheit der ewigen Wesen
hindeutet und die Einzahl des Punktes, der Linie oder des
Stabes die leitende Einheit der irdischen Gewalt symbolisiert,
stellt die Zweiheit das zerteilte, irdische Sein dar, das durch
den Widerstreit der Dinge beherrscht wird und nur ein vergängliches
Teilwesen ist. Sie charakterisiert gleichsam den Vorhof und die
Vorstufe der Entwickelung zur Harmonie und Einheit.
Sofern die beiden obigen Linien aber sich in der Form
des Winkelhakens
treffen, treten uns drei durch Linien verbundene Punkte entgegen,
und es entsteht ein Symbol, das zugleich auf die Zweizahl wie
auf die Dreizahl und auf die Entstehung der letzteren durch die
erstere hinweist.
In diesem heiligen Zeichen wird erkennbar, wie die zerteilte
und sinnliche Natur durch die höhere Kraft der heiligen Dreizahl
zur Harmonie der Kräfte und zu einer neuen Einheit geführt wird.
Das Symbol der über die Materie und die Sinnlichkeit zum Siege
gelangten Vernunft, das Zeichen der Erkenntnis und der Selbstbeherrschung wird sichtbar.
Die überaus häufige Verwendung der heiligen Dreizahl
ist ja bekannt genug; sie erscheint in den drei Punkten und in
den drei Linien, denen wir in der verschiedenartigsten Zusammenstellung und Lage sowohl in den Säulen-Anordnungen wie in
bildlicher Wiedergabe begegnen.
Sehr eigenartig ist das folgende Lehrzeichen:
Y
In diesem Symbol spaltet sich die Einzahl zur Zweizahl
und in ihm erscheint gleichwohl auch die Dreizahl.
Aus der Einheit erwächst die Zweiheit, d. h. die Natur
spaltet sich in Geist und Materie, in die sichtbare und unsichtbare Welt, in die Tat (die wirkende Kraft) und das Leiden (die
empfangende Kraft), in die Notwendigkeit und die Freiheit.
Aber Geist und Stoff, Tat und Leiden laufen doch wiederum zur
Einheit zusammen und treffen sich in obigem Zeichen in einem Mittelpunkt, und so entsteht aus Einheit und Zweiheit die heilige
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View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
Dreiheit. Das Zerteilte kehrt in der Dreiheit zu höherer Einheit zurück.
Die herrschende Kraft teilt sich in Naturkraft und Geisteskraft; beide aber, Geist und Natur, wandeln sich in gegenseitiger
Durchdringung zur Harmonie und zur Schönheit. So lösen
sich die Gegensätze der Zweiheit in der Dreiheit zu einer neuen
Harmonie auf. Schönheit, Liebe und Eintracht verkörpern sich
in diesem Sinnbild des Kreuzes, das im Unterschied von anderen
Kreuzesformen unter dem Namen des Gabelkreuzes bekannt
geworden ist.
Es ist beachtenswert, daß dieses Lehrzeichen, vielleicht in
beabsichtigter Verschleierung, vielleicht auch in mehr zufälliger
Umdeutung, später zu einem Buchstaben des Alphabets,
nämlich zu einem Ypsilon, gemacht und unter dem Namen des
Buchstabens des Pythagoras (Littera Pythagorae) bekannt geworden
ist. Als solcher wird er in der antiken Literatur vielfach
erwähnt!).
Nicht selten erscheint die Dreizahl in der Gestalt der drei
Punkte, neben und mit dem Dreieck?):
VAN
Aber die Punkte werden vielfach auch fortgelassen und ein
geschlossenes gleichseitiges Dreieck erscheint in dieser Gestalt:
ZN
1) Bei Persius (Sat. 3) heißt es: Et tibi, quae Samios deduxit littera
ramos, Surgentem dextro monstravit limite vallem.
Ein dem Virgil zugeschriebenes Epigramm lautet: Littera Pythagorae
discrimine secta bicorni Humanae vitae spatium praeferre videtur.“
Ausonius sagt in seinem Epigramm auf die Buchstaben: Pythagorae
bivium ramis patet ambiguis Y,
Hieronymus (Ep. 7 ad Laetum) sagt: Sapit ut parvulus, donec ad
annos sapientiae veniat, et Pythagorae littera eum perducat ad bivium.
Lactantius L. VIc. 3: Dicunt humanae vitae cursum Y litterae similem:
quod unusquisque hominum, cum primae adolescentiae limen attigerit et in
eum locum venerit, partes ubi se via scindit in ambas haereat mutabundus
ac nesciat, in quam se partem potius inclinet.
3) F. X. Kraus, Realencyklopädie
Freiburg i. B. 1882/83. I, 379.
christlichen
Altertümer.
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View in PDF(opens in a new window)Hier sind es lediglich die drei Linien, die zur Verwendung
kommen und die auch in anderen ähnlichen Zeichen dem gleichen
Zwecke dienen.
Aber auch in weniger kennzeichnenden Gestalten kehrt der
Hinweis auf die heilige Dreizahl in der Form zusammenlaufender
drei Linien wieder. Wir wollen hier nur auf folgende Formen
hinweisen:
À
A
d. h. auf Formen, die eine große Ähnlichkeit mit der ältesten
Gestalt des griechischen Buchstabens A zeigen, eine Ähnlichkeit,
die fast zu der Annahme führen könnte, daß auch dort, wo in
späterer Zeit ein klar erkennbares A in den Katakomben
erscheint, für die Eingeweihten die heilige Dreizahl erkennbar
war. Wenn man bedenkt, daß die Kirchenväter sehr frühzeitig
das Dreieck als ein angeblich gnostisches Lehrzeichen bekämpft
haben”), so erklärt es sich, daß diese ,Gnostiker“ eine Verschleierung ihres heiligen Symboles suchten. Gerade Buchstaben,
die einer doppelsinnigen Deutung fähig waren, gaben zu Verhüllungen aller Art bequeme Gelegenheit; die Eingeweihten
erkannten auch unter den harmlosen Hüllen sehr rasch den
wahren Sinn dessen, was gemeint war und gesagt werden sollte.
Sehr verwandt mit dem „pythagoräischen Buchstaben“ ist
das Zeichen:
das in vielfacher Verwendung in den Latomien vorkommt.
Seine Form gestattete eine Angleichung an das Tau des
griechischen Alphabets oder an den Hammer der Fossoren
(Steinmetzen), die hier arbeiteten.
kommen die drei Linien vor:
Auch in folgenden Formen
VAN
1) Es ist beachtenswert, daß Augustinus im 4. Jahrhundert (Contra
Faustum Manichaeum XX, 6) gegen die Anwendung des Dreiecks in der
christlichen Symbolik polemisiert; es sei das, sagt
er, ein Lehrzeichen der
Gnostiker.
enn das zutrifft, so ist es auffallend, daß das Dreieck auch in
Verbindung mit dem Zeichen erscheint, das man als Monogramm Christi
bezeichnet und das in späteren Jabrhunderten, wie man weiB, tatsächlich als
solches Monogramm benutzt worden ist.
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View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
ohne daß es einstweilen möglich wäre, zu erkennen, ob und
welchen besonderen Zwecken
dienen sollte.
die Dreizahl
in
dieser Gestalt
Die besprochenen Lehrzeichen kehren auch in mehrfachen
Wiederholungen wieder und zwar scheinen sie in dieser Gestalt
zugleich als Erkennungszeichen der Mysterienkulte gedient
zu haben.
Besonders häufig begegnen Wiederholungen der drei Punkte
und der zwei oder der drei Linien, zumal des Winkelhakens
und des sogen. Alphas oder Dreiecks. Zunächst sei hier auf die
Verdoppelung des Winkelhakens hingewiesen, die sich in dieser
Gestalt in den Latomien findet!):
XX
Vielfach läßt sich erkennen, daß die Steinmetzen (Fossoren),
die dies Zeichen gebrauchten, eine Anspielung auf Zirkel und
Winkelmaß und ein Erkennungszeichen beabsichtigt haben.
Aber
der
Winkelhaken
erscheint
auch
in
dreifacher
Wiederholung:
CAD
derart, daß darin zugleich eine Anspielung auf die Zweimaldreiund die Dreimaldrei-Zahl erkennbar ist.
Dabei ist beachtenswert, daß dieses Lehrzeichen der drei
Winkelhaken der ältesten Form des griechischen Buchstabens
Q (Omega) ebenso gleich ist, wie die Form des Dreiecks
dem griechischen A. Sollte auch hier in den Zeiten, wo von
mächtig emporstrebenden neuen Richtungen die Anhänger der
„heiligen Säulenhallen“ als „Gnostiker“ und „Manichäer“ bekämpft
wurden, eine harmlose Umdeutung versucht worden sein? Jedenfalls
1) Dies eigenartige Zeichen begegnet in den Katakomben u. a. bei
De Rossi, Roma sotteranea.
Tav. XLIX-L Nr. 19 und bei Roller, Les
Catacombes de Rome Pl. XI, Nr. 14 und XI, Nr. 26. — Merkwürdig ist, daß
das Zeichen meist ähnlich wie andere Symbole (siehe unten) in Verbindung
mit dem Stabe (Schwert?) auftritt.
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View in PDF(opens in a new window)dauert die Gestalt des Q in der obigen eckigen Form, die auch
gelegentlich zu zwei verschlungenen Linien
CO
oder
OO
sich gestalten, sehr lange in den Katakomben fort und erst spat
erscheint die Gestalt Q.
Im gewissen Sinne umfaBten das Dreieck oder das Alpha
und die Dreimaldrei-Zahl des Omega in der Tat den Inbegriff
der ganzen kultischen Zeichensprache und der Gedankenwelt des
Bundes, und es war daher eine naheliegende Anpassung und
Umdeutung, wenn man von dem A und @ sprach, um den Lehrinhalt des ganzen Systems zu bezeichnen. Seitdem dieser Lehrinhalt in bestimmten Schriften und Büchern zusammengefaßt und
niedergelegt war, erscheint in Verbindung mit dem Aund 2 und
gleichsam als Erläuterung des Sinnes der beiden Lehrzeichen
das Bild eines Buches.
Noch häufiger als der Winkelhaken findet sich das Dreieck
in mannigfacher Wiederholung, z. B. in der Gestalt zweier ineinandergeschobener Dreiecke in folgender Gestalt:
die außer in den christlichen Katakomben’) auch im vorchristlichen Altertum nachweisbar ist. Nach F. X. Kraus hat es in
den Katakomben als Erkennungszeichen der Steinmetzen gedient’).
Es ist beachtenswert, daß dies Zeichen ähnlich wie das
Gahelkreuz an Pythagoras angeknüpft wird: es führt den Namen
Salus Pythagorae. Auch andere Namen, wie Albenkreuz,
Pentakel, Pentagramm und Drudenfuß, kommen vor; besonders oft
aber begegnet die Bezeichnung Pentalpha, die offenbar auf die
dadurch symbolisierte heilige Fünfzahl Bezug nimmt. Das Lehrzeichen stellt sich nämlich
als eine fünffache Wiederholung
des Dreiecks dar, desselben Dreiecks, das, wie wir sahen, sich
sehr
oft unter der Form des Alphas verbirgt. Und so u
erscheint
=D De Rossi, Roma Sotteranea I, 171.
3) Kraus a. O. II, 605.
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View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
hier die Dreizahl in der Verbindung mit der Pentas hagia oder der
heiligen Fünfzahl. Wenn man erwägt, daß der Name Salus zeitweilig ein Geheimname war für die erste Weihe, wie sie die
Mysterienkulte übten, so fällt einiges Licht auf den Zweck, den
man mit dem Gebrauche des Wortes Salus Pythagorae verbunden
haben kann.
Merkwürdig ist, daß das Zeichen:
das sogenannte Salomonische Sechseck, weit seltener in den
„Säulenhallen“ der ältesten Zeiten nachweisbar ist. Auch dieses
Lehrzeichen stellt eine sechsfache Wiederholung des Alpha dar.
Eine ganz besondere und eigenartige Betonung hat in der
Zeichensprache des Bundes seit den Zeiten des Pythagoras die dreifache Wiederholung der Drei-Zahl, die heilige Dreimaldrei-Zahl
gefunden und zwar werden sowohl die Punkte wie die Linien
derart gebraucht, daß öfters beide geometrischen Zeichen gleichzeitig zur Verwendung kommen.
Zunächst begegnen neben den drei Punkten die Dreimaldrei-
Punkte in folgender einfachster Anordnung’):
Die Punkte erscheinen ferner in Verbindung mit den Linien
in folgender Weise’):
1) Roller, Les Catacombes de Rome etc. I, Pl. XXXV.
3) Victor Schultze, die Katakomben. Leipzig 1852, S. 330.
So an den
Grabkammern (Locali) der Katakombe S. Agnese an der Via Nomentana bei Rom.
Page 15
View in PDF(opens in a new window)An anderen Stellen sind die neun Punkte nicht kenntlich
gemacht und es erscheinen ausschlieBlich die Linien, der Hinweis
auf die heilige Dreimaldrei bleibt aber klar erkennbar.
Die obige Art der kreuzweisen Verbindung der neun Punkte ist
aber nicht die einzige, es kommt vielmehr auch die folgende vor:
Auch für diese sogenannte Crux gammata bilden die neun
Pankte die Grundlage. Die häufige Verwendung dieser Kreuzform
in den Katakomben ist hinreichend bekannt!)
Aber die neun Punkte und die neun Linien erscheinen auch
unter allerlei Verschleierungen in der Gestalt von Früchten, Blättern
u. 8.w., doch so, daß die Dreimaldrei-Zahl klar erkennbar bleibt, z. B.
Im ersteren Falle ist die Form der Traube, im zweiten die
Form des Zweigs mit Blättern deutlich erkennbar; in beiden
Fallen wird der Stab (die Einzahl) wohl nicht ohne Absicht beigefügt sein.
Es ist hier wie bei allen Steigerungen der einfachen Zahlen
besonders schwierig, den Gedankeninhalt der Lehrzeichen restlos
zu deuten. Es scheint aber, daß die heilige Dreimaldrei-Zahl,
die zugleich auf die Weltkörper unseres Planeten-Systems, wie
man es damals kannte, hindeutete, ebenso) wie die Dreizahl
auch zur Versinnbildlichung sittlicher Begriffe benutzt worden
ist. Jedenfalls gibt die Tatsache zu denken, daß man die Dreimaldrei in allen obigen Formen und in verwandten Verschleierungen
besonders zahlreich an%den Außenwänden von Grabkammern
findet.
Sehr häufig erscheint die Neunzahl hier in Verbindung mit.
1) Vgl Roller a. O. I, Pl. X, Nr. 31 und öfter.
Page 16
View in PDF(opens in a new window)dem Lehrzeichen des Alls und der Ewigkeit etwa in der Gestalt
des sogenannten Himmelsrades (Rota celestis):
Die Vereinigung der zur höchsten Harmonie sittlicher Vollendung
gelangten Seele mit Gott scheint hier angedeutet zu werden.
Die besondere Betonung, die im System dieser Lehrzeichen
die sogenannte Crux gammata oder das Swastikakreuz erfahren
hat, tritt jedem Beschauer der alten Symbolik auf das klarste
entgegen. Vielleicht beruht diese Betonung zugleich auf dem
Umstand, daB das berühmte Zeichen ebenso einen Hinweis auf
die Dreimaldrei-Zahl wie auf das merkwürdige Symbol des Gamma
(s. unten)
r
oder des Winkelhakens in vierfacher Steigerung enthält. In
dem Gamma, das, wie wir oben sahen, in seinen zwei Linien
und drei Punkten die heilige Trias und Dyas vereinigt darstellt,
kommt der Hinweis auf die vom göttlichen Geist erfüllte
Natur zur Versinnbildlichung.
Ahnlich wie die drei Punkte und wie die drei Linien in der
Gestalt des Dreiecks, so erscheint nun auch das Gamma in
“doppelter, dreifacher und vielfacher Steigerung.
Die doppelte Steigerung erscheint in dem Zeichen:
5
das sich sehr häufig in dieser oder in der verschleierten Gestalt
des Hammers (siehe unten) vorfindet. Ähnlich wie das Zeichen
D, das wir kennen lernen werden, in Verbindung mit dem Stabe
auftritt, so findet sich neben dem Hammer der Stab’).
Es ist unsicher, ob das Zeichen:
=
das man schon sehr frühzeitig in den Buchstaben T umdeutete
und als Hinweis auf das griechische Wort T¥ (Tata). Erde betrachtete,
1) Roller, I, PL IX, Nr. 2, 4, 5, 6, 18.
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View in PDF(opens in a new window)wirklich auf den Erdenstern als Weltkörper hindeuten sollte, der
durch die heilige Dreizahl als ein vom Geist der Harmonie erfülltes
Wesen gekennzeichnet wurde; jedenfalls aber ist der Gebrauch
des Doppel-Gamma eigenartig genug. Die Verbindung dieses
Lehrzeichens mit dem Zeichen des Ewigen tritt oft und deutlich
in folgenden Symbolen hervor’):
2
Die Zweizahl und ihre Steigerungen tragen, soweit sie rein
als solche und ohne Hinweis auf die Dreizahl auftreten, die
Signatur der durch Raum und Zeit begrenzten Welt. So erscheint
die Zweimalzwei-Zahl in folgenden Lehrzeichen:
d. h. in vier Punkten oder in vier Linien.
Wir haben oben über die zwei Säulen gesprochen und
betont, daB sie als Symbol des Vorhofes dienen, des Vorhofs der
sinnlich gebundenen und begrenzten Stufe menschlicher Entwicklung.
Es kommt aber auch der Gebrauch von vier Säulen vor”). Und
diese vier Säulen kennzeichnen ebenso wie die vier Linien, die in der
Form des Rechtecks zusammenlaufen, den begrenzten Raum der
irdischen Welt mit einer eigenartigen Nebenbedeutung. In dieser
Gestalt deutet die Vierzahl nämlich auf einen in sich abgeschlossenen,
gegliederten Raum, nämlich auf ein umhegtes Feldstück, einen
heiligen Bezirk, ein Haus oder einen Tempel. Das Zeichen:
ist das Symbol der irdischen Wohn- und Offenbarungsstätte Gottes
und bedeutet mithin für die Eingeweihten denselben Begriff, den
die Sprache mit den Worten Arca, Heroon, Oikos aionios,
Akademia, Stoa, Museion, Porticus, Solarium, Latomium
oder Loggia ausdrückte, Worte, die man sämtlich gern vor den
AuBenstehenden zu verhüllen und zu verschleiern und durch
Zeichen zu ersetzen suchte.
1) Uber dieses sogenannte Kreuz auf dem Globus siehe Kraus, Realencyklopädie II, 232.
%) Roller, Les Catacombes de Rome I, Tav, LXIII.
Monatshefte der C.G. 1906.
Page 18
View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
Daraus erklärt sich die schon längst von vielen Forschern
gemachte Beobachtung, daß eben die Vierzahl alle Maße der
Tempel, ihrer Decken und ihrer Geräte, sei es in der Form
des Vierecks, des Rechtecks oder des Kubus, sei es einfach oder
in der Steigerung mit 3, 5, 7 u. s. w. beherrscht und durchdringt.
Das Symbol der Vierzahl kommt auch in mehrfacher Steigerung
in folgender Form vor:
d. h. in der Form des Turmes. Und es ist bekannt, daß die
Idee der Kultgenossenschaft, der Brüderschaft und des Menschheitsbundes oft gerade in dieser Gestalt bildlich dargestellt wird: es ist
das Bauwerk, an dem die Bauleute der Latomien nach dem
Plane des großen Baumeisters aller Welten arbeiteten.
Auch das Zeichen:
O
scheint denselben Begriff zum Ausdruck bringen zu sollen.
Es steht in Ubereinstimmung mit dem bezeichneten Sinn der
Zweimalzwei-Zahl, daB die vier Linien, wenn sie in anderer
Anordnung erscheinen, zugleich die vier Himmelsgegenden
symbolisieren, die den Raum vierfach teilen. Der Versinnbildlichung
dieser Idee dienten folgende Lehrzeichen:
+
X
d. h. vier nach allen Richtungen ausstrahlende Linien, die die
Welt bedeuten.
Auch hier ist eine Umdeutung oder Anwendung des Symbols
auf die Kultgemeinschaft, die dasselbe gebrauchte, erkennbar.
Wie das Zeichen [__] die Einzelorganisation und der Turm
eine geschlossene Mehrheit von Einzelorganisationen andeutete, so ward das sogen. griechische Kreuz gebraucht, um den
auf der ganzen Erde zerstreuten Bund zu symbolisieren.
Page 19
View in PDF(opens in a new window)Es war lediglich ein bestimmterer Hinweis auf das Gemeinte,
gleichsam eine Erläuterung des Gedankens, wie wir sie später,
als der urspriingliche Sinn sich selbst fir manche Eingeweihte zu
verflüchtigen begann, oft finden, daB beide Zeichen in folgender
Verbindung auftraten‘):
einer Form, die später zur harmlosen Gestalt der Sanduhr umgedeutet ward.
Auch einzelne charakteristische Lehrzeichen,
wie das Y, findet man wohl innerhalb des Rechtecks angeordnet.
Um anzudeuten, daB die Welt des Diesseits, wie sie sich im
Raume darstellt, und der Bund, der die Welt umspannt, gleichsam
nur ein im SchoBe des Alls ruhender Teil ist, stand folgendes
viel gebrauchte Lehrzeichen der Rota celestis zur Verfügung:
D
So ruht die Vierzahl oder die Welt gleichsam im Innern der
Gottheit, welch’ letztere jene umschließt, hält und trägt”).
Das Zeichen der Vier, soweit es in vier sich rechtwinklig
schneidenden Linien erscheint, wies insofern zugleich‘ über sich
hinaus, als es fünf Punkte aufzeigte:
und damit zugleich die heilige Fünfzahl (Pentas) darstellte.
Weit weniger durchsichtig als die Symbolik der Monas, der
Dyas, der Trias und der Tetraktys ist der Sinn und die Verwendung
der heiligen Pentas oder der Fünfzahl.
Häufiger als in der Form der fünf Linien und der fünf Winkel oder
der fünf Dreiecke, wie sie z. B. im Pentagramm oder dem Pentalpha
1) Kraus a. O. II, 232.
3) Zahlreiche Nachweise des Vorkommens bei Kraus II, 232.
Page 20
View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
vorkommen, erscheint die Fiinfzahl in der Form der fiinf Punkte
in folgender Gestalt’):
die zugleich die Grundlage der Vierzahl, wie sie im sogenannten
griechisghen Kreuz erscheint, bilden.
Auffallend ist, daB die heilige Fiinfzahl in einer vielfach
üblichen Umdeutung durch Pflanzen symbolisiert wird, die als
Pentandrien, d. h. als Fünfblätter, wie der Weinstock, die Lilie,
die Rose, bekannt sind. Die Blumen aber und der Garten, in
dem sie wuchsen, galten frühzeitig als Symbol der Gefilde der
- Seligen oder des „besseren Landes“, in dem die durch den Tod
zum Leben eingegangenen Seelen wohnen’); im Gegensatz zu dem
irdischen Hause Gottes, dem mit Händen erbauten Tempel, der
durch die Vierzahl des griechischen Kreuzes dargestellt ward,
bezeichnete die heilige Fünfzahl die himmlischen Wohnungen
der zur Vollendung gelangten Seelen, und mithin zugleich das
Haus der Ewigkeit oder die „Stadt Gottes“ und das „himmlische
Jerusalem“. Das Werden und Vergehen der Blumen war ein
passendes Sinnbild des Kommens und Gehens, des Geborenwerdens,
Sterbens und Wiedererstehens des Menschen.
Jedenfalls erscheint in Verbindung und oft an Stelle der fünf
Punkte das Bild der Rose in stilisierter Gestalt und es ist merkwürdig, daß gerade diese fünf Punkte oft auch neben oder auf
den Armen des sog. griechischen Kreuzes nachweisbar sind®). Manch- _
mal erscheinen die fünf Punkte ebenso wie die Rosen in dreifacher Wiederholung*). Ob der Hinweis auf die Vier- und die
Fünfzahl, wie sie Kreuz und Rose geben, zugleich die heilige
Dreimaldrei-Zahl, die Zahl der Vollendung, hat andeuten sollen?
1) Roller I, Pl. X, Nr. 9 und öfter.
3) Kraus a. a. O. I, 170 sagt: Es gab in altchristlichen Zeiten eine
Auffassung, welche sich die Seligkeit des Himmels unter dem Bilde einer
blumenreichen Aue dachte, auf welcher die Heiligen wandeln. Nach
Kraus a. O. galt die Pflanzenwelt in ihrem Absterben und verjüngten Wiedererwachen als Sinnbild unserer Auferstehung.
8) Vgl. Perret, Les Catacombes III, Pl. 8. (Bild auf dem Coemiterium
der Priscilla.) Vgl. ferner Roller a. O. I, Pl. XVII und I, Pl. X Nr. 25.
4) Roller I, XXXV.
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View in PDF(opens in a new window)Die heilige Pentas schmückte unter dem Symbol der Rosen
sowohl in der antiken wie in der altchristlichen Welt die Graber
der Toten, die ihrerseits wieder die Gärten der Seligen versinnbildlichten.
Und die Bedeutung, die in dem Menschheitsbunde
des Humanismus gerade der in der Rose dargestellten Pentas
beigelegt ward, erhellt aus der Tatsache, daß ihr kultisches
Hauptfest gerade an diese Sinnbilder anknüpfte. Schon in der
antiken Welt wurde am Feste des heiligen Johannes das Rosenfest, der Rodismos oder die Rosalia gefeiert, bei denen sich die
Teilnehmer mit Rosen schmückten und wo kultische Mahlzeiten
stattfanden‘).
Aber nicht nur unter der Allegorie der Rose tritt uns der
Äon der heiligen Fünfzahl entgegen: in leichten Abwandlungen
und in allerlei Umdeutungen in sittliche Begriffe oder in Tugenden
begegnen uns neben der Rose die Lilie, der Weinstock, die
Palme und der Palmenzweig (Ölzweig), der Lorbeer. Stets
sind diese Blumen Sinnbilder des Sieges über das Irdische, des
ewigen Friedens und der Seligkeit des Himmelsgartens, in dem
die Seelen wandeln. Insbesondere ist die Rose das Lehrzeichen
des Opfertodes des Märtyrers, die Lilie das Sinnbild des reinen
Tugendwandels.
Außerordentlich häufig erscheint der Hinweis auf die Fünfzahl
auf den Grabkammern der Katakomben, hierin der DreimaldreiZahl zur Seite tretend. Neben der Rose kommen stilisierte
Weinblätter, die durch Beisetzung der Trauben als solche
gekennzeichnet werden, vor.
Unter den bisher besprochenen Zeichen fehlt die Siebenzahl.
Aber gerade diese Zahl kehrt an vielen Stellen der Latomien in
zweifelloser Absichtlichkeit wieder. Dabei ist auffallend, daß
die Hinweise weit seltener in der Gestalt von sieben Punkten
oder sieben Linien als in der Form von sieben kleineren Kreisen
oder sieben Sternen vorkommen.
Wir haben in den erhaltenen Denkmälern niemals sieben Punkte
gefunden, aber es scheint, daB das häufig gebrauchte Zeichen
auf die Siebenzahl hindeuten soll.
1) Keller, Latomien und Loggien, S. 5. Vgl. ferner Kraus, a. O. Il, 700 ff
Page 22
View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
Häufig erscheinen sieben Linien in dieser Gestalt:
die alx Leiter oder MaBstab gedeutet werden.
Auch die siebengliederige Syrinx, die sogenannte Pansflöte
könnte man hierher zählen, und es bleibt merkwürdig, daß die
unterirdischen Tempelhallen Ägyptens, die den „heiligen Hallen“
(Stoai) der Griechen entsprechen, den Namen Syrinx führen.
Aber bei weitem am häufigsten begegnen sieben Kreise in
folgender oder ähnlicher Anordnung und Gestalt:
oo
00000
auch an Stellen, wo sieben Körbe') oder sieben Amphoren sich
dargestellt finden, handelt es sich vielleicht um den Hinweis auf
sieben Himmelskörper. Das wird klar, wenn an vielen anderen
Stellen sieben Sterne sich abgebildet finden”). Die Kreise oder
Sterne sind Hinweise auf unsterbliche, ewige überirdische Wesen.
Dabei verdient es Beachtung, dafì die sieben Sterne sich
durch Beifügung des strahlenden Kreises (der Sonne) oder der
Krone und des Halbkreises (des Mondes) zur heiligen DreimaldreiZahl ergänzen®).
Dabei werden Sonne und Mond gern in menschlichen Idealgestalten (meist Frauengestalten) veranschaulicht, mit dem Unterschied, daB die Sonne stets mit der Krone, dem Kranze oder dem
strahlenden Stern versehen ist, während auf dem Haupte des
Mondes meist nur das Zeichen = oder m erscheint. Die Krone
und der Strahlenkranz, die auf den Kreis, das Zeichen des Alls
und der Ewigkeit deuten, kennzeichnen die zeugende, wirkende und
herrschende Kraft.
Der Halbkreis oder die Sichel, der die
1) Roller II, Pl. LIV.
2) Roller I, Pl. XXVIII.
8) Sehr merkwürdig ist in dieser Beziehung die auf einer altchristlichen
Tonlampe erhaltene bildliche Darstellung, die sich bei F. X. Kraus, Realencyklopädie etc. II, 792 findet. Vgl. auch Kraus a. O. II, 766.
Page 23
View in PDF(opens in a new window)Empfängerin des Lichtes ziert, deutet auf die empfangende und
leidende Persönlichkeit, der keine ursprüngliche, zeugende Kraft
innewohnt.
ee
Eine ganz eigenartige Stellung nimmt neben dem Kreise,
den Linien und den Punkten die Figur des Halbkreises ein,
wie wir sie als Abzeichen des erborgten Lichtes finden. An
überaus zahlreichen Stellen begegnet in den Latomien folgendes
Zeichen:
in mehr oder weniger klarer Ausprägung, mit oder ohne Verbindung von Linien oder Kreisen.
Neben den Kreisen, den Sinnbildern der Aonen, die im Ather
als ewige Wesen thronen, erscheint die menschliche Seele —
die Psyche oder Anima, die nicht mit der Vernunft oder der
geläuterten Seele zusammenfällt — als geteilter Kreis. Der
Dualismus von Stoff und Geist, der die Zweiheit beherrscht, wird
wie durch ein Einheitsband verknüpft, durch das die Seele ein
Stück und ein Teil des Ewigen wird.
Wie die Sonne und ihr Bild, der strahlende Kreis, das ewige
Licht symbolisiert, so ist der Halbkreis gleichsam das Lehrzeichen
des erborgten Lichts oder jenes Funkens des Lichts, der in
der Menschenseele schlummert.
Im besondern aber bedeutet das Lehrzeichen offenbar denJenigen Menschen, der die kultischen Weihen erhalten und
dadurch gleichsam symbolisch das Licht empfangen hat,
und zwar scheinen dieser Unterscheidung bestimmte Zusätze zum
Zeichen des Halbkreises gedient zu haben.
So erscheint der Halbkreis gern in Verbindung mit dem
Stab (der Monas) in folgender Weise:
P
L
oder mit dem doppelten Gamma:
oder mit der Dreizahl:
Page 24
View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
so daB die Umdeutung in die Formen eines Ankers oder einer
Sense sehr nahe lag.
Wir haben gesehen, daß auf den Grabkammern der Katakomben
gern die Dreimaldrei, die Fünf und die Sieben erscheinen, und
da ist es bemerkenswert, daß eben zu diesen Lehrbildern der
Fünfzahl, der Siebenzahl und der Neunzahl der Zusatz des Halbkreises am häufigsten vorkommt und zwar in folgenden und
ähnlichen Abwandlungen:
ader:
die sämtlich auf die Fünfzahl der Punkte hinweisen.
Aber auch die Hindeutung auf die heilige Siebenzahl ist sehr
häufig, z. B.:
Sehr deutlich wird der vorschwebende Gedanke, wenn der
Halbkreis auf den Gräbern in Verbindung mit der Zahl der
Vollendung, der Dreimaldrei-Zahl, in folgender oder ähnlicher
Form (Rota celestis) erscheint:
Page 25
View in PDF(opens in a new window)Auch der Turm, den wir oben charakterisiert haben, erscheint
in Verbindung mit den Halbkreisen in folgender Art:
Und ebenso das Rechteck, das Sinnbild des Tempels in
folgender Weise:
IC
Auch das Symbol des Alls und das der Menschenseele
kommen in Verbindung mit dem Zeichen des Tempels in folgenden
Formen vor:
Und die einzigen in den Säulenhallen der unterirdischen Gruftbauten reicher ausgeführten geometrischen Figuren zeigen eben
diese Verbindung des Kreises, des griechischen Kreuzes und der
Halbkreise in folgenden Gestalten:
Page 26
View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
Wenn man erwägt, daß diese symbolischen Darstellungen als
Grundelemente der Deckengemälde in den Tempelhallen
erscheinen, so wird klar. daß hier eine beabsichtigte Hindeutung
auf das Haus Gottes, in dem die Menschen im Aufschauen zum
höchsten Wesen sich vereinen, vorliegt.
Wir haben schon oben wiederholt auf die Umdeutungen
und Verhüllungen hingewiesen, die diese einfachen geometrischen
Lehrbilder im Laufe der Zeit erfahren haben. Besonders frühzeitig
erscheint, wie bemerkt, eine beabsichtigte Angleichung an gewisse
Buchstaben des Alphabets und es ist deutlich erkennbar, daß
man allmählich aus solchen Buchstaben die Hinweise auf verabredete Erkennungsworte machte. die den Eingeweihten
sagten, was gemeint war, ohne den Außenstehenden den tieferen
Sinn der Sache zu verraten; so enthält die Umdeutung vielfach
auch für die Mitglieder selbst eine Verdeutlichung der uralten
Lehrzeichen, deren Verständnis verloren zu gehen drohte.
Auf die Umschmelzung des einfachen Dreiecks in den Buchstaben A und des mehrfachen Dreiecks in das Doppel-Alpha,
Pentalpha u. s. w. haben wir oben bereits hingewiesen.
Merkwürdiger noch ist die frühzeitige Umdeutung des einfachen
Winkelhakens in
den Buchstaben Gamma (I), des
dreifachen
Winkelhakens (s. oben S. 72) in den Buchstaben Omega und des
vierfachen Winkels in die Crux gammata.
Aus dem doppelten
Winkel (T) wird der Buchstabe Tau.
Aus dem Zeichen der Drei-Einheit (Y) wird der Buchstabe
Ypsilon.
Aus dem Zeichen der Zweimalzwei-Zahl (X) wird der
Buchstabe X.
Es ist längst anerkannt, daß der Buchstabe Y zugleich als
Anfangszeichen eines pythagoräischen Erkennungswortes, das
vielleicht als Gruß gebraucht ward, nämlich des Wortes Hygieia
(d. h. Salus), gedient hat. Auch kann es nicht wohl zweifelhaft
sein, daß der Buchstabe T als Hindeutung auf das Wort T# (Gaia)
oder Erde benutzt worden ist.’
Auch kommen die geometrischen Lehrbilder in Zusammensetzungen derart vor, so daß man mehrere Buchstaben vor
sich sieht.
4) Man weiB, welche Bedeutung die I“ Mim, die Mutter Erde, in den
sogenannten Mysterien von Eleusis besessen hat.
Page 27
View in PDF(opens in a new window)Sie erscheinen in Verbindung mit den oben erörterten
geometrischen Figuren, z. B.:
X
+ €
Ob
damit ein Hinweis, auf die Aoniden in dem oben
erörterten Sinne dieses Wortes beabsichtigt war, ist einstweilen
nicht klar zu ersehen.
Auch andere Lehrbilder nehmen die Gestalten mehrerer
Buchstaben an, z. B.:
Ixo
die man schon längst als Zeichen des Ichthys oder des Fisches
(siehe unten S. 92) gedeutet hat.
Ferner wird das Lehrzeichen
2
schon in der antiken Welt, wie F. X. Kraus nachgewiesen hat,
in die Buchstaben:
XP
umgedeutet und als Münz-Zeichen verwendet. ')
Merkwürdig und bezeichnend ist, daB sich auf lateinischem
Sprachgebiet die Umschmelzung der alten geometrischen Lehrzeichen
in lateinische Buchstaben und in Anfangszeichen bestimmter
Erkennungsworte fortsetzt.
Der Buchstabe A, der auf griechischem Sprachgebiet die Eingeweihten wohl auch auf die Worte Arca oder Akakia (Unschuld)
hinwies, deutet lateinisch auf Amicitia. Aus dem Winkelhaken
wird der Buchstabe V, und wird auf Vivas und Virtus gedeutet.
Je nach dem Zusammenhang, in welchem die Buchstaben erschienen,
wuBten die Eingeweihten sehr bald, was gemeint war.
Besonders merkwürdig sind die Schicksale, die das Gamma (I’)
auf lateinischem Boden in späterer Zeit erlebt hat.
Es scheint,
ı) Kraus a. U. I, 225. Kraus meint, daß man das Wort XPYZON damit
habe bezeichnen wollen.
Page 28
View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
daB der Sinn des alten Zeichens immer mehr verloren ging oder
immer tiefer verschleiert werden mußte. Jedenfalls verschwand
die Tx Mmp, die Mutter Erde, aus der kontrollierbaren Zeichensprache; an deren Stelle aber erscheint das Wort:
Gaemetria oder Geometria.
Diese Umwandlung bedeutet einen wichtigen Wendepunkt in
der Geschichte der alten Kultgenossenschaft.
Die Umschmelzung einzelner oder mehrerer alter geometrischer
Lehrzeichen in Buchstaben erstreckt sich auch auf die oben besprochene Form des Halbkreises; auch dieser wird sehr oft zum
Buchstaben und zum Anfangszeichen bestimmter Worte, die
innerhalb der Kultgengssenschaften in Gebrauch waren, die man
aber vor Uneingeweihten ungern aussprach. So erscheint der
Halbkreis C, der der älteren Form des Buchstabens £ entspricht,
als Geheimzeichen für das Wort Systema, das die Brüderschaft
selbst bezeichnete.
Auf lateinischem Sprachgebiet wird das
Zeichen C, zu C und deutet auf das Wort Collegium hin,
das (ähnlich wie die Worte Coetus und Circulus) im Sinne des
Wortes Systema gebraucht ward.
Die Form des Halbkreises oder das C erscheint auch in
vielfacher Wiederholung und Verschlingung, die vielfach wie ein
ornamentaler Schmuck, aber doch in beabsichtigter Art verwandt wird.
In ihrer Verbindung stellen diese verschlungenen Linien eine
‚geschlossene Kette dar.
Durch diese und ähnliche Umdeutungen schuf man sich
Zeichen, die man für die Zwecke der Geheimsprache neben den
älteren Lehrzeichen in Gebrauch nehmen konnte und die eine
dauernde Bereicherung des kultischen Sprachschatzes darstellten.
Nicht nur zur bildlichen Darstellung des Ideengehaltes brauchte
man Symbole; vielmehr bedurfte man auch zur Versinnbildlichung
der reichgegliederten Organisation, die sich die Kultgenossenschaft geschaffen hatte, derartiger Embleme. Wir müssen hier
davon absehen, die Frage dieser Organisationen zu berühren), es
ist aber höchst wahrscheinlich, daß gewisse Buchstaben, die sich in
Verbindung mit den Lehrzeichen finden, auf die Namen der Systeme
oder örtlicher Verbände — wir wissen, daß Namen wie „Ad duas
1) Einzelnes findet sich bei L. Keller, Latomien und Loggien, S. 6.
Page 29
View in PDF(opens in a new window)lauros“ oder „Ad ursum pileatum“ in Übung waren — hindeuten.
So findet sich folgendes Zeichen !):
(ANN
Ferner entwickelten sich auch andere Umdeutungen der
Punkte- und Linien-Zeichen und zwar können wir den Gebrauch
zahlloser unbeseelter Naturdinge einschließlich der Pflanzen,
die irgendwelche Ahnlichkeiten boten, beobachten: das Bedürfnis
nach Angleichung und Verschleierung machte die Angehörigen
der Geheimkulte erfinderisch. Ahnlich wie stark bedrohte Lebewesen der Tierwelt nahmen diese Verbände gleichsam die Farbe
ihrer Umgebung an, um sich vor ihren Feinden zu schützen.
Wir haben oben bereits auf die Säulen, die Felsen, die
Berge u.s.w. hingewiesen. Noch häufiger ist die Umdeutung
m Werkzeuge und menschliche Gebrauchsgegenstände aller
Art, zumal in solche, wie sie bei den Erbauern der unterirdischen
Tempelhallen im Gebrauch und'in Übung waren.
Die Idee vom
großen Baumeister aller Welten, die das ganze Lehrsystem beherrschte, zeigte auch hier den Weg und die Richtung an, die
diese Werkleute und Mitarbeiter am „Tempel der Weisheit“
gehen konnten, wenn sie in ihrem Gedankenkreise bleiben wollten.
Für das am meisten gebrauchte Lehrzeichen
IN
oder
NW
standen das Winkelmaß und der Zirkel zur Verfügung.
Anstatt der beiden übereinanderliegenden Winkelhaken:
XX
deren Vorkommen in den Katakomben wir oben nachgewiesen
haben, erscheint später folgendes Zeichen:
Vergl. Kraus a. 0. Il, 231 und 236.
Page 30
View in PDF(opens in a new window)Heft 2.
und zwar kommen Zirkel und WinkelmaB schon in den Katakomben
selbst unverhüllt als Symbole und Lehrzeichen oder Umschreibungen
von solchen vor.
Anstatt des nicht minder häufig gebrauchten Symbols:
7
erscheint in klarer Nachbildung der Hammer.
Besonders merkwürdig ist, daB das eigenartige Lehrbild:
P
oder
A
schon in den alten Tempelhallen der Katakomben in der Form
der Spitzhacke erscheint. Bilder von Mannern, die in der Hand
den Stab, das Zeichen der leitenden Gewalt und der Herrschaft
und wohl auch das Symbol der zur Freiheit und Selbstbeherrschung
emporgestiegenen Persönlichkeit, führen, kommen in den Felsentempeln oft vor; noch häufiger aber begegnet der Stab mit dem
Halbkreis, der wohl den gleichen Sinn mit leichten Abwandlungen
wiedergebensollte. Seit den Zeiten, wo die alten Kultgenossenschaften
gezwungen waren, sich in das Gewand von Bauhütten oder
Steinmetzwerkstätten oder Latomien einzuhüllen, um sich
noch wirksamer als bisher vor ihren Verfolgern zu schützen,
machte die Umdeutung der heiligen Zahlen in harmlose Werkzeuge
aller Art rasche Fortschritte. Die Gedanken und die Gegenstände
der Verehrung und der Liebe, die man unverhüllt nicht darstellen
konnte, wurden mit wunderbarem Geschick in einer neuen
Verschleierung den Blicken der Uneingeweihten entzogen. Anstatt
der Männer mit dem Stabe oder mit Halbkreis und Stab erscheinen
Personen, die die Spitzhacke in den Händen führen, und allmählich
sieht man Bilder von Steinmetzen mit Zirkel, Hammer,
Spitzhacke, Schurzfell u. s. w. an deren Stelle treten. Es gibt
zu denken, daß auf diesen, allen Forschern wohlbekannten
Bildern der Fossoren, die bei der Erbauung der heiligen Hallen
tätig waren, rituelle Zeichen und Symbole vorkommen,
Page 31
View in PDF(opens in a new window)die mit dem Handwerk als solchem nicht das geringste zu
tun haben’).
‘
Für die Siebenzahl nahm man den Maßstab, für die Vierzahl
den Kubus (behauenen Stein), für die Dreizahl das Richtscheit,
die Bleiwage oder die Kelle, u. s.w., u. s. w. in Gebrauch.
Aber nicht nur aus dem Leben der Steinmetzen wurden die
Symbole entnommen, sondern auch aus dem der Hirten und aus
dem der Schiffer, Fischer, Ackerbauer u.s. w. Die heilige
Sieben ward durch die Flöte dargestellt, mit welcher die Hirten
ihre Schafe zu sammeln pflegten, durch die Syrinx.
Das
Zeichen P ward zum Hirtenstab; selbst der Milcheimer kommt
vor, um gewisse Ideen anzudeuten. Aus dem Leben der Schiffer
und Fischer sind die Symbole besonders zahlreich: der Anker,
der Taumast, das Segel, das Schiff u. s. w. kommen vor:
Auch das Pflanzenreich stand zur Verfügung: für die Fünfzahl nahm man, wie oben bemerkt, die Rose, den Wein, die
Lilie. An Stelle der drei Linien (Säulen) tauchen die drei
Bäume (drei Palmen) auf, die in der Form des rechten Winkels
angeordnet sind.
Noch merkwürdiger ist die Umwandlung, die der Halbkreis
durch den Gebrauch von Tier-Symbolen erfahren hat. Als
Lehrzeichen der Seele (Anima) erscheinen, wie wir sahen, die Formen
Sm
Oder
ma
In Umdeutungen dieser geometrischen Figur begegnen die
Gestalten der Taube, des Fisches und des Schafes. Die Wahl
von Tieren, die in Herden oder Schwärmen aufzutreten pflegen,
1) Man vergleiche das bekannte Fossoren-Bild bei Perret, Catacombes
de Rome. Paris 1851. I, Pl XXX. Merkwürdig sind nicht nur die Zeichen:
re ro
auf dem Schurzfell, sondern auch das über die linke Schulter geschlagene
weiße Tuch.
Page 32
View in PDF(opens in a new window)ist wohl keine zufällige.
Heft 2.
Gleichsam um den Sinn der Lehrzeichen
bestimmter zu umschreiben. kommen Tauben und Band, Schafe
und Halbkreis sehr oft in Verbindung vor, sodaß z. B. zwei
Tauben das Zeichen == an beiden Enden halten oder daß
das Schaf das Zeichen P trägt, das die leitende Gewalt der
Vernunft und der Weisheit symbolisiert.
Auf Monumenten, Gemälden, Mosaiken, Goldgläsern u. s. w.
erscheint ständig wiederkehrend das Symbol der Taube und der
Tauben: die Seele darstellend, die von Friede, Freundschaft
und Liebe erfüllt ist. Wie als Erläuterung des Sinnbildes stehen
oft neben der Taube die Worte Pax oder. In Pace oder
Anima Innocens oder Anima Simplex').
Wir haben schon
erwähnt, daß der Halbkreis im Unterschied vom Kreise und vom
Sonnenlicht das irdische und erborgte, gleichsam das geteilte
Licht und die Lichter symbolisiert. Daher findet sich die Taube
oft in Verbindung mit der Lampe oder die Lampe in Gestalt
einer Taube: die Seele, die durch die Liebe, Treue und Tugend
zum Licht emporgedrungen ist. Und wenn sich öfters Tauben
auf den Säulen angeordnet finden, so besagt dies dasselbe, was
anderwärts die Lampen auf den Säulen andeuten. Wo die Taube
mit der heiligen Dreimaldrei-Zahl (in Gestalten von Früchten,
Blättern u. s. w.) erscheint, da wird auf die zur Vollendung
eingegangene Seele hingewiesen.
Auch das Symbol des Fisches deutet auf die Seele, wenn
auch mit anderen Nuancen und abweichenden Anspielungen,
deren Möglichkeit man dadurch erweiterte, daß man das Bild
dex Delphins hinzunahm. Es ist die Seele, die durch das
Wasser die Weihen des Bundex empfangen hat: der Delphin ist
daher gleichsam der Führer, Helfer und Träger der Seele auf
dem Wege zur Vollkommenheit, dem „besseren Lande“
oder
„den Gefilden der Seligen“: er ist das Sinnbild der hilfreichen
Menschenfreundlichkeit und der edlen Menschlichkeit. die
gleichsam die erste Stufe darstellt, auf der der Mensch zur
Höhe der Vollendung emporsteigt. Daher nennt Athenaeus den
Delphin den besten Menschenfreund und Gregor von Nyssa
erkennt in ihm einen Meeresbewohner, der Eigenschaften von
„Königlichem* Wert besitzt?).
1) Vergl. Kraus a. O. II, 819.
3) Vergl. Kraus a. O. I, 352 und I, 619.
Page 33
View in PDF(opens in a new window)Es ist beachtenswert, daß die Symbole der Taube und des
Delphins allmählich durch das Lehrbild des Lammes zurückgedrängt werden, das ursprünglich wohl die Unschuld und die
Reinheit der Seele bedeutet hat, dann aber seit dem vierten
Jahrhundert eine ganz bestimmte Beziehung auf die Person
Christi erhielt. Eine Erinnerung an die einstige Bedeutung ist
vielleicht darin zu erkennen, daß das Vließ des Lammes, zu
weißem Schurz und weißer Bekleidung umgestaltet, stets das
Symbol der Seelenreinheit geblieben ist.
Sehr häufig begegnet der doppelte Winkelhaken
7
in Verbindung sei es mit der Taube, dem Lamm oder dem
Fisch; auch das griechische Kreuz kommt mit gleichen bildlichen
Zusätzen und Erläuterungen vor.)
Wir haben oben auf die Anwendung der Dreimaldrei, der
Fünf und der Sieben auf den Grabkammern hingewiesen. In
Verbindung mit diesen heiligen Zahlen werden an vielen Stellen
die Tauben, die Fische und die Schafe sichtbar, gleichsam als
Bild der Seele des Freundes und des Bruders, der zur Vollendung
eingegangen war.
Die Menschenseele, die durch die Gelassenheit oder die
Demut, wie man damals sagte, zur Reinheit und zur Vereinigung mit dem Ewigen hindurchgedrungen ist, hat ein höheres
Leben in sich, das durch keinen Tod vernichtet werden kann.
Die Lehre von dem unendlichen Wert der Seele und von Gott
und von Gottes Eingehen in die reine Menschenseele bildet den
Mittelpunkt des Gedankeninhalts der Kultgenossenschaft, deren
Religion durch die Lehre von den heiligen Zahlen charakterisiert
wird. Weder für den Opferkult, den die Staatsreligionen übten,
noch für den Glauben an die Dämonen, von dem die Massen
beherrscht wurden, noch für die Idee eines heilsvermittelnden
Priestertums war in diesem System Platz und nicht eine Spur
solchen Aberglaubens ist in dieser Religion der Weisheit und
der Tugend und in ihrer Symbolik nachweisbar.
Allmählich begann auch die geometrische Figur des Kreises,
des Lehrbildes der Ewigkeit, der Umdeutung und Erläuterung
1) Kraus a. O. II, 232.
Monatshefte der C.G. 1906,
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bediirftig zu werden. Es geschah, indem man an die Stelle desselben
menschliche Idealgestalten, d. h. unsterbliche Wesen, setzte.
Daher kommt es, daß die sieben Sterne, die sonst durch
sieben Kreise lehrbildlich dargestellt werden, unter dem Bilde von
sieben menschlichen Ideal-Figuren, Männern oder Jungfrauen — meist ist das Geschlecht nicht deutlich erkennbar und
es scheint darin fast ein beabsichtigter Hinweis auf die MenschenSeele zu liegen, für die es keinen Unterschied des Geschlechtes
gibt — vorkommen, und daß die drei Weltkörper, die uns am
nächsten stehen, als drei männliche Personen charakterisiert werden.
Neben und über diesen in Gruppen auftretenden Gestalten
erscheint als Einzelfigur die Idealgestalt einer menschlichen
Persönlichkeit, meist als Weib, öfters auch als Mann
charakterisiert, die durch Krone und Sternenmantel als
königliche Herrscherin gekennzeichnet wird.) Diese Gestalt
mit dem Sternenmantel ist die Liebe und die Weisheit, und
es ist aus der Anordnung, in der sie unter den übrigen Lehrbildern erscheint, klar erkennbar, daß sie den Mittelpunkt des
Gedankenkreises und der Kulthandlungen bildet.
Gott ist die Liebe, und die Liebe ist Gott, und die Liebe’
ist der Weisheit höchster Schluß. Unter keinem anderen Sinnbild als dem der Weisheit und der Liebe, die im Strahlenkranz des ewigen Lichts als Erleuchterin und Beherrscherin des
Alls gedacht wird, konnte man sich die Idee des Ewigen näher
bringen als unter dem Symbol der Königin im Sternenmantel. Indem sie den Inbegriff der „Kunst“ der Steinmetzen und ihrer Latomien und das höchste Ziel des Strebens
aller ihrer Jünger darstellte, ist sie in unzähligen, mehr
oder weniger durchsichtigen Verhüllungen als die Königliche
Jungfrau von den Dichtern besungen und von den Künstlern in
Stein und Erz verewigt worden. War sie doch der Urquell, aus
dem alle anderen „heiligen Zahlen“, Formen, Ideen, die Logoi
und der Logos entsprungen waren und in denen sich das All zur
ewigen Einheit zusammenfaßte.
Dies Symbol der Frauengestalt mit der Krone, dem Kranz,
dem Zepter oder der Himmelskugel und dem Stern?), bisweilen
1) Sie erscheint z. B. auf einem vielbesprochenen Goldglase ans dem
Coemiterium Saturnini (Kraus II, 792). Auch Kraus deutet diese „Königin“
als das Lehrbild der ewigen Weisheit Gottes.
3) Bei Roller, Les Catayombes de Rome, Paris 1881, S. 40, erscheint die
„Königin“ außer mit Krone‘und Zepter auch mit dem Lehrzeichen eines
Buches. — Weitere Darstellgngen s. bei Perret, a. O. I, 69 und II, 57.
A
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\
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\
à
Page 35
View in PDF(opens in a new window)auf Säulen gestützt oder in Verbindung mit dem Symbol des
Turmes, den wir erwähnt haben, mit goldglänzendem Schmuck
auf blauem Gewande geschmückt, war unter dem Namen der
Königin — Basilissa pflegt sie auf griechischem Sprachgebiet
genannt zu werden’) — oder auch der Panagia allen Eingeweihten
wohl bekannt. Neben ihr erscheinen in betender Haltung oft
symbolische Frauengeëtalten (Oranten), die die Menschenseelen darstellen; sie sind gleichsam die Dienerinnen der Himmelskönigin,
das Urania, der siegreichen Wahrheit und der gekrénten
Unschuld.
Wenn in späteren Zeiten die übrigen Sinnbilder unter dem
Namen Regalia, d.h. königliche Symbole, vorkommen,?) so ist
dies um so auffallender, wenn man weiß, daß außer der Bezeichnung
Oikos aionios der Name Oikos basilikos oder Arka basilike,
d. h. das Königliche Haus, oder die Königliche Arche gebraucht
wird, und daß zur Bezeichnung des Gottesreichs der einfache
Name Königreich (Basilica) und zur Kennzeichnung der
„heiligen Hallen“ der Name Königs-Burg vorkommt. Es war daher eine der überlieferten Bildersprache ganz angemessene
Bezeichnung, wenn man die Kunst, die man übte, als die
Königliche Kunst bezeichnete Man dachte sich den Herrn
des Himmels und der Erde unter dem Bilde eines Königs oder
einer Königin.
Die Lehrzeichen, die wir bisher besprochen haben, finden
sich sämtlich in den Katakomben, die, wie man weiß, zu altchristlichen Kultzwecken benutzt worden sind; eben diese
Lehrzeichen sind aber bereits in Zeiten nachweisbar, wo das
Christentum noch nicht in die Welt gekommen war. Die Anhänger
Christi haben eine Zeit lang und zwar mehrere Jahrhunderte
hindurch sich dieser Lehrbilder bedient, um ihre eigenen religiösen Bedürfnisse mit ihrer Hilfe zu befriedigen. Gleichsam als
ob sich die ältesten Christen lediglich als eine neue Lehrart
oder, wie man damals sagte, als ein neues „System“ innerhalb
des großen Organismus gefühlt hätten, den sie mit ihren besonderen
Ideen zu durchdringen bestrebt gewesen seien.
Die Umdeutungen der Symbole, die im Laufe der Zeit unter
dem Einfluß der neuen Bewegungen erfolgten — Alexandrien,
1) Vgl. Kaufmann, Segelkrale, Jenseitsdenkmäler der Antike und des
tums. Mainz 1900, S.8
3) Krause, Kunsturkunden, 2 “Aufl. 1820/21 J, 1, S. 239.
Page 36
View in PDF(opens in a new window)Keller, Die heiligen Zahlen.
Heft 2.
wo sich Griechentum und hellenisiertes Judentum begegneten.
scheint der Mittelpunkt dieser Strömung geworden zu sein —
sind ja so bekannt, daß wir darauf nicht einzugehen brauchen.
Wir alle kennen den Sinn, den die uralten Zeichen des A und
©, des XP, der Arche, der Taube, des Lammes, des Fisches u. s. w.
allmählich erhalten haben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser
neue Sinn auch von vielen angenommen wurde, die an dem
wesentlichen Inhalt der platonisch-christlichen Weisheit festhielten. Noch Justin der Märtyrer (f um 167 n. Chr.) bezeichnet
Christus als den „Sokrates der Barbaren“, das Christentum
mithin im gewissen Sinne als sokratische Lehre, nur daß er
meint, in Christus sei der Logos persönlich in der Welt erschienen.
Aber neben dieser Riehtung, die die Verwandtschaft der Lehre
Christi und der uralten Weisheit des Platonismus erkannte und
förderte, gab es frühzeitig — Paulus war ihr Wortführer — eine
andere, die mehr den Gegensatz als die Verwandtschaft betonte
und weiter auszubilden sich bemühte.
Die späteren Entwicklungen sind bekannt: von der Zeit an,
wo die neue christliche Staatskirche ins Leben trat und der
Opferkult und der Teufelsglaube und das Priestertum wieder hergestellt wurden, entwickelte sich ein Kampf auf Leben und Tod
zwischen der Kirche und dem jetzt sogenannten Gnostizismus.
Die Brüderschaft sah sich genötigt, die Maske noch tiefer als
früher in das Gesicht zu ziehen und aus „dem Haus der Ewigen“,
der „Basilika“, den „Akademien“ und den „Museen“ wurden
Werkstätten von Steinmetzen und Bauhütten, Latomien und
Loggien oder harmlose Vereine und Gesellschaften aller Art. ı)
Alle späteren größeren religiösen Bewegungen und Richtungen
aber, die am platonischen Christentum oder dem christlichen
Platonismus festhielten, gleichviel ob sie unter den Namen der
Mystik, der Naturphilosophie, des Humanismus oder unter
sonstigen Decknamen und Deckfarben als Gewerkschaften und
Sozietäten erscheinen, haben die Lehre von den „heiligen Zahlen“
und der Zahlen-Symbolik mehr oder weniger festgehalten und in
der richtig verstandenen Lehre von der ewigen Harmonie der
Sphären
den
Schlüssel
der Weisheit
und
der
gefunden.
1) Vergl. Keller, Latomien und Loggien etc., Berlin 1906.
Erkenntnis