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View in PDF(opens in a new window)HERMANN KOLLER
KOLLER > a.
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A+
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_
KoLten H., Die Jenseitsreise, cin pythagoreischer Ritus :
Symbolon VII
|
1971 33-52. | Keprésentation de ce rite d'initiation, avec les instruments
|
sources lilléraires, dont le l'héélèle de Platon et Horace, Carm. 1.28,
nécessaires, sur le disque de Brindisi. Le vol de l'âme d'après les différentes
Die Jenseitsreise - ein pythagoreischer Ritus
Vor rund vierzig Jahren wurde die Tonscheibe (Abb. 1), die ich an den Anfang
meines Vortrages stelle, in Brindisi entdeckt. Sie mißt etwa 50 cm im Durch-messer. Der Fundort ist nicht genau bekannt, der zeitliche Ansatz schwankt zwischen dem 1. und 3. vorchristlichen Jahrhundert.’
Der Tierkreis, der hier nur 11 Bilder umfaßt, bilder den äußeren Rand. Der
Skorpion nimmt 60° ein, die Waage fehlt, d. h. der Schwanz des Skorpions nimmt
ihren Platz ein. Das innere Kreisrund ist an zwei Stellen symmetrisch in der unteren Kreishälfte durch zwei nackte, aufrechtstehende Männergestalten unterbrochen, die offensichtlich das Himmelsgewólbe stützen’. Ein Viergespann durchmißt das Zentrum-und die obere Kreishälfte. Im Wagen steht eine Frau rechts von
einem erheblich kleineren Mann. Hinter ihnen, etwas tiefer, halt ein Knabe die
Zügel des Gespanns mit der Linken, während er mit der Rechten einen Bogen
oder ein Kentron schwingt..
Der Gott Hermes, sicher gekennzeichnet durch das Kerykeion und die Flügelhaube, schreitet dem Gespann voran und zieht es mit sich. Hinten am Wagen ist
das Blitzbündel des Zeus befestigt. Dem oberen Bildrand entlang reihen sich
fünf Sterne an und dazwischen, symmetrisch aufeinander bezogen, links der Sonnengott Helios mit dem Strahlenkranz, rechts die Selene mit der Halbmondscheibe
als Kopfschmuck. Etwas tiefer, aber genau über der Mitte, schweben drei Gestalten, wie Helios und Selene im Brustbild, nur etwas kleiner.
Die untere, durch den Rand der erzählenden Szene scharf abgegrenzte Partie
weist zahlreiche, nicht immer mit Sicherheit zu erkennende Gegenstände auf: ein
Rad, drei Kuchen, eine Fackel, eine Leiter, einen Schlüssel, eine Schlange, einen
Dreizack und anderes. Während die obere Bildhälfte einen Vorgang berichtet,
bleibt die statische untere Hälfte und ihre Beziehung zum Geschehen vorerst ganz
rätselhaft. Das Geschehen jedenfalls spielt sich in der Himmelssphäre ab. Der
nackte wagenlenkende Knabe kann nur Eros sein, und Hermes wirkt hier als
' Erstmals veröffentlicht von K. Kerényi, in Archaeological Ertesitö (Budapest 1930) 74-106; vgl. derselbe
A.R.W. (1933) 271 und P. Wuilleumier, Rer. archéol. (1932) 58f. und ders., Tarente, des origines à la
conquéte Romaine (Paris 1939) Abb. XLV z.
? Es sind vermutlich die Dioskuren als Tag- und Nachtseite des Himmels. Auf den später zu besprechenden Tarentiner Tonscheiben (vgl. Abb. 2-6, S. 47-51) sind sie immer durch das Amphorcnpaar symbolisiert.
Symbolon7
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View in PDF(opens in a new window)Psychopompos, als Seelengeleiter?. Es muß sich also um eine Anodos, um eine
Himmelfahrt handeln und, wie der Zeusblitz beweist, um eine eigentliche Apotheose — also um die Entrückung eines Sterblichen in den Himmel.
Tatsächlich kennt man aus der Literatur einige Belege für solche Anodoi, bei
denen die Himmelfahrt mit einem Gespann dargestellt wird, ja wo auch Eros und
Hermes dabei als göttliche Helfer mitwirken, z.B.
Ovid (Met. IX 271f.) von der Heraklesaptheose:
Quem pater omnipotens inter cava nubila raptum
Quadriiugo curru radiantibus intulit astris.
(Den im hohlen Gewölk der allmächtige Vater entführend
Auf vierspännigem Wagen erhob zu den strahlenden Sternen. [Voss])
Pierre Boyancé denkt mit sehr guten Gründen an eine Apotheose der Semele, die
durch den Zeusblitz getötet, aber auch in den Himmel aufgenommen wurde.
Neben ihr steht dann ihr Sohn Dionysos. Es ist also die bildliche Darstellung der
Himmelfahrt und Apotheose einer Sterblichen, die als Göttin nun Thyone, nicht
mehr Semele heißen wird. Die drei Figuren deutet Boyancé als die drei Moiren,
und er weist auf eine sehr altertümliche Vorstellung hin, nach der je eine Parze
einem besonderen Bereich des Kosmos zugewiesen ist, Afropos der Fixsternsphäre, Klotho dem Planetenbereich, Lachesis der sublunaren Welt‘ (Plutarch Conv.
IX 745b und De Genio Socratis 591b, in der Jenseitsreise des Timarchos). Sie sind
die Personifikation der einfachen Spharenharmonie bei den frühen Pythagoreern®
und werden schon im Ermythos in Platons «Staat» vorausgesetzt. Dies ist vorerst
das sicherste Zeichen dafür, daß es sich bei der Scheibe von Brindisi um einen
pythagoreischen Bildinhalt handelt.
Die erzählende Szene erinnert stark an den Seelenmythos in Platons «Phaidros».
Bevor wir uns diesem einzigartigen Bildzeugnis erneut zuwenden, müssen wir
\bb. 1. Diskus von Brindisi (Photo. Archäologisches Inst. Rom, Neg. 62. 1304). - Im elfbildrigen Tierreis Anodos der Semele in Begleitung des Dionysos. Das Viergespann von Hermes angeführt, Wagenenker ist Eros. Das Blitzbündel des Zeus weist auf den gewaltsamen Tod der Semcle. Links oben
Jelios-, rechts Selenebüste, links unter Helios cine schwebende Seele (?). Die fünf Sterne deuten die
Ylanetensphäre an. Symmetrisch verteilt die drei Brustbilder der Moiren (= Sphärenharmonic, vgl.
1,35). Das Himmelsgewölbe wird links und rechts von zwei nackten Männern gestützt: Dioskuren als
Tag und Nacht (?). Das untere Drittel des Innenkreises zeigt die Symbole der rituellen Himmelfahrt,
leren mythisches Vorbild dic darüber dargestellte Apotheose der Semele ist: mit Sicherheit zu erkennen
ind (v.1. n. r.): Rad, vierteilige Hekatefackel, darüber cin Böcklein (?), Fackel, Beil, Leiter, darunter
ein Schlüssel, Schlange, Drcizack u. a. m.
nun weiter ausholen und aus den literarischen Zeugnissen mehr Klarheit bekommen. Dieser Umweg wird uns schließlich dem Verständnis auch der unteren Bildhälfte des Diskus von Brindisi näherbringen.
Einige Stellen aus dem Seelenmythos des «Phaidros» zeigen frappante Beziehungen zum Bild (246c): «Der große Gebieter im Himmel nun, Zeus, fährt voraus, seinen geflügelten Wagen lenkend ... ihm folgt ein Heer von Göttern und Dämonen, in elf Rotten geordnet: Hestia allein bleibt zurück im Hause der Götter.
Dagegen die andern Götter alle, die in die Zahl der zwölfe eingereiht sind, ziehen
in der Ordnung, die jedem gewiesen ist, als Scharenführer dahin.» Die Seelen der
Menschen kommen mit, aber nicht jeder gelingt die Fahrt in gleicher Weise
3 Vgl. die Apotheose des Herakles auf der Vase der Sammlung Jatta, Beazley ARV 2, 1420, 4 (Painter
of London), abgeb. in: Hellmut Sichtermann, Griechische Vasen in Unteritalien (Tübingen 1966)
Tafel 37. u.a.
* Pierre Boyancé, Le disque de Brindisi et l'apothéose de Sémélé, REA 44 (1942) 191-216.
> Hermann Koller, Harmonie
und Tetraktys, Mus. Helv. 16 (1959) 238-248.
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View in PDF(opens in a new window)(248bjc): «Der Grund aber des vielen Eifers im Suchen nach dem Gefilde der
Wahrheit ist der, daß auf der Weide dort für den besten Teil der Seele die angemessene Nahrung sprießt und der Wuchs der Schwingen, auf denen die Seele sich
erhebt, dadurch befördert wird und daß als Satzung der Adrasteia gilt, es solle die
eng, daß sich oft nur mit Mühe eine Scheidung vollziehen läßt - das geht soweit
daß namhafte Gelehrte entscheidende, von Platon selbst den Pythagoreern zuge
schriebene Erkenntnisse als platonisch betrachten und das Zeugnis Platons un:
seiner Schüler als literarische Fiktion abtun. Vorplatonische Zeugnisse für die un
Seele, die im Gefolge eines Gottes etwas von der Wahrheitgeschaut hat, bis zum nächsten
interessierende Frage fehlen nicht, aber sie sind fast alle negativ, d. h. sie greife:
Unmguge frei bleiben vom Leid, und wenn sie das immer erreichen könne, so solle sie
Pythagoras und seine Schüler an.
immer von Schaden verschont sein.»
Die Menschenseele kann also, wenn sie die Wahrheit auf ihrer Himmelsreise zu
Zentrum Archytas steht, deren Motive aber auf vorplatonische Zeit zurückgeher
schauen vermocht hatte, aus dem Rad der Existenzen heraustreten, und sie wird
frei (294d): «Nur ein Mann, der solche Erinnerungsbilder richtig benützt, indem
er stets die vollendende Kraft vollkommener Weihen auf sich wirken läßt, wird wirklich vollkommen. Wenn er dann die Bahn menschlicher Bestrebungen verläßt und zum
Göttlichen sich hält, so wird er von den Leuten gescholten, als wäre er verrückt;
denn daß er gottbegeistert ist, merken die Leute nicht.» Noch öfters wird diese
Seelenfahrt im «Phaidros» als teleté, als Einweihung bezeichnet (250e, 2511); beflügelnde Kraft dieser Seelenfahrt aber ist auch hier Zros. Es kann kein Zweifel
sein, daß Platon in diesem Mythos die Riten der teleté nicht als Beispiele, als Metaphern, sondern als Voraussetzung betrachtet, oder mit andern Worten, daß er aus
einem Ritus, einem tatsächlich vollzogenen und vollziehbaren ergor einen Mythos,
eine Erzählung, gemacht hat‘. Der Seelenmythos des «Phaidros» wie der Ermythos
des «Staates» gehen von solchen rituellen Erfahrungen der Jenseitsreise aus. Wir
dürfen uns auch aus diesen Gründen der Auffassung Boyancés anschließen, der
über die Tonscheiben von Tarent (vgl. Abb. 2-6), die wir noch kennen lernen,
und insbesondere über die von Brindisi sagt: «Nos disques, même datés du Ille
siècle et postérieurs par conséquent à Platon, comme ils échappent de toute évidence à l'influence de ce dernier, nous renseignent sur l’état de cette théologie
astrale, fille du pythagorisme, qui a influé grandement sur les mythes du Phédre
Doch betrachten wir vorerst eine an sich sehr spät bezeugte Geschichte, in dere:
So lautet der erste Teil der Ode I 28 des Horaz in der Übersetzung von Rudol
Helm (mit leichten Änderungen):
«Der du Meer und Land und die Körner des Sandes, die zahllos,
Einst gemessen, nun halten, Archytas,
Wenige Hände geringen Staubs an matinischer Küste
Hier dich umfangen; es nützt dir nun gar nichts,
Daß du das luftige Heim und die Wölbung des Himmels im Geiste
Einst durcheilt; doch mußtest du sterben.
Pelops’ Vater verschied, der Tischgenosse der Götter,
Und der Himmel entführte Tithonus,
Minos, dem Jupiter einst sein Sinnen vertraut, es umschließt jetzt
Panthos’ Sohn der Tartarus, seit er
Wieder zum Orkus gekehrt, (wenngleich er vom Leben in Troja
Zeugt’ durch den Schild, sobald man ihn abnahm,
Und nur Knochen und Haut dem schwarzen Tode gegeben,)
Er, wie du meinst, der Natur und der Wahrheit
Trefflicher Künder. Doch harrt uns aller ein Dunkel, nur einmal
Gilt es die Straße des Todes zu wandern ...»
seine Kenntnisse des Pythagoreertums. Sein ganzes Werk verrät, wie tief ihn diese
Ein Schiffer fährt am Strand von Matinum vorbei, wo das Grabmal des pyth:
goreischen Mathematikers Archytas steht. Das Grabmal zeugt gegen die Ansici
des von ihm Umschlossenen: Archytas ist tot und kehrt nicht wieder; und vorbe
gegangen sind auch die, von denen die Sage zu berichten weiß, daß sie die Un
sterblichkeit erlangt haben, der Vater des Pelops, Tantalus, obschon er Tisci
genosse der Götter gewesen war, Tithonus, der Sterbliche, den die Göttin Ec
liebte und unsterblich machte, Minos, der Vertraute des Zeus, aber auch der Soh
geistige Haltung beeindruckt hat, gleichzeitig aber auch, wie kritisch er dagegen
des Panthos, Euphorbus, dessen Schild noch im Heratempel von Argos gezei:
eingestellt ist. Die Verbindung platonischer und pythagoreischer Ideen ist derart
wurde und den Pythagoras, weil er eine Wiedergeburt des Euphorbus war, als de
* Zu diesem Unterschied vgl. Herakleides Pontikos, fgm. 96 W = Joh. Philoponus, ln Arist, Meteora 1 8
seinen erkannt hatte, selbst Pythagoras also, der treffliche Künder der Natur un
et de la République. //s représentent l'état du mythe antérieur à la transposition et à
l'adaptation platonicienne. y? Freilich erfassen wir da nicht nur den frühesten Zustand
des Mythos, sondern aus dem Diskus von Brindisi und den anschließend noch zu
besprechenden literarischen Quellen das vorauszusetzende Ergon, den pythagoreischen Ritus der Jenseitsreise.
Platon verdankt vor allem Archytas, einem älteren Zeitgenossen aus Tarent,
comm. p. 117 Hayduck: Aaudaxıos tiv ’Eunedorluov negi tov yálaxtos (sc. Únódeaiy Wehrli; ód0v
Koller) olxsioöraı, Eoyov adrıv où uüdor xaldv. gnai yao éxeïvos dddv elvat puxúv td yada tür
tor "Aid» tòv dy odoar@ diamosevoptruv. Nach fgm. 95 W Dreiteilung des Kosmos in yi y@cvia,
Givuzta, péon, also das alte Weltbild.
? Vgl. den in Anm. 4 angeführten Aufsatz von Boyancé.
36
der Wahrheit.
Worauf gründete aber der Anspruch des Archytas auf persönliche Unsterblici
keit? Die Heroen des Mythos, Tantalus, Tithonus, Minos waren Göttersöhr
oder Lieblinge der Götter und wurden deshalb der Unsterblichkeit teilhaftig. Vo
Page 4
View in PDF(opens in a new window)\rchytas aber heißt es hier: «Es nützt dir nun gar nichts, daß du das luftige Reich und
Bahnen der Sterne oben am Himmelszelt, und ergründet (174) jegliche Descnanennen
he Wölbung des Himmels im Geiste einst durcheiltest; du muBtest doch sterben.»
, Die Reise der Seele durch die Bereiche des Himmels sollte ihm also die persóniche Unsterblichkeit garantieren. Von seinem Vorgänger, dem «trefflichen Künjeder Gattung des Seienden, ohne sich einzulassen auf das, was ihn unmittelbar
br der Natur und der Wahrheit» aber, von Euphorbus-Pythagoras, wird hier nicht
äher gesagt, wieso er sich seiner früheren Existenzen erinnern kann - das wird
etwa einen Schweinehirten oder Schafer oder wacker melkenden Kuhhirten loben
ils
selbstverständlich hingestellt. - Zwei Motive heben sich aus dieser merkwürie Geschichte heraus, die wir weiter zu verfolgen haben: a) Euphorbos-
Tier auf die Weide treiben und melken, als die Hirten; roh aber und ungebildet
ythagoras erlebt mehrere Wiedergeburten, und er erinnert sich an seine früheren
xistenzen; b) vom pythagoreischen Mathematiker Archytas, der eine historisch
ekannte Persönlichkeit aus Tarent aus der Wende vom.5. zum 4. Jahrhundert
ar, wird hier erzählt, er habe auf persönliche Unsterblichkeit gerechnet, weil er
den Himmel im Geiste durcheilt» habe; das kann nur bedeuten, daß diese Himelsschau und Himmelsreise ein im irdischen Leben vollzogener Ritus war, der
aber, daß einer zehntausend Morgen Landes oder noch mehr, eine erstaunliche
schwebt, und von oben aus dem Luftraum herabblickend verliert er infolge des ungewohnten
m Unsterblichkeit verbürgen sollte. Die Frage, ob diese Geschichte ein histori-
Zustandes alle Fassung ...
umgibt.
|
... preist man einen Tyrannen, so dünkt es ihn, als ob er irgendeinen Hirten,
hörte, nur ist er der Meinung, daß jene ein noch widerspenstigeres und boshafteres
müsse ein solcher unausbleiblich infolge des Mangels an Muße werden ... Hört er
Menge, besitzt, so kommt ihm das wie eine Winzigkeit vor, da er gewohnt ist, seinen
Blick über die ganze Erde schweifen zu lassen ... Wenn er nun aber ..., lieber Freund,
einen von jenen Leuten zu sich hinauf in die Höhe zieht ..., so bietet dieser nun
seinerseits das genaue Gegenbild: vor Schwindel ergriffen infolge der Höhe, in der er
ches Faktum der Archytasbiographie ist oder einfach auf Archytas übertragen
So ist es mit beiden bestellt, mein Theodorus; der eine ist wahrhaft in Freiheit
urde, ist von sekundärer Bedeutung. Das Motiv als solches ist hier vorerst
und Muße aufgewachsen, er, dem du jedenfalls den Namen ‘Philosoph’ gibst ...
ichtig.
Der andere aber kann ... alle diese Dienstleistungen behend und pünktlich ver-
Im platonischen Dialog «Theaitet» findet sich eine Schilderung des wahren
richten, versteht sich aber nicht darauf, den Rundgesang rechts herum anzuheben
hilosophen, die bemerkenswert ähnliche Züge trägt wie dieses Archytasbild.
noch auch der Reden harmonische Fassung zu treffen und in rechter Weise (176)
igon hat nachgewiesen®, daß diese Episode in ihren Motiven in die Mitte des
der Götter und seligen Menschen wahrhaftiges Leben zu preisen ... Daher gilt es
inften Jahrhunderts führt, also nicht eine Schöpfung Platons sein kann. Sie lauauch zu versuchen, von bier so schnell wie möglich dorthin zu entfliehen. Die Flucht aber
t (173cff.°): «So wollen wir denn, deinem Wunsch folgend, nach Lage der Sache,
besteht in der möglichsten Verdbulichung mit Gott ...»®
enigstens über die Anführer des Chors sprechen. Denn was lohnt es, von denen
Ganz offensichtlich ist die dem gewöhnlichen Sterblichen unbegreifliche Tätigu reden, die es mit der Philosophie nicht wirklich ernst meinen ? Jene aber wissen
keit des Philosophen, das «Durchforschen der Tiefen der Erde», das «geometrein»,
on Jugend auf weder den Weg nach dem Markte, noch auch wo das Gerichtshaus
und das «astronomein», also der «Aufenthalt der Scele in den Himmelssphären»,
der das Rathaus oder sonst eine öffentliche Versammlungsstätte liegt; von den
ein stets wiederholtes Bemühen, Gott ähnlich zu werden, ist «homoiosis theoi»,
esetzen und Beschlüssen hören und sehen sie nichts, weder daß darüber verindem der Philosoph schon in diesem Leben das rituell vorwegnimmt, was ir
andelt wird, noch daß sie schriftlich abgefaßt sind; den Wettbewerb der Genos-
Jenseits die vollkommene Einswerdung mit Gott bewirkt, die Schau des Him.
senschaften um die Staatsämter, Vereine, Gastmähler und Umzüge mit Flötenmels - aber die Jenseitsreise führt durch alle drei Bereiche: durch die Tiefen der Erd.
pielerinnen - dergleichen zu treiben kommt ihnen selbst im Traume nicht bei.
(also in die Unterwelt), auf die Erde und in den Himmel!
b aber von den Bürgern einer von edler oder unedler Abstammung ist, oder ob
In der Philosophenkomödie, den «Wolken» des Aristophanes, finden wir zr
äterlicher- oder mütterlicherseits von den Vorfahren her ihm ein Makel anhaftet,
dieser Darstellung wertvolle Ergänzungen. Sokrates wird hier angegriffen, nichi
darüber weiß er weniger Auskunft als über die Zahl der Tropfen im Meere. Ja,
aber mit Vorwürfen, die gegen ihn als historische Persönlichkeit gerichtet sind.
hinsichtlich alles dessen weiß er nicht einmal, daß er es nicht weiß. Denn nicht
sondern gegen das Zerrbild des Philosophen; gerade dieser Schematismus abeı
etwa seines guten Rufes willen bleibt er diesen Dingen ganz fern, sondern in Wahrerlaubt uns, die typischen Züge herauszuholen. Es ist ein schweres Mißverständnis.
beit weilt und wandelt nur sein Leib in der Stadt, sein Geist aber, überzeugt von der Kleindiese Komödie für die Biographie des Sokrates verwerten zu wollen.
lichkeit,ja völligen Nichtigkeit dieser Dinge, und darum voller Verachtunggegen sie, schweift,
Der athenische Spießer Strepsiades will Philosoph werden, um mit Hilfe dei
mit Pindar zu reden, überall umher, mißt die Tiefen der Erde und ihre Flächen, erforscht die
Rhetorik seinen Schuldenberg abzuwälzen. Er geht daher zur Denkbude des Sc
* Olof Gigon, Sokrates, Sein Bild in Dichtung und Geschichte (Bern 1947) 235f.
* Nach O. Apelt, mit Änderungen.
10 Zu diesem Motiv vgl. Hubert Merki, ‘Opoiwots Pe (Freiburg 1952).
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View in PDF(opens in a new window)rates, zum «Phrontisterion». Unüberwindliche Schranken stehen seinem Vorben anfänglich im Weg, denn der Sokratesjünger, mit dem er es zuerst zu tun
in die Höhe hängte und den dünnen Gedanken mit dem ihm gleichartigen Aer
at, verschanzt sich hinter das Geheimnisgebot seiner Sekte (140): «Es ist nicht
vermischte ?»
rlaubt, das zu sagen, außer den Schülern.» Die Schüler sind also «Eingeweihte»,
velche verpflichtet sind, ihr Geheimnis zu wahren, wie die in ein Mysterium Einreweihten. Da Strepsiades jedoch gewillt ist, als Schüler einzutreten, erfährt er
jun etwas mehr (143): «Man muß das für Mysterien halten.» Wie einer, der den
»bersten Grad der Weihen empfangen hat, wird Sokrates ironisch gefeiert mit
lem Ruf (166): «O dreifach Glückseliger!» Er befaßt sich mit astronomischen
Studien (171): «Als er einmal die Wege des Mondes und seine Umläufe suchte und
jabei mit offenem Munde nach oben starrte, da ließ ihm ein Gecko von der Decke
nerab etwas hineinfallen.» Diese Untersuchung findet also offensichtlich im geichlossenen Raum des «Phrontisterion» statt — sonst wäre dieser komische Effekt
zar nicht möglich!!. Dann trifft Strepsiades Philosophenschüler in sonderbaren
Stellungen an, die einen die Augen starr auf den Boden gerichtet, andere kauernd
und zur Erde geduckt.
Inn
in der Höhe (rà petéwoa apdyuara) richtig erkennen, wenn ich nicht den Geist
SchlieBlich steigt Sokrates von seinem luftigen Sitz herab und ist bereit, Strepsiades als Schüler aufzunehmen, und zwar in den Formen einer Mysterienneite
(254): «Setze dich also auf den heiligen Schemel.»
«Nimm diesen Kranz»
«denn wir nehmen alles das mit jedem vor, der sich einweihen läßt.»
Als feierlicher Hierophant beschwört nun Sokrates die Wolken, die Göttinnen
der Luft, zu erscheinen
«diesem hier zur Unterweisung».
«Schon kommt mir vor, meine Seele schwebe», ruft Strepsiades begeistert aus.
Später soll Strepsiades in das Phrontisterion eintreten, doch schreckt er davor
zurück wie einer, der in die Initiationshöhle des Trophonios hinabsteigen muß
(506):
|
«Gib mir vorerst den Honigkuchen in die Hände, denn ich fürchte mich, hinein-
HERE
(187f.) «Was schauen denn die auf die Erde?»
und hinabzusteigen wie in die Höhle des Trophonios.»
«Sie suchen die Dinge auf der Erde.»
Mit dem Honigkuchen soll Kerberos, dem man auf der Unterweltsfahrt begegnet, besänftigt werden. Zu dieser philosophischen teleté gehört also offenbar
eine Katabasis, eine Reise in die Unterwelt.
Wie sich später zeigt, ist Strepsiades trotz aller Einweihungsprozedur unfähig,
Philosoph zu werden, so daß sein Sohn Pheidippides an seine Stelle tritt. Doch
wie Sokrates den Sohn zum ersten Mal erblickt, ruft er aus (868): «Er ist noch
unerfahren und noch nicht mit dem Hängekorb hier vertraut.» Auch der Schüler
ist also verpflichtet, im Hängekorb meteorischen Gedanken nachzuhängen, denn
dies ist Teil seiner Philosophenweihe. Dies sind nur die wichtigsten motivischen
(191) «Und was machen denn die tief Geduckten
?»
(192ff.) «Die tauchen in den Erebos hinab unter den Tartaros.»
«Warum schaut aber ihr Hinterteil zum Himmel hinauf?»
«Der treibt zu eigenem Nutzen Astronomie für sich» oder
«er lernt, an und für sich, sich in den Sternen aufzuhalten.»
Darauf sieht Strepsiades ihm bisher völlig unbekannte Dinge, und auf seine
verwunderte Frage erhält er zur Antwort (200): «Das ist Astronomia.» «Und das ?»
«Das ist Geometria, die zum Ausmessen der Erde dient.»
Darauf kommen sie zu einer Erdkarte, welche Griechenland in sehr verkleiner-
Berührungen — andere Parallelen, vor allem sprachliche Anklänge und Zitate,
tem Maßstab zeigt. Schließlich wird der Meister persönlich auf einem Schwebewerden hier nicht berücksichtigt.
kran in einem Hängekorb sitzend auf die Bühne herausgedreht (218ff.): «Wer ist
Aristophanes geißelt die sophistischen Neuerer, welche die bewährte Bildung
der guten alten Zeit zersetzen, in der Gestalt des allen bekannten Sokrates, wobei
er sich aber keineswegs historischer Treue verpflichtet fühlt. Vielmehr projiziert
er alles, was man den Sophisten und Philosophen von einem konservativen Standpunkt aus vorwerfen kann, in die Figur des Sokrates, der den Philosophen verkörpert. So kann es nicht verwundern, daß eine ganze Reihe wissenschaftlicher
Schlagworte der Sophisten und Philosophen hier anvisiert werden. Aristophanes
folgt dabei einem sicherlich bereits literarisch fixierten Leitbild des Philosophen
als Verkörperung des «bios theoretikos», der in entscheidenden Zügen dem Exkurs des platonischen «Theaitet» entspricht. Unverkennbar wird auch in der grotesken aristophanischen Verzerrung auf die Jenseitsreise, die Unterwelts- und
Höhenfahrt angespielt und auf die hier üblichen Mittel der Einweihung, Geo
metrie und Astronomie - alles freilich zugunsten größerer Biihnenwirksamkeit
denn jener im Hängekorb ?»
«Autòs», «ER selbst.» Ehrfurchtsvoll wird sein Name verschwiegen, genau wie
auch die Pythagoreer auf ihres Meisters Lehren mit «autos epha», «ER hat es
gesagt» hinwiesen.
Wie ein göttliches, allem Irdischen entrücktes Wesen nimmt sich der Meister
des Neulings an:
«Was rufst du mich, du Eintagsexistenz ?»
«Was tust Du da in der Höhe?»
«Ich wandle im Aer und denke über die Sonne nach»; diese Tätigkeit ist ihm
offenkundig nur in genügender Höhe möglich, denn «Wie könnte ich je die Dinge
' Eine Untersuchung der sprachlichen Formulierung dieser Stelle und bespielsweise Platon, Staat, 529 a
(s. Anm. ı9) würde diese Ansicht noch bekräftigen.
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View in PDF(opens in a new window)handfest vergröbert. Das Ganze ist aber eine eigentliche Initiation, eine teleté mit
ihrer Geheimhaltungspflicht und ihren Riten, die jeder telumenos, jeder Initiand,
zu vollziehen hat. Nur weil die Pythagoreer aber tatsächlich ein den Orphikern
verwandtes Ritual der Einweihung vollzogen, finden sich diese Ziige in der aristophanischen Verulkung des theoretischen Philosophen. Eine Verspottung der
orphischen Sekte wäre ja völlig sinnlos, die der eleusinischen Weihen ebenso, und
zudem für Athen ganz undenkbar. Beides wäre ohne jede Beziehung zum Thema
des Stücks. Die mittlere Komödie setzt überdies die Tradition der Verspottung
der Pythagoristen und deren Jenseitsreise fort, wobei deutliche Beziehungen zur
Philosophenkomödie des Aristophanes bestehen!?. Bühnenwirksam ist diese Initiationsszene freilich nur, wenn der Normalathener in dieser Zeichnung seine
Auffassung vom Philosophen bestätigt fand. So sind die «Wolken» motivgeschichtlich eine ganz außerordentlich ergiebige Quelle, während sie für die Sokratesbiographie praktisch nichts Greifbares ergeben, übrigens ganz der Bemerkung Platons in der Apologie (19c) entsprechend:
«Solche Dinge seht ihr ja selbst in der Komödie des Aristophanes, einen Sokrates, der dort umherschwebt und der behauptet, er schreite im Aer, und der viel
anderen Unsinn schwatzt, von dem ich nicht das Geringste verstehe.
»13
Die Verspottung der Philosophen in den «Wolken» zeigt eines mit aller Konsequenz: Es muß in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts in Athen Philosophen
gegeben haben, die tatsächlich ein solches Einweihungsritual vollzogen haben,
bei dem «Geometrie und Astronomie», «ta hypo gen» und «ta meteora», als Mittel
und Weg zur Seligkeit dienten in einer Katabasis und Himmelfahrt. Wer diese
Riten unter Anleitung eines Meisters vollzogen hat, ist telumenos, Angehöriger
dieser Sekte — über seine Weihe aber hat er zu schweigen. Wir kennen nur eine
Philosophenschule, welche die Verbindung von Geometrie und Astronomie als
Mittel der teleté verwendet hat und die als Geheimbund oder Sekte konstituiert
war: die Pytbagoreer. Diese Weihe aber ist eine rituelle Vorwegnahme des Eingehens in die Glückseligkeit nach dem Tode, ja sogar Voraussetzung und Gewähr
dieses zukünftigen Lebens.
.
Die Gewißheit eines seligen Jenseits, die durch den Vollzug der Weihe erworben wird, haben die Pythagoreer mit den Orphikern gemeinsam. Daher sind
einige Formen des Rituals fast identisch. Aber die Mittel dieser Erfahrung, die
Das Phrontisterion der aristophanischen «Wolken» wird im Stück selbst mit der
Höhle des Trophonios verglichen, in die der Initiand hinabzusteigen hat. Auch
dieser Zug der pythagoreischen Weihe ist schon früh bezeugt, wenn er auch vielfach verkannt wird. Schon beim Historiker Herodot wird nämlich unmißverständlich darauf angespielt (IV, 95):
«Wie ich von Griechen aus dem Hellespont erfahre, soll Salmoxis als Mensch in
Samos Sklave gewesen sein, und zwar habe er im Dienst des Pythagoras, des Sohnes des Mnesarchos, gestanden. Als er später frei geworden sei, habe er großen
Besitz erworben und sei in sein Land zurückgekehrt. Da nun die Thraker ein
elendes Leben führten und ziemlich beschränkt waren, dieser Salmoxis aber die
Lebensweise und die besseren Gewohnheiten (Gebräuche) Joniens kannte, da er
ja mit Griechen gelebt habe und dazu noch mit dem keineswegs unbedeutendsten
Weisheitslehrer, dem Pythagoras, habe er eine Versammlungsstätte für die Männer
gegründet, dorthin die Ersten seiner Mitbürger eingeladen, und wohl bewirtet
und sie darüber belehrt, daß weder er selbst noch seine Gäste noch deren Kinder
sterben werden, Sondern an den Ort gelangen werden, wo sie weiterlebend alles
Gute haben sollten. Zu der Zeit, da er das Erzählte unternahm, errichtete er auch
eine unterirdische Behausung. Als er sie fertiggestellt hatte, verschwand er vor
den Thrakern, stieg in das unterirdische Gemach und verbrachte dort drei Jahre.
Sie aber vermißten ihn und betrauerten ihn als einen Toten. Im vierten Jahr aber
erschien er den Thrakern wieder, und so glaubten sie dem, was er sie gelehrt hatte.
Dies soll er getan haben.
Ich persönlich glaube nicht so recht an diese Geschichte mit dem unterirdischen
Haus, ich meine aber, daß Salmoxis viele Jahre vor Pythagoras gelebt hat.»
Es geht daraus klar hervor, daß für den aufgeklárten lonier der Mitte des
5. Jahrhunderts Pythagoras und seine Schüler in einem unterirdischen Kultraum
eine Initiation vollzogen, die ihnen die persönliche Unsterblichkeit garantierte:
Die Salmoxisgeschichte ist nicht «auf Pythagoras übertragen», wie häufig gesag:
wird, vielmehr setzt die herodoteische Fassung voraus, daß im Ionien des 5. Jahr
hunderts der pythagoreische Katabasisritus und sein Lokal, die Kulthöhle, hin:
länglich bekannt waren. So ist die Salmoxiserzählung ein kostbares Zeugnis -
nicht für historische Beziehung des Salmoxis zu Pythagoras; darin hat Herodo
matisch», oder enthalten zumindest den Ansatz zur späteren Wissenschaft der
mit seiner Kritik recht -, wohl aber für das pythagoreische Hohlenritual! Dem
diese und einige ähnliche Erzählungen sind nur vor dem Hintergrunde solche:
pythagoreischer Praxis möglich. Selbst Sophokles spielt auf derartige Praktiken an.
Pythagoreer.
ohne freilich Pythagoras zu nennen, wenn er in der «Elektra» tadelnd sagt (62f.):
«eikones», welche zu diesem Ziel führen, sind exklusiv «wissenschaftlich», «mathe-
12 Siche dazu cin Beispiel unten S. 44.
'> Apologie 19 c; dazu 23 d: tà xarû xdvray tiv pidocopovviwy apóyeipa tata Aéyovow Gt «rà
neréwpa xal tà Und yijc» xal sPeods pi) voultewe, xui «ròv fjrrw Idyov xpelttw noteivo, «Sie
sagen das, was man gegen alle Philosophen zur Hand hat, das edie oberen Dinge und die Dinge unter
der Erde», und «nicht an die Götter glauben» und «die geringere Rede zur stärkeren machen».
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«Schon oft habe ich Weise gesehen,
die scheinbar starben, dann aber,
wenn sie wieder heimkamen, nur um so
größere Ehren genossen.»
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View in PDF(opens in a new window)- Hier wie bei Herodot wird die Riickkehr aus dem Initiationsraum, die Heimkehr von der rituellen Jenseitsreise, welche den Anspruch auf die Unsterblichkeit
gibt, als übler Priestertrug hingestellt.
“ In der mittleren Komödie wird die Katabasis der Pythagorasschüler ganz unzweideutig genannt und verhöhnt. Die Pythagoristen dieser Zeit sind jetzt allerdings arme Schlucker, die ungewaschen und barfuß herumlaufen und mit denen
man sich nicht sehr gern abgibt. Ich greife nur ein Beispiel heraus, Aristophon
frg. 12 (III, 362):
A: «Er sagte, er sei in die Unterwelt hinabgestiegen, habe dort gelebt und alle
gesehen, daß aber die Pythagoristen unter allen Schatten sich auszeichneten, denn
nur mit diesen speise Pluton zusammen, wie er sagte, ihrer Frömmigkeit wegen.»
B: «Das ist wirklich ein traktabler Gott, wennes ihm gefällt, mit diesen schmutzstarrenden Leuten zu verkehren.»
TC
Zur Aufnahme unter die Pythagoreer gehört also die rituelle Seelenreise; dieser
Ritus aber ist zugleich eine Gewähr für das persönliche Fortleben im Jenseits und
für die Sonderbehandlung aller Pythagoristen: Sie sind Gäste am Tische Plutons,
und nur sie genießen diesen Vorzug!
Aus den wenigen hier vorgelegten frühen Zeugnissen geht mit Sicherheit hervor, daß die Pythagoreer den Ritus der Jenseitsreise kannten und übten, auch
wenn wir davon nur von außenstehenden, meist ablehnenden Kreisen hören. Mit
Platon und den späteren Gewährsleuten ändert sich das schlagartig. Diese neue
Quellenlage aber hat fast noch größere Gefahren als die negativen Berichte der
Früheren. Es ist außerordentlich schwierig, manchmal unmöglich, Pythagoreisches von Platonischem zu scheiden. Die deutsche Philologie steht auch heute
noch, im Gegensatz zur englischen und italienischen Forschung, auf dem Standpunkt, daß, grob gesprochen, alles, was wir von den Pythagoreern wissen, Erfinsterblichkeit. Auf dieser Reise schaute er die Kleinheit der irdischen Welt, die er
zurückließ — vermutlich auf dem Fußboden als geographische Karte dargestellt": -,
und die Größe des Weltalls, welches an der Decke der Höhle oder des Kuppelraumes durch «eikones» oder «paradeigmata» dargestellt war; gleichzeitig erklang
ihm die Weltharmonie als Zusammenspiel der konsonanten Saiten, die Fügung
der Welt in ihren drei Bereichen, der sublunaren Welt, der Planeten, des Fixsternhimmels, die durch die Intervalle der Quarte, Quinte und Oktave zur «Harmonia», d. h. zur «Fiigung», verbunden waren. Mathematisch wurde die Verbindung
der drei Bereiche durch den Helikon dargestellt, der auch die einfachste Darlegung
der Grundverhältnisse 4:3, 3:2, 2:1 und des Ganztones 9:8 im Quadrat mit der
Seitenzahl 12 erlaubte!. Die drei konsonanzbildenden Verhältnisse wurden
schon von vorplatonischen Pythagoreern durch die drei Moiren symbolisiert - sie
finden sich nahezu auf allen Tonscheiben aus Unteritalien - häufig nur durch drei
Spindeln bezeichnet. Diese vier Verhältnisse waren die «stoicheia» oder elementa
des Weltbaus oder die Wurzeln der Natur - die Tetraktys (Vierergruppe). Im:
sehr spät überlieferten, aber sicher ganz alten Pythagoreereid ist diese Erkenntnis
auf knappeste Formel gebracht (Diels 58, B15):
où pà toy austéog xepaÂg napadövra tetpaxtir, xayür devdov púcew; Hllwud
t'Eyovoar. «Nicht bei dem, der uns die Tetraktys übergeben hat, welche die Quelle
der ewigflieBenden Natur ist und ihre Wurzel enthält (verrate ich etwas).»
Da diese Konsonanz mit der Seele empfunden wird und gleichzeitig rational
erfaBbar ist, wurde die Seele selbst als aus diesen Zahlen bestehend, als Harmonia,
verstanden, denn Gleiches ist nur mit Gleichem zu erkennen'”. Die Tetraktys war
für den Pythagoreer also der Schlüssel zum Kosmos. Die Reproduktion dieser
idealen Zahlenverháltnisse im Spiel der Leier bedeutete für ihn deshalb Erlebnis
illustrierende Parallelen aus der späteren Überlieferung.
und Erkenntnis des Weltgesetzes, aber gleichzeitig Rückkehr in den Kosmos,
Rückkehr zu den Sternen als dem Ausgangspunkt der Seelen bei ihrer Somatosis —
ihrer Verkörperung: Quod docti homines nervis imitati et cantibus aperuerunt
sibi reditum in hunc locum - «weise Männer ahmten diese Weltharmonie im Saitenspiel und Gesang nach und öffneten sich (so) die Rückkehr an diesen Ort.»'®
Wieweit diese Reise durch das Jenseits im Ritus für den Einzelnen ein «Fliegen»
war, kann man natürlich nicht sagen - die komische Darstellung in den «Wolken»
Was gebört nun zu diesem Ritual? Der Initiand hatte eine Katabasis, einen Abstieg
n die Höhle zu bestehen, die gleichzeitig eine Himmelfahrt war. Sie bot ihm die
15 Aristophanes, Wolken VV 206ff.; das Motiv der «Schau von der Höhe auf dic kleine Erde» im «Somnium Scipionis» und in anderer eschatologischer Literatur.
dung Platons und der Akademie sei, und zwar in offenem Widerspruch zur ausdrücklichen Tradition".
Diese schwierigen Fragen lassen sich nicht in einem Vortrag erörtern und schon
gar nicht lösen. Ich beschränke mich daher auf Hinweise und Motive, die sicher
in die Zeit vor Platon führen, und nur zu diesen Zügen stelle ich gelegentlich
Sewähr für die Befreiung aus dem Rad der Geburten, für die persönliche Un-
16 Vgl. den in Anm, 5 zitierten Aufsatz.
im alten Grieckenland (Bern 1963) 180.
17 Hermann Koller, Musik und Dichtung
18 Cicero, Somnium Scipionis, RP 6, 18, vgl. auch Schol. ad Acn. VI 119: «Dicunt tamen quidam liram
e 2. B. W. Burkert, Weisbeit
und Wissenschaft (Erlangen 1962) 10: «Es wird sich zeigen, daß es vor allem
Orphei cum septem chordis fuisse, et caclum habet septem zonas, inde theologia assignatur. Varro
autem dicit librum Orphei de vocanda anima liram nominari, ef negantur animae sine cithara fosse
adscendere; zitiert nach Leonardo Ferrero, Storia del pitagorismo nel srondo Romano (Torino 1955) 332,
veröff. in J. J. Savage, Trans. Amer. philol. Ass. (1925) 229; vgl. A. Nock, Tbe fyra of Orpheus, Clas.
cine Uminterpretation pythagoreischer Lehren in der alten Akademic, bei Platon und seinen unmittelbaren Schülern war, die das Bild vom Pythagorcismus und den Ruhm des Pythagoras für die Folgezcit
mer ba damit den Blick auf die geschichtliche Wirklichkeit, wie es cigentlich gewesen war.
verstelit
4
hat.s
Rev. (1927) 169f.
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View in PDF(opens in a new window)ißt an mechanische Hilfe denken -, jedenfalls ist das Motiv des Seelenfluges in
én «Wolken», im Theaitetexkurs, im Dialog «Phaidros», in der Archytasgechichte bei Horaz, in der Seelenfahrt des Empedotimos, im «Somnium Scipiois», bei Ovid, Plutarch als durchgängig gemeinsamer Zug festzustellen, der auf
chamanistische Erlebnisse mindestens in der frühesten Phase der pythagoreischen
nitiation schließen läßt. Wir verstehen jetzt die bildlich überlieferte Apotheose
ler Tonscheibe von Brindisi als die vorbildhafte Reise, die jeder Initiand durch
uführen hat. Dann sind aber die Gegenstände der unteren Bildhälfte die Symbole der irdichen Initiation, der als Weiberitus vollzogenen Jenseitsreise. Das Ritual der Jenseitsreise
ls «ergon», als Vollzug hier auf Erden verschmilzt mit der mythischen Apotheose
ler Semele in einen Vorgang, die heilige Handlung wiederholt den mythischen
Vorgang und wird mit ihm identisch.
Die Darstellungen des Kosmos an der Decke der Höhle, die «poikilmata»?,
iberhaupt die sinnliche Veranschaulichung, sollte zur Schau der göttlichen Weltordnung führen. Sie waren «theoremata», Gegenstände der «Teleté» oder «theo‘ian, oder amathemata», «Lerngegenstinde», denn Lernen ist ja nichts anderes als
sich wiedererinnern an das frühere Leben der Seele, da sie noch in der reinen
Äthersphäre lebte. Beide Begriffe, «theorema» und «mathema» in der auf arithmetisch-geometrisch-astronomische Erkenntnis eingeengten Bedeutung, sind
Prägungen der pythagoreischen Initiation. Die Kritik, welche Platon an der Art
der pythagoreischen Bildlichkeit äußert, ist sehr aufschlußreich. Es ist im Grunde
derselbe Einwand, den die Bilderstürmer zu allen Zeiten gegen das symbolhafte
Denken erhoben haben. .
Die Schau des Himmels, die «theoria», oder, wie es dann lateinisch heißt, die
«contemplatio», ist vorerst jedenfalls und für lange Zeit nicht naturwissenschaftliche Betrachtung am Himmel dieser Welt, sondern Ritual in der Initiationshöhle
oder unter der Kuppel. Daraus resultiert eine eigentümliche Verdoppelung; in paradigmatischer, vorbildlicher
Form sind die Dinge dieser Welt im Kultraum vorgezeichnet, während diesogenannte Wirklichkeit nurals ihr Abbild erscheint. Wirklich
ist für das magische Denken, was es bewirken kann, was in seiner Macht liegt2,
Kehren wir nochmals zum Diskus von Brindisi zurück. Jetzt sind uns die Symbole der untern Hälfte wenigstens in ihrer Funktion klar: es sind Hinweise auf die
Platon, Staat 529 a: “Lg pudv viv adrrr (sc. Tr dorporoulav) peragespitoviai oi el; prhcooglar
drdyovres auınv ndvv noir xdrw Blénew. B.. xai ef vis Ey doogfj nowliAuara Bewpevos ...
1 ysioda: Gy aùrdv vorjoe GAA’ cóx Gupact Hewpeir ..
529 d: Oùxcür ... 17) neoi tay cópardy noıxılla napadelyuaoı gonotéov ris nods Extiva paBrjoews
Evexa ...
* Das Héhengleichnis Platons im «Staat» und das des Aristoteles im «Protreptikos» setzen diese pythagoreische Kulthöhle voraus. In beiden wird aber die «wahre» Wirklichkeit der oberen Welt der Scheinwirklichkeit der Dinge in der Höhle polemisch entgegengestellt. Diese Kritik an der Mathesis der
pythagoreischen Initiation dürfte aber schon vorplatonisch sein, denn sie kommt schon im Corpus
Hippocraticum 17. d. È. p. 2, 1 f. K. zum Ausdruck.
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Abb. 2 (Photo Sopr. a. Antich. Taranto, neg. 5430 D). - Oberste Reihe v. 1. n. r.: schwebende Seele (>
zwei runde Scheiben, zwei Zirkel, X. — 2. Reihe: X, X, drei Spindeln (= Moiren), zwei Amphora
(= Diokuren), Leier (= Apollon), X, Zange (= Hephaistos), drei Kreise. - 3. Reihe: Schlüssel, Abacı:,
(Rechenbrett), Böcklein, Eule (= Athene), Schaf (?), Sonnenscheibe, Rad. - 4. Reihe: Hermesstab
Dreizack (= Poseidon), Blitzbündel (= Zeus), Stern, Doppelähre
(= Demeter), Leiter, X, große Spinde.
(= Taras, Heros von Tarent). - 5. Reihe: vierteilige Fackel (=Hckate), Schlange.
Abb. 2-6 sind rein symbolische Tonscheiben aus Tarent, ohne mythische Entsprechung. Viele sind abc:
gleichzeitig Symbole des Himmelfahrtsrituals und Göttersymbole. Die in zahlreichen Museen verstreuter
tarentinischen Scheiben sind noch nie gesamthaft untersucht worden; viele noch nicht gedeutete Zeichen
könnten wohl durch Vergleich erhellt werden. Eine wichtige Vorarbeit ist der Katalog von P. Wuilleu.
mier, R. A (1932) 26-64. - Alle Tonscheiben aus Tarent haben Durchmesser zwischen 10 und 30 cm.
Sie sind häufig mit einer Öse verschen und wurden wohl den Toten als «Seclenpaß» mitgegeben wie diorphisch-pythagoreischen laminae aureac. Sie sind ein Ausweis über die bestandene Einweihung durch
das Ritual der Jenseitsreise und geben Anspruch auf die Aufnahme in dic Himmelssphäre. Über di:
Fundorte ist allerdings wenig bekannt. Die meisten stammen aus einer Werkstatt, welche die Former
herstellte, daher sind zahlreiche Negative erhalten. Abb. 5 ist der moderne Abguß eines Negativs.
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View in PDF(opens in a new window)Abb. 4 (Photo Sopr. a. Antich. Taranto, neg. 5434 D, kl. @ ca. 25 cm). - Dieselben Symbole in einem
Lorbcerkranz. Unten rechts Traube (= Dionysos).
Abb. 3 (Photo Sopr. a. Antich. Taranto, neg. 5428 D, @ 25-30 cm). - Neu treten zu den schon genannten
Symbolen, wie Zirkel, Leiter u. a., am linken Bildrand Eidechse (>), in der untersten waagrechten Reihe
apotropäische Hand, Doppelhand, dem ägyptischen Ka entsprechend, hier wohl Darstellung der
Heiligen Zchnzah!.
4 Symbolon 7
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View in PDF(opens in a new window)Abb. $ (Photo Sopr. a. Antich. Taranto, neg. 2128 D). - Zentralsymmetrische Anordnung der Symbole,
Oben Mitte Keule (=Herakles); links oben Taube, Maus (?); zahlreiche kreisförmige Figuren, die nicht
Abb. 6 (Photo Sopr. a. Antich. Taranto, neg. 5440 Cal. D). - Oberste Reihe v. 1. n.r.: Mondsichel
gedeutet sind.
schwebende Seele als Vogel (7), Zange, Amphorc, drei Spindeln, Amphorc, Sonnenrad. - Horizontale
Durchmesser: große Spindel (== Taras), Keule, Dreizack, X, Hermesstab, rechts darüber Eule, Zentrum
Zeusblitz, vierteilige Fackel, Beil (?). - 3. Reihe: drei Kreise oder Kugeln, Schlange (7), Leicr, 8, Taube
4. Reihe: Abacus, linke Hand, kriechendes Ticr.
Page 11
View in PDF(opens in a new window)fittel der rituellen Jenseitsreise: Leiter®, Opferkuchen, Fackel, Schlüssel, Schlange
‚der Eidechse?), Dreizack usw., wie uns ein Blick auf die zahlreichen andern
‘onschciben, diesmal aus Tarent (Abb. 2-6) lehrt?*, Diese Bilder erzählen nicht
ınen mythischen Vorgang, oder allenfalls nur andeutend; die Scheiben sind
ifuppierungen von Symbolen, die noch nicht alle deutbar sind, mindestens soınge nicht alle vorhandenen Tonscheiben verglichen werden können, die sich
:doch jetzt schon zum größeren Teil gegenseitig erhellen. Wenn wir sie mit
soyancé zur Deutung der literarischen Belege der Jenseitsreise heranziehen, bieten
ic der volkstümlichen pythagoreischen Praxis Unteritaliens zugehörigen Zeugisse in der Tat einen neuen Einblick in die rituellen Voraussetzungen der literaisch überlieferten Jenseitsreisen, denn die Jenseitsreise war ursprünglich der
Weg» des pythagoreischen Ritus, bevor er dichterisch geformter Mythos wurde.”
Fine siebenstufige oder sicbengeschossige Leiter ist auch im Mithrasmysterium Mittel der Initiation,
vgl. Origenes contra Celsum, VI, 22: xai 6 Heoodv Adyos, xai 1) tod Midoov reiern ... xui vis di
adr» Ts pouyns dietddov. Tordvde tò adußoror xApas dyinvios ...). Im Mithracum von Ostia
(Vermascren 299) ist der Fußboden vom Eingang bis zur Frontwand in cine siebenstufige Leiter cingeteilt, wobei jeder Stufe cin Initiationsgrad durch Symbol beigeschricben ist. Gemeinsamkeiten der
suditalischen Tonscheiben mit den kaiserzeitlichen Darstellungen der Mithrasgrotte:
Büste von
Helios, Selene, Tierkreisumrahmung, gestirnter Himmel. Hinweise auf Mithraismus fehlen jedoch
auf den Scheiben. Gemeinsam sind also lediglich die Symbole für die kosmische Himmelfahrt. Das
mithraische Stieropfer ist bei den Tonscheiben nicht festzustellen. Zu diesem Ritual vgl. Reinhard
Merkelbach, Die Kosmogonie der Mitbrasmysterien, Eranos-Jahrbuch 34 (1965, Zürich 1967) 219-257.
: Vgl. die Legende zu Abb. 2-6.
+ Zum Kuppelraum als Ort der Herrscher-Apothcose vgl. Hermann Koller Der Thron Kbosraws II., in
ZAK 27 (1970) S. 93-100.
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