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gen — Blick auf die Stadt und Blick auf die Schiffe — zum Grundbestand
aller Troika gehört haben. Sie wurden bis zu dem von Roland Hampe für
den Inselverlag übersetzten Prosaepos des neugriechischen Dichters Ilias
Venesis über Jahrtausende hin das Pathos »Äolischer Erde«.
Tübingen
FRIEDRICH FOCKE
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PARMENIDES UND DIE PYTHAGOREER
Die Art und Weise, wie die Philosophen und Philologen den besterhaltenen
Autor der vorsokratischen Philosophie, Parmenides, seit dem 4. vorchristlichen
Jahrhundert bis heute zu deuten pflegen, kann den Freund der Griechen und
der altgriechischen Philosophie weitgehend nur mit Kummer erfiillen und
kénnte ihn mit gutem Grunde in die Arme der historischen Skepsis treiben. Die
allermodernsten von philosophischer wie philologischer Seite gegebenen Deutungen mögen häufig noch die zusätzliche Wirkung erzeugen, den Leser zomig
oder zum Spötter zu machen. Da wird sich der Philosophiehistoriker fragen,
warum seit der zweifellosen Belehrung, die er (1916) von KARL REINHARDT
empfangen hat, so wenig gesicherter Fortschritt und so viel Vorschläge von
Absurditäten Platz gegriffen haben. Mir will scheinen, daß ein gut Teil Schuld
daran das Vorurteil hat, das dem sogenannten archaischen Zeitalter der
griechischen Philosophie eine andere »Denkstrukture zuschreibt als dem
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View in PDF(opens in a new window)fallt trotz Hera, Athene und Poseidon — ist es dann, die Achill in seinem
verhangnisvollen Groll bestärkt; der Held gab sich ganz der versprochenen
Wiederherstellung seiner Ehre als áptoros hin, und das brachte Leid für die
Achäer (vgl. Agamemnon 118, Achill 608, Odysseus 678). Für Agamemnon
aber bedeutete es nach dem Scheitern der Presbeia eine volle Wiederherstellung
seines heerköniglichen Ranges, daß Diomedes, der Held des E und des ©, ihm
für den kommenden Morgen die Ehre des Vorkämpfens antrug (708f.).
Diesen wahrhaft thematischen Zusammenhängen gegenüber scheint mir
die Problematik der Niederschriften untergeordnet zu sein. Und wenn es zutreffen sollte, daß die Diomedesworte I 48f. (mögen auch alle Achäer fliehen
— ich
und
Sthenelos werden
kämpfen,
bis
Troia vom Schicksal
ereilt
ist) an dieser Stelle ursprünglich sind (s. o. S. 279 Anm. 2), dann bezeugen
sie denselben pathetisch-rhetorischen Überschwang wie Achills Drohung, er
werde anderntags heimfahren (357), denselben aber auch, der in Agamemnons
VEUYWUEV adv vyvol piànv Es nateida yaiay, nie werden wir Troia erobern
(27) zum Ausdruck kam. Und ich möchte glauben, daß dergleichen Vorstellungen — Blick auf die Stadt und Blick auf die Schiffe — zum Grundbestand
aller Troika gehört haben. Sie wurden bis zu dem von Roland Hampe für
den Inselverlag übersetzten Prosaepos des neugriechischen Dichters Ilias
Venesis über Jahrtausende hin das Pathos »Äolischer Erde«.
Tübingen
FRIEDRICH FOCKE
PARMENIDES UND DIE PYTHAGOREER
Die Art und Weise, wie die Philosophen und Philologen den besterhaltenen
Autor der vorsokratischen Philosophie, Parmenides, seit dem 4. vorchristlichen
Jahrhundert bis heute zu deuten pflegen, kann den Freund der Griechen und
der altgriechischen Philosophie weitgehend nur mit Kummer erfüllen und
könnte ihn mit gutem Grunde in die Arme der historischen Skepsis treiben. Die
allermodernsten von philosophischer wie philologischer Seite gegebenen Deutungen mögen häufig noch die zusätzliche Wirkung erzeugen, den Leser zornig
oder zum Spötter zu machen. Da wird sich der Philosophiehistoriker fragen,
warum seit der zweifellosen Belehrung, die er (1916) von KARL REINHARDT
empfangen hat, so wenig gesicherter Fortschritt und so viel Vorschläge von
Absurditäten Platz gegriffen haben. Mir will scheinen, daß ein gut Teil Schuld
daran das Vorurteil hat, das dem sogenannten archaischen Zeitalter der
griechischen Philosophie eine andere »Denkstruktur« zuschreibt als dem
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View in PDF(opens in a new window)KrAus REICH
Menschen der Gegenwart. Mit einer solchen Voraussetzung reimen sich logische
Paradoxien als Inhalt der archaischen Denkprodukte nur allzu notwendig zusammen, und man muB dann ja auf alles gefaBt sein. Die philosophische oder
menschliche Würdigung kann alsdann kaum in etwas anderem bestehen als in
einem Sicheinfühlen, wie man es auch Geisteskranken gegenüber versuchen
kann, mit letzten Produkten Hölderlins etwa oder Nietzsches. DaB man sich
damit begnügen mag, hängt meines Erachtens mit der weitgetriebenen Selbstangleichung der Philosophen an die Literarhistoriker seit etwa 100 Jahren zusammen. Ich glaube, daß man damit die Philosophiegeschichte uninteressant
fiir die Geschichte der exakten Wissenschaft macht, womit ihr in meinen Augen
etwas geraubt wird, was ihre höchste Ehre ausmachen sollte.
Gewiß ist von vornherein anzunehmen, daß das Lehrgedicht des Parmenides
Aussagen enthält, die wir heute mit gutem Gewissen nicht machen können.
Billigen wir aber Parmenides gleichzeitig zu, daB sein Werk der Niederschlag
ehrlicher Denkbemiihung und ernsten Erkenntnisstrebens ist — und es gibt
keinen Anlaß her, das nicht anzunehmen — so ist damit die Notwendigkeit
gesetzt, es (womöglich) historisch zu erklären. Die historische Erfahrung zeigt
nun als Ausgangspunkt philosophischer Überlegungen häufig genug den Widerspruch gegen Vorgänger. Wieviele Neubildungen gedanklicher Art sind nicht
von einer Kritik an anderen her geschaffen. Für das frühe 5. Jahrhundert jedenfalls ist eine solche Unterstellung kein fernliegender Gedanke. Heraklit z. B. ist
sehr freigiebig in der Nennung von Gegnern, denen er widerspricht; auBer
Dichtern nennt er als solche Pythagoras, Xenophanes und Hekataios von
Milet. Parmenides nennt keine Namen, aber er weist vielfältig auf Irrwege hin,
vor denen zu warnen er für notwendig hält. Es gibt zwei falsche Wege bei der
Absicht des Vortrages der Aletheia, aber auch im Falle der Doxa-Lehre sind
nerhavnuévot zu konstatieren (8, 54). Es scheint angesichts der Schwierigkeit
des Textes und der Erfahrung der Wichtigkeit des Widerspruchs gegen Vorgänger für die Entstehung von philosophischen Ideen notwendig zu versuchen,
die damit von Parmenides gemeinten Gegner zu bestimmen.
Bekannt ist BERNAYS’ Versuch (1850), als Hauptgegner, dem Parmenides
widerspricht, Heraklit nachzuweisen; Diets (1897) hatte sich ihm angeschlossen. Es gelang nicht, ZELLER zu überzeugen, und heute ist der Versuch allgemein aufgegeben. Aber zugleich damit ist auch der Versuch aufgegeben
worden, in dem Urheber der Gedanken, die BERNAYS und Drets fälschlich
Heraklit zugeschrieben hatten, einen anderen Denker zu erkennen. Vielmehr ist
seit langem die communis opinio, es handele sich dabei gar nicht um einen
solchen; Träger der Gedanken sei kein Philosoph, sondern die gewohnlichen
Menschen. An ihrem Denken iibe Parmenides, der Philosoph, Kritik. Hier
möchte ich nun BERNAYS und DIELS in Schutz nehmen, nicht materiell, aber
formell. Mir scheint nicht leicht bestreitbar, daB es sich bei dem zweiten falschen
Weg der Forschung (6, 4 bis 7, 5) um eine ganz spezielle Polemik gegen eine
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View in PDF(opens in a new window)spezifische Denkrichtung handelt, die den Menschen überhaupt zuzuschreiben
sehr bedenklich wäre. Die Menschen überhaupt mögen einen nAayxtòs vóos
haben, und es möge in ihrer aller Brust Ratlosigkeit (unyavia) herrschen. Aber
ist es richtig, von allen Menschen zu sagen, daB gerade die Ratlosigkeit ihren
schwankenden Sinn begradigt, rektifiziert (t0dver)? Mag aber auch dies nur ein
paradoxer Ausdruck sein und ebenso daB sie alle taub zugleich und blind, betäubt und urteilslos sind — bei of¢ TO mélei te nai ox sivas tadtoy vevduuozat | xoù Taùróv, ndvrwv Ôë nadlvtoonds éott xélevdos hört meines Erachtens die Verständlichkeit des Ausdrucks in Anwendung auf valle Menschen auf.
Man mag versuchen, eine Deutung, die auch diese Wendung in dieser Weise
verständlich macht, zu finden — ich fürchte, sie wird künstlich sein müssen,
und zwar künstlich in dem Sinne, daß es nicht leicht sein wird zu verstehen, wie
ein beliebiger Hörer oder Leser des Gedichtes im Griechenland des 5. Jahrhunderts das ohne Erläuterung hätte verstehen können. Dasselbe gilt meines
Erachtens für den Titel »Doppelköpfe« (öbeoavoı 6, 5). Für diese hat BERGK die
Doppelköpfe des Kratinos (xoavia Ôloo” dpooäv Fr. 153 K) zum Vergleich herangezogen. DIELS bemerkt dazu: »Wenn der Komiker nach dem Muster des
Argos Panoptes seine sophistischen Panopten, die das ganze Weltall begucken,
mit Janusköpfen und unzähligen Augen versieht, so denkt er nicht an ihre
zwiespältige Dialektik.« Das ist gewiß richtig, aber auch Parmenides wird mit
dem Worte digavor nicht dergleichen haben bezeichnen wollen. Sicher aber ist
— und das scheint mir wichtig —, daß (auch) Kratinos sein Scheltwort nicht
auf die Menschen überhaupt angewandt hat, sondern auf besondere Weisheitslehrer. Bei Parmenides scheint der Titel 6éxoavor seine Aufklärung durch den
Satz ois TO néleuv TE val oùx elvar TABTOY verousorau | #08 TadTOv, navrwv OF
naÂtvroonós Eotı #E)evdog erhalten zu sollen. Auf welche besonderen und von
Heraklit verschiedenen Weisheitslehrer aber kann diese Wendung zielen? Das
scheint eine Crux.
Man wird sagen, es kann ja etwas Aufklärendes gefolgt sein. Nun gibt es eine
zitatengeschmückte Erläuterung des Simplicius (Physik p. 78, 2 D), die Fragment 6 und 7 verknüpft. Sie verbindet inhaltlich Parmenides’ Tadel einer
Denkrichtung, die mit den Worten ‘oic TO n&Asıv te xai 00x elvan TadToV vevomoto xai où vaûrdv° gemeint sei, mit der Abweisung eines Weges, der als
ein Weg, der t6 un} 6v sucht, von Simplicius charakterisiert wird, mittels der
Worte ‘aid od tijod dp’ 6008 ÖLújoros eloye vénua.’ Das scheint nahezuliegen,
daß mit rc 6008 Tic vò wij dv Enrobons nichts anderes als der Vers où pag
unnote voöro auf): elvau un édvta (7,1) interpretiert werden soll, so daf
dieser sich an den Tadel der Doppelköpfe (6, 4 bis 6, 9) anschließen müßte,
wonach dann offensichtlich erst mit 441à o% (7, 2) die abweisende Warnung begönne. Der schon von Platon, aber in ganz anderer Textgestalt zitierte Vers 7, I,
den wir 06 yao umrote Toöro dau sivas wi) Edyta lesen, ist das einzige, was von
uns noch zur Erläuterung der von Parmenides bekämpften zweiten falschen
Hermes 82
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View in PDF(opens in a new window)KıAvs REICH
Richtung benutzt werden könnte. Freilich scheinen wir mit einer solchen
Hoffnung zunächst nur gründlich in die Irre zu gehen. Denn so wie DIELS diesen
Vers auffaßt, ist er nicht mehr eine Erläuterung eines hier ins Auge gefaßten
— von Parmenides als falsch angesehenen — Weges, sondern die Widerlegung
eines solchen. DIELS übersetzt: »Denn unmöglich kann das Vorhandensein von
Nichtseiendem zwingend erwiesen werden« (KRANZ in den neuen Auflagen:
„Denn es ist unmöglich, daß dies zwingend erwiesen wird, es sei Nichtseiendes«).
HERMANN FRÄNKEL! macht mit Recht hinter »zwingend erwiesen« ein Fragezeichen. Denn eine solche Bedeutung von dauaßeı ist nirgends belegt. Es kann
nach dem sonstigen Vorkommen zu urteilen nur die Bedeutung »bezwingen«
haben?. Drers und wer sonst immer ist mit der erzwungenen Bedeutung »erzwingen« nur der Auffassung Platons gefolgt, der in dem Vers eine Behauptung
des Parmenides selbst gesehen hat, aber, und das ist das Bedenkliche, Platon
zitierte nicht nur aus dem Gedächtnis, sondern hatte wohl auch eine ganz
andere Lesart vor sich liegen gehabt. od yao unnore Toöt’ oödaun eva un
£övra, lesen jedenfalls die Platonhandschriften. Dem so gefaBten und aus dem
Zusammenhang herausgerissenen Satz kann man allerdings nichts über seine
Funktion in seinem Zusammenhange ansehen. Jedoch, wie gesagt, der Vers 7, 2
selbst mit seinem dÂÂdà oú-Anfang nötigt, mit ihm selbst erst die Abweisung von
einem Wege beginnen zu lassen, woraus sich ergibt, daß der vorhergehende
Vers 7, I où yao uúnote Toöro Öaum‘ eivar um édvta noch zur einfachen
Charakterisierung eines Weges gehört. Er ist dann nicht kritische Rede des
Parmenides, sondern begründende Rede der Vertreter des Weges: »denn niemals dürfte dies bezwungen werden: eivaı un Eövra «: so sagen diese. Es ist
also doch eine sinnvolle Frage, ob dieser Satz eine Funktion hat — yao! —, die
unserem Verständnis der Verse 6, 8/9 ois TO néleur TE xal oùx elvar Tadrov
verduuoraı| od tabtov, ndyrwv Òë naÂtvroornós Eotı néÂevdoc und des Ausdrucks dixeavor mit auf die Beine helfen könnte. DIELS rechnete damit, daß
7,ı unmittelbar an 6, 9 anschlösse. Die wichtigste Folge dieses Ansatzes ist
meines Erachtens, daß die 6 Verse von 6, 4 bis 7, 1 alsdann von Parmenides als
für das Publikum, an das er mit seinem Gedicht gedacht hat, ohne weiteres verständlich angesehen worden sind. Die Form spricht dafür, daß es das große
Publikum der Gebildeten überhaupt gewesen ist; die Sprache ist die der
homerischen Hymnen und verwandter Poesie.
Es liegt nahe, daran zu denken, daß diese 6 Verse, wenn sie ohne Zusatz
diesem Publikum verständlich sein sollten, dies nur als Verse, die in einer
literarischen, speziell poetischen Tradition stehen, leisten konnten. Welche
Wendung in diesen Versen hätte dem Hörer einen durch die Poesie vertrauten
1 Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums, New York 1951, S. 457, Anm.1o.
? Hierauf hat It. Dies JACKSON, Journ. of Philol. 21, 174 gepocht. Daß dies unabdinglich sei, hat mir mündlich JOHANNES LOHMANN, Freiburg, als seine Überzeugung mitgeteilt.
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View in PDF(opens in a new window)Gedanken suggerieren können? Ich denke, es bietet sich wesentlich und vielleicht einzig der Ausdruck an: navrov Òë nadivtoonds éotuxédevdoc. Stellen wir
ihn in den Zusammenhang der poetischen Überlieferung! Bleiben wir nicht bei
ihm selber, sondern bedenken wir, daß diese Wendung der Ausdruck von etwas
als irrig Abgewiesenem ist! I/avrov Òë nahivtoonds Eortı xélevdos — das Gegenteil wäre: Von etwas gibt es sicher keinen Rückweg. Welchem humanistisch
Gebildeten von heute fiele, so zurechtgewiesen, nicht der arme verblichene
Spatz von Catulls Lesbia ein, qui nunc it per iter tenebricosum illuc, unde
|
negant redire quemquam.
Und welchem gebildeten Griechen des frühen 5. Jahrhunderts wären da
nicht Anakreons Verse (fr. 44, 3—6 D) eingefallen:
viunepot Ootxétt noAAös Bidtov yodvos Aéhewntau. | dia vaöT avactaddtto |
Daud Tdgtagor Òedous. | Aidew yde Eorı Òewos uvxos, doyahén d'èc adror|
Karodos' xai yap étoipoy xaraßavrı un dvopijvar.
Wer aber sind die, die auch hier mit einem Riickweg rechneten? Es sind
die Pythagoreer.
Damit aber sind die Vertreter des zweiten falschen Weges bestimmt. Die
Pythagoreer sind es, die verkiinden, daB es von allem einen Riickweg gabe —
zuwider dem, was sonst eine abgemachte Sache (éroïuov) ist. Sie sagen zur
Begründung: Denn das dürfte nicht bezwungen werden, elvaı un Eövra:
»daß einer, wenn er nicht (mehr) sei, doch (noch) sei«; daß ein Toter lebe; er
kehre nämlich wieder, wie wir nach Xenophanes’ Spottgedicht auf Pythagoras
(Fragment 7 Diets) ergänzen dürfen. Und sofern gilt ihnen Sein, nämlich
Leben, und Nichtsein, nämlich Gestorbensein, als gleich: Der Tote kehrt wieder.
Aber auch nicht als gleich: Er lebt ja nur als ein anderer weiter, sei es als ein
anderer Mensch (etwa als Pythagoras statt Euphorbos) oder sei es auch als ein
anderes Lebewesen, vielleicht, wie Xenophanes spottete, wenn man ein Jünger
(pios) des Pythagoras gewesen ist, als ein elender Hund! Sind, die solches
lehren und glauben, nicht Doppelköpfe? Denn haben sie nicht, indem sie das,
wogegen die Menschen ratlos sind, zum Angelpunkt machten, eine Sehweise
walten lassen, die für die Menschen und ihr Leben das Vorbei dem Weiter
gleichwertig macht? Und ist das nicht eine Fiktion, ein Roman: nÂdtrovrar
(6, 5, vgl. Xenophanes B 1, 22: wAdopara)! Doch du halte von diesem Weg dein
Denken fern! Aber das Pythagoreertum birgt für dich eine noch andere Gefahr.
Nicht nur als Dogma existiert es, sondern auch als lebendige Praxis (7, 3):
LaB auch nicht vielfältige Gewohnheit Dich dazu zwingen, im Sinne dieses
(falschen) Weges voudv doxonov Supa xal hyjecoar dxovijv xai yA@ooay, xoivar
6é Ady ... (7, 4/5). Man mag die hier genannten gebräuchlichen Mittel der
pythagoreischen Praxis nicht genau bestimmen können; daB es so etwas gegeben hat, ist außer Zweifel. Ich denke bei fyreooa äxovf an den Gebrauch
1 Diese Betrachtung bedarf gar keiner besonderen Spekulation über das Wesen der
Seele und keinerlei Begriffs von Persönlichkeit (Ich); sie bleibt ganz äuBerlich.
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View in PDF(opens in a new window)Kraus REICH
von Klängen als bedeutungsvollen Anzeichen im Sinne der Mantik!. Bei yAöooa
wird man an irgendwelche Sprachspielereien oder sprachlichen Unfug zu denken
haben?. Bei &äoxonov dupa an die Verwendung bloBer xolvuaÿin — was auch
Heraklit B 40 an Pythagoras tadelt — wohl zur Bestätigung des Dogmas. Sicher
steckt in alledem nichts von Kritik an »der« sinnlichen Wahrnehmung, was
man, abhängig von den Epikureern und Skeptikern, so oft darin hatsehen wollen.
So gesellt sich also Parmenides zu Xenophanes und Heraklit als Herold
des vjpwv Aoyıouds, den die ionische Philosophie, aber auch die dorische
Komödie gepriesen hat, gegenüber Pythagoras: /lvdaydoas zonidwv doynyós
(Heraklit B 81).
Stellt man die Frage nach dem Anlaß der Aufstellung und Abweisung des
ersten falschen Weges, so habe ich anderwärts die Antwort gegeben: Anaximander?.
Aus dem Gegensatz sowohl gegen Anaximander wie gegen das Pythagoreertum ist Parmenides’ Lehre zegi tod éóvroc oder der Aletheiateil seines Gedichts zu verstehen. Das Hauptstichwort ist Aten (xoe®v) und yoóvos. Bei
Anaximander ist die öfx«n da, weil ganz allgemein die Dinge selber sie einander
erteilen, indem alles, was ist, vergeht und anderes an seine Stelle tritt: Das
Nicht(mehr)sein der Dinge macht die dduxia wett. Dann — sagt Parmenides —
wäre Nichtsein in Ordnung. Woran als Grundsatz Parmenides Ansto8 nimmt.
Auch Pythagoras hatte wohl auf seine Weise an Anaximanders 6ixy-Lehre
AnstoB genommen. Aber seine neue Auskunft, »daB der Nicht(mehr)seiende
als ein anderer doch (weiter) sei«, die Palingenesielehre ist — sagt Parmenides
— ein Roman. Natürlich ist für den Menschen mit dem Tode alles Leben aus.
Jedoch, sagt Parmenides weiter, das geht to édy gar nichts an. to êóv ist ewig;
gleich- und einförmig; in sich selbst, d. h. nicht in etwas anderem liegend.
Aus diesen Eigenschaften, die ihm beigelegt werden, geht hervor, was etwa
to éóv ist. Es ist etwa die Welt, das, in dem die Dinge (ta dvdownıva und
ta uetéwoa) liegen. Von diesen letzteren nun gibt es nur eine ddéa, aber bei
Zugrundelegung der richtigen Prinzipien enthält diese öd&a ta éouxôta Toic
érôuoiow (Xenophanes B 35 und Parmenides B 8, 60)*. Die richtigen Prinzipien hängen von der Aletheia, der wahren Lehre von To édy ab. Da ro éd»
1 Darf an Aristoteles fr. 196R erinnert werden tov Ö’Ex yasxod xoovouévov yırdusvov
Hyov povijr elval Twos Tv Ôaruóvovr? Oder an Xenophanes’ Hund? (fr. 7).
2 Vielleicht an eine gewisse Art von odußoda?; vgl. Aristoteles fr. 196R!
® Vgl. VÉ, Anaximander und Parmenides, Marburger Winckelmannprogramm 1950/51.
4 Der zweite Teil schildert die »Ansichten« (im subjektiven und objektiven Sinn) der
Menschen, denen keine unbedingte Zuverlässigkeit innewohnt wie dem Wissen von 10 êóv
(x, 30 und 8, 50/51). Aber wenn der Vortrag dieser Ansichten trügerisch (dnatnAdg) genannt wird, so ist mit diesem Prädikat doch wohl etwas anderes bezeichnet, als wenn die
falschen Wege, die im Aletheia-Teil behandelt sind, navanevdeis genannt werden (2, 6),
explicit jedenfalls der erste. Trug herrscht im Bereich der menschlichen Ansichten in der
Form der Verführung, diese Ansichten für gleicherweise glaubwürdig zu halten, wie es
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View in PDF(opens in a new window)der wohlgerundeten Kugel gleicht, d. h. diese ein Bild von ihm ist (8, 42/49),
läBt sich etwas über die Grundprinzipien der Welt der Doxa vermuten. In
ihr herrscht Polarität und Isonomie
— in fr. 9 finden wir so etwas wie ein Erhaltungs- und Gleichgewichtsprinzip für die Welt der Doxa formuliert — und
darin haben wir etwas, was Parmenides’ Philosophie auch im Rahmen der
Geschichte der Wissenschaft von der Natur interessant macht. Wohl erst die
Entdeckung oder Erfindung des Weltbegriffes hat zu etwas geführt (dem Erhaltungs- und Gleichgewichtsprinzip von B 9), was, wenn man gutwillig ist,
im Anklang an die moderne Naturwissenschaft angesehen werden kann als
Aufstellung eines allgemeinen Prinzips, das die Erklärung leitet und das durch
die Erscheinungen nicht widerlegt werden kann. Zu dem Ausgangspunkt davon
hat die Opposition gegen das lyrische Element in Anaximander (das Theophrast als solches bemerkt hat) und gegen den Roman des Pythagoras geführt.
Auch Heraklit setzt sich mit beiden, mit Anaximander und Pythagoras,
auseinander. Beim Vergleich des Parmenides mit Heraklit tritt noch etwas
nach Parmenides’ Erkenntnis allein die Ewigkeit, Homogenität und Autarkie der Welt
ist. In diesem Felde ist aber außerdem noch Irrtum (zezÂavnuévot 8, 54) und Wohlgereimtheit (&oıxöra 8, 60) zu unterscheiden. Der zweite Teil trägt die Ansichten der
Menschen vor, die allerdings verschieden sind von der Aletheia, er trägt sie aber vor in der
Form, wie sie »ganz und gar alles akzeptablerweise durchdringen müßten« (oder hätten
durchdringen sollen; 1, 31/32): Öoxiumg entspricht êoweóra in 8, 60. Es folgt, daß der zweite
Teil Parmenides’ eigenes System der meréwga und drdowmiva enthält. Beachte Fragment 19! Fragment 8, 54 Tv ulav où xoewv éotw (Ev & nenharmuéror eloiv) kann
dann, da Parmenides’ Schilderung der Welt der Doxa dualistisch orientiert ist, nur als
Ablehnung eines Monismus auf diesem Gebiete gefaßt werden. Man muß dann als
Gegner auf diesem Felde an Leute denken, die alles aus bloBem Wasser oder bloßer Luft
oder bloßem Feuer oder dgl. entstehen ließen. An solchen mangelt es im sechsten und
frühen fünften Jahrhundert ja nicht. Zu einer positiven Wertung der Bedeutung des
Doxa-Teils für Parmenides’ eigene Meinung kommt neuerdings auch Hans SCHWABL,
Wiener Studien 66 (1953), S. 50ff. Seine Meinung, daß der zweite falsche Weg des Aletheia-Teils alle jonischen Physiologen (evtl. einschließlich des Heraklit) treffe, scheitert
m. E. an der Willkür, mit ‘der dabei in B 6, V. 8/9 Sein und Nichtsein mit einemmal
als Licht und Nacht oder analoge Dynameis verstanden werden müssen; ich sehe nicht,
wodurch der Leser an dieser Stelle des Gedichts dazu vorbereitet sein könnte, wo die
Art der unmittelbar vorgehenden Konfrontierung des wahren und des ersten falschen
Weges ohne Unterstellung scharf zugespitzter Begriffe von Sein und Nichtsein unverständlich wäre; und bin geneigt, die Berufung auf archaische Logik, die diesen Sprung
mühelos vollziehen soll, nicht für ein Beweismittel, sondern eine petitio principii zu
halten. Wenn S. meint, die Stelle B 6, V. 8/9 passe an sich ausgezeichnet auf Heraklit,
so scheint mir das für diese Stelle statt Heraklits vielmehr einen von sophistischem
Geist erzeugten Überheraklit vorauszusetzen, wie er u.a. in der hippokratischen Schrift
de victu 1, 5—24 vorliegt. S.’s Zuordnung des Dualismus des Doxa-Teils zu spezifisch
Pythagoreischem halte ich für gewagt. Schon Hesiod zeigt diesen Zug. Im übrigen darf
wohl daran erinnert werden, daß Alkmaion von Kroton bezüglich der dwôpósuva Dualist
gewesen ist. War er »Pythagoreer«? Und wie herum ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen
Parmenides und Alkmaion, falls wirklich eins bestand, zu denken ? Wir wissen beides nicht.
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View in PDF(opens in a new window)T. B. L. WEBSTER
anderes, aber in dieselbe Richtung Weisendes als wichtig heraus. Was Heraklit
Anaximander und Pythagoras entgegensetzt, ist die Vorstellung von einer
unsichtbaren Harmonie der augenfälligen Gegensätze, vermöge deren sie
allein zusammen je etwas Ganzes ergeben, das mit Hilfe einer Rätselrede, die
die Gegensätze zusammenstellt, erratbar ist. Es ist eine sinndeutende Betrachtungsweise, wohl eine Weiterbildung des Orakelwesens zu einer Art
»physiognomischer« Auslegung. Deren Gefahr ist es, im bloB Geistreichen
stecken zu bleiben. Hingegen Parmenides, von denselben Schwierigkeiten bedrückt wie Heraklit, hat einen Weg gefunden, der auch heute in der exakten
Forschung mit Erfolg begangen wird. Er treibt seine Darlegung der Weltstruktur der Welt vor bis zur Versinnlichung in einem anschaulichen Modell,
das ein für die Naturerklärung brauchbares Prinzip an sich ablesen läBt
(8, 42/49 kombiniert mit 9, 3/4).
Marburg/Lahn
KLAUS REICH
FOURTH CENTURY TRAGEDY AND THE POETICS
Tragedy was still immensely popular in the fourth century and spread
beyond Greece itself to the Greek cities of South Italy as the many vases with
pictures of tragic scenes testify; tragic poets, when they had made their name in
Athens, made large sums of money by touring other Greek cities! and tragic
actors of the fourth century were great personages who might take a part in
politics, were painted by the best painters, and amassed considerable fortunes?;
they seem also to have had their own protected organisation at least by the
middle of the century? It is therefore worth considering what we know about
revivals and new tragedy.
Plato in the Republic, when he quoted Aeschylus or referred to Euripides,
was not attacking something which was already out of date when he wrote.
Revivals of Aeschylus had begun at least as early as the Acharnians (10), and
from 386 an old tragedy was revived at every festival. Can we form any idea of
1 Plato, Laches 183a.
? PICKARD-CAMBRIDGE, Dramatic Festivals of Athens, 287f; for relations of tragic
actors with Philip and Alexander; and for actors’ fortunes. Add however Top, GHI, ii,
no. 140, 1. 67: in 363 B. C. the actor Theodoros subscribed 70 dr. to the rebuilding of the
temple of Apollo at Delphi. Gorgosthenes was painted by Apelles (Pliny, NH, 35, 93);
Aristides painted a tragic actor and a boy (Pliny, NH, 35, 100); Protogenes painted the
tragic poet Philiskos.
3 ‘Artists of Dionysus’ is an established name by the time of Demosthenes’ False
Embassy (19, 192) and Aristotle’s Rhetoric (I"2, 1405a 23). Theodoros’ subscription (see
above note) perhaps implies an organisation protected by Delphi as early as 363.