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109
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„Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau“.
Wenn er von seiner Geliebten rühmt, daß sie ,,spáhen kann, wie
die reinste Nerve klingt“ und sein Wesen „mit einem Blick zu le-
J. SCHATTENMANN
DAS PROBLEM DER GEISTIGEN
sen‘‘ vermag, so gilt dies in gleicher Weise, ja noch viel mehr von
WAHRNEHMUNG BEI GOETHE UND
ihm selbst. Er empfindet sich in seinem Liebesrausch wie ein tö-
PYTHAGORAS
nendes Instrument, wie einen geistigen Organismus in seinem Innern. Nicht unerwartet taucht in diesem Zusammenhang am 1.Mai
1776 der Begriff des „Heiligen“ auf.
Kirchenrat Dr. theol. Johannes Schattenmann, Ottobrunn, befaßt sich in diesem Beitrag mit der vieldiskutierten Frage der
„geistigen Wahrnehmung” in Analyse des ,,Verklirungs”gedankens bei Goethe und der ,Mysterien”symbolik bei Pythagoras.
Inzwischen ist Goethe als Legationsrat in weimarische Dienste
getreten. Auch Herder ist in Weimar angekommen und hat seine
erste Predigt gehalten. Die große Zeit für Weimar hat begonnen,
eine hohe Zeit für das Seelenleben des Dichters. Er schwebt in
ewig klingender Existenz (16. Juli 1776). Und dann regt sich so
nebenbei, aber tiefgründig wie ein musikalisches Leitmotiv Richard
I. DER TATBESTAND
Wagners das Gold wieder. Am 27. April 1777 verabschiedet er sich
von Charlotte mit den beiden kurzen, aber vielsagenden Worten:
In dem Briefwechsel Goethes mit Frau von Stein erscheint plötz-
„Adieu Gold“. Und dann kommt Goethe immer wieder auf dieses
lich ein Wort über das man zunächst achtlos als über eine anspruchs-
Kernwort zurück. Er schreibt am 6.September
lose Floskel hinwegliest, das uns aber eine geheimnisvolle Aufmerk-
Gold“, von der Wartburg am 15. September 1777: „Adieu Gold“,
samkeit abnötigt, denn es kehrt immer wieder. Am 28. Jänner 1776
verabschiedet er sich von seinem ,,Engel‘ mit dem Satz: „Adieu
am 7.November 1777: „Lieber Engel ... Adieu Gold“, von der
Gold, Du begreift nicht, wie ich Dich lieb hab“. Hatte er in den
Tagen vorher sie mit „Liebe Frau‘ oder „Liebste Frau” angeredet,
so ist sie jetzt sein „Engel“. Seine steigende Leidenschaft und Liebe strömt somit in eine religiöse Dimension ein und es taucht zum
ersten Mal das Wort „Gold“ auf, das wir als ein rhetorisches Bildwort zu nehmen geneigt sind. Daß seine Liebe ihm ganz neue Erkenntnisse, ja ungeahnte Tiefblicke gebracht hat und ihm in ihren
„Engelsarmen“ ein „neuer Zustand“ im „hellsten Tag‘ geschenkt
worden ist., so daß seine Sinne sich„erhellen‘ und bis in vergangene Urzeiten vordringen konnten enthüllt uns der Dichter 10 Wochen später in einem wunderbaren Liebesgedicht vom 16. April
1776, das wie ein metaphysischer Hymnus erklingt:
„Warum gabst Du uns diese tiefen Blicke
unsre Zukunft ahnungsvoll zu schaun“
mit den merkwürdigen, visionären Zeilen:
1777: „bestes
Harzreise im Winter am 2.Dezember 1777: „Lieb Gold“, am 9.
Dezember 1777: „liebes Gold“ am 17. Juli 1778: ,,Adieu, liebes
Gold‘ und am 13. September 1778 von der Wartburg: „lieb Gold“.
Es folgt nun 1779 die Entstehung der „Iphigenie“. Die Uraufführung erfolgte am Osterdienstag, den 6. April 1779. Das Drama
war in sechs Wochen niedergeschrieben worden und Goethe erreichte mit diesem Evangelium der Humanität die Höhe der Klassik. Nicht unerwartet stoßen wir in der „Iphigenie‘‘ auf den gleichen Sachverhalt. Goethe spricht von der Überredung goldener
Zunge (I 3), von goldenen Wolken (II 1), von goldener Sonne (111
1), von goldenen Himmelsfrüchten (III 1), von der ewigen Quelle,
die vom Parnaß von Fels zu Fels ins goldene Tal hinabsprudelt (111
1), von goldenen Schalen (IV 5), vom goldenen Stuhl, von dem
Tantalus fiel (IV 5), sowie entscheidend im Lied der Parzen, in
dem die goldenen Tische der Götter bei ihren ewigen Festen zweimal erwähnt werden (IV 5). Im letzten Aufzug (V 5) wird noch
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View in PDF(opens in a new window)das goldene Fell (,,Vlies* in der späteren Bearbeitung) erwähnt.
Zehnmal leuchtet also in der „Iphigenie‘“ das geheimnisträchtige
»golden“ auf.
Im Dezember beendete Goethe seine Schweizerreise. Von Mannheim aus schrieb er seiner Geliebten am 22.Dezember 1779:
„Adieu Gold“. Gott im Himmel, was ist Weimar für ein Paradies,‘
Am 5. Juni 1780 tauchte das Wort wieder auf: „Adieu, liebes Gold
...Und wenn ich heimlich mit mir nicht zufrieden bin, so sind Sie
wie die eherne Schlange, zu der ich mich aus meinen Sünd- und
Fehlen aufrichte und gesund werde‘ (vgl. 4. Mose 21 und Joh. 3).
Noch einmal verwendet Goethe dieses Symbolwort am 14. Juni
1780: „Adieu, Gold“.
Goethe wird am 24. Juni 1780 in den Freimaurerorden aufgenommen. Am 8.September 1780 zitiert Goethe die dem Philosophen Pythagoras zugeschriebenen „Goldenen Sprüche‘ und zwar
die Verse 48 — 53?.
Dann folgt noch der Brief aus Schmalkalden vom 11. September
1780: ,,Gute Nacht, Gold“ und am 12.September 1780: ,,Liebes
Gold‘ und am 18. September 1780: „Gute Nacht, Gold“.
Ein geradezu entscheidender Brief folgt am 21.September 1780
aus Ostheim: ,,Wir wurden von einer solchen Verklärung umgeben,
däß die vergangene und zukünftige Not des Lebens und seine Mühe
wie Schlacken uns zu Füßen lag und wir, im noch irdischen Gewand, schon die Leichtigkeit kiinftiger seliger Befiederung durch
die noch stumpfen Kiele unserer Fittiche spiirten ... .Gute Nacht,
lauteres Gold. Ich möchte im dreifachen Feuer geläutert werden,
um Ihrer Liebe wert zu sein."
Zum Abschluß schreibt er am 13.Oktober 1780 nachts: „Gute
Nacht, Gold“.
“
Dann verschwindet dieses seltene und seltsame Wort fiir immer
im Briefwechsel mit Charlotte von Stein.
Dieses Wort muf in dem Zeitraum von Januar 1776 bis Oktober
1
111
1780, also innerhalb 4 1/2 Jahren Ausdruck einer Tiefenschicht
des Dichters,was sein seelisches Erleben betrifft, in der Liebe zu
dieser außergewöhnlichen Frau gewesen sein, die später wieder
versank. Achtzehnmal strahlt uns dieses Symbolwort in den Briendné
‘fen an. Es ist die Zeit, in der die „Iphigenie‘ entstand, noch bevor
der erste Entwurf zu ,,Tasso“ niedergeschrieben war.
Das ist die nüchterne Bestandaufnahme.
II. DIE SINNDEUTUNG
Wie steht es mit der Qualität der Vorstellung „Gold“? Welche
Seinsweise verbirgt sich hinter ihr? Aufschlußreich ist hier das zentrale Wort aus der „Iphigenie‘“ (V 3): „Die Stimme der Wahrheit
hört jeder, geboren unter dem Himmel, dem des Lebens Quelle
durch den Busen rein und ungehindert fließt.‘ Wenn wir Iphigeniens Aussage (III 1) dazunehmen: „denn es quillt heller nicht vom
Parnaß die ew’ge Quelle. sprudelnd von Fels zu Fels ins goldene
Tal herab“, dann erkennen wir, daß das irdische Tal des Menschenlebens durch das Quellwasser eines ewigen Lebens den Charakter
des goldenen Seins annimmt.? Gold ist der Ausdruck für ein göttliches, festliches Leben, das mit dem Organ der Wahrheit empfangen werden kann. Wir sind somit bei dieser Betrachtung mitten in
einem religiösen Bereich? . Gold ist für Goethe das Korrelat für das
göttlich-geistige Leben, entsprechend seinem thematischen Satz im
Westöstlichen Diwan (Suleika): „Denn das Leben ist die Liebe und
des Lebens Leben Geist!“ Das alles sagt er mit dem symbolträchtigen Wort ‘,,Gold“! Gold meint die Lichtsubstanz göttlich-geistigen
Lebens.
Goethe bewegt sich hier in der Sphäre der Offenbarung und wir
stehen vor dem Problem einer geistigen Wahrnehmung dieser goldenen Lichtsubstanz. Darum müssen wir uns die Frage vorlegen,
Die Übersetzung der Zeilen 48—53 durch Goethe ist ungenau und manchmal
mißverständlich. Unmittelbar davor las er den bekannten, sicher auf Pythagoras selbst
2
InIphigene 11 1 greift Goethe die griechische Sage vom goldenen
Zeitalter auf.
zurückgehenden Eid, die Tetraktys: „Wahrlich, bei dem, der gelegt in unsere Seele die
3
Im poetischen Sinne hatte Goethe schon im Reisetagebuch vom 15. Juni 1775
Vielzahl. Sie die Quelle der ew’gen Natur.“
Grenzgebiete der Wissenschaft 2/79 Jg. 28
am
Zürichersee von „goldenen Träumen“ und 1776 in der Abhandlung über die bildende
Kunst „Nach Falconet und über Falconet" von „der ganzen Welt golden geschienen“ ge.
sprochen.
Page 3
View in PDF(opens in a new window)ob wir im Verlauf der religiôsen Tradition schon auf ähnliche Erfahrungen gestoßen sind, so daß wir sie zum Vergleich heranziehen
deutet in sei=! selbst weist uns auf eine wichtige Spur,auferden
Ursprung
113
THAGORAS zweimal, daß dieser
„seinen goldenen Schenkel dem
Hyperboreer Abaris gezeigt hat“ ($135 und
$140). „Dieser hielt
ihn für den Apollon der Hyperboreer“ ( $135)
. Die „göttliche Natur“ des Pythagoras wird also durch das Merkm
al bestätigt, daß er
nem Brief vom 21.September 1780 sehr klar
dieser geistigen Wahrnehmung hin, wenn er den neuen Zustand n
sei er, so schreibt Jamblichos ($140), aufge
standen und habe als
dem Berg Tabor vor der Seele steht. Matth. 17, 2 heißt es: „Un er
war. Wir haben es hier mit einer echte
n Tradition und nicht
eine „Verklärung“ bezeichnet, ihm also das Urerlebnis Jesu =
war vor ihnen verwandelt und sein Angesicht leuchnete wie die
Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. oe
betont 9, 29: „Das Aussehen seines Angesichts ward anders.
Auf der anderen Seite müssen wir die Erfahrungen PLATOS, die
in ein mythisches Gewand gekleidet sind, heranziehen, um en
zu verstehen. Im Phaidros führt er den Beweis für die Unsterblic keit der Seele (Kap. 23. u. 24). In gleichnishafter Weise redet er im
Blick auf die Seele „von der zusammengewachsenen Kraft eines
befiederten Gespannes und seines Führers“. „Alles, was Seele “i
waltet iiber alles Unbeseelte und durchzieht den ganzen Himmel,
verschiedentlich zu verschiedenen Gestalten sich zeigend. Der Vollkommene nun und Befiederte schwebt in den héheren Gegenden
und waltet über die ganze Welt“. Auf diesem Hintergrund mi
fängt Goethes Äußerung Farbe und Kontur:,, 00 und wir im noc
irdischen Gewand, schon die Leichtigkeit künftiger seliger Betiederung durch die noch stumpfen Kiele unserer Fittiche spiirten.
. Sept. 1780).
ns bei
u
unmittelbare, lebendige Erfahrung und geistige
Wahrnehmung war, von der er Zeugnis ablegte, dürfen wir getrost
auch einem Plato zutrauen, auch wenn seine Ausführungen in einem
von
q ach ein anderer Bericht aus der Antike bekommt zum
ischen Gewand einhergehen.
Goethe her eine neue, ungeahnte Aktualität, ja wird geradezu
Kommentar fü unseren Tatbestand. Ein helles Licht fällt auf einen
Bericht über das Leben des PYTHAGORAS, dem moderne Exegeten ratlos und hilflos gegenüberstehen und ihn immer wieder achtlos als legendär beiseite schieben oder ihn einem magischen Schamanentum zuweisen.
JAMBLICHOS schreibt in seiner Lebensbeschreibung des PYselbst goldene Schenkel hatte. Auch beim Wettk
ampf in Olympia
hyperboreischer Apollon seinen Schenkel gezeig
t, der aus Gold
mit
geht sicher auf Pythaeiner späteren Legendenbildung zu tun, Sie
goras selbst zurück. Das Kapitel 140
hat ausgesprochen archaischen Charakter.
Hier wird also ein Mensch als Gold erlebt
, nicht mit Gold
hängt, bekleidet oder geschmückt. Diese
m Tatbestand liegt
beeine
neue Form geistiger Wahrnehmung zugru
nde. Wahrlich ein singulärer Fall auch in der Antike, der uns
nun durch Goethe faßbar
wird.*
III. DER HUMANIST GOETHE UND DER
CHRIST LAVATER
Diese reale Wahrnehmung einer
realen substantiellen geistigen
Welt unter dem Symbol des Goldes
muBte im Innenleben Goethes
eine Wendung herbeiführen, denn er
empfand dies alles als eine
Art göttlicher Offenbarung, die ihm
zuteil geworden war. Einen
Maßstab für dieses Erleben holte
er sich aus
dessen Verklärung orientierte er seine
dem Leben Jesu. An
„Verklärung“. Daß sein religiöses Leben dadurch eine Verä
nderung
und eine neue Sicherheit
gewann, ersehen wir aus
seinem Verhältnis zu Lava
ter in Zürich,
das sich mit einem Mal ohne sche
artig änderte.?
inbar ersichtlichen Grund schlag-
Wenige Monate vor seiner „Verklärun
g“,
am 21. September 1780,
schrieb Goethe am Ende seiner Schweizerr
eise aus Zürich an die
4
In modernen Zeiten wurde eine ähnliche geistige
Wahrnehmung bei dem Maler
und JOSEPH ANTON SCHNEIDER-TRANK
EN (1876 —1943) lebendig, der unter
seinen geistigen Namen Bö Yin Rä seine Werke
5
veröffentlichte.
Vgl. OTTO HUBERT.- „Humanismus und Christe
ntum. Goethe und Lavater, die
Tragödie einer Freundschaft“,- Meiringen/Stuttg
art: Loepthien Verlag 1949.
Page 4
View in PDF(opens in a new window)geliebte Freundin am 24. November 1779: „Die Bekanntschaft
mit Lavater ist fiir den Herzog und mich, was ich gehofft habe, Siegel und oberste Spitze der ganzen Reise und eine Weide am Himmelsbrot, wovon man lange gute Folgen spiiren wird. Die Trefflichkeit dieses Menschen spricht kein Mensch aus; wenn durch Abwesenheit sich die Idee von ihm verschwächt hat, wird man aufs neue
von seinem Wesen überrascht. Er ist der beste, größte, weiseste, innigste aller sterblichen und unsterblichen Menschen, die ich kenne.Und wenige Tage später fährt er in seinem Lob für ihn fort:
„Wir sind in und mit Lavater glücklich, es ist uns allen eine Kur,
DitMhe—pnSehbi-ta.,-
schen Goethe und Lavater plétzlich Risse, die dann sehr bald zum
endgültigen Bruch führen. Die Auseinandersetzung der beiden iiber
ihre Stellung zu Christus nimmt schärfere Konturen an. Mit einem
Mal stehen die beiderseitigen Standpunkte klar umrissen vor uns
und zwar ohne philosophischen und spekulativen Ballast, sondern
vielmehr als zwei innerhalb eines christlichen Glaubens legetime
Uberzeugungen. Wir haben es hier also mit zwei Arten von Theologie zu tun. Goethe und Lavater waren bereits acht Jahre in innigster Freundschaft verbunden und beide kannten sich äußerlich und
innerlich bis auf das Letzte und Tiefste. Warum kommt es erst jetzt
wegen der Christusauffassung zum Bruch? Wer trägt die Schuld am
Zerwürfnis? Müssen wir sie im Bekehrungseifer und in der Schwärmerei Lavaters suchen? ST. CHAMBERLAIN meint in seinem
Goethebuch auf Lavaters religiöse Unduldsamkeit, auf „‚das Pfäffisch-Glatte in seinem Wesen‘ hinweisen zu müssen, aber er hat
sicher recht, wenn er gesteht, daß man „das Warum“ nicht finden
könne. Kirchliche Kreise schieben auf der anderen Seite Goethe
die Schuld zu, indem sein mangelndes religiöses Interesse und sein
der Welt zugekehrter Egoismus den Bruch mit dem „Gottesmann
Lavater“ herbeigeführt habe. Aber in den Charaktereigenschaften
der beiden großen Männer wird man schwerlich die Ursache für das
Auseinanderbrechen der Freundschaft finden können. Es muß
ein reales Ereignis eingetreten sein, das auf der einen Seite Lavater
den Weg zu Goethe verbaute, auf der anderen Seite Goethe eine
ganz neue Standfestigkeit und Unabhängigkeit gab. Dieses Ereignis
kann nur die „Verklärung“ sein, die Goethe als geistige Wahrnehmung erlebte und die Krönung seiner „Golderfahrung‘“ geworden
war. Hier befinden wir uns im Bereich einer Offenbarung. Für Laihn „Haupt der Schöpfung und König der Menschheit‘ war.
und strebt ... Wenn man wieder einmal so einen ganz wahren Menschen sieht, meint man, man käme erst auf die Welt“. Und vor
dem Rheinfallvon Schaffhausen gesteht er am 7. Dezember 1779:
„Es ist mit Lavater wie mit dem Rheinfall: man glaubt auch, man
habe ihn nie so gesehen, wenn man ihn wiedersieht; er ist die Bliite
Aber nun zeigen sich im Jahre 1781 in der Freundschaft zwi-
115
vater gab es Offenbarung nur durch und in Jesus Christus, der für
um einen Menschen zu sein, der in der Häuslichkeit der Liebe lebt
der Menschheit, das Beste vom Besten"‘.
Geistige Wahrnehmung
Nur der Glaube eines Petrus war der Felsen, auf dem Christus seine
Gemeinde gegründet hatte. Neun Monate nach seiner „Verklärung“
konnte Goethe am 22.Juni 1781 an Lavater geradezu antithetisch
zum Petrusbekenntnis in Caesarea Philippi schreiben: „die wir uns
einer jeden, durch Menschen und dem Menschen offenbarten Weisqe+n
heit zu Schülern hingeben und als Söhne Gottes ihn in uns selbst
und allen seinen Kindern anbeten. Ich weiß wohl, daß Du Dich dadrinne nicht verändern kannst und daß Du vor Dir Recht behälst:
doch find’ ich es auch nötig, da Du Deinen Glauben und Lehre
2.-0.
wiederholend predigst, Dir auch den unserigen als einen ehernen,
bestehenden Fels der Menschheit, wiederholt zu zeigen, den Du
—èee
fen überschütten könnt!‘ Christus ist ihm das,,crystallhelle Gefäß“
y—.n
und eine ganze Christenheit mit den Wogen Eures Meeres vielleicht
einmal übersprudeln, aber weder überströmen, noch in seinen Tie— wir dürfen hinzufügen — der Gottheit, die er in geistiger Wahrnehmung erfahren hat.
hend und er beschreibt von diesem Stanfpunkt aus sein Verhältnis
zu
—6—nm_—eY_ym_.—_—_—
.
So fühlt sich Goethe auf dem Felsboden einer Offenbarung steLavater geradezu
mit einer wissenschaftlicher Klarheit und
Schärfe. Er schreibt am 8. August 1782: ,,Wir berühren uns beide
so nahe als Menschen kónnen, dann kehren wir uns seitwärts und
gehen entgegengesetzte Wege, Du so sicheren Schrittes als ich. Wir
gelangen einsam, ohne an einander zu denken, an die äußersten
Grenzen unseres Daseins; ich bin still und verschweige, was mir
Gott und die Natur offenbart, ich kehre mich um und sehe auf einmal das Deinige gewaltig lehrend ... Du hälst das Evangelium, wie
Page 5
View in PDF(opens in a new window)es steht, für die géttlichste Wahrheit,
che Stimme vom Himmel nicht überz
Geistige Wahrnehmung
mich würde eine vernehmlieugen, daß — ein Weib ohne
Mann gebiert und daß ein Toter aufer
steht, vielmehr halte ich dieses für Lästerungen gegen den großen
Gott und seine Offenbarung
in der Natur,
Du findest nichts schöner als das Evang
elium, ich finde tausend
geschriebene Blätter alter und neuer,
von Gott begnadeter Menschen ebenso schön und der Menschhe
it nützlich und unentbehrlich.
Nimm nun, lieber Bruder, daß es mir
in meinem Glauben so heftig Ernst ist, wie Dir in Deinem, daß ich,
wenn ich Öffentlich zu reden hätte, für die nach meiner Meinung
von Gott eingesetzte Aristokratie mit eben dem Eifer sprechen und
schreiben würde, als Du
in die alt christliche Kirche Eingang gefunden hatte. Wir müssen
“hier wiederum auf den Philosophen PYTHAGORAS hinweisen.
Seine Lehren werden nur mündlich dem engsten Schülerkreis mitgeteilt und nicht schriftlich niedergelegt und weitergegeben. Wir
müssen annehmen, daß sich Goethe einem ähnlichen Verbot verpflichtet fühlte und sein Schweigen über innerste Erlebnisse nicht
gebrochen hat. Nur verschlüsselt kann man vieles in seinen Werken,
vor allem im Faust finden. Er hat hier, wie er selbst in einem Brief
wenig die Türe zu seinem
Aber letzten Endes müssen wir doch von dem Bekenntnis ausgesschließen, hinaus wo
die Hündlein sind, die des Herrn Tische mit Brosa
men genährt werden, für die abgefallenen Blätter des Leben
sbaumes, getrübtere
Wellen der ewigen Ströme, Heilung und Labsa
l sind.“
Hier läßt uns Goethe einen kleinen Blick wie
st das, was er hier mit,,den
hen, daß er Eckermann gegenüber am 11. März 1832, 11 Tage vor
ewigen Ströme“
seinem Tod, ablegte: „Dennoch halte ich die Evangelien alle vier
für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanz einer Hoheit
wirksam, der von der Person Christi ausging und die so göttlicher
Art, wie nur je das Göttliche auf Erden erschienen ist, Fragt man
mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: Durchaus! Ich beuge mich vor ihm, als der
göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit*. .
Hier beantwortete Goethe also unsere Frage, welchen Platz er
Blattern des Lebensbaumes und den Welle
n der
sagt, zur Verdeutlichung seiner „Verklärun
g“ heranziehen. Im übrigen waltet nach seinen unzweideutigen Worte
heimnis. Er hat nicht den Auftrag zum öffent
n über allem das Gelichen Reden in religiösen Dingen bekommen, er ist still und verschweig
t sein Geheimnis.
Die Worte, die er Mignon in den Mund
, Lebensbekenntnis:
tanzt werden dürfen, daß ein Verrat unter Umständen mit dem
Tod bestraft werden konnte und daß diese Arcan-Disziplin noch
durch einen Spalt
|
Zum Schluß schreibt Goethe „vom Hinau
geistigen Innenreaum. Wir dürfen getro
erinnern, daß die Mysterien nicht ausgeplaudert und nicht ausgean Zelter vom 26. Juli 1828 sagt, viel „hineingeheimnist“. Er blieb
zeit seines Lebens ein Dichter und kein „Offenbarer“ oder Prediger.
Es ist hier nicht der Ort, ein Bild der religiösen Entwicklung
Goethes zu zeichnen. Sie durchlief viele Stadien, hatte aber eine
geheime Mitte, ein Zentrum, von dem aus „die Wellen ewiger Ströme“ ausgingen und sein Leben befruchteten. Seine Stellung zu Jesus Christus kann man unter verschiednen positiven und negativen
Aspekten betrachten. Sie wechseln in den Epochen seines Lebens.
für das Einreich Christi schreibst.“
in sein Allerinnerstes tun. Er öffnet ein
117
legt, sind ja sein eigenes
Heiß’ mich nicht reden, heiß’ mich
schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflic
ht;
Ich möchte Dir mein ganzes Innre zeige
n,
Allein das Schicksal will es nicht.
Jesus in seiner am 8.August 1782 erwähnten „von Gott eingesetzten Aristokratie‘‘ zuweisen würde.
Eine sachgemäße Analyse muß aber jene geheimnisvolle Entfaltung einer geistigen Wahrnehmung miteinbeziehen, die die Liebes-
Allein ein Schwur drückt mir die Lipp
empfindung mit dem Symbolwort „Gold“ erfaßt und in den religiösen Erfahrungsbereich einer „Verklärung“ hineinführt.
en zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschli
eßen.
Auch hier müssen wir auf die Anti
ke zurückgreifen und daran
Dr, theol. Johannes Schattenmann, D-8012 Ottobrunn, Lilienstr, 20